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27. Dezember 2024

Wer dreht am Rad?

Ein Riese für alle

Es sollte eine der größten Attraktionen der Stadt Riga werden: bei gutem Wetter sollte es möglich werden, von hier aus das Meer (die Ostsee) zu sehen. 10 Millionen Euro soll es gekostet haben und ist heute für alle, die von Rigas Altstadt aus über die Daugava auf die andere Flußseite blicken, unübersehbar. Am Rande dessen, was früher "Siegespark" ("Uzvaras parks") hieß, steht nun Rigas 65m hohes "Panorama-Rad".
Über den Bauherrn und Eigentümer hieß es anfangs nur, es sei eine Firma "RPR operator”, die in Litauen registriert sei. (lsm / LA) Deren Repräsentant Dimitrijs Uspenskis vertritt die Betreibergesellschaft auch gegenüber der Presse. 

Inzwischen ist "RPR Operators" auch als Unternehmen in Lettland registriert und wurde ursprünglich von Dmitrijs Uspenskis gegründet. Doch nun ist der eigentliche Nutznießer der in Russland geborene Geschäftsmann Rustam Gilfanov, der seit März 2022 die Anteilsmehrheit des Unternehmens übernahm. Über "Racoonstruction Holding Limited", ein in Malta registriertes Unternehmen, besitzt er 55 % der Kapitalanteile von RPR Operator, während die anderen Eigentümer das Unternehmen "Panoramica" (Dimitrijs Uspenskis, Darja Uspenska und Anatolys Predkel) sind.

Nach Geldquellen wird nicht gefragt

Mitte Dezember wurden die letzten Bauarbeiten am neuen Riesenrad beendet, nun soll noch eine Sicherheitsprüfung folgen bevor alles der Öffentlichkeit übergeben werden soll. Aber Fragen nach dem Investor bei RPR, der dieses Projekt jetzt finanziere, werden nicht so gerne beantwortet - so ein Bericht in der lettischen Zeitschrift "IR".
Rustams Gilfanovs, 1983 in der Gegend des russischen Perm geboren, ist auch schon der lettischen Sicherheitspolizei bekannt: seine befristete Aufenthaltserlaubnis wurde nur wegen seinen Investitionen in die lettische Wirtschaft verlängert. ("IR") Bekannt ist über ihn, dass er Studienabschlüsse in Rechtswissenschaften an der Staatlichen Universität Udmurtien vorweisen kann, und zusammen mit anderen Geschäftspartnern früher schon mal mit "Lucky Labs" in der Glückspielbranche (Software) tätig war, auch in der Ukraine. Nach dem von Russland in der Ostukraine  begonnenen Krieg habe Gilfanovs dann bis 2018 auf der Sanktionsliste der Ukraine gestanden, berichtet "IR". Laut lettischem Unternehmensregister ist aber seit 2022 als ständiger Wohnsitz Lettland angegeben; als russischer Staatsbürger taucht er nun nicht mehr auf, denn inzwischen ist er Bürger eines Karibikstaates geworden: der Föderation des Inselstaats St. Kitts und Nevis. Diversen Internetseiten zufolge lässt sich diese Staatsbürgerschaft gegen Zahlung einer gewissen Geldsumme erwerben. (IR / lsm)

so stellen sich die Erbauer den Ausblick vom
neuen Riesenrad auf Riga vor

2019 erhielt die Firma "RPR Operators" die Baugenehmigung für das Riesenrad, als einzige Bewerberin auf eine entsprechende Ausschreibung. Im Oktober 2019 wurde ein Vertrag mit 30 Jahren Laufzeit abgeschlossen, die gesetzlich maximal mögliche Dauer. Zu dieser Zeit war das Bürgermeisteramt gerade von Nils Ušakovs auf Oļegs Burovs (GKR) übergegangen, der das Projekt mit den Worten bewarb: "Wollt ihr Pārdaugava entwickeln, dann müsst ihr dafür stimmen." Und Vladimirs Ozoliņš, Chef des Immobiliendezernats der Stadtverwaltung meint: "Wir hoffen, dass dieses Riesenrad 30 Jahre hält." Einige Medien berichten, nach Ablauf der 30 Jahre Vertragslaufzeit gehe die Anlage in das Eigentum der Stadt Riga über (Jauns / LTV).

Recherchen der Zeitschrift "IR" zufolge hatte RPR bis Anfang 2024 Schulden in Höhe von 300.000 Euro angehäuft. "Die Stadt Riga hat keine Möglichkeiten zu überprüfen, aus welchen Quellen das Geld eines Invetors stammt," meint Vladimirs Ozoliņš. "Wir überprüfen ihre Bankkonten nicht", sagt er und fügt hinzu, 2019, als über das Projekt entschieden worden sei, seien bezüglich des Unternehmens keine Unregelmäßigkeiten festgestellt worden.

Neue Skyline

Der Vertrag sah vor, dass die Bauarbeiten innerhalb von drei Jahren abgeschlossen sein sollten - aber durch die Pandemie traten Verzögerungen ein, das Bauamt prüfte die Unterlagen fast ein Jahr lang. "Wir sind ja kein Land mit vielen solchen Riesenrädern, die Bauverwaltung hatte wenig Erfahrung mit solcher Art Ingenieursarbeiten," sagte Ozoliņš, nicht ohne einen Vergleich zu wagen mit dem Eiffelturm in Paris.

Lange wurde überlegt, welchen Effekt das neue Bauwerk auf die Stadtsilhouette am linken Daugavaufer haben würde, und wie man es für einen möglichst positiven Eindruck ausrichten müsste. Anfang 2023 begannen dann die Bauarbeiten. Aber eigentlich hat der Boden dort seine Tücken - durch die in der Nähe fließende Mārupīte bleibt der Boden schlickhaltig. Der Bau wurde durch 122 Pfähle stabilisiert, die Hälfte davon bis zu 30m tief im Boden verankert. Auf diese Weise soll das 65m hohe Riesenrad auch starken Windböen trotzen können. 1200 m³ Beton wurden verbaut. 

"Weltweit ist unsere Anlage eher mittelgroß," meint RPR-Vertreter Dimitrijs Uspenskis, "denn London, Las Vegas oder in Skandinavien sind andere Maßstäbe gesetzt worden. Aber unser Riesenrad ist groß im Verhältnis zu unserer Stadt“. Es gibt 30 beheizte Kabinen mit jeweils acht Sitzplätzen. Splittergeschütztes Spezialglas wurde aus Spanien geliefert. "Wir hoffen, dass auch diese Bauweise zu einem Exportprodukt werden kann," erläutert Uspenskis, "anderswo in Europa sind ja Riesenräder in Betrieb, die aus den 1970iger und 1980iger Jahren stammen." (IR)

Die Rigaer Variante ist von der Architektengruppe A.I.D.E. entworfen worden, unter Leitung von Jānis Rinkevičs. Monteure kamen auch aus den Niederlanden und Polen, die Aufsicht hatte der deutsche TÜV Rheinland. 

Vergnügungsaussichten

Eine Fahrt im "Panorama-Rad" soll zukünftig 15 Minuten dauern, und so 10 - 12 Euro kosten - allerdings je nach Saison unterschiedlich. Um die 25 Angestellte wird es benötigen, das Rad jeden Tag, Sommer wie Winter, in Betrieb zu halten. "Wir wollen einen Platz schaffen, wo sich Menschen mit der ganzen Familie mehrere Stunden aufhalten können", sagt Uspenskis. Und er betont auch, dass die Stadt Riga hier keine Steuergelder für ein Projekt ausgeben musste - aber von den Betreibern jährlich 24.500 Euro Miete einnimmt. Mindestens alle sechs Jahre soll die Höhe dieser Miete überprüft werden - von zertifizierten Gutachter/innen.

Haben die Planungsbehörden den richtigen Standort gewählt? Es gibt durchaus Menschen, die ganz in der Nähe wohnen - bisher sind von den Bewohner/innen dort nur Sorgen um mögliche Geräuschbelastung und zunehmenden Straßenverkehr zu vernehmen. Anfangs waren auch andere Standorte, wie zum Beispiel an der Esplanāde nahe der großen orthodoxen Auferstehungskirche geprüft, aber wieder verworfen worden. "Beachtet muss vorallem die Erreichbarkeit, denn dieser Ort wird täglich von Hunderten Menschen besucht werden," meint Stadtplaner Viesturs Celmiņš. Er macht sich Sorgen, dass wegen fehlender Parkmöglichkeiten die Besucher/innen dann überall die Straßen in der Nähe zuparken könnten. 

Es wird aber sicher Leute geben, die ungeduldig auf die Eröffnung warten. Umfragen ergaben, dass 62% der lettischen Bevölkerung das Riesenrad "bestimmt" oder "wahrscheinlich" nutzen würden (TV3 "ganz bestimmt nicht" antworteten 11%). Andere fragen sich, ob die Tatsache, dass der Investor möglichweise auf einer Ukraine-Sanktionsliste zu finden ist, das fast fertiggestellte Projekt doch noch verhindern kann. Der aktuelle Rigaer Bürgermeister Vilnis Ķirsis sagte kürzlich in einem Interview: "Die Stadt Riga hat mit diesem Bauvorhaben nichts zu tun." (LA) Die Stadt sei keine Ermittlungsbehörde (jauns).

9. Juli 2018

Viktors neuer Job: wer ist hier das Investitionsobjekt?

