8. Mai 2022

Lettland höchster Punkt: verschenkt oder verwaist?

Landschaft nahe des Gaziņkalns (Foto: Caspari)
Es ist bisher nicht unbedingt üblich, eine "Besteigung" der höhsten Erhebung Lettlands ins touristische Programm aufzunehmen. Das Gebiet um den Gaiziņkalns ist auch weder Nationalparkgebiet noch Staatswald, es ist eigentlich Privateigentum. Allerdings ist es Teil eines Naturparks. Letzten Messungen zufolge liegt die höchste Anhöhe hier 311,94 Meter über dem Meeresspiegel. (IR/ visitmadona) Der Formulierung der Reiseagentur "Lauku Celotajs" zufolge ein "typischer Hügel des Vidzeme Hochlandes".

44ha ist das "Gipfelgrundstück" groß, aber das lettische Recht, das besondere Naturgebiete vor Zerstückelung schützen soll erlaubt es normalerweise nicht, einfach nur das Gipfelstück vom Rest  abzutrennen - und so gab es bisher vier verschiedene Personen mit Besitzrecht. Es durfte also nichts ohne die Zustimmung aller vier geschehen - eine komplizierte Sachlage. Davon unabhängig gibt es Überlegungen, nur den direkten Gipfel als staatlichen Besitz zu nutzen, dort, wo auch ein neuer Aussichtsturm errichtet werden muss (der alte Turm wurde 2012 abgerissen, Pläne für einen Neubau wurden bisher nicht realisiert).

Die Nachkommen des früheren Grundeigentümers, der tatsächlich "Gaiziņš" mit Nachnamen hieß, flüchteten 1944 vor der heranrückenden Roten Armee und leben heute in den USA. Aber nun gibt es erneut eine Veränderung: Am 20. Oktober 2021 starb mit Inese Apele die Haupterbin (älteste Tochter). Von ihr wurde der Ausspruch zitiert: "Auf dem Berg muss immer die lettische Flagge wehen!" (lvportals) Daher kam für sie auch kein Verkauf an private Interessenten in Frage. Ihr Großvater Jēkabs hatte das Land am "Gaiziņš" vor mehr als hundert Jahren gekauft. Und ihr Vater Leopold habe ihr mit auf den Weg gegeben: "Der Berg darf nie verkauft oder verpachtet werden, er muss frei bleiben." (jauns)

Es hat also die Bereitschaft gegeben, das Land dem lettischen Staat zu überlassen - schon seit Jahren gab es Gespräche und Verhandlungen zu dem Thema (zum Beispiel 2016 mit dem damaligen Umweltminister Kaspars Gerhards / VARAM). Bisher gab es aber kein konkretes Ergebnis. Jurijs Šeflers, russischer Milliardär und Eigentümer von "Latvijas Balzams" (die inzwischen "Amber Latvijas Balzams" heißt und zur Amber Bevarage Group gehört), hatte schon mal zwei Millionen Euro für das Grundstück geboten. Šeflers hatte von dem in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenen Gunārs Ķirsons ("Lido") nahe des Gaiziņkalns ein Grundstück mit exklusivem Landhaus übernommen. Die Antwort auf das Angebot soll angblich gewesen sein: "Denken Sie eher mal über 20 Millionen nach." (lvportals)

Matīss Kukainis, Anwalt der Familie, beschreibt die Situation so: Inese hatte weder Mann noch Kinder, gemeinsame Eigentümer sind jetzt die Brüder und die Schwester. Es gibt Pläne, die Anhöhe entweder dem Staat oder der Gemeinde zu schenken, insgesamt etwa ein Hektar."(apollo) Dennoch erscheint es schwierig, dies zu realisieren - es gibt noch andere Kosten zu bedenken, die auf einen Eigentümer zukommen würden. "Diese Auflagen könnten sehr teuer werden," meint Daiga Vilkaste, Direktorin beim

Agris Lungevičs hingegen, Vertreter des Bezirks Madona zu der das Gebiet um den Gaizinkalns gehört, erklärt sich bereit Gespräche aufzunehmen und mögliche Finanzierungen zu suchen. Allerdings seien Gemeinde und Bezirk bei den bisherigen Verhandlungen außen vor gelassen worden. (apollo) "Wir sehen das als mögliche Infrastrukturprojekte", sagt Lungevičs, sowohl was die notwendige Asphaltierung der Zufahrtsstraße als auch den Aussichtsturm angeht." 

Die Legende vom sagenhaften
"Tālava" - auch heute noch in
Lettland vielfach präsent

Schon Inese Apeles Vater, der 2010 in New York starb und auch dort begraben ist, hatte sich auf den Grabstein schreiben lassen: "Gaiziņkalna dzimtas dēls" ("Sohn des Geschlechts vom Gaiziņkalns"). Er hatte sich, nach Aussagen seiner Tochter Inese, auch auf der Spitze eines neuen Aussichtsturms die Skulptur des "Trompeters von Talava" (Tālavas taurētājs) gewünscht, eine lettische Sagenfigur eines Helden, der vor herannahenden Feinden warnt (eine Variante eines solchen Denkmals steht in Ruijena). Tālava (Tholowa, Tuolowa), das sagenhafte Land im Osten des heutigen Lettland, vor Ankunft der deutschen Kreuzritter soll es Heimat der Lettgallen gewesen sein. In der alten Livländischen Chronik wird dieses Gebiet auch "terra Lettorum" (Land der Letten) genannt. Rūdolfs Blaumanis schrieb 1902 eine Ballade zu diesem Thema, und allein schon deshalb ist diese Geschichte in Lettland weit verbreitet.

Bisher war Inese Apele die einzige der vier Geschwister (der vier Erben) gewesen, die aus den USA zurück nach Lettland kam und versuchte die Fragen rund um den "Gaiziņš" zu lösen. Der eine Bruder sei Priester in den USA gewesen, der andere Lehrer, erzählt sie, und die Schwester arbeitete im Gesundheitswesen. - Angeblich soll unter den Lett/innen im US-Exil in New York die Geschichte erzählt worden sein: der höchste Berg Lettlands ist ungefähr doch hoch wie ein Haus mit vier Stockwerken (Kārlis Streips / Brīvā Latvija).
Die Restaurierung der Einrichtungen auf dem estnischen Munamägi, der gleichzeitig die höchste Erhebung der baltischen Staaten ist und einen schönen Aussichtsturm für Gäste bereithält, habe 640.000 Euro gekostet, heißt es (lvportals). Ob nun jemand in Lettland ähnliche Beträge aufbringen kann, oder doch eher ein Verkauf ansteht, scheint gegenwärtig völlig unklar.

5. Mai 2022

Saison schon gelaufen?

Im Urlaub nach Lettland? Ab ins sogenannte "Baltikum"? Seit Putins Angriffskrieg in der Ukraine offenbar nicht mehr selbstverständlich. Die Tourismusanbieter bangen um die gerade erst begonnene Saison. Gerade erst ist die Corona-Pandemie halbwegs überstanden, da setzen neue Unsicherheiten ein. 

Die lettische Tourismuswerbung setzt auf "Lifestyle" -
aus Verzeiflung? Warum besucht niemand unser
"instagrammables" Land?

Gerade die Gäste, die bereits Urlaubstage entweder an der östlichen Ostsee, oder in Mitteleuropa geplant hatten, sagen nun in großer Anzahl wieder ab. Solange die Entwicklung des russischen Angriffskrieg unkalkulierbar bleibt, wird offenbar die allgemeine Lage nicht als sicher genug eingeschätzt. Und auch die Geschichten, die Flüchtlinge aus der Ukraine erzählen, trage zu dieser Einschätzung bei. "In unseren Hotels und Gasthäusern liegen bereits 60% Stornierungen der bisherigen Buchungen vor", sagt Santa Graikste, Geschäftsführerin des lettischen Verbands der Hotels und Restaurants. (lsm / edruva) Für den März habe die Zahl der Stornierungen sogar bei 80% gelegen.

Gleichzeitig wehrt sich der Verband gegen Äußerungen des lettischen Finanzministers Jānis Reirs, der behauptet habe, die Hotels würden versuchen, ihre finanzielle Lage mit vorgetäuschten Hilfsleistungen für ukrainische Flüchtlinge aufzubessern (Dienas Bizness  / lsm). Aus Sicht der Hotelbetreiber seien im Gegenteil vielfach kostenlose Dienstleistungen den Flüchtlingen zu Gute gekommen, die niemand irgendwem in Rechnung gestellt habe. Die Tourismusbranche hatte sich schon einige Wochen zuvor mit dem Finanzminister angelegt und dessen Rücktritt gefordert - wegen unzureichender Unterstützung zu Covid-Krisenzeiten (lsm). Minister Reirs dagegen hatte behauptet, der Vorschlag des Verbands, Flüchtlinge in Hotels unterzubringen, helfe den Hotels mehr als den Flüchtlingen. "40 Euro am Tag, 1200 Euro pro Person und Monat - dazu wären dann insgesamt 200 Millionen Euro nötig. Soviel Geld haben wir nicht. Unser Vorschlag beläuft sich auf 108 Millionen Euro." (lsm) Reirs weiter: "Solche Vorschläge vergrößern lediglich das Haushaltsdefizit. Wenn wir nicht nur den Ukrainern, sondern auch den Hotels helfen wollen, muss das Geld auch noch aus anderen Quellen kommen." 

