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14. Februar 2026

Wahlfach Kunst oder Sport

"Wir sind ein Volk das singt!" so heißt es oft in Lettland, und so sieht es auch Zane Čulkstēna, Gründerin des "KIM?", des Zentrums für zeitgenössische Kunst, und Initiatorin vieler Kulturprojekte in Lettland. Eine aktuelle Umfrage unter lettischen Jugendlichen zeigt: rund 19 % der jungen Menschen äußern den Wunsch, in der Kreativbranche (Kunst, Design, Musik) zu arbeiten, und von einer Karriere als Sportlerin oder Sportler träumen 14%. (IR)

Drang auf die Bühne 

Das bedeutet: fast ein Drittel aller jungen Leute drängen sich in diese beiden Bereiche, die allerdings zusammen nur 3-4% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Lettlands erwirtschaften. Durchgeführt wurde die Studie im Rahmen der Initiative "Education Accelerator Latvia", auf drei Jahre (2023-26) angelegt, deren Ziel es ist, durch eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor einen langfristigen, systemischen Wandel in der beruflichen Bildung und Kompetenzentwicklung zu fördern. (labsoflatvia)

"Wir sind ein Volk von Sängern und Theaterschauspielern, das ist natürlich wunderschön!" meint auch Zane Čulkstēna, und schreibt das vor allem den großen Fanlagern von Stars wie Kristaps Porziņģis oder Kaspars Daugaviņš zu. (IR) Sie selbst studierte mit einem Fulbright-Stipendium an der Columbia-Universität in New York. "Mir ist wichtig, ein Teil der Welt zu sein, nicht nur ein Teil Lettlands", sagte sie einmal in einem Interview. (santa

"Aber ein beträchtlicher Teil der Jugendlichen ist verwirrt und weiß nicht, welchen Karriereweg sie einschlagen sollen", meint Čulkstēna. "Wenn aber alle auf der Bühne stehen wollen, wer kauft dann die Konzertkarten, wer wird zum Kunstmäzen, wer unterstützt mit seinen Steuern die Durchführung der Sängerfeste? Und wer kann ein neues Theatergebäude errichten?“

Gefeiert und prämiert 

Čulkstēna selbst bietet Marketing- und Imageberatung für Arbeitgeber an und ist Inhaberin der Consultingfirma „ERDA“ (der Firmenname sei von einer Figur in der Wagneroper "Ring des Nibelungen" inspiriert), dort werden auch mit dem Weltwirtschaftsforum gemeinsame Projekte durchgeführt. 

Beim Nachwuchs in Lettland dagegen nimmt das Interesse an Unternehmertum, Finanzen und Wirtschaft ab. Und nur 24% geben an, ein Gespräch mit einem Berufsberater innerhalb oder außerhalb der Schule gehabt zu haben. Die erwähnte Studie, an der 4.881 junge Menschen aus 152 lettischen Schulen und Fachhochschulen teilnahmen, offenbart auch Mängel im System: etwa ein Drittel der Befragten äußert Interesse an Betriebs-Praktika, aber die Hälfte davon hat keinen Praktikumsplatz bekommen. (labsoflatvia / lsm)

Es gehe auch um das Image eines Berufs, meint Zane Čulkstēna. „Junge Menschen haben eine romantische, sogar naive Vorstellung von kreativen Berufen – wenn du Gitarre spielst, bist du cool und berühmt! Das wird auch stark von den Medien gefördert“. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen veranstalte jedes Jahr Preiseverleihungen für die Kultur - es gäbe aber keinen Jahrespreis für Chemie oder Energietechnik. Und in vielen Schulen gäbe es einen Chor, eine Tanzgruppe und einen Keramikkurs - aber keinen Robotik-, Ingenieurs- oder Chemieclub. (IR)

8. Februar 2026

Jung und fruchtbar

In Deutschland ist das Thema schon durch die Presse gegangen, in Lettland ist es neu: ein Verein, der Sexualaufklärung für Jugendliche anbietet, und das auch in Schulen tun möchte. Das Stichwort ist "Teenstar" - und gemeint ist nicht etwa eine Castingshow. Beiträge in deutschsprachigen Medien berichten über "religiöse Hardliner", "Sexualpolitik aus dem Mittelalter" (Moment), "Queerfeindlich" (BR / BLLV), "menschenrechtlich bedenklich" (ORF), "Religiös-extremistisch" (EPF) und über "vermeintliche Homo-Heiler" (Deutschlandfunk).

Nun ist Ähnliches offenbar auch in Lettland angekommen. Leicht ist es nicht, einen Überblick zu bekommen, denn zumindest "TeenStar Deutschland" gibt keine Daten darüber bekannt, in welchen Schulen man tätig ist.

Schule mit Sonderkursen

Dem lettischen Katholikenportal "Katolis" zufolge arbeitet "TeenStar" in Lettland mit dem 1992 gegründeten Religionswissenschaftlichen Institut in Riga zusammen (Rīgas Augstākais reliģijas zinātņu institūts), das sich, wie könnte es anders sein, in Riga in der "Katholischen Straße" (Katoļu ielā) befindet. Hier wird auch für "Radio Maria" geworben. Die Pläne der "TeenStar"-Initiatoren in Lettland werden so beschrieben: unter Berufung auf das in den USA von der gebürtigen Wienerin Hanna Klaus entwickelte Programm sei geplant, zweisemestrige Ausbildungsprogramme für drei Altersgruppen anzubieten: für Grundschüler (11–14 Jahre), Gymnasiasten (15–19 Jahre) und Studierende (ab 20 Jahren). Die Abkürzung STAR stehe dabei für „Sexuality Teaching in the context of Adult Responsibility” (Sexualkunde im Kontext der Verantwortung von Erwachsenen). 

Begeisterungsfähig - aber enthaltsam?  

Zunächst aber werden lettische Lehrkräfte geschult, und zwar von Ausbildern aus Kroatien: bereits im Oktober 2025 begannen entsprechende Kurse. Interessant, dass zur Teilnahme "keine besondere Vorbildung" gefordert wurde - laut Portal "Katolis" seien vielmehr "persönliche Reife, Begeisterungsfähigkeit und ein authentischer Lebensstil" entscheidend. Als Ausbildungsorte seien Kirchengemeinden gewünscht. Eine Jobmöglichkeit für ausgebildete Pädagogen oder Pädagoginnen ist dies also nicht. 

Als Ausbildungsveranstalter in Lettland tritt ein Verein"Ģimenes ekoloģijas Institūts" ("Institut für Familienökologie") auf, der auch lizensiert sei die Programme „Cikla šovs“ ("Show des Zyklus", für Mädchen) und „Aģenti misijā“ ("Agenten auf ihrer Mission", für Jungen) in Lettland durchzuführen. Außerdem sei der Verein Mitglied des EIFLE (Europäisches Institut der Erziehung zum Familienleben) und führe "Methoden zur Fruchtbarkeitserkennung" durch. Im November 2025 wurde 23 Personen aus Lettland und 2 aus Litauen ein Ausbildungszertifikat übergeben (augliba). 

Frisch geschulte "TeenStar"-Seminarleiter/innen in Lettland

Geschätzt und geschützt 

Über diese "Zyklusshow" berichteten auch schon deutsche Medien (siehe Deutschlandfunk). Der lettische Veranstalter beruft sich ausdrücklich auf Dr. Elisabeth Raith-Paul (siehe MFM und MFM Deutschland), die als "Erfinderin" dieser Kurse gilt. Motto: "Nur was ich schätze, kann ich schützen". Bei den Kursen für Jungs schlüpfen diese übrigens in die Rolle einer Samenzelle und wetteifern darum, wer zuerst bei der Eizelle ist. (siehe auch: hpd)

"Brauchen Schüler in Lettland christliche Sexualerziehung, die 'Verhütungspropaganda' kritisiert?" fragt Journalistin Ieva Jakone in der lettischen Zeitschrift "IR". Auch der internationale Verband katholischer Ärzte FIAMC hatte bereits auf Hanna Klaus hingewiesen, die gegen "Verhütungsmentalität" das Motto "Fruchtbarkeit ist keine Krankheit" empfiehlt. 

Moralischer Werkzeugkasten

An der Universität Lettlands in Riga ist Dr. Fernandess-Gonsaless tätig, Mitglied bei "Opus Dei", ein geborener Spanier mit guten Lettischkenntnissen. Schon seit 2014 lief ein Projekt mit dem Ziel, methodische Materialien für Lehrer zu erstellen, die zeigen, wie man Kindern vom Vorschulalter bis zur letzten Klasse der Sekundarschule moralische Werte vermittelt. Tests liefen auch an lettischen Schulen (IR). Seit 2024 läuft nun ein weiteres Projekt, mit 200.000 Euro an EU-Geldern gefördert, mit dem Titel „Förderung einer auf Familienwerten basierenden moralischen Sexualerziehung im lettischen Bildungssystem“. Eine Fachkonferenz am 30. Januar 2026 bildete den Abschluß (arete, siehe auch: ogre-net). Und im „Werkzeugkasten zur Sexualerziehung“ wird hier als erstes "TeenStar" hervorgehoben. 

