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8. Februar 2026

Jung und fruchtbar

In Deutschland ist das Thema schon durch die Presse gegangen, in Lettland ist es neu: ein Verein, der Sexualaufklärung für Jugendliche anbietet, und das auch in Schulen tun möchte. Das Stichwort ist "Teenstar" - und gemeint ist nicht etwa eine Castingshow. Beiträge in deutschsprachigen Medien berichten über "religiöse Hardliner", "Sexualpolitik aus dem Mittelalter" (Moment), "Queerfeindlich" (BR / BLLV), "menschenrechtlich bedenklich" (ORF), "Religiös-extremistisch" (EPF) und über "vermeintliche Homo-Heiler" (Deutschlandfunk).

Nun ist Ähnliches offenbar auch in Lettland angekommen. Leicht ist es nicht, einen Überblick zu bekommen, denn zumindest "TeenStar Deutschland" gibt keine Daten darüber bekannt, in welchen Schulen man tätig ist.

Schule mit Sonderkursen

Dem lettischen Katholikenportal "Katolis" zufolge arbeitet "TeenStar" in Lettland mit dem 1992 gegründeten Religionswissenschaftlichen Institut in Riga zusammen (Rīgas Augstākais reliģijas zinātņu institūts), das sich, wie könnte es anders sein, in Riga in der "Katholischen Straße" (Katoļu ielā) befindet. Hier wird auch für "Radio Maria" geworben. Die Pläne der "TeenStar"-Initiatoren in Lettland werden so beschrieben: unter Berufung auf das in den USA von der gebürtigen Wienerin Hanna Klaus entwickelte Programm sei geplant, zweisemestrige Ausbildungsprogramme für drei Altersgruppen anzubieten: für Grundschüler (11–14 Jahre), Gymnasiasten (15–19 Jahre) und Studierende (ab 20 Jahren). Die Abkürzung STAR stehe dabei für „Sexuality Teaching in the context of Adult Responsibility” (Sexualkunde im Kontext der Verantwortung von Erwachsenen). 

Begeisterungsfähig - aber enthaltsam?  

Zunächst aber werden lettische Lehrkräfte geschult, und zwar von Ausbildern aus Kroatien: bereits im Oktober 2025 begannen entsprechende Kurse. Interessant, dass zur Teilnahme "keine besondere Vorbildung" gefordert wurde - laut Portal "Katolis" seien vielmehr "persönliche Reife, Begeisterungsfähigkeit und ein authentischer Lebensstil" entscheidend. Als Ausbildungsorte seien Kirchengemeinden gewünscht. Eine Jobmöglichkeit für ausgebildete Pädagogen oder Pädagoginnen ist dies also nicht. 

Als Ausbildungsveranstalter in Lettland tritt ein Verein"Ģimenes ekoloģijas Institūts" ("Institut für Familienökologie") auf, der auch lizensiert sei die Programme „Cikla šovs“ ("Show des Zyklus", für Mädchen) und „Aģenti misijā“ ("Agenten auf ihrer Mission", für Jungen) in Lettland durchzuführen. Außerdem sei der Verein Mitglied des EIFLE (Europäisches Institut der Erziehung zum Familienleben) und führe "Methoden zur Fruchtbarkeitserkennung" durch. Im November 2025 wurde 23 Personen aus Lettland und 2 aus Litauen ein Ausbildungszertifikat übergeben (augliba). 

Frisch geschulte "TeenStar"-Seminarleiter/innen in Lettland

Geschätzt und geschützt 

Über diese "Zyklusshow" berichteten auch schon deutsche Medien (siehe Deutschlandfunk). Der lettische Veranstalter beruft sich ausdrücklich auf Dr. Elisabeth Raith-Paul (siehe MFM und MFM Deutschland), die als "Erfinderin" dieser Kurse gilt. Motto: "Nur was ich schätze, kann ich schützen". Bei den Kursen für Jungs schlüpfen diese übrigens in die Rolle einer Samenzelle und wetteifern darum, wer zuerst bei der Eizelle ist. (siehe auch: hpd)

"Brauchen Schüler in Lettland christliche Sexualerziehung, die 'Verhütungspropaganda' kritisiert?" fragt Journalistin Ieva Jakone in der lettischen Zeitschrift "IR". Auch der internationale Verband katholischer Ärzte FIAMC hatte bereits auf Hanna Klaus hingewiesen, die gegen "Verhütungsmentalität" das Motto "Fruchtbarkeit ist keine Krankheit" empfiehlt. 

Moralischer Werkzeugkasten

An der Universität Lettlands in Riga ist Dr. Fernandess-Gonsaless tätig, Mitglied bei "Opus Dei", ein geborener Spanier mit guten Lettischkenntnissen. Schon seit 2014 lief ein Projekt mit dem Ziel, methodische Materialien für Lehrer zu erstellen, die zeigen, wie man Kindern vom Vorschulalter bis zur letzten Klasse der Sekundarschule moralische Werte vermittelt. Tests liefen auch an lettischen Schulen (IR). Seit 2024 läuft nun ein weiteres Projekt, mit 200.000 Euro an EU-Geldern gefördert, mit dem Titel „Förderung einer auf Familienwerten basierenden moralischen Sexualerziehung im lettischen Bildungssystem“. Eine Fachkonferenz am 30. Januar 2026 bildete den Abschluß (arete, siehe auch: ogre-net). Und im „Werkzeugkasten zur Sexualerziehung“ wird hier als erstes "TeenStar" hervorgehoben. 

In Bayern dagegen gibt es immerhin staatliche Richtlinien für die Sexualkunde. Das zitiert auch Journalistin Ieva Jakone in ihrem Artikel, und sie ergänzt: "Im Jahr 2022 haben das deutsche Bildungsministerium und die Grundschulbehörde in Regensburg, Bayern, den geplanten Teen STAR-Sexualkundeunterricht abgesagt, da er nicht den offiziellen bayerischen Richtlinien für Sexualkunde entsprach. Teen STAR wurde Homophobie und christlicher Fundamentalismus vorgeworfen." (IR)

Im Mittelpunkt seiner Studie stehe eine Familie aus Mann und Frau, sagt Fernandes über sein Projekt. „Das bedeutet nicht, dass wir andere Familien verachten oder benachteiligen“, meint er. "Andere Kollegen an der Universität untersuchen andere Familienformen, wir haben nichts dagegen“. (IR) Als Ergebnis einer Umfrage geht seine Studie davon aus, dass lediglich 10% der bisher existierenden lettischen Unterrichtsmaterialien "akzeptabel" seien, also eine Familiengründung unterstütze. Zu oft stünden "nur Gesundheit und Menschenrechte" im Vordergrund - also wird vor allem "TeenStar" empfohlen.  

