20. Januar 2018

Himmelsgrüße gesucht

Der Nachmittag des 29. März 1890 war ein ruhig und sonnig, heißt es. Aber plötzlich, so erinnern sich vor allem die Bauern, die nahe des Ortes Baldone in Lettland vielleicht schon den Frühling erwarteten, gab es einen lauten Donnerschlag. Kurz darauf ein lautes Heulen und Krachen, dann erst helle und dann dunklere Wölkchen. Ein Moment später dann ein noch lauteres und längeres Donnern. Zunächst hatte keiner eine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Kurze Zeit später wurde es klar: in der Nähe war ein Meteorit niedergegangen. Einer der Bauern fand ihn einen Tag später. Ein Objekt in der Größe eines menschlichen Kopfes, so sagte man damals, und einem Gewicht von 5,8 kg. Bald zeigten sich verschiedene Interessen am heute unter der Bezeichnung "Baldone-Meteorit" (oder deutsch "Misshof-Meteorit") bekannten Fundstück.

Während die Bauern das Objekt am liebsten zerteilt hätten, und das Fundstück tatsächlich auch sehr schnell an einen jüdischen Händler verkauften, gelang es dann einem Schuldirektor aus Riga, der gezielt überall fragte, das seltene Stück von diesem Händler zu erwerben. Diese Einzelheiten der damaligen Vorgänge sind einem Bericht des deutschbaltischen Forscher Karl Bruno Doss zu verdanken ("Naturforscher-Verein zu Riga, 9.Folge, 7.Heft", 1891). Die Fundstelle gehörte damals zum "Rittergut Misshof", aber berichtet hatten zunächst nur lettische Zeitungen von dem Ereignis, daher brauchte es eine Weile, bis alle damaligen Fachleute davon erfuhren. Das Objekt war auch nicht sofort, sondern erst einen Tag später geborgen worden.

Nach heutiger Betrachtungsweise wurden bisher ingesamt 4 Meteoritenabstürze auf lettischem Gebiet notiert - allesamt im 19. Jahrhundert. Da war zunächst der sogenannte "Līksna Meteorit" (inernationale Schreibweise: "Lixna"), der zusammen mit mehreren anderen Stücken am 12. Juli 1820 bei Lazdāni im Südosten Lettland niederging; dieses Stück war immerhin 16kg schwer. Der nächste Vorfall wurde am 2. Juni 1863 bei Birži notiert, ein 5kg-Stück. Und am 12. April 1864 wurden nahe Nereta in Südlettland gleich 2 Stücke gefunden, 4kg und 5kg schwer.

Abbildung aus Doss/Johanson:
"Der Meteorit von Misshof"
(Riga 1891)
Der Deutschbalte Doss ordnete den Fund damals anders ein: an die 7.Stelle der Funde innerhalb der damaligen "russischen Ostseeprovinzen". Er zählt zwei Funde aus dem Jahr 1855 dazu (einer auf Saaremaa /Ösel, einer bei Valka / Walk), sowie einen Fund bei Põltsamaa/ Oberpahlen von 1863, und einen weiteren auf dem Jahr 1872 bei Paide/ Weissenstein. Außerdem zitiert Doss den Bericht eines Naturforschers aus dem Jahr 1704, aus dem er den Niedergang von Meteoriten bei Tartu/ Dorpat schließt (allerdings war kein Fundstück erhalten).

Doss spaltete von seinem Untersuchungsgegenstand kleine Stücke ab, um sie Sammlern und Spezialisten in St.Petersburg, Wien, Tartu und anderen Städten zu schicken. Als Hauptbestandteil seines Objekts stellte er Olivin fest, was einem häufigen Charakteristikum von Meteoriten entspricht (die chemischen Untersuchungen nahm Edwin Johanson vor). - Heute behauptet das Museum von Baldone noch im Besitz eines kleinen Stückes dieses Fundes von 1890 zu sein (Baldones ziņas).

Was hier vielleicht auf den ersten Blick wie ein
Treffen im Hinterhof aussieht, ist tatsächlich ein
Schnappschuß von der Eröffnung des
"Kleinen Meteorit-Museums" in Riga (Foto: "delfi.lv")
Anerkannt ist aber, dass sich zwei kleine Stückchen dieses "lettischen Meteoriten", eines 25,5 g, das andere 10,9 g schwer, sich im "Friedrich-Zander-Museum" an der Universität Riga befinden (siehe Friederich Arturowitsch Zander, ein Raketenpionier). Dadurch dass Fundstücke international untereinander ausgetauscht werden, ist von den vier Fundobjekten in Lettland inzwischen leider fast nichts mehr vorhanden - aber irgendwo in Museen oder Privatkollektionen sollte es sie doch geben! Das Ziel, Lettlands Meteoriten wieder in Lettland zeigen zu können, hat sich Kārlis Bērziņš gesteckt. Er gründete das Projekt "Meteoriti.lv" und bietet nun Interessenten in der Nīcgales ielā 3 seit drei Jahren in Riga sein "Kleines Meteoriten-Museum" (bei telefonischer Voranmeldung) an. Außer Meteorit-Stückchen aus aller Welt gibt es hier auch zwei Neuerwerbungen zu sehen: ein Bruchstück vom Baldone-Meteorit, und sogar eines vom Līksna-Meteorit: 0,63 g, frisch erworben in Zusammenarbeit mit der "New England Meteoritical Services" (NEMS) in den USA. Nun wird nach Finanzmitteln gesucht, um auch vom Nereta-Meteorit (internationale Bezeichnung: "Nerft") ein 25-g-Stückchen "heim nach Lettland" zu holen; ein Angebot liegt vor: Kaufpreis etwa 8000 Euro. Tja, was vom Himmel kommt, ist teuer - erst recht wenn es erstmal in den kapitalistischen Kreislauf eingespeist ist, mögen vielleicht einige denken. Vielleicht ist es aber auch ein Thema, dass sich Lettinnen und Letten erst wieder neu erschließen müssen. Wer Stücke von "lettischen" Meteoriten anzubieten hätte - Verkäufer, vielleicht auch Spender - würde die Rigaer Museumsenthusiasten wahrscheinlich glücklich machen.

15. Januar 2018

Untergrund-Bewegung

Pläne für ein U-bahn Netz für Riga - beerdigt
zusammen mit dem Sowjetsystem
Rīgas metro - das war das Stichwort in den 1980iger Jahren, als die lettische Unabhängigkeitsbewegung auch mit Umweltthemen punkten konnte. Nun kommt es vielleicht erneut auf die politische Tagesordnung.

Wenn es nach den Sowjetbehörden gegangen wäre, war in den 1980iger Jahren eigentlich alles schon in Planung: drei Ubahn-Linien sollten es werden, 33 Haltestationen. Zielsetzung war damals, jede sowjetische Millionenstadt solle eine U-bahn bekommen - zwar hatte Riga diese Einwohnerzahl noch nicht erreicht, aber der prozentuale Anteil von Nutzern des Öffentichen Personennahverkehrs (ÖPNV) war sehr hoch. Das Moskauer Institut "Metrogiprotrans" übernahm die Planungen, und schon 1981 waren die ersten Pläne fertig. Schließlich wurde dann der Baubeginn auf 1990 festgesetzt.

eine der Planzeichnungen der 1980iger Jahre
Das Projekt - unter Planern auch gern "metropolitēns" genannt, war eines der heißen Themen der Protestbewegung der 1980iger Jahre: einerseits wäre es mit geschätzten 25 Millionen Rubel pro km das teuerste Ubahn-Projekt der gesamten Sowjetunion geworden, andererseits beförderte es die lettischen Ängste zu "Fremden im eigenen Land" zu werden, denn für dieses Großprojekt wären erneut Tausende von Arbeitern aus anderen Sowjetstaaten herangezogen worden.
Wie eine Information der Stadt Riga besagt, existieren bis heute noch einige der zwischen 1979 und 1988 im Rahmen von Voruntersuchungen für den U-Bahnbau angelegten 100 Löcher für Probebohrungen (Löcher von 10-20cm Durchmesser).

Eines der Hauptargumente der Gegner war auch die Sorge um die Fundamente der Altstadt und der historischen Gebäude: hoher Grundwasserstand und viel instabiler Untergrund. Journalistin und Politikwissenschaftlerin Oksana Antoņenko bedauert es zwei Jahrzehnte später, dass leider die "Metro" nicht verwirklicht wurde. Weder der Grundwasserstand sei ein starkes Gegenargument (auch in St.Petersburg herrschen ähnliche Verhältnisse), noch die damals ebenfalls zu vernehmende Ansicht, eine U-bahn sei eine "veraltete Technik". 1988 richtete der lettische "Umweltschutzklub" (Vides Aizsarbzības Klubs - VAK) große Anti-Metro-Demonstrationen aus, die wegen Beschränkungen in der Innenstadt den Park Arkādija als Versammlungsort hatten. Ermutigt wurden die Aktivisten auch durch den Beschluß der sowjetelettischen Behörden vom November 1987, die weitere Aufstauung der Daugava zu beenden - und somit das obere Daugavatal unverändert zu belassen. Der Spruch "Das System hat immer Recht" stand nicht mehr unwidersprochen, und viele fassten Mut für ihre Meinung auf öffentlich einzustehen.

