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12. Juni 2025

Vorwiegend männlich, im Zweifel lettisch

Die Kommunalwahlen in Lettland brachten, den Kommentaren in der Presse zufolge, nur wenige Überraschungen. 

Aufsehen erregte aber der Stadtrat in der lettischen Hafenstadt Liepāja. Das dortige Stadtparlament hat 15 Sitze zu vergeben, und gewählt wurden: Gunārs, Jānis, Uldis, Pāvels, Raivis, Artis, Uldis, Salvis, Uldis, Edvīns, Helvijs, Vilmārs, Jānis, Vilnis und noch ein Jānis - also ausnahmslos alles Männer! (lsm) Dieses Ergebnis überraschte offenbar, denn irgendwelche Kampagnen der Art "Frauen können das nicht" oder "überlasst es besser uns" hatte es nicht gegeben. Die meisten Abgeordneten stellt nun die "Liepājas partija" mit 9 Abgeordneten, gewählt auf einer Liste mit insgesamt 18 Kandidat/innen. Vier Frauen waren auf dieser Liste, sie landeten auf Platz 14, 15, 16 und 18. 

Das spornte nun die Presse natürlich dazu an, nüchtern weiter aufzuzählen: Stadt Ventspils: eine Frau von 13. Mārupe: 1 Frau von 19. Aizkraukle:  1 Frau von 15. (lsm) Sehr viele weitere Stadträte wurden aufgezählt, wo nur zwei oder drei Frauen vertreten sind. Es gibt drei auffällige Ausnahmen: der Bezirk Valka, an der Grenze zu Estland gelegen, mit 8 Frauen und 7 Männern, Kuldiga in Kurland, mit demselben Zahlenverhältnis, und Daugavpils (die sich Hauptstadt von Latgale nennt), mit ebenfalls 8 zu 7. Bei Daugavpils fällt außerdem auf: gleich 14 der 15 Sitze wurden von einer einzigen Partei gewonnen, die sich, ähnlich Fangesängen im Sport, "Sarauj Latgale!" (abgeleitet von "saraut" = zerreißen, sich ins Zeug legen) nennt, erst 2024 gegründet wurde, und sich vor allem an der Führungsfigur von Andrejs Elksniņš orientiert, dem amtierenden Bürgermeister von Daugavpils. 

Weniger Harmonie 

Die Figur von Elksniņš könnte auch symbolisch für einen anderen Trend stehen. Früher war die Partei "Saskaņa" einmal sehr prägend für die lettische Parteienlandschaft. Bei vielen Wahlen hieß es immer, genau diese Partei stünde für die "Interessen der russischsprachigen Minderheit". Noch 2018 kommentierte die deutschsprachige Presse lettische Wahlergebnisse so: "Trotz Politikverdrossenheit reicht es nicht für prorussischen Premier", und im Text war von einer 'russlandfreundlichen Partei 'Harmonie' " die Rede (so wurde das lettische Wort "Saskaņa" übersetzt / Tageblatt). Die "Süddeutsche" titelte damals: "Harmonie soll nicht im Spiel sein." - Dann kam der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Bei den Parlamentswahlen 2022 stürzte die "Saskaņa" auf 4,81% ab. Zwar wurden bei den Europawahlen 2024 noch 7,13% erreicht, das lag aber wohl am langjähigen Rigaer Bürgermeister und Spitzenkandidaten Nils Ušakovs, der nun als einer von neun lettischen Abgeordneten im Europaparlament sitzt. Es folgte nun aktuell wieder eine Niederlage in Riga: mit 3,45% erneut unter der 5%-Hürde. Manche Analysten schrieben diesen Absturz der Tatsache zu - abgesehen von vielen Personalquerelen nach dem Abgang von Ušakovs - dass sich führende Saskaņa-Mitglieder klar geäußert hatten und Russlands Vorgehen in der Ukraine klar verurteilt hatten. "Die Saskaņa wird europäischer, oder gar nicht mehr sein", schrieb Ušakovs im Dezember 2022 (lsm). Die früher so klare Fraktion der "Russischsprachigen" hat sich jetzt also auf mehrere andere Parteien aufgeplittert. 

Auch Andrejs Elksniņš war lange Jahre Mitglied der "Saskaņa". Sein Argument beim Austritt: eine führende Elite im Staat ignoriere die regionalen Interessen in Latgale (delfi). Sein Erdrutschsieg ist also irgendwie auch eine Aussage, besonders in einer Stadt mit einem starken Übergewicht russischsprechender Einwohner/innen: alles, nur nicht "Harmonie". Von Elksniņš sind keinerlei Aussagen zugunsten der Ukraine bekannt. Die pro-russische Seite reklamiert für sich, dass in Daugavpils 95% der Einwohner/innen fließend Russisch sprechen. Offiziellen lettischen Statistiken zufolge macht der Anteil der Russen in Daugavpils nur 46% aus (dazu 21% Lettinnen und Letten). Warum? Es werden auch noch 13% Polnischsprechende gezählt. 

Riga zuerst

Nicht sehr erfreulich entwickelte sich die Wahlbeteiligung in der lettischen Hauptstadt:  nur 52,91% der wahlberechtigten Einwohnerinnen und Einwohner beteiligten sich. Das ist in etwa dasselbe Niveau wie bei den Kommunalwahlen des Jahres 2001 (52,87%), aber weniger als bei allen Wahlen seitdem (2001 = 60,85%, 2009 = 58,93%, 2013 = 55,55%, 2017 = 58,72%). Nur im Jahr 2020, als in Riga vorgezogene Wahlen stattfanden, waren nur 40,58% dabei. Den Wahlkampf hatte vor allem "Lettland zuerst" ("Latvija pirmajā vietā") mit provozierenden Aussagen dominiert, ebenfalls mit einer in vielen politischen Farben schillernden männlichen "Führerfigur": Ainārs Šlesers. Während dieser es offen ließ, ob er mit den beiden zumindest teilweise Putin-freundlichen und eher antieuropäischen Parteien "Stabilitātei" ("für Stabilität") und "Suverēna vara, apvienība Jaunlatvieši" ("Souveräne Macht, Vereinigung Jungletten") zusammenarbeiten wolle, haben sich inzwischen die vier Parteien im Rigaer Stadtradt zusammengetan, die sich für "an lettischen Interessen orientiert" halten. 

Inzwischen verhandelt Viesturs Kleinbergs, Bürgermeisterkandidat der "Progressiven" ("Progresīvie", 11 Sitze im Stadtrat), mit drei anderen Parteien über eine Koalitionsbildung: mit "Jauna Vienotība", die Partei von Ministerpräsidentin Evika Siliņa, mit 9 der insgesamt 60 Sitze im Stadtrat, der "Vereinigten Liste" ("Apvienotais saraksts", bestehend aus Grüner Partei, Regionalpartei und Liepaja Partei) mit 4 Sitzen, und die "Nationale Vereinigung" ("Nacionālā apvienība 'Visu Latvijai!'/ 'Tēvzemei un Brīvībai/LNNK'") mit 10 Sitzen. Aber unter diesen Parteien gibt es leicht sichtbare ideologische Gegensätze, nicht selten werden zum Beispiel die eher links orientieren "Progressiven" von den "Nationalen" als "Neo-Kommunisten" bezeichnet. Und schon als Ergebnis der Kommunalwahlen 2020 wurde mit Martiņš Staķis ein Vertreter der Progressiven (damals in gemeinsamer Liste mit "Attīstībai/Par!" und einem Wahlergebnis von 26,14% und 18 Sitzen) zum Bürgermeister Rigas gewählt; er trat im Juli 2023 nach internen Streitigkeiten der regierenden Koalition zurück. Da lautet das aktuelle Motto für das potentielle Viererbündnis: Lieber nicht zurück schauen. 

Rücktrittswelle 

In Lettland stehen nun zunächst einmal die Mitsommerfeiern an - vorher wird es ganz gewiss noch keinen neuen Bürgermeister in Riga geben. Und gleich mehrfache Nachwirkungen hatten noch die peinlichen elektronischen Pannen am Wahlabend: es gab mehrere Rücktritte. Schon am 9. Juni wurde Jorens Liopa, bisher Chef der staatlichen Agentur für digitale Entwicklung (Valsts digitālās attīstības aģentūras VDAA) entlassen (lsm). Dann zog zwei Tage später die zuständige Ministerin Inga Bērziņa die Konsequenzen und trat ebenfalls zurück. (lsm) Und auch Landeswahlleiterin Kristīne Saulīte entschloss sich zum Rücktritt. (lsm) Interessante Wahlen also dennoch - wo viele danach strebten gewählt zu werden, und diejenigen, die es organisieren sollten, am Ende ohne Vertrauensbeweis dastehen. 

27. Mai 2022

Der Lette ... lebt allein. Aber mit Kind.

Abb.: Latvijas Universitātes Filozofijas un socioloģijas institūts
Ja, und die Lettin wahrscheinlich sowieso - wenn wir den neuesten amtlichen Statistiken glauben. Wie das neueste statistische Jahrbuch feststellt, gab es im Jahr 2021 amtlich gezählte 503.100 Familien in Lettland. 

Etwas seltsam, wie diese Familien dann statistisch sortiert werden. Erstens: 22.4% der Paare haben keine Kinder (weiteres dazu, auf welcher Grundlage diese Menschen zusammenleben, ist hier nicht zu finden). Aber erstaunliche 45,7% aller Familien bestehen aus Alleinerziehenden mit Kindern! Glauben wir diesen Zahlen, leben in nur 26,7% der lettischen Familien Kinder, die mit beiden Elternteilen zusammenleben. 

