14. August 2018

Mit 16 kann man noch losen

Erst losen, dann wählen: lettische Demokratie-Rituale
Das lettische Wahlgesetz legt den Termin für die lettischen Parlamentswahlen automatisch fest: es muss immer am ersten Samstag im Oktober sein. Also wird es in diesem Jahr der 6.Oktober 2018 sein. Einige Monate vorher findet eine für deutsche Augen und Ohren vielleicht ungewöhnliche Zeremonie statt: die Vertreterinnen und Vertreter aller zugelassenen Wahllisten kommen mit dem Wahlleiter zusammen, um eine Art "Lotterie" zu veranstalten: die Startplatzvergabe.

Weiterhin viele fantasievolle Parteinamen

Bis zum 8. August mussten die Parteien ihre Kandidatenlisten abgegeben haben. Nun wissen die Wählerinnen und Wähler auch die "Startnummern" - sechzehn Listen insgesamt, drei mehr als bei der Wahl 2014.
Dieses Jahr wird es die "Latvijas Krievu savienība" LKS (Vereinigung der Russen Lettlands) sein, die sich nun auch "Liste 1" nennen kann - auf der "Pole-Position", sozusagen.
Es folgen als Nr. 2 die "Jaunā konservatīvā partija" (Neue Konservative Partei), als Nr. 3 die "Rīcības partija" (Aktions-Partei). Die "Nacionālajai apvienībai 'Visu Latvijai!' / Tēvzemei un Brīvībai/LNNK" (Nationale Vereinigung Alles für Lettland / für Vaterland und Freiheit LNNK) ist die Nr. 4. Es folgen die "Progressiven" auf Startplatz 5, ("Progresīvie"), "Lettlands Zentristische Partei" (Latvijas Centriskā partija) als Nr. 6, und der Abkürzungs-Zungenbrecher "LSDSP/KDS/GKL" als Nr. 7, eine Vereinigung aus den drei Parteien “Latvijas Sociāldemokrātiskā strādnieku partija” ("Lettlands sozialdemokratische Arbeiterpartei"), “Gods kalpot mūsu Latvijai” ("Ehre unserem Lettland zu dienen") und der “Kristīgi Demokrātiskā Savienība” ("Christlich-demokratische Vereinigung") - alles zusammen nennt sich nun "SKG".
Wenn nur die anderen lachen - dann ist wohl gerade
die 13 gezogen worden
Damit nicht genug: auf Startplatz Nr. 8 steht noch "Von Herzen für Lettland" ("No sirds Latvijai") zur Wahl, als Nr. 9 die "sozialdemokratische Partei Saskaņa" (die deutsch gern mit "Harmonie-Partei" übersetzt wird), und Nr. 10 ist die "Entwicklung / Dafür" (Attīstībai/Par). Die "Lettische Vereinigung der Regionen" (Latvijas Reģionu apvienība) loste sich selbst die Nr. 11, auf Liste 12 stehen noch die "Lettischen Nationalisten", und die - vielleicht ungeliebte - Nr. 13 erhielt "Neue Einheit" ("Jaunā Vienotība"). Und damit noch nicht genug: als Nr. 14 startet "Par alternatīvu" ("Für eine Alternative"), die Partei auf Startplatz 15 nennt sich "KPV LV", und ganz zum Schluß, mit der Nummer 16, kommt die gemeinsame Liste der Bauernpartei mit den Grünen (Zaļo un zemnieku savienība).

Weitere Regeln waren zu erfüllen. Inzwischen gilt die Vorschrift, dass Parteien, die sich zur Wahl stellen möchten, mindestens ein Jahr vor dem Wahltermin gegründet sein und mindestens 500 Mitglieder stark sein müssen.

Symbolik abgespeckt

Aufgrund der eingereichten Listen wurden auch schon einige statistische Auswertungen vorgenommen: diesmal sind 31,7% der zur Wahl Stehenden weiblich. 1470 Kandidatinnen und Kandidaten bewerben sich für die 100 Sitze im lettischen Parlament, der Saeima - das ist die höchste Zahl seit 1993. Der Wahlbezirk Rīga wird im künftigen Parlament 35 Abgeordnete stellen, Vidzemes 25, Zemgales 14, Latgale 14 und in Kurzeme wird über 12 Sitze entschieden werden.

Eine andere Tendenz scheint zu sein - um mal beim rein Formellen zu bleiben: kaum jemand setzt noch auf ein allzu eindeutiges Parteisymbol. Einmal ein Baum, einmal zarte Blütenblätter, dann die stilisierte Weizenähre, und zweimal sind lettische Ornamente im Einsatz - das ist schon alles. Andere Parteilogos setzen nur noch auf geometrische Anordungen, Linen (möglichst aufwärts weisend), oder - besonders die neu gegründeten Parteien - auf eine schicke Parteifarbe. Einzig die winzige "Alternative" (Nr. 14) gibt Rätsel auf: ein Zahnrad mit Hammer und Feuerfackel (wenn ich es richtig erkannt habe). Farblich sind 10 der 16 Parteien ganz oder teilweise auf ROT fixiert - zweimal gibt es pures Blau, einmal pures Gelb, einmal hellgrün.

Spaltung der Generationen?

Schauen wir uns nur mal diejenigen Parteien näher an, die beim Frauenanteil oder beim Alter der Kandidat/innen herausstechen. Da gibt es krasse Extreme. Den geringsten Frauenanteil (18,9%) hat diejenige Partei, bei der gleichzeitig 51,3% aller Kandidat/innen älter als 60 Jahre sind: die Partei, die sich "Alternative" (Nr.14) nennt. Was hier auf dem Programm steht: Wiedereinführung der Todesstrafe, Austritt aus der EU plus Schuldenschnitt für Lettland, "Verschlankung" des Staatsapparates um 90%, Steuerfreiheit für die Landwirtschaft und ein Verbot für alle Minster Parteien anzugehören. Außerdem die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland, da schon Donald Trump gesagt habe: "Ein Idiot, wer nicht Freund ist mit Russland".
Eine weitere Partei tritt mit auffälligem Anteil von Kandidat/innen im Pensionsalter an: bei den "Lettischen Nationalisten" (Nr.12) sind 48,5% der Bewerber über 60 Jahre alt. Hier steht erstaunlicherweise weder der Austritt aus EU noch NATO auf dem Programm.

Erstaunlich vielleicht, dass gerade bei der gemeinsame Liste der Grünen und Bauern (ZZS) nur 2 Menschen unter 30 Jahren sich anbieten (0,9%) - Minusrekord! Gleichzeitig werden hier nur 21.1% Frauen aufgeboten, die zweitniedrigste Zahl aller Listen. Ist es ein Zeichen dafür, wie etabliert und mit alten Kadern durchsetzt diese Partei inzwischen ist? Sie stellt gegenwärtig den Ministerpräsidenten.

Dringend gesucht: Polit-Helden mit
Wiederwahl-Potential
Die meisten jungen Kandidat/innen unter 30 Jahren hat die "KPV LV" vorzuweisen (Nr. 15). Manche bezeichnen sie auch als "Ein-Mann-Partei", denn bekannt ist vor allem das Gesicht von Arturs (genannt: Artuss) Kaimiņš, Schauspieler und Radiojournalist, der seine politische Karriere mit einer im aggressiven Stil durchgeführten Solo-Interviewshow nach dem Motto "Ich entlarve euch alle" vorbereitete. Da wurden Studiogäste auch schon mal heimlich gefilmt, und auf Youtube erreichte dies mehrere Zehntausend Zuschauer. Also eine Partei, die auch durch die Konzentration auf "soziale Medien" besonder viele junge Leute erreicht - die offenbar auch zu Kandidat/innen werden. Hier ist nur ein einziger Kandidat über 70 Jahre alt, weitere vier über 60 - das sind 4,4% insgesamt. Stattlliche 20% sind allerdings jünger als 30 Jahre alt, 61,7% unter 40 Jahren.

Probleme bei alten wie auch bei jungen Leuten hat offenbar die "Neue Einheit" (Nr.13), die mit Valdis Dombrovskis und Laimdota Straujuma auch mal erfolgreiche Ministerpräsidenten stellte, sich dann aber mehrfach spaltete. Offenbar sind hier sowohl die älteren Engagierten verloren gegangen wie auch keine jungen Leute dazu gekommen. Hier ballt sich das Kandidatenalter in der "Mittelschicht": 76,6% sind zwischen 30 und 60 Jahren alt.

Zumeist unentschieden

Aktuellen Umfragen im Juli 2018 zufolge hält momentan die “Saskaņa” (Nr.9) mit 21,4% Wählerzuspruch die Spitze, gefolgt von den "grünen Bauern" (ZZS, Nr.16) mit 12,4%, aktuell Regierungspartei. Dann folgt schon die KPV LV (Nr.15) mit 7%, gefolgt von der zweiten aktuell mitregierenden Partei, der "nationalen Vereinigung" (Nr. 4) mit 6,8%. 4,4% sprechen sich für die neu gebildete "Entwicklung - dafür" (Nr.10) aus, die teilweise die Scherben der alten Regierungspartei "Vienotiba" aufgesammelt hat. Meßbar sind auch noch 3,9% Zustimmung für die "Neuen Konservativen" (Nr.2) und 2,9% für die "Neue Einheit" (Jauna Vienotība, Nr. 13). (lsm) Alles zusammengerechnet ergibt das nur 58,8%. Was wählt der Rest? Viele lieben eben weder Parteien noch Politiker/innen, gehen aber aus demokratischem Pflichtgefühl zur Wahl. Aber wie sie entscheiden werden? Gegenwärtig steht ein sehr "buntes" Wahlergebnis in Aussicht.

