1. Februar 2026

Fisch muss schwimmen

Barsche, Hechte, Brachsen, Plötzen, Schleien, Karpfen - wer Fisch mag, dem bietet sich in Lettland vor allem als Anglerin oder Angler ein breites Angebot. In einem Land, in dem im Winter Flüsse und Seen zufrieren und somit auch Eisangeln üblich ist, scheint das ganze lettische Jahr ein Angeljahr zu sein.

Fischland Lettland 

69 verschiedene Unternehmen beschäftigen sich in Lettland auch mit Fischzucht, also Aquakultur. Im Jahr 2023 beschäftigte die Branche insgesamt 302 Menschen. Gezüchtet werden Forellen, Karpfen, Störe und Welse. Insgesamt werden 783,9 Tonnen Fisch produziert, davon 25,5 Tonnen für den Export. Seit 2009 stieg die Produktion langsam, aber stetig an und erreichte 2021 mit 902,5 t einen vorläufigen Höhepunkt. Bisher wurde dieser Bereich als weniger bedeutender Teil der lettischen Fischwirtschaft angesehen, allerdings mit Wachstumspotential. (kem)

Einer dieser bereits existierenden Betriebe für Forellenzucht (Foreļu audzētava) ist zum Beispiel in Kaltene (bei Talsi) zu finden, offenbar schon seit 1980, also schon seit Sowjetzeiten. Ein anderer Betrieb ist Pelči, südlich von Kuldiga zu finden, wo Fischfutter aus Dänemark und Finnland eingesetzt wird. Oder die Fischzuchtanlage in Grūbe ("Krāces"), mit EU-Geldern modernisiert, nahe Ape an der estnischen Grenze vom Wasser der Vaidava gespeist, nebst Wasserkraftwerk und Tourismusanlage.

Groß gezüchtet 

Nun aber sollen Forellen im großen Maßstab "produziert" werden: bis zu 10.000 Tonnen in einer Saison. Es geht um Aquakultur, und zwar im offenen Meer: am Ostseestrand zwischen Roja und Meršrags plant eine japanische Firma die Errichtung einer solchen Anlage, und verspricht 43 Millionen Euro zu investieren. (lsm) "Musholm", eine dänische Tochtergesellschaft des japanischen Fischereikonzerns Okamura Foods, erwarb 51 % der Anteile an "Riga Bay Aquaculture" (RBA) (eurofish). Dieser Deal wird aber auch als Zeichen dafür gesehen, dass Musholm zunehmend Schwierigkeiten hat, sich mit den verschärften dänischen Lizenzen und Zuchtgenehmigungen auseinanderzusetzen. Also: Auf nach Lettland, dem Land der unschränkten Möglichkeiten?  Die Firma verspricht 60 feste Arbeitsplätze zu schaffen, dazu seien 150 Saisonarbeiter/innen gefragt. (ReTalsi)

Aquakultur-Planungsgebiete in der Rigaer Bucht

Küste ungeschützt? 

Wie ist das möglich? Die lettische Meeresschutzplanung sieht die Küste der Rigaer Bucht als nicht geeignet für Aquakulturanlagen an (siehe: likumi); ins Auge gefasst werden lediglich Untersuchungen, um vielleicht "umweltfreundliche Technologien" zu entwickeln. Der geltenden amtlichen Einschätzung zufolge sind, im Gegensatz zur Muschelzucht, von Aquakultur negative Folgen zu erwarten, denn "das während des Zuchtprozesses verwendete und nicht verwertete Fischfutter, die Stoffwechsel-Endprodukte und Medikamente verstärken die Eutrophierung der Meere und beeinträchtigen die natürlichen Populationen". Dem zufolge seien Aquakulturfarmen "in Küstengewässern in einer Tiefe von bis zu 20 m nicht zu empfehlen". (likumi)

Dennoch gibt es Pläne, dass 5 km von der Küste enfernt Anlagen zur Forellenzucht entstehen sollen. Minderheitsgesellschafter des Joint Ventures mit RBA ist auch die Familie Līnis mit ihrer Firma „Sudrablīnis Holdings“, die in Vecmīlgrāvis das Fischverarbeitungsunternehmen „Sudrablīnis“ betreibt. "Wir wollen gern unsere Produktion erweitern", sagt Miteigentümer Edgars Līnis, "und das dänische Unternehmen ist schon lange unser Partner". (lsm) Man stellte beim Landwirtschaftsministerium einen Antrag, dieses schrieb ein Modellprojekt aus, bei dem sich dann ernsthaft nur ein einziges Unternehmen bewarb: "Riga Bay Aquaculture". Das Projekt sieht vor, insgesamt 25 Netze mit einer Gesamtfläche von 196,4 ha in 50 cm (bis maximal 21 Meter) Tiefe unterhalb der Wasseroberbfläche zu installieren - in einem Bereich, der immerhin als Natura2000-Schutzgebiet ausgewiesen ist. (eva.gov.lv / Videseksperti)

Genehmigung noch unklar 

Kritik gibt es aber an der Vorgehensweise des zuständigen Ministeriums - wurde hier ein einzelnes Unternehmen bevorzugt, dessen Tätigkeit dann im Nachhinein irgendwie genehmigt werden soll? Normunds Šmits, Staatssekretär im lettischen Umweltministerium, erklärt den Vorgang so: "Wir haben keine Flächen für Aquakultur vorgegeben, das war der Wunsch des Unternehmens. Es gab keinen Grund, den Vorschlag nicht zu unterstützen. Wir sprechen hier nicht davon, dass die Bucht von Riga mit Fischfarmen übersät wird: es handelt sich um eine einzige Anlage". (IR

Aber widerspricht nicht Aquakultur in der Rigaer Bucht der bisherigen Meeresschutzplanung? „Gemäß dem Meeresplan befindet sich das Aquakulturprojekt in einem Gebiet mit allgemeiner Nutzung“, antwortet Jānis Irbe (ZZS), parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Klima und Energie. Faktisch gäbe es da keine generellen Beschränkungen (IR)

Beschwichtigungen 

"Die Einwohner von Roja und Mērsrags erwarten die Aquakulturbetreiber nicht mit offenen Armen", so schreibt die lettische Lokalpresse (ReTalsi / lsm / NTZ) Zudem stehen Umweltverträglichkeitsprüfungen noch aus. "Auch bei klarer Wetterlage sind die Anlagen praktisch vom Ufer aus nicht zu sehen, stören also niemanden", versucht Unternehmensvertreter Edgars Līnis wohl nach dem Prinzip "aus den Augen, aus dem Sinn" zu beruhigen. Auch Geruchsbelästigung gäbe es keine. 

"Bei uns produzieren wir 30 Tonnen Fisch pro Jahr", erzählt Zigis Goldmanis, Chef des lettischen Forellenzuchtbetriebs (Gamma-Rent) in Kaltene von eigenen Erfahrungen. "Für jedes kg Gewichtszunahme frisst ein Fisch 1,05 kg Futter", meint er, "aber der Fisch nimmt nur ein Teil der Nahrung auf, das Ergebnis ist ziemlich schmutziges und übelriechendes Wasser, vor allem Rückstände von Stickstoff und Phosphor". Das Argument, nur mit der jetzt geplanten Art und Weise der Forellenzucht konkurrenzfäig zu sein, lässt er nicht gelten: "Wenn man nicht konkurrenzfähig ist, sollte man besser Hühner züchten!" (lsm)

Bedenken 

Eigentlich ist bekannt, dass sich der Wasseraustausch in der flachen Rigaer Bucht nur alle 30 bis 50 Jahre einmal vollzieht - Verschmutzungen würden also langfristige Folgen haben. "Wir sind ja nicht kategorisch gegen Aquakultur", sagt auch Kristīne Raginska, Ortsamtschefin der Gemeinde Engure. "Wir sind aber gegen die Art, wie hier Fische gezüchtet werden sollen - die verlorenen Naturwerte bekommen wir nicht zurück." Das Lettische Institut für Hydroökologie (LHEI) bestätigte diese Annahme in einem Gutachten, das auch der Regierung vorgelegt wurde: durch die Forellenzucht in offenen Gehegen würden demnach jährlich mindestens 400–600 Tonnen Stickstoff und 50–100 Tonnen Phosphor in die Rigaer Bucht gelangen. "Die umfangreichen Emissionen aus der Aquakultur werden mit den Südwestströmungen entlang der Westküste des Rigaischen Meerbusens in Richtung Jūrmala und Riga fließen", meint LHEI-Direktor Juris Aigars. (lsm) Und die laut HELCOM zulässigen Schadstoffgrenzwerte für die Rigaer Bucht werden bereits jetzt überschritten - eigentlich wäre bei Stickstoff eine Reduzierung um 7 % und bei Phosphor um 23 % erforderlich. 

