17. Januar 2021

Alles eine Familie ... ?

Im November hatte das lettische Verfassungsgericht über den Fall einer Mutter geurteilt, die für ihre lesbische Partnerin das Recht auf "Elternurlaub" einklagen wollte, so wie es auch allen Vätern in Lettland gewährt wird (lsm). Als Begründung wurde unter anderem genannt, das Kind habe ein Recht auf emotionale Zuwendung auch von ihrer Partnerin. Artikel 110 der lettischen Verfassung legt den Schutz der Familie fest - definiert diese allerdings gleichzeitig als Verbindung zwischen Mann und Frau (siehe: likumi.lv). Dennoch gab das Verfassungsgericht der Klagenden Recht - Vorrang habe auf jeden Fall das Kind, und hier sei eine Gleichbehandlung wichtig. Bis zum 1. Juni 2022 soll der Gesetzgeber nun die Rechtlage anpassen - ein Anlass zur Unruhe unter vielen lettischen Politiker/innen. 

"Es gibt heilige Werte, die seit Hunderten von Jahren für uns und unsere Kultur gelten," meint Raivis Dzintars, Chef der rechtskonservativen "Nationalen Allianz" (NA), "und einer dieser Werte ist, das eine Familie aus Vater, Mutter und deren Kindern besteht." (lsm) Kaum verwunderlich also, dass die NA bereits eine Formulierung ausgearbeitet hat, um die lettische Verfassung zu ändern - zur Durchsetzung bräuchte es allerdings im Parlament eine Zwei-Drittel-Mehrheit. 

Inzwischen hat auch das lettische Parlament bereits diese Frage diskutiert (lsm). Für eine Verfassungsänderung votierten 47 Abgeordnete, 25 dagegen. 7 waren nicht anwesend, und 21 stimmten nicht mit ab - was im lettischen Parlament möglich ist; von der Fraktion "Saskaņa" stimmten überhaupt nur drei der 19 Abgeordneten ab. Das sieht alles vorerst nach einer ordentlichen Portion Parteitaktik aus. Nun wird in den Parlamentsausschüssen weiter diskutiert. Ministerpräsident Krišjānis Kariņš hatte sich gegen Verfassungsänderungen ausgesprochen - vor allem mit dem Argument, es gäbe momentan viele wesentlich wichtigere Themen in Lettland. 

Das lettische Verfassungsgericht bei seiner
ersten Sitzung am 28.4.1997 (Foto: Blumbergs)
Aber denjenigen, denen Lettlands Entwicklung momentan nicht konservativ genug ist, haben sich längst auf ein weiteres Ziel eingeschossen: Braucht Lettland überhaupt ein Verfassungsgericht? Es wurde erst 1997 neu geschaffen. 

Seit dem 6. Mai 2020 wird das lettische Verfassungsgericht von zwei Frauen geleitet: von Ineta Ziemele als Vorsitzende und Sanita Osipova als Stellvertreterin. Ziemele wechselte im Oktober 2020 an den Europäischen Gerichtshof - also wurde Osipova inzwischen neue Vorsitzende. 

Noch nie sei die Unabhängigkeit der lettische Gerichtsbarkeit so gesichert gewesen wie momentan, meint aber Osipova in einem Interview mit der Zeitschrift "IR". Osipova, die ihre Dissertation zum Lübecker Stadtrecht schrieb und neben einer Professur an der Lettischen Universität auch schon eine Gastprofessiur in Münster wahrnahm (Lettische Presseschau / Diena), wurde kürzlich von der "Europäischen Bewegung Lettlands ("Eiropas kustība Latvijā") zur "Europäerin des Jahres 2020" gewählt (bnn). "Lettland braucht eine Kultur der Toleranz, wo die Menschenwürde für alle gleich gilt", so formulierte Osipova es in der Zeitschrift "Jurista Vārds".

Es gibt auch nicht nur die Fürsprecher der Ausschließlichkeit der traditionellen Ehen. Auf dem Portal "ManaBalss" (Meine Stimme) sammeln sich im Moment die Befürworter eines Vorschlags, der Gesetzgeber möge jede Form des Zusammenlebens als gleichwertig anerkennen. "Eine Heirat wird in der lettischen Gesellschaft nicht mehr als einzige Form einer Familie angesehen", so steht es dort zu lesen, und inzwischen gibt es über 20.000 Unterschriften dafür. Dahinter steckt der Verein "Dzīvesbiedri" (Lebenspartner), "Mozaika", und Aktivisten wie Kaspars Zālītis. Auch eine Eingabe an das Parlament gegen eine Verfassungsänderung wurde hier bereits erarbeitet (delfi). 

In Lettland kamen 2019 insgesamt 18786 Kinder zur Welt (csb). Davon wurden 61,6% von verheirateten Paaren geboren. "Die häufigste Form der Familie in Lettland ist die einer alleinerziehenden Person mit einem oder mehr minderjährigen Kindern", so stellt es das Lettische Statistikamt für 2020 fest. 23,6% aller als Familien erfasste Lebensgemeinschaften sind solche Haushalte von Alleinerziehenden, gefolgt von 22,3% Paare ohne Kinder. Nur 16,2% sind verheiratete Paare mit Kindern. Seit 2011 habe sich die Anzahl der Haushalte speziell mit allein lebenden Frauen mit Kindern erheblich gesteigert, und dazu gäbe es klare Gründe: zum einen weise Lettland eine der höchsten Scheidungsraten in der gesamten Europäischen Union auf (3,1 pro 1000 Einwohner). Zum anderen würden etwa 40% aller Kinder außerehelich geboren. Und dazu kommt noch, dass die Statistik diejenigen Familien, wo einer der Elternteile dauerhaft im Ausland wohnt, eben als Haushalt von Alleinerziehenden zählt.

29. Dezember 2020

Diana mit Schuss

Es begann am 23. Januar 2016 im kleinen kurländischen Städtchen Skrunda. An diesem Datum soll die erste Veranstaltung stattgefunden haben, die als "Damenjagd" bezeichnet werden kann. "Dāmas medī, kungi dzen", das soll damals das Motto gewesen sein (die Damen jagen, die Herren sind als Treiber eingesetzt).

Lettlands "erste
Jägerin": Linda
Dombrovska

Das Logo des europäischen Jagdverband ("European Federation for Hunting and Conservation" FACE - the "Voice of European Hunters") scheint ja eher dafür zu stehen, dass es vor allem Jägermänner gibt - Jägerinnen eher weniger. Doch in Lettland steht ein Name für die große Ausnahme: Linda Dombrovska. Sie ist Vorsitzende von "Lady Hunt", der "Frauenabteilung" im lettischen Jagdverband ("Latvijas Mednieku asociācija" LATMA), und vertritt bei FACE gleich alle drei baltischen Jagdverbände - als einzige Frau im Club der FACE-Vizes. Dombrovska zufolge gibt es etwa 25.000 Jäger in Lettland - darunter nur sehr wenige Frauen, geschätzt etwa 1%. Doch es gibt 760 registrierte Waffenbesitzerinnen in Lettland, rechnet "Lady Hunt" vor; warum sind darunter nicht noch mehr Jägerinnen?

Dabei haben sich die Jagdlustigen unter den lettische Frauen längst einige Jagd-Argumente zurecht gelegt. Ob denn die Jagdausübung die Frauen weniger feminin mache, werden sie gefragt. (cic.wildlife) Nein, im Gegenteil, lautet natürlich die Antwort. Wenn Frauen dabei sind, seien der Wald und die Jagd noch schöner, so sähen es auch die Männer. Außerdem wird Jägerfrauen auch noch eine andere Rolle zugedacht: für die Verbesserung des Images der Jagd in der Öffentlichkeit. 

So tritt denn Linda Dombrovska auch schon mal in lettischen Kochshows im Fernsehen auf - und liefert gerne die Art von Sprüchen, die sich die lettische Presse offenbar erhofft hatte: "Wenn Hirsche Sex wollen, dann sprtzen sie sich mit Duftstoffen ein." - Und es passt gut zusammen, dass Dombrovska selbst auch für die Berichterstattung über die Jagd zuständig ist: als Autorin für "Latvijas Mediji", Herausgeber der einflussreichen "Latvijas Avize", der Zeitschrift "Medības" (Die Jagd) und einiger weiterer Magazine. 

"Lady Hunt" wurde als Abteilung des lettischen Jägerverbands LATMA am 8.April 2016 gegründet. Warum eine englischer Name? Zum Knüpfen internationaler Kontakte, wird offen zugegeben. Mal zur "Lady Hunt" nach Lettland fahren? Hoffentlich gibts da keine Missverständnisse. Inzwischen gibt es immerhin regelmäßige Treffen von Jägerinnen aus Polen, Litauen und Lettland. Ein Abstecher zu Dombrovskas Redaktionsschreibtisch scheint dabei selbstverständlicher Bestandteil des Programms zu sein. Und beim alljährigen "Jagdfestival Minhauzens" (Münchhausen) sind die Damen selbstverständlich auch dabei. 

