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18. Dezember 2020

Image selbstgemacht

Latvietis var visu - "Yes we can",
lettische Variante?

Es gibt einige Fragen, die bewegen Lettland offenbar auch mitten in der Corona-Krise. "Latvijas tēls" - um mal nicht den Begriff "Image" zu verwenden - das Bild von Lettland, das was andere über Lettland denken, wie kann das möglichst positiv verbessert werden?

"Eiropa mūs nesapratīs", so lautete einmal die Antwort lettischer Skeptiker, und dazu passte gut, dass der Soundtrack dazu von der Band "Labvēlīgais Tips" kam, deren Bandnamen man auch als "gutgemeinte Ratschläge" übersetzen könnte. Neuester Slogan: Nationales Image in der Welt? Bitte selbermachen! 

"Ungenutzte Potentiale" werden dabei bei den vielen Lettinnen und Letten gesehen, die inzwischen mittel- oder langfristig im Ausland leben, die sogenannte "Diaspora". In Lettland gibt es jetzt seit einigen Jahren einen "Image Policy Coordination Council", der Konzepte zum "National branding" ausarbeiten soll. Aber die "Diaspora" sei dabei bisher nicht beteiligt worden, sagt Zane Pudule, lettische Korrespondentin in Deutschland.

"Lettland ist ein Teil Nordeuropas!" so sieht es Aiva Rozenberga, ehemalige Chefin des "Lettischen Instituts" (lsm). Andere halten das für eine Wunschvorstellung - angesichts des Zustands der Straßen, der Krankenhäuser, der politischen Kultur und des Lebensstandards. Rozenberga antwortet, sie habe in ihrer Arbeit immer am meisten gegen das Image eines "postsowjetischen Staates" ankämpfen müssen, daher fokussiere sie selbstbewußt andere Ziele (lsm). Das Lettische Institut selbst, 1998 mal als gemeinnützige Organisation gestartet, seit 2004 dann unter der Oberaufsicht des Außenministeriums, soll ab 2021 mit der Lettischen Investitionsagentur zusammengelegt werden ("Latvijas Investīciju un attīstības aģentūra" LIAA). Auch die Ziele haben sich hier inzwischen stark gewandelt: der Welt verständlich zu machen, wie die lettische Mentalität und Wesensart nun mal ist, reicht nicht mehr - es soll nun eine "wettbewebsfähige Identität des Staates" her (Li). Es soll also offenbar nicht mehr um Verständnis für die Realität geworben werden - sondern das Bild Lettlands in der Welt so verändert werden, dass es zu anderen in der Welt passfähig und nutzbar gemacht werden kann. Auch der Tourismus und die Unterstützung von lettischen Unternehmen im Ausland sind ja schon beim LIAA zu finden. Es muss also ein "Branding" gefunden werden, was vor allem einen einzigen Zweck hat: es muss verkaufs- und umsatzfördernd sein.

Brokkoli, Knoblauch, Lettland?
Andere Wortmeldungen zum Thema bemängeln, dass es keine einheitliche Vorstellung von einem möglichen Bild Lettlands in der Welt gäbe. Nun ja, wie soll das auch entstehen, wenn doch jeder den alten Spruch kennt: was ist die Lieblingsspeise eines Letten? Ein anderer Lette. - Auch 2020 wurde schon wieder eine neue Idee geboren: "Born in Latvia" soll nun diejenigen kennzeichnen, die sich mit ihrem Herkunftsland identifizieren - vorläufig aber sieht das vorwiegend nur nach Speisen, Lebensmitteln und Getränken aus, zum Beispiel auf Twitter. Das passt nun aber gut zur ökonomischen Ausrichtung, die auch das Lettische Institut verpasst bekommen hat. Der entsprechende lettische Link "#esiLV" führt geradewegs zu einer - französischen Ingenieursschule, die offenbar die exakt gleiche Abkürzung benutzt (erst "Latviesi.com" weist den Weg).

Wie also soll es funktionieren, die "lettischen Volksgenoss*innen" im Ausland einzubinden? Elīna Pinto, Vorsitzende des "Verbands der Lett*innen in Europa" (Eiropas Latviešu apvienība ELA) meint, es sei ein "Verlust für die Nation", keine Vertreter*innen der "Diaspora" in diese Diskussion einzubinden. "Auch die lettischen Vereinigungen im Ausland bilden das Image Lettlands" meint Diplomatengattin Pinto (lsm), die sich selbst als "europäische Lettin mit Wurzeln in Jelgava" bezeichnet (ela) - und deren Mann Orlando, gebürtiger Portugiese, zur Zeit stellvertretender Botschafter Luxemburgs in Berlin ist. Da kommt doch vielleicht die Frage auf: soll Lettlands Image also vor allem von den Globalisierungsfreund*innen geprägt werden, wie es auch das Portal "Euromonde" verkündet, oder es lettische Fernsehsendungen wie "Globālais Latvietis" zum Ausdruck bringen? 

Da gibt es unter den Lettinnen und Letten sicher auch noch andere Strömungen - die allerdings nicht ganz so gut mit der lettischen Regierung vernetzt sind wie die stromlinienförmige ELA. Allerdings müssen wir dazu in der Lage sein, die (rein) lettischsprachigen Internetforen zu durchforsten - da werden gegenwärtig Anti-Masken-Kampagnen, Verschwörungstheorien, und Hassmails auf die lettische Regierung eilfertig verknüpft mit den Slogans "Und-Trump-hat-doch-gewonnen". Aber wer will das schon hören oder lesen? Wir erinnern uns: was war noch die Lieblingsspeise der Lett*innen? ...

Das Image Lettlands ökonomisch nutzbar zu machen - und bitte von den Lettinnen und Letten selbst - lassen wir uns nicht täuschen, es bleiben erhebliche Zweifel an diesem Konzept. Besonders, wer Lettland bereits kennt, wird sich keine "fremden Bären" aufbinden lassen wollen - egal, ob nun irgend eine Werbeagentur uns weismachen will, der Weihnachtsbaum sei in Lettland erfunden worden, Lettland sei magnetisch, oder andere verbogene Phrasen. Oder der schöne Slogan "#iamintrovert" - das Lexikon übersetzt "introvertiert" mit: auf das eigene Seelenleben gerichtet, nach innen gekehrt; verschlossen. Also: Ich bin verschlossen, sagt der Lette - und wer den Schlüssel hat, habe ich vergessen ...

31. Juli 2018

Wer hat Angst vorm roten Wolf?

Lettischer Fußball? Da war mal etwas, genau im Jahr des Beitritts zur Europäischen Union: ein 0:0 gegen das Land der "Rumpelfußballer". Manche fassen es heute als "Deutschlands größte Blamagen" zusammen (geileTore).

