15. März 2022

Schule gerockt

Wie bilden sich eigentlich die Musikbands in Lettland? Indem sie vorher eine Rock-Schule absolvieren - so könnten wir denken. Und das hat weder mit Volkstrachten, noch mit irgendwelchen Felsen zu tun. Eher mit Musik.
Aktuell sind es Gitarrist Krišjānis Ozols und Schlagzeuger Toms Kagainis, die in diesem Frühjahr im Rampenlicht stehen: die zwei sind Mitglieder der Band "Citi zēni" (könnte übersetzt werden mit "Andere Jungs"), die Gewinner des lettischen Vorentscheids und Teilnehmer beim Finale der Eurovison 2022 in Turin. 

Rock fürs Selbstbewußtsein

Beide haben im lettischen Jelgava die BJMK besucht. Eine Einrichtung, die aus zwei Teilen besteht: einerseits der Verein “Bērnu un jauniešu mūzikas klubs” (Musikklub für Kinder und Jugendliche), der Übungsräume für Bands bereithält und Veranstaltungen organisiert. Andererseits ist es die privat betriebene "BJMK Rockschule", die ein über 5 Jahre dauerndes Ausbildungsprogramm für Bühnenmusiker/innen bietet, bei durchschnittlich 8 Lernstunden pro Woche. Seit 2008 arbeitet die Schule, gegründet von Profi-Gitarrist Endijs Rožkalns, erfolgreich - und vielleicht sind ja schon jetzt Toms und Krišjānis die erfolgreichsten Absolventen.

Gerade das Konzept "Rockschule" scheint aber keine lettische Erfindung zu sein, wie der Blick nach Deutschland zeigt. Ähnliches findet sich mit der Rockschule Russee in Kiel, die PopRockschule in Lübeck, eine Rockschule Melle Beats in Mannheim, die Jazz&Rock Schule Konstanz, die Rockschule Dumont in Rastede, die PopRockschule in Weiden in der Oberpfalz - und "LerntoRock" unterhält gleich sechs Schulen: neben vier in Deutschland auch zwei in Österreich. Die "typisch lettische" Komponente ist in Jelgava vielleicht der "BJMK-Chor", der sicher nicht nur Rock im Repertoire hat - auch Gründer Rožkalns verfügt über Chorleiterausbildung.

Die Auftritte von "Citi zēni" wirken also nicht ganz grundlos ein wenig wie eine älter gewordene Schülerrockband, deren Mitgliedern wir auch ein Engagement bei "Fridays for future" ohne weiteres zutrauen. Jetzt, wo zumindest die lettlandweite Aufmerksamkeit größer ist, wird eifrig an einer "Bandlegende" geschrieben, der zufolge die Anfänge bei der Schülerband "The Citizens" gelegen haben sollen. In deren Videos stolperten noch wie zum Konfirmationsunterricht adrett gekleidete Jugendliche durch selbst gedrehte Filmchen - da weht durch "Citi Zēni" zumindest ein neuer Style (siehe "escunited").

Sich rechtzeitig neu erfinden

Und das nicht nur, weil früher offenbar noch eine Sängerin dabei war. Ausgerechnet während der schwierigen Corona-Einschränkungen erfand die Band sich noch einmal neu. Die Debutsingle hieß “Suņi iziet ielās” (Hunde gehen auf die Straße). Nun also "Eat your salad" - das klingt nach moralischen Ermahnungen zu ökologisch bewußtem Leben, und das ist es auch beinahe. In der lettischen Presse lassen sich die Jungs nun so zitieren: "Wir sind bereit, die Welt zu nerven" (Apollo). Eigenes Motto: "dzīvot zaļi ir seksīgi" ("Grün leben ist sexy").

In der Presse und im Internet, auch In den sozialen Medien sind sehr unterschiedliche Dinge zu lesen. Einerseits geben die Jungs offen zu, das zu singen, "was die Leute hören wollen". (Jauns), inzwischen nun eher gestylt wie frühlingsbunte Happy-Rapper. Andererseits wird offen mit zweideutigen Eindeutigkeiten im Text jongliert - und "Citi Zēni" bestehen hier auch keine Sekunde lang darauf, auch nur eine Zeile in Lettisch singen zu wollen. Fans des oberflächlichen "Ich will Spaß, ich geb Gas" werden spätestens nach wiederholtem Anhören irritiert mit Zeilen wie diesen: "Eat your salad, save the planet, being green is sexy as fuck" oder "I eat only veggies and pussy".

Vegan-Hymne für Lettland?

"Let's go organic" - das frisch-fröhliche Auftreten dieser scheinbaren Spaßmacher-Jungs ist kühl kalkuliert. Stolz erzählen sie in Interviews, dass ihr Liedtext im Internet schon als Thema für mögliche ESC-Zensur gehandelt wird - und, geteilt und weitergeleitet, zehntausendfach die Runde macht. Auf "TikTok" soll der Song sogar schon ein Millionenpublikum erreicht haben. "Genau das war unser Ziel", meint Bandmitglied und Textautor Jānis Pētersons (Jauns)."Es ist doch cool zu versuchen Grenzen zu überschreiten, und zu sehen, was dahinter liegt." 

Nun, wir ahnen zumindest, warum bei "Citi zēni" keine Frauen mehr mitmachen. Die zweideutigen Texte würden Zuhörer wie Zuhörerinnen nicht gleichgültig lassen, so sagen es die singenden (Schul-)Jungs - nicht ohne zu behaupten, nur so zu einem umweltschonenderen Verhalten anregen zu können. Ob denn alle Bandmitglieder vegan leben, traut sich ein Journalist zu fragen (Jauns). Die Antwort: "Manche von uns essen seit mehreren Jahren kein Fleisch mehr, manche seit einigen Monaten, manche teilweise doch." Oder, wie Bandmitglied Roberts es ausdrückt: "Wir sind zwei Meter große Jungs, die manchmal nach Fleisch verlangen, sich aber bemühen vegetarisch zu essen." (apollo) Aha. In dieser Hinsicht eben doch sehr normal. Das irgend jemand nach Anhören des Liedes irgend etwas plötzlich anders macht - das wollen die Jungs denn doch lieber nicht verursacht haben. Aber Greta Thunberg herself sei schon eine ihrer 9.000 Follower auf Instagram (apollo). Na dann: auf nach Turin!

9. März 2022

... sonst verlieren wir alles, was wir bisher erreicht haben

Es bewegt Lettland bis ins tiefste Innere. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat vielleicht sogar mehr als eine "Zeitenwende" erzeugt - denn eine "Wende" würde ja immer bedeuten, sich schon für eine neue Richtung entschieden zu haben. Soweit ist Lettland aber wohl noch nicht - und das restliche Europa wohl auch noch nicht. "Widerstand gegen Putin" und seinen brutalen Krieg ist das eine - aber auf welcher Grundlage können neue Ziele definiert werden? Kann dieser Krieg überhaupt noch gestoppt werden? Und wird es mit Putins Traum einer "Unterwerfung der Ukraine" enden, oder was werden die neuen Realitäten danach sein? Russland gegen die NATO, und Lettland direkt im Aufmarschgebiet an den Schützengräben? 

Wir versuchen ein paar Puzzleteile der Stimmungslage einzusammeln. 

Auch aus der Ferne, zum Beispiel durch das von ARTE übertragende Solidaritätskonzert für die Ukraine, wurde deutlich, wie durch und durch lettisch sich diese Ukraine-Solidaritätsbewegung anfühlte. Es wurden, bis auf die ukainische Nationalhymne, ausnahmslos lettische Lieder gesungen. Die Menschen fühlen sich also "mitgemeint" von Putins Aggression. Da fühlt es sich sicher wie ein Triumph an, gerade am Kongreßhaus in Riga zu demonstrieren - in Sichtweite der Botschaft Russlands auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ähnlich wie die litauischen Kolleg/innen in Vilnius hat sich die Stadtverwaltung noch einen besonderen Coup ausgedacht: das Straßenstück an dem die russische Botschaft liegt, bisher "Antonijas iela", heißt seit dem 4. März nun "Ukrainas neatkarības iela" ("Straße der Unabhängigkeit der Ukraine"). (LA)

Dainis Īvāns, eine der Leitungsfiguren der Lettischen Unabhängigkeitsbewegung der 1980iger, bezeichnete den ukrainischen Präsidenten Selenskyj als "Anführer des Widerstands der ganzen freien Welt". "Sie haben uns damals ganz genauso beschmipft, als Faschisten, Russophobe, Nazis", meint Īvans. (lsm)

Kulturwissenschaftler Deniss Hanovs sieht andere Leitbilder: "So wie in der Ukraine ein jüdischer Präsident jetzt verschiedene Gruppen und Religionen vereint, das brauchen wir auch hier in Lettland schon lange - einen starken politischen Willen um gemeinsam eine Nation zu bilden." Und er sagt auch: "Für viele Russen in der ganzen Welt ist es sehr schwer zu verstehen, dass nun das Böse und die Diktatur Russisch spricht." 

