21. November 2018

Vor fünf Jahren ...

konnte in Riga von Glück sagen, wer nicht spät nachmittags noch auf den Gedanken kam, schnell einkaufen gehen zu wollen. Das Dach einer Filiale der Kette "Maxima" im Stadteil Zolitude stürzte komplett ein - mit bösen Folgen.

Hier einige Fakten des genauen Ablaufs, so wie er heute feststeht:
21. November 2013, 8.00 Uhr - Die "Maxima”-Filiale Priedaines ielā 20 öffnet ihre Türen für die Kunden. Auf dem Dach wird an einer Begrünung und einem Spielplatz gearbeitet.
16.15 Uhr - Die Arbeiter verlassen das Dach.
16.20 Uhr - Der Feuermelder des Gebäudes schlägt an. Eine Stimme warnt in drei verschiedenen Sprachen vor einer gefährlichen Situation im Gebäude. Ein Brand wird aber nicht entdeckt.
17.05 Uhr - Die Warnmeldungen werden ausgeschaltet. Ein Teil der Kunden der den Laden verlassen hatte kehrt zurück.
17.44 Uhr - Bei der Überwachungsfirma ertönt ein Alarmsignal: "erweiterte Schäden".
17.22. Uhr 21 Sekunden - Das Dach des Ladens bricht zusammen.
17.46 Uhr - Beim Rettungsdienst geht ein Notruf ein.
18.00 Uhr - 14 Minuten nach dem Alarm erreichen die ersten Retter den Ort des Geschehens.
18.08 Uhr - Die Retter bergen die ersten Verletzten.
18.18 Uhr - Der erste Tote wird gefunden.
19.04 Uhr - auf 900qm Fläche brechen weitere Gebäudeteile ein - ausgerechnet dort, wo auch schon Rettungsmannschaften tätig waren
19.52 Uhr - Die Polizei beginnt ihre Untersuchungen um die Ursachen der Katastrophe zu finden.
21.27 Uhr - Mit Spezialkränen werden Betonteile angehoben, um weiter Überlebende zu bergen.

In den Folgetagen:
Am 22. November wird drei Tage Staatstrauer verkündet.
Auch unter den Rettungsmannschaften gibt es drei Tote und 12 Verletzte.
Bis zum 23.November abends werden 54 Tote geborgen. Nochmals bricht ein weiteres Teil des Gebäudes zusammen, diesmal ohne weitere Verletzte.
Am Nachmittag des 25. November werden die Rettungsarbeiten abgeschlossen, an denen insgesamt 557 Menschen und 25 technische Einheiten beteiligt waren.
(zusammengestellt nach lsm)

Damals trat der lettische Ministerpräsident Dombrovskis - heute Mitglied der EU-Kommission in Brüssel - zurück (siehe Blogbeitrag).

Bis heute ist vor Gericht in dieser Sache noch kein Urteil gesprochen worden. Es wurden viele Zeugen gehört und Angeklagte befragt. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift noch geändert, Details sind bisher nicht öffentlich. Einen Urteilsspruch wird es zumindest 2018 nicht mehr geben. Der Beginn des Verfahrens wurde in das Konferenzzentrum Ķīpsala verlegt, dort waren alle 460 Zuschauerplätze besetzt.
Auf der Anklagebank sitzen bisher neun Menschen; fünf sind wegen Nichtbeachtung von Bauvorschriften angeklagt, drei wegen Verletzung ihrer Amtspflichten und einer wegen Verstosses gegen Bestimmungen der Arbeitssicherheit.

Im Laufe von drei Jahren gab es bereits 150 Gerichtstermine in dieser Sache. Richter Erlens Ernstsons ist zuversichtlich den Prozeß auch abschließen zu können (lsm). 
Befragt wurden bisher mehr als 400 Personen, darunter 12 Experten, auch vom Unglück Betroffene und Überlebende. Die Hinterbliebenen haben sich mit "Maxima Lettland" auf eine Kompensation von je 100.000 Euro geeinigt.
Heute abend fand vor Ort eine Gedenkfeier an das Geschehen statt.

15. November 2018

Kirsons gibt den Löffel ab - aber nur in Berlin

missverstandene Kirsons-Werbung?

Schnelllebige Schnellrestaurants

Es war vielleicht eine Überraschung für Berlin, als im Mai 2016 (Blogbeitrag) gleich zwei Restaurants der aus Lettland bekannten Kette "Lido" (in Berlin = "Kirsons") eröffnet wurden. Und als Ende 2016 klar wurde, beide Restaurants machen auch in der Wintersaison weiter ("Kirsons überwintert"), galt es als positives Zeichen - und noch im Frühsommer diesen Jahres wurde "2 Jahre Kirsons in Berlin" gefeiert. Nun ist plötzlich Schluß im "Kirsons Charlotte". "Aus technischen Gründen" - diese vorläufig klingende Begründung ziert die Eingangstür allerdings bereits seit mehreren Wochen.

Was tun, wenn man hungrig auf lettische Speisekarte ist? Rüber zum "Alexa", der zweiten "Kirsons"-Filiale in Berlin. Dort tummelt sich überraschend viel Personal mit überraschend offener Auskunft: Nein, das "Charlotte" wird nicht wiedereröffnen. Ob denn die eigene Filiale im "Alexa" erhalten bleibe? Das wird zwar positiv beantwortet, aber der zugehörige Gesichtsausdruck sieht alles andere als zuversichtlich aus. Ebenfalls bedenklich stimmt, dass die "Weihnachtsdekoration" des Ladens noch aus dem Vorjahr zu stammen scheint. Ungern erinnert man sich in Lettland an die Krisenzeiten, als auch Ķirsons seinen Angestellten den Lohn schuldig blieb (bnn-news).

Aus für "Charlotte", Schrumpfung bei "Alexa"?

Auch die Auswahl an Speisen im "Alexa" scheint ausgedünnt: auf lettische Art geräuchertes Hühnchen? Schon lange nicht mehr ("das war eine Sonderlieferung"). Lettisches Sauerkraut? Heute nicht. Maizes supa? Vielleicht morgen. Einzig das "Užavas"-Bier (+ Piebalgas in Flaschen), und die lettischen Backkartoffeln scheinen noch vertraut von der lettischen Speisekarte. Im Angebot: ein "Business-Lunch" (Hühnchenbrust süß-sauer, mit Reis und Gemüse), der ähnlich auch in einem billigen Asia-Imbiss zu haben wäre.

Zwei Jahre zuvor tönte der Firmenchef noch davon, insgesamt 15 Restaurants allein in Berlin eröffnen zu wollen (lsm). Berliner, die im "Charlotte" öfter zu Gast waren berichten von einem scheinbar stets gut besuchtem Lokal. Hat hier also der lettische Unternehmer einfach das gemacht, was ja europaweit und global offenbar längst üblich ist? Subventionen der EU in Millionenhöhe genutzt, dazu Finanzen der lettischen Investitionsagentur - um dann nach Auslaufen dieser Finanzierungsquelle einfach wieder zu schließen, und das noch unangekündigt durch die Hintertür?
Aus der Werbung der LIDO-Kette: immer stolz auf die Firmengeschichte

In Lettland kassiert, in Deutschland abgeschöpft

Ganz anders dagegen in Lettland: eine aktuelle Übersicht zu den umsatzstärksten Restaurants in Lettland (firmas.lv / Leta) sieht die LIDO-Ketten von Gunārs Ķirsons im Jahr 2017 mit 5,8% Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr auf nun 38.584 Millionen Euro klar auf Platz eins. Im Mai war ein Interview mit in der lettischen Presse zu lesen, in dem eine komplette Renovierung des Rigaer "Stammlokals" ("Vērmanītis") für 800.000 Euro angekündigt wird. Gleichzeitig wollte der Unternehmenschef damals die Frage nach eventuellen Schließungen von Filialen nicht beantworten (tvnet).

Dabei ist auch in Riga das Überleben von Restaurants auch für diejenigen nicht selbstverständlich, die bisher bereits als gut eingeführt und bekannt galten. So steht laut einem Pressebericht offenbar das Restaurant "Bergs" in der Passage "Berga bazars", das sich selbst als "Lettlands bestes Boutique-Hotel" anpreist, kurz vor der Schließung (Jauns). Das 2003 eröffnete Fünfsternehotel "Bergs" errang europaweit Anerkennung, als das Restaurant 2010 unter die "50 besten Restaurant Europas" gewählt wurde (BalticTravelnews, Dienas bizness) - allerdings könnten das auch Marketingmaßnahmen der Branche gewesen sein, denn die zu dieser Rangliste gehörende Webseite ist inzwischen komplett wieder aus dem Internet verschwunden. Das Lokal also vielleicht bald ebenso.

Berlin ohne Lettisch - who cares?

Und in Berlin lettisch essen gehen wollen - eine Illusion, die keiner braucht? Auch das Restaurant "Schwalbennest" im Berliner Nikolaiviertel, die "Berliner Zeitung" war bei der Eröffnung noch ganz euphorisch, schloss bereits im September 2016 wieder seine Pforten (nur die Facebookseite existiert noch). Dann investierte Kirsons 3 Millionen in Berlin. Manche fanden ja gleich zu Beginn schon die "Trachtenmädels" und andere Details eher "peinlich" (wetravel24). Wer anonymen Bewertungen traut, schaut bei "Kununu" nach - dort haben drei angeblich bei "Kirsons" Angestellte ihre Bewertungen hinterlassen: "Für Gäste toll, für Mitarbeiter nicht zu empfehlen" ist da genauso zu lesen wie auch 'Lettische Mitarbeiter/innen mögen keine deutschen Kolleg/innen". Wo wohl die Wahrheit liegt? Irgendwo "in der Mitte"?

neue Firmenchronik?
Am Fenster der Ex-Filiale in der Charlottenstraße 13 klebt ein Zettel der besagt, dass die Genehmigung auch draußen Tische und Stühle hinstellen zu dürfen, noch bis zum 24.Januar 2019 gültig ist. Auch der "Nach-Hause-Lieferservice" wird online noch eifrig beworben (mit "Kirson Alexa GmbH" als neuer, eigenständiger Firma?). Also, vielleicht gibts bei "Charlotte" demnächst noch eine "Open-Air-Sylvestersause" zum Abschluß? "Viss kārtībā", wie man so auf Lettisch sagt. Zuzutrauen wäre es Kirsons allemal!

