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22. Juni 2024

Namenstage

Mitsommer in Lettland - manche nennen es "Ligo-Feier", andere "Johanni", "Jāņi" oder "Vasaras saulgrieži" (Sommersonnenwende). Nach lettischem Kalender ist am 23. Juni "Līga" und am 24. Juni Jānis - und damit gelten diese beiden Namen als die am meisten "lettische Variante" bei der Namensgebung für Sohn oder Tochter. Ein Anlass zur statistischen Bilanz. 

einer der bekanntesten Menschen
der lettischen Kulturgeschichte
mit beliebtem Vornamen:
Jānis Rozentāls

44.994 Menschen in Lettland tragen den Namen "Jānis", das sind 1057 weniger als im Vorjahr. (delfi.lv) In Lettland mag das für eingefleischte Traditionalisten wenig erscheinen - aber im Verhältnis zu den derzeit 1.871.882 Einwohnerinnen und Einwohnern Lettlands, davon 869.000 Männer, macht das immerhin 5,1%. - Das wäre so, als ob von den 84,7 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern in Deutschland, davon 41,8 Millionen Männer, 2,13 Millionen "Johannes" heißen würden. Beliebteste Vornamen für Neugeborene in Deutschland derzeit: Noah, Mattheo, Elias, Leon, Paul (tagesschau).  Insgesamt scheint die weibliche Form "Johanna" beliebter als die männliche Variante zu sein - "Johannes" steht nur in Bayern weiter oben in der Statistik (vor 20 Jahren stand auch "Jan" noch weiter oben im deutschen Ranking) . 

Kann so manches über
lettisches Mittsommerfeiern
vermitteln:
"Kräuterfrau" Līga Reitere

Die Seite "baby-vornamen.de" bedauert, dass es in Deutschland gar keine offizielle amtliche Statistik der in Deutschland vergebenen Vornamen gibt. Das lettische Statistikamt dagegen fügt sogar noch hinzu: 38% aller lettischen Jungs mit dem Namen "Jānis" werden in Familien geboren, wo der Vater ebenfalls "Jānis" heißt; in 195 Fällen heißen sogar Vater und auch Großvater so.

Bei der lettischen "Līga" haben wir keine deutsche Variante (die "Bundes-Liga" mal ausgenommen) 😏 Lettland meldet 10.314 Frauen mit diesem Namen - ziemlich genau 1% der etwa 1 Million Einwohnerinnen, und um 598 mehr als im Vorjahr. (delfi.lv) Zu weiteren Vornamen stellt das zuständige Amt sogar eine Online-Suchmöglichkeit bereit. Wenn allerdings jemand in Lettland die Tochter nach der weltbekannten Janis Joplin benennen möchte - hat wahrscheinlich schlechte Karten bei lettischen Behörden.

Also dann: fröhlichen Namenstag!


15. Januar 2024

Geschmack und Gefallen - und die Suche danach

Lettische Tourismusverantwortliche sind irritiert: gilt es doch durchaus als angesagt, Gästen regionale kulinarische Spezialitäten zu präsentieren. Erst vor wenigen Wochen hatte der "Guide Michelin" zum ersten Mal einem Restaurant in Lettland einen Stern verliehen - was ganz Lettland voller Stolz vermeldete (Max Cekot). 150.000 Euro hat das gekostet, könnte man vielleicht sagen - denn mit dieser Summe hatte die Investitions- und Entwicklungsagentur Lettlands das Michelin-Projekt "Analyse des gastronomischen Potentials in Lettland" unterstützt (lsm). Vom stolzen lettischen Sternekoch Maksims Cekots, dessen Resultate bei Michelin mit "überraschend raffiniert" bezeichnet werden und der auch schon in New York, London und Paris gelebt hat (IR), ist folgendes Lebensmotto überliefert: Wenn Du etwas tun willst, mach es besser als andere, und wenn Du nicht weißt wie, dann lerne von den besten." (delfi)

Sterne und Rankings

Aber wo die einen schon Lettland als neues Gourmet-Paradies sehen, schocken andere die lettischen Traditionalisten mit Hitlisten der "am schlechtesten schmeckenden Speisen". Das Bewertungsportal "TasteAtlas" gewinnt seine Anziehungskraft offenbar vor allem dadurch, dass dort hemmungslos regionale Spezialitäten abgewertet werden können. Und bei den "13 schlechtesten lettischen Speisen" steht was ganz vorn? Ausgerechnet "Sklandrausis", sozusagen der "Stolz Kurlands", wie in Deutschland vergleichsweise Nürnberger Lebkuchen, Thüringer Bratwurst oder Schwäbische Spätzle. "Sklandrausis" ist neben Johanniskäse und Roggenbrot als garantiert traditionelle lettische Spezialität von der EU geschützt (EAmbrosia). 

Wer kennt schon lettische Spezialitäten? So versuchen verschiedene lettische Portale das "Möhren-Kartoffel-Sauerrahm-Törtchen" der Sklandrausis zu bewerben. "Latvianeats" stellt es in eine Reihe mit Champagner, Gorgonzola und Camembert. "Latvianfood" stellt "unverwechselbarer Geschmack durch die einzigartige Kombination der Zutaten" heraus. Und bei "Latviansonline" lernen wir den Unterschied zwischen "skland" und "rausis". 

Tradition und Massengeschmack

Und nun das! "TasteAtlas" identfiziert den "Roggen-Karotten-Pie" (rbb) als schlechtestes Gericht Lettlands und auf Platz 5 der "schlechtesten Gerichte der Welt". - "Die Lebensmittelrankings von TasteAtlas basieren auf den Bewertungen des TasteAtlas-Publikums", so die Eigenwerbung. "Ist Sklandrausis wirklich ein Magnet für Touristen?" fragt daraufhin die Sendung "Kultūršoks" im lettischen Fernsehen und empfiehlt allen Lettinnen und Letten mal darüber nachzudenken, was der Beitrag Lettlands in der globalisierten Welt sein könnte. 

Dženeta Marinska leitet einen von 10 Backbetrieben im lettischen Bäckerberufsverband (Latvijas Maiznieku biedrība), die sich auf Sklandrauši spezialisiert haben. Ihr mangelt es offenbar nicht an Selbstbewußtsein, wenn sie sagt: "Ich habe schon oft erlebt, dass die Leute ihre Meinung über Sklandrauši geändert haben, wenn sie es erst einmal bei mir probiert haben." (lsm) Auch die lettische Tourismuswerbung empfiehlt gerne gerade ihren Betrieb in Kolka, direkt am "Treffpunkt zweier Meere" gelegen (Latvia.travel). Und Nils Ģēvele, Chefkoch beim ebenfalls im "Michelin-Guide" lobend erwähnten Restaurant "Ferma", auch "Lettlands Koch des Jahres 2023", sagt: "Ich war schon an vielen Orten der Welt und habe schlechtere Küche probiert; ich glaube nicht, dass es in 'Lettland einen Grund zur Sorge gibt." 

Dabei ist es nicht nur Sklandrausis, der auf "TasteAtlas" mit einer schlechten Bewertung herausgestellt wird. Unter den "13 schlechtesten Gerichten" findet sich auch Griķi (Buchweizen), Maizes zupa (ein Roggenbrot-Sahne-Früchte-Nachtisch), Skābeņu zupa (Sauerampfersuppe), das Rupjmaize (dunkles Roggenbrot), Debesmanna (ein fruchtiger Nachtisch) und mit dem "Salinātā rudzu rupjmaize" (gesalzenes Roggenbrot) gleich noch ein weiteres durch EU-Recht geschütztes lettisches Traditionsprodukt. Also mit Sicherheit einiges, was regelmäßige Lettland-Besucher weit oben auf der Liste ihrer Lieblingsspeisen haben. Sollten wir also vielleicht schlußfolgern: lettische Küche - nichts für den globalisierten Massengeschmack der Stadtbewohner, die sonst nur Pizza-Bringdienst, Kebab und Hot Dog kennen? 

Schlafende Juwelen, möglichst wie bei Oma

Die lettische Tourismuswerbung hebt gern das Zitat aus dem Blog des britischen Starkochs Jamie Oliver hervor, dem zufolge Lettland ein "unentdecktes kulinarisches Juwel in Europa" sei. Wissenschaftlerin Astra Spalvēna, die den Begriff des "essbaren Kulturerbes" mitprägte, bezweifelt generell, dass allein wegen der lettischen Küche sehr viele Touristen nach Lettland kommen würden. "Und selbst wenn - hat es nicht auch Vorteile, wenn Sklandrausis als angeblich so schlecht dargestellt wird? Einige werden es gerade deshalb selbst mal probieren wollen." Die meisten mögen eben das, an was sie gewohnt sind, sagt sie. (lsm) Und auch die Auffassung davon, welche Speisen als "traditionell lettisch" angesehen werden, habe sich im Laufe der vergangenen 100 Jahre verändert. "Meist wollen wir es so kochen," sagt sie, "wie es der Familientradition entspricht. So wie Mama es gekocht hat, aber wie Oma gekocht hat wissen wir oft schon nicht mehr. Es dauert bestimmt nicht mehr lange, dann werden wir auch Schaschlik, Pelmeni oder Pizza als 'traditionell' bezeichnen werden."

