Während in deutschen Landen nun langsam allen die Fußbälle um die Ohren fliegen, geht in Riga die Eishockey-WM in die Endphase. In den Spielen des lettischen Teams in der Zwischenrunde gegen Kanada, die USA und Norwegen sollte sich entscheiden, wie hoch die Wellen der Eishockey-Begeisterung der heimischen Fans noch schlagen. Ein Sieg gegen Aufsteiger Norwegen war eigentlich eingeplant, aber um das Viertelfinale - und damit nach langer Zeit mal wieder einen Platz unter den ersten Acht einer WM - zu erreichen, musste entweder gegen die starken Kanadier oder gegen die USA mindestens ein Unentschieden her. Was dann aber im Spiel gegen Kanada folgte, war ein kleiner Knacks für den sonst so guten Ruf der lettischen Eishockey-Fans.
Fans ungewöhnlich ungeduldig
"Bitte, bitte, liebe Fans, benehmt euch ordentlich!" bettelten am Tag nach dem Spiel die lettische Tagespresse. Was war geschehen?
Gegen Kanada zu verlieren, wäre sicher keine Schande gewesen. Die heimischen Fans nahmen es aber wohl dem Schiedsrichter die Vielzahl von gegen das lettische Team verhängten Strafzeiten übel - ein sehr starker kanadischer Start ins Spiel kam dazu, und bald stand es 0:3, dann 0:5. Etwa beim Stand von 0:7 soll begonnen haben, was im lettischen Eishockey noch nie passiert sein soll: unzufriedene Zuschauer begannen damit, Gegenstände aufs Spielfeld zu werfen. Erst Feuerzeuge, dann Geldstücke, und schließlich sollen es sogar Mobiltelefone gewesen sein, die zur ernsthaften Gefahr für die Kufenstars wurden. Zweimal musste mitten im Spielverlauf unterbrochen werden, damit die Eisfläche gereinigt werden konnte.
Lettische Presse schockiert
Wer wird die Ereignisse ausserhalb Lettlands schon so genau wahrgenommen haben? In Lettland selbst jedenfalls redeten alle von den Ereignissen. Auch die Medien aus dem Land des Spielgegners Kanada (die das Spiel am Ende 11:0 gewonnen hatten) werden das eine oder andere geschrieben haben. Am meisten erschütterte es wohl die heimische lettische Presse, denn alle waren bis zu diesen Ereignissen davon überzeugt, dass gerade die Eishockey-Fans aus Lettland bei den vergangenen Weltmeisterschaften und Olympiaden mit fantasievollen Aktionen und sympatischem Auftreten im Ausland immer einen hervorragenden Eindruck gemacht hatten.
Sorgen kamen auf: Was wird erst im Spiel gegen die US-Boys noch zu erwarten sein?
Glücklicherweise steigerten sich die Ereignisse nicht ins Negative - im Gegenteil. Bis zum 2:2 kämpfte die lettische Mannschaft tapfer, musste sich dann aber doch 2:4 geschlagen geben. Lediglich "ohrenbetäubend laut" soll es in der Halle gewesen sein, so bestätigten auch einige US-Spieler.
Eisiges Vergnügen
In Rigas Altstadt - und drumherum - ist relativ viel für potentielle Sportfans getan: Viele Bars und Gaststätten haben sich ganz auf Eishockey eingestellt und zeigen alle Spiele LIVE in ihren Räumen. Am Kongreßhaus sind ausserdem kostenlos zugängliche Zelte aufgebaut, und einige Dutzend Fernsehschirme zeigen die Spiele in allen Details. Wer möchte, kann dort auch gleich sein Mittag- oder Abendessen einnehmen, und Getränke gibt es auch dazu.
Allerdings haben sich die Aussentemperaturen in der 2. WM-Woche merklich abgekühlt: nur um die 12 Grad tagsüber, und bis zu 0 Grad nachts brachten manche leichter bekleideten Fans zum Frösteln. So verkriechen sich die meisten - sofern sie keine Karten für die weiteren Spiele haben - dann doch in gewärmte Räume der Altstadtkneipen.
Der Touristenansturm zur WM ist übrigens weniger stark als erwartet: manche Hotels hatten die Preise während der WM derart erhöht, dass Fangruppen osteuropäischen Mannschaften sogar lieber ein Flugzeug charterten, um abends nach dem Spiel gleich wieder nach Hause zu jetten. Nicht alle werden also ihr Geschäft gemacht haben. Die Mehrheit der in Riga herumflanierenden Hockey-Gäste sind Skandinavier: Norweger, Schweden oder Finnen genießen die für ihre Verhältnisse moderaten Getränkepreise. Dazu kommen noch einige Schweizer, deren Mannschaft in Riga überraschend erfolgreich war.
Zufrieden mit dem Erreichten
Die lettische Mannschaft ist also ausgeschieden, und belegt offiziell Platz 10. Nun wird diskutiert, ob der gerade vor der WM neu engagierte Trainer bleiben darf. Plus und Minus werden öffentlich diskutiert: autoritär soll er sein, alte "Sowjetmethoden" werden ihm vorgeworfen - aber etwas Autorität braucht doch so ein Haufen Eishockey-Cracks auch?
Ein gutes Abwehrsystem soll er eingeführt haben - aber andererseits hatte die lettische Mannschaft immer in den Schlußdritteln nichts mehr zuzulegen. Verbandspräsident Lipmans soll sich aber schon festgelegt haben: es geht mit Trainer Nationaltrainer Vorobjovs auch in die nächsten Länderspiele.
Zunächst aber sind wohl erstmal wieder die sommerlichen Sportarten angesagt ....
17. Mai 2006
11. Mai 2006
Lettland durch die Kamera
Wird Zeit, mal einen jungen Letten mit seinen Photos vorzustellen. So sieht das aus, wenn "tm_lv" unterwegs ist. Kaum zu übersehen: Er ist Computerfreak und beobachtet dabei seine Umgebung. Diese Aufnahme ist das Resultat. Eine Linux-Veranstaltung für Programmierer. Bei flickr gibt es noch mehr von ihm. Einfach auf das Foto klicken und es wird zum Fotoprogramm weitergeleitet. Ausserdem betreibt er einen Blog. Hier eine gepostete Karikatur zur Lage der Eishockeynation Lettland.
4. Mai 2006
Es wird Sommer ? Nein, erstmal ist Eishockey ...
Am 4.Mai war Gedenktag - genau vor 16 Jahren entschied sich das damals noch als "Oberster Sowjet" amtierende lettische Parlament für die erneute Proklamierung der lettischen Unabhängigkeit. Zwar wurde dieser Schritt erst nach dem fehlgeschlagenen Putsch gegen Gorbatschow in Moskau (August 1991) auch international anerkannt, aber in Lettland sind sich viele noch sehr bewußt, welchen schwierigen Schritt damals die Verantwortlichen zu gehen bereit waren.
Auch in Lettland wird es frühlingshaft - aber nach dem 4.Mai beginnt dieses Jahr nun eine ganz spezielle "fünfte Jahreszeit" in Riga - noch weit vor den Mitsommer-Zeremonien, und Parlamentswahlen sind auch erst im Herbst.
Nein, vor allem in den zwei Sportarenen Rigas wird ein weltsportliches Ereignis angepfiffen. Ein 17tägiges Spektakel kann beginnen. Die Weltelite des Eishockey trifft sich in Lettland zur Weltmeisterschaft. 70 Spiele wird es geben, und wer keine Karten bekommen hat, wird die Ereignisse vielleicht rund um eine der in der Innenstadt bereitgestellten Großbildleinwände mit zelebrieren wollen.
Lettlands eigene nationale Kufenhelden sind natürlich dabei - im Gegensatz zu den deutschen Puckjägern, die im Vorjahr aus der ersten Weltliga abstiegen, und sich kürzlich erst mühsam im französischen Amiens den Wiederaufstieg sichern mussten - um dann 2007 wieder dabei sein zu können.
Wieder einmal streifen sich Regierungschefs den Sportlerdress über - und hoffen auf bessere Stimmung im Lande. Die Eishockey-WM ist dem Fußball-Hype in Deutschland durchaus vergleichbar: zwar glauben auch fanatische lettische Fans selten an Heldentaten, aber im Internetportal TVNET glauben doch immerhin 53% der Teilnehmer einer entsprechenden Umfrage an Lettlands Einzug ins Viertelfinale (also an ein Weiterkommen nach den ersten Gruppenspielen). Nationalsportarten verpflichten.
Verplichten ließen sich auch, allein schon für das erste WM-Wochenende in Riga, etwa 700 Freiwillige. Eine Entlohnung als Gegenleistung für die übernommenen Arbeiten war nicht nötig, so berichtet es die "Neatkariga Rita Avize" am 3.Mai. "Anders nicht zu erlangende Erfahrungen, und neue Freunde" - das reicht als Motivation für den Nachwuchs der baltischen Eishockey-Nation. Wer mindestens 16 Jahre ist, Englisch oder Russisch spricht, der ist dabei. "Dennoch hat Lettland eigentlich keine Tradition mit ehrenamtlicher Arbeit", meint die Verantwortliche für diesen Bereich, Lita Pakalna. "Einige meinten doch wirklich, sie könnten bei der Arbeit alle Spiele sehen und würden dafür auch noch bezahlt."