In der "Latvijas Avize" war eine Äußerung des italienischen Ex-Regierungschefs Matteo Renzi zu lesen, der sich für Angela Merkel als Vermittlerin im Ukraine-Krieg aussprach. "Sie ist die Einzige, der sowohl in Moskau wie in Washington zugehört wird". 

Auch die lettische Post stellt sich auf das Thema ein und gibt am 10.März Sondermarken heraus, entworfen vom Designer Ģirts Grīva. 50% der Einnahmen daraus sollen für die Unterstützung der Ukraine gespendet werden. 

Es gibt natürlich auch Spendenmöglichkeiten. Eines der bekanntesten Konten ist wahrscheinlich das von "ziedot.lv". Die dortigen Spenden sollen in Form von "Treibstoff und Erste-Hlfe-Gütern" in Richtung Ukraine gehen. Vom lettischen Verteidigungsministerium werden aber auch andere Hilfsmöglichkeiten angeboten. Neben der Option für Geldspenden zugunsten der ukrainischen Armee über ein Konto der Ukrainischen Nationalbank zählt dazu auch die Möglichkeit für lettische Staatsbürger/innen, sich zum Wehrdienst in der Auslandslegion der ukrainischen Armee anzuschließen (per Gesetz hatte das lettische Parlament den Weg dafür frei gemacht). Die Zeitschrift "Sargs" ("Wächter") publiziert auch die finanzielle Seite solcher Möglichkeiten: 1700 Dollar pro Monat. Inzwischen soll mit Juris Jurašs sogar schon ein Mitglied des lettischen Parlaments genau diesen Schritt vollzogen haben (während ukrainische Seite allerdings nur bestätigt, Jurašs befinde sich als "Sicherheitsberater" im Lande) (lsm).

wilde Entschlossenheit, oder pure Verzeiflung?
Telefonaktion in Lettland und Litauen: ruf jemand
in Russland an und erzähle, was in der
Ukraine passiert ... (siehe "Call Russia")

Aber natürlich gibt es auch Initiativen, um Flüchtlingen aus der Ukraine weiterzuhelfen. So wie "Gribu palīdzēt bēgļiem" ("Ich will Flüchtlingen helfen" / GPB), die schon seit Jahren für Geflüchtete eintritt, egal aus welchen Ländern sie kommen. 

Māris Verpakovskis, Ex-Fußballnationalspieler Lettlands, der in seiner Karriere auch vier Jahre bei Dynamo Kiew spielte, warnt währenddessen davor gegenseitig Hass in der Bevölkerung Lettlands zu schüren. Verpakovskis, der heute als Generaldirektor beim aktuellen lettischen Meister RFS Riga tätig ist, sprach sich gegen pauschale Schuldzuweisungen gegenüber allen Russen aus - und sieht dabei Sportlerkollegen wie Tennisspieler Ernests Gulbis und Fünfkämpfer Deniss Čerkovskis an seiner Seite. 

Derweil sticht auch Tatjana Ždanoka mal wieder heraus, selbsternannte Verteidigerin der russischen Interessen in Lettland, ehemalige Führungsfigur der lettischen "Interfront", die bis 1990 noch aktiv die heraufziehende Unabhängigkeit Lettlands bekämpfte. Heute ist sie Vorsitzende der Partei "Latvijas Krievu Savienība" (Vereinigung der Russen Lettlands LKS) und immer noch Mitglied im Europaparlament. Dort befürworteten am 1. März 637 Abgeordnete eine Resolution, die aufgrund des russischen Angriffskriegs härtere Sanktionen forderte - es gab 13 Gegenstimmen, eine davon von Ždanoka. (lsm) 2014 hatte sie noch Kundgebungen in Riga organisiert, auf denen die russische Besetzung der Krim als gerechtfertigt bezeichnet wurde - so wird sie, und eine Handvoll Funktionäre. die ebenfalls im "russischen Interesse" zu handeln vorgeben, zu Belastung für ebendiese. 

Auf der Webseite der LKS sind - wie zu erwarten war - keinerlei Aufrufe zur Unterstützung der Ukraine zu finden. Dort findet sich ein Aufruf "in dieser angespannten Situation" keine Denkmäler zu beschädigen, die an den "Großen Vaterländischen Krieg" erinnern. Denkmäler seien "keine Instrumente um seine Gefühle auszuschütten", sondern eine Erinnerung daran, dass "wir Schulter an Schulter gegen die Nazis gekämpft haben, Russen, Ukrainer, Letten und viele andere". Tja, da liegen Rückfragen nahe, und werden in Lettland wohl häufig gestellt - aber wahrnehmen und gelten lassen will sie bei diesen Gruppen offenbar niemand: ... warum lässt Putin dann, teilweise unter dem verlogenen Vorwand, nun wieder gegen Nazis zu kämpfen, das Nachbarland Ukraine brutal mit Gewalt überfallen? Wer beschmutzt hier welches Andenken? 

In welchem Zustand wird Lettland sein, wenn die militärische Gewalt in der Ukraine, wenn Putins Krieg ein Ende hat? 

13. Februar 2022

Der Chefkoch tritt ab

Auch wenn in deutschsprachigen Fernsehsendungen die Leckereien auf dem Rigaer Großmarkt vorgestellt werden sollten, trat er schon mal in Aktion; für Lettinnen und Letten war er die Verkörperung guten Essens, und auch bei der lettischen "Slow-Food"-Bewegung war er einer der Mitbegründer: Mārtiņš Rītiņš.

Aufgewachsen in einer exillettischen Familie, machte er 1971 seinen Abschluss an der Westminster Technical School in London und arbeitete dann bis Anfang der 1990er Jahre für verschiedene Catering-Unternehmen der Hotelkette Grand Metropolitan Hotels. Von 1984 bis 1992 war er Inhaber von Martins Catering Ltd in Toronto.

1993 kam Rītiņš nach Lettland, eröffnete das für seine Zeit legendäre Restaurant "Vincents" nahe der Altstadt, das er bis 2017 führte. Ab 1995 war er dann mit "Kas var būt labāks par šo?" ("Was kann besser als das hier sein) auch im Fernsehen zu sehen. Mit dem Motto "Jedes Mārtiņš-Rezept ist eine Hymne der Freude" - reiste er um die Welt und ermunterte seine lettischen Landleute auch mal neue Geschmacksrichtungen zu probieren. "Ich lade euch ein nicht nur zu essen, sondern zu genießen!" war einer seiner bekannten Sprüche. Seit 2018 lief auch bei LNT ""Tuč, tuč Rītiņš" (Jauns.lv) Und als Lettland sich 2015 auf der Grünen Woche präsentierte war auch Lettlands Chefkoch natürlich dabei (Gourmetwelten).

"Als ich 1993 in Riga ankam", erzählte er einmal in einem Interview, "da aßen alle nur regionale Produkte. Aber als dann die Supermärkte eröffneten, da rannten plötzlich alle um die Produkte aus dem Westen zu kaufen." (LA) Aber er erzählt auch von einer anderen Art "Kulturschock": überrascht von der in Lettland damals herrschenden Arbeitsauffassung habe er zunächst mal eine Kochschule gründen wollen (baltictravelnews). 

Rītiņš besuchte Wochenmärkte, lernte kleine Bauernhöfe und Erzeuger verschiedener lokaler Spezialitäten kennen. Immer auf der Suche nach "dem besten Produkt" - weder bei lettischer Butter noch bei Kartoffeln aus Lettland sei es ihm gelungen die Sorte zu finden, die er suche. Allerdings seien andererseits auch Neunaugen in Lettland unübertrefflich, ebenso wie das Fleisch von Wildschweinen. Lettland habe auch fantastisch gute Erdbeeren anzubieten, schwärmte Rītiņš, und natürlich Roggenbrot.