Energiesparen - mal anders 

Und auch mit folgenden Aussagen wird der Letto-Spanier zitiert: „Unsere Sexualität ist wie Energie, wie Geld. Es ist wichtig, dieses Potenzial nicht zu verschwenden, es nicht in bedeutungslosen Beziehungen und Erfahrungen mit Pornografie oder Masturbation, frühen sexuellen Erfahrungen zu verschwenden“, sagt er. Stattdessen sollte sexuelle Energie gespart und für das verwendet werden, wofür sie eigentlich gedacht ist: um Bindungen in „ernsthaften, dauerhaften Beziehungen, die offen für das Leben sind“ zu stärken. Es sei nicht notwendig, Kindern zu vermitteln, dass sie schon im Schulalter Sex haben müssten. „Es ist normal, dass ihr so etwas in eurem Körper spürt, ihr müsst euch keine Sorgen machen, aber ihr solltet es auch nicht sofort ausleben. Ihr müsst keine Drogen ausprobieren, um zu verstehen, was das ist.“ (IR)

Abtreibungen rückläufig 

Aktuelle Statistiken zeigen, dass die Zahl der Schwangerschaften bei jungen Frauen in Lettland zurückgeht - sowohl die Zahl der Mütter unter 20 Jahren als auch die Zahl der Abtreibungen sinkt. 2023 haben 374 junge Frauen unter 20 Jahren ein Kind geboren, im Jahr 2015 waren es noch 765. Die Zahl der Abtreibungen in dieser Altersgruppe ist, laut Angaben des lettischen Zentrums für Krankheitsprävention und -kontrolle SKPC, in den vergangenen Jahren zurückgegangen (siehe auch data.stat.gov.lv). 

Das Fach "Gesundheitsunterreicht" ist an lettischen Schulen nicht mehr obligatorisch. Bildungsministerin Dace Melbārde plant  aber eigene Weiterbildungskurse für Lehrkräfte: „Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche einen vertrauenswürdigen und sachkundigen Erwachsenen an ihrer Seite haben“. Über die Tätigkeit von Dr. Fernandess-Gonsaless sei ihr nichts bekannt. Das sei wohl ein Projekt der Universität und unterliege der Freiheit der Wissenschaft. Es sei aber nicht vorgesehen, die dort angebotenen Materialien allgemein im Bildungssystem zu übernehmen. (IR)

Auch die lettische Organisation "Papardes zieds" bietet schon seit vielen Jahren Bildungs- und Informationsprogramme und Kurse für Jugendliche verschiedener Altersgruppen zu den Themen sexuelle und reproduktive Gesundheit, Suchtprävention und psychische Gesundheit an, man beruft sich dabei auf Richtlinien und Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Deren Leiterin Iveta Ķelle äußert im Interview Unverständnis über das Projekt der lettischen Universität. „Es mag sein, dass viele verschiedene Meinungen notwendig sind, aber angesichts des extremen Mangels an Sexualaufklärung in Lettland denke ich, dass ein solcher Prozess und ein solches Programm mehr Schaden als Nutzen bringen.“ (IR)

30. August 2025

Septemberväter

Jeder hat den besten Vater - 
wenigstens am Vatertag ...
Warum wird in Lettland eigentlich der "Vatertag" im September begangen? Jeweils der zweite Sonntag im September wird zum "Tēva diena", wie es auf Lettisch heißt (siehe Gesetzestext). Dahinter steht zunächst mal das "Familienportal" "Mammamuntetiem.lv" (einfach übersetzt: "für Mama und Papa") und der Verlag "Rīgas Viļņi", der stolz darauf verweist, schon seit 1957 eine Radio- und Fernsehzeitung herausgegeben zu haben, die 1997 einen Neuanfang feierte. Mit Titeln wie "Was der Arzt Dir nicht erzählt", "Patiesā Dzīve" (Das wahre Leben"), oder dem Männermagazin "9VĪRI" ist der Verlag inzwischen in der Welt der lettischen "Yellow-Press" fest verankert. 
Dazu kommt auch noch, dass "Mammamuntetiem" inzwischen auch eine eigene Organisation gegründet hat. Sie nennt sich “Vecāku organizācija mammām un tētiem” (Elternverein für Mamas und Väter) und Inga Akmentiņa-Smildziņa ist die Vorsitzende: Mutter dreier Kinder - allein dadurch offenbar schon "Familienexpertin". Man wolle "anderen Familien zu Glück und Harmonie verhelfen", heißt es. Gleich drei Mitglieder im Vorstand tragen den Nachnamen "Smildziņš" - also auch hier gilt offenbar ein gewisses "Familienprinzip".

Harmonie als oberstes Ziel

Dieses "Papafestival", mit Hilfe eines Schnurrbarts als Logo, hat sich inzwischen zu einem Event mit zumindest einigen Hundert Besucherinnen und Besuchern entwickelt. Auch beim "Vatertag" am 14. September 2025 wird es wieder einen festlichem Umzug, ein Musikfestival und einer Vielzahl von Spielen im Park unter freiem Himmel geben - bei freiem Eintritt. Unter dem Motto "Ich bin stolz ein Vater zu sein" wird der Tag in Riga bereits zum 12.Mal in größerem Umfang gefeiert. Und dieses Jahr verschenkt die staatliche Forstbehörde an 100 Väter je einen kleinen Eichenbaum. 

Vorher wird auch diskutiert: bei der "Tēvu sapulce" ("Väterversammlung"), die auch online im Internet mitzuverfolgen ist, geht es um die Rolle der Väter bei der Kindererziehung, die Arbeitsteilung in der Familie und bei der Hausarbeit, und um ähnliche Themen. Als "Experten" holen sich die Organisatoren bekannte Väter aufs Podium: Sportler, Schauspieler, Musiker, aber auch Psychiater und Sozialarbeiter.

Auch Resultate von Umfragen werden in die Diskussion einbezogen. So gaben 31% der befragten Väter an, sich jeden Tag auch mit Hausarbeit zu beschäftigen. 59% gaben zu, weniger als die Mutter damit zu tun zu haben. Wenig verwunderlich vielleicht, dass "zu Hause etwas reparieren" bei 88% die beliebteste Beschäftigung ist. 85% bringen die Mülltonne raus, 73% räumen die Spülmaschine ein, und immerhin fast die Hälfte der befragten lettischen Väter kann auch kochen. Allerdings: wird das Kind krank, bleibt meist doch die Mama zu Hause (medicine.lv). 

Paar-Strategie 

Unter genauer Beobachtung der Väter und Mütter ist offenbar alles, was in den staatlichen Schulen geschieht. Viele kleine Schulen in Lettland müssen geschlossen werden, das Lehrpersonal verlangt bessere Bezahlung. Und für den Sommer wünsche man sich mehr Festivals, an denen auch Familien mit Kindern ohne Bedenken teilnehmen können. 