Bei "Max Cekot" steht übrigens "graue Erbsen mit Austern" auf der Speisekarte - vielleicht deshalb, damit die grauen Erbsen nicht auch noch auf der Negativliste landen (NRA). - "Tasteatlas", im Besitz des kroatischen Unternehmers Matija Babić befindlich, soll übrigens, Meldungen aus anderen Ländern folgend, auch "KI", also "künstliche Intelligenz" zur Ermittlung der eigenen Rankinglisten eingesetzt haben (TheVibes). Ein Gegensatz, der wohl auch mit modernsten Mitteln kaum aufzulösen sein wird: Geschmack und Logik.

8. Mai 2022

Lettland höchster Punkt: verschenkt oder verwaist?

Landschaft nahe des Gaziņkalns (Foto: Caspari)
Es ist bisher nicht unbedingt üblich, eine "Besteigung" der höhsten Erhebung Lettlands ins touristische Programm aufzunehmen. Das Gebiet um den Gaiziņkalns ist auch weder Nationalparkgebiet noch Staatswald, es ist eigentlich Privateigentum. Allerdings ist es Teil eines Naturparks. Letzten Messungen zufolge liegt die höchste Anhöhe hier 311,94 Meter über dem Meeresspiegel. (IR/ visitmadona) Der Formulierung der Reiseagentur "Lauku Celotajs" zufolge ein "typischer Hügel des Vidzeme Hochlandes".

44ha ist das "Gipfelgrundstück" groß, aber das lettische Recht, das besondere Naturgebiete vor Zerstückelung schützen soll erlaubt es normalerweise nicht, einfach nur das Gipfelstück vom Rest  abzutrennen - und so gab es bisher vier verschiedene Personen mit Besitzrecht. Es durfte also nichts ohne die Zustimmung aller vier geschehen - eine komplizierte Sachlage. Davon unabhängig gibt es Überlegungen, nur den direkten Gipfel als staatlichen Besitz zu nutzen, dort, wo auch ein neuer Aussichtsturm errichtet werden muss (der alte Turm wurde 2012 abgerissen, Pläne für einen Neubau wurden bisher nicht realisiert).

Die Nachkommen des früheren Grundeigentümers, der tatsächlich "Gaiziņš" mit Nachnamen hieß, flüchteten 1944 vor der heranrückenden Roten Armee und leben heute in den USA. Aber nun gibt es erneut eine Veränderung: Am 20. Oktober 2021 starb mit Inese Apele die Haupterbin (älteste Tochter). Von ihr wurde der Ausspruch zitiert: "Auf dem Berg muss immer die lettische Flagge wehen!" (lvportals) Daher kam für sie auch kein Verkauf an private Interessenten in Frage. Ihr Großvater Jēkabs hatte das Land am "Gaiziņš" vor mehr als hundert Jahren gekauft. Und ihr Vater Leopold habe ihr mit auf den Weg gegeben: "Der Berg darf nie verkauft oder verpachtet werden, er muss frei bleiben." (jauns)

Es hat also die Bereitschaft gegeben, das Land dem lettischen Staat zu überlassen - schon seit Jahren gab es Gespräche und Verhandlungen zu dem Thema (zum Beispiel 2016 mit dem damaligen Umweltminister Kaspars Gerhards / VARAM). Bisher gab es aber kein konkretes Ergebnis. Jurijs Šeflers, russischer Milliardär und Eigentümer von "Latvijas Balzams" (die inzwischen "Amber Latvijas Balzams" heißt und zur Amber Bevarage Group gehört), hatte schon mal zwei Millionen Euro für das Grundstück geboten. Šeflers hatte von dem in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenen Gunārs Ķirsons ("Lido") nahe des Gaiziņkalns ein Grundstück mit exklusivem Landhaus übernommen. Die Antwort auf das Angebot soll angblich gewesen sein: "Denken Sie eher mal über 20 Millionen nach." (lvportals)

Matīss Kukainis, Anwalt der Familie, beschreibt die Situation so: Inese hatte weder Mann noch Kinder, gemeinsame Eigentümer sind jetzt die Brüder und die Schwester. Es gibt Pläne, die Anhöhe entweder dem Staat oder der Gemeinde zu schenken, insgesamt etwa ein Hektar."(apollo) Dennoch erscheint es schwierig, dies zu realisieren - es gibt noch andere Kosten zu bedenken, die auf einen Eigentümer zukommen würden. "Diese Auflagen könnten sehr teuer werden," meint Daiga Vilkaste, Direktorin beim

Agris Lungevičs hingegen, Vertreter des Bezirks Madona zu der das Gebiet um den Gaizinkalns gehört, erklärt sich bereit Gespräche aufzunehmen und mögliche Finanzierungen zu suchen. Allerdings seien Gemeinde und Bezirk bei den bisherigen Verhandlungen außen vor gelassen worden. (apollo) "Wir sehen das als mögliche Infrastrukturprojekte", sagt Lungevičs, sowohl was die notwendige Asphaltierung der Zufahrtsstraße als auch den Aussichtsturm angeht." 

Die Legende vom sagenhaften
"Tālava" - auch heute noch in
Lettland vielfach präsent

Schon Inese Apeles Vater, der 2010 in New York starb und auch dort begraben ist, hatte sich auf den Grabstein schreiben lassen: "Gaiziņkalna dzimtas dēls" ("Sohn des Geschlechts vom Gaiziņkalns"). Er hatte sich, nach Aussagen seiner Tochter Inese, auch auf der Spitze eines neuen Aussichtsturms die Skulptur des "Trompeters von Talava" (Tālavas taurētājs) gewünscht, eine lettische Sagenfigur eines Helden, der vor herannahenden Feinden warnt (eine Variante eines solchen Denkmals steht in Ruijena). Tālava (Tholowa, Tuolowa), das sagenhafte Land im Osten des heutigen Lettland, vor Ankunft der deutschen Kreuzritter soll es Heimat der Lettgallen gewesen sein. In der alten Livländischen Chronik wird dieses Gebiet auch "terra Lettorum" (Land der Letten) genannt. Rūdolfs Blaumanis schrieb 1902 eine Ballade zu diesem Thema, und allein schon deshalb ist diese Geschichte in Lettland weit verbreitet.

Bisher war Inese Apele die einzige der vier Geschwister (der vier Erben) gewesen, die aus den USA zurück nach Lettland kam und versuchte die Fragen rund um den "Gaiziņš" zu lösen. Der eine Bruder sei Priester in den USA gewesen, der andere Lehrer, erzählt sie, und die Schwester arbeitete im Gesundheitswesen. - Angeblich soll unter den Lett/innen im US-Exil in New York die Geschichte erzählt worden sein: der höchste Berg Lettlands ist ungefähr doch hoch wie ein Haus mit vier Stockwerken (Kārlis Streips / Brīvā Latvija).
Die Restaurierung der Einrichtungen auf dem estnischen Munamägi, der gleichzeitig die höchste Erhebung der baltischen Staaten ist und einen schönen Aussichtsturm für Gäste bereithält, habe 640.000 Euro gekostet, heißt es (lvportals). Ob nun jemand in Lettland ähnliche Beträge aufbringen kann, oder doch eher ein Verkauf ansteht, scheint gegenwärtig völlig unklar.

18. Dezember 2020

Image selbstgemacht

Latvietis var visu - "Yes we can",
lettische Variante?

Es gibt einige Fragen, die bewegen Lettland offenbar auch mitten in der Corona-Krise. "Latvijas tēls" - um mal nicht den Begriff "Image" zu verwenden - das Bild von Lettland, das was andere über Lettland denken, wie kann das möglichst positiv verbessert werden?

"Eiropa mūs nesapratīs", so lautete einmal die Antwort lettischer Skeptiker, und dazu passte gut, dass der Soundtrack dazu von der Band "Labvēlīgais Tips" kam, deren Bandnamen man auch als "gutgemeinte Ratschläge" übersetzen könnte. Neuester Slogan: Nationales Image in der Welt? Bitte selbermachen! 

"Ungenutzte Potentiale" werden dabei bei den vielen Lettinnen und Letten gesehen, die inzwischen mittel- oder langfristig im Ausland leben, die sogenannte "Diaspora". In Lettland gibt es jetzt seit einigen Jahren einen "Image Policy Coordination Council", der Konzepte zum "National branding" ausarbeiten soll. Aber die "Diaspora" sei dabei bisher nicht beteiligt worden, sagt Zane Pudule, lettische Korrespondentin in Deutschland.

"Lettland ist ein Teil Nordeuropas!" so sieht es Aiva Rozenberga, ehemalige Chefin des "Lettischen Instituts" (lsm). Andere halten das für eine Wunschvorstellung - angesichts des Zustands der Straßen, der Krankenhäuser, der politischen Kultur und des Lebensstandards. Rozenberga antwortet, sie habe in ihrer Arbeit immer am meisten gegen das Image eines "postsowjetischen Staates" ankämpfen müssen, daher fokussiere sie selbstbewußt andere Ziele (lsm). Das Lettische Institut selbst, 1998 mal als gemeinnützige Organisation gestartet, seit 2004 dann unter der Oberaufsicht des Außenministeriums, soll ab 2021 mit der Lettischen Investitionsagentur zusammengelegt werden ("Latvijas Investīciju un attīstības aģentūra" LIAA). Auch die Ziele haben sich hier inzwischen stark gewandelt: der Welt verständlich zu machen, wie die lettische Mentalität und Wesensart nun mal ist, reicht nicht mehr - es soll nun eine "wettbewebsfähige Identität des Staates" her (Li). Es soll also offenbar nicht mehr um Verständnis für die Realität geworben werden - sondern das Bild Lettlands in der Welt so verändert werden, dass es zu anderen in der Welt passfähig und nutzbar gemacht werden kann. Auch der Tourismus und die Unterstützung von lettischen Unternehmen im Ausland sind ja schon beim LIAA zu finden. Es muss also ein "Branding" gefunden werden, was vor allem einen einzigen Zweck hat: es muss verkaufs- und umsatzfördernd sein.