Allein 60 Freiwillige arbeiten im Akkreditierungszentrum der WM. Dort müssen etwa 15.000 Akkreditierungskarten ausgegeben werden an die ganze WM-Karawane rund um die 16 teilnehmenden Mannschaften. Glücklich werden sich wahrscheinlich diejenigen schätzen, die zur Betreuung prominenter Gäste eingeteilt werden (im Stadion werden allein für diesen Sektor 700 Plätze freigehalten). Angesagt haben sich neben der schwedischen Königin Sylvia (aus dem Land des Olympiasiegers diesen Jahres) auch der tschechische Regierungschef Paroubek und der ehemalige Schweizer Bundespräsident Samuel Schmidt.
Es gibt auch weniger angenehme Meldungen: Die Bevölkerung wird auf die Anwesenheit von besonders vielen Polizisten im Straßenbild vorbereitet - sogar Polizeikollegen aus Litauen und Estland hätten Hilfe versprochen, so Polizeihauptmann Aivars Grigulis in der Fernsehsendung "900 Sekunden". Wer dessen Aussagen aufmerksam verfolgt konnte lesen, dass sich die lettische Polizei am meisten vor Regen während der WM fürchtet: "Eine unserer größten Sorgen wären die vielen Regenschirme."
Einige Rigaer Hotels verdoppelten zur WM-Zeit erstmal die Preise. "Schon im Herbst letzten Jahres haben wir Buchungsanfragen aus dem Ausland gehabt, die alle unsere verfügbaren Zimmer nachfragten," so Laura Zarina von der Agentur LATVIA TOURS. Ein Teil der Anfragen habe sich später aber erledigt, da ausländische Partner von Problemen berichtet hätten, auch die entsprechenden Tickets für die Spiele zu bekommen."So werden vielleicht sogar einige der Zimmer frei bleiben." Das Portal Finance-Net.LV sah sich sogar veranlaßt, solche freien Hotelplätze zu veröffentlichen. Positiver wurde da schon aufgenommen, dass es seit einigen Wochen wieder eine ständige Fährverbindung mit dem schwedischen Stockholm und Riga gibt. So können wohl auch spontane Sportbegeisterte leicht die Reise zur WM wagen, spekuliert die Tageszeitung DIENA.
Und was gibt's Neues von der lettischen Mannschaft? Dort hat Nationaltrainer Pjotrs Vorobjovs ganze sechs Tage vor der WM seinen Ko-Trainer ausgewechselt. Anzunehmen ist, dass es nicht am Namen lag: klang doch der Name des bisherigen Ko-Trainers Leonīd Beresņevs ganz ähnlich wie ein ehemaliger Sowjetführer. Solche Spekulationen leiten aber sowieso in die Irre: im lettischen Eishockey spielen Russen wie Letten einträchtig neben- und miteinander im Nationalteam.
Was wäre bei uns los, wenn Klinsmann plötzlich den Bierhoff oder den Yogi ....
Nein, nicht auszudenken. Aber der Erfolg wird die Geschichten schreiben. Vorerst kann Lettland zufrieden sein, dass die Topmannschaften aus USA, Russland, Schweden, Tschechien oder Kanada zu Gast sind, und dieses Ereignis wieder einmal eine gewisse Art Anerkennung auf internationaler Ebene herstellt. Noch vor einem Jahr hatte man den Letten kaum zugetraut, eine große neue Halle bauen zu können. Noch vor wenigen Wochen gab es technische Probleme bei der neuen Eishockey-Arena Riga. Aber nun kann es losgehen!
Zum Weiterlesen zum Thema:
- WM-Blog von Eishockey-Fans aus der Schweiz
- WM-Kalender bei Eurosport
- WM-Spielplan bei Wikipeda
- WM-Fanblog von Claude Moeri
- englischsprachige Newsseite der lettischen WM-Veranstalter
- Zeitplan der Fernseh-Übertragungen bei DSF
P.S.: Lettland startete sensationell und spielte erstmals gegen das Spitzenteam aus Tschechien Unentschieden:
Bei solchen erfreulichen Gelegenheiten läßt sich auch der Regierungschef gern beim Jubeln fotografieren.

Und nach einer eher zu erwartetenden Niederlage gegen Finnland (0:5) reichte es für das lettische Team dann doch zum klaren 5:1 gegen Slowenien und damit den Einzug in die Zwischenrunde. Hier gibt es dann zumindest noch die Spiele gegen Kanada (Donnerstag, 11.Mai, 20.15 Uhr), USA (Samstag, 13.Mai, 20.15 Uhr) und Norwegen (Dienstag, 16.Mai, 19.15 Uhr).
Beim Spiel Schweden gegen die Schweiz traten Probleme mit der Eisqualität auf - leider ähnlich wie im vergangenen Jahr bei der WM in Österreich, und auch diesmal ist für die Eisaufbereitung eine Firma aus der Schweiz zuständig.
Für Lettlands Eishockey-Fans jedenfalls ist die WM jetzt schon ein Erfolg - sportlich auf jeden Fall, und zu hoffen ist,. dass organisatorisch jetzt alles glatt geht.
DSF überträgt übrigens die Spiele im TV!
Weitere Berichte zur Eishockey WM im Netz:
- Hockey-Web: Wer wird Weltmeister? Russland?
- Hockey-Web: Viel Polizei und Sicherheit, plus Verkehrschaos in Riga
- Ergebnis-Dienst des ZDF
- "Latvija, Latvija" - Zwischenbilanz der WM in der NZZ. Zitat aus diesem Bericht: «The land that sings» nennt sich Lettland in Anlehnung an seine Musikkultur. Kommt aber die Eishockey-Nationalmannschaft ins Spiel, müsste es eher heissen: «das Land, das schreit». Die lettische Begeisterung für den Eishockeysport ist allgegenwärtig und wohl bis nach Sibirien zu hören."
Auch in Lettland wird es frühlingshaft - aber nach dem 4.Mai beginnt dieses Jahr nun eine ganz spezielle "fünfte Jahreszeit" in Riga - noch weit vor den Mitsommer-Zeremonien, und Parlamentswahlen sind auch erst im Herbst.

Nein, vor allem in den zwei Sportarenen Rigas wird ein weltsportliches Ereignis angepfiffen. Ein 17tägiges Spektakel kann beginnen. Die Weltelite des Eishockey trifft sich in Lettland zur Weltmeisterschaft. 70 Spiele wird es geben, und wer keine Karten bekommen hat, wird die Ereignisse vielleicht rund um eine der in der Innenstadt bereitgestellten Großbildleinwände mit zelebrieren wollen.
Lettlands eigene nationale Kufenhelden sind natürlich dabei - im Gegensatz zu den deutschen Puckjägern, die im Vorjahr aus der ersten Weltliga abstiegen, und sich kürzlich erst mühsam im französischen Amiens den Wiederaufstieg sichern mussten - um dann 2007 wieder dabei sein zu können.
Wieder einmal streifen sich Regierungschefs den Sportlerdress über - und hoffen auf bessere Stimmung im Lande. Die Eishockey-WM ist dem Fußball-Hype in Deutschland durchaus vergleichbar: zwar glauben auch fanatische lettische Fans selten an Heldentaten, aber im Internetportal TVNET glauben doch immerhin 53% der Teilnehmer einer entsprechenden Umfrage an Lettlands Einzug ins Viertelfinale (also an ein Weiterkommen nach den ersten Gruppenspielen). Nationalsportarten verpflichten.Verplichten ließen sich auch, allein schon für das erste WM-Wochenende in Riga, etwa 700 Freiwillige. Eine Entlohnung als Gegenleistung für die übernommenen Arbeiten war nicht nötig, so berichtet es die "Neatkariga Rita Avize" am 3.Mai. "Anders nicht zu erlangende Erfahrungen, und neue Freunde" - das reicht als Motivation für den Nachwuchs der baltischen Eishockey-Nation. Wer mindestens 16 Jahre ist, Englisch oder Russisch spricht, der ist dabei. "Dennoch hat Lettland eigentlich keine Tradition mit ehrenamtlicher Arbeit", meint die Verantwortliche für diesen Bereich, Lita Pakalna. "Einige meinten doch wirklich, sie könnten bei der Arbeit alle Spiele sehen und würden dafür auch noch bezahlt."
Allein 60 Freiwillige arbeiten im Akkreditierungszentrum der WM. Dort müssen etwa 15.000 Akkreditierungskarten ausgegeben werden an die ganze WM-Karawane rund um die 16 teilnehmenden Mannschaften. Glücklich werden sich wahrscheinlich diejenigen schätzen, die zur Betreuung prominenter Gäste eingeteilt werden (im Stadion werden allein für diesen Sektor 700 Plätze freigehalten). Angesagt haben sich neben der schwedischen Königin Sylvia (aus dem Land des Olympiasiegers diesen Jahres) auch der tschechische Regierungschef Paroubek und der ehemalige Schweizer Bundespräsident Samuel Schmidt.