In Bayern dagegen gibt es immerhin staatliche Richtlinien für die Sexualkunde. Das zitiert auch Journalistin Ieva Jakone in ihrem Artikel, und sie ergänzt: "Im Jahr 2022 haben das deutsche Bildungsministerium und die Grundschulbehörde in Regensburg, Bayern, den geplanten Teen STAR-Sexualkundeunterricht abgesagt, da er nicht den offiziellen bayerischen Richtlinien für Sexualkunde entsprach. Teen STAR wurde Homophobie und christlicher Fundamentalismus vorgeworfen." (IR)

Im Mittelpunkt seiner Studie stehe eine Familie aus Mann und Frau, sagt Fernandes über sein Projekt. „Das bedeutet nicht, dass wir andere Familien verachten oder benachteiligen“, meint er. "Andere Kollegen an der Universität untersuchen andere Familienformen, wir haben nichts dagegen“. (IR) Als Ergebnis einer Umfrage geht seine Studie davon aus, dass lediglich 10% der bisher existierenden lettischen Unterrichtsmaterialien "akzeptabel" seien, also eine Familiengründung unterstütze. Zu oft stünden "nur Gesundheit und Menschenrechte" im Vordergrund - also wird vor allem "TeenStar" empfohlen.  

Energiesparen - mal anders 

Und auch mit folgenden Aussagen wird der Letto-Spanier zitiert: „Unsere Sexualität ist wie Energie, wie Geld. Es ist wichtig, dieses Potenzial nicht zu verschwenden, es nicht in bedeutungslosen Beziehungen und Erfahrungen mit Pornografie oder Masturbation, frühen sexuellen Erfahrungen zu verschwenden“, sagt er. Stattdessen sollte sexuelle Energie gespart und für das verwendet werden, wofür sie eigentlich gedacht ist: um Bindungen in „ernsthaften, dauerhaften Beziehungen, die offen für das Leben sind“ zu stärken. Es sei nicht notwendig, Kindern zu vermitteln, dass sie schon im Schulalter Sex haben müssten. „Es ist normal, dass ihr so etwas in eurem Körper spürt, ihr müsst euch keine Sorgen machen, aber ihr solltet es auch nicht sofort ausleben. Ihr müsst keine Drogen ausprobieren, um zu verstehen, was das ist.“ (IR)

Abtreibungen rückläufig 

Aktuelle Statistiken zeigen, dass die Zahl der Schwangerschaften bei jungen Frauen in Lettland zurückgeht - sowohl die Zahl der Mütter unter 20 Jahren als auch die Zahl der Abtreibungen sinkt. 2023 haben 374 junge Frauen unter 20 Jahren ein Kind geboren, im Jahr 2015 waren es noch 765. Die Zahl der Abtreibungen in dieser Altersgruppe ist, laut Angaben des lettischen Zentrums für Krankheitsprävention und -kontrolle SKPC, in den vergangenen Jahren zurückgegangen (siehe auch data.stat.gov.lv). 

Das Fach "Gesundheitsunterreicht" ist an lettischen Schulen nicht mehr obligatorisch. Bildungsministerin Dace Melbārde plant  aber eigene Weiterbildungskurse für Lehrkräfte: „Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche einen vertrauenswürdigen und sachkundigen Erwachsenen an ihrer Seite haben“. Über die Tätigkeit von Dr. Fernandess-Gonsaless sei ihr nichts bekannt. Das sei wohl ein Projekt der Universität und unterliege der Freiheit der Wissenschaft. Es sei aber nicht vorgesehen, die dort angebotenen Materialien allgemein im Bildungssystem zu übernehmen. (IR)

Auch die lettische Organisation "Papardes zieds" bietet schon seit vielen Jahren Bildungs- und Informationsprogramme und Kurse für Jugendliche verschiedener Altersgruppen zu den Themen sexuelle und reproduktive Gesundheit, Suchtprävention und psychische Gesundheit an, man beruft sich dabei auf Richtlinien und Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Deren Leiterin Iveta Ķelle äußert im Interview Unverständnis über das Projekt der lettischen Universität. „Es mag sein, dass viele verschiedene Meinungen notwendig sind, aber angesichts des extremen Mangels an Sexualaufklärung in Lettland denke ich, dass ein solcher Prozess und ein solches Programm mehr Schaden als Nutzen bringen.“ (IR)

6. September 2024

Morgenrot macht Roggenbrot

... so.oder so ähnlich könnte der Slogan gewesen sein. Da legt doch das lettische Landwirtschaftsministerium ein spezielles Förderprogramm auf, um Vorschulkindern und Schülern der ersten bis neunten Klassen das Roggenbrot als traditionelles, wichtiges und regionalspezifisches Brot und seine Bedeutung für die Ernährung näher zu bringen. 300.000 Euro wurden bereitgestellt. Allerdings wurde auch schon die Sinnhaftigkeit dieser Ausgaben in Frage gestellt. Die Förderung der Verwendung von Roggenbrot in der Ernährung solle schon von Kindesbeinen an selbstverständlich werden, so Landwirtschaftsminister Armands Krauze (ogrenet)

Brot für alle - oder doch nicht?

"Die Öffentlichkeit zweifelt an der Sinnhaftigkeit dieser Ausgaben", so berichtet die lettische Presse (ogrenet). Bis Ende 2024 sollte Roggenbrot kostenlos an Schülerinnen und Schüler verteilt werden. Bildungseinrichtungen sollten außerdem eine Befragung junger Menschen durchführen, um Daten über die Beliebtheit von Roggenbrot und den Wissensstand über seinen Wert zu erhalten. Es war geplant, dass das Projekt mindestens 50 % der Zielgruppe, also etwa 140.000 Kinder und Jugendliche, einbeziehen solle. Doch nun rudert das Ministerium zurück: das Projekt wird gestoppt (NRA / Diena)
Nun heißt es schlicht: der Antragsteller habe seinen Förderantrag zurückgezogen. Begründung: ein Teil der Gesellschaft habe eine unklare und besonders negative Haltung gegenüber der Umsetzung des Roggenbrotprogramms gehabt (lad.gov).

Gefangen im Roggen

Der Verzehr von Brot, einschließlich Roggenbrot, ist in Lettland generell rückläufig, so das Landwirtschaftsministerium (zm.gov) In Lettland werden bereits Obst, Gemüse, Milch und Milchprodukte im Rahmen verschiedener Förderprogramme kostenlos an Schulen verteilt. 

Interessant, dass im Rahmen des neuen Förderprogramms auch Bedingungen formuliert wurden, wie genau "förderungsfähiges Roggenbrot" auszusehen habe. Genannt werden folgende Punkte: a) es wird auf dem Gebiet Lettlands in einem beim Lebensmittel- und Veterinäramt registrierten Unternehmen hergestellt; b) es hat die Form eines Klons; c) wird aus natürlicher Hefe hergestellt; d) das Brot besteht aus mindestens 80 Prozent Roggenmehl; e) das Mindesthaltbarkeitsdatum beträgt am Tag der Veranstaltung noch mindestens vier Tage; f) es erfüllt die Qualitätsanforderungen der Verordnungen über Ernährungsnormen für Studierende von Bildungseinrichtungen.

Brot als Kulturgut

Muss jetzt vielleicht auch der Brotpreis in lettischen Bäckereien mal genauer angeschaut werden? Im Zusammenhang mit der jetzt abgesagten Brotkampagne sind keine Gründe aufgeführt, warum Lettinnen und Letten weniger Roggenbrot konsumieren. Lettisches Roggenbrot (Rudzu maize) ist Teil des sogenannten "Kulturkanons", wo versucht wird typisch Lettisches zu definieren und aufzulisten. Dort heißt es: "Traditionelles Roggenbrot ist ein wichtiger Teil der materiellen und spirituellen Kultur der Letten, der mit der Identität der Nation verbunden ist und ein wichtiges Symbol dafür ist." Aber schon zwei Sätze weiter klingt es nicht mehr ganz so attraktiv, wenn beschrieben wird: in schlechten Zeiten hätte man dem Mehl auch Spreu, Moos, Baumrinde oder Sägemehl beigefügt. Roggenbrot also als Ermahnung an die vielen schlechten Zeiten, die Lettland schon überstehen musste? (so nach dem Motto: ein Roggenbrot kriegen wir immer noch irgendwie hin?)

Brot als Touristenattraktion?