Gründen wir mal einen Fußballclub

Dmitrijs Ribolovļevs (Dmitri Jewgenjewitsch Rybolowlew) gilt nicht nur als einer der reichsten Unternehmer Russlands, sondern auch einer der reichsten Menschen der ganzen Welt. Sein persönliches Eigentum wird auf einen Wert von 9,5 Milliarden US-Dollar geschätzt. 2011 erwarb er 67% der Anteile am Fußballklub AS Monaco, mit Einverständnis des Besitzers der restlichen Anteile, Prinz Albert II (der gleichzeitig die restlichen Anteile hält).
Lettisches Charity-Projekt:
würden Sie diesen Jungs
das Training bezahlen?
2016 erwarb Ribolovļevs auch den lettischen Fußballklub "FC Riga". Der "FC Riga" entstand erst am 1.1.2014 durch den Zusammenschluß von "Caramba Riga" und "Dinamo Riga", war unter dem Namen "Caramba/Dinamo" 2015 in die oberste lettische Liga aufgestiegen, indem das Team 27 von 30 Spielen gewann (dreimal unentschieden). "Caramba Riga" hatte Geld für die Trainingskosten noch als "Crowndfunding-Aktion" (LNK) suchen müssen - klar, dass hier neue Finanzgeber sehr willkommen waren. Der neue Club hatte sich zunächst "Riga Football Club" nennen wollen - dagegen hatte aber die Stadt Riga mit der Begründung Einspruch erhoben, eine rein englische Bezeichnung könne auf "Unverständnis in der Gesellschaft" stoßen (Diena).Es blieb die Abkürzung FC.

Mit den nun wesentlich höheren Investitionssummen stiegen auch die Ansprüche. Mit Kaspars Gorkšs, Kapitän der lettischen Nationalmannschaft, Mittelfeldspieler Artūrs Zjuzins und Stürmer Valērijs Šabala wurden etablierte Spieler geholt. Als nach den ersten vier Spielen der Saison 2017 nur ein Sieg dabei heraussprang, musste Trainer Vladimirs Volčeks gehen. Veteran Gorkšs allerdings war da auch bereits 36 Jahre alt, spielt inzwischen nur noch "zum Spaß" beim zweitklassigen FC Auda; es gelang ihm, sich am 27. April 2018 zum neuen Präsidenten der lettischen Fußballverbandes wählen zu lassen, trotz mancher Schwierigkeiten (11Freunde).

Reise von Grün nach Hellblau:
Werder Bremens einstiger Erfolgstrainer Viktor Skripnik -
was ihn wirklich von Riga überzeugte, blieb vorerst unklar

Das Trainerkarussel

Im April 2017 übernahm dann also der Russe Jevgeņijs Perevertailo das Amt des Cheftrainers beim "FC Riga" von seinem Vorgänger Volčeks. Von Perevertailo war zu lesen, er habe sich erst über das Internet informieren müssen, was das eigentlich für ein Klub in Riga sei (rigafc). Die Zuversicht dauerte nur ein paar Wochen. Schon Ende Juli war auch für den Neuen schon wieder Schluß: nach einem verlorenen Pokalendspiel gegen Ventspils und einer Niederlage gegen die Konkurrenz aus Liepāja (diena). Bis zum Saisonende übernahm der Slowene Slavišs Stojanovičs mit den Worten: "Weniger reden, mehr arbeiten" (rigafc). Nach einigen Wochen war gab er folgendes zu Protokoll: "Ich wundere mich, dass es in den Stadien so ruhig ist. Alles friedlich. Keine großen Emotionen, wenn wir verlieren - da wo ich herkomme, wäre gleiches eine Tragödie. Hier bleibt alles ruhig." (sportazinas)

Riga 2016: der Slovene
 Slavišs Stojanovičs hofft auf
"langfristige Verträge"
Auch der slowenische Ansatz ging nur bis Saisonende gut. Ab dem 27. Januar 2018 betreute dann der Mazedonier Goce Sedloski das Team. Dieser sprach aber weder Englisch noch Russisch, und bekam vermutlich nicht nur deshalb in Riga Kommunikationsschwierigkeiten - schon am 25. Mai 2018 verkündete die Geschäftsführung seine Entlassung: nach vier Siegen, vier Niederlagen und einem Unentschieden (sportacentrs).

Nun also der "Skripniker" aus Vācija. Immerhin trifft der neue Trainer bei seinem neuen Team unter den Spielern mehrere Landleute an: Vladimirs Bajenko, Valērijs Fedorčuks, und
Bohdan Kovalenko. Dazu noch Ivans Jeņins, ein Russe geboren im ukrainischen Cherson in der Nähe des Schwarzen Meeres.
Insgesamt leben in Lettland, nach Auskunft der ukrainischen Vereine, etwa 45.000 Menschen die sich der Ukraine zugehörig fühlen. Die einzige staatlich finanzierte ukrainische Schule außerhalb der Ukraine ist ebenfalls in Lettland zu finden.(Diena)

Und sogar im Bereich der virtuellen Fußballturniere (e-sport) ist der "Riga FC" bereits aktiv: im Oktober 2016 schloss mein einen Vertrag mit dem damals 15-jährigen Schüler Gints Pidiks (momentan 17-jährig) aus Babite bzw. Jurmala. Eine Entlohnung von 2000 Euro wurde ihm für Hilfe beim Aufbau einer entsprechenden e-Fußball-Abteilung vertraglich zugesichert (sportacentrs).

Fußball mit Perspektive?

Bliebe noch der Blick auf Stadion und Fans. Die Spiele des "FC Riga" werden von durchschnittlich 400-600 Zuschauern pro Spiel besucht. Gespielt wird im Stadion "Skonto", im Jahr 2000 eröffnet und benannt nach dem jahrelang dominierenden Club "Skonto Riga", der 2016 Zahlungsunfähigkeit anmelden musste und aufgelöst wurde. Das Fassungsvermögen beträgt aber weniger als 10.000 Personen. Es gibt zwar Flutlicht, aber keine Rasenheizung. Wegen ungeklärter Kreditschulden wurde das Stadion 2011 "privatisiert": zunächst war eine "Reverta AS", dann "SSA GmbH" und schließllich "Mani Group GmbH" Eigentümer - ein Geschäftsgang, bei dem offenbar Steuern im erheblichen Maße hinterzogen werden konnten - nicht 12,5 Millionen, sondern 35 Millonen Euro sollen beim Verkaufsvorgang geflossen sein (lsm / delfi). Kurz nach Abwicklung des Verkaufs hatte sich die "Mani Group" in "Adventika Group" umbenannt, und hatte den gesamten Vorstand ausgetauscht. Inzwischen liegen mehrere Kläger im Rechtsstreit mit dem im Ministaat Belize registrierten Unternehmen "Adventika"; es geht um Einzelheiten der Stadionnutzung und der Einrichtung. Fazit: auch von dieser Seite könnte dem Fußball Ungemach drohen. Belize steht übrigens auf der "schwarzen Liste" der EU-Kommission zur Bekämpfung von Steuerflucht.

Für Beobachter außerhalb Lettlands bietet die höchste Fußballliga der Männer manchmal schon wegen ihres Namens Raum für Irritiationen: drei Jahre lang hieß der Meisterschaftswettbewerb "SMSKredit"-Liga, seit 2016 nun "SynotTip"-Liga (Vertrag ebenfalls über 3 Jahre). Und auch "LMT-Liga" war schon mal gebräuchlich. Wer soll da international noch richtig einordnen, dass es sich hier um die Meisterschaft Lettlands geht?

In den deutschen Medien wurde der Trainerjob beim "FC Riga" ja auch schon mal als "Schleudersitz" bezeichnet, und gleichzeitig bezweifelt, dass ausgerechnet hier für den "netten Viktor", den "Skripniker", der zuvor nichts anderes als die "Werderwelt" kannte, der richtige Platz wäre (NDR). Der Slowene Stojanovičs wurde übrigens, kurz nach seiner Entlassung beim "FC Riga", beinahe noch zum Nationaltrainer Lettlands ernannt (sportacentrs).

Oder doch lieber Frauenfußball? 

Celia aus Deutschland, zusammen mit Nina Travkina,
Chefin des lettischen Frauenfußballverbands
Vor einigen Tagen zeigte sich ein weiteres aus der deutschen Fußballszene bekanntes Gesicht in den lettischen Medien: Célia Šašič. Die Ex/Torschützenkönigin der Frauenfußball-Bundesliga und zweifache Europameisterin hielt sich am 29. Juni im Auftrag der UEFA einen Tag in Lettlland auf (LFF). Es gab auch Geschenke: die lettischen Gastgeberinnen versäumten es nicht, Celias Geburtstag (27.Juni) nachzufeiern. Sogar ein eigenes Video wurde gedreht, die Dokumentation von Besuchen auch in international weniger bekannten Orten wie Staicele. Vielleicht ist ja auch noch ein Traineramt frei? Na, wie wär's, Celia?

20. Mai 2017

Mit Steuern steuern

Viele Diskussionen löste in den vergangenen Wochen die von Regierungschef Māris Kučinskis beabsichtigte Änderungen einiger Steuergesetze aus. Aber sind es wirklich entscheidende Richtungsänderungen - oder vielleicht nicht mehr als aufsehenerregende Werbeballons für die im kommenden Monat anstehenden Kommunalwahlen?

Modellrechnung des lettischen
Finanzministeriums
Den neuen Regelungen zufolge soll es ab 2018 mehr Geld für das Gesundheitswesen geben: 4% des erzielten Bruttosozialprodukts soll dann dafür ausgegeben werden, ein Finanzierungsziel, was die Regierung selbst sich in Form von Richtlinien zur Stabilität (Latvijas Stabilitātes programms 2017. – 2020) gesetzt hatte. Unter anderem soll die Einkommenssteuer von jetzt 23% auf 20% gesenkt werden - für Einkommen bis 45.000 Euro jährlich. Der gesetzliche Mindestlohn soll auf 430 Euro erhöht werden, dazu soll bei Geringverdienern und Rentnern 250 Euro steuerfrei bleiben.