Brokkoli, Knoblauch, Lettland?
Andere Wortmeldungen zum Thema bemängeln, dass es keine einheitliche Vorstellung von einem möglichen Bild Lettlands in der Welt gäbe. Nun ja, wie soll das auch entstehen, wenn doch jeder den alten Spruch kennt: was ist die Lieblingsspeise eines Letten? Ein anderer Lette. - Auch 2020 wurde schon wieder eine neue Idee geboren: "Born in Latvia" soll nun diejenigen kennzeichnen, die sich mit ihrem Herkunftsland identifizieren - vorläufig aber sieht das vorwiegend nur nach Speisen, Lebensmitteln und Getränken aus, zum Beispiel auf Twitter. Das passt nun aber gut zur ökonomischen Ausrichtung, die auch das Lettische Institut verpasst bekommen hat. Der entsprechende lettische Link "#esiLV" führt geradewegs zu einer - französischen Ingenieursschule, die offenbar die exakt gleiche Abkürzung benutzt (erst "Latviesi.com" weist den Weg).

Wie also soll es funktionieren, die "lettischen Volksgenoss*innen" im Ausland einzubinden? Elīna Pinto, Vorsitzende des "Verbands der Lett*innen in Europa" (Eiropas Latviešu apvienība ELA) meint, es sei ein "Verlust für die Nation", keine Vertreter*innen der "Diaspora" in diese Diskussion einzubinden. "Auch die lettischen Vereinigungen im Ausland bilden das Image Lettlands" meint Diplomatengattin Pinto (lsm), die sich selbst als "europäische Lettin mit Wurzeln in Jelgava" bezeichnet (ela) - und deren Mann Orlando, gebürtiger Portugiese, zur Zeit stellvertretender Botschafter Luxemburgs in Berlin ist. Da kommt doch vielleicht die Frage auf: soll Lettlands Image also vor allem von den Globalisierungsfreund*innen geprägt werden, wie es auch das Portal "Euromonde" verkündet, oder es lettische Fernsehsendungen wie "Globālais Latvietis" zum Ausdruck bringen? 

Da gibt es unter den Lettinnen und Letten sicher auch noch andere Strömungen - die allerdings nicht ganz so gut mit der lettischen Regierung vernetzt sind wie die stromlinienförmige ELA. Allerdings müssen wir dazu in der Lage sein, die (rein) lettischsprachigen Internetforen zu durchforsten - da werden gegenwärtig Anti-Masken-Kampagnen, Verschwörungstheorien, und Hassmails auf die lettische Regierung eilfertig verknüpft mit den Slogans "Und-Trump-hat-doch-gewonnen". Aber wer will das schon hören oder lesen? Wir erinnern uns: was war noch die Lieblingsspeise der Lett*innen? ...

Das Image Lettlands ökonomisch nutzbar zu machen - und bitte von den Lettinnen und Letten selbst - lassen wir uns nicht täuschen, es bleiben erhebliche Zweifel an diesem Konzept. Besonders, wer Lettland bereits kennt, wird sich keine "fremden Bären" aufbinden lassen wollen - egal, ob nun irgend eine Werbeagentur uns weismachen will, der Weihnachtsbaum sei in Lettland erfunden worden, Lettland sei magnetisch, oder andere verbogene Phrasen. Oder der schöne Slogan "#iamintrovert" - das Lexikon übersetzt "introvertiert" mit: auf das eigene Seelenleben gerichtet, nach innen gekehrt; verschlossen. Also: Ich bin verschlossen, sagt der Lette - und wer den Schlüssel hat, habe ich vergessen ...

10. Juli 2019

Sommersonnenverlängerung

Im Juni 2020 werden sich Lettinnen und Letten auf besonders ausgiebige "Ligo"-Tage freuen dürfen: es wird gleich fünf arbeitsfreie Tage hintereinander geben. "Darba dienas pārcelšana" heißt das Vorhaben, für welches das lettische Sozial-ministerium (Labklājības ministrija) zuständig ist.

Der 23. Juni, der nach lettischem Brauch auf jeden Fall als Ligo-Tag gefeiert werden muss, fällt 2020 auf einen Dienstag. Bliebe also zwischen Sonntag und Dienstag (Feiertag) der Montag - und dieser Arbeitstag wird 2020 auf Samstag, den 13. Juni vorgezogen werden. In Lettland ist der 23.Juni offiziell als Ligo-Tag festgelegt, der 24.Juni als Johannis- oder Mitsommertag ebenfalls Feiertag (siehe: "Likumi"). Wer mit einem vorhergehenden arbeitsfreien Wochenende rechnen kann, der hat also 2020 möglicherweise fünf freie Tage hintereinander: Samstag, Sonntag, Montag, Dienstag und Mittwoch.

Im lettischen Arbeitsrecht ist es festgelegt, dass Arbeitstage, die zwischen einen Feiertag und das Wochenende fallen, auf entweder den nächsten Samstag oder einen anderen Samstag in demselben Montag verlegt werden können. Dabei gelten auch noch Ausnahmeregelungen für den "verlegten" Arbeitstag: sollte es einem Arbeitnehmer / einer Arbeitnehmerin aus religiösen oder anderen Gründen unmöglich sein, an dem (meist auf einen Samstag) verlegten Tag zu arbeiten, dann dürfen diese Stunden auch anders abgearbeitet werden, oder es kann ein bezahlter Urlaubstag angerechnet werden.

Diese Regelung wird in Lettland bereits seit einigen Jahren angewendet und stößt auf viel Gegenliebe bei der Bevölkerung. Insgesamt verlängert sich dadurch die Zahl der arbeitsfreien Tage pro Jahr aber nicht. Im Jahr 2020 wird der 22.Juni der einzige Arbeitstag sein, der offiziell verlegt wird. Es kann vorkommen, dass gleich mehrere Arbeitstage aus ähnlichen Gründen verlegt werden: im Jahr 2010 waren es sogar mal drei Tage.

Es gibt sogar noch eine weitere "Ausgleichsregelung": sollte einmal der 4.Mai, der 18. November oder der Abschlußtag des Lettischen Sängerfestes - alles lettische Feiertage - auf einen Samstag oder Sonntag fallen, dann gilt auch der darauf folgende Montag noch als Feiertag.

18. Juni 2019

Die Käseletten

Weniger Fisch und Kartoffeln, Lettinnen und Letten essen mehr Käse - diese Bilanz zeigt ein Blick auf die aktuelle Berichterstattung zur Lebensmittelproduktion in Lettland.
Käse essen wird in Lettland als Teil einer gesünderen Lebensweise beworben. Käse ist aber auch sehr variabel einsetzbar für verschiedene Zielgruppen - sowohl als Beilage zum Wein, wie auch als Mitbringsel zum Picknick im Grünen.

Auf der Welt gibt es mehr als 3.000 Käsesorten, und Frankreich gilt gewöhnlich als Mekka der Käseliebhaber/innen. Aber auch in Lettland sind inzwischen bereits etwa 100 Käsesorten zu finden (Frankreich 700). In allen drei baltischen Staaten stieg der Käseverbrauch zwischen 2007 und 2016 an - in Lettland um 6,8 kg, Litauen 5,1 kg, und in Estland um 2 kg. Vanda Davidanova zufolge, bereits vierfach wiedergewählte Präsidentin des lettischen "Siera Klubs" ("Käse-Klub"), verzehrt jede Lettin und jeder Lette pro Jahr 20,2 kg Käse - das bedeutet eine Verdreifachung seit dem Jahr 2002.

48.300 t Käse wurden 2018 produziert, davon 25.600 t für den Export. In insgesamt 73 Länder der Welt wird in Lettland hergestellter Käse exportiert und daraus ein Umsatz von 81 Mill. Euro erzielt - auch wenn dem deutschen Verbrauer ein lettisches Käseangebot bisher wohl kaum ins Auge gefallen sein wird. Und auch der Tourist benötigt beim lettischen Warenangebot vielleicht ein paar Tipps. Am häufigsten, und preisgünstigsten, werden die beiden Sorten "Holandes siers" ("Holland-Käse") und "krievijas siers" (Russland-Käse) angeboten. Aber werden diese überhaupt nach einheitlichem Rezept hergestellt?

Während die Bezeichung "Russischer Käse" ganz klar aus der Sowjetzeit stammt, und auch die Rezeptur eine Übernahme aus Uglitsch an der Wolga sein soll ("Käse-Hauptstadt Russlands!"), hat der  "Holländer-Käse" in Lettland eine längere Tradition - so erzählen es jedenfalls die lettischen Käseproduzenten. Der Herstellung von Edamer Käse sei bis ins 15. Jahrhundert zurückzuverfolgen. "In den 1930iger Jahren wurden beide Käsesorten in fast jeder Käserei in Lettland hergestellt," berichtete "Käsepräsidentin" Davidanova (LTV). Heute habe jede Firma ihre eigene Rezeptur. In der Regel enthalte der "russische" aber 50%, der "holländische" 45% Fettanteil.

