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21. Juni 2026

Kikeriki wird sechzig

"Kikeriki!" Ja, nachdem wir verstanden haben, dass dieser stolze Hahnenschrei auch in Lettland verstanden wird (nur ganz leicht in "Kikerigū" abgewandelt), könnten wir uns damit befassen, was vor 60 Jahren in Lettland geschah. Ok, damals war es noch das sowjetische Lettland, aber zumindest begann damals eine lettische Tradition, die noch heute fortgesetzt wird.

Es ist ja nicht selten, dass lettische Traditionen mit einem Hahn (und noch öfter einem "Hähnchen") zu tun haben. "Was hast du gesagt, mein Hähnchen?" so fragt ein lettisches Kinderlied.  

Arnold, der erste 

Arnolds Burovs war bereits fast 50 Jahre alt, als er 1964 zusammen mit einer kleinen Gruppe von Gleichgesinnten im Filmstudio Riga eintraf, zusammen mit Puppenspieler und Puppentheaterdarsteller Arvīds Noriņš, Valentīns Jakobsons, dem Leiter der Inszenierungsabteilung des Puppentheaters, der Puppenbildhauerin Anna Nollendorfa und dem Kameramann Pēteris Trups. Der erste Puppenfilm des Rigaer Filmstudios war „Ki-ke-ri-gū!“, entstanden im Jahr 1966. Arnolds Burovs, 1915 in Riga geboren, war Drehbuchautor und Regisseur. Die Puppen wurden von Arvīds Noriņš und Brigita Krastiņa geführt. Der Kern dieses kreativen Teams blieb lange Zeit bestehen. 

„Ki-ke-ri-gū!“ war 10 Minuten lang, und erscheint um so eindrucksvoller, da mit den damals spärlichen, fast minimalistischen Mitteln gearbeitet werden musste. Ein Film in lettischer Sprache. 2015 erinnerte das lettische Fernsehen an den 100.Geburtstag von Arnolds Burovs, der allerdings bereits 2006 im Alter von 91 Jahren verstorben war. Insgesamt 40 Puppenfilme hat er geschaffen.

Die nächste Generation 

Aktuell sieht sich auch das Produktionsteam der „Animācijas Brigāde“, das derzeit einzige lettische Puppenanimationsstudio, ganz in diese Tradition. Dort schaffen heute der Regisseur Jānis Cimmermanis, Dace Rīdūze, Dace Rožlapa, Gints Grasis, Ēriks Kiršteins und Māris Brinkmanis neue Filme. Auch der 2024 verstorbene Māris Putniņš gehörte dazu, der unter anderem auch für den Film "Mazie laupītāji" verantwortlich war, der unter dem Titel "Die kleinen Bankräuber" auch in Deutschland in den Kinos und im TV lief.  

Jānis Cimmermanis, der als Weggefährte von Burovs gilt, berichtet dass es nicht so einfach gewesen sei, in Burovs Kreativteam aufgenommen zu werden. „Im Puppenstudio wurden nicht einfach so Leute aufgenommen – es war nicht so, dass jeder, der wollte, einfach so mitmachen durfte. Burovs wählte sie sehr sorgfältig aus. Er mochte es nicht, wenn Leute kamen und gingen. Er wählte immer eher ernsthafte Menschen aus, die arbeiten konnten, die sich etwas ausdenken konnten, Menschen, die mit ihren Hände etwas anfangen konnten“, betont Cimmermanis (reTV)

Das neueste Produkt der „Animācijas Brigāde“ ist derzeit ihr neuer Puppenfilm "Sfinksas Albertas smaids" („Das Lächeln der Sphinx Alberta“) (Trailer).  

Die Ausstellung „60 Jahre lettischer Puppenfilm!“ ist noch bis zum 1. September 2026 in Valmiera zu sehen. Der Eintritt ist frei. 

14. Februar 2026

Wahlfach Kunst oder Sport

"Wir sind ein Volk das singt!" so heißt es oft in Lettland, und so sieht es auch Zane Čulkstēna, Gründerin des "KIM?", des Zentrums für zeitgenössische Kunst, und Initiatorin vieler Kulturprojekte in Lettland. Eine aktuelle Umfrage unter lettischen Jugendlichen zeigt: rund 19 % der jungen Menschen äußern den Wunsch, in der Kreativbranche (Kunst, Design, Musik) zu arbeiten, und von einer Karriere als Sportlerin oder Sportler träumen 14%. (IR)

Drang auf die Bühne 

Das bedeutet: fast ein Drittel aller jungen Leute drängen sich in diese beiden Bereiche, die allerdings zusammen nur 3-4% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Lettlands erwirtschaften. Durchgeführt wurde die Studie im Rahmen der Initiative "Education Accelerator Latvia", auf drei Jahre (2023-26) angelegt, deren Ziel es ist, durch eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor einen langfristigen, systemischen Wandel in der beruflichen Bildung und Kompetenzentwicklung zu fördern. (labsoflatvia)

"Wir sind ein Volk von Sängern und Theaterschauspielern, das ist natürlich wunderschön!" meint auch Zane Čulkstēna, und schreibt das vor allem den großen Fanlagern von Stars wie Kristaps Porziņģis oder Kaspars Daugaviņš zu. (IR) Sie selbst studierte mit einem Fulbright-Stipendium an der Columbia-Universität in New York. "Mir ist wichtig, ein Teil der Welt zu sein, nicht nur ein Teil Lettlands", sagte sie einmal in einem Interview. (santa) 

"Aber ein beträchtlicher Teil der Jugendlichen ist verwirrt und weiß nicht, welchen Karriereweg sie einschlagen sollen", meint Čulkstēna. "Wenn aber alle auf der Bühne stehen wollen, wer kauft dann die Konzertkarten, wer wird zum Kunstmäzen, wer unterstützt mit seinen Steuern die Durchführung der Sängerfeste? Und wer kann ein neues Theatergebäude errichten?“

Gefeiert und prämiert 

Čulkstēna selbst bietet Marketing- und Imageberatung für Arbeitgeber an und ist Inhaberin der Consultingfirma „ERDA“ (der Firmenname sei von einer Figur in der Wagneroper "Ring des Nibelungen" inspiriert), dort werden auch mit dem Weltwirtschaftsforum gemeinsame Projekte durchgeführt. 

Beim Nachwuchs in Lettland dagegen nimmt das Interesse an Unternehmertum, Finanzen und Wirtschaft ab. Und nur 24% geben an, ein Gespräch mit einem Berufsberater innerhalb oder außerhalb der Schule gehabt zu haben. Die erwähnte Studie, an der 4.881 junge Menschen aus 152 lettischen Schulen und Fachhochschulen teilnahmen, offenbart auch Mängel im System: etwa ein Drittel der Befragten äußert Interesse an Betriebs-Praktika, aber die Hälfte davon hat keinen Praktikumsplatz bekommen. (labsoflatvia / lsm)

Es gehe auch um das Image eines Berufs, meint Zane Čulkstēna. „Junge Menschen haben eine romantische, sogar naive Vorstellung von kreativen Berufen – wenn du Gitarre spielst, bist du cool und berühmt! Das wird auch stark von den Medien gefördert“. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen veranstalte jedes Jahr Preiseverleihungen für die Kultur - es gäbe aber keinen Jahrespreis für Chemie oder Energietechnik. Und in vielen Schulen gäbe es einen Chor, eine Tanzgruppe und einen Keramikkurs - aber keinen Robotik-, Ingenieurs- oder Chemieclub. (IR)

2. Januar 2026

Bücher steuern

Zu Beginn eines neuen Jahres ist es immer angebracht, auf Änderungen und Neuerungen hinzuweisen. In Lettland wird unter anderem der Steuersatz für Verlage geändert, die Bücher herausgeben wollen: ab dem 1. Januar 2026 gelten für Medienpublikationen verschiedene Mehrwertsteuersätze: nun wird nach Sprachen getrennt. 

