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7. Dezember 2015

Vairas Revival

Die Vergabe des Hannah-Arendt-Preises ist in der Regel eine sehr seriöse Veranstaltung. Seit 1995 wird dieser Preis verliehen - mit dem Zusatz "für politisches Denken" versehen. Die ungarische Philosophin Agnes Heller hat ihn bekommen, der deutsch-iranische Schriftsteller und in diesem Jahr auch Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani, auch der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch. 2005 war es Vaira Vīķe-Freiberga, damals noch als Präsidentin Lettlands im Amt.

Vaira Vīķe-Freiberga, Imants Freibergs - im
Gespräch mit Antonia Grunenberg
Als sie am 16. Dezember 2005 im Festsaal des Bremer Rathauses ihre Dankesrede hielt, konnte sie nicht sicher sein, wie viel der deutschen und der bremischen Öffentlichkeit über Lettland bekannt war. Zudem sagte sie damals, fast entschuldigend, sie sei den größten Teil ihres Lebens kein besonders politisch denkender Mensch gewesen - bis Lettland wieder frei und unabhängig wurde (siehe Preisträgerrede). Die Preisverleihung war damals fokussiert auf zwei Hauptthemen: die Ambivalenz des 8.Mai 1945, für die einen Tag der Befreiung, für die anderen - wie Ralf Fücks es in einem Grußwort formulierte - "geprägt durch die Doppelerfahrung von nationalsozialistischer und stalinistischer Herrschaft". Als zweites Thema redete 2005 natürlich jeder von Europa - und von Vīķe-Freiberga als große Mentorin der Europa-Orientierung ihres Landes. Außerdem war noch nicht ganz verklungen, dass Vīķe-Freiberga damals am 9.Mai als einzige der drei baltischen Präsidenten nach Moskau fuhr und die Einladung Putins zur Ehrenparade annahm.

Am 4.Dezember 2015 waren Heller, Kermani, Andruchowytsch und Vīķe-Freiberga erneut im Bremer Rathaus anzutreffen - zum 20.Jubiläum der Gründung des Hannah-Arendt-Preises hatte der Trägerverein, der Senat der Hansestadt, zusammen mit Heinrich-Böll-Stiftung und Institut Francais zum sortierten Nachdenken eingeladen, unter dem etwas reißerischen Titel "Welt in Scherben".

Dany Cohn-Bendit, György Dalos, VVF, Juri Andruchowytsch
Im Verlauf zeigte sich, dass auch 10 Jahre nach der Erweiterung von EU und NATO noch immer Kommuni-kationshilfen nötig sind zwischen Ost und West. Auch wenn sich die lettische Ex-Präsidentin zunächst aufgeräumt und locker zeigte. In Zeiten, wo wieder große Flüchtlingsströme durch Europa ziehen, begann "VVF" nur allzu gern bei ihren Erfahrungen als lettischer Flüchtling in Deutschland; sie bat das Bremer Publikum um Verständnis, wenn "diese alte Dame" so eine "Kindersprache" spreche, was ihre Deutschkenntnisse angehe. "Ich bin im Jahre 1945 mit 7 Jahren in Deutschland angekommen, und im Alter von 11 Jahren sind wir damals nach Marokko und später nach Kanada gegangen. Mein Wortschatz ist leider nicht auf derselben Ebene wie mein Verständnis von Deutsch."

Frisch im Amt, zum ersten Mal Gastgeber anläßlich des
Hannah-Arendt-Preises: Bürgermeister Carsten Sieling
"Was ich als Kind gesehen habe, war nur Krieg, und Macht, und nicht Recht," gibt Vīķe-Freiberga zu Protokoll. Es gibt Erinnerungen, die sie bis heute prägen, und offenbar hindert sie nichts, den Deutschen von Deutschland zu erzählen: "Wenn wir heute von einer schwierigen Situation sprechen - direkt nach dem Krieg galt das besonders für Deutschland. Vom Flüchtlingslager in Lübeck sind wir mit dem Zug nach Hamburg gefahren, und ich habe gefragt: wann kommen wir endlich an? Die Antwort war: seit einer halben Stunde fahren wir schon durch Hamburg."