Heiß diskutiert werden auch Regelungen für im Ausland lebende Lettinnen und Letten. Einerseits bemüht der lettische Staat sich sehr um diese sogenannte "Diaspora", warunter besonders viele junge Menschen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren sind. Andererseits wird überlegt, ob das Geld, was im Ausland Lebende "nach Hause", zur Unterstützung von Familie und Verwandten schicken, besteuert werden soll. Vorerst bleiben diese Ideen aber im Planungsstadium.

Kritik an der lettischen Steuerreform äußerten außerdem Vertreter einiger Regionalparteien, die bemängelten, regionale Unterschiede in Lettland würden hier nicht ausreichend berücksichtigt. Auch wird befürchtet, die Steuereinnahmen einiger Landgemeinden könnten sich wesentlich verringern.

28. Februar 2017

Wer möchte Durchschnitt sein?

Ob wohl alle diejenigen Lettinnen und Letten, die in anderen EU-Ländern Arbeit gefunden haben, die Statistiken der Heimat lesen? Gerade veröffentlichte das lettische Statistikamt (Centrālās statistikas pārvaldes - CSP) wieder Daten zur Wirtschaftslage. Demnach wuchs das lettische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 2,0%.
Der statistische mittlere Nettolohn bewegt sich diesen Zahlen zufolge bei 631 Euro, was 73,5% des Brottodurchschnittslohn bedeutet.
Der gesetzlich festgelegte Mindestlohn wurde 2016 von 360 auf 370 Euro erhöht.

Doch die Verhältnisse unterscheiden sich sehr stark, von Berufssparte zu Berufssparte. Im nichtstaatlichen, privaten Sektor stiegen die Löhne durchschnittlich schneller als im staatlichen Sektor (+5,8% gegenüber +2,7%). Glücklicher sicherlich, wer im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien arbeiten: hier liegt der Lohn durchschnittlich bei 1364 Euro. Auch im Bereich Elektro-, Gas- und Wärmeversorgung sind die gezahlten Löhne mit 1163 Euro noch vierstellig. In der Verwaltung und im Bereich der Verteidigung wird durchschnittlich 1071 Euro gezahlt, in der Rohstoffgewinnung und im Tagebau sind es noch 971 Euro. Wissenschaftliche und technische Dienstleistungen können noch mit 937 Euro Brutto lohn rechnen, im Transportwesen sind es noch 870 Euro, bei Müllabfurh Sanitär und Wasser lediglich 842 Euro. Arbeiter im Bauwesen bekommen nur durchschnittlich 828 Euro monatlich, in der Wald-, Fisch- und Landwirtschaft sind es nur noch 820 Euro, in der Verarbeitungsindustrie gerade mal 811 Euro brutto.
Noch niedriger liegt sogar das Gesundheitswesen mit 799 Euro, die administrativen Dienstleistungen mit 780 Euro, Dienstleis-tungen rund um Immobilien mit 770 Euro und der Kleinhandel mit 769 Euro. Ganz am unteren Ende liegt der Bereich Kunst, Freizeit und Erholung mit 734 Euro monatlich im Durchschnitt und - das Bildungswesen, wo durchschnittlich sogar nur 703 Euro brutto gezahlt wird. Kann es noch tiefer gehen? Es kann! Im Hotel- und Restaurantwesen in Lettland wird brutto durschnittlich nur 703 Euro gezahlt. Ach ja, im Finanz- und Versicherungswesen sind es dann doch durchschnittlich 1819 Euro monatlich. (Zahlen: Dienas Bizness)

Das bedeutet insgesamt in Lettland einen Brutto-Durchschnittslohn von 853 Euro - rein statistisch gesehen, natürlich. Träumen also alle Krankenschwestern und Lehrerinnen von einer Karriere im Finanzwesen?
Heftig diskutiert wird zur Zeit eine Steuerreform. Vorschlägen des Finanzministeriums zufolge sollen Einkommenssteuern (ienākuma nodokļi UIN) gesenkt und damit vor allem kleinere Firmen gefördert werden, gleichzeitig soll die sogenannte "Solidaritätssteuer" (solidaritātes nodokli) angehoben werden (lsm, Financenet). Diese war 2016 eingeführt worden, und damit erstmals eine etwas höhere Steuerlast für Besserverdienende festgelegt (alle die mehr als 48.600 Euro pro Jahr verdienen).
Auch ein Vorschlag zur Anhebung des Mindestlohns auf 430 Euro steht gegenwärtig zur Diskussion. Aber inzwischen dauern die Diskussionen um eine Steuerreform in Lettland auch bereits Monate an.

28. November 2015

Die Katzen und der heiße Brei

Lange Warte-schlangen soll es gegeben haben, als die Bank von Lettland in dieser Woche die erste Münze aus der Reihe "Märchen Lettlands" herausgab. Die "fünf Katzen" bildeten den Auftakt zu einer Reihe, in der fünf Münzen zu lettischen Märchen herausgegeben werden sollen.
Die fertige Münze stellt dabei eine echte "baltische" Ko-Produktion dar: die Herstellung über nahm die litauische "UAB Lietuvos monetų kalykla".
Gestaltet wurde die Münze von der lettischen Designerin Anita Paegle, die auch Kinderbücher schon illustriert hat, und deren Gestaltungsentwurf für die "Schaukel-Münze" (Šūpuļa monēta) zur "schönsten lettischen Münze des Jahres 2013" gewählt wurde.

Gibt es überhaupt lettische Märchen? Was vielleicht wie eine dumme Frage klingt, wird zu einer ernsthaften Recherche, wenn es um die Quellen und Ursprünge geht. Klar, die Gebrüder Grimm haben viel gesammelt, aber lettische Märchen?
Die fünf lettischen Katzen - Muri, Ņuri, Inci, Minci un Punci - sind eines der Lieblingsmärchen, die lettischen Kindern vor dem Schlafengehen vorgelesen werden. Obwohl der Text sehr kurz ist, kommt dabei deutlich ein erzieherisches Ziel zum Ausdruck:  nur mit Einfallsreichtum, Eigeninitiative und Fleiß kommt man im Leben weiter - übersetzt in Märchentext: die fünf Katzen müssen schon selbst Holz suchen, um den Ofen heizen zu können, auf dem sie dann ihren Brei kochen, und dann satt und zufrieden ins Bett gehen können.

Aufgeschrieben hat die Geschichte Alberts Kronenbergs (1887-1958); sein bekanntestes Kinderbuch "Mazais ganiņš un viņa brīnišķīgais ceļojums" ("der kleine Hirte und seine wundersame Reise") erschien 1931. Eine animierte Version der "fünf Katzen" hält die Webseite "pasakas.net" bereit, viele der Märchen wurden auch Vorlage für Aufführungen des Theaters und Puppentheaters.
Deutsche Übersetzungen der "fünf Katzen" finden sich entweder in den Märchenbüchern des Diedrich-Verlags (Erstausgabe 1924, Ausgabe zuletzt von 1989), oder die DDR-Ausgaben aus dem Aufbau-Verlag (zuletzt neu aufgelegt 1990), in beiden Fällen zusammengestellt von Ojārs Ambainis.

Die neue Münze ist ab sofort im Handel, in einer Auflage von 10.000 Exemplaren, zunächst zum Ausgabepreis von 39 Euro.

6. Februar 2015

Mittendrin sein wollen

Im Gegensatz zum Nachbarland Litauen hat Lettland nicht den Anspruch, schon rein geographisch der Mittelpunkt Europas zu sein (obwohl es auch in dieser Hinsicht eine Variante gibt, die diesen Mittelpunkt in Lettland errechnet). Die Nachbarschaft zu Russland ist wesentlich prägender. So prägend, dass immer wieder die Ansicht aufkommt: "Europa versteht uns nicht!"

Nun soll alles anders werden. Lettland hat für sechs Monate die EU-Ratspräsidentschaft, und viele Lettinnen und Letten merken das zunächst mal daran, dass ein großer Teil der gerade frisch eröffneten Nationalbibliothek nun wieder geschlossen ist: die Räume werden für Konferenzen und Seminare im Rahmen der EU-Präsidentschaft genutzt. "Früher waren Bibliotheken Werkstätten der Wissenschaft - heute sind sie offenbar für Empfänge, Cocktailparties und Hipster mit ihren Smartphones gedacht, dazu kommt eindrucksvolle Architektur" schreibt der Philosoph und Sozialanthropologe Haralds Matulis, zu lesen beim Portal "satori.lv". Sein Resumee: "Zur Zeit eher ein Ort für Designer und Public-Relation-Profis."

Argumente gegen das "muss-denn-das-sein?": Auszug
aus dem lettischen EU-Präsidentschafts-Werbefilm
Einflussreiche Europäer, oder nur reisende Bürokraten?
Zumindest für die kommenden Wochen wird dieser Eindruck wohl unabänderlich sein. 1140 Beamte und Angestellte sind nach Angaben der lettischen Präsidentschaft mit der Umsetzung dieser sechs Monate direkt beteiligt, dazu kommen etwa 100 Praktikantinnen und Praktikanten. Etwa 1500 verschiedene Konferenzen werden im ersten Halbjahr 2015 in Brüssel stattfinden, zusätzlich etwa 200 in Lettland (alle verschiedenen Arbeitsgruppen zusammengenommen, soll die Gesamtzahl der Zusammenkünfte 427 betragen). Da wird das Präsidentschafts-Logo, das im Sinne der Macher als "Symbol der geschichtlichen Wurzeln und der Anfänge der Zivilisation" fungieren soll, auch schon mal assoziativ zum "Mühlstein der Bürokratie".

