25. Juli 2012

Jenseits von Olympia ...

Während in London die Olympiade beginnt, ist für den Letten Alexandrs Briedis die Organisation von Sportaktivitäten bereits seit Jahrzehnten Alltag. Wer den rüstigen 74-jährigen zum ersten Mal sieht mag vielleicht für einen Moment lang denken: was macht so ein alter Herr unter so vielen jungen Leuten? Aber wer genauer hinsieht, wird schnell feststellen: mit allen Anwesenden gleich welchen Alters geht Briedis vertraulich um, ist stets als erster am Ort des Geschehens, informiert nachsichtig, aber mit fester Stimme Regelunkundige, und so wird klar: es muss sich hier wohl um einen echten "Spiritus rector" handeln.

Aleksandrs Briedis im Einsatz
Treffen wird man Alexandrs Briedis in diesem Sommer vielleicht in einem der Parks oder den angrenzenden Erholungsgebieten in und rund um Riga: montags auf der Kartbahn im Wald von Biķernieki, mittwochs im Uzvaras Park, donnerstags im Park von Bieriņi am Flüsschen Mārupīte, und freitags im Mežapark. Briedis organisiert Fahrrad-Wettbewerbe für Kinder und Jugendliche, und hat ein einzigartiges Motto dafür gefunden: "Nekur Eiropā – tikai Latvijā Riteņvasara visdemokrātiskākās sacensības" (nirgendwo in Europa - die aller-demokratischten Wettbewerbe, nur in Lettland). Wer Briedis beim Organisieren zusieht, bekommt bald einen Eindruck davon, was er unter "demokratisch" versteht: jede und jeder bekommt eine Chance, die Antrittsgelder sind gering oder ganz erlassen (die Siegerpreise entsprechend von Firmen gesponsert), kleinere Kinder bekommen es nur mit etwa gleichstarken Altersgenossen zu tun. Und sind einmal nicht genug ehrenamtliche Helfer an den Stellen wo sie gerade gebraucht werden, ist Aleksandrs Briedis auch schon mal mit Trillerpfeife, Magaphon, Start- und Zielflaggen und mehreren Taschen gleichzeitig beladen zu sehen. Der Wettbewerb muss schließlich weitergehen - und ordnungsgemäß zu Ende geführt werden.

lettischer Sportlernachwuchs
Briedis' Einsatz hat inzwischen bereit mehrere Jahrzehnte Tradition. Nachdem er 1962 an der Universität in Riga seinen Abschluß als Jurist gemacht hatte, begann er seine Arbeit beim Auto-Motor-Klub in Bieriņi (einem Stadtteil im südlichen Riga). Außerdem arbeitete er in der heute legendären Mopedfabrik des "Sarkana Zvaigzne" ("Roter Stern", ehemals Ērenpreiss", dann Rīgas velosipēdu rūpnīcu RVR). Bereits zu Schulzeiten hatte Briedis sich als Bastler an Mopeds und Fahrrädern hervorgetan, als Student organisierte er Lettlands ersten Moto-Ball Wettbewerb (Ballspiel mit Mopeds, siehe auch www.motoball.de). Unter dem Dach der DOSAAF (eine Art "Armeesportklub" der technischen Hochschulen) gelang es Briedis zusammen mit einigen Freunden schon 1958 einen Motorsportklub in Riga zu gründen.
ein Fotos aus der lettischen Sportgeschichte

Seit 1961 gibt es Wettbewerbe auch für Geländemotorräder, seit 1964 die Wettbewerbe auf den Trassen von Baldone und Bieriņi für Kinder und Jugendliche. Und gleichzeitig wurde auch "Skijoring" wiedergelebt (von „Skijöring“ / Skikjøring aus dem Schwedischen / Norwegischen) - Skifahren mit Seil angespannt an Autos, Motorräder oder Pferde. Etwa 1000 Skijoring-Sportlerinnen und -Sportler soll es in den 80er Jahren in Lettland gegeben haben.

"Aleksandrs kontrolliert die Mopedmanie" schrieb die Zeitschrift SPORTS einmal über die vielen Aktivitäten von Aleksandrs Briedis."Er hätte auch ein berühmter Anwalt werden können", spekulierten die lettischen Sportjournalisten, "statt dessen feiert auch der von ihm ins Leben gerufene Wettbewerb des 'Goldenen Mopeds' in diesem Jahr schon ihr 40.Jubiläum." Das war 2011. Briedis meinte einmal zu seiner möglichen juristischen Karriere dass die entsprechenden Kenntnisse ihm damals sicherlich auch geholfen haben, Genehmigungen für die verschiedenen bis dahin nicht praktizierten Sportarten und eingesetzten Maschinen zu bekommen. Wechselweise seien den Gründern damals mal anti-sowjetische Aktivitäten, mal unmoralische Angebote für die Jugend mit kapitalistischer Charakteristik vorgeworfen worden, erzählt der Sportveteran. Auch heute noch sei es wichtig, Kindern und Jugendlichen etwas anzubieten, wo wie sich köperlich draußen bewegen können, oder wo sie eben ihre Fahrsicherheit testen können.

Gebt mir ein Sportgerät!
 Auch mit dem Jugendhaus "Anna 2" arbeitet er inzwischen zusammen und organisiert Fahrrad- und Moped-Wettbewerbe. Und wer so bekannt ist, darf sich auch nach Jahrzehnten voller Aktivitäten nicht vor allerlei Anfragen scheuen. "Neulich nahm mein sechsjähriger Junge an dem Radrennen im Uzvaras-Park teil", fragt eine besorgte Mutter auf dem Portal "Ritenvasara" an, "wie kann es sein, dass er in der Erwachsenengruppe starten musste?" - Nein, alles wird seine Ordnung haben. Solange Alexandrs Briedis dabei ist, werden die Fragen beantwortet werden, Teilnehmer gesichtet und zum Start bereit gemacht, und alle Rennen gerecht für alle durchgeführt. Fast jeden Tag an einem anderen Ort in Riga, Woche für Woche. Lai veicas!

Mehr über Aleksands Briedis (engl.) / Zelta mopēds / Fahrradwettbewerbe "Riteņvasara"

19. Juli 2012

Im Ausland arbeiten, zu Hause verarzten

Alte Zeiten
Über das lettische Gesundheitssystem ließe sich manches erzählen, und das hat auch mit dem Wandel der Zeiten zu tun. In den stürmischen Zeiten der lettischen Unabhängigkeitsbewegung war es noch möglich, lettische Gäste zum deutschen Hausarzt zu schicken, wenn der Gastgeber dafür bürgte: Gast auf Gastgebers Krankenschein, sozusagen.
Inzwischen schauen deutsche Ärzte ihre Kunden schon sorgenvoll an, wenn sie von Reisen nach Osteuropa erzählen - denn manche Dienstleistung ist dort weitaus preisgünstiger zu haben als bei Ärzten in Deutschland.
Und auch die Fälle lettischer Patienten im Ausland sind inzwischen nichts ungewöhnliches mehr - einer der bekanntesten war im vergangenen Jahr der Rigaer Bürgermeister Nils Ušakovs, der nach einem Marathonlauf zusammenbrach und sich anschließend in der Berliner Charité einer teuren Spezialbehandlung unterziehen musste (zur Kostendeckung wurden Spenden gesammelt). Auch Ex-Präsident Zatlers nach einer in den vergangenen Monaten bekannt gewordenen Erkrankung  wahrscheinlich ähnliche Dienste in Anspruch nehmen.

Unterschiedliche Reiseziele: der Weg zur Arbeit,
der Weg zum Arzt
Neue Trends
Was nun aber in der lettischen Presse bekannt wurde, ist als Massenphänomen noch neu in Lettland (siehe IR, . Ärzte in Lettland sollen bei ihren Abrechnungen über 200.000 behandelte Patienten mehr angegeben haben, als in Lettland überhaupt noch gemeldet sind. Die im Jahr 2011 durchgeführte Volkszählung wies eine Bevölkerungszahl von 2.070.371 in Lettland gemeldeten Einwohnern aus. Auch das könnte schon möglichst positiv gerechnet sein, denn Lettland hat kein Interesse, die eigene Einwohnerzahl möglichst kleinzurechnen.
Lettische Ärzte bekommen ihr Entgelt pro Patient, plus Art der Behandlung, mulipliziert mit einem festgelegten Faktor. Die jetzt bekannt gewordenen ärztlichen Abrechnungen sind aber keineswegs gefälscht - die Patienten existieren tatsächlich. Wie es aussieht, lassen sich viele Lettinnen und Letten, die mangels Jobmöglichkeiten in Lettland als Arbeitsmigrant/innen ins Ausland gehen, weiterhin "zu Hause" bei Ärzten in Lettland behandeln. Momentan sieht die lettische Gesetzgebung noch vor, dass für die Gesundheitsversicherung lettischer Bürger ihr Staat zuständig ist, erläutert die lettische Gesundheitsministerin Ingrīda Circene. Im Gegensatz zum Beispiel zum Nachbarland Estland, das mit Finnland Abkommen über den Ausgleich finnischer Arztrechnungen geschlossen hat, ist in dieser Hinsicht in Lettland bisher noch nichts geschehen. Am liebsten würde sie, so verrät die Ministerin, die fälligen Arztrechnungen denjenigen Ländern schicken, in denen die Letten legal (als versichert) arbeiten. Aber ob sich das realisieren läßt?