Ungemach naht allerdings von Seiten einiger anderer Naturfreunde - vor allem der Lettische Ornithologenverband beklagt sich darüber, dass Lärm und Störungen von Jäger*innen den Bestand seltener Tierarten wie Schwarzstorch und Seeadler bedrohen. Wenigstens in Naturreservaten solle daher die Jagd völlig untersagt sein, so meint zum Beispiel Viesturs Ķerus von der Lettischen Ornithologischen Gesellschaft (Latvijas Ornitoloģijas biedrība LOB). Einige Jagdverbände würden eine flächendeckenede Jagd in Lettland allein damit rechtfertigen, die Afrikanische Schweinepest bekämpfen zu müssen. Haralds Barviks, Vorsitzender des Jagdverbands LATMA, wird der Ausspruch zugeschrieben, auf jagdfeindliche Naturschützer gemünzt: "das sind Clowns, die nichts wissen, nichts lesen und nicht zuhören" (Ķerus

Wenn es darum geht, bei der Fahrt zur
Jagd gesehen zu werden, dann markiert
auch der lettische Jägersmann noch
gern den "wilden Wolf" (so meint zumindest
die Werbung ... )

Die LOB-Aktiven haben solche Vorwürfe allerdings längst mit Vorschlägen zum "nachhaltigen Jagen" beantwortet (siehe auch: "Putni dabā"). Hierbei geht es um Rücksichtnahme auf seltene Vogelarten, Verzicht auf bleihaltige Munition und staatlich abgestimmte Jagdkonzepte - eigentlich sehr einfache Grundregeln. Und es gibt dafür sogar einen Partner: die Zeitschrift "Medības. Makšķerēšana. Daba" (Jagd, Angeln, Natur), sozusagen das "Konkurrenzblatt" zu den Erzeugnissen vom Redaktionsschreibtisch der Linda Dombrovska. Und als weiteren Kooperationspartner der Zeitschrift werden wir hier darauf aufmerksam gemacht, dass es in Lettland tatsächlich noch eine weitere große "Jägervereinigung" gibt: "Latvijas Mednieku savienība" (LMS), der lettische Jägerverband. 9.000 Mitglieder gäbe es hier, informiert die entsprechende Webseite. 

Doch lieber zurück zum traditionellen
"Jägerwitz"?
(Quelle: LVM)

Warum gibt es nun offenbar "solche und solche"? "Gegenwärtig arbeiten wir parallel", gibt LATMA-Chef Barvik zu, "und das ist auch eine gute Lösung" (LA-Video). Dabei schätzt er die Mitgliederzahl bei LATMA auf 3.500 ein - also nicht einmal die Hälfte der konkurrierenden LMS. Dabei waren doch bei der Gründung 2011 in Sigulda viele LMS-Abteilungen mal dafür angetreten, "alle Jäger zu vereinigen" (Latforin)

Das lettische Landwirtschaftministerium arbeitete derweil vor einigen Monaten noch an Plänen, die Gebühren für aktive Jäger*innen erheblich zu erhöhen: von gegenwärtig 14 Euro für eine Jahreskarte auf 40 Euro, und pro Jagd von 1,40 Euro auf 10 Euro. "Das würde die Zahl der aktiven Jagdausübenden wohl erheblich verringern", meint Jānis Baumanis, Chef der LMS (lsm). Und, wie immer und überall, es erklingt die allgegenwärtige "Jägerklage": "zuviel Tiere zerstören den Wald". Auch in Lettland ist an dieser Stelle nicht etwa von Wölfen oder Bären die Rede, sondern von Rehen, Hirschen und Wildschweinen. Nächstes Argument: aufgrund der zunehmend milderen Winter würden zu viele Tiere überleben, und demzufolge Unfälle im Straßenverkehr verursachen. 

Und was gibt's Neues beim Jagerverband zum Jahresbeginn? Pandemien oder Masken, wen kümmert das: am 1. Januar beginnt die Luchsjagd!  80 Tiere dürfen bis Ende März 2021 geschossen werden (latma) - na, dann: auf zum fröhlichen Blattschuss!

18. Dezember 2020

Image selbstgemacht

Latvietis var visu - "Yes we can",
lettische Variante?

Es gibt einige Fragen, die bewegen Lettland offenbar auch mitten in der Corona-Krise. "Latvijas tēls" - um mal nicht den Begriff "Image" zu verwenden - das Bild von Lettland, das was andere über Lettland denken, wie kann das möglichst positiv verbessert werden?

"Eiropa mūs nesapratīs", so lautete einmal die Antwort lettischer Skeptiker, und dazu passte gut, dass der Soundtrack dazu von der Band "Labvēlīgais Tips" kam, deren Bandnamen man auch als "gutgemeinte Ratschläge" übersetzen könnte. Neuester Slogan: Nationales Image in der Welt? Bitte selbermachen! 

"Ungenutzte Potentiale" werden dabei bei den vielen Lettinnen und Letten gesehen, die inzwischen mittel- oder langfristig im Ausland leben, die sogenannte "Diaspora". In Lettland gibt es jetzt seit einigen Jahren einen "Image Policy Coordination Council", der Konzepte zum "National branding" ausarbeiten soll. Aber die "Diaspora" sei dabei bisher nicht beteiligt worden, sagt Zane Pudule, lettische Korrespondentin in Deutschland.

"Lettland ist ein Teil Nordeuropas!" so sieht es Aiva Rozenberga, ehemalige Chefin des "Lettischen Instituts" (lsm). Andere halten das für eine Wunschvorstellung - angesichts des Zustands der Straßen, der Krankenhäuser, der politischen Kultur und des Lebensstandards. Rozenberga antwortet, sie habe in ihrer Arbeit immer am meisten gegen das Image eines "postsowjetischen Staates" ankämpfen müssen, daher fokussiere sie selbstbewußt andere Ziele (lsm). Das Lettische Institut selbst, 1998 mal als gemeinnützige Organisation gestartet, seit 2004 dann unter der Oberaufsicht des Außenministeriums, soll ab 2021 mit der Lettischen Investitionsagentur zusammengelegt werden ("Latvijas Investīciju un attīstības aģentūra" LIAA). Auch die Ziele haben sich hier inzwischen stark gewandelt: der Welt verständlich zu machen, wie die lettische Mentalität und Wesensart nun mal ist, reicht nicht mehr - es soll nun eine "wettbewebsfähige Identität des Staates" her (Li). Es soll also offenbar nicht mehr um Verständnis für die Realität geworben werden - sondern das Bild Lettlands in der Welt so verändert werden, dass es zu anderen in der Welt passfähig und nutzbar gemacht werden kann. Auch der Tourismus und die Unterstützung von lettischen Unternehmen im Ausland sind ja schon beim LIAA zu finden. Es muss also ein "Branding" gefunden werden, was vor allem einen einzigen Zweck hat: es muss verkaufs- und umsatzfördernd sein.

Brokkoli, Knoblauch, Lettland?
Andere Wortmeldungen zum Thema bemängeln, dass es keine einheitliche Vorstellung von einem möglichen Bild Lettlands in der Welt gäbe. Nun ja, wie soll das auch entstehen, wenn doch jeder den alten Spruch kennt: was ist die Lieblingsspeise eines Letten? Ein anderer Lette. - Auch 2020 wurde schon wieder eine neue Idee geboren: "Born in Latvia" soll nun diejenigen kennzeichnen, die sich mit ihrem Herkunftsland identifizieren - vorläufig aber sieht das vorwiegend nur nach Speisen, Lebensmitteln und Getränken aus, zum Beispiel auf Twitter. Das passt nun aber gut zur ökonomischen Ausrichtung, die auch das Lettische Institut verpasst bekommen hat. Der entsprechende lettische Link "#esiLV" führt geradewegs zu einer - französischen Ingenieursschule, die offenbar die exakt gleiche Abkürzung benutzt (erst "Latviesi.com" weist den Weg).

Wie also soll es funktionieren, die "lettischen Volksgenoss*innen" im Ausland einzubinden? Elīna Pinto, Vorsitzende des "Verbands der Lett*innen in Europa" (Eiropas Latviešu apvienība ELA) meint, es sei ein "Verlust für die Nation", keine Vertreter*innen der "Diaspora" in diese Diskussion einzubinden. "Auch die lettischen Vereinigungen im Ausland bilden das Image Lettlands" meint Diplomatengattin Pinto (lsm), die sich selbst als "europäische Lettin mit Wurzeln in Jelgava" bezeichnet (ela) - und deren Mann Orlando, gebürtiger Portugiese, zur Zeit stellvertretender Botschafter Luxemburgs in Berlin ist. Da kommt doch vielleicht die Frage auf: soll Lettlands Image also vor allem von den Globalisierungsfreund*innen geprägt werden, wie es auch das Portal "Euromonde" verkündet, oder es lettische Fernsehsendungen wie "Globālais Latvietis" zum Ausdruck bringen? 

