4. September 2021

Fünf Millionen für Wagner's Saal

Es ist wohl Bestandteil jeder Stadtführung in Riga, wenn Deutsche zu Gast sind: der Kapellmeister, der 1837-39 zwei Jahre lang hier wirkte, das war Richard Wagner. Typisch für Wagner war offenbar, dass er oft Schulden hatten und vor vor seinen Gläubigern floh. Ums Schulden machen geht es aber jetzt bei der Renovierung des "Wagner-Saals" in Riga nicht mehr: 5,2 Millionen Euro sollen bis 2026 als deutscher Beitrag dort verwendet werden können - der entsprechende Zuwendungsvertrag wurde am 30.August 2021 zwischen Botschafter Christian Heldt als Vertreter des Auswärtigen Amtes, und Māris Gailis und Māris Kalniņš als Vertreter der Richard-Wagner-Gesellschaft Riga unterschrieben. 

Bis 2007 war der Saal in der Riharda Vāgnera iela 4 noch genutzt, aber die Verfallserscheinungen waren unübersehbar. (siehe Beitrag) Mit 200.000 Euro hat die deutsche Seite bereits die fachliche Begutachtung und Kostenschätzung finanziert. Auch der Richard-Wagner-Verband Frankfurt/Main spendete bereits 10.000 Euro, und Bundespräsident Frank Walter Steinmeier übernahm die Schirmherrschaft. Die Gesamtkosten des Projekts werden auf 35 Millionen Euro geschätzt.

Für Gebäudesanierungen mögen das alles geringe Summen sein - für ein Projekt aber, das ja zunächst einmal nicht Konzerte oder andere künstlerische Leistungen fördert, sondern lediglich historische Rahmenbedinungen wiederherstellen will, ist es schon ein bedeutender Schritt. Jahrelang schien zudem das traurige Schicksal des Wagner-Saals besiegielt, und so wundert es vielleicht nicht, dass die lettische "Wagner-Gesellschaft" auf ihrer Webseite nun bereits von einer "Wagner-Epoche" in Bezug auf dessen Arbeit in Riga schreibt. 

Immerhin scheinen sich die deutsche und lettische Seite bei diesem Thema einig zu sein - bezüglich Richard Wagner gibt es ja durchaus auch kritische Stimmen, die sich nicht nur auf den Musikgeschmack beziehen. "Aus Lettland brachte Richard Wagner viele Ideen mit", schreibt der "Tagesspiegel". Stefan Siegert formuliert es bei "Geo" ganz anders: "Er verprasste Geld, das er nicht hatte, ließ angeblich Bomben basteln, beschimpfte jüdische Konkurrenten - und hinterließ der Welt herrliche Opern." Nicht nur hier steht auch der Verweis darauf, dass Wagner Hitlers Lieblingskomponist war. Siegert formuliert die Gründe so: bei Wagner "wimmele es nur so von blonden Germanen". Und Ingo Neumayer ergänzt für "Planet Wissen": Die Nazis setzen bei Aufmärschen, Ansprachen und Rundfunksendungen gezielt Wagners Musik ein.

Wagner als Antisemit zu bezeichnen, scheint umstritten. Einerseits beschimpfte er jüdische Komponistenkollegen, andererseits habe er selbst auch jüdische Freunde gehabt. Jan Tegeler arbeitete für eine Sendung des Deutschlandfunks Einzelheiten heraus: Der Jude an sich sei „unfähig“, sich künstlerisch auszudrücken, weder durch seine äußere Erscheinung noch durch seine Sprache und am allerwenigsten durch seinen Gesang - Zitat Wagner. Sich mit Wagner auseinanderzusetzen, bezeichnete Tegeler als "heißes Thema". 

Auch die Wochenzeitung "Die Zeit" widmete sich schon mal den "Pro's" und "Contras" bei Richard Wagner. "Wie ein sich langsam anschleichender, gewaltiger, alles mitreißender und nicht aufhörender Strom besetzte Wagners Musik meinen Körper", schreibt Wagner-Fan Hanns Josef Orteil. Rolf Schneider setzte dagegen: "Wagners Kunst erzeugt viel Rausch, aber wenig Erkenntnis." 

Eines habe die lettischen Wagnerianer mit Sicherheit schon jetzt erreicht: mit der aufwändigen Restaurierung des "Wagner-Saals" findet sich lettische Kulturpolitik mitten im internationalen Umfeld wieder. Es bleibt zu hoffen, dass die zukünftigen auf Richard Wagner bezogenen Aktivitäten nicht einseitiger Verherrlichung, sondern - neben allem Musikgenuß - einer Vertiefung der Diskussion aller Facetten auch der Person Wagers (und des ganzen Wagner-Clans) dienen können.

