26. Juni 2026

Silbernes Erbe

In Lettland gibt es viele schöne, gut restaurierte ehemalige Gutshöfe. Aber: meist ist deren historische Inneneinrichtung nicht mehr erhalten. Es wird dann "zeitgemäß" eingerichtet, soweit es geht. 

Eine Rückkehr 

Das Gut Lielvircava (deutsch= Groß-Würzau), südlich von Jelgava gelegen, wurde 1808 von Baron Dionysius von Klopmann fertig gesstellt. 211 Jahre später besuchte sein Nachfahre, der in Deutschland lebende Baron Peter von Klopman (77), das Gut zum ersten Mal und bot an, mehr als 1000 authentische Gegenstände für die Ausstellung dort zur Verfügung zu stellen. Der Transport nach Lettland dauerte mehrere Jahre. Das i-Tüpfelchen dabei war natürlich eine Tonne Silberwaren - deren Weg nach Lettland dauerte mehrere Jahre. 

Status und Anspruch 

Wertvolles Silber, historische Gegenstände - bisher war so etwas nur als Streitobjekt bekannt. Als Bremen der Partnerstadt Riga im Jahr 2001 ein schönes Geschenk zum 800.Geburtstag überreichen wollte, wurde die Idee, es könnten die in Bremen aufbewahrten Reste des Silberschatzes der Schwarzen Häupter aus Riga sein, jäh gestoppt. Dort wacht ein extra nach dem 2.Weltkrieg neu gegründeter „Verein der Freunde der Schwarzen Häupter aus Riga e.V.“ darüber, dass die historischen Silberstücke keinesfalls als nach Riga gehörig erklärt werden können - da gibt es keine Leihgaben und keine Ausnahmen (in Riga war der Verein 1939 aus dem Vereinsregister gelöscht worden). So wird dann deutschbaltisches Kulturgut zu deutscher Beute mit baltischer Vergangenheit. Auf absehbare Zeit wird in Bremen wohl niemand Lettland für so vertrauenswürdig erklären, dort irgend etwas Silbriges, wenn auch vielleicht nur vorübergehend, ausstellen zu können. 

Eine Perle auf dem Lande 

In Lielvircava aber konnte durch die großzügige Leihgabe der Familie von Peter Baron v. Klopmann das ehemalige Gutshaus fast komplett im alten Stil eingerichtet werden und es sind eben nicht nur Möbel zu sehen, sondern eben auch mit edlem Porzellan und Silber gedeckte Tische. 

Bei einem seiner Besuche hatte der Baron erwähnt, bei ihm zu Hause würden noch viele Dinge lagern, die er dem Gut Lielvircava überlassen könnte - auch viel altes Silbergeschirr. Die Gemeinde musste natürlich zugeben, dass ihre finanzielle Situation es nicht erlauben würde, so etwas anzukaufen. Aber Roberts Grinbergs, der zu dieser Zeit auf dem Gut arbeitete, beschloss, ein völlig verrücktes Abenteuer auf sich zu nehmen: zwei Lieferwagen zu mieten und die fähigsten Fernfahrer zu finden, die auf der Rückfahrt 24 Stunden ohne Pause fahren können (von Bayern nach Lettland). Ohne Sicherheitspersonal, Polizeieskorte und Zwischenstopps - das war eine Auflage der Versicherung gewesen. "Das war schon einen verrückte Aktion", erinnert sich Grinbergs, "aber wenn wir es nicht gemacht hätten, wäre es vielleicht nie passiert." (IR)

Es gehört genau hier hin! 

Inzwischen ist die Silbersammlung nun im Herrenhaus von Lielvircava in mehreren Räumen ausgestellt – im Speisesaal auf dem Tisch und im Silberschrank sowie im gesonderten Silberzimmer. Aber müssen denn jetzt diese Schätze Tag und Nacht von einem Sicherheitsdienst bewacht werden? Nun ja, Alarmanlage und Überwachungskameras gäbe es schon, gibt die Hausleitung zu. Aber nicht der einzelne Löffel, sondern die Gesamtheit der Sammlung sei wertvoll. Und in jedem Stück sei schließlich auch das Familienwappen eingraviert, also die Eigentümerschaft klar erkennbar. - Wenn für Touristengruppen der Silberschrank und der Silberraum geöffnet werden, habe man allerdings besonders die kleinsten Exponate im Auge - damit diese nicht in die Tasche eines diebischen Besuchers gelangen können. 