Da gibt es unter den Lettinnen und Letten sicher auch noch andere Strömungen - die allerdings nicht ganz so gut mit der lettischen Regierung vernetzt sind wie die stromlinienförmige ELA. Allerdings müssen wir dazu in der Lage sein, die (rein) lettischsprachigen Internetforen zu durchforsten - da werden gegenwärtig Anti-Masken-Kampagnen, Verschwörungstheorien, und Hassmails auf die lettische Regierung eilfertig verknüpft mit den Slogans "Und-Trump-hat-doch-gewonnen". Aber wer will das schon hören oder lesen? Wir erinnern uns: was war noch die Lieblingsspeise der Lett*innen? ...

Das Image Lettlands ökonomisch nutzbar zu machen - und bitte von den Lettinnen und Letten selbst - lassen wir uns nicht täuschen, es bleiben erhebliche Zweifel an diesem Konzept. Besonders, wer Lettland bereits kennt, wird sich keine "fremden Bären" aufbinden lassen wollen - egal, ob nun irgend eine Werbeagentur uns weismachen will, der Weihnachtsbaum sei in Lettland erfunden worden, Lettland sei magnetisch, oder andere verbogene Phrasen. Oder der schöne Slogan "#iamintrovert" - das Lexikon übersetzt "introvertiert" mit: auf das eigene Seelenleben gerichtet, nach innen gekehrt; verschlossen. Also: Ich bin verschlossen, sagt der Lette - und wer den Schlüssel hat, habe ich vergessen ...

3. Dezember 2020

In Lettland heißt die Katze "Pūka"

Ja, wenn das "Schnurri", "Mikesch" oder "Mauzi" wüsste! In den sozialen Netzwerken sind sie allgegenwärtig, nun greift auch die Wissenschaft zur "Katzenerforschung". Es ist eine Untersuchung des Spracheninstituts an der Lettischen Universität Riga (Latvijas Universitātes  Latviešu valodas institūts), die kürzlich in der lettischen Presse die Runde machte. 18.000 Katzenbesitzerinnen und Katzenhalter will Wissenschaftlerin Ilze Štrausa befragt haben. Heraus kam: der häufigste Katzenname in Lettland ist "Pūka" - was ins Deutsche übersetzt etwas Ähnliches wie "Flaumfeder" bedeutet, und nicht zu verwechseln ist mit "Puķe" (Blume) oder "Pūķis" (Drache).

Auf Platz 2 der häufigsten Katzennamen landete "Rūdis", auf Platz 3 "Muris". Unter den beliebtesten Namen befinden sich auch Bella, Mince, Poga, Mika, Mia, Simba und Lote. Nicht wenige nennen ihr maunzendes Haustier offenbar auch einfach "kaķis" (Katze) - warum sich auch viel Mühe machen, wenn das Tier nur die Mäuse fängt (und nicht allzu viel Singvögelleichen auf die Türschwelle legt). Viele Lettinnen und Letten haben ja Spaß an der eigenen Sprache, und versehen das Krallentier mit Varianten von "Katze": Kaķa, Kaķene, Kaķelis, Kaķentiņš, Kaķa kungs. Und, wie sollte es im Kathastrophenjahr 2020 auch anders sein - es gibt auch offenbar schon Katzen, die nun "Kovids" genannt werden (Latvijas Avize).

Eine Teilnahme an der Untersuchung ist immer noch möglich, der dazugehörige Fragebogen ist im Internet abrufbar.

19. November 2020

Ein magischer Ort

Lettland, das ist Kristaps Porziņģis! Das sagen wahrscheinlich die Basketfallsfans in den USA. Lettland, das ist Jugendstil! Das hören wir vielleicht von Bildungsreisenden aus Deutschland. Lettland, das ist Jūrmala! Auch der lettische Badeort nahe Riga hat viele Stammgäste. Die Tourismuswerbung versuchte es schon auf sehr verschiedene Weise: "Lettland, das Land das singt", "Lettland, am besten langsam genießen", oder auch "Sounds like Latvia". Was ist Lettland wirklich? Ein Mysterium? 

Ja, ganz genau! Ein Mysterium! Nun gibt es in Riga so einen Ort namens "Mystero", wo gleich zwei Dinge vereint werden sollen: Illusionstheater und Museum. Am 7. November 2020 wurde im Gebäude der Vienības gatve 30, wo lange Jahre ein Kino und zuletzt die Zeugen Jehovas zuhause waren, Eröffnung gefeiert. Ab sofort sind im Rigaer Stadtteil Torņkalns, nicht weit vom Arkadija-Park, sowohl Kindervorstellungen ("Brīnumdari" / "Wunder") mit Gästen aus Italien und Belgien zu erleben, aber auch allerlei Seltsamkeiten aus dem Bereich des Unglaublichen und Sonderbaren zu sehen (Preview).

Zusammengestellt und konzipiert haben es Enrico and Dace Pezzoli - nicht schwer zu erraten, ein Italiener (aus Turin) und eine Lettin. Enrico war schon bisher Schauspieler und Theaterdirektor, aber auch professioneller Magier. Im Alter von 8 Jahren machte er seine erste Bühnenerfahrung, und arbeitete schon mit in Italien bekannten Künstlern wie Antonio Fava, Anna Bolens and Eugenio Allegri zusammen. Eine Zeitlang waren es Inszenierungen nach Art des Mittelalters, dann wieder Commediadell’Arte, es folgte ein Studium an der Universität Bologna. Sein "Terra di Nessuno" überlebte allerdings nicht lange, und 1997 zog er nach Lettland.
Nun kommt auch seine Frau Dace mit ins Bild, ehemals Lehrerin, und zuvor nur mit kleinen Tricks auf Parties im Bekanntenkreis aufgefallen. Kennengelernt haben sollen sich die beiden in Deutschland (Latvia.eu). Nun treten beide gemeinsam auf und schaffen zum Beispiel magische Seifenblasen - mit der “Underwater Bubble Show” (“Zemūdens burbuļu šovs”, siehe Video) tourten die beiden mehrfach durch die USA (jauns / Triblive), insgesamt durch (bisher) 79 Länder. 

Der Start des neuen "Mystero" wurde allerdings durch die Corona-Krise erschwert, denn als Mitte März in den USA der Ausnahmezustand ausgerufen wurde, waren die beiden Pezzolis gerade auf Tournee und mussten diese, mit vielen Turbulenzen, innerhalb von drei Tagen abbrechen. Der Neustart in Riga konnte nun nur mit neuen Krediten und zusätzlichen Sponsoren gelingen. (LTV)

Das Haus ist auch für Gruppenbesichtigungen offen, 2021 soll auch noch eine "Schule des Illusionismus" ihre Arbeit aufnehmen. "Wenn die Aufführung in Lettland gelingt, dann ist der Rest der Welt kein Problem!" so sagt es Dace Pezzoli, und lächelt dabei (Latvia.eu).

13. November 2020

Falsch geparkt - Rücktritt!

Schwer vorstellbar, verglichen mit deutschen Verhältnissen: falsch parken kostet das Ministeramt!  Juris Pūce, mit 40 Jahren einer der eher jüngeren Politiker des Landes und seit Januar 2019 Minister für Umwelt und Regionalentwicklung, reichte am 12. November bei Regierungschef Krišjānis Kariņš ein Rücktrittsgesuch ein. Seit Amtsantritt hatte Juris Pūce vor allem die schwierigen Diskussionen um die lettische Regionalreform, die Selbstständigkeit oder Zusammenlegung von Gemeinden, und die damit zusammenhängenden Entscheidungen durchstehen müssen (attistībai). Und nun? Ein schneller Rücktritt wegen eines fehlenden Parkscheins?

"Ich entschuldige mich aufrichtig und bedaure meine Entscheidungen von Herzen", so zitieren lettische Medien nun den Minister. "Ich habe meine Kollegen und die lettische Gesellschaft getäuscht." (NRA) Und das alles nur deshalb, weil ihm vorgeworfen wurde, einen kostenlosen Parkplatz vor dem Rigaer Rathaus genutzt zu haben - obwohl er seit Amtsantritt als Minister kein Stadtratsabgeordneter mehr sei. Stichwort "caurlaide" (die Durchfahrtserlaubnis, die Abgeordnete in der sonst autofreien Zone der Altstadt bekommen). Öffentlich gemacht hatte den Vorgang Māris Mičerevskis, bis vor kurzem noch Parteigenosse von Pūce bei "Latvijas attīstībai" (für Lettlands Entwicklung)

Das bietet viel Raum für Spekulationen. Auch wegen der in Lettland üblichen "Rotation" von Minister*innen: haben sie vor der Berufung als Minister ein Mandat im Parlament errungen, so wird das dann an Nachrücker*innen vergeben. Tritt aber der Minister zurück, so bekommt er sein Parlamentsmandat automatisch zurück, und der Nachrücker (in diesem Fall die Abgeordnete Dace Bluķe) verliert ihren Parlamentssitz und wird wieder nach Hause geschickt. 