Zahlen des lettischen Statistikamts zufolge (Centrālā statistikas pārvalde CSP) gaben Kurzzeit-Touristen in Lettland durchschnittlich 23,7 Euro pro Tag aus.Die Gesamtzahl der ausländischen Gäste, die touristische Dienstleistungen in Lettland wahrnahmen, ging bereits 2020 von vorher ca. 2 Millionen auf 700.000 zurück (CSP). Die Zahl der deutschen Touristen in Lettland ging 2020 gegenüber dem Vorjahr von 243.000 auf nur noch 53.400 zurück. 

Bis 2020 habe es Lettland erfolgreich vermocht, sich als "Perle Europas mit attraktiver Natur" zu positioniere, meint auch Asnāte Ziemele vom Verband "Lauku Celotājs". Einerseits gäbe es nach Wegfall eines Teils der pandemischen Beschränkungen einen großen Drang wieder Events zu veranstalten: Feiern, Hochzeiten, Geburtstage. Veranstaltet würden diese meist von Einheimischen, teilweise auch mit Gästen aus dem Ausland, und davon könnten auch Beherbergungsbetriebe etwas profitieren. Andererseits hätten die Lettinnen und Letten aber auch selbst weniger Geld, um es für Freizeitaktivitäten auszugeben. Falls Preiserhöhungen notwendig seien, müsse dies daher sehr umsichtig geschehen. Für viele Anbieter touristischer Dienstleistungen stünde in Lettland aber ein "Sommer des Überlebens" bevor. Eine kleine Hoffnung bleibe: für den Tourismus auf dem Lande machten bisher Gäste aus dem Ausland nur 30% aus, der Prozentsatz läge damit lange nicht so hoch wie vergleichsweise in der Altstadt in Riga. (jauns)

21. April 2022

Kein Schuss mehr

Fotos: VARAM

Eine schöne Schlagzeile in besorgniserregenden Zeiten: es darf kein Schuss mehr fallen! Gemeint ist hier Lynx lynx, oder, wie es lettisch heißt: "der eurasische Luchs". Die lettische Regierung beschloss jetzt, Luchse in die Liste besonders geschützter Tierarten aufzunehmen - damit dürfen Luchse jetzt in Lettland nicht mehr bejagt werden. (lsm / LA / nra)

Bisher stand die Tierart auf einer Liste "geschützter Tierarten zur eingeschränkten Verwendung" (verrückte Bezeichnung sowieso!). Mit der Unterschutzstellung setzt nun auch Lettland Emfehlungen um, die schon mit der Richtlinie des Europarats 1992 formuliert wurden ("Flora, Fauna, Habitat" - Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanze). 

Auch der Lettische Staatliche Rechnungshof hatte die Neuregelung empfohlen. Hier wurde vor allem angemerkt, dass die Datenquellen zur Bestandserhebung oft zweifelhaft gewesen seien, daher nicht auszuschließen sei, dass eine "Abschussnotwendigkeit" herbeimanipuliert werden könne. Kritik an dem Regierungsbeschluss kam von den Jadgvereinigungen. "Das ist doch ein rein juristischer Beschluss, das hat doch nichts zu tun mit der Luchspopulation," meint Janis Baumanis vom lettischen Jägerverband (Latvijas mednieku savienība), "und wenn wir nicht jagen, gehen uns viele Informationen über den Luchs verloren." (lsm)

Auf dem Portal "Manabalss" ("Meine Stimme") wurden über 12.000 Stimmen gegen die Jagd auf den Luchs abgegeben. Einer der Initiatoren ist Jānis Vinters. "Luchsjagd ist nutzlos, ungerechtfertigt, und dient nur einer kleinen Interessengruppe, die zudem einen Jagdkonkurrenten loswerden wollen", meint er. (pietiek) Schätzungen gingen davon aus, dass gegenwärtig in Lettland etwa 1400 Luchse leben - aber Vinters hält diese Zahlen für weit übertrieben: "Es gibt auch gar keine effektive Kontrollinstanz für die Jäger und den Jagdverband" meint er und fügt hinzu: "In Lettland war es sogar erlaubt, Luchsweibchen mit Jungen zu töten".

Von nun an gibt es nur noch in zwei von 23 EU-Mitgliedsstaaten Luchsjagd: in Schweden und Finnland.

10. April 2022

Fliehendes Russland

In Lettland wollten vor einigen Wochen die Nationalkonservativen (NA) im lettischen Parlament allen russischen Staatsbürger/innen die Aufenthaltsgenehmigungen entziehen; der Gesetzesvorschlag wurde schließlich zurückgezogen. Weiterhin gefordert wird es aber für diejenigen, die sich durch Verherrlichung des russischen Angriffskriegs in der Ukraine hervortun. Manche lettische Medien machen sich nun auf die Suche: wie äußern sich denn Russinnen und Russen, die in Lettland leben? 

Journalismus ist jetzt illegal

Da ist zum Beispiel Oļesja Šmaguna, die im Rahmen der "Panama-Papers" auch an Untersuchungen von Putins Finanzgeschäften beteiligt war - sie wird in ihrer Heimat Russland inzwischen als "ausländische Agentin" bezeichnet. Der Vater stammt aus der Ukraine, momentan hat sie nur eine kurzfristige Aufenthaltsgenehmigung in Lettland. Im Sommer 21 sei sie zuletzt in Moskau zu einem Besuch der Familie gewesen, meint sie, und vermutlich sei sie nur knapp einer Verhaftung durch den KGB entkommen (IR). "Eigentlich wollte ich nach Russland zurückgehen und über all diese Dinge berichten," meint sie, "aber als ich sah, dass in Russland alle Medien, sogar die sozialen Netzwerke verboten wurden musste ich einsehen, dass dies im Moment unmöglich sein wird. Journalistische Arbeit ist in Russland jetzt offiziell illegal." Gefragt, ob sie es nicht für möglich halte, auch innerhalb Russlands Widerstand zu leisten, sagt sie: "Ja, wir könnten natürlich uns im Namen einer Idee zu Helfen machen - und hinter Gittern landen. Journalisten sind ja auch nur Menschen - und wir haben Kinder." 

Aber ein wenig Befriedigung schöpft Šmaguna daraus, dass die Sanktionen gegen Russland auch einige von denen getroffen haben, die auch schon bei ihren Ermittlung zu den "Panama-Papers" eine Rolle spielten. Der Cellist Sergejs Roldugins zum Beispiel, ein enger Freund Putins, an Geldwäsche beteiligt (Süddeutsche / Deutschlandfunk). "Heute fühlen sich viele Russen psychologisch ähnlich wie die Bürger damals in Nazi-Deutschland", meint die Journalistin unter Hinweis auf den eigenen Freundeskreis. "Die Deutschen haben es geschafft, diese Schuld an den Verbrechen im Zweiten Weltkrieg anzuerkennen und  zu verarbeiten, und durch Demut zu einer angesehenen Nation zu werden. Auch Russland wird etwas ähnliches lernen müssen.“ (IR)

Strafe für Protest gegen Krieg

Produzentin, Regisseurin und Kulturjournalistin Jevgēnija Šermeņeva zog vor 5 Jahren nach Lettland, als sie wegen inkorrekter politischer Ansichten aus ihrem Job im Kulturministerium entlassen wurde; inzwischen sei die ehemalige Moskauerin, so ein Bericht bei "lsm", für die lettische Theaterszene bereits "unverzichtbar". Sie arbeitete auch schon mit estnischen und litauischen Theatern zusammen und erhielt jetzt eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis in Lettland. "Die Kluft zwischen Menschen in der Ukraine und in Russland wird immer größer", sagte sie kürzlich, "weil die russische Regierung die Spaltung immer weiter treibt. Das, was jetzt in der Ukraine vorgeht, ist ein unverzeihliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und das in einem Land, in dem ich geboren bin und sehr oft gehört habe: vor allem den Frieden wollen wir erhalten. Und genauso unglaublich ist es, wenn Menschen, die mit dem Slogan 'Stoppt den Krieg' demonstrieren gehen, im Gefängnis landen." (lsm) Šermeņeva selbst geriet auch wegen ihres Engagements für die "Open-Society-Stiftung" von Mihail Chodorkowsky ins Visier der russischen Behörden. (Deutschlandfunk)
"Es fällt mir im Moment schwer," sagt sie, "über irgendwelche Probleme der russischen Intelligenz zu sprechen, wenn in der Ukraine Menschen in Kellern unter zerstörten Städten leben - ohne Heizung, Nahrung, Medizin und sogar Trinkwasser." (IR)

"Staatsfeinde" im Visier

Die russische Schauspielerin Čulpana Hamatova (Tschulpan Nailjewna Chamatowa) und der Theaterkritiker Anton Dolin befinden sich in Riga, nachdem Unbekannte in Russland ein "Z" an ihre Wohungen gemalt hatten, um sie als "Staatsfeinde" zu kennzeichnen. (Satori / Spiegel)

