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29. Juli 2021

Rekorde die nicht alle mögen

Lettland staunt über Deutschland: wie kann in einem so scheinbar gut organisierten, strukturiertem, geordneten, und wohlhabenden Land plötzlich die Flut hereinbrechen und alles ins Chaos stürzen? Und der zweite Gedanke ist vielleicht: es ist ein sehr ungewöhnliches Gefühhl, dass im zentralen Europa dauerhaft Starkregen und Gewitterluft das Regime übernehmen, während im nördlichen Lettland, immerhin auf demselben Breitengrad gelegen wie Aberdeen oder das Loch Ness in Schottland, wochenlange Hitze und Dürre herrschen. 

Nun ja, einige Lettinnen und Letten werden es als willkommenen Ausgleich für die gewöhnlich langen und zumindest dunklen Winter begrüßen. Aber wer die Zahlen und Fakten zusammenstellt, kann selbst urteilen. Der Juni 2021 war der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Lettland (seit 1924). Die mittlere Lufttemperatur lag bei 18,9 Grad, das sind ganze 4,1Grad mehr als das der den Jahren 1981 bis 2020 gemessene Durchschnitt (lsm).

Der heißeste Tag war dabei der 21. Juni - ungewöhnlich, denn um Mitsommer herum ist regnerisches Wetter sonst schon fast legendär. Dieses Jahr meldeten Daugavgrīvā und Pāvilosta Temperaturen von +33,7 Grad. Dabei sank die Temperatur auch in der Nacht zum 21. Juni in Daugavgrīvā auf nicht unter +23,7 Grad - solche eine warme Nacht gab es vorher in Lettland nur zweimal 2012 und 1931. 

Vereinzelt gab es auch Gewitter und Hagelschlag, aber besonders Kurland erlebte im Juni 41 Liter pro Quadratmeter nur 44% der normalen Niederschlagsmenge. (lsm)

Auch im Juli scheint die heiße Sommerzeit in Lettland vorerst nicht zu enden. Bis zum 20. Juli waren in Riga bereits 18 Nächte zu verzeichnen, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad absank. Weitere Daten: Latvijas Vides, ģeoloģijas un meteoroloģijas centra LVĢMC (Lettisches Zentrum für Umwelt, Geologie und Meteorologie)

20. Januar 2018

Himmelsgrüße gesucht

Der Nachmittag des 29. März 1890 war ein ruhig und sonnig, heißt es. Aber plötzlich, so erinnern sich vor allem die Bauern, die nahe des Ortes Baldone in Lettland vielleicht schon den Frühling erwarteten, gab es einen lauten Donnerschlag. Kurz darauf ein lautes Heulen und Krachen, dann erst helle und dann dunklere Wölkchen. Ein Moment später dann ein noch lauteres und längeres Donnern. Zunächst hatte keiner eine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Kurze Zeit später wurde es klar: in der Nähe war ein Meteorit niedergegangen. Einer der Bauern fand ihn einen Tag später. Ein Objekt in der Größe eines menschlichen Kopfes, so sagte man damals, und einem Gewicht von 5,8 kg. Bald zeigten sich verschiedene Interessen am heute unter der Bezeichnung "Baldone-Meteorit" (oder deutsch "Misshof-Meteorit") bekannten Fundstück.

Während die Bauern das Objekt am liebsten zerteilt hätten, und das Fundstück tatsächlich auch sehr schnell an einen jüdischen Händler verkauften, gelang es dann einem Schuldirektor aus Riga, der gezielt überall fragte, das seltene Stück von diesem Händler zu erwerben. Diese Einzelheiten der damaligen Vorgänge sind einem Bericht des deutschbaltischen Forscher Karl Bruno Doss zu verdanken ("Naturforscher-Verein zu Riga, 9.Folge, 7.Heft", 1891). Die Fundstelle gehörte damals zum "Rittergut Misshof", aber berichtet hatten zunächst nur lettische Zeitungen von dem Ereignis, daher brauchte es eine Weile, bis alle damaligen Fachleute davon erfuhren. Das Objekt war auch nicht sofort, sondern erst einen Tag später geborgen worden.

Nach heutiger Betrachtungsweise wurden bisher ingesamt 4 Meteoritenabstürze auf lettischem Gebiet notiert - allesamt im 19. Jahrhundert. Da war zunächst der sogenannte "Līksna Meteorit" (inernationale Schreibweise: "Lixna"), der zusammen mit mehreren anderen Stücken am 12. Juli 1820 bei Lazdāni im Südosten Lettland niederging; dieses Stück war immerhin 16kg schwer. Der nächste Vorfall wurde am 2. Juni 1863 bei Birži notiert, ein 5kg-Stück. Und am 12. April 1864 wurden nahe Nereta in Südlettland gleich 2 Stücke gefunden, 4kg und 5kg schwer.

