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22. Oktober 2026

Gute Freunde

"Aber ich bin Minister!" - "Ihr Ministerium können
Sie vielleicht auch besoffen führen, aber ein Auto
nicht!"
(Gatis Šļūka)

Wie im Rausch

Im zurückliegenden Parlamentswahlkampf hatte einer der amtierenden Minister ganz besondere Schlagzeilen gemacht: Sozialminister Reinis Uzulnieks war am 12. September mit sehr viel Alkohol im Blut (von mehr als 3 Promille war die Rede) von der Polizei erwischt worden. Er wurde daraufhin unverzüglich als Minister entlassen. Seine Fraktion der "Bauernunion" (ZZS) schloss ihn daraufhin auch gleich aus der Partei aus - aber als einer der ZZS-Spitzenkanditaten konnte er nicht mehr von den Wahlzetteln gestrichen werden. Nun können ja Lettinnen und Letten alle Kandidatinnen und Kandidaten auf der Parteiliste ihrer Wahl auch mit Plus- und Minuiszeichen versehen: erstaunlich daher, dass Uzulnieks mit 1147 Pluszeichen die meisten der gesamten Liste bekam. Allerdings waren auch 1030 Minuszeichen dabei (ebenfalls die meisten auf der gesamten Liste der ZZS für Zemgale). 

Am 10.Mai war es Verteidigungsminster Andris Sprūds gewesen, der nach Meinung der damaligen Regierungschefin Evika Siliņa nicht genug unternommen hatte, um den lettischen Luftraum vor Drohnenangriffen zu schützen (er trat zurück im selben Moment, als Siliņa seine Entlassung bekannt gab). 

Der Holzmichel 

Aber es gab ja auch noch Armands Krauze. Seit 2023 als Minister für Landwirtschaft und Forsten im Amt, gleichzeitig auch Vorsitzender der Fraktion "ZZS". Im März 2026 leitete die Generalstaatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen ihn wegen mutmaßlicher rechtswidrigen Gewährung von Beihilfen an Holzunternehmer ein; am 14.Mai wurde er von lettischen Ermittlungsbeamten vorläufig festgenommen. Daraufhin hatte Siliņa auch ihn vom Amt suspendiert - eine ihrer letzten Amtshandlungen als Ministerpräsidentin. „Ich kann keinen Verdachtsschatten über Regierungsmitgliedern dulden“, so Siliņa. Noch am selben Tag, am 14. Mai 2026, gab Siliņa ihren eigenen Rücktritt bekannt, nachdem ihre Regierungskoalition keine Mehrheit mehr im Parlament hatte. 

Manchmal fallen lettische Minister nicht tief, wenn sie denn fallen. Krauze hatte vor seiner Ernennung zum Minister einen Platz im lettischen Parlament - den nahm er schon eine Woche nach seiner Suspendierung wieder auf (Nachrücker müssen dann den Platz wieder räumen). Allerdings erhielt die ZZS jetzt bei den Wahlen landesweit nur 4,4%, und Armands Krauze gelang es, die meisten Minuszeichen der gesamten Parteiliste einzusammeln (cvk). - Andris Sprūds dagegen wurde jetzt erneut für seine Partei "Progresīvie" erneut ins Parlament gewählt, ebenso wie Evika Siliņa für "Jauna Vienotība". 

Geschenkte Traktoren ? 

Der Fall Krauze scheint jedoch noch nicht abgeschlossen. Schon im Mai hatte er verkündet, in der Regierung Kulbergs nicht mitarbeiten zu wollen (LA). Dem Generalstaatsanwalt warf er vor, von Politikern beeinflusst und gelenkt zu werden (LA) 

Journalistin Ieva Jakone hat sich auf den Weg gemacht und Armands Krauze zu Hause (im Dorf Inciems) besucht. Sie wollte dem Verdacht nachgehen, Krauze habe von "einem Freund" aus der Holzindustrie einen Traktor im Wert von 100.000 Euro geschenkt bekommen. Sie stellt fest: auf dem Hof befinden sich mehrere Traktoren älterer Bauert, die sicherlich schon viele Jahre im Einsatz sind. Und dann noch ein neuer CLASS Axion 821 mit Baujahr 2021. (IR)

Sieht so Traktorfahrers Traumland aus?
Es stört kein Baum, kein Strauch ...
Es stellte sich heraus, dass dieser Traktor im Mai 2025 in Valmiera auf den Namen der Firma „RJ Serviss“ gekauft wurde. Eigentümer der Firma ist Nauris Kāpostiņš – der Schwager von Anrijs, dem Sohn von Aivars Lembergs. Der Name Kāpostiņš selbst ist der Öffentlichkeit nicht unbekannt, da er bis zum Jahr 2022 mehrere Jahre lang Eigentümer des Verlags „Mediju nams“ war (lsm). Kāpostiņš soll ein häufiger Gast von Krauze im Landwirtschaftsministerium gewesen sein. Könnte also der neue Traktor als "Dankeschön" für die Entscheidungen des Ministers gedacht sein? 

Krauze selbst sagt dazu, er habe den Traktor gemietet. Aber von wem?  Die Firma von Kāpostiņš betreibt weder Landwirtschaft noch Maschinenverleih - besitzt aber diesen einen Traktor. Warum kauft also jemand einen Traktor, um ihn dann jemand anderem zu überlassen? Krauze dazu: "Ich interessiere mich nicht für solche Details. Ich habe gefragt, von wem ich mieten kann, und er hat ihn vermietet“. 

Auf die Frage, warum Kāpostiņš ihn so häufig im Ministerium besucht habe, antwortet der Ex-Minister ausweichend. Nein, ein Berater sei das nicht gewesen, eben nur ein guter Freund. Ob man über die Holzindustrie geredet habe? "Mein einem Freund redet man über alles Mögliche," so Krauze. 2023 hatte die Regierung in nichtöffentlicher Sitzung den Beschluss gefasst, die Holzindustrie zu unterstützen - was zu Verlusten bei den Staatswäldern von 49,4 Millionen Euro führte (lsm). 14 Unternehmen hatten staatliche Beihilfen erhalten, und sämtliche dieser Firmen schlossen das Jahr 2023 mit Gewinnen ab. (IR)

Wald oder Einnahmen - eines davon muss wachsen

Armands Krauze, der Andi Scheuer der lettischen Politik? Der neuen Regierung wird er nun nach den Wahlen nicht mehr angehören. Der Staatsgerichtshof sieht keinen Grund einzuschreiten, und das lettische Verfassungsgericht wies einen Antrag ab, sich mit dem Fall zu befassen. Auch der jetzige Regierungschef Kulbergs hat bereits abgelehnt, die unter der Vergängerregierung diesbezüglich (insgeheim) gefassten Beschlüsse zu Gunsten der Holzindustrie zurückzunehmen - das sei "rechtlich nicht möglich", so Kulbergs. (LA) 

So wird es also weitergehen mit Berichten wie aktuell dem aus Rucava, nahe der Grenze zu Litauen. "Kahlschlag non-stop", auch bei einem 400 Jahre alten Wald (lsm). "Wir müssen uns entscheiden, ob wir in einem wohlhabenden Land leben wollen, oder in einem Reservat wo die Menschen in Armut leben", solche und ähnliche Zitate werden auch Ex-Forstminister Krauze zugeschrieben. (LA)

3. Juli 2026

Nachbar Petz

Viļķene ist ein kleines Dorf im Norden Lettlands, mit gerade einmal 500 Einwohnern. Kein Ort, der auf bekannten Reiserouten liegt, etwa 50% der Gemeindefläche macht Wald aus. Der Ort gehört zum 1997 gegründeten Biosphärenreservat Nord-Vidzeme (Ziemeļvidzemes biosfēras rezervāts). Hier wohnen etwa sieben Menschen auf einem Quadratkilometer. Vorrang also für die Natur. 

Natur pur

Aber gerade hier wurden auch eine ganz besondere Art von "Nachbarn" beobachtet: im vergangenen Frühjahr waren es neun Bären in Ortsnähe. Und es ist auch nicht der einzige Ort, wo dieser Trend zu beobachten ist: In Lettland nimmt die Zahl der Bären zu, und in diesem Jahr wurden bereits mehrere Exemplare in der Nähe von Wohnhäusern gesichtet. 

