12. Juli 2026

Ausgelost

Am 3. Oktober 2026 finden in Lettland die nächsten Parlamentswahlen statt. Da heißt es für die verschiedenen Parteien und politischen Gruppierungen nun ihre Listen der Kandidatinnen und Kandidaten einzureichen. Es gibt aber noch einen wichtigen Schritt der Vorbereitungen: das ist tatsächlich eine Auslosung. 

Werden Sitze im Parlament verlost? Nein, nicht doch - aber es geht um die Reihenfolge. Wählerinnen und Wähler in Deutschland sind es ja gewohnt, dass sich oben auf dem Wahlzettel immer diejenigen Parteien befinden, die zuvor den größten Wahlerfolg hatten. Neu gegründete Gruppierungen dagegen müssen irgendwo unten auf dem Zettel gesucht werden (siehe Bundeswahlleiterin). 

Vierzehn für den dritten Zehnten

In Lettland ist das anders. 14 Listen möchten diesmal sich in Lettland zur Wahl stellen, und alle mussten am 6. Juli zum Verlosungstermin antreten (cvk). Insgesamt bewerben sich diesmal 1434 Kandidat/innen (davon 34% Frauen) um die 100 Sitze im lettischen Parlament (Saeima). 

Das Ergebnis (in Kurzform): 
1) Souveräne Macht - Verband der Jungletten
2) Wir ändern die Regeln
3) Bündnis Harmoniezentrum
4) Bauernunion
5) Nationale Vereinigung "Alles für Lettland"
6) Liste Gobzems
7) Gemeinsame Liste "Grüne Partei", "Partei der Regionen", Liepaja-Partei"
8) Lettland zuerst
9) Neue Einigkeit
10) Neue konservative Partei
11) Für Lettlands Entwicklung
12) Aufgehende Sonne für Lettland
13) Partei für Stabilität
14) Die Progressiven

Vertreter/innen lettischer Parteien warten auf das Ergebnis der Listennummernauslosung

Autos, Grundbesitz, Kontostand 

Ja, bei der Namensfindung für ihre Parteien waren Lettinnen und Letten immer schon sehr fantasiebegabt. Aber im Unterschied zu Deutschland sind auch sehr viele private Details zu allen Kandidatinnen und Kandidaten öffentlich einsehbar - die meisten, die sich zur Wahl stellen, bemühen sich um Transparenz. So werden viele Details zu Grundbesitz, Beruf, Ausbildung, aber auch dem Kontostand und den genutzten Fahrzeugen öffentlich mitgeliefert. So zum Beispiel, dass diessmal 764 Personen verheiratet sind, 190 nicht verheiratet, 130 geschieden, und 327 dazu keine Angaben gemacht haben. (cvk)

Wir können auch nachlesen, dass Kandidat Dmitrijs Osiņenko gleich sieben Autos sein eigen nennt: fünf BMWs, dazu einen VW Golf und einen Mercedes, noch dazu einen LKW von VW und ein Moped. Wer also gern einen Autoliebhaber wählen möchte - vielleicht diesen? Oder vielleicht Kandidat Valdis Kotāns - ein Mensch mit drei Autos und fünf Motorrädern (3x Kawasaki, eine BMW und eine KTM), darüber hinaus noch zwei Aprilia und eine Honda, die er als "Moped" bezeichnet. Da kann wohl nur Normunds Garenčiks mithalten - mit sechs BMWs, drei Mercedes-PKWs und drei Motorrädern (Yamaha, BMW und Jawa) ebenfalls bestens motorisiert. 

Von dem bekannten Theaterregisseur Alvis Hermanis, der ebenfalls zur Wahl steht, erfahren wir, dass er einen Tesla fährt und gleich bei vier verschiedenen Banken ein Konto hat (angegeben ist der genaue Kontostand). Bei Kandidat Sandris Bergmanis sind acht verschiedene Wohnungen als Eigentum angegeben, in Riga, Jūrmala, Salaspils und Ķekava, dazu auch noch Grundbesitz an 11 verschiedenen Orten. Ein Meister der geschickten Geldverteilung ist auch Kandidat Augusts Brigmanis, politisch eher ein "alter Hase", und ausgestattet mit gleich acht verschiedenen Bankkonten. Kandidat Andrejs Judins hat wohl eine ähnliche Taktik: sogar neun Bankkonten. Nur wenige geben Aktien oder Wertpapiere als Vermögen an: Kandidat Kristiāns Samanovičs hat gleich sechs verschiedene Depots angelegt, Kandidat Artjoms Uršuļskis und auch Mārtiņš Spravņiks beide je zehn. 

