18. Februar 2020

Lettische Butter aus Deutschland?

Auch Lettinnen und Letten sind stolz auf ihre regional erzeugten Produkte: Honig aus Saldus, Sprotten aus Salacgriva, Kartoffelchips aus Ādaži. Bei vielen Produkten ist die Definition nicht so einfach: Die Frühstücksmarmelade kommt manchmal aus Pūre, enthält aber weit mehr als nur Früchte aus Lettland.

Nun entdeckte ein Team des lettischen Fernsehens Butter der lettischen Marke "Trikāta" - ein Markenname, der ziemlich "urlettisch" klingt, da der Ort schon in der "Livländischen Chronik" als Stammsitz des legendären Latgalenhäuptlings Tālivaldis bezeichnet wurde. Sicherlich setzte einst auch der Hersteller der "Trikāta"-Butter auf diesen "ur-lettischen" Ruf dieser Bezeichnung. Doch nun schaute das Fernsehteam mal genau hin, und staunte: lettische Butter, hergestellt in Deutschland? Da entsteht unwillkürlich die Frage: wird hier Milch aus Lettland nach Deutschland transportiert, um dann zurück als Butter auf dem lettischen Markt zum Verkauf angeboten zu werden?

Am Anfang stand die “Trikata GmbH” (Trikata SIA), eine Molkerei gibt es in dem kleinen Ort seit dem Jahr 1896. Nach der Wirtschaftskrise vor 10 Jahren gelangte der kleine Betrieb jedoch in den Besitz von "Latvijas Piens"; die Produktion wurde nach Jelgava verlagert, dem Hauptsitz des Unternehmens. 2013 wurde die Molkerei in Trikata geschlossen.
2017 feierte der Markennamen “Trikātas piens” aber Auferstehung: die Brüder Rolands und Kaspars Putniņš übernahmen die Initiative, nachdem sie die Überreste der alten Firma in einer öffentlichen Versteigerung erworben hatten (Dienas bizness).
Sie entwickelten eine neue Produktreihe: nun wird auch Biomilch produziert, verbunden mit dem Versprechen: "100% Milch aus Vidzeme".

Seitdem existieren aber auch zwei beinahe identische Marken nebeneinander: "Trikātas pienotava", als Familienunternehmen der Brüder Putniņš, mit insgesamt sechs Angestellten, und "Trikata" als Marke im Besitz von "Latvijas piens". - "Als wir zur Bank gingen um einen Kredit zu beantragen, stießen wir zunächst auf Unverständnis," erzählte Rolands Putniņš der lettischen Regionalpresse (valmieraszinas). "Es war ja Käse der Marke 'Trikātā' bereits in den Supermärkten zu finden. Und auch heute müssen wir uns noch bemühen, den Kunden die Unterschiede zwischen beiden Firmen zu erklären."

Was in Deutschland wohl längst in einem Streit vor Gericht geendet hätte, scheint in diesem Punkt in Lettland normal. Vanda Davidanova, Präsidentin des lettischen "Käseclubs" (Siera clubs), drückt es poetischer aus: "Trikāta war eine heiß umworbene Braut" (lsm).

Auch bei "Latvijas Piens" gab es 2017 große Veränderungen, nachdem die Firma im Jahr zuvor kurz vor dem Bankrott gestanden hatte. Das deutsche Unternehmen  "Fude + Serrahn Milchprodukte" - vielmehr dessen Tochtergesellschaft "Eximo Agro-Marketing" mit Sitz in Hamburg - erwarb 75,1% der Anteile an dem Unternehmen. Mit einem Umsatz von 740 Millionen Euro und einem Handelsvolumen von 800.000 Tonnen im Jahr rangiert "Fude + Serrahn" derzeit auf Platz 10 der größten deutschen Molkereiunternehmen.

"Wir kaufen auch schon mal die Ausgangsstoffe von den Nachbarländern Estland oder Litauen", gibt Kaspars Malcenieks, Produktionsleiter bei "Latvijas piens", zu. (jelgavniekiem) Als Grund für die lettische Butterproduktion in Deutschland gibt er an: "Die Käseproduktion lässt eine Menge Sahne entstehen, die wir bisher am heimischen Markt verkauft haben. Inzwischen, dank der Kooperation mit den deutschen Partnern, haben wir jetzt die Möglichkeit geschaffen, dort Butter daraus herzustellen." (lsm)

Inzwischen gibt es auch eine Aussage von Baiba Graube vom Lettischen Patentamt zu diesem Fall der "Trikata-Verwirrung". Sie meint: "In diesem Fall scheinen sich beide Firmen mit einer friedlichen Koexistenz abzufinden." (lsm)

6. Februar 2020

Euro-Bio, lettisch Eko

Vom lettischen "Hunger nach Biolebensmitteln" berichtete jetzt die "Latvijas Avize" in einem aktuellen Beitrag. Grundlage ist dabei eine Umfrage von "Danonki Latvija" (lettischer Ableger der polnischen Tochter von "Danone"). Dieser zufolge meinen nur etwa die Hälfte der Befragten Waren in den lettischen Supermarktregalen richtig einschätzen zu können: sind es ökologisch, biologisch, höherwertig erzeugte Lebensmittel, oder doch nicht?

40% der Einwohner*innen Lettlands nutzen regelmäßig Bio-Lebensmittel, 71% würden es gerne öfter tun - so die erwähnten Umfrageergebnisse. Allerdings ist das Bio-Kennzeichen, das europäische Ökolabel - ein stilisiertes grünes Blatt - nur 28% der Befragten in Lettland bekannt. In den Nachbarländern sieht dies durchaus anders aus: in Estland ist das EU-Zeichen 47% der Befragten bekannt, in Litauen sogar 51%.

34% der Lettinnen und Letten halten allerdings auch den "grünen Löffel" (Zaļā karotīte) ein gemeinsames Vermarkungslabel lettischer Produkte, für ein Kennzeichen für Ökoprodukte. Und ein Viertel der Befragten meint die Ökoprodukte sogar unter dem Zeichen des lettischen grünen Punktes" (“Latvijas Zaļā punkts") suchen zu können - dabei ist hier, in diesem Fall eine ähnliche Bezeichnung wie in Deutschland - nur die Abfalltrennung gemeint.

Dabei müsste es eigentlich leichter zu erkennen sein: das lettische Ökolabel, Kleeblatt und Hufeisen ("Latvijas ekoprodukts"), wird von dem lettischen Verband für biologische Landwirtschaft (“Latvijas Bioloģiskās lauksaimniecības asociācija” LBLA) verliehen.

Beim LBLA ist nachzulesen, wo die Aktivitätszentren der Öko-Landwirtschaft in Lettland sind: 53% der landwirtschaftlichen Flächen in Jaunpiebalga, 42% in Koknese und 40% in Vārkava sind zertifizierter Ökolandbau - in Lettland insgesamt sind es 11% (nach neuesten Zahlen sogar 14%, topagrar). Allerdings gibt es in ganz Lettland bisher nur 20 zertifizierte Bioläden oder Marktstände - da ist sicher noch Nachholbedarf, um auch die Kenntnis bei den Verbraucher*innen über die nach kontrollierten Kriterien erzeugten Lebensmittel in Lettland noch zu verbessern.

19. Januar 2020

Bald ist wieder Schattentag

Parlamentarier rufen dazu auf, sie zu beschatten - nein, keine Ansprache an den landesweiten Sicherheitsdienst, sondern die Schülerinnen und Schüler der 1. bis 12. Klassen werden sich wieder auf diesen Tag freuen: den Schattentag. Der "Ēnu diena" soll dem Ausprobieren dienen: reinschnuppern, sich orientieren, Berufswirklichkeit testen. Und lettische Firmen nutzen den Tag durchaus auch einfach für ein wenig Eigenwerbung. Die Veranstaltung wird in Lettland durchgeführt von Verein "Junior Achievement Latvija" (JA) - diesmal am 12. Februar 2020.

Die Vermittlung zwischen "Schatten-Geber" und "Beschatter" wird durch ein Internetportal geregelt. Allerdings darf noch lange nicht jede oder jeder mitmachen: nach Auskunft der Veranstalter stellten im vergangenen Jahr 1545 Firmen oder Organisationen Plätze zur Verfügung, insgesamt waren es 8664 (delfi/ db). Dem gegenüber gab es 2019 aber etwa 34.000 Schüler*innen und Jugendliche, die mitmachen wollten.

Und eine "Hitliste" der am meisten nachgefragten Berufe gibt es ebenfalls: Programmierer (341 Anfragen), Physiotherapeut (273), Pilot (260) und Flugbegleiter (250) - auf diese vier Bereiche konzentrierten sich die meisten Anfragen im verganenen Jahr. Auch bei den Angeboten gibt es eine Rangfolge: am meisten Möglichkeiten gab es als Feuerwehrmann / -frau (279 Angebote), Arzthelfer/in (222), oder Mitarbeiter/in in der Öffentlichkeitsarbeit (207).

