31. März 2026

Tote Tiere im Wahlkampf

Lettland wirbt mit seinen Naturlandschaften: man denkt zum Beispiel an Kap Kolka, an die breiten Stromschnellen bei Kuldiga, den Märchenpark von Tērvete, an die natürlich erhaltenen Strände der Ostsee, und an viele Flüsse und Seen. Als höchste Naturschutzkategorie gibt es auch in Lettland Nationalparke: an der Gauja, am Kolkasrags bei Slītere, am Rāznas-See im Osten Lettlands, und eben in Ķemeri, einem alten Kurort unweit von Jūrmala. Der Nationalpark in Ķemeri besteht seit 1997, kann also bald sein 30-jähriges Bestehen feiern. Doch zur Zeit macht der Ort unrühmliche Schlagzeilen: auf den Wiesen des Nationalparks sollen in kurzer Zeit ungewöhnlich viele Tiere verendet sein. 

Wilde Wiesen, wildes Leben

Es geht um Kühe und Pferde. Genauer gesagt: um Auerochsen und Konik-Pferde. Im Jahr 2004 wurden im Rahmen eines „LIFE-Nature“-Projekts der Europäischen Union 15 Auerochsen aus Belgien hier angesiedelt. Ziele waren die Wiederherstellung von Graslandbiotopen und die Renaturierung offener Landschaften. 

Und das, was heute als "Auerochsen" auf dem Nationalparkgelände frei leben kann, sind gezielte Züchtungen mit dem Ziel, etwas Ähnliches wie die Urform der Hausrinderrassen wiederzubeleben (youtube). Die ersten erfolgreichen Züchter waren die deutschen Zoologen Heinz und Lutz Heck (daher manchmal auch "Heckrind" genannt). (youtube / NLWKN)
Nun greift der Mensch nur noch minimal in das Leben dieser Tierherden ein, wie es auch Andis Liepa, Leiter der Stiftung Nationalpark Ķemeri, schon vielfach der Öffentlichkeit zu erläutern versuchte (jauns / lsm / youtube). 

"Latvia Travel" schreibt als Info für Touristen: "Auf den von Wäldern umgebenen Dunduru Wiesen weiden in einer großen Koppel Heckrinder und Pferde der Rasse Polski Konik. Diese Tierarten sind speziell für das Leben unter freiem Himmel gezüchtet worden und sehr ähnlich ihren längst ausgestorbenen Vorfahren – den Auerochsen und Tarpanen, diese Tiere kann man vom Aussichtsturm beobachten."

Naturidylle per Vertrag 

Bei den Konik-Pferden gab es 2005 zunächst einen Partnerschaftsvertrag mit dem World Wildlife Fund (WWF, als Tierhalter, anfangs 15 Kühe und 10 Pferde). 2010 übergab der WWF die Auerochsen und Konik-Pferde (inzwischen 87 Tiere) an die Stiftung Ķemeri-Nationalpark (ĶNPF). 466 ha gepachtetes Gelände steht zur Verfügung. Im Laufe der Jahre hat sich Zusammensetzung der Herden auf natürliche Weise verändert und die Tiere haben sich in freier Wildbahn ohne menschliches Zutun und ohne tierärztliche Aufsicht vermehrt.

Ein Problem blieb bestehen: das lettische Gesetz sieht keine Sonderregeln für "wild" gehaltene Tiere vor - und verlangt zum Beispiel regelmäßige Blutproben und Untersuchungen aller Tiere, was aber ein Einfangen und Verschrecken aller Tiere zur Folge hätte. Andis Liepa kennt diese Diskussion schon seit vielen Jahren - und hofft auf ein konstruktives Vorgehen der Behörden. (jauns) 2024 kam es sogar schon einmal zu einem Gerichtsprozess. Naturschützer Liepa ist der Meinung, die sich häufenden Beschwerden seien besonders von Jagdvereinen zu erwarten, die ihre Aktivitäten hier ausweiten und nur zu gern die Stiftung als Verwalter loswerden möchten. (lsm

Dutzende Tierkadaver? 