Minister Pūce habe das Gleiche getan, was auch schon Ex-Bürgermeister Nils Ušakovs vorgeworfen wurde, meint Lelde Metla-Rozentāle, Professorin an der Stradiņa Universität in Riga (RSU). Es sei die offensichtliche Doppelmoral, die hier auffalle. Im Februar 2020 war es ausgerechnet in die Zuständigkeit von Minister Pūce gefallen, den Rigaer Stadtrat wegen "Beschlussunfähigkeit"zu entlassen und außerordentliche Stadtratswahlen anzusetzen - die dann Mārtiņš Staķis (Kustiba Par!) ins Amt brachten, einen Bündnis- und Wahllistenpartner von Pūces Partei. Der aktuelle Vorgang zeige, dass Pūce eben doch nicht einfach ein Mann sei, der zu Hause sitze und nach moralischen Erwägungen überlege, wie schlecht doch Riga regiert sei, meint Metla-Rozentāle. Vielmehr seien das alles eben Entscheidungen aus politischen Erwägungen gewesen. (LA)

Da hat seine Partei auch nachgeholfen, dass er zurücktritt - meint Jānis Ikstens, Politologe an der Universität Riga. (Diena) Denn im Stadtrat regiert die “Attīstībai/Par!” von Neu-Bürgermeister Staķis zusammen in einer Fraktion mit den "Progressiven" (“PROGRESĪVIE”), und es sei voraussehbar, dass diese nun viele Fragen stellen werde. Antoņina Ņenaševa, Co-Vorsitzende bei den Progressiven, hatte den Rücktritt Pūcs befürwortet (TvNet).
Auch die Prognose, Pūce könne ein zukünftiger Regierungschef sein, habe nun wohl ihir Ende gefunden, fügen die Kommentator*innen hinzu. 

Auf Twitter dagegen wurde der Vorgang heftig diskutiert (TvNet). Dort hieß es unter anderem: das beste Ergebnis wäre es wohl, wenn Pūce jetzt auch zum Fahrradfahrer wird ...

4. November 2020

Auf dass es lettisch klinge ...

Im Haus am Rigaer Domplatz wird derzeit Geburtstag gefeiert - 95 Jahre ist es her seit der Gründung von "Latvijas Radio". 

Der Aufbau einer lettischen Radiostation ist eng mit dem Namen des Ingenieurs Jānis Linters verbunden. Er wird heute als eine Art "Vater des lettischen Radios" bezeichnet, denn er hatte zuvor den Parlamentarier*innen des lettischen Parlaments (Saeima) höchstpersönlich erklären müssen, wie ein Radioempfangsgerät überhaupt funktioniert. Dabei soll es einige gegeben haben, die technisch sehr grundlegende Fragen an Linters stellten, etwa ob man um elektromagnetische Wellen empfangen zu können, daheim Türen und Fenster öffnen müsse. 

Eingerichtet wurde das neue "Post- und Telegrafenamt" zunächst unweit des Opernhauses - darauf weist noch heute die Bezeichnung der kleinen Straße am Rigaer Stadtkanal hin: "Radio iela". Technische Unterstützung bei der Ausrüstung kam damals aus Frankreich.

Sendetürme der 1930iger Jahre in Riga. Zunächst 45m hoch,
später auf 76m erweitert. Reste davon wurden erst 1994 demontiert.
(Bildquelle:
Zudusi Latvija)
Ab März 1925 gab es dann zunächst 15-minütige Probesendungen. Ein Jahr zuvor, am 28. März 1924, hatte das lettische Parlament 140.000 Lat bewilligt zum Aufbau eines lettischen Radiosenders. "Einen Radioapparat nutzen dürfen alle Personen die mindestens 18 Jahre alt sind", so informierte die Zeitung "Rīgas Ziņas" im Oktober 1925 ihre Leser*innen. Die Polizei ihrerseits war damals auf der Jagd nach "Funkhasen" ("radio zaķi"), die illegale Empfangsgeräte betrieben und nicht bereit waren, die geforderten Gebühren zu zahlen (mit "Hase" wird in Lettland so manches bezeichnet, so auch "Schwarzfahrer*innen" - was wohl damit zu tun hat, dass Hasen schnell rennen können müssen, falls sie erwischt werden ...)

Zunächst war das Programm nur in Riga und Umgebung zu hören. 1932 bekamen die Einwohner*innen von Liepāja ebenfalls eine eigene Radiostation, und pünktlich zum 18. November desselben Jahres auch Madona (genauer gesagt: mit einem Standort in Aiviekste, wo zwei 116 Meter hohe Türme für die Antennen errichtet wurden). Ab 1934 wurde dann auch Kurzeme versorgt. 

Früher der Stolz sowjet-lettischer Geräteproduktion,
heute eher im Museum zu finden: ein Radio
der Marke VEF (Valsts elektrotehniskā fabrika)
Am 1. November 1925 begann "Latvijas Radio" den regulären Sendebetrieb mit einer Übertragung der Oper "Madame Butterfly". 330 Besitzer*innen von Empfangsgeräten lauschten den ersten Sendungen - ein Jahr später waren es bereits 9000. “Rīga dimd”, der Erkennungsjingle des Senders, erklang in immer mehr Wohnstuben. Fünf Jahre lang war ein Dichter und Schriftsteller leitender Direktor beim Lettischen Radio: Jānis Akuraters

Und allen, die 1990/91 beim Lettischen Radio arbeiteten ist noch gut in Erinnerung, wie wichtig das Radio als Informationsquelle war zu Zeiten zwischen der Unabhängigkeitserklärung Lettlands im Mai 1990 und dem Scheitern des Putsches in Moskau Ende August 1991. 

Heute ist "Latvijas Radio" mit 35,4% Marktanteil weiterhin der beliebteste Radiosender des Landes, obwohl eine Menge privater Sender hinzugekommen sind (siehe Übersicht: alle Radiosender Lettlands). Wie Umfragen ergeben, hören etwa 770.000 Menschen in Lettland täglich diesen öffentlich-rechtlichen Kanal (lvportals). Im Nachbarland Estland nehmen die öffentlich-rechtlichen Sender lediglich 28,2% Marktanteil ein, in Litauen sogar nur 13,4%.

Inzwischen liegt "Latvijas Radio 2" mit seinem Werbeslogan "der einzige Radiosender der Welt, der nur lettische Musik spielt" ganz vorn in der Hörer*innen-Gunst. Latvijas Radio 3 sendet vorwiegend klassische Musik, Latvijas Radio 4 bietet Programme auch in anderen Sprachen, und Latvijas Radio 5 wird als "pieci.lv" auch multimedial ausgebaut. Der rechtliche Rahmen für die öffentlich-rechtlichen Medien bedarf allerdings der Überarbeitung - im Parlament wird gerade eine neue Fassung des Mediengesetzes diskutiert.

10. Oktober 2020

Grenzenlose Digitalexperimente

Seitdem Lettland wieder ein eigenständiger Staat ist, hat es im Austausch mit Deutschland schon sehr unterschiedliche Regelungen gegeben. Wir erinnern uns noch an die Hunderte Meter langen Menschenschlangen vor den Gebäuden in Riga, die Anfang der 1990iger Jahre provisorisch als deutsche Botschaft fungierten, und die den Ruf Deutschlands als perfekt durchorganisierter Bürokratenstaat zementieren halfen - ein Reisevisa wurde damals nur nach teilweise wochenlanger Prüfung der schriftlich (analog, natürlich) eingereichten Unterlagen erteilt. 

Bis 2010 dauerte es, dass Deutschland dem EU-Mitglied Lettland (Beitritt 2004) gleiche Rechte bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit gewährte. 

Und heute? Niemand, der die erwähnten Zeiten erlebt hat, hätte sich wohl vorstellen können, dass einmal Bayern Gäste aus Bremen, oder Kieler Gäste aus Hessen ablehnen würden. Nein, es sind keine neuen Ausweise eingeführt worden, und alle Genannten gelten weiterhin als EU-Bürger*innen. Entscheidende Klippe für Austausch, Besuche und Tourismus sind jetzt: Testergebnisse und Riskoampeln. Von Deutschland nach Lettland, oder umgekehrt - es scheint momentan fast komplizierter als alle früheren Visaregelungen. Vor allem auch deshalb, weil Hin- und Rückreise völlig unterschiedlich ablaufen könnten. 

alles rot? Nur noch wenige Einreise-
möglichkeiten bleiben (hier eine
Übersicht des Flughafens Riga, 10.10.20)

Was machen diejenigen, die reisen müssen? Da gibts einerseits die Sportler*innen. Bei manchen klingen die Planungen noch ganz einfach, wie im Autoland Deutschland eben: "Es gibt zwei Weltcups, die nicht wirklich in Autonähe sind. Der eine ist in Sigulda", so wird die bayrische Rodelqueen Natalie Geisenberger zitiert (Sport1). Ihre Sportler-Kolleg*innen aus Austria haben sich gleich einen eigenen Tourbus organisiert: "wie die Popstars, Madonna oder AC/DC", urteilte die österreichische Presse (Kurier). 

Ab dem 12. Oktober wird es in Lettland ein neues System mit dem Namen "Covidpass" geben. Das soll Einreisende dazu bewegen, bereits 48 Stunden vor Erreichen der lettischen Grenze auf der entsprechenden Webseite einen Fragebogen beantwortet zu haben. Dieser schließt Fragen nach dem Reiseverhalten in den vergangenen 14 Tagen ebenso ein wie die Zusendung eines QR-Codes, der dann gegenüber den lettischen Behörden vorgezeigt werden soll - ebenfalls vor dem Einsteigen in ein Flugzeug. Bei Verstößen gegen diese Regeln können Geldstrafen bis zu 2000 Euro verhängt werden (mk.gov.lv / Info der AHK). 