Für Bücher in der Landessprache, also Lettisch (auch Latgallisch und Livisch), gilt ein Steuersatz von 5% - ebenso wie für Publikationen in allen Amtssprachen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU), sowie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Im Ergebnis sind dann vor allem Bücher in russischer Sprache betroffen: darauf wird jetzt ein Mehrwertsteuersatz von 21% erhoben (vid.gov.lv / Likumi / Latvijas vēstnesis), ein Steuersatz, den man bisher nur im Fall pornographischer Inhalte kannte. 

Singen, sprechen, schreiben, lesen 

Rihards Jērums, Inhaber einer Buchhandlung in Riga, sieht diese Neuerungen kritisch: „Meine Buchhandlung verkauft seit den 90er Jahren hauptsächlich Bücher in russischer Sprache, auch Bücher von Emigranten und russischen Oppositionellen. Aber diese neue Regelung, dass wäre ja so, als ob Konzerte mit unterschiedlichen Steuern belegt werden, wenn in verschiedenen Sprachen gesungen wird. Vielleicht sollte man überlegen, ob man die Regelung nicht anfechten kann." (lsm) Jērums befürchtet, dass manche kleine Buchhandlung schließen muss, wenn die Verkaufspreise so stark steigen - und damit der Staat auch nicht die vielleicht erhofften zusätzlichen Steuergelder einnehmen kann. Außerdem gäbe es ja sowieso schon den Trend, Bücher im Internet zu kaufen - dann eben bei irgendwelchen europäischen Online-Shops. 

Zu guten Verkaufserfolgen hätten bisher auch russische Staatsbürger beigetragen, die in EU-Länder, darunter auch nach Lettland, umgezogen seien: „Das sind Menschen, die viel lesen. Es gibt sehr viele von ihnen hier", meint Jērums. Er nennt das Beispiel von Anton Dolin, ein seit 2022 im Exil lebender Filmkritiker, der in Russland zum „ausländischen Agenten” erklärt wurde. "Dank ihm exportieren lettische Händler sehr viele Bücher aus Russland nach Europa. Sie werden gleich palettenweise über Riga verschickt."

Import und Export 

Journalist Viesturs Radovics hatte für das Portal "delfi" recherchiert, ob in Lettland russische Bücher mit Titeln wie "In den Schützengräben des Donbass - der Kreuzzug des Neuen Russland" oder "Das postsowjetische Lettland - ein betrogenes Land" erhältlich sind (delfi). Seit 2022 sei solche Propaganda nach und nach aus den Regalen lettischer Buchhandlungen verschwunden, meint er. Aber noch 2023 habe Lettland Bücher, Zeitschriften, Karten und Ähnliches im Wert von 6,88 Millionen Euro aus Russland importiert - 2022 sogar für 7,55 Millionen Euro. In den Jahren davor sei der Wert importierter Bücher geringer gewesen: 2019 seien es 3,46 Mill. Euro gewesen. Radovics benennt drei große Firmen in Lettland, die größte sei eine GmbH "Kors N" mit 114 Angestellten in 12 Buchläden. In der zweitgrößten Firma in Lettland, "Kniga" ("Polaris"), haben man noch 2015 ein ganzes Regal mit Büchern gesehen, welche die Ukraine als "regiert von Faschisten" bezeichnet hätten. Auch bei Buchhändler Jērums war Radovics zu Besuch: dieser habe im erläutert, er verkaufe zum Beispiel schon lange keine Karten mehr, wo die Krim als russisches Gebiet eingezeichnet sei (delfi). 

Kaufen, ausleihen, online lesen?  

Auch Bibliotheken in Lettland erwerben weiterhin Bücher, die in Russland herausgegeben sind, stellt Journalistin Inga Šnore für die Fernsehsendung "De facto" fest. "Bibliotheken sollten neutral sein, und gleichzeitig unabhängig", sagt Baiba Īvāne, Mitglied der Lettischen Bibliothekarsvereinigung und Chefbibliothekarin der Bibliothek des Bezirks Salaspils. "Niemand kann uns vorschreiben, was wir einkaufen, und was nicht. Daher kam der Aufruf, möglichst keine Bücher eines Agressorstaates anzukaufen, tatsächlich erst in diesem Jahr", erläutert sie. Einen entsprechenden Aufruf haben inszwischen 200 Bibliotheken in Lettland unterschrieben. "Aber was wir während der Zeit der sowjetischen Besatzung erlebt haben - lange Listen mit verbotenen Büchern, und die Bibliothek als Sprachrohr der Macht - das wollen wir auf keinen Fall," betont Īvāne (lsm). 

Skaidrīte Naumova, Verlegerin beim Verlag "Madris", berichtet von eigenen Versuchen, Bücher sowohl in lettischer als auch in russischer Fassung zu publizieren. "Aber es endete nicht gut," meint sie, "wir konnten diese Bücher nicht zu so einem günstigen Preis anbieten, wie vergleichbare Publikationen aus Russland." (lsm) Unter den bekannteren russischen Autoren gäbe es nur Boris Akunin, dessen Werke inzwischen in Riga gedruckt würden, heißt es. 

Eine ganz andere Frage wäre es ja auch, wenn Verlage Bücher in zwei verschiedenen Sprachen herstellen - bei Gedichten zum Beispiel ist das ja öfters der Fall. Die Frage, welcher Steuersatz dafür dann in Lettland gelten soll, scheint bisher noch nicht entschieden. Und über Bücher in Jiddisch, Belarussisch, Roma oder Walisisch (letztere ist keine offizielle EU-Amtssprache) haben wohl auch noch nicht alle Verantwortlichen im lettischen Finanzministerium nachgedacht. Ebenso noch offen scheint die Frage, was mit Internetportalen passiert, die Inhalte in mehreren Sprachen, darunter Russisch, anbieten. 

Beschlossen im Paket 

Aus den Reihen der Parteien, die gegenwärtig die lettische Regierung bilden, sind auch kritische Äußerungen zu der neuen Regelung zu vernehmen - die allerdings wohl nicht soweit gehen, sich im Parlament gegen dieses Gesetz auszusprechen. Man habe die Regelung als Ergebnis von Koalitionsabsprachen "im Paket" mit anderen Beschlüssen befürwortet. Für nachträglichen Widerspruch scheint auch der Zusammenhalt der Koalition aus "Jauna Vienotība", "Progressiven" und der "ZZS" als zu wackelig und instabil, und niemand der Regierenden möchte das verschärfen. Zudem stehen für den 3. Oktober diesen Jahres Parlamentswahlen an. 

Naja, es ist ja erst Jahresanfang. Die Gesetzesänderung wurde übrigens zusammen mit Steuererleichterungen beschlossen - so liest es sich insgesamt vielleicht angenehmer? Im Rahmen eines Pilotprojektes wird der Mehrwertsteuersatz auf Brot, Milch, Geflügelfleisch und Eier in Lettland vom 1. Juli 2026 bis zum 30. Juni 2027 auf 12 % gesenkt. Das Landwirtschaftsministerium wird in Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium danach die Ergebnisse aufwerten, heißt es. Wir wünschen dann mal "gute Auswertung" und "fröhliches Dazulernen"!