Der lettische Reiseveranstalter "Lauku ceļotājs" bietet eine eigene Sektion "Roggenbrotveranstaltungen" an - vor allem durch ein EU-gefördertes Projekt namens "Rudzu ceļš" (Roggenweg). Hier gibt es Mühlenfeste, Brotfestivals und eine Brotstraße anläßlich des Rigaer Stadtfests. Es bleiben aber zwei Fragen. Findet das alles statt, weil es finanzielle Unterstützung gibt, oder ist es echte touristische Nachfrage? Und wie groß ist der Anteil der einheimischen und lokalen Gäste bei solchen Veranstaltungen? 

Gut, es gibt Umfragen zum Thema. "Latvijas Maiznieku biedrība" (LMB), so etwas wie die lettische Bäckerinnung, machte 2020 ein Umfrage, in wieweit die Covid-Pandemie die Konsumgewohnheiten an Brot beeinflußt. Nicht repräsentativ wahrscheinlich (75% der Teilnehmenden waren Frauen), und gefragt wurde nach der bevorzugten Brotsorte in pandemischen Zeiten. Ganz vorn: Roggenbrot! (36,1%). Zweiter Platz: Roggenbrot mit Samen (20,7%). Gibt es in Lettland überhaupt anderes Brot? Irritierend vielleicht die Antwort aus derselben Umfrage: 22,9% der Befragten gaben an, ihr Brot im Kühlschrank aufzubewahren ... 

Brot plus das gewisse Etwas

Aussagen von Seiten der Herstellerfirmen lassen vermuten, dass zunächst einmal Großbäckereien und auch die Tendenz der Kundschaft, ihr Brot im Supermarkt statt beim Bäcker zu kaufen, erhebliche Veränderungen mit sich brachten. Viele kleine Bäckereien müssen einfach schließen. "Die Kunden kaufen weniger Roggenbrot, statt dessen 'Körnerbrot'", so ein Vertreter der Firma “Liepkalni” aus dem Kreis Valmiera (valmierazinas

Zahlen des lettischen Statistikamtes zeigen teilweise erstaunliche Tendenzen: einerseits setzt sich Weizenbrot langsam gegenüber dem Roggenbrot durch. Andererseits wird auf dem Lande viel mehr Brot gegessen als in der Stadt - und der Vorsprung von Weizenbrot zu Roggenbrot ist gerade auf dem Lande größer geworden. Der Anteil von selbst gebackenem Brot ist in dieser Statistik allerdings nicht erfasst. 

Oft im Sonderangebot

Aussagen des finnisch-lettischen Unternehmens "Fazer" zufolge wählen gerade junge Leute in Lettland gern "Roggenbrot mit Mehrwert" - also Brot mit Samen, Körnern oder Kleie. Das sei ein Trend zur gesunden Ernährung, der sich allerdings auch beim Weizenbrot zeige. Insgesamt sei aber für die Verbraucher in Lettland der Preis des Brotes der wichtigste Faktor. In einer zusammen mit der Agentur SKDS durchgeführten Umfrage erklärten 35% der Befragten den Preis für den entscheidenden Faktor beim Brotkauf - diese 35% kauften vorwiegend Brot aus dem Sonderangebot. Entscheidend ist dabei wohl für die Herstellerfirma, dass gerade diejenigen, die Aktionspreise wahrnehmen, auch am meisten Brot konsumieren. Dieser Umfrage zufolge essen fast drei Viertel (74 %) der Bevölkerung Lettlands täglich Brot zum Frühstück, fast die Hälfte der Bevölkerung (42 %) isst Brot zum Mittagessen und 39 % zum Abendessen.

Vielleicht sollten wir ja dem Ministerium eine andere Aktion vorschlagen: Touristen kaufen ja auch gerne kurz vor dem Abflug am Rigaer Flughafen noch ein paar Scheiben "echtes lettisches Roggenbrot" als Mitbringsel. Wie wäre es da, den Preis dort einfach um 20% zu erhöhen, und die Packungen mit einem Aufdruck zu versehen: "Mit ihrem Kauf unterstützen Sie kostenlose Mittagessen an lettischen Kindergärten und Schulen - dafür herzlichen Dank!"

20. Februar 2024

Leerstellen

Lehrkräfte - woher nehmen?

In Lettland werden zum nächsten Schuljahrsbeginn 200 Lehrerinnen und Lehrer fehlen - zumeist für die Schülfächer Mathematik und Lettisch.

Das durchschnittliche Gehalt für Lehrerinnen und Lehrer in Lettland liegt bei 1500 Euro (brutto), es ist damit eines der niedrigsten in Europa (ähnlich wenig gibt es in Bulgarien, Griechenland, Ungarn, oder Rumänien). In den Bezirken rund um Riga - Bremerinnen und Bremer würden vielleicht "Speckgürtel" dazu sagen - liegt die Entlohnung noch um 200-300 Euro höher. Im Nachbarland Estland streikten im Januar die Lehrerinnen und Lehrer, weil sie auch 2000 Euro (brutto) für zu wenig einschätzten. Im "Pisa-Vorzeigeland" Estland sei ein hoher Prozentsatz der Lehrkräfte (25%) Mitglied einer Gewerkschaft, so berichtete der "Deutschlandfunk".

Eine landesweite Übersicht aller offenen Stellen
an lettischen Schulen bietet die "skolu vakanču karte"

Lehrer streiken, kleine Schulen schließen

Wie sieht die Stimmung unter Lettlands Pädagog/innen aus? Das zuständige Ministerium in Lettland hat ein neues Gehaltsmodell entwickelt, dass zu Beginn des neuen Schuljahres im September 2024 eingeführt werden soll. Dann sollen die Gehälter nicht einfach dort am höchsten sein, in welcher Gemeinde es die meisten Schülerinnen und Schüler gibt - stattdessen wird geschätzt, wie viele Lehrkräfte für die Umsetzung eines bestimmten Lehrplans benötigt werden. Mehrere Kommunen, die das neue System getestet haben, kommen zu dem Schluss: Ja, die Gehälter werden höher sein. Allerdings: auch die Zusammenlegung kleinerer Schulen ist vorgesehen.

Damit soll einer durchaus spürbaren Tendenz entgegengewirkt werden, dass viele den Lehrerberuf verlassen. Mit dem Programm "Mācītspēks" wurde ein berufsbegleitender Pädagogikkurs geschaffen, der Fachkräfte aus verschiedenen Bereichen dabei unterstützten will, Lehrer für allgemeinbildende Fächer zu werden. Es war auch schon versucht worden, Studierende der Pädagogik an Schulen einzusetzen - aber viele gaben der hohen Arbeitsbelastung wegen wieder auf.

Etwa 150 kleine Schulen sind in den vergangenen 10 Jahren in Lettland geschlossen (bzw. mit anderen zusammengelegt) worden; aber noch immer schätzen Experten, dass eine weitere Optimierung des Schulsystems 80-120 Millionen Euro einbringen könnte, Geld, das dann zur Erhöhung der Lehrergehälter ausgegeben werden könnte. Andererseits ist auch klar, dass die Schließung kleiner Schulen den Mangel an Lehrkräften nicht beheben wird. (IR)

Lernen wie im Lichtpalast!

"Wir stecken in einem tiefen Loch", sagt Ieva Margarita Ozola, Leiterin der 13. Mittelschule in Riga. Noch lange nach Beginn des Schuljahrs musste nach zwei Lehrkräften für Lettisch gesucht werden, und das Fach Ingenieurswissenschaften muss immer noch ausfallen. (IR) "Schüler und Lehrer sind stolz auf ihre Schule – sie ist wirklich unser Lichtpalast!" so ist es in der Eigenwerbung dieser Schule zu lesen ("Lichtschloss, lett. "Gaismas pils", entsprechend dem legendären Chorlied von Jāzeps Vītols). 

Vielleicht mögen ja die Schülerinnen und Schüler ihre Schulen, wo sie gerade unterrichtet werden. Noch aus Sowjetzeiten stammt die Sitte, die Klassenlehrerin oder den Klassenlehrer am letzten und am ersten Schultag mit Blumen und Geschenken zu überhäufen - wohl wissend, dass damals von ihm oder ihr mehr abhängig war als die Schulbehörde organisieren konnte. Heutzutage wird in Lettland der "Skolotāju diena" (Weltlehrertag) brav an einem Sonntag begangen (erster Sonntag im Oktober); allerdings wird in den Schulen oft schon am Freitag davor etwas organisiert. "Ein wirklich talentierter Lehrer ist oft die erste Inspirationsquelle, ein Vorbild und ein Held, dem jeder Erstklässler nacheifern möchte", so sagte es Präsident Edgars Rinkēvičs aus diesem Anlaß 2023 (lvportal).
Die lettische Bildungsministin Anda Čakša zitierte lieber Winston Churchill, der gesagt haben soll: "Lehrer haben die Art von Macht, von der Premierminister nur träumen können“ (LIZDA)

Beim Kampagnenportal "Manabalss" ("Meine Stimme") sind zur Zeit viele Aufrufe zu finden rund um das Thema Schule: gleich zwei für den Erhalt kleiner Landschulen (einmal generell, einmal speziell der Mittelschulen), gegen die Umstrukturierung verschiedener Schulen in Jūrmala, Valdemārpils, Mērsrags und Jaunpils, oder auch für ein Verbot von Smartphones an Schulen.Die Gewerkschaft LIZDA (Latvijas Izglītības un zinātnes darbinieku arodbiedrība) betreibt zur Zeit eine Kampagne, welche einen gesetzlich festgelegten Rücktritt einer Regierung für den Fall der Nichteinhaltung von gegenüber der Gewerkschaft gemachten Versprechungen fordert.