Emīls Sjundjukovs ist IT-Spezialist und lehrt an der Universität Lettlands in Riga, er lebt mit seinen Eltern seit 2003 in Riga und hat hier auch Schule und Universität absolviert. Seinen Worten zufolge würde er gern die lettische Staatsbürgerschaft beantragen, wagt aber gegenwärtig nicht die Botschaft Russlands in Riga zu betreten, um dort seinen Verzicht auf die russische Staatsbürgerschaft dokumentieren zu lassen. Er war auch Teilnehmer der großen Demonstration zur Unterstützung der Ukraine am 5.März. (IR)

"All die kreative Intelligenz, die Wissenschaftler, IT-Experten und normal denkenden Unternehmer, das ist ein größerer langfristiger Verlust für das Land als alle westlichen Sanktionen zusammengenommen!" so Jevgēnija Šermeņeva (IR). "Covid war die Generalprobe für eine vollständige Abschottung und Isolierung des Landes. Schon die russischen Impfausweise werden ja international nicht anerkannt. Zur Flucht bleiben dann nur Länder ohne Visumspflicht, wie Thailand, Ägypten, die Türkei, oder Georgien. Aber dorthin müssen Flüchtende dann ohne Geldmittel reisen, denn ihre Kreditkarten können sie nicht mehr benutzen."

Auf Seiten der Politik sehen sich die lettischen Nationalkonservativen im Aufwind: "Die Wahrheit lag auf unserer Seite", meint NA-Abgeordneter Jānis Domburs. "Sie haben uns immer als 'Russophobe' oder 'Faschisten' bezeichnet. Russland werde weder in Lettland noch in einem anderen europäischen Land einmarschieren, wurde gesagt. Doch nun erweist sich, dass ein von Putin regiertes Russland eine Bedrohung für jeden souveränen Staat ist!"

Russisches Selbstverständnis, russische Spaltung

Foto: Mārtiņš Ziders / „Rīgas Vilņi"
Vor einigen Tagen wurde nun ein offener Brief bekannt, der offenbar von Russ/innen an Russ/innen geschrieben wurde. "Wir verurteilen den verbrecherischen Krieg gegen die Ukraine", heißt es darin, und auch: "Der Krieg Russlands in der Ukraine hat verändert, was es bedeutet zu dieser russischen Kultur zu gehören. ... Wir können im Moment nicht ignorieren, dass die russische Regierung die Symbolik des Zweiten Weltkriegs nutzt, um einen neuen Krieg zu schüren. ... Es erschreckt uns, das in russischer Sprache Befehle gegeben werden zum Töten, Vergewaltigen und Foltern." (delfi / jauns / lsm ) Ein ähnlicher Brief war auch schon am 25.Februar veröffentlicht worden (satori).

Lettische Medien interpretieren das vor allem als Aufruf, den 9.Mai dieses Jahr nicht als "Siegestag" zu begehen. Manche sagen aber auch: in der russischsprachigen Presse Lettlands habe man solcherlei Aufrufe bisher leider noch nicht lesen können ...

Das lettische Parlament (Saeima) hatte am 7. April beschlossen, den diesjährigen 9.Mai zum Gedenktag an die Opfer der Ukraine zu erklären. An diesem Tag soll die lettische Flagge auf Halbmast gesetzt, aber keinerlei öffentliche Großveranstaltungen organisiert werden. Gegenvorschläge, man könne ja auch den 24. Februar zu einem solchen Gedenktag erklären, lehnte die Parlamentsmehrheit mit 76 gegen 1 Stimme ab. 

Wie werden sich diejenigen Russinnen und Russen verhalten, die schon heute klar ablehnen, die russische Agression in der Ukraine zu verurteilen? Die Zeitung "Neatkarīga" hat sich die Verlautberungen der Pro-Putin-Partei "Latvija Krievu Savieniba" (LKS) angeschaut, und zitiert deren Co-Vorsitzenden Miroslavs Mitrofanovs mit den Worten: "An diesem Tag werden viele Menschen unterwegs sein, aber nicht organisiert. Es wird keine Reden oder Veranstaltungen geben. Wir sind im Gespräch mit der Polizei, um zu erreichen das jeder an diesem Tag am Denkmal Blumen niederlegen kann." Dem entgegen stünden allerdings Informationen, die von der Partei an Unterstützer/innen im Internet verbreitet würden, so meint die Zeitung; sicher scheint schon der Auftritt des sogenannten „Unsterblichen Regiments" - also Russlands Darstellung als "Befreiernation", und vorneweg oft die LKS-Politiker/innen. 

Anfang März hatte die Agentur SKDS die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht. Demnach unterstützen 90% der Befragten die Ukraine - bei denjenigen, die Lettisch in der Familie sprechen (davon sind nur 1% pro Russland). Bei den russischsprachigen Familien dagegen sieht es anders aus: dort unterstützen 21% Russland, 22% die Ukraine; der Rest antwortet "schwer zu sagen" oder "keine Seite von beiden". Werden alle Befragten zusammengenommen, dann unterstützten 8,2% die Sichtweise des Kreml, 65,4% die Ukraine.

3. April 2022

Petri's Zukunft

In dritter Lesung hat das lettische Parlament (Saeima) jetzt ein Gesetz zur St.-Petri-Kirche in Riga verabschiedet. Dem zufolge kann die Kirche nun von einer Stiftung oder einem Trägerverein übernommen werden, gebildet von der Deutschen St.Petri-Gemeinde der Ev-Luth-Kirche in Lettland, der Lettische Evangelisch-Lutherische Kirche (Latvijas evaņģēliski luteriskās Baznīca LELB), unter Beteiligung der Stadt Riga und der Katholischen Kirche Lettlands ("Rīgas Svēta Pētera Baznīcas Nodibinājums"). Damit besteht die Hoffnung auf ein Ende dessen, was Architekt Pēteris Blūms auch schon mal einen "schon Jahre andauernden Krieg um die Kirche" nannte (IR). Es war sogar schon einmal die Frage aufgeworfen worden, ob in dieser Frage eine Volksabstimmung abgehalten werden müsse (delfi). Und Ex-Volksfront-Leitfigur Dainis Ivāns hatte eine "Zerstörung die Petrikirche als kreative, offene und freie Kulturkirche" befürchtet (labdien / delfi).

Millionen aus Berlin

"Im Herbst 2020 gab es einen Beschluss des Deutschen Bundestags zur Petri-Kirche. Demnach wird das Projekt mit 33,58 Millonen Eurio unterstützt, und wir denken, dass diese Summe ausreichend sein wird" sagt Stefan Meissner, Beauftragter der evangelischen Synodalkommission für die Angelegenheiten der St. Petrikirche, in einem Interview für die lettische "Neatkarīga". "Aber die Petrikirche wird auch in neuer Eigentümerschaft keine geschlossene Einrichtung sein", bekräftigt Meissner. "Neben der Funktion als sakrales Gebäude wird auch die Rekonstruktion einer großen Barockorgel vorangetrieben. Und für Rigas Gäste bleibt die Funktion als touristisches Objekt erhalten." 

Vieles wartet bei der Kirche gegenwärtig auf Erledigung: Das Brandschutzsystem funktioniert nicht, der Turmaufzug befindet sich im Notzustand, es gibt kein Entwässerungssystem rund um die Kirche, und das Wetter hat erhebliche Schäden an den Fenstern und anderen baulichen Details verursacht.

Bürgerkirche, Kulturkirche, deutsche Kirche?

Nachdem die Kirche, deren Existenz schon 1209 in den Chroniken nachzuweisen ist, am 29. Juni 1941 während des Kriegs durch Beschuß in Brand geraten war (nicht ohne gegenseitige Schuldzuweisungen durch Nazis und Rote Armee) erfolgte der Wiederaufbau des Turms 1968 bis 1973, zu Sowjetzeiten (die Arbeiten an der übrigen Kirche dauerten bis 1984). Der Dachstuhl ist nun aus Eisen gefertigt, und die barocke Turmspitze ähnelt nun z.B. der Hamburger St.Katherinenkirche. Es wurde unter anderem ein elektrischer Aufzug eingebaut, der Besucher/innen zu einer Aussichtsplattform im Turm auf 72m Höhe bringt - eine der touristischen Attraktionen der Stadt. Somit entstand auch das Gefühl vieler Menschen: dieses Gebäude gehört allen Bürger/innen Rigas. Damals war man stolz darauf, die Turmbesichtigung genau am 29. Juni 1973 wieder freigeben zu können. Das Kircheninnere wurde zum Platz für Ausstellungen und Konzerte.