Mehr zu den Kandidat/innen-Listen gibts bei der Lettischen Zentralen Wahlkomission.

31. Juli 2018

Wer hat Angst vorm roten Wolf?

Lettischer Fußball? Da war mal etwas, genau im Jahr des Beitritts zur Europäischen Union: ein 0:0 gegen das Land der "Rumpelfußballer". Manche fassen es heute als "Deutschlands größte Blamagen" zusammen (geileTore).

"Rückwärts in den Rumpelfußball" lautete aktuell ein Kommentar zum frühen Ausscheiden der deutschen Fußballer bei der WM (sportschau). Eines ist klar: nach 2004 kam Jogi Löw (zuerst zusammen mit Klinsi), und der deutsche Fußball hat sich erfolgreich "neu erfunden". Ganz Ähnliches versucht nun auch Lettland.

Die Rolle von Lettlands Jogi Löw möchte gern Kaspars Gorkšs spielen, der seit wenigen Wochen neu gewählte Präsident des lettischen Fußballverbandes. Nach der Niederlage am 25. März gegen Gibraltar (0:1 in der 89.Minute) musste Nationaltrainer Starkovs gehen, der lettische Fußball sucht verzweifelt nach einem Neuanfang.
Gorkšs war lettischer Nationalspieler, aber sein erstes Spiel machte er erst 2006 - vielleicht taugt ja auch ein 0:0 langfristig eher nicht zur Bildung von Heldenmythen. Aber genau daran, an Mythos und Image, arbeitet der neue Präsident gerade sehr intensiv.

"Stolz, Einheit, Kampfkraft" - so die neu verkündeten Leitsätze des lettischen Fußballs. Also: "11 vilki sollt ihr sein" (vilks = Wolf). Dazu kommen noch Schild und Ornamente, lettischen Traditionen nachempfunden. Auch ein eigener Imagefilm wurde produziert. "Für andere mögen es Geld oder Ruhm sein, aber für uns ist es der Kampf für den eigenen Staat und die Flagge!" für solche Aussagen ist Gorkšs schon länger bekannt. Dafür reiche es nicht, sich die Freiheitsstatue auf den Oberarm zu tätowieren, oder bei jeder Gelegenheit die Flagge zu küssen. Nun also ein eigenes Logo für die Nationalmannschaft.

Mit deutlicher Ironie blickt Karikaturist Gatis Šļūka auf
die sportliche Inanspruchnahme der Symbolwölfe
Der lettischen Mythologie zufolge gelten Wölfe auch als "Hunde Gottes", die gegen das Böse kämpfen. Bisher hatten sich vor allem lettische Soldatenvereinigungen und Motorradklubs den Wolf als Symbol ausgesucht. Und wer schon die Mythologie bemüht: für Menschen, die wirklich noch im alten Volksglauben verhaftet sind, liegt der Glaube an besondere Kräfte des Wolfes auch nicht weit entfernt vom Glauben an den Werwolf ("vilkacis", siehe ARD, oder auch vimeo). "Einzelgänger, die aber doch zusammenarbeiten", so kennzeichneten einige lettische Fußballer die angestrebten Gemeinsamkeiten zwischen Wolfscharakter und Fußballspiel (lsm).

Lettischer Volleyball: mit viel Wolf
und viel Wald
Die eigentliche, erheblich langwierigere Aufgabe des Fußballverbandes wird aber sein, bessere eigene Ausbildungsstrukturen zu schaffen. Bisher gehen schon 14-15-Jährige eher ins Ausland, wenn sie internationales Niveau erreichen wollen.Die nächsten Spiele der lettischen Nationalelf werden im September gegen Andorra, dann im Oktober gegen Kasachstan und Georgien sein. Vielleicht ja bald auch mal wieder gegen das Nachbarland Estland - auch dort ist ja offenbar eine Wolfs-Sympathiewelle ausgebrochen. Und auch im eigenen Land hat der Fußball-Wolf Konkurrenz: auch die Verantwortlichen für die Volleyball-Nationalmannschaft beschlossen kürzlich, das Team künftig "die lettischen Wölfe" zu nennen - bisher noch ohne Wolf im Logo. Die Volleyballer haben aktuell gegenwärtig ein "Jahrhunderspiel" ausgerufen: am 19.August gegen ... Estland.

Auf dass die lettischen Wölfe in Zukunft mehr als nur eine Erdbeere finden ("kā vilkam zemeņu oga") - die lettischen Variante vom Spruch des Tropfens auf den heißen Stein (auch die Erdbeere war übrigens schon 2004 aktiv - Ronaldo wird sich erinnern!). Vielleicht mag der europäische Fußball, der bisher nur "Fußballprovinzen" kannte, bald auch "Wolfsgebiete" ausrufen? 

15. Juli 2018

Berlin, kein Platz für Letten

Es war für den 26.-31. Juli 1968 geplant: der 1. Lettische Weltjugendkongreß in Westberlin. Die Veranstaltung geriet aber plötzlich ins Visier der Weltpolitik: kurz vor Beginn wurde den Veranstaltern mitgeteilt, das Treffen könne  nicht stattfinden - Berlin unterlag noch dem  Viermächte-abkommen (Frankreich, USA, Großbritannien, Sowjetunion). Mit dem kurzfristigen Verbot der Veranstaltung geriet auch das Thema des erzwungen Beitritts Lettlands zur Sowjetunion in den Fokus der Weltöffentlichkeit.

Zum Fünfzigsten

Es wäre damals das Gedenken an den 50.Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung Lettlands gewesen - so wie es in diesem Jahr der 100.Jahrestag ist. Bis zum 22. Juli waren die Vorbereitungen ganz normal verlaufen: 456 Teilnehmer/innen aus aller Welt hatten sich angemeldet, etwa 180 waren schon in der Stadt angekommen.

Es waren vor allem die deutschen Sozialdemokraten unter Willy Brandt, die für ein Verbot des lettischen Kongresses sorgten, meinen die lettischen Beteiligten von damals. "Sie wollten sich unbedingt mit den Sowjets verständigen. Und sie hatten uns schon vorher gewarnt, uns gebeten die Veranstaltung abzusagen. Wir aber hatten die Räume gemietet, eine so kurzfristige Absage hätte Kosten verursacht. Da sind sie zuletzt mit dem Viermächtestatus gekommen, dagegen war kein Einspruch möglich,"  so meint Kārlis Kangeris, damals ebenfalls beteiligt, heute Historiker. (lvportals).

"Lettenkongreß unerwünscht" titelte die "Morgenpost". Das "Neue Deutschland" in Ostberlin schrieb von einem "Antisowjetischen Hetzkongreß". Der "Spiegel" schätzte es so ein: "Sie wollten Ruhe an der Sowjetfront". Und "Die Zeit" kritisierte: "Eine Entscheidung, die viel zu spät kommt",  denn mit dem Verbot sollte plötzlich auch der zugesagte finanzielle Zuschuss des damaligen "Bundesministerium für Familie und Jugend" in Höhe von 60 DM pro TN entfallen.

Der Umzug

Was aber tun? Es bot sich an, die Veranstaltung nach Hannover zu verlegen, denn dort sollte vom 1.-4. August 1968 ein Lettisches Sängerfest stattfinden - dafür hatte der damalige Bundestagspräsident Eugen Gerstenmeier die Schirmherrschaft übernommen (Die Welt). Natürlich war kurzfristig keine so große Menge Flugtickets zu bekommen. "Einige wollten ja trotzdem in Berlin bleiben," erzählt Atis Lejiņš, 1992 bis 2009 Direktor des Lettischen Außenpolitischen Instituts (Latvijas Ārpolitikas institūtu LĀI) und heute Politiker, damals ebenfalls unter den Organisatoren. "Aber wenn wir uns aufgeteilt hätten damals, dann hätten wir wohl nichts erreicht."

Es war dann eine speziell georderte "Pan Am"-Maschine, die alle nach Hannover brachte. Später soll es zu einer Spende von 50.000 DM von US-amerikanischer Seite gekommen sein. Am 26. Juli abends wurden die jungen Lettinnen und Letten, aus Berlin kommend, von den anderen, die bereits in Hannover warteten, mit Jubel und Blumen begrüßt. "Die Westberliner Presse war auf unserer Seite," meint Kangeris, "uns schlugen viele Sympathien entgegen. Und dass wir dann solch eine Aufmerksamkeit in der Weltpresse hatten, von 'Le Monde' bis 'New York Times', das war für alle überraschend." Aus vielen Ländern der Welt kamen ja Kongreßteilnehmer, aus den USA, aus Schweden, Australien, Kanada, und vielen anderen Ländern. "In meinem Pass zum Beispiel", erläutert Rāsma Kārkliņa (Šilde), stand 'heimatloser Ausländer'. Bei diesem Ereignis wurden wir aber nicht als 'Ausländer', sondern alle als Lettinnen und Letten angesehen. Das gab auch unserem Selbstverständnis einen großen Ansporn!" (lvportals)

Prag, Berlin, Moskau, Bonn

Es war ja die Zeit der Studentenunruhen - für die einen eine Revolution, für die anderen eine Bedrohung. In Prag ruhten die Hoffnungen noch auf den Reformen Dubčeks - die Situation erschien also im Juli 68 sehr sensibel (auch deshalb der vorsichtige Umgang mit den Sowjets). Der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen erfolgte dann am 21. August 1968.
US-lettische Demonstrant/innen am
1.8.1968 in Bonn
Eines der Kennzeichen der Lage im Juli 1968 war es, dass damals vor allem die USA ein Ansprechpartner für die im Exil lebenden Lettinnen und Letten waren - während andere ja gerade wegen des Vietnam-Kriegs vehement gegen die USA demonstrierten.
Der deutschen Seite unterstellt man von lettischer Seite noch heute, das deutsche Außenministerium habe den Viermächte-Status Berlins nur benutzt, um den lettischen Jugendkongreß verhindern zu können. (barikadopedia) Die Proteste gegen das Verbot aber richteten sich vor allem an den US-Vertreter in Berlin. Die schriftliche Antwort der US-Botschaft vom 30.7. betonte daher besonders, dass die USA weiterhin den erzwungenen Beitritt Lettlands zur Sowjetunion nicht anerkennen würden.