Wem der gegenwärtige Zustand nutzt? Den Ärzten in Lettland schadet es wohl kaum - und kaum ein Arztbesuch ist kostenfrei, für vieles sind Zuzahlungen fällig (diese machen rund 20% der Gesamtfinanzierung aus, so ist es auf einer Infoseite der AOK nachzulesen). Aber das Gesundheitsministerium arbeitet derzeit an Gesetzesänderungen, die eine staatlich finanzierte Gesundheitsvorsorgen, gekoppelt an die Einkommenssteuer vorsehen (siehe Pressemitteilung). Alle, die davon nicht erfasst werden, sollen dann monatlich etwa 20 Lat (ca. 30 Euro) zusätzlich zahlen. Dieses neue System könnte dann im Juli 2013 in Kraft treten, denn die jährlichen Datenübersichten werden bis zum 1.April des jeweils kommenden Jahres erhoben, also bis zum Juli könne man startklar sein, meint die Ministerin, sofern das Finanzministerium diesem Vorschlag zustimme. Natürlich stünde es denjenigen, die im Ausland arbeiten auch frei, sich privat zu versichern, meint Ministerin Circene. In den lettischen Medien sind allerdings auch Leserreaktionen zu lesen, die befürchten, alle Bemühungen die im Auslnad arbeitenden und lebendeen Letten zur Rückkehr zu bewegen seien umsonst, wenn der Staat andererseits dann solcherart Verbindungen zur Heimat zu kappen bemüht sei.

Infoquellen zum lettischen Gesundheitssystem:
Infoseite der AOK / Deutsches Ärzteblatt / Bundesgesundheitsministerium /
Gesellschaft für Außenwirtschaft /

18. Juli 2012

Diplomatisches Wiedersehen

Für Hagen Graf Lambsdorff, den ersten deutschen Botschafter in Riga nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit Lettlands, war es 1991 ein Wiedertreffen mit einem Land, in dem ein Teil seiner Vorfahren lebte. Der nächste Generationswechsel ist hier wohl schon vollzogen: inzwischen ist Sohn und EU-Abgeordneter Alexander Graf Lambsdorff wohl in der Öffentlichkeit bekannter als der Vater.
verblichene Fotos & aufpolierte Aufgaben
Aber in Riga gibt es auch einen Generationswechsel: neue deutsche Botschafterin ist eine Frau, die als Kulturattaché am Aufbau der Botschaft in Riga zwischen 1992 und 1995 beteiligt war: Andrea Wiktorin.
Ob die Ex-Kulturbeauftragte nun in Riga auch über "alte Zeiten" nachsinnen wird? Das jetzige schmucke, aber auch abgeriegelte Botschaftsgebäude am Raina Bulvaris 13 wurde erst 1997 bezogen. Davor - das waren die Zeiten eines ersten Provisoriums im Hotel Ridzene (heute: Radisson Blu Ridzene), wo Botschaftsmitarbeiter Gäste auch schon mal auf dem Hotelbett sitzend empfingen, und später dann im dritten Stock eines Gebäudes am Aspazijas bulvaris, als zeitweise Hunderte von Metern über Treppen und Bürgersteige Menschen nach begehrten Visumstempeln anstehen mussten. 
Auch die Altstadt in Riga sah damals noch anders aus: kaum Edelrestaurants und Nachtbars, dafür aber noch Galerien (M6 !) und Buchläden.
Aber ich denke, Riga empfängt "Wiederholungstäter" gern - denn mit Zwischenstationen in Belarus und Armenien, im Auswärtigen Amt teilweise zugeordnet dem Referat "Russland und GUS", oder als Jurymitglied zur Verleihung eines Preises für deutsch-russisches Bürgerengagement (Robert-Bosch-Stiftung) wird der Blick auf Lettland heute sicherlich durch vielfältige Fassetten inzwischen angereichert sein. In Armenien ist Frau Wiktorin unter anderem "Baumspenderin" geworden (20 Bäume für den Erhalt der Natur Armeniens) - dieses Maß an Engagement sollte sich doch für die kommende Zeit in Lettland mindestens auch erreichen lassen.

13. Juli 2012

Bahnfahren durchs Politikgestrüpp

Als Anfang der 90er Jahre - kaum war der "eiserne Vorhang" gefallen - der von Estland mitfinanzierte "Balti Express" von Berlin über Warschau und Vilnius nach Tallinn fuhr, da hielten viele diese Reiseform um den Nordosten Europas kennenzulernen für ideal. Die gesellschaftlichen Unterschiede waren noch groß, die Menschen lebten in Stadt und Land noch völlig anders als in Westeuropa.
Allerdings war es damals noch schwierig, im Lande und auf Bahnhöfen weiterzukommen: kaum jemand konnte Englisch oder Deutsch Auskünfte geben, ein Fahrplanaushang war nur schwer zu finden, und vor den Schaltern standen die Wartenden manchmal in langen Schlangen - oft ohne leicht erkennbaren Grund. Mit dem Zug von Deutschland nach Lettland fahren hieß damals, sich ganz allmählich, von Bahnhof zu Bahnhof, anzunähern.
Ein Bild aus alten Tagen:schwerfällige Züge, energie-
fressender Betrieb, hohe Einstiege: die lettische Bahn
bedarf derModernisierung (Abb.:Bahnhof Tuckums 1996)

Die Bahn fährt hinterher
Wer seit damals jetzt zum ersten Mal wieder eine Zugverbindung nutzt, wird große Veränderungen feststellen. Der Hauptbahnhof Riga ist mit mehren Einkaufsmeilen verknüpft, der Weg zum Gleis manchmal schwer zu finden. Wer mit dem Schiff kommt - beispielsweise nach Ventspils oder Liepaja - wird staunen, dass dort so gut wie gar kein Bahnanschluß mehr zu finden ist. Und selbst wer von den einzeln noch in Betrieb befindlichen Schmalspurbahnen Lettlands mal gehört hat, wird wahrscheinlich Staunen an lettischen Bahnschaltern erregen, wenn auf einer Zugfahrkarte bestanden würde um deren Ausgangsbahnhöfe zu erreichen.

Valmiera, Sigulda, Salacgriva? Pärnu, Šiauliai,
Kaunas? Eigentlich möchten alle dabei sein - aber beim
Thema Bahnverkehr eilt es offenbar niemand
Dennoch ist das Netz der lettischen Bahnbetriebe ("Latvijas dzelzceļš") dieser Tage zu einem großen Thema der lettischen Politik geworden. Die Schienenstrecken müssen modernisiert werden, neue Waggons und Lokomotiven angeschafft, und auch die Wiedereröffnung guter internationaler Verbindungen zu den Nachbarländern ist längst überfällig. Allerdings gibt es in Lettland keine "Pro Bahn"-Kampagnen - auch wenn sich seit der Wirtschaftskrise nicht mehr jeder unbedingt ein Auto leisten möchte. Vielmehr sind hinter den verschiedenen öffentlich geäußerten Meinungen vermeintlich leicht entweder eigene (Geschäfts-)Interessen, oder diejenigen starker Lobbygruppen zu erkennen. So stritten noch im vergangenen Jahr die politischen Parteien über die Prioritäten: sollen zuerst die Bahnverbindungen nach Tallinn und Vilnius bzw. Kaunas - und damit innerhalb der EU - modernisiert und ausgebaut werden, oder sehen starke Interessenvertreter der Wirtschaft ihre Vorteile eher an einer besseren Verbindung nach Moskau?

Bahnfahren - auch eine Frage der Perspektive
Als sich im November 2011 die Regierungschefs der drei baltischen Staaten anläßlich eines Arbeitstreffens auf die Verwirklichung der Ziele des EU-weiten Projekts "Rail Baltica" verständigten, waren dennoch manche grundlegenden Fragestellungen noch gar nicht entgültig entschieden. Für welche Geschwindigkeit soll die Strecke ausgelegt werden, und soll auf der bisherigen breiten Spur (1520 mm) ausgebaut werden, oder die in Westeuropa übliche schmalere Spurbreite (1435 mm) eingeführt werden? Polen, Litauen, Estland und Lettland sind in das Projekt direkt involviert. Und während für Helsinki sich mit einer direkten Zugverbindung nach Berlin ein weiteres "Tor nach Europa" öffnen würde (über die konkrete Schienenverbindung zwischen Tallinn und Helsinki wird noch gegrübelt), steht aus Berliner Sicht das Projekt offenbar unter dem Schlagwort "von Berlin nach St.Petersburg". Ein möglichst attraktives Ziel "am anderen Ende" benennen zu wollen, das ist offenbar allen Akteuren gemeinsam.

die momentan wahrscheinlichste
Trassenvariante der "Rail Baltica"
Offiziell werden meist die europaweiten Ziele von "umweltfreundlichen Verkehrsformen", Verminderung des CO2-Gehalts in der Luft, und Vermeidung von zuviel Auto- und LKW-Verkehr als Begründung für das Projekt genannt. Jahrelang haben allerdings die politische Verantwortlichen der Region östlich der Ostsee die Bahn vernachlässigt: in Lettland ist gerade mal noch die Nahverkehrsverbindung zwischen Riga und dem Badeort Jurmala gut mit Passagieren ausgelastet. Längst hat das Streckennetz mit dem, was vor 20 Jahren mal nutzbar war, nicht mehr viel gemeinsam. Es fehlt auch wahrscheinlich das Gefühl, im Sinne starker Bürgerinteressen handeln zu können, wenn lettische Politiker vor der Frage stehen, sich für die Bahn als Verkehrsmittel einzusetzen. Als allerdings wegen der Vulkanasche aus Island im Frühjahr 2010 der Luftraum auch über Lettland tagelang nicht nutzbar war konnte jeder leicht erkennen, wie einseitig die Verkehrsströme ausgelegt sind - abseits von Flug, LKW, PKW und Bus hat die Bahn stark an Bedeutung verloren.