Auch von "Geburtenstrategie" ist bei "Mammamuntetiem" die Rede, am liebsten gleich für "ganz Lettland". Dabei wird zunächst anerkannt, dass sich das Rollenverständnis von Frauen wie Männern, ebenso wie das Verständnis von Paarbeziehungen in Lettland geändert haben: in Umfragen sehen nur noch 21% der Männer die eigene Rolle vor allen darin, dass "es der Familie nicht an Geld fehlt". Nicht alle Frauen wollen Mutter werden, und Männer nehmen verstärkt die eigene Verantwortung für die Kindererziehung wahr - aber in 97% aller Familien kümmert sich vor allem die Frau um die Kinder. Die in der "Strategie" erwähnten "Lösungsvorschläge" wirken eher wie ein bunter Blumenstrauß: von Steuererleichterungen für Familien über mehr Kindergartenplätze bis zur Vier-Tage-Arbeitswoche. 

Dem guten Vater

Den Vatertag in Lettland im September zu feiern, das wird der Initiative von Baptistenpfarrer Ainars Baštiks aus dem Jahr 2009 zugeschrieben, als er auch als Minister für Kinder und Familien zuständig war (dzirkstele / youtube). 
Aber gewalttätige Ehemänner und solche, die sich nicht um ihre Familie kümmern, müsse man ja nicht auch noch feiern - so die Gegenargumente zunächst. Daher wird der Tag inzwischen als Einladung verstanden, die fürsorglichen Väter zu sehen und denen zu danken, die sich um ihre Kinder kümmern und an ihrer persönlichen Entwicklung teilhaben. Baštiks Argumentation berief sich allerdings auch auf eine "gottgegebene Ordnung", der zufolge an die eine Hand eines Kindes die Mutter, an die andere der Vater gehöre. 

Da müssen wir vielleicht kurz an die lettische Verfassung denken, wo eine Ehe als Gemeinschaft zwischen Mann und Frau festgeschrieben ist. Aber bei diesem lettischen "Papa-Feiertag" ist ja darüber nicht mal etwas gesagt: ein Vater ist ein Vater, und hoffentlich ein guter Vater. Ob er verheiratet sein muss, darüber wird an diesem Tag nirgendwo etwas gesagt.  

Viele naheliegender scheint zu sein, den Anlass kommerziell ausnutzen zu wollen: was schenke ich bloß Papa oder Opapa? (lieliskadavana / goody / Douglas / kruzes) Wir erinnern uns an das "Festtagsprogramm": Papa schenkt uns einen gemeinsamen Spaziergang, und einen vergnüglichen Tag im Stadtpark. So läufts zumindest in Riga (lsm).

7. März 2024

Meistens allein

 "Die Familie ist einer unserer Grundwerte der Gesellschaft", so sagte es einmal der lettische Präsident Egils Levits (aprinkis). Er verband das mit der Auffassung, dass die bisherige rechtlich festgelegte Auffassung einer traditionellen Familie erhalten bleiben müsse; so wie es in Paragraph 110 der lettischen Verfassung heißt: „Der Staat schützt und unterstützt die Ehe – die Verbindung zwischen Mann und Frau, die Familie, die Rechte von Eltern und Kindern.“ Levits interpretierte es so: "In einer gut funktionierenden Familie wird ein Mensch "trainiert", ein verantwortungsbewusstes Mitglied der Gesellschaft zu sein."

Frau mit Kind

Auch in Lettland heiraten Frauen und Männer
viel später als noch vor einige Jahrzehnten.
Vielleicht lohnt da ein Blick auf die Analysen des lettischen Amts für Statistik (Centrālā statistikas pārvalde). Aus dem Jahrbuch 2023 lassen sich auch Zahlen zu den Familien in Lettland ablesen. Demnach ist gegenwärtig die häufigste Form einer lettischen Familie: die alleinerziehende Frau.
37,2% aller Familien sind das, und erst weit dahinter kommen mit 26,2% verheiratete Ehepaare mit Kindern. Weitere 18,2% machen Verheiratete ohne Kinder aus, und 7,9% aller Familien bestehen aus alleinerziehenden Vätern. Bei 5,4% der Familien handelt es sich um unverheiratete Paare mit mindestens einem Kind, und 5,0% sind unverheiratete Paare ohne Kinder.

Späte Heirat und hohe Scheidungsrate

Insgesamt wurden in Lettland 492.052 Familien gezählt - 3.835 weniger als im Jahr zuvor. Aus 11 (oder mehr) Personen bestehen in Lettland noch 41 Familien (2011 waren es noch 62). Dabei gibt es eine relativ hohe Scheidungsrate: auf 1000 geschlossene Ehen kommen in Lettland 456 Scheidungen. 

Für das Jahr 2023 wurden in Lettland insgesamt 1.883.008 Einwohnerinnen und Einwohner gezählt. 806.940 von ihnen (42,8 %) leben allein, 681.137 (36,2%) leben verheiratet zusammen, 231.254 (12,3 %) sind geschieden und 155.502 (8,2 %) verwitwet. 

Und die Kinder? Dort, wo mindestens ein minderjähriges Kind aufwächst, sind es 98.511 alleinerziehende Mütter, 81.843 verheiratete Paare, 19.322 alleinerziehende Väter und 17.502 unverheiratet zusammenlebende Paare. (LVportals)



22. März 2023

Draudzene, Partnere, Sieva, Biedre

Nein, Riga ist nicht Hollywood. Aber Lettland hat eine Kinoindustrie, und die höchste Auszeichnung eines jeden Jahres ist die Verleihung des "Lielais Kristaps" (des "großen Christopherus", sozusagen). Am 26. Februar wurden die Auszeichnungen für die besten lettischen Filme des Jahres 2022 verliehen (lsm). Gleich fünf Preise, darunter den für den besten Spielfilm und die beste männliche Hauptrolle, räumte dabei der Film "Janvāris" ("Januar") von Viesturs Kairišs ab, ein Film über die Ereignisse des Januar 1991 in Lettland, für dessen Produktion sogar die Barrikaden in der Altstadt Rigas nachgebaut wurden (Trailer / Kinoraksti). Der Film wurde auch von Seiten Lettlands für einen Oskar nominiert (Trailer engl).

Ähnlich großes Aufsehen gab es aber um den Preis der besten weiblichen Hauptrolle. Die junge Schauspielerin Marija Luīze Meļķe ist 25 Jahre alt, geboren in Cēsis, und die Hauptrolle im Film "Neona pavasaris" ("Der Neon-Frühling", Regie Matīss Kaža / Trailer / Premiere) war ihr Debut als Kinoschauspielerin. Sie wurde als beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet - und bekam nach der Preisverleihung von einigen eine Art "Heldenstatus" verliehen" - von anderen kamen sie Morddrohungen. (jauns) Was war geschehen? 

