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28. Mai 2024

Nie wieder Eurovison?

Es geschieht nicht zum ersten Mal, dass Abstimmungen auf dem lettischen Portal "Manabalss" ("Meine Stimme") Schlagzeilen erzeugen. Ob für den Erhalt kleiner Schulen auf dem Lande, für ein Verbot der Luchsjagd, für Einführung eines Pfandsystems für Getränkeflaschen oder für ein Verbot von Kahlschlägen in lettischen Wäldern. Momentan wirbt eine Initiative um Beteiligung, die auch international für Verwunderung sorgt: nie wieder lettische Beiträge für die Eurovision! 

Zweifelhaft und unanständig?

Immerhin über 11.000 Unterstützende hat die Initiative schon gefunden. Gefordert wird die Beendigung der Teilnahme Lettlands am Eurovision Song Contest. Begründung: "Es ist sehr zweifelhaft, ob diese Maßnahme das Image und den Ruf Lettlands erheblich verbessert. Menschen, die dort teilnehmen, neigen dazu, sich obszön verhalten, und dies wird auch als Norm beworben." 

Obszön? Der im Original verwendete Begriff "piedauzīgi" wird auch mit "anstößig", "unanständig" oder "abstoßend" übersetzt. Also ein Moralapostel? Eine Idee, wie die frei werdenden finanziellen Mittel verwendet werden sollen, liefert Kristaps Bogdanovičs, der Autor der Eingabe, gleich mit: für den Sport (und für Biathlon im besonderen). Im Sport seien mehr "positive Beispiele für junge Leute" zu finden. An Doping dachte er dabei wohl offenbar nicht.

Internationales Aufsehen

Inzwischen erregen die lettischen "Sportfans" auch international Aufsehen. "Lettland 2025 nicht dabei?" fragen griechische und irische Eurovisions-Fans. Allerdings wird dort das Bogdanovičs-Zitat abgewandelt: statt von "sich abszön benehmen" ist jetzt von "behave wildly" die Rede. Beim litauischen LRT wie auch beim "Baltic News Serive" (BNS) wird es schon zur Staatsaffäre, denn hier ist die Überschrift "Lettland überlegt Ausstieg aus der Eurovision".Da die Initiative über 10.000 Unterstützer/innen hat, ist eine Beratung des Anliegens im lettischen Parlament vorgesehen - aber die steht bisher noch aus.

Wer ist Kristaps Bogdanovičs? 2014 ist dieser Name auf der Liste der "Jaunā konservatīvā partija" JKP fürs lettische Parlament (cvk) zu finden. Aber die JKP erreichte damals lediglich 0,7%, und Bogdanovičs bekam auf dieser Liste von 32 Kandidat/innen die zweitwenigsten Stimmen (cvk). 

... als Kaupers fast wie "Cowboy" klang:
früher war alles besser?

Tugendhafte Kritiker?

Nun also scheint er seine "Fans" gefunden zu haben (oder sollten wir "Anti-Fans" sagen?). Lettlands Teilnahme an der Eurovision kostete 2023 166 000 Euro, rechnet das Portal "Jauns.lv" nach. Die "Latvijas Avize" bringt auch die Aussage von Bogdanovičs, es sei verrückt, wenn der lettische Biathlon-Verband Spenden sammeln müsse um im Weltcup oder bei einer WM auftreten zu können. "Da ist Sport doch mit Sicherheit wichtiger als die Eurovision!" 

Und in einem weiteren Beitrag darf Jāzeps Baško das schildern, was er "die Gedanken einfacher Leute beim Betrachten der Eurovision" nennt. "Ich verfolge die Eurovison schon seit den Zeiten von 'Prāta Vētra' "; schreibt er (das war 2000 Platz 3, siehe Youtube). Baško bezeichnet die Eurovision als "europäische Schwulenparade" und meint, die "LGBT-Flagge" werde hier kräftiger geschwenkt als die Flaggen der teilnehmenden Länder. Dann folgt Bildhaftes: "Eurovision ist eine Veranstaltung der demokratischen Diplomatie. Es ist wie ein Zweikammerparlament, in dem das einfache Volk und die oberen Ränge über die Beziehungen zu den Nachbarländern abstimmen."

Oha, hier wird die Eurovision aber richtig ernst genommen! Originalton Baško: "Putin, die Chinesen und Muslime reiben sich die Hände. Europa ist noch attraktiver, als man es sich vorstellen kann. Es gibt Boden, den es zu kultivieren und wo es Ordnung zu schaffen gilt." (LA) Lobend erwähnt Baško die Beiträge von Frankreich und Israel (ohne nähere Begründung). 

Eurovisions-Fans wehren sich

Denken alle in Lettland so? 2023 machte der lettische "Künstler- und Produzentenverband" ("Latvijas Izpildītāju un producentu apvienības LaIPA") seine ausdrückliche Unterstützung für lettische Teilnehmer/innen bei der "großen Eurovision" öffentlich - die unterstützte Band "Sudden Lights" schied allerdings als elfte schon im Halbfinale aus. Auch 2024 unterstützte die LaIPA "Dons" aus Lettland speziell bei der Werbung für seinen Song schon vor dem Tag des Eurovisionsfinales - und hat vor, Ähnliches auch noch mindestens bis 2026 zu tun. (eurovoix) Der Verband erinnert auch daran, dass 2002 Lettland überhaupt nur deshalb teilnehmen konnte, weil Portugal sich zurückgezogen hatte - und in der Folge dann "Mari N" ("I wanna") gewann, als große Überraschung. 

Der zuletzt erfolgreichste lettische Beitrag zur
Eurovision: Aminata belegte 2015 mit "Love injected"
Platz 6

"Lettland muss sich wegen seiner Teilnahme an der Eurovsion nicht schämen - auch wenn die Finanzierung dieser Teilnahme eher amateurhaft ausfällt", so das Ergebnis einer Expertenrunde aus dem Jahr 2018, in einer Zeit, als Lettland nicht einmal mehr das Finale erreichte (2009 bis 2014, sowie 2017 bis 2023 wurde immer das Finale verpasst). Den damaligen Analysen zufolge gibt es drei Varianten für möglichen Erfolg: erstens eine gute Show auf der Bühne zu zeigen, oder zweitens "irgendwie anders zu sein", oder drittens auf Spezialeffekte zu verzichten und einen Künstler mit Charisma zu nehmen. (lsm)

An einer Antwort auf Kritiker Jāzeps Baško versucht sich Journalist Karlis Streips: "166.000 Euro sollen zu viel sein? Weiß Herr Baško eigentlich, wie viel Geld unser Land ausgegeben hat, damit der lettische Basketballverband dieses Jahr ein Olympia-Qualifikationsturnier veranstalten kann? Etwas mehr als zwei Millionen Euro." Dem wäre hinzuzufügen, dass es auch im Beachvolleyball ein Olympia-Qualifikationsturnier in Lettland gab - mit 400.000 Euro aus lettischen Steuergeldern (sportazinas)

Selbstbewußtsein und Menschenrecht

"Und ich kann mich auch nicht erinnern, dass sich irgendjemand aus Lettland bei seinem Auftritt bei der Eurovision 'obszön' verhalten hätte," fährt Streips fort, "Dons kann es ja nicht gewesen sein." Und seine Schlußfolgerung ist: "Ich verstehe, dass wir Letten ein so sehr, sehr tugendhaftes Volk sind. So tugendhaft, dass Dinge wie Lesben, Transgender und andere „Perverse“ nichts für uns sind. Aber wir leben immer noch im Jahr 2024 und in Europa, wo die universelle Natur der Menschenrechte weithin anerkannt ist. Auch für Schwule. Auch für Trans-Menschen." (LA)

Lolita Tomsone bezeichnete in einem Beitrag für das lettische Kultuportal "Satori" die Eurovision als "politmusikalischen Karneval". Bei der Eurovision habe "jede/r nur drei Minuten Zeit, um die ganze Welt zu überraschen." 

Lettische Zuschauer des deutschen Fernsehens verteidigten den lettischen Beitrag übrigens vehement. Als Moderator Thorsten Schorn beim Vorentscheid "Dons" als "Schlumpf, der seine Mütze verloren hat" titulierte, musste er sich mit Protestzuschriften auseinandersetzen. Ein paar "nette Letten" hätten sich beschwert, gab Schorn dann während der Finalmoderation zu. Offenbar waren es nicht wenige.

27. Oktober 2023

Einer von uns?

Manchmal ist es ein Rätsel, warum über Lettland in deutschen Medien berichtet wird, und warum dann wieder so lang gar nichts mehr kommt. Hier ein neues Beispiel für überraschend begründetes Interesse: das Bremer Regionalfernsehen stellte plötzlich einen Letten gleich mal als "Bremer" vor, und machte eine (Bremische) Heldengeschichte daraus.

Anfang August 2023 ist der Lette Kristaps Vekša BMX-Weltmeister geworden (siehe "sportacentrs") - eine Sportart, die ja vor allem Māris Štrombergs erheblich mitgeprägt hat.

Laut Radio-Bremen-Schlagzeile kam der lettische BMX-Star aber "Aus Grohn in die Weltspitze". Wenn schon Lette, dann aber doch wohl mit deutscher (oder bremischer) "Entwicklungshilfe" an die Weltspitze gekommen!? Aus dieser Perspektive ist es dann offenbar berichtenswert - ob die Darstellung nun stimmt, oder auch nicht.

