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6. März 2025

Dänisch einkaufen

Vor einiger Zeit schien sich der Wettbewerb der Lebensmittel-Ketten in Lettland vor allem bei der Wahl zwischen "Rimi" oder "Maxima" zu entscheiden. “Maxima Latvija” gibt es schon seit dem Jahr 2000, und ist im Besitz der litauischen Unternehmergruppe “Vilniaus prekyba” - die Werbung lautet hier: eine Million m² Verkaufsfläche, 2500 Läden in sechs Ländern (gegenwärtig 173 in Lettland), 7,8 Milliarden Euro Gesamtumsatz. Und auch das litauische "Aibė", 1999 gegrünet, hat inzwischen über 500 Läden in Lettland eröffnet. 

Ketten und Netzwerke

"LaTS", die Bezeichnung angelehnt  an die ehemalige lettische Währung, ist lettisch organisiert - von der lettischen Händlervereinigung ("Latvijas tirgotāju savienība"), die seit 2007 besteht. Wer hier die Marken-Nutzungsrechte von "Lats" erwirbt, wird gleichzeitig Mitglied der Händervereinigung. Hier sind gegenwärtig 270 Firmen mit insgesamt 700 Handelsplätzen zusammengeschlossen - das kann auch ein Café, eine Tankstelle oder ein Stand auf dem Wochenmarkt sein.
Und es gibt auch noch "Citro", erst 2019 gegründet, eine kleine Kette geführt von der lettischen "SIA Latvian Retail Management", mit 70 Läden.

"Lidl Latvija” gibt es seit 2016, nachdem einige Versuche auf dem lettischen Einzelhandelsmarkt Fuß zu fassen zuvor gescheitert waren. Schnelles Wachstum wurde u.a. auch durch die Pandemiefolgen gebremst, gegenwärtig unterhält "Lidl" in Lettland 34 Läden (18 davon in Riga).

Und auch die niederländische "Spar" hat die Fühler längst nach Lettland ausgestreckt: “SPAR Latvija”, oft nach dem Franchise-Prinzip  arbeitend, ist seit 2021 im Besitz einer lettischen Lizenz. Als im August 2022 der erste lettische "Spar-Markt" in Saldus eröffnet wurde, verkündete die Firmenleitung, innerhalb von fünf Jahren 500 Läden in Lettland betreiben zu wollen - inzwischen gibt es 25 (sieben davon in Riga). 2023 waren 23 Läden zu "Spar" gewechselt, die zuvor “ELVI Latvija” angeschlossen waren. Aber auch "Elvi", im Jahr 2000 als Franchise-Unternehmen gegründet, unterhält derzeit noch 80 Läden in Lettland (nur 7 davon in Riga) und wirbt mit besonderer "lettischer Atmosphäre".  (Liste aller Supermarktketten)

Flaggenwechsel 

Wie gesagt: es gab mal Zeiten, da waren vor allem "Rimi" und "Maxima" überall in Lettland präsent. Aber wer dann glaubte, wenn ich "nicht bei Maxima" kaufe, dann kaufe ich "lettisch", lag schon immer falsch. 1997 eröffnete der erste "Rimi" in Lettland, aber schon seit 2007 war die schwedische "ICA-Gruppe" alleiniger Besitzer von "Rimi Latvija". - Seit Anfang März 2025 nun aber nicht mehr: ICA verkauft sein gesamtes "baltisches" Segment für 1,3 Milliarden Euro an die dänische "Salling Group" - und fällt durch exklusive Wortwahl auf: nun wird nicht mehr "investiert", sondern "divestiert". Da schlagen wir besser nicht im Wörterbuch nach (denn dort steht "divest" auch für etwas rauben oder stehlen), sondern im Handbuch für Betriebswirtschaftslehre (= Kapitalfreisetzung durch Veräußerung von Vermögensgegenständen). Laut Wikipedia auch „Beendigung oder Aufhebung einer Investition“. (lsm)

Man wolle sich nun mehr auf den schwedischen Markt konzentrieren, so eine ICA-Pressemitteilung. "Rimi Baltic" hatte zuletzt 11.000 Angestellte und 314 Läden in allen drei baltischen Staaten (135 in Lettland). Im Gegensatz zum bisherigen schwedischen Besitzer betonen die neuen dänischen Eigentümer, ihr Unternehmen konzentriere sich schon lange auch auf das Geschäft außerhalb des eigenen Landes Dänemark. Zu "Salling" (bis 2018 noch "Dansk Supermarked A/S") gehören unter anderem auch "Starbucks" und der Discounter "Netto" (seit 1990 auch in Deutschland). 2019 hatte die Salling-Gruppe ihrerseits verkündet, sich aus Schweden zurückzuziehen (Lebensmittelzeitung). 

Wird es günstiger? 

Bei Lebensmitteln sei längst "europäisches Niveau" erreicht, stellte Ende 2024 eine Analyse des lettischen Radio fest, und fragte nach Gründen für teilweise "astronomisch hohe" Lebenmittelpreise (lsm). Die Redaktion hatte einen Einkaufskorb für Vergleichskäufe zusammengestellt, bestehend aus Mehl, Toastbrot, Milch, Zucker, Hühnerfilet, Eier, Äpfel, Kartoffeln und Orangensaft.

