10. Oktober 2017

Wagner-Dämmerung: Richard ist unser!

Wagnersaal – so wurde das Haus in der heutigen Riharda Vāgnera 4 (ehemals Königstraße) in Riga in der Zeit von 1988 bis 2007 genannt, als es in der obersten Etage als Konzertsaal betrieben wurde. Hier befand sich einst das erste deutsche Theater der Stadt, das Stadttheater Rigas, das einen Zuschauerstamm von etwa 3000 Personen gehabt haben soll, 1782 als Privattheater des Barons von Vietinghoff gegründet. Es wurde 1835 umgebaut und ab da privat gemeinschaftlich finanziert. Bürgerliche Deutsche, die sich hier trafen, hatten einen Kulturverein gründeten - die sogenannte "Musse". Treu Deutsch, das bedeutete damals: bei stetig bekräftigter Treue zum russischen Zaren. Beim Umbau waren die Trennwände zwischen den Logen eingerissen worden: das Ziel war Geselligkeit, nicht Privatheit, so sagen die Bauhistoriker. Als erster Direktor wurde ein Adeliger gewählt: Karl von Holtei, aus einer kurländischen Adelsfamilie stammend, der auch Schriftsteller war und unter anderem auch einen der ersten Kriminalgeschichten Europas hinterließ ("Mord in Riga").

Als Richard Wagner vom August 1837 an in Riga war, wohnte er anfangs in einer kleinen, im Winter sehr kalten Wohnung in der Kalēju iela. „Den Winter, mit welchem wir in das Jahr 1838 traten, brachten wir noch in einer engen, unfreundlichen Wohnung in der alten Stadt zu”, so beschrieb Wagner es in "Mein Leben". Am 1. September 1837 dirigierte er erstmals als Kapellmeister, 24 Jahre alt. Insgesamt dirigierte und inszenierte Wagner etwa 20 französische, italienische und deutsche Opern, darunter fünf Uraufführungen in Riga. Als aber dann die Ehefrau von Direktor von Holtei starb, reiste dieser aus Riga ab und kehrte nicht mehr zurück. Vielleicht wäre Wagner gern sein Nachfolger geworden - aber das Theaterkomittee holte lieber jemand anderen - und im März 1839 wurde Wagner dann auf Betreiben des Theater-Comitees entlassen.

Am 9. Juli 1839 brach Wagner mit seiner Frau per Kutsche aus Riga auf, ohne Paß - um nicht erkannt zu werden (als Sachse brauchte er außerhalb Sachsens einen Reisepaß). Mit dem Segelschoner "Thetis" ging es Richtung London und von dort weiter nach Paris. Die stürmische Überfahrt soll ihm Inspiration für den „Fliegenden Holländer“ gebracht haben. In Riga hatte er auch die Arbeit an seiner ersten Oper „Rienzi“ begonnen. Die Reaktion eines Rigensers beschrieb Wagner später so: „welcher erstaunt war, von den Erfolgen eines Menschen zu hören, von dessen Bedeutung man während eines zweijährigen Aufenthalts in der doch nicht sonderlich großen livischen Hauptstadt nicht das mindeste wahrgenommen hatte.“

Die Kronleuchter hängen zwar noch im
"Wagner-Saal" - aber das ganze Gebäude ist
heute dringend renovierungsbedürftig
Mit der Aufführung von Schillers "Wallenstein" wurde 1863 das neue Haus des Deutschen Theaters eröffnet, heute befindet sich dort die Lettische Nationaloper. Die "Gesellschaft der Musse" residierte noch bis 1940 in ihrem Gebäude, der ehemalige Theatersaal wurde mehrmals umgebaut. 1988 wurde dann die obere Etage des Gebäudes restauriert. Nun fanden hier Kammermusikkonzerte statt. Aber mit der Verschlechterung des technischen Zustands der Gebäude wurde das Konzertleben 2007 gestoppt - seitdem ist das Gebäude geschlossen worden.

Wagner-Demo in Riga am 3. Oktober
Technische Untersuchungen ergaben darauf, dass eigentlich umfangreiche Maßnahmen zur Verstärkung des Fundaments nötig wären. Hoffnungen auf eine staatliche Finanzhilfe zerschlugen sich 2013, als nach dem Brand im Rigaer Schloß klar wurde, dass dort größere Renovierungsarbeiten nötig sein würden. 2014 wurde dann eine Stiftung zur Renovierung des Wagner-Saals gegründet, die mit der "Richard Wagner-Gesellschaft Riga" (Rīgas Vāgnera biedrība) zusammenarbeitet. Verschiedene Ideen zur zukünftigen Rolle der renovierten Gebäudes wurden entwickelt - als eine der möglichen Varianten galt eine Ausstellung zur Musikgeschichte in Riga hier unterzubringen. Vorsitzender der Wagner-Gesellschaft ist Ex-Regierungschef Māris Gailis, der ebenso wie seine Frau, die Architektin Zaiga Gaile bereits viele andere Kulturprojekte in Riga angeschoben und realisiert hat.

... gar mancher Kopf sucht nun sich zu vergleichen ...
Schon 2012 hatte eine Kommission des lettischen Parlaments auf Initiative des Musikwissenschaftlers Arnolds Klotiņš das Gebäude besichtigt, aber seitdem war nicht viel passiert. Träume von einer Kooperation mit einem Partner aus der Industrie hatten sich bisher als bloße Luftschlösser erwiesen. Seit 2006 ist das Gebäude Eigentum eines staatlichen Immobilienfonds (Va/s Valsts nekustamie īpašumi VNĪ).

Vor einigen Tagen hatte eine "singende Demonstration" Aufsehen in Riga erregt (wie anders als "singend" können Demos in Lettland sein?); waren es "einige Dutzend" (wie einige deutsche Medien schreiben / Neue Musikzeitung / BR / 3sat / Deutschlandfunk), oder mehr? Jedenfalls waren die Gesänge wie üblich länger als die gehaltenen Reden - in der lettischen Presse war von "Hunderten von Chorsängern" die Rede. Eigentlich war es als "Flashmob" organisiert (lettisch = zibakcija). Unter dem "Hashtag" #VāgneRīga hatten sich Unterstützer/innen versammelt, allerdings nicht als Protestaktion, sondern eher wie ein "Wagner-Fanclub": unter der Leitung des Dirigenten Māris Sirmais, und mit kräftiger Unterstützung von Orchesterleiter Valdis Butāns und seines Blasorchesters "Riga". So waren dann auch Lieder aus Wagners "Tannhäuser" zu hören, und Wagners Urenkelin Eva Wagner-Pasquier war selbst zugegegen und zeigte sich gerührt. Beim lettischen Fernsehsender LTV war gar von "800 Sängerinnen und Sängern aus 50 verschiedenen Chören" die Rede.

Es zeigt sich, dass auch Ex-Politiker Gailis in seinen Bemühungen schon bis zu Bayreuther Politikern vorgedrungen ist (auch wenn dort die korrekte Schreibweise des Namens noch nicht ganz verstanden wird). Nun müsse allerdings die lettische Regierung noch die notwendigen Beschlüsse für eine finanzielle Unterstützung fassen. - Wagners Urenkelin selbst soll nun die Schirmherrschaft für das anstehende Renovierungsprojekt übernehmen (lsm). "Ich bin gerührt vom Enthusiasmus der Lettinnen und Letten für Musik und Gesang," sagte sie der lettischen Presse. Von Seiten der Kulturministerin Dace Melbārde war dazu bisher nur zu vernehmen, dass zunächst der Neubau eines Konzertsaals in Riga erste Priorität der Kulturpolitik sei. Für den Wagnersaal hoffe sie auf ein "Public-Private-Partnership"-Projekt, also eine Zusammenarbeit mit der Wirtschaft (lsm). Unter den verschiedenen Vorschlägen gibt es auch eine Idee, das Haus für 30 Jahre zur Nutzung an einen privaten Investor zu vergeben, wenn dieser einen Großteil der nötigen Renovierungskosten übernimmt.

6. Oktober 2017

Weniger "Jānis" und "Inese", mehr "Daniels" und "Sofija"

Wer in Deutschland Kurt, Karl-Heinz oder Franz-Josef heißt, wird vielleicht auch ohne Foto eine Vorstellung davon erzeugen, wie alt dieser Mensch ungefähr sein mag - vielleicht geht es denjenigen ähnlich, die einer Helga, Renate oder Gertrud begegnen. Auf Lettland übertragen, gibt es nun ebenfalls einen Leitfaden zu den populärsten Vornamen im Wandel der Zeiten, herausgegeben vom lettischen Statistikamt.

Da sehen wir schnell, dass auch der moderne Lette / die moderne Lettin ihren Sohn nicht mehr automatisch "Jānis" nennen will - auch wenn das Mitsommer-Feiern dann noch schöner wird. Immerhin hielt sich "Jānis" bis zur Jahrtausendwende auf Platz 1 der beliebtesten lettischen männlichen Vornamen. Gegenwärtig populär sind eher "Roberts", "Gustavs" und "Ralfs". Dahinter ist auch "Kārlis" wieder im Kommen - ein guter alter lettischer Name, wie auch "Artūrs". Bei den Mädchen und Frauen war früher mal "Anna" unangefochten, später gab es eine Zeit der "Kristīna's", "Anastazija's" und "Viktorija's" - heute ist tatsächlich "Sofija" auf dem Beliebtheits-Zenit.

