Posts mit dem Label Landleben werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Landleben werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

2. Oktober 2026

Wenn dem Schulbus der Sprit ausgeht ...

Haltestellen-Info am 16.9.: Alles fällt aus
Kurz vor den Parlamentswahlen in Lettland hatten alle diejenigen ein besonderes Erlebnis, die am Mittwoch den 16. September einen Regionalbus nutzen wollten: obwohl es Verträge gibt, die zum Beispiel den Tranport von Schülerinnen und Schülern zu ihren Schulen absichern sollen, fuhren viele Busse nicht. Zwei Wochen vor den Wahlen organisierten die Personenbeförderungsunternehmen eine groß angelegte Protestaktion, für die nun eine Geldstrafe in Höhe von fast einer Million Euro zu zahlen ist.

Warten auf den Bus 

Hat sich das gelohnt? Ähnlich wie Journalistin Ilze Šķietniece in ihrem Beirag der Zeitschrift "IR" fragen sich das wohl auch viele der Betroffenen. Die Aktion "ein Tag ohne Regionalbusse" haben Schätzungen zu folge 40.000 bis 50.000 Menschen beeinträchtigt. Es beteiligten sich acht Verkehrsunternehmen, an nur einem Tag wurden 3200 Regionafahrten gestrichen - es war die bisher größte Protestaktion dieser Art in Lettland. 

Was die Transportunternehmen fordern ist eine jährliche Indexierung des Kilometerpreises; die bisher geschlossenen Verträge haben eine Laufzeit von 10 Jahren, aber innerhalb dieser Frist ist nur zweimal eine Preisanpassung vorgesehen. Schon im vergangenen Jahr hatte es eine ähnliche Protestaktion gegeben - die dauerte aber nur eine Stunde. "Seitdem hat sich nichts geändert", sagt Ivo Ošenieks, Vorsitzender des Verbandes der Personenverkehrsunternehmen. Damals hatte der Verband auch darauf hingewiesen, dass aufgrund Kürzungen im Streckennetz auch mehrere Millionen Euro an Einnahmen wegfallen.(db) Wäre die vorige Regierung Siliņa nicht gestürzt worden, hätte die Aktion schon im Sommer stattgefunden, meint er. Dem neuen Verkehrsminister habe man erst etwas Zeit geben wollen, sich in das Thema einzuarbeiten - aber mit den Wahlen habe die Streikaktion nichts zu tun, meint Ošenieks (IR)

Mehr Geld - oder intelligentere Konzepte?  

Noch kurz vor dem Streik hatte die Regierung Kulbergs beschlossen, weitere 9,85 Millionen Euro für die Aufrechterhaltung des öffentlichen Nahverkehrs bis zum Jahresende bereitzustellen (lsm). Der Protest fand trotzdem statt, Grund seien vor allem die stark gestiegenen Kraftstoff-Preise (in Deutschland gerne "Spritpreise" genannt). Die Transportunternehmen betonen, dass seit Unterzeichnung der derzeit gültigen Verträge die Kraftstoffpreise um mehr als 56 % gestiegen seien und die Gesamtinflationsrate 38,1 % erreicht habe.

Am Morgen des 16. September standen also viele vor der Frage: wie komme ich jetzt zur Arbeit oder zur Schule? Es gibt aber weitere, eher strukturelle Probleme. „Zwei Drittel unserer Fahrer sind im Vorruhestands- oder Rentenalter, schon das beeinträchtigt bereits die Möglichkeiten, alle Fahrten vollständig durchzuführen“, betont Verbandschef Ošenieks.(nra) Daher würden auch die jetzt angedrohten Vertragsstrafen das Problem nicht lösen, denn man müsse auch wettbewerbsfähige Löhne zahlen. 

Nicht alle protestieren 

Vier Personenbeförderungsunternehmen, die staatliche Aufträge ausführen, nahmen nicht an dem Protest teil – VTU Valmiera, Ventspils Reiss, Latvijas Sabiedriskais autobuss und CATA. Das Unternehmen aus Valmiera befindet sich vollständig im Besitz der Gemeinde; dessen Vertreterin Kristīne Melece darauf hinwies, dass das Unternehmen das Ziel der Protestaktion – die Indexierung langfristiger Verträge – moralisch unterstützt, die Kommune jedoch beschlossen habe, sich nicht daran zu beteiligen, da sie sich bewusst sei, wie wichtig der öffentliche Nahverkehr für die Einwohner des Landkreises sei. Und CATA habe gar keine langfristigen Verträge abgeschlossen. (IR)

Das für den öffentlichen Nahverkehr vorgesehene Grundbudget betrage fast 94 Millionen Euro pro Jahr, wovon 53 Millionen für den Busverkehr vorgesehen sind - so fasst Journalistin Ilze Šķietniece ihre Recherchen zusammen. Um den Forderungen der Verkehrsunternehmen nach einer Indexierung der langfristigen Verträge nachzukommen, würde dies den Staatshaushalt jährlich 15 Millionen Euro kosten.(IR) „Man sollte aber nicht mit der Frage beginnen, wie viel zusätzliches Geld benötigt wird, sondern: Welche Dienstleistungen benötigen die Bürger?“ so sagt es Aldis Ķibēns, Vorstandsmitglied bei "Lux Express Latvia". 

Starke und weniger starke Nachfrage 

Ķibēns nennt als Beispiel die Strecke Liepāja–Riga. "Lux Express" bietet dort seit Mai 2024 Personenbeförderung an, und in diesen zweieinhalb Jahren ist die Zahl der Fahrgäste auf den staatlich subventionierten Fahrten zurückgegangen. Das bedeutet, dass diese Fahrten noch unrentabler werden als zuvor, da die erwarteten Fahrgeldeinnahmen ausbleiben. Die Fahrgäste nennen mehrere Gründe, warum sie einen kommerziellen Busbetreiber bevorzugen: Wenn man das Ticket ein paar Wochen im Voraus kauft, ist es günstiger als auf den staatlich subventionierten Fahrten, die Busse sind sauber und komfortabel, man kann darin mobile Geräte aufladen, und die Fahrer sind immer freundlich. „Diejenigen, die langfristige Verträge abgeschlossen haben, haben keinen Grund, sich anzustrengen, da sie unabhängig davon, ob ein oder 50 Fahrgäste mitfahren, denselben Geldbetrag vom Staat erhalten“, kommentiert Ķibēns diese absurde Situation.

Neuesten Meldungen zufolge hat das lettische Verkehrsministerium inzwischen eingewilligt, die Vertragspreise für den regionalen Busverkehr künftig jährlich zu überprüfen. (lasi)

25. März 2026

Meine Torte heißt Inese!

Unschuld, Güte und Schönheit - Eigenschaften, die manche dem weiblichen Vornamen "Inese" zuschreiben. Aber, wer ins kleine lettische Städtchen Kuldiga kommt, wird vielleicht auch eine Bäckerei oder ein Café aufsuchen wollen, um in den Genuß eines Rendevous mit "Inese" zu kommen. Im besten Fall ist hier auch Konditormeisterin Inese Goldmane zu finden - sie gründete 1993 ihr eigenes Unternehmen, zierte es mit dem eigenen Vornamen, und gibt allen Kundinnen und Kunden das Versprechen, als Zutaten 100% nur Produkte von Herstellern aus der eigenen Region zu verwenden.

Kaffeesieren in Kurland 

Inzwischen sind die Torten auch in einigen lettischen Supermärkten zu finden - und in Kuldiga vor Ort natürlich. Inese Goldmane lädt ein: Brauc ciemos! ("Kommt zu Besuch"). Der Bezirk Kuldiga zeichnete das Unternehmen 2019 als "Produzent des Jahres" aus. Honigtorte, Schokoladentorte, Quarktorte ... alles im Angebot. "Wir sind ein kleines Unternehmen", sagt Inese Goldmane, "ungefähr wie ein Fußballteam."

„Zu unseren Verkostungen kommen Touristen auch aus den Nachbarländern, besonders aus Litauen“, erzählt der zweite Eigentümer des Unternehmens, Juris Goldmanis. Er ist Ineses Sohn, hat in Liepāja Kulturmanagement studiert und anschließend an der Bankhochschule Innovationsmanagement. Vor drei Jahren erwarb er 49 % der Unternehmensanteile. Die Entscheidung, ihren Sohn in das Familienunternehmen einzubeziehen, traf die Mutter, nachdem sie seine Ausbildung und seine unternehmerische Erfahrung gewürdigt hatte. (IR)

Regionale Produkte 

Wer einen Besuch plant, muss allerdings etwas außerhalb von Kuldiga suchen: an der Straße Richtung Saldus liegt der kleine Ort "Vārme", seit der Gebietsreform 2009 dem Kreis Kuldiga angegliedert. Angefangen hatte es mal mit einer Bäckerei auf 80qm im eigenen Wohnhaus - deshalb hieß die Firma, wie das Haus, zunächst "Priednieki". Ineses inzwischen verstorbener Mann Edgars war bei der Gründung auch dabei. In Vārme kann nun auf 800 qm gearbeitet werden, mit acht Angestellten, dazu manchmal noch Praktikant/innen. 