"Rückwärts in den Rumpelfußball" lautete aktuell ein Kommentar zum frühen Ausscheiden der deutschen Fußballer bei der WM (sportschau). Eines ist klar: nach 2004 kam Jogi Löw (zuerst zusammen mit Klinsi), und der deutsche Fußball hat sich erfolgreich "neu erfunden". Ganz Ähnliches versucht nun auch Lettland.

Die Rolle von Lettlands Jogi Löw möchte gern Kaspars Gorkšs spielen, der seit wenigen Wochen neu gewählte Präsident des lettischen Fußballverbandes. Nach der Niederlage am 25. März gegen Gibraltar (0:1 in der 89.Minute) musste Nationaltrainer Starkovs gehen, der lettische Fußball sucht verzweifelt nach einem Neuanfang.
Gorkšs war lettischer Nationalspieler, aber sein erstes Spiel machte er erst 2006 - vielleicht taugt ja auch ein 0:0 langfristig eher nicht zur Bildung von Heldenmythen. Aber genau daran, an Mythos und Image, arbeitet der neue Präsident gerade sehr intensiv.

"Stolz, Einheit, Kampfkraft" - so die neu verkündeten Leitsätze des lettischen Fußballs. Also: "11 vilki sollt ihr sein" (vilks = Wolf). Dazu kommen noch Schild und Ornamente, lettischen Traditionen nachempfunden. Auch ein eigener Imagefilm wurde produziert. "Für andere mögen es Geld oder Ruhm sein, aber für uns ist es der Kampf für den eigenen Staat und die Flagge!" für solche Aussagen ist Gorkšs schon länger bekannt. Dafür reiche es nicht, sich die Freiheitsstatue auf den Oberarm zu tätowieren, oder bei jeder Gelegenheit die Flagge zu küssen. Nun also ein eigenes Logo für die Nationalmannschaft.

Mit deutlicher Ironie blickt Karikaturist Gatis Šļūka auf
die sportliche Inanspruchnahme der Symbolwölfe
Der lettischen Mythologie zufolge gelten Wölfe auch als "Hunde Gottes", die gegen das Böse kämpfen. Bisher hatten sich vor allem lettische Soldatenvereinigungen und Motorradklubs den Wolf als Symbol ausgesucht. Und wer schon die Mythologie bemüht: für Menschen, die wirklich noch im alten Volksglauben verhaftet sind, liegt der Glaube an besondere Kräfte des Wolfes auch nicht weit entfernt vom Glauben an den Werwolf ("vilkacis", siehe ARD, oder auch vimeo). "Einzelgänger, die aber doch zusammenarbeiten", so kennzeichneten einige lettische Fußballer die angestrebten Gemeinsamkeiten zwischen Wolfscharakter und Fußballspiel (lsm).

Lettischer Volleyball: mit viel Wolf
und viel Wald
Die eigentliche, erheblich langwierigere Aufgabe des Fußballverbandes wird aber sein, bessere eigene Ausbildungsstrukturen zu schaffen. Bisher gehen schon 14-15-Jährige eher ins Ausland, wenn sie internationales Niveau erreichen wollen.Die nächsten Spiele der lettischen Nationalelf werden im September gegen Andorra, dann im Oktober gegen Kasachstan und Georgien sein. Vielleicht ja bald auch mal wieder gegen das Nachbarland Estland - auch dort ist ja offenbar eine Wolfs-Sympathiewelle ausgebrochen. Und auch im eigenen Land hat der Fußball-Wolf Konkurrenz: auch die Verantwortlichen für die Volleyball-Nationalmannschaft beschlossen kürzlich, das Team künftig "die lettischen Wölfe" zu nennen - bisher noch ohne Wolf im Logo. Die Volleyballer haben aktuell gegenwärtig ein "Jahrhunderspiel" ausgerufen: am 19.August gegen ... Estland.

Auf dass die lettischen Wölfe in Zukunft mehr als nur eine Erdbeere finden ("kā vilkam zemeņu oga") - die lettischen Variante vom Spruch des Tropfens auf den heißen Stein (auch die Erdbeere war übrigens schon 2004 aktiv - Ronaldo wird sich erinnern!). Vielleicht mag der europäische Fußball, der bisher nur "Fußballprovinzen" kannte, bald auch "Wolfsgebiete" ausrufen? 

30. Mai 2013

Amnesty im lettischen Wahlkampf: zwischen Russen und Letten

In der vergangenen Woche wurde der neueste Jahresbericht von "Amnesty International" über die Lage der Menschenrechte in der Welt veröffentlicht. Einige Pressereaktionen in Lettland zeigen, dass dort das Thema Menschenrechte immer noch keine sachliche und im internationalen Maßstab angemessene Behandlung erfährt.

Wer kommt hier hinein, wer muss hinaus? - Mit Blick
aus die Kommunalwahlen am kommenden
Wochenende sicher auch für den Stadtrat Riga
(= Rigas Dome) eine der spannensten Fragen
Nun ja, wir haben die letzte Woche des Kommunalwahlkampfs, und zudem das Verbot politischer Werbung in der Öffentlichkeit. Vielleicht müssen da einige Nationalradikale auf alte Schablonen zurückgreifen, so nach dem Motto: "Nur ein Lette versteht Lettland." Wie anders ist es zu verstehen, wenn eine der größten Tageszeitungen "Latvijas Avize" den Amnesty Bericht als "tendenziös" bezeichnen? Eine solche Behauptung legt nahe, dass nationale Stellen - auch Politiker, einem Berufsstand dem der gemeine Lette sonst wenig über den Weg traut - jederzeit das Recht hätten die Unabhängigkeit international anerkannter Organisationen kurzerhand für lettische Maßstäbe zurechtzurücken.

Menschenrechtsfragen im Kommunalwahlkampf
Da bleibt nur mal nachzuschauen, was in dem Bericht tatsächlich drinsteht.Es finden sich dort vor allem Anmerkungen zu den immer noch 300.000 Staatenlosen in Lettland, und zu den Rechten von Schwulen und Lesben. "Opfer von Hassverbrechen, die aufgrund von Geschlecht, einer Behinderung oder der sexuellen Orientierung begangen wurden, waren durch das Gesetz nicht geschützt." Aber, der Bericht sagt auch: "Im Juni 2012 fand in Riga die vierte jährliche Baltic Pride Parade mit mehr als 600 Teilnehmenden in guter Zusammenarbeit mit der
Polizei statt; Parlamentsmitglieder und der Außenminister waren bei der Veranstaltung
 zugegen."

Sowas liest sich schon wie ziemlich normale Auseinandersetzungen in einem demokratischen Staat. Zu den Staatenlosen (Nicht-Staatsbürgern / Nepilsoni) ist zu lesen: "Laut Angaben des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge (UNHCR) waren mehr als 300 000 Personen weiterhin staatenlos, dies entsprach etwa einem Sechstel der Bevölkerung. Die meisten der Staatenlosen waren russischer Herkunft. Die Behörden betrachteten diese Personen allerdings als "Nicht-Bürger" ("non-citizens") mit einem Anrecht auf einen besseren Schutz und Zugang zu Rechten, als sie staatenlosen Personen nach dem Übereinkommen über die Rechtsstellung der Staatenlosen von 1954 und dem Übereinkommen zur Verminderung der Staatenlosigkeit von 1961 gewährt werden. Ihnen standen aber keine politischen Rechte zu."