Tja, ganz ähnlich war es zu Sowjetzeiten, erinnern wir uns (wer sich so weit zurück erinnern kann). Nur, dass im neuen lettischen Fragebogen nicht nach eventuellem Waffenbesitz oder Schmuck gefragt wird. Andere Zeiten, andere Sitten - heißt es ja sonst immer. Hier muss wohl gelten: alte Sitten kommen immer wieder (wenn nur die Umstände es zu erfordern scheinen). 

Und was sagt die Deutsche Botschaft dazu? Dort wird inzwischen ein weiteres Tool angeboten zum Umgang mit den Umständen. Es heißt "elektronische Erfassung von Deutschen im Ausland" (abgekürzt ELEFAND). Dort wird versucht nahezulegen, dass nur die Eintragung aller erforderlichen Daten "effektive konsularische Hilfe" ermögliche. Also doppelte Mühen: bei den lettischen Behörden per "Covidpass", und dann sich schnell noch als "ELFAND" registrieren. Das war's? 

Ach, wer will schon nach Lettland - so hören wir schon den einen oder die andere seufzen. Wenn wir den Zahlen der Seite "EU-Info" glauben können, arbeiten gerade mal 200 Deutsche in Lettland. Zwischen 2008 und 2017 sollen 851 Deutsche nach Lettland emigriert sein - aber 890 zogen wieder zurück (auswandern-info.com). 2017 lebten offiziell 387 Deutsche in Lettland. Es gibt aber, außer Sportler*innen, Politiker*innen und Beamten, noch eine Gruppe, die freie Reisemöglichkeiten zwischen Deutschland und Lettland sehr begrüßen würde: Ärzte und Studierende der Medizin. Nein, damit sind nicht die lettischen Ärzte aus Wien, Paris und Berlin gemeint, deren digitalen Meinungsaustausch die lettische Botschaft im April 2020 organisierte (sogenannte: Diaspora-Ärzte). 

Es sind vor allem die deutschen Medizinstudent*innen in Riga. Die "Rīgas Stradiņa universitāte" (RSU) sei eine der wenigen Universitäten, die einen Studienstart auch zum Sommersemester anbietet, also zum Februar 2021. Bewerbungsschluß: 1. Dezember. Auf einer eigenen, deutschsprachigen Webseite wirbt die Uni um Interessierte aus Deutschland, die das schöne Gefühl genießen möchten, Medizin ohne Numerus Clausus studieren zu dürfen. Kostenlose Beratung inklusive. Von den insgesamt 7.700 Studierenden an der RSU kämen 1.600 aus dem Ausland; davon über 40 % aus Deutschland, so steht es hier zu lesen. Also: zumindest diese Deutschen werden sicher darauf warten, dass die hinderlichen Corona-Umstände auch mal wieder wegfallen. 

29. September 2020

Vor 30 Jahren: Ascheraden wieder lettisch

Der lettischen Sage von "Lāčplēsis" („Bärenreißer“) zufolge ist Aizkrauklis der Vater der Hexe Spīdola, und er wacht über die Stromschnelle in der Daugava an der Stelle, wo heute auch der Ort "Aizkraukle" zu finden ist. Da geht es natürlich gar nicht, dass anders gepolte Ideologen diesen Ort umbenennen: Pēteris Stučka, 1917-1919 Bolschewikenführer Lettlands und am 15. Januar 1919 zum Präsident einer lettischen Sowjetrepublik ausgerufen, später Volkskommissar der Sowjetunion - er sollte nun, so entschieden die Sowjetbehörden 1961, Namensgeber der Stadt sein (ebenfalls betroffen waren auch die Universität Lettlands und die Tērbatas iela in Rīga). Damals wurden die meisten der Wohnblöcke in "Stučka" neu für die Arbeiter des im Bau befindlichen Wasserkraftwerks geschaffen. Am 10. Januar 1967 wurden "Stučka" dann die Stadtrechte verliehen (la.lv), damals als klares Vorbild für andere "sowjetische Städte" gedacht: mit damals 6.000 Einwohner*innen aus 20 verschiedenen Ländern.

Später aber wurde Stučka eher "der blutige Peteris" genannt (santa.lv) - näheres mögen die Geschichtsinteressierten in der Fachliteratur nachlesen. Die Verantwortlichen der Stadt weisen heute darauf hin, dass die Umbenennung in "Aizkraukle" bereits 1990 stattfand (ein Beschluss vom 25.9.1990), also noch zu Sowjetzeiten (Aizkraukles Muzejs). Seit 2001 ist Aizkraukle Verwaltungssitz der gleichnamigen Region - das wurde inzwischen auch bei der "Ascheraden-Stiftung" registriert. 

Heute sind es allerdings auch nicht mehr einfach Stromschnellen, die zu bewachen wären, sondern das große Wasserkraftwerk von Pļaviņas (Pļaviņu HES), betrieben vom staatlichen Energiekonzern "AS Latvenergo", das im Dezember 1965 die Arbeit aufnahm, nachdem drei vorher existierende kleine Kraftwerke zu einem großen vereinigt worden waren. Aus lettischer Sicht ist es heute zweispältig: einerseits wurde das Naturstromtal massiv verändert und die Daugava aufgestaut - worduch manche kulturhistorischen Stätten plötzlich direkt am oder sogar unter dem Wasser lagen (z.b. "Staburags"). Andererseits trägt das Wasserkraftwerk wesentlich zur Energieversorgung Lettlands bei, noch dazu auf nachhaltige Art und Weise. 

Das moderne Aizkraukle: dort kursierte zwar inzwischen schon ein selbstfahrender Autobus (für zwei Wochen, siehe SohjoaBaltic (neatkariga / lsm), aber dennoch scheint es schwierig zu sein, einen Betreiber für die regulären ÖPNV-Dienste zu finden (skaties).
Bei den Schulkontakten ist Aizkraukle offenbar in Gesprächen mit deutschen Partnern (Leipziger Volkszeitung), und zur Begründung der Stadt werden neuerdings mehr Naturwiesen angelegt (lsm).
Im Sport ist man in Aizkraukle offenbar gewohnt, Teams zusammen mit anderen Orten zu bilden: Aizkraukle/Koknese im Floorball (früher in Deutschland "Unihockey" genannt), im Handball zusammen mit Skrīveri. Die Stadtverwaltung stellte kürzlich einen neuen Videoclip vor, der für die Stadt werben soll. Für die Kindergärten, Wohnungen mit Blick aufs Wasser, die vier Kirchen, das Sportzentrum, das Sägewerk, und natürlich das Wasserkraftwerk. Motto: In Aizkraukle? "Viss normāli !"

31. August 2020

Rigas Frauen des Wandels

Die außerordentliche Wahl zum Stadtrat von Riga, abgehalten unter Corona-Bedingungen mit Masken und Abstandsregelung, prägte zunächst zwei klare Schlagzeilen: erstens war die Wahlbeteiligung mit rund 40% außergewöhnlich niedrig. Und zweitens ist es wahrscheinlich, dass seit 2009 erstmals wieder eine andere Partei als der Block "Saskaņa" + GKR" den Bürgermeister in Riga stellen wird. 

Aber noch eines ist, beim zweiten Blick, auffällig. Zunächst scheint es keine Wahl gewesen zu sein, die für die Frauen besonders gut ausging: nur 18 der 60 Stadtratssitze gewannen Kandidatinnen - das sind 30%, und da tröstet auch nicht der Blick auf die Wahl 2017, als es nur 16 Frauen zu einem Stadtratssitz schafften. Jetzt, im neu gewählten "Rigas Dome" werden sogar zwei der sieben erfolgreichen Parteien ganz ohne weibliche Unterstützung ihre Plätze einnehmen: "Gods kalpot Rigai" GKR mit 5 Männern, und die "Latvijas Krievu savienība" LKS mit 4 Männern. Die GKR ist gleichzeitig diejenige Partei, wo schon 36,6% aller aufgebotenen Kandidat*innen über 60 Jahre alt waren.

Zwei weitere der neuen Fraktionen zeigen deutliche Defizite bei weiblichen Mitgliedern: bei der "Saskaņa" werden lediglich zwei der zwölf Abgeordneten Frauen sein - und die Partei hatte auch schon bei der Kandidat*innenliste mit nur 23,8% Frauen dort den niedrigsten Anteil. Die "Jaunā konservatīvā partija JKP wiederum bat mit Linda Ozola als einzige Partei eine weibliche Spitzenkandidatin auf - die sich öffentlich persönliche Attacken gegen ihre Person gefallen lassen musste, und mit 6,39% wohl ein deutlich schlechteres Ergebnis für ihre Partei einfahren konnte als erwartet. Aus ihrer eigenen Partei war nur wenig zu ihrer Verteidigung zu hören, und es wird abzuwarten sein, ob sie sich als Frontfigur ihrer Partei im Stadtrat halten kann. 

