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24. Mai 2026

Werdende Letten

„Der globale Lette“ - so heißt eine Sendung im lettischen Radio LR1. Drei Menschen wurden dort neulich vorgestellt, die offenbar so Ungewöhnliches vorhaben, dass es dort zum Thema wurde. Lette oder Lettin sein, ist ja das eine - leicht zu beantworten, wer als Kind lettischer Staatsbürger in Lettland geboren wurde. Aber Lette werden? Gibt es Menschen, die das wollen, und falls ja: wie geht das? 

Zwischen "wir" und "sie"

Das scheint ein schwer zu verstehender Vorgang zu sein. Hier geht es um Grundsätzliches: es gibt zahlenmäig nur wenig Lettinnen und Letten auf der Welt, und manche malen Schreckensbilder: in x-Jahren sind wir ausgestorben, dann gibt es "uns" nicht mehr. 

Es geht also nicht um Erleichterungen zur Einbürgerung, rechtliche Fragen oder die Förderung kinderreicher Familien. Hier geht es konkret um einen Deutschen, einen Bulgaren und einen Schotten mit Wurzeln in Sri Lanka. 

Musik hilft 

Jöran Steinhauer (lettisch "Jorens Šteinhauers"), geboren in Bochum, ist vielleicht der Bekannteste der drei. Mit seinem Abschiedlied für den Lat ("Paldies latiņam") wurde er in Lettland in kurzer Zeit dermaßen bekannt, dass Lettinnen und Letten ihn gleich mal als Vertreter Lettlands zum ESC (Eurovision) schickten - um einen Kuchen zu backen. Er kam nach Lettland über ein Schulaustauschprogramm, ging dann zunächst einige Jahre zurück nach Deutschland, und hatte dann, wie er sagt, "Sehnsucht nach Lettland". Das sorgt natürlich für weitere Sympathien oder auch "Follower". 

Auch Aleksandrs Tomass Matjusons hat mit Musik zu tun, arbeitet am Lettischen Nationaltheater. Der Sohn eines Schotten und einer Bulgarin könnte sich als "Alexander Mathewson" auch zu Schottland bekennen, und seine Kompositionen sind auch schon im Repertoire mancher deutscher Orchester gelandet (siehe auch "Merkur", "BDZ" oder "SZ"). Seit 2023 lebt er in Lettland, damals im lettischen Radio noch vorgestellt als "bulgarischer Musiker" mit Studienabschluss in München. (LR1) Dort, in München, hatte er allerdings einen lettischen Chor dirigiert und in einem weiteren mitgesungen ("Aurum"). 2021 dann sein erster Besuch in Lettland. "Ich war zum ersten Mal in Lettland und dachte: Oh, hier ist es so schön im Vergleich zu Bulgarien", erzählte Aleksandrs damals. "Ich schämte mich einfach. Wir können in Bulgarien nicht weiter sagen: Wir hatten den Kommunismus, der ist an allem schuld. Bei euch war die Lage auch so, aber jetzt ist die Situation viel besser." Auch auf diese Weise kann man sich einiger lettischer Sympathien sicher sein. (lsm)

Lohn und Liebe 

Auch Kavšanta Malinka Rambadagalla arbeitet in Lettland, allerdings inzwischen als Arzt mit Privatpraxis. Die lettische Schreibweise seines Namens deutet eigentlich eher auf eine Frau hin (mit a als Endung). Schon 2022 tauchte er mal in der lettischen Presse auf, damals noch als Chirurg des Krankenhauses in Rēzekne - einer Stadt in der er lieber lebt als in Riga (jauns). Er ist schon seit dem Jahr 2000 in Lettland, hat sein Studium an der Medizinischen Fakultät der Universität Lettlands abgeschlossen, und auch er spricht fließend Lettisch (lpr / LA / Diena). Was der lettischen Seite besonders auffällt: auch er spricht immer von "wir", wenn er Lettland meint. Einen günstigen Eindruck hinterlässt wahrscheinlich, weil er bekennt sehr gerne zu singen, und auf Fragen nach seinem langen Arbeitstag, oft bis sieben oder acht Uhr abends, antwortet: "Das ist mein Beruf und meine Lebensweise". (jauns) "Eigentlich wollte ich Jurist werden", berichtet er, "aber meine Mutter meinte ich sollte Arzt werden. Da war es klar, dass ich nach Europa gehen musste, wo ich in Englisch studieren konnte." Und Rambadagalla entdeckte beim Lettischen sogar Gemeinsamkeiten mit seiner Muttersprache Singhalesisch: Bezüge und Ähnlichkeiten mit dem Sanskrit. 

Dr. Rambagalla hatte vorher noch in Irland als Arzt gearbeitet - und die lettische Presse fragt erstaunt, wie er das große Lohngefälle zwischen Irland und Rēzekne verkraftet habe: von 6000 Euro Monatslohn ein Absturz auf 430 Euro (netto). "Ich habe viel von Hotdogs und Cola gelebt", meint er (jauns). Aber statt sich zu beklagen, erklärt der Arzt seine Freude darüber, dass Patienten in Rēzekne wenig zuzahlen müssen: bei einer Operation 31 Euro, für einen Tag im Krankenhaus 10 Euro. 

Bunte Gegenwart 

Werden also alle zu Lettinnen oder Letten, die es lange genug aushalten im Land? Wer gerne singt oder Musik macht, hat es offenbar leichter. Lettisch lernen sollte man wohl auch. Dr. Rambagalla hat außerdem noch einen anderen Vorteil: er ist mit einer Lettin verheiratet. Und eines scheint sich definitiv geändert zu haben: früher, gerade in schlechten Zeiten, sagten die Leute: ich mache es vor allem für die nächste Generation, für meine Kinder, damit die es einmal besser haben. Heute leben Menschen in Lettland, die bereits Erfahrungen mit drei, vier unterschiedlichen Kulturen gemacht haben, mehrere Sprachen sprechen und Lettland innerhalb weniger Jahre zu ihrer Heimat erklären. 

20. Dezember 2025

Sterbende Männer

Es ist nur Statistik - das ist aber wohl kein Trost. Schon länger ist bekannt, dass es mehr Frauen als Männer in Lettland gibt - das ist schon jahrzehntelang so, und niemand erinnert sich, dass es je anders war. Nun aber gibt es neue Zahlen: aktuellen Statistiken zufolge werden lettische Männer 70 - 71 Jahre alt, und liegen damit ganz am Ende der Statistik in Europa. Im Mittel werden Männer in Europa 8,2 Jahre älter, und Frauen werden in Lettland ganze 10 Jahre älter als Männer!

Woran liegt das?

Rauchen Männer mehr? Trinken sie mehr Alkohol? Eigentlich gilt eine Erkenntnis inzwischen als erwiesen: Lebensstile beeinträchtigen Lebenserwartung stärker als biologische Unterschiede (BIB). Vorausgesetzt, Vorbeugung und Früherkennung werden nicht vergessen. 

Immerhin leben Männer in Lettland inzwischen 7,5 Jahre länger, als es zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Sowjetunion der Fall war (Frauen 6,3 Jahre länger). Der Abstand jedoch in der Lebenserwartung von Frauen zu Männern ist kaum geringer geworden. ("IR") 

Erkrankungen des Herz- und Kreislaufsystems sind die häufigste Todesursache in Lettland; Männer im arbeitsfähigen Alter sterben viermal häufiger an Herzerkrankungen als Frauen. Die Sterblichkeit bei Tumoren ist bei Männern 40% höher als bei Frauen. Und auch bei Selbstmord, Vergiftung durch Alkohol oder andere Substanzen, Stürze, Verkehrsunfälle, Ertrinken, Erfrieren, Tod durch Feuer oder Rauch, Gewalt – überall sind Männer wesentlich mehr vertreten als Frauen. ("IR") 

Männer-Syndrome, oder Angst vor dem Arzt?  

Diese Statistiken fallen allesamt so eindeutig aus, dass sich Pauls Raudseps in einem Beitrag für die Zeitschrift "IR" sogar veranlasst sieht, das Phänomen als "Männlichkeitssyndrom" zu bezeichnen. Männer suchen sich keine Hilfe im Problemfall, nehmen unbedacht Medikamente, und gehen selten zu Vorsorgeuntersuchungen, das bestätigt auch Dr. Ernests Pūliņš-Cinis, Arzt an der Stradiņa-Universität Riga. 