Das reichte aber den in Hannover anwesenden US-amerikanischen Lett/innen nicht aus: etwa 60 von ihnen reisten zu einer eigenen Protestdemonstration am 1.8. vor der US-Botschaft in Bonn. Dort residierte US Botschafter Henry Cabot Lodge. Schon sein Großvater, Henry Cabot Lodge Senior, war als Unterstützer der Sache der baltischen Staaten bekannt gewesen. Lodge junior war als US-Politiker republikanischer Gegenkandidat zu Kennedy gewesen, und den lettischen Verbänden in den USA bestens bekannt (American Latvian National League / Amerikas latviešu apvienības ALA). In einem neuen Protestbrief wandten sich nun "US-Bürger lettischer Herkunft" auch dagegen, im Zuge der Berliner Ereignisse "ehemalige Bürger Lettlands" genannt zu werden. Botschafter Lodge empfing daraufhin immerhin drei Vertreter/innen der Protestler zu Gesprächen (Valda Daiga, Pauls Lazds und Atis Lejiņš), ohne aber Gründe für das Verbot der Berliner Veranstaltung zu nennen. Etwas später gab es sogar noch einen Protestbrief an alle 535 Mitglieder des US-Kongresses.

Auf dem baltischen Weg

1966 war bereits der Verband "Baltic Appeal to the United Nations (BATUN)" gegründet, der regelmäßig gegenüber den Vereinten Nationen (UN) an den Hitler-Stalin-Pakt und die Folgen für die baltischen Staaten erinnerte und den "Baltischen Appell" erarbeitete, der am 23. August 1979 veröffentlicht wurde. 

Der heutigen lettischen Öffentlichkeit ist der "verbotene Kongreß" von Berlin eher unbekannt geblieben - es war eher ein Thema unter den im Ausland lebenden Lettinnen und Letten. "Wir gerieten damals ins Zentrum der Aufmerksamkeit einer breiten Weltöffentlichkeit", sagt Rāsma Kārkliņa, eine der damaligen Organisatorinnen, heute (lsm). Am 9.Mai war die Lettische Nationalbibliothek Austragungsort eines Kongresses in Erinnerung an die Ereignisse in Berlin vor 50 Jahren. Veranstalter war der Verein der lettischen Jugend (“ELJA 50”- Eiropas Latviešu jaunatnes apvienība).

9. Juli 2018

Viktors neuer Job: wer ist hier das Investitionsobjekt?

Gründen wir mal einen Fußballclub

Dmitrijs Ribolovļevs (Dmitri Jewgenjewitsch Rybolowlew) gilt nicht nur als einer der reichsten Unternehmer Russlands, sondern auch einer der reichsten Menschen der ganzen Welt. Sein persönliches Eigentum wird auf einen Wert von 9,5 Milliarden US-Dollar geschätzt. 2011 erwarb er 67% der Anteile am Fußballklub AS Monaco, mit Einverständnis des Besitzers der restlichen Anteile, Prinz Albert II (der gleichzeitig die restlichen Anteile hält).
Lettisches Charity-Projekt:
würden Sie diesen Jungs
das Training bezahlen?
2016 erwarb Ribolovļevs auch den lettischen Fußballklub "FC Riga". Der "FC Riga" entstand erst am 1.1.2014 durch den Zusammenschluß von "Caramba Riga" und "Dinamo Riga", war unter dem Namen "Caramba/Dinamo" 2015 in die oberste lettische Liga aufgestiegen, indem das Team 27 von 30 Spielen gewann (dreimal unentschieden). "Caramba Riga" hatte Geld für die Trainingskosten noch als "Crowndfunding-Aktion" (LNK) suchen müssen - klar, dass hier neue Finanzgeber sehr willkommen waren. Der neue Club hatte sich zunächst "Riga Football Club" nennen wollen - dagegen hatte aber die Stadt Riga mit der Begründung Einspruch erhoben, eine rein englische Bezeichnung könne auf "Unverständnis in der Gesellschaft" stoßen (Diena).Es blieb die Abkürzung FC.

Mit den nun wesentlich höheren Investitionssummen stiegen auch die Ansprüche. Mit Kaspars Gorkšs, Kapitän der lettischen Nationalmannschaft, Mittelfeldspieler Artūrs Zjuzins und Stürmer Valērijs Šabala wurden etablierte Spieler geholt. Als nach den ersten vier Spielen der Saison 2017 nur ein Sieg dabei heraussprang, musste Trainer Vladimirs Volčeks gehen. Veteran Gorkšs allerdings war da auch bereits 36 Jahre alt, spielt inzwischen nur noch "zum Spaß" beim zweitklassigen FC Auda; es gelang ihm, sich am 27. April 2018 zum neuen Präsidenten der lettischen Fußballverbandes wählen zu lassen, trotz mancher Schwierigkeiten (11Freunde).

Reise von Grün nach Hellblau:
Werder Bremens einstiger Erfolgstrainer Viktor Skripnik -
was ihn wirklich von Riga überzeugte, blieb vorerst unklar

Das Trainerkarussel

Im April 2017 übernahm dann also der Russe Jevgeņijs Perevertailo das Amt des Cheftrainers beim "FC Riga" von seinem Vorgänger Volčeks. Von Perevertailo war zu lesen, er habe sich erst über das Internet informieren müssen, was das eigentlich für ein Klub in Riga sei (rigafc). Die Zuversicht dauerte nur ein paar Wochen. Schon Ende Juli war auch für den Neuen schon wieder Schluß: nach einem verlorenen Pokalendspiel gegen Ventspils und einer Niederlage gegen die Konkurrenz aus Liepāja (diena). Bis zum Saisonende übernahm der Slowene Slavišs Stojanovičs mit den Worten: "Weniger reden, mehr arbeiten" (rigafc). Nach einigen Wochen war gab er folgendes zu Protokoll: "Ich wundere mich, dass es in den Stadien so ruhig ist. Alles friedlich. Keine großen Emotionen, wenn wir verlieren - da wo ich herkomme, wäre gleiches eine Tragödie. Hier bleibt alles ruhig." (sportazinas)

Riga 2016: der Slovene
 Slavišs Stojanovičs hofft auf
"langfristige Verträge"
Auch der slowenische Ansatz ging nur bis Saisonende gut. Ab dem 27. Januar 2018 betreute dann der Mazedonier Goce Sedloski das Team. Dieser sprach aber weder Englisch noch Russisch, und bekam vermutlich nicht nur deshalb in Riga Kommunikationsschwierigkeiten - schon am 25. Mai 2018 verkündete die Geschäftsführung seine Entlassung: nach vier Siegen, vier Niederlagen und einem Unentschieden (sportacentrs).

Nun also der "Skripniker" aus Vācija. Immerhin trifft der neue Trainer bei seinem neuen Team unter den Spielern mehrere Landleute an: Vladimirs Bajenko, Valērijs Fedorčuks, und
Bohdan Kovalenko. Dazu noch Ivans Jeņins, ein Russe geboren im ukrainischen Cherson in der Nähe des Schwarzen Meeres.
Insgesamt leben in Lettland, nach Auskunft der ukrainischen Vereine, etwa 45.000 Menschen die sich der Ukraine zugehörig fühlen. Die einzige staatlich finanzierte ukrainische Schule außerhalb der Ukraine ist ebenfalls in Lettland zu finden.(Diena)

Und sogar im Bereich der virtuellen Fußballturniere (e-sport) ist der "Riga FC" bereits aktiv: im Oktober 2016 schloss mein einen Vertrag mit dem damals 15-jährigen Schüler Gints Pidiks (momentan 17-jährig) aus Babite bzw. Jurmala. Eine Entlohnung von 2000 Euro wurde ihm für Hilfe beim Aufbau einer entsprechenden e-Fußball-Abteilung vertraglich zugesichert (sportacentrs).

Fußball mit Perspektive?