Ihr Fazit: "Das einzige, was ich schon immer gewußt habe ein Recht darauf zu haben ist, Lettin zu sein." Solch ein Satz erweckt erst Beifall unter den deutschen Zuhörern als sie fortfährt: "Die Letten sagten zu mir 'Ja, du bist eine von uns!' - allerdings auch der König von Marokko. Als ich dort einen Staatsbesuch machte, wo wir einmal in Marokko gewohnt hatten, da warteten Tausende von Menschen, und auch sie sagten: 'Wir sind so froh, das einmal eine von uns Präsidentin eines anderen Landes werden konnte!' "

Distanz zum Nationalstolz, eine der Grundvoraussetzungen offenbar für das, was sich in Deutschland ein "kritisches Bewußtsein" nennt. Andererseits war diesmal weder Lettlands sehr zögerliche Haltung zur aktuellen Flüchtlingsproblematik, noch die Frage des Zusammenlebens von Letten und Russen ein Thema. Dany Cohn-Bendit, keiner der Ex-Preisträger, aber geladener Podiumsgast zum Thema "Menschenrechte versus Selbstbestimmungsrecht der Völker" (Zitat: "Ich leide an Europa"), fühlte sich offenbar berufen genug um Frau Präsidentin zu ermahnen, den lettischen Anteil am Holocaust an den Juden stärker kritisch zu beleuchten. Eigentlich auch in Lettland kein Tabuthema mehr - und noch 2005 (anläßlich der Bremer Preisverleihung an die Präsidentin) hatten sich sowohl die jüdische Gemeinde in Riga wie auch Margers Vestermanis, Historiker und Holocaust-Überlebender, positiv zu Vīķe-Freiberga's Initiativen zur Aufarbeitung von Nazi-Herrschaft und Holocaust geäussert.

An dieser Stelle fehlte es Frau Ex-Präsidentin etwas an "Centenance", wie man vielleicht sagen könnte. Etwas gar zu verbissen meinte sie nun den  "roten Dany" als "Marxist" entlarven zu müssen - was dieser lachend, die Publikumsgunst auf seiner Seite wissend, zurückwies. Kein Paradebeispiel hoher Diskussionskultur - und wie viel Cohn-Bendit abseits der allgemeinen Schlagzeilen wirklich von Lettland weiß - oder sich überhaupt für dieses Land interessiert - blieb ebenfalls offen. Vīķe-Freiberga verstieg sich noch darin, Cohn-Bendit auf die jüdische Beteiligung am Stalinistischen Regime 1939/40 hinweisen zu wollen - hier wurde es fast peinlich, hatte sie doch noch in ihrer eigenen Amtszeit die lettische Historikerkommission ins Leben gerufen, welche die Verbrechen der beiden totalitären Regime in Lettland aufarbeiten soll; über Gerüchte und Verleumdungen gegen Juden ist in den seither jedes Jahr regelmäßig publizierten Kommissionsberichten genügend nachzulesen. Einem schräges Argument ist eben nicht mit einem noch schrägeren Argument zu begegnen - in sofern war der 4.Dezember im ex-präsidialen Tagebuch sicher kein Termin qualitativ hochstehender Diskussion über Lettland damals und heute.

Sehr wechselhaftes Diskussionsniveau also im Bremer Rathaus - der Abstand zur lettischen Innenpolitik ist offenbar nicht so groß; noch nach dem Rücktritt des damaligen Regierungschefs und jetzigem EU-Kommissars Valdis Dombrovskis gab es eine in Umfragen merkbare Anzahl Menschen, die Vaira Vīķe-Freiberga auch als Regierungschefin für tauglich halten - wohl angesichts des Angebots an sonstigen Alternativen. Zwei Tage nach der Bremer Veranstaltung trat in Lettland Laimdota Straujuma zurück. Nein, die immer noch parteilose Ex-Präsidentin wird wohl kein Allheilmittel sein, solange es in Riga vor allem um interne Ränkespiele geht.