Abbildung aus Doss/Johanson:
"Der Meteorit von Misshof"
(Riga 1891)
Der Deutschbalte Doss ordnete den Fund damals anders ein: an die 7.Stelle der Funde innerhalb der damaligen "russischen Ostseeprovinzen". Er zählt zwei Funde aus dem Jahr 1855 dazu (einer auf Saaremaa /Ösel, einer bei Valka / Walk), sowie einen Fund bei Põltsamaa/ Oberpahlen von 1863, und einen weiteren auf dem Jahr 1872 bei Paide/ Weissenstein. Außerdem zitiert Doss den Bericht eines Naturforschers aus dem Jahr 1704, aus dem er den Niedergang von Meteoriten bei Tartu/ Dorpat schließt (allerdings war kein Fundstück erhalten).

Doss spaltete von seinem Untersuchungsgegenstand kleine Stücke ab, um sie Sammlern und Spezialisten in St.Petersburg, Wien, Tartu und anderen Städten zu schicken. Als Hauptbestandteil seines Objekts stellte er Olivin fest, was einem häufigen Charakteristikum von Meteoriten entspricht (die chemischen Untersuchungen nahm Edwin Johanson vor). - Heute behauptet das Museum von Baldone noch im Besitz eines kleinen Stückes dieses Fundes von 1890 zu sein (Baldones ziņas).

Was hier vielleicht auf den ersten Blick wie ein
Treffen im Hinterhof aussieht, ist tatsächlich ein
Schnappschuß von der Eröffnung des
"Kleinen Meteorit-Museums" in Riga (Foto: "delfi.lv")
Anerkannt ist aber, dass sich zwei kleine Stückchen dieses "lettischen Meteoriten", eines 25,5 g, das andere 10,9 g schwer, sich im "Friedrich-Zander-Museum" an der Universität Riga befinden (siehe Friederich Arturowitsch Zander, ein Raketenpionier). Dadurch dass Fundstücke international untereinander ausgetauscht werden, ist von den vier Fundobjekten in Lettland inzwischen leider fast nichts mehr vorhanden - aber irgendwo in Museen oder Privatkollektionen sollte es sie doch geben! Das Ziel, Lettlands Meteoriten wieder in Lettland zeigen zu können, hat sich Kārlis Bērziņš gesteckt. Er gründete das Projekt "Meteoriti.lv" und bietet nun Interessenten in der Nīcgales ielā 3 seit drei Jahren in Riga sein "Kleines Meteoriten-Museum" (bei telefonischer Voranmeldung) an. Außer Meteorit-Stückchen aus aller Welt gibt es hier auch zwei Neuerwerbungen zu sehen: ein Bruchstück vom Baldone-Meteorit, und sogar eines vom Līksna-Meteorit: 0,63 g, frisch erworben in Zusammenarbeit mit der "New England Meteoritical Services" (NEMS) in den USA. Nun wird nach Finanzmitteln gesucht, um auch vom Nereta-Meteorit (internationale Bezeichnung: "Nerft") ein 25-g-Stückchen "heim nach Lettland" zu holen; ein Angebot liegt vor: Kaufpreis etwa 8000 Euro. Tja, was vom Himmel kommt, ist teuer - erst recht wenn es erstmal in den kapitalistischen Kreislauf eingespeist ist, mögen vielleicht einige denken. Vielleicht ist es aber auch ein Thema, dass sich Lettinnen und Letten erst wieder neu erschließen müssen. Wer Stücke von "lettischen" Meteoriten anzubieten hätte - Verkäufer, vielleicht auch Spender - würde die Rigaer Museumsenthusiasten wahrscheinlich glücklich machen.

23. Juni 2017

Mittsommer-Rakete

Nein, es ist unwahrscheinlich, dass Indien sich des lettischen Feiertagskalenders bewußt war, als genau heute am frühen Morgen des 23.Juni 2017, eine Rakete des Typs PSLV-C38 vom "Satish Dhawan Space Centre" im indischen Sriharikota abhob (Indian Express). 31 Satelliten werden damit auf eine Umlaufbahn gebracht - unter anderem einer (der erste!) lettischer Bauart. Von der "Venta-1" kündigte ihr Erbauer, Prof. Dr.-Ing. Indulis Kalniņš, schon vor 5 Jahren in der "Baltischen Stunde" an: "Unser Satellit ist startklar"!

