7. Juli 2024

Den Hut nehmen

In Lettland Medizin zu studieren - auch für Deutsche eine schon länger bekannte Option. Interessierte werden vorab mit deutschsprachigen Informationen zum Studium an der "Rīgas Stradiņa universitāte" (RSU) und ausführlichen deutschsprachigen Webseiten versorgt. "Bildungsflucht ins Baltikum" nannte es der "Spiegel" schon vor einigen Jahren. 

Deutsche Flüchtlinge

"Studimed" zitiert den Stand von 2023:  2.900 internationale-Studierende aus 65 verschiedenen Ländern (28% der gesamten Studentenschaft), davon 2.500 im Bereich Medizin. Laut Webseite der RSU sind es gegenwärtig (Juli 2024) 10.467 Studierende, davon 2.501 internationale (also 23,9%).  Die Universitäten von Berlin, Münster, Lübeck, Dresden, Würzburg, Halle, Gießen und Köln unterhalten partnerschaftliche Kontakte zur RSU. 

Studierende erwartet eine sechsjährige akademische Ausbildung (12 Semester) mit einem Abschluss als „Medical Doctor“ (MD). Dieser "Doktorhut" wird jedoch nur selten im Land der Ausbildung, also in Lettland genutzt. Lettische Medien nahmen die Ausgabe von 166 Abschlussdiplomen am 5. Juli zum Anlass, mal aus lettischer Sicht Bilanz zu ziehen: "Die meisten ausländischen Medizinstudenten der RSU verlassen Lettland nach ihrem Studium" (lsm). 

Keiner - oder einer

Letztes Jahr blieb niemand in Lettland, dieses Jahr weiß ich von einem deutschen Student der in Lettland bleiben will - das ist doch schon mal ein Fortschritt“, meint Rektor Aigars Pētersons. Das lettische Gesundheitssystem könne eben nicht mit Systemen so wie in Deutschland oder Schweden konkurrieren.

Manche der Absolventinnen und Absolventen planen auch, nach sechs Jahren Studium erst einmal eine Pause einzulegen, berichtet LSM. Aber fast alle verbinden ihre Zukunftspläne mit einem anderen Land als Lettland. Eine Absolventin aus Finnland begründet ihre Pläne so: „Ich denke, ich werde Lettland zumindest noch einmal besuchen. Aber ich spreche weder Lettisch noch Russisch so gut, deshalb könnte ich hier nicht arbeiten.“ Auch eine Kollegin aus Norwegen begründet es ähnlich: "Der Hauptgrund ist die Sprachbarriere, das ist ein großes Problem. Und die wirtschaftlichen Bedingungen- aber der Rest wäre in Ordnung." Außerdem habe auch das Land Norwegen die Kosten des Studiums übernommen - also sei auch die Rückkehr eine logische Konsequenz. Und Hanna, eine Doktorantin aus Schweden, beschreibt die Situation so: "Es ist ziemlich schlimm, die Leute müssen in Lettland auch in Restaurants arbeiten und zwei oder drei Jobs haben, um sich die Miete und solche Dinge leisten zu können. Ich denke, das ist ein wichtiger Grund, warum die Leute nicht bleiben.“ 

Mehr Lächeln, weniger online

Von Anne Schönell kommt noch ein schöner Vergleich mit der Universität Ulm: dort fänden alle Vorlesungen in Präsenz statt, während in Riga alles auch online aufgezeichnet zur Verfügung stehe.(thieme)

Eine detaillierte Meinungsäußerung, abseits aller anderen Gründe nicht in Lettland zu bleiben, ist von Luisa Krahnen aus Leupzig zu lesen (bewerbungsrenner.de). In Lettland werde wenig gelächelt, der Unterricht sei "ein wenig verschult". Und, als Antwort auf die Frage nach Englisch als Unterrichtssprache: "Ich habe mein Abi in Kanada gemacht, insofern war mir das ganz lieb. Ich hatte mich auf ein internationales Umfeld gefreut, aber wir waren fast nur Deutsche, das fand ich traurig." Die Studiengänge der Letten und Deutschen seien strikt getrennt, in soforn sei unter den Deutschen auch die Motivation zum Lettischlernen nicht sehr hoch. 

3. Juli 2024

Reiseabenteuer - Zug für Zug

Für ältere Westdeutsche mag es vielleicht langweilig klingen - oder sogar wie ein Rückblick auf die 1970iger oder 1980iger Jahre. Zitat Wikipedia: Es entstand im Kontext einer Zeit, "in der die klassischen Familien- und Pauschalreisen, die sich in Europa während der 1950er und 1960er Jahre etabliert hatten, von jungen Menschen der 68er-Bewegung in Frage gestellt wurden ..."
1972 kam eine gemeinsame Fahrkarte verschiedener europäischer Eisenbahngesellschaften in den Verkauf.  Begründung, ebenfalls bei Wikipedia abgeschaut: um dem aufkommenden Rucksacktourismus von jungen Leuten bis 21 Jahre eine preisgünstige Möglichkeit bieten, Europa kennenzulernen. Vielleicht auch, um die vielen "Tramper" ("Anhalter") am Straßenrand nicht ohne Alternative zu lassen. 

In der Verlosung

Na klar, es geht um "Interrail". Anfangs waren sogar DDR und Polen dabei - die stiegen aber schon 1973 wieder aus. Inzwischen ist das Ticket nicht mehr ganz so preisgünstig wie damals - aber immerhin werden derzeit jedes Jahr Tausende Interrail-Pässe an 18-Jährige verlost (siehe: DiscoverEU). Der aktuellen Auswertung zufolge (siehe "factsheet") liegen bei der Zahl der jungen Antragsteller/innen die Länder Deutschland, Italien und Spanien weit vorn; viele Bewerbungen gibt es auch aus der Türkei, Frankreich, Polen, Schweden und den Niederlanden. Aus Lettland gab es 2024 nur 925 Antragsteller/innen, 152 davon hatten Erfolg. (Litauen 1229 / 224, Estland 446 / 107). 

Familienunternehmen

Kennt man in Lettland etwa nur die "Billigflieger"? Wohin könnte man denn mit einem Zug, der in Lettland mit relativ geringem Durchschnittstempo dahintuckert, reisen? Lettland ist erst seit 2020 dem Interrail-System angeschlossen - also für die Einwohner/innen des Landes ein ziemlich neues Angebot. (LA)
In der lettischen Zeitschrift "IR" findet sich nun ein Erlebnisbericht einer Familie Bergmani wieder, die drei Wochen Reisen mit "Interrail" als "Abenteuer fürs Leben" bezeichnet. "Ein wenig habe ich mich an die Träume meiner Jugend erinnert", gibt Frau Bergmane zu. Auch die beiden Töchter der Familie, 11 und 8 Jahre alt, seien sofort begeistert gewesen. Und Herr Bergmanis meint: "Ich dachte: wenn wir das überleben, wird unsere Ehe nichts mehr erschüttern können!"

Die Preise für Interrail-Pässe fielen günstig aus - denn für Kinder unter 12 Jahren sind sie kostenlos. Entschieden habe man sich dann für eine Monatskarte, die sieben Reisetage beinhaltet. Und innerhalb drei Wochen ist die Familie dann in Polen, Ungarn, Kroatien, Slowenien, Österreich, Schweiz, Deutschland und Lettland gewesen. Ewas Übung habe die Planung der Übernachtungen verlangt: Zimmer nur mit kurzfristiger Stornierungsmöglichkeit vorbestellen, und darauf achten, dass der Direktontakt zum Hotel manchmal besser ist als sich nur auf große Buchungsportale zu verlassen. Und natürlich: nicht so viel Gepäck mitnehmen, denn zwischendurch muss immer mal wieder mit Gepäck zu Fuß gegangen werden. Das wichtigste also: bequeme Schuhe! 

Planung mit Adrenalingehalt

Soweit lesen sich diese Erfahrungen vielleicht ähnlich wie Reiseberichte von Deutschen. Für eine lettische Familie mag es aber neu sein, wenn es hier über das Zugfahren heißt: "Im Allgemeinen macht Zugreisen Spaß. Man kann nie ganz sicher sein, ob man pünktlich oder überhaupt ankommt. An manchen Stellen kann man gar nicht wissen, ob man auf dem richtigen Bahnsteig steht, denn die Informationen werden meist in einer uns fremden Sprache verkündet." In Kroatien habe es überhaupt keine Lautsprecherdurchsagen gegeben, und auch der Versuch mit "Google Maps" den Aufenthaltort herauszufinden, sei gescheitert. 