"Rimi" selbst schreibt: "71% der Käuferinnen und Käufer nutzen beim Einkauf Sonderangebote" - ein bekannter Markenname oder das Design der Verpackung dagegen seinen weniger wichtig. Sogar ob ein Produkt aus Lettland stamme oder nicht, sei von geringer Bedeutung. In einer anderen Umfrage sagen 40%, wenn es um Einsparungen gehe, würden sie es zuerst beim Lebensmitteleinkauf versuchen. 

"Latvijas Radio" verglich die Preise bei "Rimi", "Maxima" und "Lidl", und befragte zudem auch Lettinnen und Letten in verschiedenen anderen EU-Ländern. Es wird auch darauf hingeweisen, dass Menschen in drei EU-Ländern 20-25% ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben: Bulgarien, Rumänien und auch Lettland (in anderen EU-Ländern unter 15%). 

Beim Blick auf die Kassenzettel der drei getesteten Anbieter muss vielleicht hinzugefeügt werden, dass für das Jahr 2024 "Maxima" wie auch "Rimi" Gewinne bilanzierten, während "Lidl Latvia" 14,8 Millionen Euro Verluste verbuchte. Die langfristige Strategie von "Lidl" sei es, den niedrigsten Preis mit der besten Qualität für einen täglichen Warenkorb an Lebensmitteln zu bieten, heißt es. Eine Sprecherin von "Rimi" wies darauf hin, dass dort 700 Produkte unter dem Label "wahrscheinlich den niedrigsten Preis auf dem Markt" angeboten würden, eine Preislage, die jede Woche neu überprüft werde. (lsm)

Für Deutschland wurde zwar festgestellt, dass für den festgesetzten Warenkorb etwas mehr Geld bezahlt werden muss - aber der durchschnittliche Einkommensunterschied beider Länder sei auch enorm: wer mit Mindestlohn arbeiten muss, verdiene in Deutschland etwa 2000 Euro monatlich, in Lettland aber nur 700 Euro, so heißt es. 

Regionale Verhältnisse

Eine Kommission des lettischen Parlament macht sich derweil Sorgen um den Anteil einheimischer, also lettischer Produkte im Lebensmittelsortiment.  Eine Studie des lettischen Wirtschaftsministeriums weist für Brot einen (lettischen) Eigenanteil von 80% und bei Fleisch von 60% aus. Bei "Rimi" liege der Anteil lokaler Produkte bei insgesamt 30-40%, bei "Maxima" allerdings nur bei 20-30%. Jānis Šolks vom Verband der lettischen Milcherzeuger weist darauf hin, dass bei einem so einfachen Produkt wie pasteurisierter Milch der Eigenanteil von Milch aus Lettland nur bei 50% liege - die andere Hälfte stamme aus Estland und Litauen. (lsm)

Iveta Liniņa, Professorin an der Hochule Turiba in Riga, weist darauf hin, dass die geopolitische Lage wohl die "ICA-Gruppe" dazu bewegt habe, "Rimi" zu verkaufen. Schließlich habe auch die schwedische "Södra" erst kürzlich beschlossen, ihren gesamten Besitz an lettischen Waldflächen zu veräußern. ("IR") "So wie es aussieht, wollen sich die Schweden vielleicht auch auf Distanz zur östlichen Grenze der EU bringen", vermutet die Ökonomin. Es sei aber auch ein Kaufkraftrückgang in Lettland zu beobachten. (lsm)

Zudem habe sich die Hoffnung auf ein starkes Wirtschaftswachstum in den baltischen Staaten vorerst zerschlagen, meint Henriks Danusēvičs, Präsident der lettischen Händlervereinigung. Zudem habe der Markteinstieg von "Lidl" einen Teil des Marktes weggenommen. Dass aber insgesamt die schwedischen Investitionen in Lettland nicht zurückgegangen sind, bestätigt auch Laura Štrovalde, Chefin der lettischen Investitionsagengtur (Latvijas Investīciju un attīstības aģentūras LIAA): "Von insgesamt 25,8 Milliarden Euro an Investitionen halten schwedische Unternehmen gegenwärtig einen Anteil von 30,5%", berichtet sie. (lsm)

5. Juni 2018

Sigulda will Olympiastadt werden

Es wäre eine sportliche Überraschung: Olympische Spiele in Lettland? Wie kann das gehen? Oder, anders gefragt: ist das sinnvoll? Für die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele 2026 bewerben sich bisher das kanadische Calgary, Cortina d'Ampezzo in Italien, Sapporo in Japan, Graz in Österreich, Sion in der Schweiz, Erzurum in der Türkei und Stockholm in Schweden. Der 31.März 2018 war der Stichtag für interessierte Ausrichter.