Sollte es trotz dieser Bedenken eine Betriebsgenehmigung für die Forellenzüchter geben, wird diese in der Regel für 30 Jahre erteilt. Noch ist nicht klar, wie die Umweltverträglichkeitsprüfungen der zuständigen lettischen Behörden ausfallen werden. Auch eine Aufforderung an das Unternehmen, die Zucht in geschlossenen Käfigen zu prüfen, wäre möglich. Von Seiten des Ministeriums für Klima und Energie (KEM) werde es aber keine Einwände geben, betont dessen Vertreter Jānis Irbe

18. Januar 2026

Fedirs Olymp

Kunst und Katastrophen 

Die Sportart, die er betreibt, heißt Lettisch "Daiļslidošana", wörtlich übersetzt: "schön Schlittschuh laufen". Also nicht einfach schnell, oder stundenlang - schön muss es sein. "Eiskunst" heißt es auf Deutsch. Aber Fedirs Kuļišs, wie sein Namen inzwischen lettisch geschrieben wird, sein Weg zur Kunst war kompliziert. Geboren am 26. März 2005 in Kiew, wurde ihm nun durch Beschluss des lettischen Parlaments (ohne Gegenstimmen) die lettische Staatsbürgerschaft zuerkannt (ein Weihnachtsgeschenk, unterschrieben vom Staatspräsident am 23.12). "Er integriert sich gut in Lettland, lernt Lettisch, entdeckt lettische Kultur, Traditionen und Lebensweise und zeigt bei Trainings, Wettkämpfen und im täglichen Umgang stets Respekt gegenüber dem Staat Lettland, seinen Menschen und Werten" heißt es in der Begründung (saeima / sportacentrs).

Adoptiert von der Trainerin 

Fedirs Kulišs hat schwere Zeiten hinter sich. Er war 16 Jahre alt, als beide Eltern durch eine Covid-19-Infektion starben; kurz darauf musste er erleben wie Russland sein Heimatland angriff (TV3). Ohne finanzielle Mittel, aber mit der Entschlossenheit, ernsthaft zu trainieren, klopfte Fedirs Kulišs zu Beginn des Krieges an die Türen des Eiskunstlaufclubs "Kristal Ice" und Trainerin Olga Kovaļkova in Riga an. „Er schrieb, dass er mittellos sei und nichts bezahlen könne, aber wenn wir ihn aufnehmen würden, könnte er kommen,“ so erzählt es die Trainerin. Schon mit 5 Jahren hatte Fedirs auf Eislaufkufen gestanden - gefördert von seinen Eltern (allskaters

Zwei für Olympia 

Bei den Weltmeisterschaften 2025 in den USA hatte Kulišs Platz 24 erreicht und damit für Lettland einen zweiten Startplatz für die Olympischen Spiele 2026 in Italien gesichert. Schon einige Jahre mehr Erfahrung hat Deniss Vasiļjevs, 26 Jahre alt, und schon zum zehnten Mal bei Europameisterschaften dabei. Vasiļjevs trainiert in der Schweiz bei Ex-Weltmeister Stéphane Lambiel, gewann 2022 EM-Bronze, erzielte damit das bisher beste Ergebnis eines lettischen Eiskunstläufers und wurde in Lettland zum "Sportler des Jahres" gewählt. 

Jetzt, nach den Europameisterschaften von Sheffield 2026, stehen beiden Letten besser da als das Nachbarland Estland, wo die Brüder Aleksandr und Mihhail Selevko bei den EM zwar mit Platz fünf und sechs besser abschnitten (Vasiļjevs Platz 9, Kulišs Platz 15) - da aber Estland in dieser Disziplin nur einen Olympiastartplatz hat, muss wohl einer von beiden Brüdern zu Hause bleiben (auch die Eltern dieser beiden stammen aus der Ukraine). 

Anfang Dezember 2025 wurde Fedirs Kulišs - in Abwesenheit von Vasiļjevs - sogar lettische Meister (skatelatvia / TvNet / lsm). "Ich bin mir nicht sicher, was ich von den Olympischen Spielen erwarten soll", so der Neu-Lette Kulišs, "Ich denke, es wird etwas sehr viel Größeres werden." 

2. Januar 2026

Bücher steuern

Zu Beginn eines neuen Jahres ist es immer angebracht, auf Änderungen und Neuerungen hinzuweisen. In Lettland wird unter anderem der Steuersatz für Verlage geändert, die Bücher herausgeben wollen: ab dem 1. Januar 2026 gelten für Medienpublikationen verschiedene Mehrwertsteuersätze: nun wird nach Sprachen getrennt. 

Für Bücher in der Landessprache, also Lettisch (auch Latgallisch und Livisch), gilt ein Steuersatz von 5% - ebenso wie für Publikationen in allen Amtssprachen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU), sowie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Im Ergebnis sind dann vor allem Bücher in russischer Sprache betroffen: darauf wird jetzt ein Mehrwertsteuersatz von 21% erhoben (vid.gov.lv / Likumi / Latvijas vēstnesis), ein Steuersatz, den man bisher nur im Fall pornographischer Inhalte kannte. 

Singen, sprechen, schreiben, lesen 

Rihards Jērums, Inhaber einer Buchhandlung in Riga, sieht diese Neuerungen kritisch: „Meine Buchhandlung verkauft seit den 90er Jahren hauptsächlich Bücher in russischer Sprache, auch Bücher von Emigranten und russischen Oppositionellen. Aber diese neue Regelung, dass wäre ja so, als ob Konzerte mit unterschiedlichen Steuern belegt werden, wenn in verschiedenen Sprachen gesungen wird. Vielleicht sollte man überlegen, ob man die Regelung nicht anfechten kann." (lsm) Jērums befürchtet, dass manche kleine Buchhandlung schließen muss, wenn die Verkaufspreise so stark steigen - und damit der Staat auch nicht die vielleicht erhofften zusätzlichen Steuergelder einnehmen kann. Außerdem gäbe es ja sowieso schon den Trend, Bücher im Internet zu kaufen - dann eben bei irgendwelchen europäischen Online-Shops. 

Zu guten Verkaufserfolgen hätten bisher auch russische Staatsbürger beigetragen, die in EU-Länder, darunter auch nach Lettland, umgezogen seien: „Das sind Menschen, die viel lesen. Es gibt sehr viele von ihnen hier", meint Jērums. Er nennt das Beispiel von Anton Dolin, ein seit 2022 im Exil lebender Filmkritiker, der in Russland zum „ausländischen Agenten” erklärt wurde. "Dank ihm exportieren lettische Händler sehr viele Bücher aus Russland nach Europa. Sie werden gleich palettenweise über Riga verschickt."

