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15. Dezember 2017

Hinter dem Hühnerstall

Es mag viele Wege zum Gelderwerb geben in Lettland, und vor allem auf dem Lande ist das Leben schwierig. Auch der kleine Ort Taurupe hat die ruhmreichen Zeiten längst hinter sich. Von hier sind es 95km Wegstrecke nach Riga - je weiter weg von der Hauptstadt, desto mehr davon unbefestigt. Baron von Transehe, der letzte Eigentümer des hier in Taurupe 1724 erbauten und um 1900 im neogothischen Stil umgebauten Gutshaues, wurde 1905 während der Unruhen der "russischen Revolution" von Aufständischen erschossen, das Haus verwüstet. In den Resten des ehemaligen und inzwischen frisch renovierten Guthauses ist heute eine Schule untergebracht, der Ort hat 900 Einwohner.

Nein, nein, nur keine falschen Rückschlüsse: diese Herren
sind - trotz ihres etwas traurigen Gesichtsausdrucks - nicht
die geständigen Verbrecher, sondern die Vertreter der Polizei
Zugegeben, der Ort ist nicht gerade oft in den Schlagzeilen. Nur selten kommen Touristen vorbei, und falls doch, werden so wohl durchreisen. Dass gerade hier Autos wie ein Audi6 oder ein luxuriöser Mercedes vor dem Haus stehen, wäre wohl am ehesten aufgefallen. Andere Anzeichen gab es nicht für Ungewöhnliches in Taurupe - bis zu dieser Woche, als Spezialeinheiten der lettischen Polizei zwei Drogenlabors aushob (ein weiteres im 40km entfernten Allaži), in denen kiloweise Methadon hergestellt worden sein soll. Die Labors waren gut versteckt: im 2. Stock einer Tischlerei, und hinter einem Hühnerstall.  Zwei Laboratorien wurden entdeckt, neun Personen festgenommen (LETA), allesamt lettische Staatsbürger.

Die Festgenommenen gingen alle "nebenbei" noch anderer Arbeit nach, heißt es. Schon seit Juni waren erste Hinweise bei der lettischen Polizei eingegangen, es Drogenlabors gesucht, auch unter Einbeziehung der lettischen Anti-Terrorismus-Einheit "Omega". 6 kg Methadon wurde sichergestellt, dazu eine große Menge der Ausgangsstoffe, 80.000 Euro in bar und einige Luxuslimousinen, die gegen Bargeld gekauft worden waren ("Ir"). Die lettische Polizei nimmt an, dass dieses jetzt aufgefundene Labor bereits einige Jahre in Betrieb war. Ein Kilo Methadon, hat einen Marktwert von etwa 40.000 Euro. Methadon ist ein synthetisches Opiat und wird auch als Heroinersatz bezeichnet. Süchtige, die den Stoff aus illegalen Quellen kaufen gehen das Risiko, dass die Dosierung nicht genau einstellbar ist und daher unmittelbar Lebensgefahr besteht. Der Handel mit Methadon ist genauso strafbar wie bei Heroin und Kokain.

2. Januar 2013

Rigas Hunde fahren nicht Straßenbahn

Vielleicht geht es nicht nur mir so: auch wer kein Krimifreund oder Spezialfan der Geschichten von Henning Mankell rund um den fiktiven Schwedenkommissar Kurt Wallander aus Ystad ist, der hat Buch und Film mit dem Titel "Hunde von Riga" nicht vergessen. Die erste Fassung erschien 1992 in Schweden, bereits 1993 in Deutschland. Am vorletzten Tag des Jahres 2012 lief eine neue Fassung in der ARD.

Krisenzeit im Schwebezustand
Neue Erkenntnisse von Kenneth Branagh alias
"Wallander" in Riga: sicher fühlt sich der Schwede
nur in der Straßenbahn ...
1993 waren Lettlands Krisen noch nicht vorbei: wer es miterlebte wird es beim Lesen von Mankell's Buch es ganz natürlich gefunden haben, dass ein Teil der Ordnungsbehörden auf Seiten der Unabhängigkeitsbewegung, ein anderer auf Seiten des alten Apperats stand - und vielleicht gab es sogar noch ein dritten Teil derjenigen, die nicht richtig wussten wie ihnen überhaupt geschah. 1995, als "Hunde von Riga" erstmals verfilmt wurde, taumelte Lettland in die erste große Bankenkrise, die Fragen zum Status der russischstämmigen Minderheit waren noch ziemlich ungeklärt, und vieles - außer ein bischen Coca-Cola- und Marlboro-Werbung stand noch unverändert so da wie zu Sowjetzeiten. Wer sich bereichern konnte der zögerte nicht, und der Umgang mit Gästen aus dem europäischen Westen war noch mit vielen Illusionen und Fehleinschätzungen behaftet.

Durch die 1990er Jahre hindurch war das Schicksal der lettischen Nation noch international weitgehend unbeachtet - wenn man von der formalen Anerkennung der Eigenstaatlichkeit einmal absieht. Aber als eine friedliche Entwicklung mehr und mehr gesichert schien verloren große Teile des Westens das Interesse - nicht ohne laut zu äußern, Lettland werde nie in die NATO aufgenommen werden (denn Russland könne das nicht dulden), ein EU-Beitritt war ebenfalls noch in unendlich weiter Ferne (Finnland trat 1995 der EU bei). Wer Lettland damals kannte, der staunte, wie eng die Handlung in Buch und Film und die tatsächliche Atmosphäre dieser Anfangsjahre in Riga beieinander lagen.

Nun also eine Neufassung. Als Auftragswerk der britischen BBC, gedreht 2011 in Riga. Ich versuche meine Eindrücke zu sortieren - aber irgendwie schien mir der Film wie aus der Zeit gefallen.