Nicht ganz unwichtig, wenn es um die ev.luth. Kirche
geht: lettisch-deutsche Differenzierungen
(deutsche Sprachfassung)

Geklärt werden musste auch die Behauptung, die deutsche lutherische Kirchengemeinde der Vorkriegszeit habe aufgrund der Umsiedlung der Deutschbalten 1939 (Hitlers "Heim-ins-Reich-Politik") eine Entschädigung für den Verlust der Kirche erhalten. Das sei aber nicht der Fall gewesen, bestätigt auch die lettische Regierung heute. Es habe Vorwürfe gegeben, die Petri-Kirche solle "an die Deutschen verkauft" werden, so die LELB auf ihrer eigenen Webseite. Dem stellen die Kirchenoberen die These entgegen: "die Kirche muss der Kirche gehören" (Baznīcai jāpieder Baznīcai). Man verweist da auch auf eine Stellungnahme der lettischen Kommission für das nationale Kulturerbe. Zitat LELB: "Wir, die heutigen Lutheraner Lettlands, sind die Nachkommen derjenigen Katholiken, die bis zur Reformation 1522 in Riga lebten und während der Reformation ihren Glauben änderten. Wir sind keine Verräter am lettischen Volk, sondern ehrliche Diener der Kirche." 

Abkürzungswirrwarr - lettische Sprachfassung

Stichtage, Zeitenwenden

Allerdings berief sich die Kritik an den kürzlichen Beschlüssen auch darauf, dass für die wichtigsten heutigen Gesetzesregelungen in Lettland sonst immer der 17. Juni 1940, der Tag der Besetzung des Landes durch die sowjetische Rote Armee, das entscheidende Datum war. Alles, was bis dahin in Lettland Bestand hatte, sollte wieder hergestellt werden können, so zum Beispiel auch Erteilung der Staatsbürgerschaft an alle Personen und deren Nachkommen, die zu diesem Datum damals Staatsbürger/innen waren. Zu diesem Datum sei aber die Umsiedlung der Deutschbalten längst abgeschlossen gewesen, die Petrikirche also in Verwaltung durch den lettischen Staat bzw. die lettische Kirche gewesen. Für eine "Rückgabe" an eine deutsche Kirchengemeinde bestehe also keinerlei rechtliche Grundlage. Zumal diese erst 2001 neu gegründete "deutsche St.Petri-Kirchengemeinde", die jetzt Haupt-Vertragspartner werden soll  (und sich 2018 umbenannte in "Vācu Svētā Pētera draudze"), nur sehr wenige Mitglieder hat. Dennoch soll, den Worten von Stefan Meissner zufolge, im Trägerverein (lett. "nodibinājums", eine Art Stiftung) diese deutsche Gemeinde die Mehrzahl der Mitglieder stellen (die Lettische Ev.Luth.-Kirche die Minderheit) (NRA). Für eine solche Variante habe sich auch schon Staatspräsident Raimonda Vējonis gegenüber Kanzlerin Merkel eingesetzt, so Meissner. Es gab Kritik von lettischer Seite, die behauptete, somit könne "ein Ausländer" (nämlich Meissner) faktisch allein das Schicksal der Kirche bestimmen (Labdien).

Eigentum verpflichtet

Der lettische Gesetzgeber hat jetzt also entschieden. Die künftig Verantwortlichen warten derzeit schon ungeduldig auf das Inkrafttreten des frisch beschlossenen Gesetzes. Das wird nach Ablauf einer dreimonatige Frist zum 1. Juli der Fall sein, bis dahin muss die Stadt Riga alle administrativen und rechtlichen Details regeln und die Änderungen im Grundbuch vornehmen. Erst am 26. März hätten stürmische Winde beinahe einen Teil des Kirchendachs weggerissen, erläutert Kaspars Upītis, Pressesprecher der LELB (NRA). Auch sind einige Einzelheiten zum geplanten Trägerverein (Stiftung), welche die Petrikirche verwalten soll, noch zu klären - dort soll die lettische ev.luth. Kirche, die deutsche Petri-Gemeinde, die Stadtverwaltung Riga und auch die Katholische Kirche ein Wort mitzureden haben.

Vorgesehen ist außerdem, dass die Kirche sich zusammen mit der Stadt Riga in Zukunft jährlich auf einen Veranstaltungsplan für die Petrikirche einigen soll. Für wichtige Ereignisse soll die Stadt die Kirchenräume kostenfrei nutzen können dürfen.

31. März 2022

Ausblick auf den Mai

Putins Angriffskrieg in der Ukraine geht vorerst weiter, Lettland ist weiter in Unruhe. Themen der öffentlichen Diskussion sind schon jetzt die anstehenden "Maifeiern": der 4. Mai wird als Tag der Wiederherstellung der Unabhängigkeit im Jahr 1990 gefeiert, und am 9.Mai bemüht sich das öffentliche Riga jedes Jahr, den Europatag zu begehen. Das gewohnte Bild war aber bisher immer, dass Zehntausende zum sogenannten "Uzvaras piemineklis" ziehen und dort dem Sieg im Großen Vaterländischen Krieg gedenken. Sowjetisch-Russischer Veteranentag also. 

Blumen in Gedenken an den
Großen Vaterländischen Krieg - in
diesem Jahr unangemessen?

"In diesem Jahr kann keine Rede davon sein am 9.Mai irgend etwas zu feiern", meint sogar Rigas Ex-Bürgermeister Nils Ušakovs (LA), der auf dem Ticket der als russlandfreundlich geltenden Partei "Saskana" 10 Jahre lang Bürgermeister von Riga war. Statt dessen sei es eher angebracht, Kerzen in die Fenster zu stellen und der Toten zu gedenken. "Ich rufe aber dazu auf, das Niederlegen von Blumen an diesem Tage zu erlauben." Im Jahr 2014 klangen seine Äusserungen noch ganz anders, als er Putin "als das beste was wir haben können" bezeichnete, mit der Begründung, ohne Putin würde es keine Stabillität in der Region geben (BalticTimes). Auch als "Mini-Putin" war er schon einmal bezeichnet worden (Voxeurop). Bis 2017 hatte seine Partei "Saskaņa" an einer Kooperation mit Putins "Einiges Russland" festgehalten, am 24. Februar 2022 stellte der Parteivorsitzende Jānis Urbanovičs fest: "Die russische Regierung hat sich dafür entschieden, einen Krieg in Europa zu beginnen. Sie setzen ihre Waffen gegen Ihre Brüder und Schwestern in der Ukraine ein."

Einer Meldung des lettischen Fernsehsenders LTV zufolge halten sich gegenwärtig etwa 50.000 Russinnen und Russen mit einer Aufenthaltserlaubnis in Lettland auf. Gründe dafür sind, den Zahlen der zuständigen lettischen Behörde zufolge (Pilsonības un migrācijas lietu pārvalde PMLP), bei rund 10.000 davon Arbeitsplatz, Studium oder auch Familienzusammenführung. 40.000 aber sind russische Staatsbürger/innen. 

Māris Riekstiņš, Botschafter Lettlands in Moskau, äußerte in lettischen Medien (lsm) die Behauptung, es seien bereits Hunderte Russinnen und Russen in Lettland aktuell neu angekommen, die ihr Heimatland auf der Flucht vor den aktuellen Zuständen verlassen. Dies seien Künstler/innen, Journalist/innen, aber auch andere Menschen. Da Lettland normalerweise nicht so einfach Aufenthaltsvisa an russische Staatsbürger/innen gebe (seit Verhängung der Sanktionen gegen Russland nur noch im Rahmen von humanitären Aktivitäten), versuche die Botschaft in Moskau jeden Fall individuell zu beurteilen und zu entscheiden. 

Die Partei der Nationalkonservativen (Nacionālā apvienība „Visu Latvijai!” LA / Nationale Vereinigung "Alles für Lettland"), die an der amtierenden Koalitionsregierung beteiligt ist, hatte Anfang März vorgeschlagen, alle Aufenthaltgenehmigungen für Russ/innen in Lettland für ungültig zu erklären - dies hatten die Koalitonspartner abgelehnt. Statt dessen wird erwogen, Aufenthaltsgenehmigungen dann zu widerrufen, wenn jemand den Krieg gegen die Ukraine verherrliche. Und auch die Erteilung von Aufenthaltsvisa an Investor/innen will Lettland nun beenden (Handelsblatt). Bisher wurden auf Antrag Aufenthalterlaubnisse für fünf Jahre für diejenigen Personen erteilt, die mindestens 250.000 Euro (zumeist in Immobilien) in Lettland investieren (PMLP / BBCRiga).

Die beiden Städte Daugavpils und Rēzekne, im Osten Lettlands gelegen, sehen keinen Grund für den 9.Mai diesen Jahres irgend etwas zu ändern. Allerdings hätten beide Städte auch noch keine Anträge potentieller Veranstalter für diesen Tag erhalten.(lsm) "Wir sind dafür, alles nach geltendem Recht zu behandeln, und sehen keinen Grund für ein eventuelles Verbot", sagt Aleksejs Vasiļjevs, stellvertretender Bürgermeister von Daugavpils, und selbst Mitglied der Partei "Lettlands Russen" (Latvijas Krievu savienība LKS), die mit ihrem einzigen Sitz im Stadtrat der Partei "Saskana" zu einer Mehrheit verholfen hat. Aktuell bemängelt die Opposion, dass vor dem Stadtratsgebäude Daugavpils nicht wie in vielen anderen Städten - auch in Rēzekne - die ukrainische Flagge als Zeichen der Solidarität wehe (LA). Der Slogan der LKS lautet: "Der Tag des Sieges eint die Gesellschaft, er teilt sie nicht". 

