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31. März 2026

Tote Tiere im Wahlkampf

Lettland wirbt mit seinen Naturlandschaften: man denkt zum Beispiel an Kap Kolka, an die breiten Stromschnellen bei Kuldiga, den Märchenpark von Tērvete, an die natürlich erhaltenen Strände der Ostsee, und an viele Flüsse und Seen. Als höchste Naturschutzkategorie gibt es auch in Lettland Nationalparke: an der Gauja, am Kolkasrags bei Slītere, am Rāznas-See im Osten Lettlands, und eben in Ķemeri, einem alten Kurort unweit von Jūrmala. Der Nationalpark in Ķemeri besteht seit 1997, kann also bald sein 30-jähriges Bestehen feiern. Doch zur Zeit macht der Ort unrühmliche Schlagzeilen: auf den Wiesen des Nationalparks sollen in kurzer Zeit ungewöhnlich viele Tiere verendet sein. 

Wilde Wiesen, wildes Leben

Es geht um Kühe und Pferde. Genauer gesagt: um Auerochsen und Konik-Pferde. Im Jahr 2004 wurden im Rahmen eines „LIFE-Nature“-Projekts der Europäischen Union 15 Auerochsen aus Belgien hier angesiedelt. Ziele waren die Wiederherstellung von Graslandbiotopen und die Renaturierung offener Landschaften. 

Und das, was heute als "Auerochsen" auf dem Nationalparkgelände frei leben kann, sind gezielte Züchtungen mit dem Ziel, etwas Ähnliches wie die Urform der Hausrinderrassen wiederzubeleben (youtube). Die ersten erfolgreichen Züchter waren die deutschen Zoologen Heinz und Lutz Heck (daher manchmal auch "Heckrind" genannt). (youtube / NLWKN)
Nun greift der Mensch nur noch minimal in das Leben dieser Tierherden ein, wie es auch Andis Liepa, Leiter der Stiftung Nationalpark Ķemeri, schon vielfach der Öffentlichkeit zu erläutern versuchte (jauns / lsm / youtube). 

"Latvia Travel" schreibt als Info für Touristen: "Auf den von Wäldern umgebenen Dunduru Wiesen weiden in einer großen Koppel Heckrinder und Pferde der Rasse Polski Konik. Diese Tierarten sind speziell für das Leben unter freiem Himmel gezüchtet worden und sehr ähnlich ihren längst ausgestorbenen Vorfahren – den Auerochsen und Tarpanen, diese Tiere kann man vom Aussichtsturm beobachten."

Naturidylle per Vertrag 

Bei den Konik-Pferden gab es 2005 zunächst einen Partnerschaftsvertrag mit dem World Wildlife Fund (WWF, als Tierhalter, anfangs 15 Kühe und 10 Pferde). 2010 übergab der WWF die Auerochsen und Konik-Pferde (inzwischen 87 Tiere) an die Stiftung Ķemeri-Nationalpark (ĶNPF). 466 ha gepachtetes Gelände steht zur Verfügung. Im Laufe der Jahre hat sich Zusammensetzung der Herden auf natürliche Weise verändert und die Tiere haben sich in freier Wildbahn ohne menschliches Zutun und ohne tierärztliche Aufsicht vermehrt.

Ein Problem blieb bestehen: das lettische Gesetz sieht keine Sonderregeln für "wild" gehaltene Tiere vor - und verlangt zum Beispiel regelmäßige Blutproben und Untersuchungen aller Tiere, was aber ein Einfangen und Verschrecken aller Tiere zur Folge hätte. Andis Liepa kennt diese Diskussion schon seit vielen Jahren - und hofft auf ein konstruktives Vorgehen der Behörden. (jauns) 2024 kam es sogar schon einmal zu einem Gerichtsprozess. Naturschützer Liepa ist der Meinung, die sich häufenden Beschwerden seien besonders von Jagdvereinen zu erwarten, die ihre Aktivitäten hier ausweiten und nur zu gern die Stiftung als Verwalter loswerden möchten. (lsm

Dutzende Tierkadaver? 

Nun aber ist plötzlich in manchen lettischen Zeitungen von "Dutzenden toter Tiere" die Rede (lsm). Zitiert wird auch Aldis Stepanovičs, ein Bauer, mit der Behauptung: "Meiner Beobachtung nach verkümmern die Tiere hier einfach und sterben. Ich glaube, dass die Haltungsbedingungen hier ungeeignet sind.“

Inzwischen hat das Thema schon sehr viele, die sich berufen fühlten, zu einer öffentlichen Stellungnahme bewogen: Lettland befindet sich im Wahlkampf. Der Landwirtschaftsminister, Politiker verschiedener Parteien - und die zuständige Naturschutzbehörde hat auf ihrer Website eine Erklärung veröffentlicht, wonach sie lediglich als Verpächterin des Grundstücks auftrete und daher die gesamte Verantwortung… beim Pächter – dem Verein „Stiftung Ķemeri-Nationalpark“ – liege (NTZ).  