"Ēnu diena" in Lettland: Sänger Lauris Reinis nimmt
nicht teil - und muss sich dafür entschuldigen
Jānis Krievāns, Vorsitzender bei "JA Latvija", erklärte zur diesjährigen Kampagne, es seien in Zusammenarbeit mit dem lettischen Wirtschaftsministerium besonders für die Zukunft wichtige Berufe in den Fokus gerückt worden. (LA) Es sei auch keine Seltenheit, dass bei der späteren Arbeitssuche auf die Praxis am "Schattentag" zurückgegriffen werde.

"JA Latvija" ist Mitgliedsorganisation bei "JA Europe". Die Organisation bilanziert, europaweit mit 39.175 Schulen zusammenzuarbeiten, mit der Hilfe von 143.159 Lehrerinnen und Lehrern und 139.108 Freiwilligen, um insgesamt 4.263.738 Millionen Schüler*innen und Studierenden in insgesamt 40 Ländern Angebote machen zu können. - In Deutschland wird das Projekt, das von der Europäischen Union erheblich mitfinanziert wird, vom Institut der Deutschen Wirtschaft unterstützt, heißt "JUNIOR Schülerfirma" und hat im deutschsprachigen Raum bisher lange nicht die landesweite Bekanntheit erreicht wie Lettlands "Schattentag".

Lauris Reiniks, einer von Lettlands populärsten Schlager- und Popsängern, musste sich kürzlich per Twitter sogar entschuldigen: "Danke für das Interesse, mein Schatten zu sein, aber ich nehme nicht teil."
Ja, beim "Schattentag" machen in Lettland auch bekannte Persönlichkeiten mit, eben auch Politiker*innen. Das lettische Parlament, die Saeima, ist sogar einer der beliebtesten Orte, um "Schatten" zu sein für Lettlands Volksvertreter*innen. Der Pressedienst der Saiema weist aber darauf hin, es gelte auch Jurist*innen, Übersetzer*innen oder Protokollführer*innen zu "begleiten" (Saeima).

8. Januar 2020

Riga zu Fuß

Wer in Riga eigentlich regiert, scheint ja momentan durchaus unsicher (Blogbeitrag). Das hindert die Stadtverwaltung aber offenbar nicht, längst beschlossene Maßnahmen nun im Jahr 2020 umzusetzen. Nachdem die vielen Mängel der Neugestaltung an der Barona iela durchaus umstritten waren, gibt es im Umfeld der nördlichen Innenstadt nun ein Experiment: die Schließung von Straßenteilen für den Autoverkehr.

Die Maßnahme könnte jedoch zu neuer Verwirrung führen: mal Fußgängerzone, mal doch wieder nicht - das ist Realität zur Zeit auf der Terbatas iela. Erstmals war ein Teil der Straße geschlossen am 4. Januar - aber nur zwischen 10 Uhr morgens und 20 Uhr abends, und nur für diesen einen Tag.Geöffnet bleibt die Straße allerdings für Radler/innen, und auch für den durchfahrenden Busverkehr - sich ganz "traumwandlerisch" zu Fuß dort zu tummeln war (und ist) also wenig ratsam.

Auch in der lettischen Presse ist diesbezüglich lediglich von einem "Experiment" die Rede (lsm / NRA / LA). Leider können die Stadtpassant/innen nicht so schnell auf Wiederholung hoffen: die Stadt möchte ihre "Experimente" an jedem ersten Samstag im Monat in einer anderen Straße ausprobieren: im Februar wird es die Blaumana iela, im März voraussichtlich ein Teil der Barona iela sein, der stundenweise geschlossen wird.

Foto (Ausschnitt): Latvijas Avize
Wie die lettischen Stadtplaner/innen nun hier "Erfolg" oder "Misserfolg" bewerten wollen, bleibt dabei unklar. Nach Anzahl der Beschwerden? Nach Zählungen mittels Zählpersonal? Laut eigener Pressemitteilung sollen Umfragen unter den Einwohner/innen gemacht werden. Diejenigen Fußgänger, die am 4.Januar von der Presse befragt wurden, äußern sich natürlich erfreut (lsm). Wie aber sieht es mit mutigeren stadtplanerischen Entscheidungen aus? Riga den Fußgängern? Das ist vorerst kaum zu erwarten. "Wir müssen ja gar nicht weit schauen, um gute Anregungen zu finden", lässt sich Architekt Oto Ozols in der Presse zitieren (lsm), "in Vilnius ist der Gediminas prospekt an jedem Wochenende für Autos gesperrt und frei für Fußgänger." Ozols vertritt auch die Initiatiave „Pilsēta cilvēkiem” (Die Stadt den Menschen").
Die Besitzerin eines Blumenladens im betroffenen Straßenbereich äussert sich kritischer: persönlich gefalle ihr die Ruhe ja, aber aus der Business-Sicht eher nicht.

Die nur kurzzeitige und wenig vorhersehbare Straßensperrung brachte es übrigens mit sich, dass die Maßnahme sich nicht auf geänderte Verkehrszeichen verlassen wollte: der Straßenabschnitt war mit Absperrbaken versperrt und mit Polizeiwagen gesichert - um dann aber doch immer wieder die Busse durchlassen zu müssen.

Die Intiative „Pilsēta cilvēkiem” jedenfalls hat bereits Hinweise für Fußgänger/innen und Radfahrer/innen vorbereitet, wie Verstösse gegen Verkehrsregeln am schnellsten den zuständigen Behörden gemeldet werden können - und hat für die Qualität ihrer Arbeit auch bereits  Anerkennungsschreiben anderer Behörden bekommen. Auf dass die alltägliche Realität in Riga zukünftig nicht nur von endlosen Verkehrsstaus geprägt wird!

30. Dezember 2019

Lettisch Grün

Elfmal waren die Weihnachtstage in Lettland grün - also ohne Schnee. So meldet es der lettische Wetterdienst. Regen, Nebel, graue Wolken - aber keine Frosttage. Die lettische Grün-Zählung beginnt 1923: in den Jahren 1924, 1932, 1936, 1951, 1960, 1974, 2006, 2013, 2015 und 2016 gab es bisher keine Schneedecke am 24. / 25. Dezember.

In den übrigen Jahren gab es einen bis zehn Zentimeter Schnee - am meisten im Jahr 2010, als über 30cm Schnee lag. Einen Rekord hält der Ort Vendzava bei Ventspils an der Ostseeküste: dort lagen zu Weihnachten 1981 sogar 51 cm Schnee. Wer statistisch sicher gehen will: Alūksne im Nordosten ist mit 97% Weihnachtsschnee am sichersten, Pāvilosta um unsichersten (53%).

Zwischen dem wärmsten und dem kältesten Weihnachten liegen in Lettland ganze 41,8° Celsius. Eher warm fielen die Festtage 2016 in Kolka an der Spitze der Rigaer Bucht aus: 10,3°C. In Zosēni, im Hochland von Vidzeme gelegen, musste die Menschen im Jahr 1996 -31,5°C aushalten. Die Jahre 1996 und 1969 waren in ganz Lettland weihnachtliche Frosttage, mit Temperaturen unter -15°C. Den weihnachtlichen Niederschlagsrekord - offenbar Regen - hält Limbaži mit 49,5 Milimetern (1961). Während 2018 in Lettland noch der meiste Schnee zumindest seit 2010 verzeichnet werden konnte (durchschnittlich 18 cm) blieb es diesmal also weitgehend (winter)grün. (siehe auch: "Latvijas Avize") Erst am Nachmittag des 26. Dezember verzeichneten einige lettische Wetterstationen leichten Schneefall.

Eine ganz andere Art von "neuem Grün" sucht nun die lettische Partei, die diese Farbe im Namen trägt (Latvijas Zaļa Partija). Nach dem Ausschluss aus der Europäischen Grünen Partei im November (ORF) sucht der grüne Parteichef Edgars Tavars, ein bekennender Trump-Fan, neue Farbspiele. "Die Zukunft gehört den Patrioten, nicht den Globalisten," so sein Statement. "Die Prioritäten von Patrioten sind die Interessen des eigenen Volkes und eigenen Staates, sie treten ein für die Unternehmer des eigenen Landes, Selbstversorgung, regionale Produkte und Handwerk."

Was hier nach ein bischen Regionalförderung klingt, wird beim näheren Hinschauen eher gruselig. Zu viel Importwaren erhöhen nur das Abfallaufkommen, heißt es da. Globalisten und "naive Jugendliche" würden den "liberalen Zweig des Kommunismus" anstreben, sowie für Schwule und Lesben eintreten wie auch die "Propaganda der Flüchtlingsaufnahme" verbreiten. Es wird ein neuer Belzebub ausgerufen:der sogenannte "Liberale Kommunismus".

Seitens der Europagrünen wurde konkret bemängelt, dass
- die lettischen Grünen sich fast nie an gemeinsamen Kampagnen beteiligten, zu entsprechenden Treffen nie erschienen sind,
- einen Ausgleich der Geschlechter (Genderfragen) innerparteilich nicht beachten
- alle Vorschläge zur Diskussion der offenen Fragen unbeantwortet ließen

Somit scheint klar: die lettischen Grünen wollten mit den Grünen Parteien in Europa nichts mehr zu tun haben. Das Schlagwort vom "Grünen Patriotismus" klingt ja auch schon fast wie "Latvia first".