4. November 2018

Mein Vater, der Retter

Am 25. Oktober war in Lettland Kinostart für einen neuen Film des Regisseurs Dāvis Sīmanis jr.: "Tēvs nakts" (engl. Titel "The mover") erzählt von Žanis Lipke, der während der Besetzung Lettlands durch die deutschen Nazis etwa 50 Jüdinnen und Juden vor dem sicheren Tod rettete. Es ist der erste Spielfilm der lettischen Kinogeschichte, der das Holocaust-Thema aufnimmt - nach Rodrigo Rikards Dokumentarfilm "Žanis un citi" aus dem Jahr 1999.

Neuer Fokus

"Mit Hilfe des Films wird es hoffentlich möglich Žanis Lipke als Mensch zu zeigen," meint Lolita Tomsone, Direktorin des 2012 auf der Daugava-Halbinsel Ķīpsala eröffneten Lipke-Museums. "Lipke lebte eigentlich ständig auf des Messers Schneide." Žanis Lipke (*1. Februar 1900 in Jelgava; †14. Mai 1987 in Riga), war ein einfacher Hafenarbeiter, der auf der Halbinsel Ķīpsala ein Holzhaus gemietet hatte. Während der Besetzung Lettlands durch die Nazis arbeitete er auch für die deutsche Luftwaffe, und musste verschiedene Transporte organisieren - so bot sich die Gelegenheit, für Juden hier und dort Verstecke vorzubereiten.

"Es ist wichtig, dass wir Letten selbst über den Holocaust reden", meint Regisseur Sīmanis, der zugibt, auch das Urteil von Marģers Vestermanis, Historiker und selbst Holocaust-Überlebender, sei ihm sehr wichtig gewesen. "Den Holocaust hat man in Lettland bisher nur als Thema für Dokumenationen angesehen, nicht für Spielfilme."

Generation der Söhne

Sīmanis, 1980 geboren als Sohn bekannten und vielfach ausgezeichneten Kameramanns Dāvis Sīmanis (1942-2007), kennt sich mit geschichtlichen Ereignissen gut aus; nach Abschluß der Mittelschule studierte er bis 2005 zunächst Geschichte und Philosophie. Mit 17 begann er auch bei "Kaupo Film" zu arbeiten und lernte dort Schnitttechnik und Kameraführung. Er arbeitete dann als Assistent bei verschiedenen Filmen mit, auch zusammen mit seinem Vater.
Spätestens mit "Pelnu sanatorija" (engl. Titel "Exiled"), der 2016 ins Kino kam, mit Ulrich Matthes in der Rolle eines Arztes in einer Psychatrischen Klinik während des 1.Weltkriegs, zählt auch Sīmanis junior zu Lettlands bekannteren Filmemachern. Nun also wieder ein Thema aus der Geschichte Lettlands.

Junge mit Hund

Der Film hat jedoch nicht nur die dokumentarischen Fakten rund um zur Grundlage, sondern ein Buch: Lettlands anerkannte Kinderbuchautorin Ineses Zandere legte ihren Roman “Puika ar suni. Stāsts par nosargātu noslēpumu” ("Der Junge mit Hund - Erzählung über ein beschütztes Geheimnis") 2017 vor. Hauptfigur dieser Geschichte ist der Sohn von Žanis Lipke: Zigfrīds Ojars, genannt "Zigi". Als er 8 Jahre alt ist, beginnt der 2. Weltkrieg. Dem Jungen ist es ein beindruckendes Erlebnis wie trotz der schweren Umstände des Krieges der Vater Menschen rettet, die von den Nazis mit dem Tode bedroht werden. Und es gibt viele Dinge, die Zigi zunächst unverständlich bleiben. Da gibt es viele Geheimnisse, Ängste - aber auch Zigis bester Freund, der Hund "Džeri".

Matīss Kipļuks spielt den Zigi - ausgesucht unter 600 lettischen Achtjährigen. "Wichtig war uns einen Jungen zu finden, der vor der Kamera nicht übertreibt - was ziemlich oft der Fall ist", erklärt Produzent Gints Grūbe (Mistrus media) die Auswahl (LA). Die Hauptrolle, Zigis Vater Žanis, spielt
Schauspieler Artūrs Skrastiņš. Die Figur der Johanna Lipke spielt Ilze Blauberga sehr überzeugend - und bekam dafür bereits eine Nominierung für die beste weibliche Nebenrolle für den lettischen Filmpreis "Lielais Kristaps" (insgesamt ist der Film in 12 Kategorien nominiert). "Aber die übrigen Rollen wollte ich mit Leuten besetzen, die noch nicht vom TV-Bildschirm bekannt sind - dann ist es einfacher deutlich zu machen: diese Menschen sind welche von uns." meint Regiseur Sīmanis (LA). "Wenn diese Menschen überleben, dann überleben wir auch!" so sagte es Johanna Lipke, die selbst Polnisch, Russisch, Deutsch und sogar Jiddisch verstand, Jahre später im Interview mit dem Filmemacher Hercs Franks (delfi)

Familienvater, Mensch

"Über Žanis Lipke könnte man auch ein Fortsetzungsgeschichte drehen," meint Regisseur Sīmanis. "Er hat sich mal mit den Nazis, mal mit den Sowjets angelegt. Unser Film widmet sich aber nur dem einen Moment in seinem Leben, als er sich entschloss einigen Juden das Leben zu retten."
Warum wurde Lipke zum Lebensretter für so viele Juden? Warum setzte er sein eigenes Leben und das Schicksal seiner Familie aufs Spiel? Weder Dāvids Zilbermans, der mehrere Bücher über Lipke, schrieb, noch die überlebenden Juden konnten darauf bisher eine Antwort geben - so versucht es auch der Film nicht. Zu Sowjetzeiten musste sich Lipke mehreren Verhören durch den KGB unterziehen - Kommunist war er nicht, und so unterstellte man ihm, seine Dienste gegen Gold und Brillianten angeboten zu haben.

Lipke als Familienvater. Die Tochter Anna (Aina) musste fliehen, kehrte dann nach Riga zurück, aber ihr leben endete tragisch im Alter von nur 26 Jahren.Der Sohn Alfrēds wird 1943 zum Dienst in der deutschen Armee gezwungen - hätte er sich verweigert oder sich verstecken versucht, wäre es unweigerlich zu größeren Durchsuchungsaktionen bei Lipke gekommen. Nach dem Krieg geht Alfrēds nach Australien - von ihm wird erzählt, er habe sich dort noch immer nicht gern an einem Tisch gesetzt mit Russen oder Deutschen, da er beide für schuld daran hielt, dass er nicht in sein Heimatland zurückkehren konnte. Einzig der jüngeste Sohn Zigi blieb in Riga.

Geschichte im Kino

Gedreht wurde "Tēvs nakts" nicht auf Ķīpsala - denn die dortige Bebauung sieht heute völlig anders aus als zu Kriegszeiten. Art-Direktorin Kristīne Jurjāne fand das geeignete Haus in Kauguri nahe Jūrmala. "Völlig unberührt, mit originalen Fliesen und Fensterläden!" Das Äußere wurde dann nach alten Fotografien gestaltet. Und außer in Riga fanden sich geeignete Locations auch in Tukums, wo die Atmosphäre der früheren östlichen Vorstadt Rigas nachgestellt werden konnte.

Regisseur Dāvis Sīmanis arbeitet derweil bereits am nächsten Projekt: der Verfilmung der abenteuerlichen Geschichte um Pēteris Mālderis ("Peter the Painter") und einer Gruppe lettischer Anarchisten, die 1909 / 10 London unsicher machten. Es wird eine litauisch-tschechisch-lettische Koprodution werden, mit einem tschechischen Schauspieler in der Hauptrolle.

31. Oktober 2018

Merkele kundze geht. Na und?

Eine eigene Straße wird wohl nicht nach ihr benannt werden in Lettland - so wie nach dem Aufklärer und Gutsherren-Kritiker Garlieb Merkel. Aber nach dem Russland nicht nur freundlich gesonnenen, sondern sogar persönlichen Profit dabei nicht scheuenden Kanzler Schröder atmeten viele 2005 in Lettland erstmal auf: vieles an Kanzlerin Merkel erschien sympatischer als bei ihren Vorgängern. Sie versteht und spricht selbst Russisch, kann also die schwierigen Diskussionslagen gegenüber Russland im einzelnen nachvollziehen. Sie ist geboren als Kind der DDR, kann also auch die ex-sowjetischen Zwangslagen und Umstellungsschwierigkeiten Lettlands gut verstehen. Und sie hat in der Zeit ihrer Kanzlerschaft die Kommunikationslage zwischen Berlin und den baltischen Staaten wesentlich verbessert - steht heute ein Besuch des russischen Präsidenten in Deutschland, oder ein deutscher Staatsbesuch in Russland an, kann man davon ausgehen, dass kurz vorher die Regierungen der baltischen Staaten über die deutschen Absichten informiert wurden und ein Meinungsaustausch stattfand - an Ähnliches war noch zur Statthalterzeit Helmut Kohls nie auch nur zu denken gewesen (siehe auch: "Latvijas Vēstnesis", Blogbeitrag 2014).