Wie viele Tiere sind wirklich gestorben? Anfangs kursierten immer höhere Zahlen, von bis zu 79 Kadavern war die Rede, es gab sogar einem offenen Brief an den Staatspräsidenten. Die lettische Polizei startete eine Untersuchung. Naturschützer Liepa dagegen betont, dass die Zahl der Todesfälle deutlich übertrieben sei und der Tod der Tiere nichts Außergewöhnliches darstelle: „Der Winter dieses Jahr war einfach härter, und diejenigen, die in den vergangenen Wintern überlebt hatten, sind dieses Jahr in größerer Zahl gestorben“. (IR)

Der natürliche Lauf der Dinge 

Nach Ansicht von Ivars Lodiņš, dessen Jagdverein eine Genehmigung zur Jagd auf Wildschweine und Biber in den Dunduru-Wiesen besitzt, gibt es diese Probleme schon seit Jahren. „Ob es Überbevölkerung ist, oder einfach Nachlässigkeit, Unterernährung – schwer zu sagen“ meint Lodiņš. Es sei zu überlegen, ob es wirklich akzeptabel sei, so viele verendete Tiere in der Natur zu belassen. - Aber auch Baiba Kārkliņa vom lettischen Landwirtschaftsministeriums bestätigt, dass die hohen Zahlen der Kadavermeldungen wohl nicht real sind, und darauf zurückzuführen seien, dass die Tierkadaver aus dem direkten Blickfeld entfernt wurden. „Jedes Mal, wenn Menschen ein Tier an einem neuen Ort entdecken, melden sie es“, meint sie. (IR)

Andis Liepa bestätigt, dass bei einer Gesamtzahl von 130 Auerochsen und etwa 100 Pferden insgesamt 40 den Winter nicht überlebt haben (sechs Pferde, 34 Kühe/Ochsen). Diese Zahl bestätigt auch Māris Balodis, Generaldirektor des lettischen Veterinäramts (PVD). Bei einer am 13. März durchgeführten Kontrolle der Behörde seien 30 Tierkadaver in verschiedenen Verwesungsstadien dokumentiert worden – die Tiere seien also nicht alle gleichzeitig, sondern über den gesamten Winter hinweg verendet, einige vielleicht sogar schon in der vergangenen Saison. Während der Inspektion wurden keine deutlich geschwächten oder abgemagerten Tiere beobachtet. (daba.gov.lv)

Auch für Wolf und Adler 

Der im Jahr 2024 verabschiedete Naturschutzplan des Nationalparks Ķemeri bis zum Jahr 2036 sieht vor, dass in den Dunduru-Wiesen des Nationalparks Auerochsen und Tarpanpferde leben werden – halbwilde Tiere, deren Haltung der Weidebewirtschaftung dient. Der Plan sieht vor, dass lebende und verendete Tiere Raubtiere anziehen und diese für die Ansiedlung von Adlern und anderen besonders geschützten Arten von Bedeutung sind.

Das lettische Landwirtschaftsministerium ist - trotz der rechtlichen Unklarheiten - inzwischen der Meinung, dass die hier gehaltenen Tiere rechtlich als "Wildtiere" anzusehen sind. Daher seien Vorschriften für Nutztiere nicht anwendbar. „Deshalb ist hier bezüglich der Anforderungen für diese Tiere die die Naturschutzbehörde zuständig, die sie in ihrem Plan auch als 'halbwilde Pflanzenfresser' definiert hat“, erklärt Baiba Kārkliņa. „Sie sind nicht mehr in unseren Registern verzeichnet, und die Einfuhr dieser Tiere wurde definitiv nicht mit uns abgestimmt!“ - Die Naturschutzbehörde allerdings widerspricht: es seien hier keine Wildtiere, da sie unter kontrollierten Bedingungen gehalten und für einen bestimmten Bewirtschaftungszweck genutzt werden. Es handelt sich um gezüchtete Rassen, die in eingezäunten Gebieten gehalten, bei Bedarf zugefüttert und deren Population gesteuert wird. Daher gelte für diese Tiere die Anforderungen an die Haltung von Nutztieren - also Zuständigkeit des Landwirtschaftsministeriums. Ein schöner Behördenstreit! (IR) Man darf gespannt sein, wie es weitergeht ...

