Viļķene ist ein kleines Dorf im Norden Lettlands, mit gerade einmal 500 Einwohnern. Kein Ort, der auf bekannten Reiserouten liegt, etwa 50% der Gemeindefläche macht Wald aus. Der Ort gehört zum 1997 gegründeten Biosphärenreservat Nord-Vidzeme (Ziemeļvidzemes biosfēras rezervāts). Hier wohnen etwa sieben Menschen auf einem Quadratkilometer. Vorrang also für die Natur.
Natur pur
Aber gerade hier wurden auch eine ganz besondere Art von "Nachbarn" beobachtet: im vergangenen Frühjahr waren es neun Bären in Ortsnähe. Und es ist auch nicht der einzige Ort, wo dieser Trend zu beobachten ist: In Lettland nimmt die Zahl der Bären zu, und in diesem Jahr wurden bereits mehrere Exemplare in der Nähe von Wohnhäusern gesichtet.
Als Jānis Babahins (35) in seinem Haus in Meņģele auf den Balkon trat, sah er in wenigen Metern Entfernung einen Bären. „Er ist einfach vorbeigelaufen!“, sagt der Mann, der von dem Erlebnis auch am nächsten Morgen noch geschockt ist. Während er seine Mitbewohner herbeirief, um sich dieses Wunder anzusehen, war der Bär bereits verschwunden. Doch das Tier wurde von den am Haus installierten Kameras aufgezeichnet, und dieses Video erregte auf Facebook Aufmerksamkeit, ebenso wie mehrere andere „Bärenaufnahmen“ in den sozialen Netzwerken im letzten Monat. Anfang Juni streunte ein Bär sogar über die Hauptstraßen der Stadt Jēkabpils.(IR)
Tierfreunde und Jagdfreude
In Lettland findet sich die größte Konzentration an Bären in Latgale und Vidzeme, also im Norden und im Osten des Landes. Die Reaktionen sind zwiegespalten: es gibt zwei inzwischen verfeindete Lager. Die einen sind der Meinung, man müsse mit den Bären leben lernen, die anderen fordern eine starke Begrenzung ihrer Zahl. Auf dem Portal „Manabalss“ wurden sogar zwei Initiativen eingereicht: eine für und eine gegen die Zulassung der Bärenjagd. Bislang hat jedoch noch keine die Marke von 10.000 Stimmen erreicht, die erforderlich wäre, um die Initiative ins Parlament (Saeima) einzubringen.
Die Zahl der Bären in Lettland ist in den letzten Jahren tatsächlich gestiegen, bestätigt Guna Bagrade, Leiterin des Bärenmonitorings am lettischen staatlichen Forstwissenschaftlichen Institut „Silava“. „Früher waren Bären in Lettland nur Durchreisende, jetzt werden sie hier auch geboren“, erklärt Gita Strode, Direktorin der Naturschutzbehörde des Naturschutzdepartements.(IR) Forscher schätzen, dass die Gesamtzahl der Bären in Lettland inzwischen bei nahezu 200 liegt (lsm). In Kurland gab es bis vor kurzem noch keine Bären, doch mittlerweile wurden die Tiere auch in dieser Region gesichtet - in Tadaiķi, 20 km vom Küstenort Liepāja entfernt.
Bärenhype
"Überfallen die Bären nun unsere Kurorte?" Solche Schlagzeilen produzieren nun die Jagdverbände, die natürlich für eine Abschussgenehmigung plädieren. Den aufgefundenen Spuren zufolge sei es in Tadaiķi ein Jungtier gewesen - also müsse man auch davon ausgehen, dass es auch mindestens noch ein Muttertier und vielleicht Geschwister gäbe. Auch die Jägerinnen und Jäger geben zu, dass eigentlich keine Gefahr für Menschen besteht - die Bären suchen Futter und sind nicht aggressiv. Aber dennoch sei eine generelle Abschussgenehmigung nötig, ähnlich wie im Nachbarland Estland - damit die Bären sich noch mehr von Menschen fernhalten. Ein einziger Fall sei bekannt, dass in Estland einmal ein Bär einen Radfahrer angegriffen habe - der Mann kam gerade vom Einkaufen, und der Bär habe versucht nach der Einkaufstüte zu schnappen - bis ein Auto vorbeikam und das Tier mit lautem Hupen verscheuchte. (nra) In Estland leben ungefähr 1.000 Bären.
Da sich die "Bärengeschichten" nun auch in Lettland häufen, werden sie auch gern überall geteilt und wiedergegeben. Einmal berichtet ein Pilzsucher, er habe sich vor einem Bären auf einen Baum flüchten müssen (nra), ein anderes mal werden bei der Autofahrt auf einem Waldweg eine Bärin mit drei Jungtieren gesichtet, die neugierig das Auto beäugen. (lsm) Überall kursieren Verhaltensregeln für den Umgang mit Bären. Lettischen Imkern wird der Schutz ihrer Anlagen durch Elektrozäune empfohlen.
Bitte nicht füttern!
Die lettische Naturschutzbehörde (Dabas aizsardzības pārvaldē DAP) sah sich veranlasst, einen neuen Infoflyer zum Umgang mit Bären zu erstellen. Versuche die Tiere zu füttern solle man auf jeden Fall vermeiden, heißt es dort. Man solle dem Tier aber auch nicht den Rücken zuwenden, und keine Gartenabfälle am Waldrand deponieren und keine Essensreste in der Natur liegenlassen.(daba.gov.lv) Bei einem Gesprächstermin, den die Behörde für von Bärenbesuchen betroffene Gemeinden angeboten hatte, kamen 170 Teilnehmende (daba.gov.lv). Allgemeiner Ratschlag: Ruhe bewahren, und den Bären nicht zu nahe kommen. In den Jahren 2018 bis 2025 wurden aus Bärenspuren systematisch genetische Profile erstellt - 115 verschiedene Tiere wurden so insgesamt identifiziert.
Ein Thema des lettischen "Bärenmonitorings" ist unter anderem dass sich "Meister Petz" gerne mal an den Früchten von Apfelbäumen bedient. Aber wenn ein Bär in einer größeren Stadt auftaucht, könnte es auch so ablaufen wie in Jēkabpils (20.000 Einwohner). "Die Menschen haben die Gemeinde zunächst nicht informiert, sondern den Bären mit ihren Autos gejagt, sind ihm sogar hinterhergerannt und haben ihn gefilmt," sagt Gita Strode, Abteilungsleiterin der Naturschutzverwaltung. ""Dadurch wurde der Bär erhöhtem Stress und gefährlichen Situationen ausgesetzt, und dann könnte so ein Tier auch mal angreifen." (lsm)
Als sich 2019 in der Gegend um Madona viele Imker beschwerten, viele ihrer Bienenstöcke seien zerstört worden, konnte festgestellt werden dass ein einziger Bär die Ursache war. "Der hatte sich darauf spezialisiert", sagt Bärenforscherin Bagrade.(IR) Auch Schriftstellerin Dace Rukšāne berichtet von einem Fall, wo bei einem Mitglied ihrer Familie bei Cēsis 11 Bienenstöcke zerstört wurden. Inzwischen habe man den Ort mit einem Elektrozaun gesichert, alles sei wieder ruhig.
Aber obwohl die Zahl der Bären in Lettland steigt - sogenannte "Problembären", die durch agressives Verhalten dauerhaft Menschen gefährden würden, wurden noch nicht beobachtet. Also muss wohl auch noch nicht der lettische Nationalheld, der "Lāčplēsis" (Bärenreißer) herbeigerufen werden.



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