Diese Wertgegenstände sind auch nicht endgültig in den Besitz des Museums Lielvircava übergegangen: sie wurden für 25 Jahre zur Nutzung überlassen. Danach ist es vorgesehen, dass die Nachkommen der Familie von Klopman über das weitere Vorgehen entscheiden können. Vorher hätte das Ehepaar Klopmann "wie in einem Museum" gelebt, so ein Bericht in der lettischen Zeitschrift "IR". Denn die Möbel, Gemälde und anderen Gegenstände der Klopmanns stammten nicht nur aus den Familiengütern in Lettland – dazu kam auch das Erbe mehrerer Zweige der Großeltern in Litauen und Deutschland. Die Versicherung des Erbes und die obligatorische Instandhaltung kamen den beiden Rentnern teuer zu stehen. Sie wollten es nicht verkaufen, denn das Andenken an die Vorfahren darf ihrer Auffassung nach nicht verkäuflich sein. (IR)

Veränderte Verhältnisse seit 100 Jahren 

Ab dem Jahr 1920 hatte der gerade erst gegründete lettische Staat eine Gutsreform und eine Landreform durchgeführt. "Jene Gutsbesitzer, denen diese Maßnahme missfiel, zogen mit ihrem gesamten Hausrat nach Deutschland oder in andere Länder und nahmen ihr Eigentum mit", erläutert Kunsthistoriker Ojārs Spārītis. "Und heute, 100 Jahre später, haben Baron Peter von Klopmann und seine Familie beschlossen, dass Lettland zu Europa gehört und dass Lettland es verdient, diese ehemaligen Gutshausgegenstände – Möbel, Kronleuchter, Haushaltsgegenstände, Geschirr – hierher zurückzuerhalten." (lsm

Spārītis zieht einen Vergleich zum nahegelegenen Schloss Rundāle, das ja bei sehr vielen Touristengruppen auf dem Reise- und Besichtigungsplan liegt. "Im Schloss Rundāle haben wir eine Art rekonstruierte Epoche aus Gegenständen - von denen vielleicht 0,1 Prozent authentisch sind und einst zum Schloss gehörten. Im Herrenhaus von Lielvircava hingegen kehrt jene Einrichtung zurück, die dort entstanden ist, die für diese Innenräume erworben, in Auftrag gegeben, angefertigt oder speziell gekauft wurde. Damit ist dies auch im Hinblick auf die Geschichte des lettischen Kulturerbes ein einzigartiger, einmaliger Fall.“ (lsm)

Ein Tourismushighlight? 

Edles Tafelgedeck in Groß-Würzau
Die Touristinfo Jelgava hält bisher lediglich englischsprachige Info zu Lielvircava bereit. Etwas lapidar wird dort berichtet, die Nachkommen der Familie Klopmann hätten "Möbel und Haushaltsgegenstände gespendet". Weiterführende Infos sind dann sogar nur noch Lettisch verfügbar, verbunden mit dem Hinweis auf eine Eröffnungsfeier der neu gestalteten Innenräume am 9. Juli 2022. "Die Leihgaben von Georg Peter Baron von Klopmann traf im vergangenen Sommer im Gut Lielvircava ein und brachte damit das Inventar zurück, das einst dort beheimatet war und das speziell für die Innenausstattung jener Zeit in Auftrag gegeben und angefertigt worden war", so heißt es dort.

Ja, die vielfach genutzen Routen der "Baltikum-Rundfahrten" gehen wohl zumeist an Lielvircava vorbei. Da muss man selbst aktiv werden! So findet sich die Info zum Gut zumindest auch auf Instagram (englisch) oder Facebook (deutsch). Wer sucht, der findet!  Ähnlich formuliert es auch Roberts Grinbergs in einem Interview mit dem lettischen Radio: "Nicht nur Geld, sondern auch der Einsatz von engagierten Menschen retten die Gutshöfe."

21. Juni 2026

Kikeriki wird sechzig

"Kikeriki!" Ja, nachdem wir verstanden haben, dass dieser stolze Hahnenschrei auch in Lettland verstanden wird (nur ganz leicht in "Kikerigū" abgewandelt), könnten wir uns damit befassen, was vor 60 Jahren in Lettland geschah. Ok, damals war es noch das sowjetische Lettland, aber zumindest begann damals eine lettische Tradition, die noch heute fortgesetzt wird.

