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15. Juni 2026

Der Baum, der alte Baum

"Mein Freund der Baum", sang einst "Aleksandra", und das Lied endete mit "Er fiel im frühen Morgenrot". In diesem Fall geht es um den Freund der Bäume. Er fiel niemals, er wich nicht von der Seite dieser Pflanzen mit ihren Kronen, aber nun ist er nicht mehr da. 

Es geht um Guntis Eniņš. Wenn in Lettland jemand einen großen, alten Baum sieht, der nicht mit den eigenen Armen umfasst werden kann, dann denken viele eben genau an zwei Dinge: an den Begriff "Dižkoks", und an Guntis Eniņš. Und wahrscheinlich muss hinzugefügt werden: dies sind lettische Gedankengänge. Es geht um Menschen, denen bewußt geworden ist, welche Naturschätze das eigene Land ausmachen. "Bei uns gibt es keine Niagarafälle oder andere Sensationen", so ein oft gehörter Satz gegenüber denen, die Lettland zum ersten Mal besuchen und kennenlernen wollen. Aber das Wissen darüber, wo die ältesten Bäume, wo besondere oder seltene Exemplare und andere Naturschätze zu finden sind, das ist Guntis Eniņš zu verdanken. 

Vom Ingenieur zum Naturentdecker 

"Wer die Wohnung des Naturforschers Eniņš in Dobele betrat, dem fallen die vielen Zettel zur Selbstorganisation und Inspiration auf, die er ausgedruckt und überall in der Wohnung aufgehängt hat", - so beschrieb es Journalistin Laura Dumbere einmal in einem Beitrag für die Zeitschrift "IR". Eniņš, eigentlich als Ingenieur ausgebildet, habe sich auch eine Liste mit Dingen verfasst, die beim Verlassen des Hauses nicht vergessen werden dürfen: Brille, Geldbörse, Handy, Uhr, Mütze. Dumbere schlußfolgert: "Tatsächlich verkörpert Guntis Eniņš voll und ganz das Bild eines zerstreuten Wissenschaftlers, der nach seiner Brille sucht, die auf seiner eigenen Nase sitzt, und an jedem Fuß eine andersfarbige Socke trägt - denn es gibt doch viel wichtigere Dinge, mit denen man sich beschäftigen kann."

Sorgsam kartiert

Bücher wie "100 dižākie un svētākie" ("Die Hundert Größten und Heiligsten", 2008) "Nezināmā Latvija" (Unbekanntes Lettland", 2015). "Koki mājas nepamet" ("Bäume verlassen ihr Zuhause nicht", 2017), oder "Latvijas dabas brīnumi" ("Naturwunder Lettlands") stammen von Guntis Eniņš. Wundersam verwachsene, alte Bäume sind dort beschrieben, aber auch besondere Steine am Meeresufer, Hügel auf denen einst Burgen lettischer Vorfahren standen, malerische Felsen. Oder auch versteckte Höhlen, wie diejenige am rechten Ufer des Flüsschens Brasla, einem Nebenfluss der Gauja. Hier entdeckte Eniņš eine bis dahin unbekannte Sandsteinhöhle ("Vējiņi"), und auch den einzigen unterirdischen See Lettlands. Er ließ sie von seinen Geographiestudentinnen und -studenten vermessen, und schuf damit auch ein attraktives Ziel für den Naturtourismus (wenn vorsichtig damit umgegangen wird). (tv3 / LA / dziedava)

Aussagen wie diese sind typisch für den Naturforscher Eniņš: "Ich wünsche mir, dass mein Buch ein Leitfaden für das Nachdenken und die Suche ist, ein Leitfaden auch für das Verstehen, Ergründen und Würdigen Lettlands, ein Leitfaden für die Liebe zu Lettland." Also: gedacht für die lettischen Landsleute, das eigene Land besser kennenzulernen. (dabasdati)

Die Baumaufsucher 

Schon 1976 hatte der Dichter Imants Ziedonis (1933-2013) die "Baum-Befreiungs-Bewegung" (Dižkoku atbrīvotāju grupa, DAG) begründet. Auch Eniņš war ein "dižvietu atbrīvotājs", ein "Befreier großartiger Orte". Um diese Leitfiguren herum versammelten sich bei DAG vorwiegend städtische Intellektuelle, mit dem Ziel, die bis dahin vernachlässigte lettische Kulturlandschaft zu pflegen. Keine Massenbewegung, eher eine Art erweiterter Freundeskreis. 

