8. November 2019

Lettisch unterwegs sein

Ja, ein wenig "retromäßig" sieht er schon aus, dieser Camping-Anhänger. Und wer ihn von  einem ordentlich spritschluckenden SUV ziehen lässt, wird vielleicht noch mehr Aufsehen erregen. Andere fühlen sich vielleicht an das "Dübener Ei" erinnert - nur umgedreht: der "Kulba Woody" hat es jedenfalls aktuell in einige Camping-Fachmagazine geschafft.

Der aktuelle Werbeclip für das Gefährt lässt die Betrachter staunen: ja, könnte das nicht Kandava oder Kuldiga sein, und rauscht da nicht lettische Landschaft durchs Bild? Einen kurzen Moment lang fühlen wir uns an die alte "Hornbacher"-Werbung erinnert - aber hier gibt es keine schmutzigen Hinterwäldler, sondern nur gut gestylte junge Leute zu sehen (clip / Trigger Happy Productions).

Einstellung aus "KULBA teardrop trailer" Werbespot
Aber ist der "Kulba" wirklich ein lettisches Produkt? Im Netz sind auch weitere Werbeclips zu sehen, auch für die Kombination "Kulba + SUV" - hm. Auf deutschen Campingmessen stellt sich gern ein Mensch namens Ingo Host als der "Macher" vor - und bekennt: "ja, das Konzept ist alt. Wir es 2011 wieder aufgegriffen und bauen seitdem diese Trailer".(Campingwelt.TV). Auf seiner Webseite findet sich dann endlich eine klare Aussage: "Der KULBA Teardroptrailer, aus Riga, hat ein Fahrgestell der Firma Nieper aus Solingen. Der Aufbau ist aus Holz und Aluminium in Handarbeit gefertigt."

Also doch! Und selbstverständlich gibt es auch eine Webseite der "SIA Kulba" mit Sitz in der Amula iela 8, in der südlichen Vorstadt von Riga. Neben dem "Verkaufsbüro Europa" von Ingo Host sind hier noch weitere Verkaufsbüros in Königswinter und Köln - alles weitere scheint sich vorläufig in deutschen Kleinstädten abzuspielen: in Möbris (11.000 Einwohner), Nieder-Olm (10.000), Schwabhausen (6.000), Tellingstedt (2600) und Baiersdorf (8.000).

Ganze 12 Messebeteiligungen innerhalb von nur drei Jahren wurden hier von der Lettischen Investitions- und Entwicklungsagentur (LIAA) finanziell unterstützt: von Düsseldorf (4x), Utrecht (2x), Amsterdam und München, dem schwedischen Jonköping und dem dänischen Herning, bis zu Walsrode und in Basthorst bei Hamburg. "Internationale Konkurrenzfähigkeit" soll hier erreicht werden.

Welche Materialien sind verarbeitet? "Baltischem Birkenschichtholz" verspricht uns der Hersteller, sicher ein hochwertiges Material: es gilt als robust, stabil und dabei doch leicht. Dazu eine Aluminium-Außenhaut - gut, die wächst sicher nicht in Lettland. Die Marke "lettisches Gefährt" soll offenbar in der Produktwerbung hier nicht zu hoch gehängt werden. Und Achtung - der Spruch auf der "Kulba"-Werbeseite könnte wohl eher erschrecken: "Für jeden gebauten KULBA Teardrop-Trailer pflanzen wir eine neue Birke." EINE, in Worte 1 Baum? Wohl kaum ein Ersatz für ein Produkt ganz aus Birkenholz, in wenig umweltfreundlich hergestelltes Aluminium hineingepresst - noch dazu wo in Lettland Birken wirklich überall (sowieso) wachsen. 

Menschen größer als 2 Meter werden in "Teardrops" allerdings auch eher Tränen vergießen - ausgestreckt liegend werden sie in dieses Gefährt nicht hineinpassen. "Teardrop", also "Tränenform", klingt auch ein wenig wie knapp an "Raindrop" ("Regentropfen") vorbeigedacht - aber das klingt wohl nicht so werbeträchtig, zumal in der Reisebranche.Wer will schon zu Hause erzählen: "Ich war mit den Regentropfen unterwegs ...".

Auf Youtube findet sich auch ein Filmchen von einem Campingfan, der uns zeigt, wie man einen "Teardrop" von allen Seiten betastet - mit Zoom auf den Preis: knapp 15.000 Euro. Die Botschaft scheint sich also durchaus herumgesprochen zu haben, so auch der Beitrag auf der "Caravaning". Zumal der Markt in diesem Bereich durchaus umkämpft zu sein scheint: ein "Escapod" (Sitz in Utah / USA) sieht z.B. nicht sehr viel anders aus - scheint weit weg zu sein, aber es gibt auch Fahrzeuge für die eine Herstellung in Ascheberg im Münsterland versprochen wird. Und es gibt auch weit vernetzte Webseiten, die u.a. Treffen für "Teardrop-Camper" ankündigen.

Die lettische Trailer-Träne dagegen scheint sich eher als Angebot für den europäischen Markt zu verstehen. Wie beschrieben, müssten Interessierte eine Weile suchen um zu erfahren, wer dieses Gefährt im Detail herstellt. Mit einem "Kulba" zu reisen bedeutet wohl: Lettisch unterwegs sein, manchmal ohne es zu wissen oder zu ahnen. Ein Glück nur, dass die lettischen Birken auch wachsen ohne dass Anhängsel fürs SUV-Freizeitvergnügen gebaut werden müssen.

27. Oktober 2019

Karl Marks sucht neue Heimat

Dirigenten aus Lettland sind derzeit in vielen Ländern der Welt bekannt: sei es Andris Nelsons, Mariss Jansons, Sigvards Klava oder Andris Poga.
Jansons, der in München das Symphonieorchester und den Chor des Bayerischen Rundfunks dirigiert, bekam kürzlich den "Opus Klassik" für sein Lebenswerk - das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern, den Ernst von Siemens Musikpreis und den Bayerischen Maximiliansorden hat er bereits. Poga, Musikdirektor des lettischen Nationalorchesters Riga, ist eine Art "Deutschlandreisender": als Gastdirigent in Dresden, beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, beim NDR Elbphilharmonieorchester, dem WDR Sinfonieorchester Köln.

Mit Lettland verbunden ist aber auch Karel Mark Chichon. (in lettischer Schreibweise = "Karels Marks Šišons"). Der 1971 in London als Kind gibraltarischer Eltern geborene Chichon war von 2011 bis 2017 Chefdirigent der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern; als er diesen Posten damals wegen Einsparungen beim Saarländischen Rundfunk unter Protest aufgab, bezeichnete ihn die Presse als "heißblütigen Briten mit Wohnsitz Malaga" (Saarbrücker Zeitung). 2017 sagte Chichon allerdings rückblickend, er habe in Saarbrücken bereits lange vorher gewusst dass er nicht verlängern werde (NRA). Gleichzeitig sprach er im Interview mit der "Neatkarīgā Rīta avīze" deutschen Orchestern ein gewisses Maß an "Vituosität" ab - der emotionale Kontakt zum Orchester sei einfach nicht so eng gewesen.

Königin Elisabeth II ernannte Chichon 2012 zum „Officer of the British Empire“. Im Jahr 2016 wurde er in Anerkennung seiner Verdienste zum "Fellow der Royal Academy of Music" ernannt. Nun soll er die Staatsbürgerschaft Lettlands, ein hohes Gut nach dem immer noch viele Tausende Einwohner Lettlands vergeblich streben, verliehen bekommen - ehrenhalber (lsm / LA). Eine Reaktion auf den "Brexit"? Chichon ist britischer Staatsbürger.

Nun ja, Chichon hat 2006 erfolgreich eine Lettin geheiratet: die auch in Deutschland bekannte Opernsängerin Elīna Garanča. Aus dieser Ehe sind bisher zwei Kinder hervorgegangen: gemäß lettischer Schreibweise sind es Katrīna Luīze Šišona (geb. 30.9.2011) und Kristīna Sofija Šišona (10.1.2014). Diese beiden Kinder allerdings sind bereits lettische Staatsbürgerinnen.

Wird das Ehepaar Šišona-Garanča nun also zukünftig in Lettland leben? Darauf deutet eigentlich nichts hin. Zwar war Chichon 2009 - 2012 unter anderem auch Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Lettischen Nationalen Symphonieorchesters, aber ein ähnlicher Job steht momentan nicht in Aussicht. Im vergangenen Jahr konzertierte Chichon u.a. zusammen mit dem lettischen Pianistengenie Vestards Šimkus (Šišona un Šimkus paralēles). In einem Interview mit LSM bekannte er: "Ich freue mich in Lettland zu sein, hier fühle ich mich zu Hause, und die Energie, die den Orchestern Lettlands zu eigen ist, die ist wirklich besonders, und gleiches würde ich vielen anderen Orchestern wünschen." Also: Heimat in Lettland, aber jedenfalls in der Nähe von Orchestern. Im Lettischen Radio klingt Chichon wesentlich nüchterner: "Ich bin nicht gekommen um mich zu verbrüdern, sondern zu arbeiten."

In einem Interview bei "Diena" kommentiert Chichon einen Teil seiner bisherigen Arbeitsorte: "Auf Gran Canaria habe ich einen Konzertsaal von Weltklasse-Niveau - so etwas hätte ich mir in Saarbrücken gewünscht." DIENA-Journalistin Inese Lūsiņa fragt noch weiter: "Und was ist das Allerwichtigste bei der Arbeit dort?" Chichon unverhohlen: "Der enge Kontakt zur Regierung. Wenn ich Geld brauche, dann gibt die Regierung es mir. Ich kann anrufen und sagen 'hier ist ein Problem, bitte lösen Sie es' - und es wird gemacht."

