10. Juni 2021

Brasilianisches Niveau

Als Lettland das Fußball-Länderspiel gegen Deutschland mit 1:7 verlor, scherzten noch manche: "Nun seid ihr genauso gut wie Brazilien!" (ein Hinweis auf das deutsche 7:1 gegen die Seleção im Rahmen der WM 2014). Kurz danach erweist es sich, dass die UEFA eine gewisse Höflichkeit an den Tag legte, um lettische Fußballskandale erst einige Tage danach offiziell zu verkünden. 

Am 9. Juni 2021 entschied der Europäische Fußballverband UEFA den Verein FK Ventspils von allen Spielen des Europacups für die nächsten sieben Jahre - also bis 2028 - auszuschließen. Der Vorwurf: Korruption, Bestechung und Beeinflussung von Spielen und Ergebnissen und damit Verstoß gegen die Statuten der UEFA. Darüber hinaus beschloss die UEFA, Nikolajs Djakins, Manager des FK Ventspils, für 4 Jahre von jeglichen Tätigkeiten in Zusammenhang mit offiziellen Fußballspielen auszuschließen - aus denselben Gründen. Und damit nicht genug: Adlans Šišhanovs, Ex-Präsident des FK Ventspils, wird lebenslang von jeglicher Tätigkeit als Funktionär ausgeschlossen, noch dazu wird die FIFA gebeten, diesen Bann auf weltweite Tätigkeiten auszudehnen (bnn-news). 

Auch der russische Schiedsrichter Sergei Lapochkin wurde bestraft, da er über den Versuch der Beeinflußung des Europa-League-Spiels vom 26. Juli 2018, an dem der FK Ventspils beteiligt war, der UEFA nicht berichtet habe. Der lettische Fußballverband LFF bestätigte seinerseits, die UEFA während der Untersuchungen vollständig und vorbehaltlos unterstützt zu haben. "Das ist ein schwarzer Tag für den lettischen Fußball," kommentierte LFF-Präsident Vadims Ļašenko. "Noch trauriger ist es für die echten Fußballfans in Ventspils, denn dies ist einer der bekannteren Bestandteile der lettischen Fußballfamilie und der Geschichte des lettischen Fußballs." 

In der obersten lettischen Fußball-Liga der Männer, die aus neun Mannschaften besteht, belegt der FK Ventspils gegenwärtig Platz 8. Da der FK Ventpils eine Aktiengesellschaft ist, wurde Adlans Šišhanovs 2018 auch von der Aktionärsversammlung 2018 zum Präsidenten ernannt. (FB). Am 11.April 2021 wurde dann bekannt, dass Šišhanovs den FK Ventspils verlässt (Sportacentrs) und auch seine Eigentumsanteile verkaufen will. Er hoffe, so Šišhanovs damals, dass es bei dem Klub "noch wahre Fans" gäbe, und nicht nur solche die "mit Lügen und mit Schreibmaschine arbeiten". Im August hatte er sich schon einmal über das lettische Innenministerium beklagt, das dem aus der russischen Republik Inguschetien stammenden Šišhanovs die Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis in Lettland verweigert habe (delfi). Vor seinem Engagement in Lettland war Šišhanovs Eigentümer von "Dacia Chișinău" in Moldawien; der Club gewann einmal die Meisterschaft Moldawiens, wurde dann aber des Steuerbetrugs angeklagt und löste sich 2017 auf (delfi).
Auch beim deutschen Klub "Carl Zeiss Jena" soll Šišhanovs vor einigen Jahren schon mal ein Angebot der finanziellen Unterstützung unterbreitet haben (pravda / transfermarkt / netstudien)

Die beiden lettischen Sportjournalisten Uldis Strautmanis ("Delfi") und Agris Suveizda (Sportacentrs.com) haben sich durch die umfangreichen Anklageunterlagen der UEFA gearbeitet und berichten, dass es um vier Spiele aus den Jahren 2018 und 2019 gehe, Gegner waren "Luftëtari" aus Albanien, Bordeaux aus Frankreich, "Teuta" aus Albanien und "Gżira United" aus Malta.Dabei soll der deutlichste Versuch der Einflußnahme durch Šišhanovs beim Spiel gegen Bordeaux nachweisbar gewesen sein (sportacentrs); Šišhanovs soll dabei 100.000 Euro für einen Sieg seiner Mannschaft angeboten haben (delfi). 

Die beiden eifrigen lettischen Journalisten haben außerdem auch genau benannt, wer gegenwärtig die Eigentümer der "Fußball Klub Ventspils GmbH" (SIA "Futbola kluba Ventspils") sind: 50,09% der Anteile gehören einer "SIA Ventspils futbola sabiedrība" (Ventspils Fußballgesellschaft GmbH), Eigentümer von 34,31% ist die Firma "VK Tranzīts", ebenfalls eine GmbH, 11,23% der Anteile sind im Besitz der Stadt Ventspils, 2,5% der Firma "AS Kālija parks" und die verbleibenden 1,88 % gehören der Aktiengesellschaft "Ventspils tirdzniecības osta" ("Handelshafen Ventpils"). 

Ja, da fragten sich doch die deutschen Reporter bei der Kommentierung des Spiels gegen Lettland, warum Fußball dort nicht so beliebt ist ...

8. Juni 2021

Farbenlehre, Rochaden und ein Schillerzitat

Völlig unbeachtet jeglicher Berichterstattung deutscher Medien wurden am Samstag, den 5. Juni 2021, in Lettland Kommunalwahlen durchgeführt - mit Ausnahme von Riga, dem Bezirk Rēzekne und der Gemeinde Varakļani (siehe Beitrag). Es waren die ersten Wahlen nach der Neuordnung der lettischen Gemeindestruktur. Auffälligstes Ergebnis: die Wahlbeteiligung blieb bei landesweit durchschnittlich 34,01% stecken (cvk). 

lettische Farbenlehre (sehr grobe Einteilung):
grün = Bauernfreundlich strukturkonservativ, hellgrün = business konservativ,
dunkelblau = streng christlich konservativ, gelb = neoliberal,
mittelbraun = national-emotional, blutrot = links strukturkonservativ
Rest = Regionalparteien, Kleinparteien. grau = Wahltermin verschoben
(Quelle:
lsm)

Nur ein Drittel der Lettinnen und Letten beteiligte sich also - aber kaum eine oder einer der gewählten Stadt- und Bezirksräte wird wohl deshalb an der eigenen Legitimation zweifeln. Juristisch sei alles ordnungsgemäß gelaufen, meint auch Politologe Jānis Ikstens, aber es sei doch eine Frage wert, ob die Abgeordneten wirklich die gesamte Bevölkerung repräsentieren würden (lsm). Politologiekollege Juris Rozenvalds schlug vor, über die Einrichtung von "Einwohnerräten" (iedzīvotāju padomes) nachzudenken. 

Präsident Egils Levits meint dennoch im Wahlergebnis den Wunsch nach Stabilität erkennen zu können (lsm) - dieser Logik zufolge wäre die Wiederwahl bisherigen Regent/innen gleichzusetzen mit den Absichten der offensichtlich demokratisch Desinteressierten. 

Edgars Tavars, Vorsitzender der lettischen nationalkonservativen "Grünen Partei", zeigt sich mit dem Wahlergebnis zufrieden. In Ventpils habe Aivars Lembergs nicht am Wahlkampf teilnehmen können, weil die lettische Regierung ihn ins Gefängnis gebracht habe. Die Wähler/innen hätten aber gezeigt, so Tavars, was sein wirklicher Platz sei (Lembergs Partei "Latvijai un Ventspilij" bekam 54,32% der Stimmen) (nra). Die "Grüne Partei" erzielte gute Ergebnisse in Jūrmala und Saldus.

Besonders in Städten seien diejenigen an der Macht geblieben, die es auch schon bisher waren, meint Jānis Kincis, Journalist beim Lettischen Radio. Offenbar kann jede Gruppierung ein paar Beispiele für zufriedenstellende Ergebnisse vorweisen: die "Lettische Regionale Allianz" in Ādaži, Saulkrasti, Limbaži, Tukums un Mārupe, die "Nationalisten" (Nationālā Apvienība) eher in Ogre, Sigulda, Talsi, Smiltene und Bauska. Die "Neue Einigkeit" ("Jaunā Vienotība") von Ministerpräsident Kariņš tröstet sich mit den Ergebnissen in Salaspils, Cēsis, Ķekava, Valmiera, Kuldīga und Preiļi, während die "Saskaņa" ("Harmonie") in Rezekne und Daugavpils gute Resultate verzeichnete. 

Kurz vor dem Wahltermin hatte Regierungschef Krišjānis Kariņš eine Ministerrochade unternommen, deren Hintergründe wohl ebenfalls schnell wieder im Sumpf des lettischen Parteiennahkampfs untergehen werden. Mit Jānis Vitenbergs (Wirtschaftsminister), Marija Golubeva (Innenministerin), Anita Muižniece (Bildung und Wissenschaft) Gatis Eglītis (Soziales) wurden gleich vier Ministerien neu besetzt. 