Nun aber zu den Siegerinnen. Völlig aus dem Gesamtbild heraus fällt das Ergebnis für die "Attīstībai/par!" A/P, die mit Mārtiņš Staķis wohl auch den zukünftigen Bürgermeister stellen werden. Die Partei hat 18 Sitze im Stadtrat errungen - zehn davon werden Frauen einnehmen! Das heißt: von 18 Frauen im zukünftigen Stadtrat, bei sieben verschiedenen Fraktionen, gehören bereits 10 Frauen zu nur einer Partei. Dazu kommt ein zweiter Faktor: Ganze 61,9% der Kandidat*innen dieser Partei waren Menschen in einem Alter unter 40 Jahren (hier ist die "Jauna Vienotība JV" mit 47,6% die nächst folgende, alle anderen Parteien liegen hier etwa zwischen 25% und 39%). Wenn wir also annehmen, dass JV und A/P zusammen mit 28 von 60 Sitzen einen starken Kern der zukünftigen Stadtratskoalition bilden werden, dann wird hier wohl auch ganz stark auf eine neue, junge Generation gesetzt. 

39 der 60 Delegierten werden neu im Stadtrat sein (LETA). Der größte Anteil "alter Gesichter" liegt hier, trotz des starken Stimmenrückgangs, bei der "Saskaņa", wo sechs von zehn "alte Genoss*innen" sind. 

Die neue Stadtregierung wird aber, trotz des offenbar frischen Schwungs der jungen Generation, die meisten Rigenser*innen noch überzeugen müssen - mit praktischer Arbeit. Wenn 60% der Wahlberechtigten nicht zur Wahl gehen, kann das ja nicht nur an irgend einer "Corona-Müdigkeit" liegen. Und weiterhin wird die "Attīstībai/Par!" daran arbeiten müssen, mit der JKP oder / und den Rechtsaußen der "Visu Latvijai!" ("Alles für Lettland") ein Koalitioinsagreement zu finden, das offentlichtliche klare Gegensätze in der Programmatik nicht zu frühen Sprengsätzen werden läßt.

30. August 2020

Der 40%-Nachfolger

Vorläufige Wahlresultate Stadtratswahlen Riga, Quelle: lsm
Bei den außerordentlichen Wahlen zum Stadtrat Riga gab es gestern folgende Ergebnisse:

Attīstībai/ Par! / Progresīvie = 26,16% = 18 Sitze

Saskaņa = 16,89% = 12 Sitze

Jaunā Vienotība = 15,24% = 10 Sitze

Nacionālā apvienība "Visu Latvijai!"/
"Tēvzemei un Brīvībai/LNNK"
/
Latvijas Reģionu Apvienība = 9,64% = 7 Sitze

Gods kalpot Rīgai = 7,72% = 5 Sitze

Latvijas Krievu savienība = 6,52% = 4 Sitze

Jaunā konservatīvā partija = 6,39% = 4 Sitze

Zaļo un Zemnieku savienība = 4,07% = 0 Sitze

Alternative = 3,03% = 0 Sitze

Jaunā Saskaņa = 1,70% = 0 Sitze

KPV / LV = 1,12 = 0 Sitze 

Alle übrigen Parteien liegen unter 1% der Wähler*innenstimmen. (Zahlen des lettischen Wahlamtes CVK / vorläufiges Endergebnis nach der Auszählung aller 156 Wahlbezierke)

Das auffälligste Resultat ist aber wohl, dass sich nur 40,58% der Wahlberechtigten an der Wahl beteiligten (2017 = 50,39% landesweit, in Riga 58,72%). Zwar hat nun der gemeinsame Spitzenkandidat der "Attistibai par / für Entwicklung" und der "Progressiven", Mārtiņš Staķis, nun wahrscheinlich die Chance sein Motto "Restart für Riga" umzusetzen zu versuchen, aber er wird es mit dem klaren Makel dieser niedrigen Wahlbeteiligung tun müssen. Zwar ist der seit 2009 unbeirrbar feste Block aus "Saskaņa" und "Gods kalpot Rigai" nun gesprengt und aufgelöst (zusammen nun noch 17 der 60 Stadtratssitze, statt 32 bei den Wahlen 2017, 39 bei den Wahlen 2013). Bei nun sogar sieben verschiedenen Parteilisten, also Fraktionen im Stadtrat werden die Koalitionsverhandlungen aber sicher auch nicht ganz einfach. Staķis äußerte gegenüber der lettischen Presse, er sehe ein Bündnis mit der “Jauna Vienotību”, NA/LRA und der JKP als wahrscheinlichste Variante an - das ergäbe eine Mehrheit von 39 der 60 Sitze (lsm), und würde der Zusammensetzung der Regierung Lettlands ähneln. 

In zwei Wahlbezirken wurden Formfehler beim Wahlverlauf festgestellt, da Wahlzettel ausgegeben worden seien, die nicht den offiziellen Stempel des Wahlamtes trugen. Daher mussten 627 Wahlumschläge gesondert gesichert werden (Diena). Ob sie als gültig erklärt werden können, oder ob in diesen beiden Bezirken neu gewählt werden muss, wird das zuständige Gericht entscheiden müssen.

28. August 2020

Stadthäuptling gesucht!

Am kommenden Samstag (29.8.) finden endlich die mehrfach verschobenen, außerordentlichen Kommunalwahlen in Riga statt (siehe Beitrag). Ein Stadthäuptling wird gesucht - dass es auch eine Frau werden könnte, scheint eher unwahrscheinlich. 15 verschiedene politische Parteien und Wahllisten haben ihre Wahlvorschläge eingereicht - 499 Kandidaten und 208 Kandidatinnen. Zur abschließenden Fernsehdiskussion wurden acht der Spitzenkandidat*innen eingeladen - diejenigen Parteien, die beim letzten Mal mehr als 4% der Stimmen bekamen. 

Unter diesen ist mit Linda Ozola (Jaunā konservatīvā partija / Neue Konservative Partei) nur eine Frau. Gemäß den Umfragen liegen die "Saskaņa" ("Harmonie", Kandidat Konstantīns Čekušins) gleichauf mit Mārtiņš Staķis, Kandidat der gemeinsamen Liste von "Attīstībai/Par!" und "Progresīvie" ("Für Entwicklung" und "Die Progressiven"). Ebenfalls Hoffnung auf Regierungsämter in Riga machen sich noch Einārs Cilinskis, Kandidat der "Nacionālā apvienība / "Latvijas Reģionu apvienība" (Nationale Vereinigung / Verband lettischer Regionen), Oļegs Burovs ("Gods kalpot Rīgai" / "Ehre Riga zu dienen"), Vilnis Ķirsis, ("Jaunā Vienotība" / "Neue Einigkeit") und Viktors Valainis ("Zaļo un zemnieku savienība" / "Grüne und Bauernpartei"). Miroslavs Mitrofanovs von der "Latvijas Krievu savienība" (Verband der Russen Lettlands) wird vielleicht schon damit zufrieden sein, wenn die 5%-Hürde geschafft wird.

Inzwischen sicher international bekannt: auch bei den
Kommunalwahlen in Riga gelten die üblichen Corona-
Sicherheitsregeln: Abstand halten, Hände waschen,
Maske benutzen und eigenes Schreibgerät mitbringen

Um in Corona-Zeiten allzu lange Schlangen vor den Wahllokalen zu vermeiden, wurde die Periode für die Briefwahl (Vorab-Wahl) auf drei Tage verlängert: zwischen Dienstag den 26. August und Freitag, den 28. August waren es zusammen bereits 81228 Wahlhberechtigte (19,22%), die ihre Stimme abgaben. 2017 waren es an zwei Tagen nur 33 673 oder 7,9% gewesen, während diesmal auch noch der Freitag als dritter Tag dazukam.

 

21. August 2020

Bela-Baltischer Weg

Besonders seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit ist der 23. August in allen drei baltischen Staaten immer ein ganz besonderer Tag. 2019 wurde der 30.Jahrestag der damaligen Aktioin gefeiert, als eine 600km lange Menschenkette von Vilnius über Riga nach Tallinn an die durch den Hitler-Stalin-Pakt verursachte gewaltsame Okkupation der baltischen Staaten erinnerte. In diesem Jahr nun sollen sich Lettinnen und Letten im kleinen Ort Piedruja versammeln. Warum? 

In der Nacht vom 22. auf den 23. August werden sich hier diejenigen zusammenfinden, die aktuell die dringende Notwendigkeit der Solidarität mit der Oppositionsbewegung in Belarus ausdrücken wollen. Piedruja ist an der Daugava gelegen und gehört zum Bezirk Krāslava. Aber Piedruja ist auch an der Daugava gelegen, und auf der anderen Seite des Flusses befindet sich ... Druya in Belarus. 