„Da wir kleine Produzenten sind, mussten wir einen Weg finden, uns von den industriellen Herstellern abzuheben“, sagt Inese. Sie fanden ihre Nische, indem sie Torten und Desserts aus für Verbraucher/innen verständlichen, einfachen und natürlichen Zutaten herstellen: Milch, Quark, süße Sahne, Butter, Eier, Mehl, Zucker, Beeren und Schokolade. Die Milch kommt aus Kazdanga, das Mehl aus Dobele, die Eier - zumindest aus Lettland. Derzeit sind 20 verschiedene Torten im Angebot. Inese Goldmane erinnert sich noch gut an die erste sehr erfolgreiche Torte: eine Honigtorte. Sehr beliebt bei lettischen Leckermäulern sind Torten mit Himbeeren, Erdbeeren oder Kirschen. Und zum Valentinstag gab es schon mal eine Torte in Herzform, zum Frauentag eine mit Tulpenverzierung. (IR)

Neue Ideen mit Erdäpfeln 

"Als wir anfingen, gab es nur fünf andere Firmen mit ähnlichen Produkten", erzählt die Chefin, "inzwischen hat sich die Konkurrenz erheblich verschärft." Eine neue Variante ist jetzt eine süße Kartoffeltorte - mit Himbeeren, Orangen und Schokolade als Angebot an Veganer gedacht. Dazu wurden in einem Modellprojekt 11 Kartoffelsorten ausrobiert und getestet, welche sich am besten eignen. "Aber die durchschnittlichen Letten sind wohl der Meinung, dass man Kartoffeln nur zusammen mit Fleischsoße essen kann", lacht Inese Goldmane. 

12. August 2025

Schneckentempo

Abseits der wirklich wichtigen Fragen dieser Welt tauchte in diesem Sommer in der lettischen Presse ein Thema auf, das auch schon in den vergangenen Jahren aufkam. Von "Kampf" ist die Rede - diesmal ist nicht Militärisches gemeint. "Lettland kämpft mit vereinten Kräften!" (LVPortals) Objekt des Bemühens ist das Auftauchen von "Spānijas kailgliemezi" - der "spanischen Nacktschnecke", die eigentlich gar nicht aus Spanien kommt - deutsch als Wegschnecke oder Kapuzinerschnecke bekannt (Arion vulgaris). 

Die lettische Presse berichtet über "erhebliche Schäden" in Lettlands Grünanlagen. Und es hat sich sogar schon ein Verein "Bewegung gegen die spanische Nacktschnecke" gegründet. 

Immer die Spanierinnen ! 

Aber wie sollen nun lettische Gartenfreunde tun? Die Schnecken-Feinde organisieren Sammelaktionen: Gummistiefel, -handschuhe und Eimer - und los geht's! Auch eine Taschenlampe ist wichtig - denn die Schnecken sind meist nachts unterwegs. Und schon werden die sozialen digitalen Netzwerke mit Fotos geflutet, ergänzt mit der Frage: "Kann das weg?" Auch Krähen, Elstern, Amseln, Enten oder Igel könnten ja Schnecken fressen - aber die suchen sich lieber etwas Schmackhafteres, wissen die Schneckenvernichter. "Sie verstecken sich immer unter dem Rhabarber!", berichtet Gartenbesitzerin Valda (lsm)

Auch die lokalen Medien berichten. In Limbaži war eine Gruppe von einigen Dutzend Menschen unterwegs, auch Familien mit Kindern, Rentner und junge Leute, um das Areal rund um die Freilichtbühne zu säubern. "Die Eimer füllten sich schnell", so wird berichtet, und die Teilnehmer/innen seien über die Menge der vorgefundenen Schnecken doch sehr erstaunt gewesen (lsm). Und manche Schneckensucher schwören offenbar darauf, die Schnecken nach dem Einsammeln mit Salz zu bestreuen: "damit sie nicht entkommen können!"

Gefräßig und erfolgreich 

Im Jahr 2009 soll die schleimige Spanierin zum ersten Mal in Lettland gesichtet worden sein. Die Ausbreitung bringen manche damit in Verbindung, dass vermehrt Pflanzensetzlinge aus anderen Ländern eingeführt worden seien. Eigentlich kommt in Lettland auch noch die rote Nackschnecke (Arion rufus) vor, jedoch zeigen Erfahrungen aus anderen Ländern, dass die "Spanierin" alle anderen Arten verdrängt (und sogar Weinbergschnecken angreifen und fressen).   

Homo sapiens im Schneckentempo

Sammelleidenschaft 

Krista Kušnere, bei der Gemeinde Saulkrasti für Natur und Umwelt zuständig, lädt Bürgerinnen und Bürger ein, der Gemeinde Schneckenvorkommen zu melden. "Bisher setzen wir Kalk ein, der Eisenphosphat enthält - schädlich für die Schnecke, aber im Boden wird es zu Nährstoffen umgewandelt." (lsm) Und Gemeinden wie Kuldiga stellen Behälter bereit, wo tote Schnecken "entsorgt" werden können. Kleinere Mengen könnten auch einfach dem Kompost zugegeben werden, heißt es - Hauptsache, sie wurden mit heißem Wasser übergossen, so dass auch die Eier abgetötet werden. Eine andere Biologin überrascht mit dem Vorschlag, die "humanste" Art, Schnecken zu töten, sei das einfrieren. (lsm)

Einige andere Gemeinden verwenden auch "Ferramol" (Schneckenkorn) - was aber dann auch andere Schneckenarten treffen kann. Unklar ist noch, ob die Spanische Nacktschnecke in Zukunft offiziell in Lettland als invasive Art eingestuft werden wird - das würde aber bedeuten, dass Landbesitzer/innen die Schnecken unbedingt vernichten müssten, andernfalls könnten Strafen verhängt werden.

Und wie sind die Aussichten? Die Nachkommen der Schnecke schlüpfen im Herbst, sind zunächst klein und winzig, überwintern - und freuen sich dann auf die schmackhaften Sachen im Frühling. 

30. März 2024

Wolfs Unfreunde

in Lettland eingeführt:
Wolfsspuren erkennen mit Handy-App

Ja, es gibt das Wort "Nedraugi" im Lettischen. Der "lettische Tezaurs" sagt dazu: "Nedraudzīgs cilvēks" ("unfreundlicher Mensch"). Oder, wo ein Beitrag auf "Lasi.lv" meint: "Vasaras nedraugi - traumas" (vielleicht übersetzbar mit "Verletzungen - des Sommers Unfreuden"). Mir geht es hier allerdings um die Tierwelt. 

Im Grenzland

Mehreren lettischen Presseberichten zufolge spielte sich Ungewöhnliches in der Gemeinde Vilce ab, ganz im Süden Lettlands an der Grenze zu Litauen gelegen. Ein Ort mit nur noch knapp über 1.000 Einwohner/innen, stark von Landflucht betroffen, also eine eher verlassene Gegend. Landschaftlich sind dort einige Flüsse, auch Sandsteinfelsen, feuchte Laubwälder, mäßig feuchte Wiesen anzutreffen. Aber die Idylle wurde schon im vergangenen Jahr häufig durch ungewöhnliche Vorfälle gestört. Viele meldeten: mein Haustier ist verschwunden! 

Vielfach geht es um Hunde. Menschen, die in weit abgelegenen Häusern wohnen, oft auch allein, umgeben sich natürlich gern mit Haustieren, und diese müssen dort nicht in Haus oder Wohnung eingesperrt leben. Freien Auslauf haben sie also - und gerade das wurde einigen zum Verhängnis. Es häuften sich die Notrufe bei der lettischen Forstverwaltung, dass Wölfe solche Haustiere angreifen. Solche Schadensfälle müssen in Lettland bei der Forstverwaltung (Valsts meža dienests VMD) gemeldet werden, diese hat inzwischen eine eigene Handy-App entwickelt, um solche Schadensmeldungen zu erleichtern. Ab dem 1.April müssen inzwischen auch alle Jagdberechtigten sämtliche Jagdbeute per Handy-App domumentieren - so verlangt es eine Änderung im lettischen Jagdgesetz (lsm)

Angeleint - ohne Chance

Vilce kam Anfang Januar in die Schlagzeilen der lettischen Presse, da dort gleich mehrere Haushunde Opfer von Wölfen wurden (nra / apollo / tvnet). Betroffen war zum Beispiel Mārīte Zurovska, deren Hund "Kūpers" eines Morgens um das Haus lief und verschwand. Als dann auch zwei alte Katzen nicht mehr auftauchten, habe sie die Tiere gerufen, gesucht, ihre Tochter zu Hilfe gerufen - es hätten sich aber nur noch ein paar wenige Blutspuren finden lassen. Bei der Nachbarin seien innerhalb eines Tages gleich zwei Hunde verschwunden. "Im Gegensatz zu Katzen und Menschen", schreibt Journalistin Laura Dumbere, "steht der Hund auf dem Lieblings-Fastfood-Speiseplan des Wolfes – Futter, das ohne großen Aufwand beschafft werden kann und welches das clevere Raubtier aufzuspüren und zu täuschen weiß." Noch einfacher wird es, wenn die Hunde angeleint sind. (IR)

Bisher waren im Süden Lettlands, in Zemgale, wenig Zwischenfälle mit Wölfen gemeldet worden. "Es gibt dort nicht so viele Schaf- oder Rinderzüchter, eher Getreide- oder Rapsfelder," meint Jānis Ozoliņš, der am Institut für Waldwirtschaft "Silava" arbeitet (IR). Aber im Norden Litauens hätten einige mit der Zucht von Damwild angefangen, fügt er hinzu, auch das habe wohl Wölfe angelockt.