Nun ja, ich nehme an, Vekša wird sich gefreut haben, dass ausgerechnet mal über ihn berichtet wird. Mehr Info zu Vekša und seinen Aktivitäten finden wir dann auf "Veksatraining.de". Dort klar zu erkennen ist ein Kurzsteckbrief: Heimatstadt - Saldus, Lettland. Wohnort - Vechta, Deutschland. Seit wenn betreibt er BMX? Mit fünf Jahren fing er an, also im Jahr 1999. Warum? Weil es in Lettland 500 m von seinem Wohnort eine Rennstrecke gab, und sein Vater ihn hinbrachte. Das verleitet zur Gegenfrage: Wie viele BMX-Rennstrecken gibt es eigentlich in Deutschland? 

Das Portal "rad-net" schreibt: "... in den Neunzigerjahren ließen die deutschen Erfolge nach und das Interesse am BMX schlief etwas ein. Als BMX Race 2008 olympisch wurde, war leider kein Deutscher dabei." (woher sollen Deutsche also Štrombergs kennen?) Das Portal listet immerhin elf deutsche Rennstrecken für "BMX-Racing" auf, darunter auch Bremen. Zudem gäbe es in Stuttgart eine "Super-Cross"-Strecke. 

In Lettland wurde 1988 die erste BMX-Strecke bei Valmiera gebaut. Das erste, inoffizielle BMX-Rennen fand schon 1987 statt - und wo? In Saldus (enciklopēdija). 1989 gab es auch bereits den ersten internationalen Wettbewerb, damals mit Teilnehmern aus Norwegen, Dänemark, Schweden und den Niederlanden. Auch ein BMX-Verband wurde gegründet, erstaunlicherweise soll Lettland bereits 1989 in den internationalen Verband aufgenommen worden sein (dann aber wohl noch als "Sowjet-Lettland"). Aus alten Fahrradrahmen und Reserveteilen habe man sich damals die ersten BMX-Räder zusammengeschraubt, heißt es.

Zurück zu Kristaps Vekša. Die Bremer sind nicht ie ersten, die über ihn berichten - zumindest in Uetersen war er auch schon aktiv (NDR). Gute Werbung für weitere Jobs als BMX-Trainer sollte das eigentlich sein. Radio Bremen hat inzwischen die "mutige" Schlagzeile abgeändert (neue Fassung: "so trainiert ein Weltmeister in Bremen-Grohn") Und nächste Woche findet in Bremen eine mehrtägige Kulturveranstaltung mit Gästen aus Riga / Lettland statt (ja, es ist immer noch Bremens Partnerstadt!). Radio Bremen wird doch sicher berichten, hoffen wir - auch wenn kein (schnelleingebürgerter) Weltmeister dabei ist?

19. Juli 2022

Neuer Trend: Jugendlich-europäisch

Wenn es um Europafragen in Lettland geht, stellt sich eigentlich die "Europäische Bewegung" (Eiropas kustība Latvijā) dafür zur Verfügung. Als Befürworter/innen der Europäischen Idee" lassen sie sich gerne bezeichnen, und sie waren, bald nach ihrer Gründung 1997, sicher eine wichtige Lobbygruppe für den EU-Beitritt Lettlands 2004. 

International ist man vernetzt mit "European Movement", in Deutschland mit der "Europa Union". Letzterer ist wiederum auch ein Jugendverband angeschlossen, die "Jungen Europäischen Föderalisten" (JEF). Im Gegensatz zur "Union of European Federalists" mit Sitz in Brüssel unterhält JEF Deutschland in Lettland eigene Kontakte, Partner ist hier "Klubs Maja" ("Haus"), wo nach eigenen Worten "junge Menschen Veranstaltungen, Seminare, Vorträge, Konferenzen, Camps, Wettbewerbe, thematische Teeabende und andere Veranstaltungen organisieren." 

Etwas kompliziert also, diese europäische Vernetzung. Zumindest aber scheint das Angebot ausreichend, wer sich in Sachen Europa in Lettland engagieren möchte. Warum also gründen lettische Jugendliche noch weitere europäisch orientierte Vereine? 

Ernests Barons zum Beispiel war fünf Jahre alt, als seine Eltern sich entschlossen nach Norwegen zu ziehen. Als sich seine Eltern einige Jahre später entschieden, wieder zurück nach Lettland zu gehen, entschied Ernests sich in Norwegen zu bleiben - zusammen mit seiner Schwester. "Ich hatte schon einmal das Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit verloren, ich wollte das nicht noch mal erleben," erzählt er im Interview mit der Zeitschrift "IR". Aber dennoch pflegte Ernests seine lettischen Wurzeln, sang in Norwegen in einem lettischen Chor, und nahm 2019 im badischen Freiburg an einem Seminar für junge Führungskräfte teil (Jauno līderu skola). Dort trafen sich Lettinnen und Letten aus verschiedenen Ländern Europas; nur drei Monate später gründeten 13 von ihnen in Oslo die "Eiropas Jaunieši (EJ)" (Jugendliche Europas). "Dreizehn von uns waren in Oslo dabei, aber insgesamt haben noch ungefähr 60 Leute die Veranstaltung online verfolgt", erklärt Ernests. 

Ziel des neuen Vereins sei es, Neuankömmlingen aus Lettland bei der Eingewöhnung in ihr neues Land zu helfen. „Wenn jemand nach Norwegen zieht, können wir helfen, angefangen mit Ratschlägen, wo man "Kāruma"-Snacks kaufen kann, bis hin zu Möglichkeiten, eine Wohnung zu finden", meint Ernests. (IR) Wer zwischen 18 und 30 Jahren alt ist, darf Mitglied werden - so legt es die Vereinssatzung fest. Wer allerdings 35 Jahre und älter ist, darf kein Vorstandsamt mehr annehmen. 

Eine der Vereinsaktivitäten gab sich sportlich: es wurde der "Olimpiskais Lāčplēsis" verliehen, 2021 durchgeführt in Norwegen, Dänemark und Deutschland (2022 in Schweden statt Norwegen, 2019 auch Italien). Beworben weitgehend auf Instagram und Facebook und mit Hilfe des lettischsprachigen Portals "Latviesi.com", finanziell unterstützt vom lettischen Kulturministerium und anderen lettischen Fördergeldern. So eine Art "Spiel ohne Grenzen" (wer erinnert sich noch?) auf lettisch. Lieder singen am Lagerfeuer ist natürlich ebenfalls unverzichtbar. Eine andere Wiederentdeckung: es wird "tautasbumba" gespielt ("Völkerball"), ein Spiel das in Deutschland eher in der Kritik steht (Deutschlandfunk).

Längst hat auch das lettische Aussenministerium mit Elita Gavele eine "Beauftragte für Diasporafragen" ernannt, die gerne den Gedankenaustausch mit den EJ-Jugendlichen aufnimmt (lvportals). Gavele zeigte sich erfreut, dass die Jugendlichen ihre Veranstaltungsteilnehmer/innen auch auf die Möglichkeiten hinweisen an den Parlamentswahlen im Oktober teilzunehmen. Auch die lettische "Stiftung für soziale Integration" (Sabiedrības integrācijas fonds SIF) förderte, neben der "Bärentöterolympiade", inzwischen "Diaspora"-Projekte in 20 verschiedenen Ländern (delfi)

20. April 2021

Heimatbesuch

Einer Umfrage unter 3.000 Befragten verschiedener Länder zufolge sollte sich Lettland darauf vorbereiten, dass ein großer Teil derjenigen Gäste, die nach Ende der pandemischen Einschränkungen Lettland wieder besuchen werden, im Ausland lebende Lett/innen sein werden. 

Weiterhin geht die lettische Politik davon aus, dass im Ausland lebende Lettinnen und Letten, die sogenannte "Diaspora", auf lange Sicht nach Lettland zurückkehren werden. Vorläufig allerdings sind es eher Besuche bei Verwandten und Freund/innen, so zeigt es die neue Untersuchung, die von März 2020 bis März 2021 vom Institut für Philosophie und Soziologie der Lettischen Universität zusammen mit der Lettischen Agentur für Investitionen und Entwicklung (LIAA) durchgeführt wurde. Unter den Befragten befanden sich 13,6% in Deutschland lebende Lettinnen und Letten.

Bezogen auf die Situation vor Ausbruch der Pandemie, und obwohl nur 31,5% weiterhin Lettland als ihre Heimat angeben, haben 48% der Auslandslett/innen mindestens einen Besuch pro Jahr in Lettland eingeplant, 13% sogar drei oder mehr. 74% hätten auch während der Pandemie einen Besuch in Lettland geplant, allerdings seien diese Pläne bei 61% nicht verwirktlicht worden - besonders vorsichtig seien dabei ältere Lettinnen und Letten, die schon länger im Ausland leben. Für den Sommer 2021 jedenfalls hofften 40% der Befragten, wieder einen Besuch in Lettland machen zu können. Dabei reisen offenbar nur wenige der am neuen Wohnort kennengelernten Freund/innen oder Bekannte nach Lettland mit: nur bei 3% ist das der Fall. 

Bei ihren Besuchen übernachten 23% der Auslandslett/innen in Hotels oder Pensionen, aber 62% bei Freund/innen und Bekannten, und 44% nutzen im eigenen Eigentum befindliche Wohnungen oder Häuser. Bei einem durchschnittlichen Aufenthalt von 14 Tagen werden im Durchscnitt 64 Euro pro Tag und Person ausgegeben (Auslandslett/innen aus Deutschland = 55 Euro).