Natürlich zieht die lettische Statistik auch Bilanz verschiedener Jahrzehnte. In den 70iger und 80iger Jahren war es die Zeit für "Inese", "Inga", "Ilze" und "Dace" - heute also alles gestandene Frauen. Bereits 1918 bis 1940 populär waren "Sofija", "Emīlija", "Marta", "Alise", "Katrīna" und Elza - allesamt feiern heute so etwas wie ihr Revival. Es gibt auch Benennungen nach Filmfiguren: wie "Lāsma", eine Rolle aus dem Filmklassiker “Limuzīns Jāņu nakts krāsā”, der 1981 Premiere hatte.

Eine statistische Spielerei: Lettlands
"Geschlechterkarte": je blauer, desto mehr
Übergewicht der Jungs unter den Neugeborenen,
je mehr Rot, desto mehr Mädchen
Und es gibt regionale Unterschiede: während in Vidzeme "Marta" heute ganz vorn in der Popularität liegt, drängen sich in Kurzeme auch noch "Sofija" und "Anna" unter die fünf beliebtesten, in Latgale aber auch "Viktorija", "Anastasija" und "Milana". Auf ganz Lettland gesehen, tauchte ein Name wie "Emīlija" früher nur in den 1920iger Jahren auf - um nun im neuen Jahrtausend es fast ganz nach oben zu schaffen. Außerdem haben die lettischen Statistiker herausgefunden, dass der Name "Monta" es in Vidzeme und Kurzeme in den 1990iger Jahren unter die 20 beliebtesten schaffte, während man ihn in Latgale vergeblich sucht.

Bei den männlichen Vornamen ist in Lettland gegenwärtig schon seit einigen Jahren "Daniels" der beliebteste (ohne "Jack", mögen Witzbolde vielleicht hinzufügen). Der gute alte "Jānis" übrigens wird von denjenigen lettischen Eltern, die im Ausland leben und arbeiten, nur noch auf einem Platz so um die siebzig geführt - öfter als im Heimatland tauchen hier "Nikola", "Mia" oder "Aleksandra" auf, bei den Jungs neuerdings die "Olivers", "Dominiks" oder "Davids".

Abschließend noch eine statistische Spielerei: gemäß den aktuellen Zahlen des lettischen Statistikamts ist der Überschuß an neugeborenen Mädchen in Varakļāni (75%), Vecpiebalga (68%), Kocēni (62%), Aizkraukles (61%) und Jaunpiebalga (60%) am höchsten. Dagegen werden in Aknīste (73%), Rugāja (69%), Naukšēni, Nīca und Alsunga (je 67%) weit überwiegend Jungs geboren.

1. Oktober 2017

Lettland und Katalonien

Ja, es gibt eine Verbindung zwischen Lettland und Katalonien. Es ist nicht nur der schnelle Gedanke, die Unabhängigkeitsbewegungen der baltischen Staaten könnten mit der Kataloniens verglichen werden - nein, es ist konkreter.

Es war Lettlands Ex-Premier Valdis Dombrovskis, der im September 2013 relativ beiläufig erklärte, Lettland könne sich prinzipiell vorstellen, die Unabhängigkeit Kataloniens anzuerkennen - nachdem die Katalanen eine 500km lange Menschenkette gebildet hatten als Symbol für ihr Bedürfnis nach Unabhängigkeit von Spanien. Die Reaktion aus Madrid erfolgte umgehend: der lettische Botschafter wurde zur Befragung zitiert. Auch vom damaligen litauischen Ministerpräsident Algirdas Butkēvičius waren ähnliche Äußerungen zu vernehmen gewesen (und Litauen hatte zu dieser Zeit die EU-Präsidentschaft). Eine Wiederholung des "Baltischen Wegs", diesmal innerhalb der Europäischen Union?

Von Dombrovskis und Butkēvičius waren danach Äußerungen zu hören wie etwa diese: sie seien stolz darauf, wenn der "Baltische Weg" andere Menschen inspiriere. Alles müsse aber in legalem Rahmen geschehen. Immerhin hatten beide eines erreicht: gab es vorher vielleicht Menschen in Katalonien, die nicht wußten wo sich die baltischen Staaten befinden - jetzt wurden sie aufmerksam. Und aus Spanien wurden Gerüchte gestreut, Dombrovskis habe 6 Millionen Euro Bestechungsgelder kassiert um eine Aussage zugunsten der Katalanen zu machen (Interviú).

"Es ist die Zeit gekommen" - auch in Katalonien werden
lettische Lieder gesungen
Sympathie findet Dombrovski auf Seiten der lettischen Presse. "Die 7,5 Millionen Katalanen sind ein großes Volk, mit ihrer eigenen Sprache, Geschichte und Identität," schreibt Otto Ozols in der "Latvijas Avize"."Während der Franco-Diktatur war es viele Jahre lang verboten, Bücher und Zeitschriften in Katalan herauszugeben. Die Sprache war lange verboten in Schulen und Hochschulen. Franco ließ katalonische Patrioten erschießen, ins Gefängnis werfen und trieb sie ins Exil. Wir dürfen nicht feige zusehen, wenn nun auch noch die Klatschpresse Lettland erniedrigt!" -

Sonst sind Korruptions-Vorwürfe und Schimpftiraden gegen eigene Politiker ja eher gewöhnlich in der lettischen Öffentlichkeit - in diesem Fall aber wachsen die kaum versteckten Sympathien für Katalonien nur noch weiter an. In einem aktuellen Kommentar bezeichnete Ozols die Versuche der spanischen Polizei, die Abstimmung zu verhindern, als "Angriffe wie im hybriden Krieg" (Delfi). Damit stellt Ozols Katalonien sogar der Ukraine gleich - ein Auspruch, den die Presseschau der Bundeszentrale f. pol. Bildung leider nur ungenau wiedergibt. Für Ozols ist die Sache einfach: "demokratische Prozesse können Europa nicht erschüttern, nur stärken".

Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt lettisch-katalonischen Gleichklangs. Beinahe im wahrsten Sinne des Wortes. Das hängt mit dem Lied "Saule. Pērkons. Daugava" zusammen, eines der beliebtesten Lieder auf den großen lettischen Sängerfesten. Die Worte des Textes stammen von Rainis, die Melodie vom lettischen Komponisten Martiņš Brauns. Seit einigen Jahren gibt es eine Version in katalanischer Sprache mit der Melodie von Brauns - "Ara és l'hora" (es ist an der Zeit) wurde zu einer der Hymnen der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, aufgeführt vom „Cor Jove de l’ Orfeó Català”; verwendet wurden Verse des katalanischen Dichters Miquel Martí i Pol.

Gelegentlich registrieren auch deutsche Journalisten dieses Lied bei den Katalanen, allerdings ohne seinen lettischen Ursprung (siehe FAZ, Junge Welt). Wer weiß, wie gerne Lettinnen und Letten singen wird ahnen können, wie nahe ihne die katalonische Unabhängigkeitsbewegung ist. "Die Katalanen haben zu den Spaniern dieselbe Beziehung wie wir Letten mit den Russen," so ließ sich Komponist Brauns in der Presse zitieren (Kas Jauns). Geld habe er aber für die Melodie von den Katalanen nicht genommen, so Brauns. "Lettland ist uns ein Beispiel für die Freiheit", das sagt Roger Albinyana, Beauftragter der katalanischen Regierung für "auswärtige Angelegenheiten", der lettischen Tageszeitung "Diena". Albinyana reist schon seit Monaten in der Welt umher um für die katalanischen Ideen zu werben. "Ich verstehe, dass Europa innere Stabilität haben möchte," sagt er, "die 7 Millionen Katalanen sehen in den baltischen Staaten unser Vorbild."

22. September 2017

Bäume im Gespräch

Wie geht es Lettland? Wie leben Lettinnen und Letten? Geht es nach der lettischen Regierung, soll demnächst nur noch fröhlich gefeiert werden - das hunderste Jahr seit Lettland erstmals unabhängig wurde.

"Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist" schrieb einst Berthold Brecht ("An die Nachgeborenen"). Vielleicht denken die lettischen Naturfreunde momentan ähnlich: 100 Jahre, gut und schön - aber ein Gespräch über Bäume muss möglich sein. "Was hat Ihrer Meinung nach den größten Wert in der lettischen Natur!" fragte der World Wildlife Fund Lettland ("Pasaules dabas fonds") und erntete von Dreiviertel aller Letten die Antwort: der Wald!