Nun ja, mit dieser Herangehensweise wird er vermutlich genau der richtige Staatsbürger Lettlands werden. Über die Vereinbarkeit von internationalen Engagements und Familie sagt Chichon: "der Schlüssel dazu ist ein präzise logistische Planung; wenn unsere Kinder in unserem Haus in Malaga sind, dann bin ich zusammen mit Elīna in Las Palmas oder in Wien. Immer wenn ich zwei Wochen weg war, dann versuche ich die nächsten zwei Wochen zu Hause zu sein. Die Mädchen wissen immer, entweder ist Papa oder Mama da. Und wenn wir beide auf Tournee sind, hilft auch mal meine Mutter aus." (Diena) Also: bisher ist das nicht Lettland. Aber vielleicht zählt die lettische Regierung das Künstlerehepaar längst zur "lettischen Diaspora"?

Elīna Garanča selbst sagte einmal auf die Frage, was sie an Lettland am meisten liebt: "Den Sommer. In Spanien ist der Sommer sehr, sehr heiß, die Sonne verbrennt alles, die Landschaft wird gelbbraun. Dann sehnte ich mich sofort nach etwas Grün, der Heimat! In Österreich ist es zwar grün, aber rund herum sind Berge. Das ist auch nicht meins - von Kind auf bin ich gewohnt, dass ich noch allen Seiten den Horizont sehen kann."  (delfi)

Demnächst wird eine spezielle Kommission des lettischen Parlaments über Chichons "Ehren-Staatsbürgerschaft" entscheiden. Die Befürworter, unter denen sich Abgeordnete nahezu aller im Parlament vertretenen Parteien befinden, argumentieren damit, Chichon habe über die enge Zusammenarbeit mit dem Lettischen Nationalen Symphonieorchester hinaus sich auch für die Verbreitung der Musik verschiedener lettischer Komponisten wie Ādolfs Skulte, Emīls Dārziņš, Raimonds Pauls, Andris Dzenītis und Ēriks Ešenvalds eingesetzt. (LA)

19. Oktober 2019

Geboren in Lettland

Es war eine juristische Spitzfindigkeit, geboren aus der hitzigen Diskussion um die Einbürgerung von Russischsprachigen in Lettland, die keine Staatsbürger/innen Lettlands sind oder sein wollen: wer in Lettland geboren wird, war bisher von der Entscheidung der Eltern abhängig, ob eine lettische Staatsbürgerschaft zuerkannt wird oder nicht - wenn die Eltern lieber einen Nichtstaatsbürgerpaß behalten wollen, als Sprachprüfungen und andere Mühsal auf sich zu nehmen, dann konnten sie auch bisher bestimmen, dass ihr Kind ebenfalls keine lettische Staatsbürgerschaft bekommt. Von freiem Willen des Kindes kann ja bei Neugeborenen noch keine Rede sein.

Nun wird das anders: am 17. Oktober beschloss das lettische Parlament, die Saeima, mit den Stimmen von 60 der 100 Abgeordneten, diese bisherige Regelung abzuschaffen; ab dem 1. Januar 2020 bekommen alle in Lettland geborenen Kinder automatisch die Staatsbürgerschaft Lettlands zuerkannt (lsm/saeima). Eine Ausnahme gibt es allerdings noch: wenn die Eltern entscheiden, dass ihr Kind die Staatsbürgerschaft eines anderen Landes - zum Beispiel Russland - bekommen soll, dann wird dem entsprechend verfahren. Doppelte Staatsbürgerschaften sind in Lettland weiterhin die große Ausnahme.

In der Praxis wird die neue Regelung voraussichtlich jedoch nur geringe Auswirkungen haben, bzw. wenige Kinder betreffen: im Jahr 2016 47 Kinder, im Jahr 2017 waren es 51 Kinder. Im Jahr 2018 betraf es 33 Kinder. In den vergangen fünf Jahren waren es etwa 300 Neugeborene, die nicht zu Staatsbürgern wurden, da ihre Eltern diese bereits bestehende Option nicht wahrnahmen. Nun wird es also nur noch zwei Möglichkeiten geben: wer nicht bei Geburt die Staatsbürgerschaft eines anderen Landes bekommt, wird Lette bzw. Lettin.

Der Anstoss zur Neuregelung war noch von Präsident Vejonis gekommen, der bis Juli 2019 im Amt war, dessen Vorschläge aber das bis zur Wahl am 6.Oktober 2018 im Amt befindliche Parlament immer abgelehnt hatte. Zuletzt war die Regelung für in Lettland Neugeborene 2013 erleichtert worden: bis dahin war noch die Zustimmung beider Eltern verpflichtend vorgeschrieben, um einem Kind die lettische Staatsbürgerschaft zusprechen zu können.

Die Zahl der Einwohner Lettlands mit dem "Ausnahmestatus", im Besitz eines Passes der Republik Lettland zu sein, mit dem dann aber der Status des sogenannten "Nichtstaatsbürgers" festgeschrieben ist, sinkt seit Jahren. 1995 waren es noch 731.078 Personen, im Jahr 2000 582.175; 2019 sind es noch 205.565 Menschen (csb) der inzwischen 1.919.986 Einwohner. Teil dieser Einwohnerschaft sind heute noch 60.896 Bürger eines anderen Staates (also Ausländer, davon 41.480 mit russischem Pass), und 164 tatsächlich "Staatenlose" - also Menschen ohne Pass irgendeinen Landes.
Der Anteil lettischer Staatsbürger an der Gesamtbevölkerung beträgt gegenwärtig 86,11%, der Anteil ethnischer Lett/innen unter den Einwohnern beträgt 62,32%.

13. Oktober 2019

Frau Krampa auf Reisen

Zweimal wurden in Lettland in den vergangenen Jahren traditionelle Wollhandschuhe in größerer Anzahl verteilt: am 18. November 2018, als Geschenk an alle Neugeborenen dieses Tages, dem 100.Geburtstag Lettlands (lv100.lv). Noch bekannter aber war die Wollhandschuh-Aktion von 2006, als alle Teilnehmer/innen des ersten NATO-Treffens auf dem Gebiet eines Ex-Sowjetstaates zwei Stück Kunsthandwerk in Geschenkschachtel erhielten - 4500 Paare Wollhandschuhe. "Der Handschuh ist nicht nur ein rituelles Objekt, sondern stellt alle wichtigen Momente unseres Lebens dar" - so formulierte es die Kampagne "Lettland100".

Welche Gastgeschenke Annegret Kramp-Karrenbauer (Annegrēta Krampa-Karrenbauere), Deutschlands "Greta" also, diesmal in Riga überreicht worden sind, ist nicht überliefert. Ein wenig fühlen wir uns erinnert an den Besuch des lettischen Präsidenten Vejonis zu Anfang diesen Jahres: in Deutschland muss er erst noch seinen Namen bekannt machen, in Lettland wurde längst über seine Nachfolge diskutiert (Blogbeitrag).

Jedenfalls ist "AKK" in Lettland noch nicht in erster Linie als potentielle Nachfolge-Angela auf dem Schirm. Seit 2006 veranstalten die lettischen Gastgeber jetzt den "Riga Summit", und legen das Thema "Sicherheit" auch bedeutend weiter aus, als es die deutsche Regierungssichtweise gerne hätte - während für Kramp-Karrenbauer schon die Stationierung deutscher Soldaten in Litauen als Nachweis für "Deutschland übernimmt Verantwortung" läuft (siehe Ministerium),

Während die deutsche Ministerin betont, der "größte Truppensteller" zu sein, und herausstellte, das deutsche "Engagement" in Litauen sei "nicht zeitlich begrenzt", tauchen in der lettischen Berichterstattung zunächst ganz andere Themen auf. "Deutsche Ministerin: Nord-Stream ist wohl nicht mehr zu stoppen", schreibt lsm. Auch Kramp-Karrenbauers Befürwortung einer Erhöhung des deutschen Beitrags zu NATO in Richtung der 2% findet überall Erwähnung; "so wie es auch Trump fordert", schreibt lsm. In sofern ist es konsequent, dass die deutsche "FAZ" in ihrem Betrag betont, "drüben werde mitgehört" - gemeint sind hier allerdings eher die Fake-News-Produzenten auf russischer Seite.

Medial läuft die deutsche "Versicherungsministerin" auch am zweiten Konferenztag dem Kanzlerthema hinterher - in Person der in den lettischen Medien gern immer wieder gezeigten grinsenden Begeisterung von Ex-Kanzler Schröder, mit der er seinen lupenreinen-Demokraten-Freund Putin in den Arm nimmt (Panorāma). Diese Zusammenarbeit - und damit wieder beim Thema Nord-Stream angekommen - scheint den lettischen Medien immer noch um einiges gewichtiger zu sein als "Frau Krampa" in Riga.