"Die meisten bauten damals auf eine Welle des Patriotismus, weniger auf Sachverstand", so sieht es Oksana Antoņenko. "Die Metro-Gegner haben damals allen Fachleuten aus Moskau die Kompetenz abgestritten. Nach den Anti-Metro-Protesten wurde beschlossen, nur noch einheimische Fachleute aus Lettland einzusetzen - die aber keine Erfahrung mit ähnlichen Projekten hatten. Von diesen hieß es dann kurz danach, der U-bahnbau sei sowohl wirtschaftlich wie technisch sinnlos. Das Ende von 12 Jahren Planungen."

Bisher hat sich die Mehrzahl lettischer Fachleute immer gegen den Bau eines U-Bahn-Systems ausgesprochen, so auch die Geologen Atis Mūrnieks und Sigita Dišlere 2015 in einer Radiosendung (lsm). "Langfristig wird ein U-bahnbau aber die einzig angemessene Lösung sein, bekannte jetzt Viesturs Veckalns, Wissenschaftler an der Technischen Universität Riga (TU) (delfi / skaties). "Um einmal Riga zu durchqueren, braucht man heute 1 1/2 Stunden. Das heißt, dass viele jeden Tag 3 Stunden dafür benötigen." Als Student verbrachte Veckalns einige Zeit in Lissabon, um nun Vergleiche der Transportwege anstellen zu können. Die Baukosten schätzt er auf 200 Millionen Euro pro km ein. Würde es nach den alten Plänen gebaut, wären es in Riga knapp 9 U-Bahn-Kilometer. Und die Kritiker? "Das historische Stadtzentrum steht doch jetzt unter Denkmalschutz," meint Veckalns, und ein U-Bahnbau könnte die Wirtschaft ankurbeln, Arbeitsplätze schaffen, und das Leben in Riga angenehmer machen. Innerhalb der folgenden 20 Jahre könnten sich auch die Kosten amortisieren."

Allein die Tatsache, dass es auf dem beliebten Internetportal "Manabalss" ("Meine Stimme") jetzt eine Unterschriftenliste PRO U-BAHN gibt, erzeugte jetzt wieder einiges öffentliches Aufsehen. "In Zeiten, wo die Qualität der Straßen immer schlechter wird, und die Zahlungen der Neuzulassungen bei Autos bereits eine Million überschritten haben, ist es an der Zeit über neue Verkehrslösungen für die Zukunft nachzudenken" - so die einleitenden Worte einer Iniatiative namens "Progresa Platforma" ("Fortschritts-Plattform"). Diese bezeichnet sich als "politische Organisation, die junge, gut ausgebildete Menschen vereinigt, die sich für individuele Freiheit und Menschenrechte einsetzen und außerhalb des gewöhnlichen Rahmens denken wollen." Die Initiative setze sich sowohl für eine nachhaltige Entwicklung in Lettland ein, wie für Umweltschutz und erneuerbare Energien.

Zwei Namen stehen bisher für diese Unterschriftenaktion: Filips Kapustins und Edgars Gapoņenko. Von ersterem ist immerhin bekannt, dass er mal Mitglied bei der Jugend in der "Grünen Partei" ("Zaļa Partija") war. Also nur "Provokationen in der Vorwahlzeit", wie einige Internet-Kommentare es einschätzen? Viele zweifeln aber auch an einer ausreichenden Zahl interessierter Kunden für eine U-Bahn - wo die Einwohnerzahl Rigas inzwischen auf 650.000 gesunken ist.
Allerdings sind es bisher auch nicht mehr als 190 Unterstützer eines Metro-Revival bei "Manabalss" - trotz einiger offenbar sehr reger Aktivisten vielleicht nicht genug, um das Thema in der Diskussion zu halten. .

31. Dezember 2017

Aus dem Schrank, in den Sack

Überraschend war auf jeden Fall der Zeitpunkt des Bekenntnisses. "Ich war KGB-Agent" - dieses Bekenntnis des lettischen Schriftstellers Jānis Rokpelnis erschütterte die diesjährige Weihnachtsruhe der lettischen Kulturszene; "Mein Deckname war 'Miķelis' " bekannte der vielfach ausgezeichnete Poet in einem Zeitungsinterview (NRA).

So hat nun Lettland, kurz vor dem Jubiläumsjahr 2018, die Diskussion um die sogenannten "Čekas maisi" ("Säcke der Tschecka", KGB-Säcke) wieder auf dem Tisch. Noch kurz vor Weihnachten hatte das Portal "Manabalss" ("Meine Stimme") zu einer Unterschriftensammlung aufgerufen, die in den lettischen Archiven vorhandenen Informationen zu KGB-Informanten endlich zu veröffentlichen (mit 5300 Unterschriften dafür). Auch eine öffentliche Diskussion zum Thema wurde organisiert.  
Als die Sowjets Lettland 1991 verließen, war nur noch wenig von den Unterlagen des KGB übrig: die meisten Dokumente waren schon zerstört oder nach Russland verbracht worden. Das, was in Lettland noch aufzufinden war, galt als zu bruchstückhaft um nur auf dieser Grundlage Kriminalprozesse anzustrengen, und alle bisherigen Präsident/innen entschieden sich bisher gegen eine Publizierung dieses Materials.


Angefangen sei für ihn zu der Zeit, als er noch viel Alkohol getrunken habe, erzählt nun Rokpelnis. Im legendären "Skapis"  ("Schrank"), einer Bar im Hotel Riga, habe er, bereits ordentlich angetrunken, mal einen anderen Gast angeschrien mit den Worten: "Was, du bist Kommunist? Ich erschieße dich!" - Und prompt sei eine Vorladung zum KGB-Verhör die Folge gewesen. "Aber damals wagten sie mich nicht anzurühren, es schützte mich wohl einzig der Name meines Vaters", meint Rokpelnis (NRA). Der Vater Fricis Rokpelnis war Co-Autor der sowjetlettischen Hymne, Direktor des Rainis-Literaturmuseums und nahm wichtige Posten in der sowjetischen Kulturverwaltung ein.

Sohn Rokpelnis behauptet sogar, anfangs nur "erkunden zu wollen, wie der KGB arbeitet" - und kurz danach sei ja auch "Glasnost" verkündet worden, eine interessante Zeit also (lsm). Er habe immer nur mit einem einzigen Kontaktmann geredet: KGB-Offizier Juris Miļevskis; als dieser beim KGB aufgehört habe, sei auch seine Kontakte mit dem KGB beendet gewesen.
Miļevskis habe vor allem wissen wollen, wie die Schriftsteller denken, vor allem Uldis Bērziņš un Knuts Skujenieks, mit denen Rokpelnis gut bekannt war. Einmal habe er auch etwas über den Esten Arvo Valton herausfinden sollen, das habe er aber abgelehnt.

Er habe niemand angeschwärzt beim KGB, oder denunziert. Der KGB habe vielmehr verstehen wollen, wie die lettische Intelligenzia denkt. Auch Geldzahlungen habe er abgelehnt, behauptet Rokpelnis. In den 90igern habe er dann Miļevskis nochmals wiedergetroffen. Ein dunkler Wolga mit getönten Scheiben sei vorbeigefahren, man habe ihn hereingegeten.
Ob er irgend etwas bedaure? Nun ja, meint Rokpelnis nachdenklich, in den 90iger Jahren habe er auch gelegentlich schon mal an Selbstmord gedacht. Am meisten habe er Angst vor seinen Leserinnen und Lesern - den Literaturfreunden also. Wie werden sie ihn nun beurteilen? Werden sie dennoch seine Werke noch lesen wollen? Er hoffe aber, dass sein Geständnis auch andere ermutige, gleiches zu tun. "Meine Erleichterung ist riesengroß," so Rokpelnis.

Jānis Rokpelnis, geboren 1945, ist ein in Lettland anerkannter und vielfach ausgezeichneter Dichter und Schriftsteller; schon 1976 erhielt er die ersten Preise, zuletzt erhielt er 2016 den lettischen Literaturpreis für sein Lebenswerk. Seine Werke wurden bisher ins Englische, Französische, Italienische, Litauische und Russische übersetzt.

