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27. Mai 2022

Der Lette ... lebt allein. Aber mit Kind.

Abb.: Latvijas Universitātes Filozofijas un socioloģijas institūts
Ja, und die Lettin wahrscheinlich sowieso - wenn wir den neuesten amtlichen Statistiken glauben. Wie das neueste statistische Jahrbuch feststellt, gab es im Jahr 2021 amtlich gezählte 503.100 Familien in Lettland. 

Etwas seltsam, wie diese Familien dann statistisch sortiert werden. Erstens: 22.4% der Paare haben keine Kinder (weiteres dazu, auf welcher Grundlage diese Menschen zusammenleben, ist hier nicht zu finden). Aber erstaunliche 45,7% aller Familien bestehen aus Alleinerziehenden mit Kindern! Glauben wir diesen Zahlen, leben in nur 26,7% der lettischen Familien Kinder, die mit beiden Elternteilen zusammenleben. 

Es gibt auch Versuche, diese Zahlen wissenschaftliche auszuwerten. So ist es zum Beispiel Ģirts Brūders, der feststellt, in Lettland habe sich seit 2011 besonders die Zahl alleinerziehender Mütter stark erhöht (telos.lv). Der Wissenschaftler führt das unter anderem darauf zurück, dass Lettland mit 3,1 auf 1000 Einwohner/innen die höchste Scheidungsrate in ganz Europa aufweise. Das würde zusammenkommen mit der Tatsache, dass zudem 40% aller neugeborenen Kinder außerhalb von Ehen geboren werden (Zahl von 2019). 

Eine weitere These ist hier vielleicht für manche überraschend: auch die hohe Arbeitsmigration innerhalb Europas sei mitverantwortlich für die Situation, meint Brūders. Mehr als ein Viertel aller auf der Suche nach Arbeit ausgewanderten Männer seien zwischen 25 - 44 Jahre alt, und davon wiederum ein Drittel verheiratet. Wen es wundert, dass dies rechnerisch ja nur 8% der Gesamtzahl der ausgewanderten Männer ausmacht - hier wird ein Detail der statistischen Berechnung in Lettland offenbart: Familien, in denen ein Elternteil nicht dauerhaft in Lettland lebt, werden statistisch als Alleinerziehende gezählt. Darüber hinaus gibt es nur in 3-4% aller Familien alleinerziehe Väter.

Eine generelle Ablehnung der Ehe möchte Brūders jedoch nicht feststellen - dazu habe Lettland eben gleichzeitig auch eine hohe Zahl der Eheschließungen, und bei Umfragen hätten nur 24% der Befragten zwischen 18 und 64 Jahren die Ehe als "veraltete Institution" bezeichnet (und sogar unter denen, die ohne Trauschein zusammenleben, hätten sich 59% dennoch pro Ehe ausgesprochen).

Also: viel Heirat, viel Scheidung, viel Alleinleben in Lettland? Seit 2011 ist es möglich, eine Ehe auch einfach bei einem vereidigten Notar (oder Notarin) zu schließen oder zu scheiden (tm.gov.lv); die Gebühr für das Austellen einer Heiratsurkunde beträgt gegenwärtig offenbar 14 Euro (tm.gov.lv). Im Jahr 2020 entschieden sich mehr als 3000 Paare für eine Scheidung bei einem Notar (tm.gov.lv), insgesamt wurden, den Statistiken zufolge, 5200 Ehen geschieden. Die benötigten Notare lassen sich auch per eigenem Suchportal einfach finden und sind auch per Internet konsultierbar.

12. Juli 2020

Wanderer, kommst Du nach Lettland ...

Der letzte möge am Flughafen Riga das Licht ausmachen - so klangen die dunklen Scherze der Pessimist*innen, die am Horizont den völligen Ausverkauf des Landes dämmern sahen und sehen. Zwar bemüht sich die lettische Regierung bereits seit einigen Jahren, Rückwanderern ins heimische Lettland Hilfen und Unterstützung bereitzustellen, aber so richtig glaubt noch niemand an eine Umkehrung des Trends - allzu offensichtlich ist zum Beispiel das im Vergleich zu anderen Ländern in Europa niedrige Lohnniveau, das eben kaum zum Überleben reicht.

Etwa 300.000 Lettinnen und Letten, die im Ausland wohnen, hat die Statistik eines wissenschaftlichen Untersuchungsprojekts der Universität Lettlands erfasst (LU Diasporas un migrācijas pētījumu centrs DMPC). Davon leben etwa die Hälfte in einem der Mitgliedsländer der Europäischen Union. 64.000 der im Ausland lebenden Lett*innen haben noch einen registrierten Wohnsitz in Lettland (2018 = 95.500, 2019 = 69.200, DMPC).

Wer dabei im Heimatland als "Rückkehrer" (Remigrant) gilt, ist auch eine Definitionsfrage - wie auch diejenigen Emigrant*innen, die Lettland nach 1990 verlassen haben, jetzt "neue Diaspora" genannt werden. Den Daten der DMPC zufolge sind Anfang 2020 insgesamt 203.960 Lettinnen und Letten als im Ausland lebend offiziell registriert - die tatsächliche Gesamtzahl wird aber auf 370.000 geschätzt (anderen Quellen zufolge haben seit 1991 600.000 Lett*innen ihr Heimatland verlassen).

Altersgruppen von im Ausland lebenden Lett*innen im Vergleich
2019 konnten 12.700 Menschen im Alter über 15 Jahren in Lettland identifiziert werden, die im Zeitraum 2015-2018 mindestens 12 Monate im Ausland verbracht haben. Das lettische Statistikamt CSP rechnet mit durchschnittlich fünf- bis sechstausend Rückkehrer*innen pro Jahr. Insgesamt wurden im Rahmen der Untersuchtung 145.000 Menschen im Alter zwischen 18 und 74 Jahren in Lettland festgestellt, die zwischen 2008 und 2018 auf mindestens 6 Monate Arbeit im Ausland zurückblicken können.

Wie aktiv sind Lettinnen und Letten im Ausland? Wie gut sind sie untereinander vernetzt? Auch dazu bemüht sich die unter Leitung von DMPC-Direktorin Inta Mieriņa durchgeführte Untersuchung Aussagen zu machen. Unter den Internetportalen werden sowohl Facebook wie auch rein lettischsprachige Portale genannt. Die Autor*innen der Studie stellen aber auch fest, dass unter den jugendlichen Lett*innen die Teilnahme an Veranstaltungen und Aktivitäten weniger bliebt ist; fast 40% äußern wenig Interesse daran, "nur unter Lettischsprachigen" zu bleiben. Außerdem wünschen sich junge Lett*innen nicht nur Kultur, sondern mehr praktische Tipps für den Aufenthalt im Ausland.

Was Lett*innen in Deutschland angeht, so fehlt es hier allerdings vielfach noch an aktuellen Daten. Während die Wissenschaftler*innen aus anderen Ländern Daten von Volkszählungen abrufen konnten, fehlt entsprechende Details in deutschen Landen. Was aber offenbar gezählt werden konnte, sind die über 5.000 Kinder von Lettinnen oder Letten, die in Deutschland leben (DMPC). Festgestellt wurde auch, dass zwischen 1994 und 2018 insgesamt 3445 Menschen, aus Lettland kommend, die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen bekamen.

2. Juni 2020

Kühe auf der Weide, Früchte auf dem Feld

Nein, Kühe stehen in Lettland noch nicht unter Naturschutz. Und aus deutscher Perspektive stand in den vergangenen Jahren manches, was von der lettischen Landwirtschaft zu sehen und zu lesen war, eher unter dem Stigma der Unwirtschaftlichkeit. Da gibt es einerseits diejenigen, die eifrig und erfolgreich EU-Subventionen nutzen und mit Krediten Großanlagen bauen, aber auch noch die anderen, die mit einem kleinen Selbstversorgerhof einfach möglichst weitab der Städte leben wollen.