Auch der US-Präsident war ja zuletzt durch "Strickmoden" aufgefallen: sein kurdisches Muster nach dem Motto "Einen links, einen rechts, einen fallen lassen" erzeugt nicht überall Begeisterung. Aus der lettischen Perspektive ist nicht nur deshalb die Frage der Zuverlässigkeit von NATO-Zusagen um einiges gewichtiger als mögliches Interesse für die Feinheiten deutscher Innenpolitik. Auch am 4. Februar 2019 hielt sich eine deutsche Verteidigungsministerin schon einmal zu einem Besuch in Riga auf - um kurz danach auf völlig anderem Gebiet Schlagzeilen zu machen. Wie lange wird Kramp-Karrenbauer den Militärs erhalten bleiben? Bisher wirkt vieles eher als "Ministerin der Ausflüchte". Erneut auf das Nord-Stream-Projekt angesprochen, ein AKK-Zitat: "Unter Leitung von Kanzlerin Merkel versucht die gegenwärtige Regierung in Gesprächen zu erreichen, dass die Sicherheitsinteressen der Ukraine und anderer Staaten beachtet werden. Aber wenn man insgesamt betrachtet, wie weit das Projekt schon entwickelt ist, da ist ein Abbruch ziemlich unrealistisch." (bnn)

Vielleicht gibt es da also doch Gemeinsamkeiten von Sicherheitslage und deutscher Innenpolitik: Kramp-Karrenbauer als das Modell "lass weiterlaufen, was einmal so schön am Laufen ist." Was sich daraus für die Sicherheitslage Lettlands und der baltischen Staaten ergibt - vermutlich wird Deutschland hier nicht der entscheidende Faktor sein. In wenigen Tagen wird der ukrainische Präsident Zelenski in Riga erwartet.

30. September 2019

Die "Kaņepes"-Versteher

Auch Bauern in Lettland haben inzwischen die Gesetzmäigkeiten des EU-Binnenmarktes kennengelernt - mit schmerzlichen Verlusten bei der Zuckerproduktion, mit Erfolgen beim Getreideanbau. "Die Bauern versorgen Lettland mit Lebensmittel" - ein immer noch lebendiger Mythos, konstatiert Wirtschaftswissenschaftlerin Daina Pelēce in einem 2018 veröffentlichten Thesenpapier.

Tatsächlich ist noch etwa ein Drittel der Landesfläche Lettlands landwirtschaftlich genutzt - mit sehr geringer Produktivität, stellt Pelece fest. Weniger als 20% der Erwerbstätigen sind noch in der Landwirtschaft beschäftigt (die Teilzeitarbeitenden eingerechnet), und doch sind das prozentual mehr als in den meisten anderen EU-Ländern. Verglichen mit den 1930iger Jahren verringerte sich die landwirtschaftliche Fläche in Lettland etwa um die Häfte, das stellte kürzlich eine Übersicht des Landwirtschaftsministeriums fest. - Kapitalanleger und Spekulanten machen sich breit: sie kaufen im großen Stil landwirtschaftliche Flächen in ärmeren Ländern auf. Ist es da eine hilfreiche Maßnahme, dass Lettland 2017 verpflichtende Lettischkenntnisse für Käufer landwirtschaftlicher Flächen beschloss?

Dr. Veneranda Stramkalne, Lettlands führende
"Hanfwissenschaftlerin", stolz auf die Ernte
Wer nicht in den beiden führenden Bereichen der lettischen Landwirtschaft tätig ist - Milchwirtschaft und Getreideanbau - der verlegt sich vielleicht auf die sogenannten "innovative Nischenprodukte". Bekannt, ja beinahe legendär, ist in Lettland der Anbau von Hanf: Hanfbutter, Hanföl und Ähnliches gelten ja als Bestandteil traditionellen Landbaus in Lettland. Dennoch sei Hanfanbau, der über wenige Quadratmeter Planzenfläche hinausgeht, für Lettland relativ neu - so eine Analyse des lettischen Landwirtschaftsministeriums. Es mangelt bisher an Einrichtungen zur Weiterverarbeitung der Hanffasern; die Anbaufläche für Hanf erreichte 2017 gerade mal 1000 ha. Die Nachfrage innerhalb der EU nach Hanffasern steige aber stetig an, daher sei die Hanfproduktion ein Bereich, auf den gerade Neueinsteiger und Investoren setzen.


Wissenschaftliche Untersuchungen widmen sich in Lettland vor allem der Sortenwahl. Dabei muss zunächst die angestrebte Nutzung beachtet werden: für die Fasergewinnung ist unwesentlich, ob einzelne Sorten mehr männliche oder weibliche Pflanzen hervorbringen - aber für die Samengewinnung bzw. Hanfölproduktion kann das entscheidend sein. Vermutet wird, das z.B. bei längerer Trockenheit mehr männliche Pflanzen wachsen. Die nächste Schwierigkeit ist, dass nicht alle Samen der in der EU zugelassenen Sorten auch in Lettland gut erhältlich sind - 10 der 45 Hanfsorten mit EU-Zulassung wurden bisher auf lettischen Versuchsflächen erfolgreich getestet. Frost dagegen kann die Hanfpflanze bis zu -5Grad vertragen (siehe lett. Handbuch Hanfanbau).

Einer der Orte in Lettland mit langjähriger Erfahrung im Hanfanbau ist "Adzelvieši", unweit des Burtnieku-Sees in Vidzeme gelegen. Hier wird auch "Hanfdegustation" für Gästegruppen geboten, die schon in vergangene Jahrhunderte zurückreichende Landbau-Tradition dieses Ortes wurde 1991 neu aufgestellt.

Schon zu Zarenzeiten soll "Lettlands schwarzer Kavier", wie Hanfsamen und Hanfpaste angeblich genannt wurden, bis nach St.Petersburg bekannt gewesen sein. Zumindest als Nischenprodukt der lettischen Landwirtschaft scheint die Produktion eine realistische Überlebenschance zu haben.

30. August 2019

Mal nach Estland wandern

Lettlands Verkehrsplaner und Touristiker träumten Anfang der 1990ziger noch von groß angelegtem Autobahnbau - zusammen mit den Kolleg/innen aus Finnland. Dann kamen die (in Lettland) mit Steuergeldern unterstützten Fährlinien, später die Billigflieger. Das jetzt im Bau befindliche Rail-Baltica-Projekt ignoriert weitgehend die regional vorhandenen Bahnstrecken. Konzepte zur Entschleunigung des Erholungsbetriebs starten spät - zwar gibt es einige beschilderte Fahrradrouten, aber das touristische Standardangebot für diese Region scheint ja immer noch die "10-Tage Rundtour durchs Baltikum" zu sein - egal wie Mensch das zeitlich und räumlich schaffen soll (bei all den vielen schönen Ecken und Sehenswürdigkeiten, sage ich jetzt einfach mal).

Nun aber kommt ein Wanderwegkonzept. Endlich, werden vielleicht manche sagen. Hinfahren, und nicht möglichst schnell durch und wieder weg, sondern: bleiben, und genießen!

Am 13./14. September 2019 wird "JŪRTAKA", ein Wanderweg der sich an der lettischen Küstenlinie orientiert, im Rahmen einer zweitägigen Veranstaltung eröffnet. Gewandert werden kann dann auch an estnischen Küsten - denn es ist ein gemeinsames Projekt mit den Partnern "Lääne-Eesti Turism" und "MTU Eesti Maaturism" aus Lettlands nördlichem Nachbarland. In Lettland sind es, neben den den Regionaltourismusverbänden von Kurzeme und Vidzeme, die Gemeinden Carnikava, Saulkrasti und Salacgriva auch die Firma "Lauko Celotajs". Etwas im Hintergrund solcher Projekte steht auch das 50-jährige Gründungsjubiläum der "Europäischen Wandervereinigung".

Die Gesamtlänge dieses Wanderwegs, öffentlich gekennzeichnet mit der Bezeichnung "E9", beträgt ungefähr 1200 km oder 1,5 Millionen Schritte, so die Organisator/innen (580 km in Lettland, 620 km in Estland). In Estland heißt der Weg dann "Ranniku Matkarada". Die "Höhepunkte" liegen beide in Estland: Die Felsen von Rannamõisa (Rannamõisa pank) liegen 35 Meter über dem Meeresspiegel, die Aussichtsplattform des Leuchtturms Pakri, zusammen mit der Höhe der Pakri Felsen, ungefähr 70 Meter über dem Meeresspiegel.

Dem Konzept der Erfinder dieses Wanderweges zufolge teilt sich der Weg in 60 Tagesetappen - deren Tourverlauf sich Interessierte hier herunterladen können. Wer bei der Eröffnung dabei sein möchte: bitte vorher registrieren.

Na dann: fröhliche Wanderstiefel! Nur bitte nicht alle empfohlenen Regeln fürs lettisch-estnische Küstenwandern 100%ig ernst nehmen! Denn unter den Ratschlägen finden wir unter anderem für den Fall, wenn jemand mit dem Auto kommt und nicht weiß, wie er / sie zum Ausgangspunkt zurückkommt, den Satz: "Die Wanderer können ihre eigene Logistik organisieren, indem ein Auto am Zielpunkt, eine anderes wiederum am Startpunkt stehen gelassen wird." Oh, bitte bitte, nein danke! Wandern STATT Autofahren, das ist doch die wirkliche Alternative! Bitte keine neue Autoschwemme durch (Natur!)-wanderwege, neue Parkplätze in der Natur, weil nun alle zum Wandern hinkutschieren wollen. Seid kreativ, denkt euch was aus!

18. August 2019

Einsame Abo-Briefkasten

Sie haben eine Tageszeitung abonniert, oder vielleicht eine Illustrierte? Da scheint es selbstverständliche Tradition, sich diese Abo-Zeitung auch bis in den eigenen Briefkasten liefern zu lassen. Auch in Lettland galt dies selbstverständlich - gelten doch Lettinnen und Letten als sehr lesefreundige Menschen. Allerdings endet die bisher bestehende Vereinbarung der staatlichen Stellen mit der Lettischen Post zum Ende des Jahres 2019 - und daraus ergaben sich einige Fragen.