Es ist ja nicht selten, dass lettische Traditionen mit einem Hahn (und noch öfter einem "Hähnchen") zu tun haben. "Was hast du gesagt, mein Hähnchen?" so fragt ein lettisches Kinderlied.  

Arnold, der erste 

Arnolds Burovs war bereits fast 50 Jahre alt, als er 1964 zusammen mit einer kleinen Gruppe von Gleichgesinnten im Filmstudio Riga eintraf, zusammen mit Puppenspieler und Puppentheaterdarsteller Arvīds Noriņš, Valentīns Jakobsons, dem Leiter der Inszenierungsabteilung des Puppentheaters, der Puppenbildhauerin Anna Nollendorfa und dem Kameramann Pēteris Trups. Der erste Puppenfilm des Rigaer Filmstudios war „Ki-ke-ri-gū!“, entstanden im Jahr 1966. Arnolds Burovs, 1915 in Riga geboren, war Drehbuchautor und Regisseur. Die Puppen wurden von Arvīds Noriņš und Brigita Krastiņa geführt. Der Kern dieses kreativen Teams blieb lange Zeit bestehen. 

Ki-ke-ri-gū!“ war 10 Minuten lang, und erscheint um so eindrucksvoller, da mit den damals spärlichen, fast minimalistischen Mitteln gearbeitet werden musste. Ein Film in lettischer Sprache. 2015 erinnerte das lettische Fernsehen an den 100.Geburtstag von Arnolds Burovs, der allerdings bereits 2006 im Alter von 91 Jahren verstorben war. Insgesamt 40 Puppenfilme hat er geschaffen.

Die nächste Generation 

Aktuell sieht sich auch das Produktionsteam der „Animācijas Brigāde“, das derzeit einzige lettische Puppenanimationsstudio, ganz in diese Tradition. Dort schaffen heute der Regisseur Jānis Cimmermanis, Dace Rīdūze, Dace Rožlapa, Gints Grasis, Ēriks Kiršteins und Māris Brinkmanis neue Filme. Auch der 2024 verstorbene Māris Putniņš gehörte dazu, der unter anderem auch für den Film "Mazie laupītājiverantwortlich war, der unter dem Titel "Die kleinen Bankräuber" auch in Deutschland in den Kinos und im TV lief.  

Jānis Cimmermanis, der als Weggefährte von Burovs gilt, berichtet dass es nicht so einfach gewesen sei, in Burovs Kreativteam aufgenommen zu werden. „Im Puppenstudio wurden nicht einfach so Leute aufgenommen – es war nicht so, dass jeder, der wollte, einfach so mitmachen durfte. Burovs wählte sie sehr sorgfältig aus. Er mochte es nicht, wenn Leute kamen und gingen. Er wählte immer eher ernsthafte Menschen aus, die arbeiten konnten, die sich etwas ausdenken konnten, Menschen, die mit ihren Hände etwas anfangen konnten“, betont Cimmermanis (reTV)

Das neueste Produkt der „Animācijas Brigāde“ ist derzeit ihr neuer Puppenfilm "Sfinksas Albertas smaids" („Das Lächeln der Sphinx Alberta“) (Trailer).  

Die Ausstellung „60 Jahre lettischer Puppenfilm!“ ist noch bis zum 1. September 2026 in Valmiera zu sehen. Der Eintritt ist frei. 

15. Juni 2026

Der Baum, der alte Baum

"Mein Freund der Baum", sang einst "Aleksandra", und das Lied endete mit "Er fiel im frühen Morgenrot". In diesem Fall geht es um den Freund der Bäume. Er fiel niemals, er wich nicht von der Seite dieser Pflanzen mit ihren Kronen, aber nun ist er nicht mehr da. 

Es geht um Guntis Eniņš. Wenn in Lettland jemand einen großen, alten Baum sieht, der nicht mit den eigenen Armen umfasst werden kann, dann denken viele eben genau an zwei Dinge: an den Begriff "Dižkoks", und an Guntis Eniņš. Und wahrscheinlich muss hinzugefügt werden: dies sind lettische Gedankengänge. Es geht um Menschen, denen bewußt geworden ist, welche Naturschätze das eigene Land ausmachen. "Bei uns gibt es keine Niagarafälle oder andere Sensationen", so ein oft gehörter Satz gegenüber denen, die Lettland zum ersten Mal besuchen und kennenlernen wollen. Aber das Wissen darüber, wo die ältesten Bäume, wo besondere oder seltene Exemplare und andere Naturschätze zu finden sind, das ist Guntis Eniņš zu verdanken. 