Über die Philologin und Historikerin Golubeva könne man ja noch nicht viel sagen, meint Journalist Māris Krautmanis (Neatkarīga) - außer dass sie bisher nicht viel mit Innenpolitik zu tun habe. Anita Muižniece war Staatssekretärin unter der bisherigen Amtsinhaberin Ilga Šuplinska, die laut Krautmanis schon länger eine der unbeliebtesten Minister im Kabinett Kariņš gewesen sei. "Da hat die JKP kurz vor den Kommunalwahlen noch Ballast abgeworfen", kommentiert er ("Neatkarīga") und weist auch darauf hin, Šuplinska habe auch zu vielen Fachleuten des Bildungswesens längst kein gutes Verhältnis mehr gehabt (JKP = Jaunā Konservatīvā Partija / Neue Konservative Partei). Im Gedächtnis bleibt wohl auch ihr vergeblicher Versuch, Indriķis Muižnieks, Rektor der Universität Riga, aus dem Amt entfernen zu lassen.
"Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen" - mit diesem Schiller-Zitat kommentierte die Ex-Ministerin selbst ihr Verhältnis zur JKP und trat mit sofortiger Wirkung aus der Partei aus. (LA)

Ein anderer Parteiaustritt hat dageben Jānis Vitenbergs die Ministerkarriere wohl gerettet. Das hat mit dem Niedergang der Partei zu tun, die sich mit der scheinbar frechen Frage "Kam pieder valsts?" (KPV-LV / „Wem gehört der Staat?“) auf dem politischen Parkett bewegte. Aber obwohl die Partei 2018 mit 14,3% der Stimmen relativ erfolgreich war und der Regierungskoalition Kariņš beitrat, konnte sich nur ein Teil der Fraktion entschließen, diese Regierung auch bei Abstimmungen zu stützen. Inzwischen wurden ehemals schillernde Führungsfiguren wie Ex-Spitzenkandidat Aldis Gobzems aus Partei und Fraktion ausgeschlossen, gegen Ex-Schauspieler und Parteigründer Artuss Kaimiņš laufen Gerichtsverfahren. Die ruinösen Reste der Partei benannten sich um in "Par cilvēcīgu Latviju" ("Für ein humanes Lettland"), was Regierungschef Kariņš jetzt veranlasste, mit seiner Ministerrochade einen Rauswurf dieser Partei aus der Koalition zu erreichen.

Jānis Vitenbergs allerdings, der als Tourismusfachmann 2018 als Kandidat der KPV-LV ins Parlament gewählt wurde und dann im April 2020 auf den Stuhl des Wirtschaftsministers gehievt worden war, war noch am 14. Mai 2021 von derselben Partei zum Rückzug gezwungen worden. Vitenbergs, politisch offenbar mit flexiblem Rückrat ausgestattet, war aber inzwischen den Nationalisten der "Nacionālā apvienība Visu Latvijai!" beigetreten und ist jetzt seit dem 3. Juni erneut Wirtschaftsminister. 

Ob die Ernennung von Gatis Eglītis als neuer "Wohlstands"-Minister (wie lettisch "Labklājība" wörtlich übersetzt, heißen würde), ob also Eglītis mehr Stabilität ins Kabinett Kariņš bringt, scheint unsicher. Schon wenige Tage nach seiner Ernennung machte Eglītis auf Twitter von sich reden, als er dort sinngemäß schrieb, nach den Kommunalwahlen würden vor allem diejenigen Parteien in den Regionen profitieren, die auf innerparteiliche Kontakte in die Regierung bauen könnten. (lsm) Lettische Innenpolitik, offenbar wirklich ein moralisches Sumpfgebiet. Und so gesehen ist die niedrige Wahlbeteiligung auch kein Wunder.

2. Juni 2021

Wo liegt eigentlich Warkland?

In zwei Gemeinden, in Rēzekne und in Varakļāni wurden, gemäß einem Beschluss des lettischen Parlaments vom 1. Juni, die Kommunalwahlen auf den 11. September 2021 verschoben. Dies war die Folge eines Beschlusses des lettischen Verfassungsgerichts, dem zufolge die Vereinigung der Gemeinde Varakļāni mit Rēzekne im Rahmen der Gemeindereform nicht der Verfassung gemäß erfolgt sei. Und obwohl Varakļāni als andere Alternative sich ein Anschluß an die Gemeinde Madona geboten hätte, werden die Wahlen in Madona zunächst ordnungsgemäß stattfinden - juristisch gilt nun Varakļāni vorübergehend als eigenständige Gemeinde.

Monvīds Švarcs, Ratsvorsitzender des Bezirks Rēzekne, bezeichnete die Gerichtsentscheidung als "demokratische Lehrstunde" (delfi).Auch andere lettische Gemeinden hatten gegen einzelne Regelungen der Regionalreform geklagt, diese waren vor dem Verfassungsgericht jedoch nicht erfolgreich. 

Während der Bezirk Madona als Bestandteil von Vidzeme gezählt wird, gehört Rēzekne zu Latgale. Die Frage, zu welchem Landesteil die Einwohner/innen von Varakļāni gehören möchten, ist also auch eine Frage des ethnischen Selbstverständnisses und der Tradition. Im Bezirk Varakļāni bezeichnen sich über 90% der Bevölkerung als ethnische Lett/innen, und die Mundart, die dort (von ca. 67%) gesprochen wird, könnte eigentlich eher zum Lettgallischen gerechnet werden. Solche und ähnliche Argumente werden hinter dem Mehrheitsbeschluss des lettischen Parlaments vermutet, Varakļāni eher zu Rēzekne zu rechnen. Andere Argumente beziehen sich auf den Paragraph 3 der lettischen Verfassung, dem zufolge Lettland aus Vidzeme, Kurzeme, Latgale und Zemgale gebildet werde - es sei also nicht möglich, ein traditionell zu dem einen gehöriges Gebiet einfach einem anderen zuzuschlagen.Und auch gegen die Vereinigung mit Madona hatte es Anfang 2020 in Varakļāni schon mal eine Unterschriftenaktion gegeben (Jauns.lv). 

Zu Sowjetzeiten war die Gemeinde Varakļāni, der 1928 die Stadtrechte verliehen wurden, administrativ Madona angeschlossen worden. Gegner einer Vereinigung mit Rēzekne führen unter anderem an, dort "reden alle Russisch" - bei den vergangenen Kommunalwahlen 2017 wurde in Rēzekne die als "russlandfreundlich" geltende Partei "Saskaņa" mit 32,34% der Stimmen stärkste Partei. Auch der Bürgermeister von Rēzekne, Aleksandrs Bartaševičs, ist Mitglied der "Saskaņa".

In Madona dagegen verfügen die Liste der "Grünen und Bauern" (31,71%) und die Partei "Vienotība" (Einigkeit, 22%) über die Mehrheit. In Varakļāni, damals noch zu Vidzeme gehörend, dominierten 2017 noch eigene, unabhängige Listen: "Strādāsim kopā" ("Arbeiten wir zusammen", 26,85%), "Vienoti novadam" ("Vereint für den Bezirk", 63,6%) und "V55" (8,31%). (pv2017cvk)

Die Einwohnerzahl der Stadt Varakļāni hat in den vergangenen Jahren stark abgenommen. Gegenwärtig (Juni 2021) weist die Webseite der Stadt noch 2322 Einwohnerinnen und Einwohner aus

30. Mai 2021

Nichtlandung = Nichtflagge

Außenminister Rinkēvičs und Rigas
Bürger Staķis höchstselbst sahen
sich zum Flaggentausch veranlasst

Ein Flugzeug wurde zur Landung in Diktatorshome gezwungen - und mindestens zwei der 126 Passagiere kamen statt Landung am Zielflughafen in Vilnius im Folterknast an (während andere Passagiere im Flieger sitzen bleiben konnten, wo sich ja angeblich eine Bombe befand).

Nun kann Wladimir Makej, Außenminister von Lukashenkos Gnaden, endlich wieder die Alleinherrschaft über die staatlich gelenkten Medien ausüben: "staatlicher Vandalismus" ist, seiner Aussage nach, nicht etwa die Kampfjet-Zwangslandung, sondern der Flaggenwechsel in Riga gewesen (Sport1). Leider wolle nicht jeder auf die Argumente aus Lukashenko-Kreisen hören, bedauert Makej, und sieht seinerseits die "Unabhängigkeit von Belarus" vom Westen bedroht. Lukashenko selbst sieht "Neonazis" am Werk, deshalb habe er "hart durchgegriffen" (belta.by).

Bei allen Spekulationen, warum nun Lukashenko die ganze Aktion gerade jetzt durchzog, fehlt wohl das Argument "wegen der geklauten Eishockey-WM". Lukashenko ist ja ausgewiesener Eishockey-Fan, und schließlich hängen auch die Flaggen der Teilnehmerländer nicht irgendwo, sondern vor dem Hotel, wo alle Mannschaften - also auch die von Belarus - untergebracht sind. Nach dem öffentlichen "Flaggenwechsel" vom 24. Mai klagte Lukashenko übrigens wegen "schüren von nationalem Hass" (lsm): Die Vokabeln, mit denen auch im Westen argumentiert wird, kennt er offenbar - nur erscheinen sie umgedreht, nur für jene mit Sinn erfüllt, die an die Seinsberechtigung von brutalen Diktatoren glauben.

