26. März 2013

Historikerwissen digital

Nur Sammler, oder spezialisierte Forschungs-
institute werden wohl alle 27 dieser Bücher
in gedruckter Form benötigen

Fast ein ganzes Regal voller kiloschwerer dichtbedruckter Bücher können sich nun diejenigen sparen, die Interesse habe an den Ergebnissen der Lettischen Historikerkommission, die im Auftrag des Präsidenten ihre Forschungsergebnisse zu Okkupationen, Holocaust, Widerstand, Kollaboration und Anpassung zwischen 1940 und 1991 zusammengetragen haben.

Seit Herbst 2012 hatte ein Projekt begonnen, diese zwischen 2000 und 2011 bereits in Buchform publizierten Forschungsergebnisse zu digitalisieren und kostenlos für alle Interessierten öffentlich zu machen. Alle Ausgaben sind parallel in Lettisch und Englisch abgefasst und jetzt über eine Homepage der Lettischen Nationalbibliothek einseh- und auch downloadbar.
Der lettische Präsident Bērziņš äußerte aus Anlaß der Bekanntgabe des erfolgreichen Abschlusses dieses Projektes seine Hoffnung, dass sich in Zukunft auch vermehrt Schulen in Lettland sich mit schwerzhaften und viel diskutierten Aspekten der lettischen Geschichte beschäftigen mögen.

Liste der Dokumentensammlung

25. März 2013

Inspirator maximus Letonicae

Nun leider nur noch auf Buchdeckeln
und Erinnerungsfotos präsent -
für Lettland eine der prägendsten
Kulturgrößen der vergangenen Jahrzehnte
Am 3.Mai wäre er 80 Jahre alt geworden - in Zukunft wird es vielleicht ein kultureller Gedenktag in Lettland werden. Imants Ziedonis war eine der hervorragendsten Denker und Kulturschaffenden Lettlands der Gegenwart, Halt und Stütze in wechselhaften Zeiten, Lettlands meist gelesener Dichter. Sein kreatives Werk erstreckte sich auf viele Bereiche: als Publizist, Dichter, Drehbuch- und Märchenschreiber, und als politischer Querdenker unter verschiedenen Rahmenbedingungen, von der Sowjetzeit bis zum Umbruch ins neue Jahrtausend. Ziedonis war immer engagiert: zunächst als Mitglied der Kommunistischen Partei, mit drei staatlichen Auszeichnungen erster Güte. Doch dann gilt er als typischer Vertreter derjenigen Generation, die nicht immer nur alles aus gesellschaftlichen Umständen erklären wollte - sondern als Notwendigkeit immer auch sich selbst zu ändern bereit zu sein. Zu Zeiten der lettischen Unabhängigkeitsbewegung ließ er sich in den "Obersten Sowjet" wählen, um dann am 4.Mai 1990 lächelt aus dem Parlamentsgebäude zu treten, wo er drinnen gerade mit der Mehrheit für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Lettlands gestimmt hatte. Ein Jahr später aber legte er sein Mandat nieder und verabschiedete sich von der Politik.

"Imants Ziedonis hat viel für das lettische Selbstbewußtsein und die Kultur getan, und er schien Kräfte einfach für alles zu haben" - so sagt es Schriftstellerkollegin Māra Zālīte, "er war sicherlich der wichtigeste Mensch auch für mein eigenes Schaffen."

"Wenn Außerirdische landen würden, und es nur dann möglich wäre sich mit ihnen in Frieden zu einigen indem nur eine Person aus unserer Mitte sich mit ihnen treffen sollte - dann müsste das Imants Ziedonis sein". Alvis Hermanis, Regisseur.

"Er hat uns in schwierigen Zeiten geholfen auszubrechen, uns aus einer finsteren Genügsamkeit gerissen, geholfen uns eine andere Welt zu schaffen." Džemma Skulme, Künstlerin.

Am 19.Oktober 1975 hatte Imants Ziedonis eine Gruppe von Literaten, Künstlern, Musikern, Naturforschern, Chemikern, Ärzten und Journalisten zusammengerufen um zu mehr Fürsorge für Bäume aufzurufen. Die "Dižkoku atbrīvošanas kustību" (zu Deutsch nur unzureichend übersetzbar als "Bewegung zur Befreiung erhabener großer Bäume") reisten herum in ganz Lettland, sammelten Informationen über verlassene, vernachlässigte Orte und schufen Gedenkstätten für die Größen der lettischen Kultur. Wie Ziedonis es selbst sagte: "Lettland ist ein wunderschönes Land - aber dem Schönen muss man helfen sich zu zeigen!"
Jāzeps Baško, einer der Teilnehmer solcher Aktionen damals, erinnert sich in der Zeitschrift "IR": "Der Lernprozeß geschah fast unmerklich. Ziedonis hörte zu, und der Kolchosvorsitzende begann nachzudenken: vielleicht bauen wir den Schweinestall doch nicht dort auf dem Berg." Und weiter: "Imants sagte immer, es gäbe nur zwei Möglichkeiten: zerstören oder verbessern. Dabei ist natürlich verbessern die schwierigere Wahl." (IR 6.3.13)

Erinnert wird auch an die Ansprache, die Ziedonis am 30.August 1988 beim Gründungskongreß der "Lettischen Volksfront" hielt. Ziedonis war gesundheitlich angeschlagen, eine Herzoperation stand bevor. Aber es war erstmals die Chance, dass alle damals gesellschaftlich tätigen und wichtigen Persönlichkeiten in einem Saal zusammenkamen - etwas, was lange niemand für möglich gehalten hatte. Von Sowjetfunktionären über eigensinnige Individualisten, von Gründern der "Helsinki86"Gruppe bis zum frisch gegründeten Umweltschutzklub, von Mitgliedern der Kommunistischen Partei über anerkannte sowjetlettische Volkskünstlern bis in zu solchen, die kurz davor noch aus politischen Gründen im Gefängnis gesessen hatten. Ziedonis redete nur kurz: "Von nun an beginnt eine neue Zeit!". Alles war gesagt, kurz darauf verließ er die Versammlung. Seine Aura, seine persönliche Ausstrahlung aber wirkte auf alle.

Ziedonis war am 3.Mai 1933 in Ragaciems geboren worden, als mittleres Kind mit zwei Schwestern, Daila und Anita. Seine Eltern und auch die Großeltern waren Fischer. Er schloß die Mittelschule in Tukums ab, studierte Philologie als Fernstudium an der Fakultät für Geschichte und Philosophie sowie Literatur am Gorki Institut für Weltliteratur in Moskau.
Später war er einer der Gründer der Kulturstiftung Lettlands und deren erster Vorsitzender in den Jahren 1987-1993. Als Kandidat der lettischen Volksfront (LTF) wurde er 1990 in den Obersten Sowjet gewählt und stimmte dort am 4.Mai für die Erklärung zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit Lettlands.
Die erste von insgesamt 16.Gedichtsammlungen erschien 1961 mit dem Titel ""Zemes un sapņu smilts" ("Sand der Erde und der Träume"). Manche sagen heute: "Wenn er nicht schon früh gesundheitliche Probleme gehabt hätte, wäre er Landwirt geworden!" Den Vater in der Verbannung in Sibirien wissend, musste Ziedonis schon als Kind hart arbeiten, er bekam Tuberkulose. Später kamen die Operation am Herzen und ein Schlaganfall dazu. Vielleicht hing sein existenzialistisches Lebensgefühl mit den andauerenden gesundheitlichen Problemen zusammen, sagen manche.
Imants Ziedonis starb am 27.Februar 2013. Im Kulturleben Lettlands aber ist er weiterhin überall gegenwärtig: noch im Kontakt mit Ziedonis wurde die Stiftung "Viegli" gegründet, die ihr Konzept schon im Namen führt ("leicht, einfach"); die Gründer um Musiker wie Renārs Kaupers (Prāta Vētra/ Brainstorm), Māra Upmane-Holšteina (Astro'n'out), und Goran Gora veranstalten bei Tee und Gitarrenmusik Seminare für junge Nachwuchs-Autorinnen und Autoren. Sarmīte Ēlerte, die über einen langen Zeitraum mit Ziedonis zusammengearbeitet hat sagt: er ist der einzige unserer großen geistigen Köpfe der Gegenwart der auch junge Künstler inspiriert. Renārs Kaupers komponiert mit Texten von Ziedonis. Komponist Kārlis Lācis nannte sein neues Album "Ziedonis. Lācis. Sievietes" (Ziedonis, der Bär, die Frauen). Im Jungen Theater in Riga ist eine der bestbesuchten Aufführungen ein Stück mit dem Titel "Ziedonis un Visums" ("Ziedonis und das Weltall"), mit Kaspars Znotiņš in der Hauptrolle als "Ziedonis". Allein 464 Lieder mit Texten von Ziedonis sind offiziell registriert - da kann vieles gesungen werden, und Lettinnen und Letten singen gern!
Vielleicht wird es also zum gefügelten Wort in Lettland werden: "wie ein Ziedonis zu sein" - obwohl ziemlich sicher ist, dass es keinen Gleichen je geben wird. 

21. März 2013

Freiheit, der Länge nach

Vielleicht ist es auch als Verkürzung der Wartezeit auf den Frühling gedacht, aber der lettischen Regierung ist es heute eine Pressemeldung wert: am 21.März 2013 ist es 7884 Tage her, dass Lettlands Unabhängigkeit international wieder anerkannt wurde. "Der 21.März ist ein Tag der Freiheit Lettlands, an dem jeder Einwohner einen besonderen Grund zur Freude darüber hat was die Freiheit bringt: Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, Bewegungsfreiheit, Gedanken-, Gesinnungs- und Glaubensfreiheit", so drückte es Verteidigungsminister Artis Pabriks gegenüber der lettischen Presse aus. Seit dem 21.August 1991 ist die Unabhängigkeit Lettlands nun international anerkannt, damit ist das nun genau einen Tag länger als vom 18.November 1918 bis zum 17.Juni 1940, als die Rote Armee Lettland besetzte.

Interessant dazu zu lesen sind Leserreaktionen auf Internetportalen und auf Zeitungswebseiten. Feiern Lettinnen und Letten die Freiheit ihres Landes, oder setzen sie die grundsätzliche Freiheit sofort in Verbindung mit Unzulänglichkeiten, Begrenzungen und Misserfolgen der demokratischen Entwicklung seit 1991? Eine Grafik des "Lettischen Instituts", die nicht nur die Jahre, sondern auch Tage, Minuten und Sekunden der Dauer-Freiheit zu zählen scheint, möchte wohl gern die Vergänglichkeit und Fragilität dieses Zustands symbolisieren. "Eigentlich war doch die Unabhängigkeit von 1918 auch schon am 15.Mai 1934 zu Ende", schreiben die einen - und weisen damit auf den "Putsch von oben" des damaligen Staatschefs Karlis Ulmanis hin, der Parteien abschaffte und Freiheiten einschränkte. "Und die neue Freiheit haben uns in neuerer Zeit schon längst die Šķēles, Lembergs, und die anderen kriminellen Wendegewinnler genommen", meinen die anderen. Ein Tag zum Nachrechnen also - aber um Bilanz zu ziehen gibt es sicher viele mögliche Blickwinkel.