30. Dezember 2025

Spuren im Schnee

Ich teile hier mal eine Grafik, erstellt offenbar von lettischen Tierfreund/innen, unter dem Label "Zootēka". Die Aktivitäten sind hauptsächlich auf die "sozialen Netzwerke" konzentriert, wie Facebook, Instagram, auch Youtube, Spotify, im lettischen Radio, oder als Übersicht bei Linktr.ee. Ohne Worte (Tiernamen übersetzt), ohne Kommentar! 
Wohl denen, die genug Schnee in der Landschaft haben, dass Spuren so klar erkennbar sind. Das unterste Beispiel möchte wohl niemand nachmachen, oder? 
(auch zum lernen von Tiernamen im Lettischen zu verwenden ...)


30. März 2024

Wolfs Unfreunde

in Lettland eingeführt:
Wolfsspuren erkennen mit Handy-App

Ja, es gibt das Wort "Nedraugi" im Lettischen. Der "lettische Tezaurs" sagt dazu: "Nedraudzīgs cilvēks" ("unfreundlicher Mensch"). Oder, wo ein Beitrag auf "Lasi.lv" meint: "Vasaras nedraugi - traumas" (vielleicht übersetzbar mit "Verletzungen - des Sommers Unfreuden"). Mir geht es hier allerdings um die Tierwelt. 

Im Grenzland

Mehreren lettischen Presseberichten zufolge spielte sich Ungewöhnliches in der Gemeinde Vilce ab, ganz im Süden Lettlands an der Grenze zu Litauen gelegen. Ein Ort mit nur noch knapp über 1.000 Einwohner/innen, stark von Landflucht betroffen, also eine eher verlassene Gegend. Landschaftlich sind dort einige Flüsse, auch Sandsteinfelsen, feuchte Laubwälder, mäßig feuchte Wiesen anzutreffen. Aber die Idylle wurde schon im vergangenen Jahr häufig durch ungewöhnliche Vorfälle gestört. Viele meldeten: mein Haustier ist verschwunden! 

Vielfach geht es um Hunde. Menschen, die in weit abgelegenen Häusern wohnen, oft auch allein, umgeben sich natürlich gern mit Haustieren, und diese müssen dort nicht in Haus oder Wohnung eingesperrt leben. Freien Auslauf haben sie also - und gerade das wurde einigen zum Verhängnis. Es häuften sich die Notrufe bei der lettischen Forstverwaltung, dass Wölfe solche Haustiere angreifen. Solche Schadensfälle müssen in Lettland bei der Forstverwaltung (Valsts meža dienests VMD) gemeldet werden, diese hat inzwischen eine eigene Handy-App entwickelt, um solche Schadensmeldungen zu erleichtern. Ab dem 1.April müssen inzwischen auch alle Jagdberechtigten sämtliche Jagdbeute per Handy-App domumentieren - so verlangt es eine Änderung im lettischen Jagdgesetz (lsm)

Angeleint - ohne Chance

Vilce kam Anfang Januar in die Schlagzeilen der lettischen Presse, da dort gleich mehrere Haushunde Opfer von Wölfen wurden (nra / apollo / tvnet). Betroffen war zum Beispiel Mārīte Zurovska, deren Hund "Kūpers" eines Morgens um das Haus lief und verschwand. Als dann auch zwei alte Katzen nicht mehr auftauchten, habe sie die Tiere gerufen, gesucht, ihre Tochter zu Hilfe gerufen - es hätten sich aber nur noch ein paar wenige Blutspuren finden lassen. Bei der Nachbarin seien innerhalb eines Tages gleich zwei Hunde verschwunden. "Im Gegensatz zu Katzen und Menschen", schreibt Journalistin Laura Dumbere, "steht der Hund auf dem Lieblings-Fastfood-Speiseplan des Wolfes – Futter, das ohne großen Aufwand beschafft werden kann und welches das clevere Raubtier aufzuspüren und zu täuschen weiß." Noch einfacher wird es, wenn die Hunde angeleint sind. (IR)

Bisher waren im Süden Lettlands, in Zemgale, wenig Zwischenfälle mit Wölfen gemeldet worden. "Es gibt dort nicht so viele Schaf- oder Rinderzüchter, eher Getreide- oder Rapsfelder," meint Jānis Ozoliņš, der am Institut für Waldwirtschaft "Silava" arbeitet (IR). Aber im Norden Litauens hätten einige mit der Zucht von Damwild angefangen, fügt er hinzu, auch das habe wohl Wölfe angelockt.