Import und Export 

Journalist Viesturs Radovics hatte für das Portal "delfi" recherchiert, ob in Lettland russische Bücher mit Titeln wie "In den Schützengräben des Donbass - der Kreuzzug des Neuen Russland" oder "Das postsowjetische Lettland - ein betrogenes Land" erhältlich sind (delfi). Seit 2022 sei solche Propaganda nach und nach aus den Regalen lettischer Buchhandlungen verschwunden, meint er. Aber noch 2023 habe Lettland Bücher, Zeitschriften, Karten und Ähnliches im Wert von 6,88 Millionen Euro aus Russland importiert - 2022 sogar für 7,55 Millionen Euro. In den Jahren davor sei der Wert importierter Bücher geringer gewesen: 2019 seien es 3,46 Mill. Euro gewesen. Radovics benennt drei große Firmen in Lettland, die größte sei eine GmbH "Kors N" mit 114 Angestellten in 12 Buchläden. In der zweitgrößten Firma in Lettland, "Kniga" ("Polaris"), haben man noch 2015 ein ganzes Regal mit Büchern gesehen, welche die Ukraine als "regiert von Faschisten" bezeichnet hätten. Auch bei Buchhändler Jērums war Radovics zu Besuch: dieser habe im erläutert, er verkaufe zum Beispiel schon lange keine Karten mehr, wo die Krim als russisches Gebiet eingezeichnet sei (delfi). 

Kaufen, ausleihen, online lesen?  

Auch Bibliotheken in Lettland erwerben weiterhin Bücher, die in Russland herausgegeben sind, stellt Journalistin Inga Šnore für die Fernsehsendung "De facto" fest. "Bibliotheken sollten neutral sein, und gleichzeitig unabhängig", sagt Baiba Īvāne, Mitglied der Lettischen Bibliothekarsvereinigung und Chefbibliothekarin der Bibliothek des Bezirks Salaspils. "Niemand kann uns vorschreiben, was wir einkaufen, und was nicht. Daher kam der Aufruf, möglichst keine Bücher eines Agressorstaates anzukaufen, tatsächlich erst in diesem Jahr", erläutert sie. Einen entsprechenden Aufruf haben inszwischen 200 Bibliotheken in Lettland unterschrieben. "Aber was wir während der Zeit der sowjetischen Besatzung erlebt haben - lange Listen mit verbotenen Büchern, und die Bibliothek als Sprachrohr der Macht - das wollen wir auf keinen Fall," betont Īvāne (lsm). 

Skaidrīte Naumova, Verlegerin beim Verlag "Madris", berichtet von eigenen Versuchen, Bücher sowohl in lettischer als auch in russischer Fassung zu publizieren. "Aber es endete nicht gut," meint sie, "wir konnten diese Bücher nicht zu so einem günstigen Preis anbieten, wie vergleichbare Publikationen aus Russland." (lsm) Unter den bekannteren russischen Autoren gäbe es nur Boris Akunin, dessen Werke inzwischen in Riga gedruckt würden, heißt es. 

Eine ganz andere Frage wäre es ja auch, wenn Verlage Bücher in zwei verschiedenen Sprachen herstellen - bei Gedichten zum Beispiel ist das ja öfters der Fall. Die Frage, welcher Steuersatz dafür dann in Lettland gelten soll, scheint bisher noch nicht entschieden. Und über Bücher in Jiddisch, Belarussisch, Roma oder Walisisch (letztere ist keine offizielle EU-Amtssprache) haben wohl auch noch nicht alle Verantwortlichen im lettischen Finanzministerium nachgedacht. Ebenso noch offen scheint die Frage, was mit Internetportalen passiert, die Inhalte in mehreren Sprachen, darunter Russisch, anbieten. 

Beschlossen im Paket 

Aus den Reihen der Parteien, die gegenwärtig die lettische Regierung bilden, sind auch kritische Äußerungen zu der neuen Regelung zu vernehmen - die allerdings wohl nicht soweit gehen, sich im Parlament gegen dieses Gesetz auszusprechen. Man habe die Regelung als Ergebnis von Koalitionsabsprachen "im Paket" mit anderen Beschlüssen befürwortet. Für nachträglichen Widerspruch scheint auch der Zusammenhalt der Koalition aus "Jauna Vienotība", "Progressiven" und der "ZZS" als zu wackelig und instabil, und niemand der Regierenden möchte das verschärfen. Zudem stehen für den 3. Oktober diesen Jahres Parlamentswahlen an. 

Naja, es ist ja erst Jahresanfang. Die Gesetzesänderung wurde übrigens zusammen mit Steuererleichterungen beschlossen - so liest es sich insgesamt vielleicht angenehmer? Im Rahmen eines Pilotprojektes wird der Mehrwertsteuersatz auf Brot, Milch, Geflügelfleisch und Eier in Lettland vom 1. Juli 2026 bis zum 30. Juni 2027 auf 12 % gesenkt. Das Landwirtschaftsministerium wird in Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium danach die Ergebnisse aufwerten, heißt es. Wir wünschen dann mal "gute Auswertung" und "fröhliches Dazulernen"!

30. Dezember 2025

Spuren im Schnee

Ich teile hier mal eine Grafik, erstellt offenbar von lettischen Tierfreund/innen, unter dem Label "Zootēka". Die Aktivitäten sind hauptsächlich auf die "sozialen Netzwerke" konzentriert, wie Facebook, Instagram, auch Youtube, Spotify, im lettischen Radio, oder als Übersicht bei Linktr.ee. Ohne Worte (Tiernamen übersetzt), ohne Kommentar! 
Wohl denen, die genug Schnee in der Landschaft haben, dass Spuren so klar erkennbar sind. Das unterste Beispiel möchte wohl niemand nachmachen, oder? 
(auch zum lernen von Tiernamen im Lettischen zu verwenden ...)


20. Dezember 2025

Sterbende Männer

Es ist nur Statistik - das ist aber wohl kein Trost. Schon länger ist bekannt, dass es mehr Frauen als Männer in Lettland gibt - das ist schon jahrzehntelang so, und niemand erinnert sich, dass es je anders war. Nun aber gibt es neue Zahlen: aktuellen Statistiken zufolge werden lettische Männer 70 - 71 Jahre alt, und liegen damit ganz am Ende der Statistik in Europa. Im Mittel werden Männer in Europa 8,2 Jahre älter, und Frauen werden in Lettland ganze 10 Jahre älter als Männer!

Woran liegt das?

Rauchen Männer mehr? Trinken sie mehr Alkohol? Eigentlich gilt eine Erkenntnis inzwischen als erwiesen: Lebensstile beeinträchtigen Lebenserwartung stärker als biologische Unterschiede (BIB). Vorausgesetzt, Vorbeugung und Früherkennung werden nicht vergessen. 

Immerhin leben Männer in Lettland inzwischen 7,5 Jahre länger, als es zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Sowjetunion der Fall war (Frauen 6,3 Jahre länger). Der Abstand jedoch in der Lebenserwartung von Frauen zu Männern ist kaum geringer geworden. ("IR") 

Erkrankungen des Herz- und Kreislaufsystems sind die häufigste Todesursache in Lettland; Männer im arbeitsfähigen Alter sterben viermal häufiger an Herzerkrankungen als Frauen. Die Sterblichkeit bei Tumoren ist bei Männern 40% höher als bei Frauen. Und auch bei Selbstmord, Vergiftung durch Alkohol oder andere Substanzen, Stürze, Verkehrsunfälle, Ertrinken, Erfrieren, Tod durch Feuer oder Rauch, Gewalt – überall sind Männer wesentlich mehr vertreten als Frauen. ("IR") 

Männer-Syndrome, oder Angst vor dem Arzt?  

Diese Statistiken fallen allesamt so eindeutig aus, dass sich Pauls Raudseps in einem Beitrag für die Zeitschrift "IR" sogar veranlasst sieht, das Phänomen als "Männlichkeitssyndrom" zu bezeichnen. Männer suchen sich keine Hilfe im Problemfall, nehmen unbedacht Medikamente, und gehen selten zu Vorsorgeuntersuchungen, das bestätigt auch Dr. Ernests Pūliņš-Cinis, Arzt an der Stradiņa-Universität Riga. 

Agris Starts organisiert und moderiert Gesprächsabende für Männer unter dem Motto "Einsamer Kampf" ("Vientuļā cīņa"); in der Einladung zur Veranstaltung steht folgender Satz: "Männer entscheiden sich oft dafür, die Schwierigkeiten des Lebens alleine zu bewältigen – indem sie schweigen und ihre Gefühle verbergen." "Männer sind überzeugt, dass niemand sonst sich für ihre Probleme interessiert," meint Gesprächsmoderator Starts. 