Vom Ingenieur zum Naturentdecker 

"Wer die Wohnung des Naturforschers Eniņš in Dobele betrat, dem fallen die vielen Zettel zur Selbstorganisation und Inspiration auf, die er ausgedruckt und überall in der Wohnung aufgehängt hat", - so beschrieb es Journalistin Laura Dumbere einmal in einem Beitrag für die Zeitschrift "IR". Eniņš, eigentlich als Ingenieur ausgebildet, habe sich auch eine Liste mit Dingen verfasst, die beim Verlassen des Hauses nicht vergessen werden dürfen: Brille, Geldbörse, Handy, Uhr, Mütze. Dumbere schlußfolgert: "Tatsächlich verkörpert Guntis Eniņš voll und ganz das Bild eines zerstreuten Wissenschaftlers, der nach seiner Brille sucht, die auf seiner eigenen Nase sitzt, und an jedem Fuß eine andersfarbige Socke trägt - denn es gibt doch viel wichtigere Dinge, mit denen man sich beschäftigen kann."

Sorgsam kartiert

Bücher wie "100 dižākie un svētākie" ("Die Hundert Größten und Heiligsten", 2008) "Nezināmā Latvija" (Unbekanntes Lettland", 2015). "Koki mājas nepamet" ("Bäume verlassen ihr Zuhause nicht", 2017), oder "Latvijas dabas brīnumi" ("Naturwunder Lettlands") stammen von Guntis Eniņš. Wundersam verwachsene, alte Bäume sind dort beschrieben, aber auch besondere Steine am Meeresufer, Hügel auf denen einst Burgen lettischer Vorfahren standen, malerische Felsen. Oder auch versteckte Höhlen, wie diejenige am rechten Ufer des Flüsschens Brasla, einem Nebenfluss der Gauja. Hier entdeckte Eniņš eine bis dahin unbekannte Sandsteinhöhle ("Vējiņi"), und auch den einzigen unterirdischen See Lettlands. Er ließ sie von seinen Geographiestudentinnen und -studenten vermessen, und schuf damit auch ein attraktives Ziel für den Naturtourismus (wenn vorsichtig damit umgegangen wird). (tv3 / LA / dziedava)

Aussagen wie diese sind typisch für den Naturforscher Eniņš: "Ich wünsche mir, dass mein Buch ein Leitfaden für das Nachdenken und die Suche ist, ein Leitfaden auch für das Verstehen, Ergründen und Würdigen Lettlands, ein Leitfaden für die Liebe zu Lettland." Also: gedacht für die lettischen Landsleute, das eigene Land besser kennenzulernen. (dabasdati)

Die Baumaufsucher 

Schon 1976 hatte der Dichter Imants Ziedonis (1933-2013) die "Baum-Befreiungs-Bewegung" (Dižkoku atbrīvotāju grupa, DAG) begründet. Auch Eniņš war ein "dižvietu atbrīvotājs", ein "Befreier großartiger Orte". Um diese Leitfiguren herum versammelten sich bei DAG vorwiegend städtische Intellektuelle, mit dem Ziel, die bis dahin vernachlässigte lettische Kulturlandschaft zu pflegen. Keine Massenbewegung, eher eine Art erweiterter Freundeskreis. 

Guntis Eniņš erfasste und beschrieb mehr als 900 Baumbestände in Lettland, und während der Zeit der Lettischen SSR setzte er sich für ein Verbot der Sprengung von Bäumen ein (eine bei Kolchosen übliche Umgangsweise mit solchen "Hindernissen"). Er gründete dann die "Dabas retumu krātuve" ("Sammlung naturkundlicher Raritäten") und setzte sich für deren Erhalt ein. 