"Als wir dann doch um 21.25 Uhr in Vilnius landeten, wurden wir dort mit Applaus und einer Rede der Regierungschefin Simonaityte empfangen," zeigt sich Jānis Zviedris, einer der lettischen Reisenden auf dem Weg von Athen nach Vilnius beeindruckt. "Aber RYANAIR hat auch uns, den gestressten Passagieren, in Vilnius kein Hotel oder sowas angeboten; eine kurze Entschuldigung, das war alles." (IR)

Die lettische Öffentlichkeit scheint verunsichert und beunruhigt. Laut schimpfen die einen auf diejenigen im Westen, die "von Mördern Gas beziehen". Die internationalen Eishockey-Funktionäre dagegen scheinen sich einig: als Flaggentausch-Gegner entpuppte sich Rene Fasel, Chef des Internationalen Eishockeyverbandes. Er verwies auf die vorangegangenen Diskussionen mit der lettischen Regierung, als es um die Verlegung der WM von Belarus nach Riga ging: man habe zugesichert, dass belarussische Team zu schützen, und das Ereignis nicht politisch zu verwerten (lsm). Und der NZZ verriet Fasel, dessen Amtszeit nach 27 Jahren jetzt endet: "Es ist richtig, dass ich ein Freund der Russen bin." Da scheint es konsequent, wenn er nun sogar forderte, den Rigaer Flaggentausch wieder rückgängig zu machen (nau.ch). Der schweizer Tagesanzeiger prognostiziert als nächsten Arbeitsort für Fasel sogar: Moskau oder Peking. Und auch der deutsche Verbandspräsident Reindl hat offenbar noch Sorgen zum seine weitere (internationale) Karreie, und schloss sich Fasels Flaggenwünschen an (FAZ)

Rigas Bürgermeister Mārtiņš Staķis, der als einziger seiner lettischen Amtskolleg/innen gegenwärtig nicht im Kommunalwahlkampf steckt, empfiehlt Lukashenko dagegen den Menschenrechtsgerichtshof in Den Haag, wenn er weitere Fragen habe. Lukashenko hatte seinerseits alle lettischen Botschaftsmitarbeiter/innen bereits des Landes verwiesen (Tagesschau) - und die deutsche Botschaft in Minsk bemühte sich promt um Solidarität mit den lettischen Kolleg/innen.

Übrigens wurden inzwischen noch zwei weitere Flaggen vor dem Eishockey-Mannschaftshotel ausgetauscht: statt der Flagge Russlands ist nun die des Olymischen Komitees zu sehen. Māris Riekstiņš, lettischer Botschafter in Moskau, erklärt das so: "Das ist die Flagge des russischen olympischen Komittees, unter der ja in vielen Wettbewerben gegenwärtig die Athleten aus Russland antreten." (lsm) Vitaly Milonov, Vertreter von “Einiges Russland”, wird daraufhin mit der Aussage zitiert, Russland solle nun solange nur noch von der "sowetlettischen SSR" reden, bis die neuerliche Flaggenaktion rückgängig gemacht werde. Allerdings ist auch auf der Webseite der IIHF nur die olympische Variante zu sehen. 

Und als Reaktion auf die Stellungnahme Fasels entschied Bürgermeister Staķis nun, auch die IIHF-Flagge gegen die Flagge der Stadt Riga auszutauschen (lsm). 

Hitziges Klima in Riga also. Wir möchten uns dennoch der offenbar populären Rechthaberei nicht anschließen - und bauen den Flaggenmast vor unseren Privathäusern wieder ab. Ob es ausreichen wird, Demokratie und Selbstbestimmung eine erfolgreiche Zukunft zu wünschen? Eigentlich geht es ja "nur um Sport" - aber es bleibt die Hoffnung, dass auch ein friedliches Zusammenleben der Völker und Nationen weiter möglich sein wird.

19. Mai 2021

Heimisches Eis

Am Freitag den 21. Mai beginnt in Riga die Eishockey-Weltmeisterschaft - ein Event, dessen Durchführung dem belarussischen Diktator Lukashenko aus den Händen genommen wurde, und bei dem das Team aus Russland in speziellen Trikots mit Olymiasymbol auflaufen wird. Zuletzt meldete auch die russische TASS als einzige mögliche Bedrohung für diese WM .... Covid19. Im Vorjahr musste das Turnier, erstmals seit dem 2. Weltkrieg, ausfallen.

An zwei Orten sollen die Matches stattfinden: in der "Arena Riga" und im "Olympischen Sportzentrum". Alle Spieler, die in Riga ankommen, müssen zunächst drei Tage lang in Einzel-Quarantäne. Danach dieselbe Prozedur weitere drei Tage lang für jede Mannschaft (gemeinsam). Von Riga werden die Spieler also so gut wie nichts sehen: bleib in Deiner Bubble - das ist die Devise. Noch drei Tage vor Beginn des Turniers sah sich die lettische Regierung nicht imstande darüber zu entscheiden, ob es bis zum 5. Juni vielleicht doch auch Spiele mit Zuschauern geben kann (NRA).

Und wie sehen es die Rigenser/innen? Die lettische Eishockeymannschaft trainierte doch tatsächlich mit Hilfe der "Zoom"-Plattform - das kennen inzwischen viele ähnlich. Von "Metallzäunen und Polizeieskorten" schreibt das Portal "Jauns.lv". Das "Olympische Sportzentrum", wo sonst Schwimmbecken, Sporthallen, Tennisplätze und sogar einen Volleyballplatz mit Sandboden für die Öffentlichkeit bereit stehen, sind seit dem 9. November (wegen Covid19) für die allgemeine Nutzung geschlossen. Wo sonst bis zu 4.000 Tagesbesucher/innen sich austoben können - das wird jetzt exklusiv für gut bezahlte Elitesportler geöffnet. "Schade, dass die besten Fans der Welt uns nicht werden antreiben können!" sagt da auch Kaspars Daugaviņš, einer der besten lettischen Eishockeyspieler, in einem Interview mit "Sportazinas". 

Es ist wie NATO-Gipfel und Eishockey-WM zusammen - wenn wir nur die Austragungsstätten betrachten: 2006 fand in der "Arena Riga" schon einmal eine Eishockey-WM statt, im gleichen Jahr lud Lettland zum NATO-Spitzentreffen in das "Olympische Sportzentrum" ein (Bericht NATO-Gipfel / Vorbericht NATO-Gipfel / Bericht WM2006).

Und wie steht es diesmal um die sportlichen Chancen aus lettischer Sicht? "Wir müssen spielen wie eine Familie", meint Torhüter Elvis Merzļikins (lsm / sportazinas). Aber nein, bevor uns nun Bilder in den Sinn kommen von Brettspielen mit Mama und Papa - Merzļikins Aussage hat einen anderen Hintergrund: seine Frau Aleksandra erwartet ihr erstes Kind. Fürs Nationalteam wird der junge Nachwuchstorwart, der bei den Columbus Blue Jackets in den USA spielt, diesmal gar nicht auflaufen.

Übrigens: sollten die Russen gewinnen, wird statt der Nationalhymne in Riga das Pianokonzert Nr. 1 von Tchaikovsky gespielt werden. Zunächst gibts aber auf jeden Fall eine Partie Deutschland-Lettland: am Dienstag den 1. Juni ab 19.15 Uhr. Vorerst alles ohne Zuschauer - auch hier regiert vorerst noch ein zu hoher Inzidenzwert.

15. Mai 2021

Teures Riga

Wer in den baltischen Staaten lebt, und sich Riga als Wohnort ausgesucht hat, der / die muss dafür größere Kosten als in den Nachbarhauptstädten bewältigen. Das erläutert Evija Kropa, Finanzexpertin bei der Swedbank, in einem Gutachten, über dessen Ergebnisse die lettische Presse berichtet ("IR" NRA / TVNet / LA). Für Lebensmittel, Wohnung und Transport würden in Riga im Durchschnitt 764 Euro monatlich anfallen (in Tallinn 709 Euro, Vilnius 630 Euro). Dabei stellte Kropa besonders eine Tendenz heraus: während in Tallinn und Vilnius die Mieten eher fallen, steigen sie in Riga immer noch. 

Das durchschnittliche Lohnniveau habe sich in allen drei Städten erhöht, meint Kropa in ihrem Gutachten. Vielleicht ist es aber nicht ganz realitätsnah, wie sie rechnet: sie vergleicht ein Elternpaar mit zwei Kindern, wenn beide Eltern arbeiten und einen durchschnittlichen Bruttolohn erzielen. Für diesen Fall sei das Einkommen seit 2018 in Vilnius um 38% gestiegen, in Riga um 26% und in Tallinn lediglich um 16%. Sehr gering würde dagegen die Unterstützung für kinderreiche Familien in Lettland ausfallen: bei zwei Kindern würde dies in Litauen 140 Euro (für beide), in Estland 120 Euro und in Lettland lediglich 44,10 Euro ausmachen. Das, was der genannten Beispielfamilie nach Abzug der Steuern und Einrechnung von Unterstützungsleistungen verbleibe, benennt sie in Tallinn auf 2897 Euro, in Vilnius auf 2207 Euro und Riga nur auf 2020 Euro. 

Evija Kropa berechnet Kosten für Lebensmittel nach einem Einkaufskorb mit festgelegten Bestandteilen. Wenn dieser also in Tallinn 536 Euro koste, dann seien es in Riga vergleichsweise 483 Euro, in Vilnius aber nur 443 Euro. Umgerechnet auf die Ausgaben der genannten Beispielfamilie machen diese Kosten in Riga 24% aus, in Viļnius 20% und in Tallinn 19%. In Vilnius sei das Preisniveau verglichen mit 2018 sogar nahezu gleich geblieben. Berechnet auf die Beispielfamilie berechnet Kropa die Mietkosten in Riga auf 180 Euro im Monat (Tallinn 173 Euro, Vilnius 124 Euro). Auch beim Öffentlichen Nahverkehr seien in Riga die Kosten am höchsten. Und angesichts der bekannten Schwächen bei der Berechnung angeblicher "Durchschnittskosten" wird das hohe Kostenniveau für viele Einwohner/innen Rigas sicher noch erheblich mehr Probleme bringen als es diese einfachen Zahlen aussagen.


23. April 2021

Kommunal mitmischen - neu sortiert

Wenn am 5. Juni 2021 in Lettland Kommunalwahlen abgehalten werden, dann wird auch die politische Landschaft des Landes neu sortiert werden. Mit Ausnahme Rigas, wo im August 2020 ein außerordentlicher Wahltermin angesetzt war, werden die meisten Städträte mit neuem Gemeindezuschnitt gewählt werden. Die Regionalreform in Lettland ist abgeschlossen, und nach dem neuen Zuschnitt sind es nun 32 Bezirke und 10 Städte. Nur 15 der vorher 119 Gemeinden - darunter Riga - blieben unverändert. 