Der Raketenstart heute morgen konnte im Internet per Livestream verfolgt werden. Das Satelliten-Projekt wurde in Kooperation der Hochschule im lettischen Ventspils (Ventspils Augstskola), der Hochschule in Bremen und der OHB Bremen gebaut, 2015 noch einmal leicht umgebaut. Der lettische Satellit wird nun in ca. 505 km Höhe die Erde 16mal innhalb 24 Stunden umkreisen, so teilte es Agnese Jēkabsone, die Sprecherin der Hochschule, der Presse mit (TvNet). Der Satellit soll helfen, Schiffsbewegungen auf den Meeren in breiterem Ausmaß als bisher mitverfolgen zu können. Weiterhin soll der Satellit auch von der Hochschule Ventspils für Studierende der Raumfahrttechnologie genutzt werden.

Aigars Krauze, Koordinator des Projekts auf lettischer Seite, hatte das Ereignis vor Ort in Indien mitverfolgt und zeigte sich in einer ersten Reaktion sehr zufrieden: "Es war eine sehr gehobene, fast feierliche Atmosphäre hier, und alle Beteiligten am Projekt haben einen großen Zusammenhalt gezeigt." Nachdem auch ein litauischer Satellit mit derselben Rakete den Orbit erreichte, und der estnische "EstCube" schon vor vier Jahren eingesetzt wurde, haben nun alle drei baltischen Staaten Zugang zu Erfahrungen und Forschungen auf dem Gebiet der Raumfahrttechnologie.

Inzwischen meldete die Hochschule Ventspils stolz per Twitter: "Wir haben die ersten Signale vom Satellit empfangen! Alles arbeitet normal!"

Einzelheiten zum Satellit:
Homepage der Hochschule Ventspils zu VENTA-1 / Spaceflight101 / VHTP / Wikipedia / EAS

9. Januar 2017

Blumen für niemand

Nein, es ist keine Geschichte über das Gute und das Böse. Es ist auch keine Geschichte über lange verborgene Geheimnisse des 2.Weltkrieges, der Besetzung Lettlands durch die Nazis und die Schrecken des Holocaust. Vielleicht ist es eine Geschichte der Enkelgeneration - deren Großväter noch Schwierigkeiten hatten, vom Nazi- und Soldatenleben in ein demokratisches Deutschland hineinzuwachsen. Aber auch eine Geschichte über unangenehme Verwicklungen der heutigen Holocaustforschung, die sich bisher niemand eingestehen will.

Drei Personen hat Regisseur Chris Kraus ("Poll") in seinem neuen Film "Blumen von gestern" in den Vordergrund dieser Geschichte gestellt: nicht die Holocaust-Betroffenen oder Überlebenden, auch nicht die Täter. Die drei Hauptpersonen, Zazie (Adèle Haenel), Totila Blumen (Lars Eidinger) und "Balti" (Jan Josef Liefers) sind allesamt in der Holocaust-Forschung tätig. Als der bisherige Leiter stirbt, bricht zunächst ein unbarmherziger Konkurrenzkampf um die Nachfolge aus, dessen Ergebnis vorgezeichnet scheint: Balthasar sieht sich als den besser Geeigneten, vor allem den, der seine Emotionen besser im Griff hat. Totila ("Toto") wird zudem noch mit der Betreuung einer neuen Praktikantin beauftragt, was er vor allem als Herabsetzung versteht. Und er wird beeinflußt von der unsicheren Vereinbarungen mit seiner Frau, mit der er ein gewagtes Abenteuer eingegangen ist: weil er nicht in der Lage ist sie sexuell zu befriedigen, werden vorübergehende Liebhaber ausgesucht. Und zudem steht noch ein wichtiger Fachkongress bevor, zu der Holocaust-Überlebende geladen werden sollen - und der Umgang mit ihnen gestaltet sich keineswegs als vorhersehbar.

In den ersten Szenen des Films könnten manche Zuschauer ungeduldig werden: wirklich sympatisch kommt hier niemand rüber. Toto und Balti schlagen sich gegenseitig blutig, die Praktikantin kommt mit allerhand Vorurteilen in Deutschland an, die Wissenschaftler-kolleginnen und kollegen wirken wie verblüffte Statisten in einem Krankenhaus, wo sich die "Ärzte" selber zum Pflegefall machen.