Die Diskussion um klimafreundlicheres Wirtschaften gibt es indessen nicht nur in Deutschland. In Lettland hat nun Andrejs Briedis die Diskussion aufgenommen, seit kurzem neuer Vorsitzender der lettischen Naturschutzstiftung (Latvijas Dabas Fonds). "Unsere Landschaften brauchen Kühe auf der Weide", meint er in einem Interview mit der Zeitung "Latvijas Avize". Als Bio-Imker kennt Briedis auch die Honigproduktion rund um das Naturreservat Teiči - was ja auch einen Teil der landwirtschaftlichen Produktion darstellt.

"Attālināti", mit Abstand, von zu Hause arbeiten - einer der
häufig gebrauchten Begriffe zu Corona-Zeiten - hier aufs
Korn genommen vom Karikaturist Ēriks Ošs.
Während aber Briedis sich mehr Naturwiesen, weniger Pestizid- und Kunstdüngergebrauch wünscht, und die EU-Direktzahlungen nicht mehr nur an die Hektarzahl geknüpft haben möchte, denken andere bereits an die Preisselbeerernte dieses Jahres. "Wenn wir keine Gastarbeiter bekommen können, wird die Ernte auf den Feldern verrotten!" - Erstaunlich genug, die Klagen lettischer Beerenfarmen klingen identisch wie die Erdbeer- und Spargelanbauer*innen in Deutschland. Durch die im Zuge der Corona-Krise erfolgten Grenzschließungen haben auch lettische Bauern offenbar Mühe, auf dem eigenen Markt genug Arbeitskräfte zu finden. "Bei uns können die Leute immerhin so um die 1000 Euro pro Monat verdienen", versprechen die Arbeitgeber.

Bauern zahlen nach Ernteleistung - je mehr Beeren geerntet werden, desto größer der Verdienst. Aber das allein dürfte ja keine Überraschung sein. Von Regierungsseite wird jetzt überlegt, auch für Landarbeiter*innen die Einreisebestimmungen wieder zu erleichtern. Gundega Sauškina, Mitinhaberlin bei "VeryBerry SIA", einem lettischen Saft- und Sirup-Hersteller, sieht darin aber kein Ausbeutung von schlechter Gestellten in den Nachbarländern. "Unsere Einheimischen sind zu faul", meint sie (LA).

"Wir mögen saubere und echte Beziehungen. Ohne Lügen und Heuchelei. Wir lieben es, wenn Freunde überraschend vorbeikommen" - so steht es auf der "VeryBerry"-Webseite unter "unsere Werte", sogar auf Deutsch. "VeryBerry" liefert auch nach Deutschland - ob es die Säfte bei "Starbucks" sind, das Müsli bei "Seedheart" in Hamburg, als Smoothie bei Kastingers in Österreich, oder sogar "Nespresso-Kapseln" - überall ist "VeryBerry" drin. Die Firma erfreute sich noch vor kurzem einer Verdopplung des Absatzes (Dienas bizness). Ein Erfolg also, der offenbar auf billigen Leiharbeiter*innen aus anderen Ländern beruht - zumindest in der Hochsaison. Von Ape (einer Grenzstadt zu Estland) aus in die ganze Welt: es wird inzwischen auch nach Litauen, Estland, Tschechien, Spanien, Belgien, Großbritannien und in die USA exportiert. Und um die stark gestiegene Nachfrage befriedigen zu können, werden bei "VeryBerry" inzwischen Beeren zugekauft, nicht mehr nur selbst erzeugt. Und das, obwohl der Verkauf in Schulen und Restaurants ja zur Zeit erheblich einbrechen musste.

"VerryBerry"-Eigenwerbung
Vorerst bleibt also die Sorge, genug Arbeitskräfte für die anstehende Ernte zu bekommen. "Manche der Hiesigen verschwinden einfach, wenn sie den Wochenlohn erst einmal bekommen haben," berichtet Sauškina, "manche arbeiten auch noch auf dem eigenen Hof. Aber andere verjubeln ihren Wochenlohn auch so freudig, dass sie am nächsten Montag dann nicht mehr auftauchen. Aber die Beeren warten nicht!"

Einzelne Helfer*innen habe sie auch aus Riga, meint Sauškina. "Jedes Jahr kommen zwei Medizinstudentinnen und ein Lehrerin, die arbeiten sehr fleissig." Unterschiedliche Arbeitsmoral scheint eines ihrer Lieblingsthemen zu sein. Aus Kasachstan habe sie schon Arbeiter*innen gehabt, nun wolle sie es mit Leuten aus Usbekistan versuchen. Aber weniger Bürokratie soll es bitte sein, so ihr Wunsch: "Da haben schon mal beim Nachbarn Ukrainer die Erdbeeren gepflückt, danach bei mir die Heidelbeeren."
"Der Vorteil bei Gastarbeitern", so meint sie, "die hören auf die Anweisungen. Die Hiesigen beschweren sich bei jeder Kleinigkeit." Aber gute Erfahrungen habe sie auch mit denjenigen Lett*innen gemacht, die schon in Großbritannien gearbeitet haben. "Die sind nur für ein paar freie Tage nach Hause gefahren, und hingen dann hier in Lettland fest. Nun sind sie unter meinen besten!"

Während also die einen noch auf Verbesserungen für die traditionelle lettische Landwirtschaft warten, stellen andere das neue "Superfood" her - für Veganer und andere Naturfreund*innen.

16. April 2020

Wo liegt das Land "Diaspora"?

Diaspora - der Gläubige im Land der Ungläubigen. So könnte es der gewöhnliche (gläubige) Mensch verstehen, oder? Für die katholische Kirche in Deutschland, in diesem Fall in Paderborn, liegt die Diaspora unter anderem in .... Lettland und Estland (Domradio). In Litauen natürlich nicht, denn da leben ja die Katholiken - jedenfalls den Statistiken zufolge.

eine Grafik zur lettischen Sendung
"der globale Lette" (lsm)
Wer die eigentliche Wortherkunft ergründen will, greift vielleicht zum Lexikon - oder sieht nach bei Wikipedia. Der dortigen Definition zufolge ist Diaspora "die Existenz religiöser, nationaler, kultureller oder ethnischer Gemeinschaften in der Fremde, nachdem sie ihre traditionelle Heimat verlassen haben". Paderborner in Lettland?

Die Bundeszentrale für politische Bildung weist auf einen Bedeutungswandel des Begriffes hin (altgriechisch διασπορά "Verstreutheit"). Lange Zeit habe der Begriff immer nur im Zusammenhang mit den nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem vertriebenen Jüdinnen und Juden Verwendung gefunden. In den 1960iger und 70iger Jahren seien dann andere "Vertreibungsgeschichten" hinzugekommen - von der Versklavung der Afrikaner*innen, über die Auswanderung der Ir*innen, über das Schicksal der Armenier, die Palestinenser in Israel bis hin zu den "deutschen Ostgebieten".

Nun sind ja die Lettinnen und Letten eigentlich sehr begierig, auch neu eingeführte Fremdworte ("svešvārdi") gleich zu "lettisieren", also neue, aber lettische Worte dafür zu schaffen - als Beispiel dafür mag schon die Einführung der europäischen Währung gelten, die in der lettischen Sprache eigentlich niemals hätte "Euro" heißen dürfen (oder "Eiro"), viel lieber "Eura" oder "Eira". Oder, anderes Beispiel: Liebhaber*innen des Lettischen reden auch nie beim "einkaufen gehen" von "šopings" – sondern von "iepirkšanās".
Der Begriff der "Diaspora" hat aber alle Wirren überstanden. Aus lettischer Sicht ist die "Diaspora" immer dort, wo Lettinnen und Letten fern der Heimat leben (müssen). Eines ist klar: die Angst, das eigene Heimatland wieder zu verlieren, ist aufgrund der Sowjetzeit in Lettland viel frischer als in Deutschland. Dennoch - die "Corona-Krise" hat auch hier Änderungen gebracht.