Den richtigen Bahnsteig finden

Für die beiden Töchter sei es eine gute "Lebensschule" gewesen. Gefragt seien Anpassungsfähigkeit, Kreativität und logisches Denken. Den richtigen Bahnsteig finden - auch schon mal eine Übung für die Kinder. "Ich war überrascht, dass es in jedem Land nicht nur unterschiedliche Kulturen, sondern auch eine völlig andere Infrastruktur für die Bahn gibt," meint Frau Bergmane. "Ich dachte vorher: Züge sind Züge, überall gleich. Aber ich kann nur raten, die Zuginfrastruktur jedes Landes zu studieren und in den Foren Rezensionen über die Züge, die Genauigkeit ihrer Abfahrtszeiten und andere Nuancen zu lesen." 

Deutsche Leser/innen werden vielleicht gespannt darauf warten, was eine lettische Familie über Bahnfahren in Deutschland sagt. "Wer nicht mit dem Kopf auf dem eigenen Rucksack auf dem Bahnsteig schlafen möchte, sollte Länder auswählen, die für bequeme Züge und Pünktlichkeit bekannt sind", meint Frau Bergmane. Als bestes Beispiel dafür nennt sie ... die Schweiz. "Die Züge kommen und fahren so präzise, ​​dass man die Uhr danach ausrichten kann." (IR)

22. Juni 2024

Namenstage

Mitsommer in Lettland - manche nennen es "Ligo-Feier", andere "Johanni", "Jāņi" oder "Vasaras saulgrieži" (Sommersonnenwende). Nach lettischem Kalender ist am 23. Juni "Līga" und am 24. Juni Jānis - und damit gelten diese beiden Namen als die am meisten "lettische Variante" bei der Namensgebung für Sohn oder Tochter. Ein Anlass zur statistischen Bilanz. 

einer der bekanntesten Menschen
der lettischen Kulturgeschichte
mit beliebtem Vornamen:
Jānis Rozentāls

44.994 Menschen in Lettland tragen den Namen "Jānis", das sind 1057 weniger als im Vorjahr. (delfi.lv) In Lettland mag das für eingefleischte Traditionalisten wenig erscheinen - aber im Verhältnis zu den derzeit 1.871.882 Einwohnerinnen und Einwohnern Lettlands, davon 869.000 Männer, macht das immerhin 5,1%. - Das wäre so, als ob von den 84,7 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern in Deutschland, davon 41,8 Millionen Männer, 2,13 Millionen "Johannes" heißen würden. Beliebteste Vornamen für Neugeborene in Deutschland derzeit: Noah, Mattheo, Elias, Leon, Paul (tagesschau).  Insgesamt scheint die weibliche Form "Johanna" beliebter als die männliche Variante zu sein - "Johannes" steht nur in Bayern weiter oben in der Statistik (vor 20 Jahren stand auch "Jan" noch weiter oben im deutschen Ranking) . 

Kann so manches über
lettisches Mittsommerfeiern
vermitteln:
"Kräuterfrau" Līga Reitere

Die Seite "baby-vornamen.de" bedauert, dass es in Deutschland gar keine offizielle amtliche Statistik der in Deutschland vergebenen Vornamen gibt. Das lettische Statistikamt dagegen fügt sogar noch hinzu: 38% aller lettischen Jungs mit dem Namen "Jānis" werden in Familien geboren, wo der Vater ebenfalls "Jānis" heißt; in 195 Fällen heißen sogar Vater und auch Großvater so.

Bei der lettischen "Līga" haben wir keine deutsche Variante (die "Bundes-Liga" mal ausgenommen) 😏 Lettland meldet 10.314 Frauen mit diesem Namen - ziemlich genau 1% der etwa 1 Million Einwohnerinnen, und um 598 mehr als im Vorjahr. (delfi.lv) Zu weiteren Vornamen stellt das zuständige Amt sogar eine Online-Suchmöglichkeit bereit. Wenn allerdings jemand in Lettland die Tochter nach der weltbekannten Janis Joplin benennen möchte - hat wahrscheinlich schlechte Karten bei lettischen Behörden.

Also dann: fröhlichen Namenstag!


10. Juni 2024

Das sind die neun

Diese neun Abgeordneten (acht Männer, eine Frau) werden Lettland im Europaparlament vertreten:

Valdis Dombrovskis ("Jaunā Vienotība")
Sandra Kalniete ("Jaunā Vienotība")
Roberts Zīle (Nacionālā apvienība)
Rihards Kols (Nacionālā apvienība)
Nils Ušakovs ("Saskaņa")
Ivars Ijabs ("Latvijas attīstībai")
Reinis Pozņaks ("Apvienotais saraksts")
Mārtiņš Staķis ("Progresīvie")
Vilis Krištopans ("Latvija pirmajā vietā")

(lsm) Die Wahlbeteiligung lag im Landesdurchschnitt bei 33,82% und war in den verschiedenen Landesteilen unterschiedlich hoch: während in Vidzeme 44,44% der Wahlberechtigten von ihrem Wahlreicht Gebrauch machten, waren es in Riga nur 26,68%, in Latgale nur 24,9%. (cvk)

Die prozentualle Stimmenverteilung der Parteien: 

Jauna Vienotība 25,07% (2 Abgeordnete)
Nacionālā apvienība "Visu Latvijai!" 22,08% (2 Abgeordnete)
"Latvijas attīstībai" 9,36% (1 Abgeordneter)
"Apvienotais Saraksts- Latvijas Zaļā partija, Latvijas Reģionu Apvienība, Liepājas partija" (1 Abgeordneter) 8,18 % (1 Abgeordneter)
"Progressīvie" 7,42% (1 Abgeordneter)
"Saskaņa" sociāldemokrātiskā partija 7,14% (1 Abgeordneter)
Latvija pirmajā vietā 6,16% (1 Abgeordneter)


28. Mai 2024

Nie wieder Eurovison?

Es geschieht nicht zum ersten Mal, dass Abstimmungen auf dem lettischen Portal "Manabalss" ("Meine Stimme") Schlagzeilen erzeugen. Ob für den Erhalt kleiner Schulen auf dem Lande, für ein Verbot der Luchsjagd, für Einführung eines Pfandsystems für Getränkeflaschen oder für ein Verbot von Kahlschlägen in lettischen Wäldern. Momentan wirbt eine Initiative um Beteiligung, die auch international für Verwunderung sorgt: nie wieder lettische Beiträge für die Eurovision! 

Zweifelhaft und unanständig?

Immerhin über 11.000 Unterstützende hat die Initiative schon gefunden. Gefordert wird die Beendigung der Teilnahme Lettlands am Eurovision Song Contest. Begründung: "Es ist sehr zweifelhaft, ob diese Maßnahme das Image und den Ruf Lettlands erheblich verbessert. Menschen, die dort teilnehmen, neigen dazu, sich obszön verhalten, und dies wird auch als Norm beworben." 

Obszön? Der im Original verwendete Begriff "piedauzīgi" wird auch mit "anstößig", "unanständig" oder "abstoßend" übersetzt. Also ein Moralapostel? Eine Idee, wie die frei werdenden finanziellen Mittel verwendet werden sollen, liefert Kristaps Bogdanovičs, der Autor der Eingabe, gleich mit: für den Sport (und für Biathlon im besonderen). Im Sport seien mehr "positive Beispiele für junge Leute" zu finden. An Doping dachte er dabei wohl offenbar nicht.

Internationales Aufsehen

Inzwischen erregen die lettischen "Sportfans" auch international Aufsehen. "Lettland 2025 nicht dabei?" fragen griechische und irische Eurovisions-Fans. Allerdings wird dort das Bogdanovičs-Zitat abgewandelt: statt von "sich abszön benehmen" ist jetzt von "behave wildly" die Rede. Beim litauischen LRT wie auch beim "Baltic News Serive" (BNS) wird es schon zur Staatsaffäre, denn hier ist die Überschrift "Lettland überlegt Ausstieg aus der Eurovision".Da die Initiative über 10.000 Unterstützer/innen hat, ist eine Beratung des Anliegens im lettischen Parlament vorgesehen - aber die steht bisher noch aus.

Wer ist Kristaps Bogdanovičs? 2014 ist dieser Name auf der Liste der "Jaunā konservatīvā partija" JKP fürs lettische Parlament (cvk) zu finden. Aber die JKP erreichte damals lediglich 0,7%, und Bogdanovičs bekam auf dieser Liste von 32 Kandidat/innen die zweitwenigsten Stimmen (cvk). 

... als Kaupers fast wie "Cowboy" klang:
früher war alles besser?

Tugendhafte Kritiker?