Es gibt auch Versuche, diese Zahlen wissenschaftliche auszuwerten. So ist es zum Beispiel Ģirts Brūders, der feststellt, in Lettland habe sich seit 2011 besonders die Zahl alleinerziehender Mütter stark erhöht (telos.lv). Der Wissenschaftler führt das unter anderem darauf zurück, dass Lettland mit 3,1 auf 1000 Einwohner/innen die höchste Scheidungsrate in ganz Europa aufweise. Das würde zusammenkommen mit der Tatsache, dass zudem 40% aller neugeborenen Kinder außerhalb von Ehen geboren werden (Zahl von 2019). 

Eine weitere These ist hier vielleicht für manche überraschend: auch die hohe Arbeitsmigration innerhalb Europas sei mitverantwortlich für die Situation, meint Brūders. Mehr als ein Viertel aller auf der Suche nach Arbeit ausgewanderten Männer seien zwischen 25 - 44 Jahre alt, und davon wiederum ein Drittel verheiratet. Wen es wundert, dass dies rechnerisch ja nur 8% der Gesamtzahl der ausgewanderten Männer ausmacht - hier wird ein Detail der statistischen Berechnung in Lettland offenbart: Familien, in denen ein Elternteil nicht dauerhaft in Lettland lebt, werden statistisch als Alleinerziehende gezählt. Darüber hinaus gibt es nur in 3-4% aller Familien alleinerziehe Väter.

Eine generelle Ablehnung der Ehe möchte Brūders jedoch nicht feststellen - dazu habe Lettland eben gleichzeitig auch eine hohe Zahl der Eheschließungen, und bei Umfragen hätten nur 24% der Befragten zwischen 18 und 64 Jahren die Ehe als "veraltete Institution" bezeichnet (und sogar unter denen, die ohne Trauschein zusammenleben, hätten sich 59% dennoch pro Ehe ausgesprochen).

Also: viel Heirat, viel Scheidung, viel Alleinleben in Lettland? Seit 2011 ist es möglich, eine Ehe auch einfach bei einem vereidigten Notar (oder Notarin) zu schließen oder zu scheiden (tm.gov.lv); die Gebühr für das Austellen einer Heiratsurkunde beträgt gegenwärtig offenbar 14 Euro (tm.gov.lv). Im Jahr 2020 entschieden sich mehr als 3000 Paare für eine Scheidung bei einem Notar (tm.gov.lv), insgesamt wurden, den Statistiken zufolge, 5200 Ehen geschieden. Die benötigten Notare lassen sich auch per eigenem Suchportal einfach finden und sind auch per Internet konsultierbar.

5. September 2018

Lettische Demokratie - Klub der Hahnenkämpfe?

Eigentlich kann es niemanden überraschen: zwar gilt Lettland als ein Land, in dem (statistisch) verhältnismäßig viele Frauen in Leitungs- und Führungspositionen arbeiten, im Staatsapperat wie auch in der privaten Wirtschaft. Sei es wie es sei - in der Politik drängen offenbar nur die Männer nach vorn. Als am 3.September der online-Kanal "Delfi" alle diejenigen eingeladen hatte, die gerne nach den Wahlen am 6.Oktober lettischer Regierungschef werden wollen, da ergab sich eine reine Männerrunde: acht plus Moderator.

Die Rolle, die Vjačeslavs, Māris, Aldis, Roberts, Krišjānis, Artis, Jānis und Edvards jeweils für ihre Parteien spielen, werden in Lettland "Lokomotiven" genannt - auch weil nach einem früher geltenden Wahlgesetz die Spitzenleute überall gleichzeitig antreten konnten (inzwischen hat jeder nur seinen Wahlkreis). Eingeladen zu dieser Runde waren alle, deren Parteien gemäß aktuellen Umfragen mehr als 2,5% Wählerstimmen auf sich vereinigen können.

Eine gewissen Einseitigkeit ist auch abgesehen von der männlichen Dominanz festzustellen: sechs sind Ökonomen oder Juristen, aber  ausgerechnet einer der beiden anderen war schon Wirtschaftsminister. Ebenfalls sechs haben schon mehrfach die Partei gewechselt - ausnahmslos alle waren schon einmal mit mindestens einem der anderen Kandidaten früher in einer gemeinsamen Partei. Nur einer - und das ist ausgerechnet der amtierende Ministerpräsident - hat Berufsausbildung oder Studium noch zu Sowjetzeiten absolviert, vier der anderen haben Uniabschlüsse im Ausland.

Da passt ein aktueller Beitrag in der "Frankfurter Rundschau" sehr gut. Ein "widersprüchliches Verhältnis" zur Frauenemanzipation diagnostiziert Philologin Ausma Cimdina sogar ihren lettischen Geschlechtsgenossinnen.Auf den Kandidat/innen-Listen finden sich für die kommende Wahl 31,8% Frauen. Aber vielleicht eignen sich einfach lettische Politikerinnen nicht so sehr für die Schaukämpfe und Eifersüchteleien des Wahlkampfs; Frauen in lettischen Spitzenämtern der Politik gab es nie schon im ersten Anlauf. 1999 brauchte Vaira Vīķe-Freiberga sieben Wahlgänge um als Präsidentin gewählt zu werden, und setze sich dabei gegen fünf männliche und zwei weitere weibliche Kandidat/innen durch. Die Wiederwahl 2003 ging dann glatt.

Und auch Ministerpräsidentin Laimdota Straujuma kam eher aus der dritten Reihe. Als studierte Physikerin und Mathematikerin haben manche sie auch schon mit Angela Merkel verglichen, jedenfalls der wissenschaftlichen Prägung nach. Nachdem Ministerpräsident Valdis Dombrovskis 2014 plötzlich zurückgetreten war (Folgen des Einsturzes eines Supermarkts), traute Präsident Andris Bērziņš offenbar nur ihr - zu diesem Zeitpunkt Ministerin für Landwirtschaft - die Bildung einer mehrheitsfähigen Regierung zu.

Als eine, die immer gerne in die erste Reihe wollte, galt Solvita Āboltiņa. Dass sie zwei Jahre Justizministerin und dann Parlamentsvorsitzende war, galt immer nur als Stufe auf der Karriereleiter. Vielen galt sie geradezu als Sinnbild für öffentlich ausgetragene Rangkämpfe, auch weil nach lettischem Wahlrecht jede/r Wähler/in, der seine Stimme einer Parteiliste gibt, den Kandidat/innen zusätzlich noch plus und minus verteilen kann. 2014 wurde Āboltiņa wegen der Vielzahl von Minusstimmen 2014 nichts wieder ins Parlament gewählt - 27% aller Wähler/innen ihrer Liste vermerkten sie negativ. Dann verzog der vor ihr liegende Konkurrent plötzlich ins Ausland, und Solvita schnappte sich den Parlamentssitz doch. Spätestens ab diesem Moment trauten ihr die meisten alles zu: Kommissarin bei der EU in Brüssel, oder gar eine Kandidatur als Präsidentin. Āboltiņa galt als stark involviert, als Laimdota Straujuma 2016 zurücktrat und ihre Partei sich nicht über die Nachfolge einigen konnte. Am Ende stand der Parteiausschluß. 2017 legte sie ihr Mandat nieder und kehrte zurück in den diplomatischen Dienst, wo sie schon vor 2002 gearbeitet hatte. Seit einigen Wochen ist Solvita Āboltiņa nun lettische Botschafterin in Rom.

Also warten wir doch mal ruhig ab. So wenig wie zu erwarten ist, dass eine der 16 Parteien die absolute Mehrheit erringen wird, so wenig wahrscheinlich ist eine Regierungsbildung ohne komplizierte Koalitionsgespräche. Vielleicht heißt es dann hinterher: die Herren wollten gerne unter sich bleiben, aber dann kam es ganz anders.

12. Februar 2018

Das gewaltlose Gespenst aus Europa

Die Furcht vor einem "Gespenst", das in Europa umgeht - ein Zitat aus dem Kommunistischen Manifest. Die Angst, die in der lettischen Politik momentan in ähnlicher Weise mobilisiert wird, dreht sich um die "Konvention von Stambul" (wörtlich übersetzt) - allerdings sehen es einige lettische Politiker genau anders herum wie der ehemalige Wahlspruch der Kommunisten: es haben sich nicht etwa alle Mächtigen in Europa verbündet, um dieses Gespenst zu vertreiben, sondern Europa habe sich gegen Lettland verbündet, um gespenstisches dort einzuführen. Wie kann das sein?

Es geht hier um eine vertragliche Vereinbarung des Europarats, die 2011 ausgearbeitet, beschlossen und am 1. August 2014 in Kraft trat - die sogenannte "Istambulkonvention" (wie so oft benannt nach dem Ort der Unterzeichnung). Geschaffen werden sollten verbindliche Rechtsnormen zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt an Frauen und häuslicher Gewalt. Deutschland hat diese Regelung bereits ratifiziert, am 1. Februar 2018 trat sie in Kraft. Damit haben den Beschluß bisher 25 Staaten in die Praxis umgesetzt - für Lettland unterzeichnete 2016 Sozialminister Jānis Reirs.

In Lettland ist aber noch die Bestätigung durch das lettischen Parlament, der Saeima, vorgesehen. Schon 2016 hatte das lettische Justizministerium Einwände geäussert - während Sozialminister Reirs zentrale Fragen der Konvention durch eine eigene Webseite zu begegnen versucht. 30% aller Frauen in Lettland müssen, neuesten Untersuchungen zufolge, Gewalt innerhalb der Familie erleiden, ebenso 30% aller Kinder - eine der höchsten Zahlen in der gesamten EU. Jedes Jahr werden in Lettland (im Durchschnitt) 5 (Ehe-)frauen durch ihre männlichen Partner getötet (im Jahr 2016 sogar 17!), mehr als 100 weitere erleiden Verletzungen. In Lettland fehle es vor allem an Maßnahmen, Opfer zu schützen und Täter von Opfern nachhaltig fernzuhalten, so Minister Reirs.