Andere Charakteristika dieser Untersuchung waren, dass 78% der Antworten von Frauen kamen, nur 22% von Männern. Laut ethnischer Zugehörigkeit seien 92% Lett/innen gewesen, aber nur 76% gaben an, die lettische Staatsbürgerschaft zu besitzen - gerade in Deutschland sei der Anteil derjenigen hoch, die (auch) die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. 48% der insgesamt Befragten gaben an, schon mehr als 10 Jahre außerhalb von Lettland zu leben. 

Interessant sind auch die Gründe, die für ein Leben im Ausland angegeben werden. Arbeitssuche geben 46,3% als Motiv an, 25,9% geben familiäre Gründe inkl. Gründung einer Familie an, 13,6% Weiterbildung oder Studium, und 11,4% sagen, sie wollten gern die Welt und neue Möglichkeiten kennenlernen. 

80% der Befragten haben außerdem schon mal an ihrem Wohnort im Ausland für Lettland als attraktives Reiseziel geworben. Die Ergebnisse zeigen, dass durchschnittlich ein/e Auslandslett/in auch eine weitere Person pro Jahr für einen Besuch in Lettland tatsächlich wirbt.

Untersuchungsergebnisse im Einzelnen

Kurzzusammenfassung Latviesi.com


18. Dezember 2020

Image selbstgemacht

Latvietis var visu - "Yes we can",
lettische Variante?

Es gibt einige Fragen, die bewegen Lettland offenbar auch mitten in der Corona-Krise. "Latvijas tēls" - um mal nicht den Begriff "Image" zu verwenden - das Bild von Lettland, das was andere über Lettland denken, wie kann das möglichst positiv verbessert werden?

"Eiropa mūs nesapratīs", so lautete einmal die Antwort lettischer Skeptiker, und dazu passte gut, dass der Soundtrack dazu von der Band "Labvēlīgais Tips" kam, deren Bandnamen man auch als "gutgemeinte Ratschläge" übersetzen könnte. Neuester Slogan: Nationales Image in der Welt? Bitte selbermachen! 

"Ungenutzte Potentiale" werden dabei bei den vielen Lettinnen und Letten gesehen, die inzwischen mittel- oder langfristig im Ausland leben, die sogenannte "Diaspora". In Lettland gibt es jetzt seit einigen Jahren einen "Image Policy Coordination Council", der Konzepte zum "National branding" ausarbeiten soll. Aber die "Diaspora" sei dabei bisher nicht beteiligt worden, sagt Zane Pudule, lettische Korrespondentin in Deutschland.

"Lettland ist ein Teil Nordeuropas!" so sieht es Aiva Rozenberga, ehemalige Chefin des "Lettischen Instituts" (lsm). Andere halten das für eine Wunschvorstellung - angesichts des Zustands der Straßen, der Krankenhäuser, der politischen Kultur und des Lebensstandards. Rozenberga antwortet, sie habe in ihrer Arbeit immer am meisten gegen das Image eines "postsowjetischen Staates" ankämpfen müssen, daher fokussiere sie selbstbewußt andere Ziele (lsm). Das Lettische Institut selbst, 1998 mal als gemeinnützige Organisation gestartet, seit 2004 dann unter der Oberaufsicht des Außenministeriums, soll ab 2021 mit der Lettischen Investitionsagentur zusammengelegt werden ("Latvijas Investīciju un attīstības aģentūra" LIAA). Auch die Ziele haben sich hier inzwischen stark gewandelt: der Welt verständlich zu machen, wie die lettische Mentalität und Wesensart nun mal ist, reicht nicht mehr - es soll nun eine "wettbewebsfähige Identität des Staates" her (Li). Es soll also offenbar nicht mehr um Verständnis für die Realität geworben werden - sondern das Bild Lettlands in der Welt so verändert werden, dass es zu anderen in der Welt passfähig und nutzbar gemacht werden kann. Auch der Tourismus und die Unterstützung von lettischen Unternehmen im Ausland sind ja schon beim LIAA zu finden. Es muss also ein "Branding" gefunden werden, was vor allem einen einzigen Zweck hat: es muss verkaufs- und umsatzfördernd sein.

Brokkoli, Knoblauch, Lettland?
Andere Wortmeldungen zum Thema bemängeln, dass es keine einheitliche Vorstellung von einem möglichen Bild Lettlands in der Welt gäbe. Nun ja, wie soll das auch entstehen, wenn doch jeder den alten Spruch kennt: was ist die Lieblingsspeise eines Letten? Ein anderer Lette. - Auch 2020 wurde schon wieder eine neue Idee geboren: "Born in Latvia" soll nun diejenigen kennzeichnen, die sich mit ihrem Herkunftsland identifizieren - vorläufig aber sieht das vorwiegend nur nach Speisen, Lebensmitteln und Getränken aus, zum Beispiel auf Twitter. Das passt nun aber gut zur ökonomischen Ausrichtung, die auch das Lettische Institut verpasst bekommen hat. Der entsprechende lettische Link "#esiLV" führt geradewegs zu einer - französischen Ingenieursschule, die offenbar die exakt gleiche Abkürzung benutzt (erst "Latviesi.com" weist den Weg).

Wie also soll es funktionieren, die "lettischen Volksgenoss*innen" im Ausland einzubinden? Elīna Pinto, Vorsitzende des "Verbands der Lett*innen in Europa" (Eiropas Latviešu apvienība ELA) meint, es sei ein "Verlust für die Nation", keine Vertreter*innen der "Diaspora" in diese Diskussion einzubinden. "Auch die lettischen Vereinigungen im Ausland bilden das Image Lettlands" meint Diplomatengattin Pinto (lsm), die sich selbst als "europäische Lettin mit Wurzeln in Jelgava" bezeichnet (ela) - und deren Mann Orlando, gebürtiger Portugiese, zur Zeit stellvertretender Botschafter Luxemburgs in Berlin ist. Da kommt doch vielleicht die Frage auf: soll Lettlands Image also vor allem von den Globalisierungsfreund*innen geprägt werden, wie es auch das Portal "Euromonde" verkündet, oder es lettische Fernsehsendungen wie "Globālais Latvietis" zum Ausdruck bringen? 

Da gibt es unter den Lettinnen und Letten sicher auch noch andere Strömungen - die allerdings nicht ganz so gut mit der lettischen Regierung vernetzt sind wie die stromlinienförmige ELA. Allerdings müssen wir dazu in der Lage sein, die (rein) lettischsprachigen Internetforen zu durchforsten - da werden gegenwärtig Anti-Masken-Kampagnen, Verschwörungstheorien, und Hassmails auf die lettische Regierung eilfertig verknüpft mit den Slogans "Und-Trump-hat-doch-gewonnen". Aber wer will das schon hören oder lesen? Wir erinnern uns: was war noch die Lieblingsspeise der Lett*innen? ...

Das Image Lettlands ökonomisch nutzbar zu machen - und bitte von den Lettinnen und Letten selbst - lassen wir uns nicht täuschen, es bleiben erhebliche Zweifel an diesem Konzept. Besonders, wer Lettland bereits kennt, wird sich keine "fremden Bären" aufbinden lassen wollen - egal, ob nun irgend eine Werbeagentur uns weismachen will, der Weihnachtsbaum sei in Lettland erfunden worden, Lettland sei magnetisch, oder andere verbogene Phrasen. Oder der schöne Slogan "#iamintrovert" - das Lexikon übersetzt "introvertiert" mit: auf das eigene Seelenleben gerichtet, nach innen gekehrt; verschlossen. Also: Ich bin verschlossen, sagt der Lette - und wer den Schlüssel hat, habe ich vergessen ...

29. September 2020

Vor 30 Jahren: Ascheraden wieder lettisch

Der lettischen Sage von "Lāčplēsis" („Bärenreißer“) zufolge ist Aizkrauklis der Vater der Hexe Spīdola, und er wacht über die Stromschnelle in der Daugava an der Stelle, wo heute auch der Ort "Aizkraukle" zu finden ist. Da geht es natürlich gar nicht, dass anders gepolte Ideologen diesen Ort umbenennen: Pēteris Stučka, 1917-1919 Bolschewikenführer Lettlands und am 15. Januar 1919 zum Präsident einer lettischen Sowjetrepublik ausgerufen, später Volkskommissar der Sowjetunion - er sollte nun, so entschieden die Sowjetbehörden 1961, Namensgeber der Stadt sein (ebenfalls betroffen waren auch die Universität Lettlands und die Tērbatas iela in Rīga). Damals wurden die meisten der Wohnblöcke in "Stučka" neu für die Arbeiter des im Bau befindlichen Wasserkraftwerks geschaffen. Am 10. Januar 1967 wurden "Stučka" dann die Stadtrechte verliehen (la.lv), damals als klares Vorbild für andere "sowjetische Städte" gedacht: mit damals 6.000 Einwohner*innen aus 20 verschiedenen Ländern.