Im Film spielt Marija Luize die Studentin Laine, die in die unterirdische Ravewelt von Riga eintaucht und sich dort in die Raverin Gunda verliebt. "Ich habe versucht, einfach die menschliche Lebenserfahrung als Grundlage zu nehmen für das, was ich spiele" sagte die Schauspielerin bei der Preisverleihung - um dann aber auf offener Bühne zu verkünden, dass sie den Preis nicht annehmen werde (lsm). "Ich empfinde es einfach als unehrlich, nun allen zu danken und nicht zu sagen dass es in Lettland wirklich an der Zeit ist, endlich das Gesetz für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften zu beschließen," sagte sie zur Begründung. "Im Film spiele ich ein Mädchen, dessen Rechte in der Realität aber von unserem Staat nicht verteidigt werden. Solange in Lettland dieses Gesetz für Lebenspartnerschaften nicht angenommen ist, kann ich diesen Preis nicht annehmen." (jauns). 

Es gab Lob für diese Entscheidung, Beifall im Saal, aber auch Kritik. Auf der einen Seite werde Geld vom Staat zur Finanzierung des Filmes genommen, aber wenn es dann ein Dankeschön gibt weigerten sie sich es anzunehmen, hieß es. Auch in den "sozialen Netzwerken" erregte die Aktion einen Sturm von Reaktionen. Meļķe selbst ist nicht Mitglied irgendeiner lettischen LGBT-Community. (IR) Auch die Eltern von Marija Luīze meldeten sich öffentlich zu Wort und unterstützten das Anliegen ihrer Tochter - sie habe sich schön öfters für Gerechtigkeit und Menschlichkeit eingesetzt.

Als Kinoschauspielerin war es die erste Rolle für die junge Schauspielerin. Seit einigen Jahren nimmt sie mit eigenen Gedichten auch an Lesungen und Performances teil, 2022 erschien ihr erster Gedichtband „Nerealizēto potenciālu klubs“ ("Klub des nicht realisierten Potentials"). "Ein ungewöhnliches Buch mit mehreren brillianten Gedichten", so urteilte Dichterkollege und Literaturkritiker Kārlis Vērdiņš (Punktum). Marija Luize moderiert außerdem die Sendung „Bron-hīts“ im "Radio NABA“, arbeitet in der Redaktion der Literaturzeitschrift „Žoklis“ und 2020 erhielt das Stück „Netikumīgie“ ("Die Unmoralischen") des „Dirty Deal Teatro“ mit Marija Luīze Meļķe als Textautorin und Schauspielerin bei der alljährlichen "Spēlmaņu nakts" den Preis für das Jugendtheaterstück des Jahres. 

Verschiedene Varianten eines Gesetzes zu gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften ("Dzīvesbiedru likums") werden schon seit Jahren immer wieder im lettischen Parlament diskutiert. Seit 2006 ist aber in der lettischen Verfassung (§110) der Satz eingefügt, dass nur eine Partnerschaft zwischen Mann und Frau als "Ehe" bezeichnet werden kann. Dennoch gab es inzwischen Gerichtsentscheidungen, die zum Beispiel einer Frau Recht gaben, die nach der Geburt ihres Kindes dagegen klagte, dass ihre Partnerin keinen Urlaub beim Arbeitsgeber beantragen konnte. Die Familie, gleich welcher Art sie zusammengestellt sei, sei auch zu schützen, und das sei nicht nur vom Eingehen einer Ehe abhängig, so urteilte das Gericht. (lsm) Diese Rechtssprechung wird auch von der lettischen Seniorenvereinigung ("Latvijas Senioru kopienu apvienība" LSKA) unterstützt. Es sei auch bei alten Menschen nicht selten, dass verschiedene in einem Haushalt familienartig zusammenleben, ohne dass notwendigerweise immer der Ehepartner dabei sei (lsm)
Außerdem haben auch bereits einige gleichgeschlechtliche Paare bei Gericht ihre Anerkennung als Familie beantragt (teilweise erfolgreich).

"Am Morgen nach dieser Preisverleihung hatte ich unglaublich viele Nachrichten auf dem Handy", sagt Kaspars Zālītis von der Organisation "Dzīvesbiedri" ("Lebenspartner"), die sich für ein entsprechendes Gesetz einsetzt. "Wenn uns schon die Mehrheit der Politiker nicht unterstützt, dann stärkt es uns doch den Rücken wenn wir sehen, dass es Menschen in der Gesellschaft gibt die das öffentlich tun". (lsm)
Zuletzt wurde im Oktober 2020 auch mit Unterstützung von "Dzīvesbiedri" eine Unterschriftenaktion zugunsten eines solchen Gesetzes gestartet. Der Entwurf nannte sich
"Par visu ģimeņu tiesisko aizsardzību" (für Rechtschutz aller Familien); innerhalb von wenigen Tagen waren bereits Tausende Unterschriften gesammelt, am Ende wurden 23.595 gezählt. Die Initiative hatte auch darauf hingewiesen, dass in Lettland im Jahr 2019 39% aller neugeborenen Kinder (7.209) außerhalb einer "traditionellen" Ehe (so wie es die Verfassung gerne vorschreiben möchte) geboren wurden.
Die juristische Kommission des lettischen Parlaments (Saeima) hatte im Dezember 2022 beschlossen, die Arbeit an einem Gesetz zu Lebenspartnerschaften (lett. "Civilā savienība", siehe auch "Begründung zum Gesetzentwurf"), das bereits in zwei Lesungen im Parlament beraten worden war,  nicht fortzusetzen - somit kam es auch nicht mehr zu einer Abstimmung im Parlament dazu.

27. Mai 2022

Der Lette ... lebt allein. Aber mit Kind.

Abb.: Latvijas Universitātes Filozofijas un socioloģijas institūts
Ja, und die Lettin wahrscheinlich sowieso - wenn wir den neuesten amtlichen Statistiken glauben. Wie das neueste statistische Jahrbuch feststellt, gab es im Jahr 2021 amtlich gezählte 503.100 Familien in Lettland. 

Etwas seltsam, wie diese Familien dann statistisch sortiert werden. Erstens: 22.4% der Paare haben keine Kinder (weiteres dazu, auf welcher Grundlage diese Menschen zusammenleben, ist hier nicht zu finden). Aber erstaunliche 45,7% aller Familien bestehen aus Alleinerziehenden mit Kindern! Glauben wir diesen Zahlen, leben in nur 26,7% der lettischen Familien Kinder, die mit beiden Elternteilen zusammenleben. 

Es gibt auch Versuche, diese Zahlen wissenschaftliche auszuwerten. So ist es zum Beispiel Ģirts Brūders, der feststellt, in Lettland habe sich seit 2011 besonders die Zahl alleinerziehender Mütter stark erhöht (telos.lv). Der Wissenschaftler führt das unter anderem darauf zurück, dass Lettland mit 3,1 auf 1000 Einwohner/innen die höchste Scheidungsrate in ganz Europa aufweise. Das würde zusammenkommen mit der Tatsache, dass zudem 40% aller neugeborenen Kinder außerhalb von Ehen geboren werden (Zahl von 2019). 