Als Jānis Babahins (35) in seinem Haus in Meņģele auf den Balkon trat, sah er in wenigen Metern Entfernung einen Bären. „Er ist einfach vorbeigelaufen!“, sagt der Mann, der von dem Erlebnis auch am nächsten Morgen noch geschockt ist. Während er seine Mitbewohner herbeirief, um sich dieses Wunder anzusehen, war der Bär bereits verschwunden. Doch das Tier wurde von den am Haus installierten Kameras aufgezeichnet, und dieses Video erregte auf Facebook Aufmerksamkeit, ebenso wie mehrere andere „Bärenaufnahmen“ in den sozialen Netzwerken im letzten Monat. Anfang Juni streunte ein Bär sogar über die Hauptstraßen der Stadt Jēkabpils.(IR)

Tierfreunde und Jagdfreude 

In Lettland findet sich die größte Konzentration an Bären in Latgale und Vidzeme, also im Norden und im Osten des Landes. Die Reaktionen sind zwiegespalten: es gibt zwei inzwischen verfeindete Lager. Die einen sind der Meinung, man müsse mit den Bären leben lernen, die anderen fordern eine starke Begrenzung ihrer Zahl. Auf dem Portal „Manabalss“ wurden sogar zwei Initiativen eingereicht: eine für und eine gegen die Zulassung der Bärenjagd. Bislang hat jedoch noch keine die Marke von 10.000 Stimmen erreicht, die erforderlich wäre, um die Initiative ins Parlament (Saeima) einzubringen.

Die Zahl der Bären in Lettland ist in den letzten Jahren tatsächlich gestiegen, bestätigt Guna Bagrade, Leiterin des Bärenmonitorings am lettischen staatlichen Forstwissenschaftlichen Institut „Silava“. „Früher waren Bären in Lettland nur Durchreisende, jetzt werden sie hier auch geboren“, erklärt Gita Strode, Direktorin der Naturschutzbehörde des Naturschutzdepartements.(IR) Forscher schätzen, dass die Gesamtzahl der Bären in Lettland inzwischen bei nahezu 200 liegt (lsm). In Kurland gab es bis vor kurzem noch keine Bären, doch mittlerweile wurden die Tiere auch in dieser Region gesichtet - in Tadaiķi, 20 km vom Küstenort Liepāja entfernt. 

Bärenhype 

"Überfallen die Bären nun unsere Kurorte?" Solche Schlagzeilen produzieren nun die Jagdverbände, die natürlich für eine Abschussgenehmigung plädieren. Den aufgefundenen Spuren zufolge sei es in Tadaiķi ein Jungtier gewesen - also müsse man auch davon ausgehen, dass es auch mindestens noch ein Muttertier und vielleicht Geschwister gäbe. Auch die Jägerinnen und Jäger geben zu, dass eigentlich keine Gefahr für Menschen besteht - die Bären suchen Futter und sind nicht aggressiv. Aber dennoch sei eine generelle Abschussgenehmigung nötig, ähnlich wie im Nachbarland Estland - damit die Bären sich noch mehr von Menschen fernhalten. Ein einziger Fall sei bekannt, dass in Estland einmal ein Bär einen Radfahrer angegriffen habe - der Mann kam gerade vom Einkaufen, und der Bär habe versucht nach der Einkaufstüte zu schnappen - bis ein Auto vorbeikam und das Tier mit lautem Hupen verscheuchte. (nra) In Estland leben ungefähr 1.000 Bären. 

Da sich die "Bärengeschichten" nun auch in Lettland häufen, werden sie auch gern überall geteilt und wiedergegeben. Einmal berichtet ein Pilzsucher, er habe sich vor einem Bären auf einen Baum flüchten müssen (nra), ein anderes mal werden bei der Autofahrt auf einem Waldweg eine Bärin mit drei Jungtieren gesichtet, die neugierig das Auto beäugen. (lsm) Überall kursieren Verhaltensregeln für den Umgang mit Bären. Lettischen Imkern wird der Schutz ihrer Anlagen durch Elektrozäune empfohlen. 

Bitte nicht füttern!  

Die lettische Naturschutzbehörde (Dabas aizsardzības pārvaldē DAP) sah sich veranlasst, einen neuen Infoflyer zum Umgang mit Bären zu erstellen. Versuche die Tiere zu füttern solle man auf jeden Fall vermeiden, heißt es dort. Man solle dem Tier aber auch nicht den Rücken zuwenden, und keine Gartenabfälle am Waldrand deponieren und keine Essensreste in der Natur liegenlassen.(daba.gov.lv) Bei einem Gesprächstermin, den die Behörde für von Bärenbesuchen betroffene Gemeinden angeboten hatte, kamen 170 Teilnehmende (daba.gov.lv). Allgemeiner Ratschlag: Ruhe bewahren, und den Bären nicht zu nahe kommen. In den Jahren 2018 bis 2025 wurden aus Bärenspuren systematisch genetische Profile erstellt - 115 verschiedene Tiere wurden so insgesamt identifiziert. 

Ein Thema des lettischen "Bärenmonitorings" ist unter anderem dass sich "Meister Petz" gerne mal an den Früchten von Apfelbäumen bedient. Aber wenn ein Bär in einer größeren Stadt auftaucht, könnte es auch so ablaufen wie in Jēkabpils (20.000 Einwohner). "Die Menschen haben die Gemeinde zunächst nicht informiert, sondern den Bären mit ihren Autos gejagt, sind ihm sogar hinterhergerannt und haben ihn gefilmt," sagt Gita Strode, Abteilungsleiterin der  Naturschutzverwaltung. ""Dadurch wurde der Bär erhöhtem Stress und gefährlichen Situationen ausgesetzt, und dann könnte so ein Tier auch mal angreifen." (lsm) 

Als sich 2019 in der Gegend um Madona viele Imker beschwerten, viele ihrer Bienenstöcke seien zerstört worden, konnte festgestellt werden dass ein einziger Bär die Ursache war. "Der hatte sich darauf spezialisiert", sagt Bärenforscherin Bagrade.(IR) Auch Schriftstellerin Dace Rukšāne berichtet von einem Fall, wo bei einem Mitglied ihrer Familie bei Cēsis 11 Bienenstöcke zerstört wurden. Inzwischen habe man den Ort mit einem Elektrozaun gesichert, alles sei wieder ruhig.  

Aber obwohl die Zahl der Bären in Lettland steigt - sogenannte "Problembären", die durch agressives Verhalten dauerhaft Menschen gefährden würden, wurden noch nicht beobachtet. Also muss wohl auch noch nicht der lettische Nationalheld, der "Lāčplēsis" (Bärenreißer) herbeigerufen werden. 

15. Juni 2026

Der Baum, der alte Baum

"Mein Freund der Baum", sang einst "Aleksandra", und das Lied endete mit "Er fiel im frühen Morgenrot". In diesem Fall geht es um den Freund der Bäume. Er fiel niemals, er wich nicht von der Seite dieser Pflanzen mit ihren Kronen, aber nun ist er nicht mehr da. 

Es geht um Guntis Eniņš. Wenn in Lettland jemand einen großen, alten Baum sieht, der nicht mit den eigenen Armen umfasst werden kann, dann denken viele eben genau an zwei Dinge: an den Begriff "Dižkoks", und an Guntis Eniņš. Und wahrscheinlich muss hinzugefügt werden: dies sind lettische Gedankengänge. Es geht um Menschen, denen bewußt geworden ist, welche Naturschätze das eigene Land ausmachen. "Bei uns gibt es keine Niagarafälle oder andere Sensationen", so ein oft gehörter Satz gegenüber denen, die Lettland zum ersten Mal besuchen und kennenlernen wollen. Aber das Wissen darüber, wo die ältesten Bäume, wo besondere oder seltene Exemplare und andere Naturschätze zu finden sind, das ist Guntis Eniņš zu verdanken. 