Dieser Waggon wurde von der EU mitfinanziert - zu sehen
auf der Bahnfahrt von Riga nach Tukums
Welche Streckenführung nutzt wem?
Nachdem bereits 2007 eine erste Machbarkeitsstudie erstellt worden war, gewann im Jahr 2010 die britische AECOM Ltd. eine Ausschreibung, um verschiedene Streckenvarianten zu untersuchen. Nachdem zunächst 20 Varianten in der Diskussion waren, wurden dann vier ernsthafte Varianten erwogen (sogenannte "rote", "orange", "gelbe" und "grüne" Route).Die "rote" Variante wurde als die beste ermittelt; falls diese so realisiert wird, wird es auf der "Rail-Baltica"-Route nur wenig Haltestellen geben: Tallinn Flughafen, Tallinn Stadt, Pärnu, Riga, Panevėžys und Kaunas. Insgesamt 728 km wäre diese Strecke lang: 229 km in Estland, 235 km in Lettland und 264 km in Litauen. Die Kosten für diese bis 2014 zu bauende neue "Schmalspur"-Schnellstrecke werden auf 3,68 Milliarden Euro geschätzt, der in Lettland zu bauende Teil soll 1,27 Milliarden Euro (889 Millionen Lat) kosten, wobei eine Mitfinanzierung durch die EU von mindestens 56% als gesichert gilt. Eine mögliche stärkere Mitfinanzierung durch die EU (bis zu 85%) hängt vor allem davon ab, ob Lettland diesem Bahnprojekt Vorrang gegenüber anderen Infrastrukturprojekten einräumt - zum Beispiel der Elektrifizierung der Bahnstrecke nach Moskau. Nach der Inbetriebnahme soll die Strecke sich für 30 Jahre selbst finanzieren - gerechnet wird vor allem mir einem starken Wachstum im Güterverkehr. Bahnreisende werden dann mit einem Grundpreis von 8 Cent pro Km rechnen müssen. 

Wem kommt da etwas Spanisch vor?
Gegner des Projekts rechnen für Lettland größere Möglichkeiten im Ost-West-Geschäft aus - also in der Elektrifizierung der Bahnstrecke Richtung Moskau. Aber das "Rail-Baltica-Projekt" ist nicht der einzige Diskussionsgegenstand, wenn es um die lettischen Bahnstrecken geht. Zum einen müssen natürlich auch die anderen existierenden Bahnstrecken modernisiert werden, und zum anderen wird der Ankauf neuer Loks und Waggons geplant. "Der Zugankauf könnte zum größten Finanzgeschäft in Lettlands Geschichte werden" meint der lettische Journalist Aivars Ozoliņš. Zum Politikum wurde es aber vor allem dadurch, dass dieses Projekt noch an "Oligarcheninteressen" zu hängen schien, während die Regierung Dombrovskis ja mit dem Motto der Zurückdrängung dieser großen Geldgeber (sogenannten Oligarchen) auftritt. Lange war das Verkehrsministerium von der ZZS (Zaļo un zemnieku savienība) und damit von deren Finanzgeber Aivars Lembergs beherrscht. Der von der vorigen Regierung bereits abgeschlossene Vertrag mit der spanischen CAF ("Construcciones y Auxiliar de Ferrocarriles SA") über den Ankauf von 34 Elektro- und 7 Dieselloks wurde als "für Lettland ungünstig" in Frage gestellt. Partner wäre die lettische Firma "Pasažieru vilciens" (PV), bzw. deren Waggonbaufirma RVR ("Rīgas vagonbūves rūpnīca").
Als die Europäische Union Druck machte - denn 100 Millionen Lat an EU-Unterstützung der 144 Millionen an Gesamtkosten waren bereits zugesagt - wurde im April 2012 ein neuer Vertrag unterschrieben, der aber auch nur dann in Kraft tritt wenn das Minsterkabinett ihn innhalb von sechs Monaten bestätigt. Das lettische Finanzministerium äußerte Einwände vor allem gegen den zweiten Teil des Vertrag, bei dem es nicht um den Ankauf, sondern um die Wartung der neuen Züge geht: auf 30 Jahre soll dies 280 Millionen Lat wert sein. Auch den Rücktritt von Justizminister Gaidis Bērziņš brachten einige politische Beobachter mit den Verhandlungen um eine Neufassung der Verträge in Zusammenhang, denn Bērziņš galt manchen als Vertreter der Interessen von Lembergs.

Werbeaussage im Bahnhof Riga:
"Zum Frühstück in Moskau, zum Abendessen in Riga"
Inna Šteinbuka, Lettlands Vertreterin bei der Europäischen Kommission, erneuterte kürzlich ihre Bedenken, Lettland könne die EU-Unterstützung in dieser Sache verlieren, wenn sich die Regierung nicht sehr bald mit den spanischen Partnern in allen Punkten einige. Der Gesamtwert des Vertragsumfangs soll sich auf 600 Millionen Euro belaufen. Noch immer wurden Einzelheiten zu den angeblichen Änderungen im Vertrag mit der CAF nicht veröffentlicht - die ja angeblich längst als Gewinnerin der Ausschreibung zu dem Projekt galt (und dabei den ursprünglichen Favoriten, die Firma "Bombardier", verdrängte). Wie kann man eine Ausschreibung als beendert erklären, danach aber vertraglich zugesagten Bedingungen als "ungünstig" für die lettische Seite erklären? Das ist wohl nur mit der lettischen Art des Bahnfahrens - mit vielen Zwischenstopps und Wechsel der Lokführer sozusagen - zu erklären.
Aus lettischer Sicht wichtig wird es sein, dass RVR weiterhin Züge und Waggons in Lettland bauen kann, und diese auch dem osteuropäischen Markt anbieten kann - in den vergangenen Jahren hatte RVR ähnliche Projekte mit Finnland, Georgien, Litauen, Estland, Russland und Georgien erfolgreich durchführen können. Die nächsten Monate werden zeigen, ob diese Arbeitsplätze und damit die lettische Waggonbautradition gesichert werden können.

11. Juli 2012

Ein Umzugsjahr

Das Richtfest ist längst gefeiert, aber auf die Inbetriebnahme im neuen Gebäude muss die Lettische Nationalbibliothek noch eine Weile warten.
Für den Nationalfeiertag dieses Jahres (18.November) ist die Beendigung aller Arbeiten am Gebäude vorgesehen. Aber erst ein Jahr später, Ende 2013, wird das neue Haus dann fertig zur Eröffnung sein: ein ganzes Jahr lang wird umgezogen - aus fünf bisherigen Gebäuden hinein ins neue Domizil.
Langsames Werden:
"Gaismas Pils"
nimmt
Gestalt an
Erst kürzlich durften sich interessierte Vertretern der lettischen Regierung von den Bibliotheks-Verantwortlichen erzählen lassen, alles sei vorbereitet für den Ortswechsel: Tausende Bücher mussten abgestaubt und gesäubert, manche restauriert, Inhalte erfasst und Kataloge elektronisch erstellt werden. Sorgen bereitet noch die verfügbare Finanzierung: zwischen 1998 und 2008 waren es 170.000 Lat pro Jahr (245.000 Euro), seit 2008 wurde diese Summe um 52% zusammengestrichen; unter anderem der Ankauf fremdsprachiger Literatur sei von den Kürzungen betroffen, heißt es.Auch die Arbeiten an der Fassade des neuen Gebäude mussten 2009 zwischenzeitlich schon einmal für eine kurze Zeitspanne eingestellt werden.

In der Zeitschrift IR ist eine Aufstellung nachzulesen, die noch mehr Zahlen zusammenzufassen versucht: 637 Lastwagenladungen würden demnach für die geschätzten 3,8 Millionen einzelne Einheiten und deren Umzug nötig sein, dazu weitere 66 Ladungen für Dokumentation und Archiv. Auf die 328 Angestellten der Nationalbibliothek (30% weniger als noch im Jahr 2008) kommen geschätzte 176 Arbeitstage allein für den Umzug zu.
Der 29.August 1919 gilt als Gründungstag der Lettischen Nationalbibliothek - an welchem Datum genau der erste Besucher oder die erste Besucherin über die Schwelle des neuen Gebäudes treten wird, scheint momentan aber noch nicht endgültig festgelegt. Aber alle werden froh sein, wenn das Projekt zum Kulturhauptstadtjahr 2014 in Funktion sein wird.

Webseite der Lettischen Nationalbiliothek / Webseite des Neuen Bibliotheksgebäudes

6. Juli 2012

Lüneburg lettisch

Sehr stark repräsentiert zeigte sich Lettland auf dem Internationalen Hansetag in Lüneburg. Gleich sieben lettische Städte mit Hansetradition (Cēsis, Koknese, Kuldīga, Limbaži, Riga, Straupe, Valmiera) waren in Lüneburg vertreten - nur Ventspils war diesmal offenbar nicht dabei. Gute Gelegenheit sich gerade gegenüber den Deutschen mal ins rechte Licht zu setzen, denn unter den etwa 100 möglichen deutschen Mitgliedern der Neuen Hanse (nicht alle Städte mit Hansetradition sind aktiv dabei) bieten sich den lettischen Gästen reichlich Möglichkeiten, neue Kontakte zu knüpfen und sich bekannter zu machen.

Harmony4Riga - Hansetage Lüneburg 2012 c/o Albert Caspari on Vimeo.
Während es deutsche Zuhörer bei der Musik des Barbershop-Quartetts "Harmony4Riga" relativ leicht gemacht wurde (Lieder in Deutsch und Englisch, kleine, gut moderierte Bühne), hatten es die Musikgruppen aus Koknese und Limbaži schon etwas schwerer. Auf riesigen Bühnen, ungewohnt hoch und weit weg vom Publikum gebaut, fanden sich Musiker/innen und Tänzer/innen platziert. Aber siehe da, "inter-lettische" Unterstützung nahte! Während oben das Programm lief, brachen unten die übrigen Lettinnen und Letten aus Straupe, Riga oder Valmiera die Hemmschwellen und griffen sich deutsche Tanzpartner/innen.
Insgesamt war die starke lettische Repräsentanz auffällig für alle Lettland-Fans. Auch die Musikerinnen und Musiker hatten offenbar Spaß am Ereignis: immer wieder waren sie entweder in den Lüneburger Altstadtstraßen oder an den Infoständen der lettischen Hansestädte musizierenderweise anzutreffen.

mehr Fotos  /  Webseite Hansetag 2012

hansetage lueneburg 2012 lemisele von Albert Caspari on Vimeo.