19. Oktober 2010

Rigatag, Bremisch gefeiert

Jubiläen sind dazu da gefeiert zu werden. Durchaus soll es welche geben, deren Vorhandensein man lieber veschweigt - je nachdem, ob es politisch opportun ist sie zu feiern. 2010 ist es opportun. Schon 20 Jahre deutsche Einheit wurde bundesweit gemeinsam in Bremen gefeiert, ein Projekt, das weit über das eigentliche Veranstaltungsdatum am 3.Oktober hinausreicht: fast jede bremische kulturelle Einrichtung, die was auf sich hält, hat zeitlich breit über den ganzen Herbst gestreut etliche Ausstellungen und Veranstaltungen initiiert - wohl um damit bessere Chancen auf bewilligte Finanzanträge zu haben. Feiern im Ost-West-Maßstab hat also diesen Herbst in Bremen Konjunktur. 

Blick zurück
Da passt irgendwie auch die Städtepartnerschaft Bremen-Riga ganz gut ins Bild; zumindest stört sie nicht. Es gab auch schon mal andere Zeiten - doch wie auch schon der Bremer Bürgermeister Jens Böhnsen (Jenss Bērnzens) bei seiner Ansprache anläßlich eines Empfangs für die Delegation aus Riga richtig sagte: "Vor 25 Jahren konnte sich ja kaum jemand vorstellen, was jetzt möglich ist. Heute sind wir Partner in einem gemeinsamen Haus Europa."
Nicht alle runden Jubiläen passen immer so gut in die sie umgebenden Zeiten. Als die Bremisch-Rigensische Kooperation 5 Jahre alt war, schloß der Unterzeichner der Partnerschaftsurkunde, der heutige EU-Abgeordnete Alfred Petrowitsch Rubiks, einen Pakt mit den Anti-Gorbatschow-Putschisten in Moskau und verdarb es sich damit mit der großen Mehrheit der Einwohner Lettlands. Die Bremer Partner, damals noch der Bremische Zweig der Deutsch-Sowjetischen Freundschaftsgesellschaft, rieb sich verwundert die Augen ob des Zwischenergebnisses des gescheiterten Putsches: Lettland erklärte sich nunmehr endgültig für unabhängig, und die Partnerschaftsurkunde - die noch zwischen einer säuberlich ausgewählten deutschen und einer sowjetischen Stadt geschlossen wurde - musste umgeschrieben werden. Doch konnte man diesen Letten trauen, die damals ausgerechnet Nationalstolz und wieder zu errichtende Grenzen auf die Agenda hoben? Mancher Bremer Partnerschaftsgründer war sich da nicht so sicher. "Draugs Alfreds" saß inzwischen in einem lettischen Gefängnis, und plötzlich war der Besuch einer West-Delagation im Osten auch nicht mehr etwas so Sensationelles wie noch kurz zuvor.

Visionen, Vorreiter und Nachwirkungen
Deutsche traten in dieser Zeit noch nicht als mutige Investoren lettischer Projekte auf - eher schon als Absender von Spenden und humanitärer Hilfe aller Art. West hilft Ost: 20 Jahre später ist keiner der Bremer Wohlfahrtsverbände mehr in Riga aktiv. Liegt es daran, dass nur gut ankommt, wer auch Geld ausgeben kann?
Geld gut anlegen, dass konnte der Bremer Immobilienunternehmer und Ex-KPD, FDJ- und DKP-Aktivist Klaus Hübotter schon immer, etliche Bremische Bauprojekte der Neuzeit zeugen davon. In den 90er Jahren schien sein Projekt des "Hotel de Rome" fast wie eine edle Insel inmitten der blau-weißen Bauzäune der polnischen Restaurationsfirmen in Riga zu sein. Oft genug sah man Bremische Delegationen als Ehrengäste zwischen Hotel und dem berühmt-berüchtigten "Jever-Bistro" (heute: "Fridays") pendeln - an beiden Orten brauchte man damals weder Fremdsprachen noch Fremd-Währungen. 1995 fiel das Richtfest des 2.Hotelprojekts ("Konventa sēta") mit dem 10-jährigen Städtepartnerjubiläum zusammen, da passte das Feiern gerade wieder gut in die Zeit. Es kam sogar ein eigenes Bremer Fernsehteam angereist, und Henning Scherf knutschte alle die nicht rechtzeitig aus dem Weg gingen.
Heute hat auch Hübotter seinen Ausstieg aus dem Hotelprojekt vollzogen: über vergangene günstige Zeiten läßt sich besser plaudern als über schwierige Verhandlungen mit übermütigen neureichen Letten-Firmen. Das Bremer Fernsehen hat seinerseits in Bremen inzwischen ein schönes neues warmes Studio bezogen und beschränkt sich zum 25. auf die Wiederholung historischer Architekturfilmchen. Und auch über das mehr als drei Jahre in Riga zwischenzeitlich existierende "Hansekontor" in der exklusiven Smilšu iela in Riga verliert heute kein Bremer mehr ein Jubiläumswort: da ist es auch beinahe schon egal, ob es in den 90er Jahren eher peinlich oder einfach nur erfolglos zuging. 