Vom Ingenieur zum Naturentdecker 

"Wer die Wohnung des Naturforschers Eniņš in Dobele betrat, dem fallen die vielen Zettel zur Selbstorganisation und Inspiration auf, die er ausgedruckt und überall in der Wohnung aufgehängt hat", - so beschrieb es Journalistin Laura Dumbere einmal in einem Beitrag für die Zeitschrift "IR". Eniņš, eigentlich als Ingenieur ausgebildet, habe sich auch eine Liste mit Dingen verfasst, die beim Verlassen des Hauses nicht vergessen werden dürfen: Brille, Geldbörse, Handy, Uhr, Mütze. Dumbere schlußfolgert: "Tatsächlich verkörpert Guntis Eniņš voll und ganz das Bild eines zerstreuten Wissenschaftlers, der nach seiner Brille sucht, die auf seiner eigenen Nase sitzt, und an jedem Fuß eine andersfarbige Socke trägt - denn es gibt doch viel wichtigere Dinge, mit denen man sich beschäftigen kann."

Sorgsam kartiert

Bücher wie "100 dižākie un svētākie" ("Die Hundert Größten und Heiligsten", 2008) "Nezināmā Latvija" (Unbekanntes Lettland", 2015). "Koki mājas nepamet" ("Bäume verlassen ihr Zuhause nicht", 2017), oder "Latvijas dabas brīnumi" ("Naturwunder Lettlands") stammen von Guntis Eniņš. Wundersam verwachsene, alte Bäume sind dort beschrieben, aber auch besondere Steine am Meeresufer, Hügel auf denen einst Burgen lettischer Vorfahren standen, malerische Felsen. Oder auch versteckte Höhlen, wie diejenige am rechten Ufer des Flüsschens Brasla, einem Nebenfluss der Gauja. Hier entdeckte Eniņš eine bis dahin unbekannte Sandsteinhöhle ("Vējiņi"), und auch den einzigen unterirdischen See Lettlands. Er ließ sie von seinen Geographiestudentinnen und -studenten vermessen, und schuf damit auch ein attraktives Ziel für den Naturtourismus (wenn vorsichtig damit umgegangen wird). (tv3 / LA / dziedava)

Aussagen wie diese sind typisch für den Naturforscher Eniņš: "Ich wünsche mir, dass mein Buch ein Leitfaden für das Nachdenken und die Suche ist, ein Leitfaden auch für das Verstehen, Ergründen und Würdigen Lettlands, ein Leitfaden für die Liebe zu Lettland." Also: gedacht für die lettischen Landsleute, das eigene Land besser kennenzulernen. (dabasdati)

Die Baumaufsucher 

Schon 1976 hatte der Dichter Imants Ziedonis (1933-2013) die "Baum-Befreiungs-Bewegung" (Dižkoku atbrīvotāju grupa, DAG) begründet. Auch Eniņš war ein "dižvietu atbrīvotājs", ein "Befreier großartiger Orte". Um diese Leitfiguren herum versammelten sich bei DAG vorwiegend städtische Intellektuelle, mit dem Ziel, die bis dahin vernachlässigte lettische Kulturlandschaft zu pflegen. Keine Massenbewegung, eher eine Art erweiterter Freundeskreis. 

Guntis Eniņš erfasste und beschrieb mehr als 900 Baumbestände in Lettland, und während der Zeit der Lettischen SSR setzte er sich für ein Verbot der Sprengung von Bäumen ein (eine bei Kolchosen übliche Umgangsweise mit solchen "Hindernissen"). Er gründete dann die "Dabas retumu krātuve" ("Sammlung naturkundlicher Raritäten") und setzte sich für deren Erhalt ein. 

Guntis Eniņš nannte die von ihm sorgsam kartierten Bäume nicht einfach Bäume - er gab ihnen oft individuelle Namen wie  "Rieseneiche", "Opfer-Eiche", "die Erhabenste", "Eichen-Urvater", "Mädchenbaum", "der Gequälte", "die Königin, oder "der Zeitzeuge" (delfi). Guntis Eniņš ist am 8. Juni 2026 verstorben, kurz vor seinem 93. Geburtstag. In lettischen Medien ist zu lesen: nun gibt es einen alten Baum weniger… (Lasi)

31. März 2026

Tote Tiere im Wahlkampf

Lettland wirbt mit seinen Naturlandschaften: man denkt zum Beispiel an Kap Kolka, an die breiten Stromschnellen bei Kuldiga, den Märchenpark von Tērvete, an die natürlich erhaltenen Strände der Ostsee, und an viele Flüsse und Seen. Als höchste Naturschutzkategorie gibt es auch in Lettland Nationalparke: an der Gauja, am Kolkasrags bei Slītere, am Rāznas-See im Osten Lettlands, und eben in Ķemeri, einem alten Kurort unweit von Jūrmala. Der Nationalpark in Ķemeri besteht seit 1997, kann also bald sein 30-jähriges Bestehen feiern. Doch zur Zeit macht der Ort unrühmliche Schlagzeilen: auf den Wiesen des Nationalparks sollen in kurzer Zeit ungewöhnlich viele Tiere verendet sein. 

Wilde Wiesen, wildes Leben

Es geht um Kühe und Pferde. Genauer gesagt: um Auerochsen und Konik-Pferde. Im Jahr 2004 wurden im Rahmen eines „LIFE-Nature“-Projekts der Europäischen Union 15 Auerochsen aus Belgien hier angesiedelt. Ziele waren die Wiederherstellung von Graslandbiotopen und die Renaturierung offener Landschaften. 

Und das, was heute als "Auerochsen" auf dem Nationalparkgelände frei leben kann, sind gezielte Züchtungen mit dem Ziel, etwas Ähnliches wie die Urform der Hausrinderrassen wiederzubeleben (youtube). Die ersten erfolgreichen Züchter waren die deutschen Zoologen Heinz und Lutz Heck (daher manchmal auch "Heckrind" genannt). (youtube / NLWKN)
Nun greift der Mensch nur noch minimal in das Leben dieser Tierherden ein, wie es auch Andis Liepa, Leiter der Stiftung Nationalpark Ķemeri, schon vielfach der Öffentlichkeit zu erläutern versuchte (jauns / lsm / youtube). 

"Latvia Travel" schreibt als Info für Touristen: "Auf den von Wäldern umgebenen Dunduru Wiesen weiden in einer großen Koppel Heckrinder und Pferde der Rasse Polski Konik. Diese Tierarten sind speziell für das Leben unter freiem Himmel gezüchtet worden und sehr ähnlich ihren längst ausgestorbenen Vorfahren – den Auerochsen und Tarpanen, diese Tiere kann man vom Aussichtsturm beobachten."

Naturidylle per Vertrag 

Bei den Konik-Pferden gab es 2005 zunächst einen Partnerschaftsvertrag mit dem World Wildlife Fund (WWF, als Tierhalter, anfangs 15 Kühe und 10 Pferde). 2010 übergab der WWF die Auerochsen und Konik-Pferde (inzwischen 87 Tiere) an die Stiftung Ķemeri-Nationalpark (ĶNPF). 466 ha gepachtetes Gelände steht zur Verfügung. Im Laufe der Jahre hat sich Zusammensetzung der Herden auf natürliche Weise verändert und die Tiere haben sich in freier Wildbahn ohne menschliches Zutun und ohne tierärztliche Aufsicht vermehrt.

Ein Problem blieb bestehen: das lettische Gesetz sieht keine Sonderregeln für "wild" gehaltene Tiere vor - und verlangt zum Beispiel regelmäßige Blutproben und Untersuchungen aller Tiere, was aber ein Einfangen und Verschrecken aller Tiere zur Folge hätte. Andis Liepa kennt diese Diskussion schon seit vielen Jahren - und hofft auf ein konstruktives Vorgehen der Behörden. (jauns) 2024 kam es sogar schon einmal zu einem Gerichtsprozess. Naturschützer Liepa ist der Meinung, die sich häufenden Beschwerden seien besonders von Jagdvereinen zu erwarten, die ihre Aktivitäten hier ausweiten und nur zu gern die Stiftung als Verwalter loswerden möchten. (lsm) 

Dutzende Tierkadaver? 