15. Dezember 2025

Bücher im Fass

Regale, Bücher
und Lesende

Eine schöne Aktion kam in diesem Jahr von der Lettischen Nationalbibliothek: "Schickt uns ein Foto, ein Selfie mit eurem Bücherregal!" ("Mans grāmatplaukts") Gefeiert werden 500 Jahre lettischsprachige Bücher. (siehe auch: Posterausstellung)

Die Geschichte dieser angeblich ersten lettischen Bücher ist jedoch spannend. "Eine unvollendete Detektivgeschichte" nennt Historiker Thomas T. Müller es in einem Interview mit der Zeitschrift "IR".  (siehe auch: Luthermuseen) 
Was meint er damit? 

Lettisch als Schriftsprache - damals illegal 

Vor 500 Jahren wurden im Hafen von Lübeck Bücher gefunden, soviel ist einer knappen Notiz von Johannes Brandes zu entnehmen, der damals Dekan des Domkapitels von Lübeck war. Ein Fass mit verbotenen lutherischen Büchern sei gefunden worden, darunter solche "in livonischer, lettischer und estnischer Sprache".  Auch wenn Brandes diese Notiz sogar mit einem Datum versah - es soll am 8. November 1525 passiert sein - so gibt es eben außer diesem Dokument keinen Nachweis, dass es damals wirklich Bücher in lettischer Sprache gab. Und bei der Angabe "livonisch" steht noch mehr in Zweifel, was damit gemeint sein könnte: Livisch? Oder doch eher niederdeutsch? 

Die erwähnten Bücher gibt es heute nicht mehr - zumindest hat niemand sie je wieder gesehen. In sofern schlussfolgert Historiker Müller, es sei noch viel zu tun, um hundertprozentig zu beweisen, dass es diese angeblich lettischsprachigen Bücher wirklich gegeben habe. Und außerdem habe in Lübeck 1525 ziemlich sicher niemand Bücher dieser damals "seltsamen Sprachen" lesen können. 

Seltsame Sprachen, aufwändige Bücher 

Die Reformationsbewegung habe damals versucht, ihre Botschaft auch in den Sprachen der Völker, die missioniert werden sollten, zu verbreiten, so heißt es. Bücher für alle, die lesen konnten - nicht nur für Geistliche. "Es waren deutschsprachige Reformatoren wie Silvester Tegetmeier und Andreas Knöpken, die in der St.-Jakobs-Kathedrale bzw. in der St.-Petri-Kirche tätig waren", meint Historiker Müller. "Aber auch der Prediger Melchior Hofmann, der kurz vor der Veröffentlichung dieser Bücher noch in Wittenberg gewesen war und zusammen mit Luther einen Brief an die Livländer veröffentlicht hatte, der ebenfalls gedruckt wurde." 

Historiker Müller hält es ebenfalls für möglich, dass damals Studenten aus Livland in Wittenberg gewesen seien, die Lettisch beherrschten. Denn auch Prediger Hofmann habe Reisegefährten gehabt, die sich mit der estnischen Sprache auskannten. "In der Druckerei in Wittenberg, wo diese Bücher gedruckt worden sein könnten, müsste man mal nachsehen, ob dort Buchstabenformen gefunden werden könnten die auf den Druck lettischer Bücher hinweisen – das könnte eine neue Forschungsrichtung sein." (IR)

Und schließlich: es ist nicht bewiesen, dass die 1525 aufgefundenen Bücher auch wirklich verbrannt wurden. Einzelne Buchseiten könnten wiederverwertet worden sein, als Umschlag zu einem anderen Buch zum Beispiel. Wer also noch entsprechend alte Bücher im Archiv haben sollte, könnten mal nachsehen. 

20. Oktober 2025

Schall, Rauch und Flug

Und wieder taucht ein Thema auf, sehr gut geeignet, damit sich die "drei baltischen Schwestern" miteinander vergleichen können: wer ist die Schönste un Klügeste im Lande - Estland, Lettland oder Litauen? Tallinn, Vilnius oder Riga? In der lettischen Hauptstadt wurde ein Manko entdeckt: der Flughafen hat keinen Namen. 

Komponist, Staatsmann, Filmemacher?  

Ja, der Flughafen in Tallinn wirbt zwar schlicht mit dem Spruch "the worlds cosiest airport", heißt tatsächlich schon seit 2009 "Lennart Meri Tallinna Lennujaam" - trägt also den Namen des ehemaligen estnischen Präsidenten Lennart Meri (1929-2006). Und in Vilnius wurde gerade kürzlich ein Jubiläum genutzt: 2025 stand der 150. Geburtstag von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis (1875-1911) an, und die Idee setzte sich durch, nun auch den Flughafen der Haupstadt nach im zu benennen. Die Strategie "kurz uznd einprägsam" scheint es aber nicht gewesen zu sein: offiziell ist es jetzt "Tarptautinis Vilniaus Čiurlionio oro uostas". Nicht mehr so einfach zu übersetzen: Vilnius Čiurlionis? Zweiflern zum Trost: diese Benennung ist bis zum 31. Dezember 2029 begrenzt. 

Und was sagen wir in Riga? Offiziell einfach "RIX". Das passt auch auf jedes Flugticket. Nun wurde in der Fernsehsendung "Kulturšoks" darüber diskutiert, ob nicht auch der Airport Riga den Namen einer bekannten lettischen Persönlichkeit tragen solle. Vorschläge gab es natürlich mehrere. Theaterwissenschaftlerin Ieva Struka sprach sich für einen "Rainis&Aspazija"-Flughafen aus: Aspazijas 160. Geburtstag wurde im Juni mit einem Theaterfestival zu ihren Ehren gefeiert (auch Rainis wurde im selben Jahr geboren). Und wenn Theaterwissenschaftlerinnen über Flughäfen diskutieren, dann klingt es so: „Die Flughäfen, die noch keinen solchen Namen haben, leiden entweder unter einem Mangel an Initiative oder sind tatsächlich der Meinung, dass sie nichts haben, worauf sie stolz sein können, was ich nicht glauben möchte, da es eine sehr strategische Angelegenheit ist, über seine bedeutenden Persönlichkeiten etwas zu erzählen.“ (lsm) 

Umgefragt 

Die "Kulturšoks"-Redaktion hatte extra eine Umfrage in Auftrag gegeben um zu erfahren, welche Namensvorschläge vielleicht erfolgsversprechend und gewünscht sein könnten. Ergebnis: zwar wurden auch Namen wie Krišjānis Barons oder Jānis Čakste genannt, aber 66% der Befragten meinten, der Flughafen Riga brauche keinen neuen Namen. Hier sei einmal das Argument aus Vilnius gegenübergestellt: durch "physische und digitale Lösungen" soll das Schaffen und die Persönlichkeit von M. K. Čiurlionis den Reisenden nähergebracht und interaktiv präsentiert werden.

Andris Ērglis, Leiter des Krišjānis-Barons-Museums, zählt auf: "Wir können die Barons-Straße entlanggehen, da tragen viele Geschäfte ebenfalls diesen Namen - von "Barons-Schuhe" über „Barons foto” bis zum „Barona centrs”. Und auch ein großes Porträt von Barons gab es lange als Fassadenwerbung." (lsm) Seine Variante: vielleicht "Dainu tēva lidosta"? (das würde dann übersetzt etwa "Vater-der-Dainas-Flughafen" heißen). 

RIX ist FIX 

Seit Beginn des Jahres 2024 arbeitet der Flughafen Riga mit neuer "visueller Identität" als "RIX". Graphik-Designer Miķelis Baštiks hatte bei dieser Entscheidung mitgearbeitet und berichtet, dass auch die Vergabe des Namens einer Persönlichkeit damals in Betracht gezogen worden sei. "Am Ende haben wir aber gesagt, ein Name muss auch für das internationale Publikum leicht ausgesprochen werden können." 