Agris Starts organisiert und moderiert Gesprächsabende für Männer unter dem Motto "Einsamer Kampf" ("Vientuļā cīņa"); in der Einladung zur Veranstaltung steht folgender Satz: "Männer entscheiden sich oft dafür, die Schwierigkeiten des Lebens alleine zu bewältigen – indem sie schweigen und ihre Gefühle verbergen." "Männer sind überzeugt, dass niemand sonst sich für ihre Probleme interessiert," meint Gesprächsmoderator Starts. 

Einsam und unverstanden?  

Umfragen zufolge haben im vergangenen Jahr 28% der Männer nicht den Hausarzt aufgesucht (bei den Frauen 13%). Nur 67 % der Männer hatten im letzten Jahr ihren Blutdruck messen lassen, bei den Frauen lag der Anteil bei etwa 85 %. ("IR") 

Beim Alkoholkonsum pro Einwohner über 15 Jahren liegt entsprechend Untersuchungen der OECD Lettland vorn, zusammen mit Portugal. Einer Studie des "Baltic International Centre for Economic Policy Studies" (BICEPS) zufolge trinken 71% der Menschen in Lettland Alkohol (vor allem Männer). An gleicher Stelle ist auch nachzulesen, dass Lettland an der Spitze der sogenannten (durch Vorsorge oder Behandlung) "vermeidbaren" Todesursachen steht - ausdrücklich nur bei den Männern. Und auch 43% der lettischen Männer bekennen sich Raucher zu sein (im EU-Mittel sind es 28%). Die Studie weist allerdings auch auf die chronische Unterfinanzierung des lettischen Gesundheitssystems hin. 

Wege der Besserung

Gibt es Wege, die Situation zu verbessern? Vor wenigen Wochen trat ein Gesetz in Kraft zur Verkürzung der Verkaufszeiten von Alkohol. (siehe "Abends ohne"). Das stieß jedoch auf starken Widerstand seitens der Alkoholhersteller und -händler, und auch in den Diskussionen über den Haushalt 2026 wurde die geplante Erhöhung der Alkoholsteuer in den kommenden Jahren unter dem offensichtlichen Einfluss dieser Lobby abgeschwächt. 

Aber der lettische Staat unternehme viel zu wenig gegen die Sterblichkeit von Männern, beklagen andere. Den Worten von Sanita Janka, Direktorin der Abteilung für Gesundheitswesen des Gesundheitsministeriums zufolge, nahmen immerhin 76% der männlichen Zielgruppe im vergangenen Jahr Krebsvorsorgeuntersuchungen in Anspruch. Gesundheitserziehung als Schulfach würde Janka befürworten - doch aus dem Bildungsministerium kam bisher keine Initiative in diese Richtung. ("IR") 

Einige Selbsthilfegruppen von Männern, die anderen helfen wollen, haben sich gebildet. Mit "Europa Uomo Latvia" gibt es jetzt eine lettische Vereinigung zur Bekämpfung von Prostatakrebs,und mit „Dzīvības koks” (Baum des Lebens) gibt es einen Verein zur Unterstützung von Krebspatienten. Der Verein "Telpa Vīriem" (ein Raum für Männer) möchte Männer ins Gespräch miteinander bringen. Die "Izdzīvošanas skola" (Überlebensschule)  organisiert Wanderungen in der Natur gemeinsam für Väter und Söhne, dazu auch "50-Stunden-Aufgaben" zur Verbesserung der authentischen Männlichkeit. Ob das Motto dieser "Überlebensschule" weiterhilft? Dort heißt es: "Männer brauchen eine abgeschiedene und rauere Umgebung, in der sie sie selbst sein können, sich ihren Ängsten und den Kräften der Natur stellen, Schwierigkeiten überwinden, körperlich kämpfen, die Gemeinschaft mit anderen Männern erleben, Lebenserfahrungen austauschen und Antworten auf die wichtigsten Fragen des Lebens suchen können."

Nun ja, für ein paar "gute Vorsätze" zum Neuen Jahr wird es sicher erst einmal reichen. 

1. September 2025

Russischer Transfer

Neueste Statistiken sagen aus, dass 300.085 in Lettland lebende ethnische Russinnen und Russen (69,1%) auch die lettische Staatsbürgerschaft besitzen. Weitere 165.871 Menschen, nicht nur Russen, sind registrierte Einwohner/innen Lettlands, haben aber den Pass als Nicht-Staatsbürger/in (8,9% aller Einwohner/innen). 
Im Jahr 2024 gab es nur noch 934 Neugeborene mit russischer Staatsbürgerschaft in Lettland - wenn die Eltern unbedingt darauf bestehen, ist es noch möglich, aber die Annahme einer lettischen Staatsbürgerschaft zu verweigern ist inzwischen die absolute Ausnahme. (Statistikamt Lettland)

Gemäß dem Statistikamt gibt es 30.906 Personen in Lettland mit Staatsbürgerschaft Russlands. Die staatliche lettische Sozialversicherungsanstalt (Valsts sociālās apdrošināšanas aģentūra VSAA) hat vom russischen Renten- und Sozialversicherungsfonds die aktualisierten Listen der Rentenempfänger/innen für die Auszahlung russischer Renten an 9400 in Lettland lebende Personen erhalten, und gemäß diesen Listen werden die Renten bis zum 10. September ausgezahlt, teilte SSSA-Pressesprecherin Iveta Daine mit. (jauns)

Der Wechselkurs für russische Renten ist der von russischer Seite am 22. August festgelegte Kurs von 93,50490 Rubel pro Euro. Der Gesamtbetrag für die Zahlung der russischen Renten beläuft sich auf 12.995.587 Euro. Die VSAA zahlt russische Renten an Personen mit Wohnsitz in Lettland, denen Renten gemäß dem Abkommen über die Zusammenarbeit im Bereich der sozialen Sicherheit zwischen der Republik Lettland und der Russischen Föderation gewährt wurden. Das Abkommen ist seit dem 19. Januar 2011 in Kraft. (VSAA)

In den vergangenen Monaten hatten sich Menschen mit russischer Staatsbürgerschaft an lettische Behörden um Hilfe gewandt, denn sie hatten mehrere Monate lang keine Rentenzahlungen aus Russland bekommen. In Riga bekamen 104 Personen Unterstützung durch lettische Stellen, in Liepāja 90, und in Daugavpils waren es 30. Seit März hatten lettische Behörden in Kontakt mit Russland versucht, Gründe für die Verzögerungen zu erfahren. Russland hatte zunächst behauptet, dass dies wegen der europäischen Sanktionen gegen Russland geschehe. Allerdings waren die Zahlungen auch zuvor über eine österreichische Bank abgewickelt worden, die nicht von Sanktionen betroffen war (lsm). 

30. August 2025

Septemberväter

Jeder hat den besten Vater - 
wenigstens am Vatertag ...
Warum wird in Lettland eigentlich der "Vatertag" im September begangen? Jeweils der zweite Sonntag im September wird zum "Tēva diena", wie es auf Lettisch heißt (siehe Gesetzestext). Dahinter steht zunächst mal das "Familienportal" "Mammamuntetiem.lv" (einfach übersetzt: "für Mama und Papa") und der Verlag "Rīgas Viļņi", der stolz darauf verweist, schon seit 1957 eine Radio- und Fernsehzeitung herausgegeben zu haben, die 1997 einen Neuanfang feierte. Mit Titeln wie "Was der Arzt Dir nicht erzählt", "Patiesā Dzīve" (Das wahre Leben"), oder dem Männermagazin "9VĪRI" ist der Verlag inzwischen in der Welt der lettischen "Yellow-Press" fest verankert. 
Dazu kommt auch noch, dass "Mammamuntetiem" inzwischen auch eine eigene Organisation gegründet hat. Sie nennt sich “Vecāku organizācija mammām un tētiem” (Elternverein für Mamas und Väter) und Inga Akmentiņa-Smildziņa ist die Vorsitzende: Mutter dreier Kinder - allein dadurch offenbar schon "Familienexpertin". Man wolle "anderen Familien zu Glück und Harmonie verhelfen", heißt es. Gleich drei Mitglieder im Vorstand tragen den Nachnamen "Smildziņš" - also auch hier gilt offenbar ein gewisses "Familienprinzip".