Dem Kostenargument wollte die lettische Regierung gleich zu Beginn begegnen, und rechnete vor: 64.5 Millionen Euro Gewinn werde die EU-Präsidentschaft einbringen, da sie zu gesteigertem Steuereinkommen, positiven Effekten im Tourismus, und gesteigerter Effektivität der staatlichen Angestellten führen (siehe es2015.lv). Ein anderer kritischer Einwand könnte sich darauf beziehen dass Lettland sich durch die EU-Ratspräsidentschaft auch mehr "lettische Farben" bei Entscheidungen erhoffe.
"Blockierter Straßenverkehr in Riga, 100 Millionen Euro Kosten und Illusionen in Bezug auf mehr Einfluß", so skizziert es Astrīda Bomis in einem Kommentar für "Kas Jauns" und fügt ironisch hinzu: "Zeigen wir der EU, dass wir einen Fünfjahresplan auch in sechs Monaten verwirklichen können!". Oder ist es eher Sarkasmus, wenn Bomis ergänzt, dass sich der Aktionsplan der EU gegen die Jugendarbeitslosigkeit bisher ja nur in der Ermöglichung billiger Flugreisen erschöpfe (in die Länder, wo dann lettische Jugendliche doch noch Arbeit finden). In der EU bleibe es wie bisher: große Länder wie Frankreich, Deutschland Großbritannien bestimmen die Richtung, und die Präsidentschafts-Ehre entlaste nur ein wenig die Brüssler Bürokraten ohne diese Systematik zu ändern. Zudem seien damit eben ausdrücklich keine Lösungen der innenpolitischen Probleme verbunden, auch wenn diese mit der EU in Zusammenhang stünden, so die Journalistin.

Kultur als Prestige-potential
Die lettische EU-Ratspräsi-dentschaft versucht auch, in der ersten Jahreshälfte kulturelle Schwerpunkte in anderen EU-Staaten zu setzen. Im Ergebnis pro Land wird es zahlenmäßig nicht viel sein, aber was im eigenen Land ja vielleicht so wirken könne, "nicht nur für Bürokraten" etwas zu tun, bietet offenbar die Möglichkeit die (vermutete?) gesellschaftliche Elite der betreffenden Länder auch mal zum Konzert oder ins Theater einladen zu können. In Deutschland werden dies Auftritte der SINONIETTA RIGA in Frankfurt, Hamburg und München sein, im Mai wird dann die Oper "Valentina" als Gastspiel in Berlin auf die Opernbühne gebracht - allein diese Aufführung der Lettischen Nationaloper kostet 405.000 Euro (siehe LSM). Durchschnittlich 25.000 Euro lasse sich Lettland jedes Gastspiel-Event kosten, rechneten die lettischen Medien nach (lsm) - sogar in Peking möchte Lettland in dieser Zeit mit einer Ballett-Aufführung präsent sein.
Selga Laizāne, im Präsidentschafts-Sekretariat zuständig für das Kulturprogramm ist überzeugt, dass sich diese Ausgaben auszahlen werden: "Das wird alles zusammen mit den jeweiligen Aussenministerien organisiert, hochrangige Beamte. Es ergibt also einen kulturellen und auch einen politischen Sinn."(lsm)

Alles neu - macht der Mai? (oder alles bleibt dabei?)
Auch Sicherheitsbedenken gab es auf lettischer Seite. Einige äussern Sorge, es könne wieder zu "Cyberattacken" kommen, also von Hackern absichtlich verursachte Störungen der Internet-Kommunikation. Zu einem aussenpolitischen "Knackpunkt" der internationalen Beziehungen könnte auch der 9.Mai werden - der in Moskau als 70.Jahrestages des Kriegsendes und "Sieg über den Faschismus" gefeiert wird. Der estnische Präsident Ilves und seine litauische Kollegin Grybauskaite sagten ihre Teilnahme bereits lautstark ab, noch bevor die Einladungen richtig versandt waren. Der Lette Andris Bērziņš hält sich in dieser Frage bisher bedeckt - vielleicht auch mit Blick auf die lettische EU-Präsidentschaft - und muss sich derzeit Spekulationen aussetzen, ob der nächste lettische Präsident nicht lieber vom gesamten Volk gewählt werden sollte. Die Wiederwahl (für weitere vier Jahre) wäre zwar möglich, doch dafür können sich bisher nur die "alten Freunde" aus der Bauernpartei (ZZS) erwärmen. Noch 2010 war Bērziņš auf der Liste der ZZS zur Parlamentswahl angetreten (und in Zemgale direkt nach Parteichef Brigmanis auch gewählt), bevor er dann 2011 zum Präsidenten gewählt wurde. Seine Amtszeit endet in wenigen Wochen, für den Sommer steht auch die Präsidentschaftswahl an (= in Lettland bisher eine Wahl durch das Parlament).

Nun, vorerst müssen Lettinnen und Letten wie auch Einwohner Rigas wahrscheinlich die EU-Präsidentschaft wirklich an Verkehrsstaus und Preissteigerungen messen - der Glanz des gelungenen Kulturhauptstadtjahrs ist vorbei. Am Image "mitten in Europa angekommen" bastelt Lettland noch.

13. Juli 2013

Präsidentenmenü, fein sortiert

Zwei Tage dauerte das Besuchsprogramm von Bundespräsident Joachim Gauck in Lettland. Zwar war auch hier die Überschrift "Besuch im Baltikum" zu lesen, tatsächlich aber lohnt ein erweiterter Blick auf die von Gauck ausgewählten Themen während seiner gesamten Reise, also auch auf Finnland, Estland und Litauen.

Oberflächlich betrachtet mag es ein ziemlich gewöhnlicher Besuch gewesen sein: Mittagessen mit Präsidentenkolleg/innen, Blumen niederlegen an Nationaldenkmälern, Gedenken an Krieg und Holocaust. Hoffen auf mehr Wirtschaftskontakte und Menschen die Deutsch lernen. Beim näheren Hinsehen ergeben sich interessante Details.

Vier Staaten, viele Eigenarten
Es war ein sehr günstiger Zeitpunkt für einen Besuch. Gauck, der ja dafür bekannt ist sich gut in Befindlichkeiten osteuropäischer Staaten hineinfühlen zu können, webte einen ganz neuen roten Faden: Von Finnland nach Lettland, von Lettland nach Estland, von Estland nach Litauen. Die enge Sicht aufs "Baltikum" erweiternd, haben alle drei "baltischen" Staaten momentan einen eigene Schwerpunkte aufzuweisen: Lettland steht kurz vor der Einführung des Euro, ein Schritt der für die einen den Anschluß an Europa bedeutet, für die anderen erneut Ängste hervorruft. Estland hat den Euro bereits eingführt, fühlt sich trotz inzwischen einsetzender Preissteigerungen als modernes Land Europas, nicht nur wegen des überall verfügbaren drahtlosen Internets. Und Litauen hat seit dem 1.Juli die Präsidentschaft im Rat der Europäischen Union übernommen, ebenfalls ein historisch wichtiger Moment (den Lettland 2015 erleben wird).

Gemeinsame Sicht auf die Geschichte Lettlands:
Bundespräsident Gauck, Dr. Nollendorfs, Margers Vestermanis
Kein Vergleich also mehr zu den "mageren Jahren" 1990-1998, als Riga, Vilnius oder Tallinn zwar oft in geradezu heroischen Farben in der deutschen Presse auftrauchten, deutsche Spitzenpolitiker es aber peinlich vermieden ihre frisch gewählten Regierungen auch mal zu besuchen. Neben einem Kurzbesuch von Bundespräsident Weizäcker im Juli 1993 war es die allerletzten Auslandsreise der Amtszeit von Roman Herzog 1998, welche diese Abstinenz durchbrachen. "Der Hunger nach Kultur, geistiger Erneuerung ist in diesem Lande immens," so zitierte Herzog damals der "Spiegel". Kanzler Schröder kam ein Jahr später, aber verdarb sich baltische Sympathien bald wieder durch seine offensichtliche Honorartätigkeit in Diensten Putins - auch dies konnte, wer wollte, schon während seines Baltikum-Besuchs aus einem Spiegel-Zitat abgelesen werden:"Wir setzen sehr viel Hoffnungen in die Politik Putins".
Erst mit Merkel, Steinmeier und jetzt Gauck kehrte Alltäglichkeit ein - ohne das allerdings die hohen Erwartungen wieder erreicht wurden, die gegenüber Deutschland vor 10-15 Jahren einmal gehegt wurden.

Geschichte mit vielen Perspektiven
Lettland, Estland und Litauen werden jetzt also mit eigenständigem Konzept, als unabhängige Staaten, und nicht mehr nur als Teil der Russland-Politik besucht. Dabei werden sensible Themen fein sortiert, national symbolisches mischt sich mit bilateralen Dauerbrennern - als Beispiel mag Gaucks Besuch im lettischen Okkupationsmuseum stehen, wo er wie selbstverständlich auch Margers Vestermanis traf, Holocaust-Überlebender und unermüdlicher Mahner zum Umgang der Letten mit den Juden.
Weiterhin weiß Gauck wohl, dass in Richtung der deutschen Berichterstattung Themen gesetzt werden, die Lettland fast nur als Teil des Europäischen Markts verstehen. Was in Lettland selbst gerade wichtig ist, was diskutiert wird oder politisch umstritten ist - außerhalb der Lettisch-Kundigen bleibt es weitgehend unbekannt. Also wird lettische Politik so gelobt, als sei diese nicht von einer eigenen lettischen Dynamik geschaffen, sondern nur entweder als Beispiel oder als Mahnung für andere Länder Europas - so als sei es für Deutschland am wichtigsten, hier keine griechische, spanische oder Berlusconi-Mentalität vor sich zu haben. "Es wäre in Deutschland schwer gefallen, Reformen im öffentlichen Dienst durchzuführen, so wie sie Lettland vorgenommen hat", so Gauck. Ist das provozierend gemeint? Für die Deutschen, weil sie ja wissen, dass kurzfristige Kürzung von Gehältern um 20-30% schwerlich als "Reform" bezeichnet werden kann, gerade wenn das allgemeine Lohnniveau sowieso niedrig ist. Und für die Letten, da ansichts der Auswanderung Zehntausender (auf der Suche nach angemessenem Lohn für die eigenen Hände Arbeit) die Frage im Raum stehen bleiben muss, warum Gauck lettische Politiker als "mutig" bezeichnet.