Nun aber ist plötzlich in manchen lettischen Zeitungen von "Dutzenden toter Tiere" die Rede (lsm). Zitiert wird auch Aldis Stepanovičs, ein Bauer, mit der Behauptung: "Meiner Beobachtung nach verkümmern die Tiere hier einfach und sterben. Ich glaube, dass die Haltungsbedingungen hier ungeeignet sind.“

Inzwischen hat das Thema schon sehr viele, die sich berufen fühlten, zu einer öffentlichen Stellungnahme bewogen: Lettland befindet sich im Wahlkampf. Der Landwirtschaftsminister, Politiker verschiedener Parteien - und die zuständige Naturschutzbehörde hat auf ihrer Website eine Erklärung veröffentlicht, wonach sie lediglich als Verpächterin des Grundstücks auftrete und daher die gesamte Verantwortung… beim Pächter – dem Verein „Stiftung Ķemeri-Nationalpark“ – liege (NTZ).  

Wie viele Tiere sind wirklich gestorben? Anfangs kursierten immer höhere Zahlen, von bis zu 79 Kadavern war die Rede, es gab sogar einem offenen Brief an den Staatspräsidenten. Die lettische Polizei startete eine Untersuchung. Naturschützer Liepa dagegen betont, dass die Zahl der Todesfälle deutlich übertrieben sei und der Tod der Tiere nichts Außergewöhnliches darstelle: „Der Winter dieses Jahr war einfach härter, und diejenigen, die in den vergangenen Wintern überlebt hatten, sind dieses Jahr in größerer Zahl gestorben“. (IR)

Der natürliche Lauf der Dinge 

Nach Ansicht von Ivars Lodiņš, dessen Jagdverein eine Genehmigung zur Jagd auf Wildschweine und Biber in den Dunduru-Wiesen besitzt, gibt es diese Probleme schon seit Jahren. „Ob es Überbevölkerung ist, oder einfach Nachlässigkeit, Unterernährung – schwer zu sagen“ meint Lodiņš. Es sei zu überlegen, ob es wirklich akzeptabel sei, so viele verendete Tiere in der Natur zu belassen. - Aber auch Baiba Kārkliņa vom lettischen Landwirtschaftsministeriums bestätigt, dass die hohen Zahlen der Kadavermeldungen wohl nicht real sind, und darauf zurückzuführen seien, dass die Tierkadaver aus dem direkten Blickfeld entfernt wurden. „Jedes Mal, wenn Menschen ein Tier an einem neuen Ort entdecken, melden sie es“, meint sie. (IR)

Andis Liepa bestätigt, dass bei einer Gesamtzahl von 130 Auerochsen und etwa 100 Pferden insgesamt 40 den Winter nicht überlebt haben (sechs Pferde, 34 Kühe/Ochsen). Diese Zahl bestätigt auch Māris Balodis, Generaldirektor des lettischen Veterinäramts (PVD). Bei einer am 13. März durchgeführten Kontrolle der Behörde seien 30 Tierkadaver in verschiedenen Verwesungsstadien dokumentiert worden – die Tiere seien also nicht alle gleichzeitig, sondern über den gesamten Winter hinweg verendet, einige vielleicht sogar schon in der vergangenen Saison. Während der Inspektion wurden keine deutlich geschwächten oder abgemagerten Tiere beobachtet. (daba.gov.lv)

Auch für Wolf und Adler 

Der im Jahr 2024 verabschiedete Naturschutzplan des Nationalparks Ķemeri bis zum Jahr 2036 sieht vor, dass in den Dunduru-Wiesen des Nationalparks Auerochsen und Tarpanpferde leben werden – halbwilde Tiere, deren Haltung der Weidebewirtschaftung dient. Der Plan sieht vor, dass lebende und verendete Tiere Raubtiere anziehen und diese für die Ansiedlung von Adlern und anderen besonders geschützten Arten von Bedeutung sind.