Später aber wurde Stučka eher "der blutige Peteris" genannt (santa.lv) - näheres mögen die Geschichtsinteressierten in der Fachliteratur nachlesen. Die Verantwortlichen der Stadt weisen heute darauf hin, dass die Umbenennung in "Aizkraukle" bereits 1990 stattfand (ein Beschluss vom 25.9.1990), also noch zu Sowjetzeiten (Aizkraukles Muzejs). Seit 2001 ist Aizkraukle Verwaltungssitz der gleichnamigen Region - das wurde inzwischen auch bei der "Ascheraden-Stiftung" registriert. 

Heute sind es allerdings auch nicht mehr einfach Stromschnellen, die zu bewachen wären, sondern das große Wasserkraftwerk von Pļaviņas (Pļaviņu HES), betrieben vom staatlichen Energiekonzern "AS Latvenergo", das im Dezember 1965 die Arbeit aufnahm, nachdem drei vorher existierende kleine Kraftwerke zu einem großen vereinigt worden waren. Aus lettischer Sicht ist es heute zweispältig: einerseits wurde das Naturstromtal massiv verändert und die Daugava aufgestaut - worduch manche kulturhistorischen Stätten plötzlich direkt am oder sogar unter dem Wasser lagen (z.b. "Staburags"). Andererseits trägt das Wasserkraftwerk wesentlich zur Energieversorgung Lettlands bei, noch dazu auf nachhaltige Art und Weise. 

Das moderne Aizkraukle: dort kursierte zwar inzwischen schon ein selbstfahrender Autobus (für zwei Wochen, siehe SohjoaBaltic (neatkariga / lsm), aber dennoch scheint es schwierig zu sein, einen Betreiber für die regulären ÖPNV-Dienste zu finden (skaties).
Bei den Schulkontakten ist Aizkraukle offenbar in Gesprächen mit deutschen Partnern (Leipziger Volkszeitung), und zur Begründung der Stadt werden neuerdings mehr Naturwiesen angelegt (lsm).
Im Sport ist man in Aizkraukle offenbar gewohnt, Teams zusammen mit anderen Orten zu bilden: Aizkraukle/Koknese im Floorball (früher in Deutschland "Unihockey" genannt), im Handball zusammen mit Skrīveri. Die Stadtverwaltung stellte kürzlich einen neuen Videoclip vor, der für die Stadt werben soll. Für die Kindergärten, Wohnungen mit Blick aufs Wasser, die vier Kirchen, das Sportzentrum, das Sägewerk, und natürlich das Wasserkraftwerk. Motto: In Aizkraukle? "Viss normāli !"

16. August 2020

Lettische Kultur in Deutschland - nicht mehr nur im Sozialkanal

Auf "soziale Netzwerke" hatte die Botschaft Lettlands lange Zeit ihre Kommunikationswege ausgerichtet. Erstaunlich? Nun ja, auf der einen Seite stehen bei einer Botschaft ja die amtlichen Dienstleistungen, die jeder Staat seinen Bürger*innen gewährt. Das verlangt Formulare, Beamt*innen, Dienstzeiten und Gebührenordnungen. Auf der anderen Seite steht die Aufgabe, im betreffenden Land die lettische Sichtweise, politisch wie kulturell, bekannt zu machen, Sympathisant*innen und Mitstreiter*innen zu finden. 

Nach 1990 stand sicherlich erst einmal die Aufgabe, die notwendigen Funktionen eines Botschaftsbetriebes aufrecht erhalten zu können, im Vordergrund. Ohne Unabhängigkeit keine Außenvertretung: fünfzig Jahre lang war Lettland in Deutschland nicht sichbar gewesen. Die Aus- und Fortbildung auch für das Botschaftspersonal musste völlig neu aufgebaut werden.

So blieb vieles, was sich im wieder unabhängigen Lettland tat, in Deutschland unbekannt - auch weil sich die Deutschen mit einem Verständnis für lettische Belange ebenfalls sehr schwer taten. Und weil diejenigen Deutschen, die mal in Lettland gelebt hatten (plus deren Nachkommen) sich sehr schwerfällig gaben: noch heute sind die Aktivitäten der inzwischen unter dem Dach der "deutsch-baltischen Gesellschaft" zusammengefassten Vereine eher an Traditionsbewahrung ehemaliger deutschbaltischer Oberschichten orientiert, als an einer Neudefinition des allgemeinen deutsch-lettischen Verhältnisses. 

Schließlich gab es auch Zeiten, als in den lettischen Botschaften eher die Historiker*innen, Finanzfachleute oder verdiente "Atmoda"-Kämpfer*innen" das Sagen hatten. Es waren die Zeiten des "Eiropa mūs nesapratīs", also der tief verwurzelten Überzeugung, ein kleines Land, desse Sprache fast niemand versteht, werde auch in einem vereinigten Europa seine Interessen kaum durchsetzen können. 

Aber - wie immer kommt es anders, als ...es sich irgendjemand ausdenken kann. Es wuchsen neue Generationen heran, auch die Kommunikationswege unter den Menschen auf der Welt haben sich in den vergangenen 20 Jahren völlig verändert. Lettland musste nach dem Beitritt zur EU bereits mehrere Krisen überstehen, und nicht nur das: die Menschen verließen zu Zehntausenden ihr Heimatland, die einen schlicht auf der Suche nach angemessen bezahlter Arbeit, die anderen vielleicht auf der Suche nach verlorenen Träumen. 

Lettland hat sich neu besonnen, und versucht dabei optimistisch zu bleiben. Es gilt nicht mehr nur der Grundsatz "If you like Latvia, Latvia likes you" - der ein wenig wie die Vermeidung einer kritischen Auseinandersetzung und unangenehmer Themen wirkte. Grundlage bleibt allerdings die These, dass es nur einen Ort gibt, wo Lettinnen und Letten sich in jedem Fall zu Hause fühlen können: der lettische Staat. Aber es wird jetzt akzeptiert: auch andere Orte können "zu Hause sein". Viele Städte und Gemeinden in Deutschland zum Beispiel, wo inzwischen Hunderte von Lettinnen und Letten arbeiten, studieren, und aktiv sind. Allerdings sind diese "kopības" (Gemeinschaften) kaum organisiert, also die einzelnen Menschen sind nirgendwo Mitglied. Immerhin: vom bloß virtuellen Aufsammeln dieser Kontakte soll es nun zurückgehen zu gemeinsamen Aktivitäten. 

Schon 2017 stellte das lettische Außenministerium fest, dass inzwischen 370.000 Menschen, die einen Paß der Republik Lettland besitzen, dauerhaft im Ausland leben. Man ging daran, den organisierten Teil der im Ausland Lebenden zu kontaktieren, zu informieren, und wenn nötig auch zu finanzieren. Dem gegenüber stand eine hartnäckige Überzeugung der Lett*innen in Lettland, dass es den "Landsflüchtern" ja sowieso besser ginge als daheim: Tausende machten sich auch ohne Sprach- und Vorkenntnisse auf den Weg nach Irland, England, nach Deutschland oder in die Schweiz. Warum denen, die dort leben, auch noch helfen? 

"Damit sie eines Tages zurückkehren!" Diese These war am besten förderlich für die lettische Innenpolitik - wo ja bisher immer noch Parteien Teil der Regierung sind, die offen ein "lettischeres Lettland" propagieren. Zweites Argument: "Damit die dort geborenen Kinder ihre lettische Muttersprache nicht vergessen!" Auch das schien akzeptabel. Den Rest regelten die meiste jungen und digital gut geschulten Lettinnen und Letten größtenteils selbst: sie posten eifrig bei Youtube, Instagram, Facebook oder Twitter - die regierungsamtlichen Stellen, inklusive der Botschaft in Berlin, beeilen sich hinterherzukommen. 

Aus deutscher Sicht - oder aus der Sicht der deutschen Lettland-Interessierten - hatte sich in dieser Zeit allerdings gerade im Bereich Kultur eine Leerstelle aufgetan: mit Ausnahme des Jahres 2014, als Riga Europäische Kulturhauptstadt war, gab es nicht mal mehr Ansprechpartner*innen für diesen Bereich in Deutschland. Dazu kam, dass sich das Gebäude der Botschaft Lettlands nicht, wie die "Nachbarn" aus Litauen und Estland, in zentralen und gut erreichbaren Teil Berlins befindet - also sich nicht gerade als Veranstaltungsort anbietet. Zwischendurch wurden auch mal einfach kommerzielle Plakatkampagnen gestartet - nur in großen deutschen Städten, und vor allem touristisch ausgerichtet natürlich. Ziemlich verlassen aber wirkten die vereinzelten Beiträge zu Kulturereignissen auf der Webpräsenz der Lettischen Botschaft - teilweise längst veraltet, stets mit regierungsamtlichem Atem, und eben ohne Ansprechpartner*in im Fall von Fragen. 

Nun wurde, mitten in der "Corona-Zeit", ein eigenes lettisches Kulturportal in Deutschland eröffnet. Und bei "Kultur-Lettland.de" ist auch ein Newsletter eingebaut und beziehbar, der über aktuelle lettische Veranstaltungen in Deutschland informieren möchte. Also: Latvija mūs sapratīs! Endlich wieder etwas anderes als belangloses Chatten, oder sensationsheischende Egotrips! Auch die kulturellen Aktivitäten anderer sind etwas wert - auf jeden Fall sind sie es wert, weitererzählt zu werden und eine Chance auf Besucher*innen und Sympathiesant*innen zu haben - auch unabhängig von kommerziellen Interessen. Bleibt zu hoffen, dass es auf Seiten der Botschaft nicht nur (momentan arbeitslose) Corona-Praktikant*innen sind, die jetzt die kulturvermittelnde Arbeit leisten müssen - wir hoffen auf nachhaltige und längerfristige Konzepte.