Nun aber ist plötzlich in manchen lettischen Zeitungen von "Dutzenden toter Tiere" die Rede (lsm). Zitiert wird auch Aldis Stepanovičs, ein Bauer, mit der Behauptung: "Meiner Beobachtung nach verkümmern die Tiere hier einfach und sterben. Ich glaube, dass die Haltungsbedingungen hier ungeeignet sind.“

Inzwischen hat das Thema schon sehr viele, die sich berufen fühlten, zu einer öffentlichen Stellungnahme bewogen: Lettland befindet sich im Wahlkampf. Der Landwirtschaftsminister, Politiker verschiedener Parteien - und die zuständige Naturschutzbehörde hat auf ihrer Website eine Erklärung veröffentlicht, wonach sie lediglich als Verpächterin des Grundstücks auftrete und daher die gesamte Verantwortung… beim Pächter – dem Verein „Stiftung Ķemeri-Nationalpark“ – liege (NTZ).  

Wie viele Tiere sind wirklich gestorben? Anfangs kursierten immer höhere Zahlen, von bis zu 79 Kadavern war die Rede, es gab sogar einem offenen Brief an den Staatspräsidenten. Die lettische Polizei startete eine Untersuchung. Naturschützer Liepa dagegen betont, dass die Zahl der Todesfälle deutlich übertrieben sei und der Tod der Tiere nichts Außergewöhnliches darstelle: „Der Winter dieses Jahr war einfach härter, und diejenigen, die in den vergangenen Wintern überlebt hatten, sind dieses Jahr in größerer Zahl gestorben“. (IR)

Der natürliche Lauf der Dinge 

Nach Ansicht von Ivars Lodiņš, dessen Jagdverein eine Genehmigung zur Jagd auf Wildschweine und Biber in den Dunduru-Wiesen besitzt, gibt es diese Probleme schon seit Jahren. „Ob es Überbevölkerung ist, oder einfach Nachlässigkeit, Unterernährung – schwer zu sagen“ meint Lodiņš. Es sei zu überlegen, ob es wirklich akzeptabel sei, so viele verendete Tiere in der Natur zu belassen. - Aber auch Baiba Kārkliņa vom lettischen Landwirtschaftsministeriums bestätigt, dass die hohen Zahlen der Kadavermeldungen wohl nicht real sind, und darauf zurückzuführen seien, dass die Tierkadaver aus dem direkten Blickfeld entfernt wurden. „Jedes Mal, wenn Menschen ein Tier an einem neuen Ort entdecken, melden sie es“, meint sie. (IR)

Andis Liepa bestätigt, dass bei einer Gesamtzahl von 130 Auerochsen und etwa 100 Pferden insgesamt 40 den Winter nicht überlebt haben (sechs Pferde, 34 Kühe/Ochsen). Diese Zahl bestätigt auch Māris Balodis, Generaldirektor des lettischen Veterinäramts (PVD). Bei einer am 13. März durchgeführten Kontrolle der Behörde seien 30 Tierkadaver in verschiedenen Verwesungsstadien dokumentiert worden – die Tiere seien also nicht alle gleichzeitig, sondern über den gesamten Winter hinweg verendet, einige vielleicht sogar schon in der vergangenen Saison. Während der Inspektion wurden keine deutlich geschwächten oder abgemagerten Tiere beobachtet. (daba.gov.lv)

Auch für Wolf und Adler 

Der im Jahr 2024 verabschiedete Naturschutzplan des Nationalparks Ķemeri bis zum Jahr 2036 sieht vor, dass in den Dunduru-Wiesen des Nationalparks Auerochsen und Tarpanpferde leben werden – halbwilde Tiere, deren Haltung der Weidebewirtschaftung dient. Der Plan sieht vor, dass lebende und verendete Tiere Raubtiere anziehen und diese für die Ansiedlung von Adlern und anderen besonders geschützten Arten von Bedeutung sind.

Das lettische Landwirtschaftsministerium ist - trotz der rechtlichen Unklarheiten - inzwischen der Meinung, dass die hier gehaltenen Tiere rechtlich als "Wildtiere" anzusehen sind. Daher seien Vorschriften für Nutztiere nicht anwendbar. „Deshalb ist hier bezüglich der Anforderungen für diese Tiere die die Naturschutzbehörde zuständig, die sie in ihrem Plan auch als 'halbwilde Pflanzenfresser' definiert hat“, erklärt Baiba Kārkliņa. „Sie sind nicht mehr in unseren Registern verzeichnet, und die Einfuhr dieser Tiere wurde definitiv nicht mit uns abgestimmt!“ - Die Naturschutzbehörde allerdings widerspricht: es seien hier keine Wildtiere, da sie unter kontrollierten Bedingungen gehalten und für einen bestimmten Bewirtschaftungszweck genutzt werden. Es handelt sich um gezüchtete Rassen, die in eingezäunten Gebieten gehalten, bei Bedarf zugefüttert und deren Population gesteuert wird. Daher gelte für diese Tiere die Anforderungen an die Haltung von Nutztieren - also Zuständigkeit des Landwirtschaftsministeriums. Ein schöner Behördenstreit! (IR) Man darf gespannt sein, wie es weitergeht ...

12. August 2025

Schneckentempo

Abseits der wirklich wichtigen Fragen dieser Welt tauchte in diesem Sommer in der lettischen Presse ein Thema auf, das auch schon in den vergangenen Jahren aufkam. Von "Kampf" ist die Rede - diesmal ist nicht Militärisches gemeint. "Lettland kämpft mit vereinten Kräften!" (LVPortals) Objekt des Bemühens ist das Auftauchen von "Spānijas kailgliemezi" - der "spanischen Nacktschnecke", die eigentlich gar nicht aus Spanien kommt - deutsch als Wegschnecke oder Kapuzinerschnecke bekannt (Arion vulgaris). 

Die lettische Presse berichtet über "erhebliche Schäden" in Lettlands Grünanlagen. Und es hat sich sogar schon ein Verein "Bewegung gegen die spanische Nacktschnecke" gegründet. 

Immer die Spanierinnen ! 

Aber wie sollen nun lettische Gartenfreunde tun? Die Schnecken-Feinde organisieren Sammelaktionen: Gummistiefel, -handschuhe und Eimer - und los geht's! Auch eine Taschenlampe ist wichtig - denn die Schnecken sind meist nachts unterwegs. Und schon werden die sozialen digitalen Netzwerke mit Fotos geflutet, ergänzt mit der Frage: "Kann das weg?" Auch Krähen, Elstern, Amseln, Enten oder Igel könnten ja Schnecken fressen - aber die suchen sich lieber etwas Schmackhafteres, wissen die Schneckenvernichter. "Sie verstecken sich immer unter dem Rhabarber!", berichtet Gartenbesitzerin Valda (lsm)

Auch die lokalen Medien berichten. In Limbaži war eine Gruppe von einigen Dutzend Menschen unterwegs, auch Familien mit Kindern, Rentner und junge Leute, um das Areal rund um die Freilichtbühne zu säubern. "Die Eimer füllten sich schnell", so wird berichtet, und die Teilnehmer/innen seien über die Menge der vorgefundenen Schnecken doch sehr erstaunt gewesen (lsm). Und manche Schneckensucher schwören offenbar darauf, die Schnecken nach dem Einsammeln mit Salz zu bestreuen: "damit sie nicht entkommen können!"

Gefräßig und erfolgreich 

Im Jahr 2009 soll die schleimige Spanierin zum ersten Mal in Lettland gesichtet worden sein. Die Ausbreitung bringen manche damit in Verbindung, dass vermehrt Pflanzensetzlinge aus anderen Ländern eingeführt worden seien. Eigentlich kommt in Lettland auch noch die rote Nackschnecke (Arion rufus) vor, jedoch zeigen Erfahrungen aus anderen Ländern, dass die "Spanierin" alle anderen Arten verdrängt (und sogar Weinbergschnecken angreifen und fressen).   