Agenda 2030

Viel diskutiert wurde über neu festgesetzte "Qualitätskriterien" für die Lerninhalte an Schulen, genannt "Skola2030".  Es gibt Richtlinien für die Vorschulerziehung wie auch für die Grundschule. Für Lehrer/innen der Grundschule werden Materialien bereit gestellt und Online-Kurse angeboten - vielfach einfach auf Youtube (siehe Beispiel). Hingewiesen wird auch auf die Notwendigkeit eines Rollenwechsels: die Art und Weise, wie Lehrkräfte den Lernprozess anleiten, habe sich geändert. Kinder seien "Forscher und Macher", und Lehrerinnen und Lehrer sollen das Umfeld dazu schaffen, so heißt einer der Leitsätze in den Lehrmaterialien. Und Kinder dürften auch Fehler machen, wird betont - auch daraus entstehe ein Lernprozess. 

Lettische Schulen im Veränderungsprozess. Ob nun Pädagoginnen und Pädagogen eher Umfeldbereiter für selbständiges Kinderlernen sind, oder doch Machtinhaber, auf die selbst Staatschefs neidisch sind - das muss wohl im Trubel der lettischen Schulreformen geklärt werden müssen. Dass Lehrerinnen und Lehrer in Lettland verhältnismäßig schlecht bezahlt werden, daran scheint auf absehbare Zeit wenig zu ändern zu sein.


 

25. April 2023

gebildet, ungebildet

Erst im Dezember 2022 hatte sich die neue lettische Regierung (zweites Kabinett Kariņš) auf einen Koalitionsvertrag geeinigt und hat mit 54 Sitzen die Mehrheit im Parlament (Saeima). Dennoch wurde bereits mehrfach über einen möglichen Sturz von Regierungschef Kariņš spekuliert - ein möglicher Grund wäre gewesen, wenn Präsident Egils Levits sich nicht für eine Kandidatur für eine zweite Amtszeit hätte entscheiden können - Gegenkandidaten hatten sich bereits positioniert. Levits entschied sich dann doch für eine erneute Kandidatur, nachdem die Nationalkonservativen (“Nacionālā apvienība”) ihre Unterstützung bei seiner Wahl zugesichert hatte (lsm). 

Aber aus einem "ruhig weiterregieren" wird nichts - was sowieso wegen des andauernden Kriegs Russlands gegen die Ukraine schwierig ist. Nun streiken die Lehrerinnen und Lehrer. Am 21. April hatte das Ministerkabinett eine Gehaltserhöhung des Lehrpersonals ab dem 1. September 2023 auf durchschnittlich 1224 Euro beschlossen, inklusive einer Erhöhung des niedrigsten Stundensatzes auf 8,50 Euro (in Vorschuleinrichtungen auf 1240 Euro, in Berufsschuleinrichtungen 1020 Euro monatlich). Der niedrigste allgemeine Stundensatz soll außerdem bis 2025 auf 10,35 Euro ansteigen, die niedrigsten Gehaltssätze für wissenschaftliches Personal an Universitäten um 13 %. Ab dem 1. September soll das niedrigste Monatsgehalt für Professorinnen und Professoren 1982 Euro betragen, für assoziierte Professoren 1587 Euro, Assistenzprofessoren 1270 Euro, für Dozenten und Dozentinnen 1017 Euro und Assistent/innen 810 Euro (lsm). 

Dennoch entschied sich die lettische Gewerkschaft für Bildung und Wissenschaft (Latvijas Izglītības un zinātnes darbinieku arodbiedrība / LIZDA) zu einem dreitägigen Streik ab dem 24. April und forderte gleichzeitig den Rücktritt des Ministerpräsidenten. Angaben des lettischen Finanzministeriums zufolge lag die durchschnittliche Inflationsrate im Februar 2023 bei 20,3%, im März noch bei 17,3%. Das Ministerium hofft optimistisch, dass sich dies bis Sommer auf 10% und bis Jahresende auf 4% vermindern lasse (fm.gov.lv).

Gewerkschaftsangaben zufolge beteiligten sich etwa 20.000 Pädagogen und Pädagoginnen an den Streikmaßnahmen. Man sieht sich auch darin getäuscht, dass die LIZDA bereits im September 2022 aufgrund von Zusagen von Regierungsseite einen angekündigten Streik abgesagt hatte - diese Zusagen seien aber nicht eingehalten worden. 

Regierungschef Krišjānis Kariņš und Bildungsministerin Anda Čakša (beide von der Partei „Jauna vienotiba“) sagten weitere Gespräche mit der Gewerkschaft zu. Meinungsunterschiede bestünden unter anderem darin, ob verstärkt die niedrigen Gehälter, oder auch die höheren Gehälter angehoben werden sollten.(lsm)

18. Juli 2022

Warten auf Schultag zwei

Wer die Arbeitswelt in Lettland kennt, hat vielleicht schon öfter darüber gestaunt, wie niedrig das Lohnniveau bei Lehrerinnen und Lehrern ausfällt. Was ist da los? Ist es Lettinnen und Letten egal, wer ihre Kinder erzieht und bildet? Aber dieser Zustand dauert inzwischen schon viele Jahre an - in sofern ist es wenig überraschend, wenn für den 2. September, also den Beginn des neuen Schuljahres, nun ein Generalstreik angekündigt wurde. Lettische Lehrkräfte bekommen nominell eines der niedrigsten Gehälter in der Europäischen Union (GEW)

Überarbeitet, unterbezahlt, perspektivlos?

Streik im lettischen Schulwesen? Die lettische Gewerkschaft der Beschäftigen in Wissenschaft und Bildungswesen (Latvijas Izglītības un zinātnes darbinieku arodbiedrība LIZDA), gegründet 1990, ist mit über 24.000 organisierten Mitgliedern die einflußreichste Organisation in diesem Bereich (nach Angaben der LIZDA sind das 42,8% der in diesem Bereich insgesamt Beschäftigten). Gewerkschaftschefin Inga Vanaga zur Streikankündigung: „Den 1. September wollen wir als Tag des Wissens feiern. Aber was dann kommt - es liegt in den Händen der Politik, einen Streik zu vermeiden.“ Aus früheren, kurzfristigeren Streiks habe man gelernt, meint Vanaga: "Effektiv ist es nur, wenn es zeitlich unbegrenzt sein wird" (lsm).

Einkommen von Lehrerinnen und Lehrern im Vergleich: Lettland weit hinten

Koeffizienten und Multiplikatoren

Was sind die Forderungen? Es ist erstens eine Anhebung der Lehrer/innengehälter (mittelfristig auf ein EU-Durchschnittsniveau, zumindest auf das durchschnittliche Niveau anderer Fachkräfte im öffentlichen Dienst). Zweitens klagen die Pädagig/innen über Arbeitsüberlastung, und drittens hat die Regierung gerade ein neues Schulfinanzierungsmodells beschlossen - das die Gewerkschaft heftig kritisiert (likumi). Einerseits lockt zum neuen Schuljahr 22/23 eine Erhöhung des Mindestlohns für Pädagog/innen von 830 auf 900 Euro, bei Grundschullehrer/innen von 872 auf 970 Euro (izm.gov.lv). Andererseits strebt die neue Finanzierung eine stärkere Orientierung an den exakten Schüler/innenzahlen in den betreffenden Gemeinden an. So sieht das Ministerium nun beispielsweise pro Schüler und Monat in der 1.-6. Klasse 126 Euro vor, in der 7.-9. Klasse 162 Euro und in der 10.-12. Klasse 172 Euro. Wer nun die Zukunft einiger Schulen voraussagen will, muss sich mit Koeffizienten und Multiplikatoren genau auskennen. Die Regierung sieht es so: 2,5 Millionen Euro zusätzlich sei für 2023 notwendig, bis 2026 sollen insgesamt 30,6 Millionen Euro zur Verfügung stehen (LA)