Harmonie als oberstes Ziel

Dieses "Papafestival", mit Hilfe eines Schnurrbarts als Logo, hat sich inzwischen zu einem Event mit zumindest einigen Hundert Besucherinnen und Besuchern entwickelt. Auch beim "Vatertag" am 14. September 2025 wird es wieder einen festlichem Umzug, ein Musikfestival und einer Vielzahl von Spielen im Park unter freiem Himmel geben - bei freiem Eintritt. Unter dem Motto "Ich bin stolz ein Vater zu sein" wird der Tag in Riga bereits zum 12.Mal in größerem Umfang gefeiert. Und dieses Jahr verschenkt die staatliche Forstbehörde an 100 Väter je einen kleinen Eichenbaum. 

Vorher wird auch diskutiert: bei der "Tēvu sapulce" ("Väterversammlung"), die auch online im Internet mitzuverfolgen ist, geht es um die Rolle der Väter bei der Kindererziehung, die Arbeitsteilung in der Familie und bei der Hausarbeit, und um ähnliche Themen. Als "Experten" holen sich die Organisatoren bekannte Väter aufs Podium: Sportler, Schauspieler, Musiker, aber auch Psychiater und Sozialarbeiter.

Auch Resultate von Umfragen werden in die Diskussion einbezogen. So gaben 31% der befragten Väter an, sich jeden Tag auch mit Hausarbeit zu beschäftigen. 59% gaben zu, weniger als die Mutter damit zu tun zu haben. Wenig verwunderlich vielleicht, dass "zu Hause etwas reparieren" bei 88% die beliebteste Beschäftigung ist. 85% bringen die Mülltonne raus, 73% räumen die Spülmaschine ein, und immerhin fast die Hälfte der befragten lettischen Väter kann auch kochen. Allerdings: wird das Kind krank, bleibt meist doch die Mama zu Hause (medicine.lv). 

Paar-Strategie 

Unter genauer Beobachtung der Väter und Mütter ist offenbar alles, was in den staatlichen Schulen geschieht. Viele kleine Schulen in Lettland müssen geschlossen werden, das Lehrpersonal verlangt bessere Bezahlung. Und für den Sommer wünsche man sich mehr Festivals, an denen auch Familien mit Kindern ohne Bedenken teilnehmen können. 

Auch von "Geburtenstrategie" ist bei "Mammamuntetiem" die Rede, am liebsten gleich für "ganz Lettland". Dabei wird zunächst anerkannt, dass sich das Rollenverständnis von Frauen wie Männern, ebenso wie das Verständnis von Paarbeziehungen in Lettland geändert haben: in Umfragen sehen nur noch 21% der Männer die eigene Rolle vor allen darin, dass "es der Familie nicht an Geld fehlt". Nicht alle Frauen wollen Mutter werden, und Männer nehmen verstärkt die eigene Verantwortung für die Kindererziehung wahr - aber in 97% aller Familien kümmert sich vor allem die Frau um die Kinder. Die in der "Strategie" erwähnten "Lösungsvorschläge" wirken eher wie ein bunter Blumenstrauß: von Steuererleichterungen für Familien über mehr Kindergartenplätze bis zur Vier-Tage-Arbeitswoche. 

Dem guten Vater

Den Vatertag in Lettland im September zu feiern, das wird der Initiative von Baptistenpfarrer Ainars Baštiks aus dem Jahr 2009 zugeschrieben, als er auch als Minister für Kinder und Familien zuständig war (dzirkstele / youtube). 
Aber gewalttätige Ehemänner und solche, die sich nicht um ihre Familie kümmern, müsse man ja nicht auch noch feiern - so die Gegenargumente zunächst. Daher wird der Tag inzwischen als Einladung verstanden, die fürsorglichen Väter zu sehen und denen zu danken, die sich um ihre Kinder kümmern und an ihrer persönlichen Entwicklung teilhaben. Baštiks Argumentation berief sich allerdings auch auf eine "gottgegebene Ordnung", der zufolge an die eine Hand eines Kindes die Mutter, an die andere der Vater gehöre. 

Da müssen wir vielleicht kurz an die lettische Verfassung denken, wo eine Ehe als Gemeinschaft zwischen Mann und Frau festgeschrieben ist. Aber bei diesem lettischen "Papa-Feiertag" ist ja darüber nicht mal etwas gesagt: ein Vater ist ein Vater, und hoffentlich ein guter Vater. Ob er verheiratet sein muss, darüber wird an diesem Tag nirgendwo etwas gesagt.  

Viele naheliegender scheint zu sein, den Anlass kommerziell ausnutzen zu wollen: was schenke ich bloß Papa oder Opapa? (lieliskadavana / goody / Douglas / kruzes) Wir erinnern uns an das "Festtagsprogramm": Papa schenkt uns einen gemeinsamen Spaziergang, und einen vergnüglichen Tag im Stadtpark. So läufts zumindest in Riga (lsm).

12. August 2025

Schneckentempo

Abseits der wirklich wichtigen Fragen dieser Welt tauchte in diesem Sommer in der lettischen Presse ein Thema auf, das auch schon in den vergangenen Jahren aufkam. Von "Kampf" ist die Rede - diesmal ist nicht Militärisches gemeint. "Lettland kämpft mit vereinten Kräften!" (LVPortals) Objekt des Bemühens ist das Auftauchen von "Spānijas kailgliemezi" - der "spanischen Nacktschnecke", die eigentlich gar nicht aus Spanien kommt - deutsch als Wegschnecke oder Kapuzinerschnecke bekannt (Arion vulgaris). 

Die lettische Presse berichtet über "erhebliche Schäden" in Lettlands Grünanlagen. Und es hat sich sogar schon ein Verein "Bewegung gegen die spanische Nacktschnecke" gegründet. 

Immer die Spanierinnen ! 

Aber wie sollen nun lettische Gartenfreunde tun? Die Schnecken-Feinde organisieren Sammelaktionen: Gummistiefel, -handschuhe und Eimer - und los geht's! Auch eine Taschenlampe ist wichtig - denn die Schnecken sind meist nachts unterwegs. Und schon werden die sozialen digitalen Netzwerke mit Fotos geflutet, ergänzt mit der Frage: "Kann das weg?" Auch Krähen, Elstern, Amseln, Enten oder Igel könnten ja Schnecken fressen - aber die suchen sich lieber etwas Schmackhafteres, wissen die Schneckenvernichter. "Sie verstecken sich immer unter dem Rhabarber!", berichtet Gartenbesitzerin Valda (lsm)

Auch die lokalen Medien berichten. In Limbaži war eine Gruppe von einigen Dutzend Menschen unterwegs, auch Familien mit Kindern, Rentner und junge Leute, um das Areal rund um die Freilichtbühne zu säubern. "Die Eimer füllten sich schnell", so wird berichtet, und die Teilnehmer/innen seien über die Menge der vorgefundenen Schnecken doch sehr erstaunt gewesen (lsm). Und manche Schneckensucher schwören offenbar darauf, die Schnecken nach dem Einsammeln mit Salz zu bestreuen: "damit sie nicht entkommen können!"

Gefräßig und erfolgreich 

Im Jahr 2009 soll die schleimige Spanierin zum ersten Mal in Lettland gesichtet worden sein. Die Ausbreitung bringen manche damit in Verbindung, dass vermehrt Pflanzensetzlinge aus anderen Ländern eingeführt worden seien. Eigentlich kommt in Lettland auch noch die rote Nackschnecke (Arion rufus) vor, jedoch zeigen Erfahrungen aus anderen Ländern, dass die "Spanierin" alle anderen Arten verdrängt (und sogar Weinbergschnecken angreifen und fressen).   

Homo sapiens im Schneckentempo

Sammelleidenschaft 

Krista Kušnere, bei der Gemeinde Saulkrasti für Natur und Umwelt zuständig, lädt Bürgerinnen und Bürger ein, der Gemeinde Schneckenvorkommen zu melden. "Bisher setzen wir Kalk ein, der Eisenphosphat enthält - schädlich für die Schnecke, aber im Boden wird es zu Nährstoffen umgewandelt." (lsm) Und Gemeinden wie Kuldiga stellen Behälter bereit, wo tote Schnecken "entsorgt" werden können. Kleinere Mengen könnten auch einfach dem Kompost zugegeben werden, heißt es - Hauptsache, sie wurden mit heißem Wasser übergossen, so dass auch die Eier abgetötet werden. Eine andere Biologin überrascht mit dem Vorschlag, die "humanste" Art, Schnecken zu töten, sei das einfrieren. (lsm)

Einige andere Gemeinden verwenden auch "Ferramol" (Schneckenkorn) - was aber dann auch andere Schneckenarten treffen kann. Unklar ist noch, ob die Spanische Nacktschnecke in Zukunft offiziell in Lettland als invasive Art eingestuft werden wird - das würde aber bedeuten, dass Landbesitzer/innen die Schnecken unbedingt vernichten müssten, andernfalls könnten Strafen verhängt werden.