Schutz und Schuss

Wölfe sind in Lettland unter Schutz stehende Tiere, aber auch nicht selten. Jährlich wird eine Höchstmenge von Wölfen festgelegt, die landesweit pro Jahr geschossen werden dürfen - 2023 lag diese bei 300 Tieren. (VMD) Der Enziklopädie "Latvijas Daba" zufolge wird die Wolfspopulation in Lettland auf etwa 500 Tiere geschätzt. Insgesamt schwankt die Zahl der Wölfe aber offenbar in Lettland stark: es sollen auch schon mal Tausend Wölfe gezählt worden sein (daba.lv) Und auch Wanderungen eines Wolfes von 20-40km pro Tag sind nichts Unmögliches. Gemäß den gültigen Bestimmungen der EU dürfen Wölfe in Lettland in begrenzter Zahl geschossen werden, wenn Lettland eine insgesamt stabile Population und die Überwachung der angewandten Jagdtechniken sicherstellt (VMD). 

Wissenschaftliche Untersuchungen in Lettland zeigen, dass sich Wölfe in Lettland zu etwa 80% von Rehen, Hirschen oder Wildschweinen ernähren; in den 1990iger Jahren waren es (in manchen Gegenden bis zu 30%) auch Biber. Vereinzelt kommen dann auch Hasen, andere Nagetiere, Vögel, Reptilien oder Insekten dazu. Besonders dort, wo wenig wildlebende Huftiere sind, greifen Wölfe auch Haustiere an - im nördlichen Teil Lettlands allerdings sehr viel seltener als in den südlichen Landesteilen. Und offenbar sind es besonders einzeln lebende Wölfe, die sich auch auf Haustiere spezialisieren können (VMD) Aktuelle Statistiken zeigen, dass unter den getöteten Haustieren meistens Schafe betroffen sind (82,1%), Rinder zu 8,2%, Ziegen 5,9% und Hunde zu 3,8% (unter den verletzten Tieren sind zu 6,8% Hunde).

21. April 2022

Kein Schuss mehr

Fotos: VARAM

Eine schöne Schlagzeile in besorgniserregenden Zeiten: es darf kein Schuss mehr fallen! Gemeint ist hier Lynx lynx, oder, wie es lettisch heißt: "der eurasische Luchs". Die lettische Regierung beschloss jetzt, Luchse in die Liste besonders geschützter Tierarten aufzunehmen - damit dürfen Luchse jetzt in Lettland nicht mehr bejagt werden. (lsm / LA / nra)

Bisher stand die Tierart auf einer Liste "geschützter Tierarten zur eingeschränkten Verwendung" (verrückte Bezeichnung sowieso!). Mit der Unterschutzstellung setzt nun auch Lettland Emfehlungen um, die schon mit der Richtlinie des Europarats 1992 formuliert wurden ("Flora, Fauna, Habitat" - Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanze). 

Auch der Lettische Staatliche Rechnungshof hatte die Neuregelung empfohlen. Hier wurde vor allem angemerkt, dass die Datenquellen zur Bestandserhebung oft zweifelhaft gewesen seien, daher nicht auszuschließen sei, dass eine "Abschussnotwendigkeit" herbeimanipuliert werden könne. Kritik an dem Regierungsbeschluss kam von den Jadgvereinigungen. "Das ist doch ein rein juristischer Beschluss, das hat doch nichts zu tun mit der Luchspopulation," meint Janis Baumanis vom lettischen Jägerverband (Latvijas mednieku savienība), "und wenn wir nicht jagen, gehen uns viele Informationen über den Luchs verloren." (lsm)

Auf dem Portal "Manabalss" ("Meine Stimme") wurden über 12.000 Stimmen gegen die Jagd auf den Luchs abgegeben. Einer der Initiatoren ist Jānis Vinters. "Luchsjagd ist nutzlos, ungerechtfertigt, und dient nur einer kleinen Interessengruppe, die zudem einen Jagdkonkurrenten loswerden wollen", meint er. (pietiek) Schätzungen gingen davon aus, dass gegenwärtig in Lettland etwa 1400 Luchse leben - aber Vinters hält diese Zahlen für weit übertrieben: "Es gibt auch gar keine effektive Kontrollinstanz für die Jäger und den Jagdverband" meint er und fügt hinzu: "In Lettland war es sogar erlaubt, Luchsweibchen mit Jungen zu töten".

Von nun an gibt es nur noch in zwei von 23 EU-Mitgliedsstaaten Luchsjagd: in Schweden und Finnland.