Es gibt auch weniger angenehme Meldungen: Die Bevölkerung wird auf die Anwesenheit von besonders vielen Polizisten im Straßenbild vorbereitet - sogar Polizeikollegen aus Litauen und Estland hätten Hilfe versprochen, so Polizeihauptmann Aivars Grigulis in der Fernsehsendung "900 Sekunden". Wer dessen Aussagen aufmerksam verfolgt konnte lesen, dass sich die lettische Polizei am meisten vor Regen während der WM fürchtet: "Eine unserer größten Sorgen wären die vielen Regenschirme."
Einige Rigaer Hotels verdoppelten zur WM-Zeit erstmal die Preise. "Schon im Herbst letzten Jahres haben wir Buchungsanfragen aus dem Ausland gehabt, die alle unsere verfügbaren Zimmer nachfragten," so Laura Zarina von der Agentur LATVIA TOURS. Ein Teil der Anfragen habe sich später aber erledigt, da ausländische Partner von Problemen berichtet hätten, auch die entsprechenden Tickets für die Spiele zu bekommen."So werden vielleicht sogar einige der Zimmer frei bleiben." Das Portal Finance-Net.LV sah sich sogar veranlaßt, solche freien Hotelplätze zu veröffentlichen. Positiver wurde da schon aufgenommen, dass es seit einigen Wochen wieder eine ständige Fährverbindung mit dem schwedischen Stockholm und Riga gibt. So können wohl auch spontane Sportbegeisterte leicht die Reise zur WM wagen, spekuliert die Tageszeitung DIENA.
Und was gibt's Neues von der lettischen Mannschaft? Dort hat Nationaltrainer Pjotrs Vorobjovs ganze sechs Tage vor der WM seinen Ko-Trainer ausgewechselt. Anzunehmen ist, dass es nicht am Namen lag: klang doch der Name des bisherigen Ko-Trainers Leonīd Beresņevs ganz ähnlich wie ein ehemaliger Sowjetführer. Solche Spekulationen leiten aber sowieso in die Irre: im lettischen Eishockey spielen Russen wie Letten einträchtig neben- und miteinander im Nationalteam.
Was wäre bei uns los, wenn Klinsmann plötzlich den Bierhoff oder den Yogi ....
Nein, nicht auszudenken. Aber der Erfolg wird die Geschichten schreiben. Vorerst kann Lettland zufrieden sein, dass die Topmannschaften aus USA, Russland, Schweden, Tschechien oder Kanada zu Gast sind, und dieses Ereignis wieder einmal eine gewisse Art Anerkennung auf internationaler Ebene herstellt. Noch vor einem Jahr hatte man den Letten kaum zugetraut, eine große neue Halle bauen zu können. Noch vor wenigen Wochen gab es technische Probleme bei der neuen Eishockey-Arena Riga. Aber nun kann es losgehen! Zum Weiterlesen zum Thema:
- WM-Blog von Eishockey-Fans aus der Schweiz
- WM-Kalender bei Eurosport
- WM-Spielplan bei Wikipeda
- WM-Fanblog von Claude Moeri
- englischsprachige Newsseite der lettischen WM-Veranstalter
- Zeitplan der Fernseh-Übertragungen bei DSF
P.S.: Lettland startete sensationell und spielte erstmals gegen das Spitzenteam aus Tschechien Unentschieden:
1 : 1 !
"Süßigkeiten zum Eishockey-Fest" so beschreibt die Tageszeitung DIENA die Stimmung in Lettland nach diesem erfreulichen Beginn.Bei solchen erfreulichen Gelegenheiten läßt sich auch der Regierungschef gern beim Jubeln fotografieren.

Und nach einer eher zu erwartetenden Niederlage gegen Finnland (0:5) reichte es für das lettische Team dann doch zum klaren 5:1 gegen Slowenien und damit den Einzug in die Zwischenrunde. Hier gibt es dann zumindest noch die Spiele gegen Kanada (Donnerstag, 11.Mai, 20.15 Uhr), USA (Samstag, 13.Mai, 20.15 Uhr) und Norwegen (Dienstag, 16.Mai, 19.15 Uhr).
Beim Spiel Schweden gegen die Schweiz traten Probleme mit der Eisqualität auf - leider ähnlich wie im vergangenen Jahr bei der WM in Österreich, und auch diesmal ist für die Eisaufbereitung eine Firma aus der Schweiz zuständig.
Für Lettlands Eishockey-Fans jedenfalls ist die WM jetzt schon ein Erfolg - sportlich auf jeden Fall, und zu hoffen ist,. dass organisatorisch jetzt alles glatt geht.
DSF überträgt übrigens die Spiele im TV!
Weitere Berichte zur Eishockey WM im Netz:
- Hockey-Web: Wer wird Weltmeister? Russland?
- Hockey-Web: Viel Polizei und Sicherheit, plus Verkehrschaos in Riga
- Ergebnis-Dienst des ZDF
- "Latvija, Latvija" - Zwischenbilanz der WM in der NZZ. Zitat aus diesem Bericht: «The land that sings» nennt sich Lettland in Anlehnung an seine Musikkultur. Kommt aber die Eishockey-Nationalmannschaft ins Spiel, müsste es eher heissen: «das Land, das schreit». Die lettische Begeisterung für den Eishockeysport ist allgegenwärtig und wohl bis nach Sibirien zu hören."
25. April 2006
Nicht alles gelogen - lettische Münze des Jahres ehrt Münchhausen
Münchhausens Lügengeschichten haben viele als Kind gelesen und vielleicht herzlich darüber gelacht. Nicht nur der legendäre Ritt auf der Kanonenkugel, sondern auch viele andere Merkwürdigkeiten kommen so herrlich unwahrscheinlich daher, dass sie eben schlicht als Lügengeschichten gelten.
Keine Lüge jedoch ist, dass Baron Freiherr von Münchhausen einige Jahre im Gebiet des heutigen Lettland gelebt hat - eine Tatsache, an welche die Bank von Lettland kürzlich mit einer Gedenkmünze erinnern wollte. Diese Münze ist nun per "Kundenbefragung" unter 12.776 Menschen mit 30% der Stimmen zur "Münze des Jahres" in Lettland gewählt worden (Pressemitteilung "Current Latvia"). Karl Friedrich Hieronymous von Münchhausen (1720-1797) kam ins damals zu Russland gehörende lettische Livland (heute: Bezirk Vidzeme / Nordlettland) im Jahr 1737. Seine Begleiter, auch bei den vielen Jagdausflügen, waren Prinz Anton Ulrich und später der deutschbaltische Gutsbesitzer Georg Gustav von Dunten, der Münchhausen ins Gutshaus nach Dunte zur Entenjagd einlud.
Dort jagde der später als "Lügenbaron" bekannt junge Mann offensichtlich nicht nur Geflügel: am 2.Februar 1744 heiratete er die Tochter seines Gastgebers Jacobina von Dunten. In Livland / Vidzeme lebte er bis 1750, und erzählte viele seiner Geschichten im Freundes- und Familienkreis, gerne bei einem Glas Wein, wie es überliefert ist. Die abenteuerlichen Geschichten um "Baron Münchhausen" wurden aber erst ab 1785 aufgeschrieben. Die Autorenschaft sei umstritten, so stellt es auch die Bank von Lettland in ihren Begleitinformationen zur Münzedition dar. Wer mehr als die Münze sich Anschauen will, hat heute auch im wirklichen Ort Dunte, nahe der Strasse Riga-Tallinn in Vidzeme gelegen, alle Möglichkeiten. Vor kurzem erst ist das Münchhausen Museum renoviert worden.

Wetere Münchhausen-Infos im Internet:
- Münchhausenland der Stadt Bodenwerder / Niedersachsen
- Münchhausen bei Wikipeda
- Liste mit Filmen zum Thema Münchhausen
- Lettischsprachige Seite zu Münchhausen (Minhauzena pasaule)
- Münchhausen-Museum und Münchhausen Gasthaus ("Minhauzena Unda") in Lettland
- Linkverzeichnis zu weiteren Münchhausen-Seiten
- Infos zu verschiedenen Münchhausen-Publikationen eines Münchhausen-Sammlers
- Freundeskreis Münchhausen-Gutshof e.V.