24. Juni 2012

Priecīgi Jāņi

Ein fröhliches Mitsommerfest feierte  Lettland am vergangenen Wochenende, allein 60.000 Menschen versammelten sich am Samstag am Daugavaufer bei Musik und Tanz.
Wer Jānis heißt, feiert am selben Tag auch Namenstag. In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Jungen und Männer mit Vornamen Jānis allerdings um 8.6% zurückgegangen, teilte die staatliche Nachrichtenagentur LETA mit und berief sich damit auf die Daten des Bürgerschafts- und Migrationsamt Lettlands. In diesem Jahr konnten aber immerhin 58.469 Menschen die Jānis heißen in Lettland Namenstag feiern (2007 waren es noch 63.950 gewesen).
Am selben Tag feiert auch der weibliche Vorname Līga - in diesem Jahr 10.587 mal bei Mädchen und Frauen Namenstag (2007 waren es 10.785).
Die meisten Träger und Trägerinnen dieser traditionsreichen Vornamen leben in Riga - 10.507 mal Jānis und 1930 mal Līga. Noch weitere knapp 2000 Jānis leben momentan außerhalb Lettlands im Ausland.

12. Juni 2012

Erstaunliche Befunde

In der vergangenen Woche gab die Anti-Korruptionsorganisation "Tranparency International" (TI) ihren jährlichen Bericht heraus. "Europäischer Integrationsbericht" nennt sich diese nach Art eines Ländervergleichs verfasste vergleichende Zusammenfassung der Lage in 25 Ländern Europas. Wer diesen näher liest, wird feststellen dass Kriteria der Korrutionsbekämpfung gar nicht so einfach aufzustellen sind - die Wege der illegalen und undemokratischen Einflußnahme sind vielfältig.

Die auch in Lettland bekanntesten Schlagzeilen von "Transparency International" werden regelmäßig Ende des Jahres mit Bekanntgabe des sogenannten "Korruptionswahrnehmungsindex"(Corruption Perception Index - CPI) erzeugt. Aufmerksam beobachtet lettische Presse und Öffentlichkeit, ob sich Lettland in dieser internationalen Skala nach oben oder unten bewegt: 2011 war es zuletzt Platz 61 unter 182 aufgelisteten Ländern (Estland 29, Litauen 50). Hier geht es vor allem die "Wahrnehmung" von Korruption: mittels Umfragen werden Menschen des jeweiligen Landes befragt, wie verbreitet ihrer eigenen Meinung nach Korruption ist. Also: Von den drei baltischen Staaten wird in Lettland Korruption am stärksten als vorhanden wahrgenommen. Ob Korruption dann gleichzeitig auch als Problem wahrgenommen, oder als unvermeidbar hingenommen wird - auch das steht schon wieder auf einem anderen Blatt.

Nun also der "Integrationsbericht". Hier werden vor allem die Maßnahmen zur Bekämpfung und Vermeidung von Korruption bewertet. Gibt es rechtliche Sanktionsmöglichkeiten gegen Korruption? Sind Parteispenden transparent und öffentlich einsehbar? Gibt es unabhängige Institutionen mit konkreten Möglichkeiten der Korruptionsbekämpfung? Auch hier werden also weder nachgewiesene Bestechungssummen zusammengerechnet, noch können an Korruption beteiligte Personen bewertet werden. Vielmehr konzentriert sich "Tranparency International" darauf, möglichst klar und verständlich deutlich zu machen, mit welchen Maßnahmen Korruption bekämpft werden kann - und dabei durchaus auch die nationalen Lösungen einzelner Länder miteinander zu vergleichen. Edda Müller, Vorsitzende von Transparency Deutschland: "Der Europäische Integritätsbericht zeigt, dass Deutschland bei der Korruptionsbekämpfung nicht der Musterschüler Europas ist."

Infografik zu einem Projekt von "DELNA"
(Transparency International, Lettland)
Nun aber das Überraschende: im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung in Lettland, die Korruption als immer noch weit verbreitet empfindet, finden immerhin die bereits getroffenen Maßnahmen dagegen besonders lobende Erwähnung. Transparency findet offenbar die Vergleiche mit der Situation in Deutschland besonders interessant. Hier zwei Befunde im Zitat:

Parteienfinanzierung in Lettland: Spätestens 15 Tage nach Eingang einer Parteispende ist die Stelle für Korruptionsprävention und Korruptionsbekämpfung zu informieren. In einer online-Datenbank werden Empfänger, Herkunft, Höhe und Datum der Spende bekannt gegeben.
Stand in Deutschland: Parteienspenden werden erst ab einer Höhe von 10.000 Euro veröffentlicht. Diese werden zurzeit erst bis zu 18 Monate später veröffentlicht. Nur für Spenden über 50.000 Euro gilt eine unmittelbare Veröffentlichungspflicht.

Veröffentlichung von Nebeneinkünften in Lettland: In Lettland machen Abgeordnete und politische Beamte weitreichende Angaben zu ihrem Einkommen, Eigentum, Aktien und anderen Aktiva, Spareinlagen, finanziellen Transaktionen, Schulden und Krediten. Stand in Deutschland: Die Höhe der  Nebeneinkünfte von Bundestagsabgeordneten wird lediglich in drei Stufen (1.000 - 3.500 Euro; 3.500 - 7.000 Euro; über 7.000 Euro) veröffentlicht. Es bestehen keine Pflichten zur Veröffentlichung von Vermögen.

So sieht es also aus. Und nun haben alle, die beide Länder kennen und im jeweils anderen Land auch schon mal gelebt haben die Gelegenheit, weiter zu diskutieren ...

Pressemitteilung Europäischer Integrationsbericht
ausführlicher Bericht (engl.): Corruption Risks in Europe
Corruption Perceptions Index 2011
Webseite der lettischen Antikorruptions-NGO DELNA (Sabiedrība par atklātību  - Transparency International, Latvijas nodaļa)
Lettisches Korrutionsbekämpfungsbüro (KNAB -Korupcijas novēršanas un apkarošanas birojs)

26. Mai 2012

Vor 10 Jahren, ach ....

Nur 10 Jahre ist es her, als Lettland ausgerechnet im häufig beneideten Nachbarland Estland einen großen Sieg einfuhr: Marija Naumova gewann mit "I wonna" den Eurovision Song Contest (ESC) des Jahres 2002 in Tallinn. Das Land, noch kaum bekannt in Europa, machte einen kollektiven Jubelsprung, und schaute sich ungläubig um: kann das sein, dass wir in Europa mithalten können? Zwei Jahre vor dem EU-Beitritt und ein Jahr vor der Volksabstimmung darüber sorgte das Ereignis zwar für jahrelange Verstimmung in Westeuropa (fortan war davon die Rede, "die Osteuropäer" würden sich nur gegenseitig die Stimmen geben, jenseits jeder musikalischen Qualität). Aber die nachhaltige Wirkung dieses Sieges und dessen internationale Nachwirkungen sorgte sicherlich ein wenig für europäisch-positiven Optimismus von Europa mit offenen Armen empfangen zu werden.
Als Siegerin von 2002 moderierte Marija Naumova im
Jahr darauf den Contest zusammen mit
Renārs Kaupers („Brainstorm“) und strahlte von
allen Großbildleinwänden in Riga
Zwar war die Ausrichtung des ESC im darauffolgenden Jahr auch von ähnlichen Aktivitäten begleitet wie momentan in Baku (russische Aktivisten versuchten die internationalen Medien in Riga auf die Lage der russischen Minderheit aufmerksam zu machen). Aber insgesamt wurde "Marie N." (wie sie sich auch nannte), die ja selbst russisch stämmig, allerdings fließend Lettisch sprechend ist, nachhaltig zu einer ähnlichen "Respektsperson" in der lettischen Musikbranche wie es heute Lena in Deutschland zu werden scheint.

Die große Begeisterung für Marie N, Lettland und
die Eurovision liegt lange zurück
Heute scheinen diese berauschten Zeiten schon sehr lange zurück zu liegen. Eine Zeitlang konnten die Letten noch mitleidig auf die litauischen Nachbarn herabsehen, die im Falle der traditionellen "Dainas" und deren Anerkennung als Weltkulturerbe noch mithalten konnten, aber bei der Eurovision noch nie unter die ersten Drei kamen (Lettland mit "Brainstorm" und "Marie N." gleich zweimal). Das passte zum lettischen Selbstwertgefühl, eigentlich immer schon besser singen als Reden halten zu können.

Proben zum Songcontest in Riga 2003: "Lou" sang für
Deutschland, und Ralph Siegel war wie so oft dabei
Ist Lettland die Eurovision inzwischen gleichgültig geworden? Wenn es nach der Zahl der Wortmeldungen in den lettischen Internetforen geht, nicht. Zwar hat sich in manchen Medien so ein leicht lakonisch-ironischer Kommentarton eingestellt, wie es auch in Deutschland vielfach üblich ist: abfällig bewerten, und vielleicht doch anschauen. In den vergangenen Jahren scheiterten lettische Beiträge regelmäßig im Halbfinale. Was national gut funktioniert (etwa der nach dem guten alten "Liepajas-Dzintars" aussehende Langmähnenlook von "Fomins & Kleins"), oder die in Lettland erfolgreiche Sängerin "Aisha" scheiterte entweder an eigener Nervosität (fehlender "Abgebrühtheit"?) oder der engen Konzentration auf angeblich "typisch lettisches". Lediglich totale Maskerade und Verzicht auf nationale Wiedererkennbarkeit ("Pirates of the Sea") ebnete wenigstens noch den Weg in ein Finale.