Das Lettische Olympische Komitee (LOK) machte sich jetzt für die Idee eines "schwedischen Umwegs" stark: in einem Brief an das lettische Ministerkabinett bat das lettische LOK um Unterstützung für eine Bewerbung Siguldas als Partner für die Bewerbung Stockholms (TvNet / LOK). Ministerpräsident Māris Kučinskis soll sich auch bereits positiv dazu geäussert haben. Die Initatiative dazu kam von schwedischer Seite, und findet inzwischen Unterstützung bei der Stadt Sigulda und den Betreibern der Bob- und Rodelbahn Sigulda. Lettland wurde das Angebot gemacht, die Olympischen Wettbewerbe im Bobfahren, Rodeln und Skeleton 2026 auszutragen. In Schweden gäbe es keine gleichwertigen Anlagen, heißt es. Sigulda liegt immerhin 465 km (Luftlinie) entfernt von Stockholm, der Verkehrsweg über Straße und Fähre ist sogar 570 km lang (via Riga, sonst via Tallinn nochmals 100 km mehr).

Würde Sigulda Olympiastadt, so wäre es wohl mit der
bisherigen romantischen Beschaulichkeit der
Verkehrsmittel - inmitten der Natur - bald vorbei.
Die Strategie, sich mit anderen Ländern für eine Bewerbung zusammenzutun, entspringt der Kritik an unnützen Millionenaufwändungen der Vergangenheit und damit zusammenhängenden nicht nachhaltig genutzten Anlagen. So hatte sich auch Graz in Österreich mit dem deutschen Schladming in Oberbayern zusammengetan, nachdem eine Kandidatur Innsbrucks an einem Bürgervotum gescheitert war. Stockholm erwähnt in den Bewerbungsunterlagen bisher keine lettische Beteiligung - die Presse diskutiert den Vorschlag allerdings bereits seit einigen Monaten (DN / Aftonbladet / SVT). Besonders das Nachhaltigkeitsgebot (langfrististige Nutzung der Sportanlagen) wie auch Kostengründe sprechen aus schwedischer Sicht für eine Teil-Auslagerung nach Lettland. Zunächst war ein Neubau einer Bobbahn vorgesehen gewesen, das hätte (geschätzt) 850 Millionen schwedische Kronen (ca. 82 Mill. Euro) gekostet (siehe auch: Kalkulation Stadt Stockholm).

Aber auch die Bahn in Sigulda muss für solche Ziele verbessert werden, besonders für die Viererbob-Wettbewerbe. Daher wird es auch noch entsprechener Gutachten bedürfen, um den hierfür erforderlichen Kostenrahmen genauer einzuschätzen. Noch sind Umfrageergebnisse wie in Schweden nicht bekannt - 53% der Schwedinnen und Schweden lehnen eine Olympiabewerbung ab (DN 19.2.2018), nur 34% sind uneingeschränkte Befürworter/innen. Unter den Einwohner/innen Stockholms soll es sogar 60% mit ablehnender Haltung geben; einige schwedische Parteien fordern daher eine Volksabstimmung zu diesem Thema.

Lettische Medien weisen auch auf zwei andere große Bauprojekte hin, die bisher ohne Bezug zu möglichen Olympischen Spielen in Planung sind: die Bahnstrecke "Rail Baltica" (rauscht voraussichtlich ohne Halt an Sigulda vorbei !), und eine Verbesserung der Schnellstraßen in Lettlands Norden. Insbesondere für die Umweltverträglichkeit wird es kein Vorteil sein, wenn gerade ein europäisches Schnellbahnnetz eine Olympiastadt um 15 km (ohne Halt) verfehlt.
So wird in Schweden gerodelt:
im Sommer auf Rollen, im Winter
im Ausland
Das lettische LOK dagegen meint offenbar Lettinen und Letten mit "baltischer Konkurrenz" motivieren zu können: "Wenn wir uns erinnern, wie fruchtbar die Ausrichtung der Segelwettwerbe in Tallinn 1980 waren, erinnern wir uns auch wie neidisch Lettinnen und Letten waren, dass dies nicht in Riga oder Jūrmala durchgeführt wurde." (TvNet)

Mit Blick auf Schweden ruft vielleicht Erstaunen hervor, dass ein solches Wintersportland, was Bobfahren und Rodeln angeht, auf im übrigen Europa eher unbekannte Trends zählt. So sind auf der Webseite des schwedischen Bob- und Rodelverbandes Disziplinen wie "Alpinrodeln" oder "Kälke" zu bewundern (Schlittenfahren im Schnee?) - gerodelt wird im Sommer auf Rollen, im Winter im Ausland.

Der 23.Juni 2018 wird übrigens in Schweden als "Olympischer Tag" gefeiert - mit Wettbewerben oder Schnupperkursen. Ob diesmal auch lettische Flaggen dabei zu sehen sein werden? Lettlands diesjähriger "Olympischer Tag" wird am 8.Juni 2018 übrigens ganz dem Tennis gewidmet sein - wohls als Nachklang auf den Ostapenko-Sieg bei den French Open in Paris genau vor einem Jahr.
Eine eigene "Lettland-Olympiade" wird seit 2004 ausgerichtet - die "Sommerversion" bisher zweimal in Ventspils, einmal in Liepāja und einmal in Valmiera, die "Wintervariante" seit 2005 dreimal in Sigulda. Hier können lettische Atlethen auch beim Edelmetall mal richtig "zuschlagen": das Städteranking 2016 gewann Riga mit 66x Gold vor Ventspils mit 35x Gold und Jūrmala mit 19 Goldmedaillien (Diena).