Angeregter Informationsaustausch:
Hans-Joachim Schwolow, Daniela Schadt
Starke Regionen
Vieles wird also erst die Zukunft zeigen. Vertrauen auf diese Zukunft, das ist es wohl was Gauck gerne vermitteln würde. So war denn auch seine zweite Station in Lettland, die nordlettische Stadt Valmiera, auch möglichst nach pratischem Nutzen ausgerichtet: deutsche Unternehmer ließen sich vom Sachsen Jürgen Preiss-Daimler die erfolgreiche lettisch-deutsche Zusammenarbeit im Bereich der Glasfaserherstellung erläutern - mit 8 Standorten in Deutschland, Belgien, England, Lettland und Russland gehört die P-D FibreGlass Group (und damit auch das Werk in Valmiera) zu den größten Herstellern, Vermarktern und Veredlern von Glasfaserverbundwerkstoffen in Europa. Dabei blickt "Valmieras stikla šķiedra AG" sogar schon auf 50 Jahre Tradition zurück, seit 1996 (im Zuge der Privatisierung) beteiligt sich die deutsche Seite.

Sommerlied für Gauck from Albert Caspari on Vimeo.

Aber Valmieras Kontakte mit deutschen Partnern sind vielfältig. Auf 20 Jahre Zusammenarbeit mit Valmiera kann Hans-Joachim Schwolow, Partnerschaftsbeauftragter des Kreises Gütersloh, zurückblicken und wirkt dabei wie jemand, der hier nicht mehr nur als Gast, sondern auch als Mensch auf Augenhöhe angesehen wird (er ist Ehrenbürger mehrerer lettischer Gemeinden). Auch die "Hochschule Vidzeme" sorgt in Valmiera dafür, dass die Stadt attraktiv für ihre Einwohner bleibt.
Posieren fürs deutsch-lettische Abkommen
zur beruflichen Bildung: Botschafterin Andrea Wiktorin,
die Präsidenten Gauck und
Bērziņš, Bildungs-
minister Dombrovskis

Das extra eingeübte Lied, das eine örtliche Schulklasse für den hohen Gast eingeübt hatte, setzte Gauck kurzzeitig in Erstauen: "Daniela Schadt und ich, wir kennen ja viele Lieder, aber dieses war uns neu!"
Neu unterzeichnet wurde in Valmiera auch ein Abkommen zur Kooperation zwischen lettischen und deutschen Stellen auf dem Gebiet der Berufsbildung: für drei Jahre soll ein deutscher   Experte Firmen in Lettland zur Beteiligung an beruflichen Bildungsmaßnahmen motivieren. 

Vermisste Themen
Nicht alle deutsch-lettischen Themen wurden durch das Besuchsprogramm in Lettland aufgegriffen. Aber wer etwas vermisst, sollte zunächst den Blick auch aufs estnische und litauische Besuchsprogramm richten. Die Diskussion um Railbaltica etwa, ein schon jahrelang diskutiertes Bahnprojekt für eine Neubaustrecke zwischen Berlin und Tallinn, wurde lieber in Estland aufgegriffen - wo das Projekt weniger umstritten ist als in Lettland. Schon längst hat die estnische Regierung grünes Licht gegeben, während in Lettland neben der mißglückten Modernisierung der Bahn auch noch diskutiert wird, ob nicht eine Verbesserung der Verbindung nach Moskau für Lettland wichtiger sein könnte.
Für wirtschaftliche Kontakte wiederum, in Lettland ein wichtiger Faktor, besteht in Estland größerer Nachholbedarf: "Deutschland ist nur der acht-häufigeste Investor in Estland, hier besteht noch Spielraum nach oben," mit diesen Worten wird Mait Palts, Chef der estnischen Handelskammer, zitiert. Aber auch in Lettland (wie auch in Litauen) gab es ein eigenes Besuchsprogramm für eine mitreisende Wirtschaftsdelegation.
Standort zur Diskussion um europäische Vernetzung der Energieversorgung wiederum ist eher Litauen - neben der immer noch nicht beendeten Diskussion um die Atomkraft geht es auch um Flüssiggasgerminals.
Ein sonst viel zitiertes Thema sprach Gauck nirgendwo an: die Lage der Minderheiten. Meist werden hier die vielen immer noch staatenlosen ethnischen Russen erwähnt, für Gauck steht beim Thema Russland offenbar zunächst mal die Lage in Putins Reich selbst vorne an, mit allen den aktuellen Problemen dort.

Sängertreffen
Viele Lettinnen und Letten werden von der Anwesenheit des deutschen Präsidenten aber vor allem durch das Abschlußkonzert des Großen Sängerfestes erfahren haben. Keine Reden oder Versprechungen waren hier zu leisten, die Anwesenheit bei einem lettischen Großereignis reichte. Als Präsident Andris Bērziņš die Grüße und Glückwünsche seines deutschen Gastes im Rahmen seiner Konzerteröffnung bekanntgab, war nur die lettische Fernsehregie offenbar überrascht, die vergeblich eine Kamera zur Ins-Bild-Stellung des deutschen Gastes suchte. Lettlands anstrengende, aufregende Sängerfestwoche, der deutsche Präsident ist dabei - warum nicht. Wenn Ähnliches zur Selbstverständlichkeit wird, ist fürs lettisch-deutsche Verhältnis viel getan.

29. Dezember 2012

Ist das Kultur, oder kann das weg?

Eines der Kulturthemen des abgelaufenen Jahres:
der Chor der Oper drohte mit Streik, singt aber
vorerst weiter
Zum Jahresausklang sind auch in Lettland allerlei Rückblicke und Ausblicke zu lesen. Die folgende Themenübersicht ist - mit Ergänzungen - derjenigen des Portals "Delfi.lv" nachempfunden.

Lettisches Kino: Enttäuschungen, Nörgeleien, Hoffnung und Neuanfang

Aufsehen erregten 2012 verschiedene neue lettische Filme - was zunächst mal ein gutes Zeichen ist, denn bei einem Land mit nur 2 Millionen Einwohnern ist es ja nicht ganz selbstverständlich dass es überhaupt eine eigene Kinoproduktion gibt. Fest etabliert hat sich "Cinevilla" als "Kinoproduktionsstadt"; um es ökonomisch lohnenswert zu machen wird dort allerlei "Sonstiges" angeboten - vom Hotel über ein Wettlauf-Event bis zur Möglichkeit dort zu heiraten. Doch die politische Unterstützung fällt unterschiedlich aus: während bei der Premiere von "Sapnu komanda", dem lettischen Basketballmärchen, auch fast alle politischen Größen Beifall klatschten, gefiel das in "Kolka Cool" gezeigte ländliche lettische Alltagsleben der nationalistischen Rechten gar nicht: "zu viel Schimpfworte und Alkoholgebrauch im Film".
Lettische Freizeitangebote:
einmal selbst "Freiheitskrieg"
spielen im Kinodorf

Bedenklich dabei vor allem, dass Kritik mit finanziellen Drohungen verknüpft wird: ein mit staatlichen Fördergeldern finanziertes Werk soll bitte schön auch ein positives (Vor-)Bild des eigenen Lands zeigen - wenn es nach den Wünschen solcher Möchtegern-Kulturexperten geht.

In zwei Fällen wirkte sich politisches Geschacher und Finanzierungstaktik auch direkt aus. Zum einen war es das Filmfestival  "Arsenāls", dessen Tradition bis zum Jahr 1986 zurückreicht. 2011 konnte das 25-jährige Jubiläum gefeiert werden - im März 2012 gaben die bisherigen Verantwortlichen das Ende des Festivals bekannt: nach 2184 gezeigten Filmen und insgesamt 330.000 Zuschauern (DIENA 12.2.12). Auch die beiden bisherigen Sponsoren, Ex-Ministerpräsident Māris Gailis und Festivaldirektor und Filmemacher August Sukuts, zogen sich zurück. Außerdem sei es nicht gelungen, mit dem Stadtrat Riga und dem lettischen Kulturministerium eine Vereinbarung zum Erhalt des Festivals zu treffen. Ebenso legendär wie das Festival selbst war die Preisverleihungszeremonie: Sukuts servierte allen teilnehmenden Filmemachern Wein - eines der Gefäße enthielt einen Knopf von Sukuts Weste, und wer diesen beim Austrinken fand erhielt auch das Preisgeld. Aber vielleicht sind auch einfach die Zeiten solcher generöser "Kulturpaten" vorbei? Während Sukuts sich lange vor dem Ende des Festivals ein Haus im sonnigen Spanien kaufte und dort leben will, und Gailis es auch schon mal zu einer Weltumseglung drängte, bleibt die Kinoförderung in Lettland mühsames Tagwerk. Im Herbst wurde das Konzept für ein neues lettisches Kinofestival vorgestellt, das künftig "FF RIGA" heißen soll (siehe "Baltic Times") und vor allem die Konkurrenz des inzwischen gut etablierten "Black Nights Festival" im estnischen Tallinn annehmen muss, wo schon in den vergangenen Jahren Filme präsentiert wurden, die eigentlich auch Teilnehmer beim "Arsenāls" hätten sein können.

