Lettland wirbt mit seinen Naturlandschaften: man denkt zum Beispiel an Kap Kolka, an die breiten Stromschnellen bei Kuldiga, den Märchenpark von Tērvete, an die natürlich erhaltenen Strände der Ostsee, und an viele Flüsse und Seen. Als höchste Naturschutzkategorie gibt es auch in Lettland Nationalparke: an der Gauja, am Kolkasrags bei Slītere, am Rāznas-See im Osten Lettlands, und eben in Ķemeri, einem alten Kurort unweit von Jūrmala. Der Nationalpark in Ķemeri besteht seit 1997, kann also bald sein 30-jähriges Bestehen feiern. Doch zur Zeit macht der Ort unrühmliche Schlagzeilen: auf den Wiesen des Nationalparks sollen in kurzer Zeit ungewöhnlich viele Tiere verendet sein.
Wilde Wiesen, wildes Leben
Es geht um Kühe und Pferde. Genauer gesagt: um Auerochsen und Konik-Pferde. Im Jahr 2004 wurden im Rahmen eines „LIFE-Nature“-Projekts der Europäischen Union 15 Auerochsen aus Belgien hier angesiedelt. Ziele waren die Wiederherstellung von Graslandbiotopen und die Renaturierung offener Landschaften.
Und das, was heute als "Auerochsen" auf dem Nationalparkgelände frei leben kann, sind gezielte Züchtungen mit dem Ziel, etwas Ähnliches wie die Urform der Hausrinderrassen wiederzubeleben (youtube). Die ersten erfolgreichen Züchter waren die deutschen Zoologen Heinz und Lutz Heck (daher manchmal auch "Heckrind" genannt). (youtube / NLWKN)
Nun greift der Mensch nur noch minimal in das Leben dieser Tierherden ein, wie es auch Andis Liepa, Leiter der Stiftung Nationalpark Ķemeri, schon vielfach der Öffentlichkeit zu erläutern versuchte (jauns / lsm / youtube).
"Latvia Travel" schreibt als Info für Touristen: "Auf den von Wäldern umgebenen Dunduru Wiesen weiden in einer großen Koppel Heckrinder und Pferde der Rasse Polski Konik. Diese Tierarten sind speziell für das Leben unter freiem Himmel gezüchtet worden und sehr ähnlich ihren längst ausgestorbenen Vorfahren – den Auerochsen und Tarpanen, diese Tiere kann man vom Aussichtsturm beobachten."
Naturidylle per Vertrag
Bei den Konik-Pferden gab es 2005 zunächst einen Partnerschaftsvertrag mit dem World Wildlife Fund (WWF, als Tierhalter, anfangs 15 Kühe und 10 Pferde). 2010 übergab der WWF die Auerochsen und Konik-Pferde (inzwischen 87 Tiere) an die Stiftung Ķemeri-Nationalpark (ĶNPF). 466 ha gepachtetes Gelände steht zur Verfügung. Im Laufe der Jahre hat sich Zusammensetzung der Herden auf natürliche Weise verändert und die Tiere haben sich in freier Wildbahn ohne menschliches Zutun und ohne tierärztliche Aufsicht vermehrt.Ein Problem blieb bestehen: das lettische Gesetz sieht keine Sonderregeln für "wild" gehaltene Tiere vor - und verlangt zum Beispiel regelmäßige Blutproben und Untersuchungen aller Tiere, was aber ein Einfangen und Verschrecken aller Tiere zur Folge hätte. Andis Liepa kennt diese Diskussion schon seit vielen Jahren - und hofft auf ein konstruktives Vorgehen der Behörden. (jauns) 2024 kam es sogar schon einmal zu einem Gerichtsprozess. Naturschützer Liepa ist der Meinung, die sich häufenden Beschwerden seien besonders von Jagdvereinen zu erwarten, die ihre Aktivitäten hier ausweiten und nur zu gern die Stiftung als Verwalter loswerden möchten. (lsm)
Dutzende Tierkadaver?
Nun aber ist plötzlich in manchen lettischen Zeitungen von "Dutzenden toter Tiere" die Rede (lsm). Zitiert wird auch Aldis Stepanovičs, ein Bauer, mit der Behauptung: "Meiner Beobachtung nach verkümmern die Tiere hier einfach und sterben. Ich glaube, dass die Haltungsbedingungen hier ungeeignet sind.“
Inzwischen hat das Thema schon sehr viele, die sich berufen fühlten, zu einer öffentlichen Stellungnahme bewogen: Lettland befindet sich im Wahlkampf. Der Landwirtschaftsminister, Politiker verschiedener Parteien - und die zuständige Naturschutzbehörde hat auf ihrer Website eine Erklärung veröffentlicht, wonach sie lediglich als Verpächterin des Grundstücks auftrete und daher die gesamte Verantwortung… beim Pächter – dem Verein „Stiftung Ķemeri-Nationalpark“ – liege (NTZ).