Die lettische Post versucht auf verschiedene Art und Weise den Sprung ins digitale Zeitalter zu schaffen - und verschickt zum Beispiel Handybilder als gedruckte Postkarten (pasta balodis). Und wer für mindestens 4 Euro bei der lettischen Post einkauft, darf an einer Lotterie teilnehmen, deren Hauptpreis immerhin ein Fiat500 ist.

Aber die Verleger Lettlands haben Sorgen. Gegenwärtig bekommt die lettische Post 2,7 Millionen Euro von den Verlegern fürs Abo-Ausliefern - nötig seien aber ab 2020 zusätzliche 5-6 Millionen Euro, kündigten die Verleger an (lsm). Am 8. August wurde auch dem frisch gewählten Präsidenten Levits bereits vorgetragen (LA): die Rolle der Medien in Lettland besteht nicht nur in der Darstellung von Meinungsfreiheit und -vielfalt, sondern auch als Medium für Menschen weit ab der Hauptstadt. Also: um Abos zu einigermaßen günstigen Preisen an jeden und jede ausliefern zu können, ganz gleich wie weit Haus oder Hof vom nächsten Dorf entfernt liegt, soll der Staat weiterhin helfen - mit Zuschüssen in Millionenhöhe.

Vielleicht muss man auch wissen: die lettische Post gehört zu 100% dem lettischen Verkehrsministerium - so ist es gesetzlich festgelegt (siehe: Jahresbericht). Die Bilanzzahlen im Bereich der abonnierten Zeitungen und Zeitschriften sind in den vergangenen Jahren rückläufig. Seit 2008 gibt es den staatlichen Ausgleich der Versandkosten, seit 2012 ist es im lettischen Postgesetz verankert (lv-portal). Schon 2015 waren es 4,66 Millionen Euro, 2018 5,8 Millionen Euro Verluste in diesem Bereich, die der lettische Staat ausgleichen musste. Nur so lasse sich ein einheitlicher Abopreis im ganzen Land gewährleisten, sagen die Herausgeber. Guntars Līcis zufolge, dem Chef des lettischen Verlegerverbandes, würde sich der Abopreis für die abgelegenen Regionen stark erhöhen müssen, wenn alle Kosten ohne staatliche Hilfe ausgeglichen werden müssten (diena). Daiga Bitiniece, Redakteurin beim dreimal pro Woche erscheinenden "Kurzemnieks", rechnet so: "wir müssten dann der Post 4000 Euro monatlich mehr bezahlen; statt gegenwärtig 6,30 Euro würde das Abo damit auf 8,88 Euro steigen." 
Ein anderer Vorschlag, der gegenwärtig diskutiert wird, ist die Mehrwertsteuer (lett: "pievienotās vērtības nodoklis" PVN) für Presserzeugnisse von gegenwärtig 12% auf 5% zu senken.

Eines der zentralen Argumente ist, wie so oft, der Erhalt von Sprache und Kultur. "Wir sind ein kleines Land", betont auch Verleger Līcis, und stellt damit die besondere Rolle alles Lettischsprachigen heraus. Zeitschriften und auch Büchern komme daher eine wachsende Bedeutung zu. "Im Gegensatz zum Internet fühlen wir uns verantwortlich für jedes gedruckte Wort", betont Līcis.

Am 13. August beschloss das Ministerkabinett nun mit 3,7 Millionen Euro die lettische Post zu unterstützen, zusätzlich zu den bereits dafür reservierten 2 Millionen Euro - der lettischen Post zufolge wird damit nicht mehr als 40% der tatsächlichen Kosten abgedeckt. Wer genauer wissen möchte, wann die Abo-Zustellung erfolgt, kann sich auch die Ortsliste der Post ansehen, in der Mindest-Zustellzeiten festgelegt sind: bis 8 Uhr morgens in Riga, in Garkalne, Ķekava un Ropaži bis 10 Uhr, in Baldone, Salaspils und Saulkrasti bis 11 Uhr, und auch in Auce, Dobele, Iecava, Inčukalns, und Loja geschieht die Zustellung immerhin nach bis 12 Uhr. Abonnenten in Aizkraukle, Balvi, Bauska, Grobiņa, Inciema, Liepāja, Limbaži, Mālpils, Olainr, Ragana, und Saldus können immerhin noch bis 13 Uhr mit der Zustellung der Tageslektüre rechnen. Für Interessierte in Ādaži, Carnikava, Daugavpils, Gulbene, Jelgava, Jēkabpils, Kandava, Krāslava, Kuldīga, Lielvārde, Ludza, Madona, dem Bezirk Mārupe, Ogre, Preiļi, Rēzekne, Sigulda, Skrunda, Talsi, Tukums, Ulbroka, Valka, Valmiera, Ventspils, und Zilupē dauert es schon bis 14 Uhr, und alle bisher nicht genannten müssen vielleicht bis 15 Uhr warten. (pasts.lv)

Da die Verantwortlichkeiten beim Verkehrsministerium liegen ist aber auch klar, dass die jetzt zusätzlich zugesagen Finanzen anderen Verkehrsprojekten weggenommen werden musste - sicher keine Dauerlösung. Es wird damit auch nur die bestehende Regelung um ein einziges Jahr verlängert. Das Problem bleibt bestehen. Wer einsam lebt, oder das lettische Dorfleben liebt, der / die sollte wohl am besten seinen Abo-Briefkasten direkt in Riga neben dem Parlament aufstellen ...

4. August 2019

Bröckelnde Markthallen

Das Gelände des Rigaer Zentralmarktes, so wie es derzeit aussieht,
hat deutlich schon bessere Tage gesehen
Für die Gäste der lettischen Hauptstadt ist es ein fester Programmpunkt eines Riga-Besuchs: ein Gang durch die Hallen des Zentralmarktes, zwischen Hauptbahnhof und Haus der Wissenschaft gelegen. Aber nicht nur wegen den üblichen "Zeppelin"-Legenden, die hier an dieser Stelle gern erzählt werden, ist es ein Ort mit bröckelndem Charme geworden: das 7,2 Hektar große Marktgelände ist inzwischen "in die Jahre gekommen" - ganze 88 Jahre sind seid der Eröffnung vergangen. Das Gelände bedarf, für Besucherinnen und Besucher nicht zu übersehen,  einer Modernisierung und Verschönerung.

Ein Plan, wie das Marktgelände in Zukunft aussehen soll, besteht eigentlich schon - er wurde 2017 der Presse vorgestellt, und im Januar 2019 war der Beginn der ersten Arbeiten ausgerufen worden. Bisher wurden allerdings nur ein paar neue Vitrinen aufgestellt und die Beleuchtung verbessert. Eigentlich sahen die Planungen vor, den Fischpavillon ab Herbst 2019 für 1 1/2 Jahre ganz zu schließen, zwecks Renovierung. Dabei sehen die einen mehr Platz für Fußgänger und Radler im Vordergrund, andere eher eine Modernisierung der Toiletten als Priorität, oder auch die Schaffung von mehr Parkplätzen.
Doch ein unvorhergesehenes Ereignis warf im Frühjahr die Pläne durcheinander: ein Teil des Kanalufers zwischen Markthallen und Autobusbahnhof rutschte ab - und stellte damit nochmals die Dringlichkeit einer Renovierung unter Beweis. Seitdem schwirren die Gerüchte hin und her: über angeblich notwendige erheblich größere Finanzierungssummen oder Unzulänglichkeiten der bisherigen Pläne.

Bisher nur Träume der Betreiber des Zentralmarktes: ein gesäubertes,
geordnetes und gut zu begehendes Marktgelände
Am 2.Mai sah sich daher die Stadt Riga veranlasst, die "baumas" (lett.= "Gerüchte") per Pressemeldung richtigzustellen. Ein reiner Bauernmarkt würde den zukünftigen Ansprüchen nicht mehr ausreichen, ist hier zu lesen. Das Ziel sei vor allem mit Gewinn zu arbeiten. Man wolle das Marktgelände so ausbauen, dass in Zukunft auch Konferenzen, Ausstellungen und sogar Konzerte hier stattfinden könnten. Der Ausbauplan bis 2022 soll insgesamt 30 Millionen Euro kosten, einen Teil sei vom Europäischen Fond für Regionalentwicklung (lettisch "Eiropas Reģionālās attīstības fonda" ERAF) abgedeckt.

Aber eigentlich werden die Veränderungen größer sein, als sie vielleicht gerade jetzt vorstellbar sind. Durch den Bau der "Rail-Baltica"-Bahnstrecke soll der bisherige Bahndamm ebenerdig abgesenkt werden. "Der Markt und das Ufer des Stadtkanals werden faktisch zu einem Teil der Altstadt", - so beschreiben die zuständigen Behörden ihre Visionen.

Sicher ist allerdings, dass nach den Ufereinbrüchen die Lage neu überdacht werden muss. Ein Loch von zehn Meter Durchmesser ist an den alten Befestigungen entstanden, Experten beurteilten auch den Rest der Anlagen als stark gefährdet (delfi). Vor allem der Ablauf der geplanten Arbeiten muss neu überdacht werden - denn niemand möchte riskieren, dass die Zugänglichkeit der Hallen durch neue Einstürze gefährdet wird.

Der Rigaer Zentralmarkt verzeichnet gegenwärtig einen Jahresumsatz von 7 Millionen Euro. Täglich werden durchschnittlich 60.000 Marktbesucher gezählt. Das Unternehmen “Rīgas Centrāltirgus” gehört zu 100% der Stadt Riga und wurde 1995 gegründet.