Schutz und Schuss

Wölfe sind in Lettland unter Schutz stehende Tiere, aber auch nicht selten. Jährlich wird eine Höchstmenge von Wölfen festgelegt, die landesweit pro Jahr geschossen werden dürfen - 2023 lag diese bei 300 Tieren. (VMD) Der Enziklopädie "Latvijas Daba" zufolge wird die Wolfspopulation in Lettland auf etwa 500 Tiere geschätzt. Insgesamt schwankt die Zahl der Wölfe aber offenbar in Lettland stark: es sollen auch schon mal Tausend Wölfe gezählt worden sein (daba.lv) Und auch Wanderungen eines Wolfes von 20-40km pro Tag sind nichts Unmögliches. Gemäß den gültigen Bestimmungen der EU dürfen Wölfe in Lettland in begrenzter Zahl geschossen werden, wenn Lettland eine insgesamt stabile Population und die Überwachung der angewandten Jagdtechniken sicherstellt (VMD). 

Wissenschaftliche Untersuchungen in Lettland zeigen, dass sich Wölfe in Lettland zu etwa 80% von Rehen, Hirschen oder Wildschweinen ernähren; in den 1990iger Jahren waren es (in manchen Gegenden bis zu 30%) auch Biber. Vereinzelt kommen dann auch Hasen, andere Nagetiere, Vögel, Reptilien oder Insekten dazu. Besonders dort, wo wenig wildlebende Huftiere sind, greifen Wölfe auch Haustiere an - im nördlichen Teil Lettlands allerdings sehr viel seltener als in den südlichen Landesteilen. Und offenbar sind es besonders einzeln lebende Wölfe, die sich auch auf Haustiere spezialisieren können (VMD) Aktuelle Statistiken zeigen, dass unter den getöteten Haustieren meistens Schafe betroffen sind (82,1%), Rinder zu 8,2%, Ziegen 5,9% und Hunde zu 3,8% (unter den verletzten Tieren sind zu 6,8% Hunde).

9. Februar 2024

no post today

"Pasta Balodis" ist keinesfalls ein
Nudelgericht - das lehrt die lettische Post

Landleben in Lettland wird zunehmend schwierig: die Schulreform bringt es mit sich, dass viele der kleineren Schulen keine Zukunft haben. Und nun kündigt auch die lettische Post noch an, über 100 Filialen schließen zu wollen. Wird es in Zukunft unmöglich sein, zum Beispiel eingeschriebene Briefe zu versenden, Päckchen oder Pakete aufzugeben, oder Bargeld abzuheben? 

Zu Fuß zur Post - keine Option

Jetzt wird es also in Lettland Gemeinden geben, wo fast 50km Wegstrecke erforderlich sind, um ein Postkontor zu finden (IR) Die Post verspricht: in Zukunft sollen die Postboten auf Bestellung nach Hause kommen, um dort alle Serviceleistungen vornehmen zu können. Die Kunden und Kundinnen zweifeln aber, ob das ohne Preissteigerungen wirklich möglich sein wird. 

In einem Beitrag der Zeitschrift "IR" wird das Beispiel des Bezirks Südkurland durchgerechnet:die 33.000 Einwohner/innen hier leben ziemlich verstreut. Nur 2% von ihnen besuchen Postfilialen, ganze 60% des Umsatzes macht hier der Verkauf von Haushaltswaren aus, die Standard-Dienstleistungen wie Brief- oder Paketversand nutzen lediglich 24%. 

Beāte Krauze-Čebotare, geschäftsführende Vorstandsvorsitzende bei "Latvijas Pasts", beklagt eine sehr schwierige Finanzsituation der Post (lsm) und erläutert die Entscheidungskriterien so: wenn nur so wenige die Dienstleistungen der Post in Anspruch nehmen, der Rest aber eigentlich etwas anderes sucht - warum dann eine Postfiliale? (IR) 

Bedarfslösungen - Folgen der Digitalisierung?

"Pastnieks mājās" ("Der Postbote zu Hause") - so wird eine neue Serviceleistung bezeichnet. Eingeführt zunächst während der Corona-Pandemie, erwies es sich als effektiv für Kundinnen und Kunden, die außerhalb der Städte leben (LA). Seit 2020 sind bereits 190 Postämter auf dieses Format umgestiegen oder haben ganz geschlossen. Der Reorganisationsplan der Lettischen Post sieht nun vor, dass 2024 weitere 105 Abteilungen betroffen sein werden - nur etwa 70 blieben dann übrig. 

"Aber wenn ich einen eingeschriebenen Brief bekommen soll," klagt ein Unternehmer in der Zeitschrift 'Druva', "und der Postbote mich nicht zu Hause antrifft, bekomme ich eine Benachrichtigung dass ich es beim Postamt im Landkreiszentrum abholen soll; und das sind 70km Hin- und Rückfahrt." (druva)

An manchen Orten gibt es einen "Pakomat", also ein Paket- und Briefautomat. Aber Achtung - Info der lettischen Post für alle e-Klienten: "Wenn Sie die falsche Paketgröße wählen, wird das Paket zurückgeschickt und die Gebühr wird einbehalten!" (pasts.lv) Und einige Postfilialen sollen nun, ähnlich wie in Deutschland, in Läden, oder sogar in Büchereien eröffnet werden.(lsm)

Die lettische Post setzt offenbar auch auf Autofahrer/innen: "Wir bieten den Empfang von Sendungen aus lettischen Online-Shops an einer von mehr als 50 CIRCLE K-Tankstellen in ganz Lettland an," heißt es (pasts.lv) (Aber auch hier befinden sich etwa die Hälfte dieser Tankstellen in und um Riga).

Natürlich lassen sich auch in Lettland postalische Grüße auch ganz elektronisch-digital versenden - sogar unter Verwendung eines eigenen Fotos. Wer also nicht per "Whatsapp" oder Ähnlichem grüßen möchte, lässt sich eine Postkarte drucken und verschicken: mit der "Pasta Balodis", der digitalen "Posttaube". 

Der Lohn - ein Ehrentitel

Postbotin Solveiga Šķiņķe, im Jahr 2023 als "beste Postbotin in Vidzeme" ausgezeichnet (an dieser Umfrage beteiligten sich 11.475 Postkund/innen), erzählt von ihrer Arbeit: "Ich fahre täglich ungefähr 180 km. Früher hatte ich nur die Gemeinden Ķoņi und Lode, dann kam noch Naukšēni dazu." (Grenzgebiet zu Estland). (ReTV) Ihr Dienst dauert jeden Tag von 8 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags, manchmal länger. Oben drauf kommen dann die Kund/innen, für die sie besondere Dienstleistungen erledigt, dazu zählt manchmal auch, eben mal ein paar Sachen aus der Apotheke zu holen ...

Noch gibt es bei der lettischen Post knapp 3.000 Angestellte - davon 70% als Postbot/innen oder in Filialen. In Zukunft sollen also die "Pastnieki" auch die Rentenzahlungen und Ähnliches dem Kunden direkt zu Hause auszahlen. (jauns) Dazu ist ein Antrag bei der staatlichen Sozialversicherung nötig ("Valsts sociālās apdrošināšanas aģentūra" VSAA), die Gebühr für die Zustellung beträgt vorläufig 2,39 Euro. Die VSAA warnt vorsorglich: der Auszahlungsdatum kann sich ändern - je nachdem, wann der Postbote / die Postbotin Zeit hat zu kommen. 

Wer ist verantwortlich?