2. September 2021

Kamera am Käfig

Vor einigen Wochen beschloss des Parlament des Nachbarlandes Estland ein Verbot der Pelztierzucht ab 2026 (siehe Beitrag). Lettland geht offenbar einen anderen Weg. Das lettische Landwirtschaftsministerium gab jetzt bekannt, die lettischen Pelztierfarmen in Zukunft rund um die Uhr per Kamera überwachen zu lassen (Diena). Sandra Vilciņa vom lettischen Pelztierzüchterverband (Latvijas Zvēraudzētāju asociācija LZA) erklärte dazu, dass Videoüberwachung in Zukunft obligatorisch für alle Zuchtfirmen in Lettland sein soll und damit auch das Wohlergehen der Tiere überwacht werde. In diesem Sinne befürworten auch das lettischen Landwirtschaftsministerium und der Veterinärdienst die Maßnahme.

Vielleicht denken ja manche eher an Kameras am Eingang, als Schutz gegen militante Tierschützer/innen. Oder auch Umweltaktivisten - denn viel Energie - verbunden mit CO2-Ausstoß - kostet es, die Pelztiere in beständig gleichbleibender Umgebung zu halten: bei 5 Grad Celsius und 80% Luftfeuchtigkeit. Die Züchter halten dagegen, dass Pelz schließlich ein reines Naturprodukt sei, das, anders als Plastikstoffe, am Ende der Nutzungsdauer wieder der Natur überlassen werden kann.Und schließlich gehe man ja auch bei Daunenjacken oder bei Schafswolle nicht von einer freiwilligen Spende seitens der Tiere aus.

90% dessen, was die lettischen Pekztierzüchter/innen erzeugen, geht in den Export, erzählte Zuchtverbandssvorsitzender Arnis Veckaktiņš der "Latvijas Avize" (LA) und meint gleichzeitig: "die 10%, die wir in Lettland verkaufen, das geschieht meist im Rahmen von Rabatten und Preisnachlässen." Aber auch Angestellte internationaler Botschaften kaufen lettische Pelze, so der Verbandschef, denn vergblichen mit dem internationalen Markt seie sie relativ preiswert (delfi). Der Verband vertritt gegenwärtig noch 10 Mitglieder mit insgesamt 500 Arbeitsplätzen (losp). Von diesen zehn sind offenbar acht Nerzfarmen (Diena). Auch die Zeitschrift "IR" hatte Veckaktiņš schon mal befragt und dabei erfahren, dass viele der Pelze nach China gehen. Anfang der 1990iger Jahre habe es noch 24 Pelzfarmen gegeben, heißt es hier, davon haben nur sechs überlebt. Der größte lettische Erzeuger sei "Gauja AB" mit 100.000 Nerzfellen und 3.000 Silberfuchsfellen. 

2017 brachen Tierschützer/innen bei "Gauja AB" ein und entließen 41 Nerze (von insgesamt 15.000) in die vermeintliche "Freiheit" - ein Verfahren, dem auch Naturschützer wegen der zu erwartenden ökologischen Ungleichgewichte ablehnend gegenüber stehen. 

Gegner der Pelztierzucht ist zum Beispiel der Verein "Tierfreiheit" ("Dzīvnieku brīvība"), die in einer Petition an das lettische Parlament bereits 40.000 Unterschriften für das komplette Verbot der Pelztierzucht sammelte. Drei Argumente sind hier zu lesen: Erstens sei Pelz grundsätzlich ein umweltschädliches Material, da die Produktion mit einem hohen Ressourcenverbrauch und dem Einsatz giftiger Stoffe verbunden sei. Zweitens seien Pelztierfarmen potentielle Herde von Krankheitserregern einschließlich Covid-19 (wie auch das Beispiel Dänemark zeige - siehe Tagesschau). Und drittens sei die Art, wie die Tiere auf den Farmen getötet werden, nicht hinnehmbar: mit Strom oder mit Gas. 

Manchen Lett/innen und Letten gehen die als radikal empfundenen Aktionen solcher Organisationen auch zu weit. So sei es gerade die dreijähige Kampagne von "Dzīvnieku brīvība" mit über 50 Aktionen gewesen, die dem Rigaer Zirkus ein trauriges Ende bereitet hätten. Ohne Tiere bestehe der Zirkus inzwischen nur noch auf dem Papier, meint Imants Vīksne vom Portal "Pietiek.com".

Die Idee mit der Kamerapflicht sei dem Ministerium nach der Auswertung von Kontrollen einiger Pelztierfarmen gekommen, meinen die zuständigen Behörden. Die Situation habe aber sich von Jahr zu Jahr verbessert, meint Māris Balodis, Chef des lettischen Veterinärdienstes (Pārtikas un veterinārais dienests, PVD). Im Zusammenhang mit den Kontrollen gab es auch neue Fakten zu lesen: in Lettland gebe es jetzt noch neun Pelztierfarmen, vier davon seien aber gegenwärtig nicht bewirtschaftet. Nun gibt es noch "Larix Silva", "Lemo Latvija", "Vērgales" Tierzucht, "Baltic Devon Mink" und "Gauja AB". In drei der Betriebe seien Mängel festgestellt worden. 