Wie viele Tiere sind wirklich gestorben? Anfangs kursierten immer höhere Zahlen, von bis zu 79 Kadavern war die Rede, es gab sogar einem offenen Brief an den Staatspräsidenten. Die lettische Polizei startete eine Untersuchung. Naturschützer Liepa dagegen betont, dass die Zahl der Todesfälle deutlich übertrieben sei und der Tod der Tiere nichts Außergewöhnliches darstelle: „Der Winter dieses Jahr war einfach härter, und diejenigen, die in den vergangenen Wintern überlebt hatten, sind dieses Jahr in größerer Zahl gestorben“. (IR)
Der natürliche Lauf der Dinge
Nach Ansicht von Ivars Lodiņš, dessen Jagdverein eine Genehmigung zur Jagd auf Wildschweine und Biber in den Dunduru-Wiesen besitzt, gibt es diese Probleme schon seit Jahren. „Ob es Überbevölkerung ist, oder einfach Nachlässigkeit, Unterernährung – schwer zu sagen“ meint Lodiņš. Es sei zu überlegen, ob es wirklich akzeptabel sei, so viele verendete Tiere in der Natur zu belassen. - Aber auch Baiba Kārkliņa vom lettischen Landwirtschaftsministeriums bestätigt, dass die hohen Zahlen der Kadavermeldungen wohl nicht real sind, und darauf zurückzuführen seien, dass die Tierkadaver aus dem direkten Blickfeld entfernt wurden. „Jedes Mal, wenn Menschen ein Tier an einem neuen Ort entdecken, melden sie es“, meint sie. (IR)
Andis Liepa bestätigt, dass bei einer Gesamtzahl von 130 Auerochsen und etwa 100 Pferden insgesamt 40 den Winter nicht überlebt haben (sechs Pferde, 34 Kühe/Ochsen). Diese Zahl bestätigt auch Māris Balodis, Generaldirektor des lettischen Veterinäramts (PVD). Bei einer am 13. März durchgeführten Kontrolle der Behörde seien 30 Tierkadaver in verschiedenen Verwesungsstadien dokumentiert worden – die Tiere seien also nicht alle gleichzeitig, sondern über den gesamten Winter hinweg verendet, einige vielleicht sogar schon in der vergangenen Saison. Während der Inspektion wurden keine deutlich geschwächten oder abgemagerten Tiere beobachtet. (daba.gov.lv)
Auch für Wolf und Adler
Der im Jahr 2024 verabschiedete Naturschutzplan des Nationalparks Ķemeri bis zum Jahr 2036 sieht vor, dass in den Dunduru-Wiesen des Nationalparks Auerochsen und Tarpanpferde leben werden – halbwilde Tiere, deren Haltung der Weidebewirtschaftung dient. Der Plan sieht vor, dass lebende und verendete Tiere Raubtiere anziehen und diese für die Ansiedlung von Adlern und anderen besonders geschützten Arten von Bedeutung sind.
Das lettische Landwirtschaftsministerium ist - trotz der rechtlichen Unklarheiten - inzwischen der Meinung, dass die hier gehaltenen Tiere rechtlich als "Wildtiere" anzusehen sind. Daher seien Vorschriften für Nutztiere nicht anwendbar. „Deshalb ist hier bezüglich der Anforderungen für diese Tiere die die Naturschutzbehörde zuständig, die sie in ihrem Plan auch als 'halbwilde Pflanzenfresser' definiert hat“, erklärt Baiba Kārkliņa. „Sie sind nicht mehr in unseren Registern verzeichnet, und die Einfuhr dieser Tiere wurde definitiv nicht mit uns abgestimmt!“ - Die Naturschutzbehörde allerdings widerspricht: es seien hier keine Wildtiere, da sie unter kontrollierten Bedingungen gehalten und für einen bestimmten Bewirtschaftungszweck genutzt werden. Es handelt sich um gezüchtete Rassen, die in eingezäunten Gebieten gehalten, bei Bedarf zugefüttert und deren Population gesteuert wird. Daher gelte für diese Tiere die Anforderungen an die Haltung von Nutztieren - also Zuständigkeit des Landwirtschaftsministeriums. Ein schöner Behördenstreit! (IR) Man darf gespannt sein, wie es weitergeht ...

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