Kandidat Andris Bačuks führt recht unterschiedliche berufliche Tätigkeiten auf: Landwirt, Fußballschiedsrichter, Physiotherapeut und Fachmann für Sozialwesen. Aber wer gleich 26 verschiedene Arbeitsstellen angibt, wie Kandidatin Eva Kazeka, eine Expertin für Arbeitsschutz, da ist wohl anzunehmen, dass sie diese 26 Jobs nicht gleichzeitig ausübt. Kandidatin Anna Ilze Gailīte gibt stolz "Re-Emigratin" als Beruf an, hat in Paris studiert und besitzt auch noch eine Wohnung in der Hauptstadt Frankreichs. Auch Kandidat Sandis Riekstiņš hat einen ungewöhnlichen Arbeitsplatz: er hat sich als Freiwilliger den Streikräften der ukrainischen Armee angeschlossen. Nahezu Gegenteiliges unternahm Kandidat Aleksejs Rosļikovs: er hält sich schon seit einigen Monaten in Belarus auf, um dort eine pro-russische Bewegung aufzubauen. Und der Namensgeber der Liste Nr. 6, Aldis Gobzems, lebt inzwischen nur noch in Spanien und hat seinen Namen in "Arigo Toro" geändert. 

Auch einige Liebhaber von Oldtimern sind klar auszumachen. Kandidat Armands Krauze besitzt zwei Ford Capris aus den 1970iger Jahren, Mariss Martinsons besitzt einen Cadillac aus dem Jahr 1972, Kandidat Leonīds Loginovs hütet einen schönen GAZ M-21 "Wolga" aus dem Jahr 1960, und der gegenwärtige Ministerpräsident Andris Kulbergs kann sogar einen Alfa Romeo 6C 2500SS aus dem Jahr 1939 vorweisen. Kandidat Gunārs Ciglis hält noch einen JuMZ-Traktor aus sowjetischer Zeit in Ehren. Ivars Kupčs dagegen gibt an, er habe einen Traktor selbst gebaut - und Jānis Dūklavs nennt stolz ein von ihm selbst gebautes Boot sein eigen. 

Zur Zeit, also Mitte Juli 2026, weisen Umfragen noch mehr als 25% unentschlossene Wahlberechtigte aus. Ob die vielen Details zu Eigentum und Besitz da weiterhelfen? Oder sollten wir die Liste vielleicht noch ergänzen? Mögliche Fragen: welches Buch haben Sie zuletzt gelesen? Was ist Ihre Lieblingsfarbe? Auch Infos zum Sternzeichen (und Aszendenten!) fehlen übrigens. Na ja, bis Oktober ist ja noch ein wenig Zeit. Die lettische Wahlkommission wird alle von den Kandidatinnen und Kandidaten eingereichten Informationen sorgsam überprüfen - ein Kandidat wurde bereits gestrichen, weil er verschwiegen hatte, dass er gar nicht die lettische Staatsbürgerschaft besitzt (lsm)

3. Juli 2026

Nachbar Petz

Viļķene ist ein kleines Dorf im Norden Lettlands, mit gerade einmal 500 Einwohnern. Kein Ort, der auf bekannten Reiserouten liegt, etwa 50% der Gemeindefläche macht Wald aus. Der Ort gehört zum 1997 gegründeten Biosphärenreservat Nord-Vidzeme (Ziemeļvidzemes biosfēras rezervāts). Hier wohnen etwa sieben Menschen auf einem Quadratkilometer. Vorrang also für die Natur. 

Natur pur

Aber gerade hier wurden auch eine ganz besondere Art von "Nachbarn" beobachtet: im vergangenen Frühjahr waren es neun Bären in Ortsnähe. Und es ist auch nicht der einzige Ort, wo dieser Trend zu beobachten ist: In Lettland nimmt die Zahl der Bären zu, und in diesem Jahr wurden bereits mehrere Exemplare in der Nähe von Wohnhäusern gesichtet. 

Als Jānis Babahins (35) in seinem Haus in Meņģele auf den Balkon trat, sah er in wenigen Metern Entfernung einen Bären. „Er ist einfach vorbeigelaufen!“, sagt der Mann, der von dem Erlebnis auch am nächsten Morgen noch geschockt ist. Während er seine Mitbewohner herbeirief, um sich dieses Wunder anzusehen, war der Bär bereits verschwunden. Doch das Tier wurde von den am Haus installierten Kameras aufgezeichnet, und dieses Video erregte auf Facebook Aufmerksamkeit, ebenso wie mehrere andere „Bärenaufnahmen“ in den sozialen Netzwerken im letzten Monat. Anfang Juni streunte ein Bär sogar über die Hauptstraßen der Stadt Jēkabpils.(IR)

Tierfreunde und Jagdfreude 

In Lettland findet sich die größte Konzentration an Bären in Latgale und Vidzeme, also im Norden und im Osten des Landes. Die Reaktionen sind zwiegespalten: es gibt zwei inzwischen verfeindete Lager. Die einen sind der Meinung, man müsse mit den Bären leben lernen, die anderen fordern eine starke Begrenzung ihrer Zahl. Auf dem Portal „Manabalss“ wurden sogar zwei Initiativen eingereicht: eine für und eine gegen die Zulassung der Bärenjagd. Bislang hat jedoch noch keine die Marke von 10.000 Stimmen erreicht, die erforderlich wäre, um die Initiative ins Parlament (Saeima) einzubringen.