3. Dezember 2020

In Lettland heißt die Katze "Pūka"

Ja, wenn das "Schnurri", "Mikesch" oder "Mauzi" wüsste! In den sozialen Netzwerken sind sie allgegenwärtig, nun greift auch die Wissenschaft zur "Katzenerforschung". Es ist eine Untersuchung des Spracheninstituts an der Lettischen Universität Riga (Latvijas Universitātes  Latviešu valodas institūts), die kürzlich in der lettischen Presse die Runde machte. 18.000 Katzenbesitzerinnen und Katzenhalter will Wissenschaftlerin Ilze Štrausa befragt haben. Heraus kam: der häufigste Katzenname in Lettland ist "Pūka" - was ins Deutsche übersetzt etwas Ähnliches wie "Flaumfeder" bedeutet, und nicht zu verwechseln ist mit "Puķe" (Blume) oder "Pūķis" (Drache).

Auf Platz 2 der häufigsten Katzennamen landete "Rūdis", auf Platz 3 "Muris". Unter den beliebtesten Namen befinden sich auch Bella, Mince, Poga, Mika, Mia, Simba und Lote. Nicht wenige nennen ihr maunzendes Haustier offenbar auch einfach "kaķis" (Katze) - warum sich auch viel Mühe machen, wenn das Tier nur die Mäuse fängt (und nicht allzu viel Singvögelleichen auf die Türschwelle legt). Viele Lettinnen und Letten haben ja Spaß an der eigenen Sprache, und versehen das Krallentier mit Varianten von "Katze": Kaķa, Kaķene, Kaķelis, Kaķentiņš, Kaķa kungs. Und, wie sollte es im Kathastrophenjahr 2020 auch anders sein - es gibt auch offenbar schon Katzen, die nun "Kovids" genannt werden (Latvijas Avize).

Eine Teilnahme an der Untersuchung ist immer noch möglich, der dazugehörige Fragebogen ist im Internet abrufbar.

30. Dezember 2015

Gebändigte, Dressierte und Entrüstete

Ungewöhnliche Aktivitäten ereignen sich in letzter Zeit vor dem Eingang einer sehr traditionsreichen Kultureinrichtung in Riga: der Zirkus, der in einem inzwischen (seit 2003) unter Denkmalschutz stehenden Gebäude unweit des heutigen Hauptbahnhofs zu finden ist. Schon am 29. Dezember 1888 wurde dort die allererste Vorstellung angeboten - der Zirkus ist also noch glatte 30 Jahre älter als der Staat Lettland. Zirkusdirektor und Ex-Kunstreiter Alberts Salamonskis (auch sein Vater, Wilhelm Salamonskis, und seine Mutter Julia waren schon Zirkusleute gewesen), der auch in Berlin, Odessa und in Moskau einen Zirkus betrieb, baute ihn damals in Riga auf; der Architekt Jānis Fridrihs Baumanis gestaltete das Gebäude ungewöhnlicherweise aus Eisenbahnschienen. Bis zur Eröffnung mussten einige Diskussionen mit der zuständigen Bauverwaltung überstanden werden, die Sorge um die Sicherheit der Nachbarn des Zirkus hatte.

Rigaer Zirkusgeschichte:
mit Albert Salamonskis Pferde-
dressur fing es einst an
Mit Pferdedressur, Akrobaten, Seiltänzern und Clowns fing es an, mit Beleutung durch Gaslampen, mit eigener Plattform für ein Orchester und bequemen Sitzen fürs Publikum. Salamonskis hatte Geschäftssinn, und er versprach seinem Publikum immer die neuesten Wunder der sich schnell wandelnden modern Welt zu präsentieren. Konzerte fanden im Gebäude an der Merkela iela statt, Kinovorführungen, aber auch spezielle Programme für Kinder. "Zirkus ist der Ort, wo es ein wenig erlaubt ist, öffentlich zu lachen," soll Salamonskis gesagt haben. Der Zirkus machte sein Publikum aber auch mit Vorstellung von Ringkämpfen im griechisch-römischen Stil und Gewichtheben bekannt.