Guntis Eniņš erfasste und beschrieb mehr als 900 Baumbestände in Lettland, und während der Zeit der Lettischen SSR setzte er sich für ein Verbot der Sprengung von Bäumen ein (eine bei Kolchosen übliche Umgangsweise mit solchen "Hindernissen"). Er gründete dann die "Dabas retumu krātuve" ("Sammlung naturkundlicher Raritäten") und setzte sich für deren Erhalt ein. 

Guntis Eniņš nannte die von ihm sorgsam kartierten Bäume nicht einfach Bäume - er gab ihnen oft individuelle Namen wie  "Rieseneiche", "Opfer-Eiche", "die Erhabenste", "Eichen-Urvater", "Mädchenbaum", "der Gequälte", "die Königin, oder "der Zeitzeuge" (delfi). Guntis Eniņš ist am 8. Juni 2026 verstorben, kurz vor seinem 93. Geburtstag. In lettischen Medien ist zu lesen: nun gibt es einen alten Baum weniger… (Lasi)

5. August 2022

Jetzt wird geholzt!

Angesichts der kurzfristigen Notwendigkeit, ganz dem Gas aus Russland zu entsagen, beschloss nun die lettische Regierung den Holzeinschlag in den lettischen Wäldern zu erhöhen. Das lettische Landwirtschaftsministerium arbeitet an Vorschlägen, die von einem Mehreinschlag (des "grünen Goldes") von einer Million Kubikmetern ausgehen - das würde eine Steigerung um gut 10% ausmachen.

Die lettische Forstverwaltung dagegen ("Valsts meža dienesta" VMD) betont immer wieder das Bestreben, die Wälder nachhaltig zu sichern - es entsteht aber die Frage, für wen das gesichert werden soll: für den Erhalt der Natur? Oder nur für die Sicherstelllung der weiteren Nutzung? Im März hatte der Verein der lettischen Waldbesitzer (Latvijas Meža īpašnieku biedrība LMIB) eine Pressemeldung herausgegeben, in der es heißt: "Die Forstwirtschaft kann die vollständige Unabhängigkeit der Wärmeversorgung von russischem Gas sicherstellen!" (derselbe Verband beteiligte sich auch an einer Kampagne für die Nutzung von Atomenergie in Lettland).

Auch die lettischen Staatsforsten (“Latvijas valsts meži” LVM) scheinen schon bei der Auswahl des Vorsitzenden auf Imagegewinn zu setzen: Pēters Putniņš (was übersetzt Peter Vögelchen heißen würde) wurde kürzlich zum Chef der Lettischen Staatsforsten  gewählt. Die LVM bewirtschaftet 1,62 Millionen Hektar Land in der Republik Lettland. Getragen wird die LVM vom lettischen Ministerium für Land- und Forstwirtschaft, von der „Lettischen Industrie- und Handelskammer“, vom Baltisches Institut für Corporate Governance und dem Verband der Waldbesitzer. 

Bisher war die Regel, dass ein Beschluss einen Baum zu fällen dann erfolgen kann, indem der Durchmesser des Stammes in 1,30m Höhe gemessen wird. Bei Espen geschieht das in der Regel nach mindestens 41 Jahren, bei Schwarzerle und Birke nach 71 Jahren, Fichten nach 81 und Kiefern nach 101 Jahren. Die Gesetzesänderung besagt jetzt, dass auch Bäume geschlagen werden können wenn sie das angegebene Alter noch nicht erreicht haben. Jetzt können auch dünnere Bäume gefällt werden: der Durchmesser wird bei Birken auf 25 cm, bei Fichten auf 26 cm und Kiefern auf 30 cm reduziert. Dabei weist das Ministerium darauf hin, dass es diese Bestimmungen zum Durchmesser in Schweden und Finnland gar nicht gäbe, und in Estland sogar noch dünnere Bäume gefällt werden könnten (IR). 

Bei bisherigen Änderungen an diesen Regeln, zuletzt 2019, hatte noch das lettische Umweltministerium Einspruch erhoben - und empfahl eine genaue Kartierung ökologisch wertvoller Lebensräume. Diese Kartierung wurde auch gemacht - aber jetzt bewußt beiseite geschoben, so etwa nach dem Motto: wir haben Krieg, wir brauchen Holz! 