Bisher, also seit spätestens 1991, war ja eher das "Weggehen" fast zur Selbstverständlichkeit geworden. Zuerst vielleicht zur Pilzernte nach Irland, seit 2011 dann war auch der deutsche Arbeitsmarkt offen (auf den aktuellen Notstand an Pflegekräften braucht ja wohl nicht extra verwiesen zu werden). Die Umfragen waren immer eindeutig: fast ein Drittel aller jungen Lettinnen und Letten konnten sich vorstellen, Arbeit im Ausland zu suchen. Da bleibt dem Rest nur noch, rückhaltlos neidisch zu sein (mangels eigener Möglichkeiten), oder Arbeitsmigrant*innen als eine Art "Vaterlandsverräter" zu brandmarken.

Nun geht es also anders herum. Kaum war die Corona-Krise aufgebrochen, steckten Hunderte Lettinnen und Letten auf dem Weg zurück nach Lettland auf Flughäfen, an Grenzen und Meeresufern fest. Glücklich "zu Hause" angekommen, soll es Fälle gegeben haben, wo die Einwohner*innen von Dörfern auf dem Lande sich geweigert haben, diese "Rückkehrer" wieder in ihr Dorf zu lassen, und Betroffene erst mal in Hotels in Riga sich einmieten mussten.

Plötzlich auch gern online im Direktkontakt:
Lett*innen außerhalb Lettlands
Aber es gibt auch positive Beispiele. Waren bisher alle möglichen Gerüchte im Umlauf, dass Bekannte und Verwandte durch irgendwelche Tricks im Ausland plötzlich reich geworden seien (und die Betroffenen erzählten zu Hause lieber nicht allen, wie es wirklich war), so hat nun ein ganz neues Interesse eingesetzt, wie es Lettinnen und Letten eigentlich geht, die in anderen Ländern leben. Jetzt, wo doch "dīkstāve" (Stillstand) herrscht. Überall. Auch im lettischen Radio und Fernsehen ist das inzwischen gewohnte Bild der "Home-Office-Sendungen" nun häufig genutzt. Die Sendung "Globalais Latvietis" (der globale Lette) schaltete kürzlich live ins "Homeoffice-Zimmer" von Lettinnen in Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland - mit Ton und Bild.

Zu hören und zu sehen sind hier allerdings auch teilweise seltsame Thesen. So hätten es die Letten im Ausland angeblich leichter, mit dem Virus umzugehen, weil sie "schon wissen wie es ist in Isolation zu leben". - "Ich kann schon seit 16 Tagen nicht mehr auf die Straße gehen", berichtet Natalija aus Spanien.
"Aber wir haben hier gehört," so die Frage aus dem Studio in Riga, "dass in großen Mehrfamlienhäusern bei euch schon alle Leute anfragen mit dem einen Hund rausgehen zu dürfen, den es im ganzen Haus gibt, nur damit sie mal einen Grund haben rausgehen zu können!" - "Ja, die Leute hier entwickeln einen sensationellen Sinn für Humor," schallt es aus dem digitalen Raum zurück. "Aber nein, bei uns werden noch keine Hunde vermietet."

"Wir dürfen nicht mehr als dreimal die Woche einkaufen gehen", erzählt Elena aus Italien. "Und wir dürfen die Haustiere 200m weit ausführen, also etwas weiter als in Spanien. Und, damit die Leute verstehen, das es kein Spaß ist: alles wird mit Drohnen überwacht." Liene, in Frankreich wohnend, aber in Genf arbeitend, muss die Regeln von gleich zwei Ländern beachten und berichtet von scharfen Grenzkontrollen. "Was ich hinzufügen kann," so kommt es von Elina aus Berlin, "ich bin nun tatsächlich Hausfrau, Hauslehrerin, Heimarbeiterin und Hauspsychologin in einem!" - Und nach dem Durchhaltevermögen gefragt, ergänzt Elena aus Italien: "Wir haben jetzt zu Hause sogar angefangen, Nudeln und Süßigkeiten selbst herzustellen, und abends tanzen wir zusammen - das erhält die gute Laune!"
Während der Sendung muss das lettische Radio sich auch durch ein paar technische Schwierigkeiten kämpfen - europaweit gleiche Leitungsqualität ist noch eine Illusion. Aber Lettinnen und Letten in Europa miteinander verbinden - die Krise bringt es offenbar voran.

6. Juni 2019

Lettisch essen, schwarz arbeiten?

Neues von Ķirsons. Nachdem der lettische Unternehmer Gunārs Ķirsons bereits Anfang Oktober 2018 eines seiner Restaurants in Berlin zusperrte - kurz nach einer Feier zum zweijähriges Bestehen - scheint er sich jetzt Argumente dazu überlegt zu haben, mit denen er an die Öffentlichkeit treten kann. Ķirsons verkündete in dieser Woche vor der lettischen Presse, den deutschen Markt vielleicht ganz verlassen zu wollen. Seine Begründung: "Von zehn Personen, die bei mir arbeiten wollen, verlangen acht, dass ich sie cash bezahle, bar auf die Hand - also 'schwarz'." (tvnet) Und, noch allgemeiner: "Ich dachte, in Deutschland ist jeder ehrenhaft und zahlt Steuern. Deutschland zahlt hohe soziale Unterstützung, und die Leute wollen diese bekommen, und nebenbei noch irgendwo 'inoffiziell' arbeiten." (delfi)

Ein Foto aus berlinfreundlicheren Tagen: rechts die Gönner und Spender,
links (im Hintergrund) die Schwarzarbeiterinnen?
Ist "Lettisch essen" in Berlin so schnell gescheitert? Oder ist es einfach nur ein geschickter Unternehmer, ohne Garantie auf Weiterbeschäftigung, wenn er Filialen nach eigenem Gusto öffnet und wieder schließt - solange nur die eigenen Gewinne im Sack sind?

Schon jetzt präsentiert sich auch die einzig verbliebene Filiale im Alexa in Berlin mit stark reduzierter Speisekarte: ein bischen lettisches Bier, ein kleiner Nachtisch - das war's schon mit dem "typisch lettischen". "Die Idee, in Berlin bis zu 12 Restaurants eröffnen zu wollen, war ein Fehler", meint Kirsons heute. Angeblich werden für die verbliebene Filiale schon jetzt ein Geschäftspartner oder Käufer gesucht. Und damit nicht genug - Kirsons ist Berlin offenbar nicht "deutsch" genug: "Berlin ist nicht Deutschland - das haben wir falsch eingeschätzt. In Berlin gibt es viele Migranten aus der ganzen Welt."(TVNet / db / Kapitāls).

Neue Texte fürs Kirsons-Liederbuch:
"Nein, wir sind so dankbar,
wir wollen keinen Lohn,
selbst wenn Gunnar auch mal krank war,
wir alle lieben seinen Hohn!"
Dabei wirbt Kirsons selbst sein Personal mit "Aufstiegsmöglichkeiten in einem internationalen Unternehmen". Seine finanzielle Bilanz ist ebenfalls interessant zu lesen: "In Lettland ist es schon gut, 4000 Euro Umsatz am Tag zu machen. In Berlin muss es aber 6000 Euro sein."- Dank für den persönlichen Einsatz seiner Angestellten, das findet sich bei  Kirsons nirgendwo.