12. Februar 2013

Künstlerische Fastenzeit

Einen Tag zu früh - aber dennoch als eine Art "künstlerischer Aschermittwoch" kommt der heutige 12.Februar für Liebhaber der lettischen Kunst daher. Die Fastenzeit wird länger dauern: das 1905 errichtete Hauptgebäude des Lettischen Nationalen Kunstmuseums (Latvijas Nacionālais mākslas muzeja / LNMM) mit seinen 8 249 m² Grundfläche, an der Krišjāņa Valdemāra iela gelegen, schließt bis zur Fertigstellung der Modernisierung für mindestens die kommenden zwei Jahre, und die umfangreiche Gemäldesammlung verschwindet für diese Zeit in Speicherhäusern an (aus Sicherheitsgründen) unbekanntem Ort.

Die Umbauarbeiten müssen bei sehr knappem Personalbestand bewältigt werden: 5.000 Gemälde stehen unter der Aufsicht von 4 Angestellten, für 10.000 Grafiken sind drei Angestellte zuständig und für die 24.000 Bücher nur einer. Als im Herbst 2010 der Rigaer Stadtrat mit dem litauischen Architekturbüro "Process Office" / „Andrius Skiezgelas Architecture”den Gewinner der Ausschreibung zur Renovierung des nationalen Kunstmuseums bekannt gab hoffte man noch, die Wiedereröffnung für 2014 vorsehen zu können - davon ist jetzt keine Rede mehr.

Ausblick mit Perspektive:das lettische nationale
Kunstmuseum hofft mit Beginn von Umbauarbeiten
schon jetzt auf baldige Wiedereröffnung
Das Museum wird zum ersten Mal seit seinem Bestehen renoviert, die Kostenschätzung beläuft sich derzeit auf 24 Millionen Lat. Schon einige Male wurde der Beginn der Renovierung angekündigt und wieder verschoben. Im Januar 2013 ging es dann ganz schnell: einstimmig genehmigte der Stadtrat 15 Millionen Lat für Umbau und Renovierung des Museumsgebäudes, stimmte den 7.9 Millionen Lat Co-Finanzierung aus dem EU-Regionalfond zu und auch für 211.000 Lat Zuschuß aus dem Staatshaushalt wurde der Weg frei gemacht. Die Verträge mit der Baufirma Re&Re wurden schnell unterschrieben, die eine Beendigung der Bauzeit nach 29 Monaten vorsehen.

Während des Kulturhauptstadtjahres 2014 wird es also kein Möglichkeit geben sich die lettische Nationalsammlung anzusehen. Das lettische Zentrum für zeitgenössische Kunst (Laikmetīgās mākslas centra LMC) wird Installationen in der Innenstadt fördern, aber natürlich die Möglichkeiten eines Museums nicht ersetzen können. "Aber besser im nächsten Jahr den Gästen die Zukunftspläne zeigen," meint Museumsdirektorin Māra Lāce, "als Risse und Flecken an den Wänden. Einige Werke werden wir ja in den dann fertig gestellten Räumlichkeiten der Rigaer Börse und der neuen Nationalbibliothek zeigen können, ein Teil der Werke lettischer Kunst des 20.Jahrhunderts werden für eine Ausstellung nach Norwegen gehen."

11. Februar 2013

Was Letten wünschen ...

Eine bemerkenswerte Umfrage ist auf der Webseite der lettischen Regionalzeitung "Kurzemnieks" nachzulesen, die mit einer Auflage von gegenwärtig etwa 6000 Exemplaren erscheint und auf eine bis zum Jahr 1910 zurückreichende Tradition zurückblicken kann. Damals war die Redaktion in Kuldiga beheimatet, heute fällt unter anderem der hohe weibliche Anteil am Redaktionsteam auf.

Sicher wäre so manches der Übersetzung wert, über das dort berichtet wird - allein schon weil es eben regionale Themen aus "Kurzeme" sind, also nicht sich alles auf die Hauptstadt Riga konzentriert. Für den Moment greife ich aber nur eine kleine Umfrage heraus, die vor einiger Zeit gestartet wurde und gegenwärtig (Stand 11.2.13) immer noch läuft. Die Frage lautet dort - natürlich auf Lettisch gestellt: "Wie ist ihre Reaktion, wenn sie, in dem sie einen Laden betreten, der Verkäufer sofort fragt: 'Kann ich helfen? Was kann ich ihnen anbieten?' "

Dorfladen in Kurland:Schwellen-
ängste und lästige Fragen?
Eine gewöhnliche Frage vielleicht. Als Deutsche erinnern wir uns vielleicht an Bäckereifachverkäuferinnen oder ähnliches in Deutschland, die mit lauter Stimme "Darf's sonst noch was sein?" durch den Laden schallen lassen.
Aber die Antworten sind doch erstaunlich. Es gibt vier Antwortmöglichkeiten. Ein kommerzieller Erfolg wäre so eine direkte Frage nach den Kundenwünschen offenbar nicht: nur 21.4%, also nicht einmal jeder vierte, antwortet mit: "ich sage meine Wünsche und gemeinsam mit dem Verkäufer finde ich eine Lösung". Wesentlich mehr, nämlich 38,9% der Befragten, sind sich vollkommen sicher in einer ziemlich krassen Reaktion: "Ich wende mich um, verlasse den Laden, und komme solange nicht wieder dorthin wie dieser Verkäufer dort arbeitet."

Oha! Sprich bloß keinen Kunden an! Das scheint die Devise im Kurland von heute zu sein. Es kommen sogar noch weitere 6,1% dazu, die meinen: "Bei dieser Frage vergesse ich völlig was ich wollte, kaufe irgend eine Kleinigkeit und verlasse schnell den Laden." Und 33,6% haben noch eine "andere Variante" im Kopf, die aber offenbar auch nicht in Richtung eines konstruktiven Verkaufsgesprächs haben.

Nun ist es vielleicht unverschämt, als Deutscher sich Gedanken über mögliche Gründe machen zu wollen - zu leicht könnte es entweder in interkulturellen Mißverständnissen enden, oder schlicht den großen Unschärfen dieser Internetumfrage geschuldet sein. Wer als Deutscher in Kurland lebt, könnte vielleicht schon eher mitreden. Als nur gelegentlich, aber regelmäßig durchreisender Tourist fallen mir folgende mögliche Einflußfaktoren ein:
- zu Sowjetzeiten wiesen die Verkäufer die "Kunden" oft ziemlich scharf zurecht. Ein strenger Befehlston, wie man sich im Laden zu verhalten hatte, war nicht selten. Vielleicht sind heute gerade die Älteren Leute, eben im Hinblick auf alte Zeiten, einfach froh möglichst in Ruhe aussuchen zu dürfen?
- handelt es sich vielleicht, gerade angesichts des hohen Frauenanteils in der Redaktion dieser Zeitung, um ein Problem das vor allem Verkäuferinnen mit männlichen Kunden haben? Wie hoch ist der Anteil der Männer, die den Monatslohn stillschweigend in Schnaps oder Zigaretten anlegen, statt nach ihren "Wünschen" gefragt zu werden? Auch in Deutschland dürfte der Anteil "schüchterner" männlicher Kunden höher liegen als der weibliche.
- Sprachprobleme (Russisch-Lettisch) sind in diesem Fall auszuschließen, da erstens auf dem Lande prozentual weniger Russen leben als in Riga (und auch bei diesen steigen die Lettisch-Kenntnisse), und zweitens läuft die umfrage ja ausschließlich in Lettisch, also nur Lettisch-Kundige antworten. 
- oder ist es vielleicht die Geldnot, die Kundinnen wie Kunden zu Ausflüchten treibt? Erstmal in den Laden gehen (wo es warm ist!), dann mal sehen, ob man sich irgend etwas leisten kann, und ggf. still wieder hinausgehen ohne belästigt zu werden? Gerade auf dem Lande geht es vielen Leuten immer noch nicht besonders gut.
- nur ungern würde ich auf die häufigen lettischen Ausflüchte zurückgreifen nach dem Motto "das ist eben unsere Mentalität". Die individualistischen, wankelmütigen, oft mürrischen Letten, die erst mit der Zeit, und nur in einer vertrauten Atmosphäre "auftauen".  So gesehen wären dann alle diese Umfrageergebnisse einfach "normal", alle kennen das schon und richten sich danach ein. Zumindest dem Redaktionsteam des "Kurzemnieks" war es aber wert doch mal genauer nachzufragen.

Die Kurzemnieks-Umfrage lässt sich hier nachlesen.

6. Februar 2013

Who the hell are „Depardjē“ and „Olands“?

Auf Lettisch muß man ja noch aussprechen Ualands für den zweiten. Wer Rēcs, Rēts, Rētcs oder Rētss sein könnte, mag dem Leser sich schneller eröffnen. In den 90ern gab es eine amerikanische Fernsehserie, die in Lettland „Beverlihilsa“ hieß. Noch ein bißchen einfacher. Und wie steht es mit „Klāra Šūmane-Wīka“?

Wem nicht gleich klar ist, von welchen Personen und Orten hier die Rede ist, möge ein wenig knobeln.

Worum geht es? In der lettischen Sprache werden Eigennamen nicht einfach übernommen, sie werden transkribiert. Die Letten sollen sie anschließend in ihrer Schreibweise so aussprechen können, wie im Original. Das natürlich ist schwer möglich, da es für viele Laute gar keinen lateinischen Buchstaben gibt und man auch erst einmal über Philologen aller Sprachen der Welt verfügen müßte, um die unzähligen Diphthonge zu kennen. Darum heißt die Iron Lady im Lettischen eben „Tečere“ und der frühere französische Präsident ist der mittlere Rand oder eben „Miterands“.

Was hier so lustig daher kommt, hat durchaus auch juristische Folgen. Vor einigen Jahren klagte eine Lettin nach ihrer Hochzeit mit einem Deutschen namens Mentzen vor dem europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und bekam dort nicht Recht. Den Richtern genügte das Angebot der lettischen Behörden, die Originalschreibweise in ihrem Paß wenigstens in Klammern hinzuzufügen.

Der Autor dieser Zeilen wird in sämtlichen Verträgen – also juristischen Dokumenten – ebenfalls nur im Original genannt. Da er über keinen lettischen Paß verfügt wäre es sonst auch nicht ganz einfach zu beweisen, daß mit einer der eingangs genannten Schreibweisen in einem Dokument tatsächlich er gemeint ist.

Nichtsdestotrotz ist Anlaß für diese neuerliche Erwähnung des Themas ganz gewiß der Umstand, daß man ja meistens wie bei „Rihards Vāgners“ und im Genitiv der „Riharda Vāgnera iela“ noch halbwegs darauf kommt, wer gemeint sein könnte. „Olands“ hingegen stellt nun wirklich auch gegenüber mittleren Rändern eine neue Dimension dar.

Einzige Entschuldigung ist, daß die vielen vom lateinischen Alphabet abgeleiteten Sonderzeichen der slawischen und auch baltischen Sprachen denn auch in der deutschen oder englischen Presse ignoriert werden. Aber wer verlangt, jedweden fremdsprachigen Namen in jedwedem Land richtig auszusprechen?

26. Januar 2013

Arztbesuche auf Attest

Die Zeitschrift "IR" stellte kürzlich einige interessante Änderungen des lettischen Gesundheitswesens zur Diskussion. Zu Zeiten, wo in Deutschland gerade die Praxisgebühr abgeschafft würde, führte auch das lettische Gesundheitsministerium einen neuen Kriterienkatalog zur Beurteilung der Arbeit lettischer Arztpraxen ein. Diese neuen Kriterien legen offenbar eine bessere Bezahlung derjenigen Ärzte fest, die bei ihren Patienten häufiger einen Gesundheits-Check vornehmen, die Kinder der Familie häufiger impfen, und aktiver Vorsorge betreiben bei Risikogruppen für Herzkrankheiten, Diabetes und Asthma. Viel hilft viel? Vielleicht hilft zunächst ein Blick aufs lettische System der Gesundheitsversorgung.