Eine weitere These ist hier vielleicht für manche überraschend: auch die hohe Arbeitsmigration innerhalb Europas sei mitverantwortlich für die Situation, meint Brūders. Mehr als ein Viertel aller auf der Suche nach Arbeit ausgewanderten Männer seien zwischen 25 - 44 Jahre alt, und davon wiederum ein Drittel verheiratet. Wen es wundert, dass dies rechnerisch ja nur 8% der Gesamtzahl der ausgewanderten Männer ausmacht - hier wird ein Detail der statistischen Berechnung in Lettland offenbart: Familien, in denen ein Elternteil nicht dauerhaft in Lettland lebt, werden statistisch als Alleinerziehende gezählt. Darüber hinaus gibt es nur in 3-4% aller Familien alleinerziehe Väter.

Eine generelle Ablehnung der Ehe möchte Brūders jedoch nicht feststellen - dazu habe Lettland eben gleichzeitig auch eine hohe Zahl der Eheschließungen, und bei Umfragen hätten nur 24% der Befragten zwischen 18 und 64 Jahren die Ehe als "veraltete Institution" bezeichnet (und sogar unter denen, die ohne Trauschein zusammenleben, hätten sich 59% dennoch pro Ehe ausgesprochen).

Also: viel Heirat, viel Scheidung, viel Alleinleben in Lettland? Seit 2011 ist es möglich, eine Ehe auch einfach bei einem vereidigten Notar (oder Notarin) zu schließen oder zu scheiden (tm.gov.lv); die Gebühr für das Austellen einer Heiratsurkunde beträgt gegenwärtig offenbar 14 Euro (tm.gov.lv). Im Jahr 2020 entschieden sich mehr als 3000 Paare für eine Scheidung bei einem Notar (tm.gov.lv), insgesamt wurden, den Statistiken zufolge, 5200 Ehen geschieden. Die benötigten Notare lassen sich auch per eigenem Suchportal einfach finden und sind auch per Internet konsultierbar.

17. Januar 2021

Alles eine Familie ... ?

Im November hatte das lettische Verfassungsgericht über den Fall einer Mutter geurteilt, die für ihre lesbische Partnerin das Recht auf "Elternurlaub" einklagen wollte, so wie es auch allen Vätern in Lettland gewährt wird (lsm). Als Begründung wurde unter anderem genannt, das Kind habe ein Recht auf emotionale Zuwendung auch von ihrer Partnerin. Artikel 110 der lettischen Verfassung legt den Schutz der Familie fest - definiert diese allerdings gleichzeitig als Verbindung zwischen Mann und Frau (siehe: likumi.lv). Dennoch gab das Verfassungsgericht der Klagenden Recht - Vorrang habe auf jeden Fall das Kind, und hier sei eine Gleichbehandlung wichtig. Bis zum 1. Juni 2022 soll der Gesetzgeber nun die Rechtlage anpassen - ein Anlass zur Unruhe unter vielen lettischen Politiker/innen. 

"Es gibt heilige Werte, die seit Hunderten von Jahren für uns und unsere Kultur gelten," meint Raivis Dzintars, Chef der rechtskonservativen "Nationalen Allianz" (NA), "und einer dieser Werte ist, das eine Familie aus Vater, Mutter und deren Kindern besteht." (lsm) Kaum verwunderlich also, dass die NA bereits eine Formulierung ausgearbeitet hat, um die lettische Verfassung zu ändern - zur Durchsetzung bräuchte es allerdings im Parlament eine Zwei-Drittel-Mehrheit. 

Inzwischen hat auch das lettische Parlament bereits diese Frage diskutiert (lsm). Für eine Verfassungsänderung votierten 47 Abgeordnete, 25 dagegen. 7 waren nicht anwesend, und 21 stimmten nicht mit ab - was im lettischen Parlament möglich ist; von der Fraktion "Saskaņa" stimmten überhaupt nur drei der 19 Abgeordneten ab. Das sieht alles vorerst nach einer ordentlichen Portion Parteitaktik aus. Nun wird in den Parlamentsausschüssen weiter diskutiert. Ministerpräsident Krišjānis Kariņš hatte sich gegen Verfassungsänderungen ausgesprochen - vor allem mit dem Argument, es gäbe momentan viele wesentlich wichtigere Themen in Lettland. 

Das lettische Verfassungsgericht bei seiner
ersten Sitzung am 28.4.1997 (Foto: Blumbergs)
Aber denjenigen, denen Lettlands Entwicklung momentan nicht konservativ genug ist, haben sich längst auf ein weiteres Ziel eingeschossen: Braucht Lettland überhaupt ein Verfassungsgericht? Es wurde erst 1997 neu geschaffen. 

Seit dem 6. Mai 2020 wird das lettische Verfassungsgericht von zwei Frauen geleitet: von Ineta Ziemele als Vorsitzende und Sanita Osipova als Stellvertreterin. Ziemele wechselte im Oktober 2020 an den Europäischen Gerichtshof - also wurde Osipova inzwischen neue Vorsitzende. 

Noch nie sei die Unabhängigkeit der lettische Gerichtsbarkeit so gesichert gewesen wie momentan, meint aber Osipova in einem Interview mit der Zeitschrift "IR". Osipova, die ihre Dissertation zum Lübecker Stadtrecht schrieb und neben einer Professur an der Lettischen Universität auch schon eine Gastprofessiur in Münster wahrnahm (Lettische Presseschau / Diena), wurde kürzlich von der "Europäischen Bewegung Lettlands ("Eiropas kustība Latvijā") zur "Europäerin des Jahres 2020" gewählt (bnn). "Lettland braucht eine Kultur der Toleranz, wo die Menschenwürde für alle gleich gilt", so formulierte Osipova es in der Zeitschrift "Jurista Vārds".

Es gibt auch nicht nur die Fürsprecher der Ausschließlichkeit der traditionellen Ehen. Auf dem Portal "ManaBalss" (Meine Stimme) sammeln sich im Moment die Befürworter eines Vorschlags, der Gesetzgeber möge jede Form des Zusammenlebens als gleichwertig anerkennen. "Eine Heirat wird in der lettischen Gesellschaft nicht mehr als einzige Form einer Familie angesehen", so steht es dort zu lesen, und inzwischen gibt es über 20.000 Unterschriften dafür. Dahinter steckt der Verein "Dzīvesbiedri" (Lebenspartner), "Mozaika", und Aktivisten wie Kaspars Zālītis. Auch eine Eingabe an das Parlament gegen eine Verfassungsänderung wurde hier bereits erarbeitet (delfi). 