Homo sapiens im Schneckentempo

Sammelleidenschaft 

Krista Kušnere, bei der Gemeinde Saulkrasti für Natur und Umwelt zuständig, lädt Bürgerinnen und Bürger ein, der Gemeinde Schneckenvorkommen zu melden. "Bisher setzen wir Kalk ein, der Eisenphosphat enthält - schädlich für die Schnecke, aber im Boden wird es zu Nährstoffen umgewandelt." (lsm) Und Gemeinden wie Kuldiga stellen Behälter bereit, wo tote Schnecken "entsorgt" werden können. Kleinere Mengen könnten auch einfach dem Kompost zugegeben werden, heißt es - Hauptsache, sie wurden mit heißem Wasser übergossen, so dass auch die Eier abgetötet werden. Eine andere Biologin überrascht mit dem Vorschlag, die "humanste" Art, Schnecken zu töten, sei das einfrieren. (lsm)

Einige andere Gemeinden verwenden auch "Ferramol" (Schneckenkorn) - was aber dann auch andere Schneckenarten treffen kann. Unklar ist noch, ob die Spanische Nacktschnecke in Zukunft offiziell in Lettland als invasive Art eingestuft werden wird - das würde aber bedeuten, dass Landbesitzer/innen die Schnecken unbedingt vernichten müssten, andernfalls könnten Strafen verhängt werden.

Und wie sind die Aussichten? Die Nachkommen der Schnecke schlüpfen im Herbst, sind zunächst klein und winzig, überwintern - und freuen sich dann auf die schmackhaften Sachen im Frühling. 

17. Februar 2025

Bienenfrei

Ein Land wo Milch und Honig fließt - eigentlich keine große Utopie. Kühe und Bienen - dort, wo die Landschaft noch nicht komplett gewinnbringend und Ressourcen verbrauchend durchgetaktet ist, eigentlich keine besondere Erwähnung wert.
Gut, heutzutage haben sich einige Menschen ausgedacht, keine Milch mehr konsumieren zu wollen - und ob jeder Haushalt ein Glas Honig im Regal stehen hat, ist vielleicht auch unsicher. Bei der Nützlichkeit der Bienen dagegen scheinen sich die meisten einig zu sein. 

Nun kam in den vergangenen Monaten auch in Lettland die Frage auf, ob das denn überhaupt Honig ist, was in den Supermarktregalen zum Verkauf steht. 20 Honigproben wurden getestet, davon erreichten weniger als ein Drittel (nur 14 von 20) die allgemeinen Qualitätsstandards. "Was dort auf den Verpackungen als Inhalt ausgewiesen wird, ist das überhaupt Honig?" fragt sich auch Baiba Tikuma vom lettischen Imkerverband (Latvijas Biškopības biedrība LBB). 3300 Imkerinnen und Imker haben sich im 1994 neu gegründeten LBB vereinigt, laut Selbstaussage sind das zwei Drittel aller Imkerbetriebe in Lettland. ("IR")

Der Imkerverband beruft sich auf Kontrollen des lettischen Lebensmittel- und Veterinärdienstes ("Pārtikas un veterinārais dienests"), ausgelöst durch neue Untersuchungsmethoden des estnischen Labors "Celvia" (siehe auch: ZM). Die zuständige lettische Behörde versucht sich hier an einer grundlegenden Definition: "Honig ist eine natürliche, süße Substanz, die von Bienen (Apis mellifera) aus dem Nektar von Pflanzen gewonnen wird." Viel Aufsehen erregte eine Untersuchung von Honig in deutschen Supermärkten, wo ebenfalls die meisten Proben als "nicht echt" eingestuft wurden (Bienenjournal, NDR, ZDF, SWR, Verbraucherzentrale)

Honig nicht gleich Honig? 

Schon 2023 waren Studien im Auftrag der Europäischen Kommission veröffentlicht worden, denen zufolge der Verdacht aufkam, vielen Honigsorten werde unzulässigerweise einfach Sirup beigemischt. Grundlage der neuerlichen Tests war offenbar das Interesse des estnischen Honivermarkters "Nordmel", Honig nach Japan zu exportieren. "Celvia" hatte in Zusammenarbeit mit Hunderten von freiwilligen estnischen Imker/innen eine Datenbank für estnischem Honig erstellt.

 „Die DNA-Analyse erkennt alle Arten von Pflanzen, Bakterien, Pilzen und Insekten, mit denen Honigbienen und Honig in Kontakt kommen", erklärt "Celvia"-Repräsentant Kaarel Krjutškov. "Die DNA -Sequenzen von Hunderten und Tausenden von Arten beschreiben die Zusammensetzung von Nektarpflanzen und ermöglichen unter anderem die Überwachung von Bienenpathogenen und Parasiten. Gleichzeitig hilft das DNA-Profil dabei, die Authentizität und den Ursprung des Produkts zu identifizieren, da die Pflanzen den geografischen Bereich der Biene zeigen“.  

Unlauterer Wettbewerb?

Lettische Imkerinnen und Imker fordern nun eine einheitliche Regelung für alle Länder der Europäischen Union: erstens die Anerkennung der DNA-Testmethode, und zweitens soll alles, was dort als nicht natürlich identifiziert ist, nur noch als "künstlicher Honig" verkauft werden dürfen (PVD).  

Allerdings gibt es auch auf dem lettischen Honigmarkt Tendenzen, die ungewöhnlich wirken. In Lettland gibt es fast 5000 Honigerzeuger (siehe LBB), da möchten manche gern durch besondere Angebote auffallen: Honig mit Johannnisbeer- oder Himbeer-Zugabe, oder "Schokoladenhonig" sind da nur Beispiele. Ein Beerenanteil von 30% pro Glasinhalt scheint ziemlich üblich - und sogar Beeren vom Schneeballstrauch oder vom Chinesischen Limonenbaum (lettisch "Citronliāna") können sich im Honigglas wiederfinden (z.B. meduspils). Zwar gilt wohl das Argument "alles auf Grundlage des Naturprodukts", aber dem könnte zum Beispiel entgegen gehalten werden, dass zum Beispiel Schokolade ja nicht mit in Lettland hergestellten Rohstoffen hergestellt wird. 

Stolz auf die eigene Ernte

Der Imkerverband empfiehlt die Kennzeichnung regionaler (lettischer) Produkte mit “Ievākts Latvijā” (sinngemäß: "geerntet in Lettland"). Damit sei garantiert, dass keine Zweitvermarkter am Werk waren, es sich nicht um ein Mischprodukt handle, und der Honig "nicht aus der Ukraine, China, oder anderen Ländern" komme. (Meduspils)

Gemäß Umfragen der Agentur SKDS geben 68% der Verbraucherinnen und Verbraucher in Lettland an, Honig als Zusatz zu Getränken wie Tee, Kaffee, Wasser etc. zu verwenden. 26% nutzen Honig als Bestandteil der Essenszubereitung, so dieselbe Umfrage. 

Um Honig im öffentlichen Bewußtsein präsent zu halten, baut das lettische Honig-Marketing unter anderem auf das "Honigfrühstück" ("Eiropas medus brokastis") - eine Kamapgne, die 2007 in Slowenien zuerst durchgeführt wurde. Seit 2013 besuchen auch in Lettland Imkerinnen und Imker Schulen und verteilen Honig-Kostproben (Sala, Talsi, Vecsaule, Daugavpils, Taurupe, Valmiera, Priekule, Staļģene, und viele andere). In Deutschland berichtete zwar das "Bienenjournal", mitmachende Schulen gab es jedoch bisher nicht. 

Eine andere lettische Inititave versucht, bestimmte Orte zu "Bienenbotschaften"("Bišu vēstniecības") zu erklären. Diesem Konzept hat sich das Hotel "Janne" in Riga angeschlossen. Ein kleines 3-Sterne-Hotel im Ortsteil Āgenskalns, das auf dem Dach eigene Bienenstöcke ("Bienenhäuser") betreibt. "In Āgenskalns sind Linden weit verbreitet, die die Hauptnektarquelle für Jannes-Bienen darstellen", heißt es hier.