Wenn nur der Weg zum Arzt nicht so weit wäre ...
Gesundheitsministerin Circene bei der Eröffnung
der Kampagne "2013 - Jahr des gesunden Herzens"
Den Vorstellungen des lettischen Gesundheitsministeriums zufolge soll sich jeder Einwohner möglichst bei einem "Familienarzt" seines Wohnorts oder seiner Region anmelden. Dieser Arzt muss vom Ministerium lizensiert sein und schließt dann mit seinen Patienten ein Versorgungsabkommen. Mehr als 2000 Patienten und 900 Kinder darf aber kein Arzt zur Registrierung annehmen. Auch ein Wechsel des "Familienarztes" (was in Deutschland wohl "Hausarzt" genannt werden würde) ist möglich, allerdings geschieht das auch wieder schriftlich: der bisherige Arzt löscht die Daten aus seiner Kartei, der neue Arzt nimmt sie auf, beide schicken diese Informationen an die zuständige Stelle im Ministerium. Gegenwärtig sind in Lettland 1371 solcher Familienärzte registriert - das sind theoretisch ein Arzt auf 1450 Einwohner. 577 dieser Ärzte haben ihre Praxis in Riga. Im Mittel gibt es 1500-1600 Klienten pro Praxis, nur 174 haben weniger als 1000 Klienten zu betreuen, bei 198 Ärzten sind es mehr als 2000 (Zahlen aus "IR" 9.1.13).

Zu den Kosten: Registrierung oder Wechsel des Arztes sind kostenfrei. Sofern der Patient nicht aus besonderen Gründen Kostenerleichterungen genießt, kostet ein Arztbesuch 1 Lat (ca. 1,43 Euro). Einmal im Jahr darf eine kostenlose Gesundheitsvorsorge in Anspruch genommen werden, falls man den Arzt nicht schon wegen einer Krankheit aufgesucht hat. Die während der Vorsorge vorzunehmenden Untersuchungen werden vom Ministerium im Detail genau festgelegt. Der "Familienarzt" - der laut den Bestimmungen nicht ablehen kann, wenn sein Patient weitere Kinder oder seinen Ehepartner zusätzlich anmeldet - macht auch Hausbesuche: für Kinder bis 18 Jahren, Behinderte und Hauspflegefälle sogar kostenlos, auch der Tod wird kostenlos festgestellt. Die doppelte Gebühr - 2 Lat - kostet dagegen der Hausbesuch für über 80Jährige und auch Grippeerkrankte.Für alle besonderen Untersuchungen gibt es eine klare Preisliste, die auch pauschal die Kosten eines Krankenhausaufenthaltes festlegt: 9,50 Euro (13,60 Euro) ab dem zweiten Tag. Es gibt aber Höchstgrenzen: die Gesamtkosten des Krankenhausaufenthalts sollen pro Patient 250 Lat nicht überschreiten (400 Lat pro Kalenderjahr). Kostenbefreit sind wiederum Kinder bis 18 Jahre, Behinderte, Schwangere, Tuberkulosekranke, von bestimmten Epedemien Betroffene, psychisch Kranke, sozial Benachteiligte, Organspender, im Rahmen regelmäßiger Impfkampagnen Behandelte, und einige mehr. Alle anderen zahlen - oder haben eine Versicherung dafür abgeschlossen.

Die neuen, zum 1.Januar erweiterten Vorgaben des Ministeriums sollen den Patienten nun erweiterten Vorsorgeschutz bieten - von der Krebsvorsorge bis zum Bluthochdruck, letzteres ist auch in Lettland eine der häufigsten Todesursachen. Die Frage bleibt aber, ob dafür auch erhöhte Zuzahlungen nötig werden - was sich besonders in den ländlichen Regionen sehr viele sich nicht werden leisten können. Die Ärzte wehren sich dagegen, dass dieses Problem dann ihnen überlassen würde, wenn sie ihre Patienten häufiger zur Untersuchung bitten würden. Oder eben den Patienten, denen schon das Busticket zu teuer wird um zum Arzt zu fahren. Das Ministerium möchte gern, dass 65% aller bei einem Arzt registrierten Patienten pro Jahr auch einmal zur Vorsorgeuntersuchung gebeten werden. Nur 36% aller Ärzte haben bisher überhaupt Arztkollegen oder anderes medizinisch ausgebildetes Personal in der eigenen Praxis angestellt, die dann bei der Bewältigung des Zusatzaufwands helfen könnten. Die neuen Regelungen würden es erfordern 98% aller Kinder pro Jahr mindestens einmal zu impfen, wofür auch keine Kosten vom Patienten zurückgefordert werden dürfen.

Erst in den entsprechenden Internetforen zu diesem Thema wird auf eine andere aktuelle Frage hingewiesen: wer gibt eigentlich in Lettland Tipps für gesunde Lebensweise, so dass es weniger zu chronischen Krankheiten kommt? Zusehr schlängelt sich die Diskussion entlang an der Grenze des Bezahlbaren. Und auch über die Inhalte des Schulunterrichts wird in diesem Zusammenhang noch kaum geredet.

Info: Regeln für den FamilienarztPreisliste (Info des Gesundheitsministeriums, lettisch) Kosten im Krankenhaus (englisch)
Infoseite des Ministeriums zu den neuen Qualitätskriterien für Familienärzte (lett.)

24. Januar 2013

Undurchsichtige Personalpolitik

Vergangenen Donnerstag hat das Parlament, die Saeima, eine neue Chefin des Rechnungshofes bestätigt: Elita Krūmiņa. Die häufig in den Medien präsente und auch ziemlich beliebte bisherige Amtsinhaberin, Inguna Sudraba, hat über zwei Amtszeiten auf diesem Posten gewirkt, und konnte nicht wiedergewählt werden. Es wird darüber spekuliert, ob sie in die Politik geht – nicht erst seit gestern.

Zwei Probleme verbinden sich damit, ein juristisches und ein politisches.

Elita Krūmiņa saß bereits zwei Amtsperioden im Beirat des Rechnungshofes und wird dies nun als Chefin der Behörde für vier weitere Jahre tun. Politiker der größten Regierungspartei, der Einigkeit, haben ihre Zweifel geäußert, ob das nicht ein Verstoß gegen geltende Gesetze ist. Politiker der Einigkeit schlossen nicht aus, diese Frage vor das Verfassungsgericht zu tragen.

Diese juristische Frage ist besonders deshalb pikant, weil dieselbe größte Regierungspartei von Ministerpräsident Valdis Dombrovskis Krūmiņa auch gar nicht mitgewählt hat. Die Koalitionspartner von der Zatlers Reformpartei haben die Kandidatur gemeinsam mit dem Partner von der Nationalen Vereinigung aus mehreren nationalistischen Parteien durchgewunken und dabei gemeinsame Sache ausgerechnet mit dem oppositionellen Harmoniezentrum (gerne auch als Russenpartei bezeichnet) gemacht. Ein absolutes Novum. Das weckt Erinnerungen an die Wahl des Ombudsmanns Juris Jansons 2011, als ebenfalls die mit der Einigkeit in Koalition befindliche Union aus Grünen und Bauern die Kandidatur des Harmoniezentrums unterstützt hatte, anstatt sich mit dem Koalitionspartner zu einigen, der damals allerdings in der Tat mit einem eigenen Vorschlag lange zugewartet hatte.

Großbritannien als Paradies?

Eine in Großbritannien lebende Lettin mit zehn (!) Kindern sorgt für Aufmerksamkeit nicht nur unter den Nachbarn, sondern auch der Presse. Vor dem Hintergrund der HARTZ-Reformen in Deutschland kann man sich angesichts von 34.000 Britischen Pfund Jahreseinkommen, ohne dafür einen Finger zu krümmen, nur ein bißchen die Augen reiben. In den 70er Jahren wäre so manchem das Wort asozial wahrscheinlich schnell über die Lippen gekommen.

http://www.dailymail.co.uk/news/article-2206255/Latvian-mother-demands-bigger-council-house-despite-raking-34k-benefits.html

15. Januar 2013

Eurozonen-Beitritt in Lettland umstritten

Nach der Einführung des Euro gab es in Deutschland schnell auch Enttäuschungen, weil viele ihn wenigstens subjektiv als „teuro“ empfanden. Estland hat die Gemeinschaftswährung zu Beginn des vergangenen Jahres eingeführt und ebenfalls anschließend eine Inflationserfahrung damit verbunden, so daß es dort heute nicht schwierig ist Menschen zu finden, die meinen, man wäre besser bei der estnischen Krone geblieben.

Dem steht entgegen, daß alle 2004 der EU beigetretenen Staaten rein juristisch betrachtet mit ihrem Beitritt auch ja zum Euro gesagt haben. Darauf pocht derzeit der lettische Ministerpräsident Valdis Dombrovskis, dessen Regierung es sich zum Ziel gesetzt hat, 2014 – also in gut einem Jahr – den Euro einzuführen. Das stößt derzeit nicht nur in der Bevölkerung eher auf Ablehnung, dagegen wehren sich auch zahlreiche Journalisten.

Freilich darf die Gemeinschaftswährung erst eingeführt werden, wenn die sogenannten Maastricht-Kriterien erfüllt werden. Zur Erinnerung: Das Defizit darf nicht mehr als 60% der jährlichen Wirtschaftsleistung betragen und die Neuverschuldung nicht mehr als 3%, während die Inflationsrate nicht um mehr als 1,5% vom Durchschnitt der niedrigsten Inflationsraten in der EU abweichen darf. Das sind alles trockene Zahlen, die dem einfachen Bürger nicht unbedingt auf Anhieb verständlich sind. Was aber jeder versteht ist, daß unter den Staaten der Eurozone kaum ein Land diese Ķriterien derzeit einhält. Und es ist für viele nicht vergessen, daß ausgerechnet Deutschland und Frankreich als erste verstießen.

Während sich die Befürworter des Euro mit den altbekannten Argumenten von stabileren Verhältnissen ohne Wechselkurse und folglich höheren Investitionen zu Wort melden, fragen andere Kommentatoren, warum man auf ein sinkendes Schiff aufspringen sollte. Der einfache Bürger hat in Unkenntnis der makroökonomischen Zusammenhänge vor dem Hintergrund der ständig dramatischer klingenden Meldungen über die Eurokrise schlicht Angst dafür, sich von seinem guten alten Lats zu verabschieden.

Aber was bringt den Letten eigentlich ihre eigene Währung. Zunächst einmal war die Einführung 1993 nach der Übergangswährung des lettischen Rubels, der nach dem Namen des damaligen Nationalbankpräsidenten Einars Repše gerne auch als „Repši“ bezeichnet wurde, ein Symbol für die nach einem halben Jahrhundert wiedergewonnene Unabhängigkeit. Viele Ausländer wunderten sich damals an den Wechselstuben, daß sie für Ihre Dollar, Mark oder Schweizer Franken der Nennsumme nach weniger Lat über den Tresen geschoben bekamen. Historisch war der Wert des Lats immer hoch, damit auch die kleinste Münze noch einen Wert hat.