16. April 2020

Wo liegt das Land "Diaspora"?

Diaspora - der Gläubige im Land der Ungläubigen. So könnte es der gewöhnliche (gläubige) Mensch verstehen, oder? Für die katholische Kirche in Deutschland, in diesem Fall in Paderborn, liegt die Diaspora unter anderem in .... Lettland und Estland (Domradio). In Litauen natürlich nicht, denn da leben ja die Katholiken - jedenfalls den Statistiken zufolge.

eine Grafik zur lettischen Sendung
"der globale Lette" (lsm)
Wer die eigentliche Wortherkunft ergründen will, greift vielleicht zum Lexikon - oder sieht nach bei Wikipedia. Der dortigen Definition zufolge ist Diaspora "die Existenz religiöser, nationaler, kultureller oder ethnischer Gemeinschaften in der Fremde, nachdem sie ihre traditionelle Heimat verlassen haben". Paderborner in Lettland?

Die Bundeszentrale für politische Bildung weist auf einen Bedeutungswandel des Begriffes hin (altgriechisch διασπορά "Verstreutheit"). Lange Zeit habe der Begriff immer nur im Zusammenhang mit den nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem vertriebenen Jüdinnen und Juden Verwendung gefunden. In den 1960iger und 70iger Jahren seien dann andere "Vertreibungsgeschichten" hinzugekommen - von der Versklavung der Afrikaner*innen, über die Auswanderung der Ir*innen, über das Schicksal der Armenier, die Palestinenser in Israel bis hin zu den "deutschen Ostgebieten".

Nun sind ja die Lettinnen und Letten eigentlich sehr begierig, auch neu eingeführte Fremdworte ("svešvārdi") gleich zu "lettisieren", also neue, aber lettische Worte dafür zu schaffen - als Beispiel dafür mag schon die Einführung der europäischen Währung gelten, die in der lettischen Sprache eigentlich niemals hätte "Euro" heißen dürfen (oder "Eiro"), viel lieber "Eura" oder "Eira". Oder, anderes Beispiel: Liebhaber*innen des Lettischen reden auch nie beim "einkaufen gehen" von "šopings" – sondern von "iepirkšanās".
Der Begriff der "Diaspora" hat aber alle Wirren überstanden. Aus lettischer Sicht ist die "Diaspora" immer dort, wo Lettinnen und Letten fern der Heimat leben (müssen). Eines ist klar: die Angst, das eigene Heimatland wieder zu verlieren, ist aufgrund der Sowjetzeit in Lettland viel frischer als in Deutschland. Dennoch - die "Corona-Krise" hat auch hier Änderungen gebracht.

Bisher, also seit spätestens 1991, war ja eher das "Weggehen" fast zur Selbstverständlichkeit geworden. Zuerst vielleicht zur Pilzernte nach Irland, seit 2011 dann war auch der deutsche Arbeitsmarkt offen (auf den aktuellen Notstand an Pflegekräften braucht ja wohl nicht extra verwiesen zu werden). Die Umfragen waren immer eindeutig: fast ein Drittel aller jungen Lettinnen und Letten konnten sich vorstellen, Arbeit im Ausland zu suchen. Da bleibt dem Rest nur noch, rückhaltlos neidisch zu sein (mangels eigener Möglichkeiten), oder Arbeitsmigrant*innen als eine Art "Vaterlandsverräter" zu brandmarken.

Nun geht es also anders herum. Kaum war die Corona-Krise aufgebrochen, steckten Hunderte Lettinnen und Letten auf dem Weg zurück nach Lettland auf Flughäfen, an Grenzen und Meeresufern fest. Glücklich "zu Hause" angekommen, soll es Fälle gegeben haben, wo die Einwohner*innen von Dörfern auf dem Lande sich geweigert haben, diese "Rückkehrer" wieder in ihr Dorf zu lassen, und Betroffene erst mal in Hotels in Riga sich einmieten mussten.

Plötzlich auch gern online im Direktkontakt:
Lett*innen außerhalb Lettlands
Aber es gibt auch positive Beispiele. Waren bisher alle möglichen Gerüchte im Umlauf, dass Bekannte und Verwandte durch irgendwelche Tricks im Ausland plötzlich reich geworden seien (und die Betroffenen erzählten zu Hause lieber nicht allen, wie es wirklich war), so hat nun ein ganz neues Interesse eingesetzt, wie es Lettinnen und Letten eigentlich geht, die in anderen Ländern leben. Jetzt, wo doch "dīkstāve" (Stillstand) herrscht. Überall. Auch im lettischen Radio und Fernsehen ist das inzwischen gewohnte Bild der "Home-Office-Sendungen" nun häufig genutzt. Die Sendung "Globalais Latvietis" (der globale Lette) schaltete kürzlich live ins "Homeoffice-Zimmer" von Lettinnen in Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland - mit Ton und Bild.

Zu hören und zu sehen sind hier allerdings auch teilweise seltsame Thesen. So hätten es die Letten im Ausland angeblich leichter, mit dem Virus umzugehen, weil sie "schon wissen wie es ist in Isolation zu leben". - "Ich kann schon seit 16 Tagen nicht mehr auf die Straße gehen", berichtet Natalija aus Spanien.
"Aber wir haben hier gehört," so die Frage aus dem Studio in Riga, "dass in großen Mehrfamlienhäusern bei euch schon alle Leute anfragen mit dem einen Hund rausgehen zu dürfen, den es im ganzen Haus gibt, nur damit sie mal einen Grund haben rausgehen zu können!" - "Ja, die Leute hier entwickeln einen sensationellen Sinn für Humor," schallt es aus dem digitalen Raum zurück. "Aber nein, bei uns werden noch keine Hunde vermietet."

"Wir dürfen nicht mehr als dreimal die Woche einkaufen gehen", erzählt Elena aus Italien. "Und wir dürfen die Haustiere 200m weit ausführen, also etwas weiter als in Spanien. Und, damit die Leute verstehen, das es kein Spaß ist: alles wird mit Drohnen überwacht." Liene, in Frankreich wohnend, aber in Genf arbeitend, muss die Regeln von gleich zwei Ländern beachten und berichtet von scharfen Grenzkontrollen. "Was ich hinzufügen kann," so kommt es von Elina aus Berlin, "ich bin nun tatsächlich Hausfrau, Hauslehrerin, Heimarbeiterin und Hauspsychologin in einem!" - Und nach dem Durchhaltevermögen gefragt, ergänzt Elena aus Italien: "Wir haben jetzt zu Hause sogar angefangen, Nudeln und Süßigkeiten selbst herzustellen, und abends tanzen wir zusammen - das erhält die gute Laune!"
Während der Sendung muss das lettische Radio sich auch durch ein paar technische Schwierigkeiten kämpfen - europaweit gleiche Leitungsqualität ist noch eine Illusion. Aber Lettinnen und Letten in Europa miteinander verbinden - die Krise bringt es offenbar voran.

25. März 2020

Abseits des Stroms zur Repatriation

eine Illustration aus dem britischen Film
"Stay home superheroes", den es bereits in
lettischsprachiger Fassung gibt
Ja, da haben sich die Verantwortlichen in der lettischen Regierung nun jahrelang Gedanken gemacht, wie die Arbeitsemigration aus Lettland in die wirtschaftlich stärkeren Länder Europas gestoppt werden könnte. Es wurden Rückkehrprogramme gestartet, Arbeitsvermittlung für "Heimkehrwilige", Lettisch-Lehrbücher für die Diasporakinder wurden gespendet - mit wenig Auswirkung.

Doch nun ist plötzlich alles anders: lange Staus an den Grenzen, ganze Schiffe und Sonderzüge werden für Rückkehrwillige nach Lettland gechartert. Und nicht nur das: alle, die einmal zurückgekehrt sind, kommen nun nicht mehr raus. Grenzen zu. Und wer es wagt, plötzlich nach Lettland zurückzukehren, soll sich gefälligst erst einmal 14 Tage lang in Selbstisolation begeben (siehe Regelung zur Ausrufung des lettischen Ausnahmezustands). Zu den offiziellen Regelungen gehört auch, dass Personen, die das nicht freiwillig tun, und einfach in Lettland herumspazieren oder zur Arbeit gehen wollen, von Nachbarn und Passanten bei der Polizei angezeigt werden können.

Da wirkt so ein Interview mit Dainis Krištopāns, lettischer Handball-Nationalspieler, schon fast skurril. Während der Handball-Europameisterschaft im Januar 2020 fiel der "Ludzānietis" (er stammt aus Ludza) unter anderem deshalb auf, weil sein Team auch gegen Deutschland spielte und dabei nur knapp verlor (ZDF / Youtube). Nach der EM wechselte der Lette, nun als "Handball-Monster" tituliert, zur Mannschaft der Berliner Füchse in die Deutsche Bundesliga. Zu diesem Zeitpunkt, Anfang Februar 2020, ließ sich dieser Vorgang vielleicht mit der Bemerkung "und noch ein Lette in Berlin" kommentieren. Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning wurde mit den Worten zitiert: „Es ist ein tolles Zeichen, dass wir einen solchen Weltklassespieler für Berlin gewinnen konnten.“ - "Krištopāns erfüllt sich einen Kindheitstraum", war in der "Latvijas Avize" zu lesen.