- Reiseangebot "Urlaub auf dem Lande", inklusive "Wanderweg des Baron Münchhausen" in Dunte
- Geschichte der Münchhausen-Aktivitäten in Lettland
- eine Münchhausen-DVD
16. April 2006
Lettischer Frühling - vom Abschmelzen der Regierungspartner
Wie schön kann doch eine Regierungsumbildung sein! Wer wechselnde Konstellationen unterschiedlicher Parteien nicht gewohnt ist, sollte einmal das lettische Parteienwesen näher beobachten. Beliebter als anderswo sind die lettischen Politikerinnen und Politiker deswegen nicht - die Letten selbst wissen genau, dass Uneinigkeit und Streitereien nicht viel einbringen können. Aber zu wechselnden Regierungskonstellationen kommt es dennoch immer wieder. Im Herbst 2006 stehen in Lettland Parlamentswahlen an - die verschiedenen Interessengruppen bringen sich in Stellung, und die Bündnisse verschiedener Parteien schmelzen dahin wie Schnee in der Frühlingssonne ....
Die Regierung Kalvitis ("Tautas Partija" - Volkspartei) machte es im Frühjahr 2006 wieder einmal vor: Zwar trat die mit 24 Sitzen stärkste Parlamentsfraktion der "Jaunais Laiks" ("Neue Zeit") aus der Regierungskoalition nach diversen Streitereien aus (sechs Minister nahmen ihren Hut), aber Kalvitis will bis zu den Wahlen im Herbst mit einer Minderheitsregierung weitermachen (DER STANDARD 7.4.06). Wenn der Wechsel im Amt des Regierungschefs ausbleibt, interessiert es die internationalen Medien und auch die Partnerländer der EU kaum - auf solche Konstanten scheinen lettische Regierungen zu bauen. Seit den letzten Parlamentswahlen 2002 wurde auch der Regierungschef immerhin schon zweimal gewechselt: von Repše zu Emsis, und schließlich zu Kalvitis. Alle drei gehörten unterschiedlichen Parteien an - sind aber sämtlich zur konservativen Rechten zu zählen..
Entzündet hatte sich der Streit diesmal an einem Skandal um offensichtlichen Stimmenkauf bei den Bürgermeisterwahlen des Badeorts Jurmala - ein Ort, der inzwischen als "Goldgrube der Immobilienhaie" bezeichnet wird. Verkehrsminister Šlesers von der lettischen "Pirma Partija" ("Erste Partei", auch "Priesterpartei" genannt - LPP) war so offensichtlich darin verwickelt, dass mitgeschnittene verräterischen Telefongespräche im Fernsehen gesendet und anschließend auf verschiedenen Internetseiten zum Download angeboten wurden. Zwar trat Šlesers anschließend zurück - nicht ohne seine "Rückkehr" für nach den Wahlen zu versprechen. Auf den Flankenschutz der LPP kann Regierungschef Kalvitis offensichtlich nicht verzichten - er wechselte zwar den Verkehrsminister aus, läßt aber seinen größten Koalitionspartner "Jaunais Laiks" ziehen. Unumstößlich und unerschütterlich steht nur die Listenvereinigung der Grünen und der Bauernpartei treu zur Minderheitsregierung, die jetzt noch über 45 von 100 Sitzen im Parlament verfügt.
Am 7.April wurde das von Kalvitis neu aufgestellte Ministerkabinett mit 46 Ja-Stimmen bestätigt (bei 34 Nein-Stimmen und 10 Enthaltungen - APA / Der Standard). Einige Abgeordnete erschienen jedoch nicht einmal zur Abstimmung.
Wird diese Regierungskonstellation wenigstens bis zu den Wahlen halten? Meldungen der Nachrichtenagentur LETA und Berichten in der lettischen Presse zufolge bildet sich die Zuversicht unter den beteiligten Politikern zu dieser Frage lediglich aus der Gewissheit heraus, dass es "keine Alternative" gäbe. Politiker der nun aus der selbstgewählten Oposition heraus agierenden "Jaunais Laiks" (JL) vermuten auch, dass in Kürze die nationalkonservative "Tevzemei" (Vaterlandspartei) wieder an den Regierungstisch zurückkehren könne und mit dem Europaparlamentarier Roberts Zīle auch noch eine Führungsperson "in der Hinterhand" habe (LETA).
Ihre eigenen Anhänger scheint die JL mit ihrem Auszug auf dem Regierungskabinett zunächst einmal wieder zufrieden gestellt zu haben: in den Meinungsumfragen liegt die JL momentan vorn.
Die Regierung Kalvitis ("Tautas Partija" - Volkspartei) machte es im Frühjahr 2006 wieder einmal vor: Zwar trat die mit 24 Sitzen stärkste Parlamentsfraktion der "Jaunais Laiks" ("Neue Zeit") aus der Regierungskoalition nach diversen Streitereien aus (sechs Minister nahmen ihren Hut), aber Kalvitis will bis zu den Wahlen im Herbst mit einer Minderheitsregierung weitermachen (DER STANDARD 7.4.06). Wenn der Wechsel im Amt des Regierungschefs ausbleibt, interessiert es die internationalen Medien und auch die Partnerländer der EU kaum - auf solche Konstanten scheinen lettische Regierungen zu bauen. Seit den letzten Parlamentswahlen 2002 wurde auch der Regierungschef immerhin schon zweimal gewechselt: von Repše zu Emsis, und schließlich zu Kalvitis. Alle drei gehörten unterschiedlichen Parteien an - sind aber sämtlich zur konservativen Rechten zu zählen..
Entzündet hatte sich der Streit diesmal an einem Skandal um offensichtlichen Stimmenkauf bei den Bürgermeisterwahlen des Badeorts Jurmala - ein Ort, der inzwischen als "Goldgrube der Immobilienhaie" bezeichnet wird. Verkehrsminister Šlesers von der lettischen "Pirma Partija" ("Erste Partei", auch "Priesterpartei" genannt - LPP) war so offensichtlich darin verwickelt, dass mitgeschnittene verräterischen Telefongespräche im Fernsehen gesendet und anschließend auf verschiedenen Internetseiten zum Download angeboten wurden. Zwar trat Šlesers anschließend zurück - nicht ohne seine "Rückkehr" für nach den Wahlen zu versprechen. Auf den Flankenschutz der LPP kann Regierungschef Kalvitis offensichtlich nicht verzichten - er wechselte zwar den Verkehrsminister aus, läßt aber seinen größten Koalitionspartner "Jaunais Laiks" ziehen. Unumstößlich und unerschütterlich steht nur die Listenvereinigung der Grünen und der Bauernpartei treu zur Minderheitsregierung, die jetzt noch über 45 von 100 Sitzen im Parlament verfügt.
Am 7.April wurde das von Kalvitis neu aufgestellte Ministerkabinett mit 46 Ja-Stimmen bestätigt (bei 34 Nein-Stimmen und 10 Enthaltungen - APA / Der Standard). Einige Abgeordnete erschienen jedoch nicht einmal zur Abstimmung.
Wird diese Regierungskonstellation wenigstens bis zu den Wahlen halten? Meldungen der Nachrichtenagentur LETA und Berichten in der lettischen Presse zufolge bildet sich die Zuversicht unter den beteiligten Politikern zu dieser Frage lediglich aus der Gewissheit heraus, dass es "keine Alternative" gäbe. Politiker der nun aus der selbstgewählten Oposition heraus agierenden "Jaunais Laiks" (JL) vermuten auch, dass in Kürze die nationalkonservative "Tevzemei" (Vaterlandspartei) wieder an den Regierungstisch zurückkehren könne und mit dem Europaparlamentarier Roberts Zīle auch noch eine Führungsperson "in der Hinterhand" habe (LETA).
Ihre eigenen Anhänger scheint die JL mit ihrem Auszug auf dem Regierungskabinett zunächst einmal wieder zufrieden gestellt zu haben: in den Meinungsumfragen liegt die JL momentan vorn.
27. März 2006
Rentner in Lettland - eine Frage des Überlebens
Am 22.März 2006 gab das lettische staatliche Statistikamt eine aktuelle Aufstellung zu den in Lettland bezogenen Renten heraus. Wer in Lettland Rentnerin oder Rentner ist, gehört wohl in der Regel zu einer "verlorenen Generation": aufgewachsen im Sowjetsystem, ohne Chance einer anderen Altersvorsorge als sich auf staatliche Maßnahmen zu verlassen. Nach dem politischen Umbruch dann der tiefe Fall:
Zwar baut die junge lettische Republik inzwischen Stück für Stück eine Basis für die Alterssicherung der Zukunft auf, aber wer heute den kräftig steigenden Lebenskosten, Mieten, Kraftstoffpreisen und Anforderungen des Arbeitsmarktes ausgesetzt ist, der hat es als Rentner schwer. Auch die neuen Zahlen zeigen, dass allein von der Rente ein Überleben kaum möglich ist. Wäre in Lettland nicht der Familienzusammenhang von ungleich größerer Bedeutung als beispielsweise in Deutschland, würden die Sorgen wohl noch größer ausfallen. Und wer in den ländlichen Gebieten dem Wegzug der jungen Leute zusehen muss, der wird wohl auch nicht in Ruhe seinen Lebensabend genießen können.