Seit der Ankündigung der Einsparvorhaben bei der Post ist auch ein Streit um Verantwortlichkeiten ausgebrochen. Verkehrsminister Kaspar Briškens, auch für die Post zuständig, wirft einigen Managern bei der Post "teure Dienstreisen und Partys" vor (jauns). Daraufhin traten bereits mit Raimonds Dūda und Ivars Blumbergs zwei der Topmanager zurück. Begründung: schwierige Kommunikation mit dem Ministerium. (jauns)

Vielfach wird nun auch die öffentliche Unterstützung der Post durch Steuergelder in Frage gestellt. Wenn Busunternehmen verpflichtet werden können auch wenig rentable Strecken zu bedienen, könnte nicht Ähnliches auch von der Post verlangt werden? Minister Briškens fordert nun von der Post, im Vorfeld bevorstehende Änderungen besser öffentlich zu kommunizieren. "Es reicht nicht aus, dass kurz vor der Schließung der Post ein kleiner Zettel in die Briefkästen geworfen wird, ohne zu sagen, welche Alternativen es gibt und wie viel sie kosten werden." (IR)

Vielleicht finden sich also in Zukunft für ehemalige Postämter ganz andere Nutzungen; so wie etwa das "Pastnieka māja" in der Hafenstadt Liepāja - ein Restaurant. Vielleicht auch für verärgerte Postkunden? Die Werbung verspricht: "Gibt es etwas, das mehr Spaß macht als Liepāja? Ja. Das Leckerste in Liepāja ist eine cremige Karotten-Spinat-Suppe mit Schlagsahne als süßen Hut."

26. September 2023

Wiesen, Wald- und Feldesrand

"Zāle" ist nicht gleich "Zāle" - ließe sich vielleicht auf Lettisch sagen (wer nicht gerade "Nezāle" meint). Gras, oder vielleicht doch Kräuter? In der Mehrzahl verwendet, könnte der Begriff ("zāles") auch auf Medizin hinweisen.

Nur noch auf 0.9% der Landesfläche Lettlands finden sich noch Naturwiesen - aber nur ein Drittel der Bevölkerung ist sich darüber klar, dass solche Wiesen akut gefährdet sind, so eine in diesem Jahr vorgelegte Studie der lettischen Naturschutzstiftung ("Latvijas Dabas fonds" LDF). 18% der Befragten  zeigten sich bei in diesem Zusammenhang durchgeführte Umfragen bereit, Naturwiesen auf dem eigenen Grundstück anzulegen oder zu erhalten, und 14% sammeln sogar Samen auf Naturwiesen um sie auf eigenem Grund auszusäen. (lsm)

Zählt auch die Bekämpfung sogenannter "invasiver Pflanzenarten" dazu, um Naturwiesen zu schützen? 29% antworteten mit "Ja", meinten dabei aber, entsprechend der Fragestellung, nicht nur die Beseitigung von Riesenbärenklau (Sosnovska latvānis / Heracleum sosnowsky), sondern auch zum Beispiel das Ausrotten von Lupinen. Diese seien in Lettland ebenfalls "nicht einheimisch", so heißt es - obwohl sie bereits viele Straßenränder oder das Gelände verlassener Wohnstätten zieren, und mit sehr schönen Blüten erfreuen. Lupinen sind in der Lage, Stickstoff aus der Luft an der Wurzel zu binden und so die Bodenqualität zu verbessern. Der lettische LDF aber ruft regelmäßig auf: "Pflückt so viele Lupinen wie ihr könnt!" (jauns / santa). Einheimische Pflanzen würden auch von Lupinen verdrängt, heißt es. Und die lettische Naturschutzverwaltung hat inzwischen nicht nur eine eigene Webseite eingerichtet, um die Bevölkerung über "invasive Arten" zu informieren (also eigentlich zu warnen), sondern ruft auch dazu auf, das Vorkommen solcher Arten bei den Behörden zu melden. Die Liste der invasiven Pflanzenarten in Lettland weist derzeit 33 Arten auf, darunter auch die "Kartoffelrose" ("Krokainā roze") deren Früchte als "Hagebutten" bekannt sind, und die "Kanadische Goldrute" ("Kanādas zeltgalvīte").

Ähnliches ist aber auch in Deutschland bekannt. Die "Welt" schreibt süffisant von der "SOKO Lupine", der BUND Bayern ruft zum gemeinsamen "Lupinenstechen" auf  und stellt fest: "Seltene Pflanzen, die gerne auf mageren Standorten wachsen, werden von der Lupine verdrängt." Sogar Wanderer werden hier aufgefordert, "Lupinenblüten abstreifen und damit das Samenbilden zu verhindern".

Inzwischen wird der Erhalt von Naturwiesen auch durch die EU gefördert (LDF) Naturwiesen seien in Lettland schlecht geschützt, heißt es hier in den Projektzielen des LDF. Vieles würde einfach gepflügt oder aufgeforstet und gehe dadurch verloren. 

Nicht alles, was sich auf lettischen Wiesen findet
(wie hier nahe Mazirbe in Kurland) ist auch
"natürlich" - hier ist es wohl mal wieder ein
"Gartenflüchter" (bunter Eisenhut / Raibā kurpīte)

Was lernen wir daraus? Auch Lettland ist nicht einfach ein "Paradies unzerstörter Natur", wie es vielleicht manchem westeuropäischen Städter vorkommen mag, der zum ersten Mal sich die Zeit nimmt, Lettlands Landschaften zu erkunden. Sowohl die Land- und Forstwirtschaft, wie auch die Lebensweise nähert sich dem an, was wir auch aus Westeuropa kennen. Dem entsprechend gleichen sich auch die Versuche an, etwas "Natürliches" zu erhalten, ebenso die Diskussion darum, was eigentlich "natürlich" ist. 

Kenntnisse über einheimische Pflanzen sind selbstverständlich auch Bestandteil des Schulunterrichts in Lettland. Da finden sich Sätze wie dieser: "Gewöhnlicher Flieder wird in Lettland seit mehr als zwei Jahrhunderten angebaut, sein Ursprung liegt jedoch in Asien." (uzdevumi.lv) Überall finden sich Hinweise, welche "fremden Arten" es in Lettland gäbe. 

Und wer sorgfältig hinschaut,
findet dann doch manchmal etwas aus
der Artenvielfalt der "lettischen Natur-
wiese" - hier ist es der sogenannte
"Nickende Zweizahn"
(lett. "nokarenais sunītis")

Schwieriger zu finden sind genaue Angaben, was denn unter einer "Naturwiese" in Lettland genau zu verstehen ist. Was wächst dort? Bei der bereits erwähnten LDF-Umfrage wurden am häufigsten roter Mohn (Lauka Magone), Kornblume (Rudzupuķe) und Margeriten (Pīpenes) genannt. Mohn, von "Latvijasdaba" sogar als "Unkraut" bezeichnet, wächst wohl auch auf Brachland, in Kiesgruben oder an Bahnlinien. Die Kornblume, wie der Name schon sagt, gerne zwischen (ungespritztem) Getreide (wenn nicht im eigenen Garten). Die Margerite, zumindest die in Lettland vorkommende Art (Leucanthemum vulgare) ist tatsächlich typisch für Magerrasen - also gerade das, was hier wohl als schützenswert gemeint ist.  Aber selbst die Margerite hat sich inzwischen in Afrika, Indien, China, Australien und Neuseeland ausgebreitet und gilt dort wiederum als "Neophyt" (vom Menschen eingeschleppt, also invasiv). In Lettland gilt sie dagegen auch als "Nationalblume".

Glücklicherweise habe ich schließlich noch die Broschüre "Kas aug dabiskās pļavās?" gefunden, an deren Zusammenstellung auch der LDF beteiligt ist (auch in digitaler Version). Dort sind immerhin 194 verschiedene Arten aufgelistet und mit Illustrationen und Beschreibungen versehen. Hier finde ich auch endlich diejenigen Arten, die mir als "Wessi" in Lettland schon beim ersten Besuch besonders aufgefallen sind: zum Beispiel Wachtelweizen (Birztalas nārbulis), Zichorie (Wegwarte / Parastais cigoriņš) oder Schlüsselblumen (Gaiļbiksīte). 

Tipps für lettische Naturwiesen gibt es inzwischen auch in bewegten Bildern auf Youtube ("Darām pļavu kopā!" - Lettisch mit lettischen Untertiteln). Und uns bleibt zu hoffen, dass die 0,9% in Lettland erhalten bleiben - unabhängig davon, dass vielleicht jeder und jede eine eigene Definition davon hat, was unter "echter lettischer Natur" zu verstehen ist.

3. Dezember 2020

In Lettland heißt die Katze "Pūka"

Ja, wenn das "Schnurri", "Mikesch" oder "Mauzi" wüsste! In den sozialen Netzwerken sind sie allgegenwärtig, nun greift auch die Wissenschaft zur "Katzenerforschung". Es ist eine Untersuchung des Spracheninstituts an der Lettischen Universität Riga (Latvijas Universitātes  Latviešu valodas institūts), die kürzlich in der lettischen Presse die Runde machte. 18.000 Katzenbesitzerinnen und Katzenhalter will Wissenschaftlerin Ilze Štrausa befragt haben. Heraus kam: der häufigste Katzenname in Lettland ist "Pūka" - was ins Deutsche übersetzt etwas Ähnliches wie "Flaumfeder" bedeutet, und nicht zu verwechseln ist mit "Puķe" (Blume) oder "Pūķis" (Drache).