Kam den Lettinnen und Letten schon immer eher
verdächtig vor: die Logik der Merkel-Vergleiche
(hier rechts gemeint: Laimdota Straujuma,
lettische Regierungschefin 2014-16)
Aber auch für die baltischen Staaten war das Entgegenkommen der Regierung Merkel gegenüber den Flüchtlingsströmen irritierend: seitdem haben sich die rechtskonservativen Frontleute stärker profilieren können. Nun heißt es manchmal generell: ist denn überhaupt alles, was aus dem Westen kommt, gut für uns? Und, obwohl die Mehrheiten pro EU-Mitgliedschaft und Euro auch in Lettland bisher unumstößlich erscheinen: nun wird an einer Front mit einer Anti-Flüchtlingshaltung auch Anti-Abtreibung, die Gegnerschaft zu gleichgeschlechtlichen Ehen, ja sogar eine Nichtbeteiligung an Wahlen hoffähig (mit dem Argument, Wahlen bestätigten ja sowieso nur die gegenwärtigen Machthaber).

Wie sehen die Reaktionen  auf den angekündigten Abgang Angela Merkels in Lettland aus? Einige Tage lang - (eisiges?) Schweigen. Merkel-Lob scheint gerade nicht populär zu sein. Es dominiert der relativierende Blick auf Europa. Das "Baltic News Network" (bnn) zitiert John Henley vom britischen "The Guardian", der die Stabillität Europas gefährdet sieht. Paula Justoviča und Ina Strazdiņa betiteln ihren Beitrag zum angekündigten Merkel-Abgang mit dem Begriff "Stabiltät" (lsm). Reaktionen der europäischen Presse zusammenfassend schreiben sie, Merkel sei bisher eine Führungsfigur in Europa gewesen, die Europa auf einem einheitlichen Kurs gehalten habe. Was sie selbst dazu sagen? Fehlanzeige. Macron, Juncker, Rutte - sogar das Weiße Haus und der Kreml werden zitiert (die sich beide eines Kommentars zu Merkel enthalten) - aber kein einziges Zitat von lettischer Seite.

Nun ja, Lettland befindet sich mitten in einer schwierigen Regierungsbildung. Nicht umsonst heißt es: "auch das übrige Europa erlebt einen Stimmenrückgang für traditionelle Parteien" (lsm). Im neu gewählten Parlament kämpfen jetzt sieben Parteien um eine Beteiligung an der Macht - Ausgang offen.

Varianten der Berichterstattung zur Merkel-Nachfolge erlaubt sich die "Latvijas Avize", in kleinen Details: hier wird neben den Namen Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn auch "Christian von Stetten" vorgestellt, ein - Zitat - scharfer Kritiker von Merkels Griechenland-Rettungspolitik und der Grenzöffnung für eine Million Flüchtlinge" (LA). Seltsam nur, dass auf von Stettens eigener Webseite von einer evtl. Kandidatur nichts zu finden ist. In deutschen Medien (FAZ, Welt) ist lediglich zu lesen, dass sich von Stetten frühzeitig für eine Kandidatur von Friedrich Merz ausgesprochen habe - also kein Zeichen guter Deutschlandkenntnisse bei der lettischen Presse, an dieser Stelle. Oder ist es gar noch mehr "lettisches Wunschdenken", falls hier Christian mit seinem Vater Wolfgang verwechselt wurde, dem langjährigen Vorsitzenden der Deutsch-Baltischen Parlamentariergruppe im Bundestag?

Andere Kommentare gibt es vereinzelt in den "sozialen Netzwerken". "Merkel war auch KGB-Agentin und glaubte immer noch an dieselben Ideologien wie in ihrer Kindheit," schreibt ein 'Gregory' auf "Delfi.lv". "Deshalb hat sie auch die illegalen Einwanderer nach Europa reingelassen. Außerdem geht sie für 'Nordstream2' auch über Leichen". - "Gut, sie unterstützt 'Nordstream2", stimmt 'Uldis' zu, "und das Flüchtlingsproblem wird nicht so schnell verschwinden. Aber 'Nordstream2' wird auch mit einem anderen Kanzler gebaut. Ob aber die Sanktionen gegenüber Russland aufrecht erhalten werden, das betrifft doch Lettland am meisten", meint er. "Es wurde auch Zeit für Merkel", meint 'Driks'. "Es bedarf jemand der mit frischem Blick die Probleme in Deutschland anpackt."

Schließlich wagt auch Juris Paiders von der "Neatkarīga" einen Kommentar: "Das Ende des Merkelreichs naht." Innenpolitisch habe Merkel das Image einer "eisernen Lady" gehabt, meint er, aber ihr Stern sei seid 2015 doch arg gesunken. Als Deutschland 2015 beschlossen habe, die "Dublin Konvention" zu ignorieren, habe dies in der Realität zur Folge gehabt, dass jeder illegale Einwanderer nach Deutschland, sofern er es nur geschafft habe als syrischer Flüchtling anerkannt zu werden, großzügig aufgenommen und auch noch finanziell belohnt werde. Also hätten sich alle Flüchtlinge auf den Weg nach Deutschland gemacht, und in den deutschen Großstädten habe sich das Kriminalitätsniveau seitdem erheblich erhöht, meint Paiders. Seiner Meinung nach sei die Unterstützung für Flüchtlinge in Deutschland manchmal größer gewesen als für ortsansässige Rentner oder arme Leute. Paiders zufolge habe das die Unterstützung für die größeren regierenden Parteien in Deutschland erheblich vermindert, und andere Kräfte erstarken lassen.

Paiders wagt sogar einen Vergleich der lettischen mit der deutschen Politik - allerdings nicht auf Flüchtlinge bezogen. Auch die Führungsfiguren der lettische Liste der "Bauern und Grünen" (ZZS) habe zu lange an die Richtigkeit von Reformen geglaubt, während sich die Wählerinnen und Wähler und die eigenen Mitglieder bereits abgewandt hätten. "Hier enden aber auch die Gemeinsamkeiten," schreibt Paiders. "In Lettland stammen sowohl der Präsident wie auch der bisherige Regierungschef aus den Reihen der ZZS. Niemand in der Führung der ZZS hat aber so gehandelt wie die deutsche Kanzlerin. Im Gegenteil. Schließen wir unsere Reihen fester, versuchen es jedem Recht zu machen, auf dass wir nur irgendwie wieder zwei Ministerien bekommen, und dann werden wir sehen ..."

Für "Diena" kommentiert Andis Sedlenieks dann am 31.10. Er sieht wachsende Radikalisierung und innenpolitische Gegensätze in Deutschland, sonst aber wenig Änderungen. Ein "Abgang in Ehren", aber auch ein unklares neues Zeitalter. Interessant auch ein Leserkommentar dazu. "Ach, das ist ja eine Aufregung ähnlich damals, als Breschnew starb; da heulten unsere kommunistischen Hunde auch beinahe schon einen heraufziehenden neuen Krieg herbei - aber sein Platz blieb ja nicht lange leer. Nirgendwo in der Welt wird die Pensionierung einer einzelnen Frau größere Löcher verursachen."

28. Oktober 2018

Lidlogie letztendlich lettisch

Nach Litauen wird nun auch in Lettland wieder über verschwindende und neu auftauchende Supermarktketten diskutiert. Es war 2006, als in der lettischen Tageszeitung "Diena" ein Beitrag zu lesen war, dem zufolge LIDL seine Pläne in Lettland aufgebe; schon damals soll es konkrete Pläne für Rīga, Jūrmala, Liepāja, Rēzekne, Jelgava, Daugavpils, Tukums und weitere Standort gegeben haben. Der Rückzug damals sei selbst für die Verantwortlichen in den betroffenen Gemeinden überraschend gekommen, so der Bericht. Aber: es war die Zeit noch vor der Wirtschaftskrise, als die Grundstückspreise noch ungebremst anstiegen, und der Konzern hatte sich damals noch nicht alle notwendigen Grundstücke und Baugenehmigungen gesichert.

Schon 2017 machten Journalisten der "Latvijas
Avize" den Verlgeichstest durch Probeeinkäufe
bei LIDL in Litauen. Ergebnis: meist ist LIDL günstig
Noch vor einem Jahr gab es eine starke Gegnerschaft zur LIDL-Expansion: von "Stop-Lidl"-Initiativen bis zu Sorgen, die Billigpreis-Konkurrenz könnte zum Schaden vor allem der regionalen lettischen Produkte ausgehen (delfi). Sieben große Lebensmittel-Discoounter zählte die Zeitung "Diena" im Jahr 2017 in Lettland, davon nehmen die beiden Ketten MAXIMA und RIMI 60% des Marktsegments und etwa 2000 Verkaufsstellen ein. Wer sucht, der findet vielleicht auch noch einen der 700 Läden von "LaTs", 500 von "Aibe", 180 von "Elvi" und 100 von "Mego/Vesko".

Nun will LIDL, einem Bericht der Tageszeitung "Neatkarīga" zufolge, doch 10 Filialen plus ein Logistikzentrum in Lettland bauen, davon wahrscheinlich fünf in Riga. Die ersten Läden sollen Anfang 2020 eröffnen, die Suche nach Arbeitskräften habe bereits begonnen. Sowohl Lettlands Wirtschaftsminister Arvils Ašerādens gratulierte Lidl zu der Entscheidung zum Markteinstieg, wie auch Rigas Bürgermeister Nils Ušakovs. Die Nutznießer der LIDL-Expansion seien die lettischen Verbraucher - so zitiert die Deutsch-Baltische Handelskammer den deutschen Botschafter in Lettland, Ralf Schütte.