War's früher besser?
Als die 90er Jahre zu Ende gingen, waren oft Sprüche zu hören wie "in den 80er Jahren war es aber doch schöner" (von Bremischer Seite! Gemeint war der Menschenauflauf und die öfffentliche Aufmerksamkeit beim Besuch der Wessis). Auch 1998 und 2001 waren wieder "Feierjahre." Während an die "Bremen Tage in Riga" von 1998 sich vielleicht in beiden Städten keiner mehr erinnert, konnte sich Bremen 2001 ein wenig an die großen 800-Jahrfeiern in Riga anhängen: da waren die Gästedelegationen noch zahlreich, allein schon wegen den großen Gruppen von Jugendorchestern und Sportlerdelegationen. Als 2002 in Tallinn beim Gesangswettbewerb der Eurovision der lettische Beitrag gewann, war wenigstens Corinna May aus Bremen vor Ort: sie wurde 21., ob sie der Siegerin in Bremischem Auftrag gratuliert hat ist nicht überliefert. 
Als die Eurovision 2003 dann in Riga stattfand überlegte Radio Bremen kurz eine Live-Sendung aus der Partnerstadt, strich es aber schnell wieder. Ob Bremer  2004 in Riga mitgefeiert haben, als Lettland in die EU aufgenommen wurde, oder ob die deutschen Partner eher froh waren, dass die Arbeitnehmerfreizügigkeit erst 2011 kommen soll, dazu ist ebenfalls nichts aus dem Schwesternschafts-Innenleben bekannt geworden. Die Bremischen Häfen kooperierten derweil eher still und leise, wenn auch mit Schwerpunkt eher im baltischen Schwesterstaat Litauen. 

Jetzt also wurde wieder gefeiert - am 16.Oktober, einem bisher im Partnerschaftsalltag eher weniger geschichtsträchtigen Datum. Wenn es sonst um Geschichte geht, ist den Bremern einerseits ihre Unterstützung für die Überlebenden des Holocaust in Lettland und der Kontakt zur jüdischen Gemeinde in Riga wichtig; der Historiker Margers Vestermanis wurde ebenso im Bremer Rathaus schon geehrt und ausgezeichnet wie die ehemalige lettische Präsidentin Vīķe-Freiberga und die Buchautorin Sandra Kalniete, alle drei wohl auch wegen ihrer klugen Aktivitäten um Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln aufzuarbeiten. Geschichtsaufarbeitung betreibt auch der Bremer "Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge" vor allem mit regelmäßigen Jugendcamps in Lettland (plus lettischer Beteiligung bei anderen Workcamps des Volksbunds).