Schon damals haben die Menschen ohne Kenntnisse der Hintergründe diese Währung hochgehalten und gesagt, schaut, ein Lats ist mehr als eine Mark oder ein Dollar. Das aber sagt im Grunde ja nichts über die Kaufkraft aus. Die erschließt sich erst aus dem Verhältnis zwischen Verdienst und Preisen. Eine Währung, die mit hohen Summen jongliert, muß deshalb keine weiche sein. Und so warnten auch Bankangestellte im Ausland Lettland-Reisende gerne, bloß von dort kein Bargeld mitzubringen, denn in Deutschland tauscht das niemand um. Die Letten konnten also nicht etwa mit ihrem hochwertigen Lats ins Ausland zum Einkauf fahren, sondern mußten ihre Währung gleich im eigenen Land umtauschen.

Damit aber nicht genug. Seit dem Beitritt zu EU 2004 ist der Lat fest zum Kurs von 1:0,7 an den Euro gebunden. Das bedeutet zwar nach wie vor, daß man für 20 Euro in der Wechselstube eben nur 13 Lati bekommt. Der Lats ist also de facto nichts anders als ein etwas anders aussehender Euro. Nicht einmal abwerten könnte die lettische Nationalbank ohne Genehmigung von der EZB. Eine Hartwährung ist dieser deshalb jedoch nicht. Und was die meisten Menschen nicht wissen, bereits vorher war der Lats an einem Währungskorb gebunden, was angesichts der Schwankungen des US$ gewiß zu mehr Schwankungen auch der lettischen Währung geführt hat.

Sollte also Lettland bis 2014 die Maastricht-Kriterien einhalten und die Eurokrise bis dahin die Gemeinschaftswährung nicht zur Vergangenheit gemacht haben, dann wird das Land den Euro wohl einführen und wohl ähnliche Erfahrungen machen wie alle anderen Mitgliedsländer der Eurozone auch.

14. Januar 2013

Lettlands Präsident leugnet Armut im Lande

Lettlands Präsident Andris Bērziņš hat im Dezember mit einem Fernseh-Interview für Wirbel im Lande gesorgt. Im politischen Magazin des privaten Kanals TV3 „Nekā personīga“ (Nichts Persönliches) bestritt er mehr oder weniger, es gäbe in Lettland Armut.

Diese Äußerung und die Aufregung darüber muß vor dem persönlichen Hintergrund gesehen werden, daß Bērziņš als einer der wohlhabendsten Männer im Lande gilt. Nach der Unabhängigkeit wurde er Banker und leitete mehr als zehn Jahre die Unibanka, die später von der schwedischen SEB übernommen wurde. Darüber hinaus saß er auch in Aufsichtsräten wie etwa dem des Energiemonopolisten Latvenergo. Als er ins Amt gewählt wurde, begann angesichts eines nicht geringen Präsidentensalärs eine Diskussion darüber, ob er angesichts seiner für lettische Verhältnisse sehr üppigen Rente nicht darauf verzichten sollte oder gar müßte, obwohl er dazu juristisch natürlich nicht gezwungen ist. Eine Entscheidung, die einstweilen noch in der Luft hängt.

Neben der Einkommensfrage gibt es noch einen politischen Hintergrund: Bērziņš wurde im Frühjahr 2011 von einem Parlament zum Präsidenten gewählt, dessen Auflösung der scheidende Präsident Valdis Zatlers als eine seiner letzten Amtshandlungen initiierte, weil die Abgeordneten die von der Staatsanwaltschaft beantragte Aufhebung der Immunität eines ihrer Kollegen, des als Oligarchen angesehenen Ainārs Šlesers, abgelehnt hatten. Zwar war damals schon der derzeitigen Regierungschef Valdis Dombrovskis im Amt, jedoch noch in einer Koalition mit der Bauernunion, die ihrerseits als politisches Projekt des Oligarchen Aivars Lembergs, dem Bürgermeister der Hafenstadt Ventspils, gilt. Aus dieser Fraktion stammte auch der neue Präsident Andris Bērziņš. Ihn hievte eine Spaltung der Regierungskoalition über diese Frage ins Amt, in der die regierende Bauernunion mit der Opposition aus der „Oligarchenfraktion“ des Abgeordneten Šlesers und der sonst von den lettischen Parteien immer ignorierten Russenfraktion des Harmoniezntrums gemeisame Sache machte.

Bērziņš war eine Art Überraschungskandidat, der nach Amtsantritt zunächst nicht weiter negativ auffiel. Übel nahm ihm die Öffentlichkeit, als er am ersten September dieses Jahres seinen Sohn zum ersten Schultag begleitete, wo wenig überraschend Journalisten und Photgrapohen warteten. Bērziņš reagierte unwirsch und drohte der Presse verbal mit Gewalt.

Jetzt aber forderte er mit seinen Positionen zur Armutsfrage Widerspruch heraus, obwohl nicht alles, was er in dem Gespräch im Fernsehen sagte, grundlegend von der Hand zu weisen ist. Bērziņš behauptete, es sei einstweilen schwierig, verläßliche Aussagen über den Wohlstand im Lande zu treffen, weil die vorhandenen Daten nicht belastbar seien. Er erinnerte daran, daß viele Menschen neben ihrem offiziellen Einkommen noch das sogenannte „Umschlaggeld“ erhielten. Und in der Tat ist es in Lettland in der Privatwirtschaft verbreitet, die Mitarbeiter wenigstens teilweise schwarz zu bezahlen, um die Sozialabgaben zu sparen. In Ermangelung einer gewissen Planungssicherheit im Leben gehen viele Arbeitnehmer trotz aller Anzeigenkampagnien der letzten Jahre nur zu gerne darauf ein, erhalten sie doch so vermeintlich mehr netto vom Brutto.

Zu Wort melden sich allerdings nicht nur Journalisten, sondern auch Sozialwissenschaftler, die in den letzten Jahren Studien und Untersuchungen durchgeführt haben wie nicht zuletzt das regelmäßige Monitoring der Gesellschaft, welches das UNO-Programm der UNDP (United Nation Development Programme ) finanziert. Die Wissenschaftler weisen darauf hin, daß insbesondere auf dem Land viele Menschen von gut 200 Lats (etwa 285 Euro) im Monat leben müssen, was dem staatlichen Mindestlohn entspricht.

Man darf deshalb gewiß sagen, daß die von Präsident Bērziņš vorgetragenen Zweifel alle zutreffend sind. Gleichzeitig genügt schon der alleinige Augenschein, um zu erkennen, daß es selbstverständlich in Lettland Armut gibt. Und dafür muß man nicht in eine wirtschaftlich schwache Region wie das östliche Lettgallen fahren, da genügt bereits ein Besuch in einem der Vororte von Riga.

13. Januar 2013

Lesende Letten?

Vor einiger Zeit, auch zur Zeit der lettischen Unabhängigkeit hieß es oft, die Letten seien ein lesendes Volk. Stolz wurden Statistiken von Studierenden pro Tausend Einwohner präsentiert, ebenso wie Untersuchungen zur Lesefreudigkeit - ganz so, als ob die Neugier zwischen den Zeilen lesen zu wollen ganz besonderen Eifer hervorgerufen hätte.

Neues Futter um zwischen Legende und Tatsachen zu entscheiden bietet die jährliche Übersicht zu den Abonnenten von Zeitschriften und Zeitungen, die von der lettischen Post herausgegeben wurde (siehe pasts.lv). Demnach werden gegenwärtig 450.000 Presseerzeugnisse im Abo bezogen - 70% davon Zeitschriften. Eine zweite Tendenz ist ebenso klar: 78% der Abonennten wohnen auf dem Lande, nur 14% in Riga. Die Gesamtzahl aller Abonnenten hielt sich im Vergleich mit den vorangehenden Jahren stabil.

Die konservative Zeitung "Latvijas Avize" wagt sich an eine Analyse dieser Bilanzen.Ihren Untersuchungen zufolge verstärkt sich der Trend zugunsten von Zeitschriften: vor allem Frauenthemen, Sport und Gesundheit seien die gern gelesenen Themen.
Da wird ein Blick zu den Nachbarn interessant. Vor allem in Estland sei ein Trend zu beobachten, dass immer weniger Presseerzeugnisse abonniert werden: von 145.000 Abos im Jahr 2010 auf nur noch 120.000 im vergangenen Jahr.
Auch die litauischen Kolleg/innen berichten über die zunehmende Gewohnheit, sich im Internet den interessanten Lesestoff zusammenzusuchen. Dennoch seien immer noch die Tageszeitungen an der Spitze der Abostatistiken zu finden. Dabei ähneln die litauischen Lesegewohnheiten eher denen der lettischen Nachbarn, meint Journalistin Anna Žigajeva in ihrem Bericht: Mode und Gesundheit zum Beispiel. Dem gegenüber seien in Estland auch populärwissenschaftliche Themen gefragter - ähnlich wie die Letten sicherten sich die Esten aber auch gern eine Zeitschrift zu Haus und Heim im Postkasten.

Der lettische Verlegerverband LPIA veröffentlichte Ende 2012 die Ergebnisse einer Kundenumfrage.66% der Befragten gaben dabei an, im Lauf einer Woche mindestens einmal eine Zeitschrift oder Zeitung gelesen oder durchgeblättert zu haben. Die Verleger schließen aus den Ergebnissen, dass wöchentlich erscheinende Presseerzeugnisse weiterhin am erfolgreichsten seien, gefolgt von den Monatsblättern. Der größte Rückgang sei bei den Tageszeitungen zu beobachten. Die in Lettland momentan meist gelesenen Illustrierten - alle auch in fast jeder Zeitungsauslage zu bekommen - sind "Ieva" ("Eva"), gefolgt von "Privātā Dzīve" ("Privates Leben") und "Kas Jauns" ("Was gibt's Neues"). Nach "Ievas Stāsti", ("Evas Erzählungen") rangiert "Ilustrētā Zinātne" ("Illustrierte Wissenschaft") auf Platz 5.
Bei den Tageszeitungen führen zwei russischsprachige Blätter die Liste an: "MK Latvija" vor der russischsprachigen TV-Zeitschrift "TV-Programma (rus)", danach folgt "Rīgas Santīms", die sich aus massiven Werbeanzeigen finanziert.

Die LPIA weist auch darauf hin, dass sich in allen Landesteilen Lettlands auch auf regionale Themen konzentrierte Presseerzeugnisse erfolgreich am Markt halten können: "Tava Izvēle" in Vidzeme, "Kurzemes Vārds" in Kurzeme, "Jelgavas Vēstnesis" und "Zemgales Ziņas" in Zemgalē. In Latgale äußert sich Regionaltypisches wiederum meist russischsprachig: dort stehen "Seičas", "Miļļion", "Panorama Rezekne" sowie "Rezeknenskie Vesti (rus)" zur Auswahl. 

Infos: 
Lettischer Verlegerverband
Liste der lettischen Verlage 
Lettische Post, Abodienst

11. Januar 2013

Getreide boomt

2012 verzeichnete Lettland die beste Getreideernte seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Bedeutet das eine Renaissance der Landwirtschaft? Lettische Marktanalysen schieben es auf günstige Wetterumstände, sinkende Saatgutpreise und mehr Nachfrage auf dem Weltmarkt. 

Bauern neigen oft zu Pessimismus - zumindest zu einer skeptischen Grundhaltung. Aber die neuesten Zahlen sowohl vom staatlichen Statistikamt wie auch vom lettischen Landwirtschaftsministerium bilanzieren für 2012 mit insgesamt 1,88 Tonnen geernteter Getreide das erfolgreichste Jahr seit langem. Zum Vergleich: in den 1930er Jahren wurde in Lettland jährlich etwa 1,3 Mill. t geerntet, 1990 waren es etwas mehr als 1,6 Mill. t, und die seitdem beste Ernte wurde im Jahr 2008 mit 1.689 Mill. t eingefahren.
Zusätzlich positiv machen sich schlechte Ernten anderswo (z.B. USA) bemerkbar: mit steigenden Weltmarktpreisen bei Getreide bekommt der lettische Bauer mehr fürs Geld (bzw. mehr für die Lieferung). Normal fallen ja gute Ernten oft mit fallenden Preisen zusammen - diesmal nicht.Die Erntemenge des Vorjahres wurde glatt um ein Drittel und das bisherige Rekordjahr 2008 um 11% übertroffen.