Inga Vanaga, Chefin der Gewerkschaft LIZDA kritisiert unter anderem, vom Ministerium nicht vollständig über die geplante Neuregelung informiert worden zu sein. Nachdem es bereits einen Demonstrationszug am 16. Juni mit 3.000 Teilnehmer/innen vor dem Parlament in Riga gegeben hatte (tvnet), kommt jetzt der Streikaufruf. (lsm) - Das Ministerium macht Versprechungen, bis 2027 werde der Mindestlohn weiter von 900 auf 1327 Euro steigen. Vanaga dagegen weist darauf hin, dass gerade in Lettland die Lehrkräfte bis zu 70% ihrer bezahlten Zeit für die Schulstunden aufbringen, während der Durchschnitt international (EU und OECD) hierfür nur bei 45% läge (IR). Es fehle die Zeit für die Vorbereitung von Unterrichtsmaterialien, Beratung, Bewertung von Arbeiten, und für Kindern mit besonderen Bedürfnissen. Ein anderes Phänomen sei die Übernahme mehrerer Teilzeitjobs, um über die Runden zu kommen (tvnet)

Erhöhte Stundenzahl, lange Ferien

Einer Umfrage unter den Lehrkräften zufolge, an der 1400 Lehrerinnen und Lehrer teilnahmen, fühlen sich 48% oft überarbeitet, 60% geben zu, wegen Überlastung nicht die gewünschte Arbeitsqualität liefern zu können. Und nur 24% sehen sich selbst mit Sicherheit auch in 5 Jahren noch im Lehrer/innenberuf. Nur 11% glauben, dass sich das Ansehen der Pädagog/innen in der lettischen Gesellschaft in den letzten Jahren verbessert habe - aber immerhin 78% würden die eigene Schule anderen als guten Arbeitsplatz weiterempfehlen (Skolatāju balss). Aus dem Ministerium heißt es dazu, dass man eine Wochenstundenzahl von 30 Stunden empfehle - viele aber 40 Stunden und mehr arbeiten. 

Zwei Organisationen unterstützen bisher den Streikaufruf: neben der bereits genannten LIZDA auch der Verband der Leitungskräfte im Bildungswesen (Latvijas izglītības vadītāju asociācija LIVA). "Wahrscheinlich wird keine lettische Regierung unsere Forderungen unterstützen - aber niemand wird uns verbieten, die Stimme zu erheben" meint Rūdolfs Kalvāns, Direktor eines Gymnasiums in Sigulda und LIVA-Chef. Gunta Lāce, Leiterin eines Gymnasiums in Limbaži, weist auf nicht besetzte Planstellen in den Fächern Mathematik, Chemie, Englisch, Phasik und Geschichte hin - das sei der Grund für eine Wochenstundenzahl von 40 Stunden für die anderen verfügbaren Lehrkräfte, und die Wochenstundenzahl steige auf 70-80% der Arbeitszeit (IR).

Die geforderten Lohnerhöhungen würden den lettischen Staat 119 Millionen Euro kosten - meint  Bildungsministerin Anita Muižniece (Konservatīvie), und um die Reduzierung des Arbeitspensums zu erreichen, wäre die Einstellung von 4000 zusätzlichen Pädagogen notwendig. (lsm) Eine lettische Besonderheit ist es, dass in den allgemeinbildenden Schulen über 84% der Lehrkräfte Frauen sind (Litauen 82%, Deutschland 66%). Und nach wie vor besteht das lettische Schuljahr nur aus 169 Pflichtschultagen (Deutschland 188, Litauen + Estland 175, OECD)

17. Juli 2016

Schlechtere Bildung durch Lohnerhöhung?

Fürs neue Schuljahr, das im September beginnen wird, stellt die lettische Regierung einen völlig überarbeiteten, neuen Besoldungsplan für die Pädagoginnen und Pädagogen des Landes vor. Damit verbunden wird die Minimalbesoldung für Lehrerinnen und Lehrer von 420 auf 680 Euro steigen. Allerdings gibt es hier eine Hintertür für die Regierung, die natürlich immer noch über knappe Finanzmittel klagt: die Erhöhungen fallen, je nach dem in welcher Art Einrichtung man arbeitet, sehr unterschiedlich aus, und die vorgesehenen Strukturänderungen lassen noch viele Fragezeichen offen.

Vom 1. September an sollen die Beschäftigten in den allgemeinen Bildungseinrichtungen, Berufsschulen und Grundschulen die Erhöhung erhalten - in den Kindergärten jedoch steigt der Mindestlohn zunächst nur bis 620 Euro und soll dann erst ein Jahr später angehoben werden. Auch für Angestellte der Hochschulen und Colleges in Lettland soll der Lohn steigen, allerdings erst innerhalb von drei Jahren. Insgesamt sind es viele detaillierte Einzelbestimmungen, die - um das zukünftige System der Pädagogenlöhne wirklich zu verstehen - ein intensives Studium der vielen Einzelbestimmungen erfordern. So wird der konkrete zu erwartende Bruttolohn sowohl von der Schülerzahl pro Klasse abhängig gemacht (je mehr Schüler, desto höher der Lohn), als auch von "Qualitätszuschlägen", die aus dem Budget der zuständigen Gemeinden kommen sollen. Die mittlere durchschnittliche Entlohnung für Lehrer in Lettland soll danach dann bei 829 Euro (brutto) liegen (siehe Bildungsministerium).

Offenbar wird in Zukunft die Entlohnung besonders der Beschäftigten in Kindergärten davon auch davon abhängen, ob sich die Einrichtung in einer ärmeren oder einer wohlhabenderen Gemeinde befindet. Der jetzige Regierungsbeschluß sieht vor, es den Gemeinden freizustellen den Lohnaufschlag zu zahlen oder nicht. Eine Taktik, deren Hintergedanken der zuständige Minister Šadurskis offen zugibt: "Nächstes Jahr sind Gemeinderatswahlen - und den Gemeindebürgermeister möchte ich sehen, der so mutig ist das vor den Wählern abzulehnen!" (lsm)

Die Gemeinden aber halten sich bisher mit entsprechenden Beschlüssen dazu zurück. Die 110 Gemeinden und 9 Städte Lettlands erhielten inzwischen alle einen Brief der lettischen Gewerkschaft für Bildung und Wissenschaft (Latvijas izglītības un zinātnes darbinieku arodbiedrība - LIZDA); darin versucht die Gewerkschaft ihren Standpunkt zu erläutern: eigentlich sei man für die Sicherstellung sämtlicher Einrichtungen aus staatlichen Mitteln, jedoch lasse der Regierungsbeschluss vom 5. Juli nun leider viele Möglichkeiten der Ungleichheit offen. Man habe außerdem Verständnis für die Bemühungen vieler Gemeinden um die Bildungseinrichtungen, wo deren Unterhalt bis zu 50% des Gemeindehaushalts ausmachen können. Allerdings sind nur 54% der Beschäftigten im Bildungsbereich Gewerkschaftsmitglieder - und vielleicht hoffen die einen noch auf schlichte Fortsetzung alter Lehrmethoden mit erhöhten Lohnansprüchen, während andere längst aus dem pädagogischen Bereich in andere Berufe "geflohen" sind, auch ins Ausland.

Einige Gemeinden wehren sich aber bereits dagegen, dass der Unterhalt der Kindergärten nun vielleicht ganz auf ihre Kosten erfolgen soll. "Wir in Daugavpils gibt es vier Kindergärten für Kinder mit geistigen und körperlichen Behinderungen, hierhin kommen aber Kinder aus der gesamten Region", erzählt Zane Isajeva, stellvertretende Leiterin einer dortigen Einrichtung, im Interview (lsm). "Wir müssten dann die Einrichtung bezahlen, die Materialien, Verpflegung - gar nicht zu reden von den Lohnkosten für die Pädagogen!" Die Gesamtausgaben für diesen Bereich werden in Daugavpils auf 840.000 Euro berechnet, dieses Jahr kämen 200.000 Euro dazu, die im Gemeindehaushalt bisher nicht vorgesehen sind.

Diese Diskussionen werden wohl in Lettland momentan keine Sommerpause haben.

3. Juli 2016

Langer Sommer, kurzes Jahr

Wenn in Lettland die Zeit der Mitsommerfeiern gekommen sind, liegen bei den Jüngeren die Gedanken an Schule und Prüfungen längst weit zurück - während in Deutschland zumeist der Ferienbeginn noch auf sich warten lässt. Mit insgesamt 17 Wochen pro Jahr - die Staatsfeiertage nicht eingerechnet - und 13 Wochen im Sommer am Stück, nahezu der gesamte Juni, Juli und August haben die Schulkinder Lettlands bisher die längsten Ferien in ganz Europa. Erst am 1.September treffen sich Schüler und Lehrer wieder, und feiern den Schulanfang in der Regel laut und fröhlich.