Auch das liest sich eigentlich recht sachlich - schließlich wird niemand die Schuld zugeschrieben, warum es so viele Staatenlose überhaupt gibt. Dass es aber auf lange Sicht kein wünscheswerter Zustand ist, dürfte ja klar sein. "Keine politischen Rechte" heißt eben: gleichgestellt, möglichst nicht gegenüber anderen herabgesetzt, aber eben kein Wahlrecht (Mitbestimmungsrecht) auf kommunaler und nationaler Ebene.

Bürger und Nicht-Bürger
Nun zur Reaktion in der lettischen Presse. Die Journalistin Dace Kokareviča "Latvijas Avize" (LA) meint den Amnesty-Bericht als "tendenziös" bezeichnen zu müssen, und kritisiert dabei Aussagen des "EU-Observers" und der lettischen Nachrichtenagentur LETA. Amnesty sei da Teil einer gegen Lettland gerichteten "Kampagne", die Fakten verdrehe und manipuliere.
Zitat "EU-Observer": "In Estonia and Latvia, Amnesty voiced concern over the rights of 400,000 Russophone people who cannot get citizenship and whose "stateless" existence aggravates their poverty and isolation." Aggravate = verschärfen, verschlimmern. Will sagen: Nicht-Staatsbürger einfach zu ignorieren kann nicht gut gehen.  
Wie Voldemārs Krustiņš, ebenfalls Journalist bei der "Latvijas Avize", der vor einigen Tagen in einem Kommentar erstaunt registrierte dass Kinder aus lettischen Schulen zur "patriotischen Erziehung" in Militärlager nach Russland geschickt werden. Spätestens bei den nächsten Wahlen sollten die Parteien auch stärker danach gefragt werden, in wieweit ihnen Schritte zur Integration der ethnischen Russen gelungen sind, meint Krustiņš. 

Juris Jansons, vom lettischen Parlament seit März 2011 zum "Ombudsmann" bestellter Experte für die Menschenrechtssituation in Lettland - hier hat man sich wohl nach schwedischen und dänischen Vorbildern orientiert - wird in der LA mit den Worten zitiert: "Vom juristischen Standpunkt her habe auch Nicht-Staatsbürger dieselben sozialen wie ökonomischen Rechte. Nur: sie können eben nicht wählen, und am kommenden Samstag sich auch nicht in die Gemeindeverwaltungen wählen lassen. Einige wollen nicht mal Staatsbürger werden, denn dadurch würden ihre Berechtigung einiger sozialer Möglichkeiten eingeschränkt, die ihnen andere Staaten bieten - zum Beispiel Russland. Auch das Reisen und der Aufenthalt in ehemaligen Sowjetstaaten mit denen Lettland keine Regelungen zur Visafreiheit abgeschlossen hat, würde komplizierter. Die Staatsbürgerschaft ist ja kein Geschenk - sondern man muss sie auch in Lettland erwerben." 

"2012 standen im Amnesty-Bericht noch Fortschritte bei den Rechten für Kinder, für Frauen, und auch Regelungen gegen Gewalt in der Ehe verzeichnet," meint Ināra Mūrniece, Vorsitzende der Menschenrechtskommission des lettischen Parlaments und Abgeordnete der "Nationalen Vereinigung" (Nacionālā apvienība). Allerdings ist bei ihr auch klar der Graben zu erkennen, den viele Letten noch von einer Anerkennung der eigenen Verantwortung für die anstehenden Probleme trennt. Mūrniece stört sich einerseits daran, dass immer von "über 300.000 Nichtstaatsbürgern" die Rede sei (2012 waren es genau 280.584). Und Mūrniece schiebt die Schuld für diesen Zustand auch immer noch einer "Hinterlassenschaft der Sowjetunion" zu - von einem Bewußtsein dafür, sich selbst um Integrationsfragen kümmern zu wollen ist hier noch nichts zu spüren. Übrig bleibt ein ideologischer Graben, dessen Existenz in Kauf genommen wird, damit die Wähler der Nationalisten weiterhin fordern können, lettische Politiker sollten sich nur um ethnische Letten kümmern.

Nichts als alte Parolen?
Und leider bleiben solche Schablonen offenbar auch auf Seiten russischer Aktivisten populär. Denn eigentlich könnte Lettland ja ganz froh sein über den "Nepilsoņu kongress" (Kongress der Nichtsstaatsbürger), der in diesen Tagen um Anhänger wirbt und Repräsentanten dieser Gruppierung per öffentlich zugänglichen "Wahlstationen" bestimmen lassen will. Leider bleibt es nicht dabei, die Bedeutung zivilgesellschaftlichen Engagements zu betonen - denn daran hat es in den vergangenen Jahren der russischen Seite immer gefehlt. Wo Agonie und Gleichgültigkeit drohten könnten aktive lettische Russen ja zeigen, dass ziviles Engagement auch außerhalb politischer Parteien und Wahlen etwas ausrichten kann - und darf!
Sprüche wie "Diese Machthaber haben wir nicht gewählt, also vertreten sie uns auch nicht" sollen provozieren, werden aber von einigen so interpretiert, dass die Teilnahme an diesen Aktivitäten auch gleichzeitig gegen das existierende demokratische System und den lettischen Staat ausgerichtet seien.
Bei der Volksabstimmung über Russisch als 2.Amtssprache hat es sich teilweise so entwickelt - engagierte Aktivisten ließen sich nicht zum ersten Mal das Heft aus der Hand nehmen von Selbstdarstellern, die im Fahrwasser sowjetisch-romantischer Splitterparteien nicht nur Lettlands unrechtmäßig erzwungenen Beitritt zur Sowjetunion leugneten, sondern Unterstützer der lettischen Unabhängigkeit eben auch als "potentielle Faschisten" behandeln, ganz wie es auch zu Sowjetzeiten war.

Auch diese neue Initiative der Menschen ohne Staatsbürgerschaft wird sehr bald an verschiedenen Scheidewegen stehen. Sind erst mal "Repräsentanten" gewählt, was ist damit erreicht oder bewiesen? Und wie steht es mit denjenigen mit russischem Paß? Möchte man Interessenpolitik für Russland betreiben, oder lediglich erreichen dass die Stimme der Menschen ohne Staatsbürgerschaft auch gehört wird? Dabei helfen Forderungen wie diejenige an die EU, Lettland die für 2015 vorgesehene EU-Ratsbürgerschaft abzuerkennen, aber sicher nicht weiter. "Lettland ist auch mein Staat" - dieses Statement müsste mit Inhalt gefüllt werden ohne das diejenigen, die vor allem im Bewußtsein der schwer erkämpften lettischen Unabhängigkeit leben, sich Sorgen um den Erhalt des Erreichten machen müssen.