2. September 2021

Kamera am Käfig

Vor einigen Wochen beschloss des Parlament des Nachbarlandes Estland ein Verbot der Pelztierzucht ab 2026 (siehe Beitrag). Lettland geht offenbar einen anderen Weg. Das lettische Landwirtschaftsministerium gab jetzt bekannt, die lettischen Pelztierfarmen in Zukunft rund um die Uhr per Kamera überwachen zu lassen (Diena). Sandra Vilciņa vom lettischen Pelztierzüchterverband (Latvijas Zvēraudzētāju asociācija LZA) erklärte dazu, dass Videoüberwachung in Zukunft obligatorisch für alle Zuchtfirmen in Lettland sein soll und damit auch das Wohlergehen der Tiere überwacht werde. In diesem Sinne befürworten auch das lettischen Landwirtschaftsministerium und der Veterinärdienst die Maßnahme.

Vielleicht denken ja manche eher an Kameras am Eingang, als Schutz gegen militante Tierschützer/innen. Oder auch Umweltaktivisten - denn viel Energie - verbunden mit CO2-Ausstoß - kostet es, die Pelztiere in beständig gleichbleibender Umgebung zu halten: bei 5 Grad Celsius und 80% Luftfeuchtigkeit. Die Züchter halten dagegen, dass Pelz schließlich ein reines Naturprodukt sei, das, anders als Plastikstoffe, am Ende der Nutzungsdauer wieder der Natur überlassen werden kann.Und schließlich gehe man ja auch bei Daunenjacken oder bei Schafswolle nicht von einer freiwilligen Spende seitens der Tiere aus.

90% dessen, was die lettischen Pekztierzüchter/innen erzeugen, geht in den Export, erzählte Zuchtverbandssvorsitzender Arnis Veckaktiņš der "Latvijas Avize" (LA) und meint gleichzeitig: "die 10%, die wir in Lettland verkaufen, das geschieht meist im Rahmen von Rabatten und Preisnachlässen." Aber auch Angestellte internationaler Botschaften kaufen lettische Pelze, so der Verbandschef, denn vergblichen mit dem internationalen Markt seie sie relativ preiswert (delfi). Der Verband vertritt gegenwärtig noch 10 Mitglieder mit insgesamt 500 Arbeitsplätzen (losp). Von diesen zehn sind offenbar acht Nerzfarmen (Diena). Auch die Zeitschrift "IR" hatte Veckaktiņš schon mal befragt und dabei erfahren, dass viele der Pelze nach China gehen. Anfang der 1990iger Jahre habe es noch 24 Pelzfarmen gegeben, heißt es hier, davon haben nur sechs überlebt. Der größte lettische Erzeuger sei "Gauja AB" mit 100.000 Nerzfellen und 3.000 Silberfuchsfellen. 

2017 brachen Tierschützer/innen bei "Gauja AB" ein und entließen 41 Nerze (von insgesamt 15.000) in die vermeintliche "Freiheit" - ein Verfahren, dem auch Naturschützer wegen der zu erwartenden ökologischen Ungleichgewichte ablehnend gegenüber stehen. 

Gegner der Pelztierzucht ist zum Beispiel der Verein "Tierfreiheit" ("Dzīvnieku brīvība"), die in einer Petition an das lettische Parlament bereits 40.000 Unterschriften für das komplette Verbot der Pelztierzucht sammelte. Drei Argumente sind hier zu lesen: Erstens sei Pelz grundsätzlich ein umweltschädliches Material, da die Produktion mit einem hohen Ressourcenverbrauch und dem Einsatz giftiger Stoffe verbunden sei. Zweitens seien Pelztierfarmen potentielle Herde von Krankheitserregern einschließlich Covid-19 (wie auch das Beispiel Dänemark zeige - siehe Tagesschau). Und drittens sei die Art, wie die Tiere auf den Farmen getötet werden, nicht hinnehmbar: mit Strom oder mit Gas. 

Manchen Lett/innen und Letten gehen die als radikal empfundenen Aktionen solcher Organisationen auch zu weit. So sei es gerade die dreijähige Kampagne von "Dzīvnieku brīvība" mit über 50 Aktionen gewesen, die dem Rigaer Zirkus ein trauriges Ende bereitet hätten. Ohne Tiere bestehe der Zirkus inzwischen nur noch auf dem Papier, meint Imants Vīksne vom Portal "Pietiek.com".

Die Idee mit der Kamerapflicht sei dem Ministerium nach der Auswertung von Kontrollen einiger Pelztierfarmen gekommen, meinen die zuständigen Behörden. Die Situation habe aber sich von Jahr zu Jahr verbessert, meint Māris Balodis, Chef des lettischen Veterinärdienstes (Pārtikas un veterinārais dienests, PVD). Im Zusammenhang mit den Kontrollen gab es auch neue Fakten zu lesen: in Lettland gebe es jetzt noch neun Pelztierfarmen, vier davon seien aber gegenwärtig nicht bewirtschaftet. Nun gibt es noch "Larix Silva", "Lemo Latvija", "Vērgales" Tierzucht, "Baltic Devon Mink" und "Gauja AB". In drei der Betriebe seien Mängel festgestellt worden.