Lettische Agrarlandschaften - hier Nähe Vecgulbene -
wie geschaffen für großflächigen Getreideanbau?
Bei der Erzeugung von Lebensmitteln der lettischen Landwirtschaft macht Getreide etwa ein Viertel des Gesamtertrags aus - und damit mehr als z.B. Schweinefleisch oder Kartoffeln. Am meisten ausgesät wird dabei Winterweizen (56%). Danach folgt Sommerweizen, Sommergerste, Hafer und Roggen, und schließlich - mit leicht weniger Ernteerfolg als bisher - noch Triticale (eine Kreuzung aus Weizen und Roggen), Wintergerste, Buchweizen und weitere Sorten. Insgesamt ist der Anteil von Weizensorten an der Gesamtanbaufläche von 571.000 ha stark angestiegen und übersteigt inzwischen schon zwei Drittel - was sicher auch an den gestiegenen Exportmöglichkeiten liegt. Unter den Empfängerländern von aus Lettland exportiertem Weizen befinden sich unter den EU-Ländern vor allem Dänemark, die Niederlande, Litauen, Spanien und auch Deutschland. Es gibt aber auch Empfängerländer wie Algerien, Lybien (!) oder die Vereinigten Arabischen Emirate.

Laut einer Landwirtschaftszählung aus dem Jahr 2010 gibt es in Lettland knapp 90.000 Bauernwirtschaften. Dabei sind klare Tendenzen spürbar: die Gesamtzahl der Bauern sinkt, die Summe der genutzten Fläche bleibt gleich, die Zahl der Höfe mit mehr als 100ha Nutzfläche steigt. Die mittlere Größe der lettischen Höfe stieg von 25.5ha im Jahr 2007 auf 34,5ha 2010. Die durchschnittlich größten Höfe liegen in Zemgale, im Süden Lettlands: in Dobele sind es durschnittlich schon 47,3 ha, in Tērvete 46,2 ha.

"Das schönste Wappen der Welt - der Pflug im Acker"
Dieser Spruch von Kārlis Ulmanis wird hier
in einem lettischen Freilichtmuseum verdeutlicht.
Moderne Landwirtschaft muss aber längst
abseits purer Nationalromantik wirtschaften.
Ende 2012 hatte Lettland in einer gemeinsamen Erklärung mit den Nachbarn Estland, Litauen und einigen anderen EU-Mitgliedern sich für eine Erhöhung der Direktzahlungen an lettische Bauern einzusetzen versucht; auch beim Besuch des deutschen Außenministers Westerwelle kam dies zur Sprache (siehe Pressekonferenz).
In Lettland wird immer noch darüber diskutiert, warum Landwirte in Westeuropa immer noch höhere Direktzahlungen von der EU erhalten als ihre lettischen Kolleginnen und Kolleginnen. Bisher konnten sich die EU-Mitglieder jedoch noch nicht auf den Rahmen einer gemeinsamen Haushaltsplanung einigen.
Auch werden Sorgen geäußert dass immer mehr Ackerland an Ausländer verkauft werde.

2. Januar 2013

Rigas Hunde fahren nicht Straßenbahn

Vielleicht geht es nicht nur mir so: auch wer kein Krimifreund oder Spezialfan der Geschichten von Henning Mankell rund um den fiktiven Schwedenkommissar Kurt Wallander aus Ystad ist, der hat Buch und Film mit dem Titel "Hunde von Riga" nicht vergessen. Die erste Fassung erschien 1992 in Schweden, bereits 1993 in Deutschland. Am vorletzten Tag des Jahres 2012 lief eine neue Fassung in der ARD.

Krisenzeit im Schwebezustand
Neue Erkenntnisse von Kenneth Branagh alias
"Wallander" in Riga: sicher fühlt sich der Schwede
nur in der Straßenbahn ...
1993 waren Lettlands Krisen noch nicht vorbei: wer es miterlebte wird es beim Lesen von Mankell's Buch es ganz natürlich gefunden haben, dass ein Teil der Ordnungsbehörden auf Seiten der Unabhängigkeitsbewegung, ein anderer auf Seiten des alten Apperats stand - und vielleicht gab es sogar noch ein dritten Teil derjenigen, die nicht richtig wussten wie ihnen überhaupt geschah. 1995, als "Hunde von Riga" erstmals verfilmt wurde, taumelte Lettland in die erste große Bankenkrise, die Fragen zum Status der russischstämmigen Minderheit waren noch ziemlich ungeklärt, und vieles - außer ein bischen Coca-Cola- und Marlboro-Werbung stand noch unverändert so da wie zu Sowjetzeiten. Wer sich bereichern konnte der zögerte nicht, und der Umgang mit Gästen aus dem europäischen Westen war noch mit vielen Illusionen und Fehleinschätzungen behaftet.

Durch die 1990er Jahre hindurch war das Schicksal der lettischen Nation noch international weitgehend unbeachtet - wenn man von der formalen Anerkennung der Eigenstaatlichkeit einmal absieht. Aber als eine friedliche Entwicklung mehr und mehr gesichert schien verloren große Teile des Westens das Interesse - nicht ohne laut zu äußern, Lettland werde nie in die NATO aufgenommen werden (denn Russland könne das nicht dulden), ein EU-Beitritt war ebenfalls noch in unendlich weiter Ferne (Finnland trat 1995 der EU bei). Wer Lettland damals kannte, der staunte, wie eng die Handlung in Buch und Film und die tatsächliche Atmosphäre dieser Anfangsjahre in Riga beieinander lagen.

Nun also eine Neufassung. Als Auftragswerk der britischen BBC, gedreht 2011 in Riga. Ich versuche meine Eindrücke zu sortieren - aber irgendwie schien mir der Film wie aus der Zeit gefallen.

Der BBC-Wallander - eine Story über Mißstände bei der Polizei?
Korrupte lettische Polizei mit undurchsichtigen Strukturen, eine schwedische Lichtgestalt im mutigen Einsatz für Recht und Gesetz - das Märchen wurde britisch umgestrickt. Das Filmteam gibt sich 2011 keinerlei Mühe mehr, die Atmosphäre von vor 20 Jahren wiederauferstehen zu lassen: im neuen Film mit Kenneth Branagh gibt es moderne Luxusautos, Windräder, Zigarettenschachteln mit EU-konformen Warnaufschriften, Digitalkameras die Geheimnissse speichern, Laptops und Speicherkarten, auch elektronische Polizeiausweise.Allerdings sehen lettische Polizeibüros weiterhin so aus wie vor 20 Jahren.

Zwei tote Jungs aus Ventspils, eindrucksvoll russisch
tätowiert, sorgen bei Wallander in Südschweden
für Unruhe
Bei Kenneth Branagh gibt es zwar keine "Mafia", aber "das Syndikat". Lettische Russen angeblich. Oder Ex-KGB-Mitarbeiter umgewandelt in kriminelle Banden, behauptet ein zwielichtiger Polizist. Die "Radniecība"-Gang (=Verwandschaft), mal lettisch, mal russisch ausgesprochen. Wie es sich wirklich verhält, klärt der Film nicht auf - Hauptsache am Ende konnten ein paar Schlechte verhaftet und ein paar weniger Schlechte vorläufig entlastet werden. 20 Jahre nach Ende der Sowjetunion kommt das ein wenig altbacken daher - zwar durchaus spannend in Szene gesetzt - nur, wer Riga schon länger kennt, bei dem wird es ein ausgiebiges Gähnen erzeugt haben.

Es wird um militärischer Ränge gestritten. Typisch englisch? Der lettische Kommissar ist "Major", der schwedische Gast wird wie selbstverständlich mit "Oberst" angeredet - obwohl sonst in der englischen Originalfassung ziemlich dahergenuschelt wird - aber hier protestiert der Schwede fast zornig. "Polizisten werden in Lettland nicht geschützt", hatte ihm Kommissar Kārlis Liepa schon vor dem ersten Riga-Besuch erzählt. Der zweite Polizeikollege von hohem Rang ist Mūrnieks, ist russischer Lette. Angeblich der einzige der noch vom KGB übrig ist (sagen diejenigen, die ihn verraten). In diesem Film haben lettische Polizisten immer noch kein W-Lan oder Email, dafür schicken sie aber noch Faxe - wie 1990.

Drogenkuriere, Heroin, Kokain - ist es nun Geschichte oder ist es Gegenwart? "In Lettland kannst Du mir nicht helfen" behauptet Karlis, und kommt mit einer Tupolew-Maschine nach Schweden eingeschwebt. Als er wenig später tot aufgefunden wird, scheint sich die Warnung vor den Zuständen in Riga zu bestätigen. Aber die Story fließt weiter flaschengrün daher und bleibt unentschieden, ob sie nun Verhältnisse damals oder Verhältnisse heute zeigen will. Vielleicht nur eine Parabel vom unsicheren Osteuropa, die von der britischen Insel aus gesehen umso unverständlicher scheint?

Schwedischer Mann, Hilfe suchende
lettische Frau - eine Rollenverteilung,
die auch bei Branagh 2012 nicht
hinterfragt wird.
Es regnet oft in diesem Film. Etwas wärmeres Licht gibt es nur in Schweden, wenn Wallander zu Hause ist - abziehende Regenwolken. Es wird auch bei Regen auf dem Bralu kapi (dem Brüderfriedhof) beerdigt, und die Uniformierten murmeln unpassend peinlich: "Witwen können sehr schön sein" (in der englischen Fassung sogar: "Witwen sind wunderschön").

Die lettischen Ordnungshüter arbeiten in Großraumbüros mit ständig laufenden Kaffeeautomaten. Von einem "Syndikat" will zunächst niemand etwas wissen bei der lettischen Polizei, dann plötzlich: "Davai, uz priekšu!" - und schnell werden angebliche Syndikat-Mitglieder verhaftet; eine  Schauverhaftung für den schwedischen Gast. Mutter und Kind laufen weinend ins Treppenhaus - auf weibliche Schönheit wird jetzt keine Rücksicht mehr genommen (nur einsame Frauen sind schön?). Der Schwede fragt erstaunt nach, der Lette antwortet mit gespielter Ironie: "Und wie machen Sie das mit Verhaftungen in Schweden? Servieren Sie erst eine Tasse Kaffee?"

Schmugglerhotels, abgegriffene Lichtsschalter und sensationelle Straßenbahnen
Dann wieder eine Hotelszene, wie sie tatsächlich vor 20 Jahren sich hätte abspielen können: erstaunliche Angebote am Frühstückstisch in kalter Atmosphäre, verzweifelte Letten versuchen mit dem ausländischen Gast Kontakt aufzunehmen - so als ob es kein Ryanair gäbe (wenn es denn im Riga von heute spielen sollte). Aber im "Hotel Riga" war es ja früher so, die reale Abhöranlage wurde allerdings längst gefunden und ist heute im Okkupationsmuseum ausgestellt. In dieser "modernen" BBC-Fassung steckt die Abhöreinrichtung in einem billigen Plastikwecker.