Das lettische Landwirtschaftsministerium ist - trotz der rechtlichen Unklarheiten - inzwischen der Meinung, dass die hier gehaltenen Tiere rechtlich als "Wildtiere" anzusehen sind. Daher seien Vorschriften für Nutztiere nicht anwendbar. „Deshalb ist hier bezüglich der Anforderungen für diese Tiere die die Naturschutzbehörde zuständig, die sie in ihrem Plan auch als 'halbwilde Pflanzenfresser' definiert hat“, erklärt Baiba Kārkliņa. „Sie sind nicht mehr in unseren Registern verzeichnet, und die Einfuhr dieser Tiere wurde definitiv nicht mit uns abgestimmt!“ - Die Naturschutzbehörde allerdings widerspricht: es seien hier keine Wildtiere, da sie unter kontrollierten Bedingungen gehalten und für einen bestimmten Bewirtschaftungszweck genutzt werden. Es handelt sich um gezüchtete Rassen, die in eingezäunten Gebieten gehalten, bei Bedarf zugefüttert und deren Population gesteuert wird. Daher gelte für diese Tiere die Anforderungen an die Haltung von Nutztieren - also Zuständigkeit des Landwirtschaftsministeriums. Ein schöner Behördenstreit! (IR) Man darf gespannt sein, wie es weitergeht ...

27. März 2026

Handarbeit bevorzugt

Am 26. März beschlossen die Abgeordneten des lettischen Parlaments (Saeima) ohne Gegenstimmen einen Vorschlag der zentralen Wahlkommission (CVK) anzunehmen, wonach die Stimmzettel der am 3. Oktober 2026 anstehenden Parlamentswahlen wieder per Hand ausgezählt werden sollen. Auch Staatspräsident Edgars Rinkēvičs hat dazu aufgerufen, die Stimmen manuell auszuzählen, und dabei Bedenken hinsichtlich der Risiken einer Beeinflussung auf digitalem Wege geäußert. 

Zuvor hatte der Vorsitzende der Zentralen Wahlkommission, Māris Zviedris, erklärt, dass es an ausreichenden Informationen über mögliche Verstöße bei der Beschaffung von Informationstechnologie und deren Auswirkungen auf die Wahlen mangele. Damit die Entscheidung nicht auf Vermutungen beruht, wurde sie dem Gesetzgeber übertragen. 

Bei den lettischen Kommunalwahlen 2025 war eine Stimmauszählung mittels speziellen Scannern vorgesehen gewesen - das musste aber noch am Wahlabend wegen erheblicher technischer Probleme gestoppt werden. Spät in der Wahlnacht ging man dann dazu über, die Stimmzettel doch noch manuell auszuzählen (siehe Beitrag). Diese Pannen kosteten sowohl der damaligen Vorsitzenden der Zentralen Wahlkommission als auch die Ministerin für Kommunalangelegenheiten ihre Posten. (lsm) (lvportals) (LA)

Die zentrale Wahlkommission kündigte derweil neue Maßnahmen an.„Wähler in ganz Lettland haben die Möglichkeit, ihre Stimme während der gesamten Wahlwoche abzugeben. Zum ersten Mal wird diese Möglichkeit vom 28. September bis zum 2. Oktober in allen lettischen Wahllokalen angeboten, und zwar täglich für drei Stunden. Wir hoffen, mit dieser und anderen Erleichterungen eine höhere Wahlbeteiligung zu fördern“, kündigte CVK-Vorsitzender Zviedris an (cvk). Es sollen auch Wahllokale an "ungewöhnlichen Orten" eingerichtet werden: in Einkaufszentren, am Flughafen, in Krankenhäusern und sogar im Rigaer Zoo.

25. März 2026

Meine Torte heißt Inese!