Schnell gestrickte Presseberichte
Und hier wird eigentlich deutlich, wo die wirkliche Sorge liegen könnte. Ein Patentrezept für ein besseres Zusammenleben von Russen und Letten im demokratischen Lettland gibt es nicht - man wird sich aneinander abarbeiten müssen. Wenn aber die Medien das Thema so gewissermaßen "im Vorbeigehen" aufgreifen, nur weil es populär zu sein scheint mal eben ein paar "Skandale" aufzugreifen ohne richtig hinzuschauen, dann wird das Bild schief - und das hat wohl auch der Amnesty-Bericht nicht beabsichtigt (wie oben zitiert: eigentlich steht nichts wirklich Neues drin). "Aber ich habe doch mit meinen eigenen Händen gegen die sowjetischen Panzer gekämpft - und nun stehe ich ohne Staatsbürgerschaft da!" Solche Sätze wirken wie aus der Zeit gefallen. Wer in 20 Jahren lettischer Unabhängigkeit als Lette sich keine Gedanken um die Integration von Nicht-Letten gemacht haben sollte, der muss wohl an Zeiten erinnert werden, wo in Riga auch schon mal "Nicht-Deutsche" wegsortiert und geringer bewertet wurden.
Ein Bericht im "Deutschlandradio" (Autorin. Birgit Johannsmeier) heute morgen bediente wieder angebliche "Russen-Sympathien". - Wer aber so tut, als ob bei Unkenntnis der lettischen Sprache in Lettland die Vorwürfe von keifenden Nationalisten das einzige Problem sei, der verkennt die Alltagsprobleme des Zusammenlebens ziemlich grob. Nicht nur für Letten, auch für Russen gilt es, sich der Realtität von heute zu stellen: Mehrsprachigkeit ist in! "Bis heute bekommt nur einen lettischen Paß, wer eine Sprachprüfung auf Lettisch besteht!" meint Frau Johannsmeier im Deutschlandradio, und lässt das mit dem Verweis auf viele ältere Russen so stehen (ich denke, auch als Journalistin wird man ja im Zuge professionellen Arbeitens mindestens zwei Sprachprüfungen in Riga benötigen).

Wer in Lettland keine Staatsbürgerschaft hat, der ist nicht einfach alt oder gar "unterdrückt" - es fehlt vor allem an einem gemeinsamen Selbstverständnis des eigenen Staates. Nochmals Zitat Deutschlandradio: "Die lettische Volksfront - also die lettische Befreiungsorganisation - hatte jedem einen eigenen Paß versprochen." Ja, und? Mit dem Seitenblick auf die Rolle der "Volksfront" (was ja keine "Partisanen" waren, und man erkläre bitte gleichzeitig wer sich damals alles dem Gegenpart der Volksfront, der "Interfront" anschloß, und was diese Leute heute machen!) können wir ja heute sagen: ja, sollte es diese Zusage gegeben haben: sie gilt auch heute noch! Wer in Lettland lebt wird schnell merken dass es sich lohnt, beide Sprachen (Lettisch wie Russisch) zu sprechen. Und wer dies dann akzeptiert (bis auf einige Ausnahmen aus sozialen Gründen, das ließe sich überlegen) der wird bald auch lettischer Staatsbürger sein. Wenn er oder sie es wirklich will.
Nur im Hinblick auf solche "Schnellschußberichte" mancher vielleicht überarbeiteter Journalisten könnte die Sorge einiger Letten berechtigt sein, der Jahresbericht von Amnesty International und die Art, wie die Presse ihn zitiert, könnte sich negativ für Lettland auswirken. 
Denn auch die nächste Behauptung, in Lettland seien keine "russischen Parteien" an der Regierung beteiligt, stimmt nur zum Teil: am kommenden Samstag geht es schließlich um Kommunalwahlen, und in der lettischen Hauptstadt sitzt schon seit 2009 ein ethnischer Russe auf dem Stuhl des Bürgermeisters.


Amnesty International - Bericht Lettland 2013  / Bericht EU-OBSERVER
Kommentar Voldemārs Krustiņš  / Juris Jansons, Ombudsmann / Nepilsonu kongress / Nichtstaatsbürger-Kongreß / Bericht Deutschlandradio /

29. September 2011

Neues Face fürs "sejas grāmata"

Alle in Lettland warten auf die Bildung einer neuen Regierung. Alle? Nein, ein paar Freundinnen und Freunde der virtuellen Welt des Internets machen sich Sorgen, trotz frisch gewählter Regierung könnte Lettland jemand in der großen, weiten Welt da draußen niemand mögen. "Niemand mag Lettland! Warum? Weil Lettland keine Facebook-Seite hat!"

Diese Sorgen macht sich offenbar die Regierung höchst selbst. Wenn also eine regierungsamtlich betriebene Seite in Facebook existieren würde, könnte es vielleicht ganz leicht erreicht werden, dass Tausende von Menschen (Letten wohl möglich auch!) die lettische Regierung mögen. Wie man das erreicht? Das staatliche lettische Institut schreibt einen Wettbewerb aus zum Design und den Inhalten dieser Seite, ergänzt die Bedingungen was auf dieser Seite stehen darf, und verhandelt mit Facebook selbst damit ausnahmsweise mal ein Nutzer auch einen Ländernamen haben kann (was normalerweise so ohne weiteres nicht zulässig ist).  
Gesagt, getan: Rihards Kalniņš, seines Zeichens zuständig für die PR beim Lettischen Institut, schrieb zusammen mit einer Vertreterin der lettischen Staatskanzlei Anfang September einen Wettbewerb aus. Bis zum 4.Oktober können nun alle, die diese Entwürfe im Internet anschauen, ihre Favoriten wählen (mit dem Facebook-üblichen Kennzeichnen durch "Gefällt mir"). Fünf Entwürfe stehen zur Wahl, der Sieger bekommt einen Sachpreis. Der Aufwand ist nicht unerheblich: Ende August wurde extra zu diesem Zweck ein Treffen von wie es heißt - Medienexperten, Bloggern und "Experten der sozialen Medien" - einberufen, um über wünschenswerten Inhalten und Strukturen einer Facebook-Seite zu beraten. Die Entscheidung über die Entwürfe bewertet eine Jury von 16 Personen. Zanda Šadre, angestellt bei der lettischen Staatskanzlei, erzählte lettischen Journalisten wie die Idee entstand: "Ich habe die englischen BBC-Nachrichten geschaut. Da wurde der griechische Präsident gefragt, welche Länder er als positive Beispiele ansehe, wie man gut aus der Wirtschaftskrise wieder heraus kommen könne. Ich dachte natürlich jetzt würde Lettland genannt, aber er konnte kein Beispiel nennen. Da verstand ich, dass die Art wie die Regierung mit den Menschen kommuniziert geändert werden muss, und so jeder leichter an Informationen kommen könnte."