Einsam und unverstanden?  

Umfragen zufolge haben im vergangenen Jahr 28% der Männer nicht den Hausarzt aufgesucht (bei den Frauen 13%). Nur 67 % der Männer hatten im letzten Jahr ihren Blutdruck messen lassen, bei den Frauen lag der Anteil bei etwa 85 %. ("IR") 

Beim Alkoholkonsum pro Einwohner über 15 Jahren liegt entsprechend Untersuchungen der OECD Lettland vorn, zusammen mit Portugal. Einer Studie des "Baltic International Centre for Economic Policy Studies" (BICEPS) zufolge trinken 71% der Menschen in Lettland Alkohol (vor allem Männer). An gleicher Stelle ist auch nachzulesen, dass Lettland an der Spitze der sogenannten (durch Vorsorge oder Behandlung) "vermeidbaren" Todesursachen steht - ausdrücklich nur bei den Männern. Und auch 43% der lettischen Männer bekennen sich Raucher zu sein (im EU-Mittel sind es 28%). Die Studie weist allerdings auch auf die chronische Unterfinanzierung des lettischen Gesundheitssystems hin. 

Wege der Besserung

Gibt es Wege, die Situation zu verbessern? Vor wenigen Wochen trat ein Gesetz in Kraft zur Verkürzung der Verkaufszeiten von Alkohol. (siehe "Abends ohne"). Das stieß jedoch auf starken Widerstand seitens der Alkoholhersteller und -händler, und auch in den Diskussionen über den Haushalt 2026 wurde die geplante Erhöhung der Alkoholsteuer in den kommenden Jahren unter dem offensichtlichen Einfluss dieser Lobby abgeschwächt. 

Aber der lettische Staat unternehme viel zu wenig gegen die Sterblichkeit von Männern, beklagen andere. Den Worten von Sanita Janka, Direktorin der Abteilung für Gesundheitswesen des Gesundheitsministeriums zufolge, nahmen immerhin 76% der männlichen Zielgruppe im vergangenen Jahr Krebsvorsorgeuntersuchungen in Anspruch. Gesundheitserziehung als Schulfach würde Janka befürworten - doch aus dem Bildungsministerium kam bisher keine Initiative in diese Richtung. ("IR") 

Einige Selbsthilfegruppen von Männern, die anderen helfen wollen, haben sich gebildet. Mit "Europa Uomo Latvia" gibt es jetzt eine lettische Vereinigung zur Bekämpfung von Prostatakrebs,und mit „Dzīvības koks” (Baum des Lebens) gibt es einen Verein zur Unterstützung von Krebspatienten. Der Verein "Telpa Vīriem" (ein Raum für Männer) möchte Männer ins Gespräch miteinander bringen. Die "Izdzīvošanas skola" (Überlebensschule)  organisiert Wanderungen in der Natur gemeinsam für Väter und Söhne, dazu auch "50-Stunden-Aufgaben" zur Verbesserung der authentischen Männlichkeit. Ob das Motto dieser "Überlebensschule" weiterhilft? Dort heißt es: "Männer brauchen eine abgeschiedene und rauere Umgebung, in der sie sie selbst sein können, sich ihren Ängsten und den Kräften der Natur stellen, Schwierigkeiten überwinden, körperlich kämpfen, die Gemeinschaft mit anderen Männern erleben, Lebenserfahrungen austauschen und Antworten auf die wichtigsten Fragen des Lebens suchen können."

Nun ja, für ein paar "gute Vorsätze" zum Neuen Jahr wird es sicher erst einmal reichen. 

15. Dezember 2025

Bücher im Fass

Regale, Bücher
und Lesende

Eine schöne Aktion kam in diesem Jahr von der Lettischen Nationalbibliothek: "Schickt uns ein Foto, ein Selfie mit eurem Bücherregal!" ("Mans grāmatplaukts") Gefeiert werden 500 Jahre lettischsprachige Bücher. (siehe auch: Posterausstellung)

Die Geschichte dieser angeblich ersten lettischen Bücher ist jedoch spannend. "Eine unvollendete Detektivgeschichte" nennt Historiker Thomas T. Müller es in einem Interview mit der Zeitschrift "IR".  (siehe auch: Luthermuseen
Was meint er damit? 

Lettisch als Schriftsprache - damals illegal 

Vor 500 Jahren wurden im Hafen von Lübeck Bücher gefunden, soviel ist einer knappen Notiz von Johannes Brandes zu entnehmen, der damals Dekan des Domkapitels von Lübeck war. Ein Fass mit verbotenen lutherischen Büchern sei gefunden worden, darunter solche "in livonischer, lettischer und estnischer Sprache".  Auch wenn Brandes diese Notiz sogar mit einem Datum versah - es soll am 8. November 1525 passiert sein - so gibt es eben außer diesem Dokument keinen Nachweis, dass es damals wirklich Bücher in lettischer Sprache gab. Und bei der Angabe "livonisch" steht noch mehr in Zweifel, was damit gemeint sein könnte: Livisch? Oder doch eher niederdeutsch? 

Die erwähnten Bücher gibt es heute nicht mehr - zumindest hat niemand sie je wieder gesehen. In sofern schlussfolgert Historiker Müller, es sei noch viel zu tun, um hundertprozentig zu beweisen, dass es diese angeblich lettischsprachigen Bücher wirklich gegeben habe. Und außerdem habe in Lübeck 1525 ziemlich sicher niemand Bücher dieser damals "seltsamen Sprachen" lesen können. 

Seltsame Sprachen, aufwändige Bücher 

Die Reformationsbewegung habe damals versucht, ihre Botschaft auch in den Sprachen der Völker, die missioniert werden sollten, zu verbreiten, so heißt es. Bücher für alle, die lesen konnten - nicht nur für Geistliche. "Es waren deutschsprachige Reformatoren wie Silvester Tegetmeier und Andreas Knöpken, die in der St.-Jakobs-Kathedrale bzw. in der St.-Petri-Kirche tätig waren", meint Historiker Müller. "Aber auch der Prediger Melchior Hofmann, der kurz vor der Veröffentlichung dieser Bücher noch in Wittenberg gewesen war und zusammen mit Luther einen Brief an die Livländer veröffentlicht hatte, der ebenfalls gedruckt wurde." 

Historiker Müller hält es ebenfalls für möglich, dass damals Studenten aus Livland in Wittenberg gewesen seien, die Lettisch beherrschten. Denn auch Prediger Hofmann habe Reisegefährten gehabt, die sich mit der estnischen Sprache auskannten. "In der Druckerei in Wittenberg, wo diese Bücher gedruckt worden sein könnten, müsste man mal nachsehen, ob dort Buchstabenformen gefunden werden könnten die auf den Druck lettischer Bücher hinweisen – das könnte eine neue Forschungsrichtung sein." (IR)

Und schließlich: es ist nicht bewiesen, dass die 1525 aufgefundenen Bücher auch wirklich verbrannt wurden. Einzelne Buchseiten könnten wiederverwertet worden sein, als Umschlag zu einem anderen Buch zum Beispiel. Wer also noch entsprechend alte Bücher im Archiv haben sollte, könnten mal nachsehen. 

18. November 2025

Grenzüberschreitend

Das estnische Statistikamt schickt Lettland Glückwünsche zum Nationalfeiertag, verbunden mit ein paar Zahlen: 

- In Estland sind 3058 Letten und 2357 Lettinnen registriert
- Es gibt 635 lettisch-estnische Paare in Estland, 38 dieser Ehen wurden 2023 geschlossen
- 6480 Menschen in Estland sprechen Lettisch (2513 als Muttersprache, 3970 als Fremdsprache)
- 180 Lett/innen studieren an estnischen Universitäten
- im Jahr 2024 kamen 151.000 Lett/innen per Flug nach Estland
- 153.000 Lett/innen flogen von Estland nach Lettland
- Estland importierte Eis aus Lettland für 4,3 Mill. Euro
- Estland exportierte Eis nach Lettland im Wert von 1,7 Mill. Euro 
- im Jahr 2024 übernachteten 274.500 lettische Tourist/innen in Estland, während im gleichen Zeitraum 163.000 Est/innen in Lettland übernachteten


Ergänzend ein paar Zahlen, was Estland hauptsächlich nach Lettland exportiert: 11,5% des Exports machen Milch und Sahne aus, 5,87% sind Holzprodukte, das übrige teilt verteilt sich auf sehr verschiedene Produkte (alles unter 3%). 