Nun also das erneute Scheitern mit AnnMarie. Aber diesmal scheint es nicht einfach unter dem bekannten Spruch "Eiropa mums nesapratis" ("Europa versteht uns nicht") abgehakt zu werden. Alt-Meister Raimonds Pauls meldete sich zu Wort, und viele stimmen seinen Thesen zu. "Keiner hat das Recht mit dem Finger auf Annmarie zu zeigen", meint er. Vielmehr sei er schockiert gewesen über die quasi nicht vorhandene Bühnenshow und das furchtbar altbackenen Outfit der lettischen Protagonistinnen. Man sollte sich ein Beispiel am dänischen Beitrag in Baku nehmen: der Song nichts besonderes, aber die Bühnenshow ideenreich. "Man war angeregt hinzuschauen", meint der Komponist vieler bekannter lettischer Lieder und Ex-Kulturminister. Und ein wenig scheint es in Lettland auch zu wurmen, dass ausgerechnet Putins Russland mit einem lustigen Folklore-Song a la "Suitu sievas" Erfolg hat. Ähnliches empfiehlt Pauls dem eigenen Land auch für die Zukunft, oder vielleicht einen der charmanten Schauspieler Lettlands - Jānis Paukštello, Harijs Spanovskis oder Andris Bērziņš zum Beispiel - mit einem Lied auf die europäische Bühne zu schicken. Wem halten die Letten heute abend die Daumen? Natürlich den estnischen und litauischen Nachbarn vermutlich - aber vielleicht schwingt sogar etwas Sympathie für die udmurthischen Omas mit.

24. Mai 2012

2014 als Jahr der "bereinigten Kultur"?

Wie in diesem Blog schon mal erwähnt (siehe: Weltgeltung gesucht), erscheint manchmal offenbar der Kandidatenstatus zur Europäischen Kulturhauptstadt genauso lustvoll ausgekostet zu werden wie das Kulturhauptstadt-Jahr selbst. Kein Stadtfest, kein Europatag bleibt schon dieser Tage ohne einen Hinweis auf "Riga 2014" - zuletzt war es am 12.Mai ein "Europäisches Gartenfest", auf dem der Hauptaugenmerk des propagandistischen Aufwands gelegt wurde. Der Mai ist vielleicht sogar die "heißeste" Jahreszeit dafür, wenn es um die Beanspruchung öffentlicher Flächen für verschieden präsentierte Interpretationen von Kultur, Geschichte und Nation geht. Hier folgen Tag der Arbeit, Volksfest im Mežaparks, Muttertag, Unabhängigkeitserklärung, Weltkriegsende, Europatag in dichter Abfolge hintereinander, und als ob es noch nicht genug wäre, kommen auch noch Fahrradaktionstage, der Riga-Marathon, der von Zehntausenden genutzte "Tag der Museen", Meisterschaften im Rollschuhlaufen und in der Orientierung, und Schulsportwettbewerbe dazu. Da haben es die Ausrichter des Kulturkalenders für 2014 bestimmt schwer, könnte man denken, hier alles zu seiner Geltung zu verhelfen und keinen zu vernachlässigen.

Sowjetromantik im Rigaer Stadtbild (hier am
9.Mai 2008) - Bedrohung fürs lettische Image
im Jahr 2014?
Doch weit gefehlt! Die internationale Aufmerksamkeit der "Riga2014"-Kampagne scheint einigen wohl zu wichtig, um einfach abzuwarten welche Veranstaltung denn wohl das meiste Aufsehen erzeugen wird im Mai 2014. Da kommen Profilierungssehnsüchte zum Vorschein. Olafs Pulks, seines Zeichens Parlamentsabgeordneter der Regierungsfraktion „Vienotība“ ("Einigkeit"), der auch Regierungschef Dombroviskis angehört, forderte nun die Absetzung von Diāna Čivle, die seitens der Stadtverwaltung für das Programm "Riga2014" verantwortlich zeichnet. Grund: in einer Infobroschüre zum bevorstehenden Kulturhauptstadtjahr war auch die regelmäßig am 9.Mai durchgeführte Manifestation zum Gedenken an den "Sieg über den Faschismus" mit erwähnt worden, an der regelmäßig Zehntausende Menschen teilnehmen - die allerdings vorwiegend als Treffpunkt der Russischstämmigen angesehen wird und auch nicht als völlig frei von jeglicher Sowjetromantik bezeichnet werden kann. Da aus lettischer Perspektive das Kriegsende eher als Beginn einer weiteren Okkupation denn als "Befreiung" angesehen wird, möchten radikale vermeintliche Verteidiger des Lettentums offenbar am liebsten die trotz Widerspruch zur staatlich inzwischen propagierten Geschichtsinterpretation regelmäßig stattfindende Massenveranstaltung aus der öffentlichen Aufmerksamkeit heraushalten. Aber nicht nur das: Nicht hingehen wäre das eine - aber offiziell totschweigen ist ja das andere. Da die „Vienotība“ zwar lettlandweit den Regierungschef stellt, im Rigaer Stadtrat aber in der Opposition sitzt, suchen einige hier offenbar schon heute jede sich bietende Gelegenheit um sich für die Stadtratswahl am 1.Juni 2013 zu positionieren. "Dem lettischen Staat fremde Feierlichkeiten" dürften nicht durch "Riga2014" beworben werden, meint Pulks (siehe "Kas Jauns", 22.5.12).

Diāna Čivle, eine der von Seiten der Stadt Riga
Hauptverantwortlichen für das Programm zur
Kulturhauptstadt 2014 (hier beim Europatag 2011)
Pulks Forderungen stellten sich damit in eine Reihe mit ähnlichen Ereiferungen der lettischen Radikalnationalisten von "Visu Latvijai!"-"Tēvzemei un brīvībai"/LNNK / VL!-TB/LNNK („Alles für Lettland“ / „Für Vaterland und Freiheit“). "Öffentlich entschuldigen" solle sich Bürgermeister Ušakovs nach Meinung der selbst ernannten National-Moralisten dafür, dass "unter der Aufsicht des Stadtrats eine Touristeninformation publiziert worden sei, die ebenfalls die Manifestationen zum 9.Mai erwähne" (Kas Jauns). Dies sei zu werten als „heimlicher Versuch totalitäre Regimes wieder populär zu machen, die das Leben unzähliger lettischer Familien zerstört haben“ - und leider meinen hier die selbsternannten Lettland-Verteidiger NICHT gleichzeitig die Vorgänge am 16.März, die mindestens genauso stark unter einem ähnlichen Verdacht stehen (bezüglich der lettischen SS-Veteranen).

Jeder "säubert" also für sich allein. "Anti-Faschisten" sortieren alle ins Abseits, die sich den eigenen öffentlichkeitswirksamen Propagandaaktionen nicht anschließen mögen, und "Nationalisten" üben sich in einer Definition dessen, was öffentlich "lettisch" genannt werden darf und was nicht. Die Stimmung der Volksabstimmung vom Februar - die damit wieder hochgekommende Schwarz-Weiß-Malerei - hält offenbar immer noch an.

Da kommt der Versuch von Bürgermeister Ušakovs, aufkommende Hektik einer selbstgerechten Beurteilung zu vermeiden, noch vergleichsweise gut an. Immerhin sei die nun kritisierte Broschüre bereits 2009 herausgegeben worden, und mit allen Kulturinstitutionen damals abgestimmt worden. "Ich hoffe, auch die Mitglieder von "„Vienotība“ und „VL-TB/LNNK“ besitzen ausreichende Sprachkenntnisse, um sich zu äußern wenn ihnen etwas nicht gefällt." Die Broschüre sei aber keinesfalls als eine Art "Ratgeber" misszuverstehen, sie führe lediglich die verschiedenen Veranstaltungen auf. Kulturministerin Žaneta Jaunzeme-Grende, erst vor wenigen Monaten ins Amt gekommen und ebenfalls der nationalen Liste zugehörig, fordert ihrerseits das Einstampfen der Restauflage der Broschüre.

Ein Zitat: "Every culture has its centre of gravity, its point of reference; there is no cause for one culture having to fight another." (Projektentwurf "Freedom street" im Rahmen des Programms Riga2014) Das Programm scheint hier wirklich sehr ambitioniert. Zitat aus derselben Quelle: "Freedom Street is the axis of the city of Riga, the main street (Via Magna), which has been called Large Sand Street, Aļeksandrovskij buļvar, Petrogradskoje šosse, Revolution Street, Adolf Hitler Strasse, Lenin Street and finally – Freedom Street once more. In 2014 the street will regain its historic names in the form of artistic events along its entire length, above all stressing the invaluable virtue of freedom and democracy."

Ich würde mich ja gerne auf diese spannenden Versuche einlassen können, hier verschiedene Einstellungen, Auffassungen und Kulturen nebeneinanderzustellen - wenn sie schon nicht vereinigt werden können. Aber 2014 bei einem "ideologisch bereinigten" Programm zu Gast sein zu müssen - sollte diese Absicht sich durchsetzen, dann mögen die in Zukunft gedruckten Tourismusinfos dies bitte auch im voraus vorwarnen, damit jeder durch Wegbleiben die Möglichkeit hat, sich nicht missbrauchen zu lassen für billigen antidemokratischen Populismus.