In einem früheren Interview für "Dienas Bizness" hatte er sich zu den Unterschieden in verschiedenen Ländern geäussert. In Estland sei einfach weniger Salz nachgefragt, und "manche Kohlgerichte mögen sie nicht". In Deutschland habe Kirsons versucht, die Kunden von ausschließlich natürlichen Zutaten zu überzeugen, aber: "sie essen alles, aber sie sind gewöhnt an chemische Zusatzstoffe. Wir versuchen sie von natürlichen Zutaten zu überzeugen, aber sie verstehen das nicht." (db). Wer solche Aussagen versucht zwischen den Zeilen zu lesen, die Schlußfolgerung könnte in zwei Richtungen gehen: entweder hat Kirsons versucht, die Preise in Berlin langsam anzuheben (mit dem Verweis auf "natürliche Zutaten") - und das haben die Kunden nicht nachvollziehen können (weil sehr viele schon in Deutschland mit "natürlichen Zutaten" werben). Oder aber, es ist ein Argument dafür, dass Kirsons eigentlich sagen will: um mehr Gewinn rauszuschlagen in Berlin, komme auch ich nicht ohne Zusatzstoffe aus.

Nein, die Angestellten seines Unternehmens scheinen den "lettische McKirsons" in seinen Zukunftsplänen wirklich nur zu stören. Er denkt bereits darüber nach, automatisierte digitale Zahlungssysteme einzuführen, und auch die Möglichkeit für Bestellungen "online" will die Lido-Kette ausbauen. Noch gibt es in den LIDO-Restaurants (allen zusammen) etwa 1200 Menschen die dort arbeiten. - Bliebe eigentlich nur noch hinzuzufügen, dass einer aktuellen Umfrage zufolge in Lettland 84% aller Arbeiter/innen und Angestellten NICHT Mitglied bei einer Gewerkschaft sind. Kein Wunder, dass der Chef dieses Thema auch bezüglich Berlin lieber nicht erwähnt.

Wie sagte noch Ķirsons anläßlich der Schließung in der Charlottenstraße so schön: "Wir bitten zum Verständnis."

31. August 2018

Migrierendes Returnierpotential

Wer sich für Lettland in Europa interessiert, und noch dazu etwas Lettisch versteht, wird sich vielleicht oft schon gewundert haben, wie sich Lettinnen und Letten eigentlich fühlen, die in anderen Ländern Europas leben. Aus lettischer Sicht drehen die Deutschen das Thema um: es wird darauf geschaut, wie viele Zuwanderer (= Flüchtlinge) Lettland aufnimmt. Die Bilanz ist jedenfalls klar im negativen Bereich: immer noch verlassen Lettinnen und Letten ihr Land, in erster Linie auf der Suche nach angemessen bezahlter Arbeit. Und die gegenwärtige lettische Regierung, deren Amtszeit in wenigen Wochen endet, sieht sich einem dauernden Vorwurf ausgesetzt: warum wird es großen Firmen so leicht gemacht, in Lettland Steuern zu sparen, Land zu kaufen, und die Verdienste daraus in die eigene Tasche zu stecken - wenn gleichzeitig eine große Zahl der eigenen Bürgerinnen und Bürger keine Möglichkeit finden im eigenen Lande zu überleben?

Weggegangen, vergessen?

Dabei scheint aber die Zeit vorbei, als den Arbeitsmigrant/innen nur moralische Vorwürfe und Anklagen hinterherhallten. Im Parlament wird ein "Diaspora likums" diskutiert - ein Gesetz zur Unterstützung von lettischen Volksgruppen im Ausland. Ein Vorhaben, das nicht unumstritten ist. Warum werden nicht diejenigen unterstützt, die im Lande blieben, fragen sich manche, statt dessen aber die anderen, die ja offenbar anderswo inzwischen eigentlich anderswo gut verdient und ein schönes Leben hatten?

Rund um das Gesetz gibt es viele Unklarheiten. Das fängt schon beim ersten Satz, in §1 des Gesetzentwurfs an: Diaspora, das seien hiernach "zu Lettland zugehörige Gemeinden oder Individuen, die sich zugehörig zu Lettland erklären" (ārpus Latvijas pastāvīgi dzīvojoša Latvijas piederīgo kopiena un indivīdi, kuri savu piederību saista ar Latviju). Gründe der Zugehörigheit bleiben unklar, werden auch nicht zur Kontrolle vorgesehen. Hier passt die Bezeichnung "Tautologie" im doppelten Sinne: ("Tauta" lettisch = Volk) so bin ich Lette, oder ich bin Lette. Vermieden wird hier, von "Abstammung", "lettischem Blut" oder von "Staatsbürger" zu reden. Lediglich §14 bekräftigt, dass die Regelungen zum Erwerb der Staatsbürgerschaft auch in der Diaspora bekannt gemacht werden sollen. 

Projekte schreiben, Gruppen leiten lernen:
Trainingslager fürs Netzwerken mit der Heimat
In §5, der die Aufgaben der neuen "Diaspora-Politik" beschreiben soll, ist zwar von einer "lettischen Identität" die Rede, die gestärkt werden soll. An anderen Stellen dagegen bleibt es bei "Lettland" - zum Beispiel wenn von besserer Zugänglichkeit der "Kultur, Kunst und Musik Lettlands" in Aussicht gestellt wird.

Wurzeln schlagen, Wurzeln erhalten

Die förderungswürdigen Aktivitäten allerdings wirken eindeutig: Vieles dreht sich um Kenntnisse der lettischen Sprache. Auch Veranstaltungen für Jugendliche und Kinder sollen gefördert werden, darunter Austauschprogramme von "Diaspora-Kindern" mit Partnern in Lettland.

Einige ungewöhnlich klingenden Ziele sind hier zu finden. So soll auch "Unternehmertätigkeit" von Letten im Ausland in die Förderprogramme des lettischen Wirtschaftsministeriums eingebunden werden, und zwar besonders dort, wo es um die Erhöhung der Exportquote Lettlands, die Gästezahlen im Tourismus, ausländische Investitionen in Lettland und neue Technologien geht. Ganze acht (!) Ministerien sollen in die Umsetzung des "Diaspora-Gesetzes" eingebunden werden: das Außen-, Innen-, Kultur-, Bildung-/Wissenschafts-, Wirtschafts-, das Umwelt-, Gesundheits- und das Wohlfahrtsministerium. Vor allem ein Bürokratie-Monster also? 

Zusätzlich werden auch einzelnen Städten und Gemeinden in Lettland eigene Möglichkeiten eingeräumt, selbst Maßnahmen zur Unterstützung der "Diaspora" zu treffen - auch wenn es lediglich um "informelle oder nicht registrierte Initiativgruppen oder Interessenvereinigungen" geht.

Viel Handlungsfreiheit also für diejenigen, die das Geld ausgeben und bewilligen. Die Gesamtkoordination soll ganz beim lettischen Außenministerium verbleiben - es bleibt also eine staatlich streng kontrollierte Unterstützung. Zwar soll ein "konsultativer Beirat" gebildet werden, über dessen Zusammensetzung entscheiden aber wiederum ausschließlich die staatlichen Behörden. Ebenso bleibt die Festsetzung der Prioritäten ganz in staatlicher Hand. Zwar sollen "Diasporas pārstāvji" (Vertreter der Diaspora) an der Umsetzung der Maßnahme "mitwirken" - gemeint sind dabei aber lediglich unverbindliche  "Möglichkeiten" - keine Rechte, nicht einmal demokratischen Strukturen der Beschlußfassung oder der Wahl von Vertretern sind vorgesehen.

Slogan von Lettlands gegenwärtig aktivsten "Remigranten"-
Organisation: "Mit der Erfahrung der Welt in Lettland"
In Kraft treten soll das Gesetz im Laufe des Jahres 2019. Im Mai 2018 wurde der Gesetzentwurf im lettischen Parlament (Saeima) eingebracht.
Schätzungen zufolge leben etwa 240.000 Lettinnen und Letten (ca.15%) inzwischen dauerhaft außerhalb der Grenzen Lettlands. Im Ausland lebenden Lett/innen soll in Zukunft erlaubt werden, eine zweite Kontaktadresse in Lettland anzumelden, auch wenn es nicht der ständige Wohnsitz ist.