In Lettland kamen 2019 insgesamt 18786 Kinder zur Welt (csb). Davon wurden 61,6% von verheirateten Paaren geboren. "Die häufigste Form der Familie in Lettland ist die einer alleinerziehenden Person mit einem oder mehr minderjährigen Kindern", so stellt es das Lettische Statistikamt für 2020 fest. 23,6% aller als Familien erfasste Lebensgemeinschaften sind solche Haushalte von Alleinerziehenden, gefolgt von 22,3% Paare ohne Kinder. Nur 16,2% sind verheiratete Paare mit Kindern. Seit 2011 habe sich die Anzahl der Haushalte speziell mit allein lebenden Frauen mit Kindern erheblich gesteigert, und dazu gäbe es klare Gründe: zum einen weise Lettland eine der höchsten Scheidungsraten in der gesamten Europäischen Union auf (3,1 pro 1000 Einwohner). Zum anderen würden etwa 40% aller Kinder außerehelich geboren. Und dazu kommt noch, dass die Statistik diejenigen Familien, wo einer der Elternteile dauerhaft im Ausland wohnt, eben als Haushalt von Alleinerziehenden zählt.

10. Juli 2015

Papi am Pranger

Steuersünder legen ihr Geld gerne in der Schweiz an - das ist spätestens seit dem Aufkauf von illegal erzeugten Datenlisten bekannt, die von den zuständigen Ämtern in Deutschland aufgekauft wurden, um die betreffenden Personen zur korrekten Steuerzahlungen auffordern zu können. Allein 24.000 Menschen sahen sich im Jahr 2013 zu einer "freiwilligen Selbstanzeige" veranlasst, 2014 waren es noch mehr - um befürchteten Strafzahlungen möglichst zuvorzukommen. Ab Januar 2015 wurden zudem die entsprechenden gesetztlichen Bestimmungen erheblich verschärft. Öffentlich diskutiert wurden vor allem die Fälle, wenn - eigentlich illegal, da die Ämter solche persönlichen Angaben nicht herausgeben dürfen - doch prominente Namen sich in der Presse wiederfanden, so etwa Uli Hoeneß oder Alice Schwarzer. Inzwischen wollen sogar die Schweizer Behörden selbst Daten von deutschen Steuersündern ins Internet stellen, wenn sie auf anderem Wege nicht erreichbar sind.

Schulden am Kind
Solche Verfahren scheinen auch in Lettland der Trend zu sein - Ämter stellen private Daten ins Internet. Momentan erzeugt Aufsehen, was eine lettische Behörde unternommen hat, die seit 2004 für die Garantie der Unterhaltszahlungen zuständig ist (Uzturlīdzekļu garantiju fonds - UGF). Seit dem 1.Juli 2015 steht dort eine Liste von Personen öffentlich im Internet, die mit Unterhaltszahlungen im Rückstand ist - vorab genehmigt durch Beschluß des lettischen Parlaments (lsm). "Eine Maßnahme zum Schutz der Kinder", so die Behörde."Im Laufe von 11 Jahren haben die Zahlungsrückstände insgesamt 140 Millionen Euro erreicht", sagt Edgars Līcītis, Direktor der UGF. 90 Euro zahlt die UGF für Kinder bis zu 7 Jahren monatlich, für ältere bis zur Volljährigkeit 108 Euro. Man hoffe noch immer, dieses Geld von den säumigen Vätern (in seltenen Fällen auch Müttern) zurückzubekommen, und die Gesellschaft habe ein Recht zu erfahren, was der Staat inzwischen finanzieren müsse. Härtefälle würden natürlich berücksichtigt, aber es sei zu vermuten, dass viele ihre wahren Einnahmen verheimlichen.

Schulden am Staat
So finden sich nun Name, Nachname, Geburtsjahr und erster Teil der Personennummer auf öffentlich einsehbarer Liste. Die typischen Zahlungsverweigerer seien Männer bis 40 Jahren, die offiziell angeben, monatlich weniger als 100 Euro zu verdienen, so die Behörde.
Ganze  29.561 Personen sollen es sein, die gegenwärtig ihren Ex-Frauen, Ex-Männern bzw. Kindern ganz oder teilweise Unterhalt schuldig sind.Öffentlich einsehbar sind nun aber nur etwa 1700 davon, 122 davon Frauen. Ausgenommen von der Veröffentlichung sind Betroffene mit körperlichen Beeinträchtigungen, Arbeitsunfähige und alle diejenigen, deren ehemalige Ehepartner der Veröffentlichung nicht zugestimmt haben. Es hätten auch schon einige bei der Behörde angerufen und gefragt, was sie tun können um von der veröffentlichten Liste gelöscht zu werden, berichtet Linda Sparāne, Chefin der juristischen Abteilung der UGF.

Im Jahr 2014 zahlte die UGF an 19.092 Personen eine Beihilfe zu Gunsten der unter ihrer Obhut lebenden Kinder, nur 156 Neuträge wurden abgelehnt (siehe Jahresbericht), in 525 Fällen konnte die Zahlung eingestellt werden, weil das verantwortliche Elternteil selbst die Zahlungen übernahm. 29.650 Kinder profitierten davon.
Im lettischen Fernsehen (Panorama) werden Frauen interviewt, deren Männer die Alimente verweigern. "Soll er doch mal seine Verantwortung anerkennen!", meint Santa, eine Betroffene, Mutter von drei Kindern. "Aber die Veröffentlichung wird nicht ändern, gar nichts", meint sie. "Vielleicht zahlt er für seine zwei Autos, vielleicht für die Wohnung - aber Schulden gegenüber dem Staat? Niemals!"

Ungeteilte Freude an Kindern - hier in Riga - am besten
in ungeteilten Familien
Schuldner im Netz
Doch dem neu geschaffenen öffentlichen Pranger droht Widerstand. Juris Jansons, vom Parlament bestellter Ombudsmann für Bürger- und Menschenrechte, verglich die Idee der Veröffentlichung der Zahlungsrückständigen mit der Wiedereinführung eines mittelalterlichen Schandfpahls. Das neue Verfahren widerspreche Paragraph 96 der lettischen Verfassung, welcher die Unverletzbarkeit der Privatsphäre festlege. Jansons kündigte an, Protest beim lettischen Verfassungsgericht einlegen zu wollen. Dabei bezweifele er auch die Effektivität dieser "Geldeintreibung": die Schuldner seien zumeist mittellos, und das Risiko ins soziale Abseits zu rutschen, sei in Lettland, mit sehr niedrigen Löhnen in vielen Bereichen, eben riesengroß.Jansons weist auch auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte hin, der ebenfalls für den Schutz des Privatlebens eintritt.

Noch hat es keine Fälle in sozialen Netzwerken gegeben, wo die nun öffentlich zugänglichen Daten säumiger Zahler ausgenutzt würden. Noch ist nicht abzusehen, ob die neu geschaffene Regelung auf Dauer Bestand haben wird.