In einigen Einzelfällen streiten Gemeinden zwar noch vor dem lettischen Verfassungsgericht. Sollte das Gericht bis zum Wahltermin hier begründete Argumente für Änderungen sehen, werden in diesen Fällen die Wahlen wohl verschoben werden. 

Bis zum 24. April konnten
im Ausland lebende
Lettinnen und Letten sich
zur Teilnahme per
Briefwahl anmelden
Das der Gemeindereform angepasste Wahlgesetz sieht auch eine erheblich reduzierte Anzahl von Abgeordneten vor: insgesamt sind es nur noch 56% der bisherigen Anzahl (IR). Und es können auch nur Parteien teilnehmen - keine Wähler/innenvereinigungen. Wie die lettische zentrale Wahlbehörde (Centrālā vēlēšanu komisija CVK) mittteilt, haben sich landesweit bis zum Anmeldeschluss 324 verschiedene Kandidat/innen-Listen zur Wahl registrieren lassen. Die größte Auswahl werden dabei die Wählerinnen und Wähler im Bezirk Ropaži, direkt östlich an Riga angrenzend haben, die unter 14 unterschiedlichen Listen auswählen dürfen / müssen. Gemäß den Angaben der CVK wird es die geringste Auswahl, nämlich nur drei Listen, im nördlichen Grenzort Valka und im Bezirk Ventspils geben. 

Auch im lettischen Kommunalwahlrecht ist es weiterhin so festgelegt, dass Wählerinnen und Wähler aus den vorgelegten Wahllisten sich zunächst eine auswählen. Auf dieser Liste besteht dann der "Wahlakt" darin, jede einzelne zu wählende Person entweder mit einem Pluszeichen zu versehen, durchzustreichen (= Minus) oder unberührt zu lassen. Erst dadurch wird die Rangfolge der gewählten Personen einer Liste festgelegt - und es kann passieren, dass auf diese Weise selbst Spitzenkandidaten (lettisch = "Lokomotiven") rausgewählt werden. 

Unter den Kandidatenlisten sticht diesmal das Angebot im nordlettischen Bezirk Alūksne besonders hervor: mit 49% Frauenanteil tritt hier die weibliche Seite des politischen Engagements besonders deutlich auf. Ähnliche Prozentsätze knapp dahinter erreichen auch die Bezirke Gulbene, Valka, Balvi und Tukums. Besonders viel junge Leute mit kommunalpolitischen Ambitionen gibt es offenbar in der Stadt Rezekne: 28,7% aller Kandidat/innen sind jünger als 30 Jahre. Das Gegenteil stellt der Bezirk Ludza dar: 20% der Kandidat/innen haben hier die Schwelle von 60 Jahren bereits überschritten. Und die Bezirke Jelgava, Balvi und Madona fallen dadurch auf, dass dort nur 6% oder sogar weniger junge Leute unter 30 (Jahren) auf den Wahllisten stehen. (Quelle: cvk)

In vielen Bezirken mit nach der Regionalreform neuem Zuschnitt wird es also spannend sein zu beobachten, in welche Richtung sich die politische Ausrichtung verschiebt. An manche Bezeichungen müssen wir uns (falls alles gerichtsfest bestehen bleibt) auch ganz neu gewöhnen müssen - wie den neu zugeschnittenen Bezirk "Dienvidkurzeme" (Südkurland), wo nun Orte wie Aizpute, Priekuli, Nīca, Durbe, Pāvilosta, Vaiņode und Rucava sich vereinigt finden. Als Hauptort gilt nun Grobiņa - immerhin ein Ort mit Tradition, schon in alten Schriften wird eine Besiedlung hier bestätigt, denn vor hunderten von Jahren verlief hier die Ostseeküste. Der neue Bezirk Grobiņa scheint jedoch bisher ziemlich männlich geprägt: mit nur 28,1% weiblichen Kandidatinnen liegt der Frauenanteil hier landesweit am niedrigsten. 

20. April 2021

Heimatbesuch

Einer Umfrage unter 3.000 Befragten verschiedener Länder zufolge sollte sich Lettland darauf vorbereiten, dass ein großer Teil derjenigen Gäste, die nach Ende der pandemischen Einschränkungen Lettland wieder besuchen werden, im Ausland lebende Lett/innen sein werden. 

Weiterhin geht die lettische Politik davon aus, dass im Ausland lebende Lettinnen und Letten, die sogenannte "Diaspora", auf lange Sicht nach Lettland zurückkehren werden. Vorläufig allerdings sind es eher Besuche bei Verwandten und Freund/innen, so zeigt es die neue Untersuchung, die von März 2020 bis März 2021 vom Institut für Philosophie und Soziologie der Lettischen Universität zusammen mit der Lettischen Agentur für Investitionen und Entwicklung (LIAA) durchgeführt wurde. Unter den Befragten befanden sich 13,6% in Deutschland lebende Lettinnen und Letten.

Bezogen auf die Situation vor Ausbruch der Pandemie, und obwohl nur 31,5% weiterhin Lettland als ihre Heimat angeben, haben 48% der Auslandslett/innen mindestens einen Besuch pro Jahr in Lettland eingeplant, 13% sogar drei oder mehr. 74% hätten auch während der Pandemie einen Besuch in Lettland geplant, allerdings seien diese Pläne bei 61% nicht verwirktlicht worden - besonders vorsichtig seien dabei ältere Lettinnen und Letten, die schon länger im Ausland leben. Für den Sommer 2021 jedenfalls hofften 40% der Befragten, wieder einen Besuch in Lettland machen zu können. Dabei reisen offenbar nur wenige der am neuen Wohnort kennengelernten Freund/innen oder Bekannte nach Lettland mit: nur bei 3% ist das der Fall. 

Bei ihren Besuchen übernachten 23% der Auslandslett/innen in Hotels oder Pensionen, aber 62% bei Freund/innen und Bekannten, und 44% nutzen im eigenen Eigentum befindliche Wohnungen oder Häuser. Bei einem durchschnittlichen Aufenthalt von 14 Tagen werden im Durchscnitt 64 Euro pro Tag und Person ausgegeben (Auslandslett/innen aus Deutschland = 55 Euro).

Andere Charakteristika dieser Untersuchung waren, dass 78% der Antworten von Frauen kamen, nur 22% von Männern. Laut ethnischer Zugehörigkeit seien 92% Lett/innen gewesen, aber nur 76% gaben an, die lettische Staatsbürgerschaft zu besitzen - gerade in Deutschland sei der Anteil derjenigen hoch, die (auch) die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. 48% der insgesamt Befragten gaben an, schon mehr als 10 Jahre außerhalb von Lettland zu leben. 

Interessant sind auch die Gründe, die für ein Leben im Ausland angegeben werden. Arbeitssuche geben 46,3% als Motiv an, 25,9% geben familiäre Gründe inkl. Gründung einer Familie an, 13,6% Weiterbildung oder Studium, und 11,4% sagen, sie wollten gern die Welt und neue Möglichkeiten kennenlernen. 

80% der Befragten haben außerdem schon mal an ihrem Wohnort im Ausland für Lettland als attraktives Reiseziel geworben. Die Ergebnisse zeigen, dass durchschnittlich ein/e Auslandslett/in auch eine weitere Person pro Jahr für einen Besuch in Lettland tatsächlich wirbt.

Untersuchungsergebnisse im Einzelnen

Kurzzusammenfassung Latviesi.com


15. April 2021

Sind Lettinnen und Letten glücklich?

Sicher hat jede und jeder schon mal vom sogenannten "Glücksindex" gehört. Mal stehen da die Däninnen und Dänen ganz oben, neuerdings auch die Finninnen und Finnen. Deutschland wird in diesen Ranglisten meist im oberen Mittelfeld vermutet - einerseits schon allein wegen der zuverlässig guten Wirtschaftslage, andererseits auch wegen der vermuteten typisch deutschen Kleinkariertheit und Ordnungsliebe. Lettland dagegen wird meist irgendwo "weiter unten" vermutet: schließlich hat die Wirtschaftskrise 2008/09 das Land hart getroffen, viele standen auch privat vor dem Bankrott, und Zehntausende mussten außerhalb ihres Heimatlandes nach angemessen bezahlter Arbeit suchen. 

Da überrascht uns ein anderer "Laimes index", in dem Lettland ganz oben stehen soll: bei der emotionalen Seite des Glücks. Keine Sorge: die Ergebnisse wurden schon vor der Corona-Krise ermittelt. Demnach nehmen Lettinnen und Letten das emotionale Glück (23%) sogar häufiger als wichtig als das wirtschaftlichen Wohlergehen (20%). Auf dieser Rangliste sehen wir die Deutschen ganz am Ende: ganze 18% sollen demnach emotionales Glück in Deutschland wertschätzen. 

Die Ergebnisse dieser Umfrage scheinen noch ein Stückchen weiter in Richtung "typisch lettisches" Glücksgefühl zu gehen: als andere Quellen des persönlichen Glücks werden hier von Lettinnen und Letten "Wohnort und dessen Umfeld", Familie, Gesundheit und Freund/innen genannt. 

Nun ja, verschiedene lettische Medien gaben diese Umfrageergebnisse ganz im Stil eines journalistischen Beitrags wieder (Latvijas Avize, IR, dievite, ). Andere Medien zitieren ähnliche Umfragen, verbunden mit der Schlagzeile "Glücksindex in Lettland auf einem historischen Höchststand" (lsm) Und nicht nur das: es wird fast schon neidisch auf Litauen verwiesen, wo die Stadt Kaunas kürzlich einen eigenen "Tag des Glücks" ausgerufen haben soll (lsm). 