Die Konkurrenz ist inzwischen kleiner geworden: Valdis Turlais gab von Seiten "Rimi Latvija" bekannt, dass Läden mit der bisherigen Bezeichnung "Supernetto" bis Anfang nächsten Jahres vom Markt verschwinden würden (delfi). Ihm zufolge würden 600 Produkte, die bisher bei "Supernetto" zu finden gewesen seien, zum selben Preis demnächst von "Rimi" übernommen werden. "Die Kunden wollen mehr Auswahl", so seine Diagnose. Eigentümer der RIMI-Kette ist die schwedische ICA-Gruppe 

Das auf 47.000qm projektierte LIDL-Logistikzentrum an der Ulbroka iela 42 wird gebaut von "Merks", einer Tochter der estnischen AS Merko Ehitus. 42 Millionen Euro soll der Bau kosten und Anfang 2020 eröffnet werden. In Litauen gibt es inzwischen 39 LIDL-Filialen.

18. Oktober 2018

Die Hunderjährigen

Vor einhundert Jahren wurde Lettland erstmals als unabhängiger Staat begründet. Das ist lange her, könnte man denken. Aber mit dem Privileg, einhundert Jahre alt zu sein, ist der lettische Staat nicht allein.

Bereits zum wiederholten Male lud Raimonds Vejonis, Lettlands Staatspräsident, am 25. August zum Treffen der Hundertjährigen ein - diese Tradition hatte vor 25 Jahren Ex-Präsident Guntis Ulmanis begründet (president.lv). Geboten wurde diesmal im Kulturzentrum "Ziemeļblāzma" ein Konzertprogramm mit anschließendem Festessen. Bereits an einer Veranstaltung im Schloß Rundāle am 15. Juli hatten 35 der 42 Menschen, die in Lettlands 2018 ihren einhundertsten Geburtstag feiern, teilnehmen können (lsm).

Auch die Stadt Riga zeigt sich aufmerksam: 150 Euro bekommen Rigenserinnen und Rigenser als Geschenk zu ihrem 100.Geburtstag ausbezahlt. Über die Höhe der Summe lässt sich vielleicht streiten - aber sie wurde im 1.Halbjahr 2018 bereits 43mal ausgezahlt (delfi). Dabei muss auch keinerlei Antrag gestellt werden: der Sozialdienst der Stadt sucht die Betreffenden zu Hause auf. Wer einhundert Jahre alt wird, oder älter, bekommt also mindestens zum Geburtstag einmal Aufmerksamkeit.

Ein anderes Projekt ist der Film der lettischen Regisseurin Žaklīna Cinovska, die ebenfalls Lettlands Hundertjährige in den Fokus nimmt. Der Film "Geboren zusammen mit Lettland" ("Latvijas simtgadnieki - Piedzimt kopā ar Latviju") wird gerade abgedreht und soll dann in die Kinos kommen. (aprinkis)
"Viele dieser Menschen, die Teil des Filmes geworden sind, haben sich ihren ganz persönlichen Charme bewahrt, nehmen aktiv am gesellschaftlichen Leben teil, haben eine unerschütterliche Lebensfreude, sind neugierig, und glauben an ihr Land Lettland. Sie sind eine wunderbare Inspirationsquelle für die Jugend und der jungen Generation, die das nächste Jahrhundert Lettlands schaffen werden," kommentiert Regisserin Cinovska ihr Projekt. Die Filmmusik komponierte Mārtiņš Brauns. (edruva)


In ganz Lettland gäbe es zur Zeit etwa 200 Hundertjährige, erzählt Valters Kagainis, der als Geschäftsführer der Filmproduktionsfirma arbeitet. "Zum ersten Vorbesprechung für den Film kamen noch 40, die zusagten am Projekt teilzunehmen, realisieren konnten es dann noch zwölf. (LA) Auch Terezija Mackare, Vorsitzende der "Allianz aktiver Senioren in Riga" (“Rīgas aktīvo senioru alianse” - RASA) "Marta Melgalve zum Beispiel", erzählt Mackare stolz, "sie feierte kürzlich ihren 103.Geburtstag und hat sich erst kürzlich mit dem Computer vertraut gemacht, nutzt nun auch 'Skype'. Es freut mich, dass gerade sie auch im Film zu sehen ist."
Ebenfalls einen ganz besonderen Feiertag hatte die lettische Astronomin, Doktorin der Physik und emeritierte Wissenschaftlerin Ilga Daube. Genau an ihrem 100. Geburtstag fiel es ihrem Staat Lettland ein, Wahlen abzuhalten; immerhin kam sie so zu der Ehre, im Wahllokal mit Blumen vom Wahlkommittee empfangen zu werden (lsm) "Ich interessiere mich auch für Politik, ich lese Zeitungen, bilde mir auch eine Meinung zu diesen Leuten. Ich habe mein Vertrauen auf den guten Willen der Politiker noch nicht verloren", meint die Jubilarin. 

10. Oktober 2018

Die Auserwählten

Der Wahltag ist vergangen, die Regierungsbildung wird vielleicht mehrere Wochen dauern. Dennoch lassen sich aufgrund der Personen, die auf ihren Wahllisten gewählt wurden, einige Rückschlüsse bereits ziehen.

Bei der "Saskaņa" war Bürgermeister Ušakovs, (der
nicht für das Parlament zur Wahl stand) allgegenwärtig.
Ob es zum Stimmenrückgang beigetragen hat?
Viele Frauen
Wenigstens ist klar, welche 100 Frauen und Männer einen Sitz im lettischen Parlament (Saeima) einnehmen werden. Überraschenderweise ist es ein Rekord weiblicher Repräsentanz geworden: 31 von 100 Abgeordneten werden Frauen sein. Seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit waren es nie mehr, im bisherigen Parlament waren es 19 Frauen, in der Periode davor 21 Parlamentarierinnen.

Keine Grünen mehr im Parlament
Seit  Edgars Tavars 2011 das Ruder bei der Grünen Partei Lettlands (Zaļa Partija) übernahm (und inzwischen auch mit der Tradition zweier gleichberechtigter Vorsitzender brach), ist deren Mitgliederzahl auf beinahe 900 gewachsen (siehe auch: Blogbeitrag). Doch offenbar wächst damit auch der Gegensatz zwischen Traditionalisten und Karrieristen in der Partei: ein Amt übernehmen, um danach bei den Grünen einzutreten, wird gern genommene Taktik. Während die einen am 1.September zum 30. Mal "Beten für das Meer" (“Lūgšana pie jūras”) zelebrierten (so wie immer), sichern sich die anderen die entscheidenden Posten in der Parteispitze. Anda Čakša und Raimonds Bergmanis, beide bisher Minister und im neuen Parlament jetzt noch als einzige mit einem Parteibuch der "Grünen", stehen beide für den karrierebezogenen Weg. Die Medizinerin Čakša wurde 2016 Gesundheitsministerin, trat im November 2017 bei den "Grünen" ein; Ex-Gewichtheber und "Strongmen"-Kämpfer Bergmanis trat immerhin schon 2014 für die Partei bei Wahlen an. Als dann Raimonds Vejonis, ebenfalls ein Grüner, zum Präsidenten gewählt wurde, rückte Bergmanis als Verteidigungsminister nach. Verblassen also die politischen Erfolge angesichts dieser drei grünen Karrieren? Tavars selbst meint dazu: "Jeder, der neu zu uns kommt, nationalpatriotisch denkt und mit uns erreichen will dass wir nicht vom Osten oder Westen gesteuert werden sondern dass Lettland selbst entscheidet, und für unsere Natur und unser Volk arbeiten möchte, ist bei uns willkommen."(Vides Vestis)

Nicht zum Osten, aber auch nicht zum Westen gehören - ob das die Erfolgsformel ist? Nach ihrem Parteikongress im April waren die Grünen noch zuversichtlich: zusammen mit der Bauernpartei strebe man 30 Mandate an, und wolle gerne auch wieder das Ministerium für Umwelt und Regionales übernehmen (LA 9.4.18). Im Ergebnis sitzt ab sofort nun keiner mit einer langjährigen (nachhaltigen) grünen Überzeugung mehr im Parlament. Aber was soll's? Kritische Stimmen sagen es seit einiger Zeit so: "sie sind grün wie der Dollar, daher werden sie weiter bestehen." (Igors Lukjanovs)

Rigaer Stadtrat rotiert
Für deutsche Lettland-Interessierte vielleicht überraschend ist die Nachricht, dass sich aufgrund der Ergebnisse der lettischen Parlamentswahlen auch die Zusammensetzung der Delegierten im Stadtrat von Riga erheblich ändern wird. Kandidat/innen für politische Ämter versuchen es in Lettland gern mal auf verschiedenen Tickets: klappt es nicht ins Parlament, versuche ich es mal im Stadtrat, und sitze ich schon im Stadtrat, hindert mich nichts es mitten in der Legislaturperiode auch schnell mal ins Europaparlament oder anderswohin zu verabschieden. Nachrücker auf lettischen Wahllisten kommen daher manchmal auch lange nach der eigentlichen Wahl noch zu politischen Ehren.
Öffentlich einsehbar: wie viele Schulden hast Du,
wo liegt Dein Eigentum, welches Auto fährst Du,
Kandidat/in?
Diesmal sind zehn amtierende Stadträte oder Stadträtinnen ins Parlament gewählt worden - das bedeutet, dass ein ganzes Drittel derjenigen, die im Stadttrat gegenwärtig in der Opposition arbeiten, ausgetauscht werden. Bürgermeister Nils Ušakovs wird von einer Koalition seiner Partei "Saskaņa" (Harmonie) mit der Gruppierung "Gods kalpot Rīgai!" ("Es ist eine Ehre Riga zu dienen") gestützt. Von der "Saskaņa" wechselt nur eine Stadträtin ins Parlament, von der Jaunā Konservatīva Partija (Neue Konservative Partei) aber gleich sieben der bisher neun Vertreter/in-nen im Stadtrat ("LA", "Kas Jauns").