Oper Riga: Leitung in Frage gestellt

Wenn es schon "alles ist Dunkelheit" heißt - so
soll es auch dunkel bleiben! - so reagierte die
Stadt Riga auf einen polnischen Gastkünstler
Einen Teil der Kritik zog auch das Förderprogramm des staatlichen "Kulturkapitalfond" auf sich ("Valsts kultūrkapitāla fonds" VKKF). Die Kriterien zur Aufnahme in eine Liste von "landesweit wichtigen Kulturprojekten" wurden vor allem von denen in Frage gestellt, die sich unberücksichtigt fanden: außer den beiden Kinofestivals "Arsenāls" und "Baltijas Pērle" auch nicht das Opernmusikfestival in Sigulda und das lettische Ballettfestival. Irritationen erzeugte Kulturministerin Jaunzeme-Grende schon Anfang des Jahres mit ihrer Entscheidung, den Vertrag von Andrejs Žagars, dem Chef des Opernhauses in Riga, nicht zu verlängern sondern die Stelle auszuschreiben. Begründet wurde das mit angeblichen Finanzschwierigkeiten bei der Oper. Mit der Ankündigung eines Audits folgte dann aber doch die Vertragsunterzeichnung mit Žagars, allerdings nur auf ein Jahr. Ob es da 2013 neue Unruhe geben wird? Žagars hatte angekündigt, dass zwar die Oper gegenwärtig alle aufgenommenen Kredite bedienen könne, aber für die Arbeit der kommenden Jahre eine halbe Million Lat mehr erforderlich seien. Dazu kamen im Mai und Juni 2012 Diskussionen um den Opernchor, der aufgrund Arbeitsüberlastung und niedriger Entlohnung kurz vor einem Streik war. Und nun hat auch Chefdirigent Karel Mark Chichon in Riga gekündigt - aus Protest gegen niedrige Musikerlöhne (siehe "Der Standard").

Zeit für Kultur - und für Pöstchen und Finanzen

Im Juni 2012 gründete sich die Initiative “Laiks kultūrai” (Zeit für Kultur) als Verein, mit Theater- Opern und Museumsdirektor/innen als der Mitgliedern. Ausgangspunkt waren zunächst nach Ansicht der Initiative fruchtlose Versuche, mit Kulturministerin Jaunzeme-Grende ins Gespräch zu kommen, und die Verfassung eines Memorandums, das vor allem von einer Arbeitsgruppe unter Leitung der Schriftstellerin Nora Ikstena initiiert worden war. Seit 2008 sind nach Analysen der Initiative im Mittel 13% der Staatsausgaben zurückgefahren und gekürzt worden - aber 42% der Ausgaben für Kultur. Ein Absinken des Kulturhaushalts unter 2,5% des Staatshaushalts sei nicht hinnehmbar.
Im Juni erklärte dann Juris Dambis, Architekt, Leiter der staatlichen Denkmalpflege Lettlands und neuer Vorsitzender von  “Laiks kultūrai”, der Dialog mit der Ministerin verbessere sich langsam. War es am Anfang noch die Forderung nach Rücktritt der Ministerin, entließ diese schließlich ihre  beiden Berater (beides selbst Ex-Kulturminister) Ints Dālderis un Sarmīte Ēlerte. Letztere wurde inzwischen von der Fraktion "Vienotība" als Kandidatin für den Posten der Bürgermeisterin von Riga ausgerufen - also Gegenkandidatin von Bürgermeister Nils Ušakovs. Seitens der Kulturministerin wurden drei neue "Berater" ernannt: Dambis, sowie Solvita Krese (Lettisches Zentrum für Zeitgenössische Kunst) und Haralds Matulis (Latvijas Radošo savienību - Rat der Kreativen Vereinigungen Lettlands). Eines der Ziele der Initiative ist es - neben ausreichenden Finanzen für alle Kulturinstitutionen - dass Kultur als eine der Prioritäten des Staates festgeschrieben werden möge. Die Mitglieder von “Laiks kultūrai” vereinigen insgesamt etwa 5000 im Kulturbereich arbeitende Mitglieder.

Kunst in Riga - nicht überall willkommen

Lettischer Grammy-Kandidat:
Komponist Uģis Prauliņš
Im Oktober/November lud Riga Bildhauer unter dem Thema "Integrācijas anatomija" (Anatomie der Integration) ein. Eine Veranstaltung mit Tradition, die in ähnlicher Form schon seit 1972 durchgeführt wird. Seit 2004 ist das "Mākslas Menedžmenta un Informācijas centrs (MMIC)" verantwortlich, 2012 mit Aigars Bikše, Ivars Drulle und Inese Baranovska als Kuratoren. Aber schon vor der Eröffnung gab es Schwierigkeiten: für drei Arbeiten gab die städtische Bauverwaltung keine Erlaubnis zur Anbringung an den dafür vorgesehenen Gebäuden. Stefanos Tsivopoulos (Niederlande / Griechenland) nannte sein Werk ”Putin's Vorwahlkampf-Bühne” und wollte die Wiederwahl Putins in Russland künstlerisch kommentieren. Hubert Zcerepok aus Polen, der auch viel in Deutschland ausstellt, wollte mit "Alles ist Dunkelheit" einen feurigen Davidsstern mit einem Comet kombinieren und in der Nähe des lettischen Freiheitsdenkmals anbringen lassen. Und auch die plastischen schwarzen Soldaten des Letten Ginters Krumholcs ("Im Namen der Rose") sollten am Freiheitsdenkmal aufgestellt werden - immerhin einem Ort, der 1990 durch Kunstausstellungen mitten in den hitzigsten politischen Diskussionen für interessante künstlerische Aspekte sorgte. Im Jahr 2012 war Ähnliches unerwünscht, und die Ausstellung zog ins Eisenbahnmuseum auf die andere Seite der Daugava um. Sozial engagierte Künsterinnen und Künstler einzuladen, die auch die Lage in Europa und in der Welt im Blick haben - so der Anspruch der Organisatoren. In Rigas "guter Stube" waren allzu viel künsterische Nadelstiche zum Thema "Integration" dieses Jahr offenbar unerwünscht (siehe "Artleaks und LETA)".

2013 - wieder ein Chor-Jubeljahr?

2012 erregte zunächst Dirigent Māris Sirmais Aufsehen mit der öffentlichen Ankündigung, sich nach 22 Jahren Zusammenarbeit vom vielfach preisgekrönten Chor "Kamēr" zu trennen. Komponist Uģis Prauliņš wurde für seine Komposition "Die Nachtigall" gleich für zwei Grammys nominiert. Lange im Unsicheren blieb aber die Finanzierung des Großen Sänger- und Tanzfestes, das regulär im Juli 2013 stattfindet. Ein offener Brief von Amateurchorleitern machte die ziemlich kümmerliche Unterstützung der ehrenamtlichen Chorleiter und -organisatoren deutlich, und auch der konkrete Umfang des Budgets für das Sängerfest blieb lange unklar. Vom 30.Juni bis 7.Juli 2013 werden in Riga 390 Chöre, 540 Volkstanzensembles und 55 Blasorchester erwartet (Programminfo).
Also: auf ein neues, gutes Kulturjahr!

13. November 2012

Trotz Krise immer beliebter: Immobilien als Spekulationsobjekte

Und wo hast Du Deine Häuser
hier in Riga? - das könnte
Gesprächsthema auch dieser
beider Herren sein.

(Straßenszene in Rigas Altstadt)
Seit dem 1.Juli 2010 ist ein Gesetz in Kraft, dass Ausländern Aufenthaltsgenehmigungen bis zu fünf Jahren zusichert, wenn zwischen 25.000 und 100.000 Lat mindestens (je nach Art der Einlage) in Lettland investiert werden. Bei Immobilienbeteiligungen in kleineren lettischen Städten reichen manchmal auch schon 10.000 Lat um in Reichweite dieser Vergünstigungen zu kommen. Der weitaus größte Anteil dieser Gelder, so analysiert Journalist Zigfrīds Dzedulis in der "Latvijas Avīze", fließt aber in die Spekulation mit Immobilien. Seinen Recherchen zufolge sind bisher Gelder mit einer Gesamtsumme von 276.259.488 Lat (rund 400 Millionen Euro) in Verbindung mit gewährten Aufenthaltsgenehmigungen ins Land geflossen. 219.562.230 Lat davon seien in Immobilien investiert worden. Banken, über die bevorzugt Investitionen abgewickelt würden seien die "Rietumu banka", die "ABLV banka", "Norvik", "Baltic International Bank", die "Trasta banka" und die Versicherungsgesellschaft "Baltikums".
Wie der Journalist aber von den zuständigen Behörden erfahren haben will, sind es keinerlei besondere Geschäftsaktivitäten die mit dem in Lettland angelegten Geld unternommen werden: es handelt sich schlicht um Ankauf und Verkauf von Immobilien, manchmal auch um Vermietungen des erworbenen Besitzes. Und aus den Daten des lettischen Unternehmensregisters schließt Dzedulis weiter dass in diesem Zusammengang auch keinerlei neue Arbeitsplätze in Lettland geschaffen werden: Angestellte gibt es in diesen Geschäftszusammenhängen nur wenige.

Im Unterschied zu anderen Schengen-Staaten verlangt Lettland von Investoren die im Gegenzug eine Aufenthaltserlaubnis bekommen nicht, auch ständig im Lande zu leben. Herkunftsländer seien zumeist entweder Russland oder andere osteuropäische Staaten: die Eigentümer kommen für kurze Zeit um nach dem Rechten zu schauen oder für einen Kurzurlaub, dann verschwinden sie wieder. Die "Latvijas Avize" zitiert den Ökonomen Dainis Zelmenis mit den Worten: "Die großen Hoffnungen in das neue Gesetz haben sich nicht erfüllt. Ich kenne keinen Fall, in dem Ausländer um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen ein Unternehmen gründen wo real etwas geschaffen wird." Weder sei sicher, ob über die erwähnten Banken investierten Gelder überhaupt in Lettland bleiben, noch habe der lettische Staat - außer einer Gebühr von 2% der Kaufsummen von Immobilien - irgend einen Nutzen davon.