Die Zahl der Bären in Lettland ist in den letzten Jahren tatsächlich gestiegen, bestätigt Guna Bagrade, Leiterin des Bärenmonitorings am lettischen staatlichen Forstwissenschaftlichen Institut „Silava“. „Früher waren Bären in Lettland nur Durchreisende, jetzt werden sie hier auch geboren“, erklärt Gita Strode, Direktorin der Naturschutzbehörde des Naturschutzdepartements.(IR) Forscher schätzen, dass die Gesamtzahl der Bären in Lettland inzwischen bei nahezu 200 liegt (lsm). In Kurland gab es bis vor kurzem noch keine Bären, doch mittlerweile wurden die Tiere auch in dieser Region gesichtet - in Tadaiķi, 20 km vom Küstenort Liepāja entfernt. 

Bärenhype 

"Überfallen die Bären nun unsere Kurorte?" Solche Schlagzeilen produzieren nun die Jagdverbände, die natürlich für eine Abschussgenehmigung plädieren. Den aufgefundenen Spuren zufolge sei es in Tadaiķi ein Jungtier gewesen - also müsse man auch davon ausgehen, dass es auch mindestens noch ein Muttertier und vielleicht Geschwister gäbe. Auch die Jägerinnen und Jäger geben zu, dass eigentlich keine Gefahr für Menschen besteht - die Bären suchen Futter und sind nicht aggressiv. Aber dennoch sei eine generelle Abschussgenehmigung nötig, ähnlich wie im Nachbarland Estland - damit die Bären sich noch mehr von Menschen fernhalten. Ein einziger Fall sei bekannt, dass in Estland einmal ein Bär einen Radfahrer angegriffen habe - der Mann kam gerade vom Einkaufen, und der Bär habe versucht nach der Einkaufstüte zu schnappen - bis ein Auto vorbeikam und das Tier mit lautem Hupen verscheuchte. (nra) In Estland leben ungefähr 1.000 Bären. 

Da sich die "Bärengeschichten" nun auch in Lettland häufen, werden sie auch gern überall geteilt und wiedergegeben. Einmal berichtet ein Pilzsucher, er habe sich vor einem Bären auf einen Baum flüchten müssen (nra), ein anderes mal werden bei der Autofahrt auf einem Waldweg eine Bärin mit drei Jungtieren gesichtet, die neugierig das Auto beäugen. (lsm) Überall kursieren Verhaltensregeln für den Umgang mit Bären. Lettischen Imkern wird der Schutz ihrer Anlagen durch Elektrozäune empfohlen. 

Bitte nicht füttern!  

Die lettische Naturschutzbehörde (Dabas aizsardzības pārvaldē DAP) sah sich veranlasst, einen neuen Infoflyer zum Umgang mit Bären zu erstellen. Versuche die Tiere zu füttern solle man auf jeden Fall vermeiden, heißt es dort. Man solle dem Tier aber auch nicht den Rücken zuwenden, und keine Gartenabfälle am Waldrand deponieren und keine Essensreste in der Natur liegenlassen.(daba.gov.lv) Bei einem Gesprächstermin, den die Behörde für von Bärenbesuchen betroffene Gemeinden angeboten hatte, kamen 170 Teilnehmende (daba.gov.lv). Allgemeiner Ratschlag: Ruhe bewahren, und den Bären nicht zu nahe kommen. In den Jahren 2018 bis 2025 wurden aus Bärenspuren systematisch genetische Profile erstellt - 115 verschiedene Tiere wurden so insgesamt identifiziert. 

Ein Thema des lettischen "Bärenmonitorings" ist unter anderem dass sich "Meister Petz" gerne mal an den Früchten von Apfelbäumen bedient. Aber wenn ein Bär in einer größeren Stadt auftaucht, könnte es auch so ablaufen wie in Jēkabpils (20.000 Einwohner). "Die Menschen haben die Gemeinde zunächst nicht informiert, sondern den Bären mit ihren Autos gejagt, sind ihm sogar hinterhergerannt und haben ihn gefilmt," sagt Gita Strode, Abteilungsleiterin der  Naturschutzverwaltung. ""Dadurch wurde der Bär erhöhtem Stress und gefährlichen Situationen ausgesetzt, und dann könnte so ein Tier auch mal angreifen." (lsm

Als sich 2019 in der Gegend um Madona viele Imker beschwerten, viele ihrer Bienenstöcke seien zerstört worden, konnte festgestellt werden dass ein einziger Bär die Ursache war. "Der hatte sich darauf spezialisiert", sagt Bärenforscherin Bagrade.(IR) Auch Schriftstellerin Dace Rukšāne berichtet von einem Fall, wo bei einem Mitglied ihrer Familie bei Cēsis 11 Bienenstöcke zerstört wurden. Inzwischen habe man den Ort mit einem Elektrozaun gesichert, alles sei wieder ruhig.  

Aber obwohl die Zahl der Bären in Lettland steigt - sogenannte "Problembären", die durch agressives Verhalten dauerhaft Menschen gefährden würden, wurden noch nicht beobachtet. Also muss wohl auch noch nicht der lettische Nationalheld, der "Lāčplēsis" (Bärenreißer) herbeigerufen werden.