In der lettischen Koalitionsregierung herrscht Uneinigkeit im Blick auf potentielle "russische Siegesfeiern" am 9.Mai. Regierungschef Krišjānis Kariņš ("Jaunā Vienotība") kündigte an, es müsse verhindert werden, dass entweder die (sowjetische) Okkupation Lettland noch der Angriffskrieg gegen die Ukraine verherrlicht werde.(lsm) Krišjānis Feldmans dagegen, als Vertreter der "Neuen Konservativen" ebenfalls an der regierenden Koalition beteiligt, erklärte ein Veranstaltungsverbot noch am 25. März als "juristisch schwerig". "An diesem Tag alle Veranstaltungen zu verbieten, geht schon deshalb nicht, weil es ja auch der Europatag ist," meint er.

Eine Entscheidung dazu wurde vom lettischen Parlament dann am 31. März getroffen. Beschlossen wurde nun, dass im Fall von Veranstaltungen ein Abstand von 200m zum "Siegesdenkmal" eingehalten werden muss (LA). Außerdem wurde auch ein Verbot von Symbolen beschlossen, die "militärische Aggression und Kriegsverbrechen" rechtfertigten könnten (wie das "Z-Zeichen"). Kritiker wenden ein, dass es für die Sicherheitspolizei schwierig werden könnte, Tausende Menschen, die am 9.Mai - aus welchem Grund auch immer - zum Uzvaras parks kommen, genau 200m vor dem Denkmal zurückhalten zu wollen.

Über die Zukunft des Denkmals im "Uzvaras parks" (Siegespark) diskutierte am 30. März auch der auswärtige Ausschuß des lettischen Parlaments. Dabei wurde verdeutlicht, dass keine Pläne bestehen, das Denkmal abzureißen oder zu demontieren - schon deshalb nicht, da Lettland im Einklang mit dem Abzug russischer Truppen 1994 diesbezügliche Vereinbarungen mit der russischen Seite unterschrieben habe. Rihards Kols, stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses und ebenfalls der rechtskonservativen Partei der "Nationalen Vereinigung" (LA) angehörig, schloss aber eine Umbenennung des Denkmals nicht aus. 1997 hatte es schon mal einen Sprengstoffanschlag auf das Denkmal gegeben. Im Jahr 2019 hatte es einen Initiativantrag mit 10.822 Unterschriften für den Abriss des Denkmals gegeben (delfi).

Auf dem Portal "Manabalss" ("Meine Stimme") werden momentan Unterschriften gesammelt für einen ganz anderen Vorschlag, was bis zum 9.Mai zu tun sei: es solle eine Ausstellung mit Fotos zusammengestellt werden, die Kriegsverbrechen von Putins Angriffskrieg dokumentieren. Bisher gibt es dort 5700 unterstützende Unterschriften.

15. März 2022

Schule gerockt

Wie bilden sich eigentlich die Musikbands in Lettland? Indem sie vorher eine Rock-Schule absolvieren - so könnten wir denken. Und das hat weder mit Volkstrachten, noch mit irgendwelchen Felsen zu tun. Eher mit Musik.
Aktuell sind es Gitarrist Krišjānis Ozols und Schlagzeuger Toms Kagainis, die in diesem Frühjahr im Rampenlicht stehen: die zwei sind Mitglieder der Band "Citi zēni" (könnte übersetzt werden mit "Andere Jungs"), die Gewinner des lettischen Vorentscheids und Teilnehmer beim Finale der Eurovison 2022 in Turin. 

Rock fürs Selbstbewußtsein

Beide haben im lettischen Jelgava die BJMK besucht. Eine Einrichtung, die aus zwei Teilen besteht: einerseits der Verein “Bērnu un jauniešu mūzikas klubs” (Musikklub für Kinder und Jugendliche), der Übungsräume für Bands bereithält und Veranstaltungen organisiert. Andererseits ist es die privat betriebene "BJMK Rockschule", die ein über 5 Jahre dauerndes Ausbildungsprogramm für Bühnenmusiker/innen bietet, bei durchschnittlich 8 Lernstunden pro Woche. Seit 2008 arbeitet die Schule, gegründet von Profi-Gitarrist Endijs Rožkalns, erfolgreich - und vielleicht sind ja schon jetzt Toms und Krišjānis die erfolgreichsten Absolventen.

Gerade das Konzept "Rockschule" scheint aber keine lettische Erfindung zu sein, wie der Blick nach Deutschland zeigt. Ähnliches findet sich mit der Rockschule Russee in Kiel, die PopRockschule in Lübeck, eine Rockschule Melle Beats in Mannheim, die Jazz&Rock Schule Konstanz, die Rockschule Dumont in Rastede, die PopRockschule in Weiden in der Oberpfalz - und "LerntoRock" unterhält gleich sechs Schulen: neben vier in Deutschland auch zwei in Österreich. Die "typisch lettische" Komponente ist in Jelgava vielleicht der "BJMK-Chor", der sicher nicht nur Rock im Repertoire hat - auch Gründer Rožkalns verfügt über Chorleiterausbildung.

Die Auftritte von "Citi zēni" wirken also nicht ganz grundlos ein wenig wie eine älter gewordene Schülerrockband, deren Mitgliedern wir auch ein Engagement bei "Fridays for future" ohne weiteres zutrauen. Jetzt, wo zumindest die lettlandweite Aufmerksamkeit größer ist, wird eifrig an einer "Bandlegende" geschrieben, der zufolge die Anfänge bei der Schülerband "The Citizens" gelegen haben sollen. In deren Videos stolperten noch wie zum Konfirmationsunterricht adrett gekleidete Jugendliche durch selbst gedrehte Filmchen - da weht durch "Citi Zēni" zumindest ein neuer Style (siehe "escunited").

Sich rechtzeitig neu erfinden

Und das nicht nur, weil früher offenbar noch eine Sängerin dabei war. Ausgerechnet während der schwierigen Corona-Einschränkungen erfand die Band sich noch einmal neu. Die Debutsingle hieß “Suņi iziet ielās” (Hunde gehen auf die Straße). Nun also "Eat your salad" - das klingt nach moralischen Ermahnungen zu ökologisch bewußtem Leben, und das ist es auch beinahe. In der lettischen Presse lassen sich die Jungs nun so zitieren: "Wir sind bereit, die Welt zu nerven" (Apollo). Eigenes Motto: "dzīvot zaļi ir seksīgi" ("Grün leben ist sexy").

In der Presse und im Internet, auch In den sozialen Medien sind sehr unterschiedliche Dinge zu lesen. Einerseits geben die Jungs offen zu, das zu singen, "was die Leute hören wollen". (Jauns), inzwischen nun eher gestylt wie frühlingsbunte Happy-Rapper. Andererseits wird offen mit zweideutigen Eindeutigkeiten im Text jongliert - und "Citi Zēni" bestehen hier auch keine Sekunde lang darauf, auch nur eine Zeile in Lettisch singen zu wollen. Fans des oberflächlichen "Ich will Spaß, ich geb Gas" werden spätestens nach wiederholtem Anhören irritiert mit Zeilen wie diesen: "Eat your salad, save the planet, being green is sexy as fuck" oder "I eat only veggies and pussy".

Vegan-Hymne für Lettland?

"Let's go organic" - das frisch-fröhliche Auftreten dieser scheinbaren Spaßmacher-Jungs ist kühl kalkuliert. Stolz erzählen sie in Interviews, dass ihr Liedtext im Internet schon als Thema für mögliche ESC-Zensur gehandelt wird - und, geteilt und weitergeleitet, zehntausendfach die Runde macht. Auf "TikTok" soll der Song sogar schon ein Millionenpublikum erreicht haben. "Genau das war unser Ziel", meint Bandmitglied und Textautor Jānis Pētersons (Jauns)."Es ist doch cool zu versuchen Grenzen zu überschreiten, und zu sehen, was dahinter liegt." 

Nun, wir ahnen zumindest, warum bei "Citi zēni" keine Frauen mehr mitmachen. Die zweideutigen Texte würden Zuhörer wie Zuhörerinnen nicht gleichgültig lassen, so sagen es die singenden (Schul-)Jungs - nicht ohne zu behaupten, nur so zu einem umweltschonenderen Verhalten anregen zu können. Ob denn alle Bandmitglieder vegan leben, traut sich ein Journalist zu fragen (Jauns). Die Antwort: "Manche von uns essen seit mehreren Jahren kein Fleisch mehr, manche seit einigen Monaten, manche teilweise doch." Oder, wie Bandmitglied Roberts es ausdrückt: "Wir sind zwei Meter große Jungs, die manchmal nach Fleisch verlangen, sich aber bemühen vegetarisch zu essen." (apollo) Aha. In dieser Hinsicht eben doch sehr normal. Das irgend jemand nach Anhören des Liedes irgend etwas plötzlich anders macht - das wollen die Jungs denn doch lieber nicht verursacht haben. Aber Greta Thunberg herself sei schon eine ihrer 9.000 Follower auf Instagram (apollo). Na dann: auf nach Turin!

