18. Juni 2020

Fünf für August

Nein, eigentlich wirkt "Corona" für den Stadtrat Riga nicht wie die größte Krise. Es begann bereits mit den Europawahlen 2019, als der langjährige Rathauschef Nils Užakovs, durch einen Skandal bei den Öffentlichen Verkehrsbetreiben bereits unter Beschuß geraten, es vorzog sich ins Europaparlament zu verabschieden (Beitrag).
Es folgten kurze Amtszeiten von Personen, die zwar ambitioniert, aber ohne dauerhafte Mehrheit agierten (Beitrag). Bis Juris Pūce als zuständiger Minister durch ein neues Gesetz den Stadtrat auflösen ließ, da dieser nicht in der Lage sei einen Haushalt zu beschließen und die Abfallentsorgung neu zu regeln (Beitrag / Gesetz). Anfang 2020 schien die Lage klar: es muss baldige (außerordentliche) Neuwahlen geben. Bis dahin wurde eine Übergangs-Verwaltung ernannt. Dann kam Corona.

Diese mehrfach verschobenen und verzögerten Neuwahlen sollen nun am 29. August 2020 stattfinden.Teilweise haben sich in Vorbereitung dazu die politischen Landschaften ganz neu sortiert - wie es seit 1990 vor Wahlen in Lettland schon oft der Fall war. Schon die Parteigruppierungen gaukeln ja wie gewöhnlich fantasievolle Ideen vor: "Harmonie", "Ehre Riga zu dienen", "Einheit", "die Progressiven", "neue Konservative" oder "für Entwicklung". Die Wahllisten der Stadtrats-Kandidat*innen müssen bis zum 20. Juli eingereicht werden. - Auch die übrigen Gemeinden Lettlands müssen auf ihre regulären Wahltermine nicht mehr lange warten: sie sind für den Juni 2021 vorgesehen.

Fünf Kandidaten (Frauen sind bisher nicht darunter) stellte die "Latvijas Avize" kürzlich vor.

Der Ambitionierte
Oļegs Burovs, Spitzenkandidat von "Ehre Riga zu dienen" (Gods kalpot Rigai), hielt sich selbst für den naturgegebenen Nachfolger des langjährigen Amtsinhabers Užakovs. Er organisierte sich eine Stadtratsmehrheit, um den zunächst gewählten Nachfolger Turlajs im August 2019 wieder abwählen zu lassen und war bis Februar 2020 Stadtratsvorsitzender. In jahrelanger Arbeit kämpfte er sich durch die Bürokratie vieler Instutionen nach oben ist gilt als Kandidat "mit Netzwerk".
Die Partei schreibt in ihrem Wahlmanifest, Riga konkurrenzfähig auf einer Ebene mit Berlin, Kopenhagen und Stockholm machen zu wollen. Wählerinnen und Wähler liegen wohl nicht falsch, wenn dies vor allem durch "gute Geschäfte" erreicht werden soll. Wenig bescheiden sicherte sich Burovs auch schon im Internet einen seiner Meinung nach gebührlichen Platz unter der Domain "themayor.eu". Zuletzt gerieten seine Mehrheiten im Stadtrat aber wieder ins Wanken.

Der Aufsteiger
Der in Tukums geborene Kurländer Mārtiņš Staķis (“Attīstībai/Par”) baut auf steigende Umfragewerte unter den Rigenserinnen und Rigensern. Im Mai wies er bei einer vom Institut "Faktum" durchgeführten Umfrage die positivsten Werte aller Kandidaten auf. Seine Partei, die gegenwärtig nur 8 der 60 Stadtratssitze einnimmt und als wirtschaftsliberal gilt, baut für die Stadtratswahlen auf eine gemeinsame Liste mit den "Progressiven", (Progresīvie) unter deren Flagge sich Europafreund*innen und Unterstützer*innen "moderner westlicher Werte" wie Geschlechtergleichheit, Minderheitenschutz, klimafreundliches Wirtschaften versammelt haben - alles nach dem Vorbild Skandinaviens, so die "Progressiven".
Auch Unternehmer Staķis begann seine Karriere mit nordischen Partnern: als Marketingchef bei der Kiosk-Kette Narvesen. Sein Parlamentsmandat hat Staķis inzwischen bereits niedergelegt. Ob er auch sein Amts als parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium ruhen lassen will, ist vorerst noch unklar.
Beide Parteien äußerten sich dahingehend, Riga zu einer umwelt- und menschenfreundlichen, sozial verantwortlich handelnden Stadt machen zu wollen, und sprechen sich für eine Bekämpfung von Korruption aus. Außerdem setzen sie sich für die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre ein.

Die Welle
Vilnis Ķirsis, einer der vielen Ökonomen in der lettischen Politik, musste als Spitzenkandidat der "Neuen Einigkeit" (Jaunā Vienotība) schon Spott von Karikaturisten ertragen: da sein Vorname gleichbedeutend mit "Welle" übersetzt werden kann, wurde mit Blick auf die Corona-Krise spitz formuliert: "Wir haben Angst, dass im Herbst die zweite Welle kommt!". Die Partei selbst wirbt mit dem Slogan: "Kur Ķirsis, tur kārtība" ("wo Ķirsis ist, da ist Ordnung") und geht offenbar davon aus, dass Wählerinnen und Wähler drohende Unordnung als größtes Problem ansehen. Ķirsis bezeichnet Ex-Bürgermeister Ušakovs schon mal als "Gesicht der Korruption im Stadtrat" - Ušakovs klagte dagegen wegen Ehrverletzung, und unterlag.
Programmatisch orientiert sich die Partei gegenwärtig an Regierungschef Krišjānis Kariņš und EU-Kommissar Valdis Dombrovskis. Aber während die nun neu formierte "Neue Einigkeit" noch immer große Popularitätseinbrüche hinzunehmen hat, wurde Ķirsis durch eine Wahlkampagne nur für sich selbst bekannt - ohne es mit der Partei abzustimmen, aber erfolgreich (delna).
Die Parteifarbe ist hellgrün - und als Wahlziel steht geschrieben, für jede*n Neugeboren*e in Riga einen Baum pflanzen zu wollen. Ķirsis führte schon 2017 die Wahlliste seiner Partei an, holte damals 4 der 60 Ratssitze (6,26%). Im Vorwahlkampf schreibt die lettische Presse derzeit noch mehr über Elīna Zvaigzne, Ärztin und Möchtegern-Bürgermeisterbraut, die er in der Corona-Krise erst so richtig näher kennengelernt haben will - aber noch nicht heiraten mag, da in der gegenwärtigen Krise "niemand zur Hochzeit eingeladen werden kann."


Der Erbe
ZZS-Kandidat Viktors Valainis ("Zaļo un Zemnieku savienība", ein Zusammenschluss der Grünen mit der Bauernpartei) ist sogar noch 6 Jahre jünger als Kollege Ķirsis und hat mit ihm gemeinsam, auf keinen Fall mit Ušakovs "Saskaņa" (Harmonie) oder Burovs "Gods kalpot Rigai" zusammenarbeiten zu wollen - so wurde es von beiden Parteien 2017 gemeinsam unterschrieben. Damals aber waren noch beide Parteien Teil der Regierungskoalition des Landes - inzwischen aber regiert nur noch "Vienotība" mit. Bis 2019 besetzte die ZZS beide höchste Staatsämter Lettlands (Präsident Vejonis, Regierungschef Kučinskis). 
Valainis, gebürtig in Jelgava und dort auch schon mal in einem Musikclub an der Theke zu finden, stürzte sich direkt vom Gymnasium aus auf das Immobiliengeschäft. Eigentlich galt Ex-Minsterpräsident Māris Kučinskis, der auch schon mal Stadthaupt von Valmiera war, als Kandidat seiner Partei auch für Riga (diena) - das meinte sogar Valainis, der 2019 als Kandidat für ein Mandat im Europaparlament vergeblich kandidierte. Aber im Jahr zuvor hatte Valainis es geschafft ein Parlamentsmandat zu erobern - der langjährigen Partei- und Fraktionschef Augusts Brigmanis dagegen blieb draußen. Valainis ist auch bereits Geschäftsführer der "Vereinigung großer Städte" ( „Latvijas Lielo pilsētu asociācija” LLPA - außer Riga mit weiteren acht Mitgliedern:Daugavpils, Jelgava, Jēkabpils, Jūrmala, Liepāja, Rēzekne, Valmiera, Ventspils). Also ist Valainis der wahrscheinliche Kandidat der ZZS, die sonst eher durch ein starkes Netzwerk in den kleineren lettischen Gemeinden bekannt ist und im Stadtrat Riga bisher nicht viel Durchsetzungskraft gezeigt hat. Er hat also viel zu erben, oder viel zu verlieren. In der Presse waren zuletzt Vorschläge zur Wohnungsfrage in Riga und zum Ausbau des Radverkehrs zu finden (LA).