Parlament der Autofahrer 
Ebenfalls ungewohnt für deutsche Augen sind die detaillierten Angaben, die jede Kandidatin und jeder Kandidat öffentlich zu seiner Person bekannt geben muss: Grundstücke, Schulden und aufgenommene Darlehen, Details zum Ausbildungsweg und Arbeitsplatz, und sogar die genauen Marken der auf die Kandidatin / den Kandidaten angemelden PKWs sind den Wahlliste präzise zu entnehmen. Und so wissen wir auch jetzt schon, dass von 100 gewählten Parlamentarier/innen genau 30 keine Angaben zu Autos machen (vielleicht fahren sie das ihrer Frau / ihres Mannes?). Unter den übrigen 70 stehen die Besitzer eines Toyota an der Spitze (11), gefolgt von VW (9), BMW (7), dahinter Opel, Mazda, Honda, Mercedes und Volvo (je 5). Ebenfalls 5 bevorzugen ein Motorrad, 3 sogar einen Land Rover. Erstaunlich die Vielfalt der Marken: je ein oder zweimal genannt werden noch Škoda, Saab, Kia, Jeep, Ford, Subaru, Renault, Nissan, Peugeot, Audi, Fiat, Citroen, VAZ/Lada, GAZ, Mitshubihi, Hyundai und Chrysler. Den erstaunlichsten Fuhrpark besitzt der künftige Abgeordnete Ivars Zariņš, der zwischen zwei Wohnung in Sigulda und Riga wechseln kann: gleich drei Motorräder (2x KTM, 1x Honda), zwei Mercedes-PKW und ein "Kvadracikls" (Allrad) nennt er sein eigen. Aber auch Ēriks Pucens aus Kuldiga steht dem nicht viel nach: sein Fuhrpark besteht aus drei Audis, drei VW-Golfs, einem Renault, einem Subaru und zwei Traktoren (die PKWs zumeist etwas älteren Baujahrs).

Wir sehen also: neben dem politischen Ergebnis bietet so eine Parlamentswahl auch immer drumherum genug Gesprächsstoff.

7. Oktober 2018

Neu gewürfelt: sieben auf einen Streich

Dem vorläufigen Wahlergebnis zufolge sieht das Ergebnis der Wahlen zur lettischen Saeima (Parlament) vom 5.10. wiefolgt aus:

Liste 9 - "Saskaņa" - Sozialdemokratische Partei "Harmonie" - 19,8% (23 Sitze)
Liste 15 - "Kam pieder valsts" KPV LV ("Wem gehört der Staat") - 14,25% (16 Sitze)
Liste 2 - Jaunā konservatīvā partija - Neue Konservative Partei - 13,59% (16 Sitze)
Liste 10 - Attīstībai/Par! - Entwicklung / Dafür - 12,04% (13 Sitze)
Liste 4 - Nacionālā apvienība "Visu Latvijai!"-"Tēvzemei un Brīvībai/LNNK" - Nationale Vereinigung - 11,1% (13 Sitze)
Liste 16 - Zaļo un Zemnieku savienībaListe d. Grünen u. der Bauernpartei ZZS - 9,91% (11 Sitze)
Liste 13 - Jaunā VIENOTĪBA - Neue Einigkeit - 6,69% (8 Sitze)

buntes Bild: Zusammensetzung der
frisch gewählten Saeima

Das neue lettische Parlament bilden also Vertreter/innen von sieben verschiedenen Parteien. Drei andere ambitionierte Gruppierungen blieben unter der 5%-Grenze: Latvijas Reģionu Apvienība 4,14% (Verband der Regionen, ehemals 8, momentan noch 7 Sitze im Parlament), "Latvijas Krievu savienība" 3,2%, (Vereinigung der Russen Lettlands), beim vorigen Mal mit 1,58% noch deutlicher abgeschlagen, und die neu gegründeten "Progressiven" mit 2,61%.(Detaillierte Zahlen siehe CVK)

Unentschieden bis zurückhaltend

Auffällig war diesmal, dass jeder Dritte sogar bei der Nachwahlbefragung nicht verraten wollte, welche Partei er / sie gewählt hatte - und so blieben am gestrigen Samstag abend alle Kommentare ohne sicher Grundlage. Wenig aufheiternd auch die niedrige Wahlgeteiligung von insgesamt nur 54,6%.

Eines scheint klar zu sein: niemand kann sich als alleiniger Gewinner fühlen. Einen realistischen Anspruch auf eine Regierungsbeteiligung hätten die Möchtegern-Sozialdemokraten der "Saskaņa" sicher nur bei einer Prozentzahl nahe der 30% gehabt - statt dessen gegenüber 2014 ein Rückgang um 3,2%, trotz aller großformatiger Werbung mit Bürgermeister Ušakovs.

Regierungschef mit reduzierter
Gefolgschaft: "Helden der
Arbeit"?
Die Nationale Liste (Rückgang -5,5%, 13 statt 17 Sitze), Bauern und Grüne (Rückgang -9,6%, 11 statt 21 Sitze) und die "Neue Einigigkeit", die 2014 noch als "Einigkeit" antrat und damals 15,18% und 15 Sitze mehr errangen - alle drei können froh sein im Parlament vertreten zu sein und damit sich potentiell an einer neuen Regierung beteiligen zu können.

Für Veränderungen - aber in welche Richtung?

Die beiden neu (aus den Resten anderer Parteien) gebildeten Gruppierungen "Neue Konservative" und "Entwicklung / dafür" sehen sich in der Situation, lediglich in etwa gleichauf mit ihren heftig bekämpften Konkurrenten gelandet zu sein. Beide wären sicher gern mehr richtungsbestimmend gewesen: die einen beim Thema Anti-Korruption, aber mit sehr traditionellen Werten, die anderen offen liberal mit dem Willen, aus der Enge des moralinsauren Konservatismus entfliehen zu wollen.

Und die Schauspielerpartei KPV? Wäre ich Parteichef Artuss Kaimiņš, würde ich erst mal suchen, wo die mich filmende Kamera steht, und den Wählerinnen und Wähler fest in die Augen schauen. Schon am Morgen nach der Wahl meinte ein Vertreter dieser Partei im lettischen Radio auf die Frage, mit welchen anderen Parteien nun wegen einer Koalition gesprochen werden soll: "Es kommt nicht auf die Parteien an, sondern auf die Gesellschaft, auf die Menschen!" Wenn das so ernst gemeint ist, wird die KPV einfach das tun, was ihnen die besten Schlagzeilen bringt, wenn sie nur weiterhin scheinbar irgendwen entlarven können, der dem lettischen Staat angeblich Böses will. In einigen Wahllokalen in Irland haben über 60% die KPV gewählt! Da heißt es sehr laut zu schreien, um die eigenen Wählerinnen und Wähler zu erreichen.

Personalwechsel

Zwei bisherige Minister wurden nicht mehr ins Parlament gewählt: Justizminister Dzintars Rasnačs von der "Nationalen Vereinigung" NA und Innenminister Rihards Kozlovskis (Jauna Vienotiba); auch sein Parteikollege Bildungsminister Kārlis Šadurskis ist wahrscheinlich nicht mehr dabei. Alle drei traten im Wahlbezirk Riga an. Kaspars Gerhards, bisher Minister für Umwelt und Regionalentwicklung (NA), stand nicht mehr zur Wahl (Diena).
Nur in Riga bleibt Nils U. weiterhin der Größte

Zumindest einige Leitfiguren haben ihre Position in ihrer Partei gestärkt - durch das lettische Wahlsystem, bei dem jede/r Wähler/in innerhalb der ausgewählten Liste für jede Person auf der Liste plus und minus verteilen kann, wird Beliebtheit und Wählers Rache auch oft gleich sehr deutlich ausgewiesen. 33940 Pluszeichen konnte Vjačeslavs Dombrovskis ("Saskaņa") sammeln - ganz gut für jemand, der vorher für eine ganz andere Partei schon mal Minister war und erst seit wenigen Monaten Parteimitglied ist. Mit ihm als Spitzenkandidat liegt die als "Russenpartei" verschriehene "Saskaņa" nun in Riga über 30%, in ganz Lettland nur bei 20%. Als "Heimatregion" könnte Daugavpils genannt werden, dort liegt die Partei bei 51%.

Bei der KPV.LV ist es umgekehrt: in Riga liegt die Partei unter 10%, in ganz Lettland bei 14%. Starke Region ist Kurzeme, dort liegt die KPV bei 20%. Dazu kommen 35,67% der Auslandsstimmen.

Mit 11376 Pluszeichen auf seiner Wahlliste muss sich der bisherige Premier Māris Kučinskis trösten - vier Jahre zuvor, als vor den Wahlen niemand ahnte Kučinskis könnte Ministerpräsident werden, waren es noch 2302 Plus-, aber auch 2123 Minuszeichen (cvk). Die lettische Presse rechnete schon eifrig, sowohl die Kučinskis-Partei ZZS wie auch die bisher regierende "Jauna Vienotiba" hätten, gemessen an den veröffentlichten Ausgaben für den Wahlkampf, über 40.000 Euro pro tatsächlich erlangtem Mandat ausgeben müssen - haben, oder nicht haben, ist hier wohl die Frage.