20. Mai 2012

Lettische Flaggen für die Bundesliga

Einmal der erste sein reicht noch nicht!
Wer dieser Tage nach "Artjoms" sucht, weiß was gemeint ist - ein in Deutschland bisher eher seltener Vorname. Wenn schon kaum jemand über die Arbeitsemigration der Arbeiterschaft Lettlands nach Westeuropa redet, dann doch über diejenige der Künstler und Sportler. Artjoms Rudņevs, 24 Jahre alt, bekommt als erster lettischer Fußballspieler einen Vertrag in der deutschen Bundesliga und soll in der kommenden Saison helfen, den Hamburger SV wieder nach oben zu bringen.

Nicht selbstverständlich, dass ein Fußballspieler aus Lettland in Deutschland mit gespannter Erwartung empfangen wird. Liegt es nur an der schlechten Saison der Hamburger, die gerade abgeschlossen ist? Oder liegt es daran, dass über Rudņevs kaum etwas anderes als die allgemeinen Fußballerstatistiken bekannt sind? Rudņevs kommt von Lech Poznań (Posen) und wurde dort in der abgelaufenen Saison mit 22 Treffern erfolgreichster Torjäger. Hoffnungen erzeugt das auch deshalb, da nur zwei Jahre vorher ein gewisser Robert Lewandowski Torjäger in Poznań war und inzwischen als einer der Leistungsträger beim zweifachen deutschen Meister Borussia Dortmund aufläuft. Nun hoffen die HSV-Fans auf Ähnliches.
Ein Foto fürs "Vorher-Nachher"-Archiv:
HSV freut sich auf einen Letten

Vorschußlorbeeren
Der Spruch klingt wie eine Erwartung deutscher Tugenden: "Ich bin bereit für harte Arbeit" zitiert der HSV den Neuzugang auf der vereinseigenen Webseite. Das klingt ähnlich wie Rudnevs Aussagen, die von der lettischen Zeitschrift "IR" gesammelt wurden, nachdem Rudnevs senationell drei Tore im Spiel seines polnischen Clubs gegen Juventus Turin gesammelt hatte: "Hobbys? Nein. Ich habe den Fußball." Und ein grundsolides Leben scheint der in Daugavpils geborene Stürmer zu bevorzugen: Vater Jurijs arbeitet als Bauarbeiter, Mutter Žanna als Köchin. Und auch die eigene Familie ist bereits gegründet: mit seiner Frau Santa hat Rudnevs eine Tochter (Arina). Angewohnheit: nach jedem Tor einen Kuss auf den Ehering. 2010 sagte er noch in einem Interview, das wesentliche was ihm in Polen fehle sei seine Frau. Also Achtung, HSV-Funktionäre: hier muss eine Familie versorgt werden.

Schwieriger wird es bei Fragen nach "sonstigen Hobbys". Artjoms häufigste Antwort: "Mein Hobby ist Fußball. Sonst nichts." Welches Buch er zuletzt gelesen habe, fragte ihn einst das Magazin "IR". Antwort: "Ein romantisches. Den Titel habe ich vergessen." Ein typischer Fußballer offenbar.

Ich bin Lette
Den HSV-Fans kündigt Rudnevs an, künftigt - im Gegensatz zu Polen - die lettische Version seines Nachnamens auf dem Trikot tragen zu wollen: Rudnevs. Andererseits nannte er in fast allen bisherigen Interviews eher Namen aus der englischen oder spanischen Liga, wenn er nach Lieblingsklubs gefragt wurde (auffällig oft: Arsenal London). Gegenüber der Hamburger Presse beeilt er sich nun zu betonen, wie gut der Ruf der deutschen Bundesliga und auch des Hamburger SV sei. Aber in den vergangenen Wochen musste er dann auch mitzittern: der in Aussicht gestellte Vertrag galt nur für die 1.Bundesliga. "Ich will hier international spielen" zitiert das Abendblatt den Neuen, andere Schlagzeilen stehen dem in nichts nach - obwohl Rudnevs als Stürmer der lettischen Nationalmannschaft bisher noch viele Wünsche offen ließ: "Dieser Tor-Lette ist besser als Olic" (Bild), "Hamburgs neue Sturm-Perle" (Mopo), "ein echter Knipser" (Kicker). Da bleibt ihm nur zu wünschen, dass die angebliche Herleitung seines Vornamens (aus dem Griechischen = unverletzbar) ebenfalls ein gutes Omen ist.

Ich bin Russe
Eines der seltenen längeren Interviews, in dem auch ein paar private Fragen gestellt wurden, war vor einem Jahr in der lettischen Zeitschrift "Klubs" zu lesen (vollständiger Text hier). Auch hier waren seine drei sensationellen Tore gegen Juventus Turin der Auslöser, und die Journalisten warteten geduldig mehrere Monate auf einen Gesprächstermin. Bescheiden ordnete sich Artjoms damals noch hinter den bisher bekannteren lettischen Stürmerkollegen ein: Māris Verpakovskis (bekannt durch seine 6 Tore in 10 Spielen der EURO 2004) und Marians Pahars (erfolgreich beim FC Southhampton in England, inzwischen Trainer bei Skonto Riga). "Ich bin Russe" zitiert "Klubs" Rudnevs in der Überschrift des Artikels, und fragt auch zur Bekreuzigungs-Geste des Star-Stürmers nach. "Ja, ich bin gläubig," antwortet Rudnevs und bekennt sich zum orthodoxen Christentum. Besonders seit er im Ausland spiele, danke er öfters Gott für das Erreichte. "Wenn ich daheim in Daugavpils bin, gehen wir auch zur Kirche. Auch in Polen bin ich ein paarmal hingegangen, habe mich einfach auf eine Bank gesetzt und über das Leben nachgedacht."

Und auch ein Hochzeitsfoto ließ er "Klubs" zum Abdruck freigeben. Ein Foto, dass immer neben seinem Bett steht, sagt Artjoms - auch in Polen. Es seien ja auch Muslime und viele polnische Katholiken in Poznań im Team gewesen. Am besten habe er sich mit einem Weißrussen im Team verstanden, zusammen habe man Russisch reden können. Vor jedem Spiel habe ein Priester den Segen gespendet, alle Spieler im Halbkreis. "Das stärkt den Teamgeist, nicht nur physisch, sondern auch geistig" meint Rudnevs, der sich aber vermutlich beim HSV dann mit anderen Teambildungsmaßnahmen anfreunden muss. Ob nun Russe oder Lette ("ich habe nicht viel Gelegenheit Lettisch zu reden, aber habe auch schon etwas Polnisch gelernt", sagte Rudnevs einst "IR"): wenn der erste Stürmerstar aus Lettland in Deutschland erfolgreich sein will, wird man wohl bald viel mehr von ihm hören und lesen können.

Die Hamburger Medien sind vermutlich gnadenlos. Hamburger Fußballfans werden sich vielleicht noch an den ersten "Balten" in der Bundeslige erinnern: Valdas Ivanauskas. Dessen Diskussionen mit seiner Frau Beatrix wurden am Ende fast bekannter als seine 13 Tore in 4 Jahren HSV: als Ivanauskas nach Wolfsburg wechseln wollte, soll seine Frau gesagt haben: "hier kann ich nicht leben." Unter Tränen überzeugte sie ihren Mann, Ivanauskas rettete seine Ehe und ging zurück wieder nach Österreich, wo er auch vorher schon erfolgreich gewesen war. Auch sein nur dreimonatiges Gastspiel als Trainer beim damaligen Zweitligisten Carl Zeiss Jena hinterläßt vermutlich wenig positive Erinnerungen. Also hoffen wir einfach mal, es möge bei Artjoms Rudnevs, dem "Unverletzlichen", besser sein.

6. Mai 2012

Lettlands Eisheilige

Es wäre vielleicht übertrieben, Lettland und Deutschland sportlich auf gleicher Höhe zu sehen: in einem Land von über 80 Millionen Menschen scheint die sportliche Auslese doch ungleich bessere Möglichkeiten zu haben als unter den knapp 2 Millionen Lettinnen und Letten. Aber obwohl die Anzahl der Fußball-Anhänger angeblich auch in Lettland steigt, begründen die beständigen Erfolge der lettischen Eishockey-Nationalmannschaft immer wieder den Status der lettischen Sportart Nr. 1.
Vielleicht trägt der heutige Sieg zur Legende bei: im Rahmen der Eishockey-Weltmeisterschaft 2012 besiegt Lettland die deutsche Nationalmannschaft mit 3:2 - Miks Indrašis, Miķelis Rēdlihs und Aleksejs Širokovs waren die Torschützen. Torhüter Edgars Masaļskis hielt für die Letten den Sieg fest.
"Ein typisches lettisches Spiel", erzählte Starstürmer Kaspars Daugaviņš nachher der lettischen Presse, "alle waren müde, wir hatten nicht mehr viel zuzulegen. Aber mit harter Arbeit und Hingabe haben wir den Sieg erkämpft!"(Sportacentrs) Harte Arbeit als lettische Tugend?
"Deutschland von Letten schockgefrostet" titelt Sport1 über das Spielergebnis. Tugenden? "Die Letten waren sehr schnell" heißt es hier. Außerdem ist von "schlittschuhläuferisch überlegenen Letten" die Rede.
Vielleicht hat auch deutsches "Mitfiebern" gefehlt. Wer sich nur im Fußball auskennt, sollte also im Mai nicht immer nur auf Pokalentspiele und Championsleague schauen. Auch die Frühlingswärme kommt in Lettland immer etwas später - also: im Mai ist die richtige Zeit für (lettische) Eisheilige!