Boris Jelzin, George Bush oder auch Königin Elisabeth hat er bekocht - aber wenn er es für nötig hielt melkte er die Kuh auch schon mal selbst. Rītiņš war keinerlei Geschmacksexperimenten abgeneigt, er kreierte eigenes Heringseis und diskutierte mit lettischen Jägern mögliche Zubereitungsarten eines Biberschwanzes (Diena). Zur Entspannung betrieb er Ajurveda, Nordic Walking, Rudern, oder ging öfters mal mit seinen beiden Hunden spazieren.

Erst vor wenigen Wochen war ein Buch über Mārtiņš Rītiņš erschienen - wer also noch nicht alle Fragen über dessen Leben beantwortet hat, wird hier vielleicht geeignete Lektüre finden (zvaigzne). Rītiņš bekennt sich darin sowohl zu seiner Homosexualität, wie auch dazu, einige Jahre alkoholabhängig gewesen zu sein. (LA / Jauns). Mārtiņš Rītiņš starb am 11. Februar 2022 an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung (tvnet).

23. Januar 2022

Mehr Kratzer für die Skyline

So sieht der Siegerentwurf für "Krasta City" aus
Nein, es ist nicht als Reminiszenz an Lettlands ehemaligen Kurzzeit-Regierungschef und ehemaligen EU-Abgeordneten Guntars Krasts gedacht - denn so viele Ruhmestaten werden gerade ihm ja nicht nachgesagt, als dass irgend etwas nach ihm benannt werden könnte. Wenn jetzt von "Krasta City" die Rede ist, dann ist auch kein beliebiger Ort an Lettlands Küstenlinie gemeint (krasts = Küste).

Über 307 km2 erstreckt sich die Stadt Riga, davon nimmt 4,38 km2 die Altstadt ein. (die Partnerstadt Bremen hat mit 318 km2 eine fast gleichgroße Fläche - allerdings nur 1,18 km2 Altstadt). Trotz der allgemeinen Tendenz der Abwanderung vieler Arbeitssuchender aus Lettland ins europäische Ausland wächst Riga an seinen Grenzen: sehr nachgefragt waren in den vergangenen Jahren Wohnungen in direkter Nachbarschaft der Stadt. Nun versucht die Stadt neue Angebote zu entwickeln: "Krasta City" soll sich einen halben Kilometer an der Daugava-Küste entlang erstrecken, erstellt vom estnischen Immobilienentwickler "Hepsor": auf 100.000 ㎡ Fläche, 10 Jahre Bauzeit, sieben Bauwerke bis zu 15 Stockwerke hoch, Baukosten geschätzt 150 Millionen Euro. Und womit wird für das Projekt geworben? "In fünf Minuten mit Fahrrad oder e-scooter in die Altstadt". (lsm)

Es soll also schon wieder gebaut werden an der
Krasta iela - und alle die dort schon wohnen
brauchen viel Geduld.

Es wird also weiter gebastelt an der Skyline der Stadt zur Daugava hin (auf der Webseite des Lettischen Architektenverbands sind auch die anderen für den Designwettbewerb eingereichten Vorschläge noch zu sehen).
In Aussicht gestellt wird auch eine um 5 km verlängerte Uferpromenade (Baltic Times). Dort ist "socializing" angesagt - nach dem Willen der Stadtplaner. Also: ein schickes Umfeld für Leute, die zu promenieren lieben. Sollte es gelingen, mehr Menschen hier zum Verweilen einzuladen, wird es dann wohl auch zum Anziehungspunkt für Investitionen werden - nicht nur als Location für ein paar Straßencafés und Läden. Auch der Städtetourismus braucht ja ständig neue Routen und Ziele fürs Marketing. Und so nah am Wasser: da liegt auch der Gedanke an Eigentumswohnungen mit eigener Anlegestelle fürs Segelboot nahe. 

Das Daugavaufer sei eines der "ungenutzen Werte der Stadt", sagen die Stadtplaner. "Unausgenutzt" möchte man da vielleicht anworten. Ein anderes Werbewort für das Projekt ist, es solle die "Business-Card der Stadt" werden - ein "Lifestyle-Projekt". Da müssen wir wohl abwarten, ob eine solche Entwicklung eher Menschen anzieht oder abschreckt.

14. Januar 2022

Der Schreiber aus Skrīveri

Am 17. November 1970 starb der lettische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Andrejs Upīts (geb. 1870). In der Brīvības iela 38 in Riga ist eine Wohnung in Gedenken an ihn eingerichtet, und vor dem Kongreßgebäude in Riga steht seine Statue.

In seinem Geburtsort Skrīveri gibt es sowohl eine Andrejs-Upīts-Straße, eine Andrejs-Upīts-Bibliothek, eine Upīts-Mittelschule mit etwa 350 Schülerinnen und Schülern und ein Andrejs-Upīts-Museum. Auch eine besonders mächtige Eiche (dižkoks) nahe des Ortes wird nicht ganz zufällig "großer Andrejs" genannt. Zu besonderen Anlässen werden in Skrīveri regelmäßig Gästegruppen mit den Orten bekannt gemacht, an denen Arbeiten von Andrejs Upīts entstanden sind, und alljährlich im November gibt es die "Andrejs-Tage" zu seinen Ehren.

Aber seit Ende 2021 gibt es Unruhe im 3500-Einwohner-Örtchen Skrīveri. Guntis Libeks, Delegierter der nationalistischen Partei "Alles für Lettland" ("Visu Latvijai"), brachte einen Antrag auf Namensänderung sowohl von Schule, Bibliothek wie Straße ein. Der Name Upīts sei zu stark mit dem früheren Sowjetregime verbunden, so das Argument; ein "nelietis" (Schurke) sei er gewesen, so meint Libeks. - Lettische Medien berichten allerdings von nur geringer Unterstützung für diesen Vorschlag (lsm). Die Gemeinde will nun allerdings Historiker/innen um ein fachliches Urteil bitten.

Nach der lettischen Gemeindereform gehört der Ort Skrīveri jetzt zum Bezirk Aizkraukle. Dort bekam die Partei "Latvijas Attistibai" ("für Lettlands Entwicklung") zuletzt 44,85% der Wählerstimmen und damit 10 der 19 Sitze. Die Vereinigung "Visu Latvijai!" ("Alles für Lettland") bildet mit 20,47% der Stimmen und 4 Sitzen die größte Opositionspartei. Seit 2013 war Andris Zālītis in Skrīveri Ortsvorsteher, nun, nach der Gemeindereform, ist er stellvertretender Bezirksvorsitzender in Aizkraukle. "Bisher wurde Upīts doch eher nach seinen Leistungen als Schriftsteller beurteilt, nicht als Politiker", meint er, und spricht sich gegen Namensänderungen aus. "Sollen wir denn die Denkmäler verbrennen? Diese Art Nationalismus ist doch zu extremistisch!"

Aizkraukle hat allerdings Erfahrung mit Namensänderungen - der Ort hieß zu Sowjetzeiten noch Stučka - benannt nach Pēteris Stučka (1865-1932), der 1917 die lettischen Bolschewiki anführte, für ein Zusammengehen mit der Sowjetunion eintrat und sich 1919 einige Wochen lang Präsident einer von den Bolschewiki ausgerufenen Lettischen Sowjetrepublik nennen ließ. - Auch Andrejs Upīts wurde nach der Februarrevolution 1917 in den Rigaer Arbeiterrat gewählt und beteiligte sich nach kurzer Inhaftierung durch die deutschen Besatzungsbehörden aktiv beim dem Versuch, in Lettland eine Sozialistische Sowjetrepublik zu errichten. Im Mai 1919 ging er als Flüchtling nach Moskau, wurde 1920 nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion nach Lettland zweimal festgenommen, aber von anderen Kulturschaffenden verteidigt. Nach seiner Freilassung lebte er in Riga und Skrīveri. 

1977, zum 100. Geburtstag des Schriftstellers, wurde ein Upītis-Literaturpreis ins Leben gerufen, der auch mit einer Geldprämie verbunden war. Ausgezeichnet wurden u.a. Māris Čaklais, Alberts Bels, Māra Zālīte, Vizma Belševica, Knuts Skujenieks, Pauls Putniņš und Lilija Dzene.

"Hat denn der neue Kreistag Aizkraukle nicht wichtigere Dinge zu erledigen?" fragt sich auch Aldis Rakstiņš, Direktor der Schule, die nach Andrejs Upīts benannt ist. "Ich habe auch erst nachdem ich Bücher von Upīts gelesen hatte gemerkt, wie viel unserer Kulturgeschichte da drinnen steckt." 