9. März 2022

... sonst verlieren wir alles, was wir bisher erreicht haben

Es bewegt Lettland bis ins tiefste Innere. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat vielleicht sogar mehr als eine "Zeitenwende" erzeugt - denn eine "Wende" würde ja immer bedeuten, sich schon für eine neue Richtung entschieden zu haben. Soweit ist Lettland aber wohl noch nicht - und das restliche Europa wohl auch noch nicht. "Widerstand gegen Putin" und seinen brutalen Krieg ist das eine - aber auf welcher Grundlage können neue Ziele definiert werden? Kann dieser Krieg überhaupt noch gestoppt werden? Und wird es mit Putins Traum einer "Unterwerfung der Ukraine" enden, oder was werden die neuen Realitäten danach sein? Russland gegen die NATO, und Lettland direkt im Aufmarschgebiet an den Schützengräben? 

Wir versuchen ein paar Puzzleteile der Stimmungslage einzusammeln. 

Auch aus der Ferne, zum Beispiel durch das von ARTE übertragende Solidaritätskonzert für die Ukraine, wurde deutlich, wie durch und durch lettisch sich diese Ukraine-Solidaritätsbewegung anfühlte. Es wurden, bis auf die ukainische Nationalhymne, ausnahmslos lettische Lieder gesungen. Die Menschen fühlen sich also "mitgemeint" von Putins Aggression. Da fühlt es sich sicher wie ein Triumph an, gerade am Kongreßhaus in Riga zu demonstrieren - in Sichtweite der Botschaft Russlands auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ähnlich wie die litauischen Kolleg/innen in Vilnius hat sich die Stadtverwaltung noch einen besonderen Coup ausgedacht: das Straßenstück an dem die russische Botschaft liegt, bisher "Antonijas iela", heißt seit dem 4. März nun "Ukrainas neatkarības iela" ("Straße der Unabhängigkeit der Ukraine"). (LA)

Dainis Īvāns, eine der Leitungsfiguren der Lettischen Unabhängigkeitsbewegung der 1980iger, bezeichnete den ukrainischen Präsidenten Selenskyj als "Anführer des Widerstands der ganzen freien Welt". "Sie haben uns damals ganz genauso beschmipft, als Faschisten, Russophobe, Nazis", meint Īvans. (lsm)

Kulturwissenschaftler Deniss Hanovs sieht andere Leitbilder: "So wie in der Ukraine ein jüdischer Präsident jetzt verschiedene Gruppen und Religionen vereint, das brauchen wir auch hier in Lettland schon lange - einen starken politischen Willen um gemeinsam eine Nation zu bilden." Und er sagt auch: "Für viele Russen in der ganzen Welt ist es sehr schwer zu verstehen, dass nun das Böse und die Diktatur Russisch spricht." 

In der "Latvijas Avize" war eine Äußerung des italienischen Ex-Regierungschefs Matteo Renzi zu lesen, der sich für Angela Merkel als Vermittlerin im Ukraine-Krieg aussprach. "Sie ist die Einzige, der sowohl in Moskau wie in Washington zugehört wird". 

Auch die lettische Post stellt sich auf das Thema ein und gibt am 10.März Sondermarken heraus, entworfen vom Designer Ģirts Grīva. 50% der Einnahmen daraus sollen für die Unterstützung der Ukraine gespendet werden. 

Es gibt natürlich auch Spendenmöglichkeiten. Eines der bekanntesten Konten ist wahrscheinlich das von "ziedot.lv". Die dortigen Spenden sollen in Form von "Treibstoff und Erste-Hlfe-Gütern" in Richtung Ukraine gehen. Vom lettischen Verteidigungsministerium werden aber auch andere Hilfsmöglichkeiten angeboten. Neben der Option für Geldspenden zugunsten der ukrainischen Armee über ein Konto der Ukrainischen Nationalbank zählt dazu auch die Möglichkeit für lettische Staatsbürger/innen, sich zum Wehrdienst in der Auslandslegion der ukrainischen Armee anzuschließen (per Gesetz hatte das lettische Parlament den Weg dafür frei gemacht). Die Zeitschrift "Sargs" ("Wächter") publiziert auch die finanzielle Seite solcher Möglichkeiten: 1700 Dollar pro Monat. Inzwischen soll mit Juris Jurašs sogar schon ein Mitglied des lettischen Parlaments genau diesen Schritt vollzogen haben (während ukrainische Seite allerdings nur bestätigt, Jurašs befinde sich als "Sicherheitsberater" im Lande) (lsm).

wilde Entschlossenheit, oder pure Verzeiflung?
Telefonaktion in Lettland und Litauen: ruf jemand
in Russland an und erzähle, was in der
Ukraine passiert ... (siehe "Call Russia")

Aber natürlich gibt es auch Initiativen, um Flüchtlingen aus der Ukraine weiterzuhelfen. So wie "Gribu palīdzēt bēgļiem" ("Ich will Flüchtlingen helfen" / GPB), die schon seit Jahren für Geflüchtete eintritt, egal aus welchen Ländern sie kommen. 

Māris Verpakovskis, Ex-Fußballnationalspieler Lettlands, der in seiner Karriere auch vier Jahre bei Dynamo Kiew spielte, warnt währenddessen davor gegenseitig Hass in der Bevölkerung Lettlands zu schüren. Verpakovskis, der heute als Generaldirektor beim aktuellen lettischen Meister RFS Riga tätig ist, sprach sich gegen pauschale Schuldzuweisungen gegenüber allen Russen aus - und sieht dabei Sportlerkollegen wie Tennisspieler Ernests Gulbis und Fünfkämpfer Deniss Čerkovskis an seiner Seite. 

Derweil sticht auch Tatjana Ždanoka mal wieder heraus, selbsternannte Verteidigerin der russischen Interessen in Lettland, ehemalige Führungsfigur der lettischen "Interfront", die bis 1990 noch aktiv die heraufziehende Unabhängigkeit Lettlands bekämpfte. Heute ist sie Vorsitzende der Partei "Latvijas Krievu Savienība" (Vereinigung der Russen Lettlands LKS) und immer noch Mitglied im Europaparlament. Dort befürworteten am 1. März 637 Abgeordnete eine Resolution, die aufgrund des russischen Angriffskriegs härtere Sanktionen forderte - es gab 13 Gegenstimmen, eine davon von Ždanoka. (lsm) 2014 hatte sie noch Kundgebungen in Riga organisiert, auf denen die russische Besetzung der Krim als gerechtfertigt bezeichnet wurde - so wird sie, und eine Handvoll Funktionäre. die ebenfalls im "russischen Interesse" zu handeln vorgeben, zu Belastung für ebendiese. 

Auf der Webseite der LKS sind - wie zu erwarten war - keinerlei Aufrufe zur Unterstützung der Ukraine zu finden. Dort findet sich ein Aufruf "in dieser angespannten Situation" keine Denkmäler zu beschädigen, die an den "Großen Vaterländischen Krieg" erinnern. Denkmäler seien "keine Instrumente um seine Gefühle auszuschütten", sondern eine Erinnerung daran, dass "wir Schulter an Schulter gegen die Nazis gekämpft haben, Russen, Ukrainer, Letten und viele andere". Tja, da liegen Rückfragen nahe, und werden in Lettland wohl häufig gestellt - aber wahrnehmen und gelten lassen will sie bei diesen Gruppen offenbar niemand: ... warum lässt Putin dann, teilweise unter dem verlogenen Vorwand, nun wieder gegen Nazis zu kämpfen, das Nachbarland Ukraine brutal mit Gewalt überfallen? Wer beschmutzt hier welches Andenken? 

In welchem Zustand wird Lettland sein, wenn die militärische Gewalt in der Ukraine, wenn Putins Krieg ein Ende hat? 

13. Februar 2022

Der Chefkoch tritt ab

Auch wenn in deutschsprachigen Fernsehsendungen die Leckereien auf dem Rigaer Großmarkt vorgestellt werden sollten, trat er schon mal in Aktion; für Lettinnen und Letten war er die Verkörperung guten Essens, und auch bei der lettischen "Slow-Food"-Bewegung war er einer der Mitbegründer: Mārtiņš Rītiņš.

Aufgewachsen in einer exillettischen Familie, machte er 1971 seinen Abschluss an der Westminster Technical School in London und arbeitete dann bis Anfang der 1990er Jahre für verschiedene Catering-Unternehmen der Hotelkette Grand Metropolitan Hotels. Von 1984 bis 1992 war er Inhaber von Martins Catering Ltd in Toronto.

1993 kam Rītiņš nach Lettland, eröffnete das für seine Zeit legendäre Restaurant "Vincents" nahe der Altstadt, das er bis 2017 führte. Ab 1995 war er dann mit "Kas var būt labāks par šo?" ("Was kann besser als das hier sein) auch im Fernsehen zu sehen. Mit dem Motto "Jedes Mārtiņš-Rezept ist eine Hymne der Freude" - reiste er um die Welt und ermunterte seine lettischen Landleute auch mal neue Geschmacksrichtungen zu probieren. "Ich lade euch ein nicht nur zu essen, sondern zu genießen!" war einer seiner bekannten Sprüche. Seit 2018 lief auch bei LNT ""Tuč, tuč Rītiņš" (Jauns.lv) Und als Lettland sich 2015 auf der Grünen Woche präsentierte war auch Lettlands Chefkoch natürlich dabei (Gourmetwelten).