Der National-Bürokrat
Einārs Cilinskis, Geburtsjahrgang 1963 und Bürgermeisterkandidat des rechtsnationalen Flügels des lettischen Parteienspekturms (Nacionālā apvienība NA), ist wohl allen ein Begriff, die sich in den vergangenen 30 Jahren irgendwie mit dem lettischen Bürokratie-Apparat haben herumschlagen müssen. Zwar wirkt er oft blass, ja fast meinungsschwach - aber politisch gilt er jedenfalls nicht als wankelmütig.
Dace Melbārde, zuletzt einige Jahre lang recht beliebt als Kulturministerin und 2017 in Riga auch Bürgermeister-Kandidatin, verabschiedete sich 2019 ebenfalls ins Europaparlament. Und Baiba Broka, 2013 mal Kandidatin der NA für höchste Amt in Riga, rückte inzwischen ins Zentrum eines ausgewachsenen Korruptionsskandals (lsm). 
Cilinskis, der irgendwie immer noch wie ein schüchterner Mittvierziger wirkt, war aber schon 1990-93 Abgeordneter im "Obersten Rat" (Latvijas Republikas Augstākā Padome), ehe 1993 demokratische Wahlen andere Verhältnisse schufen.
Bekannt ist Cilinskis eher in der Sekretärs- oder Assistentenrolle, eher als Stellvertreter eines Stellvertreters, meist eher im Hintergrund. Fast vergessen ist, dass Cilinskis auch mal kurz lettischer Umweltminister war - er musste nach nur 8 Wochen Amtszeit wieder zurücktreten, als er sich der Weisung der Regierungschefin Staujuma wiedersetzte und als Minister am jährlichen Gedenkmarsch für die lettischen SS-Einheiten des 2.Weltkriegs teilnahm (Handelsblatt).
Auch die musikalischen Vorlieben des Kandidaten sind bekannt: Cilinskis Favoriten sind Metall-Bands wie die finnische "Insomnium" oder die US-Band “Megadeth”. Cilinskis gibt an, der Protest 1988 gegen den U-Bahnbau in Riga sei der Ausgangspunkt für sein politisches Engagement gewesen (Latv.Apv.). Ihn nun (so spät?) aufs erste Schild zu erheben bedeutet wohl einerseits, mal einen treuen Parteigenossen auszuzeichnen (bis jetzt haben wir noch immer einen Job für ihn gefunden ...), aber andererseits wohl auch, dass die NA wohl keine Chance haben wird, führende Kraft in Riga zu werden (mit diesem Personal).

Klar ist aber auch, dass es bei diesen fünf Kandidaten voraussichtlich nicht bleiben wird. Bleibt es bei Burovs als Kandidat einer gemeinsamen Liste "Gods kalpot Rigai" und "Saskaņa", oder stellt letztere doch eigene Kandidat*innen auf? Konstantīns Čekušins, der durch seinen Einsatz zum Erhalt russischsprachiger Schulen bekannt wurde, gilt zumindest als Listenführer (Lettisch auch gern "Lokomotive" genannt) der "Saskaņa" (lsm). Čekušins stammt aus Daugavpils, ist mit 39 Jahren ebenfalls noch recht jung, und gilt als Kompromisskandidat, ausgehandelt zwischen den beiden "Schwergewichten" der Partei, Nils Ušakovs und Jānis Urbanovičs.
Angeblich wurde er von Saskana angeworben, damit er nicht für die kleinere "Latvijas Krievu savienība" (Verband der Russen Lettlands) kandidiere - die wiederum ebenfalls noch einen Bürgermeister-Kandidaten aufstellen will. Auch der kommt aus der Szene der "Verteidiger" der russischen Schulen: Miroslavs Mitrofanovs (rosojuz).

Die JKP wiederum (Jaunā Konservatīvā Partija) sucht nach dem plötzlichen Tod der Partei-Ikone Juta Strīķe am 18. März noch nach neuen Leitfiguren. Um Ex-Justizstaatssekretär Juris Jurašs, seit kurzem auch Fraktionschef seiner Partei in der Saeima, gab es schon viele Diskussionen - dennoch bezeichnet er sich noch als Kandidat auch für den Chefsessel in Riga. Jurašs ist ehemaliger Mitarbeiter des lettischen Korruptionsbekämpfungsbüros KNAB (Korupcijas novēršanas un apkarošanas biroja). Nach Meinung einiger Journalisten könnte die JKP aber auch Verkehrsminister Tālis Linkaits noch bitten, in Riga zu kandidieren.
Bei der Partei "KPV-LV" gab es zuletzt viel internen Krach und großen Einbruch in der Wählergunst, aber die Partei ist immerhin noch Teil der Koalistionsregierung unter Krišjānis Kariņš. Offenbar soll Ex-Wirtschaftsminister Ralf Nemiro als Bürgermeisterkandidat aufgestellt werden - das wäre dann schon Nummer acht oder neun in dieser Reihe. (lsm / Diena).

Unter dem Eindruck der Corona-Krise werden vielleicht auch Kandidaten nun von Wählerinnen und Wählern ganz anders bewertet werden. Der Wahltermin 29. August jedenfalls steht für das Ende der Sommerferien: am 1. September, mit Schulanfang, beginnen vielleicht auch in Riga neue Zeiten.

10. Juni 2020

Coranse Brilonā

Briloner - hanseatisch gestimmt
und verteidigungs- und feierbereit
Die lettische Hansestadt Limbaži meldete es am 24. März auf Facebook und später auch in der Lokalzeitung "Auseklis": im Jahr 2020 müssen die 40. Internationalen Hansetage der Neuzeit leider ausfallen. Die Corona-Krise machte es bald klar: es wird niemand anreisen können, es wird niemand teilnehmen können - ganz zu schweigen von gemeinsam singen und feiern. - Die lettische Presse beschränkte die Berichterstattung aber bald auf "das Wesentliche": 2021 wird Riga der Gastgeber sein.

Auch die knappe Berichterstattung über Brilon beschränkte sich auf diesen Punkt: "Die diesjährigen 40. Hansetage richtete vom 4.-7. Juni die deutsche Stadt Brilon aus. Eine der Hauptaktivitäten war die virtuelle Flaggenübergabe an Riga." (db) Da musste sich Brilon 24 Jahre vorher bewerben (!), um EINMAL die Internationalen Hansetage durchführen zu dürfen - 72 Tage zuvor mussten sie abgesagt werden. Über 1500 Delegierte aus 111 Hansestädten und 15 Ländern, auch 36 Kulturgruppen blieben "im Homeoffice". Die nächsten Jahre sind ausgebucht: bis 2030 stehen bereits alle weiteren Gastgeber*innen der Hansetage fest.

Für 2021 haben sich andere lettischen Hansestädte wie Cēsīs, Koknese, Kuldīga, Limbaži, Straupe, Valmiera und Ventspils bereits zur Teilnahme angemeldet - ebenso wie Städte aus Litauen und Estland. Riga ist seit 2000 Mitglied der "Neuen Hanse" und hat auch bereits 2001 einmal die "Internationalen Hansetage" ausgerichtet - damals allerdings ging dieses Event in der parallel angebotenen Veranstaltungsreihe zum 800.jährigen Stadtjubiläum etwas unter. Schon 2004 entschieden sich daher die Stadtoberen, sich für 2021 nochmals zu bewerben.

echt handwerklich: Flickwerk aus
vielen Hansestädten vor Ort in Brilon
Nun ja: auch die Ankündigung eines "Virtuellen Hansetags" wurde offenbar nur in Limbaži mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt: hatten sich doch Handarbeitsfreund*innen auch an einem Briloner Projekt, den "Tipis" ("Zelte der europäischen Verbindung", lettisch: "Sanāksmju telši") beteiligt (LA). "Quadrate aus Nylongarn" sollten hier eingeliefert werden, um dann vor Ort zusammengefügt zu werden. Auch wenn man dem Projekt nicht ansieht, dass eine Künstlerin dazu die Idee hatte (es führt ideel ein wenig zurück in die alten Zeiten der gehäkelten Klorollen), so wurde es doch wenigstens fertig und stand zum geplanten Termin auch vor Ort. Und auch die Mit-Bastler*innen aus Koknese registrierten die Verwendung ihre Werke nun zumindest im Internet (visitkoknese). Wie gut, dass es virusfreies Garn gibt - die Kokneser Tanzgruppe "Liepavots" und die Musikkapelle "Aizezeres muzikanti" mussten leider im Homeoffice bleiben (koknese.lv).

Auch die eifrigen Garnelfen aus Straupe oder Cēsis (allein schon aus dem Bezirk Aloja / Alojas novads waren 82 Quadrate geschickt worden), konnten leider die Briloner Esel (Wappentier der Stadt) nicht persönlich besuchen. Bei der Fotoausstellung, die ebenfalls vor Ort in Brilon gezeigt wurde, hatte man sich offenbar für die maximale "Exotik" entschieden - die meisten Arbeiten stammten aus Russland.

Ein virtueller Hansetag war Brilon 2020 allerdings auch nicht - so etwas sollte dann doch mehr live-Events und auch interaktive Beteiligung ermöglichen (ansonsten bitte besser "Hansetag Mediathek" nennen).

Den einheimischen Brilonern boten die Stadtoberen ein kleines Ritual: auch wer in der Nähe wohnte, musste ins Auto steigen, um vor dem Rathaus vom Bürgermeister und seiner Organisationschefin persönlich eine Souvenirtüte entgegennehmen zu können. Dass hier sowohl Fußgänger wie Radler*innen ausgeschlossen waren, und die Autos sich wenig umweltfreundlich bei laufendem Motor über eine Stunde lang am Rathaus vorbeiquälen mussten, kann sicher nicht nur mit "Corona-Regeln" erklärt werden.

Aber was sollen wir uns weiter ereifern? Wir haben Mitleid mit denen, die sich tatsächlich 24 Jahre vorbereiteten, und denen dann nichts als eine Art "Corona-Hanse" blieb.
Für Riga jedenfalls ist die Devise klar: "Wir sind bereit für 2021 !" (Riga.lv)

(Eindrücke Hansetage 2020, Teil 2)

(Eindrücke Hansetage 2020, Teil 1)

(Eindrücke Hansetage 2020, Teil3)

2. Juni 2020

Kühe auf der Weide, Früchte auf dem Feld

Nein, Kühe stehen in Lettland noch nicht unter Naturschutz. Und aus deutscher Perspektive stand in den vergangenen Jahren manches, was von der lettischen Landwirtschaft zu sehen und zu lesen war, eher unter dem Stigma der Unwirtschaftlichkeit. Da gibt es einerseits diejenigen, die eifrig und erfolgreich EU-Subventionen nutzen und mit Krediten Großanlagen bauen, aber auch noch die anderen, die mit einem kleinen Selbstversorgerhof einfach möglichst weitab der Städte leben wollen.