In Zahlen:
Im Jahre 2005 gab es 588.767 Empfänger von Renten in Lettland. Ein leichter Rückgang, zugeschrieben der Heraufsetzung der Pensionsgrenze durch zwei Gesetzesänderungen 1996 und 1999 (auf 62 Jahre für Männer und 60 Jahre für Frauen). 80,8% dieser Personen sind Empfänger von Altersrenten. Die zweitgrößte Gruppe sind Empfänger von Behinderten- oder Versehrtenrenten (73.600). Durchschnittlich empfängt jeder Rentner 77,95 Lat (54,56 Euro) monatlich. Das Statistikamt weist darauf hin, dass dieser Durchschnitt gegenüber dem Vorjahr um 13,3% angestiegen sei, obwohl sich die allgemeinen Lebenshaltungskosten nur um 6,7% erhöht hätten. Dennoch steht wohl außer Frage, dass bei den gegenwärtigen Kosten für Miete, Heizung und Lebensmitteln die Rente allein niemand zum Überleben reichen kann - wer in der Stadt wohnt, um so weniger.
Die meisten der Empfänger/innen von Altersrenten (42,3%) bekamen eine Rente zwischen 70 und 80 Lat. Weitere 20,8% bekamen zwischen 60 und 70 Lat monatlich. Nur 11,1% können auf eine Rente von über 100 Lat zählen. Das lettische Statistikamt wies in seinem Jahresbericht außerdem darauf hin, dass die Zahl der Empfänger von Kleinstrenten unter 40 Lat (=28 Euro) laufend zurückgeht.
Zwar baut die junge lettische Republik inzwischen Stück für Stück eine Basis für die Alterssicherung der Zukunft auf, aber wer heute den kräftig steigenden Lebenskosten, Mieten, Kraftstoffpreisen und Anforderungen des Arbeitsmarktes ausgesetzt ist, der hat es als Rentner schwer. Auch die neuen Zahlen zeigen, dass allein von der Rente ein Überleben kaum möglich ist. Wäre in Lettland nicht der Familienzusammenhang von ungleich größerer Bedeutung als beispielsweise in Deutschland, würden die Sorgen wohl noch größer ausfallen. Und wer in den ländlichen Gebieten dem Wegzug der jungen Leute zusehen muss, der wird wohl auch nicht in Ruhe seinen Lebensabend genießen können.In Zahlen:
Im Jahre 2005 gab es 588.767 Empfänger von Renten in Lettland. Ein leichter Rückgang, zugeschrieben der Heraufsetzung der Pensionsgrenze durch zwei Gesetzesänderungen 1996 und 1999 (auf 62 Jahre für Männer und 60 Jahre für Frauen). 80,8% dieser Personen sind Empfänger von Altersrenten. Die zweitgrößte Gruppe sind Empfänger von Behinderten- oder Versehrtenrenten (73.600). Durchschnittlich empfängt jeder Rentner 77,95 Lat (54,56 Euro) monatlich. Das Statistikamt weist darauf hin, dass dieser Durchschnitt gegenüber dem Vorjahr um 13,3% angestiegen sei, obwohl sich die allgemeinen Lebenshaltungskosten nur um 6,7% erhöht hätten. Dennoch steht wohl außer Frage, dass bei den gegenwärtigen Kosten für Miete, Heizung und Lebensmitteln die Rente allein niemand zum Überleben reichen kann - wer in der Stadt wohnt, um so weniger.
Die meisten der Empfänger/innen von Altersrenten (42,3%) bekamen eine Rente zwischen 70 und 80 Lat. Weitere 20,8% bekamen zwischen 60 und 70 Lat monatlich. Nur 11,1% können auf eine Rente von über 100 Lat zählen. Das lettische Statistikamt wies in seinem Jahresbericht außerdem darauf hin, dass die Zahl der Empfänger von Kleinstrenten unter 40 Lat (=28 Euro) laufend zurückgeht.
24. März 2006
Die Reichen und die Armen - das ungleiche Lettland
15 Jahre ist es schon her, seit mit Unterstützung der Volksbewegung zur Wiederherstellung der lettischen Unabhängigkeit auch der wirtschaftliche Umschwung eingeleitet wurde. Von den Staaten Westeuropas wurde Demokratisierung, Privatisierung und Marktwirtschaft vielfach gelobt. Heute läßt sich jedoch an vielen Faktoren nachvollziehen, dass der durch Wachstumsstatistiken propagierte "Aufschwung" nicht gleichmäßig bei der lettischen Gesellschaft ankommt.
Eine interessante Statistik wurde in der lettischen Presse kürzlich veröffentlicht. Wie zum Beispiel in der Neatkarīgā Rīta Avīze am 22.März nachzulesen war, legt sich die lettische Hauptstadt Riga inzwischen eine Art "Speckgürtel" zu. "Die braven Steuerzahler verlassen Riga!", so die Schlagzeilen.
Beschrieben wird ein ziemlich eindeutiger Trend: Gleich 7,7 mal weniger Steuer- einnahmen pro Einwohner kann Lettlands ärmste Gemeinde einnehmen als Ķekava, ehemals nur durch eine Hähnchenproduktion im ganzen Land bekannt, heute offensichtlich der Lieblingssitz der Vermögensmillionäre. Damit liegt die ehemalige lettische "Hühnerhauptstadt" auch noch vor den so protzig auftretenden lettischen Monopolstädten Riga und Ventspils.
In Riga selbst dagegen kommt in den vergangenen Jahren ein ständig deutlich werdender Trend zum Tragen: die Steuereinnahmen sinken kontinuierlich und verlagern sich in die unmittelbaren Nachbargemeinden. In Riga wurden 2004 219,6 Lat (1 Lat = 0,7 Euro) pro Einwohner als Steuereinahme gezählt, in der Hafenstadt Ventspils waren es 248,47 Lat. In Ķekava sind es dagegen schon 269,89 Lat.
In diese Statistiken gehen durch die Gemeinden eingenommene Grund- wie auch Einkommenssteuern ein (Daten der zentralen Statistikverwaltung Lettlands). In Riga, das gegenwärtig eine Fläche von etwa 300 qkm umfasst (67 qkm davon bewohnt), werden jedes Jahr weniger Einwohner ausgewiesen. 1995 waren es noch 810.200, 2005 nur noch 731.800. Ein Teil davon zieht in Randgemeinden wie Ķekava, und diese profitieren davon und können dann auch ihrerseits in bessere Infrastruktur investieren. Straßen und Häuser werden renoviert, neue Kindergärten werden gebaut. "Bei uns gibt es so gut wie keine Arbeitslosigkeit", sagt dann auch die Gemeinderatsvorsitzende Dzintra Maļinovska (NRA 22.3.). Alle bisher brachliegenden Grundstücke, ehemalige Wiesen oder verlassenes Gelände, werden nun so dicht gebaut, dass bereits jetzt die Einwohnerdichte in Ķekava höher liegt als in Riga (59,5 Personen pro qkm gegenüber 48 in Riga und 36 im lettischen Durchschnitt).
Die Statistiken weisen die kleine Gemeinde Piedruja im Bezirk Krāslava als ärmste, gerechnet nach Steuereinnahmen aus. Der Südosten Lettland gilt als längst abgehängt gegenüber der dynamischen Entwicklung in der Hauptstadtregion. Jānis Purmalis, Ortsvorsteher in Piedruja, hat denn auch andere Sorgen. "Nicht einmal die laufenden Ausgaben, wie etwa die Reparatur von Wasserrohren, kann gewährleistet werden," sagt er. In Piedruja leben 769 Einwohner, mit einem Arbeitslosenanteil von 29,3% - dem höchsten im Bezirk Krāslava. "Es gibt eine Grundschule und einen Grenzkontrollpunkt," berichten die lettischen Medien nüchtern. Dazu kommen 27 landwirtschaftliche Kleinbetriebe, ein kleines Gästehaus, und ein zusammen mit den zwei Nachbarorten betriebener Laden. Kein Paradies, so als Lebensmittelpunkt gewählt - so unterschiedlich können die Entwicklungsperspektiven in Lettland sein.
Eine interessante Statistik wurde in der lettischen Presse kürzlich veröffentlicht. Wie zum Beispiel in der Neatkarīgā Rīta Avīze am 22.März nachzulesen war, legt sich die lettische Hauptstadt Riga inzwischen eine Art "Speckgürtel" zu. "Die braven Steuerzahler verlassen Riga!", so die Schlagzeilen.
Beschrieben wird ein ziemlich eindeutiger Trend: Gleich 7,7 mal weniger Steuer- einnahmen pro Einwohner kann Lettlands ärmste Gemeinde einnehmen als Ķekava, ehemals nur durch eine Hähnchenproduktion im ganzen Land bekannt, heute offensichtlich der Lieblingssitz der Vermögensmillionäre. Damit liegt die ehemalige lettische "Hühnerhauptstadt" auch noch vor den so protzig auftretenden lettischen Monopolstädten Riga und Ventspils. In Riga selbst dagegen kommt in den vergangenen Jahren ein ständig deutlich werdender Trend zum Tragen: die Steuereinnahmen sinken kontinuierlich und verlagern sich in die unmittelbaren Nachbargemeinden. In Riga wurden 2004 219,6 Lat (1 Lat = 0,7 Euro) pro Einwohner als Steuereinahme gezählt, in der Hafenstadt Ventspils waren es 248,47 Lat. In Ķekava sind es dagegen schon 269,89 Lat.