Da wirkt der Sarkasmus der Jüdin Frau Rubinstein fast erhellend im Nebel der persönlichen Eitelkeiten und Unsicherheiten. "Zeigen Sie mal ein Foto von ihrer Frau", fragt sie Toto ganz unvermittelt, und überrascht ihn außer diesem unvermittelten Hieb in sein persönliche Schwachstelle auch noch mit bestem Befehlsdeutsch: "Hinsetzen, los zack!" Und Toto setzt sich unbeholfen mitten auf den Tisch. Eine Szene, die aus vielen persönlichen Gesprächen mit Holocaust-Überlebenden entstanden ist, meint Regisseur Chris Kraus. Dessen Stärke, nicht nur Ideen in Bilder umzusetzen (das ist, zugegeben, einfach der Beruf jedes Regisseurs), sondern auch messerscharfe Dialoge zu schreiben, die aus guter Beobachtungsgabe tatsächlicher zwischenmenschlicher Verhältnisse entstehen, wird in diesem Film mehrfach deutlich. Und Juden sind nun mal auch nur Menschen - selbst wenn sie einmal knapp dem Tode entkommen sind, laufen sie eben nicht ständig wie wutentbrannte, zerknirschte Rächer herum. Holocaust-Forscher Toto überrascht dies, wie so vielen Deutschen mindestens eine gewisse Unbeholfenheit zu eigen ist, im Umgang mit Juden. Ob diese alte Dame nun über ihn Witze macht, einfach nur schlechter Laune ist, oder nicht mehr ganz bei Sinnen - er kann es nicht einordnen. Sicherheitshalber schiebt er hinterher: "Ein Holocaustforscher mit Humor, das ist wie ein Popo ohne Loch", rutscht es Toto heraus, der an dieser Stelle zum ersten Mal einen Begriff von Zazie übernimmt.

Nicht nur dass in diesem Film ein Mops vorkommt, hat manche Kritiker dieses Films schon an Loriot erinnert. Allerdings kommt es Jan Josef Liefers über lange Strecken des Films weniger zu Gute - wo die Tonlage sich langsam im sarkastischen, dunklen Humor einpendelt, steigt für manche Zuschauer vielleicht allzu sehr die bekannte Rolle des "Börne" (aus dem Münster-Tatort) vor dem geistigen Auge auf. Das passt in diesem Fall aber schlecht, denn Liefers wirkt in dieser Filmrolle eher wie ein Spiegel dieses Schwarzen Humors, nicht wie sein Verursacher: muss er sich doch damit abfinden, erst zusammengeschlagen zu werden, eine Zeitlang mit einer häßlichen Spange herumlaufen zu müssen, als Möchtegern-Chef des Instituts unbeliebte Entscheidungen durchsetzen zu müssen und dann sich auch noch die Freundin ausspannen zu lassen. Liefers findet dabei, spätestens in der Szene wo Kongreß-Sponsor und Holocaust-Opfer zusammenkommen, durchaus gute Ausdrucksformen - nun gut, der Zuschauer mit Vorprägung ist eben selber Schuld.

Star ist hier eher Lars Eidinger - wer immer sich an diesen Film erinnert nachdem er ihn gesehen hat, wird sich auch an ihn erinnern. Wie er alle Gefühlsvarianten meistert, von aufbrausender Zerstörungswut bis zu neugieriger Spannung auf überraschende weibliche Anziehungskraft, ist durch ihn hervorragend verkörpert. Wer hier "Schwächen in der Figurenzeichnung" meint erkennen zu müssen (siehe "Westfalenpest"), hat wohl noch nie Wissenschaftscliquen intern erlebt, oder meint vielleicht, Professoren und Doktoren müsse man grundsätzlich nur anbeten. Wissenschaft darf persönliche Hintergründe haben, und damit muss man sogar umgehen lernen - das weiß inzwischen nicht nur Chris Kraus. Oder, wie es Jüdin Rubenstein im Film treffend sagt: "Man ist kein guter Mensch, nur weil man in einer guten Institution arbeitet." - Und auch Adèle Haenel wächst in diesem Film in etwas hinein, was sie zu mehr macht als einem deutschen Vorurteil einer Französin (also nicht etwa so wie Nathalie Licard bei Harald Schmidt, um wieder einmal den Weg Richtung Humor zu nehmen). Diese "Zazie" hat zudem das Glück, dass Regie und Drehbuch sie noch mitten im Film als Praktikantin kündigen und zu einer ziemlich unabhängigen Frau werden lassen - nicht nur zwischen zwei Männern, sondern auf dem Weg, ihre Bedürfnisse zu erforschen und ihren Sinn des Lebens zu finden.

Was bleibt am Schluß? Ein Kurzbesuch in Riga (nicht viel mehr als Flughafen, Hotel und ein altes Haus, das zurecht gemacht wie ein ehemaliges Gymnasium wirken soll), dazu neue Abgründe und persönlicher Ballast bei Toto, den auch Zazie nicht mehr so einfach beseitigen kann. Im Film findet eigentlich niemand sein Glück - und das ist gut so. Blumen für niemand eben - außer für diejenigen, die zufällig so heißen.