Doch da ist auch noch die Sache mit Aivars Lembergs. Der alte Sojwetpatriarch, der sich nicht nur in die neuen Zeiten gerettet hat, sondern dabei auch noch Millionen beiseite schaffen konnte, mit deren Hilfe er sich nun als Gönner und Gutmensch - unter anderem auch Parteienfinanzier - profilieren kann. Lembergs gilt schon seit Jahren als "graue Eminenz" der "Zaļa Partija" und ihrem Koalitionspartner, der Bauernpartei (Fraktion ZZS). Nun ist aber Lembergs kürzlich auf einer "schwarzen Liste" von US-Präsident Trump gelandet (delfi). Und plötzlich laufen die Uhren anders herum. "Die Grüne Partei distanziert sich nicht schnell genug von Lembergs", läßt sich Ex-Finanzministerin Dana Reizniece-Ozola in der Presse zitieren, deren eigene Karriere auch bei Lemberg seiner "Latvijai un Ventspilij" angefangen hatte. Nunmehr sei Lembergs aber ein "Symbol von Isolation und Sackgasse" (delfi).

Lettische Grüne mögen Trump, aber Trump offenbar nicht die Hintermänner der lettischen Grünen. Was tun? US-Importe boykottieren, weil diese ja nur die Abfallberge erhöhen? Hm, eines der wichtigsten Importgüter aus USA nach Lettland sind .... Militär und Waffen. Oder möchten die Grünen vielleicht US-Frackinggas importieren, statt Gas aus Russland? Da wirkt die Argumentation, alles sei einfach "auf patriotische Art" zu lösen, nicht immer ganz so überzeugend.

26. Dezember 2019

Riga Klein-Klein: Neuwahlen, Volksabstimmung, Präsidentenveto

Nils Ušakovs hat es vielleicht geahnt: als der langjährige Rigaer Bürgermeister sich im Mai 2019 (erfolgreich) ins Europaparlament wählen ließ, hinterließ er die berühmten "großen Fußstapfen". Ušakovs Wählerschaft erstreckte sich über breite Schichten der Gesellschaft - eine Tatsache, die nicht in demselben Maße für seine Partei, die "Saskaņa" gilt (die sich neuerdings gern mit dem Eitikett "sozialdemokratische Partei" versieht).

Wer kommt nach Mr. U.?

Am 6. Dezember 2019 entschied Juris Pūce, als Minister für Umweltschutz und Regionalentwicklung auch zuständig für die Gemeindeaufsicht, dem lettischen Parlament die Auflösung des Rigaer Stadtrats vorzuschlagen. Im Parlament muss allerdings noch ein “Rīgas domes atlaišanas likums” beschlossen werden (ein Gesetz, dass die Modalitäten einer solchen Auflösung regelt).

Gestritten wurde zuletzt im Stadtrat vor allem über die Abfallentsorgung der Stadt, die einer Neuregelung bedarf. So argumentiert auch der gegenwärtig amtierende Bürgermeister Burovs: durch Auflösung und Neuwahlen würde nur eine schnelle und dringliche Lösung in diesem Bereich behindert. "Der Stadtrat ist demokratisch gewählt. Die Gesetzesvorlage zur Entlassung ist völlig unzureichend begründet," meint auch Saskaņa-Abgeordneter Vjačeslavs Dombrovskis.

Ehemalige Amtsträger: Ušakovs verschwand nach Brüssel, Stellvertreter
Ameriks musste erst wegen Korruptionsvorwürfen zurücktreten und
folgte dann seinem Chef auf einen Sessel im Europaparlament
Sehr schnell nach Puce's Entscheidung wurde spekuliert, Neuwahlen könnten schon am 29. Februar 2020 stattfinden - aber nun kommen die Feinheiten der lettischen Gesetzgebung zur Geltung (lsm). Nach gültigem Gesetz gilt für den Fall, dass der Stadtrat aufgelöst wird und bis zum regulären Wahltermin noch weniger als 15 Monate bleiben, dann können die gewählten Verwaltungsspitzen dennoch bis zum Wahltermin einfach weiterregieren. Um also eine Neuwahl überhaupt möglich zu machen, muss ein neues Gesetz her. Stadtratswahlen gab es zuletzt am 3. Juni 2017, also müsste eigentlich erst im Juni 2021 wieder gewählt werden - mit gegenwärtig unsicherer Mehrheit und schwer absehbarer Beschlußfähigkeit. Nach Ušakovs Umzug nach Brüssel gab es ein kurzes Zwischenspiel mit Dainis Turlais als Amtskettenträger. Im August wurde dann Oļegs Burovs gewählt, der die Partei "Gods kalpot Rīgai" ("Ehre Riga zu dienen") vertritt. Die Partei hat inzwischen Burovs für den Fall von Neuwahlen auch als Spitzenkandidat bestätigt.

Präsident, Volk und Verfassung

Aber auch das lettische Parlament kann in dieser Sache nicht allein entscheiden. Zwar wurde am 19. Dezember in erster Lesung eine entsprechende Änderung im Parlament beschlossen (Diena) - aber gegen deren Inkraftsetzung erhoben mehr als 1/3 der Abgeordneten Einspruch beim Präsidenten. Laut lettischer Verfassung muss Präsident Egils Levits in diesem Fall ein Gesetz für 2 Monate "auf Eis" legen - er setzt offiziell dessen Veröffentlichung für zwei Monate aus.

Damit eröffnet sich nun eine weitere Möglichkeit: falls sich 1/10 aller Wahlberechtigten dafür aussprechen, muss über dieses neue Gesetz sogar per Volksabstimmung entschieden werden - das wären momentan 154 868 notwendige Unterschriften. Selbst die Botschaften im Ausland und die militärischen Einheiten sind nun gehalten, Möglichkeiten zur Unterschriftensammlung für eine solche Volksabstimmung bereitzuhalten. (cvk) Beginnend mit Anfang Januar muss nun also erst mal zwei Monate lang abgewartet werden, ob genügend Unterschriften zusammenkommen. Bis zum 23.2. sind jetzt die Ämter allein schon damit beschäftigt, den technischen Rahmen für eine Unterschriftensammlung bereitzustellen. Falls es Neuwahlen des Rigaer Stadtrats geben wird - dann wohl nicht früher als Mai 2020. 

Wird denn das neue Gesetz besser werden als das bisher gültige? Auch dazu gibt es sehr verschiedene Ansichten. Auch die neuen Regelungen wären sehr trickreich: dann könnte im Fall, dass ein Stadtrat aufgelöst wird, nach einer notwendigen Neuwahl der neue Stadtrat sowohl die Zeit bis zum eigentlich regulären Wahltermin, wie auch die gesamte nächste Amtszeit weitermachen - im Falle einer Neuwahl 2020 stünden dann die nächsten Wahlen erst wieder im Jahr 2025 an.
Es könnte also sein, dass auch das lettische Verfassungsgericht in dieser Sache noch angerufen wird. Ex-Regierungschef Māris Kučinskis (ZZS) warnte bereits vor ernsthaften Folgen für die lettische Gesetzgebung, wenn dann dieses eilig beschlossene neue Gesetz sich als nicht verfassungsgemäß herausstellen sollte (LA).
Zunächst mal meldete, wie erwähnt, Präsident Levits seine Bedenken an, die vorgesehenen Gesetzesänderungen könnten eine Amtszeit des Stadtrats von mehr als fünf Jahren ergeben (lsm).

Und, als ob es nicht schon der Irrwege genug wäre: als juristische Grundlage für eine Auflösung des Stadtrates benannte Minister Puce das angebliche Unvermögen der Stadt, die Abfallentsorgung neu zu regeln. Am 16. Januar wird aber das Ergebnisses einer dementsprechenden Ausschreibung bekannt werden. Sollte sich dann also doch plötzlich eine Lösung auftun - wären die Gründe zur Auflösung des Stadtrats vielleicht auch wieder hinfällig.(LA)

Also kein Wunder, wenn es allen in Riga momentan schwerfällt zu erklären, wer nun eigentlich zur Jahreswende 2019/ 20 im Rathaus das Sagen hat.

23. Dezember 2019

Verkaufte Oper

Rohrbrüche, schadhafte Kabel, Mängel im Heizungssystem - was die geneigten Besucher in der Regel nicht bemerken, spielt aber für die Betreiber des Rigaer Opernhauses eine große Rolle. Das Gebäude "Aspazijas bulvārī 3, Kataster Nummer 0100 005 0056" wechselt den Besitzer. Da die Stadt Riga feststellte, nicht über die notwendigen Finanzmittel zur Unterhaltung des Opernhauses zu verfügen, wurde beschlossen nach 20 Jahren nunmehr das Gebäude zurück in Staatsbesitz zu übergeben (Rigas Dome).

Aber auch das lettische Kulturministerium verfügt derzeit nicht über genügend Haushaltsmittel für eine Renovierung des Kulturtempels. Angeblich 6,5 Millionen Euro seien erforderlich für eine Renovierung. Bereits 2019 seien 160.000 Euro für Notfälle verwendet worden.