Und wie sind die Aussichten? Die Nachkommen der Schnecke schlüpfen im Herbst, sind zunächst klein und winzig, überwintern - und freuen sich dann auf die schmackhaften Sachen im Frühling. 

12. Juni 2025

Vorwiegend männlich, im Zweifel lettisch

Die Kommunalwahlen in Lettland brachten, den Kommentaren in der Presse zufolge, nur wenige Überraschungen. 

Aufsehen erregte aber der Stadtrat in der lettischen Hafenstadt Liepāja. Das dortige Stadtparlament hat 15 Sitze zu vergeben, und gewählt wurden: Gunārs, Jānis, Uldis, Pāvels, Raivis, Artis, Uldis, Salvis, Uldis, Edvīns, Helvijs, Vilmārs, Jānis, Vilnis und noch ein Jānis - also ausnahmslos alles Männer! (lsm) Dieses Ergebnis überraschte offenbar, denn irgendwelche Kampagnen der Art "Frauen können das nicht" oder "überlasst es besser uns" hatte es nicht gegeben. Die meisten Abgeordneten stellt nun die "Liepājas partija" mit 9 Abgeordneten, gewählt auf einer Liste mit insgesamt 18 Kandidat/innen. Vier Frauen waren auf dieser Liste, sie landeten auf Platz 14, 15, 16 und 18. 

Das spornte nun die Presse natürlich dazu an, nüchtern weiter aufzuzählen: Stadt Ventspils: eine Frau von 13. Mārupe: 1 Frau von 19. Aizkraukle:  1 Frau von 15. (lsm) Sehr viele weitere Stadträte wurden aufgezählt, wo nur zwei oder drei Frauen vertreten sind. Es gibt drei auffällige Ausnahmen: der Bezirk Valka, an der Grenze zu Estland gelegen, mit 8 Frauen und 7 Männern, Kuldiga in Kurland, mit demselben Zahlenverhältnis, und Daugavpils (die sich Hauptstadt von Latgale nennt), mit ebenfalls 8 zu 7. Bei Daugavpils fällt außerdem auf: gleich 14 der 15 Sitze wurden von einer einzigen Partei gewonnen, die sich, ähnlich Fangesängen im Sport, "Sarauj Latgale!" (abgeleitet von "saraut" = zerreißen, sich ins Zeug legen) nennt, erst 2024 gegründet wurde, und sich vor allem an der Führungsfigur von Andrejs Elksniņš orientiert, dem amtierenden Bürgermeister von Daugavpils

Weniger Harmonie 

Die Figur von Elksniņš könnte auch symbolisch für einen anderen Trend stehen. Früher war die Partei "Saskaņa" einmal sehr prägend für die lettische Parteienlandschaft. Bei vielen Wahlen hieß es immer, genau diese Partei stünde für die "Interessen der russischsprachigen Minderheit". Noch 2018 kommentierte die deutschsprachige Presse lettische Wahlergebnisse so: "Trotz Politikverdrossenheit reicht es nicht für prorussischen Premier", und im Text war von einer 'russlandfreundlichen Partei 'Harmonie' " die Rede (so wurde das lettische Wort "Saskaņa" übersetzt / Tageblatt). Die "Süddeutsche" titelte damals: "Harmonie soll nicht im Spiel sein." - Dann kam der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Bei den Parlamentswahlen 2022 stürzte die "Saskaņa" auf 4,81% ab. Zwar wurden bei den Europawahlen 2024 noch 7,13% erreicht, das lag aber wohl am langjähigen Rigaer Bürgermeister und Spitzenkandidaten Nils Ušakovs, der nun als einer von neun lettischen Abgeordneten im Europaparlament sitzt. Es folgte nun aktuell wieder eine Niederlage in Riga: mit 3,45% erneut unter der 5%-Hürde. Manche Analysten schrieben diesen Absturz der Tatsache zu - abgesehen von vielen Personalquerelen nach dem Abgang von Ušakovs - dass sich führende Saskaņa-Mitglieder klar geäußert hatten und Russlands Vorgehen in der Ukraine klar verurteilt hatten. "Die Saskaņa wird europäischer, oder gar nicht mehr sein", schrieb Ušakovs im Dezember 2022 (lsm). Die früher so klare Fraktion der "Russischsprachigen" hat sich jetzt also auf mehrere andere Parteien aufgeplittert. 

Auch Andrejs Elksniņš war lange Jahre Mitglied der "Saskaņa". Sein Argument beim Austritt: eine führende Elite im Staat ignoriere die regionalen Interessen in Latgale (delfi). Sein Erdrutschsieg ist also irgendwie auch eine Aussage, besonders in einer Stadt mit einem starken Übergewicht russischsprechender Einwohner/innen: alles, nur nicht "Harmonie". Von Elksniņš sind keinerlei Aussagen zugunsten der Ukraine bekannt. Die pro-russische Seite reklamiert für sich, dass in Daugavpils 95% der Einwohner/innen fließend Russisch sprechen. Offiziellen lettischen Statistiken zufolge macht der Anteil der Russen in Daugavpils nur 46% aus (dazu 21% Lettinnen und Letten). Warum? Es werden auch noch 13% Polnischsprechende gezählt. 

Riga zuerst

Nicht sehr erfreulich entwickelte sich die Wahlbeteiligung in der lettischen Hauptstadt:  nur 52,91% der wahlberechtigten Einwohnerinnen und Einwohner beteiligten sich. Das ist in etwa dasselbe Niveau wie bei den Kommunalwahlen des Jahres 2001 (52,87%), aber weniger als bei allen Wahlen seitdem (2001 = 60,85%, 2009 = 58,93%, 2013 = 55,55%, 2017 = 58,72%). Nur im Jahr 2020, als in Riga vorgezogene Wahlen stattfanden, waren nur 40,58% dabei. Den Wahlkampf hatte vor allem "Lettland zuerst" ("Latvija pirmajā vietā") mit provozierenden Aussagen dominiert, ebenfalls mit einer in vielen politischen Farben schillernden männlichen "Führerfigur": Ainārs Šlesers. Während dieser es offen ließ, ob er mit den beiden zumindest teilweise Putin-freundlichen und eher antieuropäischen Parteien "Stabilitātei" ("für Stabilität") und "Suverēna vara, apvienība Jaunlatvieši" ("Souveräne Macht, Vereinigung Jungletten") zusammenarbeiten wolle, haben sich inzwischen die vier Parteien im Rigaer Stadtradt zusammengetan, die sich für "an lettischen Interessen orientiert" halten. 

Inzwischen verhandelt Viesturs Kleinbergs, Bürgermeisterkandidat der "Progressiven" ("Progresīvie", 11 Sitze im Stadtrat), mit drei anderen Parteien über eine Koalitionsbildungmit "Jauna Vienotība", die Partei von Ministerpräsidentin Evika Siliņa, mit 9 der insgesamt 60 Sitze im Stadtrat, der "Vereinigten Liste" ("Apvienotais saraksts", bestehend aus Grüner Partei, Regionalpartei und Liepaja Partei) mit 4 Sitzen, und die "Nationale Vereinigung" ("Nacionālā apvienība 'Visu Latvijai!'/ 'Tēvzemei un Brīvībai/LNNK'") mit 10 Sitzen. Aber unter diesen Parteien gibt es leicht sichtbare ideologische Gegensätze, nicht selten werden zum Beispiel die eher links orientieren "Progressiven" von den "Nationalen" als "Neo-Kommunisten" bezeichnet. Und schon als Ergebnis der Kommunalwahlen 2020 wurde mit Martiņš Staķis ein Vertreter der Progressiven (damals in gemeinsamer Liste mit "Attīstībai/Par!" und einem Wahlergebnis von 26,14% und 18 Sitzen) zum Bürgermeister Rigas gewählt; er trat im Juli 2023 nach internen Streitigkeiten der regierenden Koalition zurück. Da lautet das aktuelle Motto für das potentielle Viererbündnis: Lieber nicht zurück schauen. 