29. April 2012

Bärendienst

Anfang Mai wird es in Lettland wieder andere Themen geben. Aber eines der heiß diskutierten Ereignisse der letzten Aprilwoche war der Tod einer Bärenfrau: "Made", einer von drei im Freigehege von Līgatne gehaltenen Braunbären, wurde erschossen. Wie konnte es dazu kommen? - fragen die einen. "Werden Bären in Līgatne überhaupt artgerecht gehalten? - das fragen sich andere. Die Bärin, die bereit 17 Jahre lang im Freigehege gehalten wurde, hatte zum wiederholten Male Wege gefunden um den Gehegezaun zu überwinden. Zum wiederholten Male gab es lettlandweit Schlagzeilen: Bär entlaufen!

Tourismuswerbung Ligatne
Gut, in Lettland gibt es auch frei lebende Bären, in sofern galt die Warnmeldung sowieso nur für die Umgebung des kleinen Örtchens Līgatne. Natur ist außerhalb der lettischen Ortschaften allgegenwärtig - wenn auch angesichts des teilweise großflächigen Holzkahlschlags oft schon nicht mehr unberührt. Aber die Tourismussaison beginnt - und zumindest in Līgatne, eine Gemeinde innerhalb des bekannten Gauja-Nationalparks, setzte man bisher gern auf handzahme Bären. Ein beschilderter Wanderweg (siehe "visit Ligatne"), der auch mit dem Auto befahren werden kann, führt direkt ans Bärengehege. Wer mag, kann von erhöhter Position aus die drei Pelztiere am Gatter entlang laufen sehen, oder auch Brotstücke hineinwerfen. Zwar gibt es auch noch Sandhöhlen, einen alten Sowjetbunker, und viele andere Tiere zu bestaunen: Wölfe, Elche, Luchse und Eulen zum Beispiel. Aber die beiden verbleibenden Bären, Mikus und Puika, zeigen sich unruhig seit dem Verschwinden der bisherigen Wohngenossin und suchen anscheinend ebenfalls Wege in die Freiheit. Es mussten bereits Container herbeigeschafft werden, um die beiden Tiere im Notfall "sicherstellen" zu können. Polizei des Innenministeriums sicherten das Gelände, selbst ein Helikopter war im Einsatz.

Aber auch lettische Tierfreunde sind unruhig. Warum musste "Made" erschossen werden? Er habe sich durch nichts mehr bewegen lassen in seinem Gehege zu bleiben, teilt der für das Naturgehege zuständige Beamte mit. Aber kann das allein ein Todesurteil sein? Die Bärin sei extrem nervös gewesen, und für einen Schuß mit einem Betäubungsgewehr habe man bis 10 Meter herankommen müssen - das sei nicht möglich gewesen, teilen die Todesschützen mit.
Selbst Staatspräsident Bērziņš sah sich veranlasst, sein Bedauern auszudrücken angesichts des traurigen Endes der tierischen Schlagzeilen.Auf der Infoseite des Gauja-Nationalparks heißt es nun schlicht, der Bär sei nun "zu anderen Jagdgründen unterwegs". Vielleicht kann Līgatne auch ohne Vorzeige-Bären auskommen? Im Moment ist es noch schwer vorzustellen, dass die Betreiber das Bärengehebe aufgeben.

17. April 2012

Die heimlichen Linken

Um die politische Selbsteinschätzung und ideologische Ausrichtung der Einwohner Lettlands geht es in einer neuen Studie, die vom Institut SKDS in dieser Woche vorgestellt wurde. Wie schätzen sich Letten im Vergleich der politischen Ausrichtungen selbst ein? Wie sieht es im internationalen Vergleich aus? "Bei uns sind die Ewig-Gestrigen jene, die immer noch Anhänger des alten Sowjetsystems sind", so ist es manchmal von lettischer Seite zu hören.
Von "lettischen Faschisten" ist dagegen auch heute noch in den national russisch ausgerichteten Medien häufig zu hören, und manchmal klingt es so, als ob es gar keine anderen Letten gäbe.

Entprechen die politischen Einstellungen der lettischen
Staatsbürger eigentlich den Parolen der Parteien,
die sie wählen? Eine neue Umfrage bestätigt diejenigen,
die daran zweifeln
Die SKDS-Umfrage bringt uns jetzt über die politische Selbsteinschätzung der Menschen in Lettland auf den neuesten Stand. Die Autoren stellen in dieser Studie einen großen Unterschied zwischen der Selbsteinschätzung der Menschen und ihrer tatsächlichen politischen Orientierung fest. Genauer gesagt: nach der in Europa üblichen Einteilung zwischen politisch "rechts" oder "links" gefragt, ordnen sich 37% als "eher rechts" und 19% als "absolut rechts" ein; verglichen mit den von allen Befragten konkret unterstützten politischen Vorstellungen und Ideen sind es aber nur 5%, deren Ansichten als "typisch rechts" bezeichnet werden könnten, meint nun die SKDS-Studie.
Umgekehrt schätzen sich selbst nur 16% der Einwohner als politisch "eher links" ein, 4% als "absolut links". Aber sogar eine Mehrheit von 55% unterstützt politische Einstellungen und Forderungen, die gemeinhin als eher links von der Mitte angesehen werden. Sogar innerhalb der Gruppe, die sich selbst als "rechts" bezeichnen, seien es 47% die eher linke Ideen unterstützen. Nach Wählern bestimmter Parteien aufgeschlüsselt, seien unter den Anhängern der "Grünen und Bauernpartei (ZZS)" 59% Menschen mit eher linker Einstellung, bei "Saskaņas centrs" seien es 58%, und sogar bei den Anhängern der nationalen Liste VL-TB/LNNK noch 49%. Nur die "Vienotība" (43%) und "Zatlers Reformpartei (41%) fallen da etwas ab.

Kann das sein? Nun ja, die manchmal schnell gegründeten und wieder vergehenden lettischen Parteien sind manchmal mehr an Personen und Sponsoren orientiert als an politischen Überzeugungen. Doch danach wurde hier nicht gefragt. Die Unterschiede zwischen Selbsteinschätzung und "realen Einstellungen" will die SKDS mittels verschiedenen Sachfragen festgestellt haben, die den 1000 Befragten vorgelegt worden seien. Hier einige Beispiele:
1. Nur 21% sind der Ansicht, dass jeder selbst für das Alter vorsorgen sollte - 75% sehen diese Aufgabe eher beim Staat.
2.Nur 13% glauben, wenn ein Mensch sich keine angemessene Wohnung leisten kann, dann müsse er eben mehr arbeiten und sparen - während 62% eine staatliche Lösung für solche Probleme erwarten.
3. Nur 18% halten es für möglich, die Zahlung von Arbeitslosenunterstützung auch einzustellen, da ja jeder die Pflicht habe für sich selbst zu sorgen - 55% halten eine solche Denkweise für abwegig.
4. Nur 17% finden es richtig, dass Fürsorge für alte Menschen ihnen selbst und ihren Familienanghörigen überlassen bleibt  - aber 53% halten die Einstellung für richtig, dies sei Aufgabe der gesamten Gesellschaft.
5. Nur 25% unterstützen die Ansicht, Menschen die arbeiten können längerfristige soziale Hilfszahlungen zu verweigern - aber 45% sind der Ansicht es sei richtig, dass in Lettland niemand in Armut leben solle.
6. 20% unterstützen ein Gesundheitsvorsorgesystem in dem der Staat nur das absolute Minumum kostenlos bereitstellt - 43% sind der Ansicht dass Gesundheitsvorsorge völlig kostenfrei sein müsse und jeder ein Anrecht auf gleichartige qualitative Leistungen habe, auch wenn dafür mehr Steuern gezahlt werden müssten.
7. Nur 20% unterstützen die Ansicht, dass der Staat sich jeglicher unternehmerischer Tätigkeit zu enthalten habe, aber 56% unterstützen die Auffassung dass der Staat auch Unternehmen gründen und so Arbeitsplätze schaffen kann.
8. Nur 18% unterstützen die Privatisierung aller großen lettischen Betriebe - 53% aber sind eher für den Verbleib großer Betriebe in staatlicher Hand, ja sogar für Verstaatlichungen.
9. Nur 21% sind dafür dass Banken nur aus privatem Kapitalvermögen gegründet werden können, 43% unterstützen eine staatliche Beteiligung.
10. Etwa gleichauf liegen die Befragen nur in einer Sachfrage: 35% sind der Auffassung, die Höhe der Renten solle einzig davon abhängen wieviel ein Mensch in seinem Leben gearbeitet habe, während 37% glauben dass es notwendig sei kleine Renten durch Kürzungen bei den großen Renten zu unterstützen.

Wer noch Fragen hat (und Lettisch versteht), kann auch den ganzen Text nachlesen hier (momentan noch von SKDS im Internet öffentlich nachlesbar gemacht).