Der Zirkusgründer starb 1913, seinen Namen trug das Haus noch bis 1941, als er verstaatlicht und in „Staatlicher Zirkus der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik“ umbenannt wurde. Auch Erinnerungen an das Riga der 1930iger Jahre erwähnen den Zirkus meist als einer der beliebtesten Orte zur Unterhaltung der Rigenser.
Heute beträgt die Kapazität 1000 Zuschauer, und von September bis Mai ist Saison mit vier bis sechs Vorstellungen pro Woche.

Jedes Jahr wird ein neues Programm vorbereitet - doch zuletzt gab es andere Schlagzeilen um den Zirkus. Der Verein Dzīvnieku brīvība ("Tierfreiheit") organisierte schon mehrere Protestaktionen gegen angebliche Tierquälerei im Zirkus. Der Verein setzt sich gegen jede Nutzung von Tieren im Zirkus ein, spricht sich dafür aus Veganer zu werden und auch auf die Pelztierzucht zu verzichten. Viele Ziele in einem Topf, könnte man sagen - in sofern hat auch die Protestparole "Für einen menschlichen Zirkus" zumindest doppelte Bedeutung: sollen die Menschen sich nur noch an menschlichen Kunstücken und Kapriolen erfreuen dürfen? In der Vorweihnachtszeit schreckten Schlagzeilen wie "Lettische Intelligenz für Tierverzicht im Zirkus" die Besucher auf; tatsächlich ließen sich einige lettische "VIP's" wie die Schriftsteller Inga Ābele und Pauls Bankovskis, sowie Ex-Präsidentschaftskandidat Egils Levits für die Kampagne einspannen. Auslöser der Proteste war 2014 ein Gastspiel des Elephantendresseurs Lars Hölscher (Ex-Gründer Zirkus Fliegenpilz), gegen den bereits Protestkampagnen auch in anderen Ländern liefen (siehe PETA).
Im gleichen Jahr geriet auch eine Löwendressur in Riga in starke öffentliche Kritik (fokus.lv).

Protestaktionen vor dem Gebäude des Zirkus in Riga
Die Rigaer Zirkusdirektion versucht sich zu wehren (in Deutschland gibt es ja inzwischen auch die Kampagne "Tiere gehören zum Zirkus"). Eines der häufig gehörten Argumente ist sicherlich, dass vor allem Kinder die Tiervorführungen lieben. Höhepunkte sind auch regelmäßig Kinder- und Jugendzirkusfestivals in Riga - ganz ohne Inanspruchnahme von Tieren. Der Zirkus führte Befragungen der Besucher durch, denen zufolge sich 95% zugunsten der Tierdressuren aussprachen. Zirkusdirektorin Lolita Lipinska betont, alle Regularien des Tierschutzes einzuhalten, die europaweit inzwischen üblich seien. Am meisten gelitten haben die Tiere des Rigaer Zirkus am 19.März 2015, als in einer der Künstlergarderoben im 2.Stock des Hauses ein Brand ausbrach und alles evakuiert werden musste; zwar mußten umfangreiche Renovierungen vorgenommen werden, aber Kuppel und Manege blieben weitgehend unbeschädigt. Noch kurz vor Weihnachten wurde im Rahmen einer Presseerklärung bekräftigt, dass alle Sicherheitsbestimmungen weiterhin eingehalten seien. Das zuständige Kulturministerium bewilligte aber Geld für weitere notwendige Arbeiten an der Außenfassade des Gebäudes, die auch die Verankerung von Fahrdrähten für den Öffentlichen Nahverkehr betreffen.

Der Rigaer Zirkus ist weiterhin der einzige in den baltischen Staaten (Salamonsky hatte damals auch in Tallinn einen Zirkus gegründet, doch der brannte bald darauf ab). Im Januar 2016 steht zum fünften Mal das Festival "Zelta Kārlis" (Goldener Karl) an, zu dem bisher vor allem Gäste aus Frankreich, der Ukraine und Russland zu erwarten waren. Der Titel des laufenden aktuellen Zirkusprogramms kommt dabei schon ganz ohne Tierisches aus: von "drei wundersamen Wassertropfen" ("Trīs burvju ūdens lāses") ist da die Rede, von Effekten mit Licht und Wasser, plus Autritt des "Ziemassvētku vecītis" (Weihnachtsmann, ganz traditionell). Als tierische Akteure ist in der aktuellen Liste der Mitwirkenden noch von Tauben, Katzen und Hunden - Tierarten, deren artgerechte Haltung und "Dressur" sicher auch in vielen Privathaushalten (Stichwort: "Verhätschelung") in Frage stehen könnte. Die Protestaktivisten wollen weitermachen und erreichen, dass in Rigas Zirkus zukünftig auf Tierdressuren ganz verzichtet wird.