"Wir meinen, es sollte vielleicht mal eine Volksbefragung durchgeführt werden", meint Agita Grīnvalde-Iruka, Redakteurin bei der Lokalzeitung "Staburags". "Auf dem Internetportal unserer Zeitung haben wir das schon gemacht, und es haben sich 400 von 600 Teilnehmern dagegen ausgesprochen, irgendwelche Namen zu ändern." (lsm)

13. Dezember 2021

Das Moor, die Schuldigkeit

Torf, für gesunde Ernährung und gesunde Umwelt - so wirbt der lettische Torfverband (Latvijas Kūdras asociācija LKA) heute noch für seine Produkte. Laut einer Informationsbroschüre des Lettischen Naturschutzfonds nahmen 1997 Torfmoore 316 ha oder 4,9% der Landesfläche Lettlands ein ("Dzīvība purvā") - 1980 sollen es noch 9,9% gewesen sein (LVGMC). 1995 hatte Lettland die auf dem Umweltgipfeltreffen von Rio de Janeiro 1992 beschlossene "Klimakonvention" ratifiziert. Bereits 1982 war Teiči, mit fast 20.000 ha Lettlands größtes Hochmoor, unter Naturschutz gestellt worden. 

Nach Angaben des lettischen Zentrums für Umwelt, Geologie und Meteorologie (Latvijas Vides, ģeoloģijas un meteoroloģijas centrs) wurden Ende der 1980er Jahre in Lettland noch mehr als 2,5 Millionen Tonnen pro Jahr an Torf abgebaut. In den 1990er Jahren ging der Abbau allmählich zurück, 1998 waren es noch 209.000 Tonnen. Torf wurde in Lettland vielfach genutzt - unter anderem auch für Torf-Heizkraftwerke (ab 2003 eingestellt). 

Nun gibt es die neue EU Strategie "Green Deal", der zufolge die Verwendung von Torf im Gartenbau bis 2030 oder spätestens bis 2035 auslaufen sollte, wenn alternative Materialien zur Verfügung stehen. Deshalb befindet sich der Torfabbauverband LKA, zusammen mit dem Verband der lettischen Gartenbaubetriebe (biedriba “Latvijas dārznieks”) und dem Wirtschaftsmininsterium Lettlands gegenwärtig in Gesprächen mit der Europäischen Union, welche Auswirkungen die neue EU-Strategie auf Lettland haben könnte (LKA-Bericht). Wird also die Torfproduktion bald von Lettland nach Belarus oder Russland abwandern, wie es die lettische "Dienas bizness" befürchtet?

In einem Informationsblatt der Europäischen Union ist Folgendes zu lesen: "Es wurde festgestellt, dass Ersparnisse in der Größenordnung von 183 kg CO2-eq je Tonne Kompost erzielt werden, wenn Torf durch Kompost ersetzt wird." Und weiterhin auch: "Torf ist ein nicht erneuerbares Material, das aus dem Boden gestochen wird. Dieser Abbau führt zu einem Verlust natürlicher Ökosysteme und dem daraus resultierenden Rückgang der biologischen Vielfalt und der Arten."

Längerfristig geht es also um die Einstellung der Torfnutzung sowohl im Energiesektor, um Rekultivierung degradierter Torfmoore und "Öko-Wirtschaft" auch im Torfsektor. Journalistin Ingūna Mieze berichtete kürzlich für die "Latvijas Avize" aus Irland: Lettland hatte 3600 t Torf dorthin exportiert, nachdem die irische Regierung den einheimischen Torfabbau gestoppt hatte - nun protestierten irische Gartenbaufachleute und Pilzzüchter mit dem Argument, nur frischer Torf sei vollwertig zu gebrauchen, ein Import von Torf sei also inakzeptabel. 

Das deutsche Umweltbundesamt sieht es so: "Es wird ferner angenommen, dass bis 2030 ein Viertel der inländisch produzierten Torfmenge durch Komposte ersetzt werden kann. Bis 2040 wird der Abbau vollständig eingestellt. Entscheidend ist dabei, dass die Substitution der inländischen Torfe nicht durch importierten Torf (z.B. aus dem Baltikum) erfolgt." 

Werbeseite der Firma
"Erden-Lensing", Dorsten

"Es gibt 60 Millionen Gründe, den Gebrauch von Torf auch nach 2030 weiter zu erlauben!", meint dagegen Laima Zvejeniece, Produktionsleiterin bei der lettischen Staatsforsten von "AS Latvijas valsts meži" (LVM). Von den 56 Millionen Jungpflanzen, die LVM jedes Jahr verkaufe, würden 80% zur Wiederaufforstung der Wälder verwendet, zählt sie auf. 94% der in Lettland erzeugten Setzlinge werden in Containerpflanztechnik angebaut - dafür kauft LVM jährlich bis zu 14.000 m3 Torfsubstrat und bis zu 25.000 m3 Mahltorf zu.
20% des in Lettland abgebauten Torfs gehen in den Export - meist im Rahmen langfristiger Lieferverträge nach Skandinavien. All dies sei durch den neuen "Grünen Kurs" der Europäischen Union nun gefährdet. (delfi)

Die EU solle nicht pauschal für ganz Europa urteilen, sondern die Situation in jedem Land einzeln bewerten, meint Zvejeniece. In Lettland beispielsweise sei die Situation im Bereich der Moore um ein Vielfaches besser. "Etwa 70 % der lettischen Moore sind unberührt und etwa 40 % befinden sich in besonders geschützten Naturgebieten. Nur in vier Prozent der Moore findet eine wirtschaftliche Aktivität, also der Torfabbau statt." 

Bei solchen Zahlen wird allerdings unterschlagen, dass Lettland viel zu viel Waldfläche per Kahlschlag vernichtet ("aberntet") - Holz bringt derzeit seht gute Verkaufspreise. Wo nichts mehr wächst und mit großen Maschinen der Waldboden geschädigt wird - da muss dann Ersatz her: sehr viel auf einmal, und sehr viel Torf. 

Die sogenannte "Plattform für einen gerechten Übergang" bietet den EU-Mitgliedsländern Hilfestellung bei erforderlichen Umstellungen an. Genau dazu hat die lettische Torfindustrie bereits ihre Planungen vorgestellt - es geht natürlich um Geld (Territorial just transition plan). 

Lettische Torfabbaufirmen wie ZIBU (Ventspils), Torfo oder Kudras (Valle, bei Bauska) bezeichnen, offenbar unangefochten von solchen Diskussionen, Torf immer noch als "wichtigste natürliche Ressource Lettlands" - im Sinne ihrer Nutzung, natürlich. Deutsche Firmen importieren und vermarkten eifrig Torf aus Lettland, so zum Beispiel: "Ziegler Erden", "Hawita" (Bericht), Klasmann-Deilmann (Osnabrücker Zeitung), "Erden-Lensíng" (Dorsten), Neuland-Hum (Wachenroth-Buchfeld), Mygreenhorizon (Moormerland), TerraCult (Oldenburg), Plantaflor (Vechta), SvenMagnussen (Elmshorn), oder auch die niederländische LEGRO aus den Niederlanden, die auch eine Niederlassung in Worpswede unterhalten. Im hessischen Bad Hersfeld wurde auch schon mal eine Torfladung bestoppt, die schlecht gesichert in losen Ballen auf dem LKW gestapelt war (Osthessen-News)

Was ist der größere Reichtum - der Torf oder die Natur? So fragte Artūrs Jansons schon vor Jahren in der lettischen Umweltzeitschrift "Vides Vestis". Er kritisiert unter anderem, die Zahlen über die Torfvorkommen in Lettland seien hoffnungslos veraltet und stammten teilweise noch aus Sowjetzeiten. In Lettland gäbe es kein Datenbank, wo alle Daten zu diesem Bereich zusammengefährt und ausgewertet werden könnten. 

Biologin Māra Pakalne, eine der bekanntesten Moorschutz-Expertinnen Lettlands, schreibt in einem Vorwort zu einem Naturschutzprojekt: "Verglichen mit anderen Staaten Westeuropas haben sich lettische Moore noch viel Ursprüngliches erhalten. Biologische Vielfalt, die in anderen Staaten durch menschliche Aktivitäten längst verloren gegangen ist, können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hier noch in der Realität erforschen." 