Bliebe noch der Blick auf Stadion und Fans. Die Spiele des "FC Riga" werden von durchschnittlich 400-600 Zuschauern pro Spiel besucht. Gespielt wird im Stadion "Skonto", im Jahr 2000 eröffnet und benannt nach dem jahrelang dominierenden Club "Skonto Riga", der 2016 Zahlungsunfähigkeit anmelden musste und aufgelöst wurde. Das Fassungsvermögen beträgt aber weniger als 10.000 Personen. Es gibt zwar Flutlicht, aber keine Rasenheizung. Wegen ungeklärter Kreditschulden wurde das Stadion 2011 "privatisiert": zunächst war eine "Reverta AS", dann "SSA GmbH" und schließllich "Mani Group GmbH" Eigentümer - ein Geschäftsgang, bei dem offenbar Steuern im erheblichen Maße hinterzogen werden konnten - nicht 12,5 Millionen, sondern 35 Millonen Euro sollen beim Verkaufsvorgang geflossen sein (lsm / delfi). Kurz nach Abwicklung des Verkaufs hatte sich die "Mani Group" in "Adventika Group" umbenannt, und hatte den gesamten Vorstand ausgetauscht. Inzwischen liegen mehrere Kläger im Rechtsstreit mit dem im Ministaat Belize registrierten Unternehmen "Adventika"; es geht um Einzelheiten der Stadionnutzung und der Einrichtung. Fazit: auch von dieser Seite könnte dem Fußball Ungemach drohen. Belize steht übrigens auf der "schwarzen Liste" der EU-Kommission zur Bekämpfung von Steuerflucht.

Für Beobachter außerhalb Lettlands bietet die höchste Fußballliga der Männer manchmal schon wegen ihres Namens Raum für Irritiationen: drei Jahre lang hieß der Meisterschaftswettbewerb "SMSKredit"-Liga, seit 2016 nun "SynotTip"-Liga (Vertrag ebenfalls über 3 Jahre). Und auch "LMT-Liga" war schon mal gebräuchlich. Wer soll da international noch richtig einordnen, dass es sich hier um die Meisterschaft Lettlands geht?

In den deutschen Medien wurde der Trainerjob beim "FC Riga" ja auch schon mal als "Schleudersitz" bezeichnet, und gleichzeitig bezweifelt, dass ausgerechnet hier für den "netten Viktor", den "Skripniker", der zuvor nichts anderes als die "Werderwelt" kannte, der richtige Platz wäre (NDR). Der Slowene Stojanovičs wurde übrigens, kurz nach seiner Entlassung beim "FC Riga", beinahe noch zum Nationaltrainer Lettlands ernannt (sportacentrs).

Oder doch lieber Frauenfußball? 

Celia aus Deutschland, zusammen mit Nina Travkina,
Chefin des lettischen Frauenfußballverbands
Vor einigen Tagen zeigte sich ein weiteres aus der deutschen Fußballszene bekanntes Gesicht in den lettischen Medien: Célia Šašič. Die Ex/Torschützenkönigin der Frauenfußball-Bundesliga und zweifache Europameisterin hielt sich am 29. Juni im Auftrag der UEFA einen Tag in Lettlland auf (LFF). Es gab auch Geschenke: die lettischen Gastgeberinnen versäumten es nicht, Celias Geburtstag (27.Juni) nachzufeiern. Sogar ein eigenes Video wurde gedreht, die Dokumentation von Besuchen auch in international weniger bekannten Orten wie Staicele. Vielleicht ist ja auch noch ein Traineramt frei? Na, wie wär's, Celia?

5. Juni 2018

Sigulda will Olympiastadt werden

Es wäre eine sportliche Überraschung: Olympische Spiele in Lettland? Wie kann das gehen? Oder, anders gefragt: ist das sinnvoll? Für die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele 2026 bewerben sich bisher das kanadische Calgary, Cortina d'Ampezzo in Italien, Sapporo in Japan, Graz in Österreich, Sion in der Schweiz, Erzurum in der Türkei und Stockholm in Schweden. Der 31.März 2018 war der Stichtag für interessierte Ausrichter.

Das Lettische Olympische Komitee (LOK) machte sich jetzt für die Idee eines "schwedischen Umwegs" stark: in einem Brief an das lettische Ministerkabinett bat das lettische LOK um Unterstützung für eine Bewerbung Siguldas als Partner für die Bewerbung Stockholms (TvNet / LOK). Ministerpräsident Māris Kučinskis soll sich auch bereits positiv dazu geäussert haben. Die Initatiative dazu kam von schwedischer Seite, und findet inzwischen Unterstützung bei der Stadt Sigulda und den Betreibern der Bob- und Rodelbahn Sigulda. Lettland wurde das Angebot gemacht, die Olympischen Wettbewerbe im Bobfahren, Rodeln und Skeleton 2026 auszutragen. In Schweden gäbe es keine gleichwertigen Anlagen, heißt es. Sigulda liegt immerhin 465 km (Luftlinie) entfernt von Stockholm, der Verkehrsweg über Straße und Fähre ist sogar 570 km lang (via Riga, sonst via Tallinn nochmals 100 km mehr).

Würde Sigulda Olympiastadt, so wäre es wohl mit der
bisherigen romantischen Beschaulichkeit der
Verkehrsmittel - inmitten der Natur - bald vorbei.
Die Strategie, sich mit anderen Ländern für eine Bewerbung zusammenzutun, entspringt der Kritik an unnützen Millionenaufwändungen der Vergangenheit und damit zusammenhängenden nicht nachhaltig genutzten Anlagen. So hatte sich auch Graz in Österreich mit dem deutschen Schladming in Oberbayern zusammengetan, nachdem eine Kandidatur Innsbrucks an einem Bürgervotum gescheitert war. Stockholm erwähnt in den Bewerbungsunterlagen bisher keine lettische Beteiligung - die Presse diskutiert den Vorschlag allerdings bereits seit einigen Monaten (DN / Aftonbladet / SVT). Besonders das Nachhaltigkeitsgebot (langfrististige Nutzung der Sportanlagen) wie auch Kostengründe sprechen aus schwedischer Sicht für eine Teil-Auslagerung nach Lettland. Zunächst war ein Neubau einer Bobbahn vorgesehen gewesen, das hätte (geschätzt) 850 Millionen schwedische Kronen (ca. 82 Mill. Euro) gekostet (siehe auch: Kalkulation Stadt Stockholm).

Aber auch die Bahn in Sigulda muss für solche Ziele verbessert werden, besonders für die Viererbob-Wettbewerbe. Daher wird es auch noch entsprechener Gutachten bedürfen, um den hierfür erforderlichen Kostenrahmen genauer einzuschätzen. Noch sind Umfrageergebnisse wie in Schweden nicht bekannt - 53% der Schwedinnen und Schweden lehnen eine Olympiabewerbung ab (DN 19.2.2018), nur 34% sind uneingeschränkte Befürworter/innen. Unter den Einwohner/innen Stockholms soll es sogar 60% mit ablehnender Haltung geben; einige schwedische Parteien fordern daher eine Volksabstimmung zu diesem Thema.

Lettische Medien weisen auch auf zwei andere große Bauprojekte hin, die bisher ohne Bezug zu möglichen Olympischen Spielen in Planung sind: die Bahnstrecke "Rail Baltica" (rauscht voraussichtlich ohne Halt an Sigulda vorbei !), und eine Verbesserung der Schnellstraßen in Lettlands Norden. Insbesondere für die Umweltverträglichkeit wird es kein Vorteil sein, wenn gerade ein europäisches Schnellbahnnetz eine Olympiastadt um 15 km (ohne Halt) verfehlt.
So wird in Schweden gerodelt:
im Sommer auf Rollen, im Winter
im Ausland
Das lettische LOK dagegen meint offenbar Lettinen und Letten mit "baltischer Konkurrenz" motivieren zu können: "Wenn wir uns erinnern, wie fruchtbar die Ausrichtung der Segelwettwerbe in Tallinn 1980 waren, erinnern wir uns auch wie neidisch Lettinnen und Letten waren, dass dies nicht in Riga oder Jūrmala durchgeführt wurde." (TvNet)

Mit Blick auf Schweden ruft vielleicht Erstaunen hervor, dass ein solches Wintersportland, was Bobfahren und Rodeln angeht, auf im übrigen Europa eher unbekannte Trends zählt. So sind auf der Webseite des schwedischen Bob- und Rodelverbandes Disziplinen wie "Alpinrodeln" oder "Kälke" zu bewundern (Schlittenfahren im Schnee?) - gerodelt wird im Sommer auf Rollen, im Winter im Ausland.

Der 23.Juni 2018 wird übrigens in Schweden als "Olympischer Tag" gefeiert - mit Wettbewerben oder Schnupperkursen. Ob diesmal auch lettische Flaggen dabei zu sehen sein werden? Lettlands diesjähriger "Olympischer Tag" wird am 8.Juni 2018 übrigens ganz dem Tennis gewidmet sein - wohls als Nachklang auf den Ostapenko-Sieg bei den French Open in Paris genau vor einem Jahr.
Eine eigene "Lettland-Olympiade" wird seit 2004 ausgerichtet - die "Sommerversion" bisher zweimal in Ventspils, einmal in Liepāja und einmal in Valmiera, die "Wintervariante" seit 2005 dreimal in Sigulda. Hier können lettische Atlethen auch beim Edelmetall mal richtig "zuschlagen": das Städteranking 2016 gewann Riga mit 66x Gold vor Ventspils mit 35x Gold und Jūrmala mit 19 Goldmedaillien (Diena).