Auch die gegenteilige Meinung - gegen die Ratifizierung - ist in der gegenwärtigen lettischen Regierung ministerial vertreten. "Eine Ratifizierung widerspricht der lettischen Verfassung", so vertritt es der nationalkonservative Dzintars Rasnačs. Der Staat müsse seine Aktivitäten "gegen Gewaltanwendung" fortführen - "unabhängig davon, ob internationale Vereinbarungen unterschrieben oder nicht unterschrieben werden", so der Minister.

Die Gegner zitieren vor allem die lettische Verfassung. Sie vertreten die Meinung, dort sei das Recht zur Erziehung der Kinder den Eltern in die Hände gelegt - ein in Lettland heiß diskutiertes Thema, seitdem in der Presse von Fällen zu lesen war, dass in Norwegen oder Schweden sich lettische Eltern, die dort leben und arbeiten, auch den Gesetzen des Gastlandes unterwerfen müssen. Erstaunlich aktiv auch wieder die "radikalchristlichen" Gruppierungen: eine Unterzeichnung der Konvention untergrabe die "Werte der traditionellen Familie", so eine Vereinigung christlicher Lehrer (Latvijas Kristīgo skolotāju asociācija), die unter anderem lieber traditonelle lettische Märchen wie "Kaķīša dzirnava" ("Die Katzenmühle", Kārlis Skalbe) zur Wertevermittlung verwendet sehen möchte. Auch die mitregierende Fraktion der "Grünen und Bauern" lehnten, nach einer Konsultation des katholischen Bischof Zbigņevs Stankevičs, eine Ratifizierung ab. Damit bleibt die Fraktion der "Vienotība”, der auch Minister Reirs angehört, die einzige Parlamentsfraktion die sich für die Ratifikation ausgesprochen hat. Auch die lettische evang.-lutherische Kirche, die Baptisten, Katholiken wie auch orthodoxen Rechtgläubigen hatten schon 2016 in einer gemeinsamen Stellungnahme sich gegen die Konvention ausgesprochen - und gleichzeitig beklagt, die Politik solle sich lieber auf den Kampf gegen Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie Pornographie kümmern.

Doch auch bei Kirchenvertretern gibt es Minderheitsmeinungen. In einer getrennten Stellungnahme bestreiten die Unterzeichner, dass die kirchlichen Spitzen wirklich die Mehrheit der Gläubigen vertreten. Zu den Unterzeichnern gehört die lettische anglikanische Kirche, die Ev.Luth.Kirche außerhalb Lettlands (Latvijas Evaņģēliski luteriskās baznīcas ārpus Latvija), Vertreter der Theologischen Fakultät an der Universität Lettlands, das Frauenzentrum MARTA, und einige bekannte Namen aus dem lettischen Kulturleben. (lsm)
 
Solidarität pro
"Istambul-Konvention"
in Litauen
In Estland erzeugte der Prozess der Ratifizierung zwar bei einigen Oppositionsparteien ähnliche Vorbehalte wie in Lettland, Präsidentin Kaljulaid brachte das aber durch die Unterzeichnung des Abkommens im September 2017 zum Abschluß. In Litauen fand im Juni 2017 eine Fachkonferenz zur Ratifizierung der Istambul-Konvention statt, ähnlich wie in Lettland gibt es noch keine Entscheidung.

Auffällig ist in Lettland in jedem Fall, mit welcher Intensität in Lettland radikalkonservative Gruppen unterschiedlichen Hintergrunds jegliche Neuerungen bekämpfen, die - wie sie behaupten - von Europa "Lettland aufgezwungen werden". Oder, krasser ausgedrückt: "Der Versuch der Pädophilen die Gesellschaft zu verderben" (infoagentura). Die Gegener wenden sich gegen eine Reihe von allgemeinen Bestimmungen im Konventionstext, wie zum Beispiel dem §11, wo es heißt: "Die Vertragsparteien treffen die erforderlichen Maßnahmen, um Veränderungen von sozialen und kulturellen Verhaltensmustern von Frauen und Männern mit dem Ziel zu bewirken, Vorurteile, Bräuche, Traditionen und alle sonstigen Vorgehensweisen, die auf der Vorstellung der Unterlegenheit der Frau oder auf Rollenzuweisungen für Frauen und Männer beruhen, zu beseitigen."

Verhaltensmuster und stereotype Vorstellungen ändern? Auf keinen Fall, denn wer weiß was danach kommt - von diesen Ängsten sind viele Traditionalisten in Lettland nicht abzubringen. Auch ins Reich der "alternativen Fakten" wird hier vorgedrungen: "in 40% aller Gewalttaten in Großbritannien sind die Opfer Männer!" (infoagentura). Vielleicht haben die Autoren auch eher Angst davor, Gewalt gegen Schwule und Lesben könne in Lettland bald auch in gleichem Maße geahndet werden - die Rede ist auch von "Gender-Ideologie". - Ein anderes Argument ist die Festlegung "besonders gefährdeter Gruppen" im Konventionstext. Die Gegner drehen den Sinn auf den Kopf: "eine Frau, die weder schwanger ist, keine kleinen Kinder hat, keine Lesbe oder Prostituierte ist, wird dann weniger geschützt - das darf nicht sein!"

"Was wollen die Gegner der Instanbul-Konvention eigentlich?" Das fragt sich nicht nur der lettische Menschenrechtskommissar des Europarats Nils Muižnieks, dessen sechsjährige Amtszeit ausläuft (seine Nachfolgerin wird Dunja Mijatovic aus Bosnien / Herzegowina sein). Behauptungen, die Konvention führe zu gleichgeschlechtlichen Ehen bezeichnet er als "pure Desinformation" (lsm). Das lettischen Frauenzentrum MARTA versucht mit einem Sachbericht zu den Erfahrungen betroffener Frauen zur Diskussion beizutragen: Interviews mit 120 Frauen, russischen wie lettischsprachigen, die teilweise bis zu 20 Jahre lang Gewalt in der Ehe erfahren mussten. Dazu passen Umfragen, denen zufolge 15,8% der Bevölkerung in Lettland sogar Gewalt gegen Frauen als gerechtfertigt ansieht.

Aber gerade die "virtuelle" Diskussion scheinen Sachargumente aber nur noch wenig zu erreichen. Die Tageszeitung DIENA bezeichnet das Thema inzwischen als "karstais kartupelis" ("heiße Kartoffel"). Wortführer von Angstkampagnen gegen angeblichen "Werteverlust" bekommen gerade im Internet viel Zustimmung.

Die Hitzigkeit der Diskussion, auch der teilweise deutlich spürbare Hass gegen Andersdenkende (z.b. "wahre Christen" gegen "Pseudochristen") bleibt vorerst eher besorgniserregend. Am 19. Januar wurde eine Gesetzesvorlage des Sozialministeriums von der Tagesordnung des Regierungskabinetts wieder abgesetzt.

24. April 2017

Nicht nur die Oma vom Lande

Lettische Frauen, die Aufmerksamkeit der internationalen Presse erregen? Nein, diesmal weder Politikerin, Model, Sportlerin noch Sängerin.
Die junge Zelma Brezinska fotografiert Hochzeiten in Latgale, dem Osten Lettlands. “Schon seit meine Kindheit habe ich verschiedene Formen, mich kreativ ausdrücken zu können, gesucht. Musik, Tanz Theater," erzählt Zelma dem Portal "KasJauns". "Dann kam ich zur Fotografie, und seitdem diskutieren wir über schönes oder nicht schönes, über den Alltag und über Feiertage, über Ereignisse, Menschen, und das Leben insgesamt." Nun erregte eines ihrer Fotos Aufsehen. Das Motiv war nicht schwer zu finden: ihre eigene Mutter.

Die "Deutsche Welle" hatte zusammen mit dem Fotoblog "eyeem.com" zu einem Fotowettwerb untter dem Motto aufgerufen: Frauen in der ganzen Welt. 25.000 Fotos wurden eingereicht, 10 Siegerfotos ausgewählt. Zelma fotografierte ihre Mutter in dem Haus, dass sie zusammen mit ihrem Ehemann vor 60 Jahren selbst aufgebaut hat. "Lettland war für viele Jahre Teil der Sowjetunion, und damals mussten Frauen viel physisch leisten um für ihre Familien zu sorgen," erzählt Zelma. "Frauen haben sich in dieser Gesellschaft bewähren müssen, Arbeit wie die Männer leisten, so wie Gräben ausheben oder Traktor fahren."
"Eines jedoch hatten sie nicht - gleiche Bildungschancen, so wie wir sie heute haben", meint Zelma. "Die harte Arbeit ruinierte ihre Gesundheit, und als Lettland die Unabhängigkeit wiedererlangte verloren viele Frauen ihr Erspartes; heute bekommen sie eine Rente, die nicht mal zum Bezahlen der notwendigen Medikamente reicht."

Aber von Latgale, ihre Heimatregion, schwärmt Zelma: "Latgale mit der außerordentlich schönen Natur und die Menschen dort haben schon viele Fotografen inspiriert, darunter auch mich. Das ist die Traum-Landschaft meiner Kindheit, wohin ich immer wieder zurückkehre."

7. März 2017

Kirche sucht neues Zuhause

Kirche mit Migrationshintergrund? Gibt es sowas? Bei der lettischen evangelischen Kirche könnte man es annehmen. Nein, genauer gesagt: von der "Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands im Ausland" (Latvijas Evanģēliski Luteriskā Baznīca Ārpus Latvijas - LELBĀL). Diese wurde nach dem 2. Weltkrieg gegründet, als Lettland von der Sowjetunion okkupiert wurde, und viele Lettinnen und Letten zunächst nach Westeuropa, dann weiter in andere Länder der Welt flohen.