Remigranten gesucht

Bereits gegründet wurde an der Lettischen Universität in Riga ein "Migrations- und Diaspora-Forschungszentrum" ( LU Diasporas un migrācijas pētījumu centrs). Dort wurden u.a. die Regelungen anderer Länder untersucht. Andere Untersuchungen nehmen die Kommunikationsstrukturen in den Fokus. Über 90% der 15-34-Jährigen Lett/innen im Ausland nutzen Facebook - an solche Quoten kommen auch rein Lettischsprachige Internetforen wie "draugiem" oder "Latviesi" nicht heran, auch bei den Älteren ist Facebook das meist genutzte Portal. 

Beliebte Form innerlettischen Austausches: mit "3x3"
sind hier Treffen von drei Generationen gemeint
Inzwischen werden eine Reihe Schulungen angeboten. Kurse für "Projektbeantragung und Leitungstraining" scheinen praktisch orientiert, da es ja in Zukunft Geld für Projekte geben soll. Andere Workshops sind überschrieben mit "Ich bin ein Lette", oder "Aufklärung über Fake News in Lettland".

Ob allerdings die gegenwärtige Diskussion um ein "Diaspora-Gesetz" wirklich praktische Veränderungen bringen wird, muss sich erst zeigen. Für Kritiker ist das Thema auch einfach ein Werbemittel der gegenwärtigen Regierungsparteien, um Lett/innen im Ausland zur Teilnahme an der Parlamentswahl im Oktober zu bewegen - 2014 beteiligten sich nur 26,4% der Auslandsletten. Wer nach dieser Wahl aber die Überlegungen weiterführen wird, muss sich dann zeigen. Schon jetzt ist erkennbar, dass einigen Parteien der Sturz der gegenwärtigen Regierung weitaus wichtiger wäre als die Umsetzung eines "Diaspora-Gesetzes" - denn nur die gegenwärtige Regierung sei schuld daran, dass so viele ins Ausland gehen.
In einem Punkt gibt es schon jetzt etwas Neues: in lettischen Wörterbüchern hat das Wort "Remigracija" (Rückkehr von Emigranten) neu Aufnahme gefunden.

12. Juli 2017

Mensch weniger, Mensch woanders

Während die lettische Regierung lange Zeit zögerte offiziell zuzugeben, dass die Bevölkerungszahl Lettlands auf unter 2 Millionen gesunken ist, erregen inzwischen Jahr für Jahr die Zahlen von EUROSTAT Aufsehen. Aus der neuen Statistik ist zu entnehmen, dass die Einwohnerzahl Lettlands von 2,19 Millionen im Jahr 2008, über 2,0 Millionen im Jahr 2014 inzwischen bei 1,95 Millionen Menschen angekommen ist.

Diesen Zahlen zufolge liegt die Einwohnerzahl Lettlands heute also bei 88,9% derjenigen vor 10 Jahren. Zum Vergleich: auch in Litauen sind es mit 88,6% ähnliche Zahlen. Estland hat allerdings nur einen Rückgang auf 98,3% zu verkraften - hier macht sich vermutlich bemerkbar, dass ein Job in Finnland nicht unbedingt auswandern bedeuten muss.

In den deutschsprachigen Medien erregen diese Statistiken keine größere Aufmerksamkeit; in der Regel liegt der Fokus entweder nur auf dem eigenen Land, oder die Meldungen werden mit positiven Assoziationen belegt (z.B. "Wachstum in der EU", wie beim "Standard"). Deutschland "tröstet" sich auch mit einem Blick auf das "Baltikum", wenn es um Geburtenraten geht: "... wurden 2015 in Litauen 45 Prozent weniger Kinder geboren als noch 1990. Einen ähnlichen Einbruch erlebten auch Lettland und Estland, wo die jährliche Zahl der Neugeborenen zwischen 1990 und 2015 um 42 beziehungsweise 38 Prozent zurückging." (Tagesspiegel)

In Lettland gibt es nur wenige Pressekommentare. In den Diskussionsforen allerdings werden die meisten diese Nachricht wohl mit einem "traurig" markieren, denn der Bevölkerungsrückgang ist ja schon länger bekannt: als Ergebnis verstärkter Arbeitsmigration (Lohngefälle in Europa) und negativer Geburtenstatistik. Der öffentlich-rechtliche lettische Kanal LSM fasst es aus etwas längerfristiger Perspektive zusammen: seit 2010 sind es 170.000 Menschen weniger in Lettland (minus 8%). 113.000 davon wanderten in andere Länder aus, 57.000 kamen noch durch den negativen Geburtensaldo hinzu.

Seit 1990 haben Lettland etwa 30% der Einwohner verlassen. Dazu kommt noch die Landflucht: nur in Riga stieg die Einwohnerzahl im vergangenen Jahr leicht: um 0,3%. In den anderen Regionen ist der Rückgang dramatischer: Vidzeme -2,1%, Kurzeme -1,9%, Zemgale -1,6%, Latgale 2,3%. Vjačeslavs Dombrovskis, früher mal Wirtschafts- und auch Bildungsminister, heute Chef der privaten Politikberatungsfirma "Certus", fällt jetzt, wo er das schwierige politische Geschäft hinter sich gelassen hat, gern mit einfachen Prognosezahlen auf: "Lettland wird bis 2025 90% des EU-Bruttosozialprodukts pro Einwohner erreichen" - so das Motto seiner Firma. Eine weitere Prognose aus seiner Feder: "Bis 2030 wird sich die Einwohnerzahl Lettlands auf 1,9 Millionen stabilisiert haben" (Diena / Delfi). Daran glauben wohl vor allem diejenigen ganz fest, die ordentlich daran mitverdienen wollen. 

4. Oktober 2016

Lettische Arbeit, schwedische Dividende

Wenn Lettinnen und Letten "lettisch" kaufen möchten - ausgenommen das, was direkt bei den Bauern oder auf Märkten bezogen werden kann - dann heißt es zumeist: gehen wir zu RIMI! Denn jeder weiss schließlich, dass die Supermarktkette MAXIMA litauische Eigentümer hat - erkenntlich auch am Warenangebot. Nun steht hinter der RIMI-Kette allerdings der schwedische ICA-Konzern, und der scheint in Lettland, einem der Länder mit den durchschnittlich ärmsten Menschen in Europa, gute Geschäfte zu machen: in den vergangenen drei Jahren allein 63 Millionen Euro, 55 Millionen Euro wurden den Eigentümern als Dividende ausgezahlt.

Der Erfolg von RIMI hat mehrere Gründe: saubere und frisch renovierte Läden, produktivere Arbeitsprozesse, und billige Arbeitskräfte - so beschreiben es Inga Spriņģe und Sanita Jemberga vom "Zentrum für investigativen Journalismus RE:Baltica" ("IR"/ TVNet). In Schweden bekommen Kassiererinnen und Kassierer dreimal so hohen Lohn wie in Lettland (nach lettischem Preisniveau berechnet), in Estland liegt das Lohnniveau noch um 100 Euro monatlich höher. Der härteste Konkurrent in Lettland, MAXIMA, zahlt allerdings seinen Angestellten in etwa dasselbe. Gibt es da Absprachen?

Verglichen mit dem, was ansonsten an Arbeitsplätzen in Lettland zu finden ist, scheint es bei RIMI noch ganz gut auszusehen: Lohn wird nicht heimlich "im Umschlag", sondern ganz legal versteuert auf Konto überwiesen. Es gibt Aufstiegsmöglichkeiten, Krankenversicherung, Weiterbildung. In den Firmen des lettischen Verbands für Lebensmittelhandel (Latvijas Pārtikas tirgotāju asociācijā), zu dem neben RIMI und MAXIMA noch NARVESEN gehört, wird zu 19% Mindestlohn gezahlt - in anderen Läden sind es 33%. Journalistin Spriņģe verweist auf eine Untersuchung der lettischen Hochschule für Wirtschaft, der zufolge gerade in den kleinen Läden der größte Anteil an "Schattenwirtschaft" (Schwarzarbeit) zu finden ist, an der Spitze liege hier das Bauwesen. RIMI war 2015 mit 5731 Angestellten der drittgrößte Arbeitsgeber in Lettland, nach der lettischen Eisenbahn mit 7173 und MAXIMA mit 9150 Mitarbeitern (db). Aber ihr Lohnniveau macht nur  67% des statistischen mittleren Lohnes in Lettland aus: 2015 lag dieses Mittel bei 550 Euro brutto; Supermarktkassierer bekammen im Schnitt nur 470 Euro.