Sind Lettinnen und Letten wirklich eher über den Weg der Gefühle glücklich zu machen? Ein Blick auf die Auftraggeber des neuen "Laimes indeks" raubt uns schnell die Illusionen: Autor der Studie ist Andris Šuvajevs, von Beruf "Wirtschaftsethnologe" - offenbar eine Wissenschaft, die davon ausgeht, dass Wirtschaft immer kulturell eingebettet von statten gehe. Und Auftraggeber ist "Bonava", Projektentwickler im Haus- und Wohnungsbau - da liegt es nahe, Lettinnen und Letten erzählen zu wollen, wie sie angeblich "kulturell eingebettet" glücklich zu machen sind. (siehe auch: Bonava Deutschland). 

deutsche Umfrageergebnisse aus der in Lettland so häufig zitierten Studie

Logischerweise zieht Bonava Lettland auch eigene Schlüsse beim "Glücksindex": Lettinnen und Letten seien besonders zufrieden, wenn sie im eigenen Haus wohnen. Na, so ein Zufall aber auch! (= das können wir euch bauen, wenn ihr uns dafür bezahlt ...). 

Interessant wird nun die Tatsache, dass dieselbe Untersuchung auch Befragungen in Deutschland beinhaltete. Und, siehe da, auch deutsche Medien berichteten darüber. So zum Beispiel schreibt die "Welt" (ganz im Sinne der von Bonava bezahlten Statistiken): Deutsche sind am glücklichsten angeblich in Einfamilienhäusern. Und nun soll doch in Hamburg der Zuwachs des Flächenverbrauchs solcher Baupläne gar verboten werden! Deutsches Glück, unvereinbar mit dem Umweltschutz? Da befinden wir uns dann wohl schon mitten drin im deutschen Wahlkampf. (von Lettland schreibt die WELT in diesem Beitrag übrigens gar nichts).

Statistik-Auswertungen ergeben
Klischees - oder genau anders herum?

Ja, aus deutscher Sicht wird doch ziemlich anders über die "Glückssuche" (hier auch "Happy Quest"  genannt / presseportal) berichtet. 

Zitieren wir abschließend noch Ivars Austers, Professor für Sozialpsyhologie an der Universität Lettlands, mit einer Antwort auf die Frage, ob die Lettinnen und Letten denn wenigestens "nach der Pandemie" glücklich sein werden. "Die Menschen glauben sie werden dann glücklich sein, die Wissenschaft sagt etwas anderes - so zeigt sich nur der menschliche Fokus auf die Illusion." (IR)

Na gut, dann schauen wir in Zukunft eben doch wieder auf die klassischen "Glücks-Index-Tabellen" der UNO, sehen dort die Dän/innen und Finn/innen vorn, wie gewohnt - und betrachten das ganz ohne Illusionen (IR)

11. April 2021

Flaschenlösung in Sicht

2004 trat Lettland der Europäischen Union bei. Das sollte unter anderem den "freien Handel" fördern - also möglichst gleiche Bedingungen für alle EU-Mitglieder für den Warenverkehr, auch offenen Marktzugang zu allen Ländern. Das bedeutet: seitdem ist auch der Warenstrom von Importwaren nach Lettland erheblich angestiegen. Während in Lettland der Holzeinschlag in den Wäldern immer noch etwa 30% des Exports ausmacht, können wohl die meisten deutschen Verbraucher/innen immer noch nicht die Frage beantworten, ob sie jemals in Deutschland schon ein Produkt aus Lettland gekauft haben.

Im Lebensmittelbereich importiert Lettland vor allem Getränke aus Deutschland: an der Spitze Weine (48 %), gefolgt von Spirituosen (44 %) (Agrartotal). Nur 7,3% der lettischen Exporte gehen nach Deutschland (LIAA) - im Jahr 2003 war der Prozentsatz noch doppelt so hoch (uni-koblenz)

Zuletzt war Litauen mit einem neuen Rücknahmesystem
vergleichsweise erfolgreich

Was allerdings immer noch in Lettland fehlt: es gibt bei den Getränken bisher weder Pfand noch Rücknahme-system. "Zu teuer" behauptete die Unternehmer-seite, und die lettische Regierung ließ die Zustände jahrelang unangetastet. Wer sich da fragt, warum denn die Lettinnen und Letten offenbar wenig Sorgen um ihre im Moment noch üppig vorhandene schöne Natur machen, der wird die Ergebnisse einer Umfrage aus dem Jahr 2018 aufmerksam registriert haben: 84,5% der Befragten sprachen sich für die Einführung eines Pfandrücknahmesystems in Lettland aus. (zalabriviba).Schon 2017 hatte eine Petition auf der Plattform "Manabalss" (Meine Stimme) 12.000 Unterstützer/innen für ein Pfandsystem gefunden (siehe auch Blogbeitrag).

Ab Februar 2022 soll nun tatsächlich eine neue Rücknahmeregelung in Kraft treten - ein Thema, was nun bereits seit 20 Jahren diskutiert wird, wie "Manabalss" richtig anmerkt. Besonders die junge Generation habe auf die Einführung eines Pfandsystems gedrängt, musste auch Wirtschaftsminister Jānis Vitenbergs zugeben (itiesibas).
Wie aus vielen anderen Ländern schon bekannt, sollen dann die Verbraucher/innen die Pfandgebühr, gesondert ausgewiesen, zusätzlich auf den Kaufpreis zahlen, und bei Rückgabe der Flaschen im Laden angerechnet bekommen. Gelten soll es sowohl für Glas- wie auch Plastikflaschen, ebenso für Dosen. Im Ergebnis soll es dann in ganz Lettland 1500 Pfandannahmepunkte geben, davon 700 mit Automaten ausgerüstet (lsm). Zuständig wird in Lettland eine GmbH namens "Depozīta iepakojuma operators" (DIO) sein. Geschätzt 30 Millionen Euro wird das Projekt kosten, finanziert von vier großen Getränkeherstellern ("Aldaris", “Cido grupa”, “Coca-Cola Latvija” und “Cēsu alus”). Pro Einheit / Flasche soll zunächst 10 EuroCent Pfand berechnet werden.

Wer diese Rücknahmeautomaten liefern darf wurde öffentlich ausgeschrieben. Fünf Hersteller hatten sich beworben. Angeblich ist vertraglich festgelegt, dass durch das Rücknahmesystem erzielte Gewinne wieder in das System investiert werden müssen. Das neue Gesetz legt fest, dass in größeren Ortschaften alle Läden mit mehr als 300m² Verkaufsfläche auch Pfandrücknahmestellen anbieten müssen, auf dem Lande alle Läden größer als 60m². Falls mehr als 36.000 Verpackungseinheiten pro Jahr entgegen genommen werden, empfiehlt der Betreiber einen Automat (dio.lv). Die Händler/innen bekommen dann für ihre Aufwendungen 1,53 Cent pro Verpackungseinheit bei manueller Entgegennahme erstattet, Automatenbetreiber bekommen 1,79 Cent pro Stück.

Kürzlich fiel die Entscheidung zu den Automaten (lettisch "Taromāts" genannt): es wird die norwegische TOMRA sein, die in Lettland ihre Automaten aufstellen wird (siehe Pressemitteilung). Die Firma habe über 35 Jahre Erfahrung und bisher bereits über 84.000 Automaten in Betrieb, heißt es. Damit hat sich das Argument der Praxiserfahrung gegen andere Vorschläge durchgesetzt, die auch schon Tetrapaks, Batterien und Sektflaschen gleichzeitig der Wiederverwertung zuführen wollten (SIA Wingo Deposit).

Diese Klarstellung sollten auch lettische Getränkehersteller wie die Brauerei "Valmiermuižas alus" beruhigen, die auf eine rasche Entscheidung gedrängt hatten, um die eigene Produktion entsprechend umstellen zu können. Brauereichef Aigars Ruņģis betonte, er sie soweit "lettischer Patriot" dass ihm daran gelegen sei, wenn Flaschen mehrfach genutzt und nicht einfach weggeschmissen werden (lsm)

Auch in Deutschland verrichten offenbar bereits 30.000 TOMRA-Pfandautomaten ihren Dienst (ecoreporter). Die Firma bemüht sich außerdem um einen Markteinstieg in China und Indien. Seit 2016 stehen TOMRA-Automaten auch in Litauen und führten, eigenen Angaben der Firma zufolge, zu einer Rückführungsquote von 91,9% (Tomra). In Litauen liegt der Pfandbetrag ebenfalls bei 10 Cent. "Wir mussten den Verbraucher/innen in Litauen nur erklären, dass sie ihre Pfandobjekte nicht in den Automat werfen sollen," meint TOMRA-Manager Thomas Morgenstern in einem Interview, "sie sollen es einfach sanft auf das Laufband legen." (delfi.lt) Und wenn nun Lettland ebenfalls das 10-Cent-Pfandsystem einführe, dann läge für TOMRA als nächster Schritt eine Harmonisierung der Rücknahmesysteme in allen drei baltischen Staaten nahe.

Gefragt nach weiteren Zukunftsaussichten, weist Morgenstern auch auf das stark zunehmende Online-Shopping hin: "In London macht der Online-Einkauf jetzt bereits 20% aus," weiß der TOMRA-Manager, "diese Leute werden wahrscheinlich nicht zum Supermarkt kommen, um die Flaschen zurückzugeben."

5. April 2021

Horten, raffen, haushalten ...

Was werden wir von den augenblicklichen Pandemiezeiten in Erinnerung behalten? Zum Beispiel den verrückten Run aufs Klopapier. Warteschlangen von 50m und länger kannten die Jüngeren in Deutschland ja bisher gar nicht. "Jeden Tag bei irgendwelchen Läden nach Defizitwaren anstehen, das war ja zu Sowjetzeiten für uns Alltag", schreibt Viesturs Sprūde für die lettische Zeitung "Latvijas Avize", und er hat sich mal auf die Suche nach anderen Beispielen in der lettischen Geschichte gemacht, als lettische Läden plötzlich nach bestimmten Waren geplündert wurden. 