Nun also scheint er seine "Fans" gefunden zu haben (oder sollten wir "Anti-Fans" sagen?). Lettlands Teilnahme an der Eurovision kostete 2023 166 000 Euro, rechnet das Portal "Jauns.lv" nach. Die "Latvijas Avize" bringt auch die Aussage von Bogdanovičs, es sei verrückt, wenn der lettische Biathlon-Verband Spenden sammeln müsse um im Weltcup oder bei einer WM auftreten zu können. "Da ist Sport doch mit Sicherheit wichtiger als die Eurovision!" 

Und in einem weiteren Beitrag darf Jāzeps Baško das schildern, was er "die Gedanken einfacher Leute beim Betrachten der Eurovision" nennt. "Ich verfolge die Eurovison schon seit den Zeiten von 'Prāta Vētra' "; schreibt er (das war 2000 Platz 3, siehe Youtube). Baško bezeichnet die Eurovision als "europäische Schwulenparade" und meint, die "LGBT-Flagge" werde hier kräftiger geschwenkt als die Flaggen der teilnehmenden Länder. Dann folgt Bildhaftes: "Eurovision ist eine Veranstaltung der demokratischen Diplomatie. Es ist wie ein Zweikammerparlament, in dem das einfache Volk und die oberen Ränge über die Beziehungen zu den Nachbarländern abstimmen."

Oha, hier wird die Eurovision aber richtig ernst genommen! Originalton Baško: "Putin, die Chinesen und Muslime reiben sich die Hände. Europa ist noch attraktiver, als man es sich vorstellen kann. Es gibt Boden, den es zu kultivieren und wo es Ordnung zu schaffen gilt." (LA) Lobend erwähnt Baško die Beiträge von Frankreich und Israel (ohne nähere Begründung). 

Eurovisions-Fans wehren sich

Denken alle in Lettland so? 2023 machte der lettische "Künstler- und Produzentenverband" ("Latvijas Izpildītāju un producentu apvienības LaIPA") seine ausdrückliche Unterstützung für lettische Teilnehmer/innen bei der "großen Eurovision" öffentlich - die unterstützte Band "Sudden Lights" schied allerdings als elfte schon im Halbfinale aus. Auch 2024 unterstützte die LaIPA "Dons" aus Lettland speziell bei der Werbung für seinen Song schon vor dem Tag des Eurovisionsfinales - und hat vor, Ähnliches auch noch mindestens bis 2026 zu tun. (eurovoix) Der Verband erinnert auch daran, dass 2002 Lettland überhaupt nur deshalb teilnehmen konnte, weil Portugal sich zurückgezogen hatte - und in der Folge dann "Mari N" ("I wanna") gewann, als große Überraschung. 

Der zuletzt erfolgreichste lettische Beitrag zur
Eurovision: Aminata belegte 2015 mit "Love injected"
Platz 6

"Lettland muss sich wegen seiner Teilnahme an der Eurovsion nicht schämen - auch wenn die Finanzierung dieser Teilnahme eher amateurhaft ausfällt", so das Ergebnis einer Expertenrunde aus dem Jahr 2018, in einer Zeit, als Lettland nicht einmal mehr das Finale erreichte (2009 bis 2014, sowie 2017 bis 2023 wurde immer das Finale verpasst). Den damaligen Analysen zufolge gibt es drei Varianten für möglichen Erfolg: erstens eine gute Show auf der Bühne zu zeigen, oder zweitens "irgendwie anders zu sein", oder drittens auf Spezialeffekte zu verzichten und einen Künstler mit Charisma zu nehmen. (lsm)

An einer Antwort auf Kritiker Jāzeps Baško versucht sich Journalist Karlis Streips: "166.000 Euro sollen zu viel sein? Weiß Herr Baško eigentlich, wie viel Geld unser Land ausgegeben hat, damit der lettische Basketballverband dieses Jahr ein Olympia-Qualifikationsturnier veranstalten kann? Etwas mehr als zwei Millionen Euro." Dem wäre hinzuzufügen, dass es auch im Beachvolleyball ein Olympia-Qualifikationsturnier in Lettland gab - mit 400.000 Euro aus lettischen Steuergeldern (sportazinas)

Selbstbewußtsein und Menschenrecht

"Und ich kann mich auch nicht erinnern, dass sich irgendjemand aus Lettland bei seinem Auftritt bei der Eurovision 'obszön' verhalten hätte," fährt Streips fort, "Dons kann es ja nicht gewesen sein." Und seine Schlußfolgerung ist: "Ich verstehe, dass wir Letten ein so sehr, sehr tugendhaftes Volk sind. So tugendhaft, dass Dinge wie Lesben, Transgender und andere „Perverse“ nichts für uns sind. Aber wir leben immer noch im Jahr 2024 und in Europa, wo die universelle Natur der Menschenrechte weithin anerkannt ist. Auch für Schwule. Auch für Trans-Menschen." (LA)

Lolita Tomsone bezeichnete in einem Beitrag für das lettische Kultuportal "Satori" die Eurovision als "politmusikalischen Karneval". Bei der Eurovision habe "jede/r nur drei Minuten Zeit, um die ganze Welt zu überraschen." 

Lettische Zuschauer des deutschen Fernsehens verteidigten den lettischen Beitrag übrigens vehement. Als Moderator Thorsten Schorn beim Vorentscheid "Dons" als "Schlumpf, der seine Mütze verloren hat" titulierte, musste er sich mit Protestzuschriften auseinandersetzen. Ein paar "nette Letten" hätten sich beschwert, gab Schorn dann während der Finalmoderation zu. Offenbar waren es nicht wenige.

11. Mai 2024

Einzahlen, bitte!

Im Vorfeld der diesjährigen Europawahlen wird in Lettland die Praxis von Parteispenden diskutiert. Anfang Mai beschloss das lettische Parlament eine Änderung im Parteiengesetz, der zufolge nun schon Parteispenden ab 7.000 Euro strafbar sind, wenn sie aus ungeklärten Quellen stammen. Unklar allerdings, ob dies allein ausreichen wird, um solche zweifelhaften Spenden zu verhindern.

Briefumschlag - Bankautomat - Parteikasse 

Zunächst standen Spenden an die Partei "Latvijas attīstībai" ("Für Lettlands Entwicklung") im Mittelpunkt der Diskussionen, auch die Antikorruptionsbehörde KNAB (Korupcijas novēršanas un apkarošanas birojs) sah sich zu Untersuchungen veranlasst. Māris Mičerevskis, früher mal Mitglied bei "Latvijas attīstībai", brachte die Sache mit Aussagen wie dieser ins Rollen: "Da gibt Dir jemand einfach zweitausend Euro und sagt, Du musst es für die Partei spenden.“ (LR1) 132 Spenden wurden als verdächtig angesehen, wo Verwandte, Freunde, Angestellte oder andere Vertrauenspersonen die Einzahlungen getätigt hatten. Dennoch wurden keine Strafverfahren eingeleitet, weil, wie es hieß, keine geltenden Gesetze verletzt worden seien. (lsm)

"Aus den Akten zu diesem Fall geht klar hervor, dass Menschen Geld spenden, das ihnen nicht gehört," sagt Sanita Jemberga vom Zentrum für investigativen Journalismus "Re-Baltica".

Spenden für die Karriere

Die Vorwürfe gegenüber der Partei "Vienotība" sind da etwas anders gelagert. Parteimitglieder spendeten auffallend großzügige Summen an die eigene Partei, und das noch dazu in vielen Fällen zeitlich geradezu synchron. 

So ist vom jetzigen "Vienotība"-Fraktionsvorsitznder Edmunds Jurēvics bekannt, dass er zu Zeiten, als er lediglich eine (eher "symbolisch" bezahlte) Stelle als Assistent eines Parlamentsabgeordneten hatte, mehr als 1.000 Euro an die Partei spendete. Und seit 2020, als der von ihm beratene Vilnis Ķirsis Bürgermeisterkandidat wurde, spendete er erneut mehr als 1.000 Euro. Seitdem Jurēvics aber 2022 Mitglied des Rigaer Stadtrates und später auch der Saeima wurde, gingen die Zahlungen erheblich zurück. 

Bei Dāvis Mārtiņš Daugavietis, ein weiterer "Vienotība"-Abgeordneter, soll es ähnlich gewesen sein - zunächst hohe Spendensummen, die nach seiner Wahl ins Parlament stark zurückgingen. "Ich wollte meine politische Karriere aufbauen, und ein Teil des Aufbaus dieser Karriere besteht darin, Mitgliedsbeiträge an die Partei zu zahlen, was ich auch als Investition in mich selbst, als Investition in meine Zukunft betrachtete," so erklärte es Daugavietis selbst (lsm)

Offenbar hilft es in Lettland, wenn nicht eine Wahl über die Zukunft einer Politikerin oder eines Politikers entscheidet, sondern vorab getätigte kräftige Spenden aufs Konto der eigenen Partei. Im Fall der stellvertretenden "Vienotība"-Generalsekretärin Sanita Stelpe-Segliņa sollen Spenden von Mann, Mutter und Schwiegertochter gekommen sein. 