Die Diskussion um klimafreundlicheres Wirtschaften gibt es indessen nicht nur in Deutschland. In Lettland hat nun Andrejs Briedis die Diskussion aufgenommen, seit kurzem neuer Vorsitzender der lettischen Naturschutzstiftung (Latvijas Dabas Fonds). "Unsere Landschaften brauchen Kühe auf der Weide", meint er in einem Interview mit der Zeitung "Latvijas Avize". Als Bio-Imker kennt Briedis auch die Honigproduktion rund um das Naturreservat Teiči - was ja auch einen Teil der landwirtschaftlichen Produktion darstellt.

"Attālināti", mit Abstand, von zu Hause arbeiten - einer der
häufig gebrauchten Begriffe zu Corona-Zeiten - hier aufs
Korn genommen vom Karikaturist Ēriks Ošs.
Während aber Briedis sich mehr Naturwiesen, weniger Pestizid- und Kunstdüngergebrauch wünscht, und die EU-Direktzahlungen nicht mehr nur an die Hektarzahl geknüpft haben möchte, denken andere bereits an die Preisselbeerernte dieses Jahres. "Wenn wir keine Gastarbeiter bekommen können, wird die Ernte auf den Feldern verrotten!" - Erstaunlich genug, die Klagen lettischer Beerenfarmen klingen identisch wie die Erdbeer- und Spargelanbauer*innen in Deutschland. Durch die im Zuge der Corona-Krise erfolgten Grenzschließungen haben auch lettische Bauern offenbar Mühe, auf dem eigenen Markt genug Arbeitskräfte zu finden. "Bei uns können die Leute immerhin so um die 1000 Euro pro Monat verdienen", versprechen die Arbeitgeber.

Bauern zahlen nach Ernteleistung - je mehr Beeren geerntet werden, desto größer der Verdienst. Aber das allein dürfte ja keine Überraschung sein. Von Regierungsseite wird jetzt überlegt, auch für Landarbeiter*innen die Einreisebestimmungen wieder zu erleichtern. Gundega Sauškina, Mitinhaberlin bei "VeryBerry SIA", einem lettischen Saft- und Sirup-Hersteller, sieht darin aber kein Ausbeutung von schlechter Gestellten in den Nachbarländern. "Unsere Einheimischen sind zu faul", meint sie (LA).

"Wir mögen saubere und echte Beziehungen. Ohne Lügen und Heuchelei. Wir lieben es, wenn Freunde überraschend vorbeikommen" - so steht es auf der "VeryBerry"-Webseite unter "unsere Werte", sogar auf Deutsch. "VeryBerry" liefert auch nach Deutschland - ob es die Säfte bei "Starbucks" sind, das Müsli bei "Seedheart" in Hamburg, als Smoothie bei Kastingers in Österreich, oder sogar "Nespresso-Kapseln" - überall ist "VeryBerry" drin. Die Firma erfreute sich noch vor kurzem einer Verdopplung des Absatzes (Dienas bizness). Ein Erfolg also, der offenbar auf billigen Leiharbeiter*innen aus anderen Ländern beruht - zumindest in der Hochsaison. Von Ape (einer Grenzstadt zu Estland) aus in die ganze Welt: es wird inzwischen auch nach Litauen, Estland, Tschechien, Spanien, Belgien, Großbritannien und in die USA exportiert. Und um die stark gestiegene Nachfrage befriedigen zu können, werden bei "VeryBerry" inzwischen Beeren zugekauft, nicht mehr nur selbst erzeugt. Und das, obwohl der Verkauf in Schulen und Restaurants ja zur Zeit erheblich einbrechen musste.

"VerryBerry"-Eigenwerbung
Vorerst bleibt also die Sorge, genug Arbeitskräfte für die anstehende Ernte zu bekommen. "Manche der Hiesigen verschwinden einfach, wenn sie den Wochenlohn erst einmal bekommen haben," berichtet Sauškina, "manche arbeiten auch noch auf dem eigenen Hof. Aber andere verjubeln ihren Wochenlohn auch so freudig, dass sie am nächsten Montag dann nicht mehr auftauchen. Aber die Beeren warten nicht!"

Einzelne Helfer*innen habe sie auch aus Riga, meint Sauškina. "Jedes Jahr kommen zwei Medizinstudentinnen und ein Lehrerin, die arbeiten sehr fleissig." Unterschiedliche Arbeitsmoral scheint eines ihrer Lieblingsthemen zu sein. Aus Kasachstan habe sie schon Arbeiter*innen gehabt, nun wolle sie es mit Leuten aus Usbekistan versuchen. Aber weniger Bürokratie soll es bitte sein, so ihr Wunsch: "Da haben schon mal beim Nachbarn Ukrainer die Erdbeeren gepflückt, danach bei mir die Heidelbeeren."
"Der Vorteil bei Gastarbeitern", so meint sie, "die hören auf die Anweisungen. Die Hiesigen beschweren sich bei jeder Kleinigkeit." Aber gute Erfahrungen habe sie auch mit denjenigen Lett*innen gemacht, die schon in Großbritannien gearbeitet haben. "Die sind nur für ein paar freie Tage nach Hause gefahren, und hingen dann hier in Lettland fest. Nun sind sie unter meinen besten!"

Während also die einen noch auf Verbesserungen für die traditionelle lettische Landwirtschaft warten, stellen andere das neue "Superfood" her - für Veganer und andere Naturfreund*innen.

14. Mai 2020

Bewegung in der Baltic Bubble

Geschichtlich haben es die drei Staaten, die in Deutschland meist "baltisch" genannt werden (oder sogar gemeinsam in den Topf "Baltikum" geworfen werden), ja, geschichtlich haben sie es mehrfach versucht, und nie richtig geschafft: die "baltische Einheit". Nun aber, ab dem 15. Mai 2020 gibt es eine "Baltic Bubble" (lsm) - freier Personenverkehr nur zwischen den drei Staaten Estland, Lettland und Litauen. Wenigstens für ein paar Wochen.

In der Mitteilung des lettischen Außenministeriums ist von "nationals" die Rede, allerdings auch von "Personen die sich legal in einem der drei baltischen Staaten aufhalten" (mfa). Ab dem 15. Mai ist es also allen, die sich in Lettland aufhalten (und nicht an Covid-19 erkrankt sind oder eindeutige Symptome aufweisen) erlaubt, auch nach Litauen oder Estland zu fahren. Offenbar sind für diese neue Reiseregelung zwei Grenzübergänge nach Estland und vier nach Litauen vorbereitet. Ganz einheitlich sind die Regelungen in den beiden Nachbarländern allerdings nicht.

Das Tragen einer Gesichtsmaske ("Munsaske") wird für den Besuch in Estland nicht zwingend vorgeschrieben - aber empfohlen. In Litauen dagegen gibt es offenbar schärfere Vorschriften, auch für grenzüberschreitende Lettinnen und Letten:  Maskenpflicht herrscht auf Marktplätzen, im Supermarkt, auf allen öffentlichen Veranstaltungen, bei Exkursionen und im Öffentlichen Nahverkehr.

In Estland mögen sich die grenzüberschreitenden Lettinnen und Letten nicht in Gruppen von mehr als 2 Personen aufhalten; In Litauen dagegen dürfen es fünf Personen sein - aber die Treffen dürfen nicht länger als 15 Minuten dauern (mfa). Sogar Veranstaltungen, auch privater Art, mit bis zu 30 Personen sind erlaubt - allerdings nur, wenn pro Person ein Platz von mindestens 10m2 zur Verfügung steht. Wer soll das ausrechnen?

Hotels öffnen in Litauen erst ab dem 18.Mai - also Obacht für diejenigen, die bereits am 15.Mai losfahren (Zelt mitnehmen?). Litauerinnen und Litauer dürfen bereits seit dem 11.Mai nach Polen fahren - falls sie dort arbeiten oder studieren (lrv). Gleiches gilt für den Besuch von Pol*innen in Litauen: allerdings muss dann ein Nachweis geführt werden, 14 Tage nirgendwo anders als nur in Polen gewesen zu sein (urm). Ähnliches wird wohl auch von den lettischen und estnischen Nachbarn verlangt werden, die jetzt einreisen wollen. In Litauen gilt außerdem eine Ausnahmeregelung für Journalisten aus dem Ausland - allerdings nur für diejenigen, die vom litauischen Außenministerium eine Genehmigung (Einladung?) bekommen haben.

Nein, liebe einreisenden Lett*innen, hier wird nicht Corona
"der Krieg erklärt" (ähnlich wie der französische Präsident
Macron es tat) - hier warnt ein Vertreter des litauischen
Militärs vor zunehmender "Falschinformation im Zuge der Krise"
Estland erleichtert seinerseits Finnen die Einreise - zur Arbeitsaufnahme, Studium, oder auch in "dringenden Familienangelegenheiten" (err). Weiter gab die estnische Regierung bekannt, dass die nun in Krisenzeiten wieder notwendig gewordenen Kontrollen an der Grenze zu Lettland wöchentlich einen zusätzlichen Betrag von 93.000 Euro kosten (err).

Nachzulesen in der lettischen Presse ist auch die Ankündigung in Richtung des lettischen Tourismus, bald wieder Gruppen mit bis zu 25 Personen zulassen zu wollen (lsm). Gleiches soll für Kulturveranstaltungen gelten.

Die Fluggesellschaft AIR BALTIC kündigte an, ab dem 18. Mai wieder Flüge von Riga nach Tallinn und Vilnius anbieten zu wollen (lsm). Die Passagiere sollen dann mit Masken und Desinfektionstüchern ausgestattet werden.