Werbefachmann Andris Rubīns dagegen hat eigene Vorschläge: "Wir haben doch Mark Rothko, Mikhail Barišņikovs, Kristaps Porziņģis, Elīna Garanča." Er gibt allerdings zu: "Einen Mark-Rothko-Flughafen gäbe es wohl nur dann, wenn Daugavpils einen Flughafen hätte." 

Auch die Entwicklung dieser "RIX-Identität" hatte bereits 100.000 Euro gekostet. Alles andere bleibt also vorerst - noch weniger als Schall und Rauch. 

29. Mai 2025

Kein Zweifel

Das Team des Architekturbüros Zaiga Gaile
präsentiert das Modell ihres Projektes, so wie es
jetzt in Venedig ausgestellt wurde
"No Doubt About It" sang "Hot Chocolate" in den 1980igern. In dem Lied ist von anderen Lebensformen und einer Wolke aus weissen und grünen fliegenden Schiffen die Rede. - Ganz aktuell gibt es die "Zweifelsfreien" diesmal am Rande der 19. Architekturbiennale in Venedig als Diskussionsveranstaltung und Ausstellung: unter dem Titel "No doubt about it" stellt Kurator Vladimir Belogolovsky in der Magazzino Gallerie vom 8.Mai bis 23. November 2025 Architekturprojekte aus Armenien, Georgien, Polen, China, Deutschland und Lettland vor ("IR").

In Venedig mit dabei ist auch die lettische Architektin Zaiga Gaile - sie stellt ihre Entwürfe zur Restaurierung des früheren Haus der "Gesellschaft der Musse" in Riga vor, zuletzt bekannt als "Wagner-Saal" (vagneriga). An ihrer Seite - wie fast immer - Ex-Ministerpräsident Māris Gailis (youtube), der auch geschäftsführender Vorsitzender der "Richard-Wagner-Gesellschaft Riga" ist, vorgestellt als "erfahrener Immobilienentwickler und Unternehmer". (vagneriga, siehe auch: "Wagner-Dämmerung")

"Musse" ist kein Müßiggang 

Zu Zeiten Wagners gab es in dem Haus, das jetzt in der "Riharda-Vāgnera-iela" liegt, eine Bibliothek und einen Lesesaal, einen Tanzsaal, ein Damenlokal, einen Herrenclub und mehrere geräumige Salons.

Die Richard-Wagner-Gesellschaft Riga (RWGR) und das Architekturbüro Zaiga Gaile betonen, dass mit der Präsentation des Projekts in Venedig ein symbolischer Bogen gespannt wird – von Riga über Bayreuth nach Venedig und zurück. In Riga wirkte Richard Wagner 1837 bis 1839 als Kapellmeister am ersten Stadttheater. In Bayreuth baute Wagner 1876 sein eigenes Opernhaus, das die in Riga entwickelten Prinzipien umsetzte und bis heute jedes Jahr das renommierte Bayreuther Festspielhaus beherbergt. Und Venedig war der Ort, wo Wagner 1883 starb. - 2020 hatte die staatliche Immobilienverwaltung das historische Gebäude auf die Richard-Wagner-Gesellschaft Riga übertragen (NMZ). Im Mai 2023 konnte der Grundstein für das Projekt eines neuen "Wagner-Theaters" gelegt werden (richard-wagner.org) 

Ein Schicksalsschiff 

Im neu gestalteten Haus soll sogar ein Modell des Schiffs "Thetis" zu sehen sein, mit dem Wagner im Sommer 1839 von Pillau aus über Norwegen nach England floh - inklusive eines schweren Sturmes, der Wagner angeblich zu seiner Oper "der fliegende Holländer" inspirierte (siehe auch: Bayrischer Rundfunk). 

Es sei nicht ganz einfach gewesen, das Modell des Projektes nach Venedig zu transportieren, berichtet Zaiga Gaile. Schon aus dem eigenen Architekturbüro in Riga musste es auf dem Fenster mit Seilwinden nach draußen gehoben werden. In Venedig kam das Ehepaar Gaile mit der kostbaren Fracht per Schiff an - allerdings nicht ohne Verluste. Alles war sorgsam in Luftpolsterfolie eingepackt worden, aber das winzige Modell der "Thetis" wurde, in Folie verborgen, beim Auspacken von einem Arbeiter versehentlich weggeworfen. "Armer fliegender Holländer!" kommentiert Māris Gailis, der ja selbst mit seiner Yacht "Milda" auch schon eine Weltumseglung unternommen hatte. (filmas / Dienas bizness)

20 Millionen Euro sollen bisher an Spenden gesammelt worden sein, um das Projekt des neuen "Wagner-Konzerthauses" fertigzustellen. Fünf Millionen Euro kommen von deutscher Seite dazu (siehe Beitrag). Allerdings werden die Gesamtkosten inzwischen nicht mehr auf 40, sondern bereits auf 47 Millionen Euro veranschlagt - mehr, als die kürzlich fertiggestellte Modernisierung des Gebäudes für das Neue Rigaer Theater (Jaunais Rīgas teātris). Es ist vorgesehen, dass nach Fertigstellung auch das Orchester der Kremerata Baltica hier beheimatet sein soll. ("IR"). Bisher ist eine Fertigstellung innerhalb von 10 Jahren vertraglich festgelegt, wird das nicht erreicht, könnte das Haus wieder für andere Zwecke vorgesehen werden. "Aber im schlimmsten Fall, wenn es dann auch nicht ganz fertig sein sollte - es wird dann so aussehen, dass niemand es so leicht zu einem Casino oder Hotel umwandeln kann!" Davon ist das Ehepaar Gailis überzeugt. Bisher ist eine Eröffnung für 2028 vorgesehen - ein künstlerischer Leiter / eine Leiterin wird noch gesucht.  

19. Januar 2025

Alles für die Katz

Wird 2025 ein gutes Jahr für Lettland? Schon am fünften Tag des neuen Jahres waren viele überzeugt: ja, ganz bestimmt! An diesem Tag wurden die "Golden Globes" verliehen, und als Ergebnis könnte man ausrufen: "Alles im Flow!". 300 in Hollywood akkreditierte ausländischen Pressejournalistinnen und -journalisten aus etwa 80 Ländern stimmten ab über die Filme des Jahres 2024. (lsm)

"Flow" ist der Titel eines Animationsfilms, ein Produkt belgisch-französisch-lettischer Produktion: das Studio "Dream Well" in Lettland (extra für diesen Film gegründet), "Sacrebleu Productions" aus Frankreich und "Take Five" aus Belgien. Der lettische Titel "Straume" ("Strom / Strömung") weist auf das Grundthema hin: Tiere fliehen vor einer riesigen Flutwelle. (Trailer). Nun also auch mit dem "Golden Globe" prämiert, als erster Film aus Lettland überhaupt. 

Kein Stubentiger

Regisseure und Produzenten, von links: der Franzose
Ron Dyens, Gints Zilbalodis und Matīss Kaža
Für "Straume" steht vor allem Gints Zilbalodis: Regisseur, Drehbuchschreiber (zusammen mit Matīss Kaža) und Co-Produzent (zusammen mit Matīss Kaža, Ron Dyens, Gregory Zalcman). Und zusammen mit Rihards Zaļupe stammt auch die Musik von ihm. Das belgische Studio „Take Five“ war für einen Teil der Postproduktion von „Flow“ verantwortlich. "Vielen Dank, dass Sie sich für unseren kleinen Katzenfilm entschieden haben", so wird Regisseur Zilbalodis nach der Preisverleihung zitiert (fold).

