20. April 2021

Heimatbesuch

Einer Umfrage unter 3.000 Befragten verschiedener Länder zufolge sollte sich Lettland darauf vorbereiten, dass ein großer Teil derjenigen Gäste, die nach Ende der pandemischen Einschränkungen Lettland wieder besuchen werden, im Ausland lebende Lett/innen sein werden. 

Weiterhin geht die lettische Politik davon aus, dass im Ausland lebende Lettinnen und Letten, die sogenannte "Diaspora", auf lange Sicht nach Lettland zurückkehren werden. Vorläufig allerdings sind es eher Besuche bei Verwandten und Freund/innen, so zeigt es die neue Untersuchung, die von März 2020 bis März 2021 vom Institut für Philosophie und Soziologie der Lettischen Universität zusammen mit der Lettischen Agentur für Investitionen und Entwicklung (LIAA) durchgeführt wurde. Unter den Befragten befanden sich 13,6% in Deutschland lebende Lettinnen und Letten.

Bezogen auf die Situation vor Ausbruch der Pandemie, und obwohl nur 31,5% weiterhin Lettland als ihre Heimat angeben, haben 48% der Auslandslett/innen mindestens einen Besuch pro Jahr in Lettland eingeplant, 13% sogar drei oder mehr. 74% hätten auch während der Pandemie einen Besuch in Lettland geplant, allerdings seien diese Pläne bei 61% nicht verwirktlicht worden - besonders vorsichtig seien dabei ältere Lettinnen und Letten, die schon länger im Ausland leben. Für den Sommer 2021 jedenfalls hofften 40% der Befragten, wieder einen Besuch in Lettland machen zu können. Dabei reisen offenbar nur wenige der am neuen Wohnort kennengelernten Freund/innen oder Bekannte nach Lettland mit: nur bei 3% ist das der Fall. 

Bei ihren Besuchen übernachten 23% der Auslandslett/innen in Hotels oder Pensionen, aber 62% bei Freund/innen und Bekannten, und 44% nutzen im eigenen Eigentum befindliche Wohnungen oder Häuser. Bei einem durchschnittlichen Aufenthalt von 14 Tagen werden im Durchscnitt 64 Euro pro Tag und Person ausgegeben (Auslandslett/innen aus Deutschland = 55 Euro).

Andere Charakteristika dieser Untersuchung waren, dass 78% der Antworten von Frauen kamen, nur 22% von Männern. Laut ethnischer Zugehörigkeit seien 92% Lett/innen gewesen, aber nur 76% gaben an, die lettische Staatsbürgerschaft zu besitzen - gerade in Deutschland sei der Anteil derjenigen hoch, die (auch) die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. 48% der insgesamt Befragten gaben an, schon mehr als 10 Jahre außerhalb von Lettland zu leben. 

Interessant sind auch die Gründe, die für ein Leben im Ausland angegeben werden. Arbeitssuche geben 46,3% als Motiv an, 25,9% geben familiäre Gründe inkl. Gründung einer Familie an, 13,6% Weiterbildung oder Studium, und 11,4% sagen, sie wollten gern die Welt und neue Möglichkeiten kennenlernen. 

80% der Befragten haben außerdem schon mal an ihrem Wohnort im Ausland für Lettland als attraktives Reiseziel geworben. Die Ergebnisse zeigen, dass durchschnittlich ein/e Auslandslett/in auch eine weitere Person pro Jahr für einen Besuch in Lettland tatsächlich wirbt.

Untersuchungsergebnisse im Einzelnen

Kurzzusammenfassung Latviesi.com


15. April 2021

Sind Lettinnen und Letten glücklich?