Rücktrittswelle 

In Lettland stehen nun zunächst einmal die Mitsommerfeiern an - vorher wird es ganz gewiss noch keinen neuen Bürgermeister in Riga geben. Und gleich mehrfache Nachwirkungen hatten noch die peinlichen elektronischen Pannen am Wahlabend: es gab mehrere Rücktritte. Schon am 9. Juni wurde Jorens Liopa, bisher Chef der staatlichen Agentur für digitale Entwicklung (Valsts digitālās attīstības aģentūras VDAA) entlassen (lsm). Dann zog zwei Tage später die zuständige Ministerin Inga Bērziņa die Konsequenzen und trat ebenfalls zurück. (lsm) Und auch Landeswahlleiterin Kristīne Saulīte entschloss sich zum Rücktritt. (lsm) Interessante Wahlen also dennoch - wo viele danach strebten gewählt zu werden, und diejenigen, die es organisieren sollten, am Ende ohne Vertrauensbeweis dastehen. 

27. Oktober 2024

Unheilig

Es gibt Wallfahrtsorte in Lettland - mindestens einen. Jedes Jahr zum Maria-Himmelfahrt-Tag im August versammeln sich Tausende Pilger in Aglona, rund 45 km nordöstlich von Daugavpils gelegen.

In der 1780 fertiggestellten Kirche des 1700-Einwohner-Ortes Aglona befindet sich das Heiligenbild  „Die Gottesmutter Wundertäterin von Aglona”, das nur zu den feierlichen Anlässen während der religiösen Feste hervorgeholt wird und dem Gläubige heilende Kräfte zusprechen. Aglona gilt als "Herz des Katholizismus in Lettland" (Latgale-Travel), Noch zu Sowjetzeiten wurde 1986 hier der 800. aJahrestag des Christentums in Lettland gefeiert.
Kurz vor dem Besuch von Papst Johannes Paul II. in Lettland wurde 1993 der gesamte Vorplatz der Kirche planiert und gepflastert, Bäume abgeholzt und eine als "heilig" geltende Quelle nebenan ganz in Beton eingefasst, auf dass alles für die Massennutzung vorbereitet sei. Der Papst verlieh der Kirche den Titel einer "kleinen Basilika", und 2018 besuchte auch Papst Franziskus den Ort. Und für Gruppen bis zu 53 Personen hält die örtliche katholische Gemeinde jederzeit Übernachtungsmöglichkeiten und Catering bereit. 

Aglona, ein Sehnsuchtsort? 

Zwar ist die Einwohnerzahl der 1995 gegründeten katholischen Diözese Rēzekne-Aglona stark rückläufig (im Jahr 1999 noch 400.000 Menschen, 2022 nur noch 276.000), aber mit 28,7% ist der Anteil der Katholiken konstant und einer der höchsten in Lettland. Die Anzahl der katholischen Priester ist im selben Zeitraum dort sogar von 53 auf 60 gestiegen. Aber die Kirche in Aglona macht inzwischen auch ganz andere Schlagzeilen.

Pāvils Zeiļa, geboren 1945, als Priester ordiniert 1977, ist seit 2005 sogar Ehrenbürger der Stadt Rēzekne. Anfang 2019 wurde Zeiļa jedoch von seinen Aufgaben als Priester der Gemeinden "Unsere lieben Frauen" in Rēzekne, der Mariengemeinde in Dugstigala und der Simon-und-Juda-Gemeinde in Prezma entbunden - aus gesundheitlichen Gründen, wie es hieß.  

Kurz darauf, am 7. März 2019, erhob die lettische Staatsanwaltschaft Anklage in einem Strafverfahren wegen sexueller Gewalt und Menschenhandel - mit Priester Zeiļa als einem der Verdächtigen. Die ersten Presseberichte waren schon 2018 aufgetaucht: ein Mann in "hilflosem Zustand" sei sexuell missbraucht worden, insgesamt gäbe es drei Verdächtige, darunter der Priester. Auch von "Menschenhandel" war die Rede. Zeiļa verbrachte einige Zeit in Untersuchungshaft, wurde jedoch später gegen eine Kaution von 5.000 Euro freigelassen. Mehr als fünf Jahre später, am 27. September 2024, erging endlich ein Urteil: Zeiļa wurde  zu einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren und zehn Monaten verurteilt. 

Knast für den Sittenwächter

Hat das Strafverfahren Aufklärung gebracht, was da genau passiert ist?  Anfangs hatten noch Priesterkollegen, so wie Dainis Kašs, Zeiļa in Schutz nehmen wollen. "Gemeindemitglieder rufen mich weinend an und sagen, das ist nicht wahr!" Zeiļa können nicht einmal mit einem Computer umgehen, so Kašs, und habe zu Hause lediglich einen Fernseher. "Ich kenne ihn schon 30 Jahre, und halte ihn für absolut vertrauenswürdig", so Kašs (lsm). Katholische Gläubige schrieben 2018 sogar einen offenen Brief an den damaligen Ministerpräsidenten Kučinskis und seinen Innenminister Kozlovskis in dem sie die Verhaftung des Pfarrers als "Provokation gegenüber Latgale" bezeichneten - Ziel sei es, "ganz Latgale kurz vor dem Pabstbesuch zu erniedrigen" (LA / Jauns) Papst Franziskus wurde Ende September 2018 zu einem Kurzbesuch in Lettland erwartet (vatikannews). Valdis Tēraudkalns, Professor der Theologie an der Universität Lettlands in Riga, sah die Sache gelassener: "Etwas derartiges war doch zu erwarten," sagte er, "warum soll es in Lettland anders sein als in anderen Ländern der Welt? Je offener wir darüber sprechen, desto besser wird es für die Kirche sein." (IR)

Ein Jahr später allerdings berichtete das lettische Fernsehen LTV, der angeklagte Priester halte weiterhin Gottesdienste und nehme auch Gläubigen die Beichte ab. (TvNet) Jānis Bulis, Bischof der Diözese Rēzekne-Aglona, zog sich damals auf die Aussage zurück, Zeiļa sei eben nicht bei der Diözese, sondern der Marianischen Kongregation angestellt (mariani.lv). Kurz darauf bestätigte Bulis aber, Zeiļa sei inzwischen "in Rente" gegangen, also nicht mehr aktiv (delfi).

Im August 2021 erschien in der Zeitschrift "IR" ein Interview mit Pāvils Zeiļa. Ein Kloster in Italien habe die Kaution für seine zwischenzeitliche Freilassung bezahlt, gab er an (IR); die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen bezeichnete er als "Fantasien". 

In Angesicht des Eisbergs

Nun also sechs Jahre und zehn Monate Gefängnis - und noch vier Jahre und sechs Monate "Bewährung unter Aufsicht" oben drauf. Der 79-jährige Pāvils Zeiļa wurde der sexuellen Gewalt (einer Gruppe von Personen) gegen einen geistig behinderten Mann für schuldig befunden. Ein weiterer Angeklagter erhielt neun Jahre und zehn Monate Gefängnis und fünf Jahre Bewährungsaufsicht. Ihm wird sexuelle Gewalt gegen ein weiteres, damals minderjähriges Opfer vorgeworfen. Ein dritter Angeklagter ist inzwischen verstorben. 

Von Seiten der katholischen Kirche Lettlands gibt es nur spärliche Kommentare. „Bis zu einem endgültigen Urteil des Gerichts verzichtet die Kirche auf weitere Kommentare“, heißt es immer noch. Auch Priesterkollege Dainis Kašs, ebenso wie Zeiļa ein Marianer, gibt keine weiteren Interviews. Zwei bisher nicht benannte Personen kommen ins Spiel: Ieva Leimane-Veldmeijere leitet eine Organisation, die der betroffene behinderte Mann um Hilfe bat. Und dem Anwalt Uldis Lapiņš werden mehrere Versuche vorgeworfen, den Mann von einer Aussage vor Gericht abzuhalten. Leimane-Veldmeijere erklärt den Grund für die Einwilligung, ihren Namen jetzt öffentlich zu nennen, so: "Ich möchte allen Verschwärungsgerüchten und -theorien entgegentreten, die bezüglich dieses Falles im Umlauf sind." Eigene Beschuldigungen habe ihre Organnisation keine erhoben: "Das ist alles Ergebnis polizeilicher Ermittlungsarbeit." Oft wüssten eben Betroffene nicht, wohin sie sich wenden sollten, und da viele Fälle gar nicht zur Anzeige gelangen, sei der Fall des Priesters Zeiļa "nur der sichtbare Teil des Eisbergs". (IR)

Priester Zeiļa wurden Fälle sexueller Gewalt vorgeworfen, beide Male traf er das Opfer im Pfarrbüro in Rēzekne. Er ist aber nicht der einzige und nicht der erste Geistliche in Lettland, dem sexuelle Gewalt vorgeworfen wird. 2023 wurde ein anderer katholischer Priester wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs eines Kindes verhaftet, und ein Geistlicher einer baptistischen Gemeinde wurde wegen Gewalt gegen fünf Mädchen (das jüngste Opfer sieben Jahre alt) zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. (IR)

Ein anderer Fall war 2010 der Fall eines katholischen Pfarrers, der erst zur evangelischen Kirche übertrat und dann im Verdacht des sexuellen Missbrauchs von minderjährigen Waisenhausschülern stand. Die damaligen Untersuchungen endeten 2015 nach dem Tod des Beschuldigten. 