15. November 2021

Herr der Krimis

Wenn im deutschsprachigen Raum nach Kriminalromanen aus Lettland gefragt wird, dann wird meist nur sein Name genannt. Zwar erschienen die meisten der Übersetzungen ins Deutsche schon zu Sowjetzeiten, doch das Geschehen in seinen Krimis spielt sich in Riga ab und spiegelt viele Details des Alltagslebens.

Sein Vater war Schiffskapitän, arbeitete dann später wie auch die Mutter bei Rigas großer Elektronikfabrik VEF. Sohn Andris, geboren 1938, jobbte jahrelang bei verschiedenen Firmen in Riga - unter anderem montierte er bei VEF Radioapparate. In den bewegten 1960iger Jahren studierte er Druckgrafik in Moskau.

Das kriminelle Milieu hatte er in sofern selbst erlebt, dass er als Jugendlicher wegen eines Bagatelldiebstahls zu einer dreimonatigen Haftstrafe im Zentralgefängnis Riga verurteilt wurde. Im Alter von zwanzig Jahren wurde er fälschlicherweise des Raubes in einer Gruppe angeklagt und verurteilt, er musste fünf Jahre im Gefängnis von Brasa verbringen. Noch während der Zeit im Gefängnis machte er seinen Abschluß an einer Abendschule, arbeitete in einer Näherei, organisierte Basketballturniere und begann zu schreiben. Unter dem Pseudonym "Ogļukalns" war er Mitherausgeber einer Gefängniszeitung.

Als seine erste Publikation gilt 1965 die Humoreske "Ledusskapis" ("Eisschrank") in der Satirezeitschrift "Dadzis". 1974 wurde er Mitglied der lettischen Schriftstellervereinigung. Seit dieser Zeit schrieb er Kriminalromane, die inzwischen in 16 Sprachen übersetzt wurden (literatura.lv). Sein erster Krimi war 1977 "Krimināllieta trijām dienām", in Deutsch 1989 unter dem Titel "Drei Tage zum Nachdenken" erschienen. Dieser, wie auch andere, wurden zu Vorlagen für verschiedene Filme. Er schrieb aber auch selbst eine Reihe Filmdrehbücher, und sogar Stadtführer für Riga und Jūrmala. Deutsch sind bisher außerdem erschienen: "Die Nackte mit dem Gewehr" ("Fotogrāfija ar sievieti un mežakuili") und "Der tätowierte Mann" ("Nekas nav noticis"). Letzteres berührte auch ein Tabu der Sowjetunion: es schildert organisiertes Verbrechen. Einige weitere Titel warten noch auf eine Übersetzung. 2011 erhielt er den Jahrespreis der lettischen Literatur für sein Lebenswerk.

Als 1989 der Rigaer Lettische Verein (Rīgas Latviešu biedrība) wieder gegründet wurde, war er deren erster Vorsitzender. Er galt auch als leidenschaftlicher Jäger und Angler. Seit 1972 war er mit seiner Frau Aīda verheiratet, aus der Ehe gingen die drei Kinder Klaida (1972), Madara (1977) und Dāvis (1982) hervor. 

"Riga, die Heimatstadt des Schriftstellers, ihre Menschen, das Leben, der Alltag, die Tugenden sind die Hauptmotive seiner Arbeit, seine unerschöpfliche Typen- und Geschichtengeber. Seine Geschichten und Romane sind eine überzeugende, historisch und sozial zutreffende Darstellung verschiedener Schichten und Typen der modernen Gesellschaft im weiteren oder engeren Kontext der Epoche." (Zitat aus Ingrīda Kiršentāle: "Latviešu rakstnieku portreti", zitiert nach literatura.lv)

Andris Kolbergs starb am 5. November 2021 in Riga an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung.

1. November 2021

Warten auf 25

"Die pandemischen Zeiten haben die Leute wieder zum Lesen gebracht," so berichten Repräsentantinnen Lettlands von der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Gleichzeitig berichten die Buchverleger/innen von steigenden Umsätzen, nachdem aufgrund geschlossener Buchläden die Nachfrage zunächst auf ein niedriges Niveau gesunken war. 

Lettische Imagewerbung
für Buchliebhaber/innen:
schüchtern, männlich,
lebensfremd?

Lettland bemüht sich Gastland auf der Frankfurter Buchmesse des Jahres 2025 zu werden - einige lettische Pressestimmen vermeldeten schon Wochen vor dem diesjährigen Messebeginn einen positiven Bescheid der Frankfurter Messeleitung (tvnet). - "Es war uns wichtig, auch in diesem Jahr zu zeigen, dass wir da sind", betont auch Juta Pīrāga von "Latvian Literature” gegenüber der lettischen Presse (lsm). Dabei wird deutlich, dass offenbar viele der Gesprächspartner/innen in Frankfurt zunächst einmal ihr "Beileid wegen der Situation in Lettland" ausgedrückt hätten - schließlich ist inzwischen auch überall in der deutschen Presse von der niedrigen Impfrate und massenhaften Covid-Erkrankungen zu lesen. Das angebliche Lob für das schöne Design des lettischen Messestandes wirkt da doch etwas alibihaft - schon jahrelang grinst hier den Besucher/innen ein offenbar unter Verklemmungen leidender männlicher Typ entgegen ("The Introvert"), ganz nach dem Motto: unsere Sprüche wirken wie Selbsterkenntnis, aber der Typ ist am Ende doch unsympathisch. Für 2025 werden - hoffentlich - kreative lettische Designer/innen noch einmal einen guten Auftrag bekommen ...

Im Aufwind sei auch die Kinder- und Jugendliteratur, erzählt Alīse Nīgale, Chefin des Verlags "Liels un mazs". Hier kommt Lettland gegenwärtig der Überraschungserfolg von Anete Meleces "Kiosk" zu Gute - eine Künstlerin die inzwischen in der Schweiz lebt. Das Buch sei inzwischen bereits in 20 Sprachen übersetzt, heißt es - darunter Koreanisch, Katalanisch, Italienisch, Slowenisch, Kroatisch und Japanisch. International ebenfalls beim Rechteverkauf ziemlich erfolgreich sei der Roman "Mātes piens" von Nora Ikstena (deutsch "Muttermilch"), der es auf Übersetzungen in zwölf Sprachen gebracht habe, und auch "Jelgava 94" von Jānis Joņevs mit zehn Übersetzungen (Erscheinen in Deutsch steht noch bevor), so berichtet Juta Pīrāga (domuzīme). Und es gibt auch Misserfolge: beim Versuch, eine Übersetzung von Anšlavs Ēglītis "Homo novus" ins Englische zu veranlassen mussten die lettischen Literaturagent/innen feststellen dass die Rechte für alles Englischsprachige in diesem Fall schon einer Vereinigung in den USA gehörten - die sich einer Zusammenarbeit verweigerte.

Vorläufig ist aber von einem "Run" auf Übersetzungen lettischer Literatur ins Deutsche noch sehr wenig zu sehen - eher das Gegenteil. Die aktuellen beiden lettischen Ausschreibungen (2021-2 / 2021/1) für finanzielle Unterstützung für Verlage und Übersetzer/innen förderten insgesamt 76 Projekte. Nur vier (!) davon bezogen sich auf Übersetzungen ins Deutsche - darunter zwei Kinder- bzw. Jugendbücher, eine Lyrik-Übersetzung aus dem Russischen, und nur ein einziger Roman. Dominierend sind dagegen momentan die Nachbarländer: 32 der 76 Projekte (42,1%) beziehen sich auf Übersetzungen ins Estnische, Finnische und Litauische.

Aber vielleicht ist die deutsche Sprache im Frankfurter Messezirkus gar nicht so entscheidend, und schon gar nicht Voraussetzung? Die lettischen Delegierten brachten dieses Jahr auch noch den Ratschlag mit, nicht nur eine gedruckte, sondern auch eine digitale Präsentation vorzubereiten. Vorbereitung für den nächsten Krisenfall? Wer weiß - bis 2025 kann noch viel passieren. 

Analysen der Position Lettlands im internationalen Buchmarkt erwähnen auch gute Aufträge für die Produktion von Büchern, besonders den Druck. Bücher internationaler Autor/innen, gedruckt in Lettland - keine Seltenheit. Als direkte Folge des Lettland-Schwerpunktes auf der Buchmesse London 2018 wurden angeblich im Laufe der drei Folgejahre die Rechte von 248 Werken lettischer Autorinnen und Autoren ins Ausland verkauft, dazu noch eine Steigerung von "Druckserviceleistungen" in Richtung Großbritannien von 350% (tvnet). So mache allein der Buchdruck inzwischen bei den Druckereien in Lettland 80% der Gesamtproduktion aus.