Umfrageergebnisse des WWF Lettland:
Wald und Küste wichtig für Lettinnen und Letten
"100 Kahlschläge" (100 Kailcirtes) lautet der Wahlspruch der aktuellen lettischen Naturschutzkampagne, der auf eine Gesetzesinitiative aus dem lettischen Landwirtschaftsministerium abzielt, der Kahlschläge auch in Wäldern an der Ostseeküste erlauben und den Durchschnittsdurchmesser der Bäume verringern will, ab dem ein Fällen erlaubt ist. Aber Kahlschlag zum 100.sten - dagegen wehren sich die Naturschutzaktivisten und starteten eine Unterschriftenkampange zugunsten der lettischen Wälder. Diese wird unterstützt vom Umweltschutzklub ("Vides Aizsardzības Klubs"), der "Grünen Freiheit" ("Zaļa brīviba"), dem lettische ornithologische Gesellschaft ("Latvijas Ornitoloģijas biedrība"), die lettische Naturschutzstiftung ("Latvijas Dabas Fonds"), der World Wildlife Fund ("Pasaules Dabas Fonds") und sogar von der lettischen Anglervereinigung ("Latvijas Makšķernieku asociācija").

Es ist nicht die einzige Initiative zum Schutz von Bäumen. Jegliche Waldarbeit möchte eine weitere Initiative für die Zeit der Vogelbrut unterbrochen haben, die auf dem Portal "Mana balss" ("Meine Stimme") um Unterstützung wirbt - über 5000 Menschen haben schon unterschrieben.

Aber auch im offiziellen Programm "Lettland 100" fehlen Bäume nicht. Dazu ist wichtig zu wissen, was "dižkoki" sind - den Begriff einfach mit "große, alte Bäume" zu übersetzen, wäre fast untertrieben, gemessen an der Verehrung die viele Lettinnen und Letten gegenüber prachtvollen Baumexemplaren haben. Dem entsprechend ist auch die Wortschöpfung "dizošana" eine Erläuterung wert: hier sollen die Teilnehmer/innen durch ein Fragespiel herausfinden, welchem Baum sie am ähnlichsten sind - um diesen dann auch in der freien Natur zu besuchen.

In diesem Zusammenhang ist es erstaunlich, dass in Lettland für jede Baumart genaue Kriterien gelten, ab welchem Stammdurchmesser ein Baum als "dižkoks" gelten kann: sind beim Wacholder nur 0,8m nötig, so muß eine Kiefer schon 2,5m Durchmesser haben, eine Eiche 4m und eine Pappel sogar 5m, um in diese besondere Kathegorie aufgenommen zu werden. Etwa 4000 solcher besonderen Bäume sind in Lettland bereits offiziell als Naturdenkmäler registriert worden - eine exakte Liste findet sich zum Beispiel im lettischen Wikipedia, bei der Naturschutzverwaltung, bei der Lettischen Stiftung zum Schutz des Naturerbes, oder bei Guntis Eniņš, dem besten Baumkenner Lettlands. Eniņš setzte sich bereits zu Sowjetzeiten für den Erhalt und Schutz alter Bäume ein und schaffte es, 900 alte Bäume selbst zu erfassen und registrieren zu lassen. So manche lettische Gemeinde wirbt auch touristisch mit ihrem Bestand an Baumriesen - wenn auch manchmal nur im lettischsprachigen Teil der Touristinfo. Beispiele: Ādaži, Alūksne, Jaunpils, Jēkabpils, Kandava, Liepāja, Mārupe, Talsi, und sicher noch viele weitere.

Die lettischen Naturfreunde - es gibt sie also noch. Zwar sind die großen Zeiten der lettischen Umweltschutzbewegung offenbar vergangen - aber ein naturnahes Leben ist für die meisten Lettinnen und Letten auch heute noch ein erstrebenswertes Ziel. Bleibt zu hoffen, dass auch in Zeiten der groß angelegten, auf bloße Geldvermehrung angelegten Ressourcenausbeutung die Naturwerte Lettlands nicht mit zerstört werden.

18. September 2017

Der Herr des Lichtschlosses

Welches ist der bekannteste lettische Architekt? Der Gast in Riga wird da vielleicht nur an den Jugendstil denken, mit Michail Eisenstein an der Spitze, auch weitere lettische Architekten. Aber darüber hinaus? Die neue lettische Nationalbibliothek hat zumindest einen weiteren Namen aus dieser Branche ins Bewußtsein der lettischen Öffentlichkeit fest eingraviert.

Als 18jähriger war Gunārs Gunivaldis Birkerts zunächst als Zwangsarbeiter nach Deutschland gelangt. Nach dem Krieg wurde er heimatlos, denn die Sowjetunion hatte das vorher unabhängige Lettland besetzt. Dennoch zeigte sich Birkerts bald als ziemlich zielstrebiger junger Mann: er studierte an der Technischen Hochschule Stuttgart, siedelte nach dem Schulabschluß 1949 in die USA über, heiratete 1950 und arbeitete in den Architekturbüros von "Perkins and Will", "Eero Saarinen" und "Minoru Yamasaki". 1959 begann er Vorlesungen an der Univerität Michigan zu besuchen, 1962 gründete er in Detroit sein eigenes Büro (bis 1962 als "Birkerts & Straub", dann "Gunnar Birkerts and Associates").

"Gerade Linien sehen immer sehr menschengemacht aus" zitiert ihn "Chicago Tribune", "wenn ich mit bewegenden Formen arbeiten kann, dann kann ich die Natur des Gebäudes ausdrücken." Auch einige seiner wichtigsten Werke stehen in den USA: die Minneapolis Federal Reserve Bank, fertigestellt 1973, die Bibliothek der Universität von Michigan (1981), der Rundbau der St. Petri Kirche in Columbus, Ind., oder das "Kemper Museum für Moderne Kunst" in Kansas City und das Museum für Moderne Kunst in Houston. Das Bauhaus habe er studiert in Deutschland, sich dann inspirieren lassen von Alvar Aalto und Eero Saarinen, um dann seinen eigenen Stil zu finden, sagen Fachleute. 1962 hatte Birkerts eine Reise nach Finnland unternommen. Auch mit dem Werk des Antrophosophen Rudolf Steiner hat sich Birkerts anfangs auseinandergesetzt. Faszinierend an vielen Bauten von Birkerts ist nicht nur die äussere Form, sondern auch die Lichtwirkung innen. Er wollte Tageslicht so weit wie möglich nach innen bringen, arbeitete auch mit Reflektoren und Oberlichtern, auch mit dem Ziel eines effektiven Einsatzes von Energie. Seine Hand­skiz­zen er­in­nerten manchen an organische Struk­tu­ren wie z.B. Blat­trip­pen; der Weg führte weg von der Geometrie, es ent­ste­hen Ge­bäude und De­tails mit ge­run­de­ten, ge­schwun­ge­nen und viel­fach seg­men­tier­ten Grund­ris­sen.

Aber die Nationalbibliothek Lettlands in Riga, auch Schloss des Lichts ("Gaismas pils") genannt, war immer ein Projekt, das Birkerts besonders am Herzen lag. Von der ersten Idee bis zum fertigen Gebäude vergingen ganze 25 Jahre. Es gelang ihm seinen Traum von der hier schlafenden Prinzessin als Symbol der Freiheit, die hier wachgeküsst wird (nach dem Märchen "Das goldene Pferd" von Rainis) Gestalt werden zu lassen. So wird auch in den lettischsprachigen Nachrufen betont, Birkerts sei auch beeinflusst gewesen von seinen Eltern - einer Sprachwissenschaftlerin und einem Kulturwissenschaftler. Birkerts spielte in seiner Jugend Geige und Klavier und sang in einem Chor - das Klavier, auf dem er in seiner Jugend spielte, ist heute im 11.Stock der Nationalbibliothek ausgestellt. Als Kind stattete er zusammen mit seiner Mutter auch Ranis Besuche ab: "Vor Aspazija fürchtete ich mich ein wenig, sie war eher nervös, aber bei Rainis saß ich auf dem Schoß und bestaunte die Welt," zitiert die Tageszeitung "Diena" Aussagen des Architekten.

Erst kürzlich hatte Birkerts den "Library Building Award" der US-amerikanischen Architektenkammer verliehen bekommen. In Lettland bekam er 1995 den "Drei-Sterne-Orden" (Triju Zvaigžņu ordenis) für sein Lebenswerk. Über 300 Gebäude sind nach Birkerts Plänen projektiert und errichtet worden.

Gunārs Birkerts starb am 15. August 2017 in Boston, USA, wo er nahe seinen Söhnen und Enkeln zuletzt lebte. Er hinterlässt seine Frau Sylvia (geborene Zvirbulis), drei Kinder (Sven, Erik und Andra) und sieben Enkel.

Siehe auch:
Chicago Tribune, New York Times,USAToday, Washington Post, Artforum, Michigan Modern, Swiss Architekts

Gunnar Birkerts: National Library of Latvia. Axel Menges Verlag, Stuttgart 2015.

4. September 2017

Sturm über Neubad - eine lettische Legende

Bildquelle: zudusilatvija.lv
Eine der schlimmsten Schiffskatastrophen Lettlands ereignete sich am 9. September 1926, als nördlich der Daugavamündung der Passagierdampfer "Neubad" (Neibāde) sank. Das Schiff war trotz einer Sturmwarnung gestartet, damals gab es eine Schiffsverbindung zwischen Riga und Ainaži. Solche Schiffsverbindungen gab es zu dieser Zeit viele - denn die Straßenverbindungen damals waren schlecht.