Der BBC-Wallander - eine Story über Mißstände bei der Polizei?
Korrupte lettische Polizei mit undurchsichtigen Strukturen, eine schwedische Lichtgestalt im mutigen Einsatz für Recht und Gesetz - das Märchen wurde britisch umgestrickt. Das Filmteam gibt sich 2011 keinerlei Mühe mehr, die Atmosphäre von vor 20 Jahren wiederauferstehen zu lassen: im neuen Film mit Kenneth Branagh gibt es moderne Luxusautos, Windräder, Zigarettenschachteln mit EU-konformen Warnaufschriften, Digitalkameras die Geheimnissse speichern, Laptops und Speicherkarten, auch elektronische Polizeiausweise.Allerdings sehen lettische Polizeibüros weiterhin so aus wie vor 20 Jahren.

Zwei tote Jungs aus Ventspils, eindrucksvoll russisch
tätowiert, sorgen bei Wallander in Südschweden
für Unruhe
Bei Kenneth Branagh gibt es zwar keine "Mafia", aber "das Syndikat". Lettische Russen angeblich. Oder Ex-KGB-Mitarbeiter umgewandelt in kriminelle Banden, behauptet ein zwielichtiger Polizist. Die "Radniecība"-Gang (=Verwandschaft), mal lettisch, mal russisch ausgesprochen. Wie es sich wirklich verhält, klärt der Film nicht auf - Hauptsache am Ende konnten ein paar Schlechte verhaftet und ein paar weniger Schlechte vorläufig entlastet werden. 20 Jahre nach Ende der Sowjetunion kommt das ein wenig altbacken daher - zwar durchaus spannend in Szene gesetzt - nur, wer Riga schon länger kennt, bei dem wird es ein ausgiebiges Gähnen erzeugt haben.

Es wird um militärischer Ränge gestritten. Typisch englisch? Der lettische Kommissar ist "Major", der schwedische Gast wird wie selbstverständlich mit "Oberst" angeredet - obwohl sonst in der englischen Originalfassung ziemlich dahergenuschelt wird - aber hier protestiert der Schwede fast zornig. "Polizisten werden in Lettland nicht geschützt", hatte ihm Kommissar Kārlis Liepa schon vor dem ersten Riga-Besuch erzählt. Der zweite Polizeikollege von hohem Rang ist Mūrnieks, ist russischer Lette. Angeblich der einzige der noch vom KGB übrig ist (sagen diejenigen, die ihn verraten). In diesem Film haben lettische Polizisten immer noch kein W-Lan oder Email, dafür schicken sie aber noch Faxe - wie 1990.

Drogenkuriere, Heroin, Kokain - ist es nun Geschichte oder ist es Gegenwart? "In Lettland kannst Du mir nicht helfen" behauptet Karlis, und kommt mit einer Tupolew-Maschine nach Schweden eingeschwebt. Als er wenig später tot aufgefunden wird, scheint sich die Warnung vor den Zuständen in Riga zu bestätigen. Aber die Story fließt weiter flaschengrün daher und bleibt unentschieden, ob sie nun Verhältnisse damals oder Verhältnisse heute zeigen will. Vielleicht nur eine Parabel vom unsicheren Osteuropa, die von der britischen Insel aus gesehen umso unverständlicher scheint?

Schwedischer Mann, Hilfe suchende
lettische Frau - eine Rollenverteilung,
die auch bei Branagh 2012 nicht
hinterfragt wird.
Es regnet oft in diesem Film. Etwas wärmeres Licht gibt es nur in Schweden, wenn Wallander zu Hause ist - abziehende Regenwolken. Es wird auch bei Regen auf dem Bralu kapi (dem Brüderfriedhof) beerdigt, und die Uniformierten murmeln unpassend peinlich: "Witwen können sehr schön sein" (in der englischen Fassung sogar: "Witwen sind wunderschön").

Die lettischen Ordnungshüter arbeiten in Großraumbüros mit ständig laufenden Kaffeeautomaten. Von einem "Syndikat" will zunächst niemand etwas wissen bei der lettischen Polizei, dann plötzlich: "Davai, uz priekšu!" - und schnell werden angebliche Syndikat-Mitglieder verhaftet; eine  Schauverhaftung für den schwedischen Gast. Mutter und Kind laufen weinend ins Treppenhaus - auf weibliche Schönheit wird jetzt keine Rücksicht mehr genommen (nur einsame Frauen sind schön?). Der Schwede fragt erstaunt nach, der Lette antwortet mit gespielter Ironie: "Und wie machen Sie das mit Verhaftungen in Schweden? Servieren Sie erst eine Tasse Kaffee?"

Schmugglerhotels, abgegriffene Lichtsschalter und sensationelle Straßenbahnen
Dann wieder eine Hotelszene, wie sie tatsächlich vor 20 Jahren sich hätte abspielen können: erstaunliche Angebote am Frühstückstisch in kalter Atmosphäre, verzweifelte Letten versuchen mit dem ausländischen Gast Kontakt aufzunehmen - so als ob es kein Ryanair gäbe (wenn es denn im Riga von heute spielen sollte). Aber im "Hotel Riga" war es ja früher so, die reale Abhöranlage wurde allerdings längst gefunden und ist heute im Okkupationsmuseum ausgestellt. In dieser "modernen" BBC-Fassung steckt die Abhöreinrichtung in einem billigen Plastikwecker.

Das Riga, das Wallander alias Branagh hier besucht, zeigt sich mit heruntergekommenen Wohnungen mit ausgeleierten Türen, schmutzig verschmierten Lichtschaltern, abgeschabten Flurwänden und abhörsicherem Dachboden. Frau Liepa wohnt Irgendwo Nähe Tērbatas iela, der gefilmte Umgebung nach zu urteilen. Auf dem Dachboden eine Szene, die vielleicht 1990 möglich gewesen wäre: als es nur zwei bis drei verschiedene Sorten Brandy gab, und dem Gast "Napoleon" gereicht wurde.
Verfallene Straßen ausgerechnet in der Altstadt, und ausgerechnet am Kinomuseum (2012 einzige noch nicht renovierte Stelle der Altstadt, wo so etwas ohne Aufwand gefilmt werden konnte). Und ausgerechnet die Straßenbahn als Zuflucht, wo niemand stört und niemand hinterher kommt! Die langsame, quietschende Straßenbahn der 90er Jahre - gezeigt werden nur ältere Modelle (es hätten schicke Niederflurwagen sein können!).