Nun ja, die Gewerkschaften gelten in Lettland als eher schwach. Und in Estland ist das Lohnniveau beim Schwesterunternehmen vielleicht deshalb höher, weil auch gering Qualifizierte leicht nach Finnland abwandern können.
Auch eine Erhöhung des Mindestlohnniveaus wird momentan diskutiert; nach gegenwärtig gültigen Regelungen würde der Mindestlohn 2018 dann in Estland 470 Euro betragen (in Litauen und Lettland etwa 380 Euro - niedriger ist der Mindestlohn in der EU nur in Bulgarien, Rumänien und Ungarn). Zudem liegen die Steuerabgaben in Lettland mit 40% des Lohnes sogar noch höher als in Estland, wo es nur 34% sind. RIMI begründet die Zurückhaltung gegenüber Lohnerhöhungen momentan mit dem bevorstehenden Bau eines großen Logistikzentrums in Riga, und Investitionen in Höhe von 75 Millionen Euro ("IR"). Zudem ist die Grenze für steuerfreien Mindestverdienst in Estland höher als in Lettland (170 Euro gegenüber nur 100 Euro in Lettland). Erst 2020 wird dieses steuerfreie Minimum auch in Lettland bis 160 Euro steigen.

RIMI verweist unter anderem auf eine Auszeichnung aus dem Jahr 2015 als "bester Arbeitgeber Lettlands". Der Preis wird allerdings nicht etwa von den Gewerkschaften, sondern vom Arbeitgeberverband (Latvijas Darba devēju konfederācija LDDK) verliehen, Antragsteller müssen lediglich einen Katalog von 15 Fragen beantworten - eine Frage zum Lohnniveau ist nicht dabei. Die LDDK hat sich mehrfach gegen eine Erhöhung des Mindestlohnniveaus in Lettland ausgesprochen - ebenso das lettische Finanzministerium und die lettische Zentralbank. Eines der Gegenargumente ist auch die Rechnung, dass bei einer Erhöhung des lettischen Mindestlohns auf - beispielsweise - 410 Euro schon 70% aller Arbeitnehmer/innen in Latgale nur den Mindestlohn verdienen würden (und auch überall sonst, außer in Riga und Umgebung, wären es über 50%). Natürlich könnten die Argumente hinzugefügt werden, die auch in Deutschland von Arbeitgeberseite gewöhnlich oft benutzt werden - aber was hilft das alles, wenn ein Arbeitslohn kein normales Auskommen bietet? Die Lebensmittelkette RIMI ist dafür nur ein Beispiel. Welche Kosten jeder Konsument in Lettland zu bestreiten hat - und wie wenig sich das Preisniveau von dem in wohlhabenderen EU-Ländern unterscheidet - auch das lässt sich allerdings leicht ebenfalls den bunten RIMI-Katalogen entnehmen.

7. Januar 2016

Optimistisch weiter westwärts

"Der einzige Grund in Lettland zu leben, ist die schöne frische Luft!" so fasst das lettische Portal "KasJauns" die Ergebnisse einer Umfrage zusammen, die von der Agentur SKDS kürzlich durchgeführt wurde.
Gefragt wurde nach möglichen Gründen, denen zufolge ein Leben in Lettland vorzuziehen wäre gegenüber dem Leben in Westeuropa. 60% benannten dabei die ökologische Situation in Lettland als wesentlich besser als im Westen.

In allen anderen Aspekten dagegen zeigte sich der Westen vorn: für 84% ist die sozialie Absicherung in Westeuropa besser, für 89% auch das Leben im Alter. 76% meinen, man könne im Westen besser Arbeit finden, 76% finden die Lebensumstände allgemein im Westen besser, 63% sehen im Westen das bessere Gesundheitssystem und dessen bessere Zugänglichkeit. 44% sehen in Westeuropa gute Ausbildungsmöglichkeiten, 49% glauben auch als Unternehmer im Westen bessere Rahmenbedingungen und Startchancen zu haben.
47% sehen in Westeuropa die Menschenrechte und persönliche Freiheit besser berücksichtigt, und 70% sehen ihre Zukunft im Westen eher gesichert.

Nur 8% der Befragten sahen insgesamt bessere Lebensumstände für sich in Lettland, weitere 7% sehen keinen Unterschied zwischen Ost und West. Befragt nach einem Vergleich ihrer Lebensumstände vor 10 Jahren bezeichneten 24% die Situation jetzt als verbessert, 27% sehen keine wesentlichen Änderungen. 38% sagten, ihnen sei es vor 10 Jahren besser gegangen. (Gesamttext der Umfrageergebnisse hier) Trotz der Einschätzungen, die insgesamt zugunsten Westeuropas ausfallen sagen nur 33%, sie würden lieber in Westeuropa leben, falls ihnen die Möglichkeit dazu gegeben würde, 63% lehnen das ab.


Insgesamt bleiben Lettinnen und Letten offenbar generell Optimisten. Befragt nach den Aussichten für das Neue Jahr 2016, erwarten 49% für ihr privates Leben, 30% für Lettland ein besseres Jahr als das vergangene (SKDS). 22% bezeichneten das Jahr 2015 als besser als die Jahre davor, 15% schätzen es schlechter ein, während 57% keine Unterschiede sahen.Den bisher schlechtesten Wert registrierte die Agentur an der Jahreswende 2008 / 2009, als nur 11% ein besseres Jahr erwarteten. Ein Jahr später waren es mit 12% nur unwesentlich mehr. Am meisten Optimismus zeigten Lettinnen und Letten in den Jahren 2002 bis 2004, also kurz vor dem EU-Beitritt, als 42-43% ein besseres Jahr voraussahen, und nur 11-13% ein schlechteres.

24. Januar 2013

Großbritannien als Paradies?

Eine in Großbritannien lebende Lettin mit zehn (!) Kindern sorgt für Aufmerksamkeit nicht nur unter den Nachbarn, sondern auch der Presse. Vor dem Hintergrund der HARTZ-Reformen in Deutschland kann man sich angesichts von 34.000 Britischen Pfund Jahreseinkommen, ohne dafür einen Finger zu krümmen, nur ein bißchen die Augen reiben. In den 70er Jahren wäre so manchem das Wort asozial wahrscheinlich schnell über die Lippen gekommen.

http://www.dailymail.co.uk/news/article-2206255/Latvian-mother-demands-bigger-council-house-despite-raking-34k-benefits.html

17. November 2012

Sind wir schon arm, oder wenigstens noch Patrioten?

Der herannahmende Nationalfeiertag, vermischt mit besinnlich-trüber Novemberstimmung, funktioniert auch jedes Jahr aufs neue ein wenig als Stimmungsbarometer. Wie geht es den Lettinnen und Letten? Wo der eine vielleicht den Tatendrang und Optimismus erstmal auf's neue Jahr verschiebt ("wenn die Sonne wieder höher steht"), üben sich andere im Ablästern in den einschlägigen Internetforen.