20. Oktober 2025

Schall, Rauch und Flug

Und wieder taucht ein Thema auf, sehr gut geeignet, damit sich die "drei baltischen Schwestern" miteinander vergleichen können: wer ist die Schönste un Klügeste im Lande - Estland, Lettland oder Litauen? Tallinn, Vilnius oder Riga? In der lettischen Hauptstadt wurde ein Manko entdeckt: der Flughafen hat keinen Namen. 

Komponist, Staatsmann, Filmemacher?  

Ja, der Flughafen in Tallinn wirbt zwar schlicht mit dem Spruch "the worlds cosiest airport", heißt tatsächlich schon seit 2009 "Lennart Meri Tallinna Lennujaam" - trägt also den Namen des ehemaligen estnischen Präsidenten Lennart Meri (1929-2006). Und in Vilnius wurde gerade kürzlich ein Jubiläum genutzt: 2025 stand der 150. Geburtstag von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis (1875-1911) an, und die Idee setzte sich durch, nun auch den Flughafen der Haupstadt nach im zu benennen. Die Strategie "kurz uznd einprägsam" scheint es aber nicht gewesen zu sein: offiziell ist es jetzt "Tarptautinis Vilniaus Čiurlionio oro uostas". Nicht mehr so einfach zu übersetzen: Vilnius Čiurlionis? Zweiflern zum Trost: diese Benennung ist bis zum 31. Dezember 2029 begrenzt. 

Und was sagen wir in Riga? Offiziell einfach "RIX". Das passt auch auf jedes Flugticket. Nun wurde in der Fernsehsendung "Kulturšoks" darüber diskutiert, ob nicht auch der Airport Riga den Namen einer bekannten lettischen Persönlichkeit tragen solle. Vorschläge gab es natürlich mehrere. Theaterwissenschaftlerin Ieva Struka sprach sich für einen "Rainis&Aspazija"-Flughafen aus: Aspazijas 160. Geburtstag wurde im Juni mit einem Theaterfestival zu ihren Ehren gefeiert (auch Rainis wurde im selben Jahr geboren). Und wenn Theaterwissenschaftlerinnen über Flughäfen diskutieren, dann klingt es so: „Die Flughäfen, die noch keinen solchen Namen haben, leiden entweder unter einem Mangel an Initiative oder sind tatsächlich der Meinung, dass sie nichts haben, worauf sie stolz sein können, was ich nicht glauben möchte, da es eine sehr strategische Angelegenheit ist, über seine bedeutenden Persönlichkeiten etwas zu erzählen.“ (lsm

Umgefragt 

Die "Kulturšoks"-Redaktion hatte extra eine Umfrage in Auftrag gegeben um zu erfahren, welche Namensvorschläge vielleicht erfolgsversprechend und gewünscht sein könnten. Ergebnis: zwar wurden auch Namen wie Krišjānis Barons oder Jānis Čakste genannt, aber 66% der Befragten meinten, der Flughafen Riga brauche keinen neuen Namen. Hier sei einmal das Argument aus Vilnius gegenübergestellt: durch "physische und digitale Lösungen" soll das Schaffen und die Persönlichkeit von M. K. Čiurlionis den Reisenden nähergebracht und interaktiv präsentiert werden.

Andris Ērglis, Leiter des Krišjānis-Barons-Museums, zählt auf: "Wir können die Barons-Straße entlanggehen, da tragen viele Geschäfte ebenfalls diesen Namen - von "Barons-Schuhe" über „Barons foto” bis zum „Barona centrs”. Und auch ein großes Porträt von Barons gab es lange als Fassadenwerbung." (lsm) Seine Variante: vielleicht "Dainu tēva lidosta"? (das würde dann übersetzt etwa "Vater-der-Dainas-Flughafen" heißen). 

RIX ist FIX 

Seit Beginn des Jahres 2024 arbeitet der Flughafen Riga mit neuer "visueller Identität" als "RIX". Graphik-Designer Miķelis Baštiks hatte bei dieser Entscheidung mitgearbeitet und berichtet, dass auch die Vergabe des Namens einer Persönlichkeit damals in Betracht gezogen worden sei. "Am Ende haben wir aber gesagt, ein Name muss auch für das internationale Publikum leicht ausgesprochen werden können." 

Werbefachmann Andris Rubīns dagegen hat eigene Vorschläge: "Wir haben doch Mark Rothko, Mikhail Barišņikovs, Kristaps Porziņģis, Elīna Garanča." Er gibt allerdings zu: "Einen Mark-Rothko-Flughafen gäbe es wohl nur dann, wenn Daugavpils einen Flughafen hätte." 

Auch die Entwicklung dieser "RIX-Identität" hatte bereits 100.000 Euro gekostet. Alles andere bleibt also vorerst - noch weniger als Schall und Rauch. 

28. September 2025

Mal rauf, mal runter

Auch in Lettland wünschen sich die Kundinnen und Kunden stabile Lebensmittelpreise. Schaut man beim offiziellen lettischen Statistikportal nach, dann wird dort für die vergangenen 12 Monate ein Preisanstieg von 4,1% ausgewiesen. Verglichen mit 2021, liegt der Preisanstieg aber bei "sagenhaften" 34,3%! (stat.gov.lv). Und nehmen wir nur Lebensmittel und alkoholfreie Getränke heraus, liegt der Anstieg hier sogar bei 51,3%. (stat.gov.lv). Seit 2021 hat sich diese Entwicklung erheblich beschleunigt. (siehe auch: "Food price monitoring tool")

Mittel zum Leben

Statistisch gesehen lag 2024 das mittlere Monatseinkommen in Lettland bei 1223 Euro - allerdings liegen in Lettland die Geringverdiener und die Gutverdiener sehr weit auseinander, das muss ein realistischer Blick auf die Situation berücksichtigen. "Gering Beschäftigte" werden in der Regel so definiert, dass sie weniger als zwei Drittel des mittleren Brutto-Stundenlohns verdienen: in Lettland sind das 23% (nur in Bulgarien und Rumänien liegt in der EU dieser Anteil noch höher) (IR)

Einer Statistik aus dem Jahr 2019 zufolge geben Lettinnen und Letten durchschnittlich 23,4% des verfügbaren Einkommens für Lebensmittel aus (bei alleinstehenden Frauen mit Kind sind es 27,7% - sogar mehr als die 22,6% für Miete und Wohnung). (stat.gov.lv)

Reisvergleich 

Obwohl Lettland also die dritthöchste Zahl an Niedriglohnempfängern in der Europäischen Union hat, scheuen sich die Ladenbesitzer nicht, für billige Markenlebensmittel mehr zu verlangen als in den Nachbarländern - so schreibt es Journalistin Ilze Šķietniece in einem Beitrag für die Zeitschrift "IR". 

Und besonders dort, wo die großen Supermarktketten Läden in allen drei baltischen Staaten, also in Estland, in Lettland und auch in Litauen unterhalten, da lassen sich natürlich Preise vergleichen. Beispiel RIMI: im Moment des Testkaufs kosteten 800 Gramm Langkornreis in Lettland 1,19 Euro - aber in Litauen nur 99 Cent und in Estland sogar nur 39 Cent! (Rimi Estland / Rimi Litauen) Bei "Rimi" in Lettland sind auch Buchweizen, Nudeln, Haferflocken, Milch, Butter und andere Produkte aus dem Niedrigpreissegment die teuersten in den baltischen Staaten.