2018 feierte Piedruja sein 400-jähriges Bestehen - für die Handelswege zwischen Vilnius und Pskow damals ein wichtiger Übergang über die Daugava, und damals Teil des litauisch-polnischen Herrschaftsbereichs. Heute hat der lettische Teil des Ortes weniger als 800 Einwohner*innen, davon allerdings 58% mit belarussischem "Verwandschaftshintergrund". Druya in Belarus, auf der anderen Seite des Flusses, hat heute noch 1500 Bewohner*innen. Früher prägten auch starke jüdische Gemeinden beide Orte.

Auch der lettische Teil des "Baltischen Wegs" weist - zusammen
mit den Litauer*innen - 2020 ganz Richtung Belarus

Hier als soll am 23. August ein ganz besonderes Zeichen gesetzt werden. Die Aktion, zu der die "Latvijas Pilsoniska Alianse" aufruft, ein Zusammenschluss lettischer Nichtregierungsorganisationen, der wiederum diesmal eng mit litauischen Partnern zusammenarbeitet, um an diesem speziellen Tag (günstigerweise auch ein Sonntag) zu zeigen: unser "Baltischer Weg" weist diesmal Richtung Belarus. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich anzuschließen: die einen fahren direkt nach Piedruja, es besteht aber die Möglichkeit sich auch für ähnliche Aktionen in Riga oder anderen Städten anzumelden und gleich mit anzugeben: benötigt jemand Transport, oder kann jemand Transportmittel anbieten? 

In Litauen wird die Aktion "Laisvės kelias" in Vilnius beginnen und an der belarussischen Grenze, am Kontrollpunkt Medininkai, enden (siehe FB-Seite). Die Veranstaltung wird von der litauischen Polizei und von Krankenwagen begleitet, wegen der Corona-Pandemie wird das Tragen einer Mund-Nasen-Maske empfohlen. Laut Angaben der Organisator*innen sollen sich bereits etwa 34.000 Litauer*innen zur Teilnahme registriert haben. Es wird aber darauf hingewiesen, dass es teilweise besonderer Ausweisdokumente bedarf, die das Betreten der unmittelbaren Grenzregion erlauben. Auf dem Gelände der Burg von Medeninkiai soll es dann ein Konzert mit Künstlern wie z.B. Andrius Mamontovas geben, zu dem auch Präsident Gitanas Nausėda und Ex-Präsidentin Dalia Grybauskaitė ihre Teilnahme angekündigt haben. Das litauische Fernsehen wird live übertragen.

16. August 2020

Lettische Kultur in Deutschland - nicht mehr nur im Sozialkanal

Auf "soziale Netzwerke" hatte die Botschaft Lettlands lange Zeit ihre Kommunikationswege ausgerichtet. Erstaunlich? Nun ja, auf der einen Seite stehen bei einer Botschaft ja die amtlichen Dienstleistungen, die jeder Staat seinen Bürger*innen gewährt. Das verlangt Formulare, Beamt*innen, Dienstzeiten und Gebührenordnungen. Auf der anderen Seite steht die Aufgabe, im betreffenden Land die lettische Sichtweise, politisch wie kulturell, bekannt zu machen, Sympathisant*innen und Mitstreiter*innen zu finden. 

Nach 1990 stand sicherlich erst einmal die Aufgabe, die notwendigen Funktionen eines Botschaftsbetriebes aufrecht erhalten zu können, im Vordergrund. Ohne Unabhängigkeit keine Außenvertretung: fünfzig Jahre lang war Lettland in Deutschland nicht sichbar gewesen. Die Aus- und Fortbildung auch für das Botschaftspersonal musste völlig neu aufgebaut werden.

So blieb vieles, was sich im wieder unabhängigen Lettland tat, in Deutschland unbekannt - auch weil sich die Deutschen mit einem Verständnis für lettische Belange ebenfalls sehr schwer taten. Und weil diejenigen Deutschen, die mal in Lettland gelebt hatten (plus deren Nachkommen) sich sehr schwerfällig gaben: noch heute sind die Aktivitäten der inzwischen unter dem Dach der "deutsch-baltischen Gesellschaft" zusammengefassten Vereine eher an Traditionsbewahrung ehemaliger deutschbaltischer Oberschichten orientiert, als an einer Neudefinition des allgemeinen deutsch-lettischen Verhältnisses. 

Schließlich gab es auch Zeiten, als in den lettischen Botschaften eher die Historiker*innen, Finanzfachleute oder verdiente "Atmoda"-Kämpfer*innen" das Sagen hatten. Es waren die Zeiten des "Eiropa mūs nesapratīs", also der tief verwurzelten Überzeugung, ein kleines Land, desse Sprache fast niemand versteht, werde auch in einem vereinigten Europa seine Interessen kaum durchsetzen können. 

Aber - wie immer kommt es anders, als ...es sich irgendjemand ausdenken kann. Es wuchsen neue Generationen heran, auch die Kommunikationswege unter den Menschen auf der Welt haben sich in den vergangenen 20 Jahren völlig verändert. Lettland musste nach dem Beitritt zur EU bereits mehrere Krisen überstehen, und nicht nur das: die Menschen verließen zu Zehntausenden ihr Heimatland, die einen schlicht auf der Suche nach angemessen bezahlter Arbeit, die anderen vielleicht auf der Suche nach verlorenen Träumen. 

Lettland hat sich neu besonnen, und versucht dabei optimistisch zu bleiben. Es gilt nicht mehr nur der Grundsatz "If you like Latvia, Latvia likes you" - der ein wenig wie die Vermeidung einer kritischen Auseinandersetzung und unangenehmer Themen wirkte. Grundlage bleibt allerdings die These, dass es nur einen Ort gibt, wo Lettinnen und Letten sich in jedem Fall zu Hause fühlen können: der lettische Staat. Aber es wird jetzt akzeptiert: auch andere Orte können "zu Hause sein". Viele Städte und Gemeinden in Deutschland zum Beispiel, wo inzwischen Hunderte von Lettinnen und Letten arbeiten, studieren, und aktiv sind. Allerdings sind diese "kopības" (Gemeinschaften) kaum organisiert, also die einzelnen Menschen sind nirgendwo Mitglied. Immerhin: vom bloß virtuellen Aufsammeln dieser Kontakte soll es nun zurückgehen zu gemeinsamen Aktivitäten. 

Schon 2017 stellte das lettische Außenministerium fest, dass inzwischen 370.000 Menschen, die einen Paß der Republik Lettland besitzen, dauerhaft im Ausland leben. Man ging daran, den organisierten Teil der im Ausland Lebenden zu kontaktieren, zu informieren, und wenn nötig auch zu finanzieren. Dem gegenüber stand eine hartnäckige Überzeugung der Lett*innen in Lettland, dass es den "Landsflüchtern" ja sowieso besser ginge als daheim: Tausende machten sich auch ohne Sprach- und Vorkenntnisse auf den Weg nach Irland, England, nach Deutschland oder in die Schweiz. Warum denen, die dort leben, auch noch helfen? 

"Damit sie eines Tages zurückkehren!" Diese These war am besten förderlich für die lettische Innenpolitik - wo ja bisher immer noch Parteien Teil der Regierung sind, die offen ein "lettischeres Lettland" propagieren. Zweites Argument: "Damit die dort geborenen Kinder ihre lettische Muttersprache nicht vergessen!" Auch das schien akzeptabel. Den Rest regelten die meiste jungen und digital gut geschulten Lettinnen und Letten größtenteils selbst: sie posten eifrig bei Youtube, Instagram, Facebook oder Twitter - die regierungsamtlichen Stellen, inklusive der Botschaft in Berlin, beeilen sich hinterherzukommen. 

Aus deutscher Sicht - oder aus der Sicht der deutschen Lettland-Interessierten - hatte sich in dieser Zeit allerdings gerade im Bereich Kultur eine Leerstelle aufgetan: mit Ausnahme des Jahres 2014, als Riga Europäische Kulturhauptstadt war, gab es nicht mal mehr Ansprechpartner*innen für diesen Bereich in Deutschland. Dazu kam, dass sich das Gebäude der Botschaft Lettlands nicht, wie die "Nachbarn" aus Litauen und Estland, in zentralen und gut erreichbaren Teil Berlins befindet - also sich nicht gerade als Veranstaltungsort anbietet. Zwischendurch wurden auch mal einfach kommerzielle Plakatkampagnen gestartet - nur in großen deutschen Städten, und vor allem touristisch ausgerichtet natürlich. Ziemlich verlassen aber wirkten die vereinzelten Beiträge zu Kulturereignissen auf der Webpräsenz der Lettischen Botschaft - teilweise längst veraltet, stets mit regierungsamtlichem Atem, und eben ohne Ansprechpartner*in im Fall von Fragen. 

Nun wurde, mitten in der "Corona-Zeit", ein eigenes lettisches Kulturportal in Deutschland eröffnet. Und bei "Kultur-Lettland.de" ist auch ein Newsletter eingebaut und beziehbar, der über aktuelle lettische Veranstaltungen in Deutschland informieren möchte. Also: Latvija mūs sapratīs! Endlich wieder etwas anderes als belangloses Chatten, oder sensationsheischende Egotrips! Auch die kulturellen Aktivitäten anderer sind etwas wert - auf jeden Fall sind sie es wert, weitererzählt zu werden und eine Chance auf Besucher*innen und Sympathiesant*innen zu haben - auch unabhängig von kommerziellen Interessen. Bleibt zu hoffen, dass es auf Seiten der Botschaft nicht nur (momentan arbeitslose) Corona-Praktikant*innen sind, die jetzt die kulturvermittelnde Arbeit leisten müssen - wir hoffen auf nachhaltige und längerfristige Konzepte.