Bisher war es so: als Kapitalgesellschaft gehörten Oper und Ballett dem Staat, jedoch das Gebäude war seit 1998 Eigentum der Stadt Riga. Daher zahlt die Oper für Gebäude und Grundstück, insgesamt 12.095 mᒾ, jedes Jahr eine Nutzungsgebühr, von der nur ein Teil, im Jahr 2019 waren es 145.000 Euro, wieder für Investitionen an der Oper verwendet werden kann - alles gemäß dem zuletzt 2016 abgeschlossenen Mietvertrag.

Momentan sei es vordringlich, die große Sängerfestbühne im Mežaparks fertigzustellen, und auch das Nationaltheater warte dringend auf einen Anbau - so wird Noch-Bürgermeister Oļegs Burovs zitiert (in Riga stehen Neuwahlen an, da der momentan zerstrittene Stadtrat nicht in der Lage war einen neuen Haushalt zu verabschieden, und die lettische Regierung daraufhin den Stadtrat auflöste).
Daher stimmte auch das städtische Komitee, dass über die Eigentümer der Stadt zu entscheiden hat, am 16. Dezember dem Vorschlag des lettischen Kulturministeriums zu, das Opernhaus fortan wieder in die Hände des Staates zu geben.

Zunächst bedeutet dies, Pressemeldungen zufolge (lsm), dass die für Mietzahlungen eingeplanten 400.000 Euro nun 2020 für Reparaturen am Opernhaus ausgegeben werden können. Längerfristig wird das Opernhaus jedoch noch sehr viel mehr Investitionen benötigen.

Das 1856 eröffnete Haus wurde nach den Entwürfen von Ludwig Bohnstedt erbaut, und arbeitete zunächst als "Deutsches Theater Riga". 1882 brannte das Gebäude nieder und wurde bis 1887 unter Leitung des Stadtarchitekten Reinhold Schmehling wieder aufgebaut. 1919 aufgrund Beschluss der lettischen Regierung "Lettische Nationaloper", zur Sowjetzeit "Staatliches Opern- und Balletttheater der Lettischen Sowjetrepublik". Zwischen 1990 und 1995 umfassende Renovierungsarbeiten, an denen auch die deutsche AEG ihren Anteil hatte. 2001 wurde ein modern gestalteter Anbau eröffnet.
Pro Saison gibt es zur Zeit etwa 200 Aufführungen von Oper bis Ballett. Der Saal hat 946 Sitzplätze, der Kleine Saal knapp 300.

10. Dezember 2019

Zu Hause verarzten

Eine seltene Ausnahme: Rückkehr aus dem Ausland
und Schlüsselübergabe für die neue Hausärztin
Die Ärztinnen und Ärzte, auch andere Mitarbeiter/innen im Gesundheitswesen Lettlands seien noch nie so einig gewesen wie jetzt, heißt es: unter den gegenwärtigen Bedingungen, dem von der Regierung bereitgestellten Budgets, wollen sie nicht weiterarbeiten.

Ganze 60 Millionen Euro zu wenig habe die neue lettische Regierung im Haushaltsplan 2020 eingeplant, so die Kritiker. Ilze Viņķele musste im Parlament schon ein Misstrauensvotum abwehren - ein Vorgang, den auch das Deutsche Ärzteblatt aufmerksam notiert. Zu wenig Geld im Staatshaushalt für das Gesundheitswesen?

Proteste gegen zu geringe
Löhne im lettischen Gesundheits-
wesen (BNN-News)
Da hilft auch nicht, dass ein Teil der regierenden Koalition inzwischen zugibt, eine Finanzierung die fehlenden 60 Millionen Euro sei möglich. Ministerin Viņķele ("Attīstībai/Par!") kann ja auf eine Vergangenheit als Parteimitglied sowohl bei "Tēvzemei un Brīvībai/LNNK" („Für Vaterland und Freiheit“) wie auch der "Vienotība" (Einigkeit) zurückblicken. Ein Nachweis ihrer "Flexibilität"?

Am 14. November hatte das lettische Parlament (Saeima) den Haushaltsplan für 2020 verabschiedet. Bei einem angenommenen Wirtschaftswachstum von 2,8% ist dort ein minimales Haushaltsdefizit von 0,3% vorgesehen. Dabei ist die Mindestgrenze für zu versteuerndes Einkommen auf 300 Euro festgelegt, der Mindestlohn soll ab 2021 500 Euro betragen. Zusätzliche Finanzen sind auch vorgesehen zur Erhöhung der Gehälter von Lehrerinnen und Lehrern, im Gerichtswesen, Angestellte des Innenministeriums und im Kulturbereich.

Bei den Haushaltskennzahlen beruft sich die lettische Regierung auf die Europäische Kommission, die am 20.11. eine Stellungnahme zu den lettischen Haushaltsplanungen veröffentlicht hatte. Dort empfiehlt die EU sogar Lohnerhöhungen fürs medizinische Personal - allerdings nur solche, die aus Umschichtungen des bisherigen Haushalts genommen werden können.

Vor diesem Hintergrund sorgt Māra Meldere für Aufsehen.Im September eröffnete sie ihre Praxis als Familienärztin (= ähnlich einer deutschen "Hausärztin") in Roja (lsm / roja.lv). Ingrīda Miķelsone, die bisher die Praxis in Roja führte, zeigte sich sehr zufrieden, ihre Praxis in andere Hände sicher übergeben zu können - ihre Nachfolgerin blickt auf 9 Jahre Arbeitspraxis in Deutschland (im Schleswig-Holsteinischen Wöhrden) zurück.

Nach nur wenigen Wochen hat sich inzwischen die Zahl der Patienten bei Frau Dr. Meldere von 1216 auf 1390 Personen gesteigert, berichtet sie im Interview gegenüber dem"Talsu Vestis". Die Leute kommen inzwischen nicht nur aus dem kleinen Roja, sondern auch aus Talsi, aus Mērsrags und sogar aus dem über 120km entfernten Riga. Und Frau Dr. Meldere, die selbst in Talsi gebürtig ist und deren zwei Töchter in Deutschland geboren wurden, kann auch Vergleiche ziehen: "Im Unterschied zu Patienten in Deutschland, die immer fordernd und mit Ansprüchen auftreten, bitten die Leute hier in Lettland ganz einfach um Hilfe - das ist schon ein krasser Unterschied, und für mich als Ärztin natürlich hier angenehmer. Außderm gibt es in Roja viele Kinder - und ich mag es einfach, mit Kindern umzugehen."

Und noch einen anderen Vorteil gegenüber Deutschland sieht die lettische Rückkehrerin: die Digitalisierung des lettischen Gesundheitswesens, auch wenn noch nicht alles perfekt funktioniere, sei in Lettland weiter entwickelt. Meldere: "In Deutschland geht es noch wie in alten Zeiten -  alles auf Papier und durch Briefeschreiben."(Talsu Vestis)

Ein Vorteil bleibt ja vielleicht deutschen Patienten noch: wer demnächst in Roja, im Nationalpark Slitere oder der kurländischen Ostseeküste seinen Urlaub verbringt kann sicher sein: es ist eine deutschsprachige Ärztin in der Nähe.

8. November 2019

Lettisch unterwegs sein

Ja, ein wenig "retromäßig" sieht er schon aus, dieser Camping-Anhänger. Und wer ihn von  einem ordentlich spritschluckenden SUV ziehen lässt, wird vielleicht noch mehr Aufsehen erregen. Andere fühlen sich vielleicht an das "Dübener Ei" erinnert - nur umgedreht: der "Kulba Woody" hat es jedenfalls aktuell in einige Camping-Fachmagazine geschafft.

Der aktuelle Werbeclip für das Gefährt lässt die Betrachter staunen: ja, könnte das nicht Kandava oder Kuldiga sein, und rauscht da nicht lettische Landschaft durchs Bild? Einen kurzen Moment lang fühlen wir uns an die alte "Hornbacher"-Werbung erinnert - aber hier gibt es keine schmutzigen Hinterwäldler, sondern nur gut gestylte junge Leute zu sehen (clip / Trigger Happy Productions).

Einstellung aus "KULBA teardrop trailer" Werbespot
Aber ist der "Kulba" wirklich ein lettisches Produkt? Im Netz sind auch weitere Werbeclips zu sehen, auch für die Kombination "Kulba + SUV" - hm. Auf deutschen Campingmessen stellt sich gern ein Mensch namens Ingo Host als der "Macher" vor - und bekennt: "ja, das Konzept ist alt. Wir es 2011 wieder aufgegriffen und bauen seitdem diese Trailer".(Campingwelt.TV). Auf seiner Webseite findet sich dann endlich eine klare Aussage: "Der KULBA Teardroptrailer, aus Riga, hat ein Fahrgestell der Firma Nieper aus Solingen. Der Aufbau ist aus Holz und Aluminium in Handarbeit gefertigt."

Also doch! Und selbstverständlich gibt es auch eine Webseite der "SIA Kulba" mit Sitz in der Amula iela 8, in der südlichen Vorstadt von Riga. Neben dem "Verkaufsbüro Europa" von Ingo Host sind hier noch weitere Verkaufsbüros in Königswinter und Köln - alles weitere scheint sich vorläufig in deutschen Kleinstädten abzuspielen: in Möbris (11.000 Einwohner), Nieder-Olm (10.000), Schwabhausen (6.000), Tellingstedt (2600) und Baiersdorf (8.000).