Auf Platz 2 der häufigsten Katzennamen landete "Rūdis", auf Platz 3 "Muris". Unter den beliebtesten Namen befinden sich auch Bella, Mince, Poga, Mika, Mia, Simba und Lote. Nicht wenige nennen ihr maunzendes Haustier offenbar auch einfach "kaķis" (Katze) - warum sich auch viel Mühe machen, wenn das Tier nur die Mäuse fängt (und nicht allzu viel Singvögelleichen auf die Türschwelle legt). Viele Lettinnen und Letten haben ja Spaß an der eigenen Sprache, und versehen das Krallentier mit Varianten von "Katze": Kaķa, Kaķene, Kaķelis, Kaķentiņš, Kaķa kungs. Und, wie sollte es im Kathastrophenjahr 2020 auch anders sein - es gibt auch offenbar schon Katzen, die nun "Kovids" genannt werden (Latvijas Avize).

Eine Teilnahme an der Untersuchung ist immer noch möglich, der dazugehörige Fragebogen ist im Internet abrufbar.

14. Juli 2020

Kampf den Latwanen

Latvija - das lettische Wort für Lettland. Nein, "Latvane" ist kein Schimpfwort für Lettinnen oder Letten - aber ein wichtiges Thema alljährlich, besonders wenn in der Natur alles gut und fruchtbar wächst. Der lateinische Name "Heracleum sosnowsky" weist darauf hin: es muss sich wohl um ein pflanzliches Gewächs handeln. Was auf Lettisch "latvāņi" heißt, ist im deutschen Sprachraum als "Bärenklau" bekannt.

Lettische Biologen betonen: die spezielle Art des "Sosnowsky Bärenklau" kommt eigentlich in Lettland nicht natürlich vor. Sie ist eher im Kaukasus heimisch. "Eingewandert" - sagen die einen, "eingeschleppt" - sagen die anderen. Allein dieser einen Pflanzenart wegen wurde 2008 ein spezielles lettisches Gesetz geschaffen: eine Liste "invasiver Arten". Bisher einzige auf dieser Liste vertretene Art: der Sosnowsky-Bärenklau.

Erst seit den 1950iger Jahren wurde diese Art, die sonst eher in Dagestan, Aserbaidschan oder Georgien wächst, in Lettland festgestellt. Anfangs hatte man wohl auch auf eine Anwendung als Nutzpflanze gehofft. Irgendwann in den 1980iger geriet die Verbreitung außer Kontrolle. Das Anpflanzen von Sosnowsky-Bärenklau ist seit 2006 in Lettland verboten.
Die Art verbreitet sich vor allem auf nicht mehr bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen - eine wahre Krisenpflanze also. Die Pflanze kann eine Wuchshöhe von über 3 Metern erreichen und verfügt über ein ausgeprägtes Wurzelsystem. Noch dazu ist sie vermehrungsfreudig: eine einzige Pflanze kann mehrere Tausend Samen bilden. Sie breitet sich aus, und kann andere Arten verdrängen. Sosnowsky-Bärenklau kann auch Menschen gefährlich werden: alle Pflanzenteile enthalten Furanocumarine, die für Menschen giftig sind und phototoxisch wirken, also nach Bestrahlung mit Sonnenlicht eine allergische Reaktion auf der Haut verursachen.

"In Daugavpils beginnt der Kampf gegen die Latvanen" - eine Schlagzeile der lettischen Presse (lsm). Die Stadtverwaltung Daugavpils rief im vergangenen Jahr die Einwohner*innen zu Hilfe, um Flächen, die mit dieser Bärenklau-Art bewachsen sind, zu melden. Argument: die ökologische Vielfalt sei gefährdet (Latgaleslaiks)."Ein Elend für die Flora Lettlands", so die lettische Naturschutzbehörde. Genauere Daten über die Ausbreitung der Art wurden erhoben 2001 für die Bezirke Valmiera (43 ha), Valka (11 ha), und Limbaži (3 ha). Aber 2007 waren es, geschätzt für ganz Lettland, bereits etwa 18.000 Hektar - eine erstaunliche Zahl. 

Hat die Pflanze sich erst einmal an einem Standort etabliert, kann es bis zu sechs Jahren dauern bis sie abstirbt - unabhängig von den produzierten Samen. Beobachten zufolge, die von der Naturschutzbehörde zitiert werden, vertragen die Samen in schneearmen Winter bis zu -25 Grad Frost, unter Schnee sogar minus 45 Grad. Also wenig Hoffnung für diejenigen, die vielleicht glauben, die Pflanze würde vielleicht schnell wieder verschwinden. Daher müssen auch die Bekämpfungsmaßnahmen umfangreich ausfallen: die lettischen Behörden mähen und roden die befallenen Böden dreimal während des Sommers (ritakafija). Es verwundert wohl nicht, dass sogar die Stadt Riga bereits einen "Latvāņi"-Bekämpfungsplan erarbeitet hat und in neun Stadtteilen und auf insgesamt 13 ha die unerwünschte Pflanze festgestellt hat.

Es gibt aber auch Schwierigkeiten bei den bereits angelaufenen Bekämpfungsmaßnahmen. Nicht alle betroffenen Flächen sind in staatlichem Besitz, und so sind die Behörden auf die Kooperation der Eigentümer angewiesen. "Ich höre immer dieselben Ausreden", meint
Evija Atvara, die für die Stadt Cēsis das Thema bearbeitet. "Die einen sagen: ich habe kein Geld dafür. Und andere meinen, dass sei eine Hinterlassenschaft der Sowjetzeit - und dafür seien sie nicht verantwortlich." (Edruva). Cēsis bietet den Grundeigentümern bereits einen Nachlass auf die Eigentumssteuer an, wenn sie den Sosnowsky-Bärenklau aktiv bekämpfen. (LA) Im Jahr 2017 seien bereits 11 entsprechende Anträge einen positiven Bescheid bekommen, 2018 waren es bereits 19. In Cēsis unternimmt eine spezielle Kommission zweimal pro Jahr gezielte Inaugenscheinnahme: einmal vor dem 15.Juni, um rechtzeitige Bekämpfung anzumahnen, bevor die Pflanzen Samen bilden, und einmal im Laufe des August, um den nachhaltigen Erfolg der Bekämpfungsmaßnahmen zu kontrollieren.

24. April 2020

Ein Sommer ohne Ausländer?

Lettland hat in den vergangenen Jahren viel in den Tourismus investiert. Zahlen des lettischen Statistikamts zufolge waren Anfang 2019 insgesamt 318 Hotels in Lettland registriert, dazu 20 Camping- oder Wohnmobilplätze. Die Mehrzahl aber - insgesamt 493 Betriebe (also beinahe 60%) sind kleinere Gästehäuser, auch Bauernhöfe (csp). Allerdings übernachteten nur 11,6% der Gäste in den Jahren 2016-2018 in diesen Gästenhäusern, der "Löwenanteil" (85%) entfällt immer noch auf die Hotels (in den Städten, 61% übernachten nur in Riga!).

Nein, der Storch im Hintergrund deutet hier in diesem Fall kein
freudiges Ereignis an - sondern Verstimmung zwischen
Finanzminister und ländlichem Tourismus
(Grafik: lsm)
Mit Beginn der Covid-19-Krise wird auch in Lettland über Unterstützung und Erstattungen für lettische Unternehmer*innen diskutiert. Dabei fiel Finanzminister Jānis Reirs mit der Äußerung auf: "Im Tourismus wird sich die Situation nicht so schnell verbessern, da müssen wir gerade was Riga angeht mit längeren Zeiträumen rechnen, gerade wenn die Grenzschließungen in Europa bis Jahresende andauern", hatte sich der Minister zitieren lassen (apollo.lv, lsm). Der Gesamtschaden für den Tourismus in Lettland werde auf 800 Millionen Euro geschätzt - 2,9% des lettischen Bruttosozialprodukts. Das lettische Wirtschaftsministerium schätzt, dass in diesem Bereich etwa 3000 kleine oder mittlere Betriebe betroffen sein werden.

Aber dann behauptete Minister Reirs, für den Landtourismus sähe die Situation anders aus, die Nachfrage scheine da gesättigt zu sein. Und nicht nur das: er schlug vor, vor allem diejenigen zu unterstützen, die sonst mit Gästen aus dem Ausland arbeiten.