Im Mai hatten Verarbeiter und Händler im lettischen Wirtschaftsministerium ein Memorandum über den Handel mit Lebensmitteln unterzeichnet. Dort war ein Warenkorb mit Grundnahrungsmitteln und 10 Warengruppen festgelegt worden - in jeder dieser Gruppen sollten Handelsfirmen sich verpflichten, mindestens ein preisgünstiges Produkt anzubieten. Die Theorie: wenn abwechselnd immer andere Produkte günstig angeboten werden, sei die Grundversorgung auch für ärmere Leute gesichert. Soweit die Theorie. 

Unvergleichlich? 

Ökonomen wenden nun ein, die Märkte in den drei Ländern seien eben unterschiedlich, und selbst wenn zum Beispiel alle drei Ladenketten zu "Rimi" gehören, seien es eben drei unterschiedliche Unternehmen, die jeweils für sich kalkulieren. So seien zum Beispiel die Getreideprodukte der Eigenmarke von Rimi in Estland im mittleren Preissegment um 23 % teurer als in Lettland. Und so kostet etwa eine 125g-Packung Basmati-Reis in Lettland 1,35 Euro, in Estland und Litauen aber 60 Cent mehr ("IR"). In der Auflistung von Journalistin Šķietniece findet sich auch die 400g-Packung Buchweizen in Estland für 0,97 Euro, in Litauen 1,48 € und Lettland 1,75 €. Nimmt man aber das gesamte Sortiment und summiert den Durchschnitt alle Produkte, unterscheiden sich die drei Länder nur minimal, schreibt sie. 

Der Marktanteil der drei größten Supermarktketten in Lettland teilt sich wiefolgt auf: Rimi (28%), Maxima (28%) und Lidl (12%) (OECD, 2024 / IR). 

Durchschnittlich 

Nun gibt es immer wieder Lettinnen und Letten, die in den sozialen Netzwerken Fotos von aus lettischer Sicht "unglaublich billigen" Produkten in Schweden, Irland oder Deutschland posten. Auch hier versuchen Ökonomen wieder mit "Durchschnittlichem" zu beruhigen: den Statistiken von "Eurostat", dem Statistische Amt der Europäischen Union zufolge, liegen Lettland und Estland nur wenig über dem europaweiten Durchschnitt des Preisniveaus, Litauen knapp darunter - am teuersten sind Lebensmittel in Norwegen, Dänemark, Island, Luxemburg und der Schweiz, während es in Polen, Tschechien, Bulgarien, Rumänien und der Slowakei sehr günstig ausfällt. Vergleicht man einzelne Warengruppen unter den Lebensmitteln, liegt Estland bei Fisch sehr günstig, Lettland und Litauen aber bei Fleisch. 

Allerdings: auch das "Bundesinformationszentrum Landwirtschaft" weiß: Deutsche geben vergleichsweise wenig für Lebensmittel aus: nur 11,1% ihres verfügbaren Einkommens.

Einer Umfrage von "IPF Digital" zufolge bestätigen 40% aller Estinnen und Esten sich wegen der steigenden Preise einschränken zu müssen - in Lettland sagten das 35%, in Litauen 32%. Nur 5% aller Befragten in Lettland meinten, das sie die steigenden Preise überhaupt nicht beeinträchtigen (Estland 3%, Litauen 8%). ("IR")

Buchweizen, Nudeln und Co.

"In Lettland greifen die Käufer besonders bei Getreide und Nudeln zu den preisgünstigsten Produkten", meint Ökonom Oļegs Krasnopjorovs, "wenn man das Kilogramm Nudeln für 1 Euro kaufen kann, dann greift selten jemand zu den Produktalternativen für bis zu 8 Euro". Aber hat das zur Folge, dass dann absichtlich die Sonderangebote eher bei anderen Produkte angeboten werden? Gehört das zum lettischen "Marketing-Alltag"? "In Lettland herrscht unzureichender Wettbewerb, und die beiden größten Einzelhandelsketten halten die Preise für die günstigsten Endprodukte hoch", folgert Krasnopjorovs. (IR) Dem lettischen Wirtschaftsministerium zufolge wird an einem Internet-Tool gearbeitet, das Preisvergleiche online vereinfachen soll. 

Dem bereits erwähnten Memorandum zufolge müsste dann jeder lettische Supermarkt mindestens ein sehr günstiges Produkt aus diesen Bereichen anbieten: Brot, Milchprodukte, Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Mehl und Getreideprodukte, Eier, Pflanzenöl. Da diese Angebote ständig wechseln sollen, wäre ein mögliches Ergebnis: wer verschiedene Läden in Reichweite zur Auswahl hat, kann öfter mal reinschauen. Resultat vielleicht: mehr laufen, weniger kaufen. 

14. September 2025

Abends ohne

Seit August 2025 gilt in Lettland eine neue Regelung für den Verkauf von Alkohol. Das lettische Gesundheitsministerium (VM) betont, dass neue zeitliche Beschränkungen ein wirksames Mittel zur Eindämmung des Alkoholkonsums seien. An Werktagen ist jetzt der Verkauf von alkoholhaltigen Getränken ab 20 Uhr verboten, sonntags bereits ab 18 Uhr (Alkoholverkauf nachts ist schon seit 2002 verboten). 

Schon wenige Tage nach Einführung der neuen Regelung startete eine Unterschriftensammlung auf dem Portal "Meine Stimme" ("manabalss") zur Aufhebung der neuen Bestimmungen. Aber: gleichzeitig sind dort auch Initiativen zu finden, Alkohol nur an Menschen ab 21 Jahren zu verkaufen, und auch einen Aufruf zum Verbot aller Alkoholwerbung in der Öffentlichkeit. Die Parlamentabgeordnete und Ex-Gesundheitsministerin  Ingrīda Circene („Jaunā Vienotība“) wies darauf hin, dass sich die Saeima im Herbst erneut mit diesem Thema befassen und noch strengere Vorschriften einführen könnte (lsm). Ein umstrittenes Thema?

Der Geist aus der Flasche 

Auch Sozialanthropologin Aivita Putniņa hält das Thema für "sehr sensitiv". Es gäbe in Lettland eine starke Lobby für den Alkoholverkauf, meint sie (lsm) In Lettland liegt der Alkoholkonsum pro Einwohner/in, einschließlich der Tourist/innen allerdings, bei statistisch über 12 Litern pro Person, wobei dies besonders durch einen großen Anteil an Spirituosen erreicht wird. Pēteris Apinis, Arzt, Ex-Gesundheitsminister und langjähriger Vorsitzender der lettischen Ärztvereinigung weist auf mehrere Misstände in Lettland hin: wenn das Sozialamt sich in zunehmender Zahl um Kinder kümmern müsse, deren Eltern nicht mehr dazu in der Lage seien, dann sei in 90% der Fälle Alkoholkonsum der Grund (delfi). Und auch bei den Todesfällen durch Ertrinken sei zu 60-80% Alkohol im Spiel (arstubiedriba / SPKC)

Seit 2020 läuft ein Projekt der Weltgesundheitsorganisation WHO mit speziellem Fokus auf die drei baltischen Staaten; hiermit sollen die gesundheitlichen Auswirkungen von Alkoholkonsum (u.a. geringere Lebenserwartung) untersucht werden. Auch hier ist von "eingeschränkter Zugänglichkeit" die Rede. Und davon, dass es in Litauen gelang, den Konsum von Alkohol etwas zu verringern - nun liegt Lettland an der europäischen Spitze (lsm)

siehe auch: SPKC

Gewohnheiten 

Sind schon Auswirkungen der neuen Regeln zu erkennen? Liegt es jetzt vielleicht nahe, Wodka, Branntwein und Konsorten einfach online im Internet zu kaufen? "Superalko" liefert per Kurier fünf Tage die Woche, montags bis freitags. "Alcoma" nimmt nur bis 17 Uhr Aufträge an, liefert aber bis 22 Uhr aus und liefert ab Bestellwert von 30 Euro kostenfrei.
"Drinksdrinks" sichert zu, abends auch noch bis 19:30 Uhr zu liefern, allerdings nur an Kunden mit Mindestalter 20 Jahre. Die "Vynoteka" allerdings macht ihre Läden nur noch bis 17 Uhr auf, während auf der Webseite von "Alkolats" immer noch Öffnungszeiten bis 22 Uhr angekündigt sind. 