Ganze 12 Messebeteiligungen innerhalb von nur drei Jahren wurden hier von der Lettischen Investitions- und Entwicklungsagentur (LIAA) finanziell unterstützt: von Düsseldorf (4x), Utrecht (2x), Amsterdam und München, dem schwedischen Jonköping und dem dänischen Herning, bis zu Walsrode und in Basthorst bei Hamburg. "Internationale Konkurrenzfähigkeit" soll hier erreicht werden.

Welche Materialien sind verarbeitet? "Baltischem Birkenschichtholz" verspricht uns der Hersteller, sicher ein hochwertiges Material: es gilt als robust, stabil und dabei doch leicht. Dazu eine Aluminium-Außenhaut - gut, die wächst sicher nicht in Lettland. Die Marke "lettisches Gefährt" soll offenbar in der Produktwerbung hier nicht zu hoch gehängt werden. Und Achtung - der Spruch auf der "Kulba"-Werbeseite könnte wohl eher erschrecken: "Für jeden gebauten KULBA Teardrop-Trailer pflanzen wir eine neue Birke." EINE, in Worte 1 Baum? Wohl kaum ein Ersatz für ein Produkt ganz aus Birkenholz, in wenig umweltfreundlich hergestelltes Aluminium hineingepresst - noch dazu wo in Lettland Birken wirklich überall (sowieso) wachsen. 

Menschen größer als 2 Meter werden in "Teardrops" allerdings auch eher Tränen vergießen - ausgestreckt liegend werden sie in dieses Gefährt nicht hineinpassen. "Teardrop", also "Tränenform", klingt auch ein wenig wie knapp an "Raindrop" ("Regentropfen") vorbeigedacht - aber das klingt wohl nicht so werbeträchtig, zumal in der Reisebranche.Wer will schon zu Hause erzählen: "Ich war mit den Regentropfen unterwegs ...".

Auf Youtube findet sich auch ein Filmchen von einem Campingfan, der uns zeigt, wie man einen "Teardrop" von allen Seiten betastet - mit Zoom auf den Preis: knapp 15.000 Euro. Die Botschaft scheint sich also durchaus herumgesprochen zu haben, so auch der Beitrag auf der "Caravaning". Zumal der Markt in diesem Bereich durchaus umkämpft zu sein scheint: ein "Escapod" (Sitz in Utah / USA) sieht z.B. nicht sehr viel anders aus - scheint weit weg zu sein, aber es gibt auch Fahrzeuge für die eine Herstellung in Ascheberg im Münsterland versprochen wird. Und es gibt auch weit vernetzte Webseiten, die u.a. Treffen für "Teardrop-Camper" ankündigen.

Die lettische Trailer-Träne dagegen scheint sich eher als Angebot für den europäischen Markt zu verstehen. Wie beschrieben, müssten Interessierte eine Weile suchen um zu erfahren, wer dieses Gefährt im Detail herstellt. Mit einem "Kulba" zu reisen bedeutet wohl: Lettisch unterwegs sein, manchmal ohne es zu wissen oder zu ahnen. Ein Glück nur, dass die lettischen Birken auch wachsen ohne dass Anhängsel fürs SUV-Freizeitvergnügen gebaut werden müssen.

27. Oktober 2019

Karl Marks sucht neue Heimat

Dirigenten aus Lettland sind derzeit in vielen Ländern der Welt bekannt: sei es Andris Nelsons, Mariss Jansons, Sigvards Klava oder Andris Poga.
Jansons, der in München das Symphonieorchester und den Chor des Bayerischen Rundfunks dirigiert, bekam kürzlich den "Opus Klassik" für sein Lebenswerk - das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern, den Ernst von Siemens Musikpreis und den Bayerischen Maximiliansorden hat er bereits. Poga, Musikdirektor des lettischen Nationalorchesters Riga, ist eine Art "Deutschlandreisender": als Gastdirigent in Dresden, beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, beim NDR Elbphilharmonieorchester, dem WDR Sinfonieorchester Köln.

Mit Lettland verbunden ist aber auch Karel Mark Chichon. (in lettischer Schreibweise = "Karels Marks Šišons"). Der 1971 in London als Kind gibraltarischer Eltern geborene Chichon war von 2011 bis 2017 Chefdirigent der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern; als er diesen Posten damals wegen Einsparungen beim Saarländischen Rundfunk unter Protest aufgab, bezeichnete ihn die Presse als "heißblütigen Briten mit Wohnsitz Malaga" (Saarbrücker Zeitung). 2017 sagte Chichon allerdings rückblickend, er habe in Saarbrücken bereits lange vorher gewusst dass er nicht verlängern werde (NRA). Gleichzeitig sprach er im Interview mit der "Neatkarīgā Rīta avīze" deutschen Orchestern ein gewisses Maß an "Vituosität" ab - der emotionale Kontakt zum Orchester sei einfach nicht so eng gewesen.

Königin Elisabeth II ernannte Chichon 2012 zum „Officer of the British Empire“. Im Jahr 2016 wurde er in Anerkennung seiner Verdienste zum "Fellow der Royal Academy of Music" ernannt. Nun soll er die Staatsbürgerschaft Lettlands, ein hohes Gut nach dem immer noch viele Tausende Einwohner Lettlands vergeblich streben, verliehen bekommen - ehrenhalber (lsm / LA). Eine Reaktion auf den "Brexit"? Chichon ist britischer Staatsbürger.

Nun ja, Chichon hat 2006 erfolgreich eine Lettin geheiratet: die auch in Deutschland bekannte Opernsängerin Elīna Garanča. Aus dieser Ehe sind bisher zwei Kinder hervorgegangen: gemäß lettischer Schreibweise sind es Katrīna Luīze Šišona (geb. 30.9.2011) und Kristīna Sofija Šišona (10.1.2014). Diese beiden Kinder allerdings sind bereits lettische Staatsbürgerinnen.

Wird das Ehepaar Šišona-Garanča nun also zukünftig in Lettland leben? Darauf deutet eigentlich nichts hin. Zwar war Chichon 2009 - 2012 unter anderem auch Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Lettischen Nationalen Symphonieorchesters, aber ein ähnlicher Job steht momentan nicht in Aussicht. Im vergangenen Jahr konzertierte Chichon u.a. zusammen mit dem lettischen Pianistengenie Vestards Šimkus (Šišona un Šimkus paralēles). In einem Interview mit LSM bekannte er: "Ich freue mich in Lettland zu sein, hier fühle ich mich zu Hause, und die Energie, die den Orchestern Lettlands zu eigen ist, die ist wirklich besonders, und gleiches würde ich vielen anderen Orchestern wünschen." Also: Heimat in Lettland, aber jedenfalls in der Nähe von Orchestern. Im Lettischen Radio klingt Chichon wesentlich nüchterner: "Ich bin nicht gekommen um mich zu verbrüdern, sondern zu arbeiten."

In einem Interview bei "Diena" kommentiert Chichon einen Teil seiner bisherigen Arbeitsorte: "Auf Gran Canaria habe ich einen Konzertsaal von Weltklasse-Niveau - so etwas hätte ich mir in Saarbrücken gewünscht." DIENA-Journalistin Inese Lūsiņa fragt noch weiter: "Und was ist das Allerwichtigste bei der Arbeit dort?" Chichon unverhohlen: "Der enge Kontakt zur Regierung. Wenn ich Geld brauche, dann gibt die Regierung es mir. Ich kann anrufen und sagen 'hier ist ein Problem, bitte lösen Sie es' - und es wird gemacht."

Nun ja, mit dieser Herangehensweise wird er vermutlich genau der richtige Staatsbürger Lettlands werden. Über die Vereinbarkeit von internationalen Engagements und Familie sagt Chichon: "der Schlüssel dazu ist ein präzise logistische Planung; wenn unsere Kinder in unserem Haus in Malaga sind, dann bin ich zusammen mit Elīna in Las Palmas oder in Wien. Immer wenn ich zwei Wochen weg war, dann versuche ich die nächsten zwei Wochen zu Hause zu sein. Die Mädchen wissen immer, entweder ist Papa oder Mama da. Und wenn wir beide auf Tournee sind, hilft auch mal meine Mutter aus." (Diena) Also: bisher ist das nicht Lettland. Aber vielleicht zählt die lettische Regierung das Künstlerehepaar längst zur "lettischen Diaspora"?