12. April 2012

Neustart im Frühling: Ehrenpreise für Radler

Noch vor wenigen Jahren waren von den Resten einst ruhmreicher Rigascher Fahrradproduktion nur ein paar halb-verblichene Werbeinschriften an schmutzigen Häuserwänden übrig. Aber am nachösterlichen 12.April 2012 feiert die Marke "Erenpreiss" (ex "Ehrenpreiss") fröhliche Urständ: Toms Ērenpreiss, der Ur-Urenkel eines Bruders des ehemaligen Firmeninhabers Gustav Ehrenpreiss, stellte die ersten neu produzierten Fahrradmodelle in Riga vor.
Vielleicht ein glücklicher Zeitpunkt: in den vergangenen Jahren ist Radfahren in der lettischen Hauptstadt - trotz fehlender Radwege, verstopften Straßen zur Hauptverkehrszeit, unfreundlichen Autofahrern - wieder mehr in Mode gekommen. Teilweise durch finanzielle Schwierigkeiten, sich ein Auto leisten zu können, durch Fahrradfestivals, aber auch das Eingeständnis einer ganzen Reihe bekannter lettischer Persönlichkeiten: ich fahre Rad! Neuerdings lässt auch die Straßenbahn Radmitnahme zu, und die Stadt überlegt durch seitliche Abgrenzungsstreifen an den großen Durchfahrtsstraßen mehr Sicherheit für Radler zu schaffen.
so sah es noch vor ein paar Jahren aus: verwaschene
Hinweise auf Leutners alte Produktionsanlagen

Ursprünglich war es der Deutschbalte Alexander Leutner (1864-1923) gewesen, der nicht nur in Riga, sondern im gesamten damaligen russischen Reich als erster eine Fahrrad-Serienproduktion aufnahm (später auch Mopeds) - bis zum Ausbruch des 1.Weltkriegs. 1927 hatte dann Gustav Ehrenpreiss in Riga seine "Velociped-Fabrik" gegründet und fabrizierte in den Räumlichkeiten an der Čaka iela bis zum Ausbruch des 2.Weltkriegs bis zu 40.000 Räder im Jahr. Nach Kriegsende standen die Hallen zunächst leer, denn die Einrichtung war nach Deutschland transportiert worden. Dann startete am selben Platz "Sarkana Zvaigzne" (Roter Stern) und es entstanden am selben Ort zunächst Fahrräder, ab 1961 nur noch Mopeds ("Gauja" oder "Spriditis", mit Jawa-Motoren). Vielleicht nicht ganz so schick wie in Westeuropa, und in wenigen Modellvarianten, aber solide. Und wer heute noch so ein Stück besitzt, der zeigt es wieder gerne vor (andere müssen die guten Stücke im "Motormuzejs" anschauen).

Frisch geliefert, ab sofort aus dem Stall "Ērenpreiss":
die edle "Paula", ganz in Weiß
Nun läßt sich in Riga ein echtes "Ērenpreiss" auch wieder kaufen (und fahren)! Zur ersten Präsentation (in dieser Woche) bildeten Kulturministerin Jaunzeme-Grende und "Brainstorm"-Sänger Renārs Kaupers das PR-Verstärkerteam um Neu-Fabrikant Toms Ērenpreiss.
Soweit, so gut. Bleibt nur noch, die interessierte Käuferschar auch auf die richtigen Räder zu bringen. Denn während die Riga-Touristen durchaus mal ein, zwei Stunden auf gut gefederte, bequemen Leihrädern unterwegs sind, haben junge lettische Radfans längst erkannt, dass es sich vorläufig nicht lohnt, auf ähnlich gut geteerte Roll-Unterlagen wie in anderen europäischen Hauptstädten zu warten. Nein, die Schotterstraßen, hohen Bordsteine, oder schlammigen Wiesen und Wälder, die ein lettischer Radler bisher bei seinem Tun vorfindet, verlangen einfach mehr nach BMX-Modellen, Mountainbikes oder ähnlichen breitreifigen Gerätschaften. Oder nach Gebrauchträdern einfacher Art, für die Fahrt zur Arbeit.

Wie also für die oldie-trendigen edlen Neuräder aus Rigaer Produktion werben? Nun, einerseits indem besonders betont wird, dass ein Fahrrad ein typisch "lettisches Traditionsprodukt" sein kann: schon zu goldenen "Leutners" ("Leitners") oder "Alt-Ehrenpreiss"-Zeiten habe es über 70 lettische Zulieferbetriebe gegeben - so haben es die neu gestarteten Jungunternehmer des Jahres 2012 nachgezählt. Ähnliches lässt sich auch in der Buchdokumentation "No Leitnera līdz Ērenpreisam" wiederfinden.
Zweite Maßnahme: ein eigenes Festival erfinden! Seit 2009 organisiert Ērenpreiss in Liepaja und Riga eine "Tweed-Tour" - eine Radtour im edlen Zwirn also. Es besteht kein Kleidungszwang, aber der Versuch ist deutlich: ein geändertes Image nach der Art, dass schicke Fahrräder auch besser gekleidete Radler/innen vertragen, könnte der Vielfalt der Radlertrends dienlich sein.

Na, dann auf in die neue Saison!

Ērenpreiss Webseite

Infoseite zum historischen "Leutner"-Militärfahrrad (engl./russ.)

Programm Fahrradwoche Riga 22.April bis 5,Mai  / "Tweed-Tour" 2012

Kurland-Rallye mit Leutner-Rädern (engl.)

2. April 2012

Eier-Business blüht zu Ostern

"5-10 Eier darf man mit ruhigem Gewissen an den beiden Ostertagen essen, ohne gesundheitliche Probleme zu bekommen", so Zigurds Zariņš, Dozent an der Stradiņa-Universität in Riga, extra bemüht für die Tageszeitung "Latvijas Avize". Wo in deutschen Medien gelegentlich von "Eierknappheit durch neue EU-Bestimmungen für Käfighaltung" zu lesen war, heißt es hier lediglich: es zeigen sich zwar noch keine Frühlingsblumen, aber das Eier-Ostergeschäft blüht!

Der statistische Pro-Kopf-Eierverbrauch in Lettland, so heißt es, stagniert, und liegt derzeit bei 200 Stück pro Jahr (in Deutschland z.Zt. 214, siehe "Agrar heute"). Wenn anderswo aber die Eier knapp werden, steigen die Exportmöglichkeiten für diejenigen, die rechtzeitig gemäß neuer EU-Richtlinien zu produzieren begonnen haben. Auch wer in Lettland im Supermarkt Eier einkauft, hat mit großer Wahrscheinlichkeit Produkte des "Balticovo"-Konzerns in Händen, dem größten Eierproduzenten Nordeuropas (knapp 2 Millionen Legehennen zusammen, 1,5 Millionen Eier pro Tag). Bei nur 180 Beschäftigten ein lohnendes Geschäft. Laut eigenen Angaben deckt diese eine Firma 95% der Eierversorgung Lettlands ab, auch nach Deutschland wird exportiert.
Und nicht nur große, auch zahlenmäßig kleinere private Eierproduzenten liefern Eier an die Großeinkäufer. Wenn "Balticovo"-Vorstandsvorsitzender Arnis Veinbergs gegenüber lettischen Medien erklärt, vor Ostern würde sich der Eierabsatz verdoppeln, dann ist klar welche Wichtigkeit die eifrigen Eierbemaler für den Monopolisten haben. Ziehen Lettinnen und Letten gewöhnlich das braue Ei vor, so werden aber immer zu Ostern gerade weiße Eier verlangt. Die meisten dieser weißen Eier müssen momentan importiert werden. "Aber nächstes Jahr werden wir diesen Bedarf in Lettland vor Ort produzieren können," verspricht Veinbergs (Latvijas Avize 2.4.12).

Bezüglich Kommentaren zu den lettischen Eierpreisen äußert sich Konzernchef Veinbergs vorsichtiger. Mit bis zu 40% Preisanstieg müsse in der Osterwoche gerechnet werden. Das erklärt "Balticovo" aber nicht mit der eigenen marktbeherrschenden Monopolstellung, sondern - fast hätten wirs vermuten können - mit den erhöhten Anforderungen durch die EU-Bestimmungen und den nötigen Investitionen. Die notwendigen Baumaßnahmen würden sich erst im Laufe von 8 Jahren amortisieren, schätzen lettische Landwirtschaftsexperten. Im März lagen die lettischen Eierpreise im Durchschitt bei etwa einem Lat (1,43 Euro) pro Zehnerpack. Einer der bis dahin größten Konkurrenten, das Landwirtschaftszentrum „Mārupe“ (Mārupes lauksaimniecības centrs) hatte Anfang 2011 Zahlungsunfähigkeit anmelden nüssen (NRA 16.2.11). Die dortigen Betreiber hatten den Bankrott mit Billigangeboten auf dem lettischen Markt erklärt: "mit Eierpreisen von 0,49 Lat für 10 Stück können wir bei den gestiegenen Energiekosten nicht mithalten", so ein Sprecher des ehemaligen "Balticovo"-Konkurrenten damals.
Eierproduktion bei "Balticovo" (Abbildung
von der firmeneigenen Webseite)
Nach Angaben von Ingūna Gulbe vom lettischen landwirtschaftlichen Marktförderungszentrum (s.Latvijas Avize) sind insgesamt 14 Unternehmen in Lettland registriert die Eierproduktion betreiben. Es gibt verschiedene Haltungsformen: 6 betreiben Freilandhaltung, 2 halten die Tiere in Hühnerställen, 6 in Käfigen, und ein Betrieb produziert nach ökologisch anerkannten Qualitätskriterien. Zwei Betriebe haben die Produktion momentan unterbrochen. Die Markttendenzen fallen gegenwärtig so aus, dass im Jahr 2010 der Export von Eiern in andere Länder um 14,1% gesunken war, während der Import um 19,5% anstieg - dennoch übersteigt der Export den Import immer noch um das 2,5fache. Die verschiedenen Haltungsformen täuschen nur kurzzeitig darüber hinweg, dass rein zahlenmäßig über 95% der in Lettland verkauften Eier aus Käfighaltung stammen - auch dank dem "Balticovo"-Monopol (siehe Statistik des lettischen Verbands der Geflügelhalter).

Wie viele Lettinnen und Letten noch Hühner im eigenen Garten halten, darüber sind leider keine Zahlen bekannt. Aber zunehmend werden "Landeier" gekauft, unter Vermeidung der Eier aus "Massenproduktion". Es gibt bereits Eierproduzenten die damit werben, ihre Hühner zur Steigerung der Warenqualität mit Leinsamen zu füttern. Auch solche Landeier, machmal direkt "ab Hof" verkauft, sind schon ab etwa 12 Santimes (17 EuroCent) zu haben.