Interessantes Detail aus dem Animationsfilm
"Stay home superheroes" (lettische Fassung):
oben die Darstellung wie Erwachsene über die
Krise reden, unten die Kinder ...
Das war vor der "Corona-Krise". Inzwischen sind alle Sportveranstaltungen abgesagt, die Handball-Bundesliga pausiert. Aber wir erfahren auch, dass nicht alle Lettinnen und Letten sich spontan ins Auto setzen und dann an der Grenze zu Polen festhängen, oder mit Schiffen gerettet werden müssen. Krištopāns hält sich weiterhin in Berlin auf. "Wir sitzen zu Hause und warten, was passiert," berichtet der lettische Handballstar der "Latvijas Avize". "In der Mannschaft hat jetzt jeder seinen individuellen Trainingsplan, und den versuchen wir zu erfüllen. Wir hoffen alle, dass wir die noch ausstehenden Spiele noch spielen können." Einkaufen gehe er selten, aber es fehle ihm an nichts, berichtet der Lette "nach Hause", mit einem ironischen Seitenblick auf den angeblich so hohen Toilettenpapierverbrauch der Deutschen. Leider habe sein Team die Saisonziele bisher nicht erreichen können. Krištopāns lobt aber die Trainingsbedinungen und die Unterstützung der Zuschauer in Berlin.

Zurückgekehrt nach Lettland ist dageben Speerwerferin Līna Mūze. "Ich habe keine Probleme damit, mich erst mal zwei Wochen in Selbstkarantäne zu begeben", sagt sie. Nach einem Trainingsaufenthalt in Estland sei sie zurück nach Lettland gekommen für den Fall, dass sie ärztliche Hilfe benötige. "Da wird es dann ja heißen: unsere Staatsbürger zuerst, erst danach die Ausländer", vermutet sie (LA). Während Estland aus lettischer Sicht bereits zu den "Corona-Risikoländern" gehört, berichtet die Sportlerin von wesentlich konsequenteren und früheren Schutz- und Vorsichtsmaßnahmen in Estland. Für Olympia 2020 in Tokio war Speerwerferin Mūze bereits qualifiziert - aber auch diese Planungen sind ja inzwischen um ein Jahr verschoben.

Für das Portal "delfi.lv" berichtet die Lettin Vija Tomaševska aus dem hessischen Taunusstein. Eine Bekannte, ebenfalls Lettin, habe sich mit dem "Covid-19"-Virus infiziert, daher habe sie sich nun in eine 14-tägige "Selbstquarantäne" begeben. Auf einen Virustest warte sie aber noch immer - so seien die Verhältnisse in Hessen. Zusammen mit Mann und Kind lebe und arbeite sie seit 2015 in Deutschland, erzählt sie der "Heimatpresse". Zum 1.März habe sie einen neuen Arbeitsplatz antreten sollen, das sei nun erst einmal verschoben. Sie vermutet, sich zusammen mit ihrer Bekannten angesteckt zu haben, denn einmal seien sie beide in einem überfüllten Bus gefahren.
Der Alltag in Quarantäne sei nicht einfach, denn sich ein Mittagessen per Kurier zu bestellen, sei fast unmöglich - die Kuriere seien entweder generell zurückhaltend, oder auch bis Mitte April bereits ausgebucht. Der Arzt habe geraten, der Mann könne ja schnell mal einkaufen gehen, wenn er keine Symptome zeige - solchen ärztlichen Rat findet die Lettin zweifelhaft, und sie fügt hinzu: "Eigentlich wollte ich mich von der ganzen Aufregung fernhalten, jetzt nehme ich es ernster.".

10. Dezember 2019

Zu Hause verarzten

Eine seltene Ausnahme: Rückkehr aus dem Ausland
und Schlüsselübergabe für die neue Hausärztin
Die Ärztinnen und Ärzte, auch andere Mitarbeiter/innen im Gesundheitswesen Lettlands seien noch nie so einig gewesen wie jetzt, heißt es: unter den gegenwärtigen Bedingungen, dem von der Regierung bereitgestellten Budgets, wollen sie nicht weiterarbeiten.

Ganze 60 Millionen Euro zu wenig habe die neue lettische Regierung im Haushaltsplan 2020 eingeplant, so die Kritiker. Ilze Viņķele musste im Parlament schon ein Misstrauensvotum abwehren - ein Vorgang, den auch das Deutsche Ärzteblatt aufmerksam notiert. Zu wenig Geld im Staatshaushalt für das Gesundheitswesen?

Proteste gegen zu geringe
Löhne im lettischen Gesundheits-
wesen (BNN-News)
Da hilft auch nicht, dass ein Teil der regierenden Koalition inzwischen zugibt, eine Finanzierung die fehlenden 60 Millionen Euro sei möglich. Ministerin Viņķele ("Attīstībai/Par!") kann ja auf eine Vergangenheit als Parteimitglied sowohl bei "Tēvzemei un Brīvībai/LNNK" („Für Vaterland und Freiheit“) wie auch der "Vienotība" (Einigkeit) zurückblicken. Ein Nachweis ihrer "Flexibilität"?

Am 14. November hatte das lettische Parlament (Saeima) den Haushaltsplan für 2020 verabschiedet. Bei einem angenommenen Wirtschaftswachstum von 2,8% ist dort ein minimales Haushaltsdefizit von 0,3% vorgesehen. Dabei ist die Mindestgrenze für zu versteuerndes Einkommen auf 300 Euro festgelegt, der Mindestlohn soll ab 2021 500 Euro betragen. Zusätzliche Finanzen sind auch vorgesehen zur Erhöhung der Gehälter von Lehrerinnen und Lehrern, im Gerichtswesen, Angestellte des Innenministeriums und im Kulturbereich.

Bei den Haushaltskennzahlen beruft sich die lettische Regierung auf die Europäische Kommission, die am 20.11. eine Stellungnahme zu den lettischen Haushaltsplanungen veröffentlicht hatte. Dort empfiehlt die EU sogar Lohnerhöhungen fürs medizinische Personal - allerdings nur solche, die aus Umschichtungen des bisherigen Haushalts genommen werden können.

Vor diesem Hintergrund sorgt Māra Meldere für Aufsehen.Im September eröffnete sie ihre Praxis als Familienärztin (= ähnlich einer deutschen "Hausärztin") in Roja (lsm / roja.lv). Ingrīda Miķelsone, die bisher die Praxis in Roja führte, zeigte sich sehr zufrieden, ihre Praxis in andere Hände sicher übergeben zu können - ihre Nachfolgerin blickt auf 9 Jahre Arbeitspraxis in Deutschland (im Schleswig-Holsteinischen Wöhrden) zurück.

Nach nur wenigen Wochen hat sich inzwischen die Zahl der Patienten bei Frau Dr. Meldere von 1216 auf 1390 Personen gesteigert, berichtet sie im Interview gegenüber dem"Talsu Vestis". Die Leute kommen inzwischen nicht nur aus dem kleinen Roja, sondern auch aus Talsi, aus Mērsrags und sogar aus dem über 120km entfernten Riga. Und Frau Dr. Meldere, die selbst in Talsi gebürtig ist und deren zwei Töchter in Deutschland geboren wurden, kann auch Vergleiche ziehen: "Im Unterschied zu Patienten in Deutschland, die immer fordernd und mit Ansprüchen auftreten, bitten die Leute hier in Lettland ganz einfach um Hilfe - das ist schon ein krasser Unterschied, und für mich als Ärztin natürlich hier angenehmer. Außderm gibt es in Roja viele Kinder - und ich mag es einfach, mit Kindern umzugehen."

Und noch einen anderen Vorteil gegenüber Deutschland sieht die lettische Rückkehrerin: die Digitalisierung des lettischen Gesundheitswesens, auch wenn noch nicht alles perfekt funktioniere, sei in Lettland weiter entwickelt. Meldere: "In Deutschland geht es noch wie in alten Zeiten -  alles auf Papier und durch Briefeschreiben."(Talsu Vestis)

Ein Vorteil bleibt ja vielleicht deutschen Patienten noch: wer demnächst in Roja, im Nationalpark Slitere oder der kurländischen Ostseeküste seinen Urlaub verbringt kann sicher sein: es ist eine deutschsprachige Ärztin in der Nähe.

6. Juni 2019

Lettisch essen, schwarz arbeiten?

Neues von Ķirsons. Nachdem der lettische Unternehmer Gunārs Ķirsons bereits Anfang Oktober 2018 eines seiner Restaurants in Berlin zusperrte - kurz nach einer Feier zum zweijähriges Bestehen - scheint er sich jetzt Argumente dazu überlegt zu haben, mit denen er an die Öffentlichkeit treten kann. Ķirsons verkündete in dieser Woche vor der lettischen Presse, den deutschen Markt vielleicht ganz verlassen zu wollen. Seine Begründung: "Von zehn Personen, die bei mir arbeiten wollen, verlangen acht, dass ich sie cash bezahle, bar auf die Hand - also 'schwarz'." (tvnet) Und, noch allgemeiner: "Ich dachte, in Deutschland ist jeder ehrenhaft und zahlt Steuern. Deutschland zahlt hohe soziale Unterstützung, und die Leute wollen diese bekommen, und nebenbei noch irgendwo 'inoffiziell' arbeiten." (delfi)

Ein Foto aus berlinfreundlicheren Tagen: rechts die Gönner und Spender,
links (im Hintergrund) die Schwarzarbeiterinnen?
Ist "Lettisch essen" in Berlin so schnell gescheitert? Oder ist es einfach nur ein geschickter Unternehmer, ohne Garantie auf Weiterbeschäftigung, wenn er Filialen nach eigenem Gusto öffnet und wieder schließt - solange nur die eigenen Gewinne im Sack sind?

