In Lettland gibt es viele schöne, gut restaurierte ehemalige Gutshöfe. Aber: meist ist deren historische Inneneinrichtung nicht mehr erhalten. Es wird dann "zeitgemäß" eingerichtet, soweit es geht.
Eine Rückkehr
Das Gut Lielvircava (deutsch= Groß-Würzau), südlich von Jelgava gelegen, wurde 1808 von Baron Dionysius von Klopmann fertig gesstellt. 211 Jahre später besuchte sein Nachfahre, der in Deutschland lebende Baron Peter von Klopman (77), das Gut zum ersten Mal und bot an, mehr als 1000 authentische Gegenstände für die Ausstellung dort zur Verfügung zu stellen. Der Transport nach Lettland dauerte mehrere Jahre. Das i-Tüpfelchen dabei war natürlich eine Tonne Silberwaren - deren Weg nach Lettland dauerte mehrere Jahre.
Status und Anspruch
Wertvolles Silber, historische Gegenstände - bisher war so etwas nur als Streitobjekt bekannt. Als Bremen der Partnerstadt Riga im Jahr 2001 ein schönes Geschenk zum 800.Geburtstag überreichen wollte, wurde die Idee, es könnten die in Bremen aufbewahrten Reste des Silberschatzes der Schwarzen Häupter aus Riga sein, jäh gestoppt. Dort wacht ein extra nach dem 2.Weltkrieg neu gegründeter „Verein der Freunde der Schwarzen Häupter aus Riga e.V.“ darüber, dass die historischen Silberstücke keinesfalls als nach Riga gehörig erklärt werden können - da gibt es keine Leihgaben und keine Ausnahmen (in Riga war der Verein 1939 aus dem Vereinsregister gelöscht worden). So wird dann deutschbaltisches Kulturgut zu deutscher Beute mit baltischer Vergangenheit. Auf absehbare Zeit wird in Bremen wohl niemand Lettland für so vertrauenswürdig erklären, dort irgend etwas Silbriges, wenn auch vielleicht nur vorübergehend, ausstellen zu können.
Eine Perle auf dem Lande
In Lielvircava aber konnte durch die großzügige Leihgabe der Familie von Peter Baron v. Klopmann das ehemalige Gutshaus fast komplett im alten Stil eingerichtet werden und es sind eben nicht nur Möbel zu sehen, sondern eben auch mit edlem Porzellan und Silber gedeckte Tische.
Bei einem seiner Besuche hatte der Baron erwähnt, bei ihm zu Hause würden noch viele Dinge lagern, die er dem Gut Lielvircava überlassen könnte - auch viel altes Silbergeschirr. Die Gemeinde musste natürlich zugeben, dass ihre finanzielle Situation es nicht erlauben würde, so etwas anzukaufen. Aber Roberts Grinbergs, der zu dieser Zeit auf dem Gut arbeitete, beschloss, ein völlig verrücktes Abenteuer auf sich zu nehmen: zwei Lieferwagen zu mieten und die fähigsten Fernfahrer zu finden, die auf der Rückfahrt 24 Stunden ohne Pause fahren können (von Bayern nach Lettland). Ohne Sicherheitspersonal, Polizeieskorte und Zwischenstopps - das war eine Auflage der Versicherung gewesen. "Das war schon einen verrückte Aktion", erinnert sich Grinbergs, "aber wenn wir es nicht gemacht hätten, wäre es vielleicht nie passiert." (IR)
Es gehört genau hier hin!
Inzwischen ist die Silbersammlung nun im Herrenhaus von Lielvircava in mehreren Räumen ausgestellt – im Speisesaal auf dem Tisch und im Silberschrank sowie im gesonderten Silberzimmer. Aber müssen denn jetzt diese Schätze Tag und Nacht von einem Sicherheitsdienst bewacht werden? Nun ja, Alarmanlage und Überwachungskameras gäbe es schon, gibt die Hausleitung zu. Aber nicht der einzelne Löffel, sondern die Gesamtheit der Sammlung sei wertvoll. Und in jedem Stück sei schließlich auch das Familienwappen eingraviert, also die Eigentümerschaft klar erkennbar. - Wenn für Touristengruppen der Silberschrank und der Silberraum geöffnet werden, habe man allerdings besonders die kleinsten Exponate im Auge - damit diese nicht in die Tasche eines diebischen Besuchers gelangen können.
Diese Wertgegenstände sind auch nicht endgültig in den Besitz des Museums Lielvircava übergegangen: sie wurden für 25 Jahre zur Nutzung überlassen. Danach ist es vorgesehen, dass die Nachkommen der Familie von Klopman über das weitere Vorgehen entscheiden können. Vorher hätte das Ehepaar Klopmann "wie in einem Museum" gelebt, so ein Bericht in der lettischen Zeitschrift "IR". Denn die Möbel, Gemälde und anderen Gegenstände der Klopmanns stammten nicht nur aus den Familiengütern in Lettland – dazu kam auch das Erbe mehrerer Zweige der Großeltern in Litauen und Deutschland. Die Versicherung des Erbes und die obligatorische Instandhaltung kamen den beiden Rentnern teuer zu stehen. Sie wollten es nicht verkaufen, denn das Andenken an die Vorfahren darf ihrer Auffassung nach nicht verkäuflich sein. (IR)
Veränderte Verhältnisse seit 100 Jahren
Ab dem Jahr 1920 hatte der gerade erst gegründete lettische Staat eine Gutsreform und eine Landreform durchgeführt. "Jene Gutsbesitzer, denen diese Maßnahme missfiel, zogen mit ihrem gesamten Hausrat nach Deutschland oder in andere Länder und nahmen ihr Eigentum mit", erläutert Kunsthistoriker Ojārs Spārītis. "Und heute, 100 Jahre später, haben Baron Peter von Klopmann und seine Familie beschlossen, dass Lettland zu Europa gehört und dass Lettland es verdient, diese ehemaligen Gutshausgegenstände – Möbel, Kronleuchter, Haushaltsgegenstände, Geschirr – hierher zurückzuerhalten." (lsm)
Spārītis zieht einen Vergleich zum nahegelegenen Schloss Rundāle, das ja bei sehr vielen Touristengruppen auf dem Reise- und Besichtigungsplan liegt. "Im Schloss Rundāle haben wir eine Art rekonstruierte Epoche aus Gegenständen - von denen vielleicht 0,1 Prozent authentisch sind und einst zum Schloss gehörten. Im Herrenhaus von Lielvircava hingegen kehrt jene Einrichtung zurück, die dort entstanden ist, die für diese Innenräume erworben, in Auftrag gegeben, angefertigt oder speziell gekauft wurde. Damit ist dies auch im Hinblick auf die Geschichte des lettischen Kulturerbes ein einzigartiger, einmaliger Fall.“ (lsm)
Ein Tourismushighlight?
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| Edles Tafelgedeck in Groß-Würzau |
Ja, die vielfach genutzen Routen der "Baltikum-Rundfahrten" gehen wohl zumeist an Lielvircava vorbei. Da muss man selbst aktiv werden! So findet sich die Info zum Gut zumindest auch auf Instagram (englisch) oder Facebook (deutsch). Wer sucht, der findet! Ähnlich formuliert es auch Roberts Grinbergs in einem Interview mit dem lettischen Radio: "Nicht nur Geld, sondern auch der Einsatz von engagierten Menschen retten die Gutshöfe."



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