Unschuld, Güte und Schönheit - Eigenschaften, die manche dem weiblichen Vornamen "Inese" zuschreiben. Aber, wer ins kleine lettische Städtchen Kuldiga kommt, wird vielleicht auch eine Bäckerei oder ein Café aufsuchen wollen, um in den Genuß eines Rendevous mit "Inese" zu kommen. Im besten Fall ist hier auch Konditormeisterin Inese Goldmane zu finden - sie gründete 1993 ihr eigenes Unternehmen, zierte es mit dem eigenen Vornamen, und gibt allen Kundinnen und Kunden das Versprechen, als Zutaten 100% nur Produkte von Herstellern aus der eigenen Region zu verwenden.

Kaffeesieren in Kurland 

Inzwischen sind die Torten auch in einigen lettischen Supermärkten zu finden - und in Kuldiga vor Ort natürlich. Inese Goldmane lädt ein: Brauc ciemos! ("Kommt zu Besuch"). Der Bezirk Kuldiga zeichnete das Unternehmen 2019 als "Produzent des Jahres" aus. Honigtorte, Schokoladentorte, Quarktorte ... alles im Angebot. "Wir sind ein kleines Unternehmen", sagt Inese Goldmane, "ungefähr wie ein Fußballteam."

„Zu unseren Verkostungen kommen Touristen auch aus den Nachbarländern, besonders aus Litauen“, erzählt der zweite Eigentümer des Unternehmens, Juris Goldmanis. Er ist Ineses Sohn, hat in Liepāja Kulturmanagement studiert und anschließend an der Bankhochschule Innovationsmanagement. Vor drei Jahren erwarb er 49 % der Unternehmensanteile. Die Entscheidung, ihren Sohn in das Familienunternehmen einzubeziehen, traf die Mutter, nachdem sie seine Ausbildung und seine unternehmerische Erfahrung gewürdigt hatte. (IR)

Regionale Produkte 

Wer einen Besuch plant, muss allerdings etwas außerhalb von Kuldiga suchen: an der Straße Richtung Saldus liegt der kleine Ort "Vārme", seit der Gebietsreform 2009 dem Kreis Kuldiga angegliedert. Angefangen hatte es mal mit einer Bäckerei auf 80qm im eigenen Wohnhaus - deshalb hieß die Firma, wie das Haus, zunächst "Priednieki". Ineses inzwischen verstorbener Mann Edgars war bei der Gründung auch dabei. In Vārme kann nun auf 800 qm gearbeitet werden, mit acht Angestellten, dazu manchmal noch Praktikant/innen. 

„Da wir kleine Produzenten sind, mussten wir einen Weg finden, uns von den industriellen Herstellern abzuheben“, sagt Inese. Sie fanden ihre Nische, indem sie Torten und Desserts aus für Verbraucher/innen verständlichen, einfachen und natürlichen Zutaten herstellen: Milch, Quark, süße Sahne, Butter, Eier, Mehl, Zucker, Beeren und Schokolade. Die Milch kommt aus Kazdanga, das Mehl aus Dobele, die Eier - zumindest aus Lettland. Derzeit sind 20 verschiedene Torten im Angebot. Inese Goldmane erinnert sich noch gut an die erste sehr erfolgreiche Torte: eine Honigtorte. Sehr beliebt bei lettischen Leckermäulern sind Torten mit Himbeeren, Erdbeeren oder Kirschen. Und zum Valentinstag gab es schon mal eine Torte in Herzform, zum Frauentag eine mit Tulpenverzierung. (IR)

Neue Ideen mit Erdäpfeln 

"Als wir anfingen, gab es nur fünf andere Firmen mit ähnlichen Produkten", erzählt die Chefin, "inzwischen hat sich die Konkurrenz erheblich verschärft." Eine neue Variante ist jetzt eine süße Kartoffeltorte - mit Himbeeren, Orangen und Schokolade als Angebot an Veganer gedacht. Dazu wurden in einem Modellprojekt 11 Kartoffelsorten ausrobiert und getestet, welche sich am besten eignen. "Aber die durchschnittlichen Letten sind wohl der Meinung, dass man Kartoffeln nur zusammen mit Fleischsoße essen kann", lacht Inese Goldmane.