Von kirchlicher Seite wurde angekündigt, dass nunmehr alle Personen in Diensten der Kirche, die mit Kindern umgehen, zur Teilnahme an Seminaren zum Thema Kinderschutz verpflichtet werden sollen. "Fahren sie nicht allein mit einem Kind im Auto oder halten sich in geschlossenen Räumen ohne die Anwesenheit von Erziehungsberechtigten auf", heißt es da, "schützen Sie sich selbst und setzen Sie sich nicht unnötigen Verdächtigungen aus." (IR)

21. September 2024

Neues vom Strand

Kennen Sie Bilderlingshof, Kiefernhalt oder Karlsbad?  Lettisch würden wir heute sagen: Bulduri, Priedaine und Melluži. Aktuell Teil der Stadt Jūrmala. Dabei ist Priedaine sogar der älteste bewohnte Ort, denn dort wurden bei Ausgrabungen zwei steinzeitliche Siedlungen gefunden, weiß die lettische Presse (lsm). 

Tradition Badestrand

Bis zum Jahr 1920 gab es hier nur verschiedene Badestellen am Ostseestrand, aufgereiht am Ufer. Bilderlingshof (Bulduri), Edinburg (Dzintari), Majori, Dubulti und weitere. Schon 1838 war in Ķemeri ein Kurort gegründet worden. Nun wurde, im frisch unabhängig gewordenen Lettland, eine Stadt Jūrmala gebildet. 1946 gliederte dann die Regierung der Lettischen SSR zunächst Jūrmala als eigenen Bezirk der Stadt Riga ein. In Priedaine zum Beispiel wurden 1949 alle Straßen, mit Ausnahme des Lielais-Prospekts, umbenannt. 10 Jahre später kamen dann die nächsten Änderungen: am 11. November 1959 wurden noch Kurort und Papierfabrik eingegliedert - Ķemeri und Sloka - wobei Sloka schon seit 1878 eigene Stadtrechte besaß. 

Insgesamt ist Jūrmala also weniger traditionsreich als andere Städte. Die Stadt noch einmal komplett umkrempeln, warum also nicht? Die Stadtverwaltung möchte nun gleich acht Straßen umbenennen. Es sind die Andreja Upīša iela, Puškina iela, Partizānu iela, Pētera Pāvila iela, Leona Paegles iela, Oškalna iela, Sputņika iela, und die Jāņa Sudrabkalna iela. Bis zum 6. Oktober sind die Einwohnerinnen und Einwohner aufgerufen, ihre Meinung zu den Änderungsvorschlägen kund zu tun, die eine Arbeitsgruppe der Stadt bereits vorbereitet hat. (apollo)

Acht Ungeliebte

Liegt es daran, dass die lettische Bauernpartei (Zaļo un Zemnieku savienība / ZZS) bei den Kommunalwahlen für lettische Verhältnisse ungewöhnliche 50,56% der Stimmen und 8 von 15 Mandaten errungen hatte? Danach schien manches leichter zu sein, wie zum Beispiel sich selbst eine kräftige Gehaltserhöhung zu genehmigen (lsm), oder einen umstrittenen Bürgermeister, der zurücktreten musste, als Berater wieder einzustellen (bnn)

Was soll verschwinden? Die Befürworter der Umbenennung meinen, lettische Straßennamen sollten grundsätzlich nur noch an Flüssen, Bergen, Tieren oder Namen orientiert sein, die mit historischen Ereignissen verbunden sind, die eindeutig für Lettland von Bedeutung sind (NA). Also: Sputnik = Technik der Sowjetunion. Puschkin =  Dichter Russlands. Andrejs Upīts = lettischer Schriftsteller, aber Vertreter des sozialistischen Realismus und 1919 Unterstützer einer lettischen Sowjetrepublik. 

Leons Paegle = Lehrer, Dichter, Literat - aber auch Kommunist, der den Versuch von 1919, eine lettische Sowjetrepublik zu bilden, untertstützte. Janis Sudrabkalns, noch ein Dichter, der vom lettischen Literaturinformationszentrum immerhin als einer der "bedeutendsten Autoren der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts" bezeichnet wird. Aber: als sich die UdSSR 1940 Lettland einverleibt hatte, wurde Sudrabkalns zum Anhänger des Sowjetsystems und, sozusagen, zu einem der bekanntesten lettisch-sowjetischen Dichter. Auch Otomārs Oškalns war zunächst Lehrer, wurde 1934 verhaftet und wurde dann 1940 Deputierter des Obersten Rates der Lettischen SSR, 1942 dann Mitglied von antifaschistischen Partisanengruppen, nach Kriegsende 1946 dann Minister der Lettischen SSR.

Aber die Pētera Pāvila iela? Peter Paul Straße? Von der Citadeles iela in Riga ist bekannt, dass sie auch mal Pētera Pāvila hieß (russisch "Petropawlowskaja-Straße"). Ist also vielleicht der Ort Petropawlowsk in Russland hier Namensgeber? Oder die "Peter-und-Paul-Festung" (Petropawlowskaja Krepost) in St.Petersburg? Von der gleichnamigen Straße in Riga ist bekannt, dass die Straßenbenennung 1785 nach dem Bau der Kirche St. Peter und Paul in Riga erfolgte (LNB).- Nun gibt es ja tatsächlich auch in Ķemeri eine orthodoxe Kirche mit Namen Peter-und-Paul-Kirche (Pētera un Pāvila Ķemeru pareizticīgo baznīca) - nur wenige Hundert Meter entfernt von der Straße, die den Namen Peters und Pauls nun verlieren soll. Ob nun der nationalistische Eifer die Kirche mit umbenennen wird? 

Alternativen: Ärzte, Dichter, Architekten

Zur Wahl für die Umbenennung steht zunächst die "Nationale Partisanen-Straße" (denn gegen Partisanen hat man offenbar nur dann etwas, wenn sie sozialistisch oder kommunistisch gesinnt sind). (jurmala.lv). Personen, nach denen Straßen benannt werden sollen: Eižens Laube (ein Architekt, schuf viele Gebäude in Jūrmala), Jānis Lībietis (ein Arzt, Direktor der Schwefelquellen in Ķemeri), Mihails Malkiels (Gründer des Rehabilitationszentrums „Jaunķemeri"), Eduards Kalniņš (ein Künstler und Professor an der lettischen Kunstakademie), Niklāvs Strunke (ebenfalls Künstler), und schließlich auch die erst kürzlich verstorbene Dichterin Amanda Aizpuriete. Mit dabei auf der Vorschlagsliste ist auch der in Görlitz gebürtige Rigaer Lokalhistoriker und Zeichner Johann Christoph Brotze - Begründung: er habe mehrere Ansichten und Karten von Kauguri und Sloka gezeichnet. (jurmala.lv)

Andere Vorschläge klingen eher nicht danach, dass deshalb Straßennamen extra geändert werden müssen: "Kurortstraße" (weil Ķemeri mal ein Kurort war), "Kupferstraße" (weil Kupfer häufig für Dächer und Fassaden verwendet wurde), "Webspulenstraße" (wohl als Hinweis auf altes Handwerk), oder "Seeschwalbenstraße" (diese Vögel werden wohl auch schon in Jūrmala herumgeflogen sein - aber "Nationalparkstraße" hat bisher niemand vorgeschlagen). Es wird deutlich: es gibt aktuell nichts, wonach dringend Straßen benannt werden müssten (Aizpuriete mal ausgenommen). Es ist wohl eher die Lust an der "nationalen Bereinigung".