Der Zentralmarkt machte in den vergangenen Wochen auch dadurch Schlagzeilen, dass drei Personen, eine davon direkt aus der Verwaltung des Marktes, wegen Korruptionsvorwürfen verhaftet wurden (delfi). 

10. Juli 2019

Sommersonnenverlängerung

Im Juni 2020 werden sich Lettinnen und Letten auf besonders ausgiebige "Ligo"-Tage freuen dürfen: es wird gleich fünf arbeitsfreie Tage hintereinander geben. "Darba dienas pārcelšana" heißt das Vorhaben, für welches das lettische Sozial-ministerium (Labklājības ministrija) zuständig ist.

Der 23. Juni, der nach lettischem Brauch auf jeden Fall als Ligo-Tag gefeiert werden muss, fällt 2020 auf einen Dienstag. Bliebe also zwischen Sonntag und Dienstag (Feiertag) der Montag - und dieser Arbeitstag wird 2020 auf Samstag, den 13. Juni vorgezogen werden. In Lettland ist der 23.Juni offiziell als Ligo-Tag festgelegt, der 24.Juni als Johannis- oder Mitsommertag ebenfalls Feiertag (siehe: "Likumi"). Wer mit einem vorhergehenden arbeitsfreien Wochenende rechnen kann, der hat also 2020 möglicherweise fünf freie Tage hintereinander: Samstag, Sonntag, Montag, Dienstag und Mittwoch.

Im lettischen Arbeitsrecht ist es festgelegt, dass Arbeitstage, die zwischen einen Feiertag und das Wochenende fallen, auf entweder den nächsten Samstag oder einen anderen Samstag in demselben Montag verlegt werden können. Dabei gelten auch noch Ausnahmeregelungen für den "verlegten" Arbeitstag: sollte es einem Arbeitnehmer / einer Arbeitnehmerin aus religiösen oder anderen Gründen unmöglich sein, an dem (meist auf einen Samstag) verlegten Tag zu arbeiten, dann dürfen diese Stunden auch anders abgearbeitet werden, oder es kann ein bezahlter Urlaubstag angerechnet werden.

Diese Regelung wird in Lettland bereits seit einigen Jahren angewendet und stößt auf viel Gegenliebe bei der Bevölkerung. Insgesamt verlängert sich dadurch die Zahl der arbeitsfreien Tage pro Jahr aber nicht. Im Jahr 2020 wird der 22.Juni der einzige Arbeitstag sein, der offiziell verlegt wird. Es kann vorkommen, dass gleich mehrere Arbeitstage aus ähnlichen Gründen verlegt werden: im Jahr 2010 waren es sogar mal drei Tage.

Es gibt sogar noch eine weitere "Ausgleichsregelung": sollte einmal der 4.Mai, der 18. November oder der Abschlußtag des Lettischen Sängerfestes - alles lettische Feiertage - auf einen Samstag oder Sonntag fallen, dann gilt auch der darauf folgende Montag noch als Feiertag.

21. Juni 2019

Der Platzhalter

In diesen Tagen lädt der Stadtrat Rigas ein zu Līgosim krastmalā" (Mittsommer am Ufer der Daugava). Vielleicht werden diesmal einige besonders freudig um das Feuer tanzen: nach nur 3 Wochen Amtszeit war ein Misstrauensvotum gegen Dainis Turlais erfolgreich, der sich sicher schon als "Ušakovs-Nachfolger" inthroniert sah. Eigentlich verfügt die bisherige Koalition im Rigaer Stadtrat, gebildet aus den Fraktionen der "Saskaņa" und "Gods kalpot Rigai (GKR)", über eine Mehrheit von 32 der 60 Sitze - aber  diesmal stimmten 31 Ratsherren und -damen gegen Turlais, darunter die vier kürzlich aus der "Saskaņa" ausgeschlossenen Abgeordneten (siehe Beitrag).

Es war ein kurzes Zwischenspiel im Theater um die Macht in der lettischen Hauptstadt. Turlais nutzen auch seine Warnungen vor Neuwahlen nicht - sie verwirrten offenbar nur den Abgeordneten Imants Keišs, dessen JKP eigentlich zur Opposition gehört, der aber pro Turlais abstimmte. Er habe sich "verdrückt", meinte er nachher (die Abstimmung erfolgt elektronisch per Knopfdruck). Er habe sich enthalten wollen, da er gegen Neuwahlen sei. Aber im Stadtrat geht es derzeit heiß zu: diese Ausflüchte reichten der "Neuen Konservativen Partei" nicht, und schloss Keišs zusammen mit Druvis Kleins, der ebenfalls nicht im Sinne der Parteiführer abgestimmt hatte, aus der Partei kurzerhand aus (was "Saskaņa" kann, können wir schon lange - ist hier wohl die Devise). Kleins sich dafür ausgesprochen, schon jetzt, ohne Neuwahlen, mit den vier unabhängigen Ex-Saskana-Abgeordneten zusammenzuarbeiten - was seine Partei aber kathegorisch ablehnt. So musste auch er gehen - wird aber wohl auf diese Weise ebenfalls nicht zum Befürworter von Neuwahlen werden.

Im Amt bleibt jetzt nur noch Vice-Bürgermeister Oļegs Burovs (GKR), dessen Wahl bisher ohne Turbulenzen wie im Falle Turlais verlaufen war. Die Rigenser feiern also dieses Jahr ohne Stadthaupt: Burovs beendete die Sitzung des 21. Juni, und wünschte allen fröhliches Ligo-Feiern. Erst am 10. Juli wird es (der Zirkus?) weitergehen. Falls im Laufe der kommenden 2 Monate kein neuer Bürgermeister gewählt würde, ginge das Recht auf die lettische Regierung über (bzw. den zuständigen Minster Juris  Pūce), den Stadtrat aufzulösen (ihn für beschlußunfähig zu erklären). Konsequenz wären dann Neuwahlen.

18. Juni 2019

Die Käseletten

Weniger Fisch und Kartoffeln, Lettinnen und Letten essen mehr Käse - diese Bilanz zeigt ein Blick auf die aktuelle Berichterstattung zur Lebensmittelproduktion in Lettland.
Käse essen wird in Lettland als Teil einer gesünderen Lebensweise beworben. Käse ist aber auch sehr variabel einsetzbar für verschiedene Zielgruppen - sowohl als Beilage zum Wein, wie auch als Mitbringsel zum Picknick im Grünen.

Auf der Welt gibt es mehr als 3.000 Käsesorten, und Frankreich gilt gewöhnlich als Mekka der Käseliebhaber/innen. Aber auch in Lettland sind inzwischen bereits etwa 100 Käsesorten zu finden (Frankreich 700). In allen drei baltischen Staaten stieg der Käseverbrauch zwischen 2007 und 2016 an - in Lettland um 6,8 kg, Litauen 5,1 kg, und in Estland um 2 kg. Vanda Davidanova zufolge, bereits vierfach wiedergewählte Präsidentin des lettischen "Siera Klubs" ("Käse-Klub"), verzehrt jede Lettin und jeder Lette pro Jahr 20,2 kg Käse - das bedeutet eine Verdreifachung seit dem Jahr 2002.

48.300 t Käse wurden 2018 produziert, davon 25.600 t für den Export. In insgesamt 73 Länder der Welt wird in Lettland hergestellter Käse exportiert und daraus ein Umsatz von 81 Mill. Euro erzielt - auch wenn dem deutschen Verbrauer ein lettisches Käseangebot bisher wohl kaum ins Auge gefallen sein wird. Und auch der Tourist benötigt beim lettischen Warenangebot vielleicht ein paar Tipps. Am häufigsten, und preisgünstigsten, werden die beiden Sorten "Holandes siers" ("Holland-Käse") und "krievijas siers" (Russland-Käse) angeboten. Aber werden diese überhaupt nach einheitlichem Rezept hergestellt?

Während die Bezeichung "Russischer Käse" ganz klar aus der Sowjetzeit stammt, und auch die Rezeptur eine Übernahme aus Uglitsch an der Wolga sein soll ("Käse-Hauptstadt Russlands!"), hat der  "Holländer-Käse" in Lettland eine längere Tradition - so erzählen es jedenfalls die lettischen Käseproduzenten. Der Herstellung von Edamer Käse sei bis ins 15. Jahrhundert zurückzuverfolgen. "In den 1930iger Jahren wurden beide Käsesorten in fast jeder Käserei in Lettland hergestellt," berichtete "Käsepräsidentin" Davidanova (LTV). Heute habe jede Firma ihre eigene Rezeptur. In der Regel enthalte der "russische" aber 50%, der "holländische" 45% Fettanteil.

Wer nur zwischen diesen beiden Sorten wählt, der bleibt auch in Lettland geschmacklich wohl in der Tradition der russisch dominierten Käseproduktion - denn auch russische Quellen beanspruchen gern die "Edamer-Legende" für sich - und beschreiben die "verfeinerte Rezeptur" so: "der Gollandskij-Käse hat einen Milchgeruch und ist im Geschmack ein wenig säuerlich und etwas scharf" ("russia beyond").
Zum Vergleich der "Russland-Käse": "Sein Geschmack ist etwas säuerlich. Beim Aufschneiden des Käses wird ein gleichmäßiges Muster aus kleinen Löchern sichtbar. Die Löcher bilden sich während der Entwässerung der Käsekörner." ("Russia beyond") Auf demselben Portal lässt sich nachlesen, warum lettischer Käse aber doch ziemlich anders schmecken könnte als der in Russland hergestellte: in Russland benutzen „viele Käseproduzenten so gut wie keine natürliche Milch, sondern verwenden Milchpulver aus Weißrussland mit viel Wasser und Palmöl aus Vietnam." - Na dann: wohl bekommt's!