Zu lange Ferien?
Aber dieses sommerliche schulfreie Paradies ist wieder einmal in der Diskussion. Kārlis Šadurskis, seit Februar 2016 ins Amt als Bildungsminister zurückgekehrt (er war es zwischen 2002 und 2004 schon einmal), sieht sich vor die Aufgabe gestellt eine Reihe von Reformen im lettischen Bildungssystem durchzuführen. Neben dem Wunsch vieler kleiner Gemeinden, auch die relativ kleinen Schulen zu behalten, und dem Wunsch der Lehrerinnen und Lehrer nach höheren Löhnen und besseren Fortbildungsmöglichkeiten könnte auch eine Verlängerung des Schuljahres auf dem Arbeitsplan stehen.

Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung offenbarte außerdem bisher ungeahnte Schwächen des lettischen langen Sommers: dieses System trage dazu bei, die sozialen Unterschiede noch zu verstärken: bei sehr langen Lernpausen sollen demzufolge besonders das mathematische Verständnis und die Lesefähigkeiten nachlassen; das wurde damit erklärt, dass Kinder in besser gestellten Familien in den Ferien auch Museen besuchen, an Ferienlagern teilnehmen, oder Bücher lesen. Diese Studie wird bestätigt von den PISA-Studien, die einen großen Unterschied der Leistungen von Schülern aus wirtschaftlich besser gestellten und schwächeren Regionen feststellt - wie hoch der Prozentsatz an schlechter gestellten Familien ist, darauf weist schon die Tatsache hin dass 39% der Kinder (83.000) ein kostenloses Mittagessen in der Schule wahrnehmen ("IR" 13.4.16).

Ergebnisse einer Umfrage zu Freizeitaktivitäten lettischer
Jugendlicher (Quelle: Bildungsministerium)
Auch einige Unterrichtsfächer gelten als ausbaufähig; so der Sportunterricht - auch in Lettland gilt mangelnde Bewegung inzwischen auch bei Jugendlichen als Gesundheitsrisiko - daher mischte sich letztes Jahr auch schon der Gesundheitsminister ein, und schlug ebenfalls eine Verlängerung des Schuljahres vor (siehe: e-klase); allerdings hätte er die langen Sommerferien vielleicht nicht als "Überbleibsel der Sowjetzeit" brandmarken sollen - das stieß auf wenig Gegenliebe.

Voll gepackter Stundenplan
Aber ein Ausbau von Unterrichtsstunden ist im gegenwärtigen System kaum möglich: der Stundenplan reicht sowieso schon bis um drei Uhr nachmittags, danach gehen viele noch zum Sporttraining, Tanzen, zur Musik- oder Kunstschule, und schließlich noch Hausaufgaben.
Ferienzeiten in Europa
Auch neue Herausforderungen und Themen müssten zukünftig stärker eingebaut werden: von der Arbeit mit neuen Medien, Verkehrserziehung, Gesundheitsfragen. Weiterbildungen sollen ausserdem mehr Flexibilität der Unterrichtsmethoden erbringen - mehr interaktives Lernen für die Schüler, weniger Stress für Lehrerinnen und Lehrer.
Es gibt auch Schuldirektoren, die einer Verlängerung des Schuljahres schon deshalb zustimmen, weil es lettische Privatschulen sind, die zusätzlich zum Lehrplan auch bisher schon künstlerische Workshops, wissenschaftliche Untersuchungen in der Natur, oder Englisch-Sonderkurse anbieten.

Gegner einer Änderung argumentieren u.a. damit, dass die Sommerferien in Estland und Finnland, wo regelmäßig gute Schulleistungen festgestellt werden, nur wenige Tage kürzer sind als in Lettland. Andere wiederum wenden ein, es mache wenig Sinn, während der heißen und schwülen Zeit in Schulklassen zu sitzen, wenn es dort auch keine Ventilatoren oder Klimatisierung gäbe - diese Ansichten kann man wohl nur im hohen Norden Europas haben.
Und es gibt auch noch ein ganz anderes Argument: Eltern und auch Lehrer, die lange Schulferien dazu nutzen, um zusätzliche Jobs anzunehmen, etwa im Tourismus, um ihr eigenes Budget aufzubessern.
Die ersten Versuche, das Schuljahr in Lettland zu verlängern, wurden bereits unter Bildungsminister Māris Vītols (im Amt 1999 - 2000) gemacht; auch 2011 sahen die Pläne schon mal sehr konkret aus (siehe Blog). Im Moment deutet noch nichts darauf hin, dass es diesmal durchgesetzt werden wird - zu populär sind die langen Ferien bei den Schülern, zu unpopulär die Politiker.Ein echtes "Sommerlochthema".

30. Oktober 2015

Nach Saisonende

Gerade bei deutschen Touristikveranstaltern ist es kürzlich wieder Mode geworden, selbst unerfahrene Gäste, ältere wie jüngere, auf einen Trip des sogenannten "nachhaltigen umweltfreundlichen Tourismus" zu schicken - nein, leider nicht indem sie zu Hause bleiben, und so CO2 zu sparen, sondern indem sie ein Bus irgendwo nach Lettland bringt, wo dann 20, 30 km Rad gefahren wird, möglichst auf asphaltierten, bequemen Straßen, und der Bus die Gäste dann nachmittags wieder einsammelt, um sie rechtzeitig zum Fernsehprogramm ins Hotel zu bringen.
Ist die Saison aber vorbei - kümmert es keinen, was im Touristenzielgebiet sonst noch passiert. Dafür gibt es mehrere Beispiele (siehe auch "Kolka uncool"). So hätte das, was diese Woche nördlich Riga passierte, immer Sommer auch jederzeit Touristen passieren können.

Fotos: lettische Verkehrspolizei
Der Unfall ereignete sich kurz nach 11 Uhr morgens auf der Straße Riga-Sigulda in der Nähe der Ortschaft Gārkalne, als ein Schwerlaster der Marke "Skania" mit einem Opel zusammenstieß, der eine Gruppe Radfahrer begleitete. Es gab 13 Verletzte, sechs davon mit schweren oder sehr schweren Verletzungen, alle sind Jugendliche im Alter von 12- 18 Jahren.Drei davon befinden sich noch in einem lettischen Krankenhaus, die übrigen konnten inzwischen nach Hause in die Obhut ihrer Elterin entlassen werden.

Nach dem, was bisher bekannt ist, fuhr der 50 Jahre alte LKW-Fahrer mit zu hoher Geschwindigkeit und ohne die Abstands-regeln zu den Vorausfahrenden zu beachten, Alkoholeinfluß konnte allerdings nicht nachgewiesen werden, und auch die vorgeschriebenen Ruhezeiten habe der Fahrer eingehalten. Die Radlergruppe war eine Trainingsgruppe einer lettischen Fahrradschule (Rīgas Riteņbraukšanas skola). Der LKW-Fahrer, ein polnischer Staatsangehöriger mit Fahrpraxis seit 1989, wurde vorübergehend in Gewahrsam genommen. Er bedaure das Geschehene sehr, heißt es. Lettischen Gesetzen zufolge kann ein Fahrzeugführer, wenn er einen Unfall mit Todesfolge oder schweren Verletzungen verursacht, mit bis zu 10 Jahren Gefängnis bestraft werden - die Untersuchungen dauern noch an.

Schnell kamen Forderungen auf, Radfahrer generell von den Schnellstraßen zu verbannen. Normunds Krapsis, Leiter der Abteilung Verkehrs-sicherheit bei der Polizei, sagte dazu: "Es ist ein tragisches Ereignis. Aber nach jedem Unfall das Gesetz ändern zu wollen, macht keinen Sinn."
Andere Verkehrsteilnehmer berichten, selbst öfters Radlergruppen gesehen zu haben, mit einem Begleitfahrzeug in der Nähe. "Das stört doch eigentlich niemand, wenn man achtsam fährt."

Die jugendliche Radsportgruppe sei morgens um 10.30 Uhr in Riga losgefahren, unter Aufsicht eines erfahrenen Sportlehrers, gibt die betroffene Radsportschule bekannt. Das Begleitauto sei mir einer speziellen Warnblinkanlage ausgestattet gewesen. 12 Fahrräder weisen Totalschaden auf, jedes zwischen 1500 und 2000 Euro wert. Das Komitee für Bildung, Kultur und Sport der Stadtverwaltung Riga (Rīgas domes Izglītības, kultūras un sporta komiteja) reagierte äußerst schnell, indem es der Sportschule bereits vier Tage nach dem Unfall bereits 30.000 Euro zur Deckung der Schäden bewilligte (10.000 davon für die materiellen Schäden). Die Mitglieder des Komitees äußerten dabei Einvernehmen darüber, dass die jugendliche Radlergruppe alle vorgeschriebenen Sicherheitsregeln eingehalten habe. Weiterhin wurde beschlossen, gemeinsam mit Vertretern der Polizei, des Straßenverkehrsamtes, des lettischen Radlerverbandes (Latvijas Riteņbraukšanas federācija), dem Sportgymnasium Murjāņi und den Sportschulen in Dobeles und Kuldīga zu beraten, ob und wie die Sicherheit bei Jugendsportveranstaltungen weiter verbessert werden kann. 