Webseite zum FilmKinofinder

Filmkritiken:
SWR / Frankfurter Neue Presse / Westfalenpost / Rhein-Neckar-Zeitung / Berliner Morgenpost / Lippische Landeszeitung / Südtirol-News / Weserkurier / ORF / Badische Zeitung / Spiegel-online / Frankenpost / Trailer-ruhr.de / Berliner Zeitung / Focus / Critic.de / Mannheimer Morgen / Rheinische Post / EPD /

21. März 2016

Trotzköpfe im Drugstore

Seit Anfang März die russische Tennisspielerin Maria Scharapowa ihr eigenes Doping-Outing vor der Presse verkündete, macht in der Presse ein Schlagwort die Runde, das bisher nicht bekannt war, weil es erst 2016 auf die Liste der für Sportler verbotenen Stoffe gesetzt wurde: Meldonium. Gleichzeitig überraschte aber auch die Tatsache, dass Scharapowa nicht etwa behauptete, sich in Unkenntnis mal versehentlich mit diesem Mittel versorgt zu haben, sondern es bereits seit fast 10 Jahren einnehme (siehe "Focus", Süddeutsche", "Die Welt"). Damit sieht es eher aus wie ein typischer Fall all jener Hochleistungssportler, die immer wieder willige Ärzte finden um ihren eigenen Körper als Sonderfall darzustellen; für den Laien schwer verständlich, denn eigentlich wäre es viel logischer, dass ein gesunder, gut trainierter Körper die besten Leistungen bringen kann - und nicht ein Körper in Schieflage, der durch Geburtsfehler, angeborene Schwächen oder durch schlecht verheilte Krankheiten verursachte "Macken" dauerhaft notdürftig funktionsfähig gehalten werden muss.


Erfolgreiches Exportprodukt
Sei es wie es sei: Meldonium jedenfalls wird in Lettland hergestellt. Und was sagt die Herstellerfirma "Grindex" dazu, ihr Medikament nun in so negativen Schlagzeilen zu sehen? Man macht allen Ernstes eine Werbekampagne daraus. Dazu reichen ein Tennisball und der Spruch daneben: "Erfunden und hergestellt in Lettland - in der ganzen Welt berühmt."

Lettland, Top-Zulieferer fürs Dopingparadies? Die 'World Anti-Doping Agency (WADA)' hat unser Mittel völlig zu unrecht auf die Dopingliste genommen", verkündet die Firma in einer Pressemeldung. Man habe von der WADA keine schlüssige Erklärung bekommen. Eines würde sich jedenfalls auch durch die Einstufung von Mildronat als Dopingmittel nicht ändern: der Stoff (auch Meldonium, Quaterin, THP oder MET-88 genannt, lettisch Mildronāts, russisch Мельдоний) sei eine hoch qualitative, sichere und effiziente Medizin. Das Medikament ist frei erhältlich und erfreut sich breiter Anwendung in der klinischen Praxis. Das Mittel sei lediglich therapeutisch anzuwenden, verteidigt sich der Hersteller, verbessere aber nicht die sportliche Leistung. Daher steht auch in den Grindex-Packungsbeilagen nicht "vermeiden Sie das Mittel, wenn Sie Leistungssport betreiben", sondern es wird lediglich vor Einnahme im Fall von Nieren- oder Leberdisfunktion gewarnt, abgeraten wird Schwangeren und Kindern unter 12 Jahren.

Kränkelnde Helden
Hajo Seppelt, bereits seit Jahren in Sachen Doping recherchierender WDR-Journalist, sieht die Sache kritischer. Filme wie "Geheimsache Doping" versuchen nachzuweisen, dass in vielen Ländern der Welt systematisches Doping an der Tagesordnung ist. Mildronat wurde eigentlich vor allem bei Fällen von Angina pectoris und Herzinfarkt vorgesehen. "Es ist immer wieder erstaunlich, wie krank die Sportler sein wollen, wenn es an die Beichte nach Dopingfunden geht", argumentieren die Dopinggegner (Scharapowa hatte die Verwendung u.a. damit begründet, sie leide unter einer chronischen Gruppe-Anfälligkeit, und ih ihrer Familie gäbe es einige Diabetes-Fälle (siehe "nolympia"). Eine sachliche Darstellung versucht die "Deutsche Apotheker-Zeitung" - die Schlußfolgerung ist aber auch hier klar: "Doper wollen mit Meldonium ihre Belastbarkeit erhöhen und die Regeneration verbessern." Für den medizinischen Einsatz zugelassen seien die Mildronate außer in Lettland und Russland auch in der Ukraine, Georgien, Kasachstan, Aserbaidschan, Belarus, Usbekistan, Moldawien und Kirgisistan.