Etwa die Häfte der evangelisch-lutherischen Priester ging damals weg, die andere Hälfte versuchte daheim, unter strenger Beobachtung des KGB und Gängelung durch die Sowjetbehörden, zu überleben. Beide Teile hatten jeweils ihre Erzbischöfe, und beide sahen sich als Nachfolger der Kirche an, die bis 1940 bestanden hatte.Diese Teilung zwischen LELB (in Lettland) und LELBĀL (außerhalb Lettlands) besteht bis heute.

Gruppenbild mit Frauen: LEBāL und LELB bei einem
der seltenen Gesprächstreffen in Riga
Das scheint wie ein Treppenwitz zum Reformationsjubiläum: der doppelte Luther für Lettland? Seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit gab es einige Versuche sich zu einigen - 1998 wurden mal "gemeinsame Regeln" festgelegt, aber vor allem seit dem Mehrheitsbeschluß der lettischen Ev. Kirche unter Bischof Janis Vanags, Ordination von Frauen weiter nicht zuzulassen, sind die Treffen seltener geworden. Das geschah im Frühjahr 2016. In den 50 Jahren getrennter Entwicklung scheinen sich die zwei lutherischen Kirchen Lettlands nun vor allem in einem einig zu sein: man ist sich uneinig.

Lauma Zušēvica ist Erzbischöfin der LELBĀL. Ihre Gemeinden liegen verstreut in Nord- und Südamerika, Neuseeland, Australien und Europa. Aber bereits am 31. Mai 2016 gründete die Auslandskirche eine erste, eigene Propstei im Heimatland: in Räumen der Universität Lettlands in Riga. Priester ist dort nun Kārlis Žols, geboren 1971 in Riga und dort als Priester ordiniert 1996; Žols lebte von 2000 bis 2015 in den USA.
Frauen als Bischöfinnnen,
Priesterinnen und Diakone:
in der Auslandskirche Lettlands
kein ungewohntes Bild mehr
Auch die Mitglieder der Kreuzkirchen-Gemeinde im Küstenort Liepāja hatten sich dafür entschieden, die LELB zu verlassen und hat einen Antrag auf Aufnahme in die LELBĀL gestellt. Der Pastor der Kreuzkirchen-Gemeinde, Martiņš Urdze, selbst in Deutschland aufgewachsen, hatte der Synode bereits vorher angekündigt dass er die LELB verlassen wolle, wenn die Frauenordination unmöglich werde. Aber die Auslandsabteilung der lettischen Lutheraner muss um ihren rechtlichen Status in Lettland noch kämpfen: um die kleine, 1792 erbaute Kirche von Valtaiķu in Kurland (früherer deutscher Name: "Neuhausen"), gab es bereits eine Auseinandersetzung vor Lettlands höchstem Gericht.
Valtaiķu hatte sich, neben einer Kirchengemeinde in Aizpute, der Kreuzkirche Liepāja und Rigas Evangelischer Gemeinde (Rīgas Evaņģēliskā draudze), sich der LELBĀL angeschlossen.

Die Auslandskirche LELBāL kündigte inzwischen an, in Lettland auch Möglichkeiten zum Bau eigener Gotteshäuser in Riga zu erkunden (KasJauns); bisher fanden die Gottesdienste in Kirchen der Methodisten und der Anglikaner statt.

Am 18. März 2017 wird auf dem Domplatz in Riga die Wanderausstellung "500 Jahre Reformation" zu sehen sein (siehe: Europäischer Stationenweg). Vielleicht sollte auch mal jemand nachsehen, ob an einer Kirche zu Wittenberge irgendwelche neue Thesen angeschlagen stehen? 

8. März 2016

Führungsetaginnen

So würden es die Lettinnen sicher gerne sehen: eine Statistik, wie sie am heutigen Weltfrauentag häufig in den deutschen Medien häufig genutzt wurde.Ein Stückchen Wahrheit wird dran sein - nur neigen auch die lettischen Medien heute eher zur Selbstkritik.

"Immer Blumen und Pralinen - aber im Alltag geringerer Lohn und immer seltener Führungspositionen" - so ist es bei LSM, dem lettischen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal, zu lesen. 65% der Absolventen an lettischen Hochschulen sind Frauen, so hat Journalistin Evita Puriņa ein paar eigene Kennzahlen zusammengestellt. Im lettischen Parlament, der Saeima, sitzen gegenwärtig nur ganze 16% Frauen - obwohl bis vor kurzem eine Frau Regierungschefin war, und eine weitere gute Chancen auf die Nachfolge hatte.

Die Zahlen aus der Wirtschaft in Lettland wirken wohl deshalb gut, weil andere Länder noch schlechter abschneiden: in den Aufsichtsräten sitzen 21% Frauen, in den Vorständen 28%, in betrieblichen Gremien noch 46% Frauen. Bei den Arbeitern und Angestellten sind es in Lettland 59% Kolleginnen (Datenquelle für alle Zahlen: lettisches Statistikamt CSP.)

Aber Lettland ist kein Paradies für Frauen - das wird deutlich beim Blick auf das Schulsystem und die chronisch überlasteten und unterbezahlten Lehrerinnen und Lehrer. Ganze 89% sind hier Frauen - eine erstaunliche Zahl. Auch bei den Arbeitslosen liegen Frauen mit 51,8% vorn, sie erhalten mit durchschnittlich 719 Euro lediglich 83,9% des Lohnniveaus der Männer (857 Euro). An Lebensjahren haben Frauen in Lettland 79,5 Jahre zu erwarten, Männer mit 69,3% glatte zehn Jahre weniger.

7. Dezember 2015

Vairas Revival

Die Vergabe des Hannah-Arendt-Preises ist in der Regel eine sehr seriöse Veranstaltung. Seit 1995 wird dieser Preis verliehen - mit dem Zusatz "für politisches Denken" versehen. Die ungarische Philosophin Agnes Heller hat ihn bekommen, der deutsch-iranische Schriftsteller und in diesem Jahr auch Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani, auch der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch. 2005 war es Vaira Vīķe-Freiberga, damals noch als Präsidentin Lettlands im Amt.

Vaira Vīķe-Freiberga, Imants Freibergs - im
Gespräch mit Antonia Grunenberg
Als sie am 16. Dezember 2005 im Festsaal des Bremer Rathauses ihre Dankesrede hielt, konnte sie nicht sicher sein, wie viel der deutschen und der bremischen Öffentlichkeit über Lettland bekannt war. Zudem sagte sie damals, fast entschuldigend, sie sei den größten Teil ihres Lebens kein besonders politisch denkender Mensch gewesen - bis Lettland wieder frei und unabhängig wurde (siehe Preisträgerrede). Die Preisverleihung war damals fokussiert auf zwei Hauptthemen: die Ambivalenz des 8.Mai 1945, für die einen Tag der Befreiung, für die anderen - wie Ralf Fücks es in einem Grußwort formulierte - "geprägt durch die Doppelerfahrung von nationalsozialistischer und stalinistischer Herrschaft". Als zweites Thema redete 2005 natürlich jeder von Europa - und von Vīķe-Freiberga als große Mentorin der Europa-Orientierung ihres Landes. Außerdem war noch nicht ganz verklungen, dass Vīķe-Freiberga damals am 9.Mai als einzige der drei baltischen Präsidenten nach Moskau fuhr und die Einladung Putins zur Ehrenparade annahm.

Am 4.Dezember 2015 waren Heller, Kermani, Andruchowytsch und Vīķe-Freiberga erneut im Bremer Rathaus anzutreffen - zum 20.Jubiläum der Gründung des Hannah-Arendt-Preises hatte der Trägerverein, der Senat der Hansestadt, zusammen mit Heinrich-Böll-Stiftung und Institut Francais zum sortierten Nachdenken eingeladen, unter dem etwas reißerischen Titel "Welt in Scherben".

Dany Cohn-Bendit, György Dalos, VVF, Juri Andruchowytsch
Im Verlauf zeigte sich, dass auch 10 Jahre nach der Erweiterung von EU und NATO noch immer Kommuni-kationshilfen nötig sind zwischen Ost und West. Auch wenn sich die lettische Ex-Präsidentin zunächst aufgeräumt und locker zeigte. In Zeiten, wo wieder große Flüchtlingsströme durch Europa ziehen, begann "VVF" nur allzu gern bei ihren Erfahrungen als lettischer Flüchtling in Deutschland; sie bat das Bremer Publikum um Verständnis, wenn "diese alte Dame" so eine "Kindersprache" spreche, was ihre Deutschkenntnisse angehe. "Ich bin im Jahre 1945 mit 7 Jahren in Deutschland angekommen, und im Alter von 11 Jahren sind wir damals nach Marokko und später nach Kanada gegangen. Mein Wortschatz ist leider nicht auf derselben Ebene wie mein Verständnis von Deutsch."

Frisch im Amt, zum ersten Mal Gastgeber anläßlich des
Hannah-Arendt-Preises: Bürgermeister Carsten Sieling
"Was ich als Kind gesehen habe, war nur Krieg, und Macht, und nicht Recht," gibt Vīķe-Freiberga zu Protokoll. Es gibt Erinnerungen, die sie bis heute prägen, und offenbar hindert sie nichts, den Deutschen von Deutschland zu erzählen: "Wenn wir heute von einer schwierigen Situation sprechen - direkt nach dem Krieg galt das besonders für Deutschland. Vom Flüchtlingslager in Lübeck sind wir mit dem Zug nach Hamburg gefahren, und ich habe gefragt: wann kommen wir endlich an? Die Antwort war: seit einer halben Stunde fahren wir schon durch Hamburg."