Das Wetter und die Hamster 

In den großen Supermärkten sei der Verkauf von Alkohol nur leicht zurückgegangen, berichten Vertreterinnen der Ladenketten "Rimi", "Elvi" und "Maxima" im lettischen Fernsehen (lsm). Vermutet wird aber auch, dass der relativ kühle Sommer den Getränkekonsum nicht gerade gefördert hat. Ein Vergleich mit dem August des vergangenen Jahres habe ergeben, dass der Verkauf von nichtalkoholischen Geränken tatsächlich um 24% gestiegen sei. Allerdings sei auch zu beobachten, dass Kunden nun offenbar "Vorräte" anlegen, und dadurch auch der Verkauf von Alkohol im August in manchen Läden sogar leicht gestiegen sei. 

Arzt Pēteris Apinis jedenfalls gehen die Änderungen beim Alkoholverkauf nicht weit genug - er hält auch eine Angleichung der Besteuerung mit den Nachbarländern, einschließlich Polen und Finnland für nötig. Und auch der Verkauf an Tankstellen sollte (wie es auch in Litauen der Fall ist) ganz untersagt werden (delfi).

Landleben und Landläden 

"Auf dem Lande sind die Verhältnisse für die Ladenbesitzer anders," berichtet  Raimonds Okmanis, Vorsitzender und Miteigentümer eines Netzwerks kleinerer Läden, die unter dem Label "LaTS" als GmbH betrieben werden. 270 kleinere Unternehmen mit über 700 Läden haben sich hier zwecks gemeinsamem Marketing und durchaus auch Kostenersparnis zusammengeschlossen - die meisten dieser Läden befinden sich in Lettland auf dem Lande. Täglich würden in solchen Geschäften 120 bis 200 Einkäufe getätigt, jeder im Durchschnitt im Wert von acht Euro, und ein Drittel des Umsatzes entfalle auf den Verkauf von Alkohol, erzählt Okmanis. "Von allen, die Alkohol kaufen, tätigen 40 % ihre Einkäufe direkt am Abend nach 18 Uhr, und das sind dann meist Männer, wenn sie aus der Stadt von der Arbeit nach Hause kommen". Bei verkürzten Verkaufszeiten würden diese dann ihren Einkauf wohl schon in der Stadt erledigen, vermutet Okmanis. Und noch etwas: "Nutznießer werden dann wohl die Tankstellen sein", meint er. (IR)

Das lettische Gesundheitsministerium beabsichtigt, bis zum 31. Oktober 2026 die Auswirkungen der neuen Beschränkungen zu evaluieren und dem Parlament zu berichten.

1. September 2025

Russischer Transfer

Neueste Statistiken sagen aus, dass 300.085 in Lettland lebende ethnische Russinnen und Russen (69,1%) auch die lettische Staatsbürgerschaft besitzen. Weitere 165.871 Menschen, nicht nur Russen, sind registrierte Einwohner/innen Lettlands, haben aber den Pass als Nicht-Staatsbürger/in (8,9% aller Einwohner/innen). 
Im Jahr 2024 gab es nur noch 934 Neugeborene mit russischer Staatsbürgerschaft in Lettland - wenn die Eltern unbedingt darauf bestehen, ist es noch möglich, aber die Annahme einer lettischen Staatsbürgerschaft zu verweigern ist inzwischen die absolute Ausnahme. (Statistikamt Lettland)

Gemäß dem Statistikamt gibt es 30.906 Personen in Lettland mit Staatsbürgerschaft Russlands. Die staatliche lettische Sozialversicherungsanstalt (Valsts sociālās apdrošināšanas aģentūra VSAA) hat vom russischen Renten- und Sozialversicherungsfonds die aktualisierten Listen der Rentenempfänger/innen für die Auszahlung russischer Renten an 9400 in Lettland lebende Personen erhalten, und gemäß diesen Listen werden die Renten bis zum 10. September ausgezahlt, teilte SSSA-Pressesprecherin Iveta Daine mit. (jauns)

Der Wechselkurs für russische Renten ist der von russischer Seite am 22. August festgelegte Kurs von 93,50490 Rubel pro Euro. Der Gesamtbetrag für die Zahlung der russischen Renten beläuft sich auf 12.995.587 Euro. Die VSAA zahlt russische Renten an Personen mit Wohnsitz in Lettland, denen Renten gemäß dem Abkommen über die Zusammenarbeit im Bereich der sozialen Sicherheit zwischen der Republik Lettland und der Russischen Föderation gewährt wurden. Das Abkommen ist seit dem 19. Januar 2011 in Kraft. (VSAA)

In den vergangenen Monaten hatten sich Menschen mit russischer Staatsbürgerschaft an lettische Behörden um Hilfe gewandt, denn sie hatten mehrere Monate lang keine Rentenzahlungen aus Russland bekommen. In Riga bekamen 104 Personen Unterstützung durch lettische Stellen, in Liepāja 90, und in Daugavpils waren es 30. Seit März hatten lettische Behörden in Kontakt mit Russland versucht, Gründe für die Verzögerungen zu erfahren. Russland hatte zunächst behauptet, dass dies wegen der europäischen Sanktionen gegen Russland geschehe. Allerdings waren die Zahlungen auch zuvor über eine österreichische Bank abgewickelt worden, die nicht von Sanktionen betroffen war (lsm). 

30. August 2025

Septemberväter

Jeder hat den besten Vater - 
wenigstens am Vatertag ...
Warum wird in Lettland eigentlich der "Vatertag" im September begangen? Jeweils der zweite Sonntag im September wird zum "Tēva diena", wie es auf Lettisch heißt (siehe Gesetzestext). Dahinter steht zunächst mal das "Familienportal" "Mammamuntetiem.lv" (einfach übersetzt: "für Mama und Papa") und der Verlag "Rīgas Viļņi", der stolz darauf verweist, schon seit 1957 eine Radio- und Fernsehzeitung herausgegeben zu haben, die 1997 einen Neuanfang feierte. Mit Titeln wie "Was der Arzt Dir nicht erzählt", "Patiesā Dzīve" (Das wahre Leben"), oder dem Männermagazin "9VĪRI" ist der Verlag inzwischen in der Welt der lettischen "Yellow-Press" fest verankert. 
Dazu kommt auch noch, dass "Mammamuntetiem" inzwischen auch eine eigene Organisation gegründet hat. Sie nennt sich “Vecāku organizācija mammām un tētiem” (Elternverein für Mamas und Väter) und Inga Akmentiņa-Smildziņa ist die Vorsitzende: Mutter dreier Kinder - allein dadurch offenbar schon "Familienexpertin". Man wolle "anderen Familien zu Glück und Harmonie verhelfen", heißt es. Gleich drei Mitglieder im Vorstand tragen den Nachnamen "Smildziņš" - also auch hier gilt offenbar ein gewisses "Familienprinzip".

Harmonie als oberstes Ziel

Dieses "Papafestival", mit Hilfe eines Schnurrbarts als Logo, hat sich inzwischen zu einem Event mit zumindest einigen Hundert Besucherinnen und Besuchern entwickelt. Auch beim "Vatertag" am 14. September 2025 wird es wieder einen festlichem Umzug, ein Musikfestival und einer Vielzahl von Spielen im Park unter freiem Himmel geben - bei freiem Eintritt. Unter dem Motto "Ich bin stolz ein Vater zu sein" wird der Tag in Riga bereits zum 12.Mal in größerem Umfang gefeiert. Und dieses Jahr verschenkt die staatliche Forstbehörde an 100 Väter je einen kleinen Eichenbaum. 

Vorher wird auch diskutiert: bei der "Tēvu sapulce" ("Väterversammlung"), die auch online im Internet mitzuverfolgen ist, geht es um die Rolle der Väter bei der Kindererziehung, die Arbeitsteilung in der Familie und bei der Hausarbeit, und um ähnliche Themen. Als "Experten" holen sich die Organisatoren bekannte Väter aufs Podium: Sportler, Schauspieler, Musiker, aber auch Psychiater und Sozialarbeiter.