Ein Effekt der neuen Bekanntheit der Substanz wird aber von Gegnern wie Herstellern nicht verschwiegen: der Absatz von Mildronat ist seit der Presseberichterstattung erheblich gestiegen - was ja nicht gerade für massenhaft medizinisch korrekte Verwendung spricht.

Aber manche Letten sehen sich offenbar durch die Negativ-Schlagzeilen bei ihrer persönlichen Ehre gepackt. "Je suis Mildronāts!" verkündet Lettlands Ex-Wirtschaftsminister Vjačeslavs Dombrovskis gegenüber der Tageszeitung "Diena". Nun ja, Merkwürdigkeiten und individuelle Alleingänge bietet die lettische Politikszene ja reichlich - aber ein Dopinghersteller zu verteidigen, wie andernorts Terroropfer?

Empfehlungen vom Erfinder
Um das zu verstehen, muss man Biochemiker Ivars Kalviņš kennen, der Mann, der Mildronāt erfand. Dazu müssen Interessierte sogar im deutschsprachigen Internet nicht weit suchen: 2015 war Kalviņš für den Europäischen Erfinderpreis nominiert (in diesem Fall steht EPO nicht schon wieder für eine Dopingsubstanz, sondern fürs "European Patent Office"). Und wofür sollte er belobigt werden? Genau, für nichts anderes als für "Mildronāts" (in der Kathegorie "Lebenswerk" übrigens). Allerdings hat der Lette, derzeit Leiter des lettischen Instituts für organische Syntghese (Organiskāssintēzes institūta - OSI), auch noch andere wichtige Dinge erfunden: das Krebsmedikament Belinostat, das Neuroprotektivum Neramexan, oder den Entzündungshemmer OX-MPI. Über Meldonium / Mildronāt ist hier zu lesen: "ein hochwirksames Medikament gegen Herzerkrankungen. Mildronat wird vom lettischen Pharmaunternehmen Grindeks hergestellt und vertrieben und gehört zu den erfolgreichsten medizinischen Exportprodukten Lettlands: Mildronat erzeugte 2013 einen Exportumsatz von rund 60 bis 70 Mio. EUR und macht 0,6 bis 0,7 % der lettischen Gesamtexporte aus." Also: warum auch nicht stolz sein - jedenfalls für den Fall, wo wirklich Kranken geholfen werden kann. So wie auch das "Handelsblatt" vor einigen Monaten schrieb: "Über 900 Patente hat Ivars Kalviņš im Laufe seines Lebens angemeldet. Alle dienten einem Ziel: Leben zu retten. Die von ihm entwickelten Medikamente helfen heute beim Kampf gegen einige der gefährlichsten Erkrankungen."

Und auch andere sind nun eifrig auf der Suche nach Herrn Professor Kalviņš. "Mildronāt sollte man empfehlen, nicht verbieten!" zitiert der staatliche russische Propagandakanal "Sputnik" den lettischen Wissenschaftler. Bereits 32 Jahre sei das Präparat auf dem Markt, der Stolz der lettischen Pharmazie. "Aber wir sind bereits dabei, etwas Neues zu entwickeln - noch 40mal effektiver als Mildronāt. Das wird dann wohl noch schneller verboten werden." Und "Sputnik" versucht Kalviņš auch gleich noch für die eigene These einzuspannen, hier laufe nichts anderes als eine "politisch gesteuerte Kampagne gegen Russland". Sein Präparat schütze Leistungssportler einfach nur in Phasen hoher Belastung, und seinen Schätzungen zufolge nutzen bis zu 18% aller Sportler Mildronāt - darunter sicher auch lettische. "Wenn ich Scharapovas Arzt wäre, ich hätte ihr Mildronāt verordnet," zitiert Sputnik. Diese These wird von anderen Medien noch erweitert: "Wenn Scharapowa das Mittel nicht genommen hätte, vielleicht hätte sie ihre Karriere dann bereits vor fünf Jahren beendet!" (International Business Times)

Nun ja, dass Pharmahersteller immer schon gerne Ärzten Empfehlungen geben wollen, was sie zu verschreiben haben - das kennen wir nun wirklich auch aus Deutschland. Interessant ist in diesem Zusammenhang die so ganz nebenbei gegebene Information, die regelmäßige Nutzung von Mildronāt sei auch im Militär weit verbreitet (angefangen mit der russischen Intervention in Afghanistan - aber inzwischen nicht nur in Russland!).
Neue Devise also: wenn Du schon ungesunde Dinge tun musst, und ungesund viel an Belastungen dir zugemutet werden - nimm ne Tablette, Augen zu und durch!