Noch eine Replik: bedrohte Journalisten
Alles außerhalb von Straßenbahnen bleibt in Riga bedrohlich. Ausländer werden angefleht zurückzukommen, da die Letten ihre Sachen nicht allein regeln können (Frau Liepa droht im Polizeigefängnis zu verschwinden).
Schließlich wird Anti-Korruptions-Journalist Upitis erschossen. Der letzte reale Vorgang dieser Art war 1994 - aber auf die Vorabrecherche realistischer Verhältnisse kam es diesen Filmemachern offenbar nicht an; lieber rühren sie alles Halbwissen und Vorurteile zusammen.

Plötzlich, überraschend real, während einer Autofahrt die Musik vom Letten-Rapper "Ozols" - leider bleibt es nur ein Momenteindruck, die Musik wird nicht mal im Abspann erwähnt. Also sind Erinnerungen an das real existierende Riga nicht so wichtig? 

Überall in Riga fliegen Tauben, und alles scheint durch dreckige Hinterhöfen miteinander verbunden zu sein. Kein Supermarkt, kein modernes Hotel ist zu sehen. Allerdings ein Apparat für E-Taloni im alten Straßenbahnwaggon. Die orthodoxe Kathedrale in frisch renoviertem Glanz. Ein Klavierstück als Sehnsucht nach Privatheit in unsicherem Gelände. Abgehörte Wohnungen und Reden nur unterm Dach.

Schlußakkord im KGB-Archiv
Warmes Sommerlicht weiterhin nur in Skåne. Ich musste schon ein wenig lächeln, als sich die Filmdramatik sich ausgerechnet auf den "Latgales Tirgus" (oder auch "russischer Markt" genannt) konzentriert. Normalerweise ein chaotischer Flohmarkt mit Ersatzteilen aller Art - vielleicht Schwarzgehandeltem unter dem Tisch. Hier spielen die angeblich korrupten Polizisten ein wenig Katz und Maus, mit Fortsetzung auf dem Zentralmarkt. Eine schwedische Botschaft als Zuflucht (der zivilisierten Menschen?). Fluchtwege von der Nordstadt in die Altstadt und weiter zur Maskavas iela. Ein flüchtiger Bezug auf alte Zeiten: Baiba outet sich als Ex-Aktivistin der lettischen Unabhängigkeitsbewegung.

"I must say, Kurt, you are a difficult man to protect!"
Artūrs Skrastiņš, nach Rollen in "Likteņdzirnas",
"Baiga vasara", "Rīgas sargi", "Mazie laupītāji"
("Die kleinen Bankräuber") und "Rūdolfa mantojums" -
nun als zwielichtiger Polizist Putnis
Ein Finale in einem vergessenen alten, sowjetisch riechenden Archiv - das könnte ich mir in Riga gut vorstellen! Ob nun wie im Film die alten KGB-Akten mit heutigen Polizeiakten gemischt sind oder nicht, wäre dabei nebensächlich.
Ein gemütlicher, dicker Polizist geht an einem schlecht bezahlten Wachmann-Kollegen mit den Worten vorbei: "Šīs ir pillā" ("dieser hier ist betrunken") - und schon stößt er allein fast bis ins "Allerheiligste" vor. Schade, dass Branagh im Film nicht mehr von der Entzauberung der angeblichen Sowjet-Allmacht zeigt, wie sie ja im Zuge der lettischen Unabhängigkeitsbewegung tatsächlich geschah. Die neuen lettischen Eliten hätten es verdient, im gleichen Atemzuge mit entzaubert zu werden!

Am Ende bleibt übrig ein tapfer Riga-Balsam trinkender edler Polizist russischer Abstammung, der angeblich seit der lettischen Unabhängigkeit nicht mehr an Wahlen teilnehmen kann (obwohl fließend Lettisch sprechend!), und dessen Vollmachten von korrupten Kollegen und Vorgesetzen beschränkt werden. "Savakt aiz sevis!" steht geschrieben an der Wand, hier wohl als "rette sich wer kann" zu übersetzen.

Ein lettisch sprechender russischstämmiger Polizist, der seine angebliche Benachteiligung zum Vorwand nimmt, nicht stärker im Sinne der Gerechtigkeit eingegriffen zu haben ins Geschehen? Allzu schablonenhaft, finde ich.
Billige, mitleiderheischende Phrasen für den daheim auf dem Sofa sitzenden Briten, der sich Sorgen macht um Demokratie und lettische Volksgesundheit? Nur um ein paar Zuschauersympathien zu gewinnen? Das hätte Branagh sicher nicht nötig gehabt.

Als Schlußbild wieder leere, spärlich eingerichtete Räume - wie einsame "Ēdnīcas" im 80er Jahre Design. Nur hat es sie derart leer auch nie gegeben in Riga. Niemand rührt dort einsam in riesigen Hallen in seinem Kaffee. "Ist Schweden so schön wie es im Buch beschrieben steht?" fragt die schöne Witwe Baiba, nachdem sie vom schwedischen Kommissar Grabblumen geschenkt bekommen hat. Zurück in der Wohnung schiebt Baiba die Vorhänge beiseite und läßt warmes Licht herein, und das sowjetische Siegerdenkmal grüßt im Abendlicht.