Das Riga, das Wallander alias Branagh hier besucht, zeigt sich mit heruntergekommenen Wohnungen mit ausgeleierten Türen, schmutzig verschmierten Lichtschaltern, abgeschabten Flurwänden und abhörsicherem Dachboden. Frau Liepa wohnt Irgendwo Nähe Tērbatas iela, der gefilmte Umgebung nach zu urteilen. Auf dem Dachboden eine Szene, die vielleicht 1990 möglich gewesen wäre: als es nur zwei bis drei verschiedene Sorten Brandy gab, und dem Gast "Napoleon" gereicht wurde.
Verfallene Straßen ausgerechnet in der Altstadt, und ausgerechnet am Kinomuseum (2012 einzige noch nicht renovierte Stelle der Altstadt, wo so etwas ohne Aufwand gefilmt werden konnte). Und ausgerechnet die Straßenbahn als Zuflucht, wo niemand stört und niemand hinterher kommt! Die langsame, quietschende Straßenbahn der 90er Jahre - gezeigt werden nur ältere Modelle (es hätten schicke Niederflurwagen sein können!).

Noch eine Replik: bedrohte Journalisten
Alles außerhalb von Straßenbahnen bleibt in Riga bedrohlich. Ausländer werden angefleht zurückzukommen, da die Letten ihre Sachen nicht allein regeln können (Frau Liepa droht im Polizeigefängnis zu verschwinden).
Schließlich wird Anti-Korruptions-Journalist Upitis erschossen. Der letzte reale Vorgang dieser Art war 1994 - aber auf die Vorabrecherche realistischer Verhältnisse kam es diesen Filmemachern offenbar nicht an; lieber rühren sie alles Halbwissen und Vorurteile zusammen.

Plötzlich, überraschend real, während einer Autofahrt die Musik vom Letten-Rapper "Ozols" - leider bleibt es nur ein Momenteindruck, die Musik wird nicht mal im Abspann erwähnt. Also sind Erinnerungen an das real existierende Riga nicht so wichtig? 

Überall in Riga fliegen Tauben, und alles scheint durch dreckige Hinterhöfen miteinander verbunden zu sein. Kein Supermarkt, kein modernes Hotel ist zu sehen. Allerdings ein Apparat für E-Taloni im alten Straßenbahnwaggon. Die orthodoxe Kathedrale in frisch renoviertem Glanz. Ein Klavierstück als Sehnsucht nach Privatheit in unsicherem Gelände. Abgehörte Wohnungen und Reden nur unterm Dach.

Schlußakkord im KGB-Archiv
Warmes Sommerlicht weiterhin nur in Skåne. Ich musste schon ein wenig lächeln, als sich die Filmdramatik sich ausgerechnet auf den "Latgales Tirgus" (oder auch "russischer Markt" genannt) konzentriert. Normalerweise ein chaotischer Flohmarkt mit Ersatzteilen aller Art - vielleicht Schwarzgehandeltem unter dem Tisch. Hier spielen die angeblich korrupten Polizisten ein wenig Katz und Maus, mit Fortsetzung auf dem Zentralmarkt. Eine schwedische Botschaft als Zuflucht (der zivilisierten Menschen?). Fluchtwege von der Nordstadt in die Altstadt und weiter zur Maskavas iela. Ein flüchtiger Bezug auf alte Zeiten: Baiba outet sich als Ex-Aktivistin der lettischen Unabhängigkeitsbewegung.

"I must say, Kurt, you are a difficult man to protect!"
Artūrs Skrastiņš, nach Rollen in "Likteņdzirnas",
"Baiga vasara", "Rīgas sargi", "Mazie laupītāji"
("Die kleinen Bankräuber") und "Rūdolfa mantojums" -
nun als zwielichtiger Polizist Putnis
Ein Finale in einem vergessenen alten, sowjetisch riechenden Archiv - das könnte ich mir in Riga gut vorstellen! Ob nun wie im Film die alten KGB-Akten mit heutigen Polizeiakten gemischt sind oder nicht, wäre dabei nebensächlich.
Ein gemütlicher, dicker Polizist geht an einem schlecht bezahlten Wachmann-Kollegen mit den Worten vorbei: "Šīs ir pillā" ("dieser hier ist betrunken") - und schon stößt er allein fast bis ins "Allerheiligste" vor. Schade, dass Branagh im Film nicht mehr von der Entzauberung der angeblichen Sowjet-Allmacht zeigt, wie sie ja im Zuge der lettischen Unabhängigkeitsbewegung tatsächlich geschah. Die neuen lettischen Eliten hätten es verdient, im gleichen Atemzuge mit entzaubert zu werden!

Am Ende bleibt übrig ein tapfer Riga-Balsam trinkender edler Polizist russischer Abstammung, der angeblich seit der lettischen Unabhängigkeit nicht mehr an Wahlen teilnehmen kann (obwohl fließend Lettisch sprechend!), und dessen Vollmachten von korrupten Kollegen und Vorgesetzen beschränkt werden. "Savakt aiz sevis!" steht geschrieben an der Wand, hier wohl als "rette sich wer kann" zu übersetzen.

Ein lettisch sprechender russischstämmiger Polizist, der seine angebliche Benachteiligung zum Vorwand nimmt, nicht stärker im Sinne der Gerechtigkeit eingegriffen zu haben ins Geschehen? Allzu schablonenhaft, finde ich.
Billige, mitleiderheischende Phrasen für den daheim auf dem Sofa sitzenden Briten, der sich Sorgen macht um Demokratie und lettische Volksgesundheit? Nur um ein paar Zuschauersympathien zu gewinnen? Das hätte Branagh sicher nicht nötig gehabt.

Als Schlußbild wieder leere, spärlich eingerichtete Räume - wie einsame "Ēdnīcas" im 80er Jahre Design. Nur hat es sie derart leer auch nie gegeben in Riga. Niemand rührt dort einsam in riesigen Hallen in seinem Kaffee. "Ist Schweden so schön wie es im Buch beschrieben steht?" fragt die schöne Witwe Baiba, nachdem sie vom schwedischen Kommissar Grabblumen geschenkt bekommen hat. Zurück in der Wohnung schiebt Baiba die Vorhänge beiseite und läßt warmes Licht herein, und das sowjetische Siegerdenkmal grüßt im Abendlicht.

Mehr Diskussionsstoff - und eine Zukunft für in Riga gedrehte Filme?
Ingeborga Dapkūnaitė - "geboren in Litauen, als das
Land noch Sowjetunion war" - so versucht die BBC den
Zuschauern die Schauspielerin in einer der Hauptrollen
näher zu bringen
Noch kurz zu den Schauspielern: Kenneth Branagh spielt immerhin so, wie ein ahnungsloser Schwede eben in Riga herumlaufen könnte, fast immer mit "Leidensmiene", wie der "Tagesspiegel" richtig anmerkt. Die lettische Hauptrolle (die offenbar hauptsächlich wie "schöne Witwe" aussehen sollte) spielt die Litauerin Ingeborga Dapkūnaitė. Der einzige schauspielernde Lette ist Artūrs Skrastiņš (vielfach preisgekrönt im eigenen Land!) und spielt ausgerechnet den größten Schurken Kommissar Putnis. Er musste, lettischen Presseberichten zufolge, ein "hartes Casting" absolvieren um diese Rolle zu bekommen. Die Produktionsbedingungen in Lettland vorsortiert hat "Baltic Pine Films", die auf die Einlösung des Versprechens hoffen, Produzent Andy Harries würde für weitere Filmproduktionen nach Lettland zurückkommen. Aber: nur wenige lettische Schauspieler können ausreichend Englisch, ist aus Richtung der Produktionsfirma vernehmbar. "Ausgesiebt" wurde von den Briten auch Rēzija Kalniņa, deren Deutschkenntnisse offenbar besser sind, denn sie spielte auch schon eine ARD-Hauptrolle in der deutschen Serie "Polizeiruf 110" ("Die Lettin und ihr Lover") .

Danke, Kenneth Branagh - der den Film mitproduziert hat - für eine zweite Fassung der "Hunde von Riga", also im Sinne von Henning Mankell der Verhältnisse von Riga 1990. Sie gibt erneut Anlaß über Riga nachzudenken - auch im Sinne eines Kommentars in der lettischen Zeitschrift "IR", der bedauert dass von der mit der lettischen Unabhängigkeitsbewegung sympathisierenden Stimmung der ersten Fassung bei Branagh nichts mehr zu spüren ist (aber dem Irrtum aufsitzt, man solle in ausländische Kinoproduktionen bis ins Drehbuch hinein staatlich "korrekt" intervenieren?). Da überschätzt sich jemand: die künstlerischen Vorstellungen eines Drehbuchautors sind sicher nicht von ein paar Euro Zuschuß eines russischstämmigen Bürgermeisters am Drehort abhängig, und schon gar nicht von einer dahinter sichtbaren russischen Mafia - sonst hätte sich ja die düstere Spielfilmfiktion doch noch selbst prophezeihend erfüllt. Deutsche Fernsehzuschauer werden jedenfalls wegen dieses Films nicht an der Berechtigung der lettischen Unabhängigkeit zweifeln, und Umsetzungsschwierigkeiten der Demokratie gibt es eben in allen Ländern. Zum Vergleich lohnt sich der Kommentar zur lettischen Filmföderung in der "Latvijas Avize" zu lesen, denn offenbar gab es auch schon Filmförderung aus Riga, bei der am Schluß Riga gar nicht im Film gezeigt wurde.

Nein, es war spannende Abendunterhaltung im modernen, nüchternen Stil für alle, die sich um die realen Verhältnisse in Riga nicht weiter kümmern.
Auf die erste Filmfassung gab es Stimmen, die gerade die in Riga dargestellten Vorgänge als "unlogisch" kritisierten (z.B. hier). Dem konnte damals entgegnet werden: ja, aber die Verhältnisse im Riga 1990 WAREN unlogisch! Deutsch geordnet und sortiert vollzog sich da gar nichts, und deshalb konnten sich auch Riga-Liebhaber mit der ersten Wallander-Filmfassung anfreunden. Ob auch mit der zweiten? Ich bin auf weitere Kritiken gespannt (die in der FAZ zählt nicht, dieser Mensch schien den neuen Film gar nicht gesehen zu haben und beschreibt statt dessen alle anderen Bücher Mankells...).

Infos:
ARD zu Serie / noch verfügbar: der Branagh-Film in der ARD-Mediathek
"Hunde von Riga" bei Wikipedia / Filmkritik im "Tagesspiegel" / englische Fassung / Zu den Dreharbeiten: "Film Riga" / private Sicht auf die Dreharbeiten / Wallander-Ausschnitte der BBC / Bericht "Ystads Allehanda" über die Dreharbeiten in Ystad / und nochmals "Ystads Allehanda" / "Delfi.lv" über Branagh in Riga /"Dogs of Riga" im US-Fernsehen / Kenneth Branagh im Interview über seine Rolle als "Wallander" / Privatfotos von den Dreharbeiten in Riga / Fotos von den Rigaer Dreharbeiten bei "Delfi.lv" und Fotos von Artūrs Skrastiņš auch hier / Filminterview Ingeborga Dapkūnaitė bei DIENA-TV (russisch) / Kommentar in der Zeitschrift "IR" / Anmerkungen zur Filmmusik bei "Hunde von Riga" /

29. Dezember 2012

Ist das Kultur, oder kann das weg?

Eines der Kulturthemen des abgelaufenen Jahres:
der Chor der Oper drohte mit Streik, singt aber
vorerst weiter
Zum Jahresausklang sind auch in Lettland allerlei Rückblicke und Ausblicke zu lesen. Die folgende Themenübersicht ist - mit Ergänzungen - derjenigen des Portals "Delfi.lv" nachempfunden.