Bei einer ähnlichen Straßenumbenennungsaktion im lettischen Valka stellte übrigens die Stadt die Straßenschilder für die Anwohner/innen kostenlos zur Verfügung, und auch die Eintragung ins Grundbuch geschah ohne weiteren Aufwand (digital). Und in Riga sind zu Jahresanfang Moskau, Lomonossow, Puschkin, Gogol, Lermontow und Turgenjew von den Straßenschildern verschwunden. Veranschlagte Kosten: 80.000 Euro.

Also warten wir mal ab, was die Einwohnerinnen und Einwohner von Jūrmala im Oktober entscheiden. Einzig in einem Fall steht die Möglichkeit zur Auswahl, den Namen beizubehalten - mit einer winzigen Änderung: aus der "Pētera Pāvila iela" würde dann die "Pētera–Pāvila iela", womit es unter Zuhilfenahme des Bindestrichs dann so aussehen würde als seien nur zwei Vornamen gemeint. Also: es geht voran, am Strande Lettlands!

18. August 2024

Damenschach

Ungewöhnliches passiert im lettischen Schach. Nur allzu gerne möchte man momenan vielleicht lieber an Mikhail Tal erinnern, oder an Dana Reizniece-Ozola, Schachgroßmeisterin und Politikerin, die es schon ins Schachmuseum Löberitz geschafft hat, nachdem sie sich dort auch als Schachspielerin eingebracht hatte. 

Was das Schachportal "Chessbase" am 13. August berichte, war weniger erfreulich, vielleicht auch im ersten Moment kaum glaubhaft. Gut, den Gegner vielleicht mal durcheinander bringen, wenn er oder sie gerade über den nächsten Zug nachdenkt - damit wäre vielleicht zu rechnen. Andrejs Strebkovs ist Schachspieler, 43 Jahre alt, und als "International Master" (Abkürzung IM) auch kein Unbekannter - dieser Titel wird vom Weltschachbund FIDE für schachliche Leistungen auf Lebenszeit verliehen. "Gens una summus" - "Wir sind eine Familie", so das Motto des Schachbunds. Die Ethikommission des FIDE schloss Strebkovs nun für fünf Jahre von allen Turnieren aus. Vorwurf: sexuelle Belästigung . 

Erstaunlich, erstaunlich: und wir dachten immer, beim Schach käme man sich eigentlich nicht wirklich nahe? Nun ja, hier wurden "nur" Briefe versandt. Allerdings mit sonderbarem Inhalt: von "obszönen Briefen mit pornografischem Material, sowie benutzen Kondomen" ist da die Rede.
Ein Teil der Begründung für die Sanktionen scheint auch zu sein, dass es bei einem Strafverfahren in Lettland keine Verurteilung gab: nach lettischem Recht stellten die Vorwürfe keine Straftat dar, heißt es. Strebkovs soll an Dutzende von Spielerinnen, einige erst 14 Jahre alt, obszöne Briefe geschickt haben, versandt an deren Wohnungen, Clubs, Universitäten und Turnierorte. Der Beschuldigte aber selbst behauptet: bis auf einen einzigen Fall im Jahr 2021 habe das alles "nichts mit Schach zu tun".

Bedarf es da noch Einzelheiten? Dass bei den betroffenen Frauen und Mädchen nicht um Lettinnen geht, sondern, wie anlässlich eines Turniers in Riga, um Betroffene aus Russland, Kasachstan und Indien? Dass es innerhalb von 10 Jahren mindestens 15 Betroffene gegeben haben soll? Dass Strebkovs Historiker ist und sein Auskommen durch Übersetzungen bestreiten soll? (iub) Auch Schach-Privatstunden soll er, lettischen Presseberichten zufolge, noch geben (jauns.lv/ sportacentrs)

Inzwischen äußerte sich die Lettische Staatspolizei dahingehend, dass es bei dem bisherigen Strafverfahren gegen Strebkovs gar nicht um den Inhalt der von ihm versandten Briefe gegangen sei. Im Januar 2023 sei das Verfahren gegen Strebkovs deshalb eingestellt worden, weil Vergehen gegen Minderjähige nicht bekannt gewesen seien und die Anklage lediglich "Rowdytum" (lett. = huligānismus) gelautet habe. Es habe auch keine Anzeige vorgelegen - die Empfängerinnen der merkwürdigen Briefe waren fast immer Frauen und Mädchen die nicht in Lettland lebten. (lsm)

Nun entsteht offenbar eine Diskussion darüber, ob Minderhährige in Lettland überhaupt an Wettkämpfen Erwachsender teilnehmen dürfen - eine seltsame Wendung. Andere wiederum sagen, Schach könne man eben auch auf digitalem Wege spielen, und da komme es manchmal zu Kontakten mit "Erwachsenen mit schändlichen Motivationen". Ein Thema, was offenbar noch nicht zu Ende diskutiert ist.

22. Juli 2024

Nur Händchen halten

Es ist vielleicht schwer sich vorzustellen: ich gehe mit meiner Freundin Hand in Hand durch den Park, es sind romantische Stunden, wir genießen die Zweisamkeit. Plötzlich raunzt uns jemand grob von der Seite an und versetzt uns einen Fußtritt - mit der bloßen Begründung, seine Gefühle seien verletzt, wenn wir so offen unsere Liebe zeigen. Schließlich droht er uns auch noch einen Faustschlag zu versetzen. Was ist zu tun? Vielleicht die Polizei zu Hilfe rufen? 

Gnade für Agression

Ähnliches passierte tatsächlich am 8. November 2020 in Riga. Allerdings: es waren in diesem Fall zwei Männer, die sich "Händchen haltend" und in inniger Umarmung in der Öffentlichkeit zeigten. Die herbeigerufene Polizei befragte den Angreifer auch nach den Gründen für sein Tun; dieser erklärte offen, er habe durch das Verhalten der beiden Männer auf deren sexuelle Orientierung geschlossen und sich durch deren offene Zurschaustellung beleidigt gefühlt.
Er gab sogar zu, die beiden Männer böse beschimpft und körperlich angegangen zu haben, so dass sich der Bedrängte in einen Blumenladen flüchten und die Eingangtür von innen zuhalten musste. - Sechs Monate später stellte die lettische Polizei die Untersuchungen ein und stufte das Vergehen lediglich als Ordnungswidrigkeit ein, verbunden mit einer Geldstrafe von 70 Euro (lsm). Der Beschuldigte akzeptierte das Strafmaß. (siehe: Urteil Europäischer Gerichtshof)

Kein Versteckspiel

Der Angegriffene legte gegen diese Entscheidung Beschwerde bei der zuständigen Staatsanwaltschaft ein und verlangte eine Verurteilung gemäß Abschnitt 150 des lettischen Strafgesetzbuchs. Dort ist festgelegt, dass schüren von Hass oder Feindschaft aufgrund des Geschlechts, des Alters, einer Behinderung oder anderer Merkmale einer Person strafbar ist. Interessant ist nun die Begründung der lettischen Staatsanwaltschaft: diese Paragraphen könnten nicht zur Anwendung kommen, da sich ja die Taten des Angeklagten nur gegen eine bestimmte Person gerichtet habe - auch der Partner war anwesend, wurde aber nicht attaktiert. Weitere Personen seien ja nicht dabei gewesen, daher sei der Vorgang auch nicht als allgemeiner Hass gegen sexuelle Minderheiten zu bewerten gewesen.

Nun ja - sei es, wie es sei. In diesem Fall war der Leidtragende kein Unbekannter: es ist Deniss Hanovs, seines Zeichens Kulturwissenschaftler und Professor an der Kunstakademie Lettlands in Riga (RSU).  Wissenschaftlich erfahren, und kundig im Bereich der Menschenrechte. Logisch, dass er sich keineswegs mit plumpen Entschuldigungen zufrieden geben wollte.

Am 18.Juli 2024 fand der Streitfall seine Entscheidung vor dem Europäischen Gerichtshof, denn Hanovs bestand darauf, dass der lettische Staat angemessenen Schutz vor homophoben Angriffen gewähren muss - auch, indem eine wirksame Strafverfolgung von Tätern sichergestellt wird. Der Gerichtshof verurteilte den Staat Lettland zu einer Zahlung von 10.000 Euro an Hanovs - den Betrag will er einem Kinderkrankenhaus in Kiew (Ukraine) spenden (lsm)

28. Mai 2024

Nie wieder Eurovison?

