Lettin für eine Woche
Seit 2019 lebt Wissenschaftlerin Divja Kanana Višvanata (Divya Kannan Vishwanath), geboren 1981 in Indien, in Lettland. Sie leitet ein Labor für künstliche Intelligenz (SIA Dr. Vishys) und beschäftigt sich mit pharmazeutischer Forschung, arbeitet dafür auch mit lettischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zusammen. In Anbetracht dessen und angesichts der Zusage von Višvanata, sich weiterhin für Lettland einzusetzen, beschloss das lettische Parlament (Saeima) am 15. Oktober 2026 der gebürtigen Inderin wegen besonderer Verdienste die lettische Staatsbürgerschaft zu verleihen (siehe Saeima / lsm). Aber schon eine Woche später, am 22. Oktober, verabschiedete dasselbe Parlament im Eilverfahren ein Gesetz, das diese Verleihung der Staatsbürgerschaft an Frau Višvanata für ungültig erklärte. Was war passiert?
"Verleihung" wörtlich genommen?
Nach der Beschlussfassung wurden in der Öffentlichkeit Zweifel an Ausbildung und den wissenschaftlichen Veröffentlichungen der Neu-Staatsbürgerin laut, ebenso an den Gründen für die Verleihung der Staatsbürgerschaft. Staatspräsident Edgars Rinkēvičs forderte das Parlament auf, die entstandenen Zweifel auszuräumen und das verabschiedete Gesetz gegebenenfalls zu überarbeiten.Der Präsident der Lettischen Akademie der Wissenschaften (Latvijas Zinātņu akadēmija LZA), Ivars Kalviņš, sah sich Forderungen nach seinem Rücktritt konfrontiert (NRA) - Kalviņš hatte Višvanata für den Erwerb der Staatsbürgerschaft empfohlen. Andris Šutka, ebenfalls Akademiemitglied, wies hingegen darauf hin, dass es ihm nicht gelungen sei, wissenschaftliche Veröffentlichungen von Višvanata zu finden. Sollte die Wissenschaftlerin tatsächlich über keinerlei wissenschaftliche Veröffentlichungen verfügen, gäbe es keinen Grund, sie als herausragende Wissenschaftlerin anzuerkennen und damit die Verleihung der Staatsbürgerschaft zu begründen, meint er.
"Da ich in diesem schönen, kulturellen Land lebe, das seine staatliche Identität bewahrt und weiterentwickelt," so schreibt Višvanata selber, "möchte ich dazu beitragen, all diese Werte Lettlands zu bewahren und zu stärken." Und weiter: "Derzeit lerne ich Lettisch und beherrsche die Sprache bereits auf Konversationsniveau. Ich halte sie für eine schöne Sprache, die gemeinsame Wurzeln mit unserer Muttersprache innerhalb der indoeuropäischen Sprachfamilie hat. Mein einziger Sohn, der 12 Jahre alt ist und die Internationale Schule in Riga besucht, spricht bereits fließend Lettisch, und ich hoffe, in naher Zukunft ein ähnliches Niveau zu erreichen."
Dieses schöne, kulturelle Land
Višvanata gibt auf ihrer Webseite an, Informatik an den beiden indischen Universitäten in Mumbai und an der Janardan Rai Nagar Rajasthan Vidyapeeth University studiert zu haben, sowie Garwood-Stipendiatin an der UC Berkeley in Kalifornien, USA, zu sein. Sie wies alle Vorwürfe zurück und erklärte, dass die der Saeima vorgelegten Dokumente echt und geprüft seien. (NRA) Nach Angaben des Journalisten Māris Krautmanis ("nra.lv") liegt ihm das Dokument eines Diploms von Višvanata vor, datiert auf Februar 2019. Als Antwort auf Vorwürfe wegen fehlender wissenschaftlicher Veröffentlichungen legte Višvanata eine Bibliografie mit zehn Artikeln vor (zu Themen wie internationales Unternehmertum, digitale Transformation, künstliche Intelligenz); fünf Artikel stammen aus dem Jahr 2018, fünf weitere allerdings erst aus dem Jahr 2025.Finanztipps aus Indien
Darüber hinaus erwähnt Višvanata das im Jahr 2026 auf Lettisch erschienene Buch „Finanzielle Freiheit: Vom Gehalt zu einem System, das für dich arbeitet“, das gemeinsam mit Gundars Graudiņš verfasst wurde und das, wie sie sagt, kostenlos verteilt wird (was auch Kalniņš in seinem Empfehlungschreiben lobend erwähnte - in der Buchhandlung "Valters & Rapa" kostet es allerdings 23,99 €, bei Rēriha 21,95 €). Ein angeblich kostenloses Buch über den Weg raus aus finanziellen Sorgen?Auch die lettische Presse recherchierte genauer. Was macht eigentlich diese Firma "Dr. Vishys?" Eigentümer soll Kannan Višvanath sein, der dank der Vermittlung der Lettischen Akademie der Wissenschaften (LZA) durch einen Beschluss der Saeima bereits im Herbst 2023 die lettische Staatsbürgerschaft erhielt und zudem als Unternehmer und Wissenschaftler im Pharmabereich registriert wurde (also der Ehemann von Frau Višvanata). In den letzten Jahren war dieses Unternehmen ohne Umsatz tätig, verzeichnete jedoch Verluste in Höhe von mehr als 200.000 Euro. (NRA)
LZA-Präsident Kalviņš räumt in seinem Schreiben ein, dass ihn seine Kollegen erst am 21. Oktober über mögliche Gründe informiert hätten, den Inhalt und die Urheberschaft der auf der Website von Višvanata aufgeführten wissenschaftlichen Veröffentlichungen anzuzweifeln. (NRA / TvNet)
Und Ilmārs Poikāns, Forscher am Institut für Mathematik und Informatik der Universität Lettlands, hat mit spitzem Bleistift Fakten geprüft. „Es sollen die Fakten, die Dokumente und das Gesetz sprechen, nicht der Hass,“ schreibt er auf der Plattform X. Einige der Veröffentlichungen von Višvanata seien erst am 18. Oktober, also drei Tage nach dem ersten Parlamentsbeschluss, im Internet auf der Wissenschaftsplattform "Zenodo" hochgeladen worden. Am 15. Oktober seien nur zwei Veröffentlichungen dort verzeichnet gewesen. Bei einigen weiteren Texten sei eigentlich im Original ihr Mann Kannan Višvanath als Autor angegeben. Zudem sei in dem Parlament vorgelegten Unterlagen kein Abschlusszeugnis enthalten gewesen. Und entgegen der Angabe, sie lebe seit 2019 in Lettland, sei sie noch im Februar 2024 lediglich mit einem auf drei Monate befristeten Touristenvisum in Lettland eingereist. (LA)
Die indische Wissenschaftlerin wandte sich unterdessen an die lettische Polizei und gab an, Opfer von Schikanen und Falschinformationen mit rassistischen Untertönen geworden zu sein. (lsm / jauns) Offenbar waren es 11 verschiedene Behörden, die alle Unterlagen von Frau Višvanata geprüft haben. "Und doch reicht ein bloßer Verdacht aus, dass einige lettische Politiker 'Blut geleckt haben', schreibt Journalist Krautmanis in einem Kommentar. "Die Višnavati hatten keine Ahnung, mit welcher Schlangengrube sie es in der lettischen Politik und auch in der Gesellschaft zu tun haben."