Zuckerzeiten im Armeekaufhaus

Da gab es zum Beispiel den November 1931. Unter dem Eindruck der weltweiten Wirtschaftskrise waren Pläne der Regierung bekannt geworden, die Steuern auf Zucker zu erhöhen, was den Preis pro Kilo von 42 auf 62 Centimes hätte steigen lassen. Gleichzeitig sollte dann, um den Ansturm im Vorfeld zu regulieren, nur 4 kg Zucker pro Person abgegeben werden. Da wurden Lettinnen und Letten dann sehr kreativ: Vater, Mutter, Sohn, Tante und Onkel gingen einer nach der anderen zum Laden - damals gab es in Riga noch das "Armijas ekonomiskais veikals" (Armeekaufhaus), das unter Ulmanis sowieso in vielen Fällen bei der Warenzuteilung bevorzugt war (und deshalb günstige Preise bieten konnte). In diesem Fall gingen sie alle nach ein paar Tagen nochmals los, um für Zucker anzustehen - wahre Leckermäuler.
"Vertrauenskrise auch bei den Hausfrauen", so titelte die "Rigasche Rundschau" am 5. November 1931. Solche Zustände gäben Kritikern der privaten Marktwirtschaft, die ein staatliches Handelsmonopol einführen wollten, unnötig Argumente in die Hand, so war es in der "Rundschau" zu lesen, und zwei Tage später versuchte man zu beruhigen: "Zucker wird nicht teurer, nur der Zuckersack!" (angeblich, weil von Jute auf Leinen umgestellt werde). Dieselbe Zeitung musste sich dann aber am 15. Dezember selbst korrigeren: nun hatte die Regierung doch eine Steuererhöhung auf Zucker beschlossen - allerdings auch ein Zuckermonopol eingeführt, um die Preise unter Kontrolle zu behalten. 

Kekse und Streichhölzer

Einen ähnlichen Fall von "Einkaufsrausch" verzeichnet Viesturs Sprūde im Jahr 1960/61, als der Ministerrat der UdSSR eine Abwertung des Rubel und gleichzeitig die Ausgabe neuer Banknoten (10 alte = 1 neue) und Münzen vornahm. Beschlossen wurde es schon am 4.Mai 1960, vollzogen dann Anfang 1961. In dieser Zeit sollen besonder Kekse, Streichhölzer, Seife, Mehl, Grütze, Salz, Öl und Konserven nachgefragt gewesen sein. Zum Geldumtausch blieb allerdings einige Wochen Zeit. 

Destillierte Vorräte?

1988 geriet dann erneut der Zucker in den Fokus. In den letzten Jahren der Sowjetunion war man ja schon gewöhnt, dass in den Geschäften viele Regale leer blieben, oder vor vielen Läden lange Schlangen einfach "auf Verdacht" standen, weil angeblich neue Warenlieferungen angekommen waren. Aber als im Frühjahr 1988 der Zucker aus den Regalen verschwand, da wurde vermutet, illegale Alkoholbrennereien, von denen man die meisten in der Region um Pleskava (Pskow) vermutete, hätten das meiste aufgekauft. Seit Mitte der 1980iger Jahre lief in der ganzen Sowjetunion eine Kampagne gegen Alkohol (was Gorbatschow heute als Fehler bezeichnet, siehe "Tagesspiegel"). So blühte das Geschäft der illegalen Brennereien auf, und vor allem war in (sowjet-)lettischen Läden noch einiges zu haben, was anderswo in der Sowjetunion längst ausverkauft war. So wurden Zucker und Seife die ersten Waren, die 1988 nur noch auf spezielle Talone ausgegeben wurden, wobei auch die Wohnadresse angegeben werden musste. 

Alles in Butter

Und auch 1990 brach natürlich unter den Verbraucherinnen und Verbrauchern Panik aus, als die Regierung von Ivars Godmanis die Preisfestsetzungen vollkommen aufhob. "Wohin ist die Butter verschwunden?" so die Schlagzeilen der lettischen Presse. Der Preis für das Kilo Butter war von 3,5 Rubel auf 13-14 Rubel erhöht worden. Auf maximal 200g war die Abgabemenge pro Person festgesetzt - aber auch hier gingen die Leute von Laden zu Laden, um mal hier, mal dort zu kaufen. Warnungen, die Butter würde sich im Kühlschrank nicht länger als zwei Monate halten, wurden ignoriert. Und 1991 wiederholten sich die "Butterwellen" noch mehrfach. 


Unser täglich Brot

Und auch Brot war zur "Barrikadenzeit" 1991 plötzlich ausverkauft: die Leute begannen es auch zu trocknen und so haltber zu machen (auch heute noch ist ja das geröstetet Knoblauchbrot bekannt). 1992 ging dann die Inflation so richtig los: wegen der hohen Inflation des russischen Rubels wurde im Mai 92 der lettische Rubel eingeführt, aber bis zur Einführung des Lat 1993 hatten sich vielfach das Preisniveau verzehnfacht (siehe auch Bank von Lettland), die offizielle Inflationsrate des Jahres 1992, verglichen mit 1991, lag bei 1051%! Und schnell verschwanden auch Mehl wie auch wiederum Zucker aus den Geschäften - diesmal spekulierten die Medien, viele planten wohl Marmelade zu kochen (eine fast "romantische" Vorstellung, angesichts der Umstände!). 

Gesalzene Zeiten

Und noch eine weitere befürchtete Warenkrise war mit geschichtlichen Umständen verbunden: als Lettland zum 1.Mai 2004 der Europäischen Union beitreten wollte, war plötzlich das Salz in den Geschäften verschwunden: Gerüchte besagten, das bisher übliche grobe Salz entspreche nicht den EU-Standards und könne dann nicht mehr verkauft werden. In Daugavpils stieg der Salzpreis um das Fünffache, und die Geschäfte verkauften Salzmengen, die sonst den ganzen Monat reichten, innerhalb weniger Stunden. Zur gleichen Zeit verschwand in Ventpils, aufgrund ähnlicher Gerüchte, die Essigessenz aus den Regalen, und in Riga waren plötzlich Fisch, Fleischkonserven und Öl sehr beliebt. Der Run auf Salz wiederholte sich noch einmal im Juni 2005, als die Regierung ankündigte, aufgrund von Jodmangel in der Bevölkerung jodiertes Salz zum Handel zu empfehlen - und viele das so verstehen wollten, dass nun das nicht jodierte Salz ganz verschwinden sollte (was aber nicht der Fall war).

Buchweizen nicht vergessen! 

Ja, Lettland hat wahrlich schon viele Krisenzeiten erlebt in den vergangenen Jahrzehnten. Was wurde bisher als "Defizitware" in den Covid-Pandemiezeiten ausgemacht? Laptops und Tablets seien fast doppelt so teuer wie vorher (lsm) - was auch damit zu tun habe, dass die Schulen mit entsprechenden Geräten ausgestattet werden sollten. An Lebensmitteln sei nun neben Mehl und Nudeln auch Buchweizen bei Verbraucher/innen sehr begehrt (LA).

10. März 2021

Es fährt ein Zug, nicht mehr irgendwo ...

Sehr, sehr lange hat es gedauert mit der Idee, auch die Bahnverbindungen im Gebiet der baltischen Staaten zu modernisieren. So bekräftigte der damalige Bundeskanzler Schröder ("Makler Schröder" nannte ihn damals der "Spiegel") im Dezember 2003 bei einem Besuch in Lettland die Unterstützung Deutschlands für das RAIL BALTICA Projekt - tatsächlich gebaut wurden ja in der Zwischenzeit, mit maßgeblicher Mitwirkung Schröders, zwei russisch-deutsche-Öl-Pipelines unter Umgehung Lettlands. Eine moderne, schnelle Bahnverbindung dagegen gibt es immer noch nicht. 

Vielleicht haben einige damals auch noch von der Wiederauferstehung einer Strecke Danzig-Königsberg-Tilsit-Riga geträumt. 2003 schienen die Zukunftsaussichten noch ganz andere zu sein: so wie Kanzler Schröder eben auch einen eventuell möglichen NATO-Beitritt der baltischen Staaten noch mit keinem Wort erwähnte. Wer aber damals unter denjenigen war, die als Bahnkunden auf dem Weg von Berlin nach Riga ein weißrussisches Visa erwerben mussten, weil die Bahnstrecke ganze 50km über weißrussisches Gebiet führte - der konnte sich einfachere Varianten sehr gut vorstellen.

Umbaupläne am Flughafen Riga
Nun aber soll das Stadium des Baus der "Rail-Baltica"-Verbindung tatsächlich erreicht sein. Auf dem Gebiet Lettlands sind insgesamt 19 Haltestellen geplant, so ist es in der lettischen Presse nachzulesen: sieben innerhalb der Stadt Riga, und zwölf an anderen Orten (Neatkariga). Die größten Bahnhöfe wird es in Salacgrīva, Torņakalns, Imanta un Bauska geben. Die ersten Züge sollen dann 2026 fahren, zunächst im 2-Stunden-Takt. 

Warum hat es so lange gedauert? Eine Studie aus dem Jahr benennt als Hindernisse die notwendige grenzüberschreitende Zulassung von Schienenfahrzeugen, unterschiedliche Finanzierungssysteme des Personenverkehrs, Verschlechterung der Kommunikation bei der Fahrplankoordinierung und ein Auseinanderbrechen des internationalen Tarifsystems (siehe Studie Murach / Roß). 