In diese Statistiken gehen durch die Gemeinden eingenommene Grund- wie auch Einkommenssteuern ein (Daten der zentralen Statistikverwaltung Lettlands). In Riga, das gegenwärtig eine Fläche von etwa 300 qkm umfasst (67 qkm davon bewohnt), werden jedes Jahr weniger Einwohner ausgewiesen. 1995 waren es noch 810.200, 2005 nur noch 731.800. Ein Teil davon zieht in Randgemeinden wie Ķekava, und diese profitieren davon und können dann auch ihrerseits in bessere Infrastruktur investieren. Straßen und Häuser werden renoviert, neue Kindergärten werden gebaut. "Bei uns gibt es so gut wie keine Arbeitslosigkeit", sagt dann auch die Gemeinderatsvorsitzende Dzintra Maļinovska (NRA 22.3.). Alle bisher brachliegenden Grundstücke, ehemalige Wiesen oder verlassenes Gelände, werden nun so dicht gebaut, dass bereits jetzt die Einwohnerdichte in Ķekava höher liegt als in Riga (59,5 Personen pro qkm gegenüber 48 in Riga und 36 im lettischen Durchschnitt).
Die Statistiken weisen die kleine Gemeinde Piedruja im Bezirk Krāslava als ärmste, gerechnet nach Steuereinnahmen aus. Der Südosten Lettland gilt als längst abgehängt gegenüber der dynamischen Entwicklung in der Hauptstadtregion. Jānis Purmalis, Ortsvorsteher in Piedruja, hat denn auch andere Sorgen. "Nicht einmal die laufenden Ausgaben, wie etwa die Reparatur von Wasserrohren, kann gewährleistet werden," sagt er. In Piedruja leben 769 Einwohner, mit einem Arbeitslosenanteil von 29,3% - dem höchsten im Bezirk Krāslava. "Es gibt eine Grundschule und einen Grenzkontrollpunkt," berichten die lettischen Medien nüchtern. Dazu kommen 27 landwirtschaftliche Kleinbetriebe, ein kleines Gästehaus, und ein zusammen mit den zwei Nachbarorten betriebener Laden. Kein Paradies, so als Lebensmittelpunkt gewählt - so unterschiedlich können die Entwicklungsperspektiven in Lettland sein.
15. März 2006
The same procedure as every year, oder: wer feiert den 16.März?
Zu einem der nervösesten Tage des Frühjahrs ist in den letzten Jahren ist in der lettischen Hauptstadt Riga der 16.März geworden. Mehr als 15 Jahre nach Wieder- erlangung ärgern sich die meisten Letten nur noch über die Art und Weise, wie dieser Tag von verschiedenen Gruppierungen jeweils für die eigenen Zwecke instrumentalisiert wird.Wie ist es dazu gekommen? Zumindest läßt sich sagen, dass die junge Republik nicht sehr souverän sich den anstehenden Themen genähert hat. Wie zu besten Zeiten des "kalten Krieges" schien in den 90er Jahren zu gelten: wer eine andere Meinung hat als ich selbst, der muss wohl mein Feind sein.
Da kamen Kriegsveteranen auf die Idee, ihrem zwar nicht erfolgreichen, aber doch der eigenen Ansicht nach ehrenvollen Kampf am Ende des 2.Weltkriegs gedenken zu wollen. Dieses Gedenken ist beeinflußt vom Kriegsverlauf: Lettland wurde zunächst von Sowjetruppen okkupiert, Tausende wurden nach Sibirien deportiert - Unterstützer für ein solches Regime gab es nur wenige. Der angeblich "Beitritt" Lettlands zur Sowjetunion war mehr ein Fußtritt für die demokratisch gesinnten Kräfte. Die stillschweigenden Übereinkünfte, die Hitler und Stalin dabei erzielten, schockierten viele und betrafen die meisten in Lettland persönlich: durch die Zuschlagung Lettlands zum "russischen Interessengebiet" war das Schicksal eines unabhängigen Landes besiegelt.
Es folgte dann die Besetzung durch die Truppen Nazideutschlands, die zwar im ersten Moment durch die Befreiung von den ungeliebten roten Machthabern ein Aufatmen hervorrief, aber bald ebensoviele Schrecken offenbarten. Die Teilnahme von einigen im Lande aktiven lettischen Rechtsradikalen bei der Judenverfolgung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch diese Jahre in den Augen der meisten Letten Schreckensjahre waren. Zehntausende Juden wurden ermordet, und Regimegegner mussten entweder ausser Landes flüchten, oder wurden gnadenlos verfolgt. Die Letten erhielten unter den Nazis natürlich nicht die Selbstverwaltung zurück - sehr vertrauenswürdig können ihnen diese also nicht vorgekommen sein. Eigene lettische bewaffnete Einheiten waren nicht erlaubt - bis kurz vor Kriegsende, als Hitler meinte keine andere Wahl mehr zu haben. Wehrfähige Männer wurden dann zu SS einberufen - und diese Vergangenheit brandmarkt sie in den Augen der meisten europäischen Medien heute am meisten.Tatsache ist aber auch, dass es nicht immer ehrenvolles Erinnern war, was "patriotisch gestimmte Kräfte" im Hochgefühl der Wiedererlangung der lettischen Unabhängigkeit da jahraus, jahrein inszenierten. Das meist gehörte Argument war:
"Wir sind ja damals in die SS gezwungen worden." Gut, möglich ist es, denn man kann sich ja vorstellen, was in der Nazi-Propaganda alles als "freiwillig" hingestellt wurde. Aber deshalb Jahr für Jahr sich ins Zentrum Rigas zu plazieren, und ausgerechnet diesen SS-Einheiten speziell zu gedenken - wer glaubt, dabei Pluspunkte für das Ansehen Lettlands zu erzielen, muss wohl blind sein. In einigen Jahren nahmen an diesen feierlichen Gedenkmärschen auch Amtspersonen aus Politik und Armee teil: aus Verpflichtung zum Wahlvolk, oder aus falsch verstandener Staatsräson.Nach einigen Jahren gewohntem Ritual nahmen die starren Fronten schon nicht mehr ganz ernstzunehmende Formen an.
Nationalistischen Russen, die nicht ganz einfache Integration der russischstämmigen Bevölkerung im unabhängigen Lettland ausnutzend, riefen nunmehr so laut sie konnten: Letten sind alle Faschisten! Ob Gegner der Schulreform, Arbeitslose, arme Rentner oder frisch rekrutierte 15-jährige Nachwuchsideologen: sie alle hatten eine dankbares Zielscheibe für ihre Sorgen. Sich selbst zum Antifaschisten auszurufen, gilt immerhin selten als unehrenhaft.So wurde der 16.März zu einem echten "Event". Attraktiv nicht nur für alte Haudegen auf beiden Seiten, sondern auch für kreative Hardliner auf beiden Seiten. Wo etwas los ist, geht man doch gern hin! So gesellten sich auf der einen Seite die gewaltbereiten Nationalbolschewiken hinzu, auf der anderen Seite die bleichen Jünglinge der lettischen Nachwuchsnationalisten. Erstaunlich die Zahlenverhältnisse: als ich im März 2005 vor Ort war, schien ein Drittel der anwesenden Menschen aus Polizeitruppen verschiedener Einheiten zu bestehen, und ein zweites Drittel aus dem pünktlich herbeibestellten Troß von Journalisten, meist auf russisch oder englisch eloquent eingewiesen und auf das folgende Schauspiel eingestimmt. Erstaunlich bei allen angeblichen Tumulten (so wie es die meisten Presseberichten darstellen) wirkt dabei die Erfurcht der verfeindeten Aktivistengruppen vor der Staatsmacht. Weder Steine noch Rauchbomben fliegen irgendwo, auch keine Wasserwerfer kommen zum Einsatz. Alles läuft wie eine gut geplante Inszenierung ab - und "Ordner" gehören in jedem Gedränge eben dazu. Bekommen die einen ihren "Umzug", und seien es auch nur die 800 Meter Wegstrecke vom Okkupationsmuseum zum Freiheitsdenkmal, so ist die Gegenpartei schnell zufrieden, wenn die mit Davidssternen und auffälliger Sträflingskleidung ausgestatteten Aktivisten zwei Minuten lang eine Straße blockieren können - direkt vor den Kameras und Mikrophonen der Presse natürlich.