Das überraschende Bekenntnis von Rokpelnis löste sehr unterschiedliche Reaktionen in der lettischen Öffentlichkeit aus. Verständnis äußerte die Journalistin Sanita Jemberga, und schrieb gleichzeitig, dass ihr Respekt für Rokpelnis als hervorragender Dichter sich mit dem Bekenntnis nicht ändern werde. 583 Hinweise auf Kollaborateure aus dem Kulturbereich sollen unter den KGB-Materialien noch zu finden sein - so Kārlis Kangeris, Vorsitzender eines Komittees, das gegenwärtig die Inhalte "KGB-Säcke" untersucht (insgesamt sollen es 4300 Personennamen sein, die sich in den noch vorhandenen KGB-Dokumenten finden). Das Komittee hatte vorgeschlagen, die Veröffentlichung für Mai 2018 vorzusehen. Viele Stimmen in der lettischen Öffentlichkeit bezweifeln aber die ehrliche Absicht der lettischen Regierung, eine vollständige Veröffentlichung zuzulassen - zu viele weitere bekannte Persönkeiten werden unter den KGB-Informanten vermutet.

15. Dezember 2017

Hinter dem Hühnerstall

Es mag viele Wege zum Gelderwerb geben in Lettland, und vor allem auf dem Lande ist das Leben schwierig. Auch der kleine Ort Taurupe hat die ruhmreichen Zeiten längst hinter sich. Von hier sind es 95km Wegstrecke nach Riga - je weiter weg von der Hauptstadt, desto mehr davon unbefestigt. Baron von Transehe, der letzte Eigentümer des hier in Taurupe 1724 erbauten und um 1900 im neogothischen Stil umgebauten Gutshaues, wurde 1905 während der Unruhen der "russischen Revolution" von Aufständischen erschossen, das Haus verwüstet. In den Resten des ehemaligen und inzwischen frisch renovierten Guthauses ist heute eine Schule untergebracht, der Ort hat 900 Einwohner.

Nein, nein, nur keine falschen Rückschlüsse: diese Herren
sind - trotz ihres etwas traurigen Gesichtsausdrucks - nicht
die geständigen Verbrecher, sondern die Vertreter der Polizei
Zugegeben, der Ort ist nicht gerade oft in den Schlagzeilen. Nur selten kommen Touristen vorbei, und falls doch, werden so wohl durchreisen. Dass gerade hier Autos wie ein Audi6 oder ein luxuriöser Mercedes vor dem Haus stehen, wäre wohl am ehesten aufgefallen. Andere Anzeichen gab es nicht für Ungewöhnliches in Taurupe - bis zu dieser Woche, als Spezialeinheiten der lettischen Polizei zwei Drogenlabors aushob (ein weiteres im 40km entfernten Allaži), in denen kiloweise Methadon hergestellt worden sein soll. Die Labors waren gut versteckt: im 2. Stock einer Tischlerei, und hinter einem Hühnerstall.  Zwei Laboratorien wurden entdeckt, neun Personen festgenommen (LETA), allesamt lettische Staatsbürger.

Die Festgenommenen gingen alle "nebenbei" noch anderer Arbeit nach, heißt es. Schon seit Juni waren erste Hinweise bei der lettischen Polizei eingegangen, es Drogenlabors gesucht, auch unter Einbeziehung der lettischen Anti-Terrorismus-Einheit "Omega". 6 kg Methadon wurde sichergestellt, dazu eine große Menge der Ausgangsstoffe, 80.000 Euro in bar und einige Luxuslimousinen, die gegen Bargeld gekauft worden waren ("Ir"). Die lettische Polizei nimmt an, dass dieses jetzt aufgefundene Labor bereits einige Jahre in Betrieb war. Ein Kilo Methadon, hat einen Marktwert von etwa 40.000 Euro. Methadon ist ein synthetisches Opiat und wird auch als Heroinersatz bezeichnet. Süchtige, die den Stoff aus illegalen Quellen kaufen gehen das Risiko, dass die Dosierung nicht genau einstellbar ist und daher unmittelbar Lebensgefahr besteht. Der Handel mit Methadon ist genauso strafbar wie bei Heroin und Kokain.

13. Dezember 2017

Händel am Hagensberg

So warb bisher der Markt im Rigaer Stadtteil
Āgenskalns: "Einkaufen ohne den Stress
der Großstadt"
Das Gebäude des Hagensberg-(Āgenskalns-)Marktes gilt als hervorragendes Beispiel der Jugendstil-Architektur - "rationaler Jugendstil", wie es die Selbstdarstellung der Rigaer Märkte bezeichnet (RCT). Gebaut aus roten Ziegelsteinen, abgesetzt mit weißem Gips, bietet sich hier heute eine Marktfläche auf 8300 qm. Im Frühling, Sommer und Herbst standen hier bis vor kurzem 219 einzelne Handelsplätze bereit. Doch zum 1. Januar 2018 soll der Markt in Āgenskalns nun geschlossen werden und sieht einer unsicheren Zukunft entgegen.

Der Platz hat eine lange Tradition: geht man zurück bis ins 17. Jahrhundert, so gab es damals jenseits der Daugava (Düna) nur fünf sogenannte "Höfchen", darunter der Hagenshof und das Gravesche Höfchen. 1669 erwirkte Heinrich von Hagen für sich auch das Recht, einen Krug betreiben und Bier brauen zu dürfen, aber Handel zu treiben war bis 1797 das Vorrecht der Kaufleute in der Stadt auf der anderen Seite der Daugava gewesen. Nun erwarb auch der aus Danzig stammende Kaufmann Friedrich Wilhelm Seuberlich mehrere Grundstücke hier in Pārdaugava und wurde so zum Vorreiter der Handeltreibenden in diesem langsam wachsenden Teil der Stadt. 

So soll der "Sētas krogs" in Āgenskalns ausgesehen
haben (Gebäude links), in dessen Hof das Markttreiben
begann (Bildquelle: Rigaer Museum für Stadtgeschichte
und Schifffahrt
)
Die Anfänge des Markttreibens von Āgenskalns (deutsch "Hagensberg") lagen eigentlich an der Stelle wo die Straßen Lielo Nometņu, Tirgus und Puķu iela zusammenlaufen; hier befand sich damals eine Schänke, der "Sētas krogs" ("Zaun Krug", auch "Caunes Krogs" genannt), in dessen Hinterhof die ersten Marktstände platziert waren. Die heutige "Sētas iela" hat noch ihren Namen davon - an der Stelle der Schänke stehen heute schmucklose, mehrstöckige Gebäude der Technischen Universität Riga (RTU).

Ansonsten fand das Marktgeschehen damals einfach auf der Straße statt. 1895 beschloss eine speziell eingerichtete Kommission des Rigaer Stadtrats die Verlegung des Marktes auf ein großes, bis dahin unbebautes Grundstück - zwischen die heutigen Straßen Nometņu, Zeļļu und Bāriņa iela. Die Stadt erwarb das Grundstück für 15.000 Rubel, der Markt wurde 1898 eingeweiht. Hier hatte einst das Gravesche Höfchen gestanden - lettisch wurde der neue Markt im Volksmund auch "Grāvmuižas tirgus" genannt; der Begriff "Āgenskalns tirgus" setzte sich erst einige Zeit später durch.
Einige Händler blieben dennoch an der alten Marktstelle, alles fand weiterhin unter freiem Himmel statt. Durch den Bau von Straßenbahnlinien wurden die neuen Marktflächen teilweise wieder eingeschränkt. Die Händlerzahl war bis 1914 auf über 600 angewachsen, auch sanitäre Einrichtungen gab es bis dahin nicht; die Behörden sahen die Notwendigkeit den "Basar" zu ordnen und einheitlichen Regelungen zu unterwerfen.

Die Anfänge des Marktgeschehens in Āgenskalns
(Bildquelle: Rigaer Museum für Stadtgeschichte
und Schifffahrt
)
Begonnen wurde der Bau eines Marktpavillons bereits 1911, das musste aber zunächst wegen des Krieges unterbrochen werden. Die Fertigstelluing erfolgte dann 1923-25. Damals war dieses Marktgebäude noch um einiges moderner als die Marktstellen auf der anderen Seite der Daugava - mit Zentralheizung, ausgebautem Keller und einer Galerie im 1.Stock. Der Entwurf stammte noch von Reinhold Georg Schmaeling, der bis zum 1.Weltkrieg Stadtarchitekt in Riga war - eines seiner letzten Projekte, er wurde 1915 pensioniert und starb 1917.

Auch ein Kühlhaus sollte geschaffen werden, was aber vorerst aus Mangel an Finanzen aufgegeben wurde. Weitere Umbauten geschahen in den 20iger und 30iger Jahren nach Plänen von Architekt A.Grīnbergs, ein neuer Eingangsbereich, wo auch zunächst ein Restaurant geplant war. In den 1930iger Jahren entstand rund um das Marktgelände ein Metallzaun, gehalten von Betonstäben, und ein Wärterhäuschen.