Als Lösung für die gegenwärtigen Auswirkungen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine auf Lettland schlug Landwirtschaftsminister Kaspars Gerhards jetzt die Erhöhung des Holzeinschlags vor (siehe: mk.gov.lv) - ohne Rücksprache mit Naturschutzverbänden. Das Ministerium rechnete vor, aufgrund der Änderungen 20% mehr Holzhackschnitzel zu produzieren und deren Preis zu senken - Umweltschützer aber kritisieren, dass diese ja sowieso meist in den Export nach Skandinavien gehen würden, die lettischen Verbraucher hätten also nichts davon. 

Ein neuer Film der lettischen
ornithologischen Gesellschaft
soll den Wert des Waldes als
Lebensraum verdeutlichen

Steigt also der Grad der Abholzungen lettischer Wälder sogar um bis zu 20%, wie es manche voraussagen?

Viesturs Ķerus erinnert sich in einem Beitrag für die lettische ornithologische Gesellschaft (Latvijas Ornitoloģijas biedrība, deren Vorsitzender er ist) an eine ähnliche Diskussion im Jahr 2009; damals habe Kristaps Klauss, Vertreter der lettischen Holzindustrie (Latvijas Kokrūpniecības federācija) gesagt: "Wir brauchen 11 Millionen Kubikmeter Holz im Jahr". "Dieser Satz ist mir in Erinnerung geblieben," meint Ķerus, "denn er bedeutet ja: wir brauchen, also muss der Wald liefern" (LOB).Sich nicht damit zu befassen, was der Wald liefern kann, sei eines der großen Probleme der lettischen Waldwirtschaft, meint Ķerus, und inzwischen sei der Holzeinschlag nun auch schon auf 13 Mill. m³ gestiegen. Seine Voraussage: wenn die nächste Krise kommt, wird es dem Wald weiter an den Kragen gehen. 

Gleichfalls interessant ist zur der Beurteilung der Situation ein Blick auf die Besitzer großer Waldflächen. Klar ist, dass sehr viele lettische Waldbesitzer weniger als 5 ha ihr Eigentum nennen. Ein Blick auf die 20 größten Unternehmen, die in Lettland Wald bewirtschaften, zeigt aber, dass diese 20 Firmen insgesamt über 300.000 ha verfügen (lursoft-blog). Dominierend dabei sind die Schweden: von den 20 größten gehören 5 zur schwedischen "Södra"-Gruppe (die erst 2018 noch einmal viel Wald aufkaufte), und weitere sechs stützen sich auf Kapitalanteile aus Schweden. Drei weitere große Unternehmen kommen aus den Niederlanden, und je eines aus Dänemark und Luxemburg.

23. März 2010

Waldeslust und Waldesfrust

Mehr als ein Drittel des Waldes in Lettland gehört bereits Besitzer/innen aus dem Ausland. Mit dieser Aussage erschreckte kürzlich die rechtskonservative "Latvijas Avize" in Lettland ihre Leserinnen und Leser. 20 Jahre nach Wiedererringung der Unabhängigkeit, immer noch mitten drin in einer Wirtschaftskrise, desillusioniert vom naiven Glauben an die schnelle Angleichung des Wohlstandsgefälles in West- und Osteuropa, machen sich viele Lettinnen und Letten Sorgen, ob ihr Land die Krise übersteht. In diesen Wochen würden vielleicht manche gern die Jahretage "20 Jahre Unabhängigkeitserklärung" ähnlich feiern wie die Deutschen es mit jeden Detail rund um den Fall der Mauer gemacht haben. 

Ausverkauf wegen Notlage?
Doch die Lage ist weiterhin frostig - nicht nur wegen des ungewöhnlich kalten und schneereichen Winters. Um ganze 22% ging das Angebot an freien Arbeitsplätzen im Jahr 2009 gegenüber dem Vorjahr zurück (siehe Bericht DIENA 19.3.10). Den Zahlen des zentralen statistischen Amts zufolge wurden 2009 216.300 Arbeitsplätze "eingespart", also abgebaut (47.000 davon im öffentlichen Sektor). Am größten war der Rückgang in der Bauwirtschaft (-43,1%).
Trieb es früher die Leute vom Land in die große Hauptstadt, dann ist die Lage hier momentan fast ebenso schwer. Inzwischen zählt es zum lettischen Populismus, milionenschwere Investitionen, die absehbar Arbeitsplätze kosteten, aus heutiger Sicht wieder in Frage zu stellen - die superteure neue Brücke über die Daugava gehört dazu. Oder soll vielleicht der Bau der neuen Nationalbibliothek gestoppt werden? Vor wenigen Tagen standen die Überlegungen von Rigas Bürgermeister Nils Ušakovs in den Zeitungen nachzulesen, doch vielleicht die Fahrkarten in Bussen und Bahnen wieder manuell durch Menschen ausgeben und kontrollieren zu lassen, statt durch Automaten. Das spiegelt die Stimmung wieder - allerdings nicht den Realismus. 