Auf der ("Neubad") befanden sich zum Zeitpunkt des Unglücks 39 Passagiere, dazu 11 Personen Schiffspersonal und eine Ladung von 45 Tonnen (allerdings schwanken die Passagierzahlen und Anzahl der Geretteten je nach Quelle).
Lettisch Chronisten wissen außerdem zu berichten, dass an Bord der Steuermann Mārtiņš Erdmanis war, dazu zwei Maschinisten, Heizer und vier Matrosen (siehe Tvnet). Morgens um sieben Uhr hatte das Schiff Riga verlassen, mit ungefähr 30 Passagieren an Bord. In Vecmīlgrāvis stiegen 8 zu. Als das Schiff den Leuchtturm von Daugavgrīva passiert hatte, nahmen die Windböen zu.Der Kapitän versuchte noch, das Schiff wenden zu lassen und auf eine Sandbank zu setzen - aber zu spät. Nicht weit von dem Ort Vecāķi sank die "Neubad" sehr schnell - innerhalb von nur 15 Minuten, wie zwei Fischer vom Strand aus beobachteten. Der Schlepper "Canders" versuchte noch Menschen zu retten, aber konnte nicht so nahe an die Küste heranfahren, und war auch erst zwei Stunden später vor Ort. Einige Menschen konnten zunächst Sandbänke vor der Küste erreichen, wo sie allerdings, übermüdet und entkräftet, wieder von Wellen überspült wurden.

Bildquelle: nekropole.info
Als dann die erste Leiche am Strand gefunden wurde - die 39 Jahre alte Marta Kraukle - versuchten Fischer zusammen mit einigen Polizisten sie wiederzubeleben, leider erfolglos. Ärzte befanden sich keine vor Ort und mussten erst aus Riga gerufen werden, und die Rettungsstation in Vecāķi war zu dieser Zeit wegen Finanzierungsproblemen nicht in Betrieb. Bis zum Abend wurden bereits 25 Leichen angespült, darunter auch der Steuermann Mārtiņš Erdmanis.

Die Ursachen des raschen Untergangs wurden nie ganz geklärt. Eine Untersuchungskommission meinte zunächst, auf der rechten Seite des Schiffes hätten Bullaugen offen gestanden - als das Wrack jedoch 12 Jahre später gehoben wurde, fand man diese allesamt geschlossen. Wahrscheinlicher ist, dass technische Mängel und menschliche Unachtsamkeit die Ursachen waren.
Das Schiff hatte unter dem erfahrenen Kapitän Gustavs Lielkalns im Sommer 1926 schon vorher viele Fahrten ohne Probleme absolviert. Der Dampfer betrieb die Schiffsverbindung zwischen Rīga und Ainaži, weitere Haltepunkte auf diesem Weg waren Vecmīlgrāvis, Pabaži, Saulkrasti (das damals noch deutsch "Neubad" hieß), Skulte, Dunte, Liepupe, Vitrupe und Salacgrīva. Solche Schiffsverbindungen gab es damals zwischen April und September täglich - an der Mündung des Ķīšupe, nördlich Saulkrasti, war eigens dafür ein Anleger errichtet worden. 

Das Schiff befand sich damals im Eigentum der Schifffahrts-AG "Kaija" ("Möve"). 1908 war es auf der Rigaer Werft der "Lange & Sohn" gebaut worden, eine Werft die 1870 noch unter dem Namen "A. Lange & J. Skuye" gegründet wurde und wo bis 1912 ganze 232 Schiffe gebaut wurden (zudusilatvija)! "Neubad" hatte 95,3 BRT, war 24,5 m lang, hatte einen Tiefgang von 2,60m und war bis zum 1.Weltkrieg im Besitz von Baron Pistohlkors, dem auch das in der Nähe von "Neubad" liegende Gut Koltzen (heute: Schloß Bīriņi) gehörte, und der viel in die Entwicklung des damaligen Kurortes investierte.

Kapitän Lielkalns überlebte übrigens das Unglück - er war schon sehr schnell ins Wasser gesprungen (oder über Bord gespült) und konnte sich an Land retten. Insgesamt waren es acht Überlebende: Jānis Lielkalns, der Bruder des Kapitäns, sowie weitere zwei Männer und vier Frauen. Eine dieser Frauen belastete den Kapitän - er habe sehr schnell das Schiff verlassen. Lielkalns wurde zunächst festgenommen, denn auch die Beladung des Schiffes hatte er nicht überwacht. Er wurde zu Geldzahlungen an die Hinterbliebenen verurteilt, aber das Urteil brauchte lange um durch alle Instanzen bestätigt zu werden. Lielkalns fuhr inzwischen wieder zur See und steuerte 1929 die "Laima", die auf See spurlos verschwand.
Bis 1936 waren Spenden gesammelt worden zur Errichtung eines Denkmals am Strand von Vecāķi - allerdings reichten die bis dahin gesammlten 800 Lat nicht aus, und so wurde das Geld einem Anwalt übergeben, der es der lettischen Seefahrtsschule zu Gute kommen lassen sollte.
(Infoquellen: Valdis Bērziņš / Tvnet, Zudusilatvija, / nekropole / Latvijas Avize)

Heute kennen noch viele das Lied vom "Schiff Neubade", singen und tanzen fröhlich danach - der angeblich geschmuggelte "schwedische Schnaps", den die damals in den USA lebenden Exil-Musiker der "Chicago Fünf" hinzufügten als sie sich einen Text ausdachten, ist wohl eine weitere Versuch der Verschönerung dieser Legende  (Quelle: dziesmas.lv, oder "Čikāgas piecīši", nach einer Melodie von Woody Guthrie, Text Ilmārs Dzenis)

Kuģis Neibāde (Das Schiff Neubad)
Vai tev atmiņā vēl mazais kuģis Neibāde, (erinnerst du dich an das kleine Schiff Neubad?)
Kas no Rīgas uz Saulkrastiem reiz bij satiksmē? (das einst von Riga nach Saulkrasti verkehrte?)
Būvēts gadsimtu Rīgā un ūdenī laists, (gebaut in Riga und zu Wasser gelassen)
Tas spītēja vējiem, tas bija jauns un skaists! (es trotzte dem Wind, es war jung und schön!)


Piedz. (Refrain)
Vai tu atceries vēl, (erinnerst du dich noch?)
Vai tu atceries vēl kuģi Neibāde, (erinnerst du noch das Schiff Neubad)
Baltijas viļņus kas šķeļ ? (welches die Wellen des Baltikums zerteilte?)


Brauca lielkungi, baroni, rēderi ar,  (es fuhren Herren, Barone, auch Reeder)
Brauca zemnieki, kalpi un rokpeļņu bari, (es fuhren Bauern, Diener, viele Tagelöhner)
Lai vai kā kuro reizi, das vedams nu bij’, (was auch immer jedes Mal mitgeführt wurde)
Reiz siļķes, reiz milti, reiz kokvilnas dzijas. (mal Heringe, mal Mehl, mal Baumwollgarn)


Ilgus gadus tas dienēja - lietus vai sniegs, (lange Jahre diente es - im Regen oder Schnee)
Bija apkalpes lepnums un kapteiņa prieks. (zum Stolz der Bediensteten, zur Freude des Kapitäns)
Cauri vētrām to vadīja zvaigznes, kas mirdz, (durch die Stürme leiteten die Sterne, die strahlten)
Bija mājvieta tiem, kam pēc jūras alkst sirds. (es war ein Zuhause denen das Herz für das Meer schlug)


Kādā rudeņa naktī bij septembris spriegs, (In einer intensiven Herbstnacht war September)
Kuģī Neibādē lādēts bij Zviedrijas spirts. (hatte Neubad schwedischen Schnaps geladen)
Lūkas aizmirstas, atstātas vaļā tās bij’, (die Luken wurden vergessen, standen offen)
Viļņi augsti un ūdens drīz iekšā tur lij’. (die Wellen schlugen hoch, und das Wasser dran bald ein)


Spēji sasvērās kuģis un sāka tas grimt, (das schwere Schiff begann zu sinken)
Visur kliedzieni, panika nestāja rimt. (überall Schreie, die Panik verging nicht)
Nedaudz mirkļu un ūdeņu dziļu tas ņemts, (einige Augenblicke und das tiefe Wasser nimmt es)
Tikai retam šai naktī bij izglābties lemts.  (nur selten in dieser Nacht wurde Rettung beschlossen)


Ļaudis gaidīja ostā, kad kuģis reiz brauks. (So warten die Menschen im Hafen, wann das Schiff fährt)
Velti raudzījās tālē gan radinieks, gan draugs, (Umsonst weint in der Ferne der Verwandte, der Freund)
Tikai pelēkie viļņi un vējš brāzieniem (nur die grauen Wellen und die Windstöße)
Likās stāstām par Neibādes likteni tiem.  (konnten ihnen vom Schicksal Neubads erzählen)

28. August 2017

Zeitzeuge aus Riga: Vollendung eines Lebenswerkes

Mit diesem Foto erinnert die
US-amerikanische Flüchtlingsinitiative HIAS
an einen ihrer aktiven Unterstützer: "Max
schaffte es, eine Geschichte von Leid und
vielen Qualen in eine Verpflichtung zu
Gerechtigkeit und Unterstützung für
die Schwachen und Machtlosen
zu verwandeln", schreibt die Initiative zum
Gedenken.
In den USA war er einer der engagiertesten Zeitzeugen des Holocaust in Lettland: Max Michelson, 1924 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Riga geboren. Die Familie war 1920 ins unabhängig gewordene Lettland zurückgekehrt, von wo sie 1915 wegen der Kriegsereignisse geflohen war. Der Vater Dietrich-David (geboren 1879 in Riga) und die Mutter Erna Griliches (geboren 1890 in Wilna) waren beiden keine orthodoxen Juden, fühlten sich aber sehr verbunden mit den verschiedenen jüdischen Gruppierungen in Riga, die Michelson in seinen Erinnerungen eindrucksvoll beschreibt.