Anfang November 2017 kündigte Ivars Jakovels, Vorstandsmitglied der Aktiengesellschaft "Rigaer Zentralmarkt" (“Rīgas Centrāltirgus” - RCT) die Schließung des Marktgebäudes in Āgenskalns an ("Laukos"). Der Zustand des Gebäudes ließe keine Alternative zu, hieß es. Nötig sei eine umfassende Renovierung. Eine technische Untersuchung war dem Schritt vorausgegangen. Aber ist auch genug Geld bereitgestellt, um das Haus zu renovieren? 100% der Aktien des RCT trägt die Stadt Riga - also eine Frage letztendlich an Bürgermeister Ušakovs.
Rettet den Āgenskalns-Markt! Eine Initiativgruppe
sammelt bereits Unterschriften und demonstriert
vor dem Rathaus
Ob die Stadt aber wirklich Interesse am Erhalt aller bisherigen Markthallen hat, daran bestehen Zweifel. Auch der "Vidzemes"-Markt im Norden der Stadt ist schon lange in beklagenswertem Zustand, das Gelände teilweise nur noch als Auto-Parkplatz genutzt. Vertreter des Stadtrats sagen nun gegenüber der Presse, der bisherige Betreiber (SIA “Roveks") sei für den beständigen Rückgang bei Umsatz und Gewinn in Āgenskalns verantwortlich zu machen (Latvijas Avize). Wie diesen Zahlen zu entnehmen ist, machte der Umsatz hier nie mehr als 5% aller Märkte in Riga aus. Liegt also die Kalkulation nahe, die Kunden würden schon den Zentralmarkt nutzen, wenn das Angebot im Vorort Āgenskalns wegfallen würde?

Jevgeņija Šeleņina, Direktorin der Betreiberfirma "Roveks" wiederum, beklagt sich über eine angebliche Weigerung der städtischen Behörden, über das Kulturministerium und die EU Gelder zum Erhalt des denkmalgeschützten Hauses beantragen zu wollen. "Die machen das nicht, wenn es über private Firmen abgewickelt wird," so Šeleņina (Latvijas Avize).

Oļegs Burovs, Vorsitzender des Rigaer Kommittees für städtisches Eigentum (Rīgas domes Pilsētas īpašuma komiteja), stellt die Situation anders dar. Jahr für Jahr habe man dem bisherigen Betreiber einen Vertrag gegeben, und immer habe dieser aufs Neue versprochen, auch etwas für den Erhalt des Gebäudes zu tun - und bisher sei nichts geschehen. Burovs stellt eine Entscheidung des RCT-Vorstands für den 15. Januar 2018 in Aussicht, wie es nun weitergehen soll. Dabei sei nicht ausgeschlossen, die Nutzung des Gebäudes auch längerfristig an einen Vertragsnehmer für 30 Jahre zu vergeben - die Fraktionen des Stadtrats seien sich aber einig, dass im bisherigen Gebäude jedenfalls nichts anders als einen Markt sein solle.

Der Markt von Āgenskalns - so, wie er momentan bekannt ist. Ein
markantes Gebäude, für viele Menschen ein beliebter
Treffpunkt - ob außen oder innen
Von Bürgermeister Nils Ušakovs ist eine Aussage bekannt, der zufolge er die Gesamtkosten der notwendigen Investitionssumme für den traditionsreichen Markt in Āgenskalns auf 10 Millionen Euro schätze.
Eine Protestinitiative aus Marktangestellten und Bürgern sammelte bereits Hunderte Unterschriften gegen eine Marktschließung und ruft zu Protestaktionen am Rathaus auf. Dabei ist es offenbar nicht einfach, politisch den Überblick zu behalten: wer steht da auf welcher Seite? Der bisherigen Betreiberfirma "Roveks" wird vorgeworfen, politisch der Bürgermeisterpartei "Saskaņa" nahezustehen und das Gebäude zu einem extraniedrigen Mietpreis genutzt zu haben. Bei den Protestierenden wiederum sind ebenfalls politisch unschwer Vorlieben auszumachen: hinter einer der Initiativen steht offenbar vor allem die im Stadtrat oppositionelle "Regionalpartei" ("Latvijas Reģionu apvienība/Latvijas attīstībai"). In den Internetportalen sind bereits Vermutungen zu lesen, vielleicht hätten Investoren wie die LIDL-Kette ja ein Auge auf das Gebäude geworfen.
Auch Architektin Zaiga Gaile, ihrerseits bekannt durch mehrere erfolgreiche Gebäudesanierungen in Pārdaugava, meldet sich zu Wort. "Ich lebe nun schon 20 Jahre auf Ķīpsalā, und gehe gern auf dem Markt in Āgenskalns einkaufen", sagt sie. "Ich kenne dort alle Händler, das ist der Markt meiner Kindheit!" - Sie weist auch auf zwei andere kleine Marktstellen hin, die sich in den letzten Jahren außerhalb der Markthallen etabliert haben: im "Berga bazars" (unter anderem mit Öko-Landwirten), und in der Kalnciema iela (mit vielen regionalen Produkten).

Könnte es solche neue Ideen auch für die Markthalle in Āgenskalns geben? Ein Thema mit Emotionen. Da kann man den Verantwortlichen und den anderen Akteuren nur viel Glück und ein glückliches Händchen wünschen.

18. November 2017

Riga Porzellan - Legende und Gegenwart

Als die Schornsteine noch rauchten: Ansicht der
Porzellanfabrik Jessen in Riga
EIN BEITRAG ZUM 99.GEBURTSTAG LETTLANDS
Es soll ursprünglich der Name einer Meeresschnecke gewesen sein: das sogenannte "weiße Gold", als Endprodukt - Porzellan. Das wiederum ist nicht überall gleich: es gibt verschiedene Mischungs-verhältnisse, Brenntemperaturen und Härtegrade. Doch Porzellan aus Lettland? Legendär ist Porzellan aus China, in Deutschland Meißen, Dresden, auch Thüringen, darüber hinaus Wien, und auch in St.Petersburg.

Also: Porzellan aus Riga? Zumindest zu Sowjetzeiten war auf diesem Gebiet nichts von besonderer Qualität bekannt. Schaut man aber ins 19.Jahrhundert, so gab es hier die große Konkurrenz zweier Marken: Kusnezow (gegr. 1841) und Jessen (gegr. 1886) - beide hatten ihre große Zeit vor dem 1.Weltkrieg. - Geht man heute ins Rigaer Porzellanmuseum, so sind dort weitgehend nur Produkte aus der Zeit 1950 bis 1990 ausgestellt; hier findet sich auch kein Nachlass einer bestimmten Fertigungstradition, sondern die Exponate sind eher einzelne Schenkungen von Privatpersonen, oder modernes Porzellan zeitgenössischer Künstler/innen.

Von der Zeit der Jessens und Kusnezows blieb Riga wenig. Es soll ein Schmied namens Jakov gewesen sein, der, aus dem russischen Dorf Novoharitonovo stammend, im Jahre 1812 den Namen Kuzņecovs (russ. Кузнецова) annahm, und 1841 die Produktion nach Riga verlegte. Sein Enkel Sidors übernahm die Fabrik für Tonwaren (sogenannte "Halbfayencen), dessen ältester Sohn Matvejs Kuzņecovs wurde 1864 der Chef. Ab 1851 wurde auch Porzellan produziert. 1913 arbeiteten dort 2650 Menschen.
Ehemals begehrte Exportware:
Produkte aus dem Hause Kuzņecovs
Fünf Söhne und zwei Töchter von Matvejs Kuzņecovs bauten das Familiennetzwerk immer weiter aus; der Vater war Anhänger der altgläubigen Orthodoxie und soll das auch gegenüber seinen Angestellten vertreten haben: weder Rauchen noch Alkohol war gerne gesehen. Die Firma hatte Filialien in ganz Russland, aber nach 1917 blieb der Familie nur noch der Betrieb in Riga (alles andere wurde von den Bolschewiken verstaatlicht), die Porzellanherstellung konnte in der Zwischenkriegsheit dort fortgesetzt werden. Die notwendigen Rohstoffe wurden importiert: Kaolin aus Deutschland oder der Tschechoslowakei, die Keramikfarben aus Frankreich, Feldspat aus der Schweiz oder Schweden, Schamotte, Dekore und Gold wiederum aus Deutschland. Selbst die russische Botschaft soll in den 1920iger Jahren lukrative Aufträge an die Kuzņecovs vergeben haben. Rūdolfs Pelše, Professor an der Kunstakademie in Riga, wurde als Berater engagiert, und viele namhafte Künstler/innen bemalten u.a. damals Porzellan, darunter Ludolfs Liberts, Niklāvs Strunke und Romans Suta, der ab 1938 selbst Porzellanmaler ausbildete. 

1937 konnte die Firma Kuzņecovs in Riga ihr 125-jähriges Bestehen feiern - Präsident Ulmanis lud die ganze Familie (30 Personen) aus diesem Anlaß zu einer Audienz ein. Einige Mitglieder der Familie Kuzņecovs mussten ihre Loyalität zum lettischen Staat später teuer bezahlen: am 14. Juni 1941 wurden neun Kuzņecovs nach Sibirien verbannt, auch der Chemiker und technische Direktor der Firma Mārtiņš Kalniņš mit Familie erlitt dieses Schicksal (Gründer der chemischen Werke "Nitra"). Zwei weitere Kuzņecovs wurden zwei Tage nach dem Beginn des Angriffs Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion am 27.Juni 1941 im Rigaer Zentralgefängnis erschossen.