Asnāte Ziemele, Chefin bei "Lauku Ceļotajs" (Verbandes für Landtourismus), widerspricht energisch. "Zuletzt gingen die Stornierungen geradezu lawinenartig bei uns ein!" betont sie. "Die Einnahmen bei unseren Mitgliedern sinken gegenwärtig um 80-100%, und viele sind der Verzweiflung nahe. Es besteht das große Risiko, dass viele Betriebe diese Krise nicht überleben." Zu dieser Lage trügen auch besonders die vielen abgesagten Gruppenveranstaltungen bei, so wie Seminare, Hochzeiten, oder andere Feiern. Zwar würden viele aus dem Ausland auch derzeit noch nach freien Unterkünften fragen, aber das seien noch keine Buchungen.

Eine andere Schwierigkeit: zwar räumen die Banken spätere Rückzahlungstermine für Kredite ein - die Zinsen laufen jedoch bisher ungemindert weiter. Rücklagen gäbe es nur in wenigen Fällen. Inzwischen habe man auch Angestellte entlassen müssen - und könne den Bestand an Arbeitskräften selbst im Falle eines Neustarts nur langsam wieder hochfahren. Die einzige Hoffnung bestehe darauf, dass wenigstens für den Inlandtourismus im Sommer die Einschränkungen langsam aufgehoben werden können.

Gerade Lettland ist ja auch sehr zentralistisch organisiert - fast alles scheint im touristischen Bereich über Riga zu laufen. Andererseits: wer nur Riga sieht, hat Lettland nicht gesehen! Und gerade für die abseits wichtiger Verkehrsverbindungen gelegenen Orte war der Landtourismus sowohl wichtiger Geschäftszweig wie auch Überlebensstrategie. Gibt es Vorschläge zur Krisenbewältigung? Eigentlich brauchen wir eine Unterstützung in Höhe von 75% des Jahresumsatzes, meint der Landtourismusverband. Auch wer nun verstärkt auf lettische Gäste setzt, wird vielleicht enttäuscht werden - denn wenn die Finanzen knapp sind, wird am Urlaub zuerst gespart, meint Asnāte Ziemele. Die Hoffnung besteht, dass bald wenigstens wieder Veranstaltungen unter freiem Himmel erlaubt werden - unter Einhaltung der Sicherheitsregeln natürlich.

Momentan hat Lettland den Ausnahmezustand bis zum 12. Mai verlängert - in diesem Rahmen ist jeglicher Passagierverkehr über die Flughäfen, Autobusse, Bahnhöfe und Häfen untersagt.

10. Dezember 2019

Zu Hause verarzten

Eine seltene Ausnahme: Rückkehr aus dem Ausland
und Schlüsselübergabe für die neue Hausärztin
Die Ärztinnen und Ärzte, auch andere Mitarbeiter/innen im Gesundheitswesen Lettlands seien noch nie so einig gewesen wie jetzt, heißt es: unter den gegenwärtigen Bedingungen, dem von der Regierung bereitgestellten Budgets, wollen sie nicht weiterarbeiten.

Ganze 60 Millionen Euro zu wenig habe die neue lettische Regierung im Haushaltsplan 2020 eingeplant, so die Kritiker. Ilze Viņķele musste im Parlament schon ein Misstrauensvotum abwehren - ein Vorgang, den auch das Deutsche Ärzteblatt aufmerksam notiert. Zu wenig Geld im Staatshaushalt für das Gesundheitswesen?

Proteste gegen zu geringe
Löhne im lettischen Gesundheits-
wesen (BNN-News)
Da hilft auch nicht, dass ein Teil der regierenden Koalition inzwischen zugibt, eine Finanzierung die fehlenden 60 Millionen Euro sei möglich. Ministerin Viņķele ("Attīstībai/Par!") kann ja auf eine Vergangenheit als Parteimitglied sowohl bei "Tēvzemei un Brīvībai/LNNK" („Für Vaterland und Freiheit“) wie auch der "Vienotība" (Einigkeit) zurückblicken. Ein Nachweis ihrer "Flexibilität"?

Am 14. November hatte das lettische Parlament (Saeima) den Haushaltsplan für 2020 verabschiedet. Bei einem angenommenen Wirtschaftswachstum von 2,8% ist dort ein minimales Haushaltsdefizit von 0,3% vorgesehen. Dabei ist die Mindestgrenze für zu versteuerndes Einkommen auf 300 Euro festgelegt, der Mindestlohn soll ab 2021 500 Euro betragen. Zusätzliche Finanzen sind auch vorgesehen zur Erhöhung der Gehälter von Lehrerinnen und Lehrern, im Gerichtswesen, Angestellte des Innenministeriums und im Kulturbereich.

Bei den Haushaltskennzahlen beruft sich die lettische Regierung auf die Europäische Kommission, die am 20.11. eine Stellungnahme zu den lettischen Haushaltsplanungen veröffentlicht hatte. Dort empfiehlt die EU sogar Lohnerhöhungen fürs medizinische Personal - allerdings nur solche, die aus Umschichtungen des bisherigen Haushalts genommen werden können.

Vor diesem Hintergrund sorgt Māra Meldere für Aufsehen.Im September eröffnete sie ihre Praxis als Familienärztin (= ähnlich einer deutschen "Hausärztin") in Roja (lsm / roja.lv). Ingrīda Miķelsone, die bisher die Praxis in Roja führte, zeigte sich sehr zufrieden, ihre Praxis in andere Hände sicher übergeben zu können - ihre Nachfolgerin blickt auf 9 Jahre Arbeitspraxis in Deutschland (im Schleswig-Holsteinischen Wöhrden) zurück.

Nach nur wenigen Wochen hat sich inzwischen die Zahl der Patienten bei Frau Dr. Meldere von 1216 auf 1390 Personen gesteigert, berichtet sie im Interview gegenüber dem"Talsu Vestis". Die Leute kommen inzwischen nicht nur aus dem kleinen Roja, sondern auch aus Talsi, aus Mērsrags und sogar aus dem über 120km entfernten Riga. Und Frau Dr. Meldere, die selbst in Talsi gebürtig ist und deren zwei Töchter in Deutschland geboren wurden, kann auch Vergleiche ziehen: "Im Unterschied zu Patienten in Deutschland, die immer fordernd und mit Ansprüchen auftreten, bitten die Leute hier in Lettland ganz einfach um Hilfe - das ist schon ein krasser Unterschied, und für mich als Ärztin natürlich hier angenehmer. Außderm gibt es in Roja viele Kinder - und ich mag es einfach, mit Kindern umzugehen."

Und noch einen anderen Vorteil gegenüber Deutschland sieht die lettische Rückkehrerin: die Digitalisierung des lettischen Gesundheitswesens, auch wenn noch nicht alles perfekt funktioniere, sei in Lettland weiter entwickelt. Meldere: "In Deutschland geht es noch wie in alten Zeiten -  alles auf Papier und durch Briefeschreiben."(Talsu Vestis)

Ein Vorteil bleibt ja vielleicht deutschen Patienten noch: wer demnächst in Roja, im Nationalpark Slitere oder der kurländischen Ostseeküste seinen Urlaub verbringt kann sicher sein: es ist eine deutschsprachige Ärztin in der Nähe.

18. August 2019

Einsame Abo-Briefkasten

Sie haben eine Tageszeitung abonniert, oder vielleicht eine Illustrierte? Da scheint es selbstverständliche Tradition, sich diese Abo-Zeitung auch bis in den eigenen Briefkasten liefern zu lassen. Auch in Lettland galt dies selbstverständlich - gelten doch Lettinnen und Letten als sehr lesefreundige Menschen. Allerdings endet die bisher bestehende Vereinbarung der staatlichen Stellen mit der Lettischen Post zum Ende des Jahres 2019 - und daraus ergaben sich einige Fragen.

Die lettische Post versucht auf verschiedene Art und Weise den Sprung ins digitale Zeitalter zu schaffen - und verschickt zum Beispiel Handybilder als gedruckte Postkarten (pasta balodis). Und wer für mindestens 4 Euro bei der lettischen Post einkauft, darf an einer Lotterie teilnehmen, deren Hauptpreis immerhin ein Fiat500 ist.

Aber die Verleger Lettlands haben Sorgen. Gegenwärtig bekommt die lettische Post 2,7 Millionen Euro von den Verlegern fürs Abo-Ausliefern - nötig seien aber ab 2020 zusätzliche 5-6 Millionen Euro, kündigten die Verleger an (lsm). Am 8. August wurde auch dem frisch gewählten Präsidenten Levits bereits vorgetragen (LA): die Rolle der Medien in Lettland besteht nicht nur in der Darstellung von Meinungsfreiheit und -vielfalt, sondern auch als Medium für Menschen weit ab der Hauptstadt. Also: um Abos zu einigermaßen günstigen Preisen an jeden und jede ausliefern zu können, ganz gleich wie weit Haus oder Hof vom nächsten Dorf entfernt liegt, soll der Staat weiterhin helfen - mit Zuschüssen in Millionenhöhe.