Vielleicht kommen ja inzwischen einige sogar aus den weit entfernten vermeintlichen Arbeitsparadiesen wie England oder Irland wieder zurück, und fragen sich: wie sieht es in unserem Land heute aus? "Abwrackprämien" oder ähnliche Konsumanreize hat es in Lettland keine gegeben - kurzfristige drastische Lohnkürzungen bei denen, die noch Arbeit haben, aber sehr wohl. Holz macht etwa 20% der lettischen Exportwirtschaft aus, da scheint es logisch, dass der lettische Verband der Holzverarbeitenden Industrie schon öfter eine Erhöhung der Einschlagsquoten um 30% forderte. Zahlen zur biologischen Vielfalt in lettischen Wäldern sprechen eine andere Sprache: die Bestandszahlen des Schwarzstorchs, der ruhige naturbelassene dichte Wälder mit hohem Grundwasserstand braucht, haben sich in den vergangenen Jahren um nahezu die Häfte verringert. 

Spekulieren und Abholzen  - marktwirtschaftliche Philosophie?
Nicht zufällig gab es einige Jahre auch ein eigenes "Waldministerium" im unabhängigen Lettland. Nein, nicht in einem Forsthaus, sondern in Riga. Doch wer entscheidet heute noch über die Art und Weise und den Umfang der Waldbewirtschaftung? 1,56 Millionen der insgesamt 4,4 Millionen Hektar Waldfläche seien in Lettland in der Hand von Besitzern aus dem Ausland, so zitiert es Zīgfrids Dzedulis in "Latvijas Avize". Auch der Frage, warum Ausländer offenbar vermehrt lettische Waldflächen kaufen, wird dort versucht zu beantworten. Kühl ökonomisch gerechnet werde hier. Waldflächen seien in Lettland eben fünf- bis zehnfach billiger als in Skandinavien. Schwedische Geschäftsleute werden zitiert mit den Worten: "Aktienkurse steigen und fallen, aber der Wert des Waldes steigt von Jahr zu Jahr. Daher kaufe ich Wald und keine Aktien." Nur die räumliche Nähe zu Russland - so die These dort - und ein daher rührendes kleines Gefühl der Unsicherheit verhindere angeblich noch, dass Ausländer auch den letzten verfügbaren Hektar lettischen Waldes noch aufkauften.
Dzedulis spekuliert weiter: selbst wo offiziell ein "Bērziņš" oder ein "Liepiņš" als Besitzer eingetragen sei, können sich auch ausländische Firmen dahinter verbergen. Und auch dort, wo offiziell ein Landstück auf 99 Jahre gepachtet sei, könne es sich um einen "heimlichen" Kauf handeln. Die Aufgabe der Entwicklung einer Strategie zur Entwicklung der Waldwirtschaft habe beim Ministerium für Regionalentwicklung gelegen, dort finde sich aber bisher in den entsprechenden Papiere kein Wort zu den aktuellen Tendenzen. Zudem wüssten die Selbstverwaltungen der Gemeinden offenbar nichts über die vorliegenden Zahlen und gäben sich (auf Nachfragen der Journalisten) verwundert. 