"Als ich 1993 in Riga ankam", erzählte er einmal in einem Interview, "da aßen alle nur regionale Produkte. Aber als dann die Supermärkte eröffneten, da rannten plötzlich alle um die Produkte aus dem Westen zu kaufen." (LA) Aber er erzählt auch von einer anderen Art "Kulturschock": überrascht von der in Lettland damals herrschenden Arbeitsauffassung habe er zunächst mal eine Kochschule gründen wollen (baltictravelnews). 

Rītiņš besuchte Wochenmärkte, lernte kleine Bauernhöfe und Erzeuger verschiedener lokaler Spezialitäten kennen. Immer auf der Suche nach "dem besten Produkt" - weder bei lettischer Butter noch bei Kartoffeln aus Lettland sei es ihm gelungen die Sorte zu finden, die er suche. Allerdings seien andererseits auch Neunaugen in Lettland unübertrefflich, ebenso wie das Fleisch von Wildschweinen. Lettland habe auch fantastisch gute Erdbeeren anzubieten, schwärmte Rītiņš, und natürlich Roggenbrot.

Boris Jelzin, George Bush oder auch Königin Elisabeth hat er bekocht - aber wenn er es für nötig hielt melkte er die Kuh auch schon mal selbst. Rītiņš war keinerlei Geschmacksexperimenten abgeneigt, er kreierte eigenes Heringseis und diskutierte mit lettischen Jägern mögliche Zubereitungsarten eines Biberschwanzes (Diena). Zur Entspannung betrieb er Ajurveda, Nordic Walking, Rudern, oder ging öfters mal mit seinen beiden Hunden spazieren.

Erst vor wenigen Wochen war ein Buch über Mārtiņš Rītiņš erschienen - wer also noch nicht alle Fragen über dessen Leben beantwortet hat, wird hier vielleicht geeignete Lektüre finden (zvaigzne). Rītiņš bekennt sich darin sowohl zu seiner Homosexualität, wie auch dazu, einige Jahre alkoholabhängig gewesen zu sein. (LA / Jauns). Mārtiņš Rītiņš starb am 11. Februar 2022 an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung (tvnet).

23. Januar 2022

Mehr Kratzer für die Skyline

So sieht der Siegerentwurf für "Krasta City" aus
Nein, es ist nicht als Reminiszenz an Lettlands ehemaligen Kurzzeit-Regierungschef und ehemaligen EU-Abgeordneten Guntars Krasts gedacht - denn so viele Ruhmestaten werden gerade ihm ja nicht nachgesagt, als dass irgend etwas nach ihm benannt werden könnte. Wenn jetzt von "Krasta City" die Rede ist, dann ist auch kein beliebiger Ort an Lettlands Küstenlinie gemeint (krasts = Küste).

Über 307 km2 erstreckt sich die Stadt Riga, davon nimmt 4,38 km2 die Altstadt ein. (die Partnerstadt Bremen hat mit 318 km2 eine fast gleichgroße Fläche - allerdings nur 1,18 km2 Altstadt). Trotz der allgemeinen Tendenz der Abwanderung vieler Arbeitssuchender aus Lettland ins europäische Ausland wächst Riga an seinen Grenzen: sehr nachgefragt waren in den vergangenen Jahren Wohnungen in direkter Nachbarschaft der Stadt. Nun versucht die Stadt neue Angebote zu entwickeln: "Krasta City" soll sich einen halben Kilometer an der Daugava-Küste entlang erstrecken, erstellt vom estnischen Immobilienentwickler "Hepsor": auf 100.000 ㎡ Fläche, 10 Jahre Bauzeit, sieben Bauwerke bis zu 15 Stockwerke hoch, Baukosten geschätzt 150 Millionen Euro. Und womit wird für das Projekt geworben? "In fünf Minuten mit Fahrrad oder e-scooter in die Altstadt". (lsm)

Es soll also schon wieder gebaut werden an der
Krasta iela - und alle die dort schon wohnen
brauchen viel Geduld.

Es wird also weiter gebastelt an der Skyline der Stadt zur Daugava hin (auf der Webseite des Lettischen Architektenverbands sind auch die anderen für den Designwettbewerb eingereichten Vorschläge noch zu sehen).
In Aussicht gestellt wird auch eine um 5 km verlängerte Uferpromenade (Baltic Times). Dort ist "socializing" angesagt - nach dem Willen der Stadtplaner. Also: ein schickes Umfeld für Leute, die zu promenieren lieben. Sollte es gelingen, mehr Menschen hier zum Verweilen einzuladen, wird es dann wohl auch zum Anziehungspunkt für Investitionen werden - nicht nur als Location für ein paar Straßencafés und Läden. Auch der Städtetourismus braucht ja ständig neue Routen und Ziele fürs Marketing. Und so nah am Wasser: da liegt auch der Gedanke an Eigentumswohnungen mit eigener Anlegestelle fürs Segelboot nahe. 

Das Daugavaufer sei eines der "ungenutzen Werte der Stadt", sagen die Stadtplaner. "Unausgenutzt" möchte man da vielleicht anworten. Ein anderes Werbewort für das Projekt ist, es solle die "Business-Card der Stadt" werden - ein "Lifestyle-Projekt". Da müssen wir wohl abwarten, ob eine solche Entwicklung eher Menschen anzieht oder abschreckt.

14. Januar 2022

Der Schreiber aus Skrīveri

Am 17. November 1970 starb der lettische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Andrejs Upīts (geb. 1870). In der Brīvības iela 38 in Riga ist eine Wohnung in Gedenken an ihn eingerichtet, und vor dem Kongreßgebäude in Riga steht seine Statue.

In seinem Geburtsort Skrīveri gibt es sowohl eine Andrejs-Upīts-Straße, eine Andrejs-Upīts-Bibliothek, eine Upīts-Mittelschule mit etwa 350 Schülerinnen und Schülern und ein Andrejs-Upīts-Museum. Auch eine besonders mächtige Eiche (dižkoks) nahe des Ortes wird nicht ganz zufällig "großer Andrejs" genannt. Zu besonderen Anlässen werden in Skrīveri regelmäßig Gästegruppen mit den Orten bekannt gemacht, an denen Arbeiten von Andrejs Upīts entstanden sind, und alljährlich im November gibt es die "Andrejs-Tage" zu seinen Ehren.

Aber seit Ende 2021 gibt es Unruhe im 3500-Einwohner-Örtchen Skrīveri. Guntis Libeks, Delegierter der nationalistischen Partei "Alles für Lettland" ("Visu Latvijai"), brachte einen Antrag auf Namensänderung sowohl von Schule, Bibliothek wie Straße ein. Der Name Upīts sei zu stark mit dem früheren Sowjetregime verbunden, so das Argument; ein "nelietis" (Schurke) sei er gewesen, so meint Libeks. - Lettische Medien berichten allerdings von nur geringer Unterstützung für diesen Vorschlag (lsm). Die Gemeinde will nun allerdings Historiker/innen um ein fachliches Urteil bitten.

Nach der lettischen Gemeindereform gehört der Ort Skrīveri jetzt zum Bezirk Aizkraukle. Dort bekam die Partei "Latvijas Attistibai" ("für Lettlands Entwicklung") zuletzt 44,85% der Wählerstimmen und damit 10 der 19 Sitze. Die Vereinigung "Visu Latvijai!" ("Alles für Lettland") bildet mit 20,47% der Stimmen und 4 Sitzen die größte Opositionspartei. Seit 2013 war Andris Zālītis in Skrīveri Ortsvorsteher, nun, nach der Gemeindereform, ist er stellvertretender Bezirksvorsitzender in Aizkraukle. "Bisher wurde Upīts doch eher nach seinen Leistungen als Schriftsteller beurteilt, nicht als Politiker", meint er, und spricht sich gegen Namensänderungen aus. "Sollen wir denn die Denkmäler verbrennen? Diese Art Nationalismus ist doch zu extremistisch!"

Aizkraukle hat allerdings Erfahrung mit Namensänderungen - der Ort hieß zu Sowjetzeiten noch Stučka - benannt nach Pēteris Stučka (1865-1932), der 1917 die lettischen Bolschewiki anführte, für ein Zusammengehen mit der Sowjetunion eintrat und sich 1919 einige Wochen lang Präsident einer von den Bolschewiki ausgerufenen Lettischen Sowjetrepublik nennen ließ. - Auch Andrejs Upīts wurde nach der Februarrevolution 1917 in den Rigaer Arbeiterrat gewählt und beteiligte sich nach kurzer Inhaftierung durch die deutschen Besatzungsbehörden aktiv beim dem Versuch, in Lettland eine Sozialistische Sowjetrepublik zu errichten. Im Mai 1919 ging er als Flüchtling nach Moskau, wurde 1920 nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion nach Lettland zweimal festgenommen, aber von anderen Kulturschaffenden verteidigt. Nach seiner Freilassung lebte er in Riga und Skrīveri. 