Nur die übliche Parteiendenkweise, wenn die Wählerzustimmung zurückgeht? (= Kommunikation mit unseren Wählern muss verbessert werden). Ich muss da auch unwillkürlich an die kürzlich erfolgte Schließung der "Baltikum"- Fremdenverkehrszentrale in Deutschland denken. Wäre die lettische Regierungsstrategie eine pure Erfolgsgeschichte, so müsste ja die Schließung auch ein Erfolg sein (die Gründe wurden übrigens immer noch nicht öffentlich bekannt gegeben, aber vermutlich spielen zwei Dinge eine große Rolle: die Finanzen, und Streit um das Konzept). Nun fangen lettische Regierungsmitglieder also an sich zu beklagen, dass niemand im Ausland etwas von Lettland kennt (trotz Zuwachs an Billigtouristen, offenbar). Unbezahlte lettische Nachwuchskräfte (der "Sieger" bekommt einen Sachpreis, wie gesagt) sollen es nun richten. Den Aussagen von Frau Šadre zufolge war es Ministerpräsident Dombrovskis höchst selbst, der den Brief an Facebook schrieb (hat Mr. D denn selbst eine Facebook-Seite? Ja, er hat! Die Infos, die draufstehen, sind kopiert von Wikipedia, und er hat momentan 51 "Freunde"!). Lettland wäre nach Aussagen der Staatskanzlei das weltweit erste Land mit eigener Facebook-Seite. 
Hoffentlich kommt keine Anfrage zurück. Von Facebook an Mr. D. "Sind Sie noch befugt, für die lettische Regierung und ihre Facebook-Seite zu entscheiden?" Und hoffentlich findet jemand eine Antwort - sonst muss mit dem Slogan gerechnet werden: "Dream the impossible - like Latvia, even if it has strange governments ..."


1. November 2010

Imageprobleme

Lettland machen nicht zum ersten Mal Imageprobleme Sorgen. Von der aktuellen Politik über den Tourismus bis zur Arbeitswelt.

Nachwuchs rechtsaußen 
Ex-Außenminister Artis Pabriks machte eine mögliche Einbeziehung von Lettlands jungen Radikal-Nationalisten in die neue Regierung Sorgen. In gemeinsamer Liste mit der "altgedienten" "Tevzemei un brivibai" (für Vaterland und Freiheit - TB) waren vor allem einige Nachwuchs-Nationalisten der "Visu Latvijai" ("alles für Lettland" - VL) ins Parlament "gespült" worden. Pabriks befürchtet von ihnen offenbar, sie könnten immer noch Russen "zurück nach Hause" deportieren wollen oder der Regierung erneut Debatten um alte SS-Kämpfer aufzwingen - entsprechend den bereits jahrelang publizierten Äusserungen der VL-Aktivisten. 
Ähnlich wie auch schon bei der Gründung der "Vienotiba", die dann aus "Pilsoniskās savienība" (PS), der "Jaunais Laiks" (JL) und der "Sabiedrība citai politikai" (SCP) gebildet wurde, legten die SCP und Pabriks selbst ihr Veto gegen eine Einbeziehung der extrem nationalistisch orientierten Parteien ein. Ģirts Valdis Kristovskis, heute Chef der PS, war selbst einmal als Ex-Tevzemei-Mitglied Verteidigungsminster und steht den selbsternannten Vaterlandsverteidigern daher näher als sein Kollege Pabriks.
Gleichzeitig sprach Pabriks öffentlich die Hoffnung aus, dass in Lettland in Zukunft einmal eine Regierung ohne die neureichen "Oligarchen" gebildet werden könnte - das war offenbar zuviel für den internen Frieden bei "Vienotiba". Statt die Kompetenzen des ehemaligen Außenministers Pabriks und des ehemaligen Verteidigungsministers Kristovskis zu bestärken, probt Regierungschef Dombrovskis nun offenbar die Rochade. Während Pabriks den Letten wird erklären müssen, was lettische Soldaten auf Auslandseinsätzen eigentlich so tun, wird Kristovskis, der auch schon mal "militärische Disziplin" für den Rigaer Stadtrat forderte, nun Außenminster. Ob der Imageschaden hier behoben oder der Keim neuer Blamagen gelegt wurde, wird sich noch zeigen müssen.

Krise schützt vor dunklen Geschäften nicht
Wegen dem in dieser Woche neu veröffentlichten "Korruptionsindex" von "Tranparency International" (TI) sorgt sich der lettische Journalist Kārlis Streips und wird auch in den "Eurotopics" zitiert: "Das ist ein schlechter Wert und außerdem schlechter als vor einem Jahr. .... Bestechungsskandale gab es bei uns jede Menge. Aber was war die Reaktion der Politiker? Unter uns gesagt: keine. Dabei ist das Rating von Transparency International für Lettland eine Schande, und das umso mehr, wenn wir bedenken, dass Estland längst an uns vorbeigezogen ist." Mehr noch als der übliche Neid auf den nördlichen Nachbarn fällt, dass auch der südliche Nachbar inzwischen besser dasteht. Ob das allerdings daran liegt - wie "Respublika" schreibt, dass in der Wirtschaftskrise weniger Geld da ist, und (so übersetzt es "Eurotopics") "wo es weniger Menschen und weniger Geld gibt, kann weniger in falsche Taschen fließen," da kann doch ein Fragezeichen gesetzt werden. Im Umkehrschluß könnte das heißen, Litauer und Letten kämen mit dem eigenen Wohlstand nicht klar ...

Image, nostalgisch
Sorgen um ein allzu sowjetisch geprägte Image Lettlands macht sich das Portal "Finance.net", und beruft sich dabei auf "Travelart.lv". Grund ist das englischsprachige "Best in travel - Jahrbuch 2011" aus der Serie “Lonely Planet”, in dem Lettland zwar vorkomme, aber Empfehlungen zu Sehenswürdigkeiten lediglich in Richtung spezieller Sowjet-Romantik gemacht würden: das Ex-Sowjetgefängnis in Karosta / Liepāja, oder der Ex-Sowjetbunker in Līgatne.
Nicht ganz sicher sind sie die lettischen Tourismusverkäufer aber, ob es ein Qualitätszeichen darstellt, wenn die Nachbarn Estland und Litauen diesmal in der Topliste gar nicht auftauchen.