Mehr Diskussionsstoff - und eine Zukunft für in Riga gedrehte Filme?
Ingeborga Dapkūnaitė - "geboren in Litauen, als das
Land noch Sowjetunion war" - so versucht die BBC den
Zuschauern die Schauspielerin in einer der Hauptrollen
näher zu bringen
Noch kurz zu den Schauspielern: Kenneth Branagh spielt immerhin so, wie ein ahnungsloser Schwede eben in Riga herumlaufen könnte, fast immer mit "Leidensmiene", wie der "Tagesspiegel" richtig anmerkt. Die lettische Hauptrolle (die offenbar hauptsächlich wie "schöne Witwe" aussehen sollte) spielt die Litauerin Ingeborga Dapkūnaitė. Der einzige schauspielernde Lette ist Artūrs Skrastiņš (vielfach preisgekrönt im eigenen Land!) und spielt ausgerechnet den größten Schurken Kommissar Putnis. Er musste, lettischen Presseberichten zufolge, ein "hartes Casting" absolvieren um diese Rolle zu bekommen. Die Produktionsbedingungen in Lettland vorsortiert hat "Baltic Pine Films", die auf die Einlösung des Versprechens hoffen, Produzent Andy Harries würde für weitere Filmproduktionen nach Lettland zurückkommen. Aber: nur wenige lettische Schauspieler können ausreichend Englisch, ist aus Richtung der Produktionsfirma vernehmbar. "Ausgesiebt" wurde von den Briten auch Rēzija Kalniņa, deren Deutschkenntnisse offenbar besser sind, denn sie spielte auch schon eine ARD-Hauptrolle in der deutschen Serie "Polizeiruf 110" ("Die Lettin und ihr Lover") .

Danke, Kenneth Branagh - der den Film mitproduziert hat - für eine zweite Fassung der "Hunde von Riga", also im Sinne von Henning Mankell der Verhältnisse von Riga 1990. Sie gibt erneut Anlaß über Riga nachzudenken - auch im Sinne eines Kommentars in der lettischen Zeitschrift "IR", der bedauert dass von der mit der lettischen Unabhängigkeitsbewegung sympathisierenden Stimmung der ersten Fassung bei Branagh nichts mehr zu spüren ist (aber dem Irrtum aufsitzt, man solle in ausländische Kinoproduktionen bis ins Drehbuch hinein staatlich "korrekt" intervenieren?). Da überschätzt sich jemand: die künstlerischen Vorstellungen eines Drehbuchautors sind sicher nicht von ein paar Euro Zuschuß eines russischstämmigen Bürgermeisters am Drehort abhängig, und schon gar nicht von einer dahinter sichtbaren russischen Mafia - sonst hätte sich ja die düstere Spielfilmfiktion doch noch selbst prophezeihend erfüllt. Deutsche Fernsehzuschauer werden jedenfalls wegen dieses Films nicht an der Berechtigung der lettischen Unabhängigkeit zweifeln, und Umsetzungsschwierigkeiten der Demokratie gibt es eben in allen Ländern. Zum Vergleich lohnt sich der Kommentar zur lettischen Filmföderung in der "Latvijas Avize" zu lesen, denn offenbar gab es auch schon Filmförderung aus Riga, bei der am Schluß Riga gar nicht im Film gezeigt wurde.

Nein, es war spannende Abendunterhaltung im modernen, nüchternen Stil für alle, die sich um die realen Verhältnisse in Riga nicht weiter kümmern.
Auf die erste Filmfassung gab es Stimmen, die gerade die in Riga dargestellten Vorgänge als "unlogisch" kritisierten (z.B. hier). Dem konnte damals entgegnet werden: ja, aber die Verhältnisse im Riga 1990 WAREN unlogisch! Deutsch geordnet und sortiert vollzog sich da gar nichts, und deshalb konnten sich auch Riga-Liebhaber mit der ersten Wallander-Filmfassung anfreunden. Ob auch mit der zweiten? Ich bin auf weitere Kritiken gespannt (die in der FAZ zählt nicht, dieser Mensch schien den neuen Film gar nicht gesehen zu haben und beschreibt statt dessen alle anderen Bücher Mankells...).

Infos:
ARD zu Serie / noch verfügbar: der Branagh-Film in der ARD-Mediathek
"Hunde von Riga" bei Wikipedia / Filmkritik im "Tagesspiegel" / englische Fassung / Zu den Dreharbeiten: "Film Riga" / private Sicht auf die Dreharbeiten / Wallander-Ausschnitte der BBC / Bericht "Ystads Allehanda" über die Dreharbeiten in Ystad / und nochmals "Ystads Allehanda" / "Delfi.lv" über Branagh in Riga /"Dogs of Riga" im US-Fernsehen / Kenneth Branagh im Interview über seine Rolle als "Wallander" / Privatfotos von den Dreharbeiten in Riga / Fotos von den Rigaer Dreharbeiten bei "Delfi.lv" und Fotos von Artūrs Skrastiņš auch hier / Filminterview Ingeborga Dapkūnaitė bei DIENA-TV (russisch) / Kommentar in der Zeitschrift "IR" / Anmerkungen zur Filmmusik bei "Hunde von Riga" /

1. März 2011

Polizei außer Rand und Band?

Im lettischen Jēkabpils wurde im Januar ein Spielsalon überfallen, während die Einnahmen abgeholt wurden. Gewalttätige Überfalle waren in Lettland Mitte der 90er Jahre nicht Ungewöhnliches. Später besserte sich die Situation und auch das erwartete Ansteigen der Kriminalität infolge der Krise hat nicht zu spektakulären Fällen geführt. Dieser Fall ist aber nun spektakulär, weil hier Polizisten gegen Polizisten vorgehen mußten. Vier der fünf beteiligten Räuber waren Polizisten, zwei gehörten der Spezialtruppe Alfa an. Der Polizist Andris Znotiņš verlor dabei im Dienst sein Leben.

Die maskierten Räuber betraten den Spielsalon und die Polizisten behaupteten, sie seien in einen Einsatz im Rahmen der Drogenfahndung. Die in entsprechenden Etablissements regelmäßig anwesenden Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma mußten sich auf den Boden legen, ihnen wurde bekamen Tränengas in die Augen gesprüht. Ein Angestellter des Spielsalons wurde angeschossen, weil er die Alarmknopf gedrückt hatte. Die Höhe der Beute ist unbekannt, doch als die Räuber gestellt wurden, entdeckte die Polizei im Fahrzeug 104.500 LVL. Daß der Überfall ausgerechnet im Moment der Übergabe der Einnahmen an einen Geldtransport stattfand, läßt vermuten, daß die Polizisten über Insiderkenntnisse verfügten.