Die Sowjets verstaatlichten dann den Betrieb, aber am alten Firmensitz wurde noch bis 1991 produziert. Es folgte der Versuch mit "Latvpotik", einem lettisch-schweizerischen Unternehmen, dann "Latelektrokeramika" - diese Firma wurde 2010 aufgelöst. 2013/14 wurde das gesamte Betriebsgelände geräumt, sämtliche alten Gebäude niedergerissen. An dieser Stelle wird voraussichtlich 2019 das rieisige Einkaufszentrum "Akropole" eröffnet werden, auf 98.000 qm Fläche. Die zuständigen Projektentwickler kündigten an, "Fragmente der alten Fassade" als "Erinnerung" stehen lassen zu wollen.

Die zweite große Porzellanfabrik in Riga gründete der im Alter von 20 Jahren aus Deutschland nach Lettland gekommene Jakob Karl Jessen am 2. Februar 1886 im Norden Rigas, in Jaunmīlgravis. Er nutze von Anfang an Dampfmaschinen, und baute die Firma zusammen mit seinem Partner, einem russischen Händler namens Hrapunovs auf. Während Kuzņecov sich am russischen Markt orientierte, stützte sich Jessen zunächst auf Kunden unter den Deutschbalten; auch unter den Dekorateuren und Porzellanmalern waren viele Deutsche. Hergestellt wurden später auch Isolatoren für die Stromleitungen.
Produkte aus dem Hause Jessen
(siehe: www.laikmetazimes.lv)
Um die Jahrtausendwende herum errang das Porzellan aus dem Hause Jessen mehrere Auszeichungen bei internationalen Austellungen, auch anläßlich des 700-jährigen Stadtjubiläums der Stadt Riga. 532 Arbeiter waren zu dieser Zeit bei Jessen beschäftigt. Als sich im 1.Weltkrieg 1915 die Front auf Riga zubewegte, wurden große Teile der Porzellanfabrikation in die Ukraine verlegt, wo die Firma eine Filiale hatte.
Erst in den 1930iger Jahren setzte Ferdinand Jessen die Porzellanherstellung fort, Ende der 30iger Jahre wurden bei Jessen auch Lizenzkopien der bekannten deutschen Firma "Rosenthal" und der finnischen "Arabia" hergestellt.1939 schlossen sich die Eigentümer der Jessen-Porzellanfabrik der Umsiedlung "heim ins Reich" an (Folge des Hitler-Stalin-Pakts) - die Firma wurde geschlossen.

Die letzten Jessen-Produkte - 
Billigware aus den 1990iger Jahren
Erstaunlich, wie viel Journalist und Blogger Ervīns Jākobsons an Informationen zusammentragen konnte - vor allem auch viele Abbildungen der früher produzierten Porzellangegenstände. Bei ihm ist auch nachzulesen, dass die Eigentümer Jessen während der Besetzung durch Nazi-Deutschland zurückkehrten und den Betrieb eine Zeitlang noch weiterführten. 244 Arbeiter seien in dieser Zeit beschäftigt gewesen. Als sich dann die Front wieder Riga genähert habe, schreibt Jākobsons, sei man bemüht gewesen alles zu demontieren und Richtung Deutschland zu schicken - aber "mutige Angestellte" hätten einiges im Hof unter Abfall verstecken können, so habe man nach dem Krieg relativ schnell weitermachen können. In der Sowjetzeit lief es zunächst als “Rīgas porcelāna fabrika” - 1963 wurde der Betrieb dann zusammen mit der ehemaligen Kuznetsov-Fabrik an der Maskavas iela 257 unter der Bezeichnung "Rīgas porcelāna un fajansa rūpnīca" vereinigt. Ab 1968 wurde nur noch Porzellan hergestellt. - Als dann nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit das Gelände an der Lēdurgas ielā 3 privatisiert und aufgeteilt wurde, habe es zwischen 1996 und 2003 auch noch eine "SIA Jesena porcelāns” gegeben (Jessen GmbH), so Jākobsons, mit recht billig hergestellten Tassen und Tellern und dem neu geschaffenen Warenzeichen “Jesens 1886 Rīga”.

Eines der Glanzstücke zum 700.
Geburtstag Rigas: eine riesige Porzellanvase
aus dem Jahr 1901
Der einzige Ort, wo heute wieder Porzellan produziert wird, ist Piebalga in Vidzeme. Inhaber Jānis Ronis versucht dort mit Frau, zwei Kindern und sieben Angestellten seit 2007 eine kleine Porzellanfabrikation aufzubauen - "Piebalgas porcelāna fabrika". (jauns.lv) Das notwendige Ausgangsmaterial müssen sie allerdings in Großbritanien und Deutschland einkaufen.

Ein unklarer Punkt der Geschichte des Porzellans aus Riga ist vielleicht noch die Verbindung zur russischen Stadt Gschel (russ: Гжель / lett: Gžeļa), einem der traditionellen Zentren der russischen Keramikherstellung (60km südöstl. von Moskau - siehe auch: "Gzhel, blue fairytale of Russia"). Beide große Rigaer Porzellanfirmen weisen im Laufe ihrer Entstehungsgeschichte (personelle) Bezüge dahin auf. Warum also kam es zur Porzellanherstellung in Riga? Nur weil der Hafen Riga für das russische Reich das Tor zum Westen darstellte? Oder weil die Firmeninhaber Altgläubige waren, die in Riga ruhiger und besser leben konnten? Oder haben doch einige ehemalige Kuznetsov- oder Jessen-Leute früher Ideen aus Gschel kopiert und nach Riga mitgebracht? Und, falls ja, legal oder illegal? An dieser Stelle sind noch einige Punkte in den bisherigen historischen Darstellungen aus lettischer Feder offen.

Infoquellen: 
Ingunda Šperberga / Ilgars Grosvalds: "Rīgas porcelāns", Rīgas Tehniskā universitāte / Latvijas Ķīmijas vēstures muzejs 2016.
Ervīns Jākobsons: Laikmeta zīmes - Rīgas porcelāns.
Ineta Lipša: Leģendas - Kuzņecovi. Porcelāns (Dienas bizness)
O. Puhļaks: Matvejs Kuzņecovs (Russkije.lv)

14. November 2017

Zuhörer, Inspirator und Wortkünstler

Die meisten Deutschen können wohl keine zwei Zeilen aus Goethes "Faust" zitieren - er hat den gesamten Text ins Lettische übersetzt. Wer sich mit ihm unterhalten hat musste immer damit rechnen, dass er mitten im Gespräch in andere Sprachen wechselt, frei aus Werken deutscher Klassiker zitiert, oder dem Gast aktuelle Fragen seiner vielen Übersetzungsprojekte darlegt. Es ist ihm zu wünschen, dass nicht nur seine zwei in lettischer Sprache erschienenen Gedichtsammlungen ("Re(h)abilitācija" 2004, "Dāvinājumi» 2008) noch mehr Leserinnen und Leser in Deutschland finden, sondern auch seine vielfältigen Erinnerungen an Ereignisse zwischen Deutschland und Lettland. Am 13. November verstarb der Übersetzer, Dr. der Philologie, Sprachkundler und Dichter Valdis Bisenieks im gesegneten Alter von 89 Jahren in Riga.

Ohne ihn wäre wohl die Zahl der in lettischer Sprache herausgegebenen Werke der Weltliteratur um einiges geringer. Valdis Bisenieks wurde 1928 in einer Beamtenfamilie geboren, sein Vater arbeitete im lettischen Landwirtschaftsministerium. Erst nach dem Krieg, 1948, konnte er die Mittelschule abschließen, bis 1953 studierte er Philologie, arbeitete an verschiedenen Hochschulen, von 1965 bis 1990 an der Lettischen Universität. "Als ich mein Studium 1948 begann, konnte ich auf der Universität noch Schillers Wilhelm Tell lesen", äusserte er sich einmal über die Rolle der Germanistik im Sowjetsystem (sie wurde an der Universität Riga 1953 abgeschafft). In den späteren Jahren stellte Bisenieks dann "marxistische Literaturverflachung" fest.
Er beschäftigte sich mit der allgemeinen Sprachwissenschaft, der Phonetik, der Syntax der deutschen Sprache und linguistischen Analysen. Jahrelang arbeitete er an mehreren Ausgaben von Lexika Deutsch-Lettisch (letzte Neuausgabe 2007), und übersetzte außer aus dem Deutschen auch vom Lettischen ins Deutsche, aus dem Italienischen, englischen und sogar altindische Sprachen des Sanskrit. Russisch beherrscht er selbstverständlich ebenfalls, Ukrainisch konnte er zumindest lesen.