28. Dezember 2011

Lettlands verworrene Wirtschaft

Daß Lettland politisch nicht zur Ruhe kommt, wurde in den vergangenen Monaten mehrfach berichtet. Dabei ist der Bevölkerung im Alltag nicht unbedingt bewußt, welche Schwierigkeiten, mit denen der Einzelne konfrontiert wird, auf welche politischen Versäumnisse zurückzuführen sind. Jüngst machten jedoch konkretere Probleme Schlagzeilen.
Mitte Dezember 2011 waren plötzlich die Schlangen vor den Geldautomaten der schwedischen Swedbank lang. Es hatte sich per SMS das Gerücht verbreitet, die Bank habe Zahlungsschwierigkeiten, was den Run auf die Geräte auslöste und in kurzer Zeit zu Versorgungsengpässen mit Bargeld führte. Zahlreiche Automaten besonders an frequentierten Orten waren leer.
Daß eines der großen schwedischen Geldhäuser tatsächlich in Turbulenzen ist, mag der Verbraucher je nach Kenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge für mehr oder weniger wahrscheinlich halten. Im Baltikum und vor allem in Lettland kann die Reaktion auf das Gerücht nur vor dem Hintergrund der jüngeren Vergangenheit verstanden werden. 1995 brach die Banka Baltija zusammen, wo viele Menschen ihr Geld verloren. 2008 wurde die Parex Bank über ein Wochenende handstreichartig verstaatlicht, nachdem es in Folge der Turbulenzen der Finanzkrise zum Abzug vieler Einlagen gekommen war. Und erst kurz vor dem Gerücht über die Swedbank, hatte die Sparkasse Lettlands (Latvijas Krājbanka) ihre Auszahlungen rationiert und schließlich eingestellt.
Die Ursachen waren verschieden. Die Banka Baltija hatte in den 90ern das Geschäftsmodell der Pyramide umzusetzen versucht, welches auch als Schneeballsystem bekannt ist und viele aus der Jugend von Kettenbriefen her kennen. Bereits damals hätte eine effektive Bankenaufsicht den Krach verhindern können. Doch die Politik verfolgte den Versuch, Lettland zu einem Bankenplatz zu entwickeln. Der Chef der Bank, der russische Jude Alexander Lavents, verschleppte später in den Prozeß durch zahlreiche Krankmeldungen, während ein Untersuchungsausschuß des Parlamentes auch nur wenig Licht in die Angelegenheit der verschwundenen 3 Millionen Lat von Latvenergo bringen konnte. Dieser Skandal schloß sich an den Zusammenbruch der Bank durch deren Liquidation an. Bis heute ist unklar, was damals wirklich geschah.
Die Bedeutung der Parex Bank bestand lange Zeit darin, daß sie als einziges größeres Institut ein urlettisches Unternehmen und keine Tochter ausländischer Geldhäuser war. Gemeinsam mit der Sparkasse genoß sie daher das Privileg, die Konten zahlreicher Behörden und staatlicher Einrichtungen zu führen. Die beiden Chefs, die ebenfalls russischen Juden Walerie Kargin und Wladimir Krasovitsky, hatten nach der Unabhängigkeit 1991 mit einer Wechselstuben-Konzession begonnen. Der Untergang dieses Hauses ist sicher einerseits externen Faktoren im Rahmen der weltweiten Finanzkrise geschuldet. Daß aber die Regierungen in den Jahren nach dem Beitritt zur Europäischen Union der einheimischen Spekulationsblase im Immobiliensektor genauso wenig entgegenwirkte wie dem Boom der privaten Kredite, war eindeutig ein hausgemachtes Problem. Die Bank wurde unter dem Namen Citadele nach Auslagerung einer Bad Bank neu gegründet.
Es sei nebenbei erwähnt, daß die ethnische Identität der genannten Banker in der Bevölkerung bereits existierende entsprechende Ressentiments nicht geschmälert hat.
Daß im Herbst 2011 nun auch die Sparkasse in Schwierigkeiten geriet, war allerdings vorwiegend ein importiertes Problem, zurückzuführen auf einen der wichtigsten Anteilseigner, die litauische Snoras Bank, die wiederum dem Russen Wladimir Antonov mit mehr als zwei Dritteln und dem Litauer Raimondas Baranauskas als Hauptanteilseigner gehört. Ersterer war zwischenzeitlich auch als potentieller Retter des angeschlagenen schwedischen Automobilherstellers Saab in Erscheinung getreten. Beiden wurde in Litauen Bilanzfälschung vorgeworfen, die Bank handstreichartig verstaatlicht. Die Krise dieses Geldhauses, aus der die beiden Eigentümer viel Geld abgezogen hatten, so der Vorwurf, führte über die damit verbundenen Probleme der Sparkasse in Lettland zu internationalen Verwicklungen zwischen den Regierungen: Wer ist für was verantwortlich, reagiert wie und wer soll angesichts knapper Kassen für Garantiesummen aufkommen? Bei denen über die europäisch üblichen Summen von 100.000 Euro in Lettland 100.000 Lat im Gespräch waren.
Das alles führte zu einem Kuddelmuddel: Anfangs durfte jeder Kontoinhaber bei der Sparkasse nur noch 50 Lat pro Tag abheben mit der Folge langer Schlangen vor den Geldautomaten. Später beauftragte der Staat die aus der gestrauchelten Parex Bank entstandene Citadele mit der Auszahlung. Diese wiederum Anmeldungen verlangte von den Kunden der Sparkasse, sich im Internet oder wenigstens telefonisch anzumelden, damit es keine Schlangen vor ihren Filialen gäbe. Doch auch das führte zu Problemen, da die Citadele nicht in allen kleineren und größeren Orten über Filialen oder auch nur Geldautomaten verfügt, nicht einmal etwa in der Kreisstadt Kuldīga, deren Bürgermeisterin über die Bereitstellung von Bussen nach Saldus nachdachte. Da bei der Sparkasse viele öffentliche Institutionen Konten führten, gerieten Hochschulen wie auch der öffentliche Nahverkehr in Riga in Liquiditätsprobleme, anstehende Gehälter und Sozialabgaben zu überweisen.
In den Sog dieser Schwierigkeiten geriet außerdem auch die lettische Fluglinie air baltic. Im Herbst mußten verschiedene Flüge gestrichen werden, weil die Finanztransaktionen nicht mehr reibungslos abgewickelt werden konnten. Dies war zwar nicht direkt verbunden mit den diversen Schlagzeilen rund um die air baltic in den Monaten und Jahren zuvor, wurde aber selbstverständlich vor diesem Hintergrund gesehen. Chef der Fluggesellschaft war seit langer Zeit der deutsche Bertold Flick, ein Sproß aus jener Industriellenfamilie, die vielen Deutschen noch aus dem Parteienfinanzierungsskandal der 80er Jahre bekannt sein dürfte. Flick war Mitte der 90er Jahre als Berater bei der Gründung der Airline nach Lettland gekommen, um 2002 zu ihrem Vorstandschef zu avancieren. Dieser Zeitraum fällt zusammen mit der Amtszeit des umtriebigen langjährigen Verkehrsminister Ainārs Šlesers, der Riga zu einem großen Luftkreuz ausbauen wollte, was fraglos in Teilen wenigstens für den baltischen Raum gelungen ist.
Flick war im Laufe der Jahre gewiß ebenfalls sehr umtriebig, hatte neben der Fluggesellschaft mit Logo in der gleichen hellgrünen Farbe unter Verwendung des Begriffes baltic ein Taxiunternehmen gegründet, was zunächst auf heftigen Widerstand der Konkurrenz stieß, und jüngst auch überall in der Stadt Riga Fahrradständer mit ausleihbaren Fahrrädern installiert. In diesem Zusammenhang war es zu einem Konflikt mit der Regierung über das Logo gekommen. Die halbstaatliche Fluglinie air baltic hatte unter Flicks Führung das Logo zeitweilig an die Flick gehörende Firma Baltijas Aviācijas Sistēmas BAS verkauft, die neben dem staatlichen Anteil von über 50% fast die gesamte zweite Hälfte der Anteile an air baltic gehört. Die BAS ihrerseits war erst 2008 an ihre Anteile gelangt, als die skandinavische Fluggesellschaft SAS aus dem Unternehmen aussteigen und Verkehrsminister Šlesers den Anteil für den Staat nicht übernehmen wollte. Die BAS begründete, man habe so der Fluggesellschaft aus einem finanziellen Engpaß geholfen, ein Rückkauf sei jederzeit möglich. Später wurde dann ein Angebot unterbreitet, durch das der Staat seine Aktienmehrheit verloren hätte. Der Verkauf wurde auf politischen Druck schließlich rückabgewickelt.
Daß Berührungspunkte von Wirtschaft und Politik ebenso unumgänglich wie nicht immer einfach sind, ist auch aus anderen Ländern bekannt. Die politischen Turbulenzen in Lettland während der vergangenen zwei Jahrzehnte stehen gewiß in Wechselwirkung mit wirtschaftlichen Interessen, dabei ist nicht immer alles transparent, manches läßt sich nur vermuten. Über die Versäumnisse der lettischen Politik ist viel berichtet worden. Dennoch, im Dezember verabschiedete das Parlament beinahe 20 Jahre später als die Nachbarrepubliken das System einer Steuerklärung. Ein folgender Rechtsstreit mit dem Flughafen Riga unter anderem wegen der Konditionen für den Billigflieger Ryanair führten schließlich zu einem Kompromiß, der mit dem Rücktritt Flicks endete.