"Rail-Baltica" soll zukünftig auch an das Projekt "EU-Spirit" angbunden werden, ein europaweites Auskunftsystem für Reiseverbindungen. Ziel ist es, jeder Kundin und jedem Kunden eine "von-Tür-zu-Tür"-Auskunft in der eigenen Muttersprache geben zu können.

Ein wichtiger Schritt war kürzlich die Zusage für die "Swietelsky AG" aus Österreich, die Anlage am Flughafen Riga gemeinsam mit den beiden lettischen Firmen SIA BINDERS und AS LNK bauen zu dürfen - ein Auftragsvolumen von rund 240 Millionen Euro (siehe Präsentation). 

Die Baufirmen bemühen sich dabei, ihre Planungen im besten Licht erscheinen zu lassen: so soll die gesamte Anlage rund um den neu zu gestalteten Rigaer Hauptbahnhof in Abstimmung mit "Apeirons", einer Initiative die sich für Menschen mit Behinderungen einsetzt, gestaltet werden (edzl). Insgesamt werden neun verschiedene Vereine, darunter auch Nachbarschaftsinitiativen einzelner Stadtteile, als Kooperationspartner genannt. Insgesamt sind es sehr viele Einzelprojekte, die Änderungen im Stadtbild Rigas bringen werden. Am Flughafen wird ein privat betriebenes Flugmuseum umziehen müssen, und am Hauptbahnhof wird auch ein alter Atombunker aus dem Jahr 1958 beseitigt werden, der sich unmittelbar an den Bahnanlagen befindet (LTV  / Jauns.lv). Darüber hinaus müssen auch viele Bahnübergänge neu gestaltet oder auf eine andere Ebene verlegt werden, und die Naturliebhaber/innen fürchten um den Erhalt von Rigas Parkflächen. Und nebenbei ist es nicht einmal die einzige Bahnstrecke, die in Riga neu gebaut wird: auch eine Regionalbahn nach Bolderāja soll in den kommenden Jahren wieder eröffnet werden - diese Strecke war 1959 für den Passagierverkehr eingestellt worden. 

Die Gesamtkosten des Rail-Baltica-Projekts werden auf 5,8 Milliarden Euro geschätzt.

9. Februar 2021

Eis bereiten in Riga

Als vor etwa einem Jahr das Maskottchen der Eishockey-WM 2021 vorgestellt wurde, war wohl niemand klar, welche Symbolik es inzwischen darstellt: ein zwar wild entschlossener, aber einsamer Eishockeyspieler, allein auf einer kleinen Eisscholle, umgeben von riesiger Leere (und natürlich ohne Zuschauer). 

Seit Mitte Januar (IIHF) ist nun klar, dass Lettland die Eishockey-WM allein austragen soll (oder darf?). Aber wer erlebt hat, wie schwierig kürzlich die Austragung der Handball-WM war, als einige deutsche Spitzenspieler entschieden, doch lieber zu Hause zu bleiben, der schaut sich sicher mit ähnlicher Verwunderung an, wie deutsch-englische Fußballduelle derzeit in Ungarn ausgetragen werden (müssen). 2020 war ja nicht nur das "Corona-Jahr", sondern auch das Jahr der andauernden Massenproteste gegen den selbst ernannten Wahlgewinner Lukashenko in Belarus, und die ließen Lettlands Eishockey-Partnerschaft mit Minsk nicht mehr als opportun erscheinen. 

Public viewing auf dem Domplatz:
ein Foto aus dem Mai 2006, als Lettland
schon einmal Austragungsort einer
Eishockey-WM war.

Der Igel ist nicht nur klug und schlagfertig, sondern kämpft auch immer bis ganz zum Schluß - so schrieben es die Funktionäre des internationalen Verbands IIHF zur Beschreibung der Fähigkeiten sowohl ihres Symbol-Igels wie auch der Teams von Belarus und Lettland. Wenn aber Regeln und Rahmenbedinungen gleichzeitig geändert werden - wie genau wird es aussehen, wenn am 21. Mai die WM mit dem Spiel Lettland-Kanada eröffnet werden wird? 

Lettlands Regierungschef Krišjanis Kariņš hat inzwischen im lettischen Fernsehen eine Eishockey-WM "in einer Blase" angekündigt. Aigars Kalvītis, Ex-Regierungschef und inzwischen Boss des lettischen Eishockeyverbands, macht die Zuschauerfrage aber abhängig "von der epidemologischen Situation" - eine mit der IIHF übereinstimmende Wortwahl. Die Kosten der Veranstaltung sind bisher auf 12 Millionen Euro geschätzt, davon allein zwei Millionen für Corona-Schutzmaßnahmen. Der lettische Staat habe sich bereit erklärt, die Einrichtung der zweiten Sportarena des "Olympia-Zentrums Elektrum" für die Durchführung zu finanzieren, so sei eine Eigenbeteiligung Lettlands von etwa 3 Millionen Euro zu erwarten. Alle übrigen Kosten trage aber der internationale Verband IIHF - so stellen es zumindest die lettischen Verbandsfunktionäre dar (lsm)

Eine spezielle Anmerkung zum Geschehen machte auch der lettische Außenminister Edgars Rinkēvičs: "selbstverständlich" könnte das Nationalteam aus Belarus frei einreisen nach Lettland - gleiches gelte aber nicht für Personen aus der Lukashenko-Administration, gegen die Lettland inzwischen Einreiseverbote verhängt habe. Dazu zählt auch der Chef des Eishockeyverbands Dmitrij Baskov, dem Gewaltanwendung gegen Demonstranten vorgeworfen wird (sportazinas / lsm ). "Beim Töten gerne zugeschaut" so beschrieb es die deutsche TAZ.

Interessant ist auch die Aussage der lettischen Organisator/innen, alle Teams in einem einzigen Hotel unterbringen zu wollen. 1200 Personen rund um die 16 teilnehmenden Mannschaften werden in Riga erwartet - welches Hotel hier den Zuschlag bekommt, dazu wurde bisher noch nichts bekannt. Als "eines der größten Ereignisse des Jahres 2021 in Lettland" bezeichnet Ilga Šuplinska das Event, Ministerin für Wissenschaft und Bildung (lsm), die auch für Sport zuständig ist. Nach ihren Worten seien "Milliarden Zuschauer an den Fernsehbildschirmen", also "gute Werbung für Lettland" zu erwarten. "Für unseren Staat ist das eine Prestigefrage", fügt auch Hockey-Verbandschef Kalvitis hinzu (lsm). Eine Entscheidung, ob es auch Zuschauer in den Stadien geben könne, sei aber nicht vor Mitte April zu erwarten.

17. Januar 2021

Alles eine Familie ... ?

Im November hatte das lettische Verfassungsgericht über den Fall einer Mutter geurteilt, die für ihre lesbische Partnerin das Recht auf "Elternurlaub" einklagen wollte, so wie es auch allen Vätern in Lettland gewährt wird (lsm). Als Begründung wurde unter anderem genannt, das Kind habe ein Recht auf emotionale Zuwendung auch von ihrer Partnerin. Artikel 110 der lettischen Verfassung legt den Schutz der Familie fest - definiert diese allerdings gleichzeitig als Verbindung zwischen Mann und Frau (siehe: likumi.lv). Dennoch gab das Verfassungsgericht der Klagenden Recht - Vorrang habe auf jeden Fall das Kind, und hier sei eine Gleichbehandlung wichtig. Bis zum 1. Juni 2022 soll der Gesetzgeber nun die Rechtlage anpassen - ein Anlass zur Unruhe unter vielen lettischen Politiker/innen. 

"Es gibt heilige Werte, die seit Hunderten von Jahren für uns und unsere Kultur gelten," meint Raivis Dzintars, Chef der rechtskonservativen "Nationalen Allianz" (NA), "und einer dieser Werte ist, das eine Familie aus Vater, Mutter und deren Kindern besteht." (lsm) Kaum verwunderlich also, dass die NA bereits eine Formulierung ausgearbeitet hat, um die lettische Verfassung zu ändern - zur Durchsetzung bräuchte es allerdings im Parlament eine Zwei-Drittel-Mehrheit. 

Inzwischen hat auch das lettische Parlament bereits diese Frage diskutiert (lsm). Für eine Verfassungsänderung votierten 47 Abgeordnete, 25 dagegen. 7 waren nicht anwesend, und 21 stimmten nicht mit ab - was im lettischen Parlament möglich ist; von der Fraktion "Saskaņa" stimmten überhaupt nur drei der 19 Abgeordneten ab. Das sieht alles vorerst nach einer ordentlichen Portion Parteitaktik aus. Nun wird in den Parlamentsausschüssen weiter diskutiert. Ministerpräsident Krišjānis Kariņš hatte sich gegen Verfassungsänderungen ausgesprochen - vor allem mit dem Argument, es gäbe momentan viele wesentlich wichtigere Themen in Lettland. 

Das lettische Verfassungsgericht bei seiner
ersten Sitzung am 28.4.1997 (Foto: Blumbergs)
Aber denjenigen, denen Lettlands Entwicklung momentan nicht konservativ genug ist, haben sich längst auf ein weiteres Ziel eingeschossen: Braucht Lettland überhaupt ein Verfassungsgericht? Es wurde erst 1997 neu geschaffen. 

Seit dem 6. Mai 2020 wird das lettische Verfassungsgericht von zwei Frauen geleitet: von Ineta Ziemele als Vorsitzende und Sanita Osipova als Stellvertreterin. Ziemele wechselte im Oktober 2020 an den Europäischen Gerichtshof - also wurde Osipova inzwischen neue Vorsitzende. 