Innen und außen

Noch ein Wort zu den Auslandsletten (der "Diaspora"). In Großbritannien beteiligten sich 10.803 Menschen an der Wahl, in Deutschland 3064, in den USA 2423 und in Schweden 2005. Danach folgt Irland mit 1961 abgegebenen Stimmen, Norwegen mit 1934, Dänemark mit 1118, die Niederlande mit 938 und Australien mit 878 (Diena). Auch die Prozentzahlen fallen im Ausland anders aus: 35,67% für die KPV, 15,26% für "Attīstībai/Par" und 6,07% für die "Progressiven". Dagegen nur 6,45% für "Saskaņa" und nur 2,9% für Bauernpartei und Grüne.

Wie lange nun die Parteien für eine Einigung auf Gemeinsamkeiten für ein Regierungsprogramm brauchen werden, ist völlig offen. Präsident Vejonis hat ja laut Verfassung die Aufgabe einer Kandidatin oder einem Kandidaten, der/dem eine Regierungsbildung zugetraut wird, damit zu beauftragen. Er hat angekündigt, sich dafür zwei Wochen Zeit nehmen zu wollen. Auch diese Frage - wer die nächste Regierung führen wird - ist trotz bereits lange andaurernder Diskussionen darüber noch völlig offen.

5. Oktober 2018

Erst Irland, dann Weltspitze

Sanita Pušpure
Der Name Sanita Pušpure ist vor allem in der Welt des Rudersports bekannt. Ihre erste Medaille gewann sie bereits 2003 bei den U23-Weltmeisterschaften. Eigentlich ist die 1981 geborene Lettin für kaum etwas anderes öffentlich bekannt als für ihre Rudererfolge. Doch seit dem 16. September 2018 ist es ein wenig anders: dank Sanita Pušpure wurden die Ruder-Weltmeisterschaften 2018 im bulgarischen Plowdiw die erfolgreichsten überhaupt, für ... Irland. Der bisherigen Weltmeisterin Jeannine Gmelin aus der Schweiz blieb im Einerrennen der Frauen nur der zweite Platz (20min).

Eine Lettin in Irland - keine Seltenheit. Tausende hat es ja auf der Suche nach Arbeit dorthin gezogen. Sanita Mikilpe-Mikgelbe, so der Mädchenname der Sportlerin, begann im Alter von 15 Jahren mit dem Rudern.Zunächst in Majori / Jūrmala, dann am Sportgymnasium Murjāņi.

Ruderin Sanita mit Familie
Eigentlich sollte es dann ein Trainingsaufenthalt in den USA werden - doch Sanita traf ihre große Liebe, Kaspars. Neue Perspektiven waren notwendig. "2006 beschlossen wir unsere finanzielle Situation etwas aufzubessern und in Irland Arbeit zu suchen," berichtet Sanita der lettischen Presse. "Anfangs dachten wir, nur für ein Jahr. Aber als dann unsere Kinder in Irland geboren wurden, haben sich auch die Pläne geändert." (sporto)

Angeblich war es Zufall, dass Sanita nach der Geburt der beiden Kinder Daniela und Patriks plötzlich den irischen Ruderclub an der Islandbridge entdeckte, und wieder mit dem regelmäßigen Training begann. Die Familie zog um nach Cork, wo ein Ruder-Trainingszentrum in der Nähe war. Doch ein gutes Rennboot kostet so um die 6000 Euro. Bei den "Old Collegians" hatte ein Clubveteran ein Boot gekauft, und erlaubte Sanita es zu benutzen. Nun war auch der Entschluß gefallen, nur noch im Einer zu starten. Auch die lettische Trainerin Elita Krūmiņa wurde zur Unterstützung zweitweise nach Irland geholt - denn im Gegensatz zu Lettland sind im Winter in Irland nicht alle Flüsse und Seen zugefroren.

2009 zum ersten Mal irische Meisterin im Einer, startete Sanita Pušpure ab 2010 für Irland, 2011 nach dem Erwerb der irischen Staatsbürgerschaft auch bei internationalen Meisterschaften. 2014 und 2016 gewann sie bei den Europameisterschaften jeweils Bronze.

Und nun - im Alter von 36 Jahren endlich an der Weltspitze angekommen.  Gefeiert wird die Ruderin von der Presse in beiden Ländern (Irish Examiner, RTE, Irish Times, Sporta Ziņas, Lsm). Die lettische Sportpresse konnte sich allerdings nicht verkneifen, auf einen Fehler der irischen Sportministerin Ross hinzuweisen, die in einer Pressemitteilung Frau "Dominant Puspure" zum Sieg gratuliert hatte - und damit offenbar einer Schlagzeile der irischen Presse gefolgt und die Siegerin mit einem falschen Vornamen versehen hatte (sportacentrs). - Ein wenig Neid ist also vorhanden. Die Schlagzeile "eigentlich kennen wir unsere Sanita doch besser" war unschwer herauszulesen (youtube).

Tja, zehn Jahre Irland - und die Irinnen und Iren kennen immer noch nicht deinen Namen - so sollte die Botschaft wohl heißen. Jedenfalls ein ganz neues Gefühl für Lettland - eine Lettin gewinnt, aber im Medaillenspiegel hilft es nichts. Im Rudern muss ja ein Alter von 36 Jahren auch noch nicht unbedingt das Ende sein. Gewinnen in Grün, oder in Bordeaux-Rot, Ruderin Sanita sagte es so: "Die unsichtbaren Kräfte in meinem Boot, das sind mein Mann und meine Kinder!"

16. September 2018

Baiba grollt

Für einen kurzen Moment drangen kürzlich Details lettischer Innenpolitik an die internationale Öffentlichkeit: erstaunlicherweise auf den Sportseiten. Die Internationale Biathlon-Union (IBU), die sich auch gern "die Biathlon-Familie" nennt, suchte eine/n neue/n Vorsitzende/n. Da gleichzeitig die Frage, wie in Zukunft gegen Doping vorgegangen werden soll, und die eventuelle Wiederzulassung Russlands im Raum standen, erwuchs der Wahlprozess zum tagelangen Thema der Sportberichterstattung.

Vielleicht ist es logisch, dass in einem Verband, wo der Vorsitzende wegen Korruptionsvorwürfen zurücktreten musste, auch bei der Neuwahl nicht alles glatt gehen kann. Ungewöhnlich vielleicht auch, dass es neben Olle Dahlin, der zuvor jahrelang schon im alten Vorstand tätig war, nur noch eine weitere Kandidatin gab: die Lettin Baiba Broka. So kam vor allem sie in das Schlaglicht der Presseberichterstattung.

Die Kandidatin

Geboren 1975 in Madona im Osten Lettlands, war die studierte Juristin Baiba Broka eigentlich schon öfters Kandidatin: 2009 für einen Sitz im Europaparlament, 2013 und 2017 als Bürgermeisterin von Riga. 2014 trat sie vom Amt der lettischen Justizministerin zurück, weil weder das Verfassungsschutz-büro (Satversmes aizsardzības birojs SAB) noch die lettische Sicherheitspolizei (Drošības policija DP) ihr die Erlaubnis zur Einsicht in geheime Staatssachen erteilen wollten - unabhängig von ihrer politischen Arbeit, wie es hieß. Aus denselben Gründen musste sie ihr Vorstandsamt beim lettischen Luftfahrtverband ("Latvijas gaisa satiksme" LGS) aufgeben.

doppelte Baiba: beim Namen
Baiba Broka gilt es, genau
hinzusehen: diese nette
junge Dame ist Theater-
schauspielerin
"Nur Baiba kann man es nicht erzählen?" Es erscheint unwahrscheinlich. Aber von Brokas Ankündigung, wegen dieser Vorgänge den Europäische Gerichtshof für Menschenrechte anrufen zu wollen, ist seitdem auch nichts mehr zu hören gewesen. Nur wenige Wochen vor ihrem Rücktritt war Baiba Broka zur Präsidentin des lettischen Biathlonverbands gewählt worden. Von einer Kandidatur zu den im Herbst 2014 stattfindenden Parlamentswahlen nahm Broka damals Abstand. Aber die existierenden Regelungen in Lettland sehen nun mal nicht vor, dass SAB und DP ihre Entscheidungen öffentlich begründen müssen. - Die gegenwärtige Diskussion in Deutschland zeigt ja den umgekehrten Fall: hier geraten gerade die Begründungen für das Vorgehen eines Verfassungsschutzpräsidenten in den Fokus der Öffentlichkeit. (siehe Die Zeit u.a.)

Im März 2014 hatte es schon einen weiteren Minister der "Nationalen Vereinigung" (VL-TB/LNNK) erwischt: Umweltminister Einārs Cilinskis hatte darauf bestanden am Gedenkmarsch für die lettischen SS-Verbände am 16. März teilnehmen zu müssen - während die damalige Regierungschefin Straujuma vorher klar angekündigt hatte: mit mir nicht! Wer teilnimmt, muss gehen. Auch Broka hatte 2013 an diesem Marsch teilgenommen - ward 2014 dort aber nicht mehr gesehen.

Seitdem saß Broka bei der IBU vier Jahre lang im Rechtsausschuss des Verbandes.Die Wahl zur IBU-Vorsitzenden verlor sie mit 12:39 Stimmen klar.

Russland: "best enemy" oder "best friend"?

Nun grollt Baiba Broka. "Diese Wahl war eine der schmutzigsten Kampagnen die es im Sport je gegeben hat!" behauptet die Möchtegern-Präsidentin. "Mich hat sogar ein Journalist aus Deutschland angerufen und befragt," berichtet Armands Puče, Fernsehmoderator bei "Delfi-TV" (12.9.18). "Ich habe natürlich nicht geantwortet. Ich bin Lette, ich bin für unsere," betont der angeblich Bedrängte. 