8. Februar 2009

Lettische & deutsche Demokratie

Nachdem in diesem Blog in der vergangenen Woche schon so viel darüber diskutiert worden ist, ob in Lettland demokratische Strukturen existieren, oder ob die Demokratie überhaupt die wünschenswerte Staatsform ist, möchte ich nun auch ein paar Gedanken dazu beitragen. Die Teilnahme am Kongreß "Demokratie wagen" der Heinrich-Böll-Stiftung hat mich dazu angeregt. Dieses Motto ordnen die Westdeutschen natürlich Kanzler Willi Brandt zu, am Beginn seiner Regierungszeit. Inzwischen gibt es ja auch schon andere Zwischenrufe wie "mehr direkte Demokratie wagen" (Volksabstimmungen sind gemeint) oder auch die Unkenrufe, man sei schon in der "Postdemokratie" angekommen, wo nicht so sehr Wählerentscheidungen wichtig sind, sondern Expertenkommissionen und Lobbygruppen (Colin Crouch). Ein paar Gedankensplitter des Nachdenkes über Demokratie möchte ich hier posten - zunächst mit Schwerpunkt bei den Thesen des Politikwissenschaftlers Claus Offe.

Was ist Demokratie?
"Demokratie findet in Staaten statt", so stellt Claus Offe fest. Klingt simpel, aber zu den weiteren Grundbedingungen zählt er, dass diese Staatlichkeit weder durch äußere noch durch bestimmte innere Kräfte dominiert werden darf. Die schlicht klingende logische Auswirkung für Lettland: die Existenz eines unabhängigen, lettischen Staates ist als Grundvoraussetzung unverzichtbar. Aber auch: die Existenz einer bloßen ethnischen Gruppe reicht nicht allein - weder für die Letten vor 1990, noch für die russischstämmige Minderheit heute.

Offe weiter:

"Demokratien sind immer potentiell suizidale Regimeformen" - Der Deutsche denkt an 1933 - der Lette an die Gegenwart?

"Alle Demokratien sind Nachfolgeregimes" - Hier erinnert Offe daran, dass keine Gesellschaftsform gleich zur Demokratie als Versuch des Ausgleichs der Interessen und der Mitsprachemöglichkeit findet. Vielleicht ein Trost für das lettische Selbstwußtsein, wird man doch von bestimmten Kreisen immer mit Begriffen wie "Nachfolgestaaten der SU" oder "Post-SU-Staat" belegt.

"Bürger können nur die Rechte wahrnehmen, die sie wahrnehmen KÖNNEN"
. Hier wird den Staatsbürgern Trost zugesprochen: ein Regime wird nicht allein dadurch demokratisch, dass Rechte verkündet werden, die in der Praxis nicht wahrnehmbar sind (Beispiel: wenn Menschen, die ihre Meinung kundtun, auf offener Straße erschossen werden, und der Staat nichts unternimmt, um die Meinungsfreiheit zu schützen).

"Nicht einfach der TINA-Logik folgen"
- Die These oder Behauptung "There is no alternative" (abgekürzt "TINA") führt nicht zu Demokratie. Wenn die Alternative nur gleich 1 ist, ist die Demokratie = 0.

"Die Macht muss zur Verantwortung zu ziehen sein"
. Gut, manche denke da nur an Wahlen alle 4 oder 5 Jahre, aber immerhin ist die Veraussetzung, dass es auch Wahlalternativen gibt, Opposition, oder mehr als Alternative = 1 (wenn also jetzt etwa das lettische Parlament entlassen würde, was dann?). Gleichzeitig äußert Offe übrigens seine Zweifel an Volksabstimmungen: für die Umsetzung der hieraus zu ziehenden Schlußfolgerungen könne ja niemand zur Verantwortung gezogen werden, wenn sich nur auf einen unbestimmten, per Momentaufnahme eingefangenen "Volkswillen" berufen wird.

"Folgen post-demokratischer Tendenzen" - Offe nennt als Beispiele aus Deutschland auch "Präsidialisierung" (Regierungschef mit "Alleinvertretungstendenzen" wie Gerhard Schröder), oder "Medienstrategien im Dienste der Macht". Die Auswirkungen bei den Staatsbürgern sind aber klar: Apathie, Mißtrauen, Zynismus, Enthaltsamkeit gegenüber politischer Mitwirkung.