Umschläge und Zählverfahren

Weiterhin gibt es Anschuldigungen, dass "Vienotība" in mehreren Fällen, einschließlich dem Büro von Ex-Ministerpräsident Kariņš, Löhne "im Briefumschlag" gezahlt haben soll (BNN) - ein Vorwurf, den die Partei energisch abstreitet. .

Und ein weiterer Vorwurf dreht sich darum, dass "Vienotība" über Jahre hinweg Dienstleistungen der Firma SOAAR genutzt haben soll, ohne dafür zu bezahlen (tv3) Inzwischen wurde bekannt, dass (erstmals seit 13 Jahren) bei den Europawahlen in Lettland die Stimmauszählung nicht mehr mit Hilfe der Firma SOAAR erfolgen wird. Der Staatliche Rechnungshof hatte bei einer Prüfung festgestellt, dass die Firma hier ohne rechtliche Grundlagen eine Monopolstellung gehabt habe. Bei den Europawahlen werden die Stimmen nun wieder manuell in den Wahllokalen ausgezählt werden. (IR).

30. April 2024

Fuß, Hand oder Stock? Sportstadt Riga

Basketball und Eishockey sind in Lettland klar die beliebtesten Sportarten,da müssen wir uns gar nicht unbedingt auf das Jahr 1935 berufen, als Lettland Basketball-Europameister wurde. Bei der Eishockey-WM 2023 gelang mit Platz 3 Lettland erstmals der Sprung in die Medaillenränge.

So könnte der neue Rigaer Fußballtempel aussehen
Aber Fußball? Wer aus deutscher Sicht ein gutes Gedächtnis hat, erinnert sich vielleicht noch an ein 0:0 der deutschen Elf gegen Lettland im Rahmen der Europameisterschaft 2004. Seitdem hat sich Lettlands Fußballnationalteam nie wieder für eine EM oder WM qualifiziert. Gemäß der FIFA-Weltrangliste rangiert Lettlands Männerteam auf Platz 136 (Litauen 137, Estland 123). Die FIBA-Weltrangliste im Basketball dagegen weist Lettland auf Platz 6 auf (Litauen 10, Deutschland 3).

Endlich ein Fußball-Tempel?

Nun aber fällt der Stadtrat Riga mit einer Entscheidung auf, die vielleicht auch Verwunderung auslöst. Am 2. April wurde entschieden, dem lettischen Fußballverband ein 10 ha-Grundstück für den Bau eines nationalen Fußballstadions bereitzustellen. Die Kosten werden auf (vorläufig) 44 Millionen Euro geschätzt, nach Fertigstellung soll das Stadion 16.000 Sitzplätze bieten. (lsm) Zum Vergleich: das würde in etwa den Stadien in Ingolstadt, Regensburg oder Halle / Saale entsprechen (gegenw. alle 3.Liga). 

Die Begeisterung hält sich teilweise auch bei Fußballfans in Grenzen - denn die Finanzierung eines solch großen Projekts bleibt vorerst unklar. Schließlich sei ja zunächst nur die Möglichkeit geschaffen worden, einen Plan auszuarbeiten, also ein Konzept für ein Stadion vorzulegen. (sportacentrs) Und der Kostenrahmen werde wohl deutlich überschritten werden müssen - da das vorgesehene Baugrundstück auch einige Infrastrukturmaßnahmen erfordert. 

Unterstützung von der UEFA?

Der erst kürzlich in seinem Amt wiedergewählte LFF-Präsident Vadims Ļašenko hofft auch beim Stadionbau auf Unterstützung von UEFA und FIFA - falls einer Maximalförderung zugestimmt würde, seien 17.6 Millionen Euro zu erwarten, meint er. Da auch von der Stadt Riga - außer dem Grundstück als Bauplatz - keine große Finanzunterstützung zu erwarten sein wird, bleibt die Hoffnung auf Investoren aus der Wirtschaft. Den ersten Entwürfe zufolge, erstellt von der deutschen Architektengruppe "Fiebinger", erfordert der Stadionnaubau eine Fläche von 119.000 m2, davon 66.000 m2 für das Stadion selbst.

2016 hatte der Fußballverband LFF noch darauf gehofft, auf einem Gelände an der Krišjāņa Barona ielā mit einem Stadionbau beginnen zu können. Dazu hätte es aber einer Kreditaufnahme von 10 Millionen Euro bedurft - der damalige Vorstand entschied sich dagegen (sportacentrs). Manche schauen da neidisch auf die litauischen Nachbarn in Vilnius - aber dort ist zwar ein Nationalstadion bereits im Bau, allerdings auch immer wieder von Skandalen und Finanzschwierigkeiten erschüttert (LRT / pstprojektai) Der aktuellen Entscheidung des Stadtrats in Riga war eine Prüfung von insgesamt neun möglichen Standorten für ein neues Stadion vorausgegangen.

Protest der Kleingärtner

Begleitet wurde der Stadtratsbeschluss "für den Fußball" von Protesten: bisher ist Lucavsala, nur über eine Brücke über die Daugava zugänglich, eher eine "grüne Oase", geprägt von kleinen privaten Gärten. "Wir wollen nicht noch einen zubetonierten Stadtteil!" ist also der Wahlspruch der Protestler vom Nachbarschaftsverein Lucavsala. Das "grüne Licht" des Stadtrats ist allerdings mit einer Bedingung verknüpft: fünf Jahre hat der Fußballverband Zeit, um ein Realisierungskonzept vorzulegen. Aleksejs Čiževskis vom Verein "Daugavkrastu dārzi" sieht es so: "Wir haben ja schon das Stadion Daugava in Riga. Nur, dort sitzen die Zuschauer weit weg vom Spielfeld und haben kein Dach über dem Kopf. Werden es diese Millionenausgaben wert sein, nur für überdachte Sitzplätze?" (lsm) Zur Zeit hat das Stadion Daugava eine Kapazität von 10.000 Plätzen, das Skonto-Stadion fasst 8.000 Zuschauer.

Interessant ist auch, dass ebenfalls auf Lucavsala ein EU-gefördertes Projekt realisiert werden soll "zur Stärkung der ökologischen Vielfalt". Auf 4 Hektar (lucava) soll hier ein entsprechendes Modell-Areal entstehen.

Lettische Fußballgeschichte - britisch inspiriert

Begründet wurde Fußball in Lettland 1907 von Arbeitern der Fabrik für Metallverarbeitung "Salamander" in Riga, die sich in englischen Eigentum befand. Dort wurde der British Fooball Club (BFC) gegründet, der Unternehmer Herold Hall (1884–1943) wurde deren Trainer. Später gab es auch deutsche, jüdische, polnische und russische Fußballklubs in Riga; der erste lettische Fußballverein nannte sich 1912 "Amatieris". (LFF)

Laut Statistik des lettischen Fuballverbands LFF sind es heute 151 Fußballvereine in Lettland, die Zahl der registrierten Fußballspielenden beläuft sich auf knapp 20.000, und aus Ticketverkäufen wurden im Jahr 2023 insgesamt nur 290.000 Euro Erlös erzielt. Zwar gibt es in Lettland inzwischen auch Frauenfußball (bisher 741 Spielerinnen über 18 Jahren), große sportliche Erfolge sind hier aber noch nicht zu verzeichnen. Der lettische Fußballverband LFF hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 die Zahl von 5.000 aktiven Spielerinnen zu erreichen (siehe: Entwicklungsstrategie 2030). 

Lettischer Fußball - ohne Fan-Interesse? 

Das Interesse von Lettinnen und Letten am Fußball liegt bei nur 3,2 von 10 möglichen Punkten, so ergab es eine Umfrage im Jahr 2016. Die Frage nach Freizeitbeschäftigungen ergab Ähnliches: während sich 68% für Kino oder Musikkonzerte interessieren, sogar 57% für Theater oder Oper, äußerten noch 31% Interesse an Eishockeyspielen, 12% an Basketball und nur 8% an Fußball. (LFF)

Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "Norstat" zusammen mit dem öffentlich-rechtlichen LSM ergab Folgendes: 16% der befragten Lettinnen und Letten finden ein neues nationales Fußballstadion "unbedingt" wichtig, insgesamt sind 49% "eher dafür".  (lsm)

5. April 2024

Strassen-Rochaden

Wer in einer deutschen Großstadt wohnt, wird vielleicht so manche Diskussion um Straßennamen mitbekommen haben; da gibt es doch einige, die an gar nicht so heldenhafte Persönlichkeiten erinnern. Aber Umbenennung ist schwierig. So scheiterte im westfälischen Bünde die Umbenennung einer "Lettow-Vorbeck-Straße", in Berlin blieb ein Versuch die "Mohrenstraße" umzubenennen ebenfalls erfolglos - so berichtete "Die Zeit". 