Wer nur zwischen diesen beiden Sorten wählt, der bleibt auch in Lettland geschmacklich wohl in der Tradition der russisch dominierten Käseproduktion - denn auch russische Quellen beanspruchen gern die "Edamer-Legende" für sich - und beschreiben die "verfeinerte Rezeptur" so: "der Gollandskij-Käse hat einen Milchgeruch und ist im Geschmack ein wenig säuerlich und etwas scharf" ("russia beyond").
Zum Vergleich der "Russland-Käse": "Sein Geschmack ist etwas säuerlich. Beim Aufschneiden des Käses wird ein gleichmäßiges Muster aus kleinen Löchern sichtbar. Die Löcher bilden sich während der Entwässerung der Käsekörner." ("Russia beyond") Auf demselben Portal lässt sich nachlesen, warum lettischer Käse aber doch ziemlich anders schmecken könnte als der in Russland hergestellte: in Russland benutzen „viele Käseproduzenten so gut wie keine natürliche Milch, sondern verwenden Milchpulver aus Weißrussland mit viel Wasser und Palmöl aus Vietnam." - Na dann: wohl bekommt's!

In Lettland ist zur gegenwärtigen Jahreszeit - Mittsommer - erst mal eine andere Käsesorte dran: der "Jāņu siers" ("Johannis-Käse"). Der wird von vielen selbst hergestellt, hausgemacht, mit ordentlich viel Kümmel natürlich. Noch einmal die Statistik: allein 186.700 t "Jāņu siers" wurden 2017 in Lettland produziert (delfi) - sechs lettische Molkereien haben in Lettland die Lizenz dazu (lsm). Diese Sorte wird nach einheitlichen EU-Verordnungen als "garantiert traditionelle Spezialität" hergestellt, mit ungefähr dieser Rezeptur: 28-50 Liter Magermilch, 10-13 kg Magermilch-Quark, 1-1,2 kg Butter mit 82% Fett oder 2,5 Liter süße Sahne mit 35% Fett, 600-1000 g Eimasse, 40-50 g Kümmel und 100-120 g Salz. Das Rezept stammt vom "Käse-Klub". Also: Gutes Gelingen! "Sieru, sieru Jāņamāte!"

31. Dezember 2018

Böllerei

Während in Deutschland einige Medien sich darauf konzentrieren, wie viele Menschen Hunderte und Tausende von Euros ausgeben, um ihr privates lautes Feuerwerk irgendwo zu zünden (sicher nicht dort, wo es keiner gebührend zur Kenntnis nehmen kann), scheint die Böllerei in Lettland anders zu laufen. Waren Sie schon mal bei Lettinnen und Letten am letzten Tag des Jahres zu Gast? Falls ja, wie viele Raketen wurden dort gezündet?
So in etwa soll es werden: Screenshot aus einem Werbefilm der
"International Fireworks Design GmbH"
Wohl bekannt ist aber das große Fest-Feuerwerk in Riga, vorwiegend am Daugava-Ufer. Das wäre doch eine Form des öffentlichen Funkensprühens, wovon in deutschen Landen vielleicht mancher Stadtbürgermeister träumt: öffentlich organisiert, mit sicherheitstechnischer Begleitung und kostenlosem Zutritt. Wenn statt dessen das private massenhafte Verballern von CO2 in die Atmosphäre unterbleiben könnte ...

Zitat: "Zwischen 100 und 150 Millionen Euro jagen die Deutschen zum Jahreswechsel in die Luft. Dabei werden rund 4.500 Tonnen Feinstaub (PM10) frei gesetzt, diese Menge entspricht in etwa 15,5 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge und circa 2,25 Prozent aller PM10-Emissionen (2016)." (Quelle: Umweltbundesamt)

In Lettland steht dagegen offenbar an erster Stelle die Summe der staatlichen oder städtischen Ausgaben. "Dieses Jahr kostet das Sylvesterfeuerwerk 18.000 Euro", so titelt zum Beispiel die "Neatkarīga". Genauer gesagt: 17 638 Euro ohne Mehrwertsteuer, rechnet das Blatt aus. Ausrichter des städtischen Feuerwerks ist diesmal die "International Fireworks Design Gmbh" mit Sitz in Riga. 17 lizensierte Firmen gibt es bisher in Lettland, die Feuerwerk organisiert anbieten. Zum Jahresende 2017 soll das Feuerwerk mit 25187 Euro Kosten noch etwas teurer gewesen sein - allerdings hat es am 18. November 2018 dieses Jahr auch schon das große "100-Jahre-Lettland-Feuerwerk" gegeben. Auch dafür sind die Kosten bis auf den letzten Euro bekannt: 160.658 Euro. Also dann, mit staatlich organisiertem oder privatem Zündeln, oder auch ganz ohne: Frohes Neues! Laimīgu Jauno Gadu!

24. Dezember 2018

Kirchliche Festtage

17% der Einwohner/innen Lettlands glauben nicht an Gott - so ermittelte es die Agentur SKDS kurz vor Weihnachten in einer Umfrage. Weitere 30% glauben zwar an Gott, zählen sich aber nicht zu den christlichen Kirchen. Die Gruppe derjenigen, die an Gott glauben und sich zu den christlichen Kirchen zählen liegt zusammengezählt bei 43% und damit seit 2009 in den SKDS-Umfragen ziemlich stabil (Arnis Kaktiņš).

"Am Weihnachtsabend gehe ich zur Kirche" - dieser Aussage stimmen dagegen nur noch 18% zu. Mit "vielleicht" antworten noch 23%, aber die Gruppe der Nicht-Kirchgänger selbst zum Weihnachtsfest stieg in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Lettland auf 50% (Arnis Kaktiņš)

22. September 2017

Bäume im Gespräch

Wie geht es Lettland? Wie leben Lettinnen und Letten? Geht es nach der lettischen Regierung, soll demnächst nur noch fröhlich gefeiert werden - das hunderste Jahr seit Lettland erstmals unabhängig wurde.

"Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist" schrieb einst Berthold Brecht ("An die Nachgeborenen"). Vielleicht denken die lettischen Naturfreunde momentan ähnlich: 100 Jahre, gut und schön - aber ein Gespräch über Bäume muss möglich sein. "Was hat Ihrer Meinung nach den größten Wert in der lettischen Natur!" fragte der World Wildlife Fund Lettland ("Pasaules dabas fonds") und erntete von Dreiviertel aller Letten die Antwort: der Wald!

Umfrageergebnisse des WWF Lettland:
Wald und Küste wichtig für Lettinnen und Letten
"100 Kahlschläge" (100 Kailcirtes) lautet der Wahlspruch der aktuellen lettischen Naturschutzkampagne, der auf eine Gesetzesinitiative aus dem lettischen Landwirtschaftsministerium abzielt, der Kahlschläge auch in Wäldern an der Ostseeküste erlauben und den Durchschnittsdurchmesser der Bäume verringern will, ab dem ein Fällen erlaubt ist. Aber Kahlschlag zum 100.sten - dagegen wehren sich die Naturschutzaktivisten und starteten eine Unterschriftenkampange zugunsten der lettischen Wälder. Diese wird unterstützt vom Umweltschutzklub ("Vides Aizsardzības Klubs"), der "Grünen Freiheit" ("Zaļa brīviba"), dem lettische ornithologische Gesellschaft ("Latvijas Ornitoloģijas biedrība"), die lettische Naturschutzstiftung ("Latvijas Dabas Fonds"), der World Wildlife Fund ("Pasaules Dabas Fonds") und sogar von der lettischen Anglervereinigung ("Latvijas Makšķernieku asociācija").

Es ist nicht die einzige Initiative zum Schutz von Bäumen. Jegliche Waldarbeit möchte eine weitere Initiative für die Zeit der Vogelbrut unterbrochen haben, die auf dem Portal "Mana balss" ("Meine Stimme") um Unterstützung wirbt - über 5000 Menschen haben schon unterschrieben.

Aber auch im offiziellen Programm "Lettland 100" fehlen Bäume nicht. Dazu ist wichtig zu wissen, was "dižkoki" sind - den Begriff einfach mit "große, alte Bäume" zu übersetzen, wäre fast untertrieben, gemessen an der Verehrung die viele Lettinnen und Letten gegenüber prachtvollen Baumexemplaren haben. Dem entsprechend ist auch die Wortschöpfung "dizošana" eine Erläuterung wert: hier sollen die Teilnehmer/innen durch ein Fragespiel herausfinden, welchem Baum sie am ähnlichsten sind - um diesen dann auch in der freien Natur zu besuchen.

In diesem Zusammenhang ist es erstaunlich, dass in Lettland für jede Baumart genaue Kriterien gelten, ab welchem Stammdurchmesser ein Baum als "dižkoks" gelten kann: sind beim Wacholder nur 0,8m nötig, so muß eine Kiefer schon 2,5m Durchmesser haben, eine Eiche 4m und eine Pappel sogar 5m, um in diese besondere Kathegorie aufgenommen zu werden. Etwa 4000 solcher besonderen Bäume sind in Lettland bereits offiziell als Naturdenkmäler registriert worden - eine exakte Liste findet sich zum Beispiel im lettischen Wikipedia, bei der Naturschutzverwaltung, bei der Lettischen Stiftung zum Schutz des Naturerbes, oder bei Guntis Eniņš, dem besten Baumkenner Lettlands. Eniņš setzte sich bereits zu Sowjetzeiten für den Erhalt und Schutz alter Bäume ein und schaffte es, 900 alte Bäume selbst zu erfassen und registrieren zu lassen. So manche lettische Gemeinde wirbt auch touristisch mit ihrem Bestand an Baumriesen - wenn auch manchmal nur im lettischsprachigen Teil der Touristinfo. Beispiele: Ādaži, Alūksne, Jaunpils, Jēkabpils, Kandava, Liepāja, Mārupe, Talsi, und sicher noch viele weitere.