Schon jetzt präsentiert sich auch die einzig verbliebene Filiale im Alexa in Berlin mit stark reduzierter Speisekarte: ein bischen lettisches Bier, ein kleiner Nachtisch - das war's schon mit dem "typisch lettischen". "Die Idee, in Berlin bis zu 12 Restaurants eröffnen zu wollen, war ein Fehler", meint Kirsons heute. Angeblich werden für die verbliebene Filiale schon jetzt ein Geschäftspartner oder Käufer gesucht. Und damit nicht genug - Kirsons ist Berlin offenbar nicht "deutsch" genug: "Berlin ist nicht Deutschland - das haben wir falsch eingeschätzt. In Berlin gibt es viele Migranten aus der ganzen Welt."(TVNet / db / Kapitāls).

Neue Texte fürs Kirsons-Liederbuch:
"Nein, wir sind so dankbar,
wir wollen keinen Lohn,
selbst wenn Gunnar auch mal krank war,
wir alle lieben seinen Hohn!"
Dabei wirbt Kirsons selbst sein Personal mit "Aufstiegsmöglichkeiten in einem internationalen Unternehmen". Seine finanzielle Bilanz ist ebenfalls interessant zu lesen: "In Lettland ist es schon gut, 4000 Euro Umsatz am Tag zu machen. In Berlin muss es aber 6000 Euro sein."- Dank für den persönlichen Einsatz seiner Angestellten, das findet sich bei  Kirsons nirgendwo.

In einem früheren Interview für "Dienas Bizness" hatte er sich zu den Unterschieden in verschiedenen Ländern geäussert. In Estland sei einfach weniger Salz nachgefragt, und "manche Kohlgerichte mögen sie nicht". In Deutschland habe Kirsons versucht, die Kunden von ausschließlich natürlichen Zutaten zu überzeugen, aber: "sie essen alles, aber sie sind gewöhnt an chemische Zusatzstoffe. Wir versuchen sie von natürlichen Zutaten zu überzeugen, aber sie verstehen das nicht." (db). Wer solche Aussagen versucht zwischen den Zeilen zu lesen, die Schlußfolgerung könnte in zwei Richtungen gehen: entweder hat Kirsons versucht, die Preise in Berlin langsam anzuheben (mit dem Verweis auf "natürliche Zutaten") - und das haben die Kunden nicht nachvollziehen können (weil sehr viele schon in Deutschland mit "natürlichen Zutaten" werben). Oder aber, es ist ein Argument dafür, dass Kirsons eigentlich sagen will: um mehr Gewinn rauszuschlagen in Berlin, komme auch ich nicht ohne Zusatzstoffe aus.

Nein, die Angestellten seines Unternehmens scheinen den "lettische McKirsons" in seinen Zukunftsplänen wirklich nur zu stören. Er denkt bereits darüber nach, automatisierte digitale Zahlungssysteme einzuführen, und auch die Möglichkeit für Bestellungen "online" will die Lido-Kette ausbauen. Noch gibt es in den LIDO-Restaurants (allen zusammen) etwa 1200 Menschen die dort arbeiten. - Bliebe eigentlich nur noch hinzuzufügen, dass einer aktuellen Umfrage zufolge in Lettland 84% aller Arbeiter/innen und Angestellten NICHT Mitglied bei einer Gewerkschaft sind. Kein Wunder, dass der Chef dieses Thema auch bezüglich Berlin lieber nicht erwähnt.

Wie sagte noch Ķirsons anläßlich der Schließung in der Charlottenstraße so schön: "Wir bitten zum Verständnis."

15. November 2018

Kirsons gibt den Löffel ab - aber nur in Berlin

missverstandene Kirsons-Werbung?

Schnelllebige Schnellrestaurants

Es war vielleicht eine Überraschung für Berlin, als im Mai 2016 (Blogbeitrag) gleich zwei Restaurants der aus Lettland bekannten Kette "Lido" (in Berlin = "Kirsons") eröffnet wurden. Und als Ende 2016 klar wurde, beide Restaurants machen auch in der Wintersaison weiter ("Kirsons überwintert"), galt es als positives Zeichen - und noch im Frühsommer diesen Jahres wurde "2 Jahre Kirsons in Berlin" gefeiert. Nun ist plötzlich Schluß im "Kirsons Charlotte". "Aus technischen Gründen" - diese vorläufig klingende Begründung ziert die Eingangstür allerdings bereits seit mehreren Wochen.

Was tun, wenn man hungrig auf lettische Speisekarte ist? Rüber zum "Alexa", der zweiten "Kirsons"-Filiale in Berlin. Dort tummelt sich überraschend viel Personal mit überraschend offener Auskunft: Nein, das "Charlotte" wird nicht wiedereröffnen. Ob denn die eigene Filiale im "Alexa" erhalten bleibe? Das wird zwar positiv beantwortet, aber der zugehörige Gesichtsausdruck sieht alles andere als zuversichtlich aus. Ebenfalls bedenklich stimmt, dass die "Weihnachtsdekoration" des Ladens noch aus dem Vorjahr zu stammen scheint. Ungern erinnert man sich in Lettland an die Krisenzeiten, als auch Ķirsons seinen Angestellten den Lohn schuldig blieb (bnn-news).

Aus für "Charlotte", Schrumpfung bei "Alexa"?

Auch die Auswahl an Speisen im "Alexa" scheint ausgedünnt: auf lettische Art geräuchertes Hühnchen? Schon lange nicht mehr ("das war eine Sonderlieferung"). Lettisches Sauerkraut? Heute nicht. Maizes supa? Vielleicht morgen. Einzig das "Užavas"-Bier (+ Piebalgas in Flaschen), und die lettischen Backkartoffeln scheinen noch vertraut von der lettischen Speisekarte. Im Angebot: ein "Business-Lunch" (Hühnchenbrust süß-sauer, mit Reis und Gemüse), der ähnlich auch in einem billigen Asia-Imbiss zu haben wäre.

Zwei Jahre zuvor tönte der Firmenchef noch davon, insgesamt 15 Restaurants allein in Berlin eröffnen zu wollen (lsm). Berliner, die im "Charlotte" öfter zu Gast waren berichten von einem scheinbar stets gut besuchtem Lokal. Hat hier also der lettische Unternehmer einfach das gemacht, was ja europaweit und global offenbar längst üblich ist? Subventionen der EU in Millionenhöhe genutzt, dazu Finanzen der lettischen Investitionsagentur - um dann nach Auslaufen dieser Finanzierungsquelle einfach wieder zu schließen, und das noch unangekündigt durch die Hintertür?
Aus der Werbung der LIDO-Kette: immer stolz auf die Firmengeschichte

In Lettland kassiert, in Deutschland abgeschöpft

Ganz anders dagegen in Lettland: eine aktuelle Übersicht zu den umsatzstärksten Restaurants in Lettland (firmas.lv / Leta) sieht die LIDO-Ketten von Gunārs Ķirsons im Jahr 2017 mit 5,8% Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr auf nun 38.584 Millionen Euro klar auf Platz eins. Im Mai war ein Interview mit in der lettischen Presse zu lesen, in dem eine komplette Renovierung des Rigaer "Stammlokals" ("Vērmanītis") für 800.000 Euro angekündigt wird. Gleichzeitig wollte der Unternehmenschef damals die Frage nach eventuellen Schließungen von Filialen nicht beantworten (tvnet).

Dabei ist auch in Riga das Überleben von Restaurants auch für diejenigen nicht selbstverständlich, die bisher bereits als gut eingeführt und bekannt galten. So steht laut einem Pressebericht offenbar das Restaurant "Bergs" in der Passage "Berga bazars", das sich selbst als "Lettlands bestes Boutique-Hotel" anpreist, kurz vor der Schließung (Jauns). Das 2003 eröffnete Fünfsternehotel "Bergs" errang europaweit Anerkennung, als das Restaurant 2010 unter die "50 besten Restaurant Europas" gewählt wurde (BalticTravelnews, Dienas bizness) - allerdings könnten das auch Marketingmaßnahmen der Branche gewesen sein, denn die zu dieser Rangliste gehörende Webseite ist inzwischen komplett wieder aus dem Internet verschwunden. Das Lokal also vielleicht bald ebenso.

Berlin ohne Lettisch - who cares?