Michelson war 15 Jahre alt, als Nazi-Deutschland Lettland besetzte. „Übernacht wurden wir nicht mehr als Menschen angesehen“, erzählte  er einmal. Er verlor seine gesamte Familie und überlebte selbst drei Konzentrationslager nur knapp. Zwei Jahre nachdem er 1945 durch Einheiten der US-Armee aus dem KZ befreit wurde, übersiedelte er in die USA.

Michelson hielt bis ins hohe Alter im wieder Vorträge an Schulen und setzte sich sowohl für rückhaltlose Aufklärung über die begangenen Verbrechen, wie auch für Versöhnung und gemeinsames Arbeit für eine bessere Zukunft ein. Er arbeitete auch zusammen mit Wissenschaftlern in Lettland, wie auch dem Lettischen Staatsarchiv. Außerdem engagierte er sich auch für Flüchtlinge aus Syrien. Auf Deutsch liegt sein Buch "Stadt des Lebens, Stadt des Sterbens - Erinnerungen an Riga" vor, dessen Manuskript Michelson zusammen mit seinem Sohn Gregory erarbeitete, und das 2007 in deutscher Fassung im Psychosozial-Verlag erschien.
Vor vier Jahren, im August 2013, war er mit Unterstützung der Schwarzkopf-Stiftung auch in einem Gymnasium in Berlin zu Gast gewesen.

Max Michelson starb am 10. August 2017 im Alter von 92 Jahren.
Leo Michelson, dem ein eigenes Kunstmuseum in Marshall, Texas gewidet ist, war ein Onkel von Max Michelson.

17. August 2017

Alles in Butter?

Lettland importiert Deutsches

Aus Sicht der deutschen Wirtschaft ist es offenbar ganz einfach: "Konsumwachstum steigert Importbedarf", so formuliert es die GTAI (Germany Trade and Invest) in ihrer aktuellen Analyse zur Wirtschaftslage in Lettland. Gemeint ist damit allerdings nicht nur privater Konsum, sondern vor allem Wachstum in Industrie und Bauwesen. 2016 stiegen die Warenlieferungen deutscher Unternehmen nach Lettland gegenüber dem Vorjahr um 6,7%; dazu werden auch noch die Erneuerung der Flugzeugflotte beim nationalen Carrier kommen, so die Prognose. Durch Fachkräftemangel sei ein relativ starker Anstieg des Reallohnwachstums von 2,7% ausgelöst (nach der Slowakei das höchste in der EU) - so sehen es die deutschen Wirtschaftsvertreter. Die realen Zahlen sagen aber auch, dass der rein statistisches "Durchschnittslohn" in Lettland weiterhin bei nur etwa 850 Euro liegt, bei einem gesetzlichen Mindestlohn von 380 Euro (= 2,25 € pro Stunde).

Dennoch stellen mit 11,3% die Lebensmittel die zweitgrößte Gruppe der Einfuhrgüter dar (GTAI Wirtschaftsdaten). Aus deutscher Sicht: größte Warengruppen aus Deutschland eingeführt nach Lettland sind Holz 15%, Rohstoffe 14,7%, Nahrungsmittel 9,3%,Kfz und -Teile 7,3%, Textilien und Bekleidung 6,4%. Deutschland ist mit 12,% Anteil (insgesamt) das zweitwichtigste Lieferland - aber nur 6,9% der lettischen Exporte gehen nach Deutschland.


Regionale Produkte? Ja gerne, aber wo?

In ihrem Bestreben, möglichst einheimische, regionale Produkte zu kaufen, sahen sich die lettischen Verbraucher den vergangenen Jahren vor allem drei Varianten: entweder Läden der Kette RIMI - manche stufen sie als "lettisch" ein, dahinter steht jedoch der schwedische ICA-Konzern. MAXIMA, der Konkurrent, ist in litauischem Besitz. Die dritte Einkaufsmöglichkeit ist die Nutzung von Märkten - der größte davon nahe des Hauptbahnhofs in Riga. Für die meisten lettischen Verbraucher ist die Situation also genauso wie in Deutschland: die EU-Regelungen zur Milchproduktion sowie die Rahmenbedingungen der großen, international vernetzten Lebensmitteldiscounterbestimmen den Markt. Als Resultat steht ein Absurdum: im Land der niedrigsten Löhne regiert die höchste Preisniveau.

Die lettische Kette RIMI bietet das günstigste Päckchen Butter derzeit für 8,28€ pro kg an, also 2,07€ pro 250g = 28Cent über dem Preis, den die Deutschen in Deutschland als "viel zu hoch" empfinden - und dabei ist noch nicht gesagt, wo diese Butter eigentlich herkommt. Nimmt man eine der qualititiv guten lettischen Marken wie etwa "Cesvaines", so muss der RIMI-Kunde hier sogar 3,04€ hinblättern (250g).Litauische Butter ("Annele") liegt mit 2,99€ nur knapp darunter. Der Konkurrent, die (litauische) Kette MAXIMA bietet in Lettland litauische Billigbutter der Marke "Farmmilk" kurzfristig sogar für 1,79€ an. "Annele" liegt hier bei 2,49€, "Cesvaines" bei 2,99€. Zusammenfassend kann man wohl sagen: wer einfach im nächsten Laden in Lettland Butter kauft, wird 2-3 Euro pro 250g-Päckchen auf den Tisch legen müssen. Man könnte auch sagen: Lettinnen und Letten müssen für ein Päckchen Butter oft schon eine Stunde (Mindestlohn) oder 25 Minuten (Durchschnitt) arbeiten. Jetzt kann sich zum Vergleich bitte jede/r Deutsche den Vergleich selbst ausrechnen.

Mit Hilfe eines eigenen Labels (mit dem
Löffelchen) versuchen lettische Lebensmittel-
hersteller, die lettischen Kund/innen zum Kauf
einheimischer Produkte zu bewegen
Laut Auskunft der Vereinigung der Händler Lettlands (Latvijas Tirgotāju asociācijas - LTA) und ist der Butterpreis in Lettland im Mittel von 8,35€ im Jahr 2016 auf gegenwärtig 13,10€ pro Kilo gestiegen (+53%) (siehe Delfi). Eines ist offenbar: Lettland kann sich nicht abkoppeln von der europäischen Preisentwicklung, auch wenn manch stolzer Lette gerne darauf verweist, dass schon in den 1930iger Jahren Butter aus Lettland als eines der hochwertigsten Produkte der ganzen Branche galt, so dass damals manch teures Hotel in Berlin mit der Verwendung von "lettischer Butter" warb. Auf dem internationalen Markt ist "lettische Butter" bisher kein eigenständiges Label, und auf dem lettischen Markt möchten ja gerade die Milchbauern nicht auf dringend nötige Einkünfte verzichten.

Dace Ozola, Sprecherin der lettischen Milchbauernvereinigung (Piensaimnieku asociācija), nennt außer der gesunkenen Milchproduktion in der EU auch noch zwei andere Gründe für die Situation: einerseits liege es in der USA im Trend, doch wieder Butter als Naturprodukt zu verwenden, und andererseits sei jetzt auch der chinesische Markt geöffnet (lsm). Jedenfalls seien auch für die lettischen Herstellerfirmen die Zeiten vorbei, wo sie noch um Exportmärkte im Ausland kämpfen mussten. Produkte aus Cesvaine zum Beispiel gehen nach Skandinavien, aber auch nach Isreal, Großbritannien und Australien. Um aber den einheimischen Bedarf zu decken bzw. stabil zu halten, geben einzelne Hersteller zu, wird Butterfett im Ausland eingekauft um dann damit "lettische Butter" zu produzieren.