Im Oktober 2018 wird das IOC darüber entscheiden, welche der Bewerberstädte ernsthafte Kandidaten für Olympia 2026  bleiben. Nachdem von vielen anderen Bewerberstädten größere Kontroversen um die Olympiabewerbung bekannt sind - so z.B. auch in Österreich, in der Schweiz steht am 10.Juni eine Volksabstimmung zum Thema bevor - ist es völlig offen, wer dann den Kandidatenstatus aufrecht erhalten wird. Ziemlich unwahrscheinlich ist allerdings, dass Lettland NICHT per Volksentscheid über die Teilnahme abstimmen darf.
Sigulda kramt lieber eifrig andere Heldenstatistiken hervor: zählt man nur die vergangenen drei Winterolympiaden, so ist Sigulda bei den Herkunftsorten der Medaillengewinner auf Platz 1 - gerechnet nach Medaillen pro Einwohner. Demnach liegt Sigulda mit 1867 Einwohner/innen pro Medaille vor anderen Regionen in Norwegen und Finnland. Für Sigulda als Austragungsort der "Lettischen Winterolympiade" warb man mit mittelalterlichen Kampftraditionen mit Feuer und Schwert (siehe Imagefilm).

Zumindest die lettische Sportpresse scheint noch nicht uneingeschränkt olympia-euphorisch gestimmt zu sein: es wird gewarnt, ebenso kostenbewußt zu planen wie die Schweden (Sportacentrs). "Nur ein paar Medaillen mehr wiegen hohe Kosten nicht auf", warnt der Journalist Māris Noviks.
Die Bob- und Rodelbahn in Sigulda wurde, noch zu Sowjetzeiten, 1986 fertiggestellt und ist heute Austragungsort auf Weltcup-Niveau.

2. Januar 2013

Rigas Hunde fahren nicht Straßenbahn

Vielleicht geht es nicht nur mir so: auch wer kein Krimifreund oder Spezialfan der Geschichten von Henning Mankell rund um den fiktiven Schwedenkommissar Kurt Wallander aus Ystad ist, der hat Buch und Film mit dem Titel "Hunde von Riga" nicht vergessen. Die erste Fassung erschien 1992 in Schweden, bereits 1993 in Deutschland. Am vorletzten Tag des Jahres 2012 lief eine neue Fassung in der ARD.

Krisenzeit im Schwebezustand
Neue Erkenntnisse von Kenneth Branagh alias
"Wallander" in Riga: sicher fühlt sich der Schwede
nur in der Straßenbahn ...
1993 waren Lettlands Krisen noch nicht vorbei: wer es miterlebte wird es beim Lesen von Mankell's Buch es ganz natürlich gefunden haben, dass ein Teil der Ordnungsbehörden auf Seiten der Unabhängigkeitsbewegung, ein anderer auf Seiten des alten Apperats stand - und vielleicht gab es sogar noch ein dritten Teil derjenigen, die nicht richtig wussten wie ihnen überhaupt geschah. 1995, als "Hunde von Riga" erstmals verfilmt wurde, taumelte Lettland in die erste große Bankenkrise, die Fragen zum Status der russischstämmigen Minderheit waren noch ziemlich ungeklärt, und vieles - außer ein bischen Coca-Cola- und Marlboro-Werbung stand noch unverändert so da wie zu Sowjetzeiten. Wer sich bereichern konnte der zögerte nicht, und der Umgang mit Gästen aus dem europäischen Westen war noch mit vielen Illusionen und Fehleinschätzungen behaftet.

Durch die 1990er Jahre hindurch war das Schicksal der lettischen Nation noch international weitgehend unbeachtet - wenn man von der formalen Anerkennung der Eigenstaatlichkeit einmal absieht. Aber als eine friedliche Entwicklung mehr und mehr gesichert schien verloren große Teile des Westens das Interesse - nicht ohne laut zu äußern, Lettland werde nie in die NATO aufgenommen werden (denn Russland könne das nicht dulden), ein EU-Beitritt war ebenfalls noch in unendlich weiter Ferne (Finnland trat 1995 der EU bei). Wer Lettland damals kannte, der staunte, wie eng die Handlung in Buch und Film und die tatsächliche Atmosphäre dieser Anfangsjahre in Riga beieinander lagen.

Nun also eine Neufassung. Als Auftragswerk der britischen BBC, gedreht 2011 in Riga. Ich versuche meine Eindrücke zu sortieren - aber irgendwie schien mir der Film wie aus der Zeit gefallen.