Jubiläum schon Geschichte
Im Rigaer Geschichtsbuch mit der Seite "Oktober 2010" sind nun auch drei "Riga Tage in Bremen" verzeichnet - die Rigaer Seite rechnete dabei in ihren Pressemeldungen offenbar eher die Dauer des Aufenthalts ihrer Delegation zusammen als die Dauer der Veranstaltungen (denn die Dauer verschiedener Ausstellungen kann ja wohl nicht gemeint sein). Wenigstens die Bilanz der zum Jubiläum in Bremen in den Vordergrund gehobenen kulturellen Themen fällt aber ganz ermutigend aus: Im September erzeugte eine Ausstellung Bremischer Kunst in Riga für mindestens ebenso viel Aufsehen unter Kulturinteressierten wie jetzt das Gegenstück von immerhin 18 verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern aus Riga in der Städtischen Galerie in Bremen. Wer 25 Jahre zurückblicken mag, wird auch zwei Bremische Kulturhäuser nicht vergessen wollen: das Bürgerhaus Mahndorf (mit vielen Ausstellungen und Einzelveranstaltungen) und das Bürgerhaus Weserterassen (zuletzt mit einem Bremisch-lettischen Jugendmusical). Und wer lieber genau am 16.Oktober feiern wollte, der wird das Konzert des Bremer Jugendsymphonieorchesters in der Bremer Glocke als besonderen Höhepunkt empfunden haben - auch wegen der herausragenden Solopartien in Schumanns Klavierkonzert a-moll von Pianotalent Arturs Cingujevs aus Riga.

Wie lange all dies im Gedächtnis bleibt, und vor allem wie groß die Chancen für Bürgerinnen und Bürger aus beiden Städten ist, auch abseits von Jubiläen Hilfe und Unterstützung ihrer Stadtoberen für Kooperationsprojekte zu bekommen, muss abgewartet werden. Allzu beliebt ist der Spruch "beim Geld hört die Freundschaft auf", und ob die Bremer die per Billigflieger einreisenden Letten 2011 eher als potentielle Billiglohnarbeiter oder als wertzuschätzende Touristen sehen wollen, wird man sehen. Vielleicht kann sich Lettland etwas von der deutschen ökonomischen Stabilität ausborgen und daheim wieder mehr Arbeitsplätze schaffen. Und vielleicht könnte sich in Bremen die Sensibilität für kulturell und historisch verschiedene Perspektiven anderer Länder auch abseits jeden Kommerzialisierungsgedankens mehr im Alltag zeigen.

5. November 2009

Je vote pour Vaira!

Wählen Sie eine Frau! 
Nun gibt es auch die Internetseite zur Kampagne - oder umgekehrt?
Mit der Absenderadresse >jevotepour[ät] unepresidentepourleurope.eu< werden gegenwärtig Emails verschickt, die auf eine Seite einer Internetdienstleistungsfirma in Frankreich verweist. Dort wiederum wird zur Unterzeichnung einer Petition aufgerufen, die sich für Vaira Vike-Freiberga als Präsidentin des Europäischen Rats einsetzt (une presidente pour leurope).

"Aber anlässlich Ihrer Kandidatur für den UN-Spitzenposten gab es das doch auch!" werden Sie jetzt vielleicht sagen. Richtig, damals gab es ähnliche Aufrufe, ebenfalls mit Koordination in Frankreich. 

Leider verrät die gegenwärtige Kampagnenseite in ihren drei verfügbaren Sprachen nichts über die Initiator/innen - das ist leider anders als damals. Unter "Kontakt" wird lediglich ein allgemeines virtuelles Kontaktformular angeboten, und wer sich für den Betreiber der Seiten interessiert, erfährt auch nicht mehr das es die Firma DIGIPLACE in Frankreich ist.

Schade, ich hatte eigentlich gedacht, dass sich niemand verstecken muss, der sich für eine international anerkannte Frau, Ex-Präsidentin, Vermittlerin in vielen Streitfragen einsetzt, die in mehreren sehr unterschiedlichen Ländern der Welt gelebt hat, und so oft das Verbindende und Menschliche gesucht und betont hat, dass die Menschheit weiterbringt in den wichtigen Kernfragen. Ich hätte mich gern für eine Kandidatin eingesetzt, die nicht erst betonen muss dass sie eine Frau ist, um sich als Kandidatin zu qualifizieren. So aber bleibt dieser Unterstützer/innenkreis vorerst unklar. Die entsprechenden Emails gingen heute von einem zur anderen. Leider nur mit anonymem Absender.

Aber halt! Da war doch noch was? Richtig, es gibt noch die Seite der "VVF Consulting GmbH", gegründet und betrieben von der Ex-Präsidentin selbst. Hier finden sich in englischer, französischer und lettischer Sprache Neuigkeiten zu ihren neuesten Aktivitäten - und auch tatsächlich ein Link zur erwähnten Kampagnenseite. 