"Flow" feierte in Cannes seine Weltpremiere und hatte als Deutschlandpremiere die 66. Nordischen Filmtage Lübeck eröffnet. Von lettischer Seite wird gerne auch die vermeintliche "Moral" der Filmgeschichte, die ganz ohne Dialoge und Sprache auskommt, betont: Tiere nutzen ihre Fähigkeiten und kooperieren - eine tierische Schicksals-Gemeinschaft trotzt auf einer Arche der Sintflut. Auch die belgische Seite betont ihren Anteil am Erfolg: "Da der Film keine Dialoge enthält, ist die Intensität des Klangs sehr entscheidend für das Endergebnis und die Wirkung auf den Zuschauer." (vrt)

Lettisches Produkt in schwierigen Zeiten

48 weitere Preise habe der Film zwischen der Premiere in Cannes und dem "Golden Globe" bereits eingesammelt, so die lettische Presse - und inzwischen sei es Tradition beim Filmteam, nach jeder Preisverleihung einen ordentlichen "Burger" zu essen (IR / Facebook). Schon im November 2024 wurde Gints Zilbalodis zum "Rigenser (Einwohner Rigas) des Jahres" ernannt. (tv3) Im Dezember kam auch noch der Titel als "Europäer des Jahres" (verliehen von der Europabewegung Lettlands) hinzu.

Sehr besonders sei auch, dass der Film mit Software erstellt wurde, die im Prinzip überall kostenlos erhältlich sei, so heißt es. Angebote, in Hollywood zu arbeiten, habe Gints Zilbalodis ablehnt - er arbeite bereits an seinem nächsten Film, möchtet aber nicht nur als "Regisseur von Katzenfilmen" in Erinnerung bleiben, kündigt er an (Jauns). 

auch Karikaturist Gatis Šļūka thematisiert
die neuen lettischen Filmhelden

"Wir haben den Film ja in einer sehr unruhigen Zeit hergestellt,"sagt Produzent Matīss Kaža. "Erst die Covid-Pandemie, und dann der Krieg in der Ukraine." Es sei außerdem eine Zeit beängstigender Veränderungen, die nur mit Hilfe von Empathie, Verständnis und Zusammenarbeit überstanden werden könne. (IR) "Eigentlich schien doch schon die Nominierung für den 'Golden Globe' der größte Erfolg für die lettische Filmindustrie zu sein, gerade neben diesen Multimillionen-Dollar-Giganten", so Kinokritikerin Dita Rietuma; ihr kam die Preisverleihung wie ein ganz besonderes Geschenk vor, denn sie fand genau am Tag ihres Geburtstages statt.

Ganz tierisch

"Was bewegte Sie dazu, diesen Film zu machen?" wird Zilbalodis nach der Preisverleihung gefragt. Antwort: "Meine Katze" (Interview) und er verrät auch: "Alle meine bisherigen Filme waren ohne Dialoge. Und wir haben die Tiere sich wie Tiere verhalten lassen, nicht wie Menschen." (siehe making of) Zilbalodis betont auch, dass aufgrund des engen Finanzrahmens sehr exaktes Arbeiten gefragt war: "Wir haben nichts gedreht, was wir später wieder vernichtet hätten," meint er.


"Wir haben uns bei unserer Story keine Gedanken darüber gemacht, wo denn in dieser Geschichte die Menschen geblieben sein könnten", meint Gints Zilbalodis (Interview). Mit den eigenen Ängsten zu leben, dass lerne seine tierische Hauptfigur im Laufe des Films, meint er. Und die Zuschauer sollen lernen, genau hinzusehen. Erst kurz vor der Premiere in Cannes sei der Film fertig geworden, und es sei dann doch sehr befriedigend gewesen wie das Publikum dort reagiert habe, meint er - und freut sich, dass "Flow" nun wohl der am meisten in der ganzen Welt verbreitete Film aus Lettland sein wird, ganz ohne die Mühe einer Überetzung. 

Symbolik im Trend?

Steht der Erfolg dieses Films auch für andere gesellschaftliche Trends? Für den Kampf fürs Klima und gegen drohende häufige Überschwemmungen? Von lettischer Seite ist dazu nichts zu hören oder lesen. Im Film ist das auch kein Thema. Notwendigkeit zur Zusammenarbeit, Gemeinschaft, Mitgefühl, Liebe - das ja. "Eine großartige emotionale Reise, die in der heutigen zynischen Welt äußerst selten ist", meinte eine lettische Kinokritikerin schon im August 2024, als der Film in die lettischen Kinos kam (IR). Die lettische Zeitschrift "Kinoraksti" fragt sogar nach einem möglichen "Zeitalter der Katzenhaftigkeit", mit Bezug auf die Häufung niedlicher Katzenvideos im Internet - und bemerkt aber auch, das in diesem Film die Katze völlig namenlos bleibt. 

Das Filmteam auf dem Rückflug nach Lettland, unterstützt
auch von der heimischen "Air Baltic"

Bereits viel diskutiert wurde offenbar in den lettischsprachigen sozialen Netzwerken über die Farbe der Katze im Film: schwarz, oder doch eher dunkelgrau? "Eher dunkelgrau", stellt der Schöpfer des Tieres klar (Facebook). Die lettische Presse berichtet indessen begierig über weitere lettische Erfolge: so habe "Straume / Flow" allein in Mexiko innerhalb von nur zwei Wochen schon eine Million Zuschauer gehabt. (LA)

Lettische Sintflut auch für deutsche Kinos?

Was sagt das deutsche Publikum? Erst Anfang März wird "Flow" in den deutschen Kinos zu sehen sein. Einige Kritiken gibt es schon: Joachim Kurz sieht sich für "Kino-Zeit" auf "Augenhöhe mit einer namenlosen Katze" und diese "als Illustration und Umsetzung von Überlegungen über die Erde ohne den Menschen einerseits und über die Folgen des Klimawandels andererseits". Und "Polyfilm" (Österreich) titelt: "Wie die Katze ihre Angst vor dem Wasser verlor."

Nicht so überzeugt wirkt die Schweizerin Viktoria Engler für "What the film".  Zwar outet sie sich als "eingefleischte Animationsfilm-Liebhaberin", Bei knapp 90 Minuten Film konstatiert sie "biblische Ausmaße" - vielleicht wegen dem Boot, das ähnlich einer Arche Tiere vor der Sintflut rettet? Lob gibt es für "das viele Wasser" im Film, das "schwierig zu animieren" sei. Die Handlung jedoch sei stark von der visuellen Atmospähere getragen, weniger von spannendem Verlauf. "Zu seicht" - so hier das Urteil, mit etwas milderem Fazit: "Es gibt zu wenige Werke, die sich auf nicht-Menschliches konzentrieren; mit solchen Filmen kann man eventuell ein grösseres Verständnis für die Natur und ihre Bewohner schaffen."

Der "Goldene Globus" hat - unter Katzenbewachung -
bereits einen Platz im Nationalen Kunstmuseum gefunden

Prädikat "Besonders wertvoll" heißt es bei der "Deutschen Film- und Medienbewertung" (FBW). Die Jury formuliert es so: "eine fesselnde Fabel, die nicht nur durch ihre eindrucksvolle Animation und ihr starkes Sounddesign überzeugt, sondern auch durch ihre tiefgreifenden Themen von Umweltzerstörung, Vergänglichkeit und zwischenmenschlichen Beziehungen." (freigegeben ab 6 Jahren)

Anfang März 2025 wird "Flow" auch in die deutschen Kinos kommen. Der Film ist auch für den "Oscar" nominiert. Zu den vielen Kooperationspartnern gehörte das Nationalen Lettischen Filmzentrum, die Staatlichen Kulturstiftung Lettlands, Eurimages, das Französische Nationale Filmzentrum, Arte, Canal+ sowie verschiedene regionale Stiftungen und Förderprogrammen in Frankreich und Belgien.