Neue Marktteilnehmer, neue Ängste

"Demokrātiskāk" nennt der Lette einen Preis, den er akzeptabel findet - wörtlich übersetzt: "demokratischer". Ausgerechnet jetzt möchte auch die deutsche Lidl-Kette den lettischen Markt erobern. Die lettischen Verbraucher erwarten davon offenbar einen Art von "Zwang zum Kauf von schlechter Qualität aus dem Ausland" - viele Kommentare in den Internetforen gehen in diese Richtung. Nachdem LIDL schon einmal, vor zehn Jahren, einen Markteinstieg versuchte und damals daran scheiterte, dass einfach alle günstigen Flächen schon an andere Nutzer vergeben waren, steht diesmal der Einstieg eines zusätzlichen Mitbewerbers unter den Discountern in Lettland unmittelbar bevor.

Als am 2.Juni 2016 die ersten LIDL-Läden in Litauen eröffneten, gab es lange Schlangen und einen riesiegen Medienhype. LIDL wirbt in Litauen damit, dass etwa die Hälfte aller angebotenen Artikel aus Litauen stammen sollen.
Eine Reporterin der lettischen Zeitung "Latvijas Avize" ist schon mal in Litauen gewesen und hat sich in den dortigen neuen Lidl-Läden umgesehen. Butter sei dort für 7,75€ und 8,33€ pro kg zu haben gewesen (= 1,94€ / 2,08€ pro 250g). Am günstigsten sei aber die Butter der Marke "Pilos" gewesen (5,83€ / 1,46€), ein Label unter dem LIDL Litauen Produkte aus Litauen vermarktet. Allerdings fand die lettische Journalistin auch bei "Aibe", einem Konkurrenten von LIDL in Litauen, mit Preisen um 2,20€ (250g) vergleichsweise günstige Butter (für lettische Verhältnisse).

Heute noch ein Stück Grün zwischen tristen
Wohnblocks, morgen schon "Lidl-Land"?
Baugelände im Nordosten Rigas
Willkommen also, LIDL in Lettland? Vorteil oder Nachteil für die heimischen Produkte? Einige Kommentare weisen auch darauf hin, dass die Mehrwertsteuer auf Butter in Deutschland 7%, in Lettland aber auf 21% angesetzt sei. Laila Vārtukapteine von der Lebensmittelkette "ELVI Latvija", die hauptsächlich nach dem Franchising-Prinzip arbeitet, sieht in LIDL nicht nur neue Konkurrenz, sondern auch einen "massenweisen Import von Billigprodukten aus dem Ausland" (delfi). ELVI wirbt mit dem Slogan "Wir sind national gesinnte Kleinhändler mit lettischem Herzen".

Aber es gibt auch andere Probleme vor dem LIDL-Start. Auf dem Grundstück der Dzelzavas ielā 75b in Riga, wo LIDL den Start in der lettischen Hauptstadt plant, müssten für einen Neubau viele Bäume gefällt werden. Das Grundstück ist kürzlich von der "MMS Property" erworben worden, einer Tochterfirma der deutschen "CE - Beteiligungs GmbH". Da gibt es auch Anmerkungen, dass schon zu Sowjetzeiten versucht wurde, dieses Stück Grün zuzuplanen - damals wurde es von den Anwohnern verhindert, heute wird es LIDL erlaubt. Da hilft es auch wenig, wenn der - bisher nicht als Umweltschützer bekannte - Bürgermeister Užakovs verspricht sich dafür einzusetzen dass möglichst viele Bäume stehen bleiben können. Das zuständige städtische Komittee hatte die Fällung bereits abgenickt, und zwar von (und hier wurde von Naturfreunden, zusammen mit dem Stadtrat, genau gezählt) 6 Ahornbäume, 12 Linden, 3 Fichten, 1 Rosskastanie, 5 Birken, 1 Trauerweide, 1 Eberesche und 1 Ulme.

Die Protestierenden haben sich unter der Facebook-Gruppe "Stop Lidl" zusammengeschlossen. Dort werden unter anderem LIDL-Werbeanzeigen aus Deutschland und aus Litauen verglichen: identische Produkte, höhere Preise (in Litauen). Andere Kritiker weisen darauf hin, dass nur durch günstige Kredite der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) LIDL überhaupt in der Lage sei, den osteuropäischen Markt zu erschließen (pietiek.com). "Mehr Investitionen, gut und schön", schreibt Juristin Laima Lancmane, "aber wo zunächst ein paar neue, mit EU-Geldern gebaute Gebäude ein paar Euro mehr kommunale Steuern einbringen werden, dürfte auch klar sein, dass andere vom Markt verdrängt werden. Damit geht der Effekt dann gegen Null."

Immer fein nach Art der alten Rittersleut' - so sieht es
Karikaturist Gatis Šļūka
Tatsache ist: noch mehr Werbung braucht LIDL in Lettland gegenwärtig nicht. Wie auch die Journalisten der "Latvijas Avize" bei einem Besuch im grenznahen Šiauliai (Litauen) feststellten, spricht schon jeder dritte Kunde im dortigen LIDL lettisch. Die meisten Kundinnen und Kunden warten offenbar nur darauf, dass die Anfahrtswege kürzer werden.

Da bleibt nur zu hoffen, dass es weiterhin "demokratischer" zugeht in Lettland. Die deutschen LIDL-Manager werden vielleicht bald die Feinheiten der lettischen Sprichwörter kennenlernen, die sich um die Butter drehen: "Dzīvē iet kā pa sviestu” (das Leben geht wie auf Butter = alles geht glatt) ist dabei etwas völlig anderes als „kas tas par sviestu!” (was ist das für Butter! = Unsinn / Durcheinander).

4. August 2017

Rigas größte Schiffskatastrophe

Als im November 2011 in Riga ein Supermarkt einstürzte, hieß es wiederholt in der Presse: Lettlands größtes Unglück seit dem Untergang der Majakowski. Doch was hat es mit diesem Schiff, das den Namen eines Dichters trug, eigentlich auf sich?

An einem heißen Tag im August

Die zweite große Schiffskatastrophe in Lettland ereignete sich in der Sowjetzeit. Der Dampfer "Majakovskis" war auf der Fahrt in Richtung "Mežapark". Ein großes Gedränge von Menschen löste den Untergang aus, und verursachte den Tod von 147 Menschen, darunter 48 Kinder. Auch dieses Schiff war auf der Werft "Lange & Sohn" gebaut worden; 25 Meter lang, zunächst mit dem Namen "Vilnis" (Welle).

1940 war "Vilnis" verstaatlicht worden und kursierte Ende des 2.Weltkriegs sogar zwischen Lettland und Schweden, transportierte möglicherweise auch Flüchtlinge. In der Nachkriegszeit kursierte das Schiff kurz zwischen Skandinavien und Tallinn, um dann in den Heimathafen Riga zurückzukehren.

Aufgrund des Alters und schlechten technischen Zustandes wurde auf der Rigaer Schiffswerft (am anderen Daugava-Ufer, zwischen dem späteren Pressehaus und Hotel Radisson) eine Reparatur vorgenommen. Damals erzählte man, das alte Schiff sei bereits zweimal gesunken: einmal 1912 und einmal 1937. Ausgebessert wurden nun sowohl die Stahlhülle, Kessel und die Dampfmaschine wurden ausgetauscht, Sanitäreinrichtungen eingebaut, alles mit einem Metalldach überzogen, darauf weitere Aufbauten - alles zusammen kostete 400.000 Rubel. Nach diesem Umbau bekam das Schiff den Namen "Majakovskis". In Betrieb genommen wurde es am 1. August 1950. 14 Personen Besatzung sollten den Betrieb sicherstellen, einschließlich Kellner/innen fürs Buffet und Fahrkartenkontrolleure. Die Passagierzahl sollte von 200 auf 175 verringert werden, später bis 150, da durch zusätzliche Aufbauten der Schiffskörper schwerer geworden war und auch der Schwerpunkt des Schiffes sich verändert hatte.

Ein tragischer Feiertag

Am 6. August nahm die "Majakovskis" seine geplante Route auf: auf der Daugava über den Ķīšezers auf der Route Rīga–Mežaparks. Dreimal am Tag sollte die Tour gehen. Um das den Kunden bekannt zu machen, gab es überall Werbung: so im Radio und in der Zeitung "Padomju Latvija" ("Sowjetlettland"). Waren es am 6. August noch vier Gäste pro Tag, so fanden sich am 11. August schon 200 Interessierte ein. Zeitungen warben für eine Fahrt mit dem Schiff, hatten aber fälschlich von einem Fassungsvermögen des Schiffes von 250 Passagieren geschrieben.

Am 13. August 1950 um 10.30 Uhr legte das Schiff vom Anleger am Ķīšezers ab und näherte sich um 12 Uhr dem Zentrum von Riga am "Komjaunatnes krastmala" (heute "11.novembra krastmala", nahe der Akmens tilts / Steinbrücke). Augrund der großen Reklame, es war Sonntag und um die 22 Grad heiß bei sonnigen, wolkenlosen Himmel, war diese Fahrt auch deshalb besonders, da im Mežaparks gerade eine Feier zugunsten der sogenannten "Stahanov-Bewegung" (oder "Helden der Arbeit") stattfand. Daher hatten sich mehrere Hundert Interessierte vor dem Boot eingefunden, die mitfahren wollten. Beim knappen Halt versuchten also alle, die aufs Schiff gelangten, schnell sich Plätze zu sichern. Der Zugang wurde schlecht kontrolliert, und auf die eine oder andere Weise gelangten viele weitere auf das Schiff, zunächst über die Schiffstreppe, schließlich auch unter Umgehung derselben - wobei die Treppe sogar zusammenbrach (es gab nur einen Zugang per Gangway). Die Tickets wurden dabei erst auf dem Schiff verkauft. Manche kletterten sogar aufs Schiffsdach.