Dies ist nicht der erste Fall, der einen Schatten auf den Ruf der Polizei in Lettland wirft. Abgesehen von der Korruption der Verkehrspolizei, die in den letzten Jahren nachgelassen haben soll, gelang 2007 einem Untersuchungshäftling während der Überführung angeblich in Handschellen die Flucht aus dem fahrenden Streifenwagen durch einen Sprung von der Inselbrücke in die Düna. Der Verdächtige wurde zwar schnell wieder verhaftet, doch der damalige Innenminister Ivars Godmanis, der inzwischen EU-Abgeordneter ist, kam in Erklärungsnot.

Linda Mūrniece
(Foto des lett. Innenministeriums).
Innenministerin im Kabinett Dombrovskis ist derzeit Linda Mūrniece. Sie stand schon mehrfach in der Kritik und wurde zum Rücktritt aufgefordert, so auch in diesem Fall. Sie nahm die Polizei allerdings in Schutz und leugnete, daß die geringen Einkommen der Polizisten, die im Rahmen der Krise wie vielen anderen Staatsdienern noch einmal gekürzt worden waren, die Ursache für den „Seitenwechsel“ der Polizisten sein könne. Sie erklärte in einem Radiointerview, die betreffenden Kollegen hätten nun ihr wahres Gesicht gezeigt und seien entweder als Kriminelle geboren oder aus anderen Gründen zu solchen geworden.

Tatsächlich sind die Einkommen in Staatsdienst und Polizei so gering, daß viele weiteren Nebentätigkeiten nachgehen. Gerade Polizisten eignen sich durch ihre Ausbildung für die Mitarbeit in einem Sicherheitsdienst. In den freien Tagen des Schichtdienstes anderorts dazu zu verdienen, ist nicht untersagt.

Inzwischen wurde bekannt, daß zwei der Polizisten aus der Kleinstadt Tukums im Einzugsbereich von Riga stammen und dort im Rahmen einer Restrukturierung eigentlich hatten entlassen werden sollen. Infolge einer Intervention der Polizeigewerkschaft, wie das Innenministerium dieser vorwirft, wurden ihre Verträge jedoch erneuert. Die Gewerkschaft kontert, das Ministerium selber habe keine Rechtsmittel gegen einen entsprechenden Gerichtsbeschluß eingelegt, wobei Mūrniece zugeben mußte, daß angeblich aufgrund orthographischer Fehler die Kündigungen von den Richtern als nicht rechtswirksam angesehen wurden.

Trotzdem hatten sich die Räuber unter anderem beim außer Gefecht gesetzten Sicherheitspersonal bewaffnet. Die zwei gestohlenen Waffen wurden vermutlich nach dem Überfall in einen Schneehaufen geworfen, denn sie tauchten zunächst nicht wieder auf.

Mūrniece räumte im fraglichen Interview grundsätzliche Probleme mit der Polizei und besonders der Sondertruppe Alfa ein. In vier Jahren habe es dort 40 Dienstaufsichtsbeschwerden gegeben. Die Innenministerin klagte, eine elitäre Truppe müsse sich auch dementsprechend verhalten. Sie reagierte durch die Beurlaubung einiger hoher Amtspersonen, darunter des Kommandanten der Spezialeinheit Alfa. Darüber hinaus werden alle mehr 7.000 Mitarbeiter der Polizei von Psychologen befragt würden und das Ministerium prüfe, ob Nebenjobs der Ordnungshüter zu Interessenskonflikten führen könnten.

Die Innenministerin und die Spezialeinheit Alfa waren 2009 ins Gerede gekommen, als im Rahmen der geplanten Schließung eines Krankenhauses im südlettischen Bauska spontane Demonstrationen die Brücke einer wichtigen Verkehrsachse besetzten. Damals wurde ebenfalls aus Riga die Sondereinheit geschickt. Mūrniece sagte nun, diese Entscheidung habe sie seinerzeit gar nicht selbst getroffen.

Als Reaktion auf die jüngsten Ereignisse hat die Innenministerin nun beschlossen, den Polizisten ihr Gehalt – allerdings erst im kommenden Jahr – um 50% zu erhöhen, womit sie indirekt ihrer eigene, früheren Behauptung widerspricht, die Höhe des Einkommens könne nicht Grund dafür sein, daß Polizisten kriminell würden. Als weitere Folge des Überfalls von Jēkapbils wird die Einheit Alfa außerdem liquidiert – allerdings wohl nur dem Namen nach. Aufgaben wie die Festnahme von Verbrechen werden einer anderen Einheit übertragen, aber die an dem Vorfall unbeteiligten Polizisten weiterbeschäfigt, ohne den Namen Alfa zu verwenden, der nach Aussage des Chefs der Polizei von Riga, Ints Kužis, nun in Verruf geraten sei. Andererseits benenne man andere Abteilungen der Polizei schließlich auch nicht mit Sondernamen. Linda Mūrniece will außerdem disziplinarisch durchgreifen, jedes kleinste Vergehen solle nun wieder geahndet werden, mit der Demokratie sei es in diesem Sinne vorbei. Unangemeldete Kontrollen finden bereits statt.

Eine Psychologin sagte, jeder Polizist brauche wenigstens 20 Therapiestunden, um zu lernen, wie er seine Aggressionen in einem Job beherrscht, in welchem er beständig mit Aggression konfrontiert wird. Agris Sūna, der Chef der Polizeigewerkschaft verlangt nach wie vor den Rücktritt der Ministerin, die jetzt nun eine Hexenjagd beginne.