"Baiba Broka gilt als Russland-freundlich", hatte auch ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt behauptet, und das Wahlergebnis als "Klatsche für die von Russland stark protegierte Kandidatin" bezeichnet. Ein Blick in die deutschsprachige Presse bringt einen erstaunlichen Mix an Themen zu Tage: "Broka muss sich mit Vorwürfen auseinandersetzen, die ihren angeblichen nationalistischen politischen Hintergrund und ihre angebliche Russland-Freundlichkeit angehen," notiert Claus Dieterle in einem Kommentar für die FAZ. Thomas Kistner bezeichnete Broka im Deutschlandfunk als "obskure Quereinsteigerin". Und die Süddeutsche Zeitung berichtet, wie auch einige andere deutsche Medien, Broka's Partei verteidige die SS-Gedenkmärsche in Riga. Die norwegische Presse zitierte den deutschen Biathlon-Erfolgstrainer Wolfgang Pichler mit den Worten: "Es macht mich traurig, dass sie einer rechtradikalen Organisation angehört die sich mit billigem Populismus auf der Grundlage 'Lettland den Letten' profiliert."

der neue IBU-Vorstand ohne Baiba: die lettische Kandidatin fiel durch

Unwählbar - mit wechselnder Begründung 

 

"Charmant, aber letztlich zu unerfahren", urteilte die "Sportschau". "Broka vertraute auf ihren Charme und referierte emotional ihre Herkunft und ihre Liebe zum Sport."
Was haben wir da also erlebt? Auch im Rückblick erscheint das Geschehen reichlich unsortiert: SS-Gedenkmärsche, und gleichzeitig "Russland-freundlich"? Auch das ZDF (Nils Kaben) bezeichnete Broka's Partei als "rechtpopulistisch". "Präsidentschaftskandidatin" Broka kam im ZDF auch selbst mit einem Statement zu Wort, Kaben bilanziert aber: "die Lettin Baiba Broka war durch sehr zweifelhafte rechtspopulistische Statements auch für die Deutschen unwählbar geworden." (ZDF 9.9.18)

Schaut man in die lettischen Medien ist zuerst auffällig, dass dort nirgendwo von der Kritik an den SS-Aufmärschen die Rede ist - die "schmutzige Kampagne" (Broka) wird ganz aufs für oder gegen Russland fokussiert. Allerdings ist aus lettischer Sicht genauso klar: Broka eine angebliche Unterstützung Russlands zu unterstellen, nützt am meisten ... Russland. Dieser Teil der verschiedenen Interessenlagen scheint schon mal gut gelungen zu sein - fast alle Westmedien haben es übernommen, ohne mehr als Gerüchte erwähnen zu können. Broka ist zurück in der lettischen Innenpolitik, und hier schadet ihr ein Vorwurf der "Kumpanei mit Russland" wesentlich mehr als das Thema "SS-Aufmärsche".

In vier Jahren könne sie ja nochmals kandidieren, signalisierte Broka gegenüber der lettischen Presse (NRA). Schon bei ihrer Kandidatur zum Rigaer Bürgermeisteramt wurden ihre Qualitäten als Juristin gelobt, aber fehlende Erfahrung bemängelt (diena). Manche hatten Broka 2013 auch noch mit einer beliebten Theaterschauspielerin gleichen Namens verwechselt. Bei der IBU wird 2022, in Riga 2021 wieder gewählt - mal sehen, ob und in welcher Rolle wir die sportliche Baiba dann wiedersehen.

6. September 2018

Weltliches, allzu weltliches

Schock für die Katholische Kirche Lettlands, kurz vor dem Papstbesuch: am 29. August wurden in Riga und Rēzekne drei Männer verhaftet. Sie sollen 60, 63 und 73 Jahre alt sein, darunter ein Geistlicher. Gleichzeitig fanden Hausdurchsuchungen statt, bei denen Daten von Videos und Fotos sichergestellt wurden. Der Vorwurf: Menschenhandel und sexuelle Gewaltanwendung durch Ausnutzung des Zustandes der Betroffenen. Als Opfer werden geistig Behinderte vermutet. Der Zugriff erfolgte durch eine Spezialabteilung der Polizei zur Bekämpfung organisierten Verbrechens (Organizētās noziedzības apkarošanas pārvaldes ONAP).

Der älteste der Festgenommenen ist ein katholischer Priester: Pāvels Zeiļa. Dieser ist zuständig für die Gemeinden im Regionalzentrum Rēzekne sowie Dukstigala und Prezma, kleinere Gemeindekirchen südlich davon. Zeiļa ist auch Vorsitzender des Vikariats der Marianer, einer römisch-katholischen Ordensgemeinschaft. Die Stadt Rēzekne verlieh Zeiļa 2005 sogar den Status eines Ehrenbürgers.


In einer Pressemitteilung gab die Katholische Kirche Lettlands bekannt, sie vertraue auf die Arbeit der Polizei und gehe selbstverständlich zunächst von der Unschuldvermutung aus, solange nicht ein Gericht anderes feststellen würde. Dainis Kašs, Vikar in Rēzekne und damit Kollege des Inhaftierten, zeigte sich gegenüber dem lettischen Fernsehen schockiert: "Ich kenne Probst Zeiļa schon 30 Jahre, immer nur im Guten. Nie etwas Unkorrektes, ich könnte mir das im Leben nicht vorstellen!" (lsm)

Das Besuchsprogramm von Papst Franziskus sieht vor, dass er nach seiner Ankunft am 22.September zunächst Vilnius und Kaunas in Litauen besucht, und am 24. September in Lettland erwartet wird. Per Helikopter soll er in Aglona einfliegen, 55km südlich von Rēzekne. Aglona gilt als Pilgerstätte der katholischen Kirche in Lettland.

5. September 2018

Lettische Demokratie - Klub der Hahnenkämpfe?

Eigentlich kann es niemanden überraschen: zwar gilt Lettland als ein Land, in dem (statistisch) verhältnismäßig viele Frauen in Leitungs- und Führungspositionen arbeiten, im Staatsapperat wie auch in der privaten Wirtschaft. Sei es wie es sei - in der Politik drängen offenbar nur die Männer nach vorn. Als am 3.September der online-Kanal "Delfi" alle diejenigen eingeladen hatte, die gerne nach den Wahlen am 6.Oktober lettischer Regierungschef werden wollen, da ergab sich eine reine Männerrunde: acht plus Moderator.

Die Rolle, die Vjačeslavs, Māris, Aldis, Roberts, Krišjānis, Artis, Jānis und Edvards jeweils für ihre Parteien spielen, werden in Lettland "Lokomotiven" genannt - auch weil nach einem früher geltenden Wahlgesetz die Spitzenleute überall gleichzeitig antreten konnten (inzwischen hat jeder nur seinen Wahlkreis). Eingeladen zu dieser Runde waren alle, deren Parteien gemäß aktuellen Umfragen mehr als 2,5% Wählerstimmen auf sich vereinigen können.

Eine gewissen Einseitigkeit ist auch abgesehen von der männlichen Dominanz festzustellen: sechs sind Ökonomen oder Juristen, aber  ausgerechnet einer der beiden anderen war schon Wirtschaftsminister. Ebenfalls sechs haben schon mehrfach die Partei gewechselt - ausnahmslos alle waren schon einmal mit mindestens einem der anderen Kandidaten früher in einer gemeinsamen Partei. Nur einer - und das ist ausgerechnet der amtierende Ministerpräsident - hat Berufsausbildung oder Studium noch zu Sowjetzeiten absolviert, vier der anderen haben Uniabschlüsse im Ausland.

Da passt ein aktueller Beitrag in der "Frankfurter Rundschau" sehr gut. Ein "widersprüchliches Verhältnis" zur Frauenemanzipation diagnostiziert Philologin Ausma Cimdina sogar ihren lettischen Geschlechtsgenossinnen.Auf den Kandidat/innen-Listen finden sich für die kommende Wahl 31,8% Frauen. Aber vielleicht eignen sich einfach lettische Politikerinnen nicht so sehr für die Schaukämpfe und Eifersüchteleien des Wahlkampfs; Frauen in lettischen Spitzenämtern der Politik gab es nie schon im ersten Anlauf. 1999 brauchte Vaira Vīķe-Freiberga sieben Wahlgänge um als Präsidentin gewählt zu werden, und setze sich dabei gegen fünf männliche und zwei weitere weibliche Kandidat/innen durch. Die Wiederwahl 2003 ging dann glatt.

Und auch Ministerpräsidentin Laimdota Straujuma kam eher aus der dritten Reihe. Als studierte Physikerin und Mathematikerin haben manche sie auch schon mit Angela Merkel verglichen, jedenfalls der wissenschaftlichen Prägung nach. Nachdem Ministerpräsident Valdis Dombrovskis 2014 plötzlich zurückgetreten war (Folgen des Einsturzes eines Supermarkts), traute Präsident Andris Bērziņš offenbar nur ihr - zu diesem Zeitpunkt Ministerin für Landwirtschaft - die Bildung einer mehrheitsfähigen Regierung zu.