Kundenfragen und Zunftsvisionen

Um aber mit billigen Massenprodukten konkurrieren zu können, zählt auch die Ästhetik. "Manchmal bildet sich etwas weißer Schaum auf dem Honig im Glas", gibt Imkerin Baiba Tikuma zu, "und in Internetforen wird dann gefragt: Ist das gefährlich?" Verbraucherinnen und Verbraucher mögen es eben gern transparent und sauber. ("IR") In diesem Fall sind es aber nur Luftbläschen - die sich vor allem dann bilden, wenn wenig Wasser im Honig vorhanden ist – also eher ein Qualitätsmerkmal.

Laut lettischem Amt für Statistik ist die Honigproduktion in Lettland stark angestiegen: waren es 2013 noch 1555 Tonnen, so waren es 2023 schon 2319 Tonnen. Der Verbrauch jedoch geht zurück: gegenwärtig sind es pro Jahr und Einwohner/in noch 710 Gramm - fast 100g weniger als vier Jahre zuvor ("IR"). In Deutschland dagegen deckt heimischer Honig nur 30% des Bedarfs. Imkerin Baiba Tikuma hat einen interessanten Vorschlag für die Zukunft in Lettland: "Bei uns hat doch jeder seinen eigenen Zahnarzt, jeder und jede den eigenen Friseur. Warum nicht auch den eigenen Imker oder Imkerin? Das ist doch genauso eine Frage der Gesundheit!" ("IR")

16. September 2024

Darmstädter Waldluft

Wo liegt eigentlich der Darmstädter Kiefernhain? Eine Frage, mit der selbst gut trainierte Suchmaschinen Schwierigkeiten haben. Denn nein, es ist nicht das Naturdenkmal in Darmstadt-Eberstadt, und auch nicht die KITA Kiefernhain. Gemeint sind schon richtige Bäume, angepflanzt Ende des 19. Jahrhunderts. Es sind Kiefern, die in einem Naturschutzgebiet wachsen, und inzwischen also um die 120 Jahre alt sind (Darmštates priežu audze). Das Saatgut wurde aus Deutschland nach Lettland gebracht, die lettische Naturschutzverwaltung beschreibt das Gebiet inzwischen so: "ein gescheiterter Versuch Darmstadt-Kiefern anzubauen, die für die klimatischen Bedingungen Lettlands ungeeignet sind." Und die lettische Forstverwaltung schreibt: "dies ist der einzige Darmstädter Kiefernwald in Lettland." 

Oberförster eigenwillig

Das Gebiet steht schon seit 1977 unter Naturschutz, ist 4,69 ha groß, liegt am Ufer des Flusses Lielupe und zählt heute zum Gebiet der (1959 gegründeten) Gemeinde Jūrmala. Ein Naturschutzkonzept bezeichnet das Gebiet als "dendrologische Besonderheit", denn besonders schützenswerte Tiere oder Pflanzen gibt es in diesem Gebiet nicht.

Das Saatgut sei Ende des 19.Jahrhunderts von einer Firma Keller aus Darmstadt bezogen worden, heißt es. Verantwortlich für die Anpflanzung war damals Eižen Ostvalds (Eugen Ostwald), deutschstämmiger Oberförster der Region Riga, der sich geweigert haben soll, den Wert lokaler Saatguterzeuger anzuerkennen. Er hoffte auf schnelles Wachstum und Gewinne durch den Holzverkauf - aber das Gegenteil trat ein. "Schon nach 10 Jahren war zu sehen, dass die Anpflanzungen mehr Äste und Zweige aufweisen - also nicht so gutes Holz ergeben," bestätigte auch der Dendrologe und Landrat Max Sivers (1857-1919). Und ein Teil der Anpflanzungen sollen schon den harten Winter 1887/88 nicht überstanden haben.

Krumm und schepp

Es soll damals hitzige Diskussionen in der Presse Lettlands zu diesem Thema gegeben haben. Der Darmstadter Firma wurde sogar unterstellt, die Samen billig aus Südfrankreich eingekauft und nicht einmal selbst hergestellt zu haben. "Kein Forstmann kann es verantworten, der Nachwelt Krüppelbestände zu hinterlassen", so urteilte Landrat Sivers in einer Forstfachzeitschrift. Die meisten dieser Anpflanzungen wurden später wieder entfernt. Heute ist nur die Anpflanzung in Jūrmala noch erhalten. 

Eigentlich gibt es auf diesem Gebiet auch keine Besiedlung. Allerdings befindet sich in der Nähe, auf dem Grundstück Bražuciems 0701, schon seit der Sowjetzeit eine sogenannte "Sommerzeltstadt", inzwischen auch mit mehr als nur Zelten - und es ist unklar, wieviele Menschen dort eigentlich auch ständig wohnen. (lsm)

Spenden für Darmstadt?

Vielleicht könnte Jūrmala ja heutzutage ein paar gute Kiefernsamen "zurückspenden" an Darmstadt? Die heimische Presse dort schreibt inzwischen vom "Kieferntod in Darmstadts Wäldern" (echo/ FAZ) Allerdings kennt man sich in der Ex-Residenzstadt offenbar schon lange mit krummen Kiefern aus: dort gibt es die "Schepp Allee", wo schon im 18. Jahrhundert Kiefern an Straßenrändern angepflanzt wurden, um die hochherrschaftlichen Kutschen vor dem überall herumfliegenden Sand zu schützen (Stadtlexikon). Ergebnis: lange hielten sich die Kiefern nicht. 1879 soll es 210 echte scheppe (schiefe) Kiefern gegeben haben, und 1954 waren noch 30 Kiefern übrig, die in ihren so ungewöhnlichen Wuchsformen überdauert hatten und, wie es heißt, Kindern einen idealen Kletterplatz boten  (stadtundgruen) (siehe Abb. Stadtarchiv Darmstadt)

Eine Partnerstadt in Lettland hat Darmstadt ja auch schon - seit 1993 ist das Liepāja. Ob es bei Besuchen aus Hessen bald regelmäßig Ausflüge zu den "Darmstädter Kiefern" gibt? Wohl eher nur für ganz eifrige Dendrologen.

30. März 2024

Wolfs Unfreunde

in Lettland eingeführt:
Wolfsspuren erkennen mit Handy-App

Ja, es gibt das Wort "Nedraugi" im Lettischen. Der "lettische Tezaurs" sagt dazu: "Nedraudzīgs cilvēks" ("unfreundlicher Mensch"). Oder, wo ein Beitrag auf "Lasi.lv" meint: "Vasaras nedraugi - traumas" (vielleicht übersetzbar mit "Verletzungen - des Sommers Unfreuden"). Mir geht es hier allerdings um die Tierwelt. 

Im Grenzland

Mehreren lettischen Presseberichten zufolge spielte sich Ungewöhnliches in der Gemeinde Vilce ab, ganz im Süden Lettlands an der Grenze zu Litauen gelegen. Ein Ort mit nur noch knapp über 1.000 Einwohner/innen, stark von Landflucht betroffen, also eine eher verlassene Gegend. Landschaftlich sind dort einige Flüsse, auch Sandsteinfelsen, feuchte Laubwälder, mäßig feuchte Wiesen anzutreffen. Aber die Idylle wurde schon im vergangenen Jahr häufig durch ungewöhnliche Vorfälle gestört. Viele meldeten: mein Haustier ist verschwunden! 