Lettisches Kino: Enttäuschungen, Nörgeleien, Hoffnung und Neuanfang

Aufsehen erregten 2012 verschiedene neue lettische Filme - was zunächst mal ein gutes Zeichen ist, denn bei einem Land mit nur 2 Millionen Einwohnern ist es ja nicht ganz selbstverständlich dass es überhaupt eine eigene Kinoproduktion gibt. Fest etabliert hat sich "Cinevilla" als "Kinoproduktionsstadt"; um es ökonomisch lohnenswert zu machen wird dort allerlei "Sonstiges" angeboten - vom Hotel über ein Wettlauf-Event bis zur Möglichkeit dort zu heiraten. Doch die politische Unterstützung fällt unterschiedlich aus: während bei der Premiere von "Sapnu komanda", dem lettischen Basketballmärchen, auch fast alle politischen Größen Beifall klatschten, gefiel das in "Kolka Cool" gezeigte ländliche lettische Alltagsleben der nationalistischen Rechten gar nicht: "zu viel Schimpfworte und Alkoholgebrauch im Film".
Lettische Freizeitangebote:
einmal selbst "Freiheitskrieg"
spielen im Kinodorf

Bedenklich dabei vor allem, dass Kritik mit finanziellen Drohungen verknüpft wird: ein mit staatlichen Fördergeldern finanziertes Werk soll bitte schön auch ein positives (Vor-)Bild des eigenen Lands zeigen - wenn es nach den Wünschen solcher Möchtegern-Kulturexperten geht.

In zwei Fällen wirkte sich politisches Geschacher und Finanzierungstaktik auch direkt aus. Zum einen war es das Filmfestival  "Arsenāls", dessen Tradition bis zum Jahr 1986 zurückreicht. 2011 konnte das 25-jährige Jubiläum gefeiert werden - im März 2012 gaben die bisherigen Verantwortlichen das Ende des Festivals bekannt: nach 2184 gezeigten Filmen und insgesamt 330.000 Zuschauern (DIENA 12.2.12). Auch die beiden bisherigen Sponsoren, Ex-Ministerpräsident Māris Gailis und Festivaldirektor und Filmemacher August Sukuts, zogen sich zurück. Außerdem sei es nicht gelungen, mit dem Stadtrat Riga und dem lettischen Kulturministerium eine Vereinbarung zum Erhalt des Festivals zu treffen. Ebenso legendär wie das Festival selbst war die Preisverleihungszeremonie: Sukuts servierte allen teilnehmenden Filmemachern Wein - eines der Gefäße enthielt einen Knopf von Sukuts Weste, und wer diesen beim Austrinken fand erhielt auch das Preisgeld. Aber vielleicht sind auch einfach die Zeiten solcher generöser "Kulturpaten" vorbei? Während Sukuts sich lange vor dem Ende des Festivals ein Haus im sonnigen Spanien kaufte und dort leben will, und Gailis es auch schon mal zu einer Weltumseglung drängte, bleibt die Kinoförderung in Lettland mühsames Tagwerk. Im Herbst wurde das Konzept für ein neues lettisches Kinofestival vorgestellt, das künftig "FF RIGA" heißen soll (siehe "Baltic Times") und vor allem die Konkurrenz des inzwischen gut etablierten "Black Nights Festival" im estnischen Tallinn annehmen muss, wo schon in den vergangenen Jahren Filme präsentiert wurden, die eigentlich auch Teilnehmer beim "Arsenāls" hätten sein können.

Oper Riga: Leitung in Frage gestellt

Wenn es schon "alles ist Dunkelheit" heißt - so
soll es auch dunkel bleiben! - so reagierte die
Stadt Riga auf einen polnischen Gastkünstler
Einen Teil der Kritik zog auch das Förderprogramm des staatlichen "Kulturkapitalfond" auf sich ("Valsts kultūrkapitāla fonds" VKKF). Die Kriterien zur Aufnahme in eine Liste von "landesweit wichtigen Kulturprojekten" wurden vor allem von denen in Frage gestellt, die sich unberücksichtigt fanden: außer den beiden Kinofestivals "Arsenāls" und "Baltijas Pērle" auch nicht das Opernmusikfestival in Sigulda und das lettische Ballettfestival. Irritationen erzeugte Kulturministerin Jaunzeme-Grende schon Anfang des Jahres mit ihrer Entscheidung, den Vertrag von Andrejs Žagars, dem Chef des Opernhauses in Riga, nicht zu verlängern sondern die Stelle auszuschreiben. Begründet wurde das mit angeblichen Finanzschwierigkeiten bei der Oper. Mit der Ankündigung eines Audits folgte dann aber doch die Vertragsunterzeichnung mit Žagars, allerdings nur auf ein Jahr. Ob es da 2013 neue Unruhe geben wird? Žagars hatte angekündigt, dass zwar die Oper gegenwärtig alle aufgenommenen Kredite bedienen könne, aber für die Arbeit der kommenden Jahre eine halbe Million Lat mehr erforderlich seien. Dazu kamen im Mai und Juni 2012 Diskussionen um den Opernchor, der aufgrund Arbeitsüberlastung und niedriger Entlohnung kurz vor einem Streik war. Und nun hat auch Chefdirigent Karel Mark Chichon in Riga gekündigt - aus Protest gegen niedrige Musikerlöhne (siehe "Der Standard").

Zeit für Kultur - und für Pöstchen und Finanzen

Im Juni 2012 gründete sich die Initiative “Laiks kultūrai” (Zeit für Kultur) als Verein, mit Theater- Opern und Museumsdirektor/innen als der Mitgliedern. Ausgangspunkt waren zunächst nach Ansicht der Initiative fruchtlose Versuche, mit Kulturministerin Jaunzeme-Grende ins Gespräch zu kommen, und die Verfassung eines Memorandums, das vor allem von einer Arbeitsgruppe unter Leitung der Schriftstellerin Nora Ikstena initiiert worden war. Seit 2008 sind nach Analysen der Initiative im Mittel 13% der Staatsausgaben zurückgefahren und gekürzt worden - aber 42% der Ausgaben für Kultur. Ein Absinken des Kulturhaushalts unter 2,5% des Staatshaushalts sei nicht hinnehmbar.
Im Juni erklärte dann Juris Dambis, Architekt, Leiter der staatlichen Denkmalpflege Lettlands und neuer Vorsitzender von  “Laiks kultūrai”, der Dialog mit der Ministerin verbessere sich langsam. War es am Anfang noch die Forderung nach Rücktritt der Ministerin, entließ diese schließlich ihre  beiden Berater (beides selbst Ex-Kulturminister) Ints Dālderis un Sarmīte Ēlerte. Letztere wurde inzwischen von der Fraktion "Vienotība" als Kandidatin für den Posten der Bürgermeisterin von Riga ausgerufen - also Gegenkandidatin von Bürgermeister Nils Ušakovs. Seitens der Kulturministerin wurden drei neue "Berater" ernannt: Dambis, sowie Solvita Krese (Lettisches Zentrum für Zeitgenössische Kunst) und Haralds Matulis (Latvijas Radošo savienību - Rat der Kreativen Vereinigungen Lettlands). Eines der Ziele der Initiative ist es - neben ausreichenden Finanzen für alle Kulturinstitutionen - dass Kultur als eine der Prioritäten des Staates festgeschrieben werden möge. Die Mitglieder von “Laiks kultūrai” vereinigen insgesamt etwa 5000 im Kulturbereich arbeitende Mitglieder.

Kunst in Riga - nicht überall willkommen

Lettischer Grammy-Kandidat:
Komponist Uģis Prauliņš
Im Oktober/November lud Riga Bildhauer unter dem Thema "Integrācijas anatomija" (Anatomie der Integration) ein. Eine Veranstaltung mit Tradition, die in ähnlicher Form schon seit 1972 durchgeführt wird. Seit 2004 ist das "Mākslas Menedžmenta un Informācijas centrs (MMIC)" verantwortlich, 2012 mit Aigars Bikše, Ivars Drulle und Inese Baranovska als Kuratoren. Aber schon vor der Eröffnung gab es Schwierigkeiten: für drei Arbeiten gab die städtische Bauverwaltung keine Erlaubnis zur Anbringung an den dafür vorgesehenen Gebäuden. Stefanos Tsivopoulos (Niederlande / Griechenland) nannte sein Werk ”Putin's Vorwahlkampf-Bühne” und wollte die Wiederwahl Putins in Russland künstlerisch kommentieren. Hubert Zcerepok aus Polen, der auch viel in Deutschland ausstellt, wollte mit "Alles ist Dunkelheit" einen feurigen Davidsstern mit einem Comet kombinieren und in der Nähe des lettischen Freiheitsdenkmals anbringen lassen. Und auch die plastischen schwarzen Soldaten des Letten Ginters Krumholcs ("Im Namen der Rose") sollten am Freiheitsdenkmal aufgestellt werden - immerhin einem Ort, der 1990 durch Kunstausstellungen mitten in den hitzigsten politischen Diskussionen für interessante künstlerische Aspekte sorgte. Im Jahr 2012 war Ähnliches unerwünscht, und die Ausstellung zog ins Eisenbahnmuseum auf die andere Seite der Daugava um. Sozial engagierte Künsterinnen und Künstler einzuladen, die auch die Lage in Europa und in der Welt im Blick haben - so der Anspruch der Organisatoren. In Rigas "guter Stube" waren allzu viel künsterische Nadelstiche zum Thema "Integration" dieses Jahr offenbar unerwünscht (siehe "Artleaks und LETA)".

2013 - wieder ein Chor-Jubeljahr?

2012 erregte zunächst Dirigent Māris Sirmais Aufsehen mit der öffentlichen Ankündigung, sich nach 22 Jahren Zusammenarbeit vom vielfach preisgekrönten Chor "Kamēr" zu trennen. Komponist Uģis Prauliņš wurde für seine Komposition "Die Nachtigall" gleich für zwei Grammys nominiert. Lange im Unsicheren blieb aber die Finanzierung des Großen Sänger- und Tanzfestes, das regulär im Juli 2013 stattfindet. Ein offener Brief von Amateurchorleitern machte die ziemlich kümmerliche Unterstützung der ehrenamtlichen Chorleiter und -organisatoren deutlich, und auch der konkrete Umfang des Budgets für das Sängerfest blieb lange unklar. Vom 30.Juni bis 7.Juli 2013 werden in Riga 390 Chöre, 540 Volkstanzensembles und 55 Blasorchester erwartet (Programminfo).
Also: auf ein neues, gutes Kulturjahr!

14. Dezember 2012

Die Sache mit dem Geld

Euro ohne Krise - geht das? 
Innenpolitisch hat Lettland so manche aktuelle Fragen zu bewältigen: von der Bildungsreform über die nötigen Reformen im Gesundheitswesen bis hin zur Regionalpolitik. Nichts davon bringt die Regierung von Ministerpräsident Dombrovskis derzeit ernsthaft ins Wanken. Aber eine Frage spaltet doch die verschiedenen politischen Lager gleichermaßen und sorgt für Nervosität: Die Zustimmung zur Euroeinführung wie geplant am 1.Januar 2014 sinkt. Neueren Umfragen zufolge erwarten nur noch 20-25% der Bevölkerung dass es genau so umgesetzt werden wird.