Im Oktober 2018 wird das IOC darüber entscheiden, welche der Bewerberstädte ernsthafte Kandidaten für Olympia 2026  bleiben. Nachdem von vielen anderen Bewerberstädten größere Kontroversen um die Olympiabewerbung bekannt sind - so z.B. auch in Österreich, in der Schweiz steht am 10.Juni eine Volksabstimmung zum Thema bevor - ist es völlig offen, wer dann den Kandidatenstatus aufrecht erhalten wird. Ziemlich unwahrscheinlich ist allerdings, dass Lettland NICHT per Volksentscheid über die Teilnahme abstimmen darf.
Sigulda kramt lieber eifrig andere Heldenstatistiken hervor: zählt man nur die vergangenen drei Winterolympiaden, so ist Sigulda bei den Herkunftsorten der Medaillengewinner auf Platz 1 - gerechnet nach Medaillen pro Einwohner. Demnach liegt Sigulda mit 1867 Einwohner/innen pro Medaille vor anderen Regionen in Norwegen und Finnland. Für Sigulda als Austragungsort der "Lettischen Winterolympiade" warb man mit mittelalterlichen Kampftraditionen mit Feuer und Schwert (siehe Imagefilm).

Zumindest die lettische Sportpresse scheint noch nicht uneingeschränkt olympia-euphorisch gestimmt zu sein: es wird gewarnt, ebenso kostenbewußt zu planen wie die Schweden (Sportacentrs). "Nur ein paar Medaillen mehr wiegen hohe Kosten nicht auf", warnt der Journalist Māris Noviks.
Die Bob- und Rodelbahn in Sigulda wurde, noch zu Sowjetzeiten, 1986 fertiggestellt und ist heute Austragungsort auf Weltcup-Niveau.

28. Mai 2018

Schild auf vier Rädern

lettische Auto-Reklame (wiederentdeckt vom
Oldtimerklub Köln)
Der 28. Mai vor achtzig Jahren - eine besondere Stunde für die lettische Industrie. An diesem Tag rollte der erste "Ford Vairogs Junior" aus der Werkstatt, eine Kopie des britischen "Ford Ten" (Latvijas Avīze). Zusammengebaut aus Ford-Einzelteilen, die aus Ford-Lagern aus Kopenhagen importiert wurden, erreichte das Fahrzeug 100k/h Spitzengeschwindigkeit. Der Hersteller, die Aktiengesellschaft "Vairogs"  konnte den Verkauf der ersten 300 Stück schon mit Vorverträgen sichern. Die lettische Regierung hatte 1936 alle Aktien der fast bankrotten "Fenikss" / "Phoenix" aufgekauft - so entstand "Vairogs" ("Schild"), mit 99% der Aktien in Staatsbesitz.

Im eigenen Lande gebaute Automobile! Stolz vorgezeigt, und von der Herstellerwerbung besonders für die damalige lettische "Mittelschicht" empfohlen; in der Presse war zu lesen, dieser Wagen sei besonders geeignete sei für Anwälte, Ärzte und Staatsbeamte - erhältlich auch auf Ratenzahlung. Der lettische Präsident Karlis Ulmanis allerdings bevorzugte einen Cadillac als Dienstwagen.

Ein Luxusmodell des "Ford Vairogs" (Motormuzejs)
Die lettische Auto-Produktion war möglich geworden durch Zollerleichterung für die Ford-Einzelteile. In den 1930iger Jahren sah Lettlands Reaktion auf die Wirtschaftskrise so aus: Protektionismus und hohe Zollschranken für einheimische Branchen. Fertigprodukte aus dem Ausland wurden mit hohen Einfuhrzöllen belegt, aber in diesem Fall waren die einzelnen Teile in Lettland montiert.

Zwischen 1937 und 1940 produzierte Ford in Lettland vier verschiedene Modelle (siehe Wikipedia), dazu noch Lastwagen und Busse. Alles per sogenannter "CKD-Fertigung".Zu seiner Zeit war "Vairogs" der größte Automobilproduzent in den baltischen Staaten.

Mit der Machtübernahme der Sowjets in Lettland kam 1940 das Ende für die Automobilproduktion - die Firma stellte fortan Munition für die Rote Armee her. Nur noch wenige "Vairogs"-Exemplare sind heute noch erhalten - der sicherste Ort, wo wenigstens zwei von ihnen heute noch zu sehen sind, ist das "Motormuzejs Riga". Auch bei der Feuerwehr Jelgava soll sich noch ein altes "Vairogs"-Rettungsfahrzeug befinden (skaties) - vielleicht ist es derjenige, den Tourist Vil Muhametshin offenbar zufällig mal in Riga fotografiert hat.

Ein Sammelstück - Fundsache
bei Ebay
Auch deutsche Oldtimer-Liebhaber sammeln wieder Informationen zum lettischen "Vairogs"-Modell (siehe Oldtimer-Klub Köln). Dort lassen sich auch Hinweise finden darauf, dass der "Vairogs" später auch zum Kübelwagen fürs lettische Militär umgebaut wurde.Auch weitere Details sind hier zusammengetragen: 30 Arbeiter sollen in Lettland beim Bau des "Vairogs eingesetzt gewesen sein, die Polster für das Auto sollen dabei aus einheimischer Fertigung gestammt haben. Interessant auch der Hinweis, dass während der Besetzung Lettlands durch die Nazis die Flick-Familie im Rigaschen Werk das Sagen bekam.

Nach der Besetzung Lettlands durch die Rote Armee wurde aus dem Werk zur Fabrikationsstätte von Eisenbahnwaggons ("Rīgas vagonbūves rūpnīca RVR"), eine der größten seiner Art in der UdSSR. Die Waggons wurden zu Spitzenzeiten bis nach Kuba exportiert, und auch das bullige Straßenbahnmodell RVR6 wurde hier gebaut. 1991 wurde RVR privatisiert, 1993 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. In den Jahren darauf wurden noch Bestellungen für Belorus und die Ukraine ausgeführt, sowie Reparaturaufträge durchgeführt. Nach mehreren Eigentümerwechseln, dem Einstieg und Ausstieg von Investoren gilt RVR seit 2017 als zahlungsunfähig. Zur Zeit wird das verbliebene Firmeneigentum bereits meistbietend versteigert (Delfi)

23. Mai 2018

Viel Pathos um den Heldenring

Einer der neuen Spielfilme, die im Jubiläumsjahr 2018 in Lettland in die Kinos kommt, ist "Der Ring des Namejs" von Regisseur Aigars Grauba. Es geht hier um die "Semgaller" (lett. Zemgale), der südliche Teil des heutigen Lettland. Zwar mögen manche die Semgaller eher als "nördlicher Stamm der Litauer" bezeichnen - das wird aber sicherlich auf den Widerspruch der Menschen aus dieser Gegend stoßen. Jedenfalls geht es um eine Zeit, als es noch nicht "die Letten" gab, sondern viele kleine Stämme und Lebensweisen. Und es gab die Kreuzritter, die Anfang des 13. Jahrhunderts nach Lettland einfielen - und die "missionieren" wollten, die angetroffenen Einheimischen möglichst christlich taufen, und zu Verbündeten bzw. Untergebenen machen wollten.

Niemand weiss mehr genau zu sagen, warum ein bestimmter aus dieser Zeit stammende Ring zu den bekanntesten archäologischen Fundstücken in Lettland wurde: das typischem Flechtwerk auf der Oberseite und die eingezogenen Drähte sind sein Kennzeichen. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er als "Ring des Namejs" (oder auch: Nameisis / Nameise / Nameyxe) bekannt. Namejs als einger der Anführer der Semgallen - das ist mehrfach historisch belegt - es gab ihn also wirklich; er schlug Ende des 13. Jahrhunderts, zusammen mit litauischen Verbündeten, ein paar erfolgreiche Schlachten gegen die Kreuzritter (siehe: Schlacht bei Aizkraukle).
Es waren ja auch tatsächliche archäologische Fundstücke: zum Beispiel am Burgberg von Daugmale (Grabungen in den 1930iger Jahren). Damals fand man heraus, dass dieser Ring nicht nur einfach gegossen, sondern mit feinen Silberdrähten verflochten war - also das Meisterstück eines guten Handwerkers war. Die Ringe wurden so bekannt und beliebt, dass viele von ihnen sogar aus den wissenschaftlichen Instituten heraus, bald nach den Ausgrabungen, gestohlen wurden.

"Namejs" als Theaterspektakel - nach der Romanvorlage in den
1930iger Jahren auf lettischen Bühnen (Abb. "Jauna Gaita")
Es heißt auch: Letten in aller Welt erkennen sich gegenseitig am Namejs-Ring! Der Vater oder der Großvater schenkt ihn dem Sohn oder Enkel, wenn er auf dem Wege ist erwachsen zu werden. Ein Geschenk, um es nicht mehr vom Finger abzulösen. Eine der (vorläufig) letzten Motive auf dem lettischen Lats (2014 vom Euro abgelöst) war genau dieser Ring.

Archäologin Zenta Broka-Lāce weist allerdings auch darauf hin, dass der Namejs-Ring eigentlich nicht aus Semgallen stammt, nicht einmal von Daugmale. Er wurde nach Vorbildern aus Latgale gefertigt, dem heutige Osten Lettlands. Der erste "Namejs-Ring" kann schon deshalb nicht in Daugmale gefertigt worden sein, da Daugmale als zentraler Platz Semgallens zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert diente, die bei Daugmale gefundenen Ringe aber einer wesentlich späteren Phase entstammten, und zudem der Ort im 13. Jahrhundert nicht mehr besiedelt war (zur Zeit des Namejs). "Die Legenden um den Namejs-Ring wurde in den 1930iger Jahren aus eher politisch-ideologischen Gründen geschaffen, nicht auf wissenschaftlicher Basis", meint Broka-Lāce.