Vielfach geht es um Hunde. Menschen, die in weit abgelegenen Häusern wohnen, oft auch allein, umgeben sich natürlich gern mit Haustieren, und diese müssen dort nicht in Haus oder Wohnung eingesperrt leben. Freien Auslauf haben sie also - und gerade das wurde einigen zum Verhängnis. Es häuften sich die Notrufe bei der lettischen Forstverwaltung, dass Wölfe solche Haustiere angreifen. Solche Schadensfälle müssen in Lettland bei der Forstverwaltung (Valsts meža dienests VMD) gemeldet werden, diese hat inzwischen eine eigene Handy-App entwickelt, um solche Schadensmeldungen zu erleichtern. Ab dem 1.April müssen inzwischen auch alle Jagdberechtigten sämtliche Jagdbeute per Handy-App domumentieren - so verlangt es eine Änderung im lettischen Jagdgesetz (lsm)

Angeleint - ohne Chance

Vilce kam Anfang Januar in die Schlagzeilen der lettischen Presse, da dort gleich mehrere Haushunde Opfer von Wölfen wurden (nra / apollo / tvnet). Betroffen war zum Beispiel Mārīte Zurovska, deren Hund "Kūpers" eines Morgens um das Haus lief und verschwand. Als dann auch zwei alte Katzen nicht mehr auftauchten, habe sie die Tiere gerufen, gesucht, ihre Tochter zu Hilfe gerufen - es hätten sich aber nur noch ein paar wenige Blutspuren finden lassen. Bei der Nachbarin seien innerhalb eines Tages gleich zwei Hunde verschwunden. "Im Gegensatz zu Katzen und Menschen", schreibt Journalistin Laura Dumbere, "steht der Hund auf dem Lieblings-Fastfood-Speiseplan des Wolfes – Futter, das ohne großen Aufwand beschafft werden kann und welches das clevere Raubtier aufzuspüren und zu täuschen weiß." Noch einfacher wird es, wenn die Hunde angeleint sind. (IR)

Bisher waren im Süden Lettlands, in Zemgale, wenig Zwischenfälle mit Wölfen gemeldet worden. "Es gibt dort nicht so viele Schaf- oder Rinderzüchter, eher Getreide- oder Rapsfelder," meint Jānis Ozoliņš, der am Institut für Waldwirtschaft "Silava" arbeitet (IR). Aber im Norden Litauens hätten einige mit der Zucht von Damwild angefangen, fügt er hinzu, auch das habe wohl Wölfe angelockt.

Schutz und Schuss

Wölfe sind in Lettland unter Schutz stehende Tiere, aber auch nicht selten. Jährlich wird eine Höchstmenge von Wölfen festgelegt, die landesweit pro Jahr geschossen werden dürfen - 2023 lag diese bei 300 Tieren. (VMD) Der Enziklopädie "Latvijas Daba" zufolge wird die Wolfspopulation in Lettland auf etwa 500 Tiere geschätzt. Insgesamt schwankt die Zahl der Wölfe aber offenbar in Lettland stark: es sollen auch schon mal Tausend Wölfe gezählt worden sein (daba.lv) Und auch Wanderungen eines Wolfes von 20-40km pro Tag sind nichts Unmögliches. Gemäß den gültigen Bestimmungen der EU dürfen Wölfe in Lettland in begrenzter Zahl geschossen werden, wenn Lettland eine insgesamt stabile Population und die Überwachung der angewandten Jagdtechniken sicherstellt (VMD). 

Wissenschaftliche Untersuchungen in Lettland zeigen, dass sich Wölfe in Lettland zu etwa 80% von Rehen, Hirschen oder Wildschweinen ernähren; in den 1990iger Jahren waren es (in manchen Gegenden bis zu 30%) auch Biber. Vereinzelt kommen dann auch Hasen, andere Nagetiere, Vögel, Reptilien oder Insekten dazu. Besonders dort, wo wenig wildlebende Huftiere sind, greifen Wölfe auch Haustiere an - im nördlichen Teil Lettlands allerdings sehr viel seltener als in den südlichen Landesteilen. Und offenbar sind es besonders einzeln lebende Wölfe, die sich auch auf Haustiere spezialisieren können (VMD) Aktuelle Statistiken zeigen, dass unter den getöteten Haustieren meistens Schafe betroffen sind (82,1%), Rinder zu 8,2%, Ziegen 5,9% und Hunde zu 3,8% (unter den verletzten Tieren sind zu 6,8% Hunde).

26. September 2023

Wiesen, Wald- und Feldesrand

"Zāle" ist nicht gleich "Zāle" - ließe sich vielleicht auf Lettisch sagen (wer nicht gerade "Nezāle" meint). Gras, oder vielleicht doch Kräuter? In der Mehrzahl verwendet, könnte der Begriff ("zāles") auch auf Medizin hinweisen.

Nur noch auf 0.9% der Landesfläche Lettlands finden sich noch Naturwiesen - aber nur ein Drittel der Bevölkerung ist sich darüber klar, dass solche Wiesen akut gefährdet sind, so eine in diesem Jahr vorgelegte Studie der lettischen Naturschutzstiftung ("Latvijas Dabas fonds" LDF). 18% der Befragten  zeigten sich bei in diesem Zusammenhang durchgeführte Umfragen bereit, Naturwiesen auf dem eigenen Grundstück anzulegen oder zu erhalten, und 14% sammeln sogar Samen auf Naturwiesen um sie auf eigenem Grund auszusäen. (lsm)

Zählt auch die Bekämpfung sogenannter "invasiver Pflanzenarten" dazu, um Naturwiesen zu schützen? 29% antworteten mit "Ja", meinten dabei aber, entsprechend der Fragestellung, nicht nur die Beseitigung von Riesenbärenklau (Sosnovska latvānis / Heracleum sosnowsky), sondern auch zum Beispiel das Ausrotten von Lupinen. Diese seien in Lettland ebenfalls "nicht einheimisch", so heißt es - obwohl sie bereits viele Straßenränder oder das Gelände verlassener Wohnstätten zieren, und mit sehr schönen Blüten erfreuen. Lupinen sind in der Lage, Stickstoff aus der Luft an der Wurzel zu binden und so die Bodenqualität zu verbessern. Der lettische LDF aber ruft regelmäßig auf: "Pflückt so viele Lupinen wie ihr könnt!" (jauns / santa). Einheimische Pflanzen würden auch von Lupinen verdrängt, heißt es. Und die lettische Naturschutzverwaltung hat inzwischen nicht nur eine eigene Webseite eingerichtet, um die Bevölkerung über "invasive Arten" zu informieren (also eigentlich zu warnen), sondern ruft auch dazu auf, das Vorkommen solcher Arten bei den Behörden zu melden. Die Liste der invasiven Pflanzenarten in Lettland weist derzeit 33 Arten auf, darunter auch die "Kartoffelrose" ("Krokainā roze") deren Früchte als "Hagebutten" bekannt sind, und die "Kanadische Goldrute" ("Kanādas zeltgalvīte").

Ähnliches ist aber auch in Deutschland bekannt. Die "Welt" schreibt süffisant von der "SOKO Lupine", der BUND Bayern ruft zum gemeinsamen "Lupinenstechen" auf  und stellt fest: "Seltene Pflanzen, die gerne auf mageren Standorten wachsen, werden von der Lupine verdrängt." Sogar Wanderer werden hier aufgefordert, "Lupinenblüten abstreifen und damit das Samenbilden zu verhindern".

Inzwischen wird der Erhalt von Naturwiesen auch durch die EU gefördert (LDF) Naturwiesen seien in Lettland schlecht geschützt, heißt es hier in den Projektzielen des LDF. Vieles würde einfach gepflügt oder aufgeforstet und gehe dadurch verloren. 

Nicht alles, was sich auf lettischen Wiesen findet
(wie hier nahe Mazirbe in Kurland) ist auch
"natürlich" - hier ist es wohl mal wieder ein
"Gartenflüchter" (bunter Eisenhut / Raibā kurpīte)

Was lernen wir daraus? Auch Lettland ist nicht einfach ein "Paradies unzerstörter Natur", wie es vielleicht manchem westeuropäischen Städter vorkommen mag, der zum ersten Mal sich die Zeit nimmt, Lettlands Landschaften zu erkunden. Sowohl die Land- und Forstwirtschaft, wie auch die Lebensweise nähert sich dem an, was wir auch aus Westeuropa kennen. Dem entsprechend gleichen sich auch die Versuche an, etwas "Natürliches" zu erhalten, ebenso die Diskussion darum, was eigentlich "natürlich" ist. 

Kenntnisse über einheimische Pflanzen sind selbstverständlich auch Bestandteil des Schulunterrichts in Lettland. Da finden sich Sätze wie dieser: "Gewöhnlicher Flieder wird in Lettland seit mehr als zwei Jahrhunderten angebaut, sein Ursprung liegt jedoch in Asien." (uzdevumi.lv) Überall finden sich Hinweise, welche "fremden Arten" es in Lettland gäbe. 