Ihr Fazit: "Das einzige, was ich schon immer gewußt habe ein Recht darauf zu haben ist, Lettin zu sein." Solch ein Satz erweckt erst Beifall unter den deutschen Zuhörern als sie fortfährt: "Die Letten sagten zu mir 'Ja, du bist eine von uns!' - allerdings auch der König von Marokko. Als ich dort einen Staatsbesuch machte, wo wir einmal in Marokko gewohnt hatten, da warteten Tausende von Menschen, und auch sie sagten: 'Wir sind so froh, das einmal eine von uns Präsidentin eines anderen Landes werden konnte!' "

Distanz zum Nationalstolz, eine der Grundvoraussetzungen offenbar für das, was sich in Deutschland ein "kritisches Bewußtsein" nennt. Andererseits war diesmal weder Lettlands sehr zögerliche Haltung zur aktuellen Flüchtlingsproblematik, noch die Frage des Zusammenlebens von Letten und Russen ein Thema. Dany Cohn-Bendit, keiner der Ex-Preisträger, aber geladener Podiumsgast zum Thema "Menschenrechte versus Selbstbestimmungsrecht der Völker" (Zitat: "Ich leide an Europa"), fühlte sich offenbar berufen genug um Frau Präsidentin zu ermahnen, den lettischen Anteil am Holocaust an den Juden stärker kritisch zu beleuchten. Eigentlich auch in Lettland kein Tabuthema mehr - und noch 2005 (anläßlich der Bremer Preisverleihung an die Präsidentin) hatten sich sowohl die jüdische Gemeinde in Riga wie auch Margers Vestermanis, Historiker und Holocaust-Überlebender, positiv zu Vīķe-Freiberga's Initiativen zur Aufarbeitung von Nazi-Herrschaft und Holocaust geäussert.

An dieser Stelle fehlte es Frau Ex-Präsidentin etwas an "Centenance", wie man vielleicht sagen könnte. Etwas gar zu verbissen meinte sie nun den  "roten Dany" als "Marxist" entlarven zu müssen - was dieser lachend, die Publikumsgunst auf seiner Seite wissend, zurückwies. Kein Paradebeispiel hoher Diskussionskultur - und wie viel Cohn-Bendit abseits der allgemeinen Schlagzeilen wirklich von Lettland weiß - oder sich überhaupt für dieses Land interessiert - blieb ebenfalls offen. Vīķe-Freiberga verstieg sich noch darin, Cohn-Bendit auf die jüdische Beteiligung am Stalinistischen Regime 1939/40 hinweisen zu wollen - hier wurde es fast peinlich, hatte sie doch noch in ihrer eigenen Amtszeit die lettische Historikerkommission ins Leben gerufen, welche die Verbrechen der beiden totalitären Regime in Lettland aufarbeiten soll; über Gerüchte und Verleumdungen gegen Juden ist in den seither jedes Jahr regelmäßig publizierten Kommissionsberichten genügend nachzulesen. Einem schräges Argument ist eben nicht mit einem noch schrägeren Argument zu begegnen - in sofern war der 4.Dezember im ex-präsidialen Tagebuch sicher kein Termin qualitativ hochstehender Diskussion über Lettland damals und heute.

Sehr wechselhaftes Diskussionsniveau also im Bremer Rathaus - der Abstand zur lettischen Innenpolitik ist offenbar nicht so groß; noch nach dem Rücktritt des damaligen Regierungschefs und jetzigem EU-Kommissars Valdis Dombrovskis gab es eine in Umfragen merkbare Anzahl Menschen, die Vaira Vīķe-Freiberga auch als Regierungschefin für tauglich halten - wohl angesichts des Angebots an sonstigen Alternativen. Zwei Tage nach der Bremer Veranstaltung trat in Lettland Laimdota Straujuma zurück. Nein, die immer noch parteilose Ex-Präsidentin wird wohl kein Allheilmittel sein, solange es in Riga vor allem um interne Ränkespiele geht.

2. Januar 2013

Rigas Hunde fahren nicht Straßenbahn

Vielleicht geht es nicht nur mir so: auch wer kein Krimifreund oder Spezialfan der Geschichten von Henning Mankell rund um den fiktiven Schwedenkommissar Kurt Wallander aus Ystad ist, der hat Buch und Film mit dem Titel "Hunde von Riga" nicht vergessen. Die erste Fassung erschien 1992 in Schweden, bereits 1993 in Deutschland. Am vorletzten Tag des Jahres 2012 lief eine neue Fassung in der ARD.

Krisenzeit im Schwebezustand
Neue Erkenntnisse von Kenneth Branagh alias
"Wallander" in Riga: sicher fühlt sich der Schwede
nur in der Straßenbahn ...
1993 waren Lettlands Krisen noch nicht vorbei: wer es miterlebte wird es beim Lesen von Mankell's Buch es ganz natürlich gefunden haben, dass ein Teil der Ordnungsbehörden auf Seiten der Unabhängigkeitsbewegung, ein anderer auf Seiten des alten Apperats stand - und vielleicht gab es sogar noch ein dritten Teil derjenigen, die nicht richtig wussten wie ihnen überhaupt geschah. 1995, als "Hunde von Riga" erstmals verfilmt wurde, taumelte Lettland in die erste große Bankenkrise, die Fragen zum Status der russischstämmigen Minderheit waren noch ziemlich ungeklärt, und vieles - außer ein bischen Coca-Cola- und Marlboro-Werbung stand noch unverändert so da wie zu Sowjetzeiten. Wer sich bereichern konnte der zögerte nicht, und der Umgang mit Gästen aus dem europäischen Westen war noch mit vielen Illusionen und Fehleinschätzungen behaftet.

Durch die 1990er Jahre hindurch war das Schicksal der lettischen Nation noch international weitgehend unbeachtet - wenn man von der formalen Anerkennung der Eigenstaatlichkeit einmal absieht. Aber als eine friedliche Entwicklung mehr und mehr gesichert schien verloren große Teile des Westens das Interesse - nicht ohne laut zu äußern, Lettland werde nie in die NATO aufgenommen werden (denn Russland könne das nicht dulden), ein EU-Beitritt war ebenfalls noch in unendlich weiter Ferne (Finnland trat 1995 der EU bei). Wer Lettland damals kannte, der staunte, wie eng die Handlung in Buch und Film und die tatsächliche Atmosphäre dieser Anfangsjahre in Riga beieinander lagen.

Nun also eine Neufassung. Als Auftragswerk der britischen BBC, gedreht 2011 in Riga. Ich versuche meine Eindrücke zu sortieren - aber irgendwie schien mir der Film wie aus der Zeit gefallen.

Der BBC-Wallander - eine Story über Mißstände bei der Polizei?
Korrupte lettische Polizei mit undurchsichtigen Strukturen, eine schwedische Lichtgestalt im mutigen Einsatz für Recht und Gesetz - das Märchen wurde britisch umgestrickt. Das Filmteam gibt sich 2011 keinerlei Mühe mehr, die Atmosphäre von vor 20 Jahren wiederauferstehen zu lassen: im neuen Film mit Kenneth Branagh gibt es moderne Luxusautos, Windräder, Zigarettenschachteln mit EU-konformen Warnaufschriften, Digitalkameras die Geheimnissse speichern, Laptops und Speicherkarten, auch elektronische Polizeiausweise.Allerdings sehen lettische Polizeibüros weiterhin so aus wie vor 20 Jahren.

Zwei tote Jungs aus Ventspils, eindrucksvoll russisch
tätowiert, sorgen bei Wallander in Südschweden
für Unruhe
Bei Kenneth Branagh gibt es zwar keine "Mafia", aber "das Syndikat". Lettische Russen angeblich. Oder Ex-KGB-Mitarbeiter umgewandelt in kriminelle Banden, behauptet ein zwielichtiger Polizist. Die "Radniecība"-Gang (=Verwandschaft), mal lettisch, mal russisch ausgesprochen. Wie es sich wirklich verhält, klärt der Film nicht auf - Hauptsache am Ende konnten ein paar Schlechte verhaftet und ein paar weniger Schlechte vorläufig entlastet werden. 20 Jahre nach Ende der Sowjetunion kommt das ein wenig altbacken daher - zwar durchaus spannend in Szene gesetzt - nur, wer Riga schon länger kennt, bei dem wird es ein ausgiebiges Gähnen erzeugt haben.

Es wird um militärischer Ränge gestritten. Typisch englisch? Der lettische Kommissar ist "Major", der schwedische Gast wird wie selbstverständlich mit "Oberst" angeredet - obwohl sonst in der englischen Originalfassung ziemlich dahergenuschelt wird - aber hier protestiert der Schwede fast zornig. "Polizisten werden in Lettland nicht geschützt", hatte ihm Kommissar Kārlis Liepa schon vor dem ersten Riga-Besuch erzählt. Der zweite Polizeikollege von hohem Rang ist Mūrnieks, ist russischer Lette. Angeblich der einzige der noch vom KGB übrig ist (sagen diejenigen, die ihn verraten). In diesem Film haben lettische Polizisten immer noch kein W-Lan oder Email, dafür schicken sie aber noch Faxe - wie 1990.

Drogenkuriere, Heroin, Kokain - ist es nun Geschichte oder ist es Gegenwart? "In Lettland kannst Du mir nicht helfen" behauptet Karlis, und kommt mit einer Tupolew-Maschine nach Schweden eingeschwebt. Als er wenig später tot aufgefunden wird, scheint sich die Warnung vor den Zuständen in Riga zu bestätigen. Aber die Story fließt weiter flaschengrün daher und bleibt unentschieden, ob sie nun Verhältnisse damals oder Verhältnisse heute zeigen will. Vielleicht nur eine Parabel vom unsicheren Osteuropa, die von der britischen Insel aus gesehen umso unverständlicher scheint?

Schwedischer Mann, Hilfe suchende
lettische Frau - eine Rollenverteilung,
die auch bei Branagh 2012 nicht
hinterfragt wird.
Es regnet oft in diesem Film. Etwas wärmeres Licht gibt es nur in Schweden, wenn Wallander zu Hause ist - abziehende Regenwolken. Es wird auch bei Regen auf dem Bralu kapi (dem Brüderfriedhof) beerdigt, und die Uniformierten murmeln unpassend peinlich: "Witwen können sehr schön sein" (in der englischen Fassung sogar: "Witwen sind wunderschön").