25. November 2011

Zwei Banken, und die Herren A + B

Das Stichwort "Bankenkrise" ist in Lettland geeignet, Panik auszulösen. So war es 1995, als die Kunden der "Banka Baltija" zusammenbrechen sahen und viele Guthaben über Nacht "verschwanden". Und so war es 2008, als der lettische Staat mit 200 Mill Lat aufbringen musste, um die staatliche "Hipoteku Banka" bauftragen zu können 51'% der Anteile der "Parex Banka" für einen symbolischen Preis von 2 Lat zu kaufen und damit "Parex" vor dem Zusammenbruch zu retten.
Auch 2008 war es November, als private Sparer bereits über 200 Millionen Lat bei Parex abgehoben hatten, bevor die Regierung sich gezwungen sah einzugreifen. Damals wurden die Ursachen - neben den Auswirkungen der weltweiten Krise - bei ungezügeltem Konsum mit geborgtem Geld und einer Explosion der Immobilienpreise gesehen.
Parex-Werbung, gesehen im Februar 2009:
"Es gibt Dinge, da sind wir die besten"
Und in dieser Woche sind es nun die Auswirkungen der Zwangsverstaatlichung der litauischen Bank "Snoras", deren Auswirkungen auch Lettland erreichen. Den beiden Haupteigentümern der "Snoras", dem Russen Vladimir Antonov und dem Litauer Raimondas Baranauskas (A hält 68,1% und B 25,31% der Anteile) wird in Litauen Bilanzfälschung und Betrug vorgeworfen. "Snoras" hält aber auch 68% der Anteile an der lettischen "Krājbanka" - als Snoras diese Anteile 2005 übernahm, hatte die "Krājbanka" sich auf das am besten ausgebaute Filialnetzwerk in Lettland stützen. Der Umschwung kam nun plötzlich: noch am 14.November bot "Snoras" auch Kunden in Lettland Kredite mit 40 Jahren Laufzeit an. Nur drei Tage später die eilige Meldung, man sei keinesfalls insolvent und würde die Geschäfte innerhalb 24 Stunden wieder aufnehmen.  Ähnliches bemühte sich auch die "Krājbanka" zu erklären. Kurz darauf saßen die Herren A und B dann in Großbritannien in Untersuchungshaft (wurden inzwischen gegen Zahlung einer Kaution vorläufig wieder auf freien Fuß gesetzt).

Die zweite Welle

Doch keine Frage - wer in Lettland Geld auf der Bank hat, ist beunruhigt. Wird es weitere Banken treffen? Der amtierende Präsident der Bank von Lettland, Ilmārs Rimšēvičs, ließ sich in der lettischen Presse mit einer Aussage zitieren: "Die zweite Welle der Krise hat bereits begonnen." Europäische Analysten beruhigen ähnlich wie 2008 mit dem Argument, die meisten Banken würden sich in skandinavischem Besitz befinden (Parex war in Lettland die einzige größere Ausnahme). Derweil hatte Litauen für die beiden ehemaligen Eigentümer der frisch verstaatlichten "Snoras" einen internationalen Haftbefehl aus, und auch in Lettland fragt man sich: Wer ist eigentlich dieser Antonovs? Der russische Geschäftsmann lebt schon seit Jahren in London, und dort sind vor allem zwei seiner (teuren) Hobbys bekannt: Sport und schnelle Autos.
Und siehe da: Antonovs und Baranauskas wurden inzwischen in Großbritannien verhaftet (BBC News 24.11.). Antonov ist im südenglischen Portsmouth über seine Firma "Convers Sports Initiatives (CSI)" Eigentümer des Portsmouth Football Club, der bis 2010 in der ersten Liga spielte. Der Portsmouth Fußballklub beeilt sich zu versichern, dass sportlich alles wie gewohnt weitergeht (der Klub musste bereits 2010 einmal seine Zahlungsunfähigkeit eingestehen, stieg deshalb ab und auch der Europacupplatz ging verloren). Erst im Juni diesen Jahres hatte Antonov die Übernahme des Fußballklubs besiegelt (BBC 1.6.). Wie Baltic Times berichtet, droht Antonov in Litauen eine Haftstrafe von bis zu 10 Jahren. Antonov hatte zuvor nicht ausgeschlossen, eventuell Asyl in Großbritannien zu beantragen.

Spekulanten und verschwundene Gelder
Angaben der lettischen Staatspolizei zufolge sind bei der "Krājbanka" Einlagen im Wert von 100 Millionen Lat "verschwunden", während bei der Snoras-Bank die genannten Summen bis zu einer Milliarde Litas reichen (ca. 290 Millionen Euro). Wie die litauische Finanzministerin Ingrida Simonyte inzwischen bekanntgab, wird die litauische Regierung "Snoras" nicht mit zusätzlichen Finanzmitteln aus den Schwierigkeiten helfen. Man beabsichtige aber, die Rückzahlung von Einlagen bis 100.000 Euro staatlich zu garantieren und plane die Gründung einer "Bad Bank". Diese Absicht wiederum ruft die lettischen Nachbarn nun auf den Plan: Lettland hätte es wohl lieber gesehen, wenn Litauen im Fall "Snoras" ählich handeln würde wie beim lettischen Beispiel der Parex-Bank 2008. Ein für heute (Freitag) geplantes Zusammentreffen von Dombrovskis und Kubilius in Vilnius wurde kurzfristig abgesagt. Auch Lettland wird vor der Frage der möglichen Handlungsvarianten stehen: den Kunden der bankrotten Bank gar nichts zahlen (wie im Fall "Banka Baltija" 1995 - das wird sich niemand politisch leisten können), die Bank retten (mit welchem Geld?) oder die Bank zwar pleite gehen lassen aber Einlagen zurückzahlen (aber woher auch dieses Geld nehmen?). Oder die Bank in einen guten und einen schlechten Teil (Bad Bank) aufteilen. Verschiedentlich ist zu lesen, dass wohl weder "Snoras" noch "Krājbanka" eine Zukunft haben. Die beiden Regierungen sind aber bemüht, den gesetzlich vorgesehenen Sicherungsrahmen für die privaten Guthaben zu bedienen. Für kommenden Montag bereits wird in Riga die amtliche Erklärung der Zahlungsunfähigkeit der "Krājbanka" erwartet - gleichzeitig versuchen die Finanzexperten eine Strategie zur Sicherung der Einlagen zu erarbeiten.

Weitere Wellen
Lettische oder litauische Bankenpleiten scheinen momentan die großen deutschen Medien nicht zu interessieren - vielleicht sind die Summen im Zusammenhang mit den auf- und niederschwappenden Euro-Krisen einfach größer? Dafür tauchen entsprechende Nachrichten überall dort auf, wo Antonov-Geld im Spiel ist: zum Beispiel im Rallye-Sport (Motorsport-Total). Für das "Rallye-Magazin" galt Antonov zwischenzeitlich schon als "verschwunden", Antonov hatte als Miteigentümer der britischen "North One Sport" die Rechte zur Vermarktung der Rallye-WM erworben. Auch mit einem Versuch beim schwedischen Autobauer Saab einzusteigen war Antonow kürzlich aufgefallen - jetzt titelt das Manager-Magazin: "Der Saab-Retter taucht ab."
Weniger Schlagzeilen machen bisher die Nöte derjenigen, die in Lettland bei der "Krājbanka" ihr Geld angelegt haben - dazu zählen auch Gemeindeverwaltungen und Hochschulen. Um eine vollständige Panik zu vermeiden, erlaubte in den vergangenen Tagen die Bank an ihren Bankomaten jedem Kunden pro Tag eine Summe von 50 Lat abzuheben. Gegen den Gerichtsbeschluß, Ivars Priedītis, den Vorstandsvorsitzenden der "Krājbanka" in Haft zu nehmen, ist inzwischen Beschwerde von Priedītis' Anwalt eingelegt worden.

bis heute noch im Internet verfügbar:
Parex-Kontoeröffnung auch für Deutsche

Lehren aus vergangenen Pleiten?
Mitte 2010 ging aus der lettische "Parex" die "Citadele-Banka" hervor, beide formell getrennt voneinander. Auch im "Parex"-Fall waren es zwei Großaktionäre, die durch ihre Geschäfte die Bank in Schwierigkeiten brachten. Walerie Kargin und Wladimir Krasovitsky, die mit einer Wechselstubenlizenz anfingen und zu Bankaktionären aufstiegen, hatten damals bereits zwei Bankfilialen auch in Deutschland eröffnet, "Parex" gehörte auch dem Einlagensicherungsfond deutscher Banken an. Nach der Pleite stürzten sich die Medien auf die Luxusgüter die beide auch noch der Pleite behalten durften.
Manche Geschichten haben ein langes Leben. Noch immer ist im Internet eine deutschsprachige Heroengeschichte zur Geschichte der Parex-Bank zu lesen - sie endet 2008 mit einer Filialeröffnung in München.
Wie heißt noch das Sprichwort? "Ist der Ruf erst ruiniert so lebt es sich ganz ungeniert."
Und einem deutschen Politiker könnte man angesicht der vorliegenden Interessenlage in den Mund legen: "Aber der Euro ist doch weiter stabil!"
Die erst kürzlich im lettischen Fernsehen gelaufene Werbekampagne für "Latvijas Krājbanka" läßt sich übrigens hier betrachten, sogar mit englischen Untertiteln ...
Und auch die mögliche nervöse Nachfrage: "Papa, warum haben wir ausgerechnet ein Konto bei dieser Krajbanka?" wird HIER punktgenau von der betroffenen Bank beantwortet (ebenfalls mit engl. Untertiteln).