Elīna Garanča selbst sagte einmal auf die Frage, was sie an Lettland am meisten liebt: "Den Sommer. In Spanien ist der Sommer sehr, sehr heiß, die Sonne verbrennt alles, die Landschaft wird gelbbraun. Dann sehnte ich mich sofort nach etwas Grün, der Heimat! In Österreich ist es zwar grün, aber rund herum sind Berge. Das ist auch nicht meins - von Kind auf bin ich gewohnt, dass ich noch allen Seiten den Horizont sehen kann."  (delfi)

Demnächst wird eine spezielle Kommission des lettischen Parlaments über Chichons "Ehren-Staatsbürgerschaft" entscheiden. Die Befürworter, unter denen sich Abgeordnete nahezu aller im Parlament vertretenen Parteien befinden, argumentieren damit, Chichon habe über die enge Zusammenarbeit mit dem Lettischen Nationalen Symphonieorchester hinaus sich auch für die Verbreitung der Musik verschiedener lettischer Komponisten wie Ādolfs Skulte, Emīls Dārziņš, Raimonds Pauls, Andris Dzenītis und Ēriks Ešenvalds eingesetzt. (LA)

19. Oktober 2019

Geboren in Lettland

Es war eine juristische Spitzfindigkeit, geboren aus der hitzigen Diskussion um die Einbürgerung von Russischsprachigen in Lettland, die keine Staatsbürger/innen Lettlands sind oder sein wollen: wer in Lettland geboren wird, war bisher von der Entscheidung der Eltern abhängig, ob eine lettische Staatsbürgerschaft zuerkannt wird oder nicht - wenn die Eltern lieber einen Nichtstaatsbürgerpaß behalten wollen, als Sprachprüfungen und andere Mühsal auf sich zu nehmen, dann konnten sie auch bisher bestimmen, dass ihr Kind ebenfalls keine lettische Staatsbürgerschaft bekommt. Von freiem Willen des Kindes kann ja bei Neugeborenen noch keine Rede sein.

Nun wird das anders: am 17. Oktober beschloss das lettische Parlament, die Saeima, mit den Stimmen von 60 der 100 Abgeordneten, diese bisherige Regelung abzuschaffen; ab dem 1. Januar 2020 bekommen alle in Lettland geborenen Kinder automatisch die Staatsbürgerschaft Lettlands zuerkannt (lsm/saeima). Eine Ausnahme gibt es allerdings noch: wenn die Eltern entscheiden, dass ihr Kind die Staatsbürgerschaft eines anderen Landes - zum Beispiel Russland - bekommen soll, dann wird dem entsprechend verfahren. Doppelte Staatsbürgerschaften sind in Lettland weiterhin die große Ausnahme.

In der Praxis wird die neue Regelung voraussichtlich jedoch nur geringe Auswirkungen haben, bzw. wenige Kinder betreffen: im Jahr 2016 47 Kinder, im Jahr 2017 waren es 51 Kinder. Im Jahr 2018 betraf es 33 Kinder. In den vergangen fünf Jahren waren es etwa 300 Neugeborene, die nicht zu Staatsbürgern wurden, da ihre Eltern diese bereits bestehende Option nicht wahrnahmen. Nun wird es also nur noch zwei Möglichkeiten geben: wer nicht bei Geburt die Staatsbürgerschaft eines anderen Landes bekommt, wird Lette bzw. Lettin.

Der Anstoss zur Neuregelung war noch von Präsident Vejonis gekommen, der bis Juli 2019 im Amt war, dessen Vorschläge aber das bis zur Wahl am 6.Oktober 2018 im Amt befindliche Parlament immer abgelehnt hatte. Zuletzt war die Regelung für in Lettland Neugeborene 2013 erleichtert worden: bis dahin war noch die Zustimmung beider Eltern verpflichtend vorgeschrieben, um einem Kind die lettische Staatsbürgerschaft zusprechen zu können.

Die Zahl der Einwohner Lettlands mit dem "Ausnahmestatus", im Besitz eines Passes der Republik Lettland zu sein, mit dem dann aber der Status des sogenannten "Nichtstaatsbürgers" festgeschrieben ist, sinkt seit Jahren. 1995 waren es noch 731.078 Personen, im Jahr 2000 582.175; 2019 sind es noch 205.565 Menschen (csb) der inzwischen 1.919.986 Einwohner. Teil dieser Einwohnerschaft sind heute noch 60.896 Bürger eines anderen Staates (also Ausländer, davon 41.480 mit russischem Pass), und 164 tatsächlich "Staatenlose" - also Menschen ohne Pass irgendeinen Landes.
Der Anteil lettischer Staatsbürger an der Gesamtbevölkerung beträgt gegenwärtig 86,11%, der Anteil ethnischer Lett/innen unter den Einwohnern beträgt 62,32%.

13. Oktober 2019

Frau Krampa auf Reisen

Zweimal wurden in Lettland in den vergangenen Jahren traditionelle Wollhandschuhe in größerer Anzahl verteilt: am 18. November 2018, als Geschenk an alle Neugeborenen dieses Tages, dem 100.Geburtstag Lettlands (lv100.lv). Noch bekannter aber war die Wollhandschuh-Aktion von 2006, als alle Teilnehmer/innen des ersten NATO-Treffens auf dem Gebiet eines Ex-Sowjetstaates zwei Stück Kunsthandwerk in Geschenkschachtel erhielten - 4500 Paare Wollhandschuhe. "Der Handschuh ist nicht nur ein rituelles Objekt, sondern stellt alle wichtigen Momente unseres Lebens dar" - so formulierte es die Kampagne "Lettland100".

Welche Gastgeschenke Annegret Kramp-Karrenbauer (Annegrēta Krampa-Karrenbauere), Deutschlands "Greta" also, diesmal in Riga überreicht worden sind, ist nicht überliefert. Ein wenig fühlen wir uns erinnert an den Besuch des lettischen Präsidenten Vejonis zu Anfang diesen Jahres: in Deutschland muss er erst noch seinen Namen bekannt machen, in Lettland wurde längst über seine Nachfolge diskutiert (Blogbeitrag).

Jedenfalls ist "AKK" in Lettland noch nicht in erster Linie als potentielle Nachfolge-Angela auf dem Schirm. Seit 2006 veranstalten die lettischen Gastgeber jetzt den "Riga Summit", und legen das Thema "Sicherheit" auch bedeutend weiter aus, als es die deutsche Regierungssichtweise gerne hätte - während für Kramp-Karrenbauer schon die Stationierung deutscher Soldaten in Litauen als Nachweis für "Deutschland übernimmt Verantwortung" läuft (siehe Ministerium),

Während die deutsche Ministerin betont, der "größte Truppensteller" zu sein, und herausstellte, das deutsche "Engagement" in Litauen sei "nicht zeitlich begrenzt", tauchen in der lettischen Berichterstattung zunächst ganz andere Themen auf. "Deutsche Ministerin: Nord-Stream ist wohl nicht mehr zu stoppen", schreibt lsm. Auch Kramp-Karrenbauers Befürwortung einer Erhöhung des deutschen Beitrags zu NATO in Richtung der 2% findet überall Erwähnung; "so wie es auch Trump fordert", schreibt lsm. In sofern ist es konsequent, dass die deutsche "FAZ" in ihrem Betrag betont, "drüben werde mitgehört" - gemeint sind hier allerdings eher die Fake-News-Produzenten auf russischer Seite.

Medial läuft die deutsche "Versicherungsministerin" auch am zweiten Konferenztag dem Kanzlerthema hinterher - in Person der in den lettischen Medien gern immer wieder gezeigten grinsenden Begeisterung von Ex-Kanzler Schröder, mit der er seinen lupenreinen-Demokraten-Freund Putin in den Arm nimmt (Panorāma). Diese Zusammenarbeit - und damit wieder beim Thema Nord-Stream angekommen - scheint den lettischen Medien immer noch um einiges gewichtiger zu sein als "Frau Krampa" in Riga.

Auch der US-Präsident war ja zuletzt durch "Strickmoden" aufgefallen: sein kurdisches Muster nach dem Motto "Einen links, einen rechts, einen fallen lassen" erzeugt nicht überall Begeisterung. Aus der lettischen Perspektive ist nicht nur deshalb die Frage der Zuverlässigkeit von NATO-Zusagen um einiges gewichtiger als mögliches Interesse für die Feinheiten deutscher Innenpolitik. Auch am 4. Februar 2019 hielt sich eine deutsche Verteidigungsministerin schon einmal zu einem Besuch in Riga auf - um kurz danach auf völlig anderem Gebiet Schlagzeilen zu machen. Wie lange wird Kramp-Karrenbauer den Militärs erhalten bleiben? Bisher wirkt vieles eher als "Ministerin der Ausflüchte". Erneut auf das Nord-Stream-Projekt angesprochen, ein AKK-Zitat: "Unter Leitung von Kanzlerin Merkel versucht die gegenwärtige Regierung in Gesprächen zu erreichen, dass die Sicherheitsinteressen der Ukraine und anderer Staaten beachtet werden. Aber wenn man insgesamt betrachtet, wie weit das Projekt schon entwickelt ist, da ist ein Abbruch ziemlich unrealistisch." (bnn)

Vielleicht gibt es da also doch Gemeinsamkeiten von Sicherheitslage und deutscher Innenpolitik: Kramp-Karrenbauer als das Modell "lass weiterlaufen, was einmal so schön am Laufen ist." Was sich daraus für die Sicherheitslage Lettlands und der baltischen Staaten ergibt - vermutlich wird Deutschland hier nicht der entscheidende Faktor sein. In wenigen Tagen wird der ukrainische Präsident Zelenski in Riga erwartet.