Der BBC-Wallander - eine Story über Mißstände bei der Polizei?
Korrupte lettische Polizei mit undurchsichtigen Strukturen, eine schwedische Lichtgestalt im mutigen Einsatz für Recht und Gesetz - das Märchen wurde britisch umgestrickt. Das Filmteam gibt sich 2011 keinerlei Mühe mehr, die Atmosphäre von vor 20 Jahren wiederauferstehen zu lassen: im neuen Film mit Kenneth Branagh gibt es moderne Luxusautos, Windräder, Zigarettenschachteln mit EU-konformen Warnaufschriften, Digitalkameras die Geheimnissse speichern, Laptops und Speicherkarten, auch elektronische Polizeiausweise.Allerdings sehen lettische Polizeibüros weiterhin so aus wie vor 20 Jahren.

Zwei tote Jungs aus Ventspils, eindrucksvoll russisch
tätowiert, sorgen bei Wallander in Südschweden
für Unruhe
Bei Kenneth Branagh gibt es zwar keine "Mafia", aber "das Syndikat". Lettische Russen angeblich. Oder Ex-KGB-Mitarbeiter umgewandelt in kriminelle Banden, behauptet ein zwielichtiger Polizist. Die "Radniecība"-Gang (=Verwandschaft), mal lettisch, mal russisch ausgesprochen. Wie es sich wirklich verhält, klärt der Film nicht auf - Hauptsache am Ende konnten ein paar Schlechte verhaftet und ein paar weniger Schlechte vorläufig entlastet werden. 20 Jahre nach Ende der Sowjetunion kommt das ein wenig altbacken daher - zwar durchaus spannend in Szene gesetzt - nur, wer Riga schon länger kennt, bei dem wird es ein ausgiebiges Gähnen erzeugt haben.

Es wird um militärischer Ränge gestritten. Typisch englisch? Der lettische Kommissar ist "Major", der schwedische Gast wird wie selbstverständlich mit "Oberst" angeredet - obwohl sonst in der englischen Originalfassung ziemlich dahergenuschelt wird - aber hier protestiert der Schwede fast zornig. "Polizisten werden in Lettland nicht geschützt", hatte ihm Kommissar Kārlis Liepa schon vor dem ersten Riga-Besuch erzählt. Der zweite Polizeikollege von hohem Rang ist Mūrnieks, ist russischer Lette. Angeblich der einzige der noch vom KGB übrig ist (sagen diejenigen, die ihn verraten). In diesem Film haben lettische Polizisten immer noch kein W-Lan oder Email, dafür schicken sie aber noch Faxe - wie 1990.

Drogenkuriere, Heroin, Kokain - ist es nun Geschichte oder ist es Gegenwart? "In Lettland kannst Du mir nicht helfen" behauptet Karlis, und kommt mit einer Tupolew-Maschine nach Schweden eingeschwebt. Als er wenig später tot aufgefunden wird, scheint sich die Warnung vor den Zuständen in Riga zu bestätigen. Aber die Story fließt weiter flaschengrün daher und bleibt unentschieden, ob sie nun Verhältnisse damals oder Verhältnisse heute zeigen will. Vielleicht nur eine Parabel vom unsicheren Osteuropa, die von der britischen Insel aus gesehen umso unverständlicher scheint?

Schwedischer Mann, Hilfe suchende
lettische Frau - eine Rollenverteilung,
die auch bei Branagh 2012 nicht
hinterfragt wird.
Es regnet oft in diesem Film. Etwas wärmeres Licht gibt es nur in Schweden, wenn Wallander zu Hause ist - abziehende Regenwolken. Es wird auch bei Regen auf dem Bralu kapi (dem Brüderfriedhof) beerdigt, und die Uniformierten murmeln unpassend peinlich: "Witwen können sehr schön sein" (in der englischen Fassung sogar: "Witwen sind wunderschön").

Die lettischen Ordnungshüter arbeiten in Großraumbüros mit ständig laufenden Kaffeeautomaten. Von einem "Syndikat" will zunächst niemand etwas wissen bei der lettischen Polizei, dann plötzlich: "Davai, uz priekšu!" - und schnell werden angebliche Syndikat-Mitglieder verhaftet; eine  Schauverhaftung für den schwedischen Gast. Mutter und Kind laufen weinend ins Treppenhaus - auf weibliche Schönheit wird jetzt keine Rücksicht mehr genommen (nur einsame Frauen sind schön?). Der Schwede fragt erstaunt nach, der Lette antwortet mit gespielter Ironie: "Und wie machen Sie das mit Verhaftungen in Schweden? Servieren Sie erst eine Tasse Kaffee?"

Schmugglerhotels, abgegriffene Lichtsschalter und sensationelle Straßenbahnen
Dann wieder eine Hotelszene, wie sie tatsächlich vor 20 Jahren sich hätte abspielen können: erstaunliche Angebote am Frühstückstisch in kalter Atmosphäre, verzweifelte Letten versuchen mit dem ausländischen Gast Kontakt aufzunehmen - so als ob es kein Ryanair gäbe (wenn es denn im Riga von heute spielen sollte). Aber im "Hotel Riga" war es ja früher so, die reale Abhöranlage wurde allerdings längst gefunden und ist heute im Okkupationsmuseum ausgestellt. In dieser "modernen" BBC-Fassung steckt die Abhöreinrichtung in einem billigen Plastikwecker.