Die lettischen Naturfreunde - es gibt sie also noch. Zwar sind die großen Zeiten der lettischen Umweltschutzbewegung offenbar vergangen - aber ein naturnahes Leben ist für die meisten Lettinnen und Letten auch heute noch ein erstrebenswertes Ziel. Bleibt zu hoffen, dass auch in Zeiten der groß angelegten, auf bloße Geldvermehrung angelegten Ressourcenausbeutung die Naturwerte Lettlands nicht mit zerstört werden.

3. September 2016

Handwerker und Musikanten

Kokle spielen ist kein neuer Trend - schon ungefähr 2000 Jahre wird dieses Instrument gespielt und zählt zur Familie der "Chordophone" - der Ton wird also durch eine schwingende Saite erzeugt. Die lettische Kokle ist verwandt mit der estnischen Kannel, der litauischen Kankle, und der finnischen Kantele (siehe Museumofworldmusic). Deutsche erinnert es meist auch an eine Zither, Russen bezeichnen die Kokle auch schon mal als "frühe Balaleika" (Vorläuferin?). Herleitungen des Wortes vom russischen "kolokol" (für Glocke) können aber wohl nur denen unterlaufen, die weder finnisch, estnisch, litauisch noch lettisch können; schließlich bedeutet "koks" auf Lettisch ganz einfach Baum, oder auch Holz. Dennoch interessant, dass sogar Balalaika-Fans dieses Instrument auf die Kokle zurückführen. Wer sich für die lettische Sichtweise interessiert, wird bei Valdis Muktupāvels nachlesen. "Die aktive Kokle-Szene ist größer als gedacht," bestätigt der Etnomusikologe, und nimmt auch noch eine andere Einteilung vor: "Es gibt die historischen Kokles, die Konzertkokle, und auch die elektrische Kokle". Oder, nach Saitenzahl eingeteilt: es geht von einer einfachen Kokle (mit 10 Saiten) bis zur Konzertkokle (mit 35 Saiten). Viele Klassifikationen von (Weltmusik-)instrumenten lassen sich finden, denen zufolge ein Land auch mit einem bestimmten Instrument identifiziert wird: im Falle von Lettland ist das die Kokle (siehe: "Lernhelfer").

Wer nun glaubt, Kokle spielen käme langsam irgendwie aus der Mode - denn auch die lettische Musikszene orientiert sich ja international - das Gegenteil scheint der Fall zu sein! Wie gesagt, aus Sicht der Kenner von Musikinstrumenten identifiziert sich Lettland sowieso genau über dieses Instrument. In einem Beitrag für die Zeitschrft "IR" (15.6.2016) beschreibt Andris Roze, wie eine Kokle sogar selbst hergestellt werden kann: "in den 1930iger Jahren wurde das jedem lettischen Pfadfinder empfohlen. Ich bin dazu gekommen, einfach weil mir vor 16 Jahren meine Tochter sagte, sie wolle Kokle spielen. Da sind wir zum Kokle.Meister Māris Jansons gegangen, der bei Cēsis wohnt, und haben es uns zeigen lassen. Seitdem baue ich selbst die Kokle." Während Ex-Meister Jansons inzwischen in Sibierien lebt, hat es Roze selbst übernommen, die Tradition weiterzugeben: im Rahmen von Workshops können Interessierte bei ihm lernen, sich selbst eine Kokle herzustellen. Und er weist darauf hin, dass er inzwischen nicht mehr allein ist: Ģirts Laube arbeitet in Druviena, Eduards Klints in Līgatne, Jānis Rozenbergs in Rīga, Gunārs Igaunis in Rēzekne.

"Pats savas kokles meistars", so ist hier die Devise ("Sei deiner eigenen Kokle Meister"). Nicht etwa Eichen-, Eschen- oder Ulmenholz kommt hier zum Einsatz, (zu hart!), sondern eher Fichte, Linde oder Espe. "Die Tonlage bei den Laubbaumhölzern ist weicher, samtener," meint Roze, "bei etwas festerem Holz wie Fichte oder Kiefer ist der Ton lauter, sehr klar, fast wie eine Glocke." Musikprofessor Valdis Muktupāvels kann auf einige Jahrzehnte Erfahrung mit lettischen Musiktraditionenen zurückblicken. "Auch bei uns war die Folklorebewegung schon in den 70iger, 80iger Jahren," sagt er. "1988 dann noch einmal, zum großen Festival 'Baltica'. Aber nach 1991 ging es schnell bergab. Das ist erst nach der Wirtschaftskrise, so um 2012, wiedergekommen in Lettland."

Früher war der Status der Volksmusikinstrumente erheblich eingeschränkt in Lettland, meint Muktupāvels. Experimentieren, ausprobieren, das ging nicht. Die Konzert-Kokles der Musikakademie gehörten zur Abteilung Volksmusik. Glücklicherweise sei diese Abteilung heute ganz aufgelöst. Die Kokle werde einfach zu den Saiteninstrumenten gezählt, so können auch die Komponisten heute aufatmen.In Finnland und Estland ist das schon längst so - Litauen werde auch noch folgen.

Auch im Internet gibt es verschiedene Kokle-Interessengruppen, allerdings fast alle nur in Lettisch. Nicht alle empfangen ihre interessierten Gäste so empathisch wie Rasa und Girts Laube: auf "Zelta spēles": "Wir machen Musikinstrumente, musizieren, und haben die Ehre unserem Volk die Kultur unserer Vorväter zu vermitteln. Wir empfinden das als übernationalen, kosmischen Schlüssel zum Wissen, um auf der Erde in Frieden, Freude und Glück zu sein."

Beim Folkmusiklabel "Lauska" ist auch noch das Buch zur Kokle zu haben: natürlich von Valdis Muktupāvels. Wer eine Konzertkokle sucht, zum Preis von mehreren Hundert Euro, wird vielleicht in der Werkstatt von Pēteris Putniņš fündig. Jēkabs Zariņš, genannt "piekūns" (Falke), hat auf seiner Webseite ebenfalls eine Reihe nützlicher Infos zur Kokle versammelt (auch in Englisch), dazu noch eine Liste von Adressen der lettischen Kokle-Meister, plus Tipps wie diese am besten zu kontaktieren sind. Nicht alle leben offenbar abgeschieden auf dem Lande, auch Facebook-Seiten oder Smartphones sind unter den Kokle-Spielern angekommen. Musikbeispiele finden sich auch auf Youtube oder Soundcloud,und auch einen Blog zum Koklespielen gibt es: "Kokles rullee!"

30. Juni 2015

Land der kleinen Birken

Wenn der lettische Präsident Andris Bērziņš in wenigen Tagen sein Amt an seinen kürzlich gewählten Nachfolger Raimonds Vējonis übergibt, kehrt er wohl, soweit das möglich ist, zurück ins lettische Alltagsleben. Zumindest was seinen Nachnamen angeht, ist er in guter Gesellschaft: 11.753 Personen (5517 Männer, 6236 Frauen) tragen in Lettland den Nachnamen Bērziņš bzw. Bērziņa, so weist es die neueste Statistik des lettischen Amtes für Staatsbürgerschaft und Migration (Pilsonības un migrācijas lietu pārvalde - PMLP) aus.

Mit dem europäischen Blick:das Land der
Bērziņš als Nachbar der Kazlauskas, Tamm
und Smirnov
(Abb.: www.neogeo.lv)
Beim Blick auf die Liste der am meisten verbreiteten Namen finden sich vor allem "Bäumchen": Ozoliņš, Liepiņš und Krūmiņš bei den Männern (kl.Eiche, kl.Linde, kl.Busch, oder auch "Lindchen", "Büschchen" ...), entsprechend bei den Frauen Ozoliņa, Liepiņa, Krūmiņa. Weit oben in der Verbreitung finden sich zudem noch Eglītis und Zariņš (Eglīte / Zariņa - Tännchen und Zweiglein).

Die Liste der häufigsten Namen weist auch einige weniger traditionell lettischen Namen auf: die Ivanovs / Ivanova liegen in der Häufigkeit auf Platz 2, die Vasiļjevs / Vasiļjeva auf Platz 9. Und dass auch Jansons / Jansone vertreten sind, könnte den Einfluß skandinavischer Namen verdeutlichen (NRA 28.6.15).

Bei den Vornamen dominierten im Jahr 2014 bei den Jungs die Roberts, Markuss, Artjoms, Ralfs und Gustavs. 10 Jahre zuvor wurden von den Eltern eher Daniels, Maksims, Artūrs und Aleksandrs vergeben. Die am häufigsten gewählten weiblichen Vornamen bei den 2014 Neugeborenen waren Sofija, Emīlija, Alise, Anna und Marta - während vor 10 Jahren noch Anastasija, Viktorija, Laura und Samanta die Beliebtheitsskale anführten (Quelle: PMLP).