25. Oktober 2021

Erntezeit

Eigentlich gilt ja Lettland, wenn nach Religionszugehörigkeit gefragt wird, allgemein mehrheitlich als evangelisch / lutherisch. Wer sich jedoch Ende Oktober in Lettland aufhält wird bemerken, dass keineswegs das ganze Land einmütig "Reformationstag" feiert. Allerdings: obwohl es eine Zeitlang als "modern" gerade unter jungen Leute galt zu wissen, was "Halovīns" bedeutet, ist Lettland dennoch weit davon entfernt, mit dem Beginn der dunklen Jahreszeit nun das Gedenken an Verstorbene zur Gruselveranstaltung mit Leuchtkürbissen zu machen - im Gegenteil: die einen erklären sich die Faszination dieses Tages aus dem immerwährenden Wunsch der Kinder nach Süßigkeiten, die anderen beklagen einen mit diesem Tag verknüpften zunehmenden Vandalismus (mit dem vorgeschützten Argument, irgend jemand erschrecken zu wollen). 

Aber bleiben wir doch bei den Kürbissen - denn die gibt es sehr wohl! Erntestolz, das ist kaum einem Letten / einer Lettin fremd. Am 20.Oktober wurde auf dem Gelände des Rigaer Zoos der größte Kürbis der Nation prämiert - 294 kg wog das Siegerexemplar einer Familie aus dem kurländischen Skrunda. Platz zwei und drei lagen mit 263,5 kg und 183 kg schon einiges dahinter. Es war die 16. "Große lettische Kübrismeisterschaft", gesponsert von der Supermarktkette "Maxima", die in diesem Jahr ihr zwanzigjähriges Bestehen feiert. Der bisher in diesem Rahmen festgestellte "Kürbis-Gewichtsrekord" stammt aus dem Jahr 2018: eine Züchterin aus Kuldiga konnte einen Kürbis mit 574 kg auf die Waage bringen (skaties.lv).

7. Oktober 2021

Frauen an der Wand

Stellen Sie sich mal vor, Sie machen einen Spaziergang durch Riga. Nein, diesmal nicht durch die Altstadt, sondern zum Beispiel durch die Akas iela in der nördlichen Innenstadt, die keinerlei auffällige Sehenswürdigkeiten bietet und Rigas Gäste daher wohl eher zufällig durchqueren werden. An einer Hauswand ein Wandbild. "Oh," werden Sie vielleicht denken, "wie schön, auch in Riga gibt es immer mehr Platz für die Kunst, und nicht nur staubige Straßen und graue Hauswände." Und falls Sie dann noch Lettisch verstehen, werden sie rechts unten, zusätzlich zur Signatur des Künstlers, von der Stiftung "Kunst braucht Platz" ("māksla vajag telpu") erfahren, und vielleicht denken: "ganz genau - mehr davon!" 

Und wenn Sie dann, inspiriert von Ihrem Besuch in Riga, wieder zu Hause sind, lesen Sie vielleicht (spätestens in diesem Moment!) davon, dass in Riga ein Wandgemälde sehr viel Kritik ausgelöst haben soll. Und Sie stellen mit Überraschung fest: was? Genau dieses?

Nun gut, wir geben zu: auch in Riga sind inzwischen viele Häuserwände mit penetranter Werbung ausgestattet, und die fallen bei jedem Spaziergang viel mehr auf. Ich käme nicht auf die Idee, mit einem Antrag an die Stadtverwaltung könnten diese teilweise dümmlichen Sprüche verboten werden. Das umstrittene Werk war immerhin eine Auftragsarbeit, und nicht das Ergebnis einer Nacht-und-Nebelaktion. 

Das Kunstwerk trägt den Titel “Veltījums Džemmai Skulmei” (Widmung an Džemma Skulme), eine der bekanntesten lettischen Künstlerinnen und Leitfigur der lettischen Unabhängigkeitsbewegung, die vor zwei Jahren, im Alter von 94 Jahren, verstarb. Grundlage für das Wandbild des Künstlers Kristians Brekte seien Kinderzeichnungen gewesen, so wie sie auch Skulme häufig in ihren Werken verwendet habe - speziell in den beiden Bildern “Atgriešanās” un “Modelis” (lsm). Brekte ergänzt sein Kunstwerk mit einem Satz, der in Leuchtbuchstaben anmontiert ist:  “Mēs esam kā sliekas, kurām jāirdina augsne” ("wir sind wie Regenwürmer, die den Boden lockern müssen")

Die Kritiker jedoch verweisen vor allem darauf, dass die Wand des mit dem Kunstwerk bereicherten Gebäudes zu einer Mittelschule gehöre (Rigas 40.vidusskola). Fast 5.000 Unterstützer/innen unterschrieben eine Forderung, das Gemälde von der Wand wieder zu entfernen (manabalss.lv / jauns.lv / LA). Im Text dieses Aufrufs ist von "kindertraumatischen Texten mit erotischen Elemente" und "Andeutungen von Tod, Sexualität und möglicherweise Satanismus" die Rede. Im lettischen Kinderschutzgesetz sei außerdem festgelegt, dass ein Kind "keinen Zugang zu Materialien haben darf, die grausames Verhalten, Gewalt, Erotik, Pornografie fördern und die geistige Entwicklung des Kindes gefährden." 

Dem widerspricht der lettische Bürgerrechtsbeauftrage (Latvijas Republikas Tiesībsargs) Juris Jansons. Sein Urteil, auf einen Satz verkürzt zusammengefasst: "ein Kunstwerk ist nicht allein deshalb rechtswidrig, nur weil Kinder die darauf dargestellten Zusammenhänge und Assoziationen nicht gänzlich verstehen." Jansons verweist allerdings auch darauf, dass eine endgültige Entscheidung natürlich nur der Stadtrat Riga treffen könne. - Doch die Brekte-Hasser geben keine Ruhe: inzwischen liegt eine Klage gegen ein anderes Brekte-Kunstwerk vor, und wieder lautet die Anklage auf angebliche "Pornographie". (apollo.lv) Katrīna Jaunupe, Leiterin des Projekts "Māksla vajag telpu" bezeichnet diese Vorwürfe als "absurd": "Kunst hat eine ganz andere Aufgabe, sie ist keine Werbung, sie ist kein Merkblatt, das uns etwas lehrt, sie ... hat die Aufgabe, zum Nachdenken anzuregen."

Journalistin Ulrika Jefremova besuchte für das Portal "Apollo.lv" die Schule und gibt Reaktionen der Kinder wieder. Aber auch deren Antworten, ganz kindgemäss, führen nicht zur Beruhigung der Debatte. Antworten auf die Frage, was den Kindern gefalle, lauten etwa "diese Frauen". Oder "ich mag es gerade deshalb, weil es ungewöhnlich ist," zitiert Jefremova einen Schüler der 7.Klasse. 

An der Kunstakademie hatten derweil Studierende und Lehrkräfte ein Plakat zur Unterstützung ihres Kollegen angebracht - auf dem Plakat war Brektes Bild "Lietuvēns" zu sehen. Wenige Tage später fanden sich von dem Plakat nur noch verbrannte Reste (Apollo.lv / Twitter). Inzwischen wurde auch das Wandkunstwerk selbst mit Farbbeuteln verunziert (apollo.lv). Das provoziert andere wiederum zu der (rhetorischen) Frage: Was kommt al nächstes? Bücherverbrennung? "Nun ja," schreibt Journalist Aivars Ozoliņš lakonisch, "im Unterschied zur Wissenschaft, wo es im Krankenhaus enden kann wenn man Gravitation oder Elektrizität ignoriert - passiert eben gar nichts wenn man behauptet, ein bestimmtes Kunstwerk sei schlecht. (IR)

Kristians Brekte ist nicht nur anerkannter Künstler und Bühnenbildner, sondern auch Dozent an der Lettischen Akademie der Künste, inzwischen auch Leiter der Abteilung Malerei. Anlässlich ihres 90.Geburtstags hatte Džemma Skulme noch selbst gesagt: "Kunst kann nie zu viel sein" (Diena)

30. September 2021

Gesund ist das nicht ...