19. Juli 2020

Wo ist der Weg nach Terbata?

Ja, es ist eine Neuigkeit, über die in den estnischen Medien (ERR) genauso interessiert berichtet wird wie in den lettischen: die Tartu-Straße ist nun einige Wochen autofrei. In Riga? Die Tartu-Straße? So werden vielleicht einige fragen. Nun ja, etwas Sprachkenntnis gehört dazu: "Tartu", lettisch "Tērbata". Die Stadt hieß zwischen 1893 und 1918, als sie Teil des russischen Reiches war, auch mal "Jurjew" (Юрьев). Die deutsche Oberschicht nannte den Ort "Dorpat". Der lettische Name richtet sich aber nach der ältesten Bezeichnung im Estnischen: "Tarbatu" - eigentlich richtete sich auch der Name "Dorpat" genau danach. Die  deutschsprachigen Geschichtsschreibung beginnt erst 1224, als "die Estenburg Tharbatum 1224 vom Schwertbrüderorden erobert wurde". Die lettische (lettgalische) und estnische Geschichtsschreibung erzählt dagegen auch von der Zeit zuvor.

Also: "Tartu-Straße" heißt in Riga "Tērbatas iela". Auch die "Tallinas iela", im Lettischen etwas nachlässig mit nur einem n geschrieben, liegt gleich in der Nähe. Historisch gilt sie als die Verlängerung der innerstädtischen "Kaļķu iela" (Kalkstraße), großflächig gesehen also tatsächlich "der Weg nach Tartu". In der Sowjetzeit wurde die Straße einige Zeit zur "Pētera-Stučkas-iela" (= Anführer der Bolschewiken 1919).

Im Abschnitt zwischen Elisabetes und Stabu iela wurden Blumentöpfe und Pflanzen aufgestellt. Schon im Januar wurde die Terbatas iela probeweise gesperrt (Beitrag)

Nun soll die Straße also bis zum 15. August zum Paradies allein für Fußgänger*innen, Radler*innen und Händler*innen werden. Oder, anders genannt: der Bereich wird zur "vasaras iela" (Sommerstraße) erklärt (riga.lv). Auch der Betrieb der Trolleybuslinie Nr.1, die hier durchführt, wurde bis zum 15.8. komplett eingestellt. "Schon seit 12 Jahren wurde von so einem Projekt geredet, es freut mich es endlich realisiert zu sehen!" sagte Artis Lapiņš, Vertreter der Stadtverwaltung, bei der Eröffnungsfeier am 17. Juli.

Noch offen ist allerdings, ob das an den Wochenenden geplante Kulturprogramm im geplanten Rahmen stattfinden kann. Nach der sehr gut besuchten Eröffnung gibt es inzwischen erst mal wieder - Polizeikontrollen. Zu viele hatten die "Corona-Regeln" nicht beachtet. Am 18. Juli wurden bereits alle Konzerte kurzfristig wieder abgesagt.
Ob auch die hier vorgesehenen sportlichen Aktivitäten - von "Sommermarathon" bis Freiluftjoga - stattfinden können, ist also ebenfalls noch nicht ganz sicher.

Ein wenig wird das Thema, gegenwärtig in allen Zeitungen vertreten, auch für "Klimaverbesserung" sorgen wollen - Ende August stehen in Riga Kommunalwahlen an. Jedenfalls aber scheint es sowohl in Riga wie in Tartu ähnliche Ideen für den Sommer zu geben: auch in der estnischen Universitätsstadt gilt momentan: jetzt haben wir unsere "Autovabaduse Avenue" ...

14. Juli 2020

Kampf den Latwanen

Latvija - das lettische Wort für Lettland. Nein, "Latvane" ist kein Schimpfwort für Lettinnen oder Letten - aber ein wichtiges Thema alljährlich, besonders wenn in der Natur alles gut und fruchtbar wächst. Der lateinische Name "Heracleum sosnowsky" weist darauf hin: es muss sich wohl um ein pflanzliches Gewächs handeln. Was auf Lettisch "latvāņi" heißt, ist im deutschen Sprachraum als "Bärenklau" bekannt.

Lettische Biologen betonen: die spezielle Art des "Sosnowsky Bärenklau" kommt eigentlich in Lettland nicht natürlich vor. Sie ist eher im Kaukasus heimisch. "Eingewandert" - sagen die einen, "eingeschleppt" - sagen die anderen. Allein dieser einen Pflanzenart wegen wurde 2008 ein spezielles lettisches Gesetz geschaffen: eine Liste "invasiver Arten". Bisher einzige auf dieser Liste vertretene Art: der Sosnowsky-Bärenklau.

Erst seit den 1950iger Jahren wurde diese Art, die sonst eher in Dagestan, Aserbaidschan oder Georgien wächst, in Lettland festgestellt. Anfangs hatte man wohl auch auf eine Anwendung als Nutzpflanze gehofft. Irgendwann in den 1980iger geriet die Verbreitung außer Kontrolle. Das Anpflanzen von Sosnowsky-Bärenklau ist seit 2006 in Lettland verboten.
Die Art verbreitet sich vor allem auf nicht mehr bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen - eine wahre Krisenpflanze also. Die Pflanze kann eine Wuchshöhe von über 3 Metern erreichen und verfügt über ein ausgeprägtes Wurzelsystem. Noch dazu ist sie vermehrungsfreudig: eine einzige Pflanze kann mehrere Tausend Samen bilden. Sie breitet sich aus, und kann andere Arten verdrängen. Sosnowsky-Bärenklau kann auch Menschen gefährlich werden: alle Pflanzenteile enthalten Furanocumarine, die für Menschen giftig sind und phototoxisch wirken, also nach Bestrahlung mit Sonnenlicht eine allergische Reaktion auf der Haut verursachen.

"In Daugavpils beginnt der Kampf gegen die Latvanen" - eine Schlagzeile der lettischen Presse (lsm). Die Stadtverwaltung Daugavpils rief im vergangenen Jahr die Einwohner*innen zu Hilfe, um Flächen, die mit dieser Bärenklau-Art bewachsen sind, zu melden. Argument: die ökologische Vielfalt sei gefährdet (Latgaleslaiks)."Ein Elend für die Flora Lettlands", so die lettische Naturschutzbehörde. Genauere Daten über die Ausbreitung der Art wurden erhoben 2001 für die Bezirke Valmiera (43 ha), Valka (11 ha), und Limbaži (3 ha). Aber 2007 waren es, geschätzt für ganz Lettland, bereits etwa 18.000 Hektar - eine erstaunliche Zahl. 

Hat die Pflanze sich erst einmal an einem Standort etabliert, kann es bis zu sechs Jahren dauern bis sie abstirbt - unabhängig von den produzierten Samen. Beobachten zufolge, die von der Naturschutzbehörde zitiert werden, vertragen die Samen in schneearmen Winter bis zu -25 Grad Frost, unter Schnee sogar minus 45 Grad. Also wenig Hoffnung für diejenigen, die vielleicht glauben, die Pflanze würde vielleicht schnell wieder verschwinden. Daher müssen auch die Bekämpfungsmaßnahmen umfangreich ausfallen: die lettischen Behörden mähen und roden die befallenen Böden dreimal während des Sommers (ritakafija). Es verwundert wohl nicht, dass sogar die Stadt Riga bereits einen "Latvāņi"-Bekämpfungsplan erarbeitet hat und in neun Stadtteilen und auf insgesamt 13 ha die unerwünschte Pflanze festgestellt hat.

Es gibt aber auch Schwierigkeiten bei den bereits angelaufenen Bekämpfungsmaßnahmen. Nicht alle betroffenen Flächen sind in staatlichem Besitz, und so sind die Behörden auf die Kooperation der Eigentümer angewiesen. "Ich höre immer dieselben Ausreden", meint
Evija Atvara, die für die Stadt Cēsis das Thema bearbeitet. "Die einen sagen: ich habe kein Geld dafür. Und andere meinen, dass sei eine Hinterlassenschaft der Sowjetzeit - und dafür seien sie nicht verantwortlich." (Edruva). Cēsis bietet den Grundeigentümern bereits einen Nachlass auf die Eigentumssteuer an, wenn sie den Sosnowsky-Bärenklau aktiv bekämpfen. (LA) Im Jahr 2017 seien bereits 11 entsprechende Anträge einen positiven Bescheid bekommen, 2018 waren es bereits 19. In Cēsis unternimmt eine spezielle Kommission zweimal pro Jahr gezielte Inaugenscheinnahme: einmal vor dem 15.Juni, um rechtzeitige Bekämpfung anzumahnen, bevor die Pflanzen Samen bilden, und einmal im Laufe des August, um den nachhaltigen Erfolg der Bekämpfungsmaßnahmen zu kontrollieren.