"Im Alter von 16 Jahren las ich Thomas Manns "Tonio Kröger" in Deutsch, und von da an wollte ich Übersetzer werden," so erzählte er einmal. An dem deutsch-lettischen Wörterbuch arbeitete er nach eigenen Angaben jahrelang in einer eigens angemieteten Fischerhütte in Carnikava, nördlich von Riga (Diena). Er übersetzte die Hinduistischen Lehren der Bhagavad Gita, das "Stundenbuch" von Rainer Maria Rilke, die Livländische Reimchronik, Arnold Zweigs "Sergeant Grischa", Werke von Thomas Mann und Hermann Hesse, sowie -  nach eigener Einschätzung die schwierigste Übersetzerarbeit - die "Göttliche Komödie" von Dante. Nachdichten sei wie ein Gemälde fälschen, sagte Bisenieks einmal; der Unterschied sei nur, dass man fürs Gemälde fälschen ins Gefängnis komme (Diena).

Den "Faust" ins Lettische zu übersetzen, das wagte vor ihm nur der große Rainis. "Die Version von Rainis klingt vielleicht schöner - meine ist präziser," kommentierte er selbst (TVNet). Rainis selbst dichte eher wie Schiller, meint Bisenieks, eben wie ein Idealist - Goethe dagegen fehle jedes Pathos. - Ein Werk von Rainis wiederum übersetzte Bisenieks ins Deutsche - genauso wie Knuts Skujenieks, Amanda Aizpuriete, und die "Landvermesserzeiten" der Gebrüder Kaudzīte. Von einer Journalistin wurde Bisenieks einmal "Ritter der Worte" genannt. Er selbst drückte es so aus: "Ich habe festgestellt dass ich die Fähigkeit habe die Tropfen im Ozean zu sehen." (lsm3)

Manchen Menschen sagt man nach, das absolute Gehör zu haben. Jede Sprachveriante, Dialekte oder andere Besonderheiten war er gewohnt aus langen Gesprächen mit vielen Menschen zu nehmen - um nicht nur von Angelesenem abhängig zu sein. So hat er sicher nicht nur von seinen beiden Söhnen Armands (heute Architekt) und Ingmārs (Historiker) gelernt, dass die lettische Jugend sich heute nicht nur anders ausdrückt - sondern sogar die Worte anders betont; der Einfluss des Englischen, wie Bisenieks im Interview einmal sagte.

Seit 1992 war er der Präsident des Rotari-Klubs in Riga. Für die Übersetzung von Dantes "Göttliche Komödie" ins Lettische bekam er 2000 einen Preis von der Botschaft Italiens verliehen, 2008 erhielt er in Lettland den Literaturpreis für sein Lebenswerk. Logisch, dass Bisenieks auch Ehrenmitglied in der Dante-Alighieri-Gesellschaft Lettlands war.

Der leidenschaftliche Pfeifenraucher Valdis Bisenieks lebte die letzten 10 Jahre seines Lebens am Stadtrand Rigas (Dreiliņi). "Nahe am Vaterhaus", wie er sagte (TVNet). Er hielt sich mit Jogging fit - angefangen hatte er damit schon in den 1960iger Jahren, damals wegen Asthmabeschwerden. Nun beschrieb ihn die Presse eher als "leicht erkennbar an der etwas altertümlich wirkenden Sportkleidung" (der "laufende Professor", siehe DIENA). Wenn er morgens früh um 11 Uhr sein Laufpensum absolvierte, war der wichtigeste Teil des Tages bereits gelaufen - "Ich bin ein früher Vogel", pflegte er zu sagen, "ich stehe auf wie früher die Bauern, um drei Uhr." Medikamente habe er fast sein ganzes Leben nicht gebraucht.
Gefragt, ob er an die Wiedergeburt glaube, antwortete er nicht mit nein (Kas Jauns). Ein Entwurf für ein Aussprache-Lehrbuch für Kinder blieb bisher unveröffentlicht.

"Lai vieglas smiltis" - "leichten Sand" wünschen Lettinnen und Letten traditionell denjenigen, die sich nach "Aizsaule" verabschieden. Ich wünsche ihm, sollte er es irgendwo brauchen, noch ein Glas guten Rotwein und einen Kräuterschnaps dazu.
Über den Wert eines guten Buches schrieb er die folgenden Zeilen (zitiert nach Jumava):
Laba grāmata ir tev kā partnere - ein gutes Buch ist Dir wie eine Partner/in,
Dažai mīklai tā atnāk atbilde - für allerlei Rätsel findet sich eine Antwort.
Laba grāmata ir tev kā uzticams draugs - ein gutes Buch ist Dir wie ein/e vertrauensvoller Freund/in,
Ar kuru kopā ik brīdis ir jauks - mit dem/der zusammen jeder Moment eine Freude ist.
Un bezgalīgs domu un darba lauks - und ein endloses Gedanken- und Arbeitsfeld.

10. Oktober 2017

Wagner-Dämmerung: Richard ist unser!

Wagnersaal – so wurde das Haus in der heutigen Riharda Vāgnera 4 (ehemals Königstraße) in Riga in der Zeit von 1988 bis 2007 genannt, als es in der obersten Etage als Konzertsaal betrieben wurde. Hier befand sich einst das erste deutsche Theater der Stadt, das Stadttheater Rigas, das einen Zuschauerstamm von etwa 3000 Personen gehabt haben soll, 1782 als Privattheater des Barons von Vietinghoff gegründet. Es wurde 1835 umgebaut und ab da privat gemeinschaftlich finanziert. Bürgerliche Deutsche, die sich hier trafen, hatten einen Kulturverein gründeten - die sogenannte "Musse". Treu Deutsch, das bedeutete damals: bei stetig bekräftigter Treue zum russischen Zaren. Beim Umbau waren die Trennwände zwischen den Logen eingerissen worden: das Ziel war Geselligkeit, nicht Privatheit, so sagen die Bauhistoriker. Als erster Direktor wurde ein Adeliger gewählt: Karl von Holtei, aus einer kurländischen Adelsfamilie stammend, der auch Schriftsteller war und unter anderem auch einen der ersten Kriminalgeschichten Europas hinterließ ("Mord in Riga").

Als Richard Wagner vom August 1837 an in Riga war, wohnte er anfangs in einer kleinen, im Winter sehr kalten Wohnung in der Kalēju iela. „Den Winter, mit welchem wir in das Jahr 1838 traten, brachten wir noch in einer engen, unfreundlichen Wohnung in der alten Stadt zu”, so beschrieb Wagner es in "Mein Leben". Am 1. September 1837 dirigierte er erstmals als Kapellmeister, 24 Jahre alt. Insgesamt dirigierte und inszenierte Wagner etwa 20 französische, italienische und deutsche Opern, darunter fünf Uraufführungen in Riga. Als aber dann die Ehefrau von Direktor von Holtei starb, reiste dieser aus Riga ab und kehrte nicht mehr zurück. Vielleicht wäre Wagner gern sein Nachfolger geworden - aber das Theaterkomittee holte lieber jemand anderen - und im März 1839 wurde Wagner dann auf Betreiben des Theater-Comitees entlassen.

Am 9. Juli 1839 brach Wagner mit seiner Frau per Kutsche aus Riga auf, ohne Paß - um nicht erkannt zu werden (als Sachse brauchte er außerhalb Sachsens einen Reisepaß). Mit dem Segelschoner "Thetis" ging es Richtung London und von dort weiter nach Paris. Die stürmische Überfahrt soll ihm Inspiration für den „Fliegenden Holländer“ gebracht haben. In Riga hatte er auch die Arbeit an seiner ersten Oper „Rienzi“ begonnen. Die Reaktion eines Rigensers beschrieb Wagner später so: „welcher erstaunt war, von den Erfolgen eines Menschen zu hören, von dessen Bedeutung man während eines zweijährigen Aufenthalts in der doch nicht sonderlich großen livischen Hauptstadt nicht das mindeste wahrgenommen hatte.“

Die Kronleuchter hängen zwar noch im
"Wagner-Saal" - aber das ganze Gebäude ist
heute dringend renovierungsbedürftig
Mit der Aufführung von Schillers "Wallenstein" wurde 1863 das neue Haus des Deutschen Theaters eröffnet, heute befindet sich dort die Lettische Nationaloper. Die "Gesellschaft der Musse" residierte noch bis 1940 in ihrem Gebäude, der ehemalige Theatersaal wurde mehrmals umgebaut. 1988 wurde dann die obere Etage des Gebäudes restauriert. Nun fanden hier Kammermusikkonzerte statt. Aber mit der Verschlechterung des technischen Zustands der Gebäude wurde das Konzertleben 2007 gestoppt - seitdem ist das Gebäude geschlossen worden.