Nicht erwähnt wurde bisher - auch nicht von Seiten des Radsportverbands - dass der betroffene Straßenabschnitt unter Radfahrtouristen schon seit Jahren einen äußerst schlechten Ruf genießt. "Fahren Sie lieber gleich mit dem Zug von Riga nach Sigulda und setzen sie dort Ihre Radtour fort", so ist schon lange in einigen Radreiseführern zu lesen. Während sich lettische Behörden darauf berufen, dass auch in anderen Ländern es üblich sei, dass Radler die Straßen mitbenutzen (ausgenommen Autobahnen), so weisen allerdings ähnliche Straßen etwa in Schweden oder Dänemark, auch in Deutschland, zumindest einen Randstreifen auf, der ebenfalls asphaltiert ist und auf den man - Radler, PKW oder LKW-Fahrer - ausweichen kann, falls es kurzfristig notwendig sein sollte. Der betroffene Straßenabschnitt bei Gārkalne wurde in den zurückliegenden Jahren mehrfach erneuert und modernisiert - sicherlich mit EU-Fördergeldern - weist aber keinerlei Randstreifen auf. Im Gegenteil: direkt neben der Fahrbahn liegt Rollsplit, und ein Ausweichen darauf, zumindest in voller Fahrt, ist ziemlich unmöglich.

22. Juli 2015

School is out!

Auch in Lettland haben längst die großen Sommerferien begonnen - wer auch in den Ferien vom Gedanken an die Schule nicht lassen kann, der könnte sich ja mal das lettische "Schulrating" anschauen. Kein dubios betriebenes Internet-Portal ist dazu nötig, auch kein Einlassen auf kommerziell betriebene Seiten - in Lettland macht das der "Atis Kronvalds Fonds" (Stiftung Atis Kronvalds), eine gemeinnützigen Einrichtung. Dabei wird zwischen großen (mehr als 100 Schüler) und kleineres Schulen unterschieden, und es wird hier auch kein Internet-Bewertungssystem zur Verfügung gestellt, sondern neben einer Durchschnittsberechnung der Schulnoten sind sind "Olympiaden" die Grundlage, die auch landesweit ausgetragen werden. Keine Möglichkeit also für Schülerinen und Schüler, ihre eigenen Schulen zu bewerten, sondern pure Leistungstests.

"Schulolympiaden sind sehr populär unter den Schülern," - das behauptet zumindest die zuständige Behörde (National Center for Education). Ähnlich wie im Sport, werden auf internationaler Ebene errungene "Medaillen" gezählt. Lettische Sprache, Literatur, Informatik, Mathematik, Französisch, Deutsch, Geschichte, Chemie, Biologie, Physik, Ökonomie, Philosophie, Umwelt: alles Wissensgebiete für lettische Schülerolympiaden - für die Durchführung gibt es eigens gesetzliche Bestimmungen des Bildungsministeriums: das geht soweit, dass z.B. nur dunkelblaue oder schwarze Kugelschreiber genutzt werden dürfen. Auf internationaler Ebene nehmen lettische Schülerinnen und Schüler in den Bereichen Mathematik, Biologie, Physik, Chemie, Informatik, Geographie, Philosopie und Umweltschutz an entsprechenden Olympiaden teil. Bei der Durchführung der Deutscholympiaden hilft die Deutsche Botschaft, der Deutschlehrerverband und auch das Goetheinstitut.

Gern gesehene Schlagzeilen in der lettischen
Presse: Schüler als Olympiade-Sieger
Viele Schulen werben inzwischen mit den Erfolgen ihrer Schüler bei Olympiaden. Das "Schulrating" jedenfalls summiert nur die Bestenlisten: so kann 2015 das 1.Gymnasium Riga erneut seinem Ruf gerecht werden und führt die Bestenliste auch in diesem Jahr bei den größeren Schulen an, gefolgt von der russischen Mittelschule in Daugavpils und dem Staatlichen Gymnasium in Sigulda. Die Sieger erhalten jedes Jahr die "große Eule" (Liela pūce). Bei den kleineren Schulen stehen gleich zwei Schulen aus Daugavpils vorne, gefolgt von einer Mittelschule aus Saldus.
Warten auf die Besten im
Schul-Rating: "große Eulen"
als "Wanderpokal"
Aber auch Schulen, die sich bei diesen "Bestenlisten" ganz unten wiederfinden, wie z.B. das Katholische Gymnasium in Riga, werben mit dem, was sie haben: wenigstens ein paar Mathematik-Sieger kann auch diese Schule aufbieten. Vor einigen Jahren machte gerade diese Schule aber andere Schlagzeilen: insgesamt 20 Lehrerinnen und Lehrer wollten die Privatschule aus Protest verlassen, weil die Schuldirektorin zu Schuljahrsbeginn plötzlich entlassen worden war - von Kardinal Pujats höchst selbst. Sogar die Schließung der Schule wurde in der Presse für möglich gehalten (Kas Jauns).

Was sind die besten Schulen in Lettland? Die Erfolgreichen bei den lettischen "Olympiaden" würden sicher antworten: "Unsere!"
"Die internationalen Schülerwettbewerbe gehen überwiegend auf Initiativen von ehemals sozialistischen Ländern mittelost- und Osteuropas zurück," schreibt Bildungsforscher Kurt A. Heller in seinem Buch 'Begabt sein in Deutschland', "weshalb sich auch der im dortigen Sprachgebrauch verwendete Begriff 'Olympiade' durchgesetzt hat." Er stellt fest, dass auch deutsche Teilnehmer im internationalen Maßstab respektabel abschneiden - es droht also zumindest keine neue "Pisa"-Diskussion. Lettische Schulen mögen sich weiter an "Olympiaden" orientieren - in Deutschland wird die Verschiedenartigkeit der Einschätzungen und Konzepte dazu allein schon durch die 16 Bundesländer gesichert sein.

24. März 2015

Immer hübsch freundlich

In Lettland hat der neue Film von Andris Gauja sicherlich einige Diskussionen ausgelöst: "Izlaiduma gads" (deutscher Titel: "Die Lehrerin", engl. "The lesson" bzw. "The Graduation year") ist immerhin einer der meist gesehenen Filme des Jahres 2014 in Lettland. Viele der Kinobesucher werden Schulsituationen ähnlich derer kennen, wie sie hier gezeigt werden. Doch der Film stellt die Geschichte dieser Lehrerin anders in den Fokus, als es einige Pressereaktionen und sogar die Inhaltsangaben glauben machen wollen.

Nein, vergleichbar mit "Klass" ("The Class") des Esten Ilmar Raag ist der Film nicht. Oder nur als Gegensatz dazu: nicht versteckte und offene Brutalität, sondern idealistische Gutwilligkeit steht bei Andris Gauja im Fokus. Aber je nachdem wie die Ankündigung zum Film verfasst wird, könnte es auch Missverständnisse geben.

Andris Gaujas bisherige Filme fokussierten alle den dokumentarischen Blickwinkel: das Innenleben der jüdischen Gemeinschaft in Riga ("3000 km līdz Apsolītajai zemei", 2006), die letzten Tage eines todkranken Jungen ("Viktors", 2009), und ein Aufsehen erregender Film über eine Geschwisterbeziehung ("Ģimenes lietas" / "Family Instinct", 2010).

Auch bei "Izlaiduma gads" ging Gauja und sein Team in sofern dokumentarisch vor, dass nichts vorgegaukelt wird: obwohl nur einige kurze, eher verschwommene Einstellungen von Paris im Film zu sehen sind (ein Hotel von innen, der Eiffelturm vor dem Zugfenster), so wurde doch original in Paris gedreht. Ebenso in St.Petersburg und in einer russischen Industriestadt, was besonders für das Ende des Films wichtig ist.

Die Verwendung des Slogans "Die Lehrerin die nicht nein sagte" legt nahe, der rote Faden dieses Films liege in der Schwere der Entscheidungen, die Klassenlehrerin Zane zu treffen habe: soll sie die Annäherungsversuche eines Schülers ihrer Klasse erwidern, oder nicht? Wie reagieren Kolleg/innen, Freundinnen und Bekannte? Wird sie vielleicht von reaktionären, streng konservativen Einstellungen rund herum "gezwungen", ihren Gefühlen zu entsagen?