8. Mai 2020

Home-watching

Was macht Lettlands Ex-Präsidentin Vaira Vīke-Freiberga in Zeiten der "pašizolācija"? Sie meditiert, verriet sie lettischen Medien. - Ähnliche Momente könnte auch die Tätigkeit beinhalten, die schon seit 2012 von Naturfreund*innen und professionellen Biologen in Lettland organisiert wird, genauer gesagt von den Ornitholog*innen. "Putnu vērošana" (Vogelbeobachtung) ist bequem von zu Hause aus möglich, und ja, es läuft 24 Stunden am Tag, pausenlos (sofern es keine technischen Probleme gibt).

Bevor jemand fragt: ja, für die gefiederten Zeitgenoss*innen, jedenfalls für diese ausgesuchten Nester, ist der Datenschutz aufgehoben. Tag für Tag können Interessierte Menschen den Vogelmamas und Vogalpapas beim Eier bebrüten zusehen - und, worauf natürlich die meisten warten: beim Füttern und der Aufzucht der Küken. Auch wenn es da gelegentlichen "Shitstorm" gibt, jedenfalls dann, wenn parallel Chatrooms angeboten werden. Nein, es ist nicht jedermanns Sache, wenn lebende Fische, Küken aus anderen Nestern, kleine Häschen oder ähnliches live verfüttert werden. Und bei einigen Vogelarten, wie etwa beim Schreiadler, ist es üblich das nur das größere Küken überlebt - und zwar deshalb, weil seine Mama das Kleinere nicht füttert, und schließlich meist sogar höchstpersönlich aus dem Nest wirft. Da wird schon mal gefragt: "Warum hackt das größere Küken das kleinere grundlos?". Und wenn mal einen ganzen Tag von den Vogeleltern kein Futter rangeschafft wird verlangen doch tatsächlich einige, es solle jemand schleunigst zum Nest fahren und helfen.

Sieben Prinzipien haben die lettischen Ornithologen auf ihrer Webseite veröffentlicht, darunter auch den Grundsatz, dass alle Vogelarten gleich viel wert sind. "Aber Milda und Raimis, die beiden Vogeleltern aus dem Nest bei Durbe, wurden schon im vergangenen Jahr zu so etwas wie unsere erfolgreichsten 'Influencer' ", bekennt Jānis Ķuze (Diena). Auch international wissen inzwischen sehr viele, die dauerhaft oder kurzzeitig dem Vogelgeschehen in Lettland zuschauen, wie "Durbertvilla" aussieht.

Neun verschiedene Beobachtungskameras bietet allein schon die Seite "Dabasdati.lv" an, das geht vom Seeadlerpärchen über Uhu, Schwarzstorch, Schreiadler, Fischadler bis hin zum Schwarzmilan. Allerdings muss dabei in Kauf genommen werden, dass manche Brutplätze eben nicht in jedem Jahr erfolgreich genutzt werden: so ist jetzt schon im zweiten Jahr Papa Uhu allein im Nest und ruft klagend nach einer Freundin, ohne dass ihn jemand erhört. Folgen zu starken Holzeinschlags im Wald? Werden Vogelbruten durch Kahlschlag im Wald verhindert, oder sogar zerstört? Fragen, die Vogelfreund*innen umtreiben.

Wer wollte, konnte sich auch zu Home-Office-Zeiten
an erfolgreich überstandenen Schwierigkeiten der
Vogelbrut in Lettland "erwärmen" (Aufnahme vom
30.März 2020)
Manchen scheint es auch verwunderlich, dass gerade Lettland sich die relativ teure Ausstattung von Brutnestern mit Beobachtungstechnik leisten kann. Dem kann entgegen gehalten werden, dass es immer wieder erfolgreiche Spendenaufrufe gab, und sogar inzwischen "Fanshops" T-Shirts und andere Accessoires verkaufen - und das Publikum ist ja alles andere als auf Lettland beschränkt.

Jānis Ķuze, einer der verantwortlichen Organisatoren der "Online-Vogelschau", hofft auf einen Kompromiss zwischen Wirtschafts- und Naturschutz-Interessen in Lettland. "Wir sind dabei, die schon im Westen gemachten Fehler zu wiederholen", stellt er bedauernd fest. "Seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit ist die Waldbewirtschaftung weitgehend industrialisiert worden. Es wird verlangt, dass die Wälder leichter zugänglich werden, überall werden Wege angelegt. Daher nehmen die Störungen des Tierlebens massiv zu, zum Beispiel für den Schwarzstorch." (Diena)

Es ist klar, dass die Erlöse für verkauftes Holz in Lettland um ein vielfaches höher liegen, als Ausgleichszahlungen für den Nestschutz seltener Vogelarten. Aber vielleicht hilft die internationale Aufmerksamkeit auch dabei, das Bewußtsein für die immer noch reichhaltige Artenvielfalt der lettische Natur wach zu halten. Der Schreiadler mag als Beispiel dienen: in Lettland leben und brüten allein die Hälfte aller Schreiadlerpärchen Europas und ein Fünftel der Weltpopulation. Dennoch mussten die lettischen Ornithologen in den vergangenen 20 Jahren einen Rückgang um 15% verzeichnen.

Lettische "Nist-watch"-Möglichkeiten:

Seeadler / Schreiadler / Schwarzstorch / Uhu / Schwarzmilan / Fischadler / Habicht

Naturwebcams Estland

26. April 2020

Maigrimmen

Bis zum 12. Mai gelten vorläufig die von der lettischen Regierung verhängten Einschränkungen, Ausgangssperren und Geschäftsschließungen. - Wer Lettland kennt weiß, dass Anfang Mai immer eine ereignisreiche Zeit bevorsteht: der 1.Mai (gefeiert entweder als Tag der Arbeit, oder auch als lettischer Verfassungstag), dann der 4. Mai (als Tag, an dem die Mehrheit der lettischen Volksfront 1990 die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Lettlands beschloss), und dann auch noch der 8.Mai, nach russischer Zeitmessung der 9.Mai - der Tag des Kriegsendes, bzw. der Befreiung vom Faschismus (bzw. "Sieg gegen den Hitlerfaschismus"). Aus lettischer Sicht muss hinzugefügt werden: nein, es war eher eine erneute Besetzung, die sowjetisch erzwungene Dominanz dauerte bis 1990/91.

Nun entsteht neuer Raum für Spekulationen. Hat die lettische Regierung die Restriktionen wohl bewußt schon jetzt auf mindestens bis zum 12. Mai festgesetzt? Da wird spannend zu beobachten, wie denn dieses Jahr der 4.Mai offiziell gefeiert wird - schließlich ist es genau 30 Jahre her, dass der damalige Oberste Sowjet mit der Mehrheit der "Volksfront"-Sympthisant*innen die Erklärung zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit Lettlands verabschiedete. Aber, wie auch Verteidigungsminister Bergmanis bereits bestätigte: auch die üblichen Militärparaden wird es am 4.Mai diesmal nicht geben (LA). Gleichzeitig zeigte sich der Minister auch zufrieden aus der Perspektive der allgemeinen Sicherheit, dass die einschränkenden Maßnahmen eben sowohl den 4.Mai, wie auch den 8.+9.Mai gleichermaßen einschließen (NRA).

Befürworter der Feiern zum 9.Mai plädieren für Kerzen als Ausdrucksmittel - in den Fenstern der privaten Wohnungen (lsm). Das würde allerdings bedeuten, sich weitaus mehr persönlich identifizierbar zu machen, als wenn man eben einfach Teilnehmer*in einer Massenveranstaltung an zentralem Ort ist. Andere Aktionsaufrufe, wie der nach Spenden für die Veteranen, sind da weitaus unauffälliger zu unterstützen. Großveranstaltungen mit Zehntausenden von Menschen sind für den 9.Mai definitiv abgesagt; Vadims Baraņņiks, Sprecher des "Vereins 9.Mai" schließt jedoch nicht aus, dass Einzelne dennoch am Denkmal im Uzvaras Parks Blumen niederlegen werden - zur Wahrung der Tradition, und unter Beachtung der Sicherheitsregeln. (Tvnet).

Dieser "Corona-Mai" wird vielleicht auch ein Gradmesser werden, ob sich Neid und Hass in den digitalen Netzwerken weiter verbreitet haben - oder ob das vielleicht, angesichts der allgemeinen Notlage, doch wieder rückläufig ist. Aber eines ist klar: gerade im Internet bleibt die Aufteilung ja je nach verwendeter Sprache bestehen: jeder schimpft unter vermeintlichen Gleichgesinnten.

Die Pro-europäische Bewegung Lettlands organisiert in diesem Jahr am 7., 8. und 9. Mai ein sogenanntes "Europa-Examen". Im Jahr 2019 haben sich bereits 20.000 Menschen daran beteiligt - zumeist Schülerinnen und Schüler. Es werden 20 Fragen zu Europa gestellt und Punkte für richtige Antworten verteilt. Vorteil dabei: alles bleibt digital.

24. April 2020

Ein Sommer ohne Ausländer?

Lettland hat in den vergangenen Jahren viel in den Tourismus investiert. Zahlen des lettischen Statistikamts zufolge waren Anfang 2019 insgesamt 318 Hotels in Lettland registriert, dazu 20 Camping- oder Wohnmobilplätze. Die Mehrzahl aber - insgesamt 493 Betriebe (also beinahe 60%) sind kleinere Gästehäuser, auch Bauernhöfe (csp). Allerdings übernachteten nur 11,6% der Gäste in den Jahren 2016-2018 in diesen Gästenhäusern, der "Löwenanteil" (85%) entfällt immer noch auf die Hotels (in den Städten, 61% übernachten nur in Riga!).