Filmplakat "Nameja gredzens"
Diese Legende wurde vor allem durch den Schriftstller Aleksandrs (eigentlich: Jēkabs) Grīns begründet, der 1918 Fragmente eines Romans „Ring des Namejs” publizierte.Dieser Roman wurde so populär, dass die lettischen Leserinnen und Leser nun fast mehr die Romanhandlung für Tatsache hielten als Aussagen von Historikern. Besonders nach dem 15.Mai 1934, als Präsident Ulmanis (der aus Semgallen stammte!) die Parteien verbot und sich selbst zum autoritären Herrscher (lett. vadonis = Führer) ernannte, wurde die Legende vom unbesiegbaren Helden aus Semgallen noch populärer.
Die Wirkung der Theaterfassung des "Namejs"-Romans, die 1935 Voldemārs Zenbergs ("Sauleskalns")  auf die Bühne brachte, beleuchtete 1973 die lettische Exilzeitschrift "Jauna Gaita" ausführlich; eine pompöse Aufführung mit 81 Schauspielern auf der Bühne und patriotisch aufgeblähten Texte, die auch von "Führern und Rettern des ganzen lettischen Stammes" schwärmte.

Wie dem auch sei - mit etwas weniger Pathos trägt ein Lette heute diesen Ring, um zu zeigen dass er Lette ist. Die lettische Hardrockband Skyforger widmete dem legendären Helden einen Song (Virsaitis Nameisis). Ein wenig eigenes Selbstbewußtsein muss eben zur Definition einer lettischen Identität sein - solange es nicht herabsetzend gegenüber Menschen anderer Herkunft gemeint ist, muss man es ihnen wohl lassen.
Die Legende von "König Namejs" - hier eingesetzt
für die lettischen Tourismuswerbung
Inzwischen ist der Namejs-Ring ja schon nicht mehr nur ein Symbol für vermeintliche historische Helden, sondern für alle Wechselbäder durch die Lettinnen und Letten im 20. Jahrhundert gehen mussten. Bis in die 80iger Jahre hinein durfte der Namejs-Ring in Sowjet-Lettland nicht verkauft werden - wer gute Beziehungen zu einem Schmuckhersteller hatte, bestellte ihn "privat". Wenn heute dieser Ring in den lettischen Touristenläden schon beinahe als Massenware angeboten wird - aus Sicht von Lettinnen und Letten bleibt, wenn schon nicht all die schönen Heldengeschichten, dann doch wenigstens der Ring etwas sehr Besonderes. Daher ist klar, dass auch der neue Kinofilm (engl. Titel "The Pagan King") in Lettland guten Zuschauerzuspruch haben wird.

Wer sich als Gast in Lettland ein klein wenig wie ein zemgallischer König fühlen möchte, der kann in Koknese eine Ausfahrt mit dem Boot "König Nameitis" buchen - für 8 Euro pro Person (Info). Wer sich aber als Souvenir einen entsprechenden Ring kauft, oder vielleicht geschenkt bekommt, wird sich vielleicht spätestens dann für die Mythen um den Ring des "Heidenkönigs" näher interessieren.

17. Mai 2018

Letzte Bühne

Wenn in der ersten Juliwoche 2018 das Allgemeine Lettische Sängerfest (zum 26.mal) und das Lettische Tanzfest (zum 16.mal) stattfindet, wird das Programm teilweise mitten in große Umbauarbeiten eingebettet. Die gesamte Anlage im "Mežaparks" (Waldpark) in Riga wird bis zur geplanten Fertigstellung im Jahr 2021 in zwei Schritten erweitert und teilweise völlig erneuert - Schritt eins wird vor dem diesjährigen Sängerfest abgeschlossen, Schritt zwei wird dann folgen. Vor allem eines wird sich dann für die nächsten kulturellen Großereignisse ändern: die Tribüne, von der aus Sängerinnen und Sänger bisher sich aufgestellt und ihre Lieder dargeboten hatten, wird völlig abgebaut und neu erstellt.

Bis 2021 werden die Änderungen dann so aussehen:
- mit 30.000 Sitzplätzen werden es 8.000 mehr als bisher sein
- die neue Bühne wird Platz für 11.000 Menschen bieten, 5300 mehr als bisher (bei Sängerfesten sogar für bis zu 14.000 Personen)
- bei Veranstaltungen ohne Sitzplätze wird es Platz für 70.000 Menschen geben, 25.000 mehr als bisher
Vor und nach den Sängerfest-
Feierlichkeiten: vor allem Bauarbeiten
- neue Toilettenanlagen, bessere Anfahrtswege, klar ausgewiesene unterirdische Bereiche für Händler strukturieren den Servicebereich völlig neu
- es wird einen unterirdischen Bereich geben, der auch im Winter nutzbar sein wird als Konferenz- und Ausstellungsraum

Beim Bau des neuen lettischen Gesangstempels helfen übrigens auch Akustikexperten aus Deutschland mit -  der "Müller BBM GmbH" aus Hamburg, die einige Jahre zuvor auch bereits beim Bau der neuen Konzerthalle in Liepāja (Lielais Dzintars) dabei waren. Andris Zabrauskis, als Dozent der Technischen Universität Riga ebenfalls auf Akustik spezialisiert und das Projekt wissenschaftlich begleitend, schaut voraus: "Wir wollen eine der modernsten Frewileichtbühnen für Chöre in der ganzen Welt schaffen. So werden wir zum Beispiel auf dem Dach eine spezielle Membran anbringen, welche Sängerinnen und Sänger vor akustischen Einflüssen von Regen oder Wind schützen wird." (TVNet) Ein weiteres Zugeständnis an die Akustik ist es, dass die Zuschauerbänke auch in Zukunft keine Rückenlehnen haben werden.

Der lettische Architekt Austris Mailītis präsentiert
seinen Bühnenentwurf: "einen gläsernen Hügel ersteigen"
Im Jahr 1873 waren es 1003 Sängerinnen und Sänger, die sich zum ersten Lettischen Sängerfest trafen. In Riga fanden die ersten Sängerfeste im früheren "Kaisergarten" (Ķeizardārzs) statt (heute "Viesturdārzs), der 1973, zum 100.Jubiläum, auch schon mal "Sängerfestpark" hieß. 1955 wurde die Große Bühne (Liela estrāde) im Mežaparks fertig gestellt. Vorgesehen war die Bühne damals für 7000 Sänger/innen, oder 100 Tanzpaare, dazu 35.000 Zuschauern (die vielfach ja auch zu Mitsänger/innen werden - wer es je live erlebt hat).

Das 2007 aus einem Ideenwettbewerb hervorgegangene Restaurierungsprojekt der beiden Architekten Juris Poga und Austris Mailītis "Sidraba birzs stikla kalnā" (Silberhain auf dem gläsernen Berg) bezieht sich in seinem Titel auf lettische Volkssagen, und soll auch die Hoffnung ausdrücken, die neue Anlage möge im Einlang mit der Natur der Umgebung stehen. Wie Blätter eines Waldes möge die Bühne die SängerInnen umgeben, so drückt es der erst 33 Jahre alte Mailītis aus, dessen steile Karriere auch die lettische Presse verwundert (Jauns.lv). Interessant auch, dass er sich von "Apeirons" beraten ließ, einer lettischen NGO die sich für Chancengleichheit von Menschen mit Behinderungen einsetzt (delfi.lv).

Die Finanzierung des Projektes war auf 45 Millionen Euro geschätzt worden (davon 18 Mill. für den ersten Bauabschnitt). Mit der Baudurchführung sind "Re&Re" und "LNK Industries" beauftragt - die nicht einmal die günstigen Baukosten versprechen mussten, denn der Rigaer Stadtrat sah den lettischen Ableger der finnisch-estnische Firma "Lemminkainen", die ebenfalls ein Angebot abgegeben hatte, als zu unerfahren für die Durchführung an (lsm). Und, wie so oft mit Baukosten, die geplanten Summen lassen sich nicht einhalten: 26,7 Millionen Euro wird wohl der erste Bauabschnitt letztendlich kosten, aber niemand möchte sich beim den Endbetrag des zweiten Abschnitts festlegen.

Sängers heilige Wandelhallen - architektonische Träume,
die in Riga erschaffen werden
Der 4.Mai 2021 wird nach dem 100.Staatsjubiläum unser nächster großer kultureller Feiertag sein - so drücken es vor allem die Bauverantwortlichen im Hinblick auf das Eröffnungsdatum aus. Allerdings wird 2023 wohl ebenfalls ein großer Feiertag sein - das 150.jährige Bestehen dieser nun als "typisch lettisch" angesehenen Sängerfeste. Einzig die zukünftigen Eintrittspreise sind noch nicht klar: war es früher mal Ehrensache, massenhaft Tickets für Freund/innen und Bekannte im voraus zu reservieren, sind die Zugangsmöglichkeiten heute knapper geworden - besonders für die "bezahlbaren" Tickets. Da bleibt die Hoffnung, dass auch in Zukunft die Teilnahme an den Sängerfestaufführungen keine elitäre Angelegenheit wird. Dennoch: heute heißt es erstmal "auf zum Großen Sängerfest!" Die Demontage der bisherigen Bühne wird bereits am 20.August 2018 beginnen.