Guntis Eniņš nannte die von ihm sorgsam kartierten Bäume nicht einfach Bäume - er gab ihnen oft individuelle Namen wie  "Rieseneiche", "Opfer-Eiche", "die Erhabenste", "Eichen-Urvater", "Mädchenbaum", "der Gequälte", "die Königin, oder "der Zeitzeuge" (delfi). Guntis Eniņš ist am 8. Juni 2026 verstorben, kurz vor seinem 93. Geburtstag. In lettischen Medien ist zu lesen: nun gibt es einen alten Baum weniger… (Lasi)

3. Juni 2026

Gesichtswechsel

Ja, eines scheint die lettische Politik wirklich gut zu beherrschen: das Wechseln der Gesichter. Nicht zum ersten Mal wird mit Andris Kulbergs ein Mensch an die Spitze der Regierung gestellt, der vorher nicht in der ersten Reihe bekannter Spitzenpolitiker stand. Erstaunlich bleibt, dass reiche Unternehmer in Lettland dennoch als "unabhängig" und politisch zumutbar gelten. Bei Frauen laufen die Mechanismen dagegen offenbar anders. 

Rettung und Schauspiel

Man denke nur an Andris Šķēle: er kam 1995 ans Ruder und galt als "unabhängiger Unternehmer", obwohl er vorher schon stellvertretender Landwirtschaftsminister gewesen war; er konnte sich dann einerseits als Regierungschef etablieren, und andererseits sein Privatvermögen absichern und zu einem der reichsten Menschen Lettlands werden. In Deutschland erzeugte damals eine mögliche Regierungsbeteiligung des deutschen Rechtsaußen Joachim Siegerist viel mehr Aufsehen - die Wahl Šķēles machte das unnötig (siehe auch TAZ, "Panorama").

Oder denken wir an Einars Repše, der 2001 als Ex-Präsident der lettischen Zentralbank ins Amt des Ministerpräsidenten kam. Nein, parteilos war er nicht, denn er gründete die Partei "Jaunais Laiks", mit der er 2002 einen Wahlsieg errang. Aber erneut galt wohl: wer in Lettland schon Geld hat, ist wohl "unabhängig" genug (versprochen wurden Steuersenkungen und Kampf gegen Korruption). Neueste Neuigkeit, seine Person betreffend: Repše wurde vom Politiker-Schauspieler zum Film-Schauspieler - und spielt nun tatsächlich einen Werwolf ("Dieva suns"). Den Spitznamen "Marsietis" (Marschmensch) hatte er schon. 

Wegen Frisur und Auftreten hier ironisch
mit Angela Merkel verglichen: Laimdota 
Straujuma
(Gatis Šļūka)

Riga ist nicht Paris

Oder denken wir an Laimdota Straujuma. Wer kennt sie heute noch?  Und wo kam sie eigentlich her, nachdem in Riga ein ganzer Supermarkt zusammengebrochen war, und Regierungschef Valdis Dombrovskis sich entschloss, zurückzutreten? Straujuma war die erste Frau als lettische Regierungschefin. Aber wer entscheidet eigentlich, wer in die erste Reihe gestellt wird? Straujauma war mehrfach Staatssektretärin gewesen, dann Landwirtschaftsministerin. Ihre Amtszeit als Regierungschefin dauerte nur zwei Jahre, und ihr Rücktritt war dann auch davon überlagert, dass Parteichefin Solvīta Āboltiņa sicher gern selbst Chefin geworden wäre. Heute sind von Straujuma keinerlei politische Äußerungen mehr bekannt, eher dies: "Man schenkt mir Konzertkarten, und zum Geburtstag einen Wellness-Aufenthalt, mehr brauche ich nicht" (LA

Wieder ein Unternehmer 

Was wird wohl aus Evita Siliņa werden? In einem Kommentar der "Neatkarīga" war folgender Satz zu lesen: "Sie kann bereits auf einer Landkarte nach einem Ort suchen, an dem sie den Abschluss ihrer Karriere als Botschafterin verbringen möchte." (nra)

Nun haben wir also Andris Kulbergs. Auch dem lettischen Publikum musste er wohl erst einmal vorgestellt und bekannt gemacht werden. Schon wieder ein Retter? Oder eher Zwischenlösung - nur bis zu den Wahlen am 3. Oktober? 