Treffen der Eiropas Latviešu apvienība" (ELA)
im September in London: wenig Interesse der
Landsleute (Bildquelle: www.ela.lv)
Aufsehen erregte so zum Beispiel Aldis Austers, Vorsitzender der lettischen Vereinigungen in Europa (Eiropas Latviešu apvienība), als er über angebliche Gewohnheiten seiner außerhalb Lettlands wohnenden Landsleute schrieb (siehe delfi.lv). Austers hatte eigentlich nur vom Jahrestreffen der Mitgliedsorganisationen seines Verbandes berichten wollen. Zusammen mit dem lettischen Außenministerium bemühen sich die lettischen Gemeinschaften ("Kopienas") darum, mit den aus Lettland meist arbeitssuchend ausgewanderten Landleuten irgendwie im Gespräch zu bleiben. Doch: "Die meisten der zu Zeiten der Wirtschaftskrise ausgewanderten Letten interessieren sich nur wenig für die lettischen Gemeinschaften", beklagte sich Austers, und hatte zudem noch das Pech, dass vielerorts aus der Formulierung "zu Zeiten der Wirtschaftskrise Ausgewanderten ("emigrējuši ekonomiskās krīzes laikā") die Überschrift von den "Wirtschaftsflüchtlingen" ("ekonomiskie emigranti") gemacht wurde. "Was für Wirtschaftsflüchtlinge?" empört sich die Lesergemeinde bei "Delfi.lv". "Wenn hunderttausende Spezialisten auf diskriminierende Art und Weise plötzlich ihren Arbeitsplatz verlieren, dann sind sie nicht Wirtschaftsflüchtlinge, sondern es sind die Kennzeichen eines pathologischen Systems." Oder: "Wenn in Lettland die Korruption nicht so weit verbreitet wäre sähe die Lage anders aus."

Ironie von Werbestrategien in Riga,
Fundsache aus dem Jahr 2012
Solche Äußerungen zeigen aber, wie schwer es fällt die Verhältnisse im eigenen Land zu denen in anderen Ländern in Beziehung zu setzen. Und man wehrt sich dagegen, dass angeblich die Schlauen schon irgendwie in Lettland überleben, die Dummen und geistig Zurückgebliebenen aber ausreisen würden. - In dieses Bild der unsicheren Selbsteinschätzung paßt eine Äußerung von Präsident Andris Bērziņš, der kürzlich gegenüber lettischen Medien Zweifel an Armutsstatistiken in Lettland geäußert hatte, die über 20% aller Einwohner Lettlands als armutsgefährdet eingestuft hatten. Demgegenüber behauptete der Präsident, es seien noch zu wenig Daten vorhanden um eine solche Einschätzung wirklich abgeben zu können, und erntete damit teilweise heftigen Widerspruch. 425.000 Einwohner Lettlands, so Daten des Sozialministeriums, müssten mit 150 Lat (ca.275 Euro) im Monat auskommen und seien so armutsgefährdet. Bērziņš dagegen meinte auf den unklaren Umfang von Schwarzmarktaktivitäten und "Lohnzahlungen in Briefumschlägen" (in Lettland schon ein "geflügeltes Wort") anspielen zu müssen - und packte damit wohl viele seiner Landleute bei der Ehre, denn wer will sich schon unterstellen lassen nur scheinbar arm zu sein, heimlich aber "Schwarzgeld" zur Verfügung zu haben? Auch die betroffenen Wissenschaftler der lettischen Universität wehrten sich gegen die Unterstellung, die erhobenen Statistiken seien nicht in objektiver Weise erfasst worden: "das ist eine leichtfertige Art, sich vor der Verantwortung zur Problemlösung zu drücken", schrieben die Wissenschaftler in einem offenen Brief an den Präsidenten.
Nach Meinung vieler politischer Beobachter nicht ganz weise hatte sich Präsident Bērziņš schon am 1.September, am Tag des Schulanfangs verhalten, als er scheinbar schlecht gelaunt unwirsch Fotografen androhte handgreiflich zu werden, nur weil ihn diese dabei ablichten wollten wie er seinen Sohn beim ersten Schulgang begleitete.

Derweil machen sich Lettische Gemeinschaften im Ausland wie auch Außenministerium Gedanken, wo Landsleuten geholfen werden kann. Eine der Maßnahmen ist die Schaffung eines Nothilfefonds, der für im Ausland in plötzliche Notlage gekommene Lettinnen und Letten gedacht ist. In den ersten vier Monaten seiner Existenz seien aus diesem Fond bereits für 26 Personen Heimreisetickets nach Lettland gekauft worden, so ein Vertreter des Außenministeriums. Allerdings drängt das Ministerium auf Rückzahlung der Auslagen innerhalb von drei Monaten.
Aldis Austers dagegen bemüht sich eigenen Aussagen zufolge eher, die Landsleute "dort anzusprechen wo sie zu finden sind": im Internet. "Sie nehmen zwar wenig an Aktivitäten der Lettischen Gemeinschaften teil, aber sie nutzen Internetportale wie 'draugiem.lv' oder 'Facebook'," meint Austers. "Daher wollen wir stärker mit diesen Medien auch zusammenarbeiten." Auf Deutsche mag die für Letten im Ausland verwendete Bezeichnung als "Diaspora" ja ein wenig befremdlich klingen, aber manche Vertreter vermeintlicher lettischer Interessen scheinen wahrhaft religiösen Eifer an den Tag zu legen, um "Verstreute" (so die wörtliche Übersetzung im Griechischen) wieder für die Heimat zu sammeln. Wie aber im Ausland für Lettland werben, wenn auch die im Land lebenden verschiedenen (Volks-)Gruppen ein jeweils so unterschiedliches Selbstverständnis haben? Manchem lettisch national Gesinnten scheinen die ausgewanderten Arbeitsemigranten auch vor allem deshalb im eigenen Lande zu fehlen, weil sie die "Frontstellung" gegen eine befürchtete Übermacht des russischen Einflußes aufweichen.
"Lebe, sei glücklich, aber bleibe Lette und sei stolz auf Dein Lettischsein" - so lautet die Parole, die Auders gerne allen Landsleuten ans Herz legen möchte. Rolands Lappuķe, Beauftragter im Außenministerium für die Fragen der Auslandsletten, kündigt die Einstellung neuer Mitarbeiter in der eigenen Behörde an und definiert deren Aufgaben so: "die Hauptaufgabe wird das sein, was ich den 'globalen Letten' nenne, also ein Lette nicht nur in Lettland sondern überall auf der Welt. Jeder, der mit seiner eigenen Hände Werk am Aufbau Lettlands teilhaben möchte, soll dieses tun können."

Ob die Doppeldeutigkeit der lettischen Facebook-
Kampagne beabsichtigt ist? "Wenn Du Lettland liebst, liebt
Dich Lettland" - oder: nur wenn Du Lettland liebst, ...
Um lettische Aktivitäten im Ausland initiieren zu können bedarf es vor allem finanzieller Unterstützung. Den zahlreichen Internetforen ist aber gleichzeitig vielfacher Neid zu entnehmen: die einen bekommen Geld für eine Veranstaltungen, und schon werfen viele der Landsleute genau diesen Aktiven vor, solche Betrebungen nur eben des Geldes und eines persönlichen Vorteils wegen zu unternehmen. In diesem Licht sind wohl auch Argumentationen wie die Folgende zu sehen: "In Lettland hatte ich Zeit Leute zu treffen und Kaffee trinken zu gehen. Hier muss ich arbeiten." - Aber es gibt auch solche Reaktionen: "Alle meine heutigen Freunde sind Leute von hier, verschiedene Nationalitäten. 'Lettische Gemeinschaften' künstlich wieder formen zu wollen, davon halte ich nichts. Vielleicht brauchen das ja diejenigen, die irgendwo einer schlecht bezahlten Arbeit nachgehen wie Pilze suchen - und gleichzeitig dann mit den Einheimischen nicht kommunizieren können. Ich nicht!" - Wieder andere meinen, ihr "Lettisch-sein" beziehe sich nur auf ihre Herkunft, aber mit diesem "Betrügerstaat" von heute wollten sie nichts mehr zu tun haben (nachzulesen auf delfi.lv).