4. Mai 2018

ARTE - Angst vor der lettischen Mehrheit

Wenn Vertreter eines ausländischen Staates beim Deutschen Bundestag vorstellig werden und sich über deutschsprachige Medien beschweren, dann muss schon Schwerwiegendes vorgefallen sein; zu denken wäre zum Beispiel an die Türkei-Satire von Jan Böhmermann, oder auch der Wirbel um die diesjährige Echo-Verleihung. Stark verzerrende, irreführende oder zumindest mißverständliche Berichte über Lettland gab im wesentlichen nur vor dem EU-Beitritt des Landes - danach pendelte sich das Image Lettlands in den deutschen Medien irgendwo ein zwischen "schönes Urlaubsland", "Geburtsland des Weihnachtsbaumes" und "Außengrenze Europas mit vielen Arbeitsmigrant/innen".

Wieviele Zuschauer nun einen Beitrag der Reihe "Reportagen und Recherchen" auf ARTE wirklich gesehen, haben, ist mir unbekannt. In der Regel liegt der Prozentsatz unter 1%. In sofern könnte man es eigentlich auch abhaken unter der Rubrik "ein Filmchen unter vielen". Die öffentliche Reaktion erfolgte ja aber auch nicht von Seiten der lettischen Regierung, sondern von der lettischen Botschaft in Berlin. Dort gibt es zwar schon seit Jahren niemand der zuständig wäre für "Kultur und Gedöns" (frei nach Ex-Kanzler Schröder), wohl aber eine gesonderte Stelle zur Presseauswertung. Der Presseauswerter hielt es also offenbar für nötig, dem Sender ARTE einen Brief (mit Sackpost?) zu schreiben, und mit diesem dann die "sozialen Medien" zu befeuern (Näheres darüber ist zu lesen nur bei Facebook und Twitter).

Allerdings fordert auch bei der lettischen Botschaft niemand, die Journalisten zu bestrafen oder zu maßregeln; das Fazit lautet lediglich: "eine traurige halbe Stunde des freien Journalismus". So sind es auch zunächst Twitter-Nutzer, die über Hintergründe des Beitrags spekulieren. Zur Person von Susanne Roser, im Film als "Autorin" ausgewiesen, lässt sich im Netz einiges an langen Diskussionen finden über andere Projekte von ihr (ohne darüber urteilen zu wollen, wer da Recht haben könnte). Angeblich habe sie den Lettland-Beitrag gemacht, nachdem sie diesbezügliche Nachrichten vom russischen Propagandasender "Sputnik" gelesen habe (siehe: Šukevičs).
Ausschnitt aus dem Brief der lettischen Botschaft an
den Sender "ARTE"

Auch der lettische öffentlich-rechtlichen Sender LSM beleuchtet die Entstehungsgeschichte des Beitrags. Journalistin Sandra Valtere, schon seit Anfang der 1990iger Jahre für das ZDF als Kooperationspartner tätig und erprobt, wurde offenbar zunächst auch von der ARTE-Autorin angesprochen. Anfangs sei sie froh gewesen helfen zu können, dann aber habe sie zunehmend den Eindruck gewonnen, hier werde wohl eher ein Propaganda-Film gemacht über "Nationalisten wie sie die Russen unterdrücken". Ganze fünf Tage habe sich die Autorin in Lettland aufgehalten, und sei auch vorher nie in Lettland gewesen, erzählt Valtere. "Ich hatte den Eindruck, eine andere Quelle füttert hier entsprechend nach", sagt sie.

Am 16.4. lief der Film in der Reihe "Re:Regards", produziert von "Kobalt Kreation", dort angekündigt mit der Frage: "Kann ein friedliches Zusammenleben in Lettland funktionieren"? Antworten auf diese Frage gibt der Film nicht - im Gegenteil. Wer schon die Rahmenbedingungen des Lebens in Lettland, sowohl was den rechtlichen Rahmen wie der Verlauf von Meinungsunterschieden und Diskussionen falsch darstellt - dem müssen auch die Ideen für "friedliches Zusammenleben" misslingen. Als Redakteur zuständig: Martin Ehrmann - der immerhin auch bei dem Grimme-Preis-gekrönten Film "Flucht nach Europa" mitverantwortlich zeichnete.

Eines vorab: völlig unstrittig ist, dass sich Lettland keinen Gefallen tut, immer noch am 16. März die lettischen SS-Einheiten zu ehren - viel besser wäre es, allen zu gedenken, die zwar für sich persönlich ehrenhafte Gründe hatten sich auch mit Waffen für ihre Ziele einzusetzen, die aber von Diktatoren und Militaristen missbraucht wurden. Dass dieses Thema immer wieder Grund für kritische Berichte gibt, muss sich Lettland gefallen lassen. 

ARTE-Dokumentation mit falschem Titel: vieles, was
"russische Aktivist/innen" hier erzählen, würde besser
zu "Angst vor der lettischen Mehrheit" passen. Aber
Aufklärung über die Tatsachen leistet ARTE an
dieser Stelle nicht - unterlassene Recherche? Vorurteile?
Einen entscheidenden Fehler macht der Film aber auf jeden Fall: während Bild und Ton durchaus sehr unterschiedliche Gesprächspartner zu Wort kommen lässt, was ja erstmal ein Plus sein könnte, suggeriert der unterlegte Kommentarton, eine sachliche Zustandsbeschreibung der Lage zu geben. - Würde man diese irreführende Kommentarstimme weglassen, und nur den Inhalt der Interviews senden - könnten sich wenigstens die Zuschauer ein eigenes Bild machen. Interessante Textstellen gibt es in dieser halben Stunde genug. Da schwafelt Ex-Sowjetfunktionärin Tatjana Zdanoka unwidersprochen von einer "angeblichen Okkupation Lettlands durch die Sojwetunion", und wird an dieser Stelle nicht einmal danach befragt nach ihren Argumenten warum sie das glaubt (hat nicht etwa das Sowjetregime Schein-Wahlen 1940 mit handverlesenen Kandidaten veranstaltet, damit sich dann Lettland "freiwillig" zum Sowjet-Beitritt entschließen konnte, und diejenigen, die danach immer noch dagegen waren, nach Sibirien deportiert?).

Oder die russische Verkäuferin auf dem Großmarkt. Da wird sie von einer russischen "Aktivistin" darin bestärkt, mit ihren Kunden russisch zu reden; Fakten dazu, warum sie das etwa nicht tun sollte, werden nicht erwähnt - stattdessen die glatte Lüge, die lettische Regierung wolle das Russisch sprechen in der Öffentlichkeit ganz verbieten (keine Quellenangabe, klar!). Die "Gegenseite" repräsentiert hier nur das böse Wort von der "Sprachenpolizei" (dass diese Kontrolle aber lediglich dazu dient, in jedem Laden und an jedem Verkaufsstand mindestens eine Person zu haben, die / der Kund/innen Lettisch bedienen kann, bleibt unerwähnt). Lieber arbeitet die Autorin am Zusammenzimmern ihrer gewünschten Leitthese: früher wurden die Letten unterdrückt, heute die Russen.

im ARTE-Film als "radikal moskautreu"
vorgestellt: Tatjana Ždanoka. "In der Zeit von
Gorbatschow und Jelzin habe ich mich im
Ausland geschämt zu sagen, dass ich eine
Russin bin", sagt sie.Was sie aber von Stalin
hält, wird sie leider nicht gefragt.
Szenenwechsel. Ein Pass eines Russen wird gezeigt, der den Status eines "Nichtbürgers" hat. Kommentar: "Wenn Joseph seine Verwandte in den USA besucht, sorgt sein Pass mit dem Vermerk 'Alien' immer wieder für Aufsehen." Unerwähnt bleibt an dieser Stelle etwas anderes. Ein Wort  - deutlich zu sehen - das ebenfalls in diesem Pass zu sehen ist: Ebrejs. Ein Jude also. Die "Verwandten in den USA" machen sich hier also wohl weniger Sorgen um einen Russen, sondern um einen Juden in Lettland. Schließlich hat die Aufarbeitung des Holocausts in Lettland zwar inzwischen begonnen, aber schon die Kennzeichnung im Pass würde ja auch in Deutschland großes Aufsehen erregen. Aber immerhin kann "Joseph" ja offenbar frei reisen - in die USA, und wohl auch anderswo hin.

Nächste Szene. Eine Russin mit Kind. Eine "weitergereichte" Russin offenbar, denn schon 2015 tauchte sie als Interviewpartnerin gleich zweimal im MDR auf (siehe auch: Ostblogger). Diese "Aktivistin" (in Wahrheit: Parteipolitikerin der "Saskaņa") behauptet, unter den Russen in Lettland gäbe es nur zwei Gruppen: solche, die meinen in der Sowjetunion sei alles besser gewesen, und solche wie sie, die an die Demokratie glauben. Wow! Ein starkes Stück von Selbstbeweihräucherung - aber auch diese Aussage bleibt ohne Gegenfrage - Ausländern, die sich nicht auskennen, kann man ja mal sowas erzählen. Verwunderlich auch, dass es doch angeblich "verschiedene Gruppen" geben soll - aber am Schluß alle zusammen mit der im Film als "Hardlinerin" vorgestellten Tatjana Ždanoka an einem Tisch sitzen - deren Ausschweifungen im Film alle ohne Gegenargumente bleiben.