Vielleicht muss man auch wissen: die lettische Post gehört zu 100% dem lettischen Verkehrsministerium - so ist es gesetzlich festgelegt (siehe: Jahresbericht). Die Bilanzzahlen im Bereich der abonnierten Zeitungen und Zeitschriften sind in den vergangenen Jahren rückläufig. Seit 2008 gibt es den staatlichen Ausgleich der Versandkosten, seit 2012 ist es im lettischen Postgesetz verankert (lv-portal). Schon 2015 waren es 4,66 Millionen Euro, 2018 5,8 Millionen Euro Verluste in diesem Bereich, die der lettische Staat ausgleichen musste. Nur so lasse sich ein einheitlicher Abopreis im ganzen Land gewährleisten, sagen die Herausgeber. Guntars Līcis zufolge, dem Chef des lettischen Verlegerverbandes, würde sich der Abopreis für die abgelegenen Regionen stark erhöhen müssen, wenn alle Kosten ohne staatliche Hilfe ausgeglichen werden müssten (diena). Daiga Bitiniece, Redakteurin beim dreimal pro Woche erscheinenden "Kurzemnieks", rechnet so: "wir müssten dann der Post 4000 Euro monatlich mehr bezahlen; statt gegenwärtig 6,30 Euro würde das Abo damit auf 8,88 Euro steigen." 
Ein anderer Vorschlag, der gegenwärtig diskutiert wird, ist die Mehrwertsteuer (lett: "pievienotās vērtības nodoklis" PVN) für Presserzeugnisse von gegenwärtig 12% auf 5% zu senken.

Eines der zentralen Argumente ist, wie so oft, der Erhalt von Sprache und Kultur. "Wir sind ein kleines Land", betont auch Verleger Līcis, und stellt damit die besondere Rolle alles Lettischsprachigen heraus. Zeitschriften und auch Büchern komme daher eine wachsende Bedeutung zu. "Im Gegensatz zum Internet fühlen wir uns verantwortlich für jedes gedruckte Wort", betont Līcis.

Am 13. August beschloss das Ministerkabinett nun mit 3,7 Millionen Euro die lettische Post zu unterstützen, zusätzlich zu den bereits dafür reservierten 2 Millionen Euro - der lettischen Post zufolge wird damit nicht mehr als 40% der tatsächlichen Kosten abgedeckt. Wer genauer wissen möchte, wann die Abo-Zustellung erfolgt, kann sich auch die Ortsliste der Post ansehen, in der Mindest-Zustellzeiten festgelegt sind: bis 8 Uhr morgens in Riga, in Garkalne, Ķekava un Ropaži bis 10 Uhr, in Baldone, Salaspils und Saulkrasti bis 11 Uhr, und auch in Auce, Dobele, Iecava, Inčukalns, und Loja geschieht die Zustellung immerhin nach bis 12 Uhr. Abonnenten in Aizkraukle, Balvi, Bauska, Grobiņa, Inciema, Liepāja, Limbaži, Mālpils, Olainr, Ragana, und Saldus können immerhin noch bis 13 Uhr mit der Zustellung der Tageslektüre rechnen. Für Interessierte in Ādaži, Carnikava, Daugavpils, Gulbene, Jelgava, Jēkabpils, Kandava, Krāslava, Kuldīga, Lielvārde, Ludza, Madona, dem Bezirk Mārupe, Ogre, Preiļi, Rēzekne, Sigulda, Skrunda, Talsi, Tukums, Ulbroka, Valka, Valmiera, Ventspils, und Zilupē dauert es schon bis 14 Uhr, und alle bisher nicht genannten müssen vielleicht bis 15 Uhr warten. (pasts.lv)

Da die Verantwortlichkeiten beim Verkehrsministerium liegen ist aber auch klar, dass die jetzt zusätzlich zugesagen Finanzen anderen Verkehrsprojekten weggenommen werden musste - sicher keine Dauerlösung. Es wird damit auch nur die bestehende Regelung um ein einziges Jahr verlängert. Das Problem bleibt bestehen. Wer einsam lebt, oder das lettische Dorfleben liebt, der / die sollte wohl am besten seinen Abo-Briefkasten direkt in Riga neben dem Parlament aufstellen ...

4. April 2018

Wo kein Mensch, da kein Buch

Während manche Europa-Optimisten die Situation noch schönreden und meinen, die massenhafte Arbeitsmigration von Lettinnen und Letten in Richtung reicher EU-Länder, und die damit zusammenhängende Landflucht sei ein vorübergehendes Phänomen, sind die Folgen dieser Entwicklung dort zu spüren, wo die wenigsten wirtschaftlichen Interessen dagegen stehen: auf dem Lande. Dort, wo sowieso schon wenig Steueraufkommen die städtischen Dienstleistungen absichern konnte, steht nun alles unter Prüfzwang (auch "Spardiktat" genannt).

In vielen Landgemeinden sind es die Bibliotheken, die als Informations- und Anlaufstelle dienen. Doch als der Stadtrat von Limbaži im Dezember vergangenen Jahres beschloss, die Öffnungszeiten in 8 der insgesamt 14 Landbibliotheken der Gemeinde zu verringern - in dreien davon sogar um die Hälfte - da regte sich bald Widerstand. Schon über die genaue Summe, die durch die Sparvorschläge eingespart werden könnte, herrscht Uneinigkeit: manche beziffern diese Summe auf 8.000 Euro jährlich, andere auf 25.000-30.000 Euro.

Die Bibliotheken in den kleineren Städten und Dörfern in Lettland sind über ihre bildende Funktion hinaus vor allem auch als Informationsstelle: noch vor wenigen Jahren wurden erhebliche Mittel dafür aufgewandt, dass jede kleine Landbibliothek einige Computer zur Verfügung hat, um Interessierten den kostenfreien Zugang zum Internet zu ermöglichen - wer also keine andere private Möglichkeit hat, der hat sie zumindest hier. Auch WLAN - kabelloses Internet - ist eingerichtet worden. Im Bezirk Limbaži arbeiten 15 öffentlich zugängliche Bibliotheken, die insgesamt 99 PCs für den Internetzugang bereitstellen.

Von den Befürwortern der Einsparungen waren vor allem drei Arten von Argumenten zu lesen:
1. Die kleinen Landbibliotheken seien Überbleibsel aus der Sowjetzeit und völlig veraltet.
2. Es wohnen immer weniger Menschen auf dem Lande, daher müsse die Verwaltung Möglichkeiten der Einsparung von Ressourcen nutzen.
3. Teilweise seien die Räume der Bibliotheken schwer zugänglich, zum Beispiel Menschen mit Behinderungen oder im Rollstuhl.

 “In den vergangenen 25 Jahren haben wir schon so viel verloren," wird dagegen der lettische Schriftsteller Aivars Kļavis zitiert, dessen Bücher teilweise historische Themen aus dem Bezirk Limbaži thematisieren. "Nun gibt es wirklich rote Linien, die wir nicht überschreiten dürfen. Bibliothek gehören nicht den Staatsbeamten, sondern den Menschen. Und es sind ja auch die Bücher der lettischen Schriftsteller, die in den Landbibliotheken gesucht und gelesen werden." (LA 4.4.18, siehe auch Twitter).Die Sorge um die Bibliotheken geht auch von der Befürchtung aus, dass eine Einschränkung der Öffnungszeiten auch die schrittweise Schließung bedeuten könnte.

auch bei Google-Maps ist leicht erkennbar:
in Ārciems gibt es eine Bibliothek
Die Bibliothek Limbaži kann auf eine Tradition seit 1886 zurückschauen, als damals der Komponist Kārlis Baumanis, der selbst nahe des damaligen "Lemsal" wohnte, 300 Bücher in lettischer, russischer und deutscher Sprache aus seiner privaten Beständen spendete, um die Bücher allgemein zugänglich zu machen.

Gegenwärtig hat der Bezirk Limbaži, 87km entfernt nördlich von Riga gelegen, noch 17.500 Einwohner aufzuweisen; 7200 davon entfallen auf den Hauptort Limbaži - im Jahr 2000 waren es noch 9.200. In ganz Lettland ging die Einwohnerzahl in den vergangenen Jahren um 13% zurück (siehe Statistik); am stärksten ist der Rückgang in Latgale (21,1%), aber auch Vidzeme verlor 17,5% seiner Einwohner/innen. Der Bezirk Limbaži verlor allein in den Jahren 2005 bis 2013 12% seiner Einwohner. Die Zahl der Nutzer/innen in den Bibliotheken ging, alle Einrichtungen des Bezirk Limbaži zusammengerechnet, von 109.887 im Jahr 2015 auf 89.324 im Jahr 2017 zurück (-14,2%). Allerdings machen diese Zahlen nur 56% der Nutzungen aus - der Rest erfolgt bereits online per Internet. Einzelne Bibliotheks-Außenstellen haben eine ziemlich geringe Zahl registrierter Nutzer/innen: 69 sind es beispielsweise in Ārciems, einem kleinen Dörfchen von nicht mal 100 Einwohnern - früher einmal Haltebahnhof einer Schmalspureisenbahnstrecke. In Bīriņi, der Gemeinde mit dem 150 Jahren alten schönen Schlösschen am See - aber nur 110 Einwohnern - nutzen 59 die Bibliothek. Aber selbst diese Zahlen lassen ahnen, dass in Prozentzahlen das Bild etwas anders aussieht:  durchschnittlich nutzen 42% aller Einwohner/innen Lettlands Bibliotheken (lett. Kulturministerium). Jede/r Nutzer/in besucht statistisch durchschnittlich 15mal pro Jahr eine Bibliothek, die mittleren Ausgaben pro Nutzer/in betragen 49,55 Euro jährlich.