Sicher hat jede und jeder schon mal vom sogenannten "Glücksindex" gehört. Mal stehen da die Däninnen und Dänen ganz oben, neuerdings auch die Finninnen und Finnen. Deutschland wird in diesen Ranglisten meist im oberen Mittelfeld vermutet - einerseits schon allein wegen der zuverlässig guten Wirtschaftslage, andererseits auch wegen der vermuteten typisch deutschen Kleinkariertheit und Ordnungsliebe. Lettland dagegen wird meist irgendwo "weiter unten" vermutet: schließlich hat die Wirtschaftskrise 2008/09 das Land hart getroffen, viele standen auch privat vor dem Bankrott, und Zehntausende mussten außerhalb ihres Heimatlandes nach angemessen bezahlter Arbeit suchen. 

Da überrascht uns ein anderer "Laimes index", in dem Lettland ganz oben stehen soll: bei der emotionalen Seite des Glücks. Keine Sorge: die Ergebnisse wurden schon vor der Corona-Krise ermittelt. Demnach nehmen Lettinnen und Letten das emotionale Glück (23%) sogar häufiger als wichtig als das wirtschaftlichen Wohlergehen (20%). Auf dieser Rangliste sehen wir die Deutschen ganz am Ende: ganze 18% sollen demnach emotionales Glück in Deutschland wertschätzen. 

Die Ergebnisse dieser Umfrage scheinen noch ein Stückchen weiter in Richtung "typisch lettisches" Glücksgefühl zu gehen: als andere Quellen des persönlichen Glücks werden hier von Lettinnen und Letten "Wohnort und dessen Umfeld", Familie, Gesundheit und Freund/innen genannt. 

Nun ja, verschiedene lettische Medien gaben diese Umfrageergebnisse ganz im Stil eines journalistischen Beitrags wieder (Latvijas Avize, IR, dievite, ). Andere Medien zitieren ähnliche Umfragen, verbunden mit der Schlagzeile "Glücksindex in Lettland auf einem historischen Höchststand" (lsm) Und nicht nur das: es wird fast schon neidisch auf Litauen verwiesen, wo die Stadt Kaunas kürzlich einen eigenen "Tag des Glücks" ausgerufen haben soll (lsm). 

Sind Lettinnen und Letten wirklich eher über den Weg der Gefühle glücklich zu machen? Ein Blick auf die Auftraggeber des neuen "Laimes indeks" raubt uns schnell die Illusionen: Autor der Studie ist Andris Šuvajevs, von Beruf "Wirtschaftsethnologe" - offenbar eine Wissenschaft, die davon ausgeht, dass Wirtschaft immer kulturell eingebettet von statten gehe. Und Auftraggeber ist "Bonava", Projektentwickler im Haus- und Wohnungsbau - da liegt es nahe, Lettinnen und Letten erzählen zu wollen, wie sie angeblich "kulturell eingebettet" glücklich zu machen sind. (siehe auch: Bonava Deutschland). 

deutsche Umfrageergebnisse aus der in Lettland so häufig zitierten Studie

Logischerweise zieht Bonava Lettland auch eigene Schlüsse beim "Glücksindex": Lettinnen und Letten seien besonders zufrieden, wenn sie im eigenen Haus wohnen. Na, so ein Zufall aber auch! (= das können wir euch bauen, wenn ihr uns dafür bezahlt ...). 

Interessant wird nun die Tatsache, dass dieselbe Untersuchung auch Befragungen in Deutschland beinhaltete. Und, siehe da, auch deutsche Medien berichteten darüber. So zum Beispiel schreibt die "Welt" (ganz im Sinne der von Bonava bezahlten Statistiken): Deutsche sind am glücklichsten angeblich in Einfamilienhäusern. Und nun soll doch in Hamburg der Zuwachs des Flächenverbrauchs solcher Baupläne gar verboten werden! Deutsches Glück, unvereinbar mit dem Umweltschutz? Da befinden wir uns dann wohl schon mitten drin im deutschen Wahlkampf. (von Lettland schreibt die WELT in diesem Beitrag übrigens gar nichts).