"Beispiele demokratischer Innovationen" - Offe tritt für das freie Nachdenken über Änderungen der bisherigen Demokratieformen ein. Beispiele:
a) Einführen einer "NOTA"-Alternative. Das heißt, auf dem Wahlzettel gäbe es eine Ankreuzmöglichkeit "non of the above" (keine der obigen Aufgeführten). Vielleicht würde dies den Grad der Unzufriedenheit mit dem politischen Personal spiegeln, aber gleichzeitig die politische Beteiligung sichern? Im Internet ist bereits eine entsprechende NOTA-Initiative zu finden. Oder
b) Jeder Wähler hat nicht eine, sondern 100 Stimmen. Würden sich dann Schwankungen und Zwischentöne von verschiedenen politischen Konzepten besser abbilden lassen, wenn ich z.B. 10 Stimmen der Partei A, 30 Stimmen Partei B, und 60 Stimmen Partei C zuweisen könnte?
c) Repräsentationsgutscheine. Gegen die weit verbreitete Politikerunsitte, zu behaupten "ich bin demokratisch gewählt, ich repräsentiere auch sie - was wollen sie also noch?" Einen Großteil der Steuern abschaffen, dafür jedem Bürger die freie Wahl lassen, seine jedem in gleicher Höhe gewährten Zuwendungen in freier Wahl unter den ca. 800 beim Bundestag (beim lettischen Finanzministerium) registrierten Interessenorganisationen frei zu verteilen?
d) Elternwahlrecht. Eltern bekommen so viele Stimmen mehr, wie sie Kinder haben (= Betonung der Zukunftsfähigkeit der Demokratie).

Sicher gibt es noch mehr gute Ideen. Die auf dem erwähnten Kongreß anwesenden Politiker äußerten übrigens teilweise eher Unbehagen gegenüber so viel "Pessimismus", wenn die gegenwärtigen verfügbaren Formen demokratischer Teilhabe diskutiert werden. Aber erinnert uns das nicht an den üblicherweise einer Eltern-Generation zugeschriebenen Spruch: "Wir wollten doch immer nur euer bestes!" Darauf die selbstbewußte Antwort: "Aber wir geben es euch nicht!"
Irgendwo zwischen "Parlament komplett nach Hause schicken", "nicht mehr wählen gehen" und Moralpredigten über den ideelen Wert der Demokratie muss es doch noch mehr geben! Jedenfalls wird es mehr sein müssen, als das bloße Einführen von "E-Demokratie" - über die Begeisterung an technischen Neuerungen hinaus bedarf es auch mehr Möglichkeiten von Partizipation der Bürger/innen an politischer Entscheidungsfindung (wohl gemerkt: BEVOR politische Funktionsträger Entscheidungen fällen!).

7. April 2008

Beliebte und unbeliebte Professoren

Ein Chemieprofessor ist dieses Jahr an der Spitze der Beliebtheitsskala - die Lettlands Universität in Riga, manchmal auch bekannt für leichte Reformmüdigkeit, richtet jedes Jahr eine Umfrage unter Studierenden aus, nach der ein "Lieblingsprofessor" oder eine "Lieblingsprofessorin" benannt werden sollen.

 Die meisten Stimmen erhielt diesmal ein Vertreter der Natur- wissen- schaften: Andris Zicmanis ist Professor der Chemie, bereits 67 Jahre alt, studierte selbst in den 60er Jahren an der RTU Riga, später in Moskau, und erlangte seinen Professorenstatus auf dem Höhepunkt der Unabhängigkeitsbewegung: 1990.

Mehr als 150 Professoren arbeiten an der Lettischen Universität, mehr als 1800 Studierende beteiligten sich am Beliebtheitscontest, der seit 2006 durchgeführt wird. Unter denjenigen mit den meisten Stimmen war auch wieder Vorjahressieger und Professor für Geschichte und Philosophie Gvido Straube.
Bewertungskriterien der Umfrage waren: Qualität der Vorlesung, der Arbeit in Laboratorien, bei Exkursionen, das Vermögen des Lehrenden Interesse für sein Thema zu wecken, sowie auch die Form von Prüfungen und Tests.

Weit weniger beliebt gemacht hat sich Aivars Āboltiņš, Mathematikprofessor an der Landwirtschaftlichen Universität in Jelgava. Inzwischen soll sein Arbeitsvertrag bereits beendet worden sein, denn es war eine staatsanwaltliche Untersuchung gegen ihn durchgeführt worden wegen des Verdachts der Vorteilsnahme - will heißen, er nahm Geld für gute Bewertungen bei studentischen Tests und Abschlußarbeiten. Bis zu 270 Lat (405 Euro) habe er für ein bestandenes Examen entgegengenommen, so die Anklage seitens des lettischen Anti-Korruptionsbüros KNAB (Quellen: LETA, "Izglitiba un Kultura").