Öffentlicher Arbeitsdienst
Sorgen um das lettische Image in Europa macht sich auch das Portal "Delfi.lv". Auch in Lettland scheint bei gleichbliebend hoher Arbeitslosenzahl nun die Diskussion loszubrechen, ob Leute ohne Arbeitsplatz überhaupt arbeitswillig seien. Die "1-Euro-Jobs" heißen in Lettland adäquat "100-Lat-Jobs". Unterstützt vom Europäischen Sozialfond werden hier Minijobs für Landzeitarbeitslose angeboten. So setzt die Stadt Riga solche Arbeitskräfte bevorzugt auf Friedhöfen und beim Reinigen von stadteigenen Flächen ein - wer sich wundert, dass Reinigungskräfte neuerdings nicht mehr mit den bewährten Reisigbesen kehren, sondern mit frisch aber schwächlich aussehenden bunten Plastikbesen - auch das ist vermutlich EU-Geld zu verdanken. Und schon geht auch die Diskussion los, ob Arbeitslose wirklich arbeiten wollen: 100 Lat (ca.150 Euro monatlich, das sind 50 Lat weniger als der eigentlich staatlich festgelegte Mindestlohn) für 40 Stunden Arbeit im Monat, das reicht zwar auch in Lettland nicht zum (Über-)Leben, wohl aber für den Neid der Nachbarn. Da stellt dann das Portal Delfi Filmchen ins Portal, wie solche "Simtlatnieki" (100-Lat-ler) beim Arbeiten gefilmt - und beim vorzeitigen Verlassen der Arbeitsstätte erwischt werden. Was wohl dem Ansehen Lettlands mehr schadet? Die Lustlosigkeit von Billiglöhnern, oder der Eifer der Neider?

Image neu erfunden
Völlig neu erfinden zu wollen scheint das "Büro zur Entwicklung des Riga-Tourismus" (Rīgas Tūrisma attīstības birojs" RTAB) das Image der lettischen Hauptstadt. Zwar kaufen Touristen in Riga weiterhin am liebsten Laima-Schokolade oder "schwarzen Balzam", und die Touristenführer preisen den Jugendstil und die Legenden des Mittelalters.
Doch 2009 wurde der Auftrag zum "Re-Branding" Rigas an die deutsche Werbeagentur "Embassy" in Berlin vergeben, und in der Präsentation dieser neuen "Botschaft" durfte Vize-Bürgermeister Šlesers noch gleichzeitig seine Wahlkampfsprüche unterbringen ("tausend neue Jobs"). Der neue Slogan aus Berlin scheint zu lauten: bloß nicht auf Bewährtem aufbauen. Und so nerven die Campaigner Riga nicht nur mit überdimensionalen dreieckigen Weihnachtsbäumen, sondern es schimmert immer öfter auch die Firmenfarbe der Fluggesellschaft "AirBaltic" (die Teilhaber des RTAB ist) durch. Kürzlich wurde eine Produktlinie von Riga-Souvenirs vorgestellt, bei der ähnlich der neuen Baltic-Bike-Fahrradpromotion schon ziemlich viel grünlich daherkommt. Nur gut, dass nach der großen Krise steigende Erfolgszahlen geradezu garantiert erscheinen...

16. November 2009

Hartes Leben, lockere Sprüche

Nichts besonderes?
Selbstironie ist vielleicht nicht gerade lettische Stärke - meist wird es dramatisch oder gar tragisch. Über sich selbst lachen, ohne fatalistisch zu werden? Geht das? 

Schon vor einigen Monaten wurde der Begriff "nothing special" in Lettland zum geflügelten Wort. Ein Video über den damaligen Verteidigungsminister Atis Slakteris und seinen relativ hilflosen Versuch, ein Interview auf Englisch zu geben, löste es aus (daher auch die "lettisierte" Fassung in Lautsprache: "Nasing spešal").

Schwer zu leben? Na, sicher doch!
Nein, über sich selbst gelacht wird in Lettland selten. Wer einen Fehler macht, dem wird selten geholfen - viel öfter aber öffentlich ausgelacht. Aber vor allem das Image Lettlands im Ausland macht Lettinnen und Letten in letzter Zeit des öfteren Sorgen. Schon im Frühjahr diesen Jahres wurde der bisherige Leiter des Lettischen Tourismusinformationszentrums Riga (TAVA) entlassen, als von ihm in Auftrag gegebene merkwürdige Videos auftauchten (siehe Beitrag in diesem Blog). Inzwischen wurde ein neuer Direktor eingestellt, und man versprach, die gesamte Tourismusinformation neu zu strukturieren. Noch am 25.September wurde durch eine Pressemeldung deutlich, dass verschiedene Behörden Lettlands inzwischen darüber uneins waren, ob Tourismusförderung und Tourismuswerbung in Zeiten der Wirtschaftskrise und Finanzknappheit überhaupt noch Schwerpunkt lettischer Politik bleiben sollte (siehe Pressemeldung). Nun also die nächste Geschichte aus dieser Abteilung.

Wie es zustande gekommen ist, darüber gibt es viele Berichte. Aber offen- sichtlich ist wohl, dass in Großbritannien Werbeplakate in Auftrag gegeben wurden, die zum Besuch Rigas auffordern sollten: "Eine Stadt die leicht zu erreichen ist, die aber schwerfällt zu verlassen" (Riga City easy to go, hard to leave). Wenn nicht, ja wenn nicht irgend jemand bei der Kontrolle der Plakatentwürfe irgendwie nachlässig gewesen wäre. In mehrfacher variantenreicher Ausführung stand statt dessen zu lesen: "Riga, leicht zu erreichen, schwer zu leben!" (easy to go, hard to live).

Nun sind Medien und das Internet in Aufregung. Ganz Lettland sorgt sich nun um Reklame- kampagnen der landeseigenen "Profis" - andere wiederum halten die (versehentliche) öffentliche Aussage, in Riga sei es "schwer zu leben", schlicht für einen "Freud'schen Fehler" . 

Selbstkritik, oder gnadenloses Selbstbewußtsein?
Bei DIENA sind offenbar schon Konsequenzen bzw. Richtigstellungen aus den begangenen Nachlässigkeiten zu lesen. Die eigentliche Werbekampagne habe vornehmlich das Ziel, für Riga als Destination für die Weihnachtszeit zu werben, und beginne eigentlich erst am 23.November (auch in Deutschland!). Und auch der Wahlspruch soll verändert werden: "You may leave, your heart stays" soll es dann (unmissverständlich) heißen. Hoffentlich werden die mehrsprachigen Wortspiele nicht wieder überstrapaziert ! (hard - heart) Denn die Visualisierung des Herzens, das sich bildlich an Straßenlaternen und andere Gegenstände in Riga klammert, um nicht wieder abreisen zu müssen, scheint ein wenig nach der Methode "Holzhammer" geboren.