In Lettland ist zur gegenwärtigen Jahreszeit - Mittsommer - erst mal eine andere Käsesorte dran: der "Jāņu siers" ("Johannis-Käse"). Der wird von vielen selbst hergestellt, hausgemacht, mit ordentlich viel Kümmel natürlich. Noch einmal die Statistik: allein 186.700 t "Jāņu siers" wurden 2017 in Lettland produziert (delfi) - sechs lettische Molkereien haben in Lettland die Lizenz dazu (lsm). Diese Sorte wird nach einheitlichen EU-Verordnungen als "garantiert traditionelle Spezialität" hergestellt, mit ungefähr dieser Rezeptur: 28-50 Liter Magermilch, 10-13 kg Magermilch-Quark, 1-1,2 kg Butter mit 82% Fett oder 2,5 Liter süße Sahne mit 35% Fett, 600-1000 g Eimasse, 40-50 g Kümmel und 100-120 g Salz. Das Rezept stammt vom "Käse-Klub". Also: Gutes Gelingen! "Sieru, sieru Jāņamāte!"

6. Juni 2019

Lettisch essen, schwarz arbeiten?

Neues von Ķirsons. Nachdem der lettische Unternehmer Gunārs Ķirsons bereits Anfang Oktober 2018 eines seiner Restaurants in Berlin zusperrte - kurz nach einer Feier zum zweijähriges Bestehen - scheint er sich jetzt Argumente dazu überlegt zu haben, mit denen er an die Öffentlichkeit treten kann. Ķirsons verkündete in dieser Woche vor der lettischen Presse, den deutschen Markt vielleicht ganz verlassen zu wollen. Seine Begründung: "Von zehn Personen, die bei mir arbeiten wollen, verlangen acht, dass ich sie cash bezahle, bar auf die Hand - also 'schwarz'." (tvnet) Und, noch allgemeiner: "Ich dachte, in Deutschland ist jeder ehrenhaft und zahlt Steuern. Deutschland zahlt hohe soziale Unterstützung, und die Leute wollen diese bekommen, und nebenbei noch irgendwo 'inoffiziell' arbeiten." (delfi)

Ein Foto aus berlinfreundlicheren Tagen: rechts die Gönner und Spender,
links (im Hintergrund) die Schwarzarbeiterinnen?
Ist "Lettisch essen" in Berlin so schnell gescheitert? Oder ist es einfach nur ein geschickter Unternehmer, ohne Garantie auf Weiterbeschäftigung, wenn er Filialen nach eigenem Gusto öffnet und wieder schließt - solange nur die eigenen Gewinne im Sack sind?

Schon jetzt präsentiert sich auch die einzig verbliebene Filiale im Alexa in Berlin mit stark reduzierter Speisekarte: ein bischen lettisches Bier, ein kleiner Nachtisch - das war's schon mit dem "typisch lettischen". "Die Idee, in Berlin bis zu 12 Restaurants eröffnen zu wollen, war ein Fehler", meint Kirsons heute. Angeblich werden für die verbliebene Filiale schon jetzt ein Geschäftspartner oder Käufer gesucht. Und damit nicht genug - Kirsons ist Berlin offenbar nicht "deutsch" genug: "Berlin ist nicht Deutschland - das haben wir falsch eingeschätzt. In Berlin gibt es viele Migranten aus der ganzen Welt."(TVNet / db / Kapitāls).

Neue Texte fürs Kirsons-Liederbuch:
"Nein, wir sind so dankbar,
wir wollen keinen Lohn,
selbst wenn Gunnar auch mal krank war,
wir alle lieben seinen Hohn!"
Dabei wirbt Kirsons selbst sein Personal mit "Aufstiegsmöglichkeiten in einem internationalen Unternehmen". Seine finanzielle Bilanz ist ebenfalls interessant zu lesen: "In Lettland ist es schon gut, 4000 Euro Umsatz am Tag zu machen. In Berlin muss es aber 6000 Euro sein."- Dank für den persönlichen Einsatz seiner Angestellten, das findet sich bei  Kirsons nirgendwo.

In einem früheren Interview für "Dienas Bizness" hatte er sich zu den Unterschieden in verschiedenen Ländern geäussert. In Estland sei einfach weniger Salz nachgefragt, und "manche Kohlgerichte mögen sie nicht". In Deutschland habe Kirsons versucht, die Kunden von ausschließlich natürlichen Zutaten zu überzeugen, aber: "sie essen alles, aber sie sind gewöhnt an chemische Zusatzstoffe. Wir versuchen sie von natürlichen Zutaten zu überzeugen, aber sie verstehen das nicht." (db). Wer solche Aussagen versucht zwischen den Zeilen zu lesen, die Schlußfolgerung könnte in zwei Richtungen gehen: entweder hat Kirsons versucht, die Preise in Berlin langsam anzuheben (mit dem Verweis auf "natürliche Zutaten") - und das haben die Kunden nicht nachvollziehen können (weil sehr viele schon in Deutschland mit "natürlichen Zutaten" werben). Oder aber, es ist ein Argument dafür, dass Kirsons eigentlich sagen will: um mehr Gewinn rauszuschlagen in Berlin, komme auch ich nicht ohne Zusatzstoffe aus.

Nein, die Angestellten seines Unternehmens scheinen den "lettische McKirsons" in seinen Zukunftsplänen wirklich nur zu stören. Er denkt bereits darüber nach, automatisierte digitale Zahlungssysteme einzuführen, und auch die Möglichkeit für Bestellungen "online" will die Lido-Kette ausbauen. Noch gibt es in den LIDO-Restaurants (allen zusammen) etwa 1200 Menschen die dort arbeiten. - Bliebe eigentlich nur noch hinzuzufügen, dass einer aktuellen Umfrage zufolge in Lettland 84% aller Arbeiter/innen und Angestellten NICHT Mitglied bei einer Gewerkschaft sind. Kein Wunder, dass der Chef dieses Thema auch bezüglich Berlin lieber nicht erwähnt.

Wie sagte noch Ķirsons anläßlich der Schließung in der Charlottenstraße so schön: "Wir bitten zum Verständnis."

5. Juni 2019

Wer Riga kennt - könnte Brüssel langweilig finden ...

Nicht nur in Deutschland haben die Ergebnisse der Europawahl Veränderungen ausgelöst - auch in Lettland. Da war es fast Nebensache, dass Egils Levits vom Parlament mit 61 Stimmen (von 100) zum neuen Präsidenten Lettlands gewählt wurde - das hatte sich seit Wochen abgezeichnet. Auch dass zwei der Wahlberechtigten, darunter Ex-Ministerpräsident Māris Kučinskis, offenbar nicht in der Lage waren dabei gültige Stimmzettel abzugeben, war nur eine Randnotiz (lsm). 
Zumindest mit dem aktuellen Ministerpräsidenten dürfte sich Levits gut verstehen - beide kennen sich aus ihrer Zeit am Lettischen Gymnasium in Münster (lsm).

Rücktritt zum zweiten

Offiziell trat Rigas Bürgermeister Nils Ušakovs am 29.Mai zurück - und verabschiedete sich nach Brüssel (lsm). Schon vor den Europawahlen gab es aber Turbulenzen um die beiden Spitzenjobs in der lettischen Hauptstadt - auch um Ušakovs Stellvertreter Andris Ameriks. Beide standen schon länger in der Kritik u.a. wegen schlecht gemanagter und offenbar unendlicher Baustellen überall in der Stadt, und vor allem dem offensichtlichen Korruptionsfall bei den Rigaer Verkehrsbetrieben (Rīgas Satiksme) im Zusammenhang mit dem Ankauf von Niedrigflurstraßenbahnen in den Jahren 2013 und 2016 - hier sollen mehrere sogenannte "Berater" hohe Honorare erhalten haben ohne irgend etwas dafür getan zu haben (lsm). Ameriks trat deshalb schon am 17. Dezember 2018 zurück.

Die Berlin-Connection

Auch einige besondere Beziehungen Ušakovs wurden öffentlich, u.a. die nach Berlin: nein, gemeint ist damit nicht, dass er sich in der Berliner Charité hatte behandeln lassen (Blogbeitrag). Offenbar gibt es in Berlin für den Ex-Oberrigenser auch Vorbilder bei der Imagebildung: Lutz Meyer, mit seiner Werbeagentur "Blueberry" auch schon mal "Kanzlerinnenmacher" genannt (Tagesspiegel) und inzwischen mit "Fulberry" auf dem PR-Markt, hat offenbar erhebliche Geldzahlungen auch aus Riga bekommen. Das von ihm selbst verkündete Motto, sich "an der Schnittstelle zwischen Politik und Unternehmen" bewegen zu wollen, klingt für manche Ohren sicher vielversprechend - zuständig war Meyer offenbar für den Kommunalwahlkampf Ušakovs (lsm).
My town is my party? Warb Bürgermeister Ušakovs
für Riga, um damit gleichzeitig die Interessen seiner
Partei zu bedienen?
Soweit, so gut. Merkwürdig nur, dass offenbar auch Geschäfte auf Gegenseitigkeit gelaufen sind: 50.000 Euro wert sein soll ein Vertrag mit der Tourismusagentur Riga (“Rīgas tūrisma attīstības biroju” RTAB) über die Erstellung von "Werbeplakaten im Ausland" und der Veranstaltung von Seminaren zum Tourismus. Geflossen seien aber 300.000 Euro - so die lettische Presse (lsm / lsm_engl). Eine unzulässige Verquickung von städtischen Aufgaben und Parteiinteressen? Für Riga geworben werden sollte in Deutschland, Spanien und Schweden - genau dieselben Länder, in denen Meyers Agentur tätig ist. Die Stadt Riga besitzt 70% der Anteile am RTAB. Gegen insgesamt drei Personen des RTAB sei ein Strafverfahren eingeleitet worden, so teilte das lettische Anti-Korruptionsbüro KNAB mit.