10. Juni 2010

Der brave Herr Poikāns

Vor einigen Wochen machte er sogar Schlagzeilen in den deutschen Medien: in Lettland wurden detaillierte Angaben zu den Verdiensten gut verdienender Manager, bekannter Geschäftsleute und Behördenchefs illegal veröffentlicht - kurzerhand per Twitter. In Zeiten staatlich aufgekaufter Daten-CDs mit Adressen von Steuersündern ist dies offenbar auch in Deutschland ein Thema. So produzierte der Mann mit dem Decknamen NEO eine Zeitlang Schlagzeilen, von "der Robin Hood von Riga" (Spiegel /Süddeutsche) über "Lettlands digitale Rebellen" (Welt) und "Hacker der Herzen" (Frankfurter Rundschau) bis zum "Alptraum lettischer Eliten" (presseurop). Im ARD Europamagazin wurde im April noch spekuliert, "Neo" lebe wahrscheinlich im Ausland. Aber was war eigentlich passiert, und was ist so ungewöhnlich daran?

Datenlecks und die Neugier
Ilmārs Poikāns, ein Wissenschaftler am Institut für Mathematik und Informatik der Universität Lettlands, wurde eines Tages von einer Firma angefragt, ob er einige Dokumente mit einer digitalen Signatur versehen könnte, die bei den staatlichen Finanzbehörden eingereicht werden sollten. Als er dies versuchte, gelang es ihm zunächst nicht, die Dokumente online per Internet zu öffnen. Eine Diskussion mit der zuständigen Buchhaltung folgte, bis Poikāns entdeckte dass er die Dokumente einfach mit Hilfe eines ihm zugeschickten Links öffnen konnte. Und nicht nur das: plötzlich hatte er Zugang zu einer Menge anderer Daten. Verwundert nahm der das zunächst zur Kenntnis und schaute nach ein paar Tagen nochmal nach. Immer noch nicht war das "Datenleck" von der Behörde geschlossen worden. Poikāns beschwört auch, dass sein so entstandener Kontakt mit der Finanzbehörde nicht auf irgendwelchen persönlichen Beziehungen beruht habe. Aber einmal aufmerksam geworden, lud er sich die Datenlisten herunter und entdeckte so, dass er es mit aktuellen Gehaltslisten aus verschiedenen Bereichen zu tun hatte.

Hacker wider Willen? 
Ein Volumen von 120 Gigabyte und 7,4 Millionen Datensätzen brachte Poikāns nun im Internet via Twitter operierend unter dem selbst gewählten Namen "neo" an die Öffentlichkeit. Es waren so interessante Gehaltslisten dabei wie diejenige der am Flughafen Riga Beschäftigten, vom staatlichen Energieversorger LATVENERGO, den Straßenverkehrsbehörden sowie Hafenverwaltungen, von Ministerien und Kommunalverwaltungen, und auch die PAREX-Bank, die 2008 vor der Pleite gerettet werden musste. Interessant deshalb, weil die lettische Regierung in Folge der Wirtschaftskrise ein von der Weltbank auferlegtes striktes Sparprogramm abarbeiten muss und schon im Frühjahr 2009 teilweise erhebliche Gehaltskürzungen vornahm. Die von Poikāns entdeckten Listen zeigen nun in vielen Fällen, dass viele Spitzenmanager und Behördenchefs sich selbst wohl von Kürzungen ausgenommen haben - und sich hübsch weiter pralle Gehaltssummen genehmigten.

Am 11.Mai war es dann vorbei mit dem klammheimlichen "Rächertum". Die Polizei startete umfangreiche Durchsuchungen, und bald darauf wussten auch die Medien, dass hinter dem vermeindlichen Held Neo ein relativ braver, ordentlich gekleideter und eher harmlos aussehender 31-jähriger junger Wissenschaftler steckte. Polizeilich durchsucht wurden sein Arbeitsplatz, seine Wohnung, die Wohnung seiner Eltern sowie zwei weitere Orte. Verdächtig erschien der Polizei auch der Kontakt Poikāns' mit der Journalistin Ilze Nagla, deren Wohnung ebenfalls durchsucht und deren Notebook beschlagnahmt wurde. Bei Telefongesprächen mit ihr habe er aber seine Stimme verstellt, erkärte Poikāns, so dass sie ihn nicht habe erkennen können, obwohl die beiden privat miteinander bekannt gewesen seien. Nagla hatte über die Arbeit von NEO berichtet. 120 Journalisten unterzeichneten aufgrund der polizeilichen Durchsuchungsaktion eine Petition, die sich gegen derartige Zensurmaßnahmen wendet und so die Freiheit der Presse gefährdet sieht. 

Fehlende Transparenz
Was lehrt der Fall Poikāns? Nun, wer in Lettland lebt, und die erschwerten Bedingungen des Gelderwerbs und des materiellen Überlebens kennt, wird vor allem die Ungerechtigkeit der fehlenden öffentlichen Transparenz solcher Zustände beklagen. Aleksejs Loskutovs, vor einiger Zeit von der Regierung abgesetzter Chef der lettischen Antikorruptionsbehörde, vertritt nun als Anwalt die Interessen von Ilmārs Poikāns. Zunächst nach Aufdeckung seiner Identität in Haft, kam Poikāns schnell wieder frei. Poikāns ist verheiratet, das Paar hat zwei Kinder. Aber ob ihm eine Strafe bevorsteht, und falls ja wie hoch diese ausfallen könnte, ist immer noch unklar. Angeblich steht auf "illegales Eindringen in eine Regierungsdatenbank" eine Strafe von bis zu 10 Jahren Gefängnis.