Nein, der Storch im Hintergrund deutet hier in diesem Fall kein
freudiges Ereignis an - sondern Verstimmung zwischen
Finanzminister und ländlichem Tourismus
(Grafik: lsm)
Mit Beginn der Covid-19-Krise wird auch in Lettland über Unterstützung und Erstattungen für lettische Unternehmer*innen diskutiert. Dabei fiel Finanzminister Jānis Reirs mit der Äußerung auf: "Im Tourismus wird sich die Situation nicht so schnell verbessern, da müssen wir gerade was Riga angeht mit längeren Zeiträumen rechnen, gerade wenn die Grenzschließungen in Europa bis Jahresende andauern", hatte sich der Minister zitieren lassen (apollo.lv, lsm). Der Gesamtschaden für den Tourismus in Lettland werde auf 800 Millionen Euro geschätzt - 2,9% des lettischen Bruttosozialprodukts. Das lettische Wirtschaftsministerium schätzt, dass in diesem Bereich etwa 3000 kleine oder mittlere Betriebe betroffen sein werden.

Aber dann behauptete Minister Reirs, für den Landtourismus sähe die Situation anders aus, die Nachfrage scheine da gesättigt zu sein. Und nicht nur das: er schlug vor, vor allem diejenigen zu unterstützen, die sonst mit Gästen aus dem Ausland arbeiten.

Asnāte Ziemele, Chefin bei "Lauku Ceļotajs" (Verbandes für Landtourismus), widerspricht energisch. "Zuletzt gingen die Stornierungen geradezu lawinenartig bei uns ein!" betont sie. "Die Einnahmen bei unseren Mitgliedern sinken gegenwärtig um 80-100%, und viele sind der Verzweiflung nahe. Es besteht das große Risiko, dass viele Betriebe diese Krise nicht überleben." Zu dieser Lage trügen auch besonders die vielen abgesagten Gruppenveranstaltungen bei, so wie Seminare, Hochzeiten, oder andere Feiern. Zwar würden viele aus dem Ausland auch derzeit noch nach freien Unterkünften fragen, aber das seien noch keine Buchungen.

Eine andere Schwierigkeit: zwar räumen die Banken spätere Rückzahlungstermine für Kredite ein - die Zinsen laufen jedoch bisher ungemindert weiter. Rücklagen gäbe es nur in wenigen Fällen. Inzwischen habe man auch Angestellte entlassen müssen - und könne den Bestand an Arbeitskräften selbst im Falle eines Neustarts nur langsam wieder hochfahren. Die einzige Hoffnung bestehe darauf, dass wenigstens für den Inlandtourismus im Sommer die Einschränkungen langsam aufgehoben werden können.

Gerade Lettland ist ja auch sehr zentralistisch organisiert - fast alles scheint im touristischen Bereich über Riga zu laufen. Andererseits: wer nur Riga sieht, hat Lettland nicht gesehen! Und gerade für die abseits wichtiger Verkehrsverbindungen gelegenen Orte war der Landtourismus sowohl wichtiger Geschäftszweig wie auch Überlebensstrategie. Gibt es Vorschläge zur Krisenbewältigung? Eigentlich brauchen wir eine Unterstützung in Höhe von 75% des Jahresumsatzes, meint der Landtourismusverband. Auch wer nun verstärkt auf lettische Gäste setzt, wird vielleicht enttäuscht werden - denn wenn die Finanzen knapp sind, wird am Urlaub zuerst gespart, meint Asnāte Ziemele. Die Hoffnung besteht, dass bald wenigstens wieder Veranstaltungen unter freiem Himmel erlaubt werden - unter Einhaltung der Sicherheitsregeln natürlich.

Momentan hat Lettland den Ausnahmezustand bis zum 12. Mai verlängert - in diesem Rahmen ist jeglicher Passagierverkehr über die Flughäfen, Autobusse, Bahnhöfe und Häfen untersagt.

16. April 2020

Wo liegt das Land "Diaspora"?

Diaspora - der Gläubige im Land der Ungläubigen. So könnte es der gewöhnliche (gläubige) Mensch verstehen, oder? Für die katholische Kirche in Deutschland, in diesem Fall in Paderborn, liegt die Diaspora unter anderem in .... Lettland und Estland (Domradio). In Litauen natürlich nicht, denn da leben ja die Katholiken - jedenfalls den Statistiken zufolge.

eine Grafik zur lettischen Sendung
"der globale Lette" (lsm)
Wer die eigentliche Wortherkunft ergründen will, greift vielleicht zum Lexikon - oder sieht nach bei Wikipedia. Der dortigen Definition zufolge ist Diaspora "die Existenz religiöser, nationaler, kultureller oder ethnischer Gemeinschaften in der Fremde, nachdem sie ihre traditionelle Heimat verlassen haben". Paderborner in Lettland?

Die Bundeszentrale für politische Bildung weist auf einen Bedeutungswandel des Begriffes hin (altgriechisch διασπορά "Verstreutheit"). Lange Zeit habe der Begriff immer nur im Zusammenhang mit den nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem vertriebenen Jüdinnen und Juden Verwendung gefunden. In den 1960iger und 70iger Jahren seien dann andere "Vertreibungsgeschichten" hinzugekommen - von der Versklavung der Afrikaner*innen, über die Auswanderung der Ir*innen, über das Schicksal der Armenier, die Palestinenser in Israel bis hin zu den "deutschen Ostgebieten".

Nun sind ja die Lettinnen und Letten eigentlich sehr begierig, auch neu eingeführte Fremdworte ("svešvārdi") gleich zu "lettisieren", also neue, aber lettische Worte dafür zu schaffen - als Beispiel dafür mag schon die Einführung der europäischen Währung gelten, die in der lettischen Sprache eigentlich niemals hätte "Euro" heißen dürfen (oder "Eiro"), viel lieber "Eura" oder "Eira". Oder, anderes Beispiel: Liebhaber*innen des Lettischen reden auch nie beim "einkaufen gehen" von "šopings" – sondern von "iepirkšanās".
Der Begriff der "Diaspora" hat aber alle Wirren überstanden. Aus lettischer Sicht ist die "Diaspora" immer dort, wo Lettinnen und Letten fern der Heimat leben (müssen). Eines ist klar: die Angst, das eigene Heimatland wieder zu verlieren, ist aufgrund der Sowjetzeit in Lettland viel frischer als in Deutschland. Dennoch - die "Corona-Krise" hat auch hier Änderungen gebracht.

Bisher, also seit spätestens 1991, war ja eher das "Weggehen" fast zur Selbstverständlichkeit geworden. Zuerst vielleicht zur Pilzernte nach Irland, seit 2011 dann war auch der deutsche Arbeitsmarkt offen (auf den aktuellen Notstand an Pflegekräften braucht ja wohl nicht extra verwiesen zu werden). Die Umfragen waren immer eindeutig: fast ein Drittel aller jungen Lettinnen und Letten konnten sich vorstellen, Arbeit im Ausland zu suchen. Da bleibt dem Rest nur noch, rückhaltlos neidisch zu sein (mangels eigener Möglichkeiten), oder Arbeitsmigrant*innen als eine Art "Vaterlandsverräter" zu brandmarken.

Nun geht es also anders herum. Kaum war die Corona-Krise aufgebrochen, steckten Hunderte Lettinnen und Letten auf dem Weg zurück nach Lettland auf Flughäfen, an Grenzen und Meeresufern fest. Glücklich "zu Hause" angekommen, soll es Fälle gegeben haben, wo die Einwohner*innen von Dörfern auf dem Lande sich geweigert haben, diese "Rückkehrer" wieder in ihr Dorf zu lassen, und Betroffene erst mal in Hotels in Riga sich einmieten mussten.

Plötzlich auch gern online im Direktkontakt:
Lett*innen außerhalb Lettlands
Aber es gibt auch positive Beispiele. Waren bisher alle möglichen Gerüchte im Umlauf, dass Bekannte und Verwandte durch irgendwelche Tricks im Ausland plötzlich reich geworden seien (und die Betroffenen erzählten zu Hause lieber nicht allen, wie es wirklich war), so hat nun ein ganz neues Interesse eingesetzt, wie es Lettinnen und Letten eigentlich geht, die in anderen Ländern leben. Jetzt, wo doch "dīkstāve" (Stillstand) herrscht. Überall. Auch im lettischen Radio und Fernsehen ist das inzwischen gewohnte Bild der "Home-Office-Sendungen" nun häufig genutzt. Die Sendung "Globalais Latvietis" (der globale Lette) schaltete kürzlich live ins "Homeoffice-Zimmer" von Lettinnen in Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland - mit Ton und Bild.

Zu hören und zu sehen sind hier allerdings auch teilweise seltsame Thesen. So hätten es die Letten im Ausland angeblich leichter, mit dem Virus umzugehen, weil sie "schon wissen wie es ist in Isolation zu leben". - "Ich kann schon seit 16 Tagen nicht mehr auf die Straße gehen", berichtet Natalija aus Spanien.
"Aber wir haben hier gehört," so die Frage aus dem Studio in Riga, "dass in großen Mehrfamlienhäusern bei euch schon alle Leute anfragen mit dem einen Hund rausgehen zu dürfen, den es im ganzen Haus gibt, nur damit sie mal einen Grund haben rausgehen zu können!" - "Ja, die Leute hier entwickeln einen sensationellen Sinn für Humor," schallt es aus dem digitalen Raum zurück. "Aber nein, bei uns werden noch keine Hunde vermietet."