Als eine, die immer gerne in die erste Reihe wollte, galt Solvita Āboltiņa. Dass sie zwei Jahre Justizministerin und dann Parlamentsvorsitzende war, galt immer nur als Stufe auf der Karriereleiter. Vielen galt sie geradezu als Sinnbild für öffentlich ausgetragene Rangkämpfe, auch weil nach lettischem Wahlrecht jede/r Wähler/in, der seine Stimme einer Parteiliste gibt, den Kandidat/innen zusätzlich noch plus und minus verteilen kann. 2014 wurde Āboltiņa wegen der Vielzahl von Minusstimmen 2014 nichts wieder ins Parlament gewählt - 27% aller Wähler/innen ihrer Liste vermerkten sie negativ. Dann verzog der vor ihr liegende Konkurrent plötzlich ins Ausland, und Solvita schnappte sich den Parlamentssitz doch. Spätestens ab diesem Moment trauten ihr die meisten alles zu: Kommissarin bei der EU in Brüssel, oder gar eine Kandidatur als Präsidentin. Āboltiņa galt als stark involviert, als Laimdota Straujuma 2016 zurücktrat und ihre Partei sich nicht über die Nachfolge einigen konnte. Am Ende stand der Parteiausschluß. 2017 legte sie ihr Mandat nieder und kehrte zurück in den diplomatischen Dienst, wo sie schon vor 2002 gearbeitet hatte. Seit einigen Wochen ist Solvita Āboltiņa nun lettische Botschafterin in Rom.

Also warten wir doch mal ruhig ab. So wenig wie zu erwarten ist, dass eine der 16 Parteien die absolute Mehrheit erringen wird, so wenig wahrscheinlich ist eine Regierungsbildung ohne komplizierte Koalitionsgespräche. Vielleicht heißt es dann hinterher: die Herren wollten gerne unter sich bleiben, aber dann kam es ganz anders.

31. August 2018

Migrierendes Returnierpotential

Wer sich für Lettland in Europa interessiert, und noch dazu etwas Lettisch versteht, wird sich vielleicht oft schon gewundert haben, wie sich Lettinnen und Letten eigentlich fühlen, die in anderen Ländern Europas leben. Aus lettischer Sicht drehen die Deutschen das Thema um: es wird darauf geschaut, wie viele Zuwanderer (= Flüchtlinge) Lettland aufnimmt. Die Bilanz ist jedenfalls klar im negativen Bereich: immer noch verlassen Lettinnen und Letten ihr Land, in erster Linie auf der Suche nach angemessen bezahlter Arbeit. Und die gegenwärtige lettische Regierung, deren Amtszeit in wenigen Wochen endet, sieht sich einem dauernden Vorwurf ausgesetzt: warum wird es großen Firmen so leicht gemacht, in Lettland Steuern zu sparen, Land zu kaufen, und die Verdienste daraus in die eigene Tasche zu stecken - wenn gleichzeitig eine große Zahl der eigenen Bürgerinnen und Bürger keine Möglichkeit finden im eigenen Lande zu überleben?

Weggegangen, vergessen?

Dabei scheint aber die Zeit vorbei, als den Arbeitsmigrant/innen nur moralische Vorwürfe und Anklagen hinterherhallten. Im Parlament wird ein "Diaspora likums" diskutiert - ein Gesetz zur Unterstützung von lettischen Volksgruppen im Ausland. Ein Vorhaben, das nicht unumstritten ist. Warum werden nicht diejenigen unterstützt, die im Lande blieben, fragen sich manche, statt dessen aber die anderen, die ja offenbar anderswo inzwischen eigentlich anderswo gut verdient und ein schönes Leben hatten?

Rund um das Gesetz gibt es viele Unklarheiten. Das fängt schon beim ersten Satz, in §1 des Gesetzentwurfs an: Diaspora, das seien hiernach "zu Lettland zugehörige Gemeinden oder Individuen, die sich zugehörig zu Lettland erklären" (ārpus Latvijas pastāvīgi dzīvojoša Latvijas piederīgo kopiena un indivīdi, kuri savu piederību saista ar Latviju). Gründe der Zugehörigheit bleiben unklar, werden auch nicht zur Kontrolle vorgesehen. Hier passt die Bezeichnung "Tautologie" im doppelten Sinne: ("Tauta" lettisch = Volk) so bin ich Lette, oder ich bin Lette. Vermieden wird hier, von "Abstammung", "lettischem Blut" oder von "Staatsbürger" zu reden. Lediglich §14 bekräftigt, dass die Regelungen zum Erwerb der Staatsbürgerschaft auch in der Diaspora bekannt gemacht werden sollen. 

Projekte schreiben, Gruppen leiten lernen:
Trainingslager fürs Netzwerken mit der Heimat
In §5, der die Aufgaben der neuen "Diaspora-Politik" beschreiben soll, ist zwar von einer "lettischen Identität" die Rede, die gestärkt werden soll. An anderen Stellen dagegen bleibt es bei "Lettland" - zum Beispiel wenn von besserer Zugänglichkeit der "Kultur, Kunst und Musik Lettlands" in Aussicht gestellt wird.

Wurzeln schlagen, Wurzeln erhalten

Die förderungswürdigen Aktivitäten allerdings wirken eindeutig: Vieles dreht sich um Kenntnisse der lettischen Sprache. Auch Veranstaltungen für Jugendliche und Kinder sollen gefördert werden, darunter Austauschprogramme von "Diaspora-Kindern" mit Partnern in Lettland.

Einige ungewöhnlich klingenden Ziele sind hier zu finden. So soll auch "Unternehmertätigkeit" von Letten im Ausland in die Förderprogramme des lettischen Wirtschaftsministeriums eingebunden werden, und zwar besonders dort, wo es um die Erhöhung der Exportquote Lettlands, die Gästezahlen im Tourismus, ausländische Investitionen in Lettland und neue Technologien geht. Ganze acht (!) Ministerien sollen in die Umsetzung des "Diaspora-Gesetzes" eingebunden werden: das Außen-, Innen-, Kultur-, Bildung-/Wissenschafts-, Wirtschafts-, das Umwelt-, Gesundheits- und das Wohlfahrtsministerium. Vor allem ein Bürokratie-Monster also? 

Zusätzlich werden auch einzelnen Städten und Gemeinden in Lettland eigene Möglichkeiten eingeräumt, selbst Maßnahmen zur Unterstützung der "Diaspora" zu treffen - auch wenn es lediglich um "informelle oder nicht registrierte Initiativgruppen oder Interessenvereinigungen" geht.

Viel Handlungsfreiheit also für diejenigen, die das Geld ausgeben und bewilligen. Die Gesamtkoordination soll ganz beim lettischen Außenministerium verbleiben - es bleibt also eine staatlich streng kontrollierte Unterstützung. Zwar soll ein "konsultativer Beirat" gebildet werden, über dessen Zusammensetzung entscheiden aber wiederum ausschließlich die staatlichen Behörden. Ebenso bleibt die Festsetzung der Prioritäten ganz in staatlicher Hand. Zwar sollen "Diasporas pārstāvji" (Vertreter der Diaspora) an der Umsetzung der Maßnahme "mitwirken" - gemeint sind dabei aber lediglich unverbindliche  "Möglichkeiten" - keine Rechte, nicht einmal demokratischen Strukturen der Beschlußfassung oder der Wahl von Vertretern sind vorgesehen.

Slogan von Lettlands gegenwärtig aktivsten "Remigranten"-
Organisation: "Mit der Erfahrung der Welt in Lettland"
In Kraft treten soll das Gesetz im Laufe des Jahres 2019. Im Mai 2018 wurde der Gesetzentwurf im lettischen Parlament (Saeima) eingebracht.
Schätzungen zufolge leben etwa 240.000 Lettinnen und Letten (ca.15%) inzwischen dauerhaft außerhalb der Grenzen Lettlands. Im Ausland lebenden Lett/innen soll in Zukunft erlaubt werden, eine zweite Kontaktadresse in Lettland anzumelden, auch wenn es nicht der ständige Wohnsitz ist.

Remigranten gesucht

Bereits gegründet wurde an der Lettischen Universität in Riga ein "Migrations- und Diaspora-Forschungszentrum" ( LU Diasporas un migrācijas pētījumu centrs). Dort wurden u.a. die Regelungen anderer Länder untersucht. Andere Untersuchungen nehmen die Kommunikationsstrukturen in den Fokus. Über 90% der 15-34-Jährigen Lett/innen im Ausland nutzen Facebook - an solche Quoten kommen auch rein Lettischsprachige Internetforen wie "draugiem" oder "Latviesi" nicht heran, auch bei den Älteren ist Facebook das meist genutzte Portal. 

Beliebte Form innerlettischen Austausches: mit "3x3"
sind hier Treffen von drei Generationen gemeint
Inzwischen werden eine Reihe Schulungen angeboten. Kurse für "Projektbeantragung und Leitungstraining" scheinen praktisch orientiert, da es ja in Zukunft Geld für Projekte geben soll. Andere Workshops sind überschrieben mit "Ich bin ein Lette", oder "Aufklärung über Fake News in Lettland".

Ob allerdings die gegenwärtige Diskussion um ein "Diaspora-Gesetz" wirklich praktische Veränderungen bringen wird, muss sich erst zeigen. Für Kritiker ist das Thema auch einfach ein Werbemittel der gegenwärtigen Regierungsparteien, um Lett/innen im Ausland zur Teilnahme an der Parlamentswahl im Oktober zu bewegen - 2014 beteiligten sich nur 26,4% der Auslandsletten. Wer nach dieser Wahl aber die Überlegungen weiterführen wird, muss sich dann zeigen. Schon jetzt ist erkennbar, dass einigen Parteien der Sturz der gegenwärtigen Regierung weitaus wichtiger wäre als die Umsetzung eines "Diaspora-Gesetzes" - denn nur die gegenwärtige Regierung sei schuld daran, dass so viele ins Ausland gehen.
In einem Punkt gibt es schon jetzt etwas Neues: in lettischen Wörterbüchern hat das Wort "Remigracija" (Rückkehr von Emigranten) neu Aufnahme gefunden.