In Deutschland vielleicht unvorstellbar, aber in Lettland möglich: die Zeitung "Neatkarīgā" zählt genüßlich Dinge aus Kulbergs Privateigentum auf: gleich 11 verschiedene Fahrzeuge seien im Privatbesitz des neuen Regierungschefs, eines gelernten Automechanikers und Oldtimer-Fans. Darunter seien zu finden ein „Alfa Romeo" aus dem Jahr 1939, ein „Dodge Challenger“ von 1973, ein „Audi 90“ von 1985 - dazu ein Motorboot aus dem Jahr 1985. Und noch ein „Mitsubishi“ aus dem Jahr 1999, einen neuen BMW, sowie mehrere Motorräder: eine „Kawasaki“, eine „Ducati", und eine „KTM“. Und schließlich auch einen Tabbert-Wohnwagen, und ein Suziki Quad. Mit dem eigenen Motorrad werde er als Regierungschef nicht mehr fahren dürfen - Sicherheitsbedenken, bekennt Kulbergs. ("nra", ähnlich bei "Jauns")

Für das Jahr 2025 habe Kulbergs 78.582 Euro eigenes Einkommen versteuert, darunter 10.000 Euro Dividende von "VK Development". Er besitze eine Immobilie in Riga und Anteile an einer weiteren, dazu Anteile im Wert von 3084 Euro am britischen Unternehmen „Inchcape plc“ (Autohandel, siehe "Diena"). Laut Steuererklärung habe Kulbergs 18.045 Euro Ersparnisse angegeben. (wie viele Flugzeuge und Firmenanteile hat eigentlich Friedrich Merz?)

Neue Lokomotiven?

Kulbergs hatte seine Vorgängerin Evita Siliņa als "unfähig" bezeichnet, und nun eine vier-Parteien-Regierung gebildet aus "Vereinigter Liste" ("Apvienotā saraksta"). der Bauernvereinigung, die gern grün sein möchte ("Zaļo un Zemnieku savienība" ZZS), den Nationalkonservativen ("Visu Latvijai!" / "Tēvzemei un Brīvībai/LNNK"), und Siliņas "Neue Einigkeit" ("Jauna Vienotība"), die vorerst an politischem Gewicht verloren hat. Die "Progressiven", bisher mit den Ministern für Kultur, Verteidigung und Verkehr in der Regierung vertreten, sind nun nicht mehr dabei - da die Nationalkonservativen eine Zusammenarbeit ausgeschlossen hatten. 

In Lettland werden diejenigen Politikerinnen oder Politiker, die an der Spitze einer Wahlliste stehen, "Lokomotiven" genannt. Sie haben zwar oft nur eine kurze Verwendungszeit, aber auch darum wird es jetzt gehen. Wer wird als Kandidat zum Regierungschef jetzt für welche Partei in den Wahlkampfendspurt gehen? 

Die ZZS hat sich schon für Viktors Valainis entschieden, Wirtschaftsminister sowohl unter Siliņa wie jetzt unter Kulbergs. Auch der Wahlspruch ist schon fertig: "Jemand der aus dem Volke kommt". Nun ja, Valainis studierte Bauwirtschaft und Immobilienmanagement, war auch schon mal Mitbesitzer eines Musikclubs und Barkeeper. Bei den Nationalkonservativen soll Ilze Indriksone Spitzenkandidatin werden, ebenfalls eine Ex-Wirtschaftsministerin und heutige Parteivorsitzende. Bei den "Progressiven" soll Fraktionsvorsitzender Andris Šuvajevs der Kandidat als Regierungschef sein, Enkel des bekannten Komponisten Imants Kalniņš, studierter Soziologe und Sozialanthropologe.

Ein weiterer wird auf jeden Fall auch als Konkurrent im Rennen sein, von den Oppositionsbänken aus: der allgegenwärtige scheinbar unverwüstliche Ainārs Šlesers, der inzwischen mit seiner neuen Partei ""Latvija pirmajā vietā" ("Lettland zuerst") sich ein Label als Fan von Donald Trump (und bisher auch Viktor Orban) geschaffen hat. Da passt es ins Bild, dass er sich auch vor dem Etikett "Putin-Freund" nicht fürchtet. 

Noch unentschieden bleibt "Jauna vienotība" - es scheint aber sehr unwahrscheinlich, dass Evita Siliņa erneut für die Spitzenposition auserkoren wird. Vielleicht wieder mal jemand aus der 3. Reihe?   

Andris Kulbergs ist parteilos, kam aber auf der Liste des Unternehmers Uldis Pīlēns 2022 ins Parlament ("Vereinigte Liste"). Pīlēns stand damals für Ähnliches wie Kulbergs heute: mehrere kleine Parteien versammeln sich politisch hinter einem fianzstarken Unternehmer und hoffen, das von dessen Strahlkraft auch für sie etwas abfällt. Pīlēns unterlag 2023 als Präsidentschaftskandidat dem jetzigen Amtsinhaber Edgars Rinkēvičs