Es folgten polizeiliche Untersuchungen in den Büros des (inzwischen entlassenen) Bürgermeisters und anderer Verantwortlicher. - Am 5. April entschloss sich Umwelt- und Regionalminister Juris Pūce dazu, Bürgermeister Ušakovs seines Amtes zu entheben - wegen "Nichterfüllung gesetzlicher Verpflichtungen und Verstößen gegen behördliche Vorschriften." Er bezog sich dabei ausdrücklich auf die Vorgänge um die Verkehrsbetriebe "Rigas Satiksme" (RS)
So ergab sich ein seltsamer Europawahlkampf: Spitzenkandidat Ušakovs wurde in der Öffentlichkeit nur noch selten gesehen - wegen des "öffentlichen Drucks", wie er selbst angab (lsm). Antreten konnten er und Ameriks natürlich dennoch - und genau diese beiden wurden auch gewählt.

Bisher regieren im Rat der Stadt Riga Ušakovs' "Saskaņa" zusammen mit Ameriks "Gods kalpot Rigai - GKR" - aber nur mit einer knappen Mehrheit von 32 der 60 Sitze. Beide traten bei der Kommunalwahl 2017 zusammen auf einer Liste an.

"Seht her! Wer hätte das gedacht, dass ich auch noch
mal Hauptstadts-Bürgermeister werde!" scheint
sich hier Dainis Turlais zu denken - dessen einzige
Einkünfte eine Aufwandsentschädigung als Ratsherr
und eine Rente aus Russland sind.

Stimmst Du nicht für uns - fliegst Du raus!

Im Stadtrat Rīga wurde dann zunächst ein neuer Bürgermeister gewählt: GKR-Kandidat Dainis Turlais konnte bei seiner Wahl auf die 32 Stimmen der beiden Mehrheitsfraktionen zählen.
Überraschung dann aber bei der Wahl des Stellvertreters: die Saskaņa-Franktion stellte nicht mehr den bisherigen Vize Vadims Baraņņiks auf, sondern Sandris Bergmanis, der erst kürzlich in die Schlagzeilen geraten war, weil er ungerechtfertigt hohe Beraterhonorare kassiert haben soll (ir).
Jetzt traten die Meinungsverschiedenheiten offen zu Tage: vier Ratsherren (darunter auch Baraņņiks) verweigerten Bergmanis die Zustimmung - und wurden, ja so schnell kann das in Lettland gehen, daraufhin umgehend aus ihrer Partei ausgeschlossen. Damit verloren GKR und "Harmonie" (Saskaņa) aber auch ihre Mehrheit im Stadtrat.

Was nun? Die Opposition im Stadtrat solle sich nicht zu früh freuen, mahnt Janis Ozols, Abgeordneter der oppositionellen "Neuen Konservativen" JKP, in einem Kommentar für die Zeitschrift "IR". Nach wie vor seien die vier "Ex-Harmonischen" (die inzwischen eine eigene Fraktion gebildet haben) politisch den beiden Regierungsparteien näher stehend - aber offensichtlich hätte die in den vergangenen 10 Jahren vom Duett Ušakovs/Ameriks geschaffenen Abhängigkeiten "mehr Münder als sie ernähren können."

Bezahlt aus Moskau

Viele sehen auch in dem frisch gewählten "Nachfolger" von Ušakovs, Dainis Turlais, kein Vorbild, in mehrfacher Hinsicht. 8490 Euro an Rente bezieht der neugewählte Bürgermeister aus Russland - so zählte die Tageszeitung "Diena" nach. Turlais, geboren 1950, gilt in der lettischen Politik als "bunter Hund" - da er ziemlich oft seine Parteizugehörigkeit wechselte. Im Sowjetsystem machte er zunächst eine militärische Karriere und diente auch in Afghanistan. 1992-94 war er Kommandeur des lettischen Militärs. Später war er Berater des lettischen Präsidenten Guntis Ulmanis in Verteidigungsfragen. 1995 wurde er auf der Liste der Partei "Saimnieks" ins Parlament gewählt, war Innenminister in der Regierung Sķēle, und musste 1997 nach einem schweren Unglück in Talsi zurücktreten, als dort acht Kinder zu Tode kamen. 1999 schloss Turlais sich der Partei "Lettlands Weg" (“Latvijas ceļš” LC) an, die er aber 2002 wieder verliess und nun Mitglied der “Tautas saskaņas partijā” (TSP) wurde. 2004 wurde er wiederum ins Parlament gewählt, dann wechselte er zur "Latvijas Pirmajā partijā" (Erste Partei - LPP). 2009 wurde er auf der Liste LPP / LC in den Stadtrat Rigas gewählt. Seitdem wechselte er seine Parteizugehörigkeit erneut und gehört nun "Gods kalpot Rigai" (GKR, "Ehre Riga zu dienen") an.

Vorerst kommen die Rigaer Stadtoberen nicht zur Ruhe. Am 4.Juni wurden sich die oppositionellen Parteien im Stadtrat einig, gegen den frisch gewählten Turlais ein Misstrauensvotum zu beantragen. Am 8.Juni feiert Nils Ušakovs seinen Geburtstag. Ob dann wohl sein Nachfolger noch im Amt sein wird? Neuwahlen werden von vielen derzeit nicht ausgeschlossen.


Info: 
Zur Europawahl traten in Lettland 16 Listen mit insgesamt 246 Kandidatinnen und Kandidaten zur Europawahl an, darunter 75 Frauen (30,5%).Die Wahlbeteiligung lag diesmal bei 33,53%. Gewählt wurden Valdis Dombrovskis und Sandra Kalniete (beide Jauna Vienotība), Nils Ušakovs und Andris Ameriks (Saskaņa" / GKR), Roberts Zile und Dace Melbarde (beide National-Konservative / Nacionālā apvienība "Visu Latvijai!"-"Tēvzemei un Brīvībai/LNNK"), sowie Ivars Ijabs ("Attistībai par" / "Für Entwicklung") und Tatjana Zdanoka (Vereinigung der Russen Lettlands). (cvk)

20. Mai 2019

Kein Weg zurück

Lettland findet keine Weg aus dem Müll - so scheint es. Auch 15 Jahre nach dem Beitritt zur Europäischen Union hat Lettland immer noch kein Rücknahme-System für Plastik-flaschen. Egal wie eifrig auch "Cūkmens" (Blog1  / Blog2) umherzog, mahnte und bat - die zuständigen Politiker/innen erhörten es nicht. Ob es daran lag, dass die Posten der Umweltminister in letzter Zeit meist eher nach Parteiproporz als nach dem Grad des Engagements für die Umwelt vergeben wurden?

Die Einführung von Rücknahmesystemen in Estland und Litauen haben sowohl die Häufigkeit illegaler Müllentsorgung (im Wald, am Straßenrand etc.) verringert, wie auch die Recyclingquote erheblich erhöht - das geben zumindest die lettischen Umweltaktivisten zu. Gegenwärtig landen vielfach Glas-, Plastik- und Aluminium-Verpackungen irgendwo in der Natur. Zwar rühmen sich die Lett/innen regelmäßig der im Frühjahr mit großer Beteiligung durchgeführten Aufräumaktionen (lett. = "talkas") - aber das hier teilweise 80% des aufgefundenen Mülls aus PET-Flaschen besteht, ist Anlaß zur Frustration. Bereits über 12.000 Unterzeichner/innen konnte eine auf dem Portal "manabalss" ("Meine Stimme") gestartete Petition für die Einführung eines Rücknahmesystems sammeln - nun befasst sich inzwischen auch das Parlament damit. Aber weiterhin sind von der Poltik nur pauschale Ausflüchte zu hören: ineffetiv und zu teuer seien solche Rücknahmesysteme (also wird alles weiterhin "effektiv" in der Natur hinterlassen). Schließlich seien ja bereits Container zur Abfalltrennung vorhanden - wenn sie nur besser genutzt würden.
Noch vor einem Jahr sprach sich der damalige Landwirtschaftsminister Janis Dūklavs strikt gegen die Einführung eines Rücknahmesystems aus - er wurde dafür scharf kritisiert und eines Interessenkonfliktes verdächtigt, da er ja gleichzeitig Miteigentümer der "Piebalga"-Brauerei sei (lsm).

Gegner sind angeblich vor allem die Händler - während die Plastik-Produzenten sich teilweise dafür aussprechen, allerdings auch eine finanzielle Unterstützung durch die EU verlangen (bnn). Angeblich seien landesweit 3000 Anlagen zur Rücknahme von Flaschen nötig - und Investititionen von 78 Millionen Euro (Baltic Times), so behauptet es die Industrie. Um Wettbewerbsnachteile zu vermeiden, könne es nicht sein die Rücknahmesysteme nur in einigen ausgewählten Läden stehen zu haben.

Und dann bleibt ja auch die Frage: was geschieht mit den wieder eingesammelten Flaschen? Wenn damit nur eine Verbrennungsanlage befeuert würde, würde Lettland die in der EU angestrebten Recyclingquoten weit verfehlen, so mahnen die Umweltschützer/innen der "Zaļā brīvība” ("Grüne Freiheit") in einem offenen Brief an die lettischen Umweltbehörden. 2016 konnten nur 25,2% des Hausmülls in Lettland einem Recycling zugeführt werden (Litauen 48,0%, Deutschland 67,1%), und Lettland sei der einzige EU-Mitgliedsstaat, der sogar verlange die EU solle Müllverbrennung mitfinanzieren. Bisher sei das System der lettischen Müllverwertung nur "ein Geschäft, das seine Mission vergessen hat und dem es nur um Gewinnmaximierung geht" (Zaļa brīļvība).