22. November 2024

Harmonie für's Kongreßhaus

Wer sich die aktuellen Entwürfe ansieht, meint vielleicht, am Kalpaka Boulevard in Riga solle gleich eine neue Stadt aus dem Boden gestampft werden. 

Seit langer Zeit schon wurde über den Bau eines neuen Konzerthauses geredet und gestritten - zunächst meinte man sich auf einen Bau mitten in der Daugava geinigte zu haben (siehe Bericht), dann schien der Bau der Nationalbibliothek wichtiger (die 2014 eröffnet wurde). 

Von der langen Bank - auf die lange Bank

Die Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat änderten sich mehrfach, und es kamen immer neue Vorschläge dazu, welcher Ort am geeignesten für ein Konzerthaus sein könnte. Schließlich wurden alle davor liegenden Beschlüsse verworfen und man begann wieder bei Null. Nun wurden insgesamt 36 verschiedene Orte in Riga wurden geprüft. Inzwischen scheint die Sache klar: schon innerhalb der nächsten zwei Jahre sollen entscheidende Schritte getan sein, das bisherige Kongreßhaus als "Rīgas Filharmonija" (Philharmonie Riga) umzubauen. Abreissen konnte und wollte man dieses 1982 im postmodernen Stil gebaute Haus nicht - das wurde als Rahmen einer internationalen Ausschreibung festgelegt, bei der sich über 120 Architekturbüros bewarben, davon fast 100 aus dem Ausland.

Das Projekt soll nun durch ein internationales Team vorangetrieben werden, das aus etwa 100 Personen besteht, auch ein Aufsichtsrat wurde geschaffen. Zögerlich ist man noch bei der Benennung der genauen Umbaukosten: zunächst müsse man die "Entwurfsarbeiten fertigstellen", heißt es, und über die notwendigen Mittel für den Bau der Rigaer Philharmonie müsse dann die Regierung noch entscheiden.

Neue Pläne und Ziele

Am 20. November wurden die Pläne bei einer öffentlichen Veranstaltung im Rigaer Rathaus präsentiert. Einiges davon wirkt, mit deutschen Augen gesehen, fast ein wenig wie die große Verhüllung des Reichstags in Berlin - nur diesmal nicht als Kunstprojekt, eher als Prestigeprojekt der Musikstadt Riga. 

Das neue Haus soll dann auch als Tourismus-Magnet wirken; die Stadtoberen stellen es gern in eine Reihe mit Konzerthäusern in Kopenhagen, Amsterdam, Oslo und auch - besonders was lange Planungs- und Bauzeiten angeht -  mit der Elbphilharmonie in Hamburg. Das Unternehmen „Mark arhitekti und Mailītis arhitekti“ soll das Bauvorhaben koordinieren und bis 2026 sollen alle administrativen Voraussetzungen erfüllt sein um mit dem Bau zu beginnen. (lsm)

Ein Haus als Heimat für viele

Eine Fläche von 19.561 m² soll das neue Haus umfassen. Im jetzt gebildeten Aufsichtsrat sind auch künftige Nutzer vertreten, wie z.B. das Nationale Symphonieorcheter ("Latvijas Nacionālā Simfoniskā orķestra" LNSO) und "Latvijas Koncerti" als Veranstalter. Auch der lettische Radiochor und die Bigband des lettischen Radios soll dann hier ihr neues Zuhause finden. Die Fertigstellung des Umbaus soll, bisherigen Plänen zufolge, bis 2030 abgeschlossen sein. (lsm)

Das LNSO tritt bisher im Haus der "Großen Gilde" in Riga auf, das 1936 mit luxuriöser Holzausstattung ausgestattet und 1965 nach einem Brand zuletzt restauriert wurde. Aber auch für die 3576.40 m² Fläche dort, hinter der beeindruckenden mittelalterlichen Fassade, gibt es aktuellen Renovierungsbedarf (Kostenschätzung; 14 Millionen Euro). Danach hofft man, auch dort an mindestens 100 Tagen im Jahr Konzerte veranstalten zu können, mit einer Gesamtzahl von 7500 Besuchern. 

Ein weiterer, realtiv neu gestalteter (ebenfalls traditionsreicher) Ort für Konzerte ist gegenwärtig in Riga der sogenannte "Hanzas Perons" ("Hanse-Bahnsteig"), ein ehemaliges Lagerhaus der Eisenbahn. Immerhin ist hier Raum für bis zu 1200 Sitzplätze. 

Wer in Lettland gar nicht mehr den richtigen Konzertsaal findet, aber die Nutzung von digitalen Angeboten liebt, kann übrigens sich in das Projekt "Konzertsaal zu Hause" (Mājas Koncertzāle) einschalten. (Bisher) kostenlos, und sicherlich mit genügend "Appetithäppchen" - nicht nur aus dem Bereich der Klassik.

16. September 2024

Darmstädter Waldluft

Wo liegt eigentlich der Darmstädter Kiefernhain? Eine Frage, mit der selbst gut trainierte Suchmaschinen Schwierigkeiten haben. Denn nein, es ist nicht das Naturdenkmal in Darmstadt-Eberstadt, und auch nicht die KITA Kiefernhain. Gemeint sind schon richtige Bäume, angepflanzt Ende des 19. Jahrhunderts. Es sind Kiefern, die in einem Naturschutzgebiet wachsen, und inzwischen also um die 120 Jahre alt sind (Darmštates priežu audze). Das Saatgut wurde aus Deutschland nach Lettland gebracht, die lettische Naturschutzverwaltung beschreibt das Gebiet inzwischen so: "ein gescheiterter Versuch Darmstadt-Kiefern anzubauen, die für die klimatischen Bedingungen Lettlands ungeeignet sind." Und die lettische Forstverwaltung schreibt: "dies ist der einzige Darmstädter Kiefernwald in Lettland." 

Oberförster eigenwillig

Das Gebiet steht schon seit 1977 unter Naturschutz, ist 4,69 ha groß, liegt am Ufer des Flusses Lielupe und zählt heute zum Gebiet der (1959 gegründeten) Gemeinde Jūrmala. Ein Naturschutzkonzept bezeichnet das Gebiet als "dendrologische Besonderheit", denn besonders schützenswerte Tiere oder Pflanzen gibt es in diesem Gebiet nicht.

Das Saatgut sei Ende des 19.Jahrhunderts von einer Firma Keller aus Darmstadt bezogen worden, heißt es. Verantwortlich für die Anpflanzung war damals Eižen Ostvalds (Eugen Ostwald), deutschstämmiger Oberförster der Region Riga, der sich geweigert haben soll, den Wert lokaler Saatguterzeuger anzuerkennen. Er hoffte auf schnelles Wachstum und Gewinne durch den Holzverkauf - aber das Gegenteil trat ein. "Schon nach 10 Jahren war zu sehen, dass die Anpflanzungen mehr Äste und Zweige aufweisen - also nicht so gutes Holz ergeben," bestätigte auch der Dendrologe und Landrat Max Sivers (1857-1919). Und ein Teil der Anpflanzungen sollen schon den harten Winter 1887/88 nicht überstanden haben.