Die Gehälter der Bibliotheksangestellten in Limbaži wurden ab März 2018 leicht erhöht: auf monatlich 624 Euro (brutto). Dzintra Dzene, Bibliotheksleiterin in Limbaži, ist vor allem auch entsetzt über die Art und Weise, wie die Gemeinde sparen wollte:ohne eine Befragung der Bürgerinnen und Bürger, oder der Bibliotheksangestellten. Aber inzwischen gibt es Unterstützung zumindest vom lettischen Kulturministerium - es sollen Gespräche geführt werden mit der Gemeinde, und auch dem lettischen Gemeindeverband (Latvijas Pašvaldību savienība LPS). Diejenigen, die in Landgemeinden wohnen, hoffen, dass es auch sie mit ihren Interessen und Bedürfnissen nicht allein gelassen werden. 

24. April 2017

Nicht nur die Oma vom Lande

Lettische Frauen, die Aufmerksamkeit der internationalen Presse erregen? Nein, diesmal weder Politikerin, Model, Sportlerin noch Sängerin.
Die junge Zelma Brezinska fotografiert Hochzeiten in Latgale, dem Osten Lettlands. “Schon seit meine Kindheit habe ich verschiedene Formen, mich kreativ ausdrücken zu können, gesucht. Musik, Tanz Theater," erzählt Zelma dem Portal "KasJauns". "Dann kam ich zur Fotografie, und seitdem diskutieren wir über schönes oder nicht schönes, über den Alltag und über Feiertage, über Ereignisse, Menschen, und das Leben insgesamt." Nun erregte eines ihrer Fotos Aufsehen. Das Motiv war nicht schwer zu finden: ihre eigene Mutter.

Die "Deutsche Welle" hatte zusammen mit dem Fotoblog "eyeem.com" zu einem Fotowettwerb untter dem Motto aufgerufen: Frauen in der ganzen Welt. 25.000 Fotos wurden eingereicht, 10 Siegerfotos ausgewählt. Zelma fotografierte ihre Mutter in dem Haus, dass sie zusammen mit ihrem Ehemann vor 60 Jahren selbst aufgebaut hat. "Lettland war für viele Jahre Teil der Sowjetunion, und damals mussten Frauen viel physisch leisten um für ihre Familien zu sorgen," erzählt Zelma. "Frauen haben sich in dieser Gesellschaft bewähren müssen, Arbeit wie die Männer leisten, so wie Gräben ausheben oder Traktor fahren."
"Eines jedoch hatten sie nicht - gleiche Bildungschancen, so wie wir sie heute haben", meint Zelma. "Die harte Arbeit ruinierte ihre Gesundheit, und als Lettland die Unabhängigkeit wiedererlangte verloren viele Frauen ihr Erspartes; heute bekommen sie eine Rente, die nicht mal zum Bezahlen der notwendigen Medikamente reicht."

Aber von Latgale, ihre Heimatregion, schwärmt Zelma: "Latgale mit der außerordentlich schönen Natur und die Menschen dort haben schon viele Fotografen inspiriert, darunter auch mich. Das ist die Traum-Landschaft meiner Kindheit, wohin ich immer wieder zurückkehre."

14. Januar 2013

Lettlands Präsident leugnet Armut im Lande

Lettlands Präsident Andris Bērziņš hat im Dezember mit einem Fernseh-Interview für Wirbel im Lande gesorgt. Im politischen Magazin des privaten Kanals TV3 „Nekā personīga“ (Nichts Persönliches) bestritt er mehr oder weniger, es gäbe in Lettland Armut.

Diese Äußerung und die Aufregung darüber muß vor dem persönlichen Hintergrund gesehen werden, daß Bērziņš als einer der wohlhabendsten Männer im Lande gilt. Nach der Unabhängigkeit wurde er Banker und leitete mehr als zehn Jahre die Unibanka, die später von der schwedischen SEB übernommen wurde. Darüber hinaus saß er auch in Aufsichtsräten wie etwa dem des Energiemonopolisten Latvenergo. Als er ins Amt gewählt wurde, begann angesichts eines nicht geringen Präsidentensalärs eine Diskussion darüber, ob er angesichts seiner für lettische Verhältnisse sehr üppigen Rente nicht darauf verzichten sollte oder gar müßte, obwohl er dazu juristisch natürlich nicht gezwungen ist. Eine Entscheidung, die einstweilen noch in der Luft hängt.

Neben der Einkommensfrage gibt es noch einen politischen Hintergrund: Bērziņš wurde im Frühjahr 2011 von einem Parlament zum Präsidenten gewählt, dessen Auflösung der scheidende Präsident Valdis Zatlers als eine seiner letzten Amtshandlungen initiierte, weil die Abgeordneten die von der Staatsanwaltschaft beantragte Aufhebung der Immunität eines ihrer Kollegen, des als Oligarchen angesehenen Ainārs Šlesers, abgelehnt hatten. Zwar war damals schon der derzeitigen Regierungschef Valdis Dombrovskis im Amt, jedoch noch in einer Koalition mit der Bauernunion, die ihrerseits als politisches Projekt des Oligarchen Aivars Lembergs, dem Bürgermeister der Hafenstadt Ventspils, gilt. Aus dieser Fraktion stammte auch der neue Präsident Andris Bērziņš. Ihn hievte eine Spaltung der Regierungskoalition über diese Frage ins Amt, in der die regierende Bauernunion mit der Opposition aus der „Oligarchenfraktion“ des Abgeordneten Šlesers und der sonst von den lettischen Parteien immer ignorierten Russenfraktion des Harmoniezntrums gemeisame Sache machte.

Bērziņš war eine Art Überraschungskandidat, der nach Amtsantritt zunächst nicht weiter negativ auffiel. Übel nahm ihm die Öffentlichkeit, als er am ersten September dieses Jahres seinen Sohn zum ersten Schultag begleitete, wo wenig überraschend Journalisten und Photgrapohen warteten. Bērziņš reagierte unwirsch und drohte der Presse verbal mit Gewalt.

Jetzt aber forderte er mit seinen Positionen zur Armutsfrage Widerspruch heraus, obwohl nicht alles, was er in dem Gespräch im Fernsehen sagte, grundlegend von der Hand zu weisen ist. Bērziņš behauptete, es sei einstweilen schwierig, verläßliche Aussagen über den Wohlstand im Lande zu treffen, weil die vorhandenen Daten nicht belastbar seien. Er erinnerte daran, daß viele Menschen neben ihrem offiziellen Einkommen noch das sogenannte „Umschlaggeld“ erhielten. Und in der Tat ist es in Lettland in der Privatwirtschaft verbreitet, die Mitarbeiter wenigstens teilweise schwarz zu bezahlen, um die Sozialabgaben zu sparen. In Ermangelung einer gewissen Planungssicherheit im Leben gehen viele Arbeitnehmer trotz aller Anzeigenkampagnien der letzten Jahre nur zu gerne darauf ein, erhalten sie doch so vermeintlich mehr netto vom Brutto.

Zu Wort melden sich allerdings nicht nur Journalisten, sondern auch Sozialwissenschaftler, die in den letzten Jahren Studien und Untersuchungen durchgeführt haben wie nicht zuletzt das regelmäßige Monitoring der Gesellschaft, welches das UNO-Programm der UNDP (United Nation Development Programme ) finanziert. Die Wissenschaftler weisen darauf hin, daß insbesondere auf dem Land viele Menschen von gut 200 Lats (etwa 285 Euro) im Monat leben müssen, was dem staatlichen Mindestlohn entspricht.

Man darf deshalb gewiß sagen, daß die von Präsident Bērziņš vorgetragenen Zweifel alle zutreffend sind. Gleichzeitig genügt schon der alleinige Augenschein, um zu erkennen, daß es selbstverständlich in Lettland Armut gibt. Und dafür muß man nicht in eine wirtschaftlich schwache Region wie das östliche Lettgallen fahren, da genügt bereits ein Besuch in einem der Vororte von Riga.