"Wir dürfen nicht mehr als dreimal die Woche einkaufen gehen", erzählt Elena aus Italien. "Und wir dürfen die Haustiere 200m weit ausführen, also etwas weiter als in Spanien. Und, damit die Leute verstehen, das es kein Spaß ist: alles wird mit Drohnen überwacht." Liene, in Frankreich wohnend, aber in Genf arbeitend, muss die Regeln von gleich zwei Ländern beachten und berichtet von scharfen Grenzkontrollen. "Was ich hinzufügen kann," so kommt es von Elina aus Berlin, "ich bin nun tatsächlich Hausfrau, Hauslehrerin, Heimarbeiterin und Hauspsychologin in einem!" - Und nach dem Durchhaltevermögen gefragt, ergänzt Elena aus Italien: "Wir haben jetzt zu Hause sogar angefangen, Nudeln und Süßigkeiten selbst herzustellen, und abends tanzen wir zusammen - das erhält die gute Laune!"
Während der Sendung muss das lettische Radio sich auch durch ein paar technische Schwierigkeiten kämpfen - europaweit gleiche Leitungsqualität ist noch eine Illusion. Aber Lettinnen und Letten in Europa miteinander verbinden - die Krise bringt es offenbar voran.

9. April 2020

Lettisches Ostern: anhaltende pašizolācija

Es sind wirklich andere Verhältnisse eingekehrt in Lettland.Und seit auch hier bereits Poltiker*innen in Quarantäne sitzen, weil sie sich mit dem Corona-Virus angesteckt haben, zeigt sich auch eine Art Überbietungswettberb an Regeln für das öffentliche Leben. Die neue Parole heißt: mājas, ziepes, divi metri (zu Hause, Seife, 2 Meter).Das andere neue Wort heißt "Dīkstāvē" (was soviel heißt wie "Stillstand" - im Deutschen wird da oft von einem "Corona-Lockout" geschrieben). 

YouTuberin Anete Germane versucht, auch Ausländern
in Lettland zum Überleben des Corona-Virus zu verhelfen
Der Blickwinkel dabei ist klar: das Virus kam aus dem Ausland, also ist alles was aus dem Ausland kommt, zunächst verdächtig.Das merkten zuerst die in Eile nach Hause zurückgekehrten Lettinnen und Letten, die teilweise extra gecharterte Sonderzüge und Schiffe nutzen mussten, um bis zu ihrem Heimatland zu gelangen. Nun beschloss das lettische Ministerkabinett, dass aus dem Ausland einreisenden Personen auch die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel komplett untersagt wird. (LA) Auch das Aufnehmen von Gästen und private Besuche sind diesem Personenkreis untersagt. Inzwischen muss jeder Einreisende vorher seinen Namen, die persönliche ID-Nummer, eine Telefonnummer und die Adresse seines Aufenthaltes in Lettland angeben. Außerdem muss eine schriftliche Versicherung abgegeben werden, dass sich jede/r Einreisende 14 Tage lang in Selbstisolation aufhalten wird. Es sind Strafen vorgesehen für den Fall, dass diese Personen sich an anderen als den angegegbenen Orten aufhalten.

Der in Lettland ausgerufene Ausnahmezustand ist inzwischen bis zum 12. Mai verlängert worden. Ausnahmen vom Einreiseverbot müssen gegenwärtig vom lettischen Verkehrsministerium genehmigt werden. In der vergangnen Woche hatte das lettische Fernsehen vom Flughafen Riga berichtet, dass dort viele der ankommenden Passagiere wie gewöhnlich mit dem Linienbus ins Rigaer Stadtzentrum fahren.

Auch in Lettland warnen die Behörden, Ostern nur im privaten Familienkreis zu feiern, bzw. mit "Personen die zusammen leben". Das betreffe sogar Personen, die an einem Ort arbeiten, deren Familie aber an einem anderen Ort wohne - diesen Personen wird empfohlen, sich für die Ostertage für einen der beiden Orte zu entscheiden. Ausnahmen soll es nur für geschieden lebende Paare geben, die noch nicht volljährige Kinder haben.

Das lettische Parlament hatte sich am 2. April eine Sitzung als Video-Schaltkonferenz verordnet. Die 100 Abgeordneten befanden sich dabei in verschiedenen Räumen des Parlamentsgebäudees und wurden per Video zusammengeschaltet (lsm / saeima). Dies wurde aber als "Zwischenlösung" bezeichnet - man arbeite an einer technischen Lösung für dringliche Situationen in der Zukunft, wo dann alle Abgeordneten auch außerhalb des Parlamentsgebäudes bleiben können. Gleichzeitig sollen solche Schaltkonferenzen online im Internet übertragen werden.

25. März 2020

Abseits des Stroms zur Repatriation

eine Illustration aus dem britischen Film
"Stay home superheroes", den es bereits in
lettischsprachiger Fassung gibt
Ja, da haben sich die Verantwortlichen in der lettischen Regierung nun jahrelang Gedanken gemacht, wie die Arbeitsemigration aus Lettland in die wirtschaftlich stärkeren Länder Europas gestoppt werden könnte. Es wurden Rückkehrprogramme gestartet, Arbeitsvermittlung für "Heimkehrwilige", Lettisch-Lehrbücher für die Diasporakinder wurden gespendet - mit wenig Auswirkung.

Doch nun ist plötzlich alles anders: lange Staus an den Grenzen, ganze Schiffe und Sonderzüge werden für Rückkehrwillige nach Lettland gechartert. Und nicht nur das: alle, die einmal zurückgekehrt sind, kommen nun nicht mehr raus. Grenzen zu. Und wer es wagt, plötzlich nach Lettland zurückzukehren, soll sich gefälligst erst einmal 14 Tage lang in Selbstisolation begeben (siehe Regelung zur Ausrufung des lettischen Ausnahmezustands). Zu den offiziellen Regelungen gehört auch, dass Personen, die das nicht freiwillig tun, und einfach in Lettland herumspazieren oder zur Arbeit gehen wollen, von Nachbarn und Passanten bei der Polizei angezeigt werden können.

Da wirkt so ein Interview mit Dainis Krištopāns, lettischer Handball-Nationalspieler, schon fast skurril. Während der Handball-Europameisterschaft im Januar 2020 fiel der "Ludzānietis" (er stammt aus Ludza) unter anderem deshalb auf, weil sein Team auch gegen Deutschland spielte und dabei nur knapp verlor (ZDF / Youtube). Nach der EM wechselte der Lette, nun als "Handball-Monster" tituliert, zur Mannschaft der Berliner Füchse in die Deutsche Bundesliga. Zu diesem Zeitpunkt, Anfang Februar 2020, ließ sich dieser Vorgang vielleicht mit der Bemerkung "und noch ein Lette in Berlin" kommentieren. Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning wurde mit den Worten zitiert: „Es ist ein tolles Zeichen, dass wir einen solchen Weltklassespieler für Berlin gewinnen konnten.“ - "Krištopāns erfüllt sich einen Kindheitstraum", war in der "Latvijas Avize" zu lesen.

Interessantes Detail aus dem Animationsfilm
"Stay home superheroes" (lettische Fassung):
oben die Darstellung wie Erwachsene über die
Krise reden, unten die Kinder ...
Das war vor der "Corona-Krise". Inzwischen sind alle Sportveranstaltungen abgesagt, die Handball-Bundesliga pausiert. Aber wir erfahren auch, dass nicht alle Lettinnen und Letten sich spontan ins Auto setzen und dann an der Grenze zu Polen festhängen, oder mit Schiffen gerettet werden müssen. Krištopāns hält sich weiterhin in Berlin auf. "Wir sitzen zu Hause und warten, was passiert," berichtet der lettische Handballstar der "Latvijas Avize". "In der Mannschaft hat jetzt jeder seinen individuellen Trainingsplan, und den versuchen wir zu erfüllen. Wir hoffen alle, dass wir die noch ausstehenden Spiele noch spielen können." Einkaufen gehe er selten, aber es fehle ihm an nichts, berichtet der Lette "nach Hause", mit einem ironischen Seitenblick auf den angeblich so hohen Toilettenpapierverbrauch der Deutschen. Leider habe sein Team die Saisonziele bisher nicht erreichen können. Krištopāns lobt aber die Trainingsbedinungen und die Unterstützung der Zuschauer in Berlin.

Zurückgekehrt nach Lettland ist dageben Speerwerferin Līna Mūze. "Ich habe keine Probleme damit, mich erst mal zwei Wochen in Selbstkarantäne zu begeben", sagt sie. Nach einem Trainingsaufenthalt in Estland sei sie zurück nach Lettland gekommen für den Fall, dass sie ärztliche Hilfe benötige. "Da wird es dann ja heißen: unsere Staatsbürger zuerst, erst danach die Ausländer", vermutet sie (LA). Während Estland aus lettischer Sicht bereits zu den "Corona-Risikoländern" gehört, berichtet die Sportlerin von wesentlich konsequenteren und früheren Schutz- und Vorsichtsmaßnahmen in Estland. Für Olympia 2020 in Tokio war Speerwerferin Mūze bereits qualifiziert - aber auch diese Planungen sind ja inzwischen um ein Jahr verschoben.

Für das Portal "delfi.lv" berichtet die Lettin Vija Tomaševska aus dem hessischen Taunusstein. Eine Bekannte, ebenfalls Lettin, habe sich mit dem "Covid-19"-Virus infiziert, daher habe sie sich nun in eine 14-tägige "Selbstquarantäne" begeben. Auf einen Virustest warte sie aber noch immer - so seien die Verhältnisse in Hessen. Zusammen mit Mann und Kind lebe und arbeite sie seit 2015 in Deutschland, erzählt sie der "Heimatpresse". Zum 1.März habe sie einen neuen Arbeitsplatz antreten sollen, das sei nun erst einmal verschoben. Sie vermutet, sich zusammen mit ihrer Bekannten angesteckt zu haben, denn einmal seien sie beide in einem überfüllten Bus gefahren.
Der Alltag in Quarantäne sei nicht einfach, denn sich ein Mittagessen per Kurier zu bestellen, sei fast unmöglich - die Kuriere seien entweder generell zurückhaltend, oder auch bis Mitte April bereits ausgebucht. Der Arzt habe geraten, der Mann könne ja schnell mal einkaufen gehen, wenn er keine Symptome zeige - solchen ärztlichen Rat findet die Lettin zweifelhaft, und sie fügt hinzu: "Eigentlich wollte ich mich von der ganzen Aufregung fernhalten, jetzt nehme ich es ernster.".