15. Januar 2015

Lettisch essen gehen

Präsident Bērziņš und Gäste, bei der Eröffnungsveranstaltung
zur EU-Ratspräsidentschaft Lettlands

(Foto: Kanzlei des lett.Präsidenten www.president.lv)
In diesen Tagen wird sich der lettische Präsident Andris Bērziņš zur Eröffnung der "Grünen Woche" in Berlin aufhalten. International ist jedoch die Devise "Lettisch essen gehen" noch kein Thema. Weitaus bekannter sind Warnungen wie "Lettland, kein Land für Vegetarier oder Veganer" (zum Beispiel im Blog "Ich bin dann mal weg" von Mona Silver), oder "Die lettische Küche ist nichts für Kalorienzähler" (so das Portal "Litauen-Info", die offenbar auch etwas zu Lettland zu sagen haben). Der Journalist David Ehl meint sogar, dass man sich in Lettland weniger Gedanken zu gesunder Ernährung mache als anderswo (siehe "Vegetarisch für Anfänger") - allerdings beschreibt er konkret lediglich, er habe auf dem Zentralmarkt keine Bio-Siegel gefunden, und kritisiert das Essen im Flugzeug nach Riga.

Nun ja, soweit ist das nur eine relativ zufällige Auswahl aus den Weiten des Internets. Was erwartet die deutschsprachige Presse vom kulinarischen Lettland? Mit einer Schlußfolgerung des "Tagesspiegel" wird man sich in Lettland vielleicht anfreunden können: "die globalisierte Lebensmittelindustrie sortiert sich wieder fein säuberlich nach Nationen", so die Schlußfolgerung dort, "und eine lustige Trachtenschau gibt es auch!" Im Hinblick auf ein Land wie Lettland wird der "Tagesspiegel" spöttisch: " Und da das Gastland in diesem Jahr Lettland ist, dürfen sich die Besucher wohl auch auf Damen in Pluderblusen freuen, die Piroggen servieren."

Ganz schön deftig
Wie die sorgfältig von lettischer Seite vorbereitete Imagekampagne zeigt, möchten die lettischen Lebensmittelhersteller vielleicht ja viel lieber Themen für die "upper class" liefern. Während die im Kulturhauptstadtjahr 2014 erfolgreich mit (laut Statistik) 30% Steigerungsquote nach Lettland gelockten "Gruppen-(Bus)-touristen" immer häufiger mit standardisierten Paketlösungen vorlieb nehmen müssen, möchte der lettische Tourismus offenbar auch um Kund/innen werben, die "sich Lettland leisten" wollen. Lettland für Feinschmecker?
Vorerst reagieren die feingetunten Zungen zurückhaltend. "Lettlands Küche ist deftig", meint das Portal "Gourmetwelten" zu wissen. Diese These geht aber offenbar auf einige zentrale Presseerklärungen zurück, denn sie findet sich mit nur geringen Abwandlungen auch in den "Westfälischen Nachrichten", im "Focus", in der "Lausitzer Rundschau", oder den "Aachener Nachrichten". Hoffentlich verdient wenigstens die zitierte Autorin an dieser vervielfachten Schablone, Lena Sibbel. Von ihr sind ansonsten so wichtige Trend-Forschungen nachlesbar wie "Moderne Hippies kleiden sich bewußter" oder "Fingeraerobic auf dem Bildschirm".

Lettische Einzigartigkeit?
Deftig also. Oder ist das schon alles? Die meisten Beiträge zum Grüne-Woche-Schwerpunkt Lettland berufen sich auf zwei Personen: einerseits den bekannten lettischen Spitzenkoch Mārtiņš Rītiņš, dessen Restaurant "Vincents" 2014 zum "besten Restaurant Lettlands" gewählt wurde, und andererseits die Osnabrücker Diätassistentin und Kochbuchautorin Anne Iburg, die Lettland immerhin eines ihrer inzwischen über 30 Buchtitel widmete. Dieses Buch ("Baltisch kochen") kam 2008 mitten in der lettischen Wirtschaftskrise heraus und erfreut sich jetzt, quasi als "einziges Fachbuch zum Grüne-Woche-Schwerpunkt", aufgefrischter Beliebtheit. Sibbels Lettland-Beitrag stellt die These von der Einzigartigkeit lettischer Piragi (von den Letten selbst "pīrāgi", oder noch lieber "pīrādziņi" genannt) den Aussagen Iburgs gegenüber, die "Piragi" lediglich als "Abwandlung polnischer, finnischer oder russischen Piroggen" bezeichnet.

Solche Relativierungen treffen sich gut mit dem lettischen Drang nach Selbstfindung. Möglicherweise stehen sich da aber andere Perspektiven gegenüber: einerseits fragt sich die Lettin und der Lette durchaus, was es heißt "lettisch" zu sein, also auch "lettisch zu essen". Dazu eine Meinung zu haben muss ja noch nicht heißen die Welt zu kennen. Die andere Sichtweise ist die des Gastes in Lettland, und auch des Gastgebers: die Frage nach "landestypischen" Konsummöglichkeiten ist so eng verbunden mit Tourismus wie Fische mit dem Wasser. A propos Fische: der RBB hat es offenbar geschafft, etwas in Lettland sehr Vertrautes zur einzigartigen Spezialität zu erklären: da werden Neunaugen - vielleicht weil sie in Deutschland so unbekannt und selten sind - auf "RBB-Online" als "Lampreten" deklariert, nicht ohne die erläuternde Bezeichnung "fisch- und aalähnliche Wirbeltiere" hinterherzuschieben. Da bleibt doch zu hoffen, dass es weiterhin in lettischen Supermärkten "nēģi" gibt, und nicht statt dessen in Orten wie Salacgrīva demnächst Sylt-ähnliche Edelrestaurants "Lampreten" zum Champagnerfrühstück anbieten. Wikipedia sagt übrigens Folgendes dazu: "Im Volksmund werden Flussneunaugen auch Bricke, Pricke oder Prigge genannt. Neunaugen waren vor allem im Mittelalter beliebte Speisefische."

Pricke mit Brot
Deutsche Gäste in Lettland - auf dem Weg zurück ins Mittelalter? Kommen die Gäste zum Beispiel aus Kiel, könnten sie ja zunächst mal die Existenz lettischer Sprotten akzeptieren - ein Produkt, dessen Export (zumindest momentan noch) sogar von den russischen Exporteinschränkungen ausgenommen wurden, die als Gegenreaktion auf EU-Maßnahmen wegen der Ukraine-Krise verhängt wurden. Doch auch innerhalb der EU musste Lettland für seine Sprotten zunächst auch kämpfen: einerseits wegen der Irritationen der Vermarktung durch russische Großhändler, oder auch weil das lettische Räucherverfahren lange vor EU-Bürokraten keinen Gefallen fand.

Symbolik für Kenner: eine melancholisch dreinblickende
blaue Kuh spaziert am Ostseestrand
Was immer auch Lettinnen und Letten Gästen anbieten werden - es wird auch Brot dabei sein. Nun ja, wie es uns die "Zentralvermarkung des deutschen Bäckereihandwerks" auf  "Deutsche Botkultur.de" erläutert, ist gerade Berlin offenbar ein gutes "Einfallstor" für Brot-Innovationen: nur 13 der über 3200 in Deutschland registrierten Brotsorten, nur 0,6%, sind in Berlin angemeldet. Sehr viel schlechter stünde es um Werbekampagnen des lettischen Brots etwa in Bayern, wo es 614 registrierte Brotsorten gibt (27,4% aller erfassten deutschen Brotsorten), oder auch NRW, wo 449 Sorten (20%) große Konkurrenz darstellen. Immerhin können lettische Brotbäcker auf Wohlwollen der allermeisten Deutschen hoffen - nur die Variante "Brot mit Kümmel" (ausgerechnet das wird als "Lettland-typisch" erklärt) ist eher selten. "Brot hat einen speziellen Platz im lettischen Bewusstsein und der Respekt dafür wird von früher Kindheit angeregt," so formuliert es das "Lettland-Institut". Im "Grüne-Woche-Sprech" heißt das: "Lettisches Brot – die baltische Benchmark".

Kulinarisch migrieren
Ein rein lettisches Restaurant - oder ein deutsches Restaurant mit lettischer Speisekarte - gibt es in Deutschland übrigens noch nicht. Gastgeber und Köche mit teilweise lettisch geprägter Speisekarte gibt es vereinzelt, etwa im hessischen Kronberg ("zum Feldberg"), oder der "Gasthof Riga" in Hasbergen bei Osnabrück. Immerhin ist es noch so, dass Lettinnen und Letten selbst gern "Lettisch essen" - aber trotz vieler Arbeitsmigrant/innen ist damit viel eher das private selbst (lettisch) kochen als ein Verkaufskonzept gemeint.
Bleibt die Hoffnung auf unternehmerischen Wagemut. Pünktlich zum Grüne-Woche-Start kam dieser Woche das Gerücht auf, die lettische LIDO-Kette  wolle Zweigstellen auch in Deutschland eröffnen. Die wurde von Gunārs Ķirsons bereits Ende der 80er Jahre zunächst als Bar gegründet, in den 1990ern dann zur Kette von Schnellrestaurants entwickelt, die auf lettischem Terrain mit McDonalds leicht mithalten konnte, und 2014 bereits ihr 15-jähriges Bestehen feierte. Zu Zeiten der Wirtschaftskrise kurz vor der Pleite stehend (mit 15 Millionen Lat Schulden stand die Zahlungsunfähigkeit kurz bevor, ein exklusives Haus nahe Lettlands höchstem Berg Gaiziņkalns musste verkauft werden), gehört ein Besuch in einem der LIDO-Restaurants heute für den Gast in Lettland wieder zum festen Besuchsprogramm (2013 machte LIDO 30 Millionen Euro Umsatz und 800.000 Euro Gewinn). "Die Geschichte wird von uns selbst geschaffen", das gilt als Ķirsons' Wahlspruch, und die Art des "freien Buffets" (jeder kann von allem nehmen - sofern er / sie es bezahlen kann) gilt im Lettischen als "demokratisch" (ansonsten gilt ein Frühstücksbuffet ja als "schwedisch"). 