Wagner-Demo in Riga am 3. Oktober
Technische Untersuchungen ergaben darauf, dass eigentlich umfangreiche Maßnahmen zur Verstärkung des Fundaments nötig wären. Hoffnungen auf eine staatliche Finanzhilfe zerschlugen sich 2013, als nach dem Brand im Rigaer Schloß klar wurde, dass dort größere Renovierungsarbeiten nötig sein würden. 2014 wurde dann eine Stiftung zur Renovierung des Wagner-Saals gegründet, die mit der "Richard Wagner-Gesellschaft Riga" (Rīgas Vāgnera biedrība) zusammenarbeitet. Verschiedene Ideen zur zukünftigen Rolle der renovierten Gebäudes wurden entwickelt - als eine der möglichen Varianten galt eine Ausstellung zur Musikgeschichte in Riga hier unterzubringen. Vorsitzender der Wagner-Gesellschaft ist Ex-Regierungschef Māris Gailis, der ebenso wie seine Frau, die Architektin Zaiga Gaile bereits viele andere Kulturprojekte in Riga angeschoben und realisiert hat.

... gar mancher Kopf sucht nun sich zu vergleichen ...
Schon 2012 hatte eine Kommission des lettischen Parlaments auf Initiative des Musikwissenschaftlers Arnolds Klotiņš das Gebäude besichtigt, aber seitdem war nicht viel passiert. Träume von einer Kooperation mit einem Partner aus der Industrie hatten sich bisher als bloße Luftschlösser erwiesen. Seit 2006 ist das Gebäude Eigentum eines staatlichen Immobilienfonds (Va/s Valsts nekustamie īpašumi VNĪ).

Vor einigen Tagen hatte eine "singende Demonstration" Aufsehen in Riga erregt (wie anders als "singend" können Demos in Lettland sein?); waren es "einige Dutzend" (wie einige deutsche Medien schreiben / Neue Musikzeitung / BR / 3sat / Deutschlandfunk), oder mehr? Jedenfalls waren die Gesänge wie üblich länger als die gehaltenen Reden - in der lettischen Presse war von "Hunderten von Chorsängern" die Rede. Eigentlich war es als "Flashmob" organisiert (lettisch = zibakcija). Unter dem "Hashtag" #VāgneRīga hatten sich Unterstützer/innen versammelt, allerdings nicht als Protestaktion, sondern eher wie ein "Wagner-Fanclub": unter der Leitung des Dirigenten Māris Sirmais, und mit kräftiger Unterstützung von Orchesterleiter Valdis Butāns und seines Blasorchesters "Riga". So waren dann auch Lieder aus Wagners "Tannhäuser" zu hören, und Wagners Urenkelin Eva Wagner-Pasquier war selbst zugegegen und zeigte sich gerührt. Beim lettischen Fernsehsender LTV war gar von "800 Sängerinnen und Sängern aus 50 verschiedenen Chören" die Rede.

Es zeigt sich, dass auch Ex-Politiker Gailis in seinen Bemühungen schon bis zu Bayreuther Politikern vorgedrungen ist (auch wenn dort die korrekte Schreibweise des Namens noch nicht ganz verstanden wird). Nun müsse allerdings die lettische Regierung noch die notwendigen Beschlüsse für eine finanzielle Unterstützung fassen. - Wagners Urenkelin selbst soll nun die Schirmherrschaft für das anstehende Renovierungsprojekt übernehmen (lsm). "Ich bin gerührt vom Enthusiasmus der Lettinnen und Letten für Musik und Gesang," sagte sie der lettischen Presse. Von Seiten der Kulturministerin Dace Melbārde war dazu bisher nur zu vernehmen, dass zunächst der Neubau eines Konzertsaals in Riga erste Priorität der Kulturpolitik sei. Für den Wagnersaal hoffe sie auf ein "Public-Private-Partnership"-Projekt, also eine Zusammenarbeit mit der Wirtschaft (lsm). Unter den verschiedenen Vorschlägen gibt es auch eine Idee, das Haus für 30 Jahre zur Nutzung an einen privaten Investor zu vergeben, wenn dieser einen Großteil der nötigen Renovierungskosten übernimmt.

6. Oktober 2017

Weniger "Jānis" und "Inese", mehr "Daniels" und "Sofija"

Wer in Deutschland Kurt, Karl-Heinz oder Franz-Josef heißt, wird vielleicht auch ohne Foto eine Vorstellung davon erzeugen, wie alt dieser Mensch ungefähr sein mag - vielleicht geht es denjenigen ähnlich, die einer Helga, Renate oder Gertrud begegnen. Auf Lettland übertragen, gibt es nun ebenfalls einen Leitfaden zu den populärsten Vornamen im Wandel der Zeiten, herausgegeben vom lettischen Statistikamt.

Da sehen wir schnell, dass auch der moderne Lette / die moderne Lettin ihren Sohn nicht mehr automatisch "Jānis" nennen will - auch wenn das Mitsommer-Feiern dann noch schöner wird. Immerhin hielt sich "Jānis" bis zur Jahrtausendwende auf Platz 1 der beliebtesten lettischen männlichen Vornamen. Gegenwärtig populär sind eher "Roberts", "Gustavs" und "Ralfs". Dahinter ist auch "Kārlis" wieder im Kommen - ein guter alter lettischer Name, wie auch "Artūrs". Bei den Mädchen und Frauen war früher mal "Anna" unangefochten, später gab es eine Zeit der "Kristīna's", "Anastazija's" und "Viktorija's" - heute ist tatsächlich "Sofija" auf dem Beliebtheits-Zenit.

Natürlich zieht die lettische Statistik auch Bilanz verschiedener Jahrzehnte. In den 70iger und 80iger Jahren war es die Zeit für "Inese", "Inga", "Ilze" und "Dace" - heute also alles gestandene Frauen. Bereits 1918 bis 1940 populär waren "Sofija", "Emīlija", "Marta", "Alise", "Katrīna" und Elza - allesamt feiern heute so etwas wie ihr Revival. Es gibt auch Benennungen nach Filmfiguren: wie "Lāsma", eine Rolle aus dem Filmklassiker “Limuzīns Jāņu nakts krāsā”, der 1981 Premiere hatte.

Eine statistische Spielerei: Lettlands
"Geschlechterkarte": je blauer, desto mehr
Übergewicht der Jungs unter den Neugeborenen,
je mehr Rot, desto mehr Mädchen
Und es gibt regionale Unterschiede: während in Vidzeme "Marta" heute ganz vorn in der Popularität liegt, drängen sich in Kurzeme auch noch "Sofija" und "Anna" unter die fünf beliebtesten, in Latgale aber auch "Viktorija", "Anastasija" und "Milana". Auf ganz Lettland gesehen, tauchte ein Name wie "Emīlija" früher nur in den 1920iger Jahren auf - um nun im neuen Jahrtausend es fast ganz nach oben zu schaffen. Außerdem haben die lettischen Statistiker herausgefunden, dass der Name "Monta" es in Vidzeme und Kurzeme in den 1990iger Jahren unter die 20 beliebtesten schaffte, während man ihn in Latgale vergeblich sucht.

Bei den männlichen Vornamen ist in Lettland gegenwärtig schon seit einigen Jahren "Daniels" der beliebteste (ohne "Jack", mögen Witzbolde vielleicht hinzufügen). Der gute alte "Jānis" übrigens wird von denjenigen lettischen Eltern, die im Ausland leben und arbeiten, nur noch auf einem Platz so um die siebzig geführt - öfter als im Heimatland tauchen hier "Nikola", "Mia" oder "Aleksandra" auf, bei den Jungs neuerdings die "Olivers", "Dominiks" oder "Davids".

Abschließend noch eine statistische Spielerei: gemäß den aktuellen Zahlen des lettischen Statistikamts ist der Überschuß an neugeborenen Mädchen in Varakļāni (75%), Vecpiebalga (68%), Kocēni (62%), Aizkraukles (61%) und Jaunpiebalga (60%) am höchsten. Dagegen werden in Aknīste (73%), Rugāja (69%), Naukšēni, Nīca und Alsunga (je 67%) weit überwiegend Jungs geboren.

1. Oktober 2017

Lettland und Katalonien

Ja, es gibt eine Verbindung zwischen Lettland und Katalonien. Es ist nicht nur der schnelle Gedanke, die Unabhängigkeitsbewegungen der baltischen Staaten könnten mit der Kataloniens verglichen werden - nein, es ist konkreter.

Es war Lettlands Ex-Premier Valdis Dombrovskis, der im September 2013 relativ beiläufig erklärte, Lettland könne sich prinzipiell vorstellen, die Unabhängigkeit Kataloniens anzuerkennen - nachdem die Katalanen eine 500km lange Menschenkette gebildet hatten als Symbol für ihr Bedürfnis nach Unabhängigkeit von Spanien. Die Reaktion aus Madrid erfolgte umgehend: der lettische Botschafter wurde zur Befragung zitiert. Auch vom damaligen litauischen Ministerpräsident Algirdas Butkēvičius waren ähnliche Äußerungen zu vernehmen gewesen (und Litauen hatte zu dieser Zeit die EU-Präsidentschaft). Eine Wiederholung des "Baltischen Wegs", diesmal innerhalb der Europäischen Union?