Immer noch ist die Zahl derjenigen, die an realistische Chancen für Lettland als Agrarland glauben, erstaunlich hoch. Daher werden solche Statistiken auch gern als Beispiel für verfehlte Landwirtschaftspolitik genommen. Wieder ein Hinweis darauf, dass die Wirtschaftskrise gern zur eigenen kritischen Standortbestimmung genommen wird. Was nützen uns denn die europäischen Strukturfonds, wenn ganze Bereiche, wie etwa das lettische Zucker-produzierende Gewerbe zum Aufgeben gezwungen wird, und Lettland den Zucker aus dem Ausland beziehen muss? Und was hilft es wenn die Preise um Land aufzukaufen in Lettland am günstigsten in ganz Europa sind? 
Dazu kommt auch, dass in den 90er Jahren viele erstmal Besitz zurück erstattet bekamen, der ihnen oder den Vorfahren von den Sowjets genommen worden war. Nur wenige waren aber in der Lage, tatsächlich langfristig Land- oder Forstwirtschaft erfolgreich zu betreiben. Und wenn dann die Krise und Mangel an Finanzmitteln dazu kommt, verkaufen viele eben gerne (und an die Meistbietenden noch lieber).

Ein Stückchen Mythos, ein Stückchen Wahlkampf
Ein Übergangsgesetz im Zuge des EU-Beitritts beschränkt die Erwerbsmöglichkeiten für Firmen und Personen aus dem Ausland (läuft 2011 aus). Ein Aufenthalt von mindestens seit 3 Jahren in Lettland und ein ebenso langes Bestehen eines landwirtschaftlichen Betriebs wird da gefordert. Allerdings können auch Firmen Waldflächen oder Land kaufen, die zu mehr als 50% Eigentümern aus Ländern gehören, mit denen Lettland international gültige Investitionsschutzabgkommen abgeschlossen hat (mit Deutschland zum Beispiel bereits 1993, seitdem können Deutsche in Lettland Land erwerben). Das einzige, was Ausländer in Lettland noch wirklich schrecke, seien "Bürokratie und Korruption" (Dzedulis). Aber Dzedulis geht noch weiter mit seinen Thesen: falls nun auch das lettische Einwanderungsgesetz geändert werde, so wie Staatspräsident Zatlers es vorgeschlagen habe, dann könnten auch solche Personen eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, die Eigentum im Wert von mindestens 100.000 Lat (auf dem Lande 50.000 Lat) erwerben. So könnte es bald Einwohner in Lettland geben, "bei denen der internationale Terrorismus Zuflucht findet."

Hysterische Parolen? Noch drastischere Formulierungen fand (mal wieder) der nicht gerade durch seine Gesetzestreue auffällig Bürgermeister von Ventspils und Patron (Sponsor) vieler lettischer Politiker, Aivars Lembergs. In seiner Hauspostille (die Neatkarīgā Rīta Avīze gehört ihm weitgehend) liess er drucken: Lettland sieht sich einer neuen Okkupation gegenüber, diesmal ohne Panzer. Wo er selbst sich immer noch Gerichtsprozessen wegen Betrug und Korruption ausgesetzt sieht, schiesst er mit (wahlkampfgeeigneter) Munition zurück: die Vereinbarung, welche die gegenwärtige lettische Regierung mit den internationalen Kreditorganisationen getroffen habe, vergleicht Lembergs mit dem Hitler-Stalin-Pakt. Zwar habe er selbst noch keine "geheimen Zusatzvereinbarungen" gesehen, aber er wirft der Regierung vor, die Menschen im Unklaren zu lassen über die wirklichen Folgen solcher Vereinbarungen. "Sie wussten, was sie unterschreiben," so der Vorwurf von Lembergs. Und mit Blick auf die anstehenden Parlamentswahlen dieses Jahr: "Wegen dieser Vereinbarungen wird es nahezu egal sein, wer die wahlen gewinnt." Die zukünftige Regierung werde gezwungen sein, die Bedingungen zu erfüllen, die bisher im Detail nur ein paar Personen der jetzigen Regieung kennen würden. "Das ist wie eine Okkupation," so Lembergs vor der lettischen Presse, "dasselbe was am 17.Juni 1940 passierte, nur diesmal ohne Panzer. Der Staat besteht weiter, nur es werden keine Menschen überleben. Die Letten sterben aus." 

Wer sich in der lettischen Geschichte ein wenig auskennt, und Lettland mag, wird sich hier mit Grausen abwenden. Welche Blüten wird der nationalistisch gefärbte Populismus (zum eigenen Nutzen, natürlich) noch treiben? Wieviel Porzellan wird zerschlagen werden dabei? Im Bereich "souverän gelebtes Selbstbewusstsein" war Lettland noch nie besondern stark. Ich kann nur hoffen, dass es nicht noch schlimmer wird.