Und in Berlin lettisch essen gehen wollen - eine Illusion, die keiner braucht? Auch das Restaurant "Schwalbennest" im Berliner Nikolaiviertel, die "Berliner Zeitung" war bei der Eröffnung noch ganz euphorisch, schloss bereits im September 2016 wieder seine Pforten (nur die Facebookseite existiert noch). Dann investierte Kirsons 3 Millionen in Berlin. Manche fanden ja gleich zu Beginn schon die "Trachtenmädels" und andere Details eher "peinlich" (wetravel24). Wer anonymen Bewertungen traut, schaut bei "Kununu" nach - dort haben drei angeblich bei "Kirsons" Angestellte ihre Bewertungen hinterlassen: "Für Gäste toll, für Mitarbeiter nicht zu empfehlen" ist da genauso zu lesen wie auch 'Lettische Mitarbeiter/innen mögen keine deutschen Kolleg/innen". Wo wohl die Wahrheit liegt? Irgendwo "in der Mitte"?

neue Firmenchronik?
Am Fenster der Ex-Filiale in der Charlottenstraße 13 klebt ein Zettel der besagt, dass die Genehmigung auch draußen Tische und Stühle hinstellen zu dürfen, noch bis zum 24.Januar 2019 gültig ist. Auch der "Nach-Hause-Lieferservice" wird online noch eifrig beworben (mit "Kirson Alexa GmbH" als neuer, eigenständiger Firma?). Also, vielleicht gibts bei "Charlotte" demnächst noch eine "Open-Air-Sylvestersause" zum Abschluß? "Viss kārtībā", wie man so auf Lettisch sagt. Zuzutrauen wäre es Kirsons allemal!

31. August 2018

Migrierendes Returnierpotential

Wer sich für Lettland in Europa interessiert, und noch dazu etwas Lettisch versteht, wird sich vielleicht oft schon gewundert haben, wie sich Lettinnen und Letten eigentlich fühlen, die in anderen Ländern Europas leben. Aus lettischer Sicht drehen die Deutschen das Thema um: es wird darauf geschaut, wie viele Zuwanderer (= Flüchtlinge) Lettland aufnimmt. Die Bilanz ist jedenfalls klar im negativen Bereich: immer noch verlassen Lettinnen und Letten ihr Land, in erster Linie auf der Suche nach angemessen bezahlter Arbeit. Und die gegenwärtige lettische Regierung, deren Amtszeit in wenigen Wochen endet, sieht sich einem dauernden Vorwurf ausgesetzt: warum wird es großen Firmen so leicht gemacht, in Lettland Steuern zu sparen, Land zu kaufen, und die Verdienste daraus in die eigene Tasche zu stecken - wenn gleichzeitig eine große Zahl der eigenen Bürgerinnen und Bürger keine Möglichkeit finden im eigenen Lande zu überleben?

Weggegangen, vergessen?

Dabei scheint aber die Zeit vorbei, als den Arbeitsmigrant/innen nur moralische Vorwürfe und Anklagen hinterherhallten. Im Parlament wird ein "Diaspora likums" diskutiert - ein Gesetz zur Unterstützung von lettischen Volksgruppen im Ausland. Ein Vorhaben, das nicht unumstritten ist. Warum werden nicht diejenigen unterstützt, die im Lande blieben, fragen sich manche, statt dessen aber die anderen, die ja offenbar anderswo inzwischen eigentlich anderswo gut verdient und ein schönes Leben hatten?

Rund um das Gesetz gibt es viele Unklarheiten. Das fängt schon beim ersten Satz, in §1 des Gesetzentwurfs an: Diaspora, das seien hiernach "zu Lettland zugehörige Gemeinden oder Individuen, die sich zugehörig zu Lettland erklären" (ārpus Latvijas pastāvīgi dzīvojoša Latvijas piederīgo kopiena un indivīdi, kuri savu piederību saista ar Latviju). Gründe der Zugehörigheit bleiben unklar, werden auch nicht zur Kontrolle vorgesehen. Hier passt die Bezeichnung "Tautologie" im doppelten Sinne: ("Tauta" lettisch = Volk) so bin ich Lette, oder ich bin Lette. Vermieden wird hier, von "Abstammung", "lettischem Blut" oder von "Staatsbürger" zu reden. Lediglich §14 bekräftigt, dass die Regelungen zum Erwerb der Staatsbürgerschaft auch in der Diaspora bekannt gemacht werden sollen. 

Projekte schreiben, Gruppen leiten lernen:
Trainingslager fürs Netzwerken mit der Heimat
In §5, der die Aufgaben der neuen "Diaspora-Politik" beschreiben soll, ist zwar von einer "lettischen Identität" die Rede, die gestärkt werden soll. An anderen Stellen dagegen bleibt es bei "Lettland" - zum Beispiel wenn von besserer Zugänglichkeit der "Kultur, Kunst und Musik Lettlands" in Aussicht gestellt wird.

Wurzeln schlagen, Wurzeln erhalten

Die förderungswürdigen Aktivitäten allerdings wirken eindeutig: Vieles dreht sich um Kenntnisse der lettischen Sprache. Auch Veranstaltungen für Jugendliche und Kinder sollen gefördert werden, darunter Austauschprogramme von "Diaspora-Kindern" mit Partnern in Lettland.

Einige ungewöhnlich klingenden Ziele sind hier zu finden. So soll auch "Unternehmertätigkeit" von Letten im Ausland in die Förderprogramme des lettischen Wirtschaftsministeriums eingebunden werden, und zwar besonders dort, wo es um die Erhöhung der Exportquote Lettlands, die Gästezahlen im Tourismus, ausländische Investitionen in Lettland und neue Technologien geht. Ganze acht (!) Ministerien sollen in die Umsetzung des "Diaspora-Gesetzes" eingebunden werden: das Außen-, Innen-, Kultur-, Bildung-/Wissenschafts-, Wirtschafts-, das Umwelt-, Gesundheits- und das Wohlfahrtsministerium. Vor allem ein Bürokratie-Monster also? 

Zusätzlich werden auch einzelnen Städten und Gemeinden in Lettland eigene Möglichkeiten eingeräumt, selbst Maßnahmen zur Unterstützung der "Diaspora" zu treffen - auch wenn es lediglich um "informelle oder nicht registrierte Initiativgruppen oder Interessenvereinigungen" geht.

Viel Handlungsfreiheit also für diejenigen, die das Geld ausgeben und bewilligen. Die Gesamtkoordination soll ganz beim lettischen Außenministerium verbleiben - es bleibt also eine staatlich streng kontrollierte Unterstützung. Zwar soll ein "konsultativer Beirat" gebildet werden, über dessen Zusammensetzung entscheiden aber wiederum ausschließlich die staatlichen Behörden. Ebenso bleibt die Festsetzung der Prioritäten ganz in staatlicher Hand. Zwar sollen "Diasporas pārstāvji" (Vertreter der Diaspora) an der Umsetzung der Maßnahme "mitwirken" - gemeint sind dabei aber lediglich unverbindliche  "Möglichkeiten" - keine Rechte, nicht einmal demokratischen Strukturen der Beschlußfassung oder der Wahl von Vertretern sind vorgesehen.

Slogan von Lettlands gegenwärtig aktivsten "Remigranten"-
Organisation: "Mit der Erfahrung der Welt in Lettland"
In Kraft treten soll das Gesetz im Laufe des Jahres 2019. Im Mai 2018 wurde der Gesetzentwurf im lettischen Parlament (Saeima) eingebracht.
Schätzungen zufolge leben etwa 240.000 Lettinnen und Letten (ca.15%) inzwischen dauerhaft außerhalb der Grenzen Lettlands. Im Ausland lebenden Lett/innen soll in Zukunft erlaubt werden, eine zweite Kontaktadresse in Lettland anzumelden, auch wenn es nicht der ständige Wohnsitz ist.

Remigranten gesucht

Bereits gegründet wurde an der Lettischen Universität in Riga ein "Migrations- und Diaspora-Forschungszentrum" ( LU Diasporas un migrācijas pētījumu centrs). Dort wurden u.a. die Regelungen anderer Länder untersucht. Andere Untersuchungen nehmen die Kommunikationsstrukturen in den Fokus. Über 90% der 15-34-Jährigen Lett/innen im Ausland nutzen Facebook - an solche Quoten kommen auch rein Lettischsprachige Internetforen wie "draugiem" oder "Latviesi" nicht heran, auch bei den Älteren ist Facebook das meist genutzte Portal. 

Beliebte Form innerlettischen Austausches: mit "3x3"
sind hier Treffen von drei Generationen gemeint
Inzwischen werden eine Reihe Schulungen angeboten. Kurse für "Projektbeantragung und Leitungstraining" scheinen praktisch orientiert, da es ja in Zukunft Geld für Projekte geben soll. Andere Workshops sind überschrieben mit "Ich bin ein Lette", oder "Aufklärung über Fake News in Lettland".

Ob allerdings die gegenwärtige Diskussion um ein "Diaspora-Gesetz" wirklich praktische Veränderungen bringen wird, muss sich erst zeigen. Für Kritiker ist das Thema auch einfach ein Werbemittel der gegenwärtigen Regierungsparteien, um Lett/innen im Ausland zur Teilnahme an der Parlamentswahl im Oktober zu bewegen - 2014 beteiligten sich nur 26,4% der Auslandsletten. Wer nach dieser Wahl aber die Überlegungen weiterführen wird, muss sich dann zeigen. Schon jetzt ist erkennbar, dass einigen Parteien der Sturz der gegenwärtigen Regierung weitaus wichtiger wäre als die Umsetzung eines "Diaspora-Gesetzes" - denn nur die gegenwärtige Regierung sei schuld daran, dass so viele ins Ausland gehen.
In einem Punkt gibt es schon jetzt etwas Neues: in lettischen Wörterbüchern hat das Wort "Remigracija" (Rückkehr von Emigranten) neu Aufnahme gefunden.