Statistik-Auswertungen ergeben
Klischees - oder genau anders herum?

Ja, aus deutscher Sicht wird doch ziemlich anders über die "Glückssuche" (hier auch "Happy Quest"  genannt / presseportal) berichtet. 

Zitieren wir abschließend noch Ivars Austers, Professor für Sozialpsyhologie an der Universität Lettlands, mit einer Antwort auf die Frage, ob die Lettinnen und Letten denn wenigestens "nach der Pandemie" glücklich sein werden. "Die Menschen glauben sie werden dann glücklich sein, die Wissenschaft sagt etwas anderes - so zeigt sich nur der menschliche Fokus auf die Illusion." (IR)

Na gut, dann schauen wir in Zukunft eben doch wieder auf die klassischen "Glücks-Index-Tabellen" der UNO, sehen dort die Dän/innen und Finn/innen vorn, wie gewohnt - und betrachten das ganz ohne Illusionen (IR)

11. April 2021

Flaschenlösung in Sicht

2004 trat Lettland der Europäischen Union bei. Das sollte unter anderem den "freien Handel" fördern - also möglichst gleiche Bedingungen für alle EU-Mitglieder für den Warenverkehr, auch offenen Marktzugang zu allen Ländern. Das bedeutet: seitdem ist auch der Warenstrom von Importwaren nach Lettland erheblich angestiegen. Während in Lettland der Holzeinschlag in den Wäldern immer noch etwa 30% des Exports ausmacht, können wohl die meisten deutschen Verbraucher/innen immer noch nicht die Frage beantworten, ob sie jemals in Deutschland schon ein Produkt aus Lettland gekauft haben.

Im Lebensmittelbereich importiert Lettland vor allem Getränke aus Deutschland: an der Spitze Weine (48 %), gefolgt von Spirituosen (44 %) (Agrartotal). Nur 7,3% der lettischen Exporte gehen nach Deutschland (LIAA) - im Jahr 2003 war der Prozentsatz noch doppelt so hoch (uni-koblenz)

Zuletzt war Litauen mit einem neuen Rücknahmesystem
vergleichsweise erfolgreich

Was allerdings immer noch in Lettland fehlt: es gibt bei den Getränken bisher weder Pfand noch Rücknahme-system. "Zu teuer" behauptete die Unternehmer-seite, und die lettische Regierung ließ die Zustände jahrelang unangetastet. Wer sich da fragt, warum denn die Lettinnen und Letten offenbar wenig Sorgen um ihre im Moment noch üppig vorhandene schöne Natur machen, der wird die Ergebnisse einer Umfrage aus dem Jahr 2018 aufmerksam registriert haben: 84,5% der Befragten sprachen sich für die Einführung eines Pfandrücknahmesystems in Lettland aus. (zalabriviba).Schon 2017 hatte eine Petition auf der Plattform "Manabalss" (Meine Stimme) 12.000 Unterstützer/innen für ein Pfandsystem gefunden (siehe auch Blogbeitrag).

Ab Februar 2022 soll nun tatsächlich eine neue Rücknahmeregelung in Kraft treten - ein Thema, was nun bereits seit 20 Jahren diskutiert wird, wie "Manabalss" richtig anmerkt. Besonders die junge Generation habe auf die Einführung eines Pfandsystems gedrängt, musste auch Wirtschaftsminister Jānis Vitenbergs zugeben (itiesibas).
Wie aus vielen anderen Ländern schon bekannt, sollen dann die Verbraucher/innen die Pfandgebühr, gesondert ausgewiesen, zusätzlich auf den Kaufpreis zahlen, und bei Rückgabe der Flaschen im Laden angerechnet bekommen. Gelten soll es sowohl für Glas- wie auch Plastikflaschen, ebenso für Dosen. Im Ergebnis soll es dann in ganz Lettland 1500 Pfandannahmepunkte geben, davon 700 mit Automaten ausgerüstet (lsm). Zuständig wird in Lettland eine GmbH namens "Depozīta iepakojuma operators" (DIO) sein. Geschätzt 30 Millionen Euro wird das Projekt kosten, finanziert von vier großen Getränkeherstellern ("Aldaris", “Cido grupa”, “Coca-Cola Latvija” und “Cēsu alus”). Pro Einheit / Flasche soll zunächst 10 EuroCent Pfand berechnet werden.