Picknickkorb und Sekt gegen schlechte Stimmung
in der Klasse: Szene aus "Die Lehrerin"
Wer ähnliches als Filmhandlung erwartet, wird zumindest teilweise enttäuscht sein. "Ich wollte mit diesem Film eine Person zeigen, die meint mit immer währender Freundlichkeit und Entgegenkommen weiterzukommen," sagt Filmemacher Andris Gauja. Und tatsächlich: dramatisch zugespitzt verläuft nicht etwa der Konflikt mit Mitmenschen, die Lehrerin Zane Gefühle ausreden wollen. Hauptdarstellerin Inga Alsiņa hätte vielleicht auch noch mehr schauspielerisches Potential zu offenbaren, in diesem Film ist es vor allem Erstaunen darüber, dass ihre Gutwilligkeit nicht zum Guten führt: sie verwickelt sich selbst in einen Strudel der Ausweglosigkeit. So ist es auch zu erklären, dass ihr Gegenpart Marcis Klatenbergs ("Max") so wenig empathisch und hingebungsvoll wirkt: frisch von ihrem Mann getrennt, den Ehering weggeworfen, probiert Zane es mit freundlichst möglicher, entgegenkommender Gutmütigkeit - und staunt offenbar selbst am Ende über das, was sie damit anrichtet. Max hat den Rückhalt eines reichen Vaters, ein Romeo aber ist er gewiss nicht - auch drei gelbe (!) Tulpen, kommentarlos im Briefkasten, reichen da nicht aus. So ist es für Zane auch keine Wahl zwischen persönlichem Glück oder gesellschaftlichem Anpassungsdruck - was dann spätestens das Ende des Films zeigt.

Die Anfangssequenz, eine junge Lehrerin in einer Klasse (fast) erwachsener Schüler/innen, die ihre interne Hierarchie längst ausgefochten und ihre Unlust gegenüber dem angebotenen Russisch-Unterricht offen zur Schau trägt, hätte auch auf die Spur von Ilmar Raag führen können. Doch Zane möchte Gutes tun, und bietet erstmal Früchtepunsch und ausgiebige Parties an, sowohl mit Lagerfeuer am Strand, als auch in ihrer Privatwohnung. Abgrenzung, Authorität und Lernziele waren gestern - hier möchte Frau Zane offenbar am liebsten nur "beste Freundin" sein. Als sie einer Schülerin, die offenbar zu Hause Probleme hat, auch noch kostenfreie Mitwohnmöglichkeit bietet, holt sie sich ausgerechnet diejenige Frau ins Haus, die von einer Beziehung mit Max träumt, der seinerseits Frau Lehrerin lieber zu Spitztouren mit dem Sportwagen einlädt. Die Lehrerkolleginnen reagieren teilweise sogar verständnisvoll: Alkohol auf Schulparties? Gerüchte um allzu enge persönliche Beziehungen mit Schülerinnen und Schülern? Hauptsache die engagierte Kollegin hat das im Griff - so heißt es lange Zeit. Nein, an einem vorurteilsbeladenen, übel wollenden Kollegium scheitert Zane keinesfalls.

Lehrerin Zane und Schüler Max: verirrt im Geflecht
gut gemeinter Beziehungen
Eine lettische Filmkriterin, Kristīne Matīsa, lobt und kritisiert die Nähe zur lettischen Schulrealität gleichzeitig (Diena). Ihrer Ansicht nach wirkt es wenig wahrscheinlich, dass Lehrerin Zane die anfängliche Unlust ihrer neuen Klasse mit so relativ wenig Kommunikation überwindet: Autorität in einer offensichtlichen "Schlangengrube" erreiche man nicht einfach durch schlichte Aussagen wie ""Būs labi, dzirdi?" ("es wird alles gut werden, hörst Du?"), und gegenüber Kolleginnen auch nicht durch den schlichten Satz "Es ļoti atvainojos" ("ich bitte vielmals um Entschuldigung"). Zugestanden. Wie schon gesagt: Lehrerin Zane ist eben nicht von Gefühlen hin- und hergerissen, sondern voller staunender Verständnislosigkeit gegenüber den Ereignissen insgesamt. Weniger als Modell für eine ungewöhnliche Liebesbeziehung, sondern vielmehr als praktisches Experiment hemmungslosen Nett-Sein-Wollens.

Beste Nebenrolle:
Aigars Ligers als "Olafs"
Solcherlei Nettigkeit folgend hätte der Film auch eine andere Geschichte erzählen können. Als die Neue im Lehrerkollegium auf Olafs trifft, Sohn eines Lehrerkollegen, wird alle gefühlsmäßige Zurückhaltung aufgegeben. Der junge Aigars Ligers spielt seine Rolle derart intensiv und überzeugend, dass vielleicht die Frage aufkommt: "Spielt" er überhaupt"? Oder hat das Filmteam die emotionale Tiefe dieser Situation vielleicht auch überrascht? Olafs Vater, alleinstehend und von durchaus wiedererkennbar typischer lettischer Zurückhaltung, könnte sich durchaus Olafs neuer Liebe anschließen. Aber er ist eben kein junger Spund mit Sportwagen ... - schade eigentlich.

mit "Izlaiduma Gads" im Gepäck kürzlich von
Vorführung zu Vorführung, durch halb Europa:
Andris Gauja, Elza Feldmane
Mit nur 35.000 Euro Herstellungskosten ist "Izlaiduma Gads" ein wahrer "Low-Budget"-Film. Nur zu einem kleineren Teil gab es Geld von der staatlichen lettischen Kulturstiftung VKKF, dem Rigaer Stadtrat oder von einigen Sponsoren. Die Dreharbeiten erstreckten sich auf die Jahre 2012 und 2013, die Suche nach Sponsoren, Spendern und Unterstützern noch über einen wesentlich längeren Zeitraum. Der Start in den lettischen Kinos war begleitet von fantasievollen Werbeaktionen: eine riesige Filmkamera schwamm auf der Daugava, kostenlose Bananen wurden verteilt, und etliche Fotos von immer neuen Orten - immer zusammen mit dem Spruchband des Filmtitels - wurden in sozialen Netzwerken gepostet. Und wer Andris Gauja und Elza Feldmane auf ihrer "Europatour" erlebt hat, per Bahn und Bus, mit Film und allen Materialien huckepack - der wird verstehen, dass das gesamte junge Filmteam sicher fast an die eigenen Grenzen gegangen ist, um sich den kreativen Traum von einem Spielfilm erfüllen zu können.

5. September 2013

Schulstatistik

Für 807 allgemeinbildende Schulen in Lettland hat am 1.September das neue Schuljahr begonnen. Die Zahl der Schulen sinkt weiterhin leicht: im Jahr 2000 bestanden noch 1037 Schulen, vor zwei Jahren waren es noch 830 Schulen, im Vorjahr 814. 2009 war das Jahr größerer Reorganisation gewesen: 57 Schulen wurden in diesem Jahr geschlossen, 84 umstrukturiert.
Strukturprobleme lässt die Unterscheidung zwischen Stadt und Land vermuten: 71% aller Schulen befinden sich in ländlichen Regionen, 29% in Städten. 52% der Schülerinnen und Schüler gehen allerdings in den Städten zur Schule. 37% aller lettischen Schulen sind Einrichtungen mit 100 und weniger Schüler, nur 3% der Schulen haben mehr als 1000 Schüler. (Zahlen nach LETA vom 1.9.13, lettisches Bildungsministerium).

Im abgelaufenen Schuljahr waren es 200.706 Schüler auf lettischen Schulen, eine Zahl, die sich voraussichtlich leicht (nach vorläufigen Zahlen um etwa 1000) verringert hat. Die Zahl der Erstklässler steht stabil auf etwa ein gleiches Niveau wie im Vorjahr (20.148 - delfi)).

Eine noch andauernde Diskussion dreht sich einerseits um die Entlohnung der Lehrkräfte und andererseits um deren Fort- und Weiterbildung. Ex-Bildungsminister Roberts Ķīlis, der am 30.April 2013 aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten war, hatte noch weitgehendere Reformen des Schulsystems ins Auge gefasst, unter anderem eine Verlängerung des Schuljahres und eine verändertes Qualitätsmanagement für die Schulen.
Die lettische Gewerkschaft der Beschäftigten in Bildung und Wissenschaft hatte einer Erhöhung des Budgets um 10 Millionen Lat gefordert, um allen aktuellen Erfordernissen gerecht werden zu können (LIZDA). Es geht vor allem um das Lohnniveau der Pädagoginnen und Pädogogen: gemäß einer Umfrage der Gewerkschaft sind 63% ihrer Mitglieder gegenwärtig zu Streikmaßnahmen bereit, falls das zuständige Ministerium keine weiteren Finanzzusagen machen sollte.

Mehr zum Schulsystem in Lettland (lettisch / englisch)