Da gibt es immer die Argumente, eine Umbenennung habe "erhebliche Folgen für Anlieger". Früher hat man auch gern argumentiert, es müssten dann ja alle Anwohner neues Briefpapier oder Visitenkarten drucken - das hat sich heute allerdings, dank Digitalisierung, wohl erübrigt. Na gut, dort wo noch gedruckte Passdokumente verwendet werden, muss wohl auch ein neues mit geänderter Adresse ausgestellt werden.

Hier ist nicht Moskau

In Riga liegt die Sache offenbar einfacher. Seit Putin in die Ukraine einfiel, haben diejenigen Zulauf, die "reinen Tisch" mit jeglicher Art von möglicherweise ehrender Erinnerung an Sowjetisches machen wollen. Dazu zählt dann auch einiges, was zur Sowjetzeit "russifiziert" wurde. Mitte Februar beschloss also ein Ausschuss des Rigaer Stadtrats die Umbenennung gleich mehrer Straßen. Das Argument: die Persönlichkeiten, deren Namen getilgt werden sollen, hätten keinerlei Bezug zu Lettland, hätten dort nie gearbeitet oder auch nur Lettland in einem ihrer Werke genannt. (riga.lv)

Künftig sollen die Straßen die Namen örtlicher Persönlichkeiten tragen - wie den des Linguisten Kārlis Mīlenbahs, des Schriftstellers Jānis Klīdzējs, und einer der ersten Wissenschaftlerinnen aus Latgale, Valērija Seile. Auch Landschaftsmaler Vilhelms Purvītis und Publizistin Emīlija Benjamiņa werden nun zum Vorbild für Straßennamen. 

Zunächst musste also die bisherige "Latgales iela" zur "Jāņa Klīdzēja iela" umbenannt werden, damit dann die bisherige "Maskavas iela" größtenteils zur "Latgales iela" werden konnte, ein Anfangsabschnitt heißt nun "Lastādijas iela". Die "Puškina iela" wurde zur "Kārļa Mīlenbaha iela", die "Turgeņeva iela" zur "Vilhelma Purvīša iela", die "Ļermontova iela" zur "Viļa Plūdoņa ielua", die "Gogoļa iela" zur "Emīlijas Benjamiņas iela" und die "Lomonosova iela" wurde zur "Valērijas Seiles iela".

Also: kein Moskau mehr, kein Lomonosov, Puschkin, Gogol, Lermontov und Turgenjew - statt dessen gibt es nun viel mehr Latgale in Riga (riga.lv). Und sogar die Umbenennung der scheinbar "unschuldigen" "Tipogrāfijas iela" (Straße der Typograhie) hat einen Hintergrund. Den Namen bekam die nur 159 Meter lange Straße im Jahr 1950 in Erinnerung daran verpasst, da hier das kommunistische Untergrundblatt "Cīņa" ("Kampf") in den 1930iger Jahren eine Zeitlang hergestellt wurde. Jetzt heißt die Straße "Augusta Spariņa iela", benannt nach einem der Helden des lettischen Unabhängigkeitskampfs 1918-20. (jauns).

Beschleunigte Symbolik

Und in Riga geht so eine Umbenennung offenbar ganz ohne bürokratisches Verfahren. Schon am 27. März meldete die Stadtverwaltung Vollzug, was die neue Straßenschilder der "Benjamiņas" und "Lastādijas iela" angeht. Die Verwaltung, an der Spitze Bürgermeister Vilnis Ķirsis rückte an, um die neuen Schilder zu verteilen. Laut Ķirsis sei ja die Bezeichnung "Lastādijas iela" mit Bezug zum "historischen Namen dieses Viertels" gewählt worden. Gleichzeitig wurde auch die Bezeichnung einer ganzen Reihe von Bus- und Straßenbahnhaltestellen geändert (riga.lv / rigassatiksme)

Nehmen wir mal an, wir kennen also alle Personen, die nun zur Ehre eines neuen Straßennamens kamen. Bleibt die Frage: „Wo ist Lastādija? Wer oder was ist das?“ 

Traditionell, aber unbekannt? 

Noch 2019 schrieb Journalistin : "Lastādija? Bei dieser Frage zuckt vielleicht selbst der hartgesotteste Einwohner Rigas unwissend mit den Schultern, einige werden sogar widersprechen und behaupten, dass es in Riga keinen solchen Ort gibt." (TVnet) Nun meinte Lazdina allerdings, die Frage mit einem simplen Verweis auf "Wikipedia" klären zu können - ins Deutsche übersetzt heiße der Name "Lastadie". Leider verweist Wikipedia bei diesem Begriff nur auf eine Bezeichnung für einen Verladeplatz in Lübeck, Königsberg, Rostock, Stralsund oder Stettin. "Lastadie" ist also auf jeden Fall nichts, was es nur in Riga gab. Aber so einen "Ladeplatz" hatte wohl jede Hafenstadt (siehe auch: mittelniederdeutsches Handwoerterbuch). In alten Büchern ist auch nachzulesen, es habe hier nahe der Daugava sogar den Versuch gegeben, eine Werft zu errichten - aber Schiffe seien an dieser Stelle, wohl auch wegen dem häufigen Eisgang der Daugava, nie gebaut worden. "Eine Siedlung von Schiffern, Flößern und Kaufleuten; später auch ein Sägewerk, Scheunen und Holzhäuser", schreibt Lauma Lazdiņa.

Auch die (deutschsprachige) Infoseite der "Dzirciema Aptieka" kommt unserer Wissbegier entgegen - dort finden wir etwas über eine "Lastadie-Apotheke". Hier steht zu lesen, eine "Lastadie" sei in Riga zum ersten Mal im Jahr 1348 erwähnt worden. Außerhalb des Stadtwalls, am Daugavaufer. Zitat: "Am Anfang der jetzigen Moskauerstraße".  Na, ab sofort dann wohl: nicht mehr "jetzig". 

Mit einer modernen Variante von "Lastādija" soll es aber schon 2013 in Riga losgegangen sein. "Lastādija ist ein selbstorganisiertes subkulturelles und soziales Kreativviertel" (Capitel R) Einige Aktivist/innen gründeten damals "Free Riga" um kreative Lösungen für die vielen leerstehenden Gebäude in Riga zu finden. "Unser Rezept: sich einmischen, damit die von der Gesellschaft gewünschten Veränderungen erreicht werden!" Inzwischen hat man bereits für 40.000 m2 leerstehende Räumlichkeiten neue Nutzungen gefunden. Und die Projekte vom "Free-Riga"-Vorsitzenden Mārcis Rubenis zeigen, dass ein Teil dieser Ideen vielleicht auch im Austausch mit Berlin oder sogar Chemnitz entstanden sind (Goethe-Institut / urbact). 

Also: ob nun alte Traditionen, oder neue Inspirationen - die Idee, einen Teil der "Moskauer Straße" nun zur "Lastādijas iela" zu machen, erhofft sich vielleicht auch eine ideele Anbindung an die junge Rigaer Startup-Szene.

30. März 2024

Wolfs Unfreunde

in Lettland eingeführt:
Wolfsspuren erkennen mit Handy-App

Ja, es gibt das Wort "Nedraugi" im Lettischen. Der "lettische Tezaurs" sagt dazu: "Nedraudzīgs cilvēks" ("unfreundlicher Mensch"). Oder, wo ein Beitrag auf "Lasi.lv" meint: "Vasaras nedraugi - traumas" (vielleicht übersetzbar mit "Verletzungen - des Sommers Unfreuden"). Mir geht es hier allerdings um die Tierwelt. 

Im Grenzland

Mehreren lettischen Presseberichten zufolge spielte sich Ungewöhnliches in der Gemeinde Vilce ab, ganz im Süden Lettlands an der Grenze zu Litauen gelegen. Ein Ort mit nur noch knapp über 1.000 Einwohner/innen, stark von Landflucht betroffen, also eine eher verlassene Gegend. Landschaftlich sind dort einige Flüsse, auch Sandsteinfelsen, feuchte Laubwälder, mäßig feuchte Wiesen anzutreffen. Aber die Idylle wurde schon im vergangenen Jahr häufig durch ungewöhnliche Vorfälle gestört. Viele meldeten: mein Haustier ist verschwunden! 