Die lettischen Ordnungshüter arbeiten in Großraumbüros mit ständig laufenden Kaffeeautomaten. Von einem "Syndikat" will zunächst niemand etwas wissen bei der lettischen Polizei, dann plötzlich: "Davai, uz priekšu!" - und schnell werden angebliche Syndikat-Mitglieder verhaftet; eine  Schauverhaftung für den schwedischen Gast. Mutter und Kind laufen weinend ins Treppenhaus - auf weibliche Schönheit wird jetzt keine Rücksicht mehr genommen (nur einsame Frauen sind schön?). Der Schwede fragt erstaunt nach, der Lette antwortet mit gespielter Ironie: "Und wie machen Sie das mit Verhaftungen in Schweden? Servieren Sie erst eine Tasse Kaffee?"

Schmugglerhotels, abgegriffene Lichtsschalter und sensationelle Straßenbahnen
Dann wieder eine Hotelszene, wie sie tatsächlich vor 20 Jahren sich hätte abspielen können: erstaunliche Angebote am Frühstückstisch in kalter Atmosphäre, verzweifelte Letten versuchen mit dem ausländischen Gast Kontakt aufzunehmen - so als ob es kein Ryanair gäbe (wenn es denn im Riga von heute spielen sollte). Aber im "Hotel Riga" war es ja früher so, die reale Abhöranlage wurde allerdings längst gefunden und ist heute im Okkupationsmuseum ausgestellt. In dieser "modernen" BBC-Fassung steckt die Abhöreinrichtung in einem billigen Plastikwecker.

Das Riga, das Wallander alias Branagh hier besucht, zeigt sich mit heruntergekommenen Wohnungen mit ausgeleierten Türen, schmutzig verschmierten Lichtschaltern, abgeschabten Flurwänden und abhörsicherem Dachboden. Frau Liepa wohnt Irgendwo Nähe Tērbatas iela, der gefilmte Umgebung nach zu urteilen. Auf dem Dachboden eine Szene, die vielleicht 1990 möglich gewesen wäre: als es nur zwei bis drei verschiedene Sorten Brandy gab, und dem Gast "Napoleon" gereicht wurde.
Verfallene Straßen ausgerechnet in der Altstadt, und ausgerechnet am Kinomuseum (2012 einzige noch nicht renovierte Stelle der Altstadt, wo so etwas ohne Aufwand gefilmt werden konnte). Und ausgerechnet die Straßenbahn als Zuflucht, wo niemand stört und niemand hinterher kommt! Die langsame, quietschende Straßenbahn der 90er Jahre - gezeigt werden nur ältere Modelle (es hätten schicke Niederflurwagen sein können!).

Noch eine Replik: bedrohte Journalisten
Alles außerhalb von Straßenbahnen bleibt in Riga bedrohlich. Ausländer werden angefleht zurückzukommen, da die Letten ihre Sachen nicht allein regeln können (Frau Liepa droht im Polizeigefängnis zu verschwinden).
Schließlich wird Anti-Korruptions-Journalist Upitis erschossen. Der letzte reale Vorgang dieser Art war 1994 - aber auf die Vorabrecherche realistischer Verhältnisse kam es diesen Filmemachern offenbar nicht an; lieber rühren sie alles Halbwissen und Vorurteile zusammen.

Plötzlich, überraschend real, während einer Autofahrt die Musik vom Letten-Rapper "Ozols" - leider bleibt es nur ein Momenteindruck, die Musik wird nicht mal im Abspann erwähnt. Also sind Erinnerungen an das real existierende Riga nicht so wichtig? 

Überall in Riga fliegen Tauben, und alles scheint durch dreckige Hinterhöfen miteinander verbunden zu sein. Kein Supermarkt, kein modernes Hotel ist zu sehen. Allerdings ein Apparat für E-Taloni im alten Straßenbahnwaggon. Die orthodoxe Kathedrale in frisch renoviertem Glanz. Ein Klavierstück als Sehnsucht nach Privatheit in unsicherem Gelände. Abgehörte Wohnungen und Reden nur unterm Dach.

Schlußakkord im KGB-Archiv
Warmes Sommerlicht weiterhin nur in Skåne. Ich musste schon ein wenig lächeln, als sich die Filmdramatik sich ausgerechnet auf den "Latgales Tirgus" (oder auch "russischer Markt" genannt) konzentriert. Normalerweise ein chaotischer Flohmarkt mit Ersatzteilen aller Art - vielleicht Schwarzgehandeltem unter dem Tisch. Hier spielen die angeblich korrupten Polizisten ein wenig Katz und Maus, mit Fortsetzung auf dem Zentralmarkt. Eine schwedische Botschaft als Zuflucht (der zivilisierten Menschen?). Fluchtwege von der Nordstadt in die Altstadt und weiter zur Maskavas iela. Ein flüchtiger Bezug auf alte Zeiten: Baiba outet sich als Ex-Aktivistin der lettischen Unabhängigkeitsbewegung.

"I must say, Kurt, you are a difficult man to protect!"
Artūrs Skrastiņš, nach Rollen in "Likteņdzirnas",
"Baiga vasara", "Rīgas sargi", "Mazie laupītāji"
("Die kleinen Bankräuber") und "Rūdolfa mantojums" -
nun als zwielichtiger Polizist Putnis
Ein Finale in einem vergessenen alten, sowjetisch riechenden Archiv - das könnte ich mir in Riga gut vorstellen! Ob nun wie im Film die alten KGB-Akten mit heutigen Polizeiakten gemischt sind oder nicht, wäre dabei nebensächlich.
Ein gemütlicher, dicker Polizist geht an einem schlecht bezahlten Wachmann-Kollegen mit den Worten vorbei: "Šīs ir pillā" ("dieser hier ist betrunken") - und schon stößt er allein fast bis ins "Allerheiligste" vor. Schade, dass Branagh im Film nicht mehr von der Entzauberung der angeblichen Sowjet-Allmacht zeigt, wie sie ja im Zuge der lettischen Unabhängigkeitsbewegung tatsächlich geschah. Die neuen lettischen Eliten hätten es verdient, im gleichen Atemzuge mit entzaubert zu werden!

Am Ende bleibt übrig ein tapfer Riga-Balsam trinkender edler Polizist russischer Abstammung, der angeblich seit der lettischen Unabhängigkeit nicht mehr an Wahlen teilnehmen kann (obwohl fließend Lettisch sprechend!), und dessen Vollmachten von korrupten Kollegen und Vorgesetzen beschränkt werden. "Savakt aiz sevis!" steht geschrieben an der Wand, hier wohl als "rette sich wer kann" zu übersetzen.

Ein lettisch sprechender russischstämmiger Polizist, der seine angebliche Benachteiligung zum Vorwand nimmt, nicht stärker im Sinne der Gerechtigkeit eingegriffen zu haben ins Geschehen? Allzu schablonenhaft, finde ich.
Billige, mitleiderheischende Phrasen für den daheim auf dem Sofa sitzenden Briten, der sich Sorgen macht um Demokratie und lettische Volksgesundheit? Nur um ein paar Zuschauersympathien zu gewinnen? Das hätte Branagh sicher nicht nötig gehabt.

Als Schlußbild wieder leere, spärlich eingerichtete Räume - wie einsame "Ēdnīcas" im 80er Jahre Design. Nur hat es sie derart leer auch nie gegeben in Riga. Niemand rührt dort einsam in riesigen Hallen in seinem Kaffee. "Ist Schweden so schön wie es im Buch beschrieben steht?" fragt die schöne Witwe Baiba, nachdem sie vom schwedischen Kommissar Grabblumen geschenkt bekommen hat. Zurück in der Wohnung schiebt Baiba die Vorhänge beiseite und läßt warmes Licht herein, und das sowjetische Siegerdenkmal grüßt im Abendlicht.

Mehr Diskussionsstoff - und eine Zukunft für in Riga gedrehte Filme?
Ingeborga Dapkūnaitė - "geboren in Litauen, als das
Land noch Sowjetunion war" - so versucht die BBC den
Zuschauern die Schauspielerin in einer der Hauptrollen
näher zu bringen
Noch kurz zu den Schauspielern: Kenneth Branagh spielt immerhin so, wie ein ahnungsloser Schwede eben in Riga herumlaufen könnte, fast immer mit "Leidensmiene", wie der "Tagesspiegel" richtig anmerkt. Die lettische Hauptrolle (die offenbar hauptsächlich wie "schöne Witwe" aussehen sollte) spielt die Litauerin Ingeborga Dapkūnaitė. Der einzige schauspielernde Lette ist Artūrs Skrastiņš (vielfach preisgekrönt im eigenen Land!) und spielt ausgerechnet den größten Schurken Kommissar Putnis. Er musste, lettischen Presseberichten zufolge, ein "hartes Casting" absolvieren um diese Rolle zu bekommen. Die Produktionsbedingungen in Lettland vorsortiert hat "Baltic Pine Films", die auf die Einlösung des Versprechens hoffen, Produzent Andy Harries würde für weitere Filmproduktionen nach Lettland zurückkommen. Aber: nur wenige lettische Schauspieler können ausreichend Englisch, ist aus Richtung der Produktionsfirma vernehmbar. "Ausgesiebt" wurde von den Briten auch Rēzija Kalniņa, deren Deutschkenntnisse offenbar besser sind, denn sie spielte auch schon eine ARD-Hauptrolle in der deutschen Serie "Polizeiruf 110" ("Die Lettin und ihr Lover") .