Die Verbindung des 63-jährigen Ķirsons zu Deutschland wird von der lettischen Klatschpresse auch dadurch erklärt, dass er kürzlich zugab, neben Frau Larisa, Tochter Evija und dem 11-jährigen Enkel Alberts (alle wohnen in Lettland) auch noch eine erst dreijährige Tochter namens Emīlija in Deutschland zu haben. Von Larisa hatte der lettische "Lebemann" sich scheiden lassen, versteht sich aber inzwischen offenbar wieder bestens mit ihr. "Die Mutter von Emīlija wollte dass sie Deutsche wird und in Deutschland lebt," verriet er dem Magazin "Kas jauns". Dass er es mit dieser deutschen Frau nicht ausgehalten habe, erklärt er angeblich so: "Ich bin eben zu lettisch."

Zu Lettlands kulinarischen Gebräuchen ist ebenfalls bei LIDO nachzulesen - die lettische Art das alte Jahr zu verabschieden. Mit den besten Wünschen für das eben angefangene Neue Jahr seien diese "12 lettischen Geheimtipps" den genußsüchtigen Leserinnen und Lesern empfohlen:
  • Zirņi – Erbsen = nicht mehr weinen müssen;
  • Skābi kāposti – Sauerkraut = für ein süßes Leben;
  • Pīrāgi – Piragi = für heimelige Gemütlichkeit;
  • Āboli – Äpfel = für die Schönheit;
  • Pupas – Bohnen = für viele Kinder;
  • Bietes – (rote) Beete = für den Blutdruck;
  • Dzērvenes – Preisselbeeren = für rosa Wangen / Bäckchen;
  • Rutki – Rettich = für gute Gesundheit;
  • Piparkūkas – Pfefferkuchen = für ein prachtvolles Leben;
  • Zivis – Fisch = Reichtum;
  • Cūkas ribas un šņukurs – Schweinerippchen und -schnauze = Kraft und Glück;
  • Zāļu tēja ar medu – Grüner Tee mit Honig = bringt den Segen.

11. Februar 2013

Was Letten wünschen ...

Eine bemerkenswerte Umfrage ist auf der Webseite der lettischen Regionalzeitung "Kurzemnieks" nachzulesen, die mit einer Auflage von gegenwärtig etwa 6000 Exemplaren erscheint und auf eine bis zum Jahr 1910 zurückreichende Tradition zurückblicken kann. Damals war die Redaktion in Kuldiga beheimatet, heute fällt unter anderem der hohe weibliche Anteil am Redaktionsteam auf.

Sicher wäre so manches der Übersetzung wert, über das dort berichtet wird - allein schon weil es eben regionale Themen aus "Kurzeme" sind, also nicht sich alles auf die Hauptstadt Riga konzentriert. Für den Moment greife ich aber nur eine kleine Umfrage heraus, die vor einiger Zeit gestartet wurde und gegenwärtig (Stand 11.2.13) immer noch läuft. Die Frage lautet dort - natürlich auf Lettisch gestellt: "Wie ist ihre Reaktion, wenn sie, in dem sie einen Laden betreten, der Verkäufer sofort fragt: 'Kann ich helfen? Was kann ich ihnen anbieten?' "

Dorfladen in Kurland:Schwellen-
ängste und lästige Fragen?
Eine gewöhnliche Frage vielleicht. Als Deutsche erinnern wir uns vielleicht an Bäckereifachverkäuferinnen oder ähnliches in Deutschland, die mit lauter Stimme "Darf's sonst noch was sein?" durch den Laden schallen lassen.
Aber die Antworten sind doch erstaunlich. Es gibt vier Antwortmöglichkeiten. Ein kommerzieller Erfolg wäre so eine direkte Frage nach den Kundenwünschen offenbar nicht: nur 21.4%, also nicht einmal jeder vierte, antwortet mit: "ich sage meine Wünsche und gemeinsam mit dem Verkäufer finde ich eine Lösung". Wesentlich mehr, nämlich 38,9% der Befragten, sind sich vollkommen sicher in einer ziemlich krassen Reaktion: "Ich wende mich um, verlasse den Laden, und komme solange nicht wieder dorthin wie dieser Verkäufer dort arbeitet."

Oha! Sprich bloß keinen Kunden an! Das scheint die Devise im Kurland von heute zu sein. Es kommen sogar noch weitere 6,1% dazu, die meinen: "Bei dieser Frage vergesse ich völlig was ich wollte, kaufe irgend eine Kleinigkeit und verlasse schnell den Laden." Und 33,6% haben noch eine "andere Variante" im Kopf, die aber offenbar auch nicht in Richtung eines konstruktiven Verkaufsgesprächs haben.

Nun ist es vielleicht unverschämt, als Deutscher sich Gedanken über mögliche Gründe machen zu wollen - zu leicht könnte es entweder in interkulturellen Mißverständnissen enden, oder schlicht den großen Unschärfen dieser Internetumfrage geschuldet sein. Wer als Deutscher in Kurland lebt, könnte vielleicht schon eher mitreden. Als nur gelegentlich, aber regelmäßig durchreisender Tourist fallen mir folgende mögliche Einflußfaktoren ein:
- zu Sowjetzeiten wiesen die Verkäufer die "Kunden" oft ziemlich scharf zurecht. Ein strenger Befehlston, wie man sich im Laden zu verhalten hatte, war nicht selten. Vielleicht sind heute gerade die Älteren Leute, eben im Hinblick auf alte Zeiten, einfach froh möglichst in Ruhe aussuchen zu dürfen?
- handelt es sich vielleicht, gerade angesichts des hohen Frauenanteils in der Redaktion dieser Zeitung, um ein Problem das vor allem Verkäuferinnen mit männlichen Kunden haben? Wie hoch ist der Anteil der Männer, die den Monatslohn stillschweigend in Schnaps oder Zigaretten anlegen, statt nach ihren "Wünschen" gefragt zu werden? Auch in Deutschland dürfte der Anteil "schüchterner" männlicher Kunden höher liegen als der weibliche.
- Sprachprobleme (Russisch-Lettisch) sind in diesem Fall auszuschließen, da erstens auf dem Lande prozentual weniger Russen leben als in Riga (und auch bei diesen steigen die Lettisch-Kenntnisse), und zweitens läuft die umfrage ja ausschließlich in Lettisch, also nur Lettisch-Kundige antworten. 
- oder ist es vielleicht die Geldnot, die Kundinnen wie Kunden zu Ausflüchten treibt? Erstmal in den Laden gehen (wo es warm ist!), dann mal sehen, ob man sich irgend etwas leisten kann, und ggf. still wieder hinausgehen ohne belästigt zu werden? Gerade auf dem Lande geht es vielen Leuten immer noch nicht besonders gut.
- nur ungern würde ich auf die häufigen lettischen Ausflüchte zurückgreifen nach dem Motto "das ist eben unsere Mentalität". Die individualistischen, wankelmütigen, oft mürrischen Letten, die erst mit der Zeit, und nur in einer vertrauten Atmosphäre "auftauen".  So gesehen wären dann alle diese Umfrageergebnisse einfach "normal", alle kennen das schon und richten sich danach ein. Zumindest dem Redaktionsteam des "Kurzemnieks" war es aber wert doch mal genauer nachzufragen.

Die Kurzemnieks-Umfrage lässt sich hier nachlesen.

17. November 2012

Sind wir schon arm, oder wenigstens noch Patrioten?

Der herannahmende Nationalfeiertag, vermischt mit besinnlich-trüber Novemberstimmung, funktioniert auch jedes Jahr aufs neue ein wenig als Stimmungsbarometer. Wie geht es den Lettinnen und Letten? Wo der eine vielleicht den Tatendrang und Optimismus erstmal auf's neue Jahr verschiebt ("wenn die Sonne wieder höher steht"), üben sich andere im Ablästern in den einschlägigen Internetforen.