Vielfach geht es um Hunde. Menschen, die in weit abgelegenen Häusern wohnen, oft auch allein, umgeben sich natürlich gern mit Haustieren, und diese müssen dort nicht in Haus oder Wohnung eingesperrt leben. Freien Auslauf haben sie also - und gerade das wurde einigen zum Verhängnis. Es häuften sich die Notrufe bei der lettischen Forstverwaltung, dass Wölfe solche Haustiere angreifen. Solche Schadensfälle müssen in Lettland bei der Forstverwaltung (Valsts meža dienests VMD) gemeldet werden, diese hat inzwischen eine eigene Handy-App entwickelt, um solche Schadensmeldungen zu erleichtern. Ab dem 1.April müssen inzwischen auch alle Jagdberechtigten sämtliche Jagdbeute per Handy-App domumentieren - so verlangt es eine Änderung im lettischen Jagdgesetz (lsm)

Angeleint - ohne Chance

Vilce kam Anfang Januar in die Schlagzeilen der lettischen Presse, da dort gleich mehrere Haushunde Opfer von Wölfen wurden (nra / apollo / tvnet). Betroffen war zum Beispiel Mārīte Zurovska, deren Hund "Kūpers" eines Morgens um das Haus lief und verschwand. Als dann auch zwei alte Katzen nicht mehr auftauchten, habe sie die Tiere gerufen, gesucht, ihre Tochter zu Hilfe gerufen - es hätten sich aber nur noch ein paar wenige Blutspuren finden lassen. Bei der Nachbarin seien innerhalb eines Tages gleich zwei Hunde verschwunden. "Im Gegensatz zu Katzen und Menschen", schreibt Journalistin Laura Dumbere, "steht der Hund auf dem Lieblings-Fastfood-Speiseplan des Wolfes – Futter, das ohne großen Aufwand beschafft werden kann und welches das clevere Raubtier aufzuspüren und zu täuschen weiß." Noch einfacher wird es, wenn die Hunde angeleint sind. (IR)

Bisher waren im Süden Lettlands, in Zemgale, wenig Zwischenfälle mit Wölfen gemeldet worden. "Es gibt dort nicht so viele Schaf- oder Rinderzüchter, eher Getreide- oder Rapsfelder," meint Jānis Ozoliņš, der am Institut für Waldwirtschaft "Silava" arbeitet (IR). Aber im Norden Litauens hätten einige mit der Zucht von Damwild angefangen, fügt er hinzu, auch das habe wohl Wölfe angelockt.

Schutz und Schuss

Wölfe sind in Lettland unter Schutz stehende Tiere, aber auch nicht selten. Jährlich wird eine Höchstmenge von Wölfen festgelegt, die landesweit pro Jahr geschossen werden dürfen - 2023 lag diese bei 300 Tieren. (VMD) Der Enziklopädie "Latvijas Daba" zufolge wird die Wolfspopulation in Lettland auf etwa 500 Tiere geschätzt. Insgesamt schwankt die Zahl der Wölfe aber offenbar in Lettland stark: es sollen auch schon mal Tausend Wölfe gezählt worden sein (daba.lv) Und auch Wanderungen eines Wolfes von 20-40km pro Tag sind nichts Unmögliches. Gemäß den gültigen Bestimmungen der EU dürfen Wölfe in Lettland in begrenzter Zahl geschossen werden, wenn Lettland eine insgesamt stabile Population und die Überwachung der angewandten Jagdtechniken sicherstellt (VMD). 

Wissenschaftliche Untersuchungen in Lettland zeigen, dass sich Wölfe in Lettland zu etwa 80% von Rehen, Hirschen oder Wildschweinen ernähren; in den 1990iger Jahren waren es (in manchen Gegenden bis zu 30%) auch Biber. Vereinzelt kommen dann auch Hasen, andere Nagetiere, Vögel, Reptilien oder Insekten dazu. Besonders dort, wo wenig wildlebende Huftiere sind, greifen Wölfe auch Haustiere an - im nördlichen Teil Lettlands allerdings sehr viel seltener als in den südlichen Landesteilen. Und offenbar sind es besonders einzeln lebende Wölfe, die sich auch auf Haustiere spezialisieren können (VMD) Aktuelle Statistiken zeigen, dass unter den getöteten Haustieren meistens Schafe betroffen sind (82,1%), Rinder zu 8,2%, Ziegen 5,9% und Hunde zu 3,8% (unter den verletzten Tieren sind zu 6,8% Hunde).

7. März 2024

Meistens allein

 "Die Familie ist einer unserer Grundwerte der Gesellschaft", so sagte es einmal der lettische Präsident Egils Levits (aprinkis). Er verband das mit der Auffassung, dass die bisherige rechtlich festgelegte Auffassung einer traditionellen Familie erhalten bleiben müsse; so wie es in Paragraph 110 der lettischen Verfassung heißt: „Der Staat schützt und unterstützt die Ehe – die Verbindung zwischen Mann und Frau, die Familie, die Rechte von Eltern und Kindern.“ Levits interpretierte es so: "In einer gut funktionierenden Familie wird ein Mensch "trainiert", ein verantwortungsbewusstes Mitglied der Gesellschaft zu sein."

Frau mit Kind

Auch in Lettland heiraten Frauen und Männer
viel später als noch vor einige Jahrzehnten.
Vielleicht lohnt da ein Blick auf die Analysen des lettischen Amts für Statistik (Centrālā statistikas pārvalde). Aus dem Jahrbuch 2023 lassen sich auch Zahlen zu den Familien in Lettland ablesen. Demnach ist gegenwärtig die häufigste Form einer lettischen Familie: die alleinerziehende Frau.
37,2% aller Familien sind das, und erst weit dahinter kommen mit 26,2% verheiratete Ehepaare mit Kindern. Weitere 18,2% machen Verheiratete ohne Kinder aus, und 7,9% aller Familien bestehen aus alleinerziehenden Vätern. Bei 5,4% der Familien handelt es sich um unverheiratete Paare mit mindestens einem Kind, und 5,0% sind unverheiratete Paare ohne Kinder.

Späte Heirat und hohe Scheidungsrate

Insgesamt wurden in Lettland 492.052 Familien gezählt - 3.835 weniger als im Jahr zuvor. Aus 11 (oder mehr) Personen bestehen in Lettland noch 41 Familien (2011 waren es noch 62). Dabei gibt es eine relativ hohe Scheidungsrate: auf 1000 geschlossene Ehen kommen in Lettland 456 Scheidungen. 

Für das Jahr 2023 wurden in Lettland insgesamt 1.883.008 Einwohnerinnen und Einwohner gezählt. 806.940 von ihnen (42,8 %) leben allein, 681.137 (36,2%) leben verheiratet zusammen, 231.254 (12,3 %) sind geschieden und 155.502 (8,2 %) verwitwet. 

Und die Kinder? Dort, wo mindestens ein minderjähriges Kind aufwächst, sind es 98.511 alleinerziehende Mütter, 81.843 verheiratete Paare, 19.322 alleinerziehende Väter und 17.502 unverheiratet zusammenlebende Paare. (LVportals)



20. Februar 2024

Leerstellen

Lehrkräfte - woher nehmen?

In Lettland werden zum nächsten Schuljahrsbeginn 200 Lehrerinnen und Lehrer fehlen - zumeist für die Schülfächer Mathematik und Lettisch.

Das durchschnittliche Gehalt für Lehrerinnen und Lehrer in Lettland liegt bei 1500 Euro (brutto), es ist damit eines der niedrigsten in Europa (ähnlich wenig gibt es in Bulgarien, Griechenland, Ungarn, oder Rumänien). In den Bezirken rund um Riga - Bremerinnen und Bremer würden vielleicht "Speckgürtel" dazu sagen - liegt die Entlohnung noch um 200-300 Euro höher. Im Nachbarland Estland streikten im Januar die Lehrerinnen und Lehrer, weil sie auch 2000 Euro (brutto) für zu wenig einschätzten. Im "Pisa-Vorzeigeland" Estland sei ein hoher Prozentsatz der Lehrkräfte (25%) Mitglied einer Gewerkschaft, so berichtete der "Deutschlandfunk".

Eine landesweite Übersicht aller offenen Stellen
an lettischen Schulen bietet die "skolu vakanču karte"

Lehrer streiken, kleine Schulen schließen

Wie sieht die Stimmung unter Lettlands Pädagog/innen aus? Das zuständige Ministerium in Lettland hat ein neues Gehaltsmodell entwickelt, dass zu Beginn des neuen Schuljahres im September 2024 eingeführt werden soll. Dann sollen die Gehälter nicht einfach dort am höchsten sein, in welcher Gemeinde es die meisten Schülerinnen und Schüler gibt - stattdessen wird geschätzt, wie viele Lehrkräfte für die Umsetzung eines bestimmten Lehrplans benötigt werden. Mehrere Kommunen, die das neue System getestet haben, kommen zu dem Schluss: Ja, die Gehälter werden höher sein. Allerdings: auch die Zusammenlegung kleinerer Schulen ist vorgesehen.