Insgesamt soll die "Winterkampagne" für Riga ca. 900.000 Lat (1,27 Millionen Euro) kosten und teilweise von der Fluggesellschaft AIRBALTIC bezahlt worden sein - soviel wurde in der lettischen Presse bereits aus Äusserungen des lettischen AIRBALTIC-Chefs Berthold Flick deutlich, der sich zuvor auch bereits mehrfach mit kritischen Äusserungen selbst in die Debatte um "richtige" und "effektive" Tourismuswerbung eingeschaltet hatte. "Der Tourismus, unsere wirtschaftliche Rettung" - unter diesem Motto veranstalteten Flick und Rigas Vizebürgermeister Šlesers auch schon Pressekonferenzen zur Kampagne. Als im Frühsommer die Kommunalwahlen in Riga eine neue Parteienkonstellation ans Ruder brachte, gründete Flick zusammen mit den Stadtoberen das Tourismusbüro Riga (Rīgas tūrisma attīstības birojs RTAB) und soll auch jetzt die Kampagne durchführen. Mit dabei sind auch der Verband der lettischen Hotels und Restaurants und eine Vereinigung von Touristikagenturen.

Nervösitäten um die "Riga-Million" 
Eine interessante Informationsquelle ist dieser Tage immer - parallel zur Zeitung DIENA - die virtuell von den DIENA-Aussteigern (siehe Beitrag in diesem Blog) herausgebene CITADIENA. Dort wird ein Satz von Berthold Flick zitiert, als Antwort auf die Frage, welche Agentur denn verantwortlich zu machen sei für die auffälligen Druckfehler der bisher veröffentlichten Plakate: "Hören Sie auf, lassen Sie mich in Ruhe. Wenn das das Einzige ist, was Sie interessiert, dann suchen Sie sich einen anderen Beruf. Ich weiß es nicht, und selbst wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen!" Offensichtlich steigt also die Nervosität bei den Beteiligten.

Ģirts Ozols, Werbechef bei "MMS Communi-cations", zitiert bei CITADIENA Statistiken, denen zufolge jeder Tourist durschnittlich 200 Lat (282 Euro) in Riga ausgibt. Kritik gibt es daran, dass die Durchführung der Reklamekampagne offenbar nicht öffentlich ausgeschrieben wurde. Über die Gründe kann offenbar nur spekuliert werden (solange Flick Antworten wie oben zitiert gibt). Klar scheint aber zu sein, dass im Gegensatz zu der Schlagzeile "Meteorit über Lettland abgestürzt" die "Druckfehlerplakate" keine Erfindungen mit dem Ziel waren, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu steigern. Wäre ja sonst auch eine Möglichkeit gewesen, nach dem Motto: "Hauptsache, man redet drüber." Denn immerhin haben die offenbar unbeabsichtigten Schreibfehler schon vielfache Berichte auch im Ausland nach sich gezogen (siehe unten).

Na dann warten wir mal ab, was die Riga-Werbekampagne noch für weitere Überraschungen in sich birgt. Weitere witzige Vorschläge kursieren schon im Netz, so bei "Latviansonline": “Riga, easy to go, hard to leave. Just ask the Soviet Army!” 

Fotoserie DIENA zu den verschiedenen Werbeplakaten 

Beitrag CITADIENA  

Webseite zur Kampagne: LIVE RIGA  

Andere Berichte: 
Sunday Mercury (engl.)

23. August 2009

Wichtigste Frage gelöst: Wie werde ich Lette?

Diese Frage bewegt viele Menschen: wie werde ich Lette? Es ist zu vermuten, dass die eindringliche Verbindlichkeit dieser Frage selbst gestandene Lettinnen und Letten verunsichern kann: warum bin ich Lette? Was unterscheidet mich von anderen Menschen, die keine Letten sind? Oder welche Sprüche und Behauptungen sind über die Letten im Umlauf, die aber - genauer besehen - gar nicht anders ausfallen als bei anderen Menschen auch?

Sie merken: es geht hier nicht um die Fragen der Staatsbürgerschaft. Wohl aber geht es um alle Varianten von möglichen Antworten auf die Frage: was muss ich tun, um zum Letten zu werden? Inklusive der Antwort: das ist nicht möglich.

DAS es möglich ist, daran möchte Ruedi (lett. "Rūdi" - von einigen Letten auch "Rūdplesis" genannt) keinen Zweifel lassen. Als Schweizer, in Lettland lebend, macht er daraus ein Kunstprojekt. "Jede Woche einen Schritt weiter, auf dem Weg Lette zu werden" - mit diesem künstlerischen Anspruch dokumentiert RUEDI sein Projekt per Blog, Twitter und Video in drei Sprachen: lettisch (natürlich!), Deutsch und Englisch.

Schritt 1 (da hätten wir drauf kommen können!): Anfrage beim "Lettischen Institut" in Riga. Dessen Leiter Ojārs Kalniņš empfiehlt Ruedi: Auf jeden Fall musst Du lernen Pilze sammeln zu gehen! Labi, könnte man (lettisch) denken: Pilze sammeln aber auch andere Leute als nur Letten? "Es ist ja nur ein erster Schritt", mag sich Ruedi vielleicht denken, und fügt hinzu: "Schickt mir Vorschläge und Ideen! Was muss ich tun, um Lette zu werden?". Lette sein, und KEINE Pilze zu sammeln, na gut, das wäre jedenfalls wenig typisch.


Zweiter Schritt: eine Straßenumfrage. "Was muss ich tun, um Lette zu werden?" - "Es braucht Mut für einen Ausländer, hier in Lettland zu leben. Hier gibt es nicht die hohen Rentenansprüche, wie in Westeuropa," so antwortet eine Frau auf dem Blumenmarkt in Riga. "Und du musst Rosen kaufen, die hier in Lettland gewachsen sind, nicht solche aus Holland!" Und eine Lebensmittelverkäuferin ergänzt: "Sie sollten eine Zeitlang in Lettland leben. Dann werden Sie mit der Zeit merken, ob Sie dann immer noch zum Letten werden wollen!" Und nach einer Weile ergänzt sie: "wenn Sie hier leben, werden Sie mit der Zeit ganz von selbst zum Letten werden. Sie essen lettisches Essen, gewöhnen sich an die Traditionen: Sie müssten mal lettische Schweinerippchen mit Sauerkraut versuchen!"

Erste Erkenntnis beim Thema Essen: die Antworten verschiedener Generationen unterscheiden sich. Während eine ältere Verkäuferin noch glaubt, ein "Amerikaner" werde sich nie an lettische Gerichte gewöhnen, antwortet ein junges Pärchen auf dieselbe Frage: "Geh zu McDonalds. Oder kauf Dir eine Tiefkühlpizza, fahr nach Hause und mach sie Dir in der Mikrowelle warm. Dann bist Du ein typischer Lette!"

Ruedis Blog



Erklärung von Ojars Kalnins, Direktor des Lettischen Instituts, zum Kunstprojekt von Ruedi (engl.)

8. Februar 2009

Wie sind die Letten?