Karrierepläne für NEO?
Aber Lettland wäre nicht Lettland, wenn es bei diesen nakten Fakten bliebe. Zunächst einmal halten sich hartnäckig Gerüchte, Poikāns habe nicht allein gehandelt. Das liegt einerseits an einer gewissen lettischen Vorliebe für alles Vernebelte und Vernebelbare (man glaubt gern, dass noch mehr hinter allem Weltgeschehen steckt als sich der gewöhnliche Mensch vorstellen kann). Dem wirken auch die Polizeibehörden nicht entgegen, wenn sie bis zum heutigen Tage die Untersuchungen dazu für nicht abgeschlossen erkären. Außerdem hatte Poikāns selbst im Februar im Rahmen von Sendungen des Lettischen Fernsehens (LTV) angekündigt, die von ihm ausgerufene "4. atmodas armijas (4ATA)" (Armee des vierten Erwachens) bestehe aus insgesamt drei Personen.

Und weiterhin gäbe es ja Möglichkeiten, die gewachsene Beliebtheit eines "gewöhnlichen Letten" wie Poikāns nun politisch auszunutzen. Bereits die Übernahme der Verteidigung durch Loskutovs, der inzwischen in der parteiähnlichen Vereinigung „Sabiedrība citai politikai” (Gesellschaft für eine andere Politik) aktiv ist, könnte als Zeichen politischer Instrumentalisierung verstanden werden - denn im Herbst stehen in Lettland Parlamentswahlen an. 
Vergeblich beteuerte Poikāns schon früh nach seiner Entlarvung: "Mich interessiert Politik nicht." (Portal IR) Eher genüßlich berichtet NRA heute davon, dass Poikāns sich einer Führung durch das Gebäude des lettischen Parlaments angeschlossen habe; "Nein, ich besuche hier nicht meinen zuküftigen Arbeitsplatz", wurde seine Aussage zitiert. 
Einer der wegen Korruptionsaffären und Geldschiebereien berüchtigsten politischen Figuren Lettlands, Aivars Lembergs, der es trotz vielerlei Anklagen inzwischen wieder auf den Stuhl des Bürgermeisters von Ventspils geschafft hat, versucht denn auch allein die bloße Existenz des "Neo-Faktors" für sich selbst zu nutzen. Es müsse vermutet werden, dass Neo ein purer Wahlkampftrick bestimmter politischer Gruppen sei, ließ sich Lembergs in der NRA zitieren, einer Zeitung die Lembergs selbst gehört. 
Wer sich für die Irrungen und Wirrungen der Alltagspolitik Lettlands interessiert, wird auf Dauer offenbar nicht gelangweilt.

Weitere Berichte dazu:

19. August 2009

Partnertreffen mit Polizeibetreuuung

Lettland in der Krise - wie kann deutsch-lettische Partnerschaft helfen? Diese Fragestellung tauchte auch beim 3.Deutsch-Lettischen Partnerschaftsforum vom 12.-16.8. 2009 in Selm-Bork (Nordrhein-Westfalen) immer wieder auf. Ein Treffen, zum großen Teil finanziert durch Gelder der Europäischen Union, das auf ungewöhnlichem Terrain stattfand: auf dem Trainingsgelände der nordrhein-westfälischen Polizei (= NRW-Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten d. P.). Da die zahlreich angereisten lettischen Gäste hier ja nicht "zur Abhärtung" über Trainingsparcours gescheucht wurden, konnte man die Annehmlichkeiten dieser sorgfältig umzäunten und für 700 Polizeianwärter großräumig ausgelegten Anlage genießen und hier, auf gut bewachter Dienstreise, die Sorgen des Alltags in Lettland zu vergessen versuchen.

Krisenstimmung
775 Millionen Euro musste Lettland Ende vergangenen Jahres zur Rettung der maroden PAREX-Bank einsetzen. Damit war die Krise da - daran erinnerte nochmals Ilgvars Kļava, Botschafter Lettlands in Deutschland, in einem Gastvortrag in Selm. Weitere 1,2 Milliarden Euro wurden zur Stabilisierung der Bankgeschäfte eingesetzt - etwa ein Fünftel des gesamten Staatshaushalts. Auch in Estland und Litauen gab es ähnliche Schwierigkeiten, aber keine Bankpleite wie Parex - hier liegt der Unterschied für Lettland, meinte Kļava. Seit 2004 konnte Lettland mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum um die 10% rechnen, für 2008 ist nun ein Rückgang um 18% vorausgesagt. "Ähnlich große wirtschaftliche Schwerigkeiten hatten wir nur kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion," sagt Kļava, "nun liegt dies wie eine schwere Last auf den Schultern aller Einwohner Lettlands."

Drastisch zurückgehende Steuereinnahmen, Sparzwang in den öffentlichen Haushalten, steigende Arbeitslosigkeit, Schwierigkeiten in fast allen öffentlich subventionierten Sektoren - so auch bei der Polizei, dem Gesundheitswesen, den Schulen und Hochschulen. Wo Lehrern bis zu 40% ihres Lohnes kurzfristig gekürzt werden, ganze Kranken- häuser von Schließung bedroht sind, und die Schließung der lettischen Polizeiakademie bereits beschlossene Sache zu sein scheint - was können deutsch-lettische Städtepartnerschaften daran ändern?

Nein, Resolutionen an die zuständigen Regierungen suchte man auf dem Deutsch-Lettischen Partnerschaftsforum vergebens. Auch Elmar Brok, Vorsitzender der Europaunion und Abgeordneter im Europaparlament, wurde eher wie ein "Freund der Familie" empfangen, und beantwortetet Fragen nach mehr Bürgerbeteiligung professionell mit einem schlichten "Wenden Sie sich an mein Büro". Auch das abendlich auf dem Polizeisportplatz abgebrannte Feuerwerk hätten sich manche der Teilnehmer auch lieber direkt in praktisch angewandte Hilfsmaßnahmen umgewandelt gewünscht.