Das Riga, das Wallander alias Branagh hier besucht, zeigt sich mit heruntergekommenen Wohnungen mit ausgeleierten Türen, schmutzig verschmierten Lichtschaltern, abgeschabten Flurwänden und abhörsicherem Dachboden. Frau Liepa wohnt Irgendwo Nähe Tērbatas iela, der gefilmte Umgebung nach zu urteilen. Auf dem Dachboden eine Szene, die vielleicht 1990 möglich gewesen wäre: als es nur zwei bis drei verschiedene Sorten Brandy gab, und dem Gast "Napoleon" gereicht wurde.
Verfallene Straßen ausgerechnet in der Altstadt, und ausgerechnet am Kinomuseum (2012 einzige noch nicht renovierte Stelle der Altstadt, wo so etwas ohne Aufwand gefilmt werden konnte). Und ausgerechnet die Straßenbahn als Zuflucht, wo niemand stört und niemand hinterher kommt! Die langsame, quietschende Straßenbahn der 90er Jahre - gezeigt werden nur ältere Modelle (es hätten schicke Niederflurwagen sein können!).

Noch eine Replik: bedrohte Journalisten
Alles außerhalb von Straßenbahnen bleibt in Riga bedrohlich. Ausländer werden angefleht zurückzukommen, da die Letten ihre Sachen nicht allein regeln können (Frau Liepa droht im Polizeigefängnis zu verschwinden).
Schließlich wird Anti-Korruptions-Journalist Upitis erschossen. Der letzte reale Vorgang dieser Art war 1994 - aber auf die Vorabrecherche realistischer Verhältnisse kam es diesen Filmemachern offenbar nicht an; lieber rühren sie alles Halbwissen und Vorurteile zusammen.

Plötzlich, überraschend real, während einer Autofahrt die Musik vom Letten-Rapper "Ozols" - leider bleibt es nur ein Momenteindruck, die Musik wird nicht mal im Abspann erwähnt. Also sind Erinnerungen an das real existierende Riga nicht so wichtig? 

Überall in Riga fliegen Tauben, und alles scheint durch dreckige Hinterhöfen miteinander verbunden zu sein. Kein Supermarkt, kein modernes Hotel ist zu sehen. Allerdings ein Apparat für E-Taloni im alten Straßenbahnwaggon. Die orthodoxe Kathedrale in frisch renoviertem Glanz. Ein Klavierstück als Sehnsucht nach Privatheit in unsicherem Gelände. Abgehörte Wohnungen und Reden nur unterm Dach.

Schlußakkord im KGB-Archiv
Warmes Sommerlicht weiterhin nur in Skåne. Ich musste schon ein wenig lächeln, als sich die Filmdramatik sich ausgerechnet auf den "Latgales Tirgus" (oder auch "russischer Markt" genannt) konzentriert. Normalerweise ein chaotischer Flohmarkt mit Ersatzteilen aller Art - vielleicht Schwarzgehandeltem unter dem Tisch. Hier spielen die angeblich korrupten Polizisten ein wenig Katz und Maus, mit Fortsetzung auf dem Zentralmarkt. Eine schwedische Botschaft als Zuflucht (der zivilisierten Menschen?). Fluchtwege von der Nordstadt in die Altstadt und weiter zur Maskavas iela. Ein flüchtiger Bezug auf alte Zeiten: Baiba outet sich als Ex-Aktivistin der lettischen Unabhängigkeitsbewegung.

"I must say, Kurt, you are a difficult man to protect!"
Artūrs Skrastiņš, nach Rollen in "Likteņdzirnas",
"Baiga vasara", "Rīgas sargi", "Mazie laupītāji"
("Die kleinen Bankräuber") und "Rūdolfa mantojums" -
nun als zwielichtiger Polizist Putnis
Ein Finale in einem vergessenen alten, sowjetisch riechenden Archiv - das könnte ich mir in Riga gut vorstellen! Ob nun wie im Film die alten KGB-Akten mit heutigen Polizeiakten gemischt sind oder nicht, wäre dabei nebensächlich.
Ein gemütlicher, dicker Polizist geht an einem schlecht bezahlten Wachmann-Kollegen mit den Worten vorbei: "Šīs ir pillā" ("dieser hier ist betrunken") - und schon stößt er allein fast bis ins "Allerheiligste" vor. Schade, dass Branagh im Film nicht mehr von der Entzauberung der angeblichen Sowjet-Allmacht zeigt, wie sie ja im Zuge der lettischen Unabhängigkeitsbewegung tatsächlich geschah. Die neuen lettischen Eliten hätten es verdient, im gleichen Atemzuge mit entzaubert zu werden!

Am Ende bleibt übrig ein tapfer Riga-Balsam trinkender edler Polizist russischer Abstammung, der angeblich seit der lettischen Unabhängigkeit nicht mehr an Wahlen teilnehmen kann (obwohl fließend Lettisch sprechend!), und dessen Vollmachten von korrupten Kollegen und Vorgesetzen beschränkt werden. "Savakt aiz sevis!" steht geschrieben an der Wand, hier wohl als "rette sich wer kann" zu übersetzen.