In diesem Jahr scheint die lettische Regierung nunmehr dem ganzen Theater überdrüssig geworden zu sein. Im Herbst 2006 stehen Parlamentswahlen an in Lettland, und so denkt so manche politische Gruppierung zeitig über die richtige Strategie nach. Schon am 16.Januar titelte die "Latvijas Avize": "Wieder wartet der 16.März." Aufmerksam wurde da registriert, dass beide Seiten sich neu zu formieren begannen. Lettlands Rechtsradkale, bisher im "Klub 415" lose organisert, schlossen sich zu einer neuen politischen Partei zusammen, die auch zu den Wahlen anzutreten beabsichtigt. Die lettische Regierung sah sich veranlaßt bekanntzugeben, die Durchführung von "pseudo-patriotischen Veranstaltungen" doch bitte am 16.März zu unterlassen (BALTIC TIMES 16.2.06). Man überlegte auch, ob lange geplante Renovierungsarbeiten am Freiheitsdenkmal nicht so gelegt werden könnten, dass ein direkter Zugang in den Tagen um den 16.März unmöglich werden würde.Auch die Nationalradikalen auf der russischen Seite hatten diesmal eine spezielle "Geheimwaffe". Ein Filmteam brachte einen reißerischen Schinken auf den Markt unter dem Titel "die Faschisten des Baltikums", der nun genau am Abend des 16.März 2006 in einem russischen Fernsehkanal gezeigt wird. Der russisch-lettischen Freunschaft jedenfalls wird es wenig dienlich sein.
Am 13.März nun, also vor wenigen Tagen, entschieden sich die zuständigen Behörden der Stadt Riga, keinerlei öffentliche Demonstrationen am 16.März zuzulassen (NRA, LETA). Wen kann das überraschen? Die eifernden Aktivisten beider Seiten wird es enttäuschen.
Die alternden ehemaligen Legionäre werden sich auf dem Friedhof des kleinen kurländischen Ortes Lestene treffen, wo viele der Gefallenen begraben liegen, und auch ein Ehrenmal errichtet wurde.

Die russischen Fernsehzuschauer werden einen Fernsehfilm sehen, der sie hoffentlich nicht dazu verleiten läßt, von Letten pauschal Schlechteres zu erwarten als von anderen Völkern.
Viele lettische Stimmen empfehlen sowieso, den Kämpfern für Lettlands Freiheit (die es ja bei vielen Gelegenheiten gab, dazu braucht man das SS-Gedenken nicht) zusammen mit dem Gedenken an die Soldaten am 11.November zu begehen (Lacplesis-Tag). "Es darf nicht zugelassen werden, dass Verteidiger Lettlands und des lettischen Volkes einfach gleichgesetzt werden mit Radikalen, Extremisten, und Anhängern totalitärer Ideologien," schreibt nun auch LATVIJAS AVIZE. Ob damit aber Ruhe einkehrt? Ob den somit zwangsabgerüsteten Aktivisten nicht "langweilig" werden wird?
"Die Dänen dürfen Karikaturen veröffentlichen, warum dürfen wir nicht am 16.März unserer Legionäre gedenken?" so fragt etwas ketzerisch Atis Lejins, seines Zeichens Leiter des lettischen aussenpolitischen Instituts, in einem Zeitungskommentar (DIENA). Er schreibt die heftigen Proteste in erster Linie denen zu, die sich immer noch nicht damit abfinden können, dass Lettland heute ein unabhängiges Land sei.
Lejins weist aber auch darauf hin, dass in Estland der damalige estnische Aussenminister und heutige Abgeordnete des Europaparlament, Henrik Ilves, es geschaffte habe, die estnischen ehemaligen SS-Legionäre von einem öffentlichen Gedenkmarsch abzuhalten. Soviel Staatstreue war selbst dort vorhanden, und sie hätten verstanden, dass sie mit einem allzu lauten Beharren auf pompöse und gestenreiche Gedenkfeiern ihrem eigenen Staat schaden. In Estland sei es inzwischen so, dass potentielle Provokateure nur noch alte Männer zum Gottesdienst und wieder nach Hause gehen sehen können.
14. März 2006
Lettlands neue Atomjünger - was verursacht die neue "baltische Einheit"?
Die bewegte Vergangenheit
Wie romantisch wirken doch die Bilder von den Menschenketten und Protesten gegen sowjetischen Größenwahn aus den 80er Jahren: das überdimensionierte, auf unsicherem Untergrund gebaute und in der Bauweise höchst unsichere Atomkraftwerk Ignalina bei Visaginas in Litauen wurde zum Symbol nicht nur der litauischen Bewegung zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit.
Endlich wieder selbst bestimmen, und unabhängig von ignoranten und menschenfeindlichen Planungen irgendwelcher Funktionäre Apparatschiks in Moskau sein!
So klangen zumindest die Parolen. Und es gab Erfolge: einige der im Bau befindlichen Blöcke des AKW Ignalina wurden erst gar nicht fertig gestellt, und in den 90er Jahren wurde der in Betrieb genommene Teil durch westeuropäische Sicherheitstechnik so weit wie möglich nachgerüstet, so dass Hoffnung bestand, wenigestens bis zur Abschaltung ohne Umweltkatastrophen davonzukommen. Lettland unterhielt nur einen kleinen Forschungsreaktor bei Salaspils, und auch der wurde in den 90er Jahren mit internationaler Hilfe ausser Betrieb gesetzt.
Dann kamen die EU-Beitrittsverhandlungen. Verstimmung kam bei einigen Litauern auf, dass die EU konkrete Beschlüsse zur Abschaltung des AKW Ignalina zur Vorbedingung für den Beitritt machte. Besonders die Bewohner des östlichen Landesteils Litauens sahen sich unnötig in die Defensive gezwungen, denn in den "modernen Zeiten" der Marktwirtschaft wurde der riesige Energieüberschuß, über den Litauen durch den Betrieb des AKW verfügte, zur willkommenen Einnahmequelle. Mit der Abschaltung bis 2009 sieht eine ganze Region den endgültigen Niedergang voraus, denn die meisten Auslandsinvestitionen gehen in die Hauptstadt Vilnius oder ni das auch bei West-Touristen leichter zugängliche West-Litauen. Litauische Lokalpolitiker machten schon lange Wahlkampf mit dem "Mit- mir-nicht"-Slogan und machten ihren Mitbürgern glauben, das Thema AKW-Schließung komme wie gerufen, um die Eigenständigkeit gegenüber der EU klarzustellen - obwohl gerade die EU bereits Milliarden von Euro allein in die Sicherung des AKW Ignalina investiert hatte.
Auslöser für strahlende Träume: die Ostsee-Pipeline
Endgültig die Wende an der Meinungsfront hat nun der geräuschvolle Abgang des deutschen Ex-Kanzlers Schröder und sein Vorsorgungposten bei der russischen GAZPROM geschaffen. Während seine Partei-Kollegen bisher noch den Atomausstieg durch die schwarz-rote Koalition retten wollen,
sorgen die Schlagzeilen um die ohne Beteiligung der baltischen Länder geplante Ostseepipeline für neue Hoffnung bei Atom-Jüngern.
Für ein kleines Land wie Litauen hatte ein Neubau eines AKW bisher immer für zu teuer und nicht lohnend gegolten. Nun steigen die Öl- und Gaspreise, das Verhalten der europäischen Großmächte kommt hinzu, und schon gibt es neue atomare Freunde.
Ķārlis Miķelsons, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender bei der lettischen LATVENERGO, sagte bereits am 25.Januar 2006 in einem Interview mit der Zeitung "Latvijas Avize": "Wir arbeiten an der Sicherung der Energieversorgung für unser Land. ... Die Frage ist nur, zu welchem Preis, und ob die Gesellschaft bereit ist, dafür zu bezahlen." Ausserhalb der für Lettland begrenzten Möglichkeiten der Wasserkraft habe man zwei Alternativen, neue Kraftwerke zu bauen: Kohle oder Atomkraft. Eine "politische Entscheidung" müsse her, so Miķelsons, denn den bereit stehenden Investoren reiche der gegenwärtige Marktpreis für Energie nicht aus. Dann sei LATVENERGO auch bereit, zum Aktionär eines "baltischen AKWs" zu werden, dass dann in Litauen zu bauen sei.
Alles hat seinen Preis - Atomlobby Schritt für Schritt
Die gemeinsame Abschlußerklärung eines am 26./27.Januar 2006 in Vilnius durchgeführten gemeinsamen estnisch-lettisch-litauischen Seminars zur Sicherung der Energieversorgung aller drei Länder sagt Ähnliches aus. Dort stellen die Vertreter aller drei Länder fest, dass die Energieversorgung unter den gegenwärtigen Umständen spätestens nach 2015 unsicher sei.
Die Schlußfolgerung der drei Baltenstaaten ist dabei nicht nur, dass die eigenen Länder eines neuen Energieversorgungskonzepts bedürfen. Schließlich hat man mit dem Letten Piebalgs erstens einen EU-Kommissar, und zweitens einen Atomjünger in den eigenen Reihen. Bei den internationalen Begrifflichkeiten ist man sich ebenso sicher, und so wird denn eine "Road map" der nachhaltigen und ausgewogenen Energieversorgung gefordert, die einen guten "Energiemix" enthalten müsse.