Sorgen hier und dort
Deutlicher vernehmbar war da die vorsichtige Anfrage von deutscher Seite, ob nicht doch wieder eine vermehrte Berechtigung bestünde, Aktionen humanitärer Hilfe neu aufzulegen. Vorsichtig deshalb, weil viele sowohl auf der öffentlichen wie
persönlichen Ebene mit ihren Partnern inzwischen dahingehend überein gekommen sind, dass nur Aktionen mit gegenseitigem Wert wirklich einen Sinn haben. Wer sich allzu leicht selbst als "Retter Lettlands" ausruft, Geld oder Dinge aus 2.Hand sammelt, um sie dann in aufwändigen Transportaktionen und selbstverständlich mit Pressebegleitung nach Nordosten zu transportieren, der könnte auch übersehen, wie bessere Wirkung vor Ort auch mit einfacheren und vor allem lokalen Mitteln erreicht werden könnte.

Insbesondere die aktiven Partnerschaften des Kreises Gütersloh und der Gemeinden Willich (NRW) und Handewitt (Schleswig-Holstein) bildeten den Kern dieser Diskussion, denn sie konnten die bereits aus langjähriger Zusammenarbeit persönlich bekannten Personen aus Lettland nach Selm einladen (weitere auf deutscher Seite durch Teilnehmer vertretene Städte und Gemeinden z.B. Bremen, Bordesholm, Bodenteich, Darmstadt, Dülmen, Halle, Harsewinkel, Melle, Köln).
So entwickelte sich eine erstaunlich offene Diskussion, die auch die auf lettischer Seite vor- handenen latenten Ängste nicht unter den Tisch kehrte: werden nicht unsere (lettischen) besten Kräfte angesichts der Lohneinbußen unserem Land wieder vermehrt den Rücken kehren? Sogar den Jugendaustausch und auch Studierende in Deutschland begleiten oft solche Befürchtungen: wenn unsere Kinder erstmal sich an das Leben in Deutschland gewöhnt haben, werden sie auch zurückkehren und das aufbauen helfen, was hier (in Lettland) so dringend notwendig ist?

Deutsch anbefohlen - Lettisch bei Seite gelassen
Deutsch nimmt ab - Russisch nimmt zu. Auf dem Deutsch-Lettischen Partnerschaftsforum waren Zahlen zu hören: 2008 lernten noch 13% der Schülerinnen und Schüler in Lettland Deutsch - etwa 236.000 Lernende sind das, knapp über 500 Lehrende. An dem Motto "Deutsch hat Zukunft" arbeiteten sich in einem Arbeitskreis des Partnerschaftsforums deutsche und lettische Gäste gemeinsam ab. Englisch miteinander zu reden, das scheint vielen (Deutschen) hier nach eigenem Bekunden nur ein gruseliges Gefühl auszulösen. Verwunderlich allerdings, dass gleichzeitig niemand auch nur den Finger heben wollte um Lettischkenntnisse und die Förderung von Lettischkursen in Deutschland zu bestärken. Da gingen selbst einige der geladenen Polit-Referenten gleich mehrere Schritte weiter - die Notwendigkeit gleichberechtigter und wechselseitiger Maßnahmen betonend.

Gut angelegtes Geld
Insgesamt läßt sich berichten, dass die 30.000 Euro, die seitens der EU als Unterstützung für dieses Vernetzungstreffen deutsch-lettischer Partnerschaftsinitiativen bereit stellte, sicherlich gut angelegt waren. Immerhin sind ähnliche Bemühungen, zu einem Erfahrungsaustausch zwischen verschiedenen Menschen und Gruppierungen mit deutsch-lettischem Hintergrund zu kommen, bereits über 10 Jahre her (1997 in Düsseldorf, 1993 in Bonn-Annaberg). Ob diejenigen, die sich in Selm-Bork unter vorzüglicher Polizei- betreuung trafen, in der Lage sein werden, dieses Netz weiter zu knüpfen, das muss allerdings abgewartet werden. Es gibt bisher weder eine gemeinsame Basis der Zusammenarbeit (Satzung oder Verein), noch demokratisch strukturierte Regeln der Vernetzung und Beschlußfassung.

Wer repräsentiert hier eigentlich wen (und mit welchem Ziel)? Diese Frage musste allzu oft undiskutiert im Raum stehen bleiben. So blieb vorerst jeder bei seiner persönlichen Zielsetzung: für die einen ist das Deutsch-Lettische Partnerschaftsforum ein wenig Ersatz (Spielwiese?) für allzu zögerliche Bürgermeister innerhalb bestehender Gemeindepartnerschaften, für die anderen schlichtweg Mittel zur eigenen Öffentlichkeitsarbeit (mit Tendenz zum Zimmern an persönlichen "Denkmälern"). Und trotz jahrelanger Bekanntschaften sowohl unter den deutschen wie den lettischen Teilnehmern erscheint die beliebteste Form der gemeinsamen Beschlußfassung bisher noch die reine Akklamation zu sein: per bürgermeisterlicher Verkündung wurde das nächste (dann vierte) Deutsch-Lettische Partnerschaftsforum für Ende August 2010 im lettischen Salacgriva angekündigt.

Weitere Infos:
Eindrücke vom Deutsch-Lettischen Partnerschaftsforum in Selm-Bork 2009

Informationen des Deutsch-Lettischen Freundeskreises Willich

Partnerschaft der Kreise Gütersloh (D) und Valmiera (LV)

LAFP Selm

26. Januar 2009

Schneller, als die Polizei erlaubt?


Nee, diesmal war er nicht schneller, die Polizei war flotter. Sie war schon auf dem Albertplatz im Zentrum von Riga, als er DAS noch nicht beendet hatte. Und er dachte auch nicht daran, DAMIT aufzuhören, als die Polizisten direkt vor Ort waren. Als er endlich DAMIT fertig war, wurde er festgenommen. Die Polizei hatte sogar doppeltes Glück: Der Betrunkene, der DAS an einem öffentlichen Ort machte, ohne sich zu schämen, stand auf der Liste der polizeilich gesuchten Personen. Gut, das in Rigas Zentrum so viele Überwachungskameras und so wenig öffentliche Toiletten sind. Alles hat seinen Sinn - und auch seinen Nutzen. Fazit: Wenn auf dem Albertplatz eine öffentliche Toilette wäre, hätte die Polizei den Verbrecher nicht gefasst...