30. September 2019

Die "Kaņepes"-Versteher

Auch Bauern in Lettland haben inzwischen die Gesetzmäßigkeiten des EU-Binnenmarktes kennengelernt - mit schmerzlichen Verlusten bei der Zuckerproduktion, mit Erfolgen beim Getreideanbau. "Die Bauern versorgen Lettland mit Lebensmittel" - ein immer noch lebendiger Mythos, konstatiert Wirtschaftswissenschaftlerin Daina Pelēce in einem 2018 veröffentlichten Thesenpapier.

Tatsächlich ist noch etwa ein Drittel der Landesfläche Lettlands landwirtschaftlich genutzt - mit sehr geringer Produktivität, stellt Pelece fest. Weniger als 20% der Erwerbstätigen sind noch in der Landwirtschaft beschäftigt (die Teilzeitarbeitenden eingerechnet), und doch sind das prozentual mehr als in den meisten anderen EU-Ländern. Verglichen mit den 1930iger Jahren verringerte sich die landwirtschaftliche Fläche in Lettland etwa um die Häfte, das stellte kürzlich eine Übersicht des Landwirtschaftsministeriums fest. - Kapitalanleger und Spekulanten machen sich breit: sie kaufen im großen Stil landwirtschaftliche Flächen in ärmeren Ländern auf. Ist es da eine hilfreiche Maßnahme, dass Lettland 2017 verpflichtende Lettischkenntnisse für Käufer landwirtschaftlicher Flächen beschloss?

Dr. Veneranda Stramkalne, Lettlands führende
"Hanfwissenschaftlerin", stolz auf die Ernte
Wer nicht in den beiden führenden Bereichen der lettischen Landwirtschaft tätig ist - Milchwirtschaft und Getreideanbau - der verlegt sich vielleicht auf die sogenannten "innovative Nischenprodukte". Bekannt, ja beinahe legendär, ist in Lettland der Anbau von Hanf: Hanfbutter, Hanföl und Ähnliches gelten ja als Bestandteil traditionellen Landbaus in Lettland. Dennoch sei Hanfanbau, der über wenige Quadratmeter Planzenfläche hinausgeht, für Lettland relativ neu - so eine Analyse des lettischen Landwirtschaftsministeriums. Es mangelt bisher an Einrichtungen zur Weiterverarbeitung der Hanffasern; die Anbaufläche für Hanf erreichte 2017 gerade mal 1000 ha. Die Nachfrage innerhalb der EU nach Hanffasern steige aber stetig an, daher sei die Hanfproduktion ein Bereich, auf den gerade Neueinsteiger und Investoren setzen.


Wissenschaftliche Untersuchungen widmen sich in Lettland vor allem der Sortenwahl. Dabei muss zunächst die angestrebte Nutzung beachtet werden: für die Fasergewinnung ist unwesentlich, ob einzelne Sorten mehr männliche oder weibliche Pflanzen hervorbringen - aber für die Samengewinnung bzw. Hanfölproduktion kann das entscheidend sein. Vermutet wird, das z.B. bei längerer Trockenheit mehr männliche Pflanzen wachsen. Die nächste Schwierigkeit ist, dass nicht alle Samen der in der EU zugelassenen Sorten auch in Lettland gut erhältlich sind - 10 der 45 Hanfsorten mit EU-Zulassung wurden bisher auf lettischen Versuchsflächen erfolgreich getestet. Frost dagegen kann die Hanfpflanze bis zu -5Grad vertragen (siehe lett. Handbuch Hanfanbau).

Einer der Orte in Lettland mit langjähriger Erfahrung im Hanfanbau ist "Adzelvieši", unweit des Burtnieku-Sees in Vidzeme gelegen. Hier wird auch "Hanfdegustation" für Gästegruppen geboten, die schon in vergangene Jahrhunderte zurückreichende Landbau-Tradition dieses Ortes wurde 1991 neu aufgestellt.

Schon zu Zarenzeiten soll "Lettlands schwarzer Kavier", wie Hanfsamen und Hanfpaste angeblich genannt wurden, bis nach St.Petersburg bekannt gewesen sein. Zumindest als Nischenprodukt der lettischen Landwirtschaft scheint die Produktion eine realistische Überlebenschance zu haben.

30. August 2019

Mal nach Estland wandern

Lettlands Verkehrsplaner und Touristiker träumten Anfang der 1990ziger noch von groß angelegtem Autobahnbau - zusammen mit den Kolleg/innen aus Finnland. Dann kamen die (in Lettland) mit Steuergeldern unterstützten Fährlinien, später die Billigflieger. Das jetzt im Bau befindliche Rail-Baltica-Projekt ignoriert weitgehend die regional vorhandenen Bahnstrecken. Konzepte zur Entschleunigung des Erholungsbetriebs starten spät - zwar gibt es einige beschilderte Fahrradrouten, aber das touristische Standardangebot für diese Region scheint ja immer noch die "10-Tage Rundtour durchs Baltikum" zu sein - egal wie Mensch das zeitlich und räumlich schaffen soll (bei all den vielen schönen Ecken und Sehenswürdigkeiten, sage ich jetzt einfach mal).

Nun aber kommt ein Wanderwegkonzept. Endlich, werden vielleicht manche sagen. Hinfahren, und nicht möglichst schnell durch und wieder weg, sondern: bleiben, und genießen!

Am 13./14. September 2019 wird "JŪRTAKA", ein Wanderweg der sich an der lettischen Küstenlinie orientiert, im Rahmen einer zweitägigen Veranstaltung eröffnet. Gewandert werden kann dann auch an estnischen Küsten - denn es ist ein gemeinsames Projekt mit den Partnern "Lääne-Eesti Turism" und "MTU Eesti Maaturism" aus Lettlands nördlichem Nachbarland. In Lettland sind es, neben den den Regionaltourismusverbänden von Kurzeme und Vidzeme, die Gemeinden Carnikava, Saulkrasti und Salacgriva auch die Firma "Lauko Celotajs". Etwas im Hintergrund solcher Projekte steht auch das 50-jährige Gründungsjubiläum der "Europäischen Wandervereinigung".

Die Gesamtlänge dieses Wanderwegs, öffentlich gekennzeichnet mit der Bezeichnung "E9", beträgt ungefähr 1200 km oder 1,5 Millionen Schritte, so die Organisator/innen (580 km in Lettland, 620 km in Estland). In Estland heißt der Weg dann "Ranniku Matkarada". Die "Höhepunkte" liegen beide in Estland: Die Felsen von Rannamõisa (Rannamõisa pank) liegen 35 Meter über dem Meeresspiegel, die Aussichtsplattform des Leuchtturms Pakri, zusammen mit der Höhe der Pakri Felsen, ungefähr 70 Meter über dem Meeresspiegel.

Dem Konzept der Erfinder dieses Wanderweges zufolge teilt sich der Weg in 60 Tagesetappen - deren Tourverlauf sich Interessierte hier herunterladen können. Wer bei der Eröffnung dabei sein möchte: bitte vorher registrieren.

Na dann: fröhliche Wanderstiefel! Nur bitte nicht alle empfohlenen Regeln fürs lettisch-estnische Küstenwandern 100%ig ernst nehmen! Denn unter den Ratschlägen finden wir unter anderem für den Fall, wenn jemand mit dem Auto kommt und nicht weiß, wie er / sie zum Ausgangspunkt zurückkommt, den Satz: "Die Wanderer können ihre eigene Logistik organisieren, indem ein Auto am Zielpunkt, eine anderes wiederum am Startpunkt stehen gelassen wird." Oh, bitte bitte, nein danke! Wandern STATT Autofahren, das ist doch die wirkliche Alternative! Bitte keine neue Autoschwemme durch (Natur!)-wanderwege, neue Parkplätze in der Natur, weil nun alle zum Wandern hinkutschieren wollen. Seid kreativ, denkt euch was aus!

18. August 2019

Einsame Abo-Briefkasten

Sie haben eine Tageszeitung abonniert, oder vielleicht eine Illustrierte? Da scheint es selbstverständliche Tradition, sich diese Abo-Zeitung auch bis in den eigenen Briefkasten liefern zu lassen. Auch in Lettland galt dies selbstverständlich - gelten doch Lettinnen und Letten als sehr lesefreundige Menschen. Allerdings endet die bisher bestehende Vereinbarung der staatlichen Stellen mit der Lettischen Post zum Ende des Jahres 2019 - und daraus ergaben sich einige Fragen.

Die lettische Post versucht auf verschiedene Art und Weise den Sprung ins digitale Zeitalter zu schaffen - und verschickt zum Beispiel Handybilder als gedruckte Postkarten (pasta balodis). Und wer für mindestens 4 Euro bei der lettischen Post einkauft, darf an einer Lotterie teilnehmen, deren Hauptpreis immerhin ein Fiat500 ist.