Zitat aus dem Film: "Als Lettland 1991 unabhängig wurde, verloren die Nachkommen ehemaliger russischer Einwanderer ihre Staatsbürgerschaft." Da müsste man doch fragen: welche Staatsbürgerschaft verloren sie? Die lettische? Verloren wurde die sowjetische. Weil das marode, diktatorische Sowjetsystem endlich, endlich zusammenbrach. Allen, die durch die sowjetische Besetzung 1940 die lettische Staatsbürgerschaft verloren, denen wurde sie auch zurückgegeben - auch gebürtigen Russen! Alle anderen müssen sich entscheiden: will ich wirklich in einem lettischen Staat leben? Einigen war das freie Reisen nach Russland zu den Verwandten wichtiger, sie beantragten den russischen Pass (und leben auch weiterhin in Lettland). Und für diejenigen, die nichts ändern wollen und dennoch in Lettland bleiben, gibt es eben den Sonderstatus "Einwohner Lettlands - Nichtbürger" - natürlich mit beruflichen Einschränkungen, denn diese Leute wollen ja bewußt kein Lettisch lernen, könnten sich also bei wichtigen Themen nicht verständigen. Falsch ist aber die Behauptung im Film, "Nicht-Bürger" seien "staatenlos". 

Und weiter im Film. Behauptet wird: 61% sprechen Lettisch, 38% Russisch. Auch dies stark irreführend! Gefragt werden müsste: wie viele sprechen Lettisch UND Russisch. Unangenehm für die Ideologen ist nämlich, dass die Lettischkenntnisse unter den Russen stark ansteigen! Besonders unter den Jugendlichen. Und auch die junge, offenbar alleinerziehende Mutter im Film könnte ihr neugeborenes Kind ja kostenlos für eine lettische Staatsbürgerschaft anmelden - auch das wird verschwiegen.

Das Erstaunlichste im Film: fürs Fernsehen tut die russische Modell-Aktivistin so, als würde sie an lettischen Folklorefesten teilnehmen. Na ja, sowas gibts auch im wirklichen Leben - und erstaunlicherweise sprechen und verstehen diese an lettischer Kultur interessierten Russen Lettisch! Anders herum sowieso. - Auch diesen Widerspruch klärt der Film nicht auf: wie kann sich ein Russe für Lettland, für Menschen, Gebräuche, Denkweise und Sprache interessieren - und dann völlig verweigern, Lettisch zu lernen?

Geradezu haarsträubend der Schlußsatz des Berichts: "Eine Politik, mit der alles Russische aus der Gesellschaft verbannt werden soll, könnte Russland erst recht provozieren. Anfang April wurden dort erste Sanktionen gegen Lettland erwogen." Wer bis hierhin nicht laut gelacht hat, wird es wohl an dieser Stelle tun. Russland droht seit 1990 nahezu ununterbrochen mit Sanktionen, und manche werden auch oft ganz ohne Begründung einfach verhängt. Bitte mal andere Quellen lesen als nur "Sputnik", liebe Redaktion.

Ein Trost bleibt: vielleicht hat ja auch die russische Botschaft wegen dieses Berichts bei ARTE protestiert - dann wäre der Bericht sicher ausgewogen.

4. April 2018

Wo kein Mensch, da kein Buch

Während manche Europa-Optimisten die Situation noch schönreden und meinen, die massenhafte Arbeitsmigration von Lettinnen und Letten in Richtung reicher EU-Länder, und die damit zusammenhängende Landflucht sei ein vorübergehendes Phänomen, sind die Folgen dieser Entwicklung dort zu spüren, wo die wenigsten wirtschaftlichen Interessen dagegen stehen: auf dem Lande. Dort, wo sowieso schon wenig Steueraufkommen die städtischen Dienstleistungen absichern konnte, steht nun alles unter Prüfzwang (auch "Spardiktat" genannt).

In vielen Landgemeinden sind es die Bibliotheken, die als Informations- und Anlaufstelle dienen. Doch als der Stadtrat von Limbaži im Dezember vergangenen Jahres beschloss, die Öffnungszeiten in 8 der insgesamt 14 Landbibliotheken der Gemeinde zu verringern - in dreien davon sogar um die Hälfte - da regte sich bald Widerstand. Schon über die genaue Summe, die durch die Sparvorschläge eingespart werden könnte, herrscht Uneinigkeit: manche beziffern diese Summe auf 8.000 Euro jährlich, andere auf 25.000-30.000 Euro.

Die Bibliotheken in den kleineren Städten und Dörfern in Lettland sind über ihre bildende Funktion hinaus vor allem auch als Informationsstelle: noch vor wenigen Jahren wurden erhebliche Mittel dafür aufgewandt, dass jede kleine Landbibliothek einige Computer zur Verfügung hat, um Interessierten den kostenfreien Zugang zum Internet zu ermöglichen - wer also keine andere private Möglichkeit hat, der hat sie zumindest hier. Auch WLAN - kabelloses Internet - ist eingerichtet worden. Im Bezirk Limbaži arbeiten 15 öffentlich zugängliche Bibliotheken, die insgesamt 99 PCs für den Internetzugang bereitstellen.

Von den Befürwortern der Einsparungen waren vor allem drei Arten von Argumenten zu lesen:
1. Die kleinen Landbibliotheken seien Überbleibsel aus der Sowjetzeit und völlig veraltet.
2. Es wohnen immer weniger Menschen auf dem Lande, daher müsse die Verwaltung Möglichkeiten der Einsparung von Ressourcen nutzen.
3. Teilweise seien die Räume der Bibliotheken schwer zugänglich, zum Beispiel Menschen mit Behinderungen oder im Rollstuhl.

 “In den vergangenen 25 Jahren haben wir schon so viel verloren," wird dagegen der lettische Schriftsteller Aivars Kļavis zitiert, dessen Bücher teilweise historische Themen aus dem Bezirk Limbaži thematisieren. "Nun gibt es wirklich rote Linien, die wir nicht überschreiten dürfen. Bibliothek gehören nicht den Staatsbeamten, sondern den Menschen. Und es sind ja auch die Bücher der lettischen Schriftsteller, die in den Landbibliotheken gesucht und gelesen werden." (LA 4.4.18, siehe auch Twitter).Die Sorge um die Bibliotheken geht auch von der Befürchtung aus, dass eine Einschränkung der Öffnungszeiten auch die schrittweise Schließung bedeuten könnte.

auch bei Google-Maps ist leicht erkennbar:
in Ārciems gibt es eine Bibliothek
Die Bibliothek Limbaži kann auf eine Tradition seit 1886 zurückschauen, als damals der Komponist Kārlis Baumanis, der selbst nahe des damaligen "Lemsal" wohnte, 300 Bücher in lettischer, russischer und deutscher Sprache aus seiner privaten Beständen spendete, um die Bücher allgemein zugänglich zu machen.

Gegenwärtig hat der Bezirk Limbaži, 87km entfernt nördlich von Riga gelegen, noch 17.500 Einwohner aufzuweisen; 7200 davon entfallen auf den Hauptort Limbaži - im Jahr 2000 waren es noch 9.200. In ganz Lettland ging die Einwohnerzahl in den vergangenen Jahren um 13% zurück (siehe Statistik); am stärksten ist der Rückgang in Latgale (21,1%), aber auch Vidzeme verlor 17,5% seiner Einwohner/innen. Der Bezirk Limbaži verlor allein in den Jahren 2005 bis 2013 12% seiner Einwohner. Die Zahl der Nutzer/innen in den Bibliotheken ging, alle Einrichtungen des Bezirk Limbaži zusammengerechnet, von 109.887 im Jahr 2015 auf 89.324 im Jahr 2017 zurück (-14,2%). Allerdings machen diese Zahlen nur 56% der Nutzungen aus - der Rest erfolgt bereits online per Internet. Einzelne Bibliotheks-Außenstellen haben eine ziemlich geringe Zahl registrierter Nutzer/innen: 69 sind es beispielsweise in Ārciems, einem kleinen Dörfchen von nicht mal 100 Einwohnern - früher einmal Haltebahnhof einer Schmalspureisenbahnstrecke. In Bīriņi, der Gemeinde mit dem 150 Jahren alten schönen Schlösschen am See - aber nur 110 Einwohnern - nutzen 59 die Bibliothek. Aber selbst diese Zahlen lassen ahnen, dass in Prozentzahlen das Bild etwas anders aussieht:  durchschnittlich nutzen 42% aller Einwohner/innen Lettlands Bibliotheken (lett. Kulturministerium). Jede/r Nutzer/in besucht statistisch durchschnittlich 15mal pro Jahr eine Bibliothek, die mittleren Ausgaben pro Nutzer/in betragen 49,55 Euro jährlich.

Die Gehälter der Bibliotheksangestellten in Limbaži wurden ab März 2018 leicht erhöht: auf monatlich 624 Euro (brutto). Dzintra Dzene, Bibliotheksleiterin in Limbaži, ist vor allem auch entsetzt über die Art und Weise, wie die Gemeinde sparen wollte:ohne eine Befragung der Bürgerinnen und Bürger, oder der Bibliotheksangestellten. Aber inzwischen gibt es Unterstützung zumindest vom lettischen Kulturministerium - es sollen Gespräche geführt werden mit der Gemeinde, und auch dem lettischen Gemeindeverband (Latvijas Pašvaldību savienība LPS). Diejenigen, die in Landgemeinden wohnen, hoffen, dass es auch sie mit ihren Interessen und Bedürfnissen nicht allein gelassen werden.