Was sich hier auch findet (links unten auf der Seite): Ein offen zugängliches Statistiktool der Firma "Sitemeter" (Los Angeles), das aussagt, dass die Erfassung dieser Seite im Juni 2009 begonnen wurde und in letzter Zeit stark ansteigende Zugriffszahlen aufweist. Waren es im gesamten September noch 427 Leser/innen, im Oktober bereits 934, so sind es in den ersten fünf Novembertagen bereits 583 Interessierte (gestern 226, heute bis 17 Uhr bereits über 280). Was dort ebenfalls ersichtlich ist (denn das Stitistiktool ist nicht per Passwort geschützt): über 90% der Leser/innen kamen von der Kampagnenseite "www.awomantoheadeurope.eu", 35% kommen aus Lettland, der Rest aus allen Ländern der Welt (ca. 6% aus Deutschland). 
So gesehen - eine gelungene Kampagne. Schade wäre nur, wenn der Eindruck haften bliebe, sie sei lediglich selbst inszeniert, und rein virtuell. (die Fotos entstammen der Kampagnenseite einepraesidentineuropas.eu)

Lesen wir noch ein wenig weiter bei "VVF-Consult". Hier steht ein wenig mehr über das, was Vike-Freiberga selbst für wichtig hält bei ihrer Kandidatur. Dort ist Folgendes aufgeführt:

- die symbolische Wert, eine Frau als Kandidatin aufzuführen

- Vike-Freiberga als Mediatorin

- Vike-Freibergas Land, Lettland, als eine Nachricht der Hoffnung: Europa kann alles erreichen!

- Politische Ausgewogenheit, unabhängig von Parteien

Na, mal schaun, wie weit es trägt. Vielleicht gibt es ja noch mehr Argumente?

Ergänzung (5.11.09)
Inzwischen gibt es zwei unterstützende Presseartikel zur Kampagne
Dagens Nyheter (5.11.09, schwedisch): Låt henne leda EU

European Voice (5.11.09, englisch):  Thank you, Doña Quixote, for seeking the presidency

Ergänzung (7.11.09)
Auch die lettische Zeitung DIENA ist inzwischen mal drauf gekommen, Vike-Freiberga mal nach der "Webseite ihrer Unterstützer/innen" zu fragen (6.11.). Antwort: Gegenwärtig habe man nicht vor, die konkreten Namen dieser Unterstützer/innen zu veröffentlichen. Vike-Freibergas Sprecherin Daina Lasmane sagte, auf die Seite www.awomantoheadeurope.eu angesprochen, man wisse von der Seite und habe auch Fotos zur Verfügung gestellt. Vike-Freiberga sei aber nicht selbst die Betreiberin. "Das ist eine Seite, von der wir wissen", so Lasmane. Es seien "Menschen, die Frau Vike-Freiberga ehren und achten und als geeignete Kandidatin ansehen." Auf die Frage hin, wann denn die Namen dieser angeblichen "Bürgerinitiative" zu Gunsten von Vike-Freiberga öffentlich gemacht werden, bestätigte Lasmane lediglich, dass sie selbst die Initiator/innen auch schon danach gefragt, aber keine Antwort erhalten habe.

Ergänzung (19.11.09)
Folgende Nachricht ging heute an diejenigen, welche die den auf der Seite wiedergegebenen Aufruf zu Gunsten von Vike-Freiberga unterzeichnet haben: 
"Sie haben die Online-Petition unterzeichnet und so die Kandidatur von Vaira Vike-Freiberga für die Präsidentschaft des Europäischen Rates unterstützt. Vor der Versammlung des Europäischen Rates am Donnerstag, den 19. November, werden wir der schwedischen EU-Ratspräsidentschaft die Petition übergeben, damit sie vor dem Treffen der Staats- und Regierungschefs davon Kenntnis nehmen kann. Ihre Stimme wird somit wahrgenommen werden."
Die Absender bezeichnen sich auch an dieser Stelle weiterhin lediglich als "wir" - ohne anzudeuten, wer Absender und Handelnde sind. 