Und wer sorgfältig hinschaut,
findet dann doch manchmal etwas aus
der Artenvielfalt der "lettischen Natur-
wiese" - hier ist es der sogenannte
"Nickende Zweizahn"
(lett. "nokarenais sunītis")

Schwieriger zu finden sind genaue Angaben, was denn unter einer "Naturwiese" in Lettland genau zu verstehen ist. Was wächst dort? Bei der bereits erwähnten LDF-Umfrage wurden am häufigsten roter Mohn (Lauka Magone), Kornblume (Rudzupuķe) und Margeriten (Pīpenes) genannt. Mohn, von "Latvijasdaba" sogar als "Unkraut" bezeichnet, wächst wohl auch auf Brachland, in Kiesgruben oder an Bahnlinien. Die Kornblume, wie der Name schon sagt, gerne zwischen (ungespritztem) Getreide (wenn nicht im eigenen Garten). Die Margerite, zumindest die in Lettland vorkommende Art (Leucanthemum vulgare) ist tatsächlich typisch für Magerrasen - also gerade das, was hier wohl als schützenswert gemeint ist.  Aber selbst die Margerite hat sich inzwischen in Afrika, Indien, China, Australien und Neuseeland ausgebreitet und gilt dort wiederum als "Neophyt" (vom Menschen eingeschleppt, also invasiv). In Lettland gilt sie dagegen auch als "Nationalblume".

Glücklicherweise habe ich schließlich noch die Broschüre "Kas aug dabiskās pļavās?" gefunden, an deren Zusammenstellung auch der LDF beteiligt ist (auch in digitaler Version). Dort sind immerhin 194 verschiedene Arten aufgelistet und mit Illustrationen und Beschreibungen versehen. Hier finde ich auch endlich diejenigen Arten, die mir als "Wessi" in Lettland schon beim ersten Besuch besonders aufgefallen sind: zum Beispiel Wachtelweizen (Birztalas nārbulis), Zichorie (Wegwarte / Parastais cigoriņš) oder Schlüsselblumen (Gaiļbiksīte). 

Tipps für lettische Naturwiesen gibt es inzwischen auch in bewegten Bildern auf Youtube ("Darām pļavu kopā!" - Lettisch mit lettischen Untertiteln). Und uns bleibt zu hoffen, dass die 0,9% in Lettland erhalten bleiben - unabhängig davon, dass vielleicht jeder und jede eine eigene Definition davon hat, was unter "echter lettischer Natur" zu verstehen ist.

5. August 2022

Jetzt wird geholzt!

Angesichts der kurzfristigen Notwendigkeit, ganz dem Gas aus Russland zu entsagen, beschloss nun die lettische Regierung den Holzeinschlag in den lettischen Wäldern zu erhöhen. Das lettische Landwirtschaftsministerium arbeitet an Vorschlägen, die von einem Mehreinschlag (des "grünen Goldes") von einer Million Kubikmetern ausgehen - das würde eine Steigerung um gut 10% ausmachen.

Die lettische Forstverwaltung dagegen ("Valsts meža dienesta" VMD) betont immer wieder das Bestreben, die Wälder nachhaltig zu sichern - es entsteht aber die Frage, für wen das gesichert werden soll: für den Erhalt der Natur? Oder nur für die Sicherstelllung der weiteren Nutzung? Im März hatte der Verein der lettischen Waldbesitzer (Latvijas Meža īpašnieku biedrība LMIB) eine Pressemeldung herausgegeben, in der es heißt: "Die Forstwirtschaft kann die vollständige Unabhängigkeit der Wärmeversorgung von russischem Gas sicherstellen!" (derselbe Verband beteiligte sich auch an einer Kampagne für die Nutzung von Atomenergie in Lettland).

Auch die lettischen Staatsforsten (“Latvijas valsts meži” LVM) scheinen schon bei der Auswahl des Vorsitzenden auf Imagegewinn zu setzen: Pēters Putniņš (was übersetzt Peter Vögelchen heißen würde) wurde kürzlich zum Chef der Lettischen Staatsforsten  gewählt. Die LVM bewirtschaftet 1,62 Millionen Hektar Land in der Republik Lettland. Getragen wird die LVM vom lettischen Ministerium für Land- und Forstwirtschaft, von der „Lettischen Industrie- und Handelskammer“, vom Baltisches Institut für Corporate Governance und dem Verband der Waldbesitzer. 

Bisher war die Regel, dass ein Beschluss einen Baum zu fällen dann erfolgen kann, indem der Durchmesser des Stammes in 1,30m Höhe gemessen wird. Bei Espen geschieht das in der Regel nach mindestens 41 Jahren, bei Schwarzerle und Birke nach 71 Jahren, Fichten nach 81 und Kiefern nach 101 Jahren. Die Gesetzesänderung besagt jetzt, dass auch Bäume geschlagen werden können wenn sie das angegebene Alter noch nicht erreicht haben. Jetzt können auch dünnere Bäume gefällt werden: der Durchmesser wird bei Birken auf 25 cm, bei Fichten auf 26 cm und Kiefern auf 30 cm reduziert. Dabei weist das Ministerium darauf hin, dass es diese Bestimmungen zum Durchmesser in Schweden und Finnland gar nicht gäbe, und in Estland sogar noch dünnere Bäume gefällt werden könnten (IR). 

Bei bisherigen Änderungen an diesen Regeln, zuletzt 2019, hatte noch das lettische Umweltministerium Einspruch erhoben - und empfahl eine genaue Kartierung ökologisch wertvoller Lebensräume. Diese Kartierung wurde auch gemacht - aber jetzt bewußt beiseite geschoben, so etwa nach dem Motto: wir haben Krieg, wir brauchen Holz! 

Als Lösung für die gegenwärtigen Auswirkungen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine auf Lettland schlug Landwirtschaftsminister Kaspars Gerhards jetzt die Erhöhung des Holzeinschlags vor (siehe: mk.gov.lv) - ohne Rücksprache mit Naturschutzverbänden. Das Ministerium rechnete vor, aufgrund der Änderungen 20% mehr Holzhackschnitzel zu produzieren und deren Preis zu senken - Umweltschützer aber kritisieren, dass diese ja sowieso meist in den Export nach Skandinavien gehen würden, die lettischen Verbraucher hätten also nichts davon. 

Ein neuer Film der lettischen
ornithologischen Gesellschaft
soll den Wert des Waldes als
Lebensraum verdeutlichen

Steigt also der Grad der Abholzungen lettischer Wälder sogar um bis zu 20%, wie es manche voraussagen?

Viesturs Ķerus erinnert sich in einem Beitrag für die lettische ornithologische Gesellschaft (Latvijas Ornitoloģijas biedrība, deren Vorsitzender er ist) an eine ähnliche Diskussion im Jahr 2009; damals habe Kristaps Klauss, Vertreter der lettischen Holzindustrie (Latvijas Kokrūpniecības federācija) gesagt: "Wir brauchen 11 Millionen Kubikmeter Holz im Jahr". "Dieser Satz ist mir in Erinnerung geblieben," meint Ķerus, "denn er bedeutet ja: wir brauchen, also muss der Wald liefern" (LOB).Sich nicht damit zu befassen, was der Wald liefern kann, sei eines der großen Probleme der lettischen Waldwirtschaft, meint Ķerus, und inzwischen sei der Holzeinschlag nun auch schon auf 13 Mill. m³ gestiegen. Seine Voraussage: wenn die nächste Krise kommt, wird es dem Wald weiter an den Kragen gehen. 

Gleichfalls interessant ist zur der Beurteilung der Situation ein Blick auf die Besitzer großer Waldflächen. Klar ist, dass sehr viele lettische Waldbesitzer weniger als 5 ha ihr Eigentum nennen. Ein Blick auf die 20 größten Unternehmen, die in Lettland Wald bewirtschaften, zeigt aber, dass diese 20 Firmen insgesamt über 300.000 ha verfügen (lursoft-blog). Dominierend dabei sind die Schweden: von den 20 größten gehören 5 zur schwedischen "Södra"-Gruppe (die erst 2018 noch einmal viel Wald aufkaufte), und weitere sechs stützen sich auf Kapitalanteile aus Schweden. Drei weitere große Unternehmen kommen aus den Niederlanden, und je eines aus Dänemark und Luxemburg.