Krumm und schepp

Es soll damals hitzige Diskussionen in der Presse Lettlands zu diesem Thema gegeben haben. Der Darmstadter Firma wurde sogar unterstellt, die Samen billig aus Südfrankreich eingekauft und nicht einmal selbst hergestellt zu haben. "Kein Forstmann kann es verantworten, der Nachwelt Krüppelbestände zu hinterlassen", so urteilte Landrat Sivers in einer Forstfachzeitschrift. Die meisten dieser Anpflanzungen wurden später wieder entfernt. Heute ist nur die Anpflanzung in Jūrmala noch erhalten. 

Eigentlich gibt es auf diesem Gebiet auch keine Besiedlung. Allerdings befindet sich in der Nähe, auf dem Grundstück Bražuciems 0701, schon seit der Sowjetzeit eine sogenannte "Sommerzeltstadt", inzwischen auch mit mehr als nur Zelten - und es ist unklar, wieviele Menschen dort eigentlich auch ständig wohnen. (lsm)

Spenden für Darmstadt?

Vielleicht könnte Jūrmala ja heutzutage ein paar gute Kiefernsamen "zurückspenden" an Darmstadt? Die heimische Presse dort schreibt inzwischen vom "Kieferntod in Darmstadts Wäldern" (echo/ FAZ) Allerdings kennt man sich in der Ex-Residenzstadt offenbar schon lange mit krummen Kiefern aus: dort gibt es die "Schepp Allee", wo schon im 18. Jahrhundert Kiefern an Straßenrändern angepflanzt wurden, um die hochherrschaftlichen Kutschen vor dem überall herumfliegenden Sand zu schützen (Stadtlexikon). Ergebnis: lange hielten sich die Kiefern nicht. 1879 soll es 210 echte scheppe (schiefe) Kiefern gegeben haben, und 1954 waren noch 30 Kiefern übrig, die in ihren so ungewöhnlichen Wuchsformen überdauert hatten und, wie es heißt, Kindern einen idealen Kletterplatz boten  (stadtundgruen) (siehe Abb. Stadtarchiv Darmstadt)

Eine Partnerstadt in Lettland hat Darmstadt ja auch schon - seit 1993 ist das Liepāja. Ob es bei Besuchen aus Hessen bald regelmäßig Ausflüge zu den "Darmstädter Kiefern" gibt? Wohl eher nur für ganz eifrige Dendrologen.

22. Juni 2024

Namenstage

Mitsommer in Lettland - manche nennen es "Ligo-Feier", andere "Johanni", "Jāņi" oder "Vasaras saulgrieži" (Sommersonnenwende). Nach lettischem Kalender ist am 23. Juni "Līga" und am 24. Juni Jānis - und damit gelten diese beiden Namen als die am meisten "lettische Variante" bei der Namensgebung für Sohn oder Tochter. Ein Anlass zur statistischen Bilanz. 

einer der bekanntesten Menschen
der lettischen Kulturgeschichte
mit beliebtem Vornamen:
Jānis Rozentāls

44.994 Menschen in Lettland tragen den Namen "Jānis", das sind 1057 weniger als im Vorjahr. (delfi.lv) In Lettland mag das für eingefleischte Traditionalisten wenig erscheinen - aber im Verhältnis zu den derzeit 1.871.882 Einwohnerinnen und Einwohnern Lettlands, davon 869.000 Männer, macht das immerhin 5,1%. - Das wäre so, als ob von den 84,7 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern in Deutschland, davon 41,8 Millionen Männer, 2,13 Millionen "Johannes" heißen würden. Beliebteste Vornamen für Neugeborene in Deutschland derzeit: Noah, Mattheo, Elias, Leon, Paul (tagesschau).  Insgesamt scheint die weibliche Form "Johanna" beliebter als die männliche Variante zu sein - "Johannes" steht nur in Bayern weiter oben in der Statistik (vor 20 Jahren stand auch "Jan" noch weiter oben im deutschen Ranking) . 

Kann so manches über
lettisches Mittsommerfeiern
vermitteln:
"Kräuterfrau" Līga Reitere

Die Seite "baby-vornamen.de" bedauert, dass es in Deutschland gar keine offizielle amtliche Statistik der in Deutschland vergebenen Vornamen gibt. Das lettische Statistikamt dagegen fügt sogar noch hinzu: 38% aller lettischen Jungs mit dem Namen "Jānis" werden in Familien geboren, wo der Vater ebenfalls "Jānis" heißt; in 195 Fällen heißen sogar Vater und auch Großvater so.

Bei der lettischen "Līga" haben wir keine deutsche Variante (die "Bundes-Liga" mal ausgenommen) 😏 Lettland meldet 10.314 Frauen mit diesem Namen - ziemlich genau 1% der etwa 1 Million Einwohnerinnen, und um 598 mehr als im Vorjahr. (delfi.lv) Zu weiteren Vornamen stellt das zuständige Amt sogar eine Online-Suchmöglichkeit bereit. Wenn allerdings jemand in Lettland die Tochter nach der weltbekannten Janis Joplin benennen möchte - hat wahrscheinlich schlechte Karten bei lettischen Behörden.

Also dann: fröhlichen Namenstag!


28. Mai 2024

Nie wieder Eurovison?

Es geschieht nicht zum ersten Mal, dass Abstimmungen auf dem lettischen Portal "Manabalss" ("Meine Stimme") Schlagzeilen erzeugen. Ob für den Erhalt kleiner Schulen auf dem Lande, für ein Verbot der Luchsjagd, für Einführung eines Pfandsystems für Getränkeflaschen oder für ein Verbot von Kahlschlägen in lettischen Wäldern. Momentan wirbt eine Initiative um Beteiligung, die auch international für Verwunderung sorgt: nie wieder lettische Beiträge für die Eurovision! 

Zweifelhaft und unanständig?

Immerhin über 11.000 Unterstützende hat die Initiative schon gefunden. Gefordert wird die Beendigung der Teilnahme Lettlands am Eurovision Song Contest. Begründung: "Es ist sehr zweifelhaft, ob diese Maßnahme das Image und den Ruf Lettlands erheblich verbessert. Menschen, die dort teilnehmen, neigen dazu, sich obszön verhalten, und dies wird auch als Norm beworben." 

Obszön? Der im Original verwendete Begriff "piedauzīgi" wird auch mit "anstößig", "unanständig" oder "abstoßend" übersetzt. Also ein Moralapostel? Eine Idee, wie die frei werdenden finanziellen Mittel verwendet werden sollen, liefert Kristaps Bogdanovičs, der Autor der Eingabe, gleich mit: für den Sport (und für Biathlon im besonderen). Im Sport seien mehr "positive Beispiele für junge Leute" zu finden. An Doping dachte er dabei wohl offenbar nicht.

Internationales Aufsehen

Inzwischen erregen die lettischen "Sportfans" auch international Aufsehen. "Lettland 2025 nicht dabei?" fragen griechische und irische Eurovisions-Fans. Allerdings wird dort das Bogdanovičs-Zitat abgewandelt: statt von "sich abszön benehmen" ist jetzt von "behave wildly" die Rede. Beim litauischen LRT wie auch beim "Baltic News Serive" (BNS) wird es schon zur Staatsaffäre, denn hier ist die Überschrift "Lettland überlegt Ausstieg aus der Eurovision".Da die Initiative über 10.000 Unterstützer/innen hat, ist eine Beratung des Anliegens im lettischen Parlament vorgesehen - aber die steht bisher noch aus.

Wer ist Kristaps Bogdanovičs? 2014 ist dieser Name auf der Liste der "Jaunā konservatīvā partija" JKP fürs lettische Parlament (cvk) zu finden. Aber die JKP erreichte damals lediglich 0,7%, und Bogdanovičs bekam auf dieser Liste von 32 Kandidat/innen die zweitwenigsten Stimmen (cvk). 