1977, zum 100. Geburtstag des Schriftstellers, wurde ein Upītis-Literaturpreis ins Leben gerufen, der auch mit einer Geldprämie verbunden war. Ausgezeichnet wurden u.a. Māris Čaklais, Alberts Bels, Māra Zālīte, Vizma Belševica, Knuts Skujenieks, Pauls Putniņš und Lilija Dzene.

"Hat denn der neue Kreistag Aizkraukle nicht wichtigere Dinge zu erledigen?" fragt sich auch Aldis Rakstiņš, Direktor der Schule, die nach Andrejs Upīts benannt ist. "Ich habe auch erst nachdem ich Bücher von Upīts gelesen hatte gemerkt, wie viel unserer Kulturgeschichte da drinnen steckt." 

"Wir meinen, es sollte vielleicht mal eine Volksbefragung durchgeführt werden", meint Agita Grīnvalde-Iruka, Redakteurin bei der Lokalzeitung "Staburags". "Auf dem Internetportal unserer Zeitung haben wir das schon gemacht, und es haben sich 400 von 600 Teilnehmern dagegen ausgesprochen, irgendwelche Namen zu ändern." (lsm)

13. Dezember 2021

Das Moor, die Schuldigkeit

Torf, für gesunde Ernährung und gesunde Umwelt - so wirbt der lettische Torfverband (Latvijas Kūdras asociācija LKA) heute noch für seine Produkte. Laut einer Informationsbroschüre des Lettischen Naturschutzfonds nahmen 1997 Torfmoore 316 ha oder 4,9% der Landesfläche Lettlands ein ("Dzīvība purvā") - 1980 sollen es noch 9,9% gewesen sein (LVGMC). 1995 hatte Lettland die auf dem Umweltgipfeltreffen von Rio de Janeiro 1992 beschlossene "Klimakonvention" ratifiziert. Bereits 1982 war Teiči, mit fast 20.000 ha Lettlands größtes Hochmoor, unter Naturschutz gestellt worden. 

Nach Angaben des lettischen Zentrums für Umwelt, Geologie und Meteorologie (Latvijas Vides, ģeoloģijas un meteoroloģijas centrs) wurden Ende der 1980er Jahre in Lettland noch mehr als 2,5 Millionen Tonnen pro Jahr an Torf abgebaut. In den 1990er Jahren ging der Abbau allmählich zurück, 1998 waren es noch 209.000 Tonnen. Torf wurde in Lettland vielfach genutzt - unter anderem auch für Torf-Heizkraftwerke (ab 2003 eingestellt). 

Nun gibt es die neue EU Strategie "Green Deal", der zufolge die Verwendung von Torf im Gartenbau bis 2030 oder spätestens bis 2035 auslaufen sollte, wenn alternative Materialien zur Verfügung stehen. Deshalb befindet sich der Torfabbauverband LKA, zusammen mit dem Verband der lettischen Gartenbaubetriebe (biedriba “Latvijas dārznieks”) und dem Wirtschaftsmininsterium Lettlands gegenwärtig in Gesprächen mit der Europäischen Union, welche Auswirkungen die neue EU-Strategie auf Lettland haben könnte (LKA-Bericht). Wird also die Torfproduktion bald von Lettland nach Belarus oder Russland abwandern, wie es die lettische "Dienas bizness" befürchtet?

In einem Informationsblatt der Europäischen Union ist Folgendes zu lesen: "Es wurde festgestellt, dass Ersparnisse in der Größenordnung von 183 kg CO2-eq je Tonne Kompost erzielt werden, wenn Torf durch Kompost ersetzt wird." Und weiterhin auch: "Torf ist ein nicht erneuerbares Material, das aus dem Boden gestochen wird. Dieser Abbau führt zu einem Verlust natürlicher Ökosysteme und dem daraus resultierenden Rückgang der biologischen Vielfalt und der Arten."

Längerfristig geht es also um die Einstellung der Torfnutzung sowohl im Energiesektor, um Rekultivierung degradierter Torfmoore und "Öko-Wirtschaft" auch im Torfsektor. Journalistin Ingūna Mieze berichtete kürzlich für die "Latvijas Avize" aus Irland: Lettland hatte 3600 t Torf dorthin exportiert, nachdem die irische Regierung den einheimischen Torfabbau gestoppt hatte - nun protestierten irische Gartenbaufachleute und Pilzzüchter mit dem Argument, nur frischer Torf sei vollwertig zu gebrauchen, ein Import von Torf sei also inakzeptabel. 

Das deutsche Umweltbundesamt sieht es so: "Es wird ferner angenommen, dass bis 2030 ein Viertel der inländisch produzierten Torfmenge durch Komposte ersetzt werden kann. Bis 2040 wird der Abbau vollständig eingestellt. Entscheidend ist dabei, dass die Substitution der inländischen Torfe nicht durch importierten Torf (z.B. aus dem Baltikum) erfolgt." 

Werbeseite der Firma
"Erden-Lensing", Dorsten

"Es gibt 60 Millionen Gründe, den Gebrauch von Torf auch nach 2030 weiter zu erlauben!", meint dagegen Laima Zvejeniece, Produktionsleiterin bei der lettischen Staatsforsten von "AS Latvijas valsts meži" (LVM). Von den 56 Millionen Jungpflanzen, die LVM jedes Jahr verkaufe, würden 80% zur Wiederaufforstung der Wälder verwendet, zählt sie auf. 94% der in Lettland erzeugten Setzlinge werden in Containerpflanztechnik angebaut - dafür kauft LVM jährlich bis zu 14.000 m3 Torfsubstrat und bis zu 25.000 m3 Mahltorf zu.
20% des in Lettland abgebauten Torfs gehen in den Export - meist im Rahmen langfristiger Lieferverträge nach Skandinavien. All dies sei durch den neuen "Grünen Kurs" der Europäischen Union nun gefährdet. (delfi)

Die EU solle nicht pauschal für ganz Europa urteilen, sondern die Situation in jedem Land einzeln bewerten, meint Zvejeniece. In Lettland beispielsweise sei die Situation im Bereich der Moore um ein Vielfaches besser. "Etwa 70 % der lettischen Moore sind unberührt und etwa 40 % befinden sich in besonders geschützten Naturgebieten. Nur in vier Prozent der Moore findet eine wirtschaftliche Aktivität, also der Torfabbau statt." 

Bei solchen Zahlen wird allerdings unterschlagen, dass Lettland viel zu viel Waldfläche per Kahlschlag vernichtet ("aberntet") - Holz bringt derzeit seht gute Verkaufspreise. Wo nichts mehr wächst und mit großen Maschinen der Waldboden geschädigt wird - da muss dann Ersatz her: sehr viel auf einmal, und sehr viel Torf. 

Die sogenannte "Plattform für einen gerechten Übergang" bietet den EU-Mitgliedsländern Hilfestellung bei erforderlichen Umstellungen an. Genau dazu hat die lettische Torfindustrie bereits ihre Planungen vorgestellt - es geht natürlich um Geld (Territorial just transition plan). 

Lettische Torfabbaufirmen wie ZIBU (Ventspils), Torfo oder Kudras (Valle, bei Bauska) bezeichnen, offenbar unangefochten von solchen Diskussionen, Torf immer noch als "wichtigste natürliche Ressource Lettlands" - im Sinne ihrer Nutzung, natürlich. Deutsche Firmen importieren und vermarkten eifrig Torf aus Lettland, so zum Beispiel: "Ziegler Erden", "Hawita" (Bericht), Klasmann-Deilmann (Osnabrücker Zeitung), "Erden-Lensíng" (Dorsten), Neuland-Hum (Wachenroth-Buchfeld), Mygreenhorizon (Moormerland), TerraCult (Oldenburg), Plantaflor (Vechta), SvenMagnussen (Elmshorn), oder auch die niederländische LEGRO aus den Niederlanden, die auch eine Niederlassung in Worpswede unterhalten. Im hessischen Bad Hersfeld wurde auch schon mal eine Torfladung bestoppt, die schlecht gesichert in losen Ballen auf dem LKW gestapelt war (Osthessen-News)

Was ist der größere Reichtum - der Torf oder die Natur? So fragte Artūrs Jansons schon vor Jahren in der lettischen Umweltzeitschrift "Vides Vestis". Er kritisiert unter anderem, die Zahlen über die Torfvorkommen in Lettland seien hoffnungslos veraltet und stammten teilweise noch aus Sowjetzeiten. In Lettland gäbe es kein Datenbank, wo alle Daten zu diesem Bereich zusammengefährt und ausgewertet werden könnten. 

Biologin Māra Pakalne, eine der bekanntesten Moorschutz-Expertinnen Lettlands, schreibt in einem Vorwort zu einem Naturschutzprojekt: "Verglichen mit anderen Staaten Westeuropas haben sich lettische Moore noch viel Ursprüngliches erhalten. Biologische Vielfalt, die in anderen Staaten durch menschliche Aktivitäten längst verloren gegangen ist, können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hier noch in der Realität erforschen."