Ein lettisch sprechender russischstämmiger Polizist, der seine angebliche Benachteiligung zum Vorwand nimmt, nicht stärker im Sinne der Gerechtigkeit eingegriffen zu haben ins Geschehen? Allzu schablonenhaft, finde ich.
Billige, mitleiderheischende Phrasen für den daheim auf dem Sofa sitzenden Briten, der sich Sorgen macht um Demokratie und lettische Volksgesundheit? Nur um ein paar Zuschauersympathien zu gewinnen? Das hätte Branagh sicher nicht nötig gehabt.

Als Schlußbild wieder leere, spärlich eingerichtete Räume - wie einsame "Ēdnīcas" im 80er Jahre Design. Nur hat es sie derart leer auch nie gegeben in Riga. Niemand rührt dort einsam in riesigen Hallen in seinem Kaffee. "Ist Schweden so schön wie es im Buch beschrieben steht?" fragt die schöne Witwe Baiba, nachdem sie vom schwedischen Kommissar Grabblumen geschenkt bekommen hat. Zurück in der Wohnung schiebt Baiba die Vorhänge beiseite und läßt warmes Licht herein, und das sowjetische Siegerdenkmal grüßt im Abendlicht.

Mehr Diskussionsstoff - und eine Zukunft für in Riga gedrehte Filme?
Ingeborga Dapkūnaitė - "geboren in Litauen, als das
Land noch Sowjetunion war" - so versucht die BBC den
Zuschauern die Schauspielerin in einer der Hauptrollen
näher zu bringen
Noch kurz zu den Schauspielern: Kenneth Branagh spielt immerhin so, wie ein ahnungsloser Schwede eben in Riga herumlaufen könnte, fast immer mit "Leidensmiene", wie der "Tagesspiegel" richtig anmerkt. Die lettische Hauptrolle (die offenbar hauptsächlich wie "schöne Witwe" aussehen sollte) spielt die Litauerin Ingeborga Dapkūnaitė. Der einzige schauspielernde Lette ist Artūrs Skrastiņš (vielfach preisgekrönt im eigenen Land!) und spielt ausgerechnet den größten Schurken Kommissar Putnis. Er musste, lettischen Presseberichten zufolge, ein "hartes Casting" absolvieren um diese Rolle zu bekommen. Die Produktionsbedingungen in Lettland vorsortiert hat "Baltic Pine Films", die auf die Einlösung des Versprechens hoffen, Produzent Andy Harries würde für weitere Filmproduktionen nach Lettland zurückkommen. Aber: nur wenige lettische Schauspieler können ausreichend Englisch, ist aus Richtung der Produktionsfirma vernehmbar. "Ausgesiebt" wurde von den Briten auch Rēzija Kalniņa, deren Deutschkenntnisse offenbar besser sind, denn sie spielte auch schon eine ARD-Hauptrolle in der deutschen Serie "Polizeiruf 110" ("Die Lettin und ihr Lover") .

Danke, Kenneth Branagh - der den Film mitproduziert hat - für eine zweite Fassung der "Hunde von Riga", also im Sinne von Henning Mankell der Verhältnisse von Riga 1990. Sie gibt erneut Anlaß über Riga nachzudenken - auch im Sinne eines Kommentars in der lettischen Zeitschrift "IR", der bedauert dass von der mit der lettischen Unabhängigkeitsbewegung sympathisierenden Stimmung der ersten Fassung bei Branagh nichts mehr zu spüren ist (aber dem Irrtum aufsitzt, man solle in ausländische Kinoproduktionen bis ins Drehbuch hinein staatlich "korrekt" intervenieren?). Da überschätzt sich jemand: die künstlerischen Vorstellungen eines Drehbuchautors sind sicher nicht von ein paar Euro Zuschuß eines russischstämmigen Bürgermeisters am Drehort abhängig, und schon gar nicht von einer dahinter sichtbaren russischen Mafia - sonst hätte sich ja die düstere Spielfilmfiktion doch noch selbst prophezeihend erfüllt. Deutsche Fernsehzuschauer werden jedenfalls wegen dieses Films nicht an der Berechtigung der lettischen Unabhängigkeit zweifeln, und Umsetzungsschwierigkeiten der Demokratie gibt es eben in allen Ländern. Zum Vergleich lohnt sich der Kommentar zur lettischen Filmföderung in der "Latvijas Avize" zu lesen, denn offenbar gab es auch schon Filmförderung aus Riga, bei der am Schluß Riga gar nicht im Film gezeigt wurde.

Nein, es war spannende Abendunterhaltung im modernen, nüchternen Stil für alle, die sich um die realen Verhältnisse in Riga nicht weiter kümmern.
Auf die erste Filmfassung gab es Stimmen, die gerade die in Riga dargestellten Vorgänge als "unlogisch" kritisierten (z.B. hier). Dem konnte damals entgegnet werden: ja, aber die Verhältnisse im Riga 1990 WAREN unlogisch! Deutsch geordnet und sortiert vollzog sich da gar nichts, und deshalb konnten sich auch Riga-Liebhaber mit der ersten Wallander-Filmfassung anfreunden. Ob auch mit der zweiten? Ich bin auf weitere Kritiken gespannt (die in der FAZ zählt nicht, dieser Mensch schien den neuen Film gar nicht gesehen zu haben und beschreibt statt dessen alle anderen Bücher Mankells...).