So war die Kathastrophe unvermeidlich. An der Stelle des Untergangs ist der Fluß 8 Meter tief. Die Wellen eines vorbeifahrenden Motorboots sollen die "Majakowskij" aus dem Gleichgewicht gebracht haben, nur 50m von der "Akmens tilts" (Steinbrücke) entfernt. Um 12.30 Uhr sendete das Schiff die ersten Notsignale. Als das Schiff unterging, blieb das Steuerhaus über der Wasserlinie - so konnten einige gerettet werden.
Von der Schiffbesatzung kam bis auf einen niemand zu Schaden - es wurden aber alle verhaftet und verbrachten mehrere Nächte in den Verhörzellen des KGB. Ein russischer Matrose kam auf tragische Weise ums Leben, nachdem er schon fünf Menschen gerettet und an Land in Sicherheit gebracht hatte - beim Versuch weitere zu retten. Erfolgreiche Rettungsversuche unternahmen vor allem einige Soldaten, und 26 junge Männer eines Moskauer Instituts, die 70 Menschen retteten indem sie ins Wasser sprangen und den Ertrinkenden ihre (Hosen-)Gürtel entgegen streckten. Wann eigentlich die Wasserrettung und die medizinische Hilfe vor Ort erschienen, lässt sich nicht mehr feststellen (der offizielle Bericht behauptet, ein Teil des Rettungsdienstes sei nach 15 Minuten, ein anderer Teil nach einer Stunde eingetroffen). Aleksandrs Ņikonovs, damals Sekretär der Komunistischen Partei in Lettland, schrieb in einem Brief nach Moskau dass die Opferzahlen geringer hätten sein können, wenn es auf der Daugava überhaupt eine Wasserrettung gäbe. Ņikonovs erwähnt in seinem Bericht auch, dass seiner Schätzung nach an den Ufern etwa 10.000 Leute gestanden haben und das Unglück sahen - auf diese Weise seien vielen herannahenden Rettern die Wege blockiert gewesen. Eine Schätzung im Nachhinein besagt, dass sich zum Zeitpunkt des Unglücks 421 Menschen an Bord befunden haben müssen - eine unglaubliche Überlastung.
Im "Jahrbuch der lettischen Schifffahrt" 2011 sind auch die Namen einzelner Retter aufgeführt, sich sich besonders engagierten: einer rettete eine Familie (Vater, Sohn, Mutter) und weitere drei Menschen, und einige weitere, die jeder bis zu acht Menschenleben retteten. Auch 13 Matrosen einer Taucherschule werden dort genannt, die sehr viele aus dem Wasser bargen - für die meisten kam allerdings die Hilfe bereits zu spät.

Foto: Rigasatbalss
Die Folgen: ein langwieriger Gerichtsprozess und ein verschwundener Kapitän
 
Später wurden in einem Gerichtsprozeß sechs Menschen verurteilt - zu 5 bis 25 Jahren Arbeits-lager: vier leitende Angestellte der Wasserschifffahrts-verwaltung, der Schiffskapitän (der am Unglückstag Urlaub hatte und sich zu Hause erholte), und der Assistent des Kapitäns. Zurücktreten musste auch der damalige Vorsitzende des Rigaer Rats, Arnolds Deglavs. Aber niemand der Verurteilen musste die teilweise mehrjährigen Haftstrafen absitzen - nach Stalins Tod wurden alle begnadigt.

Sehr speziell war auch die Art und Weise, wie der offizielle Bericht die Toten zählte: ganz nach "sozialistischer" Art: Arbeiter extra gezählt, und acht Menschen verdienten hier eine namentliche Erwähnung: diese acht waren Kommunisten. 

Erst 60 Jahre später, im Sommer 2011,wurde am Ufer in der Nähe der Unglücksstelle eine Gedenkplakette angebracht.
(Infoquellen: Diena 2014, Nekropole, rigaspieminiekli.lvDiena 1999, Vēstnesis, Latvijas Jūrniecības Gadagrāmata 2011)

25. Juli 2017

Hopfen und Malz - alles deutsch in Lettland?

Als das deutsche ZDF vor einer Woche das Interview mit Braumeister Matthias Saile aus Valmiera sendete, war wohl nichts weiter beabsichtigt als vielleicht ein Beitrag zum Zusammenwachsen in Europa. Ein paar sommerlich anmutende Bilder aus dem beschaulichen Lettland, ein paar gemütlich biertrinkende Menschen. - Wären da nicht diese beiden Sätze des Bierbrauers gewesen: "Es ist ein lettisches Bier, denn das Wasser haben wir natürlich von hier" sowie der folgende Kommentar "in Sowjetzeiten lag das Brauen brach, die Russen erlaubten es den Letten nicht, damit die russisches Bier kauften". - Wohl ziemlich allen (auch Deutschen!), die Lettland etwas besser kennen, müssen da wohl die Kinnladen heruntergeklappt und das Bierglas aus der Hand gefallen sein, angesichts solcher Fantastereien.

Letten - ahnungslos beim Bierbrauen?

Erstens. Bier brauen in Lettland - alles wird nach Lettland importiert, weil die Letten keine Ahnung haben? Das erzeugt Staunen. Nun ja, mag bei "Valmiermuiža" ja so sein - die Selbstdarstellung der Firma nennt die Hopfensorten Hallertauer und Tettnanger. 4 Millionen Liter Bier wurden 2016 produziert, nach Estland, Schweden und in die Schweiz wird sogar exportiert. Aber offenbar mussten nicht die Letten, sondern der badische Zugereiste erst eine lange probieren, bis sein Bier Liebhaber fand: im Interview mit der "Badischen Zeitung" (10.9.2016) gibt Saile zu, Bier mehrfach "für die Tierfütterung verwendet" zu haben, wenn Braugänge nicht gelungen waren. Offenbar stellte die Firma "Biertester" ein, oder hat Bier probeweise ausgeschenkt: nur wenn 70 von 100 Testern ihr ok gaben, wurde weiter gebraut, so Saile.
Im Getreideanbau sind die lettischen Bauern allerdings sehr erfolgreich - auch unter modernen Maßstäben. Warum also sollte nicht mindestens das Malz aus lettischer Produktion sein? Und schon die Chronik Heinrichs des Letten wußte vom Gebrauch von Bier bei den einheimischen Stämmen rund um Riga zu berichten. 

Ein Beitrag aus der lettischen Regionalportal "Burtnieku novads" aus dem Jahr 2009 dokumentiert, dass bei "Valmiermiuža" von Zeit zu Zeit "öffentliches Probieren" bei den Kunden ausgerufen wurde: die Sorte mit der höchsten Stimmenzahl sollte bestehen bleiben, so das Versprechen. Allerdings wurde - diesem Artikel zufolge - fürs Abstimmen weitgehend das Internet genutzt: die eigentliche Kundenreaktion blieb also im Dunkeln (Klicks im Internet zu erzielen - eher eine Marketing- als eine Geschmacksprobe). Und, gab es eine Variante mit anderem Hopfen? Mit lettischen Ausgangsstoffen? Offenbar nie. Zitiert wird Miteigentümer Aigars Ruņģis mit den Worten: "Unser Braumeister hat vier Rezepte aus Deutschland mitgebracht." Ob er vorher wenigstens lettisches Bier mal probiert hat, dazu wird leider nichts gesagt.  

Hopfen und Malz aus Lettland - nicht gut genug?

Zweitens. Lettische Braugeschichte. Gut, zugegeben, die ersten Brauereien in Lettland wurden vielfach von Deutschstämmigen gegründet - davon zeugen Namen wie "Waldschlößchen" oder "Tannhäuser Bier". Aber derselbe Aigars Ruņģis, der gegenüber deutschen Medien noch behauptete froh zu sein, dass lettischen Bier deutschen Touristen schmecken kann, zeigt in einer Marktuntersuchung der Hochschule Ventspils weit mehr Selbstbewußtsein: "Lettland hat Tradition im Bier brauen und genießen, und lettisches Bier ist in der Welt genauso wie, sagen wir mal, französischer Wein."

