„Der globale Lette“ - so heißt eine Sendung im lettischen Radio LR1. Drei Menschen wurden dort neulich vorgestellt, die offenbar so Ungewöhnliches vorhaben, dass es dort zum Thema wurde. Lette oder Lettin sein, ist ja das eine - leicht zu beantworten, wer als Kind lettischer Staatsbürger in Lettland geboren wurde. Aber Lette werden? Gibt es Menschen, die das wollen, und falls ja: wie geht das?
Zwischen "wir" und "sie"
Das scheint ein schwer zu verstehender Vorgang zu sein. Hier geht es um Grundsätzliches: es gibt zahlenmäig nur wenig Lettinnen und Letten auf der Welt, und manche malen Schreckensbilder: in x-Jahren sind wir ausgestorben, dann gibt es "uns" nicht mehr.
Es geht also nicht um Erleichterungen zur Einbürgerung, rechtliche Fragen oder die Förderung kinderreicher Familien. Hier geht es konkret um einen Deutschen, einen Bulgaren und einen Schotten mit Wurzeln in Sri Lanka.
Musik hilft
Jöran Steinhauer (lettisch "Jorens Šteinhauers"), geboren in Bochum, ist vielleicht der Bekannteste der drei. Mit seinem Abschiedlied für den Lat ("Paldies latiņam") wurde er in Lettland in kurzer Zeit dermaßen bekannt, dass Lettinnen und Letten ihn gleich mal als Vertreter Lettlands zum ESC (Eurovision) schickten - um einen Kuchen zu backen. Er kam nach Lettland über ein Schulaustauschprogramm, ging dann zunächst einige Jahre zurück nach Deutschland, und hatte dann, wie er sagt, "Sehnsucht nach Lettland". Das sorgt natürlich für weitere Sympathien oder auch "Follower".
Auch Aleksandrs Tomass Matjusons hat mit Musik zu tun, arbeitet am Lettischen Nationaltheater. Der Sohn eines Schotten und einer Bulgarin könnte sich als "Alexander Mathewson" auch zu Schottland bekennen, und seine Kompositionen sind auch schon im Repertoire mancher deutscher Orchester gelandet (siehe auch "Merkur", "BDZ" oder "SZ"). Seit 2023 lebt er in Lettland, damals im lettischen Radio noch vorgestellt als "bulgarischer Musiker" mit Studienabschluss in München. (LR1) Dort, in München, hatte er allerdings einen lettischen Chor dirigiert und in einem weiteren mitgesungen ("Aurum"). 2021 dann sein erster Besuch in Lettland. "Ich war zum ersten Mal in Lettland und dachte: Oh, hier ist es so schön im Vergleich zu Bulgarien", erzählte Aleksandrs damals. "Ich schämte mich einfach. Wir können in Bulgarien nicht weiter sagen: Wir hatten den Kommunismus, der ist an allem schuld. Bei euch war die Lage auch so, aber jetzt ist die Situation viel besser." Auch auf diese Weise kann man sich einiger lettischer Sympathien sicher sein. (lsm)
Lohn und Liebe
Auch Kavšanta Malinka Rambadagalla arbeitet in Lettland, allerdings inzwischen als Arzt mit Privatpraxis. Die lettische Schreibweise seines Namens deutet eigentlich eher auf eine Frau hin (mit a als Endung). Schon 2022 tauchte er mal in der lettischen Presse auf, damals noch als Chirurg des Krankenhauses in Rēzekne - einer Stadt in der er lieber lebt als in Riga (jauns). Er ist schon seit dem Jahr 2000 in Lettland, hat sein Studium an der Medizinischen Fakultät der Universität Lettlands abgeschlossen, und auch er spricht fließend Lettisch (lpr / LA / Diena). Was der lettischen Seite besonders auffällt: auch er spricht immer von "wir", wenn er Lettland meint. Einen günstigen Eindruck hinterlässt wahrscheinlich, weil er bekennt sehr gerne zu singen, und auf Fragen nach seinem langen Arbeitstag, oft bis sieben oder acht Uhr abends, antwortet: "Das ist mein Beruf und meine Lebensweise". (jauns) "Eigentlich wollte ich Jurist werden", berichtet er, "aber meine Mutter meinte ich sollte Arzt werden. Da war es klar, dass ich nach Europa gehen musste, wo ich in Englisch studieren konnte." Und Rambadagalla entdeckte beim Lettischen sogar Gemeinsamkeiten mit seiner Muttersprache Singhalesisch: Bezüge und Ähnlichkeiten mit dem Sanskrit.
Dr. Rambagalla hatte vorher noch in Irland als Arzt gearbeitet - und die lettische Presse fragt erstaunt, wie er das große Lohngefälle zwischen Irland und Rēzekne verkraftet habe: von 6000 Euro Monatslohn ein Absturz auf 430 Euro (netto). "Ich habe viel von Hotdogs und Cola gelebt", meint er (jauns). Aber statt sich zu beklagen, erklärt der Arzt seine Freude darüber, dass Patienten in Rēzekne wenig zuzahlen müssen: bei einer Operation 31 Euro, für einen Tag im Krankenhaus 10 Euro.
Bunte Gegenwart
Werden also alle zu Lettinnen oder Letten, die es lange genug aushalten im Land? Wer gerne singt oder Musik macht, hat es offenbar leichter. Lettisch lernen sollte man wohl auch. Dr. Rambagalla hat außerdem noch einen anderen Vorteil: er ist mit einer Lettin verheiratet. Und eines scheint sich definitiv geändert zu haben: früher, gerade in schlechten Zeiten, sagten die Leute: ich mache es vor allem für die nächste Generation, für meine Kinder, damit die es einmal besser haben. Heute leben Menschen in Lettland, die bereits Erfahrungen mit drei, vier unterschiedlichen Kulturen gemacht haben, mehrere Sprachen sprechen und Lettland innerhalb weniger Jahre zu ihrer Heimat erklären.




