Dombrovskis und seine Minister bemühen sich derzeit, den Übergang zum Euro als ganz normalen Teil der laufenden Wirtschafts- und Finanzpolitik darzustellen. Manches folgt dabei gewohnten Schablonen und Mechanismen: in vielen Fällen schaut Lettland eben doch neidisch auf den nördlichen Nachbarn Estland, und möchte am liebsten das, was die Esten heute tun, morgen im eigenen Lande auch zur Verfügung haben.
Andererseits folgt die Diskussion momentan auch den vielfältigen Medienschlagzeilen zum Thema Europa: gefühlt hat es seit dem Ausbruch der weltweiten Wirtschaftskrise 2008 kein Aufatmen mehr gegeben - Europa rutscht von einem Krisentreffen ins nächste. Von Lettinnen und Letten wurde abverlangt, kurzfiristig erhebliche Lohnkürzungen bis zu 25% hinzunehmen - und dies auch alles ganz "ordnungsgemäß" abzulaufen schien, während die Menschen in anderen Ländern wie Griechenland oder Spanien zu Zehntausenden protestierend auf die Straße gehen. Ob es nun lettischen Stolz hervorruft, dass Lettland inzwischen besonders von konservativen Wirtschaftsvertretern teilweise als "Vorbild für Europa" angesehen wird? Wohl nur unter denen, die finanziell selbst keine Sorgen haben.

Brüssel oder Moskau?
"Es ist eine Wahl zwischen Euro oder Rubel!" - behauptet die konservative Europaparlamentarierin Sandra Kalniete. Sie möchte gerne "mit an dem Tisch sitzen, wo die wichtigen Entscheidungen getroffen werden." Einige lettische Politiker fürchten also um ihren Einfluß in der Europapolitik (und drohen mal wieder mit wachsendem russischen Einfluß als angebliche Alternative). Kalniete weist darauf hin, als lettische Botschafterin in Frankreich die Zeit erlebt zu haben, als die Franzosen sich von ihrem Franc trennen mussten und nennt die Deutschen als Vorbild: "die hatten es am schwersten, denn wie für uns war die DM ein Symbol der wirtschaftlichen Erholung." Und für Aivars Endziņš, Chef des lettischen Verfassungsgerichts, ist die Sache sowieso klar: "Darüber haben wir ja schon abgestimmt, als wir uns für den EU-Beitritt entschieden haben," sagte er lettischen Journalisten. Wer behaupte, bei einer Euro-Einführung eine gute Begründung für eine Klage vor dem Verfassungsgericht zu haben, der gehe fehl.

Die Oppositionspartei "Saskaņas centrs" (SC) nutzt derweil das Euro-Thema auch für die Kommunalwahl: die steht im Frühsommer 2013 an, und SC-Spitzenkandidat ist Bürgermeister Ušakovs - mit guten Chancen auf Wiederwahl. Ob da der Vorschlag, gleichzeitig mit den Kommunalwahlen am 1.Juni ein Referendum zur Euro-Einführung durchführen zu wollen eigentlich ernst gemeint ist, oder nur die Wiederwahl zementieren soll, wird nur die als Russland-freundlich geltende Partei selbst wissen. Das Argument, Dombrovskis solle sich für die Euro-Einführung "das Mandat vom Volk" holen, klingt jedenfalls auch nicht ganz ehrlich: eine Einführung zum 1.1.14 würde wohl kompliziert werden wenn sie bis zum 1.Juni 2013 unsicher bleiben müsste. Und wie genau würde eine Frage beim Referendum lauten? Euro ja oder nein, oder mehrere "Wunschdaten" zur Auswahl stellen? Details dazu sind vorläufig der politischen Taktiererei überlassen. SC-Vertreter jedenfalls benutzen gegenwärtig gern den Begriff vom "Euro als Trojanischem Pferd".

Politisch für den Lats, privat lieber Devisen?
Eines scheint sicher: der Weg zur Euro-Einführung bedeutet momentan gleichzeitig eine weitere Zustimmung zur Regierungspolitik - denn Währungs- bzw. Wechselkursschwankungen gab es ja auch in den vergangenen Jahren nie, allzu fest war der Lat an den Euro gebunden. Gerüchte einer Abwertung des Lat, um heimische Finanzschwierigkeiten zu beheben, blieben nur Gerüchte: dem steht allein schon die Statistik entgegen, dass über 80% aller Kreditaufnahmen in Lettland sowieso in Euro laufen (siehe "IR" 12.12.).
Mehr Argumentationsschwierigkeiten haben da schon die lettischen Nationalisten auf der einen und die oppositionelle Bauernpartei auf der anderen Seite. Ganze fünf Stunden lang diskutierten Vertreter der nationalen Liste ("Visu Latvijai" / "Tēvzemei un Brīvībai/LNNK") in dieser Woche über dieses Thema. Den Lat nur aus nationaler Symbolik beizubehalten, dazu konnte sich aber zumindest die Parteiführung der Nationalisten doch nicht durchringen. Man wisse zwar, dass der Euro kein Wundermittel sei, aber die Angst vor einem auch international erkennbaren Kurswechsel ist auch hier größer als das eigentliche Vertrauen in den Euro.

Umfragen zum Thema Euro gibt es in Lettland gegenwärtig häufig, aber je nach Auftraggeber fallen auch die Ergebnisse aus. "Latvijas Fakti" weist im Auftrag der lettischen Nationalbank 59% Gegner einer Euro-Umstellung auf, während dem "DNB Barometer" zufolge 50% eine Euro-Einführung zumindest in den allernächsten Jahren befürworten. Das "DNB Barometer" fragte auch nach den größten Bedenken der Letten: an der Spitze steht hier die Angst vor steigender Inflation. In einem sind sich die Umfrageinstitute aber einig: gegenwärtig wirken sich auch scheinbare Kleinigkeiten stark auf die Stimmungstendenz aus. Die Agentur SKDS übersetzt die sinkende Zustimmungstendenz in Lettland in Zahlen: 2004 waren bei den SKDS-Umfragen noch 41,1% für den Euro, 2009 waren es noch 36,7%, Ende 2012 nur noch 23,1% die eine Euro-Umstellung bedingungslos befürworten. - Gleichzeitig meinen aber auch 44% (Umfrage Eurobarometer) der Letten, die Einführung des Euro habe das eigene Privatleben eher positiv beeinflußt.

Ein Beitrag der Zeitschrift "IR" schaut auch bei den Politikern genau hin: da in Lettland alle Politiker ihre privaten Rücklagen öffentlich angeben müssen, fällt es Pauls Raudzeps in der "IR" nicht schwer ein gespaltenes Verhältnis der meisten Oppositionspolitiker nachzuweisen. Seiner Untersuchung zufolge gipfelt es beim SC-Abgeordneten Igors Meļņikovs, der in seiner Steuererklärung 2011 nur ein Vermögen von 4.000 Lat, aber Rücklagen in Höhe von 100.000 US-Dollar angegeben habe.
Kārlis Seržants, Abgeordneter der oppositionellen Lister der Bauernpartei und der Grünen, bemühte in der Zeitung "Diena" das dänische Beispiel. Dänemark habe durch seinen Nicht-Beitritt zur Eurozone 40 Milliarden gespart - pro Bürger 9.000 Euro. Einzige Einschränkung: "Ich bin Historiker, kein Wirtschaftsfachmann", so Seržants. Seine Fraktionskollegin
Dana Reizniece-Ozola gab vor auch bereits das Datum des Zusammenbruchs des Euroraums zu wissen: "Am meisten genannt wird der 28.Juli 2014", teilte sie den erstaunten Parlamentskollegen mit. 
Trotz solcher Sprüche - die erste Lesung der Gesetzesvorlage zur Euro-Einführung, die in dieser Woche im lettischen Parlament beraten wurde, bezeichnete die Wirtschaftszeitung "Dienas Bizness" als bloßen "Rhetorik-Wettbewerb". Dennoch: der erste Schritt Richtung Euro ist bereits getan.

Vielleicht demnächst in neuer Fassung im
Handel? ("Letties entdecken die Geldfabrik"?)
Die Fähigkeiten der Ba-Wü-Münzprägung
als Kinderspiel

Estnische Mahnung, deutscher Nutzen
Unterdessen trat - angeblich auf Einladung des lettischen Präsidenten Bērziņš - der estnische Präsident Ilves kürzlich im lettischen Fernsehen mit einer Euro-Rede auf. "Unsere Minister kümmern sich nur noch um den Euro", meint der estnische Gast, "aber den lettischen Kollegen schmerzt der Kopf gleich zweimal: wegen dem Lat und wegen dem Euro." Auch in der Krise sei es besser, bei den wichtigen Beschlußfassungen mit am Tisch sitzen zu können, so Ilves. Und auch er bemüht das deutsche Beispiel: nicht einmal Deutschland wolle ja den Euro aufgeben, denn Berlin fürchte einen Exportrückgang als Folgewirkung. Und: "Ländern wie Griechenland und Italien kann innerhalb der Eurozone geholfen werden. Wer den Euro nicht hat, kann nur noch auf den Internationalen Währungsfond (IWF) hoffen."

Einen Nutzen wird auch Deutschland von der lettischen Währungsumstellung auf jeden Fall haben: zumindest die "Staatliche Münzen Baden-Württemberg", denn dort werden die lettischen Euros geprägt. Kosten: über 5 Millionen Euro. Keine Überraschung, denn an gleicher Stätte wurden auch schon Lats hergestellt.
Auch die "Deutsch-Baltische Handelskammer in Estland, Lettland, Litauen" (AHK Baltische Staaten) befürwortet den Beitritt Lettlands zum Euroraum  - vor allem mit Blick auf die positiven Aussichten für die Geschäftstätigkeit der vielen in Lettland aktiven deutschen Unternehmen, so der Text einer Pressemitteilung. Anläßlich eines Treffens der Handelskammer mit Ministerpräsident Dombromvskis bekräftigte die Kammer noch einmal: "Die Unternehmen würden durch größere Preistransparenz und weniger Transaktionskosten profitieren." Ähnliches lassen lettische Ökonomen bezüglich lettischer Firmen verlauten: die entsprechenden Thesen bauen allerdings ausschließlich auf die Aussicht auf Wirtschaftswachstum und Export. "Geld kommt nicht daher dass es von der Zentralbank herausgegeben wird, sondern dadurch dass unsere Unternehmer es verdienen," so sagte es Mārtiņš Bitāns, Währungsexperte der Lettischen Nationalbank, der Latvijas Avize.
 
Anders sieht es nur in den Leserbriefspalten und Internetforen aus. Dem (deutschen) Volk aufs Maul geschaut, gibt es dort nichts als Misstrauen gegenüber zusätzlichen Euro-Interessenten. Die üblichen Argumente: die Vermutung, Deutschland müsse dann nur noch ein armes Land mehr mitversorgen bis hin zu Behauptung, Euro-Befürworter seien schlicht "Idioten und Verführte". Wo soll eigentlich die Euro-Begeisterung herkommen, wenn sie von den Menschen im Euroraum nicht geteilt wird?

Regierungschef Dombrovskis baut wohl weiterhin auf sorgfältige Erledigung der "Hausaufgaben". Finanzminister Vilks kündigte in dieser Woche an, dass Lettland Kredite in Höhe von 603.000 Euro, die 2008 vom IWF zur Verfügung gestellt wurden, bis Jahresende vorzeitig zurückzahlen wird (IWF 10.12.12).

Die Bank von Lettland gab unterdessen bekannt, dass ab dem 1.Januar 2014 der Umtauschkurs 1,42 Euro  zu 1 Lat betragen wird (0.702804 Lat = 1 Euro).