Schon seit längerer Zeit weist der lettische Verband der Ärztinnen und Ärzte (Latvijas Ārstu biedrība LĀB) auf Mißstände im lettischen Gesundheitswesen hin. Wie in vielen anderen Ländern auch, ist diese Branche gerade während der Pandemie oft in der Diskussion gewesen. Unter der Schlagzeile "ein kranker Mensch - ein kranker Staat" weisen die Fachverbände auf  erhebliche Unterfinanzierung hin: mit nur 1766 Euro pro Einwohner/in finanziert Lettland das eigene Gesundheitswesen (2505€ Litauen, 2512€ Estland). "Es sind nicht nur die überlangen Arbeitszeiten, sondern es gibt aufgrund der Zustände auch Menschenleben, die wir nicht retten können", sagt Ärzteverbands-Chefin Ilze Aizsilniece.

Zur Zeit verlassen jedes Jahr 200 Ärztinnen und Ärzte Lettland - und das nicht wegen der Pandemie, so der Ärzt/innen-verband. "Mindestens 700 Millionen Euro werden für den Gesundheitssektor noch benötigt, um die vom Gesundheitsministerium gesetzten Prioritäten für das nächste Jahr umzusetzen", so Journalistin Inga Paparde in einem Beitrag für die Zeitung "Neatkarīgā". "Bisher sieht der Haushaltsentwurf für das kommende Jahr lediglich 130,5 Millionen Euro vor". Das Gehaltsniveau soll zwischen 4% und 6% steigen.

Dabei ist unabhängig von konkreten Summen auch die Frage umstritten, in welche Bereiche zuerst investiert werden soll. Manche sehen die Schwächen in der Krebsvorsorge und -behandlung, andere wollen Löhne und Gehälter pauschal erhöhen. Aber auch für die Ausbildung des Ärztenachwuchses muss etwas getan werden, und die Pfegeberufe erwarten dringend eine Reform. Die Regierung möchte auch den Zugang zu den Palliativpflegediensten verbessern, für Menschen mit Behinderungen muss etwas getan werden, und auch die Preise für Medikamente sollen nicht unermesslich steigen. 

Kürzlich meldete sich auch Andris Vilks, Vorstandsmitglied der Lettischen Zentralbank und Ex-Finanzminister Lettlands sich zu Wort mit der Anmerkung, in den Nachbarländern Estland und Litauen seien bei der Entwicklung des Gesundheitswesens wesentlich weiter. "Das ist besonders schmerzlich deshalb, weil wir nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit in derselben Startposition waren. In diesen Jahren gab es dort sowohl bereits Reformen wie auch mehr Haushaltsmittel," bestätigt auch Artūrs Šilovs, Vorsitzender der lettischen Jungärztevereinigung LJĀA (Latvijas Jauno ārstu asociācija) (Apollo).

Mit einem Land wie Norwegen, das 5748 Euro pro Einwohner und Jahr für das Gesundheitswesen ausgibt, kann sich Lettland zwar vergleichen, aber wird diese Summen nie erreichen. Kürzlich veröffentlichte Daten des staatlichen Statistikamtes zeigen, dass der durchscnittliche Bruttolohn vor Steuern in Lettland jetzt bei 1237 Euro liegt. Beschäftigte im Gesundheitswesen liegen mit 1564 Euro darüber, ebenso wie der Finanz- und Versicherungssektor (2258 Euro), Informations- und Kommunikationsdienste (1955 Euro), die Energieversorgung (1644 Euro), wissenschaftlich-technische Dienstleistungen (1400 Euro).(stat.gov.lv)

4. September 2021

Fünf Millionen für Wagner's Saal

Es ist wohl Bestandteil jeder Stadtführung in Riga, wenn Deutsche zu Gast sind: der Kapellmeister, der 1837-39 zwei Jahre lang hier wirkte, das war Richard Wagner. Typisch für Wagner war offenbar, dass er oft Schulden hatten und vor vor seinen Gläubigern floh. Ums Schulden machen geht es aber jetzt bei der Renovierung des "Wagner-Saals" in Riga nicht mehr: 5,2 Millionen Euro sollen bis 2026 als deutscher Beitrag dort verwendet werden können - der entsprechende Zuwendungsvertrag wurde am 30.August 2021 zwischen Botschafter Christian Heldt als Vertreter des Auswärtigen Amtes, und Māris Gailis und Māris Kalniņš als Vertreter der Richard-Wagner-Gesellschaft Riga unterschrieben. 

Bis 2007 war der Saal in der Riharda Vāgnera iela 4 noch genutzt, aber die Verfallserscheinungen waren unübersehbar. (siehe Beitrag) Mit 200.000 Euro hat die deutsche Seite bereits die fachliche Begutachtung und Kostenschätzung finanziert. Auch der Richard-Wagner-Verband Frankfurt/Main spendete bereits 10.000 Euro, und Bundespräsident Frank Walter Steinmeier übernahm die Schirmherrschaft. Die Gesamtkosten des Projekts werden auf 35 Millionen Euro geschätzt.

Für Gebäudesanierungen mögen das alles geringe Summen sein - für ein Projekt aber, das ja zunächst einmal nicht Konzerte oder andere künstlerische Leistungen fördert, sondern lediglich historische Rahmenbedinungen wiederherstellen will, ist es schon ein bedeutender Schritt. Jahrelang schien zudem das traurige Schicksal des Wagner-Saals besiegielt, und so wundert es vielleicht nicht, dass die lettische "Wagner-Gesellschaft" auf ihrer Webseite nun bereits von einer "Wagner-Epoche" in Bezug auf dessen Arbeit in Riga schreibt. 

Immerhin scheinen sich die deutsche und lettische Seite bei diesem Thema einig zu sein - bezüglich Richard Wagner gibt es ja durchaus auch kritische Stimmen, die sich nicht nur auf den Musikgeschmack beziehen. "Aus Lettland brachte Richard Wagner viele Ideen mit", schreibt der "Tagesspiegel". Stefan Siegert formuliert es bei "Geo" ganz anders: "Er verprasste Geld, das er nicht hatte, ließ angeblich Bomben basteln, beschimpfte jüdische Konkurrenten - und hinterließ der Welt herrliche Opern." Nicht nur hier steht auch der Verweis darauf, dass Wagner Hitlers Lieblingskomponist war. Siegert formuliert die Gründe so: bei Wagner "wimmele es nur so von blonden Germanen". Und Ingo Neumayer ergänzt für "Planet Wissen": Die Nazis setzen bei Aufmärschen, Ansprachen und Rundfunksendungen gezielt Wagners Musik ein.

Wagner als Antisemit zu bezeichnen, scheint umstritten. Einerseits beschimpfte er jüdische Komponistenkollegen, andererseits habe er selbst auch jüdische Freunde gehabt. Jan Tegeler arbeitete für eine Sendung des Deutschlandfunks Einzelheiten heraus: Der Jude an sich sei „unfähig“, sich künstlerisch auszudrücken, weder durch seine äußere Erscheinung noch durch seine Sprache und am allerwenigsten durch seinen Gesang - Zitat Wagner. Sich mit Wagner auseinanderzusetzen, bezeichnete Tegeler als "heißes Thema". 

Auch die Wochenzeitung "Die Zeit" widmete sich schon mal den "Pro's" und "Contras" bei Richard Wagner. "Wie ein sich langsam anschleichender, gewaltiger, alles mitreißender und nicht aufhörender Strom besetzte Wagners Musik meinen Körper", schreibt Wagner-Fan Hanns Josef Orteil. Rolf Schneider setzte dagegen: "Wagners Kunst erzeugt viel Rausch, aber wenig Erkenntnis." 

Eines habe die lettischen Wagnerianer mit Sicherheit schon jetzt erreicht: mit der aufwändigen Restaurierung des "Wagner-Saals" findet sich lettische Kulturpolitik mitten im internationalen Umfeld wieder. Es bleibt zu hoffen, dass die zukünftigen auf Richard Wagner bezogenen Aktivitäten nicht einseitiger Verherrlichung, sondern - neben allem Musikgenuß - einer Vertiefung der Diskussion aller Facetten auch der Person Wagers (und des ganzen Wagner-Clans) dienen können.