1590 wurde in Cēsis in alten Schriften zum ersten Mal das Bierbrauen erwähnt - "Cēsu alus" ist das Bier mit der ältesten Tradition in Lettland. In Riga eröffnete 1850 die Brauerei "P.R. Kymmel", 1863 "Ilgezeem" (Iļģuciems), und 1870 gleich gegenüber "Tannhäuser" (mit deutlichem Bezug zum Opernkomponisten, der wenige Jahre zuvor in Riga tätig war, gegründet vom jüdischen Unternehmer Puls). Später zunächst noch als "Tanheizers" weitergeführt, 1937 dann mit "Aldaris" (zwangs-)vereinigt.
Und mit Joachim Dauder war es ein echter Bayer, der 1865 die "Waldschlößchen-Brauerei" in Riga gründete, die in der Zwischenkriegszeit noch "lettisiert" als "Valdšleschens" weiterlebte, was später ebenfalls aufging in "Aldaris", die dann 2008 vom Carlsberg-Konzern übernommen wurde (Einzelheiten dazu sind leider momentan fast nur noch in den Notizen von Bieretiketten-Sammlern nachzulesen). Immerhin habe es Mitte der 1930iger Jahre in Lettland 30 verschiedene Brauereien gegeben, erinnert Kārlis Tomsons in einem Beitrag für das Portal "Laukos". Aber selbst diese offiziellen Zahlen zweifelt er an: er hält sie für höher.

Zu Sowjetzeiten - Bierbrauen verboten?

Viele alte lettische Bieretiketten
sind z.B. bei "Laikmetazimes"
zu sehen

Kein Bier im lettischen Hawaii? Weit gefehlt. 16 Brauereien machten nach dem Krieg in Sowjet-Lettland weiter, als Staatsbetriebe (wovon die Hälfte 1980 noch bestand). In den 50iger Jahren schlossen Werke in Lubāna, Madona, Vandzene, Aizpute und Bauska ihre Tore. Eine Brauerei in Rēzekne schloss sich mit Partnern in Daugavpils zusammen, und die Brauer in dem kleinen nordlettischen Naukšēni kooperierten schließlich mit Cēsis. In den 1970iger Jahren entstanden neue Vereinigungen: "Rigas alus", “Iļģuciems” und “Vārpa" (letztere auf dem Gelände der ehemaligen Brauerei "Livonija", hatte Bestand bis 2004); 1985 wurde "Aldaris" gegründet (indem "Aldaris", "Vārpa" und "Ilģuciems" vereinigt wurden), während es "Lāčplēsis"-Bier bereits seit 1958 gibt. (ausführlich: siehe Kārlis Tomsons / Laukos). Eine völlig neu eingerichtete Produktionsstätte präsentierte "Cēsu alus" im Mai 2000. Und seit 2015 ist das alte Aldaris-Gebäude in Riga als Biermuseum eröffnet, mit aus dem Jahr 1938 erhaltener Einrichtung. Übigens: sogar manche Kolchose hatte eigene Bierproduktion (siehe "Laikmetazimes") Soviel also zu der merkwürdigen Behauptung, "die Russen" hätten den Letten angeblich das Bierbrauen verboten (siehe ZDF).

Einige lettische Brauer würden mehr vom Marketing als vom Brauen verstehen, meint Gastbraumeister Matthias Saile. Sein lettischer Arbeitgeber jedenfalls arbeitet nicht nur mit einem deutschen Rezeptetüftler, sondern gleich mit zwei Unternehmens-Beteiligungsgesellschaften zu sammen: die "Industrieliegenschaftenvervaltungs AG (ILAG)" aus Österreich, und die erst 2012 gegründete "Thinkflink" (mit Adresse "Waldweg 21" am Starnberger See - anfangs war es mit "Alcor" eine zweite Firma aus Österreich). Offenbar wirklich eine gute deutsche Geldanlage.

Touristen staunen nicht mehr: sie wissen und genießen!

In der lettischen Tourismuswerbung finden wir den Hinweis, dass auch bei Valmiermuiža einheimische Handwerksmeister die Fässer bauen - aber wie wär's mit Hopfenanbau, mit gemälztem Getreide? Beim ebenfalls unter Lettinnen und Letten sehr beliebten "Užavas" heißt es: "ar latvju tautas rokām ražoto produktu" (ein mit den Händen des lettischen Volkes gefertigtes Produkt).
Andere nutzen regionale Produkte nicht nur in Form der Arbeitskräfte. Beispiele? Jeder zweite lettische Biertrinker wird "Tērvetes" empfehlen oder zumindest als gutes Bier bezeichnen - und kann im Vergleich zu anderen Bieren darauf vertrauen, dass diese Getränke mit einheimischen Ausgangsstoffen gebraut sind. Die Marke gibt es immerhin auch bereits seit 1971, entstanden aus einer Kolchosen-Produktion. Auch "Tērvetes" erzählt in seiner Firmengeschichte von "Erfahrungsaustausch mit Brauereien in Westdeutschland" - ohne sich allerdings in der Folge selbst zu Importempfängern zu machen. Drei eigene Mälz-Verfahren hat man entwickelt: hell, karamellisiert, und gebrannt - so die Selbstdarstellung. Seit 2016 wird bei "Tērvetes" auch Mineralwasser produziert, als zweites kommerzielles Standbein.

Auch bei "Brenguļu alus", betrieben von den Brüdern Juris un Māris Freivalds am Ufer des kleinen Flüsschens Abula, setzt man auf lettische Ausgangsstoffe - nur 12 km entfernt von der Konkurrenz der Arbeitsstätte von Matthias Saile bei "Valmiermuiža". Auch hier wird Tourismuswerbung betrieben - vor allem ein Biergarten. Muss doch auch irgendwie gehen: Deutsche Touristen in Lettland trinken Bier, lecker gebraut aus lettischen Produkten. Vielleicht sogar von lettischen Braumeister/innen. Bierliebhaber Tomsons zählt heute 45 Braustätten in Lettland, dazu noch 12 "Mini-Brauereien". Na dann: Uz veselību!

12. Juli 2017

Mensch weniger, Mensch woanders

Während die lettische Regierung lange Zeit zögerte offiziell zuzugeben, dass die Bevölkerungszahl Lettlands auf unter 2 Millionen gesunken ist, erregen inzwischen Jahr für Jahr die Zahlen von EUROSTAT Aufsehen. Aus der neuen Statistik ist zu entnehmen, dass die Einwohnerzahl Lettlands von 2,19 Millionen im Jahr 2008, über 2,0 Millionen im Jahr 2014 inzwischen bei 1,95 Millionen Menschen angekommen ist.

Diesen Zahlen zufolge liegt die Einwohnerzahl Lettlands heute also bei 88,9% derjenigen vor 10 Jahren. Zum Vergleich: auch in Litauen sind es mit 88,6% ähnliche Zahlen. Estland hat allerdings nur einen Rückgang auf 98,3% zu verkraften - hier macht sich vermutlich bemerkbar, dass ein Job in Finnland nicht unbedingt auswandern bedeuten muss.

In den deutschsprachigen Medien erregen diese Statistiken keine größere Aufmerksamkeit; in der Regel liegt der Fokus entweder nur auf dem eigenen Land, oder die Meldungen werden mit positiven Assoziationen belegt (z.B. "Wachstum in der EU", wie beim "Standard"). Deutschland "tröstet" sich auch mit einem Blick auf das "Baltikum", wenn es um Geburtenraten geht: "... wurden 2015 in Litauen 45 Prozent weniger Kinder geboren als noch 1990. Einen ähnlichen Einbruch erlebten auch Lettland und Estland, wo die jährliche Zahl der Neugeborenen zwischen 1990 und 2015 um 42 beziehungsweise 38 Prozent zurückging." (Tagesspiegel)

In Lettland gibt es nur wenige Pressekommentare. In den Diskussionsforen allerdings werden die meisten diese Nachricht wohl mit einem "traurig" markieren, denn der Bevölkerungsrückgang ist ja schon länger bekannt: als Ergebnis verstärkter Arbeitsmigration (Lohngefälle in Europa) und negativer Geburtenstatistik. Der öffentlich-rechtliche lettische Kanal LSM fasst es aus etwas längerfristiger Perspektive zusammen: seit 2010 sind es 170.000 Menschen weniger in Lettland (minus 8%). 113.000 davon wanderten in andere Länder aus, 57.000 kamen noch durch das negative Geburtensaldo hinzu.

Seit 1990 haben Lettland etwa 30% der Einwohner verlassen. Dazu kommt noch die Landflucht: nur in Riga stieg die Einwohnerzahl im vergangenen Jahr leicht: um 0,3%. In den anderen Regionen ist der Rückgang dramatischer: Vidzeme -2,1%, Kurzeme -1,9%, Zemgale -1,6%, Latgale 2,3%. Vjačeslavs Dombrovskis, früher mal Wirtschafts- und auch Bildungsminister, heute Chef der privaten Politikberatungsfirma "Certus", fällt jetzt, wo er das schwierige politische Geschäft hinter sich gelassen hat, gern mit einfachen Prognosezahlen auf: "Lettland wird bis 2015 90% des EU-Bruttosozialprodukts pro Einwohner erreichen" - so das Motto seiner Firma. Eine weitere Prognose aus seiner Feder: "Bis 2030 wird sich die Einwohnerzahl Lettlands auf 1,9 Millionen stabilisiert haben" (Diena / Delfi). Daran glauben wohl vor allem diejenigen ganz fest, die ordentlich daran mitverdienen wollen.