Auch Resultate von Umfragen werden in die Diskussion einbezogen. So gaben 31% der befragten Väter an, sich jeden Tag auch mit Hausarbeit zu beschäftigen. 59% gaben zu, weniger als die Mutter damit zu tun zu haben. Wenig verwunderlich vielleicht, dass "zu Hause etwas reparieren" bei 88% die beliebteste Beschäftigung ist. 85% bringen die Mülltonne raus, 73% räumen die Spülmaschine ein, und immerhin fast die Hälfte der befragten lettischen Väter kann auch kochen. Allerdings: wird das Kind krank, bleibt meist doch die Mama zu Hause (medicine.lv). 

Paar-Strategie 

Unter genauer Beobachtung der Väter und Mütter ist offenbar alles, was in den staatlichen Schulen geschieht. Viele kleine Schulen in Lettland müssen geschlossen werden, das Lehrpersonal verlangt bessere Bezahlung. Und für den Sommer wünsche man sich mehr Festivals, an denen auch Familien mit Kindern ohne Bedenken teilnehmen können. 

Auch von "Geburtenstrategie" ist bei "Mammamuntetiem" die Rede, am liebsten gleich für "ganz Lettland". Dabei wird zunächst anerkannt, dass sich das Rollenverständnis von Frauen wie Männern, ebenso wie das Verständnis von Paarbeziehungen in Lettland geändert haben: in Umfragen sehen nur noch 21% der Männer die eigene Rolle vor allen darin, dass "es der Familie nicht an Geld fehlt". Nicht alle Frauen wollen Mutter werden, und Männer nehmen verstärkt die eigene Verantwortung für die Kindererziehung wahr - aber in 97% aller Familien kümmert sich vor allem die Frau um die Kinder. Die in der "Strategie" erwähnten "Lösungsvorschläge" wirken eher wie ein bunter Blumenstrauß: von Steuererleichterungen für Familien über mehr Kindergartenplätze bis zur Vier-Tage-Arbeitswoche. 

Dem guten Vater

Den Vatertag in Lettland im September zu feiern, das wird der Initiative von Baptistenpfarrer Ainars Baštiks aus dem Jahr 2009 zugeschrieben, als er auch als Minister für Kinder und Familien zuständig war (dzirkstele / youtube). 
Aber gewalttätige Ehemänner und solche, die sich nicht um ihre Familie kümmern, müsse man ja nicht auch noch feiern - so die Gegenargumente zunächst. Daher wird der Tag inzwischen als Einladung verstanden, die fürsorglichen Väter zu sehen und denen zu danken, die sich um ihre Kinder kümmern und an ihrer persönlichen Entwicklung teilhaben. Baštiks Argumentation berief sich allerdings auch auf eine "gottgegebene Ordnung", der zufolge an die eine Hand eines Kindes die Mutter, an die andere der Vater gehöre. 

Da müssen wir vielleicht kurz an die lettische Verfassung denken, wo eine Ehe als Gemeinschaft zwischen Mann und Frau festgeschrieben ist. Aber bei diesem lettischen "Papa-Feiertag" ist ja darüber nicht mal etwas gesagt: ein Vater ist ein Vater, und hoffentlich ein guter Vater. Ob er verheiratet sein muss, darüber wird an diesem Tag nirgendwo etwas gesagt.  

Viele naheliegender scheint zu sein, den Anlass kommerziell ausnutzen zu wollen: was schenke ich bloß Papa oder Opapa? (lieliskadavana / goody / Douglas / kruzes) Wir erinnern uns an das "Festtagsprogramm": Papa schenkt uns einen gemeinsamen Spaziergang, und einen vergnüglichen Tag im Stadtpark. So läufts zumindest in Riga (lsm).

12. August 2025

Schneckentempo

Abseits der wirklich wichtigen Fragen dieser Welt tauchte in diesem Sommer in der lettischen Presse ein Thema auf, das auch schon in den vergangenen Jahren aufkam. Von "Kampf" ist die Rede - diesmal ist nicht Militärisches gemeint. "Lettland kämpft mit vereinten Kräften!" (LVPortals) Objekt des Bemühens ist das Auftauchen von "Spānijas kailgliemezi" - der "spanischen Nacktschnecke", die eigentlich gar nicht aus Spanien kommt - deutsch als Wegschnecke oder Kapuzinerschnecke bekannt (Arion vulgaris). 

Die lettische Presse berichtet über "erhebliche Schäden" in Lettlands Grünanlagen. Und es hat sich sogar schon ein Verein "Bewegung gegen die spanische Nacktschnecke" gegründet. 

Immer die Spanierinnen ! 

Aber wie sollen nun lettische Gartenfreunde tun? Die Schnecken-Feinde organisieren Sammelaktionen: Gummistiefel, -handschuhe und Eimer - und los geht's! Auch eine Taschenlampe ist wichtig - denn die Schnecken sind meist nachts unterwegs. Und schon werden die sozialen digitalen Netzwerke mit Fotos geflutet, ergänzt mit der Frage: "Kann das weg?" Auch Krähen, Elstern, Amseln, Enten oder Igel könnten ja Schnecken fressen - aber die suchen sich lieber etwas Schmackhafteres, wissen die Schneckenvernichter. "Sie verstecken sich immer unter dem Rhabarber!", berichtet Gartenbesitzerin Valda (lsm)

Auch die lokalen Medien berichten. In Limbaži war eine Gruppe von einigen Dutzend Menschen unterwegs, auch Familien mit Kindern, Rentner und junge Leute, um das Areal rund um die Freilichtbühne zu säubern. "Die Eimer füllten sich schnell", so wird berichtet, und die Teilnehmer/innen seien über die Menge der vorgefundenen Schnecken doch sehr erstaunt gewesen (lsm). Und manche Schneckensucher schwören offenbar darauf, die Schnecken nach dem Einsammeln mit Salz zu bestreuen: "damit sie nicht entkommen können!"

Gefräßig und erfolgreich 

Im Jahr 2009 soll die schleimige Spanierin zum ersten Mal in Lettland gesichtet worden sein. Die Ausbreitung bringen manche damit in Verbindung, dass vermehrt Pflanzensetzlinge aus anderen Ländern eingeführt worden seien. Eigentlich kommt in Lettland auch noch die rote Nackschnecke (Arion rufus) vor, jedoch zeigen Erfahrungen aus anderen Ländern, dass die "Spanierin" alle anderen Arten verdrängt (und sogar Weinbergschnecken angreifen und fressen).   

Homo sapiens im Schneckentempo

Sammelleidenschaft 

Krista Kušnere, bei der Gemeinde Saulkrasti für Natur und Umwelt zuständig, lädt Bürgerinnen und Bürger ein, der Gemeinde Schneckenvorkommen zu melden. "Bisher setzen wir Kalk ein, der Eisenphosphat enthält - schädlich für die Schnecke, aber im Boden wird es zu Nährstoffen umgewandelt." (lsm) Und Gemeinden wie Kuldiga stellen Behälter bereit, wo tote Schnecken "entsorgt" werden können. Kleinere Mengen könnten auch einfach dem Kompost zugegeben werden, heißt es - Hauptsache, sie wurden mit heißem Wasser übergossen, so dass auch die Eier abgetötet werden. Eine andere Biologin überrascht mit dem Vorschlag, die "humanste" Art, Schnecken zu töten, sei das einfrieren. (lsm)

Einige andere Gemeinden verwenden auch "Ferramol" (Schneckenkorn) - was aber dann auch andere Schneckenarten treffen kann. Unklar ist noch, ob die Spanische Nacktschnecke in Zukunft offiziell in Lettland als invasive Art eingestuft werden wird - das würde aber bedeuten, dass Landbesitzer/innen die Schnecken unbedingt vernichten müssten, andernfalls könnten Strafen verhängt werden.

Und wie sind die Aussichten? Die Nachkommen der Schnecke schlüpfen im Herbst, sind zunächst klein und winzig, überwintern - und freuen sich dann auf die schmackhaften Sachen im Frühling.