Es geschieht nicht zum ersten Mal, dass Abstimmungen auf dem lettischen Portal "Manabalss" ("Meine Stimme") Schlagzeilen erzeugen. Ob für den Erhalt kleiner Schulen auf dem Lande, für ein Verbot der Luchsjagd, für Einführung eines Pfandsystems für Getränkeflaschen oder für ein Verbot von Kahlschlägen in lettischen Wäldern. Momentan wirbt eine Initiative um Beteiligung, die auch international für Verwunderung sorgt: nie wieder lettische Beiträge für die Eurovision! 

Zweifelhaft und unanständig?

Immerhin über 11.000 Unterstützende hat die Initiative schon gefunden. Gefordert wird die Beendigung der Teilnahme Lettlands am Eurovision Song Contest. Begründung: "Es ist sehr zweifelhaft, ob diese Maßnahme das Image und den Ruf Lettlands erheblich verbessert. Menschen, die dort teilnehmen, neigen dazu, sich obszön verhalten, und dies wird auch als Norm beworben." 

Obszön? Der im Original verwendete Begriff "piedauzīgi" wird auch mit "anstößig", "unanständig" oder "abstoßend" übersetzt. Also ein Moralapostel? Eine Idee, wie die frei werdenden finanziellen Mittel verwendet werden sollen, liefert Kristaps Bogdanovičs, der Autor der Eingabe, gleich mit: für den Sport (und für Biathlon im besonderen). Im Sport seien mehr "positive Beispiele für junge Leute" zu finden. An Doping dachte er dabei wohl offenbar nicht.

Internationales Aufsehen

Inzwischen erregen die lettischen "Sportfans" auch international Aufsehen. "Lettland 2025 nicht dabei?" fragen griechische und irische Eurovisions-Fans. Allerdings wird dort das Bogdanovičs-Zitat abgewandelt: statt von "sich abszön benehmen" ist jetzt von "behave wildly" die Rede. Beim litauischen LRT wie auch beim "Baltic News Serive" (BNS) wird es schon zur Staatsaffäre, denn hier ist die Überschrift "Lettland überlegt Ausstieg aus der Eurovision".Da die Initiative über 10.000 Unterstützer/innen hat, ist eine Beratung des Anliegens im lettischen Parlament vorgesehen - aber die steht bisher noch aus.

Wer ist Kristaps Bogdanovičs? 2014 ist dieser Name auf der Liste der "Jaunā konservatīvā partija" JKP fürs lettische Parlament (cvk) zu finden. Aber die JKP erreichte damals lediglich 0,7%, und Bogdanovičs bekam auf dieser Liste von 32 Kandidat/innen die zweitwenigsten Stimmen (cvk). 

... als Kaupers fast wie "Cowboy" klang:
früher war alles besser?

Tugendhafte Kritiker?

Nun also scheint er seine "Fans" gefunden zu haben (oder sollten wir "Anti-Fans" sagen?). Lettlands Teilnahme an der Eurovision kostete 2023 166 000 Euro, rechnet das Portal "Jauns.lv" nach. Die "Latvijas Avize" bringt auch die Aussage von Bogdanovičs, es sei verrückt, wenn der lettische Biathlon-Verband Spenden sammeln müsse um im Weltcup oder bei einer WM auftreten zu können. "Da ist Sport doch mit Sicherheit wichtiger als die Eurovision!" 

Und in einem weiteren Beitrag darf Jāzeps Baško das schildern, was er "die Gedanken einfacher Leute beim Betrachten der Eurovision" nennt. "Ich verfolge die Eurovison schon seit den Zeiten von 'Prāta Vētra' "; schreibt er (das war 2000 Platz 3, siehe Youtube). Baško bezeichnet die Eurovision als "europäische Schwulenparade" und meint, die "LGBT-Flagge" werde hier kräftiger geschwenkt als die Flaggen der teilnehmenden Länder. Dann folgt Bildhaftes: "Eurovision ist eine Veranstaltung der demokratischen Diplomatie. Es ist wie ein Zweikammerparlament, in dem das einfache Volk und die oberen Ränge über die Beziehungen zu den Nachbarländern abstimmen."

Oha, hier wird die Eurovision aber richtig ernst genommen! Originalton Baško: "Putin, die Chinesen und Muslime reiben sich die Hände. Europa ist noch attraktiver, als man es sich vorstellen kann. Es gibt Boden, den es zu kultivieren und wo es Ordnung zu schaffen gilt." (LA) Lobend erwähnt Baško die Beiträge von Frankreich und Israel (ohne nähere Begründung). 

Eurovisions-Fans wehren sich

Denken alle in Lettland so? 2023 machte der lettische "Künstler- und Produzentenverband" ("Latvijas Izpildītāju un producentu apvienības LaIPA") seine ausdrückliche Unterstützung für lettische Teilnehmer/innen bei der "großen Eurovision" öffentlich - die unterstützte Band "Sudden Lights" schied allerdings als elfte schon im Halbfinale aus. Auch 2024 unterstützte die LaIPA "Dons" aus Lettland speziell bei der Werbung für seinen Song schon vor dem Tag des Eurovisionsfinales - und hat vor, Ähnliches auch noch mindestens bis 2026 zu tun. (eurovoix) Der Verband erinnert auch daran, dass 2002 Lettland überhaupt nur deshalb teilnehmen konnte, weil Portugal sich zurückgezogen hatte - und in der Folge dann "Mari N" ("I wanna") gewann, als große Überraschung. 

Der zuletzt erfolgreichste lettische Beitrag zur
Eurovision: Aminata belegte 2015 mit "Love injected"
Platz 6

"Lettland muss sich wegen seiner Teilnahme an der Eurovsion nicht schämen - auch wenn die Finanzierung dieser Teilnahme eher amateurhaft ausfällt", so das Ergebnis einer Expertenrunde aus dem Jahr 2018, in einer Zeit, als Lettland nicht einmal mehr das Finale erreichte (2009 bis 2014, sowie 2017 bis 2023 wurde immer das Finale verpasst). Den damaligen Analysen zufolge gibt es drei Varianten für möglichen Erfolg: erstens eine gute Show auf der Bühne zu zeigen, oder zweitens "irgendwie anders zu sein", oder drittens auf Spezialeffekte zu verzichten und einen Künstler mit Charisma zu nehmen. (lsm)

An einer Antwort auf Kritiker Jāzeps Baško versucht sich Journalist Karlis Streips: "166.000 Euro sollen zu viel sein? Weiß Herr Baško eigentlich, wie viel Geld unser Land ausgegeben hat, damit der lettische Basketballverband dieses Jahr ein Olympia-Qualifikationsturnier veranstalten kann? Etwas mehr als zwei Millionen Euro." Dem wäre hinzuzufügen, dass es auch im Beachvolleyball ein Olympia-Qualifikationsturnier in Lettland gab - mit 400.000 Euro aus lettischen Steuergeldern (sportazinas)

Selbstbewußtsein und Menschenrecht

"Und ich kann mich auch nicht erinnern, dass sich irgendjemand aus Lettland bei seinem Auftritt bei der Eurovision 'obszön' verhalten hätte," fährt Streips fort, "Dons kann es ja nicht gewesen sein." Und seine Schlußfolgerung ist: "Ich verstehe, dass wir Letten ein so sehr, sehr tugendhaftes Volk sind. So tugendhaft, dass Dinge wie Lesben, Transgender und andere „Perverse“ nichts für uns sind. Aber wir leben immer noch im Jahr 2024 und in Europa, wo die universelle Natur der Menschenrechte weithin anerkannt ist. Auch für Schwule. Auch für Trans-Menschen." (LA)

Lolita Tomsone bezeichnete in einem Beitrag für das lettische Kultuportal "Satori" die Eurovision als "politmusikalischen Karneval". Bei der Eurovision habe "jede/r nur drei Minuten Zeit, um die ganze Welt zu überraschen." 

Lettische Zuschauer des deutschen Fernsehens verteidigten den lettischen Beitrag übrigens vehement. Als Moderator Thorsten Schorn beim Vorentscheid "Dons" als "Schlumpf, der seine Mütze verloren hat" titulierte, musste er sich mit Protestzuschriften auseinandersetzen. Ein paar "nette Letten" hätten sich beschwert, gab Schorn dann während der Finalmoderation zu. Offenbar waren es nicht wenige.