Treffen der Eiropas Latviešu apvienība" (ELA)
im September in London: wenig Interesse der
Landsleute (Bildquelle: www.ela.lv)
Aufsehen erregte so zum Beispiel Aldis Austers, Vorsitzender der lettischen Vereinigungen in Europa (Eiropas Latviešu apvienība), als er über angebliche Gewohnheiten seiner außerhalb Lettlands wohnenden Landsleute schrieb (siehe delfi.lv). Austers hatte eigentlich nur vom Jahrestreffen der Mitgliedsorganisationen seines Verbandes berichten wollen. Zusammen mit dem lettischen Außenministerium bemühen sich die lettischen Gemeinschaften ("Kopienas") darum, mit den aus Lettland meist arbeitssuchend ausgewanderten Landleuten irgendwie im Gespräch zu bleiben. Doch: "Die meisten der zu Zeiten der Wirtschaftskrise ausgewanderten Letten interessieren sich nur wenig für die lettischen Gemeinschaften", beklagte sich Austers, und hatte zudem noch das Pech, dass vielerorts aus der Formulierung "zu Zeiten der Wirtschaftskrise Ausgewanderten ("emigrējuši ekonomiskās krīzes laikā") die Überschrift von den "Wirtschaftsflüchtlingen" ("ekonomiskie emigranti") gemacht wurde. "Was für Wirtschaftsflüchtlinge?" empört sich die Lesergemeinde bei "Delfi.lv". "Wenn hunderttausende Spezialisten auf diskriminierende Art und Weise plötzlich ihren Arbeitsplatz verlieren, dann sind sie nicht Wirtschaftsflüchtlinge, sondern es sind die Kennzeichen eines pathologischen Systems." Oder: "Wenn in Lettland die Korruption nicht so weit verbreitet wäre sähe die Lage anders aus."

Ironie von Werbestrategien in Riga,
Fundsache aus dem Jahr 2012
Solche Äußerungen zeigen aber, wie schwer es fällt die Verhältnisse im eigenen Land zu denen in anderen Ländern in Beziehung zu setzen. Und man wehrt sich dagegen, dass angeblich die Schlauen schon irgendwie in Lettland überleben, die Dummen und geistig Zurückgebliebenen aber ausreisen würden. - In dieses Bild der unsicheren Selbsteinschätzung paßt eine Äußerung von Präsident Andris Bērziņš, der kürzlich gegenüber lettischen Medien Zweifel an Armutsstatistiken in Lettland geäußert hatte, die über 20% aller Einwohner Lettlands als armutsgefährdet eingestuft hatten. Demgegenüber behauptete der Präsident, es seien noch zu wenig Daten vorhanden um eine solche Einschätzung wirklich abgeben zu können, und erntete damit teilweise heftigen Widerspruch. 425.000 Einwohner Lettlands, so Daten des Sozialministeriums, müssten mit 150 Lat (ca.275 Euro) im Monat auskommen und seien so armutsgefährdet. Bērziņš dagegen meinte auf den unklaren Umfang von Schwarzmarktaktivitäten und "Lohnzahlungen in Briefumschlägen" (in Lettland schon ein "geflügeltes Wort") anspielen zu müssen - und packte damit wohl viele seiner Landleute bei der Ehre, denn wer will sich schon unterstellen lassen nur scheinbar arm zu sein, heimlich aber "Schwarzgeld" zur Verfügung zu haben? Auch die betroffenen Wissenschaftler der lettischen Universität wehrten sich gegen die Unterstellung, die erhobenen Statistiken seien nicht in objektiver Weise erfasst worden: "das ist eine leichtfertige Art, sich vor der Verantwortung zur Problemlösung zu drücken", schrieben die Wissenschaftler in einem offenen Brief an den Präsidenten.
Nach Meinung vieler politischer Beobachter nicht ganz weise hatte sich Präsident Bērziņš schon am 1.September, am Tag des Schulanfangs verhalten, als er scheinbar schlecht gelaunt unwirsch Fotografen androhte handgreiflich zu werden, nur weil ihn diese dabei ablichten wollten wie er seinen Sohn beim ersten Schulgang begleitete.

Derweil machen sich Lettische Gemeinschaften im Ausland wie auch Außenministerium Gedanken, wo Landsleuten geholfen werden kann. Eine der Maßnahmen ist die Schaffung eines Nothilfefonds, der für im Ausland in plötzliche Notlage gekommene Lettinnen und Letten gedacht ist. In den ersten vier Monaten seiner Existenz seien aus diesem Fond bereits für 26 Personen Heimreisetickets nach Lettland gekauft worden, so ein Vertreter des Außenministeriums. Allerdings drängt das Ministerium auf Rückzahlung der Auslagen innerhalb von drei Monaten.
Aldis Austers dagegen bemüht sich eigenen Aussagen zufolge eher, die Landsleute "dort anzusprechen wo sie zu finden sind": im Internet. "Sie nehmen zwar wenig an Aktivitäten der Lettischen Gemeinschaften teil, aber sie nutzen Internetportale wie 'draugiem.lv' oder 'Facebook'," meint Austers. "Daher wollen wir stärker mit diesen Medien auch zusammenarbeiten." Auf Deutsche mag die für Letten im Ausland verwendete Bezeichnung als "Diaspora" ja ein wenig befremdlich klingen, aber manche Vertreter vermeintlicher lettischer Interessen scheinen wahrhaft religiösen Eifer an den Tag zu legen, um "Verstreute" (so die wörtliche Übersetzung im Griechischen) wieder für die Heimat zu sammeln. Wie aber im Ausland für Lettland werben, wenn auch die im Land lebenden verschiedenen (Volks-)Gruppen ein jeweils so unterschiedliches Selbstverständnis haben? Manchem lettisch national Gesinnten scheinen die ausgewanderten Arbeitsemigranten auch vor allem deshalb im eigenen Lande zu fehlen, weil sie die "Frontstellung" gegen eine befürchtete Übermacht des russischen Einflußes aufweichen.
"Lebe, sei glücklich, aber bleibe Lette und sei stolz auf Dein Lettischsein" - so lautet die Parole, die Auders gerne allen Landsleuten ans Herz legen möchte. Rolands Lappuķe, Beauftragter im Außenministerium für die Fragen der Auslandsletten, kündigt die Einstellung neuer Mitarbeiter in der eigenen Behörde an und definiert deren Aufgaben so: "die Hauptaufgabe wird das sein, was ich den 'globalen Letten' nenne, also ein Lette nicht nur in Lettland sondern überall auf der Welt. Jeder, der mit seiner eigenen Hände Werk am Aufbau Lettlands teilhaben möchte, soll dieses tun können."

Ob die Doppeldeutigkeit der lettischen Facebook-
Kampagne beabsichtigt ist? "Wenn Du Lettland liebst, liebt
Dich Lettland" - oder: nur wenn Du Lettland liebst, ...
Um lettische Aktivitäten im Ausland initiieren zu können bedarf es vor allem finanzieller Unterstützung. Den zahlreichen Internetforen ist aber gleichzeitig vielfacher Neid zu entnehmen: die einen bekommen Geld für eine Veranstaltungen, und schon werfen viele der Landsleute genau diesen Aktiven vor, solche Betrebungen nur eben des Geldes und eines persönlichen Vorteils wegen zu unternehmen. In diesem Licht sind wohl auch Argumentationen wie die Folgende zu sehen: "In Lettland hatte ich Zeit Leute zu treffen und Kaffee trinken zu gehen. Hier muss ich arbeiten." - Aber es gibt auch solche Reaktionen: "Alle meine heutigen Freunde sind Leute von hier, verschiedene Nationalitäten. 'Lettische Gemeinschaften' künstlich wieder formen zu wollen, davon halte ich nichts. Vielleicht brauchen das ja diejenigen, die irgendwo einer schlecht bezahlten Arbeit nachgehen wie Pilze suchen - und gleichzeitig dann mit den Einheimischen nicht kommunizieren können. Ich nicht!" - Wieder andere meinen, ihr "Lettisch-sein" beziehe sich nur auf ihre Herkunft, aber mit diesem "Betrügerstaat" von heute wollten sie nichts mehr zu tun haben (nachzulesen auf delfi.lv).

Die "lettischen Vereinigungen in Europa", denen Aldis Austers vorsteht, wehren sich derweil ihrerseits gegen Finanzmittelkürzungen für Veranstaltungen von Letten im Ausland, und benennen konkrete Zahlen zu den Notwendigkeiten für 2013 aus ihrer Sicht: 60.000 Lat für lettische Sommerlager, 45.000 Lat für lettische Nichtregierungsorganisationen im Ausland, 20.000 Lat für Kulturveranstaltungen der Lettischen Gemeinden, 50.000 Lat für Kinder- und Jugendwettbewerbe, 27.000 Lat für die Teilnahme von Auslandsletten an Sängerfesten, 60.000 Lat für Lettisch-Kurse im Ausland.

Derweil werden einige der obligatorischen Umfragen zum Nationalfeiertag heute publiziert: 74.6% der Einwohner Lettlands fühlen sich als Patrioten ihres Landes, so ist heute in lettischen Medien (siehe "LA") nachzulesen, 13,% lehnen eine solche Haltung für sich ab. Auf die Nachfrage, was denn nach Meinung der Befragten diesen Patriotismus kennzeichne, antworteten 23.8% mit dem Hinweis auf Traditionen und die Wertschätzung des Lettischen, 21,6% nannten Liebe zum Heimatland, 10,2% Arbeitsmoral und Strebsamkeit und 10% das Gefühl der Verbundenheit zum Ort wo man geboren sei. Da für die Umfrage auch soziale Medien im Internet herangezogen wurden, ist aus den Ergebnissen aber nicht definitiv zu schließen dass alle Befragten auch in Lettland momentan ihren Hauptwohnort haben. Derweil interpretierte die Ladenkette "Rimi" die Frage nach dem Lettisch-Sein rein materiell, und kürte die "lettischsten Produkte" (nach Kundenmeinung): Graue Erbsen mit Speck, dunkles Roggenbrot und Kümmelkäse.