Wer diese Rücknahmeautomaten liefern darf wurde öffentlich ausgeschrieben. Fünf Hersteller hatten sich beworben. Angeblich ist vertraglich festgelegt, dass durch das Rücknahmesystem erzielte Gewinne wieder in das System investiert werden müssen. Das neue Gesetz legt fest, dass in größeren Ortschaften alle Läden mit mehr als 300m² Verkaufsfläche auch Pfandrücknahmestellen anbieten müssen, auf dem Lande alle Läden größer als 60m². Falls mehr als 36.000 Verpackungseinheiten pro Jahr entgegen genommen werden, empfiehlt der Betreiber einen Automat (dio.lv). Die Händler/innen bekommen dann für ihre Aufwendungen 1,53 Cent pro Verpackungseinheit bei manueller Entgegennahme erstattet, Automatenbetreiber bekommen 1,79 Cent pro Stück.

Kürzlich fiel die Entscheidung zu den Automaten (lettisch "Taromāts" genannt): es wird die norwegische TOMRA sein, die in Lettland ihre Automaten aufstellen wird (siehe Pressemitteilung). Die Firma habe über 35 Jahre Erfahrung und bisher bereits über 84.000 Automaten in Betrieb, heißt es. Damit hat sich das Argument der Praxiserfahrung gegen andere Vorschläge durchgesetzt, die auch schon Tetrapaks, Batterien und Sektflaschen gleichzeitig der Wiederverwertung zuführen wollten (SIA Wingo Deposit).

Diese Klarstellung sollten auch lettische Getränkehersteller wie die Brauerei "Valmiermuižas alus" beruhigen, die auf eine rasche Entscheidung gedrängt hatten, um die eigene Produktion entsprechend umstellen zu können. Brauereichef Aigars Ruņģis betonte, er sie soweit "lettischer Patriot" dass ihm daran gelegen sei, wenn Flaschen mehrfach genutzt und nicht einfach weggeschmissen werden (lsm)

Auch in Deutschland verrichten offenbar bereits 30.000 TOMRA-Pfandautomaten ihren Dienst (ecoreporter). Die Firma bemüht sich außerdem um einen Markteinstieg in China und Indien. Seit 2016 stehen TOMRA-Automaten auch in Litauen und führten, eigenen Angaben der Firma zufolge, zu einer Rückführungsquote von 91,9% (Tomra). In Litauen liegt der Pfandbetrag ebenfalls bei 10 Cent. "Wir mussten den Verbraucher/innen in Litauen nur erklären, dass sie ihre Pfandobjekte nicht in den Automat werfen sollen," meint TOMRA-Manager Thomas Morgenstern in einem Interview, "sie sollen es einfach sanft auf das Laufband legen." (delfi.lt) Und wenn nun Lettland ebenfalls das 10-Cent-Pfandsystem einführe, dann läge für TOMRA als nächster Schritt eine Harmonisierung der Rücknahmesysteme in allen drei baltischen Staaten nahe.

Gefragt nach weiteren Zukunftsaussichten, weist Morgenstern auch auf das stark zunehmende Online-Shopping hin: "In London macht der Online-Einkauf jetzt bereits 20% aus," weiß der TOMRA-Manager, "diese Leute werden wahrscheinlich nicht zum Supermarkt kommen, um die Flaschen zurückzugeben."

5. April 2021

Horten, raffen, haushalten ...