17. März 2020

Wahl-Wanderungen

Eigentlich wäre es ein bedeutender Tag geworden: drei Ereignisse an einem Tag. Am 25. April war sowohl die Abstimmung über die neue russische Verfassung, die Wahl des neuen CDU-Vorsitzenden, und auch Neuwahlen für den Stadtrat in Riga angesetzt.

Die deutsche CDU hält sich inzwischen offenbar an die Maßgabe, "alle nicht notwendigen Veranstaltungen" abzusagen. Wer will da noch Parteivorsitzende wechseln, wenn weltweit Krise angsagt ist? Zudem ist inzwischen einer der Kandidaten viruskrank. - Einzig in Moskau scheint die Devise "Russland ist stark, Putin bleibt" zu gelten.

Das Chaos um den Stadtrat in Riga aber vergrößert sich weiter (siehe Beitrag). Am Anfang standen einmal Auseinandersetzungen um die Abfallwirtschaft der Stadt: gleich für 20 Jahre sollte die Abfallentsorgung einer einzigen Firma anvertraut werden (ein Kartell-ähnliches Gebilde namens "Tīrīga AS").

Für die Anordnung von Neuwahlen war der Erlass eines neuen Gesetzes nötig geworden (Rīgas domes atlaišanas likums); diesem zufolge wird der Stadtrat Riga für "nicht fähig Beschlüsse zu fassen" erklärt, wenn in drei aufeinander folgenden Versuchen keine Entscheidungen gefasst werden können. 
Gleichzeitig war aber auch vorgeschrieben, Neuwahlen am ersten Samstag innerhalb von zwei Monaten nach in Kraft treten des Gesetzes abzuhalten. Und damit nicht genug: auch ein Volksbegehren gegen dieses neue Gesetz gab es dann noch - das Ende der Unterschriftensammlung am 16. Februar musste erst abgewartet werden (die Beteiligung daran war allerdings historisch schwach: in den meisten Wahlbezirken unter 1%, nur in einzelnen 8-9%, landesweit 0,39%).
Am 13. Februar verabschiedete das lettische Parlament dann das Gesetz mit 62 gegen 22 Stimmen (lsm). Somit erlangte diese Regelung am 24. Februar Gesetzeskraft. Der Auffassung des gegenwärtig amtierenden Bürgermeisters Oļegs Burovs zufolge wolle die Regierung mit den Maßnahmen gegen den Stadtrat aber lediglich von der ebenfalls heiß diskutierten lettischen Gebietsreform ablenken.

Inzwischen hat sich die lettische zentrale Wahlkommission
für eine Verschiebung des Wahltermins entschieden
Noch am 25. Februar bestätigte die lettische zentrale Wahlkommission den Wahltermin am 25. April 2020. Am 13. März entschied ein Rigaer Verwaltungsgericht zunächst einem Antrag der Partei "Alternative" statt zu geben, die Wahl vom 25. April auf den 2.Mai zu verschieben (Berufung wurde zugelassen).

Angesichts dieser Situation, inklusive der Ausrufung des Notstandes aufgrund des Coronavirus, haben mehrere lettische Parteien inzwischen ihre Wahlkampagnen wieder eingestellt. Es kursierten bereits Vorschläge, die Wahl nun auf den 29. August zu verlegen.
Am 17. März beschloss nun das Ministerkabinett eine Verlegung auf den 6. Juni 2020. Damit wäre die Einreichung der Listen mit Wahlvorschlägen noch bis zum 27. April möglich. Und inzwischen wird auch nur noch ein einziger Grund für die Turbulenzen angegeben: COVID-19. Der zuständige Minister Juris Pūce schließt auch eine weitere Verlegung nichts aus, wenn sich bis zum Mai die Lage in Lettland nicht normalisiert haben wird (varam).

Und was wird aus den Planungen für den Tag der "Lielā Talka" - der große Tag zum Aufräumen? Auch das war ja genau für den 25. April vorgesehen - der "World Cleanup day" auf Lettisch.
Ob dann die freiwilligen Helfer*innen in 2m Mindestabstand voneinander arbeiten müssen, wie es derzeit die lettischen Supermärkte beim Einkaufen empfehlen? - Nein, wir schauen auf die entsprechende Webseite, und finden auch das - verschoben. Aufgerufen werden soll auch zu einer "Ideen-Talka": wie Lettland in Zukunft weniger Müll produzieren und sauberer werden kann. "Sauberer werden" heißt in diesem Zusammenhang wohl leider nicht automatisch "virenfrei". Gespannter als sonst sehen Lett*innen und Letten diesmal dem Verlauf des Frühjahrs entgegen. Der 25. April wird in Lettland wohl sehr viel ereignisloser ablaufen, als zunächst vorgesehen war. 

18. Februar 2020

Lettische Butter aus Deutschland?

Auch Lettinnen und Letten sind stolz auf ihre regional erzeugten Produkte: Honig aus Saldus, Sprotten aus Salacgriva, Kartoffelchips aus Ādaži. Bei vielen Produkten ist die Definition nicht so einfach: Die Frühstücksmarmelade kommt manchmal aus Pūre, enthält aber weit mehr als nur Früchte aus Lettland.

Nun entdeckte ein Team des lettischen Fernsehens Butter der lettischen Marke "Trikāta" - ein Markenname, der ziemlich "urlettisch" klingt, da der Ort schon in der "Livländischen Chronik" als Stammsitz des legendären Latgalenhäuptlings Tālivaldis bezeichnet wurde. Sicherlich setzte einst auch der Hersteller der "Trikāta"-Butter auf diesen "ur-lettischen" Ruf dieser Bezeichnung. Doch nun schaute das Fernsehteam mal genau hin, und staunte: lettische Butter, hergestellt in Deutschland? Da entsteht unwillkürlich die Frage: wird hier Milch aus Lettland nach Deutschland transportiert, um dann zurück als Butter auf dem lettischen Markt zum Verkauf angeboten zu werden?

Am Anfang stand die “Trikata GmbH” (Trikata SIA), eine Molkerei gibt es in dem kleinen Ort seit dem Jahr 1896. Nach der Wirtschaftskrise vor 10 Jahren gelangte der kleine Betrieb jedoch in den Besitz von "Latvijas Piens"; die Produktion wurde nach Jelgava verlagert, dem Hauptsitz des Unternehmens. 2013 wurde die Molkerei in Trikata geschlossen.
2017 feierte der Markennamen “Trikātas piens” aber Auferstehung: die Brüder Rolands und Kaspars Putniņš übernahmen die Initiative, nachdem sie die Überreste der alten Firma in einer öffentlichen Versteigerung erworben hatten (Dienas bizness).
Sie entwickelten eine neue Produktreihe: nun wird auch Biomilch produziert, verbunden mit dem Versprechen: "100% Milch aus Vidzeme".

Seitdem existieren aber auch zwei beinahe identische Marken nebeneinander: "Trikātas pienotava", als Familienunternehmen der Brüder Putniņš, mit insgesamt sechs Angestellten, und "Trikata" als Marke im Besitz von "Latvijas piens". - "Als wir zur Bank gingen um einen Kredit zu beantragen, stießen wir zunächst auf Unverständnis," erzählte Rolands Putniņš der lettischen Regionalpresse (valmieraszinas). "Es war ja Käse der Marke 'Trikātā' bereits in den Supermärkten zu finden. Und auch heute müssen wir uns noch bemühen, den Kunden die Unterschiede zwischen beiden Firmen zu erklären."

Was in Deutschland wohl längst in einem Streit vor Gericht geendet hätte, scheint in diesem Punkt in Lettland normal. Vanda Davidanova, Präsidentin des lettischen "Käseclubs" (Siera clubs), drückt es poetischer aus: "Trikāta war eine heiß umworbene Braut" (lsm).

Auch bei "Latvijas Piens" gab es 2017 große Veränderungen, nachdem die Firma im Jahr zuvor kurz vor dem Bankrott gestanden hatte. Das deutsche Unternehmen  "Fude + Serrahn Milchprodukte" - vielmehr dessen Tochtergesellschaft "Eximo Agro-Marketing" mit Sitz in Hamburg - erwarb 75,1% der Anteile an dem Unternehmen. Mit einem Umsatz von 740 Millionen Euro und einem Handelsvolumen von 800.000 Tonnen im Jahr rangiert "Fude + Serrahn" derzeit auf Platz 10 der größten deutschen Molkereiunternehmen.

"Wir kaufen auch schon mal die Ausgangsstoffe von den Nachbarländern Estland oder Litauen", gibt Kaspars Malcenieks, Produktionsleiter bei "Latvijas piens", zu. (jelgavniekiem) Als Grund für die lettische Butterproduktion in Deutschland gibt er an: "Die Käseproduktion lässt eine Menge Sahne entstehen, die wir bisher am heimischen Markt verkauft haben. Inzwischen, dank der Kooperation mit den deutschen Partnern, haben wir jetzt die Möglichkeit geschaffen, dort Butter daraus herzustellen." (lsm)

Inzwischen gibt es auch eine Aussage von Baiba Graube vom Lettischen Patentamt zu diesem Fall der "Trikata-Verwirrung". Sie meint: "In diesem Fall scheinen sich beide Firmen mit einer friedlichen Koexistenz abzufinden." (lsm)

6. Februar 2020

Euro-Bio, lettisch Eko

Vom lettischen "Hunger nach Biolebensmitteln" berichtete jetzt die "Latvijas Avize" in einem aktuellen Beitrag. Grundlage ist dabei eine Umfrage von "Danonki Latvija" (lettischer Ableger der polnischen Tochter von "Danone"). Dieser zufolge meinen nur etwa die Hälfte der Befragten Waren in den lettischen Supermarktregalen richtig einschätzen zu können: sind es ökologisch, biologisch, höherwertig erzeugte Lebensmittel, oder doch nicht?