Aber die Verleger Lettlands haben Sorgen. Gegenwärtig bekommt die lettische Post 2,7 Millionen Euro von den Verlegern fürs Abo-Ausliefern - nötig seien aber ab 2020 zusätzliche 5-6 Millionen Euro, kündigten die Verleger an (lsm). Am 8. August wurde auch dem frisch gewählten Präsidenten Levits bereits vorgetragen (LA): die Rolle der Medien in Lettland besteht nicht nur in der Darstellung von Meinungsfreiheit und -vielfalt, sondern auch als Medium für Menschen weit ab der Hauptstadt. Also: um Abos zu einigermaßen günstigen Preisen an jeden und jede ausliefern zu können, ganz gleich wie weit Haus oder Hof vom nächsten Dorf entfernt liegt, soll der Staat weiterhin helfen - mit Zuschüssen in Millionenhöhe.

Vielleicht muss man auch wissen: die lettische Post gehört zu 100% dem lettischen Verkehrsministerium - so ist es gesetzlich festgelegt (siehe: Jahresbericht). Die Bilanzzahlen im Bereich der abonnierten Zeitungen und Zeitschriften sind in den vergangenen Jahren rückläufig. Seit 2008 gibt es den staatlichen Ausgleich der Versandkosten, seit 2012 ist es im lettischen Postgesetz verankert (lv-portal). Schon 2015 waren es 4,66 Millionen Euro, 2018 5,8 Millionen Euro Verluste in diesem Bereich, die der lettische Staat ausgleichen musste. Nur so lasse sich ein einheitlicher Abopreis im ganzen Land gewährleisten, sagen die Herausgeber. Guntars Līcis zufolge, dem Chef des lettischen Verlegerverbandes, würde sich der Abopreis für die abgelegenen Regionen stark erhöhen müssen, wenn alle Kosten ohne staatliche Hilfe ausgeglichen werden müssten (diena). Daiga Bitiniece, Redakteurin beim dreimal pro Woche erscheinenden "Kurzemnieks", rechnet so: "wir müssten dann der Post 4000 Euro monatlich mehr bezahlen; statt gegenwärtig 6,30 Euro würde das Abo damit auf 8,88 Euro steigen." 
Ein anderer Vorschlag, der gegenwärtig diskutiert wird, ist die Mehrwertsteuer (lett: "pievienotās vērtības nodoklis" PVN) für Presserzeugnisse von gegenwärtig 12% auf 5% zu senken.

Eines der zentralen Argumente ist, wie so oft, der Erhalt von Sprache und Kultur. "Wir sind ein kleines Land", betont auch Verleger Līcis, und stellt damit die besondere Rolle alles Lettischsprachigen heraus. Zeitschriften und auch Büchern komme daher eine wachsende Bedeutung zu. "Im Gegensatz zum Internet fühlen wir uns verantwortlich für jedes gedruckte Wort", betont Līcis.

Am 13. August beschloss das Ministerkabinett nun mit 3,7 Millionen Euro die lettische Post zu unterstützen, zusätzlich zu den bereits dafür reservierten 2 Millionen Euro - der lettischen Post zufolge wird damit nicht mehr als 40% der tatsächlichen Kosten abgedeckt. Wer genauer wissen möchte, wann die Abo-Zustellung erfolgt, kann sich auch die Ortsliste der Post ansehen, in der Mindest-Zustellzeiten festgelegt sind: bis 8 Uhr morgens in Riga, in Garkalne, Ķekava un Ropaži bis 10 Uhr, in Baldone, Salaspils und Saulkrasti bis 11 Uhr, und auch in Auce, Dobele, Iecava, Inčukalns, und Loja geschieht die Zustellung immerhin nach bis 12 Uhr. Abonnenten in Aizkraukle, Balvi, Bauska, Grobiņa, Inciema, Liepāja, Limbaži, Mālpils, Olainr, Ragana, und Saldus können immerhin noch bis 13 Uhr mit der Zustellung der Tageslektüre rechnen. Für Interessierte in Ādaži, Carnikava, Daugavpils, Gulbene, Jelgava, Jēkabpils, Kandava, Krāslava, Kuldīga, Lielvārde, Ludza, Madona, dem Bezirk Mārupe, Ogre, Preiļi, Rēzekne, Sigulda, Skrunda, Talsi, Tukums, Ulbroka, Valka, Valmiera, Ventspils, und Zilupē dauert es schon bis 14 Uhr, und alle bisher nicht genannten müssen vielleicht bis 15 Uhr warten. (pasts.lv)

Da die Verantwortlichkeiten beim Verkehrsministerium liegen ist aber auch klar, dass die jetzt zusätzlich zugesagen Finanzen anderen Verkehrsprojekten weggenommen werden musste - sicher keine Dauerlösung. Es wird damit auch nur die bestehende Regelung um ein einziges Jahr verlängert. Das Problem bleibt bestehen. Wer einsam lebt, oder das lettische Dorfleben liebt, der / die sollte wohl am besten seinen Abo-Briefkasten direkt in Riga neben dem Parlament aufstellen ...

4. August 2019

Bröckelnde Markthallen

Das Gelände des Rigaer Zentralmarktes, so wie es derzeit aussieht,
hat deutlich schon bessere Tage gesehen
Für die Gäste der lettischen Hauptstadt ist es ein fester Programmpunkt eines Riga-Besuchs: ein Gang durch die Hallen des Zentralmarktes, zwischen Hauptbahnhof und Haus der Wissenschaft gelegen. Aber nicht nur wegen den üblichen "Zeppelin"-Legenden, die hier an dieser Stelle gern erzählt werden, ist es ein Ort mit bröckelndem Charme geworden: das 7,2 Hektar große Marktgelände ist inzwischen "in die Jahre gekommen" - ganze 88 Jahre sind seid der Eröffnung vergangen. Das Gelände bedarf, für Besucherinnen und Besucher nicht zu übersehen,  einer Modernisierung und Verschönerung.

Ein Plan, wie das Marktgelände in Zukunft aussehen soll, besteht eigentlich schon - er wurde 2017 der Presse vorgestellt, und im Januar 2019 war der Beginn der ersten Arbeiten ausgerufen worden. Bisher wurden allerdings nur ein paar neue Vitrinen aufgestellt und die Beleuchtung verbessert. Eigentlich sahen die Planungen vor, den Fischpavillon ab Herbst 2019 für 1 1/2 Jahre ganz zu schließen, zwecks Renovierung. Dabei sehen die einen mehr Platz für Fußgänger und Radler im Vordergrund, andere eher eine Modernisierung der Toiletten als Priorität, oder auch die Schaffung von mehr Parkplätzen.
Doch ein unvorhergesehenes Ereignis warf im Frühjahr die Pläne durcheinander: ein Teil des Kanalufers zwischen Markthallen und Autobusbahnhof rutschte ab - und stellte damit nochmals die Dringlichkeit einer Renovierung unter Beweis. Seitdem schwirren die Gerüchte hin und her: über angeblich notwendige erheblich größere Finanzierungssummen oder Unzulänglichkeiten der bisherigen Pläne.

Bisher nur Träume der Betreiber des Zentralmarktes: ein gesäubertes,
geordnetes und gut zu begehendes Marktgelände
Am 2.Mai sah sich daher die Stadt Riga veranlasst, die "baumas" (lett.= "Gerüchte") per Pressemeldung richtigzustellen. Ein reiner Bauernmarkt würde den zukünftigen Ansprüchen nicht mehr ausreichen, ist hier zu lesen. Das Ziel sei vor allem mit Gewinn zu arbeiten. Man wolle das Marktgelände so ausbauen, dass in Zukunft auch Konferenzen, Ausstellungen und sogar Konzerte hier stattfinden könnten. Der Ausbauplan bis 2022 soll insgesamt 30 Millionen Euro kosten, einen Teil sei vom Europäischen Fond für Regionalentwicklung (lettisch "Eiropas Reģionālās attīstības fonda" ERAF) abgedeckt.

Aber eigentlich werden die Veränderungen größer sein, als sie vielleicht gerade jetzt vorstellbar sind. Durch den Bau der "Rail-Baltica"-Bahnstrecke soll der bisherige Bahndamm ebenerdig abgesenkt werden. "Der Markt und das Ufer des Stadtkanals werden faktisch zu einem Teil der Altstadt", - so beschreiben die zuständigen Behörden ihre Visionen.

Sicher ist allerdings, dass nach den Ufereinbrüchen die Lage neu überdacht werden muss. Ein Loch von zehn Meter Durchmesser ist an den alten Befestigungen entstanden, Experten beurteilten auch den Rest der Anlagen als stark gefährdet (delfi). Vor allem der Ablauf der geplanten Arbeiten muss neu überdacht werden - denn niemand möchte riskieren, dass die Zugänglichkeit der Hallen durch neue Einstürze gefährdet wird.

Der Rigaer Zentralmarkt verzeichnet gegenwärtig einen Jahresumsatz von 7 Millionen Euro. Täglich werden durchschnittlich 60.000 Marktbesucher gezählt. Das Unternehmen “Rīgas Centrāltirgus” gehört zu 100% der Stadt Riga und wurde 1995 gegründet.

Der Zentralmarkt machte in den vergangenen Wochen auch dadurch Schlagzeilen, dass drei Personen, eine davon direkt aus der Verwaltung des Marktes, wegen Korruptionsvorwürfen verhaftet wurden (delfi).