Was werden wir von den augenblicklichen Pandemiezeiten in Erinnerung behalten? Zum Beispiel den verrückten Run aufs Klopapier. Warteschlangen von 50m und länger kannten die Jüngeren in Deutschland ja bisher gar nicht. "Jeden Tag bei irgendwelchen Läden nach Defizitwaren anstehen, das war ja zu Sowjetzeiten für uns Alltag", schreibt Viesturs Sprūde für die lettische Zeitung "Latvijas Avize", und er hat sich mal auf die Suche nach anderen Beispielen in der lettischen Geschichte gemacht, als lettische Läden plötzlich nach bestimmten Waren geplündert wurden. 

Zuckerzeiten im Armeekaufhaus

Da gab es zum Beispiel den November 1931. Unter dem Eindruck der weltweiten Wirtschaftskrise waren Pläne der Regierung bekannt geworden, die Steuern auf Zucker zu erhöhen, was den Preis pro Kilo von 42 auf 62 Centimes hätte steigen lassen. Gleichzeitig sollte dann, um den Ansturm im Vorfeld zu regulieren, nur 4 kg Zucker pro Person abgegeben werden. Da wurden Lettinnen und Letten dann sehr kreativ: Vater, Mutter, Sohn, Tante und Onkel gingen einer nach der anderen zum Laden - damals gab es in Riga noch das "Armijas ekonomiskais veikals" (Armeekaufhaus), das unter Ulmanis sowieso in vielen Fällen bei der Warenzuteilung bevorzugt war (und deshalb günstige Preise bieten konnte). In diesem Fall gingen sie alle nach ein paar Tagen nochmals los, um für Zucker anzustehen - wahre Leckermäuler.
"Vertrauenskrise auch bei den Hausfrauen", so titelte die "Rigasche Rundschau" am 5. November 1931. Solche Zustände gäben Kritikern der privaten Marktwirtschaft, die ein staatliches Handelsmonopol einführen wollten, unnötig Argumente in die Hand, so war es in der "Rundschau" zu lesen, und zwei Tage später versuchte man zu beruhigen: "Zucker wird nicht teurer, nur der Zuckersack!" (angeblich, weil von Jute auf Leinen umgestellt werde). Dieselbe Zeitung musste sich dann aber am 15. Dezember selbst korrigeren: nun hatte die Regierung doch eine Steuererhöhung auf Zucker beschlossen - allerdings auch ein Zuckermonopol eingeführt, um die Preise unter Kontrolle zu behalten. 

Kekse und Streichhölzer

Einen ähnlichen Fall von "Einkaufsrausch" verzeichnet Viesturs Sprūde im Jahr 1960/61, als der Ministerrat der UdSSR eine Abwertung des Rubel und gleichzeitig die Ausgabe neuer Banknoten (10 alte = 1 neue) und Münzen vornahm. Beschlossen wurde es schon am 4.Mai 1960, vollzogen dann Anfang 1961. In dieser Zeit sollen besonder Kekse, Streichhölzer, Seife, Mehl, Grütze, Salz, Öl und Konserven nachgefragt gewesen sein. Zum Geldumtausch blieb allerdings einige Wochen Zeit. 

Destillierte Vorräte?

1988 geriet dann erneut der Zucker in den Fokus. In den letzten Jahren der Sowjetunion war man ja schon gewöhnt, dass in den Geschäften viele Regale leer blieben, oder vor vielen Läden lange Schlangen einfach "auf Verdacht" standen, weil angeblich neue Warenlieferungen angekommen waren. Aber als im Frühjahr 1988 der Zucker aus den Regalen verschwand, da wurde vermutet, illegale Alkoholbrennereien, von denen man die meisten in der Region um Pleskava (Pskow) vermutete, hätten das meiste aufgekauft. Seit Mitte der 1980iger Jahre lief in der ganzen Sowjetunion eine Kampagne gegen Alkohol (was Gorbatschow heute als Fehler bezeichnet, siehe "Tagesspiegel"). So blühte das Geschäft der illegalen Brennereien auf, und vor allem war in (sowjet-)lettischen Läden noch einiges zu haben, was anderswo in der Sowjetunion längst ausverkauft war. So wurden Zucker und Seife die ersten Waren, die 1988 nur noch auf spezielle Talone ausgegeben wurden, wobei auch die Wohnadresse angegeben werden musste. 