29. September 2006

Achtungserfolg für VVF

Wer erinnert sich noch an die mehr oder weniger geniale diplomatische Strategie der lettischen Präsidentin Vaira Vīķe-Freiberga anläßlich der Moskauer Siegesfeiern zum 60.Jahrestags des Kriegsendes? Anstatt in der "Schmollecke" der kleinen, wenig einflußreichen Länder dieser Erde zu bleiben, schaffte sie es, mit ihrer Teilnahme an den Moskauer Prunkparaden wochenlang im Fokus der Weltpresse zu bleiben, und damit kontinuierlich auf die eigenen Erfahrungen der baltischen Staaten aus dem 2.Weltkrieg hinweisen zu können. - Ein neues Kapitel ist nun die Kandidatur Vīķe-Freibergas für das Amt des UN-Generalsekretärs (deutsche Fassung der Rede zur Kanditatur hier). Am 28.September fand die (dritte) Probeabstimmung unter den 15 Mitgliedern des Weltsicherheitsrats statt. Hinter dem bisher aussichtsreichsten Kandidaten, dem südkoreanischen Außenminister Ban Ki Moon und dem indischen Schriftsteller Shashi Tharoor landete "VVF" mit 7 Pro-Stimmen auf Platz 3.

Einen Asiaten - oder eine Frau?

Damit hat Vīķe-Freiberga wohl schon das maximal Erreichbare möglich gemacht: mit Ihrer Kampagne "Wählen Sie doch mal eine Frau in Ihren Männerklub", verbunden mit ihren Argumenten für mehr Transparenz in der UN, hat sie offensichtlich diejenigen Befürworter gefunden, die nicht anderen Ränkespielen verpfichtet sind. Ihre Chancen wirklich durchzukommen in allen Wahlgängen werden von den meisten eher gering eingeschätzt (so z.B. Tagesschau). Aber das eine Lettin so weit kommen kann, eigenen Themen so weitreichend Gehör verschaffen kann, und deren persönliches Ansehen ebenso in weiten Teilen der Welt so unumstritten zu sein scheint - das ist doch schon mal ein zufriedenes Zwischenfazit wert! Vaira Vīķe-Freiberga äusserte sich, lettischen Medien zufolge, zufrieden mit dem bisher Erreichten. Sie dankte allen Unterstützer/innen ihrer Kandidatur - besonders den beiden Nachbarn Estland und Litauen - und meinte, die Argumente für ihre Wahl seien wohl doch für einige stark und überzeugend genug gewesen.

Stressige Bewerbung

Sorgen machen muss man sich vielleicht nur um den Stress, den so eine Kampagne jetzt schon mit sich bringt. Bei allen aktuellen Pressefotos (siehe Beispiele links) macht die lettische Präsidentin momentan scheinbar nicht mehr den sonst so souveränen und ausgeruhten Eindruck. Vielleicht ist ihr ja schon jetzt bewusst, dass gerade diese Phase der "Vorentscheidungen" von ihr die meiste Energie fordern würde. Am kommenden Montag wird dann in der nächsten Runde zum ersten Mal mit farbigen Stimmkarten abgestimmt - die fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrats werden mit Sonderrechten ausgestattet. Wer dann eine der farblich gekennzeichnten Stimmkarten von den USA, Russland, China, Großbritannien oder Frankreich gegen sich hat - scheidet aus dem Rennen aus. Interessant sind auch die vielfältigen bisherigen Stellungnahmen, die durch die lettische Kandidatur hervorgerufen werden. Die britische BBC bescheinigte der prominenten Lettin immerhin einen "kometenhaften Aufstieg" in der internationalen Politik. Einige Medien (NTV, Businessnews), schließen immerhin auch ein Veto Chinas gegen den Südkoreaner Ban nicht aus.