11. Juni 2013

Freier Blick aufs Reich des Adlers

Zur den besten Blick aufs lettische Reich der Adler bietet eine Webcam, die in der Nähe von Skrunda / Kurland aufgestellt worden ist.
Schon länger brüten in dieser Gegend Fischadler, heißt es auf der Webseite der "Dabasdati.lv". Als es 2007 absehbar war, dass eine alte Kiefer mit einem Nest bald umfallen würde, wurde ein künstliches Nest auf einer Kiefer gleich nebenan errichtet. 
Nun läßt sich diskutieren, welches die eigentliche Hauptattraktion dieser "Live-"Übertragung von Familie Fischadler plus Nachwuchs ist: die hautnahe Beobachtungsmöglichkeit dieser seltenen Tiere, der schöne Ausblick aufs bewaldete Kurland (auch als Wetterausguck geeignet ...) , oder vielleicht das, was die Mikrophone übertragen: beinahe himmlische Ruhe, unten ruft der ein oder andere Kuckuck - aber keinerlei Motorengeräusch oder anderes menschliches Störungszeichen. Ein wahrhaft paradiesisches Leben (solange das Wetter gut bleibt).
Fischadler sind Zugvögel und treffen in Lettland gewöhnlich so Ende März, Anfang April ein. Die Zahl der Brutpaare wird auf 100-150 geschätzt.

Lettische Fischadler-Webcam

29. April 2012

Bärendienst

Anfang Mai wird es in Lettland wieder andere Themen geben. Aber eines der heiß diskutierten Ereignisse der letzten Aprilwoche war der Tod einer Bärenfrau: "Made", einer von drei im Freigehege von Līgatne gehaltenen Braunbären, wurde erschossen. Wie konnte es dazu kommen? - fragen die einen. "Werden Bären in Līgatne überhaupt artgerecht gehalten? - das fragen sich andere. Die Bärin, die bereit 17 Jahre lang im Freigehege gehalten wurde, hatte zum wiederholten Male Wege gefunden um den Gehegezaun zu überwinden. Zum wiederholten Male gab es lettlandweit Schlagzeilen: Bär entlaufen!

Tourismuswerbung Ligatne
Gut, in Lettland gibt es auch frei lebende Bären, in sofern galt die Warnmeldung sowieso nur für die Umgebung des kleinen Örtchens Līgatne. Natur ist außerhalb der lettischen Ortschaften allgegenwärtig - wenn auch angesichts des teilweise großflächigen Holzkahlschlags oft schon nicht mehr unberührt. Aber die Tourismussaison beginnt - und zumindest in Līgatne, eine Gemeinde innerhalb des bekannten Gauja-Nationalparks, setzte man bisher gern auf handzahme Bären. Ein beschilderter Wanderweg (siehe "visit Ligatne"), der auch mit dem Auto befahren werden kann, führt direkt ans Bärengehege. Wer mag, kann von erhöhter Position aus die drei Pelztiere am Gatter entlang laufen sehen, oder auch Brotstücke hineinwerfen. Zwar gibt es auch noch Sandhöhlen, einen alten Sowjetbunker, und viele andere Tiere zu bestaunen: Wölfe, Elche, Luchse und Eulen zum Beispiel. Aber die beiden verbleibenden Bären, Mikus und Puika, zeigen sich unruhig seit dem Verschwinden der bisherigen Wohngenossin und suchen anscheinend ebenfalls Wege in die Freiheit. Es mussten bereits Container herbeigeschafft werden, um die beiden Tiere im Notfall "sicherstellen" zu können. Polizei des Innenministeriums sicherten das Gelände, selbst ein Helikopter war im Einsatz.

Aber auch lettische Tierfreunde sind unruhig. Warum musste "Made" erschossen werden? Er habe sich durch nichts mehr bewegen lassen in seinem Gehege zu bleiben, teilt der für das Naturgehege zuständige Beamte mit. Aber kann das allein ein Todesurteil sein? Die Bärin sei extrem nervös gewesen, und für einen Schuß mit einem Betäubungsgewehr habe man bis 10 Meter herankommen müssen - das sei nicht möglich gewesen, teilen die Todesschützen mit.
Selbst Staatspräsident Bērziņš sah sich veranlasst, sein Bedauern auszudrücken angesichts des traurigen Endes der tierischen Schlagzeilen.Auf der Infoseite des Gauja-Nationalparks heißt es nun schlicht, der Bär sei nun "zu anderen Jagdgründen unterwegs". Vielleicht kann Līgatne auch ohne Vorzeige-Bären auskommen? Im Moment ist es noch schwer vorzustellen, dass die Betreiber das Bärengehebe aufgeben.