40% der Einwohner*innen Lettlands nutzen regelmäßig Bio-Lebensmittel, 71% würden es gerne öfter tun - so die erwähnten Umfrageergebnisse. Allerdings ist das Bio-Kennzeichen, das europäische Ökolabel - ein stilisiertes grünes Blatt - nur 28% der Befragten in Lettland bekannt. In den Nachbarländern sieht dies durchaus anders aus: in Estland ist das EU-Zeichen 47% der Befragten bekannt, in Litauen sogar 51%.

34% der Lettinnen und Letten halten allerdings auch den "grünen Löffel" (Zaļā karotīte) ein gemeinsames Vermarkungslabel lettischer Produkte, für ein Kennzeichen für Ökoprodukte. Und ein Viertel der Befragten meint die Ökoprodukte sogar unter dem Zeichen des lettischen grünen Punktes" (“Latvijas Zaļā punkts") suchen zu können - dabei ist hier, in diesem Fall eine ähnliche Bezeichnung wie in Deutschland - nur die Abfalltrennung gemeint.

Dabei müsste es eigentlich leichter zu erkennen sein: das lettische Ökolabel, Kleeblatt und Hufeisen ("Latvijas ekoprodukts"), wird von dem lettischen Verband für biologische Landwirtschaft (“Latvijas Bioloģiskās lauksaimniecības asociācija” LBLA) verliehen.

Beim LBLA ist nachzulesen, wo die Aktivitätszentren der Öko-Landwirtschaft in Lettland sind: 53% der landwirtschaftlichen Flächen in Jaunpiebalga, 42% in Koknese und 40% in Vārkava sind zertifizierter Ökolandbau - in Lettland insgesamt sind es 11% (nach neuesten Zahlen sogar 14%, topagrar). Allerdings gibt es in ganz Lettland bisher nur 20 zertifizierte Bioläden oder Marktstände - da ist sicher noch Nachholbedarf, um auch die Kenntnis bei den Verbraucher*innen über die nach kontrollierten Kriterien erzeugten Lebensmittel in Lettland noch zu verbessern.

19. Januar 2020

Bald ist wieder Schattentag

Parlamentarier rufen dazu auf, sie zu beschatten - nein, keine Ansprache an den landesweiten Sicherheitsdienst, sondern die Schülerinnen und Schüler der 1. bis 12. Klassen werden sich wieder auf diesen Tag freuen: den Schattentag. Der "Ēnu diena" soll dem Ausprobieren dienen: reinschnuppern, sich orientieren, Berufswirklichkeit testen. Und lettische Firmen nutzen den Tag durchaus auch einfach für ein wenig Eigenwerbung. Die Veranstaltung wird in Lettland durchgeführt von Verein "Junior Achievement Latvija" (JA) - diesmal am 12. Februar 2020.

Die Vermittlung zwischen "Schatten-Geber" und "Beschatter" wird durch ein Internetportal geregelt. Allerdings darf noch lange nicht jede oder jeder mitmachen: nach Auskunft der Veranstalter stellten im vergangenen Jahr 1545 Firmen oder Organisationen Plätze zur Verfügung, insgesamt waren es 8664 (delfi/ db). Dem gegenüber gab es 2019 aber etwa 34.000 Schüler*innen und Jugendliche, die mitmachen wollten.

Und eine "Hitliste" der am meisten nachgefragten Berufe gibt es ebenfalls: Programmierer (341 Anfragen), Physiotherapeut (273), Pilot (260) und Flugbegleiter (250) - auf diese vier Bereiche konzentrierten sich die meisten Anfragen im verganenen Jahr. Auch bei den Angeboten gibt es eine Rangfolge: am meisten Möglichkeiten gab es als Feuerwehrmann / -frau (279 Angebote), Arzthelfer/in (222), oder Mitarbeiter/in in der Öffentlichkeitsarbeit (207).

"Ēnu diena" in Lettland: Sänger Lauris Reinis nimmt
nicht teil - und muss sich dafür entschuldigen
Jānis Krievāns, Vorsitzender bei "JA Latvija", erklärte zur diesjährigen Kampagne, es seien in Zusammenarbeit mit dem lettischen Wirtschaftsministerium besonders für die Zukunft wichtige Berufe in den Fokus gerückt worden. (LA) Es sei auch keine Seltenheit, dass bei der späteren Arbeitssuche auf die Praxis am "Schattentag" zurückgegriffen werde.

"JA Latvija" ist Mitgliedsorganisation bei "JA Europe". Die Organisation bilanziert, europaweit mit 39.175 Schulen zusammenzuarbeiten, mit der Hilfe von 143.159 Lehrerinnen und Lehrern und 139.108 Freiwilligen, um insgesamt 4.263.738 Millionen Schüler*innen und Studierenden in insgesamt 40 Ländern Angebote machen zu können. - In Deutschland wird das Projekt, das von der Europäischen Union erheblich mitfinanziert wird, vom Institut der Deutschen Wirtschaft unterstützt, heißt "JUNIOR Schülerfirma" und hat im deutschsprachigen Raum bisher lange nicht die landesweite Bekanntheit erreicht wie Lettlands "Schattentag".

Lauris Reiniks, einer von Lettlands populärsten Schlager- und Popsängern, musste sich kürzlich per Twitter sogar entschuldigen: "Danke für das Interesse, mein Schatten zu sein, aber ich nehme nicht teil."
Ja, beim "Schattentag" machen in Lettland auch bekannte Persönlichkeiten mit, eben auch Politiker*innen. Das lettische Parlament, die Saeima, ist sogar einer der beliebtesten Orte, um "Schatten" zu sein für Lettlands Volksvertreter*innen. Der Pressedienst der Saiema weist aber darauf hin, es gelte auch Jurist*innen, Übersetzer*innen oder Protokollführer*innen zu "begleiten" (Saeima).

8. Januar 2020

Riga zu Fuß

Wer in Riga eigentlich regiert, scheint ja momentan durchaus unsicher (Blogbeitrag). Das hindert die Stadtverwaltung aber offenbar nicht, längst beschlossene Maßnahmen nun im Jahr 2020 umzusetzen. Nachdem die vielen Mängel der Neugestaltung an der Barona iela durchaus umstritten waren, gibt es im Umfeld der nördlichen Innenstadt nun ein Experiment: die Schließung von Straßenteilen für den Autoverkehr.

Die Maßnahme könnte jedoch zu neuer Verwirrung führen: mal Fußgängerzone, mal doch wieder nicht - das ist Realität zur Zeit auf der Terbatas iela. Erstmals war ein Teil der Straße geschlossen am 4. Januar - aber nur zwischen 10 Uhr morgens und 20 Uhr abends, und nur für diesen einen Tag.Geöffnet bleibt die Straße allerdings für Radler/innen, und auch für den durchfahrenden Busverkehr - sich ganz "traumwandlerisch" zu Fuß dort zu tummeln war (und ist) also wenig ratsam.

Auch in der lettischen Presse ist diesbezüglich lediglich von einem "Experiment" die Rede (lsm / NRA / LA). Leider können die Stadtpassant/innen nicht so schnell auf Wiederholung hoffen: die Stadt möchte ihre "Experimente" an jedem ersten Samstag im Monat in einer anderen Straße ausprobieren: im Februar wird es die Blaumana iela, im März voraussichtlich ein Teil der Barona iela sein, der stundenweise geschlossen wird.

Foto (Ausschnitt): Latvijas Avize
Wie die lettischen Stadtplaner/innen nun hier "Erfolg" oder "Misserfolg" bewerten wollen, bleibt dabei unklar. Nach Anzahl der Beschwerden? Nach Zählungen mittels Zählpersonal? Laut eigener Pressemitteilung sollen Umfragen unter den Einwohner/innen gemacht werden. Diejenigen Fußgänger, die am 4.Januar von der Presse befragt wurden, äußern sich natürlich erfreut (lsm). Wie aber sieht es mit mutigeren stadtplanerischen Entscheidungen aus? Riga den Fußgängern? Das ist vorerst kaum zu erwarten. "Wir müssen ja gar nicht weit schauen, um gute Anregungen zu finden", lässt sich Architekt Oto Ozols in der Presse zitieren (lsm), "in Vilnius ist der Gediminas prospekt an jedem Wochenende für Autos gesperrt und frei für Fußgänger." Ozols vertritt auch die Initiatiave „Pilsēta cilvēkiem” (Die Stadt den Menschen").
Die Besitzerin eines Blumenladens im betroffenen Straßenbereich äussert sich kritischer: persönlich gefalle ihr die Ruhe ja, aber aus der Business-Sicht eher nicht.

Die nur kurzzeitige und wenig vorhersehbare Straßensperrung brachte es übrigens mit sich, dass die Maßnahme sich nicht auf geänderte Verkehrszeichen verlassen wollte: der Straßenabschnitt war mit Absperrbaken versperrt und mit Polizeiwagen gesichert - um dann aber doch immer wieder die Busse durchlassen zu müssen.

Die Intiative „Pilsēta cilvēkiem” jedenfalls hat bereits Hinweise für Fußgänger/innen und Radfahrer/innen vorbereitet, wie Verstösse gegen Verkehrsregeln am schnellsten den zuständigen Behörden gemeldet werden können - und hat für die Qualität ihrer Arbeit auch bereits  Anerkennungsschreiben anderer Behörden bekommen. Auf dass die alltägliche Realität in Riga zukünftig nicht nur von endlosen Verkehrsstaus geprägt wird!