Erwartete und unerwarte Reaktionen

Interessant auch die Argumente, wie "sicher" angeblich ein Veto Russlands gegen die lettische Kandidatur ist. Deutsche Medien wie die TAZ weisen zurecht darauf hin, dass Vīķe-Freiberga absolut nicht zu den nationalistischen "Hardlinern" ihres Landes gezählt werden darf und sich schon mehrmals für die Berücksichtigung internationaler Menschenrechtsstandards in ihrem eigenen Lande eingesetzt hat - auch wenn es ihr vorübergehend zurückgehende Popularität unter ihren "Landeskindern" einbrachte. Anders die Reaktion der russischen NOWOSTI - wie gewohnt, denn hier werden die äusserst negativen Erfahrungen der Balten mit der erneuten Besetzung ihrer Länder durch die Rote Sowjetarmee 1945 notorisch als "merkwürdige Geschichtsauffassung" hingestellt. Umso süffisanter titelt nun das russische Zentralorgan: "Lettland erwartet russische Unterstützung". Da meint man doch, die Alt-Stalinisten und Sowjetromantiker in- und außerhalb des Kreml schon laut lachen zu hören ... Die lettischen Medien vermeldeten schon im Februar 2006 Äusserungen von russischer Regierungsseite, Russland werde niemals eine Kandidatur Vīķe-Freibergas bei der UN unterstützen. Aber zwischen "nicht unterstützen" und "nicht verhindern" könnten ja noch ein weites "diplomatisches" Feld liegen .... Voraussichtlich wird nur die Farbe der Stimmkarte am Montag verraten, ob sich jemand gegen die Kandidatur aus Lettland ausspricht. Mehr wohl vorerst nicht - und alles andere als dieses Ergebnis wäre dann doch eine große Überraschung.

Weitere aktuelle Presseberichte

Reuters 28.9.06 Reuters 27.9.06 BBC lettische Tageszeitung DIENA lettische Nachrichtenagentur LETA (lett.) lettische Nachrichtenagentur LETA (engl. Fassung) N-TV 29.9.06 russische Nachrichtenagentur NOWOSTI LETA zu Meldungen von NOWOSTI Russland-Online (NOWOSTI 1:1 unkommentiert zitierend) BusinessNews 29.9.06 DIE WELT (DPA zitierend) TAGESSCHAU 28.9.06 Financial Times Deutschland Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) 27.9.06 Frankfurter Rundschau online Hamburger Abendblatt 18.9.06 TAZ 18.9.06 Pressemeldung der Vereinten Nationen (UN) Rheinland-Pfalz-Online 16.9.06 DER STANDARD 15.9.06 Tagesanzeiger (Schweiz) online Erklärung von Vaira Vīķe-Freiberga zu ihrer Kandidatur (deutsche Textfassung) Der KURIER (Österreich) zitiert Kofi Annan, der sich für eine Frau als UN-Generalsekretärin ausspricht

27. September 2006

Kampagne: wählen Sie eine Frau als Kofi's Nachfolgerin

Vaira Vīķe-Freiberga, gegenwärtig noch lettische Präsidentin (ohne Möglichkeit der Wiederwahl), bewirbt sich nun offiziell als Kandidatin für das Amt des Generalsekretärs der Vereinten Nationen (engl. UN oder UNO abgekürzt). Über die realistischen Chancen, dass sich die Mächtigen der Welt auf diese Kandidatin einigen können, wird viel spekuliert. Angeblich richtet "Mann" sich normalerweise nach dem Prinzip einer schlichten "Rotation" unter den Erdteilen - worunter wohl nicht die Erdrotation gemeint ist - sondern die abwechselnde Besetzung des Amtes durch Männer aus den verschiedenen Erdteilen."Choose a woman for UN" heißt die jetzt losgetretene Kampagne, mit deren Hilfe offensichtlich Stimmung gemacht werden soll im Vorfeld der anstehenden Besetzung dieses weltweit repräsentativen Postens. In Englisch, Spanisch und Französisch wird dafür geworben, durch unterschreiben einer Petition sich für eine Frau an der Spitze der UN auszusprechen - etwa 10.000 Einzelpersonen haben das bis zum heutigen Zeitpunkt bereits getan. Der Urheber / oder die Urheberin der Kampagne ist dabei (leider) auf der entsprechenden Internetseite nicht klar erkennbar. Die lettische Präsidentin selbst wird es kaum sein - eine französische Firma zeichnet verantwortlich für das Design. Also französische "VVF"-Fangruppen?