Danke, Kenneth Branagh - der den Film mitproduziert hat - für eine zweite Fassung der "Hunde von Riga", also im Sinne von Henning Mankell der Verhältnisse von Riga 1990. Sie gibt erneut Anlaß über Riga nachzudenken - auch im Sinne eines Kommentars in der lettischen Zeitschrift "IR", der bedauert dass von der mit der lettischen Unabhängigkeitsbewegung sympathisierenden Stimmung der ersten Fassung bei Branagh nichts mehr zu spüren ist (aber dem Irrtum aufsitzt, man solle in ausländische Kinoproduktionen bis ins Drehbuch hinein staatlich "korrekt" intervenieren?). Da überschätzt sich jemand: die künstlerischen Vorstellungen eines Drehbuchautors sind sicher nicht von ein paar Euro Zuschuß eines russischstämmigen Bürgermeisters am Drehort abhängig, und schon gar nicht von einer dahinter sichtbaren russischen Mafia - sonst hätte sich ja die düstere Spielfilmfiktion doch noch selbst prophezeihend erfüllt. Deutsche Fernsehzuschauer werden jedenfalls wegen dieses Films nicht an der Berechtigung der lettischen Unabhängigkeit zweifeln, und Umsetzungsschwierigkeiten der Demokratie gibt es eben in allen Ländern. Zum Vergleich lohnt sich der Kommentar zur lettischen Filmföderung in der "Latvijas Avize" zu lesen, denn offenbar gab es auch schon Filmförderung aus Riga, bei der am Schluß Riga gar nicht im Film gezeigt wurde.

Nein, es war spannende Abendunterhaltung im modernen, nüchternen Stil für alle, die sich um die realen Verhältnisse in Riga nicht weiter kümmern.
Auf die erste Filmfassung gab es Stimmen, die gerade die in Riga dargestellten Vorgänge als "unlogisch" kritisierten (z.B. hier). Dem konnte damals entgegnet werden: ja, aber die Verhältnisse im Riga 1990 WAREN unlogisch! Deutsch geordnet und sortiert vollzog sich da gar nichts, und deshalb konnten sich auch Riga-Liebhaber mit der ersten Wallander-Filmfassung anfreunden. Ob auch mit der zweiten? Ich bin auf weitere Kritiken gespannt (die in der FAZ zählt nicht, dieser Mensch schien den neuen Film gar nicht gesehen zu haben und beschreibt statt dessen alle anderen Bücher Mankells...).

Infos:
ARD zu Serie / noch verfügbar: der Branagh-Film in der ARD-Mediathek
"Hunde von Riga" bei Wikipedia / Filmkritik im "Tagesspiegel" / englische Fassung / Zu den Dreharbeiten: "Film Riga" / private Sicht auf die Dreharbeiten / Wallander-Ausschnitte der BBC / Bericht "Ystads Allehanda" über die Dreharbeiten in Ystad / und nochmals "Ystads Allehanda" / "Delfi.lv" über Branagh in Riga /"Dogs of Riga" im US-Fernsehen / Kenneth Branagh im Interview über seine Rolle als "Wallander" / Privatfotos von den Dreharbeiten in Riga / Fotos von den Rigaer Dreharbeiten bei "Delfi.lv" und Fotos von Artūrs Skrastiņš auch hier / Filminterview Ingeborga Dapkūnaitė bei DIENA-TV (russisch) / Kommentar in der Zeitschrift "IR" / Anmerkungen zur Filmmusik bei "Hunde von Riga" /

5. Februar 2010

Verfassungsgericht übernimmt Sozialpolitik Lettlands?

Einige Mütter haben in Lettland Verfassungbeschwerde gegen die Kürzung des sogenannten Müttergehalts (māmiņa alga) eingelegt. Mit dieser finanziellen Unterstützung greift der Staat jenen alleinerziehenden Müttern unter den Arm, die von den Vätern ihrer Kinder keine Alimente erhalten. Ein Einkommen, daß nach Auffassung der Initiatorin der Klage, Marika Skulte, für viele sehr wichtig ist. Seit Anfang dieses Jahres wurde dieses aber um 30% gekürzt.

Bislang betrug die Summe 45 Ls, rund 70 Euro, für ein Kind bis zu sieben Jahren und an- schließend bis zum Alter von 18 Jahren 54. Nach der Kürzung sind es nun 30 und 35. Die zuständige Behörde erklärte, der Haushaltsposten sei gar nicht gekürzt worden, aber seit einiger Zeit gebe es doppelt zu viele Anträge, dies sei der Anlaß für die Einschnitte gewesen.

Wahrscheinlich haben sich die Mütter ein Beispiel an dem höchstrichterlichen Verdikt gegen die Rentenkürzungen vom vergangenen Sommer genommen. Auch in diesem Fall hatte kein staatliches Organ die Klage beim Verfassungsgericht eingericht, sondern die Betroffenen selbst. Es bleibt aber dahingestellt, ob dies eine Aussage über die Erfolgsaussichtgen der Motion erlaubt. Renter haben sich durch Abgaben Ansprüche erworben, das gilt für die Sozialpolitik aber nicht in allen Felder. Die großzügige Unterstützung von Müttern war politisch gewollt, um die niedrige Geburtenrate des Landes zu heben. Die klagenden Mütter berufen sich auf die Menschenrechte.

Das Verfassungsgericht gegen unliebsame politische Entscheidungen einzusetzen ist jedoch auch in anderen Staaten gang und gäbe.

25. Mai 2009

Das, was sie nicht lassen können

„Die Berufung ist etwas, was ich nicht lassen kann. Ich, zum Beispiel, wurde Pfarrerin, weil ich nicht anderes konnte. Und, wenn ich auch auch zurzeit diesen Beruf nicht ausüben kann, geben mir die ungenutzten Talente keine Ruhe. Das Feuer im Herzen, die Überzeugung und der Idealismus sind hinter einer schweren Tür weggeschlossen – wie der Taler und das polierte Herz, die im Schrank warten. Und wie mein Herz, das bereit ist, zu leben und in der Berufung aufzugehen,“ so beschreibt die evangelische Pfarrerin Zilgme Eglite ihre berufliche Situation in Lettland in dem Buch „Marias – Lettische Theologinnen melden sich zu Wort“.

Ich liege vielleicht auch nicht falsch, wenn ich sagen würde - so fühlen sich bestimmt einige Frauen in Lettland, die Pastorinnen werden wollten, aber in Lettland nicht zu Pfarrerinnen ordiniert wurden und diesem Beruf nachgehen konnten. „Kein Sakrament aus Frauenhand“ – das war auch das Thema der Podiumsdiskussion, die im Rahmen des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Bremen 2009 stattfand.

Lettland ist eines von wenigen europäischen Ländern, in denen Frauen in der evangelischen Kirche nicht zu Pastorinnen ordiniert werden. Das Besondere an der lettischen Situation ist, das 1975 – 1983 unter Erzbischof Janis Matulis und von 1989 bis 1992 (Erzbischof Karlis Gailitis) die Frauenordination durchgeführt, aber mit den neuen Erzbischöfen wieder abgeschafft wurde. In den vergangenen siebzehn Jahren (Erbischoff Janis Vanags) wurde deshalb keine Frau mehr in Lettland zur Pastorin ordiniert. Für die lettischen Frauen mit Berufswunsch Pastorin bleibt nur der Weg in der Lettischen Evangelischen Kirche im Ausland zur Pfarrerin ordiniert zu werden.

Die Frage der Frauenordination ist nur eine der Uneinigkeiten zwischen der evangelischen Kirche in Lettland und der Lettischen Evangelischen Kirche im Ausland. 1992, nach der Unabhängigkeitserklärung Lettlands, misslang der Versuch beide Kirchen zusammenzuführen. Zu groß waren die in den Trennungszeiten nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Unterschiede.

Zurzeit arbeiten in Lettland nur drei Frauen als Pfarrerinnen, die bei den früheren Erzbischöfen ordiniert wurden. Für andere im Ausland ordinierte Theologinnen bleiben nur weniger attraktive Möglichkeiten – entweder im Ausland zu arbeiten, als Evangelistin in Lettland tätig zu sein (und dem männlichen Pfarrer zu unterstehen) oder einen anderen Beruf zu wählen.

Mehr dazu hören Sie in unserer Radiosendung „Baltische Stunde“ am 9. Juni um 19:05

Marijas – Lettische Theologinnen melden sich zu Wort

17. Oktober 2008

Basketball-EM Gruppenauslosung

In Riga fand in dieser Woche die Gruppenauslosung zur nächsten Basketball-Europameisterschaft (Damen) statt, die im Juni 2009 in Lettland stattfinden werden. Bei der Eröffnungszeremonie betätigten sich drei bekannte lettische Frauen: Lettlands ehemalige Präsidentin Vīķe-Freiberga, Bildungs- und Wissenschaftsministerin Tatjana Koķe, und Lettlands bekannteste Basketballspielerin "aller Zeiten", Uljana Semjonova. 

Lettlands Basketball-Frauen wurden bei der EM 2007 in Italien Vierte (besiegten dort unter anderem Deutschland), schnitten bei der Olympiade in Peking akzeptabel ab, und erhoffen sich jetzt natürlich Rückenwind bei der EM im eigenen Land. Das Ergebnis der Auslosung: Gruppe A: Spanien, Tschechien, Slowakei (hierzu kommt noch ein Qualifikant, der auch Deutschland sein könnte, falls die noch ausstehenden Spiele gegen Bulgarien und die Ukraine gewonnen werden) Gruppe B: Lettland, Polen, Griechenland, Ungarn Gruppe C: Russland, Türkei, Litauen, Serbien Gruppe D: Weißrussland, Frankreich, Israel (+ ein weiterer Qualifikant) Die Gruppenspiele werden in Liepaja, Valmiera und in Riga ausgetragen. Ein wenig gruselig könnte Riga-Kennern bei der Vorstellung des EM-Maskottchens BANIJA (Foto: AFI) zu Mute werden: ein Häschen mit lustigen Öhrchen auf dem Haupthaar, spazieren solche Wesen nicht schon alltäglich im Sommer zur Stag-Partyzeit den englischen Spaßtouristen hinterher? Basketball-EM also als Häschen-Wettlauf durch Riga? Video von der Auslosung (Latvijas Avize, Originalton) Vorstellung des EM-Maskottchens Banija 

23. Juni 2008

Der verlorene Sohn ...