2. September 2021

Kamera am Käfig

Vor einigen Wochen beschloss des Parlament des Nachbarlandes Estland ein Verbot der Pelztierzucht ab 2026 (siehe Beitrag). Lettland geht offenbar einen anderen Weg. Das lettische Landwirtschaftsministerium gab jetzt bekannt, die lettischen Pelztierfarmen in Zukunft rund um die Uhr per Kamera überwachen zu lassen (Diena). Sandra Vilciņa vom lettischen Pelztierzüchterverband (Latvijas Zvēraudzētāju asociācija LZA) erklärte dazu, dass Videoüberwachung in Zukunft obligatorisch für alle Zuchtfirmen in Lettland sein soll und damit auch das Wohlergehen der Tiere überwacht werde. In diesem Sinne befürworten auch das lettischen Landwirtschaftsministerium und der Veterinärdienst die Maßnahme.

Vielleicht denken ja manche eher an Kameras am Eingang, als Schutz gegen militante Tierschützer/innen. Oder auch Umweltaktivisten - denn viel Energie - verbunden mit CO2-Ausstoß - kostet es, die Pelztiere in beständig gleichbleibender Umgebung zu halten: bei 5 Grad Celsius und 80% Luftfeuchtigkeit. Die Züchter halten dagegen, dass Pelz schließlich ein reines Naturprodukt sei, das, anders als Plastikstoffe, am Ende der Nutzungsdauer wieder der Natur überlassen werden kann.Und schließlich gehe man ja auch bei Daunenjacken oder bei Schafswolle nicht von einer freiwilligen Spende seitens der Tiere aus.

90% dessen, was die lettischen Pekztierzüchter/innen erzeugen, geht in den Export, erzählte Zuchtverbandssvorsitzender Arnis Veckaktiņš der "Latvijas Avize" (LA) und meint gleichzeitig: "die 10%, die wir in Lettland verkaufen, das geschieht meist im Rahmen von Rabatten und Preisnachlässen." Aber auch Angestellte internationaler Botschaften kaufen lettische Pelze, so der Verbandschef, denn vergblichen mit dem internationalen Markt seie sie relativ preiswert (delfi). Der Verband vertritt gegenwärtig noch 10 Mitglieder mit insgesamt 500 Arbeitsplätzen (losp). Von diesen zehn sind offenbar acht Nerzfarmen (Diena). Auch die Zeitschrift "IR" hatte Veckaktiņš schon mal befragt und dabei erfahren, dass viele der Pelze nach China gehen. Anfang der 1990iger Jahre habe es noch 24 Pelzfarmen gegeben, heißt es hier, davon haben nur sechs überlebt. Der größte lettische Erzeuger sei "Gauja AB" mit 100.000 Nerzfellen und 3.000 Silberfuchsfellen. 

2017 brachen Tierschützer/innen bei "Gauja AB" ein und entließen 41 Nerze (von insgesamt 15.000) in die vermeintliche "Freiheit" - ein Verfahren, dem auch Naturschützer wegen der zu erwartenden ökologischen Ungleichgewichte ablehnend gegenüber stehen. 

Gegner der Pelztierzucht ist zum Beispiel der Verein "Tierfreiheit" ("Dzīvnieku brīvība"), die in einer Petition an das lettische Parlament bereits 40.000 Unterschriften für das komplette Verbot der Pelztierzucht sammelte. Drei Argumente sind hier zu lesen: Erstens sei Pelz grundsätzlich ein umweltschädliches Material, da die Produktion mit einem hohen Ressourcenverbrauch und dem Einsatz giftiger Stoffe verbunden sei. Zweitens seien Pelztierfarmen potentielle Herde von Krankheitserregern einschließlich Covid-19 (wie auch das Beispiel Dänemark zeige - siehe Tagesschau). Und drittens sei die Art, wie die Tiere auf den Farmen getötet werden, nicht hinnehmbar: mit Strom oder mit Gas. 

Manchen Lett/innen und Letten gehen die als radikal empfundenen Aktionen solcher Organisationen auch zu weit. So sei es gerade die dreijähige Kampagne von "Dzīvnieku brīvība" mit über 50 Aktionen gewesen, die dem Rigaer Zirkus ein trauriges Ende bereitet hätten. Ohne Tiere bestehe der Zirkus inzwischen nur noch auf dem Papier, meint Imants Vīksne vom Portal "Pietiek.com".

Die Idee mit der Kamerapflicht sei dem Ministerium nach der Auswertung von Kontrollen einiger Pelztierfarmen gekommen, meinen die zuständigen Behörden. Die Situation habe aber sich von Jahr zu Jahr verbessert, meint Māris Balodis, Chef des lettischen Veterinärdienstes (Pārtikas un veterinārais dienests, PVD). Im Zusammenhang mit den Kontrollen gab es auch neue Fakten zu lesen: in Lettland gebe es jetzt noch neun Pelztierfarmen, vier davon seien aber gegenwärtig nicht bewirtschaftet. Nun gibt es noch "Larix Silva", "Lemo Latvija", "Vērgales" Tierzucht, "Baltic Devon Mink" und "Gauja AB". In drei der Betriebe seien Mängel festgestellt worden. 

19. August 2021

Ausnahmezustand

Lettland erklärt den Ausnahmezustand. Was ist los? Was ist die Regel, und welche Ausnahmen werden gemacht? Die "Tagesschau" meldet sogar: "Lettland ruft den Notstand aus" (illustriert von einem Bild, dass litauische Grenzpfosten zeigt). 

Bevor Missverständnisse auftauchen: nein, ist ist nicht zu vergleichen mit dem 15. Mai 1934, als Karlis Ulmanis gleich Parlament und Parteien in einem Streich verbot. Am Morgen des 16. Mai wurde dann der Ausnahmezustand verhängt, nachdem vorher alle bekannten Oppositionspolitiker/innen verhaftet worden waren (was Lettisch sogar mit "kara stāvokļa ieviešanu" beschrieben wird = Verkündung des Kriegszustands). Dieser "Kriegszustand" dauerte ganze 1371 Tage - mehrfach um 6 Monate verlängert, bis zum 15. Februar 1938.

Und nein, es ist auch nicht vergleichbar mit dem 17. Juni 1940. Als damals der sowjetische Außenminister Molotov die sofortige Einsetzung einer sowjetfreundlichen Regierung verlangte, war die Rote Armee längst in Lettland stationiert, um das militärisch abzusichern, und Zehntausende Lettinnen und Letten nach Sibirien deportiert. Es brauchte also keinen "Ausnahmezustand" - es wurden aber dennoch im Nachhinein Demonstrationen organisiert, als angeblichen Beweis dass "das Volk" den Beitritt zur Sowjetunion fordere (was dann durch manipulierte Wahlen im Juli 1940 abgesichert wurde). Wer dazu mehr wissen möchte, schaut hier mal rein.

Und es ist auch nicht der Ausnahmezustand, der in Lettland am 3. Juni 2020 verkündet wurde, denn der wurde auf Grundlage der Erklärung der Weltgesundheitsorganisation verkündet, dass der Covid-19 genannte Virus nun pandemische Ausmaße erreicht habe. Daher verhängte Lettland ab dem 9. Juni Maßnahmen zur Eindämmung des Virus.
Ein ähnlicher Beschluss wurde schon zuvor am 10. März mit Gültigkeit bis 12. Juni, und nochmals am 6. November 2020 gefasst und hatte bis zum 7. April 2021 Gültigkeit.

Aktuell geht es um den Beschluss des lettischen Ministerkabinetts vom 10. August 2021, der den Ausnahmezustand für vier Gemeinden verkündet: Ludza, Krāslava, Augšdaugava und die Stadt Daugavpils. Es bedeutet, das lettisches Militär und Polizei den Grenzschutz bei der Grenzsicherung unterstützen wird. Dabei werden die Behörden versuchen, Personen, die illegal die Grenze passieren aufzufordern, in das Land zurückzukehren wo sie herkamen. Um dies durchzusetzen, kann auch physische Gewalt angewendet werden. Diese Regelung wird bis zum 10. November gelten. Während für Unterbringung und Verpflegung der illegal die Grenze überschreitenden Personen gesorgt wird, werden aber auch Asylanträge in diesem Zeitraum nicht akzeptiert werden. 

Wir hoffen, dass auch die gegenwärtig verkünden "Ausnahmen" bald wieder überflüssig werden - denn "Normalzustand" ist doch sehr viel wert, und sollte, besonders in einer Demokratie, die erfreuliche Regel sein. 

Fühlen Sie sich durch die Ausrufung des
Ausnahmezustandes bedroht? So fragt
hier "Jauns.tv" - und es antworten nicht etwa
"die Deutschen", nein, dieser russischsprechende
Mensch heißt einfach "Germans". Na klar.