Infos:
ARD zu Serie / noch verfügbar: der Branagh-Film in der ARD-Mediathek
"Hunde von Riga" bei Wikipedia / Filmkritik im "Tagesspiegel" / englische Fassung / Zu den Dreharbeiten: "Film Riga" / private Sicht auf die Dreharbeiten / Wallander-Ausschnitte der BBC / Bericht "Ystads Allehanda" über die Dreharbeiten in Ystad / und nochmals "Ystads Allehanda" / "Delfi.lv" über Branagh in Riga /"Dogs of Riga" im US-Fernsehen / Kenneth Branagh im Interview über seine Rolle als "Wallander" / Privatfotos von den Dreharbeiten in Riga / Fotos von den Rigaer Dreharbeiten bei "Delfi.lv" und Fotos von Artūrs Skrastiņš auch hier / Filminterview Ingeborga Dapkūnaitė bei DIENA-TV (russisch) / Kommentar in der Zeitschrift "IR" / Anmerkungen zur Filmmusik bei "Hunde von Riga" /

7. Oktober 2011

Ein Schwede mit lettischen Vorlieben

Tomas Tranströmer ist der diesjährige Nobelpreisträger für Literatur. Ein Mann, der in Lettland nicht unbekannt ist und hier viele Freunde hat. Tranströmer ist auch ein Künstler, der die Bezeichnung "Ostseedichter" verdient hätte. Glücklicherweise sind Texte seiner "Östersjöar", geschrieben in den 70er Jahren, durch das Projekt "Baltic Sea Library" in mehreren ("Ostsee"-)Sprachen verfügbar.
Dass er auch ein Bewußtsein für die Nachbarn Schwedens an den übrigen Ostseeküsten hatte, zeigen vielleicht Zeilen wie diese:
Es handelt von Orten, wo die Bürger unter Kontrolle stehen,
wo die Gedanken mit Notausgängen gebaut werden,
wo ein Gespräch unter Freunden wirklich zum Test wird für das, was Freundschaft bedeutet.

 aus: "Östersjöar", übersetzt von Hanns Grössel
Auch die lettische Kulturszene reagiert sehr erfreut auf die Würdigung von Tranströmers Werk durch den Nobelpreis. Denn der Schwede war fast sein Leben lang befreundet mit einer der bekanntesten lettischen Schriftstellerinnen, Vizma Belševica, und er pflegte auch enge Kontakte zu einem anderen Veteranen der lettischen Literatur, Knuts Skujenieks. Schon in drei Wochen - so die bisherige Planung - plante Tranströmer einen Besuch in Lettland. Trotz des nach einem Schlaganfall gesundheitlich sehr angeschlagenen Gesundheitszustands ist der Besuch ein lang gehegter Wunsch des Schweden.

Im Mansards Verlag in Lettland ist Tranströmers Gedichtsammlung zu haben, übersetzt von Juris Kronbergs und Guntars Godiņš. Der Verlag schreibt in seiner Presseinfo zu diesem Buch: "Als 1998 die schwedische Gemeinde Västerås beschloss einen Literaturpreis zu schaffen, der herausragenden Dichterpersönlichkeiten im Ostseeraum zuerkannt werden sollte, da waren Vizma Belševica und Knuts Skujenieks die ersten Preisträger. Auf die Frage, was die Dichtersprache von anderen Sprachen unterscheide, antwortete Tranströmer damals: 'Die Dichte. Gedichte sind, unter anderem, die verdichtetste Art Informationen mitzuteilen. Trugbilder, Intuitionen, Erinnerungen, Standpunkte - dort ist das alles.' " (in Västerås lebte Tranströmer 35 Jahre lang, und die Stadt zeigt sich in einer Pressemitteilung ebenfalls sehr stolz auf den Preisträger).

In Lettland wird nun gebangt, dass weder Tranströmers angeschlagene Gesundheit, noch die mit der Preisverleihung zusammenhängenden Prozeduren seinen geplanten Lettland-Besuch verhindern. Bekannt ist die große Verbundenheit des Nobelpreisträgers zu einigen Plätzen in Lettland, wie zum Beispiel Jūrmala. Bereits im Jahre 1970 besuchte der Schwede erstmals Lettland - seine lettischen Gesprächspartner von damals (Belševica, Skujenieks) bezeichnen das in der Rückschau als "konspiratives Treffen". Tranströmer selbst schrieb damals in einem Brief an einen Freund in den USA: "Mein Übersetzer [Zigurds Elsbergs, mit Vizma Belševica verheiratet] war nicht darauf vorbereitet mit den Strukturen der Machthaber zusammenzuarbeiten, daher kündigte er seine Arbeit und spielt jetzt Geige in einem Orchester."

Tomas Tranströmer in der "Baltic Sea Library"