Es war eine stürmische, turbulente Woche, gekrönt von einem "Super-Samstag": In der Nacht zum 23.August fiel in Tausenden Haushalten der Strom aus. Auch als der Sturm längst weitergezogen war: 72 Stunden, etwa 3 Tage mussten etwa 11.000 Kunden ohne Strom auskommen. Insgesamt waren 277.000 Haushalte betroffen. Der stärkste Sommersturm seit 60 Jahren (seit 1966) hat in Lettland auch erhebliche Schäden für der Landwirtschaft verursacht - die Regierung rief den Ausnahmezustand aus.
Schadensbilanz
Viele Tankstellen, Kindergärten, Ämter und andere Dienststellen mussten geschlossen werden, in einigen Orten mussten Polizeitwagen mittels Lautsprechern die Bevölkerung über die Lage informieren. Und in den wenigen Fällen, dass staatliche Dienststellen schon Montagmorgen wieder öffneten, dann konnten sie teilweise Anträge nur in Papierform entgegen nehmen - denn sowohl Computer wie auch Telefone waren außer Betrieb. Auch bei einigen Mobilfunkanbietern brach das Netz komplett zusammen. Einige Gemeinden bemühten sich, ihre Webseiten mit aktuelle Informationen zu füttern - aber was nutzt es, wenn viele gar keinen Empfang hatten? ("IR"). Inzwischen ist es Zeit für eine Schadensbilanz (lsm).Unklare Vorwarnungen
Es gab durchaus Vorwarnungen, und viele hatten sich vorbereitet: Handys und Tablets waren aufgeladen, die externen Akkus voll, Wasser bereitgestellt. Unerschütterlich positiv Gesinnte äußerten sich froh darüber, dass dies alles nicht im Winter passierte - denn dann wäre bei vielen auch die Heizung ausgefallen. Und was natürlich in Lettland ungewöhnlich ist: am Tag nach dem Sturm, also am Sonntag, waren kaum geöffnete Läden zu finden, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Und dort, wo Läden öffneten, musste auf Barzahlung umgestellt werden. Krankenhäuser verfügen über Notfallgeneratoren, aber bei Tankstellen war dies nur bei 10% der Fall.
"Ohne Strom war es auch nicht möglich, Essen zuzubereiten, also mussten wir uns mit Butterbrötchen begnügen. Als der Gefrierschrank anfing aufzutauen, verdarben die Lebensmittel nach und nach. Gut, dass ich einen Hund habe,“ so eine Aussage in der Zeitschrift "IR".
Was hat sonst gefehlt? "Ein Generator, ein Gaskocher und ein Radio mit Batterien. Wenn man uns gesagt hätte, dass drei Tage lang kein Strom sein würde, hätten wir damit gerechnet und nach einer Lösung gesucht. Aber es gab überhaupt keine Informationen. Wir waren die ganze Zeit in einer Art Wartemodus – wann es wieder gehen würde.“ (IR)
Freileitungen und eng stehende Bäume
Für die massiven Stromausfälle waren meist umstürzende Bäume verantwortlich. Also denken nun die Stromnetzbetreiber über eine Erweiterung der Schutzzonen um die Stromleitungen nach. Derzeit beträgt die Schutzzone für 330-kV-Leitungen 27 Meter zu jeder Seite, für 110-kV-Leitungen hingegen 13 Meter. Ein Gesetzentwurf zur Erweiterung der Schutzzonen wurde inzwischen bereits im Parlament eingebracht. Zuständig in Lettland ist die "AS Augstsprieguma tīkls (AST)" (Hochspannungsnetz AG). Insgesamt verwaltet AST mehr als 5.500 Kilometer Übertragungsleitungen, von denen nur etwas mehr als 100 Kilometer Untergrund-Kabelstrecken sind.Für die Instandhaltung und den Ausbau des Stromnetzes ist in Lettland "AS Sadales tīkls" verantwortlich. Am 28. August meldete die Firma, dass die Reparaturmaßnahmen immer noch andauern. Etwa 2000 Kundinnen und Kunden seien immer noch ohne Strom. 31% des heutigen Netzes bestehe aus Freileitungen, 69% seien wetterbeständig, heißt es - bis 2035 soll dies auf 85 % ausgebaut werden (TVNet). Schon bis 2030 ist geplant, alle Ortschaften mit mehr als 500 Einwohnern auch ohne Freileitungen versorgen zu können. (IR)
Für die Zukunft: Notfallzentren
Auch einheitliche Richtlinien seien nötig, wann Veranstaltungen abgesagt werden müssen, sagt Arvis Zīle, Leiter des lettischen Zentrums für Krisenmanagement, das direkt der Staatskanzlei und dem Ministerpräsidenten unterstellt ist. Bisher hätten Veranstalter immer nach eigenem Ermessen entschieden.
Es gibt bereits Firmen, die "72-Stunden-Überlebensrucksäcke" (Dabei / 72x / mugursoma72 / BalticOutdoors) anbieten - deren Anschaffung auch das Krisenzentrum empfiehlt. Eine Standardausrüstung ist das allerdings nicht - es gibt Varianten ab 150 Euro das Stück - im Preis sind aber noch keine Lebensmittel enthalten. Ein gefriergetrockneter Notvorrat wird in kleinen Eimerchen für 120 bis 180 Euro angeboten (dabai). In der Werbung der Anbieter sieht die Nutzung fast aus wie ein Familienausflug - lass uns mal in den Wald gehen und mit den Kindern ein wenig üben.Es ist vorgesehen, in Zukunft in jeder lettischen Gemeinde ein Notfallzentrum einzurichten, wo zumindest ein Stromanschluss, Trinkwasser und eine Internetverbindung für alle bereit gehalten werden soll. Über weitere Maßnahmen will die Regierung zeitnah entscheiden.