Von Dombrovskis und Butkēvičius waren danach Äußerungen zu hören wie etwa diese: sie seien stolz darauf, wenn der "Baltische Weg" andere Menschen inspiriere. Alles müsse aber in legalem Rahmen geschehen. Immerhin hatten beide eines erreicht: gab es vorher vielleicht Menschen in Katalonien, die nicht wußten wo sich die baltischen Staaten befinden - jetzt wurden sie aufmerksam. Und aus Spanien wurden Gerüchte gestreut, Dombrovskis habe 6 Millionen Euro Bestechungsgelder kassiert um eine Aussage zugunsten der Katalanen zu machen (Interviú).

"Es ist die Zeit gekommen" - auch in Katalonien werden
lettische Lieder gesungen
Sympathie findet Dombrovski auf Seiten der lettischen Presse. "Die 7,5 Millionen Katalanen sind ein großes Volk, mit ihrer eigenen Sprache, Geschichte und Identität," schreibt Otto Ozols in der "Latvijas Avize"."Während der Franco-Diktatur war es viele Jahre lang verboten, Bücher und Zeitschriften in Katalan herauszugeben. Die Sprache war lange verboten in Schulen und Hochschulen. Franco ließ katalonische Patrioten erschießen, ins Gefängnis werfen und trieb sie ins Exil. Wir dürfen nicht feige zusehen, wenn nun auch noch die Klatschpresse Lettland erniedrigt!" -

Sonst sind Korruptions-Vorwürfe und Schimpftiraden gegen eigene Politiker ja eher gewöhnlich in der lettischen Öffentlichkeit - in diesem Fall aber wachsen die kaum versteckten Sympathien für Katalonien nur noch weiter an. In einem aktuellen Kommentar bezeichnete Ozols die Versuche der spanischen Polizei, die Abstimmung zu verhindern, als "Angriffe wie im hybriden Krieg" (Delfi). Damit stellt Ozols Katalonien sogar der Ukraine gleich - ein Auspruch, den die Presseschau der Bundeszentrale f. pol. Bildung leider nur ungenau wiedergibt. Für Ozols ist die Sache einfach: "demokratische Prozesse können Europa nicht erschüttern, nur stärken".

Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt lettisch-katalonischen Gleichklangs. Beinahe im wahrsten Sinne des Wortes. Das hängt mit dem Lied "Saule. Pērkons. Daugava" zusammen, eines der beliebtesten Lieder auf den großen lettischen Sängerfesten. Die Worte des Textes stammen von Rainis, die Melodie vom lettischen Komponisten Martiņš Brauns. Seit einigen Jahren gibt es eine Version in katalanischer Sprache mit der Melodie von Brauns - "Ara és l'hora" (es ist an der Zeit) wurde zu einer der Hymnen der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, aufgeführt vom „Cor Jove de l’ Orfeó Català”; verwendet wurden Verse des katalanischen Dichters Miquel Martí i Pol.

Gelegentlich registrieren auch deutsche Journalisten dieses Lied bei den Katalanen, allerdings ohne seinen lettischen Ursprung (siehe FAZ, Junge Welt). Wer weiß, wie gerne Lettinnen und Letten singen wird ahnen können, wie nahe ihne die katalonische Unabhängigkeitsbewegung ist. "Die Katalanen haben zu den Spaniern dieselbe Beziehung wie wir Letten mit den Russen," so ließ sich Komponist Brauns in der Presse zitieren (Kas Jauns). Geld habe er aber für die Melodie von den Katalanen nicht genommen, so Brauns. "Lettland ist uns ein Beispiel für die Freiheit", das sagt Roger Albinyana, Beauftragter der katalanischen Regierung für "auswärtige Angelegenheiten", der lettischen Tageszeitung "Diena". Albinyana reist schon seit Monaten in der Welt umher um für die katalanischen Ideen zu werben. "Ich verstehe, dass Europa innere Stabilität haben möchte," sagt er, "die 7 Millionen Katalanen sehen in den baltischen Staaten unser Vorbild."

22. September 2017

Bäume im Gespräch

Wie geht es Lettland? Wie leben Lettinnen und Letten? Geht es nach der lettischen Regierung, soll demnächst nur noch fröhlich gefeiert werden - das hunderste Jahr seit Lettland erstmals unabhängig wurde.

"Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist" schrieb einst Berthold Brecht ("An die Nachgeborenen"). Vielleicht denken die lettischen Naturfreunde momentan ähnlich: 100 Jahre, gut und schön - aber ein Gespräch über Bäume muss möglich sein. "Was hat Ihrer Meinung nach den größten Wert in der lettischen Natur!" fragte der World Wildlife Fund Lettland ("Pasaules dabas fonds") und erntete von Dreiviertel aller Letten die Antwort: der Wald!

Umfrageergebnisse des WWF Lettland:
Wald und Küste wichtig für Lettinnen und Letten
"100 Kahlschläge" (100 Kailcirtes) lautet der Wahlspruch der aktuellen lettischen Naturschutzkampagne, der auf eine Gesetzesinitiative aus dem lettischen Landwirtschaftsministerium abzielt, der Kahlschläge auch in Wäldern an der Ostseeküste erlauben und den Durchschnittsdurchmesser der Bäume verringern will, ab dem ein Fällen erlaubt ist. Aber Kahlschlag zum 100.sten - dagegen wehren sich die Naturschutzaktivisten und starteten eine Unterschriftenkampange zugunsten der lettischen Wälder. Diese wird unterstützt vom Umweltschutzklub ("Vides Aizsardzības Klubs"), der "Grünen Freiheit" ("Zaļa brīviba"), dem lettische ornithologische Gesellschaft ("Latvijas Ornitoloģijas biedrība"), die lettische Naturschutzstiftung ("Latvijas Dabas Fonds"), der World Wildlife Fund ("Pasaules Dabas Fonds") und sogar von der lettischen Anglervereinigung ("Latvijas Makšķernieku asociācija").

Es ist nicht die einzige Initiative zum Schutz von Bäumen. Jegliche Waldarbeit möchte eine weitere Initiative für die Zeit der Vogelbrut unterbrochen haben, die auf dem Portal "Mana balss" ("Meine Stimme") um Unterstützung wirbt - über 5000 Menschen haben schon unterschrieben.

Aber auch im offiziellen Programm "Lettland 100" fehlen Bäume nicht. Dazu ist wichtig zu wissen, was "dižkoki" sind - den Begriff einfach mit "große, alte Bäume" zu übersetzen, wäre fast untertrieben, gemessen an der Verehrung die viele Lettinnen und Letten gegenüber prachtvollen Baumexemplaren haben. Dem entsprechend ist auch die Wortschöpfung "dizošana" eine Erläuterung wert: hier sollen die Teilnehmer/innen durch ein Fragespiel herausfinden, welchem Baum sie am ähnlichsten sind - um diesen dann auch in der freien Natur zu besuchen.

In diesem Zusammenhang ist es erstaunlich, dass in Lettland für jede Baumart genaue Kriterien gelten, ab welchem Stammdurchmesser ein Baum als "dižkoks" gelten kann: sind beim Wacholder nur 0,8m nötig, so muß eine Kiefer schon 2,5m Durchmesser haben, eine Eiche 4m und eine Pappel sogar 5m, um in diese besondere Kathegorie aufgenommen zu werden. Etwa 4000 solcher besonderen Bäume sind in Lettland bereits offiziell als Naturdenkmäler registriert worden - eine exakte Liste findet sich zum Beispiel im lettischen Wikipedia, bei der Naturschutzverwaltung, bei der Lettischen Stiftung zum Schutz des Naturerbes, oder bei Guntis Eniņš, dem besten Baumkenner Lettlands. Eniņš setzte sich bereits zu Sowjetzeiten für den Erhalt und Schutz alter Bäume ein und schaffte es, 900 alte Bäume selbst zu erfassen und registrieren zu lassen. So manche lettische Gemeinde wirbt auch touristisch mit ihrem Bestand an Baumriesen - wenn auch manchmal nur im lettischsprachigen Teil der Touristinfo. Beispiele: Ādaži, Alūksne, Jaunpils, Jēkabpils, Kandava, Liepāja, Mārupe, Talsi, und sicher noch viele weitere.

Die lettischen Naturfreunde - es gibt sie also noch. Zwar sind die großen Zeiten der lettischen Umweltschutzbewegung offenbar vergangen - aber ein naturnahes Leben ist für die meisten Lettinnen und Letten auch heute noch ein erstrebenswertes Ziel. Bleibt zu hoffen, dass auch in Zeiten der groß angelegten, auf bloße Geldvermehrung angelegten Ressourcenausbeutung die Naturwerte Lettlands nicht mit zerstört werden.