... als Kaupers fast wie "Cowboy" klang:
früher war alles besser?

Tugendhafte Kritiker?

Nun also scheint er seine "Fans" gefunden zu haben (oder sollten wir "Anti-Fans" sagen?). Lettlands Teilnahme an der Eurovision kostete 2023 166 000 Euro, rechnet das Portal "Jauns.lv" nach. Die "Latvijas Avize" bringt auch die Aussage von Bogdanovičs, es sei verrückt, wenn der lettische Biathlon-Verband Spenden sammeln müsse um im Weltcup oder bei einer WM auftreten zu können. "Da ist Sport doch mit Sicherheit wichtiger als die Eurovision!" 

Und in einem weiteren Beitrag darf Jāzeps Baško das schildern, was er "die Gedanken einfacher Leute beim Betrachten der Eurovision" nennt. "Ich verfolge die Eurovison schon seit den Zeiten von 'Prāta Vētra' "; schreibt er (das war 2000 Platz 3, siehe Youtube). Baško bezeichnet die Eurovision als "europäische Schwulenparade" und meint, die "LGBT-Flagge" werde hier kräftiger geschwenkt als die Flaggen der teilnehmenden Länder. Dann folgt Bildhaftes: "Eurovision ist eine Veranstaltung der demokratischen Diplomatie. Es ist wie ein Zweikammerparlament, in dem das einfache Volk und die oberen Ränge über die Beziehungen zu den Nachbarländern abstimmen."

Oha, hier wird die Eurovision aber richtig ernst genommen! Originalton Baško: "Putin, die Chinesen und Muslime reiben sich die Hände. Europa ist noch attraktiver, als man es sich vorstellen kann. Es gibt Boden, den es zu kultivieren und wo es Ordnung zu schaffen gilt." (LA) Lobend erwähnt Baško die Beiträge von Frankreich und Israel (ohne nähere Begründung). 

Eurovisions-Fans wehren sich

Denken alle in Lettland so? 2023 machte der lettische "Künstler- und Produzentenverband" ("Latvijas Izpildītāju un producentu apvienības LaIPA") seine ausdrückliche Unterstützung für lettische Teilnehmer/innen bei der "großen Eurovision" öffentlich - die unterstützte Band "Sudden Lights" schied allerdings als elfte schon im Halbfinale aus. Auch 2024 unterstützte die LaIPA "Dons" aus Lettland speziell bei der Werbung für seinen Song schon vor dem Tag des Eurovisionsfinales - und hat vor, Ähnliches auch noch mindestens bis 2026 zu tun. (eurovoix) Der Verband erinnert auch daran, dass 2002 Lettland überhaupt nur deshalb teilnehmen konnte, weil Portugal sich zurückgezogen hatte - und in der Folge dann "Mari N" ("I wanna") gewann, als große Überraschung. 

Der zuletzt erfolgreichste lettische Beitrag zur
Eurovision: Aminata belegte 2015 mit "Love injected"
Platz 6

"Lettland muss sich wegen seiner Teilnahme an der Eurovsion nicht schämen - auch wenn die Finanzierung dieser Teilnahme eher amateurhaft ausfällt", so das Ergebnis einer Expertenrunde aus dem Jahr 2018, in einer Zeit, als Lettland nicht einmal mehr das Finale erreichte (2009 bis 2014, sowie 2017 bis 2023 wurde immer das Finale verpasst). Den damaligen Analysen zufolge gibt es drei Varianten für möglichen Erfolg: erstens eine gute Show auf der Bühne zu zeigen, oder zweitens "irgendwie anders zu sein", oder drittens auf Spezialeffekte zu verzichten und einen Künstler mit Charisma zu nehmen. (lsm)

An einer Antwort auf Kritiker Jāzeps Baško versucht sich Journalist Karlis Streips: "166.000 Euro sollen zu viel sein? Weiß Herr Baško eigentlich, wie viel Geld unser Land ausgegeben hat, damit der lettische Basketballverband dieses Jahr ein Olympia-Qualifikationsturnier veranstalten kann? Etwas mehr als zwei Millionen Euro." Dem wäre hinzuzufügen, dass es auch im Beachvolleyball ein Olympia-Qualifikationsturnier in Lettland gab - mit 400.000 Euro aus lettischen Steuergeldern (sportazinas)

Selbstbewußtsein und Menschenrecht

"Und ich kann mich auch nicht erinnern, dass sich irgendjemand aus Lettland bei seinem Auftritt bei der Eurovision 'obszön' verhalten hätte," fährt Streips fort, "Dons kann es ja nicht gewesen sein." Und seine Schlußfolgerung ist: "Ich verstehe, dass wir Letten ein so sehr, sehr tugendhaftes Volk sind. So tugendhaft, dass Dinge wie Lesben, Transgender und andere „Perverse“ nichts für uns sind. Aber wir leben immer noch im Jahr 2024 und in Europa, wo die universelle Natur der Menschenrechte weithin anerkannt ist. Auch für Schwule. Auch für Trans-Menschen." (LA)

Lolita Tomsone bezeichnete in einem Beitrag für das lettische Kultuportal "Satori" die Eurovision als "politmusikalischen Karneval". Bei der Eurovision habe "jede/r nur drei Minuten Zeit, um die ganze Welt zu überraschen." 

Lettische Zuschauer des deutschen Fernsehens verteidigten den lettischen Beitrag übrigens vehement. Als Moderator Thorsten Schorn beim Vorentscheid "Dons" als "Schlumpf, der seine Mütze verloren hat" titulierte, musste er sich mit Protestzuschriften auseinandersetzen. Ein paar "nette Letten" hätten sich beschwert, gab Schorn dann während der Finalmoderation zu. Offenbar waren es nicht wenige.

30. Juni 2023

Lettischer Juli

Nein, ein ganz gewöhnlicher Monat wird das nicht werden in Lettland. Wieder werden sich Tausende bereit machen von zu Hause aufzubrechen für einen mehrtägigen Aufenthalt in Riga, nahe der inzwischen komplett neu gestalteten Bühne im Mežaparks. 

Fakten zum 27. Allgemeinen Lettischen Sängerfest (Liederfest) und 17. Tanzfest (XXVII Vispārējo latviešu dziesmu un XVII deju svētku)
40 892 Menschen sind registrierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer
Es nehmen teil:
1790 Gruppen
457 Chöre
695 Tanzgruppen
155 Folklore Gruppen
124 Kunsthandwerkstudios
79 Gruppen von ethnischen Minderheiten
69 Kokle Gruppen
67 Vokal Ensambles
66 Blasorchester
55 Volksmusikkapellen
23 Amateurtheater

Einige haben sich die Mühe um noch ein wenig mehr Statistik gemacht:
unter den Teilnehmern gibt es 1001 Menschen die mit Vornamen Jānis heißen.
Bei den Teilnehmerinnen sind es 644 Ilzes, 500 Ievas, 485 Daces und 463 heißen Inese. 

Einer ist mit 96 Jahren der älteste, und es soll mehrere geben, die nicht einmal ihren ersten Geburtstag erreicht haben (sie werden zusammen mit ihren Eltern tanzen). Die häufigte Altersstufe werden mit 1520 Menschen die 17-Jährigen sein. Der größte Chor ist "Cantus Fortis" mit 100 Mitgliedern.

Und 968 der Teilnehmerinnen und Teilnehmern werden gleich mehrfach feiern können: sie können während der Zeit des Sänger- und Tanzfestes zusätzlich auch ihren eigenen Geburtstag begehen. (Quelle: "IR")