Damit soll einer durchaus spürbaren Tendenz entgegengewirkt werden, dass viele den Lehrerberuf verlassen. Mit dem Programm "Mācītspēks" wurde ein berufsbegleitender Pädagogikkurs geschaffen, der Fachkräfte aus verschiedenen Bereichen dabei unterstützten will, Lehrer für allgemeinbildende Fächer zu werden. Es war auch schon versucht worden, Studierende der Pädagogik an Schulen einzusetzen - aber viele gaben der hohen Arbeitsbelastung wegen wieder auf.

Etwa 150 kleine Schulen sind in den vergangenen 10 Jahren in Lettland geschlossen (bzw. mit anderen zusammengelegt) worden; aber noch immer schätzen Experten, dass eine weitere Optimierung des Schulsystems 80-120 Millionen Euro einbringen könnte, Geld, das dann zur Erhöhung der Lehrergehälter ausgegeben werden könnte. Andererseits ist auch klar, dass die Schließung kleiner Schulen den Mangel an Lehrkräften nicht beheben wird. (IR)

Lernen wie im Lichtpalast!

"Wir stecken in einem tiefen Loch", sagt Ieva Margarita Ozola, Leiterin der 13. Mittelschule in Riga. Noch lange nach Beginn des Schuljahrs musste nach zwei Lehrkräften für Lettisch gesucht werden, und das Fach Ingenieurswissenschaften muss immer noch ausfallen. (IR) "Schüler und Lehrer sind stolz auf ihre Schule – sie ist wirklich unser Lichtpalast!" so ist es in der Eigenwerbung dieser Schule zu lesen ("Lichtschloss, lett. "Gaismas pils", entsprechend dem legendären Chorlied von Jāzeps Vītols). 

Vielleicht mögen ja die Schülerinnen und Schüler ihre Schulen, wo sie gerade unterrichtet werden. Noch aus Sowjetzeiten stammt die Sitte, die Klassenlehrerin oder den Klassenlehrer am letzten und am ersten Schultag mit Blumen und Geschenken zu überhäufen - wohl wissend, dass damals von ihm oder ihr mehr abhängig war als die Schulbehörde organisieren konnte. Heutzutage wird in Lettland der "Skolotāju diena" (Weltlehrertag) brav an einem Sonntag begangen (erster Sonntag im Oktober); allerdings wird in den Schulen oft schon am Freitag davor etwas organisiert. "Ein wirklich talentierter Lehrer ist oft die erste Inspirationsquelle, ein Vorbild und ein Held, dem jeder Erstklässler nacheifern möchte", so sagte es Präsident Edgars Rinkēvičs aus diesem Anlaß 2023 (lvportal).
Die lettische Bildungsministin Anda Čakša zitierte lieber Winston Churchill, der gesagt haben soll: "Lehrer haben die Art von Macht, von der Premierminister nur träumen können“ (LIZDA)

Beim Kampagnenportal "Manabalss" ("Meine Stimme") sind zur Zeit viele Aufrufe zu finden rund um das Thema Schule: gleich zwei für den Erhalt kleiner Landschulen (einmal generell, einmal speziell der Mittelschulen), gegen die Umstrukturierung verschiedener Schulen in Jūrmala, Valdemārpils, Mērsrags und Jaunpils, oder auch für ein Verbot von Smartphones an Schulen.Die Gewerkschaft LIZDA (Latvijas Izglītības un zinātnes darbinieku arodbiedrība) betreibt zur Zeit eine Kampagne, welche einen gesetzlich festgelegten Rücktritt einer Regierung für den Fall der Nichteinhaltung von gegenüber der Gewerkschaft gemachten Versprechungen fordert.

Agenda 2030

Viel diskutiert wurde über neu festgesetzte "Qualitätskriterien" für die Lerninhalte an Schulen, genannt "Skola2030".  Es gibt Richtlinien für die Vorschulerziehung wie auch für die Grundschule. Für Lehrer/innen der Grundschule werden Materialien bereit gestellt und Online-Kurse angeboten - vielfach einfach auf Youtube (siehe Beispiel). Hingewiesen wird auch auf die Notwendigkeit eines Rollenwechsels: die Art und Weise, wie Lehrkräfte den Lernprozess anleiten, habe sich geändert. Kinder seien "Forscher und Macher", und Lehrerinnen und Lehrer sollen das Umfeld dazu schaffen, so heißt einer der Leitsätze in den Lehrmaterialien. Und Kinder dürften auch Fehler machen, wird betont - auch daraus entstehe ein Lernprozess. 

Lettische Schulen im Veränderungsprozess. Ob nun Pädagoginnen und Pädagogen eher Umfeldbereiter für selbständiges Kinderlernen sind, oder doch Machtinhaber, auf die selbst Staatschefs neidisch sind - das muss wohl im Trubel der lettischen Schulreformen geklärt werden müssen. Dass Lehrerinnen und Lehrer in Lettland verhältnismäßig schlecht bezahlt werden, daran scheint auf absehbare Zeit wenig zu ändern zu sein.


 

9. Februar 2024

no post today

"Pasta Balodis" ist keinesfalls ein
Nudelgericht - das lehrt die lettische Post

Landleben in Lettland wird zunehmend schwierig: die Schulreform bringt es mit sich, dass viele der kleineren Schulen keine Zukunft haben. Und nun kündigt auch die lettische Post noch an, über 100 Filialen schließen zu wollen. Wird es in Zukunft unmöglich sein, zum Beispiel eingeschriebene Briefe zu versenden, Päckchen oder Pakete aufzugeben, oder Bargeld abzuheben? 

Zu Fuß zur Post - keine Option

Jetzt wird es also in Lettland Gemeinden geben, wo fast 50km Wegstrecke erforderlich sind, um ein Postkontor zu finden (IR) Die Post verspricht: in Zukunft sollen die Postboten auf Bestellung nach Hause kommen, um dort alle Serviceleistungen vornehmen zu können. Die Kunden und Kundinnen zweifeln aber, ob das ohne Preissteigerungen wirklich möglich sein wird. 

In einem Beitrag der Zeitschrift "IR" wird das Beispiel des Bezirks Südkurland durchgerechnet:die 33.000 Einwohner/innen hier leben ziemlich verstreut. Nur 2% von ihnen besuchen Postfilialen, ganze 60% des Umsatzes macht hier der Verkauf von Haushaltswaren aus, die Standard-Dienstleistungen wie Brief- oder Paketversand nutzen lediglich 24%. 

Beāte Krauze-Čebotare, geschäftsführende Vorstandsvorsitzende bei "Latvijas Pasts", beklagt eine sehr schwierige Finanzsituation der Post (lsm) und erläutert die Entscheidungskriterien so: wenn nur so wenige die Dienstleistungen der Post in Anspruch nehmen, der Rest aber eigentlich etwas anderes sucht - warum dann eine Postfiliale? (IR

Bedarfslösungen - Folgen der Digitalisierung?

"Pastnieks mājās" ("Der Postbote zu Hause") - so wird eine neue Serviceleistung bezeichnet. Eingeführt zunächst während der Corona-Pandemie, erwies es sich als effektiv für Kundinnen und Kunden, die außerhalb der Städte leben (LA). Seit 2020 sind bereits 190 Postämter auf dieses Format umgestiegen oder haben ganz geschlossen. Der Reorganisationsplan der Lettischen Post sieht nun vor, dass 2024 weitere 105 Abteilungen betroffen sein werden - nur etwa 70 blieben dann übrig. 

"Aber wenn ich einen eingeschriebenen Brief bekommen soll," klagt ein Unternehmer in der Zeitschrift 'Druva', "und der Postbote mich nicht zu Hause antrifft, bekomme ich eine Benachrichtigung dass ich es beim Postamt im Landkreiszentrum abholen soll; und das sind 70km Hin- und Rückfahrt." (druva)

An manchen Orten gibt es einen "Pakomat", also ein Paket- und Briefautomat. Aber Achtung - Info der lettischen Post für alle e-Klienten: "Wenn Sie die falsche Paketgröße wählen, wird das Paket zurückgeschickt und die Gebühr wird einbehalten!" (pasts.lv) Und einige Postfilialen sollen nun, ähnlich wie in Deutschland, in Läden, oder sogar in Büchereien eröffnet werden.(lsm)

Die lettische Post setzt offenbar auch auf Autofahrer/innen: "Wir bieten den Empfang von Sendungen aus lettischen Online-Shops an einer von mehr als 50 CIRCLE K-Tankstellen in ganz Lettland an," heißt es (pasts.lv) (Aber auch hier befinden sich etwa die Hälfte dieser Tankstellen in und um Riga).