Alles in Butter

Und auch 1990 brach natürlich unter den Verbraucherinnen und Verbrauchern Panik aus, als die Regierung von Ivars Godmanis die Preisfestsetzungen vollkommen aufhob. "Wohin ist die Butter verschwunden?" so die Schlagzeilen der lettischen Presse. Der Preis für das Kilo Butter war von 3,5 Rubel auf 13-14 Rubel erhöht worden. Auf maximal 200g war die Abgabemenge pro Person festgesetzt - aber auch hier gingen die Leute von Laden zu Laden, um mal hier, mal dort zu kaufen. Warnungen, die Butter würde sich im Kühlschrank nicht länger als zwei Monate halten, wurden ignoriert. Und 1991 wiederholten sich die "Butterwellen" noch mehrfach. 


Unser täglich Brot

Und auch Brot war zur "Barrikadenzeit" 1991 plötzlich ausverkauft: die Leute begannen es auch zu trocknen und so haltber zu machen (auch heute noch ist ja das geröstetet Knoblauchbrot bekannt). 1992 ging dann die Inflation so richtig los: wegen der hohen Inflation des russischen Rubels wurde im Mai 92 der lettische Rubel eingeführt, aber bis zur Einführung des Lat 1993 hatten sich vielfach das Preisniveau verzehnfacht (siehe auch Bank von Lettland), die offizielle Inflationsrate des Jahres 1992, verglichen mit 1991, lag bei 1051%! Und schnell verschwanden auch Mehl wie auch wiederum Zucker aus den Geschäften - diesmal spekulierten die Medien, viele planten wohl Marmelade zu kochen (eine fast "romantische" Vorstellung, angesichts der Umstände!). 

Gesalzene Zeiten

Und noch eine weitere befürchtete Warenkrise war mit geschichtlichen Umständen verbunden: als Lettland zum 1.Mai 2004 der Europäischen Union beitreten wollte, war plötzlich das Salz in den Geschäften verschwunden: Gerüchte besagten, das bisher übliche grobe Salz entspreche nicht den EU-Standards und könne dann nicht mehr verkauft werden. In Daugavpils stieg der Salzpreis um das Fünffache, und die Geschäfte verkauften Salzmengen, die sonst den ganzen Monat reichten, innerhalb weniger Stunden. Zur gleichen Zeit verschwand in Ventpils, aufgrund ähnlicher Gerüchte, die Essigessenz aus den Regalen, und in Riga waren plötzlich Fisch, Fleischkonserven und Öl sehr beliebt. Der Run auf Salz wiederholte sich noch einmal im Juni 2005, als die Regierung ankündigte, aufgrund von Jodmangel in der Bevölkerung jodiertes Salz zum Handel zu empfehlen - und viele das so verstehen wollten, dass nun das nicht jodierte Salz ganz verschwinden sollte (was aber nicht der Fall war).

Buchweizen nicht vergessen! 

Ja, Lettland hat wahrlich schon viele Krisenzeiten erlebt in den vergangenen Jahrzehnten. Was wurde bisher als "Defizitware" in den Covid-Pandemiezeiten ausgemacht? Laptops und Tablets seien fast doppelt so teuer wie vorher (lsm) - was auch damit zu tun habe, dass die Schulen mit entsprechenden Geräten ausgestattet werden sollten. An Lebensmitteln sei nun neben Mehl und Nudeln auch Buchweizen bei Verbraucher/innen sehr begehrt (LA).