Goldene Visa, Lockangebote?
Die Parteien der noch regierenden Koalition in Lettland (die Bildung einer neuen Regierung nach den Wahlen ist noch nicht abgeschlossen) gerieten im Fall Višvanata in heftigen Streit, worüber man sich mehr schämen solle: über die ehrenvolle Verleihung der Staatsbürgerschaft an diese indische Wissenschaftlerin, oder über deren hektische Wieder-Aberkennung.
Der ganze Vorgang erinnert auch daran, dass es in Lettland immer noch ein "Lockangebot" für Investoren gibt: Es reichen 50.000 €, irgendwo in Lettland investiert, um mit einer Aufenthaltsgenehmigung belohnt zu werden.
Netzwerke und Geldströme
So wird über ein Wellnessprojekt "Gaismas" des Unternehmens "Lights Medical" berichtet, ein noch zu erstellendes Rehabilitations- und Wellnesskomplex für Senioren in Spuņciems (am Babītes ezers), mit 110 Zimmern und 136 Betten. Als Geschäftsführerin genannt wird hier Nina Linde, zusammen mit dem österreichischen Entwicklungsmanager Gerald Hoppstädter. Das Unternehmen habe damit geworben, gegen Zahlung einer Investition in Höhe von 50.000 Euro Hilfe zu leisten bei einer lettischen Aufenthaltsgenehmigung, die den Zugang zur gesamten Europäischen Union und zum gesamten Schengen-Raum eröffnet (lsm / tvnet). Inzwischen prüft das lettische Amt für Staatsangehörigkeits- und Migrationsangelegenheiten (Pilsonības un migrācijas lietu pārvaldē PMLP) diese Vorgänge. Vertreter der Gemeinde Mārupe, zu der Spuņciems gehört, bestätigten den Kauf eines Grundstücks durch die Firma - aber Bautätigkeit sei dort nicht zu verzeichnen (latvia-realty).
Entsprechende Werbung ist leicht online zugänglich: Ob "Euroresidencies", "Best Citizenships", oder "S-Baltic.lv" - die Lockangebote sind ähnlich, und immer ist der Name "Hoppstädter" damit verbunden (siehe auch atmina.lv). Und so gibt es Verdächtigungen, an mindestens 11 Personen aus dem Ausland seien Aktien der "AS Lights" für mindestens 50.000 € verkauft worden - die Art der Gegenleistung scheint klar, aber bei den Finanztransaktionen wird nun geprüft, ob diese vielleicht einfach vorgetäuscht wurden (tvNet). Nina Linde ihrerseits ist auch Miteigentümerin und Vorstandsvorsitzende eines "Institut für Wirtschaftswissenschaften GmbH" an der Lettischen Akademie der Wissenschaften (SIA Latvijas Zinātņu akadēmijas Ekonomikas institūts). Vorstandskollege hier ist wiederum Kannan Višvanath, Ehegatte von Frau Višvanata. (TVNet / Diena)In den Medien und sozialen Netzwerken wurde Divja Kanana Višvanata vielfach als „Scharlatanin“ und „Betrügerin“ bezeichnet, und das Wort „Wissenschaftlerin“ wurde durchweg in Anführungszeichen gesetzt. Ein großer Teil der Gesellschaft betrachtet die oft in lettischen Kebab-Läden und im Essenslieferdienst tätigen Inder mit großem Misstrauen, meint Kommentator Krautmanis. Aber Menschen aus Indien seien eben auch mehr als nur die Stereotype vom Millionär der aus den Slums kam. Und im Gegensatz zum überbevölkerten Indien sähe Lettland eben zunächst einmal wie ein schönes, ruhiges Land aus. Und aus lettischer Sicht greifen dann eben manchmal einfach nur altbekannte Mechanismen und auch Vorurteile. Der ganze Vorgang (manche nennen es "Skandal") hat nun einen eigenen Eintrag im lettischen Wikipedia gefunden - zum Nachlesen bei Bedarf.






