Die "lettischen Vereinigungen in Europa", denen Aldis Austers vorsteht, wehren sich derweil ihrerseits gegen Finanzmittelkürzungen für Veranstaltungen von Letten im Ausland, und benennen konkrete Zahlen zu den Notwendigkeiten für 2013 aus ihrer Sicht: 60.000 Lat für lettische Sommerlager, 45.000 Lat für lettische Nichtregierungsorganisationen im Ausland, 20.000 Lat für Kulturveranstaltungen der Lettischen Gemeinden, 50.000 Lat für Kinder- und Jugendwettbewerbe, 27.000 Lat für die Teilnahme von Auslandsletten an Sängerfesten, 60.000 Lat für Lettisch-Kurse im Ausland.

Derweil werden einige der obligatorischen Umfragen zum Nationalfeiertag heute publiziert: 74.6% der Einwohner Lettlands fühlen sich als Patrioten ihres Landes, so ist heute in lettischen Medien (siehe "LA") nachzulesen, 13,% lehnen eine solche Haltung für sich ab. Auf die Nachfrage, was denn nach Meinung der Befragten diesen Patriotismus kennzeichne, antworteten 23.8% mit dem Hinweis auf Traditionen und die Wertschätzung des Lettischen, 21,6% nannten Liebe zum Heimatland, 10,2% Arbeitsmoral und Strebsamkeit und 10% das Gefühl der Verbundenheit zum Ort wo man geboren sei. Da für die Umfrage auch soziale Medien im Internet herangezogen wurden, ist aus den Ergebnissen aber nicht definitiv zu schließen dass alle Befragten auch in Lettland momentan ihren Hauptwohnort haben. Derweil interpretierte die Ladenkette "Rimi" die Frage nach dem Lettisch-Sein rein materiell, und kürte die "lettischsten Produkte" (nach Kundenmeinung): Graue Erbsen mit Speck, dunkles Roggenbrot und Kümmelkäse.

14. Juni 2011

Einwohnerzahl sinkt auf unter 2 Millionen

Wie vorläufige Ergebnisse der momentan in Lettland laufenden Volkszählung ergeben, ist die Einwohnerzahl von Lettland inzwischen auf unter 2 Millionen gesunken. Im Jahr 2000 hatte eine Zählung noch 2,38 Mill. Menschen nachgewiesen. 50.000 Menschen ließen sich im Zuge der jetzigen laufenden Datenerhebung als Auswanderer registrieren. In der lettischen Presse äußerten sich lettische Wissenschaftler mit der Annahme dass auch weitere, nicht offiziell registrierte 150.000 bis 200.000 Menschen bereits ausgewandert oder als Arbeitsemigranten dauerhaft im Ausland wohnhaft seien. Migrationsforscher Ilmārs Mežs äußerte gegenüber der Zeitung DIENA die Vermutung, mehrere Zehntausende hätten Wege gefunden sich der Erfassung durch die Volkszählung zu entziehen. Mežs kündigte auch Zweifel an einigen Zählergebnissen an. Da die kleinen Gemeinden starke finanzielle Einbußen durch geringer als bisher festgestellte Einwohnerzahlen befürchten müssten, gäbe es möglicherweise eine Tendenz die Zahlen "schönzurechnen".
Weiterhin bezeichnete es Mežs als "naive Denkweise" zu glauben, diejenigen die einmal im Ausland zu arbeiten angefangen hätten würde so einfach zurückkommen um wieder in Lettland zu arbeiten. "Vielleicht kommen sie ein paar Tage auf Urlaub, oder sie kommen erst als Rentner wieder," so der Wissenschaftler.

14. Mai 2011

Deutsche Unternehmer würden lettische Regierung wiederwählen

"Lettland ist durch!" so verkündete es der deutsche Botschafter Dr. Klaus Burkhardt bei einer Pressekonferenz der deutsch-baltischen Handelskammer in Riga am 9.Mai. Die frohe Botschaft sollte sich auf positive Wirtschaftsnachrichten beziehen - Grundlage sind aber ausschließlich Aussagen deutscher Unternehmer. Deutsche Unternehmer stufen außerdem die Maßnahmen der lettischen Regierung als "gut bis befriedigend" ein, das wurde auf derselben Veranstaltung betont.  

Jörg Tumat, Vizepräsident der deutsch-baltischen
Handelskammer in den baltischen Staaten
,
und Maren Diale-Schellschmidt,  geschäftsführender
Vorstand
"Deutsche Unternehmen im Baltikum lassen Krise hinter sich" so die Schlagzeile der Ergebnisse der Konjunkturumfrage der deutsch-baltischen Handelskammer in den baltischen Staaten. Geht es also Lettland deshalb wieder gut, weil deutsche Firmen ihren Profit gesichtert haben? So könnte zurückfragen, wer auch die lettische Presse liest. Vielleicht wäre die Antwort von deutscher Seite: deutsche Unternehmen schaffen auch Arbeitsplätze in Lettland! Ja, das ist sicher richtig. 90% der deutschen Unternehmer in Lettland schätzen die Wirtschaftslage als gut oder befriedigend ein, 66% erwarten steigenden Umsatz, 47% mehr Gewinn, 26% wollen mehr Mitarbeiter einstellen, ebenso viele mehr investieren.
Spitzenwerte verteilen deutsche Unternehmer sogar beim Stichwort Standortattraktivität im internationalen Vergleich: hier steht Lettland immerhin auf Rang 7, direkt hinter China (Deutschland Platz 2, Estland Rang 1!). Gerade auch von zukünftigen Bauprojekten wollen deutsche Unternehmer mit profitieren: der deutsche Botschafter Dr. Klaus Burkhardt erwähnte hier anstehende Straßenbauprojekte ebenso wie die Modernisierung der Eisenbahnstrecken (RailBaltica) und ein geplantes Flüssiggasterminal.

Pressekonferenz der Deutsch-Baltischen Handelskammer am 9.Mai 2011 in Riga --- Aussagen des deutschen Botschafters in Lettland, Dr. Klaus Burkhardt

Unvermeidlich war auch die Öffnung des deutschen Arbeitsmarkts ein Thema für Nachfragen. Einen "Ausbildungspakt" sagt die deutsche Wirtschaft nach den Worten von Botschafter Dr. Burkhardt der lettischen Seite zu. Doch diese Ausbildungsmaßnahmen werden nicht in Lettland stattfinden, sondern die Teilnehmer werden in Deutschland ausgebildet und haben dann - wie alle anderen in Deutschland Arbeitssuchenden - einen guten Vergleich vor Augen, ob eine Rückkehr nach Lettland wirklich der eigenen Karriere dienlich sein wird. 

Offenbar sind die erwarteten Auswirkungen der Arbeitsmarktöffnung auf Angestellte deutscher Unternehmen in Lettland größer als auf dem allgemeinen lettischen Arbeitsmarkt. Während auf dem lettischen Arbeitsmarkt schon die Sprachkenntnisse fehlen würden (so Botschafter Dr. Burkhardt), erwarten 90% der in Lettland tätigen deutschen Unternehmen eine Abwanderung nach Deutschland (für Litauen 62%, Estland 47%). 

Vergleichbare statistische Aussage lettischer Unternehmer gibt es leider nicht. Die lettische Wirtschaftsleistung war noch 2009 um 18% gesunken, 2010 noch um 0,3%. Die Arbeitslosenrate lag zuletzt immer noch bei 16,7% und sinkt nur leicht, 2010 sind die Löhne in Lettland um durchschnittlich 3,5% weiter gesunken (Daten der lettischen Zentralbank). In der lettischen Öffentlichkeit wird nach wie vor am meisten darüber diskutiert, ob und wie die von Lettland beim Internationalen Währungsfonds (IWF) aufgenommenen Kredite wieder zurückgezahlt werden können. Dabei gibt es auch immer wieder Äußerungen, die eine Neuverhandlung der Rückzahlungsbedingungen verlangen.