... und Zuverlässigkeit lettischer Behörden

Lettland horcht auf, ist erstaunt, erschüttert. Vor 16 Jahren war einer jungen Frau in Daugavpils, der zweitgrößten Stadt des Landes nahe der weißrussischen Grenze während des Einkaufs der vor dem Geschäft abgestellte Kinderwagen samt Säugling entführt worden. Die Polizei konnte den Fall nicht aufklären, doch die Mutter hatte all die Jahre erklärt, sie sei überzeugt davon, daß ihr Kind lebe, und zwar gar nicht weit entfernt.Nun stellte sich heraus, daß die Frau Recht hatte. Der verlorene Sohn wurde gefunden. Allerdings nur durch einen Zufall. Die den Jungen während dieser Jahre erziehende Dame mußte sich wegen eines anderen Vergehens vor Gericht verantworten und konnte für ihren Sohn weder einen (in Lettland existierenden) Personenkode angeben, noch seine Existenz durch eine Geburtsurkunde nachweisen.Diese Umstände werfen ein fahles Licht auf den lettischen Staat. Daß die Polizei das Kind nicht hatte finden können – der verlassene Kinderwagen wiederum war damals kurz nach der Entführung in einem Treppenhaus nahe des Geschäftes wieder aufgetaucht – mag vielleicht noch weniger überraschen, denn Säuglinge sehen sich ähnlich und sind schwierig zu suchen. 

Was aber verblüffender ist, der Junge lebte tatsächlich all die Jahre in seiner Heimatstadt, und weder Arztbesuche noch Schulanmeldung stellten auch ohne Geburtsurkunde ein Problem für die Ziehmutter dar.Vor diesem Hintergrund mögen ihre eigenen Rechtfertigungen, der inzwischen verstorbene Mann habe das Kind eines Tages mitgebracht und behauptet, er habe es aus Dagestan geholt, schon gar nicht weiter verwundern. Es kann ja sein, daß diese Frau so naiv ist, daß sie ihrem Mann keine weiteren Fragen stellte, etwa, wer die Mutter des Kindes ist und er eventuell sogar der uneheliche Vater. Auch mag man glauben, daß die Frau intellektuell nicht in der Lage war zu begreifen, daß 1992, bereits ein Jahr nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die Übersiedlung eines Kindes aus dem zu Rußland gehörenden Dagestan in das nunmehr unabhängige Lettland ohne Papiere wenig glaubwürdig klingt. Der Säugling kann schließlich schlecht im Koffer eingeführt werden. Angesichts dieser Umstände liegt natürlich die Vermutung nahe, daß die Frau das Kind doch selbst entführt hat.In der Politikwissenschaft wird seit den 90er Jahren mit neuen Begriffen operiert. Defekte Demokratien, schwache oder gescheiterte Staaten wurden als Bezeichnungen eingeführt, um zu kategorisieren, in welchen Staaten die offizielle demokratische Ordnung keine wirkliche Mitbestimmung für die Einwohner garantieren oder wo die Regierung ihre Staatsgewalt nicht zu Gunsten aller Bürger ausübt respektive überhaupt dazu nicht in der Lage ist. 

Einstweilen gilt Lettland für keine dieser Phänomene als Beispiel. Innerhalb der EU entwickelt es sich jedoch den Standards entsprechend mehr und mehr zum Sorgenkind.Die lettische Regierung muß sich nach den Geschehnissen in Daugavpils die Frage gefallen lassen, ob sie einen funktionierenden Staat lenkt, ob die Behörden ihre Aufgaben erfüllen, schließlich handelt es sich hier nicht um einen einfachen Korruptionsfall. Und dies geschieht ausgerechnet im Jahre eines runden Geburtstages. Lettland feiert im November den 90. Jahrestag der Proklamation der Unabhängigkeit. Die international nie anerkannte Inkorporation in die Sowjetunion hat die Staatlichkeit juristisch nicht unterbrochen, weshalb die Letten sich auch nicht in einer zweiten Republik sehen.Der Geburtstag fällt generell in eine Zeit, in der die Bevölkerung ihrer politischen Führung nach den Skandalen in Jūrmala, dem Fall Gulbis, der geplanten Änderungen im Gesetz über die nationale Sicherheit und schließlich der versuchten Absetzung des Chefs der Anti-Korruptionsbehörde zutiefst mißtraut, was das Faß im Herbst vergangenen Jahres zum Überlaufen brauchte. Es folgte die sogenannte „Regenschirmrevolution”, das erste Mal seit der Zeit des „Nationalen Erwachens“ unter Gorbatschow gingen die Menschen wieder auf die Straße; viele Letten sahen darin ein déjà vu, obwohl es doch einen wesentlichen Unterschied gab: damals demonstrierte man für die eigene Regierung, dieses Mal gegen sie. Erst mit diesem Ereignis erkannten die benachbarten Esten, daß Lettland innenpolitisch ganz anders funktioniert als ihr eigenes Land, wovon die öffentliche Meinung bis dahin nicht ausgegangen war. Was zunächst wie der Ausdruck einer funktionierenden Zivilgesellschaft aussieht, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß infolge von fast 60 Jahren Diktatur – bereits vor der sowjetischen Okkupation auch während der autoritären Herrschaft unter Kārlis Ulmanis – in der Gesellschaft Spuren hinterlassen haben. 

Die Bevölkerung sehnt sich weniger nach mehr Mitbestimmung als nach dem starken Mann.Daß nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 die Letten so wie die baltischen Nachbarn zunächst auf ihr Schicksal hingewiesen haben, ist verständlich, denn jahrzehntelang durfte darüber nicht gesprochen werden. Nunmehr wird die neue Unabhängigkeit bald volljährig, und Lettland muß den Vergleich mit Estland zu scheuen beginnen. Während die Regierung dort umfassende Reformen durchführte, blieben solche In Lettland in vielen Bereichen aus. Die Bewertung Lettlands in internationalen Publikationen bezüglich der Korruption ist schon lange die positivste nicht. Nun aber schlittert das Land außerdem auch noch in eine handfeste ökonomische Krise. Die Politik hat ihre Hausaufgaben nicht nur nicht gemacht, sondern sie geflissentlich ignoriert und sich statt dessen so intensiv mit sich selbst und der Monopolisierung der Macht beschäftigt, daß nicht einmal der Moment, als sogar den politisch den passiven Letten der Kragen platzte, sichtbare Folgen zeitigt. Es ist weitgehend alles beim Alten geblieben und wieder ruhig geworden. Nunmehr wird anhand dieser Kindesentführung greifbar, daß im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat zu machen ist, wenn sich dieser vorwiegend vergangenheitsbezogen als Heulsuse profiliert. 

In Lettland gibt es zwar keine Inflationsbekämpfung aber klare Vorschriften, an welchen Trauertagen, und das sind zahlreiche geflaggt werden muß – üblicherweise zur nationalen Trauer auch mit Trauerflor. Nun möchte man meinen, daß Flaggen an öffentlichen Gebäuden zu verschiedenen Daten kein Problem darstellen, aber anstelle mit Familien-, Bildungs- oder Gesundheitspolitik beschäftigen sich die Behörden mit der Verfolgung des Verstoßes dagegen, daß nämlich auch an Privatgebäuden geflaggt werden muß. Dafür zuständig ist die Munizipalpolizei, die als eine Art aufgerüstetes Ordnungsamt statt um Gewalt in der Familie oder Schlägereien vor Diskotheken zu kümmern weitere völlig unsinnige Vorschriften wie das Verbot des Alkoholkonsums auf der Straße und den Verkauf während der Nacht überwacht. Statt den Alkoholismus einzudämmen, versammelt diese Maßnahme das einschlägige Publikum in der Nähe von Geschäften mit Ausnahmegenehmigungen – und die muß es natürlich geben, denn sonst wäre der Korruption die Grundlage vollkommen entzogen. Die Staatsgewalt setzt diesen grundlegenden Problemen, Aggressionen als Demonstration der Transformationsgewinner wie auch Protest der Transformationsverlierer kaum etwas entgegen. 

Darum haben die in Lettland allgegenwärtigen Verkehrsrowdies auf Landstraßen, wo die Straßenverkehrsordnung weniger gilt als das Recht des größeren Wagens – gerne auch einmal ein Hummer – meistens freie Fahrt. Zurück zu dem Fall des entführten Jungen, dessen Entdeckung auch durch die internationale Presse ging. Die Bevölkerung in Lettland reibt sich besonders deshalb verwundert die Augen, weil Paragraph 126 des Strafgesetzbuches die Verjährung der vorliegenden Tat nach zehn Jahren vorsieht, die in Haft sitzende Ziehmutter also für diese Tat nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden kann.Der Junge, welcher 16 Jahre lang von seiner Ziehmutter Ruslan gerufen wurde, hegt keinen Haß gegen sie, hat nunmehr seine leibliche Mutter mehrfach getroffen und erfahren, daß er eigentlich Vladimir heißt. Zukünftig, so sagte er, wolle er beide Namen tragen. Wo er leben wird, ist einstweilen noch offen und abhängig von seiner Entscheidung. Sei leiblicher Vater, der inzwischen mit einer anderen Frau zusammen lebt, würde ihn auch zu sich nehmen wollen. Ruslan Vladimir, der sich langsam an die neue Situation gewöhnt, klagt darüber, daß die Psychologen ihn eher störten als Unterstützung bedeuteten, derweil der schwerste Schlag für ihn darin besteht, daß sich viele Freunde von ihm abgewandt haben.