Natürlich lassen sich auch in Lettland postalische Grüße auch ganz elektronisch-digital versenden - sogar unter Verwendung eines eigenen Fotos. Wer also nicht per "Whatsapp" oder Ähnlichem grüßen möchte, lässt sich eine Postkarte drucken und verschicken: mit der "Pasta Balodis", der digitalen "Posttaube". 

Der Lohn - ein Ehrentitel

Postbotin Solveiga Šķiņķe, im Jahr 2023 als "beste Postbotin in Vidzeme" ausgezeichnet (an dieser Umfrage beteiligten sich 11.475 Postkund/innen), erzählt von ihrer Arbeit: "Ich fahre täglich ungefähr 180 km. Früher hatte ich nur die Gemeinden Ķoņi und Lode, dann kam noch Naukšēni dazu." (Grenzgebiet zu Estland). (ReTV) Ihr Dienst dauert jeden Tag von 8 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags, manchmal länger. Oben drauf kommen dann die Kund/innen, für die sie besondere Dienstleistungen erledigt, dazu zählt manchmal auch, eben mal ein paar Sachen aus der Apotheke zu holen ...

Noch gibt es bei der lettischen Post knapp 3.000 Angestellte - davon 70% als Postbot/innen oder in Filialen. In Zukunft sollen also die "Pastnieki" auch die Rentenzahlungen und Ähnliches dem Kunden direkt zu Hause auszahlen. (jauns) Dazu ist ein Antrag bei der staatlichen Sozialversicherung nötig ("Valsts sociālās apdrošināšanas aģentūra" VSAA), die Gebühr für die Zustellung beträgt vorläufig 2,39 Euro. Die VSAA warnt vorsorglich: der Auszahlungsdatum kann sich ändern - je nachdem, wann der Postbote / die Postbotin Zeit hat zu kommen. 

Wer ist verantwortlich?

Seit der Ankündigung der Einsparvorhaben bei der Post ist auch ein Streit um Verantwortlichkeiten ausgebrochen. Verkehrsminister Kaspar Briškens, auch für die Post zuständig, wirft einigen Managern bei der Post "teure Dienstreisen und Partys" vor (jauns). Daraufhin traten bereits mit Raimonds Dūda und Ivars Blumbergs zwei der Topmanager zurück. Begründung: schwierige Kommunikation mit dem Ministerium. (jauns)

Vielfach wird nun auch die öffentliche Unterstützung der Post durch Steuergelder in Frage gestellt. Wenn Busunternehmen verpflichtet werden können auch wenig rentable Strecken zu bedienen, könnte nicht Ähnliches auch von der Post verlangt werden? Minister Briškens fordert nun von der Post, im Vorfeld bevorstehende Änderungen besser öffentlich zu kommunizieren. "Es reicht nicht aus, dass kurz vor der Schließung der Post ein kleiner Zettel in die Briefkästen geworfen wird, ohne zu sagen, welche Alternativen es gibt und wie viel sie kosten werden." (IR)

Vielleicht finden sich also in Zukunft für ehemalige Postämter ganz andere Nutzungen; so wie etwa das "Pastnieka māja" in der Hafenstadt Liepāja - ein Restaurant. Vielleicht auch für verärgerte Postkunden? Die Werbung verspricht: "Gibt es etwas, das mehr Spaß macht als Liepāja? Ja. Das Leckerste in Liepāja ist eine cremige Karotten-Spinat-Suppe mit Schlagsahne als süßen Hut."

30. Januar 2024

Zwischenstudien-Aufenthalt

Der Anteil von Studierenden aus dem Ausland beträgt in Lettland immerhin 14%, so berichtete es die lettische Fernsehsendung "De Facto" (lsm) Das sind im Lehrjahr 2023 / 24 insgesamt fast 11.000 Auslandsstudierende (10.801). Aber nur selten bleibt von diesen Tausenden mal einer oder eine nach dem Studium in Lettland. 

Die aktuelle Liste der Herkunftsländer (Stand 10/23):

Indien – 2676
Uzbekistan – 1266
Schweden – 896
Ukraine – 842
Deutschland – 759
Šri Lanka – 696
Russland – 498
Finnland – 496
Türkei – 325
Azerbaidschan – 240
Norwegen – 222

Durchschnittlich 14% also. (LVPortal) Aber einige lettische Hochschulen sind erfolgreicher beim Einwerben von Studierenden aus dem Ausland: bei der Wirtschaftshochschule "Turība" sind es sogar 40%. "Studieninteressierte entscheiden sich nicht nur für Studiengänge und alles drumherum, sondern auch für die Länder, in die sie gehen.“ So sieht es Imants Bergs, Vorstandsvorsitzender bei „Turība“.

"Für Kanada hat es nicht gereicht, da habe ich Lettland gewählt", so Jogešs aus Indien, der an der Rigaer Technischen Universität (RTU) studiert. Den Angaben des zuständigen lettischen Ministeriums zufolge entschieden sich die meisten ausländischen Studierenden für den Bereich Sozialwissenschaften, Handelswissenschaften und Recht (4190), gefolgt von Gesundheitswesen und Sozialfürsorge (3075) und dann Naturwissenschaften, Mathematik und Informationstechnologien (1461).
"Bei uns wählen die Studierenden in erster Linie Ingenieurwissenschaften, Computersysteme und dann Wirtschaftsprogramme", so sagt Zane Purlaura-Poriņa, an der RTU zuständig für die internationale Zusammenarbeit. 

Selten bleibt jemand da

Studierende aus Deutschland, aber auch aus Schweden, Finnland, Italien und Norwegen sind meist an einem Medizinstudium in Riga interessiert. Bei den Studierenden aus Deutschland zeigt sich zudem noch eine andere Tendenz: sie kehren nach Deutschland zurück, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet (z.B. auch: Fortsetzung des Studiums). (lsm)

Nach Angaben des lettischen Amtes für Staatsbürgerschaft und Migration (Pilsonības un migrācijas lietu PMLP) bleiben nur etwa 500-600 ausländische Studierende nach ihrem Studium in Lettland. Meist aus privaten Gründen. Und auch deshalb, weil vielen die Wahl einer beruflichen Karriere in einem neuen Land leichter fällt, wenn die Landessprache dort Englisch ist. Angeblich liegt die Zahl derjenigen ausländischen Studierenden, die ihr Studium mit Diplom abschließen, bei 50-80%. Dennoch brechen auch einige wegen fehlender Finanzmittel ihr Studium wieder ab. (lsm)

Studierende als Streitobjekt

Doch offenbar gibt es beim Thema der Studierenden aus dem Ausland nicht nur positive Reaktionen. Es gibt Befürchtungen von Parlamentsabgeordneten wie des ehemaligen Verfassungrichters Gunārs Kūtris, dass sich hinter Personen die Studiengebühren bezahlen einfach Arbeitsmigranten verstecken könnten.

Studierende dürfen in Lettland 20 Stunden pro Woche, in den Semesterferien bis zu 40 Stunden pro Woche arbeiten. (lsm) Ein relativ hoher Anteil ausländischer Studierender kommt aus Ländern außerhalb der EU, also zum Beispiel Indien, Uzbekistan, Sri Lanka. Es gibt sogar noch fast 500 Studierende aus Russland, die schon vor Beginn des Angriffs Russlands auf die Ukraine ihr Studium begonnen hatten. "Gaststudierende oder Gastarbeiter"? So fragte ein Beitrag im Portal LSM. Anlässlich eines Treffens mit Parlamentariern verteidigen sich Hochschulverteter: nein, diese Studierenden seien tatsächlich zum Studieren gekommen. "Etwa 80% des Unterrichts finden bei Anwesenheit der Studierenden statt, da gibt es gar keine Zeit um noch zu arbeiten", sagt Toms Baumanis, Vizerektor der "Rīgas Stradiņa universitāte" (RSU). Außerdem würden ja auch Studiengebühren erhoben. Und wenn jemand exmatrikuliert werde, dann bekomme das Migrationsamt PMLP innerhalb von zwei Wochen darüber eine Nachricht. 

Steigende Anfragen

Unabhängig davon, wie studierende Gäste aus vielen Ländern aus lettischer Sicht bewertet werden, das Interesse am Studium in Lettland steigt. So vermeldet zum Beispiel die Rigaer Technische Universität (RTU) im Jahr 2023 mit 3700 Studieninteressierten so viele Anfragen wie nie zuvor in ihrer Geschichte (tv3). Es gibt Schätzungen, denen zufolge Studierende aus dem Ausland auch schon in vor-pandemischen Zeiten etwa 300 Millionen Euro nach Lettland einbrachten. Nun müssen sich die Entscheidungsträger/innen nur noch entscheiden, ob sie diese Entwicklung willkommen heißen - oder eher nicht.