23. Juni 2015

Mitsommerkinder

Mit den lettischen Ligo-Feiern sind ja so einige unverzichtbare Bräuche verbunden: frisch gebrautes Bier trinken, Blumen- und Eichenlaubkränze winden, selbst gemachten Kümmelkäse essen, übers Feuer springen oder die Farnblüte suchen. Was aber hat es mit dem Gerücht auf sich, dass Mitsommer "alles erlaubt" sei? Ähnliches ist im deutschen Karneval bekannt - die eine, unangenehme Seite davon ist hinterher an der steigenden Zahl der Verkehrsunfälle unter Alkoholeinfluß abzulesen.

Und wie sieht es eigentlich neun Monate später aus? Ein Bericht im lettischen Portal "Delfi", der sich auf Zahlen des lettischen Statistikamts beruft, rechnet nach: es gab durchaus schon Jahre, in denen eine abrupt steigende Zahl an Neugeborenen im darauffolgenden März als "Spätfolgen" zu verzeichnen waren. In den Jahren 1960 bis 1995 soll es immer mehr März-Geborene in Lettland gegeben haben, ab 1996 schwächte sich diese Tendenz wieder ab (zu Gunsten der Sommer-Geborenen). 2009 und 2010 war es dann wie früher: die meisten Kinder wurden im März geboren. Im Jahr 2015 wären es 1853 März-Kinder.

Das Nachwuchs-Thema nimmt auch die Zeitschrift "IR" auf und stellt fest, dass 2014 erstmals seit langem wieder eine positive Statistik bei den Neugeborenen in Lettland zu verzeichnen ist. Die Nachwuchszahl im vergangenen Jahr überstieg die Sterbezahl um 240. 21.746 Babies waren es insgesamt, die absolut höchte Zahl der vergangenen fünf Jahre. Die Kindersterblichkeit lag dabei bei 3,8 pro 1000 Neugeborenen (1995 = 18,8).

5. Februar 2010

Verfassungsgericht übernimmt Sozialpolitik Lettlands?

Einige Mütter haben in Lettland Verfassungbeschwerde gegen die Kürzung des sogenannten Müttergehalts (māmiņa alga) eingelegt. Mit dieser finanziellen Unterstützung greift der Staat jenen alleinerziehenden Müttern unter den Arm, die von den Vätern ihrer Kinder keine Alimente erhalten. Ein Einkommen, daß nach Auffassung der Initiatorin der Klage, Marika Skulte, für viele sehr wichtig ist. Seit Anfang dieses Jahres wurde dieses aber um 30% gekürzt.

Bislang betrug die Summe 45 Ls, rund 70 Euro, für ein Kind bis zu sieben Jahren und an- schließend bis zum Alter von 18 Jahren 54. Nach der Kürzung sind es nun 30 und 35. Die zuständige Behörde erklärte, der Haushaltsposten sei gar nicht gekürzt worden, aber seit einiger Zeit gebe es doppelt zu viele Anträge, dies sei der Anlaß für die Einschnitte gewesen.

Wahrscheinlich haben sich die Mütter ein Beispiel an dem höchstrichterlichen Verdikt gegen die Rentenkürzungen vom vergangenen Sommer genommen. Auch in diesem Fall hatte kein staatliches Organ die Klage beim Verfassungsgericht eingericht, sondern die Betroffenen selbst. Es bleibt aber dahingestellt, ob dies eine Aussage über die Erfolgsaussichtgen der Motion erlaubt. Renter haben sich durch Abgaben Ansprüche erworben, das gilt für die Sozialpolitik aber nicht in allen Felder. Die großzügige Unterstützung von Müttern war politisch gewollt, um die niedrige Geburtenrate des Landes zu heben. Die klagenden Mütter berufen sich auf die Menschenrechte.

Das Verfassungsgericht gegen unliebsame politische Entscheidungen einzusetzen ist jedoch auch in anderen Staaten gang und gäbe.

23. Juni 2008

Der verlorene Sohn ...

... und Zuverlässigkeit lettischer Behörden

Lettland horcht auf, ist erstaunt, erschüttert. Vor 16 Jahren war einer jungen Frau in Daugavpils, der zweitgrößten Stadt des Landes nahe der weißrussischen Grenze während des Einkaufs der vor dem Geschäft abgestellte Kinderwagen samt Säugling entführt worden. Die Polizei konnte den Fall nicht aufklären, doch die Mutter hatte all die Jahre erklärt, sie sei überzeugt davon, daß ihr Kind lebe, und zwar gar nicht weit entfernt.Nun stellte sich heraus, daß die Frau Recht hatte. Der verlorene Sohn wurde gefunden. Allerdings nur durch einen Zufall. Die den Jungen während dieser Jahre erziehende Dame mußte sich wegen eines anderen Vergehens vor Gericht verantworten und konnte für ihren Sohn weder einen (in Lettland existierenden) Personenkode angeben, noch seine Existenz durch eine Geburtsurkunde nachweisen.Diese Umstände werfen ein fahles Licht auf den lettischen Staat. Daß die Polizei das Kind nicht hatte finden können – der verlassene Kinderwagen wiederum war damals kurz nach der Entführung in einem Treppenhaus nahe des Geschäftes wieder aufgetaucht – mag vielleicht noch weniger überraschen, denn Säuglinge sehen sich ähnlich und sind schwierig zu suchen. 

Was aber verblüffender ist, der Junge lebte tatsächlich all die Jahre in seiner Heimatstadt, und weder Arztbesuche noch Schulanmeldung stellten auch ohne Geburtsurkunde ein Problem für die Ziehmutter dar.Vor diesem Hintergrund mögen ihre eigenen Rechtfertigungen, der inzwischen verstorbene Mann habe das Kind eines Tages mitgebracht und behauptet, er habe es aus Dagestan geholt, schon gar nicht weiter verwundern. Es kann ja sein, daß diese Frau so naiv ist, daß sie ihrem Mann keine weiteren Fragen stellte, etwa, wer die Mutter des Kindes ist und er eventuell sogar der uneheliche Vater. Auch mag man glauben, daß die Frau intellektuell nicht in der Lage war zu begreifen, daß 1992, bereits ein Jahr nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die Übersiedlung eines Kindes aus dem zu Rußland gehörenden Dagestan in das nunmehr unabhängige Lettland ohne Papiere wenig glaubwürdig klingt. Der Säugling kann schließlich schlecht im Koffer eingeführt werden. Angesichts dieser Umstände liegt natürlich die Vermutung nahe, daß die Frau das Kind doch selbst entführt hat.In der Politikwissenschaft wird seit den 90er Jahren mit neuen Begriffen operiert. Defekte Demokratien, schwache oder gescheiterte Staaten wurden als Bezeichnungen eingeführt, um zu kategorisieren, in welchen Staaten die offizielle demokratische Ordnung keine wirkliche Mitbestimmung für die Einwohner garantieren oder wo die Regierung ihre Staatsgewalt nicht zu Gunsten aller Bürger ausübt respektive überhaupt dazu nicht in der Lage ist. 