Noch nie sei die Unabhängigkeit der lettische Gerichtsbarkeit so gesichert gewesen wie momentan, meint aber Osipova in einem Interview mit der Zeitschrift "IR". Osipova, die ihre Dissertation zum Lübecker Stadtrecht schrieb und neben einer Professur an der Lettischen Universität auch schon eine Gastprofessiur in Münster wahrnahm (Lettische Presseschau / Diena), wurde kürzlich von der "Europäischen Bewegung Lettlands ("Eiropas kustība Latvijā") zur "Europäerin des Jahres 2020" gewählt (bnn). "Lettland braucht eine Kultur der Toleranz, wo die Menschenwürde für alle gleich gilt", so formulierte Osipova es in der Zeitschrift "Jurista Vārds".

Es gibt auch nicht nur die Fürsprecher der Ausschließlichkeit der traditionellen Ehen. Auf dem Portal "ManaBalss" (Meine Stimme) sammeln sich im Moment die Befürworter eines Vorschlags, der Gesetzgeber möge jede Form des Zusammenlebens als gleichwertig anerkennen. "Eine Heirat wird in der lettischen Gesellschaft nicht mehr als einzige Form einer Familie angesehen", so steht es dort zu lesen, und inzwischen gibt es über 20.000 Unterschriften dafür. Dahinter steckt der Verein "Dzīvesbiedri" (Lebenspartner), "Mozaika", und Aktivisten wie Kaspars Zālītis. Auch eine Eingabe an das Parlament gegen eine Verfassungsänderung wurde hier bereits erarbeitet (delfi). 

In Lettland kamen 2019 insgesamt 18786 Kinder zur Welt (csb). Davon wurden 61,6% von verheirateten Paaren geboren. "Die häufigste Form der Familie in Lettland ist die einer alleinerziehenden Person mit einem oder mehr minderjährigen Kindern", so stellt es das Lettische Statistikamt für 2020 fest. 23,6% aller als Familien erfasste Lebensgemeinschaften sind solche Haushalte von Alleinerziehenden, gefolgt von 22,3% Paare ohne Kinder. Nur 16,2% sind verheiratete Paare mit Kindern. Seit 2011 habe sich die Anzahl der Haushalte speziell mit allein lebenden Frauen mit Kindern erheblich gesteigert, und dazu gäbe es klare Gründe: zum einen weise Lettland eine der höchsten Scheidungsraten in der gesamten Europäischen Union auf (3,1 pro 1000 Einwohner). Zum anderen würden etwa 40% aller Kinder außerehelich geboren. Und dazu kommt noch, dass die Statistik diejenigen Familien, wo einer der Elternteile dauerhaft im Ausland wohnt, eben als Haushalt von Alleinerziehenden zählt.

29. Dezember 2020

Diana mit Schuss

Es begann am 23. Januar 2016 im kleinen kurländischen Städtchen Skrunda. An diesem Datum soll die erste Veranstaltung stattgefunden haben, die als "Damenjagd" bezeichnet werden kann. "Dāmas medī, kungi dzen", das soll damals das Motto gewesen sein (die Damen jagen, die Herren sind als Treiber eingesetzt).

Lettlands "erste
Jägerin": Linda
Dombrovska

Das Logo des europäischen Jagdverband ("European Federation for Hunting and Conservation" FACE - the "Voice of European Hunters") scheint ja eher dafür zu stehen, dass es vor allem Jägermänner gibt - Jägerinnen eher weniger. Doch in Lettland steht ein Name für die große Ausnahme: Linda Dombrovska. Sie ist Vorsitzende von "Lady Hunt", der "Frauenabteilung" im lettischen Jagdverband ("Latvijas Mednieku asociācija" LATMA), und vertritt bei FACE gleich alle drei baltischen Jagdverbände - als einzige Frau im Club der FACE-Vizes. Dombrovska zufolge gibt es etwa 25.000 Jäger in Lettland - darunter nur sehr wenige Frauen, geschätzt etwa 1%. Doch es gibt 760 registrierte Waffenbesitzerinnen in Lettland, rechnet "Lady Hunt" vor; warum sind darunter nicht noch mehr Jägerinnen?

Dabei haben sich die Jagdlustigen unter den lettische Frauen längst einige Jagd-Argumente zurecht gelegt. Ob denn die Jagdausübung die Frauen weniger feminin mache, werden sie gefragt. (cic.wildlife) Nein, im Gegenteil, lautet natürlich die Antwort. Wenn Frauen dabei sind, seien der Wald und die Jagd noch schöner, so sähen es auch die Männer. Außerdem wird Jägerfrauen auch noch eine andere Rolle zugedacht: für die Verbesserung des Images der Jagd in der Öffentlichkeit. 

So tritt denn Linda Dombrovska auch schon mal in lettischen Kochshows im Fernsehen auf - und liefert gerne die Art von Sprüchen, die sich die lettische Presse offenbar erhofft hatte: "Wenn Hirsche Sex wollen, dann sprtzen sie sich mit Duftstoffen ein." - Und es passt gut zusammen, dass Dombrovska selbst auch für die Berichterstattung über die Jagd zuständig ist: als Autorin für "Latvijas Mediji", Herausgeber der einflussreichen "Latvijas Avize", der Zeitschrift "Medības" (Die Jagd) und einiger weiterer Magazine. 

"Lady Hunt" wurde als Abteilung des lettischen Jägerverbands LATMA am 8.April 2016 gegründet. Warum eine englischer Name? Zum Knüpfen internationaler Kontakte, wird offen zugegeben. Mal zur "Lady Hunt" nach Lettland fahren? Hoffentlich gibts da keine Missverständnisse. Inzwischen gibt es immerhin regelmäßige Treffen von Jägerinnen aus Polen, Litauen und Lettland. Ein Abstecher zu Dombrovskas Redaktionsschreibtisch scheint dabei selbstverständlicher Bestandteil des Programms zu sein. Und beim alljährigen "Jagdfestival Minhauzens" (Münchhausen) sind die Damen selbstverständlich auch dabei. 

Ungemach naht allerdings von Seiten einiger anderer Naturfreunde - vor allem der Lettische Ornithologenverband beklagt sich darüber, dass Lärm und Störungen von Jäger*innen den Bestand seltener Tierarten wie Schwarzstorch und Seeadler bedrohen. Wenigstens in Naturreservaten solle daher die Jagd völlig untersagt sein, so meint zum Beispiel Viesturs Ķerus von der Lettischen Ornithologischen Gesellschaft (Latvijas Ornitoloģijas biedrība LOB). Einige Jagdverbände würden eine flächendeckenede Jagd in Lettland allein damit rechtfertigen, die Afrikanische Schweinepest bekämpfen zu müssen. Haralds Barviks, Vorsitzender des Jagdverbands LATMA, wird der Ausspruch zugeschrieben, auf jagdfeindliche Naturschützer gemünzt: "das sind Clowns, die nichts wissen, nichts lesen und nicht zuhören" (Ķerus

Wenn es darum geht, bei der Fahrt zur
Jagd gesehen zu werden, dann markiert
auch der lettische Jägersmann noch
gern den "wilden Wolf" (so meint zumindest
die Werbung ... )

Die LOB-Aktiven haben solche Vorwürfe allerdings längst mit Vorschlägen zum "nachhaltigen Jagen" beantwortet (siehe auch: "Putni dabā"). Hierbei geht es um Rücksichtnahme auf seltene Vogelarten, Verzicht auf bleihaltige Munition und staatlich abgestimmte Jagdkonzepte - eigentlich sehr einfache Grundregeln. Und es gibt dafür sogar einen Partner: die Zeitschrift "Medības. Makšķerēšana. Daba" (Jagd, Angeln, Natur), sozusagen das "Konkurrenzblatt" zu den Erzeugnissen vom Redaktionsschreibtisch der Linda Dombrovska. Und als weiteren Kooperationspartner der Zeitschrift werden wir hier darauf aufmerksam gemacht, dass es in Lettland tatsächlich noch eine weitere große "Jägervereinigung" gibt: "Latvijas Mednieku savienība" (LMS), der lettische Jägerverband. 9.000 Mitglieder gäbe es hier, informiert die entsprechende Webseite. 

Doch lieber zurück zum traditionellen
"Jägerwitz"?
(Quelle: LVM)

Warum gibt es nun offenbar "solche und solche"? "Gegenwärtig arbeiten wir parallel", gibt LATMA-Chef Barvik zu, "und das ist auch eine gute Lösung" (LA-Video). Dabei schätzt er die Mitgliederzahl bei LATMA auf 3.500 ein - also nicht einmal die Hälfte der konkurrierenden LMS. Dabei waren doch bei der Gründung 2011 in Sigulda viele LMS-Abteilungen mal dafür angetreten, "alle Jäger zu vereinigen" (Latforin)

Das lettische Landwirtschaftministerium arbeitete derweil vor einigen Monaten noch an Plänen, die Gebühren für aktive Jäger*innen erheblich zu erhöhen: von gegenwärtig 14 Euro für eine Jahreskarte auf 40 Euro, und pro Jagd von 1,40 Euro auf 10 Euro. "Das würde die Zahl der aktiven Jagdausübenden wohl erheblich verringern", meint Jānis Baumanis, Chef der LMS (lsm). Und, wie immer und überall, es erklingt die allgegenwärtige "Jägerklage": "zuviel Tiere zerstören den Wald". Auch in Lettland ist an dieser Stelle nicht etwa von Wölfen oder Bären die Rede, sondern von Rehen, Hirschen und Wildschweinen. Nächstes Argument: aufgrund der zunehmend milderen Winter würden zu viele Tiere überleben, und demzufolge Unfälle im Straßenverkehr verursachen. 

Und was gibt's Neues beim Jagerverband zum Jahresbeginn? Pandemien oder Masken, wen kümmert das: am 1. Januar beginnt die Luchsjagd!  80 Tiere dürfen bis Ende März 2021 geschossen werden (latma) - na, dann: auf zum fröhlichen Blattschuss!