Wie die Letten wirklich sind, kann man am besten sehen, wenn man mit ihnen zusammenlebt, -arbeitet und -feiert, ihre Sprache spricht, Bücher liest und Lieder singt. Das Nebeneinanderleben bringt nichts – davon kann man nur erfahren, was man selbst ist und wo die Grenze zwischen dem Fremden und dem Eigenen verläuft.

Deswegen möchte ich in einer Zusammenstellung ein paar Einblicke in der Seele der Letten geben, und was die Letten über sich selbst denken:

Der Lette sieht alles, aber überall nur das Schlechte.
Der Lette jault über sein schlechtes Leben und wartet, bis alles von alleine besser wird.
Der Lette ist nicht traurig, wenn es ihm schlecht geht, Hauptsache – dem Nachbarn geht es nicht besser.
Der Lette fühlt sich immer gut da, wo er gerade nicht ist.
Der Lette respektiert andere Meinungen, wenn sie mit seinem eigenen Standpunkt übereinstimmen.
Ein typischer Lette streitet sich nicht über den Geschmack. Nur dann, wenn der andere blöd ist.
Ein Lette ist gegen Bestechung, besonders, wenn das Schmiergeld ein anderer bekommt.
Der Lette feiert gerne Geburtstage von anderen Letten.
Auch in schlechten Zeiten singt der Lette gerne – zumindest die erste Strophe kennt er immer.
Der Lette ist sehr einfühlsam und kommunikativ, besonders im Internet.
Der Lette ist nicht gierig, er mag einfach die Gerechtigkeit.
Der Lette gibt sehr gute Ratschläge um die Nachbarkinder zu erziehen.
Der Lette braucht das Gleiche wie der Nachbar ... und noch ein bisschen mehr.
Der Lette mag gutes Essen. Die Lieblingsspeise des Letten sind ein anderer Lette, Sauerkraut und Kartoffelsalat.
Der Lette ist stolz darauf, dass er keine Serien guckt, aber er kennt sich gut darin aus.
Um seine Zugehörigkeit zu den anderen Letten zu spüren, geht der Lette ab und zu aus. Gewöhnlich wird da auch Bier verkauft.

Die Letten sind doch ein ganz nettes Volk, nicht wahr? Dass der Lette gerne über sich nachdenkt, beweist das im Sommer 2008 erschienene Buch von Ilmārs Šlāpins über den Mittleren Letten (Ilmārs Šlāpins, Anekdotes par vidējo latvieti un Raini, ¼ Satori, 2008). Jahre lang hat er seine Anekdoten über den Mittleren Letten in der Zeitschrift „Rigas laiks“ veröffentlicht. Ein Beispiel aus seinem Buch:
„Der Mittlere Lette lebt nur einmal in seinem Leben. Dabei ohne Unterbrechung”.

Ich könnte hier nur folgendes dazufügen:

Der Lette denkt gerne über sich selbst nach.
Der Lette lacht gerne über sich selbst.
Der Lette ist stolz ein Lette zu sein. Besonders im Ausland.

P.S.: Das alles gilt natürlich auch für die Lettin.

16. Februar 2007

Arbeiten am virtuellen Image Lettlands

Lettland hat eine neue Imagekampagne. Noch nichts davon gehört? Nun gut, die Reklameclips erscheinen nur bei CNN und TV5, und es werden Plakate in der Londoner U-bahn sein. Also nichts Deutschsprachiges vorläufig - leider. Und beinahe hätte es auch die Lettinnen und Letten selbst gar nicht bemerkt - wenn da nicht eine Internetseite wäre. "Sie werden es nicht glauben, bis Sie es sehen" - genau das ist auch das Motto dieser Kamapgne.Und schon ist in Lettland selbst eine Debatte ausbrochen, um die vorgezeigten Themen und Motive denn dem gewünschten Außenbild von "Maija & Janis Musterlette" entspricht. "Es sollten doch die Dinge gezeigt werden, auf die wir selbst stolz sind," so Erna Bērziņa aus dem Bezirk Cēsis, befragt für die "Latvijas Avize" (Ausgabe 16.2.2007), und denkt dabei ganz praktisch: "das Freilichtmuseum, das Sängerfest und das Freiheitsdenkmal sollten gezeigt werden, damit die Auländer auch wissen, dass sie da nicht dranpissen sollen!"

Tatsächlich hatte es
schon Fälle gegeben, wo ausländische Gruppen in der Rigaer Altstadt randaliert hatten und verschiedenes zu Bruch ging. Anzeichen dafür, dass zumindest die lettische Hauptstadt keinesfalls unter Gästemangel leidet. Wer aber die Äußerungen der Befragten in der lettischen Presse weiterliest, wird mit verschiedenen Wunschzetteln konfrontiert: "Mit den weltbekannten Menschen aus unserem Land sollten wir werben," sagt Zigurds Mežavilks aus dem kleinen Ort Svitene, "wo bleibt denn zum Beispiel Gidon Kremer, oder die Schwestern Skride? Oder die Wälder Lettland, die sind doch unser ganzer Stolz!"
Was Vorstellungen und Wünsche angeht, so besteht Lettland offensichtlich aus Unterschieden.

Was tatsächlich auf den lettischen Internetseiten gezeigt wird - auch für Lettland-Kenner eher ungewöhnlich. Fliegende Menschen gibt es da und blaue Kühe. Vielleicht ist der kaum wahr
nehmbare Unterschied zwischen Mythos, Märchen und gewagter Moderne gemeint? Ach ja - Deutsche sind als Zielgruppe offensichtlich erstmal uninteressant, die Webseite bietet Englisch, Französisch und .... Lettisch. Zum Aufbau des Selbstverständnisses?

Erstaunlich aber, dass außer dem erwähnten Zeitungsbeitrag sich auch eine bisher ungeahnte lettische Bloggerwelt auftut - die auch die lettischen Reklameclips bereits registriert hat. Unter der schönen Bezeichnung "patiesi" ("wahrhaftig") finden sich hier auch schon satirische Betrachtungen über die zur Werbung für Lettland auserkorenen Objekte. "Kuh verrät: blau sein ist nicht normal" - so die eifrigen Blogger über die leicht graublaue kurländische Kuhrasse, die jetzt werbetechnisch für Lettland eingesetzt wird. Hier wird die Kuh
"Bārta" aus Nīca (ein Ort in Kurland) zitiert, die angeblich gesagt habe: "Wir braunen Kühe werden immer mehr herabgesetzt. Oder ist es etwa falsch, dass auf dem seit Jahrzehnten hergestellten Konfekt 'Gotina' eine braue Kuh dargestellt ist? Aber uns hat man komplett vergessen!" Und als weitere Zeugin stimmt Kuh Ledene zu: "Ich werde jedem einen dicken Strahl Milch ins Gesicht spritzen, der behauptet, blau zu sein sei normal in Lettland!"

Link: Sie werden es nicht glauben ...

Link: lettischer Satireblogger "patiesi"