Einstweilen gilt Lettland für keine dieser Phänomene als Beispiel. Innerhalb der EU entwickelt es sich jedoch den Standards entsprechend mehr und mehr zum Sorgenkind.Die lettische Regierung muß sich nach den Geschehnissen in Daugavpils die Frage gefallen lassen, ob sie einen funktionierenden Staat lenkt, ob die Behörden ihre Aufgaben erfüllen, schließlich handelt es sich hier nicht um einen einfachen Korruptionsfall. Und dies geschieht ausgerechnet im Jahre eines runden Geburtstages. Lettland feiert im November den 90. Jahrestag der Proklamation der Unabhängigkeit. Die international nie anerkannte Inkorporation in die Sowjetunion hat die Staatlichkeit juristisch nicht unterbrochen, weshalb die Letten sich auch nicht in einer zweiten Republik sehen.Der Geburtstag fällt generell in eine Zeit, in der die Bevölkerung ihrer politischen Führung nach den Skandalen in Jūrmala, dem Fall Gulbis, der geplanten Änderungen im Gesetz über die nationale Sicherheit und schließlich der versuchten Absetzung des Chefs der Anti-Korruptionsbehörde zutiefst mißtraut, was das Faß im Herbst vergangenen Jahres zum Überlaufen brauchte. Es folgte die sogenannte „Regenschirmrevolution”, das erste Mal seit der Zeit des „Nationalen Erwachens“ unter Gorbatschow gingen die Menschen wieder auf die Straße; viele Letten sahen darin ein déjà vu, obwohl es doch einen wesentlichen Unterschied gab: damals demonstrierte man für die eigene Regierung, dieses Mal gegen sie. Erst mit diesem Ereignis erkannten die benachbarten Esten, daß Lettland innenpolitisch ganz anders funktioniert als ihr eigenes Land, wovon die öffentliche Meinung bis dahin nicht ausgegangen war. Was zunächst wie der Ausdruck einer funktionierenden Zivilgesellschaft aussieht, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß infolge von fast 60 Jahren Diktatur – bereits vor der sowjetischen Okkupation auch während der autoritären Herrschaft unter Kārlis Ulmanis – in der Gesellschaft Spuren hinterlassen haben. 

Die Bevölkerung sehnt sich weniger nach mehr Mitbestimmung als nach dem starken Mann.Daß nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 die Letten so wie die baltischen Nachbarn zunächst auf ihr Schicksal hingewiesen haben, ist verständlich, denn jahrzehntelang durfte darüber nicht gesprochen werden. Nunmehr wird die neue Unabhängigkeit bald volljährig, und Lettland muß den Vergleich mit Estland zu scheuen beginnen. Während die Regierung dort umfassende Reformen durchführte, blieben solche In Lettland in vielen Bereichen aus. Die Bewertung Lettlands in internationalen Publikationen bezüglich der Korruption ist schon lange die positivste nicht. Nun aber schlittert das Land außerdem auch noch in eine handfeste ökonomische Krise. Die Politik hat ihre Hausaufgaben nicht nur nicht gemacht, sondern sie geflissentlich ignoriert und sich statt dessen so intensiv mit sich selbst und der Monopolisierung der Macht beschäftigt, daß nicht einmal der Moment, als sogar den politisch den passiven Letten der Kragen platzte, sichtbare Folgen zeitigt. Es ist weitgehend alles beim Alten geblieben und wieder ruhig geworden. Nunmehr wird anhand dieser Kindesentführung greifbar, daß im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat zu machen ist, wenn sich dieser vorwiegend vergangenheitsbezogen als Heulsuse profiliert. 

In Lettland gibt es zwar keine Inflationsbekämpfung aber klare Vorschriften, an welchen Trauertagen, und das sind zahlreiche geflaggt werden muß – üblicherweise zur nationalen Trauer auch mit Trauerflor. Nun möchte man meinen, daß Flaggen an öffentlichen Gebäuden zu verschiedenen Daten kein Problem darstellen, aber anstelle mit Familien-, Bildungs- oder Gesundheitspolitik beschäftigen sich die Behörden mit der Verfolgung des Verstoßes dagegen, daß nämlich auch an Privatgebäuden geflaggt werden muß. Dafür zuständig ist die Munizipalpolizei, die als eine Art aufgerüstetes Ordnungsamt statt um Gewalt in der Familie oder Schlägereien vor Diskotheken zu kümmern weitere völlig unsinnige Vorschriften wie das Verbot des Alkoholkonsums auf der Straße und den Verkauf während der Nacht überwacht. Statt den Alkoholismus einzudämmen, versammelt diese Maßnahme das einschlägige Publikum in der Nähe von Geschäften mit Ausnahmegenehmigungen – und die muß es natürlich geben, denn sonst wäre der Korruption die Grundlage vollkommen entzogen. Die Staatsgewalt setzt diesen grundlegenden Problemen, Aggressionen als Demonstration der Transformationsgewinner wie auch Protest der Transformationsverlierer kaum etwas entgegen. 

Darum haben die in Lettland allgegenwärtigen Verkehrsrowdies auf Landstraßen, wo die Straßenverkehrsordnung weniger gilt als das Recht des größeren Wagens – gerne auch einmal ein Hummer – meistens freie Fahrt. Zurück zu dem Fall des entführten Jungen, dessen Entdeckung auch durch die internationale Presse ging. Die Bevölkerung in Lettland reibt sich besonders deshalb verwundert die Augen, weil Paragraph 126 des Strafgesetzbuches die Verjährung der vorliegenden Tat nach zehn Jahren vorsieht, die in Haft sitzende Ziehmutter also für diese Tat nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden kann.Der Junge, welcher 16 Jahre lang von seiner Ziehmutter Ruslan gerufen wurde, hegt keinen Haß gegen sie, hat nunmehr seine leibliche Mutter mehrfach getroffen und erfahren, daß er eigentlich Vladimir heißt. Zukünftig, so sagte er, wolle er beide Namen tragen. Wo er leben wird, ist einstweilen noch offen und abhängig von seiner Entscheidung. Sei leiblicher Vater, der inzwischen mit einer anderen Frau zusammen lebt, würde ihn auch zu sich nehmen wollen. Ruslan Vladimir, der sich langsam an die neue Situation gewöhnt, klagt darüber, daß die Psychologen ihn eher störten als Unterstützung bedeuteten, derweil der schwerste Schlag für ihn darin besteht, daß sich viele Freunde von ihm abgewandt haben.