89% der Einwohner Lettlands sprechen sich für die Einführung eines Rücknahmesystems aus, so eine Umfrage der Agentur SKDS. Unter dem Eindruck schärferer EU-Gesetze gegen Einwegplastik diskutierte das lettische Parlament am 28. Oktober 2018 in erster Lesung einen Gesetzentwurf, dem zufolge ab 2020 ein Rücknahmesystem kommen soll; per Preisaufschlag soll das System finanziert werden. Gleichzeitig werden kostenlose Plastiktüten aus den Supermärkten verbannt.

Aus Estland gab es auch schon mal den Vorschlag, ein gemeinsames Rücknahme- und Verwertungssystem mit Lettland aufbauen zu wollen - schließlich seien eine Vielzahl der Flaschen in beiden Ländern in Gebrauch (und verursachten auch Probleme). Diese Gespräche fanden allerdings noch vor den Wahlen in Estland statt - heute sind es sogar in beiden Ländern andere Verantwortliche (baltic-course).

Immerhin gibt es in Lettland schon 3000 Abgabestellen für Altbatterien (siehe: "Zaļais punkts"). Schon seit 2003 gibt es "Pet Baltija", eine Firma die das Polyethylenterephthalat der gebrauchten Plastikflaschen zu Flocken verarbeitet. Interessant ist vielleicht, dass lettische Hersteller solcher Plastikflocken wie "NordicPlast" bereits heute auch auf ("Rohstoff"-)lieferungen aus Litauen und Estland zurückgreifen. Umgekehrt wird per Container in Lettland eingesammeltes gebrauchtes Glas heute in Litauen und der Ukraine weiterverarbeitet (recycleriga). Und wer global denken gelernt hat, wird schnell feststellen dass ein großer Anteil des bisher für eine Wiederverwertung vorgesehenen Plastiks einfach nach China exportiert wurde - dies wurde dort nun gestoppt (angeblich aus Vorsorge für die Umwelt). Leicht auszumalen, welche neuen Wege nun gesucht werden: die scheinbar leichteste Lösung - "nur schnell weg damit!" - also Verbrennung? Aber auch Recycling kann nur dann sinnvoll sein, wenn Abfallvermeidung die Strategien ergänzt. Diese Diskussion wird auch in Lettland weiter anhalten - auch nach der Einführung von Rücknameautomaten.

12. Mai 2019

Stalin in Jelgava

Vor 70 Jahren - am 9.Mai 1949 - kam ein Film in die sowjetischen Kinos, der voll in die Zeit der Heroisierung Stalins passte: "Stalingradskaja Bitwa" (deutscher Titel: "Die Stalingrader Schlacht"). Was jedoch kaum jemand weiß: viele Szenen dieses Films wurden nicht in Russland, sondern im damals sowjetlettischen Jelgava gedreht - und sowjetische Pyrotechnik zerstörte auf diese Weise die letzten Reste des historischen Stadtkerns von Jelgava (früher deutsch=Mitau), der seit einem Angriff der Roten Armee im Sommer 1944 zur Produktionszeit 1948 nur noch in Ruinen stand.

Die ehemalige "Perle von Kurland" war also gerade gut genug zur Illustration einer der größten Schrecken des Krieges. Nur wenige Jahre nachdem die Stadt bereits heftige Schäden durch eine Bombardierung davongetragen hatte, wurden während der Filmarbeiten im Sommer 1947 noch einige weitere Reste historischer Mauern zerstört. "Das, was die Rote Armee nicht geschafft hatte, vollendeten nun die Filmleute", schreibt Elmārs Barkāns in einem Beitrag für das Internetportal "Jauns.lv".

Aber auch aus lettischer Sicht sind die Erinnerungen daran, was die „Mosfiļm” aus Moskau in Jelgava drehte, offenbar nahezu verschwunden. "In unseren Archiven befindet sich dazu nichts, wird Dace Grants vom Rigaer Kinomuseum zitiert. Und Aldis Barševskis vom Museum für Geschichte in Jelgava (Ģ.Eliasa Jelgavas VMM) sagt sogar: "Uns haben Museumsbesucher von den Filmarbeiten erzählt. Gedreht wurden auf dem Marktplatz, in der Uzvaras und der Akadēmijas ielā, und beim Schloß. Dort sind im Film zusammenstürzende Mauern sichtbar - und um genügend Rauchentwicklung zu erzeugen, wurden sogar Reifen angezündet und Ölfässer angesteckt." Da zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen war, in Jelgava neue Wohnblocks zu errichten, wurden die Reste der Häuserreste wirklich gesprengt. Einige meinen sogar, in einer der ersten fertigen Szenen des Films sei ein Haus mit der lettischen Inschrift „Gulbja aptieka” ("Schwanen-Apotheke") zu erkennen gewesen - eine Stelle, die möglicherweise später herausgeschnitten worden sei.

In Jelgava erinnert man sich auch an die Versprechungen, den fertigen Film kostenlos sehen zu dürfen. Da es aber zu dieser Zeit in Jelgava kein Kino gab, habe eine solche Vorführung im Saal der alten Post stattgefunden. Der Film wurde mehrmals verändert und bearbeitet. Noch 1960 sei er nochmals geschnitten worden, um Szenen herauszubekommen, wo die Figur des Lawrenti Beria zu sehen war, der nach der Stalinzeit in Ungnade gefallen war und zum Tode verurteilt wurde.

In der DDR wurde "Die Stalingrader Schlacht" in gekürzter Form aufgeführt. 2008 kam eine DVD auf den Markt, in deren Booklet zu lesen ist, dass erst jetzt die verschwunden geglaubten Originalkopien des Films wieder aufgetaucht seien, und nun aufbereitet und komplett zu sehen seien.

7. Mai 2019

Mindestens, mindestens

Was bringt uns die Europawahl? Vielleicht hoffen die europafreundlichen Deutschen weiterhin auf lettischen Optimismus. Andere schauen genau hin: welche politischen Forderungen hätten in den kommenden Jahren eine Chance auf Realisierung?

Da wäre die Möglichkeit der Einführung eines europäischen Mindestlohns. Lettischen Pressemeldungen zufolge, hoffen zumindest die Neuen Konservativen ("Jaunā konservatīvā partija JKP"), die "Progressiven" (“Progresīvie”) und auch die Vereinigung der Russen (“Latvijas krievu savienība”) auf einen europaweiten Mindestlohn (LA). - In dieser Koalition werden sie es aber nicht erreichen können: wollen die einen doch Gesetze nach christlichen Werten ausrichten, die anderen streichen liberale Werte und Gleichberechtigung für alle heraus, und die dritten sehen Lettland von faschistischen Tendenzen beherrscht. So liegen die Forderungen der JKP auch ziemlich niedrig: 200 Euro Mindestlohn, und 500 Euro Mindestrente (lsm). Die Progressiven fordern auch eine europäische Arbeitslosenversicherung, besonders für den Fall von Massenarbeitslosigkeit.


Vier weitere Parteien halten einen europäischen Mindestlohn für eher unrealistisch: die "Grünen und Bauern" ("Zaļo un zemnieku savienība ZZS"), die "Lettische Regionalpartei" ("Latvijas Reģionu apvienība"), "Wem gehört der Staat" (“KPV LV”) und "Für Entwicklung" (“Attīstībai/Par!”). Aber auch unter diesen "Schwestern im Geiste" sollte ziemliche Uneinigkeit herrschen: kommt der Mindestlohn nicht, weil von der EU sowieso nichts Gutes zu erwarten ist, oder weil es einen stärkeren Wirtschaftsaufschwung behindert? Allerdings wird niemand den Spruch "Weiter so wie bisher" bzw. "Wir wollen rein, auch wenn es nichts bringt" auf die Plakate schreiben - auch wenn manche in diese Richtung denken. Ähnlich aber die Forderungen der Parteien dieser Gruppe nach besseren Bedingungen für Investitionen und Unternehmen, und mehr EU-Gelder für schlecht entwickelte Regionen.

Zumindest die "Latvijas Avize" ordnet in ihrer Darstellung die “Saskaņa”, die sich ja gern "sozialdemokratische Partei Saskaņa” nennt, gesondert ein: EU-Vereinbarungen für den sozialen Ausgleich ja, aber keine Aussage über die Erreichbarkeit konkreter Forderungen. Ähnlich wie die Vereinbarungen zur Finanzdisziplin müsse ein Pakt zum sozialen Fortschritt geschlossen werden. 

Die "Neue Einigkeit" (“Jaunā Vienotība”), die ja unter dem Namen “Vienotība” 2014 gleich vier Abgeordnete ins Europaparlament brachte (cvk), meint alle Entscheidungen zur Sozialgesetzgebung sollten im Verantwortungsbereich der Mitgliedsstaaten bleiben. Da sich Lebensstandard und Preisniveau von Land zu Land zu stark unterscheiden, seien auch Forderungen nach Ausgleich sozialer Unterschiede zu früh. Ähnlich denken übrigens auch die "Vaterländer" der "Visu Latvijai!" (hier war ja auch schon zu hören: "Hauptsache, die Einwanderer und Flüchtlinge bekommen nicht mehr als die Letten!"). Na, da sind sie dann doch wieder: die lettischen Optimisten!