Litauen: Atommacht mit Erfahrung?
Nunmehr ist nur noch davon die Rede, dass Litauen ja Erfahrung habe mit dem Betrieb und der Sicherung von atomaren Anlagen. Soviel Lob vom lettischen Nachbarn? Auf eines kann zumindest die litauische Regierung bauen: die Bewohner der Region Ignalina werden wohl kaum auf die Barrikaden gehen, sollte ein AKW-Neubau in Angriff genommen werden. Und welche andere Region kann das schon von sich behaupten?
Die Regierung des Nachbarlandes Lettland zum Beispiel nicht. Kaum, dass die drei Ministerpräsidenten Kalvitis, Ansip und Brazauskas am 27.Februar 2006 höchstselbst verkündeten, den Bau eines neuen AKW im östlichen Litauen nun gemeinsam zu planen (LETA, TVNET, NRA, DIENA, DEUTSCHE WELLE, BBC,. BALTIC TIMES), regte sich im lettischen Daugavpils Protest. "Wir verstehen nicht, warum Bürgermeister und Bezirks-Vorsitzende nicht nach ihrer Meinung gefragt werden. Das ist ein großer Bezirk, in dem 60.000 Menschen leben. Ich gehe davon aus, dass es in der Stadt heftigen Protest geben wird," wird etwa die Bürgermeisterin von Daugavpils, Rita Strode, von der DEUTSCHEN WELLE zitiert. Man habe eine Anfrage an die lettische Regierung in Riga gerichtet, wie solch ein Beschluß zustande gekommen sei.
Proteste kalkulierbar?
Aber werden solche Stimmen überhaupt ernst genommen? Schließlich gilt Daugavpils als Randregion Lettlands, die von der lettischen Regierung wegen des hohen Anteils an russischstämmiger Bevölkerung auch nicht gerade mit einer bevorzugten Behandlung beglückt wird. In Estland waren bisher nur leise Proteste von der PRO PATRIA UNION zu hören (BALTIC TIMES 28.2.06), die sich gegenwärtig in der Oposition befindet, und die auch nur kritisert, dass über die gemeinsame Erklärung der drei Regierungschefs vom 27.2. in Estland nicht vorher diskutiert worden sei.
Auch die lettische Umweltbewegung protestiert. "Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv", so kramt man einen alten Spruch hervor. Gegenwärtig nutze die lettische Regierung nur 10% des von internationalen Wirtschaftsexperten diagnostizierten Potentials an Windenergie aus, so eine Presseerklärung des Umweltschutzklubs VAK. Zudem sei die zweitgrößte lettische Stadt Daugavpils eben nur 25km vom zukünftigen Bauplatz entfernt. Aber schon bei dem Bemühen um fachliche Kompetenz werden die Schwächen erkennbar: VAK muss in derselben Erklärung tschechische Fachleute und Expertisen zitieren - aus Mangel an eigenen Experten?
Wer die lettische Umweltbewegung in den letzten Jahren beobachtet hat, wird ohne große Mühe gleich mehrere Schwächen erkennen.
Trotz gegenteiliger Beteuerungen und Berufungen auf ideele und kulturelle Beweggründe ist der gesamte politische Teil der Umweltbewegung von der Unterstützung aus Kreisen der lettischen Ölindustrie abhängig. Im gerade aufkommenden Wahlkampf für die Parlamentswahlen im Herbst 2006 wird der "Ölkönig von Lettland", Aivars Lembergs (Bürgermeister von Ventspils), offen als Spitzenkandidat und Regierungschef gehandelt, unterstützt durch die Partei der Grünen und Bauern, deren Wahlkampf er seit Jahren bereits finanziert. Und Mitglied der Regierung Kalvitis, die jetzt so vollmundig den Atomkurs verkündete, ist auch der Grüne Raimonds Vejonis, seines Zeichens Umweltminister. Ein Regierungsbeschluß, der offenen die Atomkraft unterstützt, ist aber offensichtlich ebenso für die Grünen Lettlands kein Grund, aus der Regierung auszutreten. Lieber beschäftigt man sich auf Parteikongressen mit Bemühungen, wie bekannte rechtsnationale Kräfte noch stärker an die Partei gebunden werden können - wie die liberale DIENA jüngst süffisant in einem Kommentar bemerkte.
Gemeinsam bemüht um Einfluß am Rad der Globalisierung
"Wenn EU-Energiekommissar Piebalgs sich vor fünf Jahren für die Nutzung von Atomkraft ausgesprochen hätte, wäre er politisch tot gewesen", so sieht es LAVENERGO-Chef Miķelsons. Müssen die Atom-Profiteure also nur auf den richtigen Moment warten?
Auf der einen Seite sind es baltische Ängste - von Deutschen und Russen kräftig geschürt - bei den Verhandlungen um die (wirtschaftliche) Zukunft Europas aussen vorgelassen zu werden. Zu Hause wird das Feld den ausländischen Investoren überlassen, während die einheimischen Arbeitskräfte nach Irland reisen, um dort für einige Monate u:m so ziemlich jeden Preis einen Billigjob anzunehmen.
Drei Milliarden Euro soll der Neubau eines AKW in Litauen kosten - so die ersten Schätzungen (Presseberichten zufolge: LETA, TVNET, NRA, DIENA), und wenn sie von AKW-Jüngern kommen, dann kann man gewöhnlich darauf vertrauen, dass sie beträchtlich höher liegen werden. Diese Kosten können auch von den drei baltischen Energieversorgern EESTI ENERGIA, LATVENERGO und LIETUVOS ENERGIA nicht zusammen aufgebracht werden.
Einen prominenten Unterstützer hat man bereits gewonnen: Mohamed El Baradei, seines Zeichens Generaldirektor der Internationalen Atomenergieagentur IAEA, lobte das baltische Atomprojekt bereits als "Musterbeispiel regionaler Zusammenarbeit" - das verkündete das lettische Aussenministerium gleich lieber selbst stolz in einer Presseerklärung am 7.März. Und nur einen Tag später wurde ebenfalls in der lettischen Presse bekannt (TVNET), die drei baltischen Regierungen hätten nunmehr mittels eines gemeinsamen Memorandums eine Machbarkeitsuntersuchung eines AKW-Baus in Litauen beschlossen.
Strahlende Zukunft für die "baltischen Tiger"?
In der "Neatkariga Rita Avize" (NRA) waren am 25.Januar Äusserungen von Aigars Meļko nachzulesen, der dort als Vizepräsident von LATVENERGO zitiert wird.
"Zu Anfang könnten wir uns an einem AKW-Bau in Ignalina beteiligen," so Melko, "so um 2025 bis 2030 könnten wir dann ein eigenes AKW in Lettland bauen."
Verrückte Träume eines unbeirrbaren Atomjüngers, der nun mal mit dem Verkauf von Energie sein Geld verdient? Im gleichen Artikel stehen aber interessante Einzelheiten. Bereits zu sowjetlettischen Zeiten in den 80er Jahren habe man konkret den Bau eines AKW im Küstendörfchen Pāvilosta vorgehabt, erzählt Melķo. Heute aber müsse man in erster Linie drei Faktoren im Auge behalten: die reale Sicherheit einer Anlage, die Möglichkeit Geld von Investoren in Lettland einzusetzen, und die öffentliche Meinung. Der Einschätzung von Uģis Sarma, Leiter der Abteilung Energiewirtschaft im lettischen Wirtschaftsministerium zufolge, ist in Lettland vorläufig aber keine Einigung absehbar, an welchem Ort ein neues lettischen AKW stehen könne. Natürlich müsse man auch für die "Abfallsicherung" selbst sorgen, und auch dafür sei kurzfristig keine Lösung in Sicht (ausserdem ein feiner Hinweis darauf, dass man Litauen mit der Abfallentsorgung für ein neues AKW wohl ebenfalls am liebsten allein lassen möchte!).
Der Engergieverbrauch in den baltischen Staaten steigt momentan parallel zum beständigen Wirtschaftsaufschwung. Dennoch habe man noch sehr wenig über Einsparmöglichkeiten nachgedacht, geben politische Kommentatoren wie Pēteris Strautiņš in der DIENA zu bedenken. Da sei es eben einfacher, wenn Politiker sich überdimensionierten "Riesenspielzeugen" wie den atomaren Großprojekten widmeten, mahnt er. "Was wäre billiger - an jede Familie 20 Energiesparglühbirnen zu verschenken, oder neue Kraftwerke zu bauen?" Schon diese Überlegung sei es wert, über die angebliche Unverzichtbarkeit jeder neuen Großinvestition gründlich nachzudenken, mahnt er.
Solche ketzerischen Fragen finden aber offensichtlich in der baltischen Wirtschaftspolitik momentan kein Gehör.
Wie romantisch wirken doch die Bilder von den Menschenketten und Protesten gegen sowjetischen Größenwahn aus den 80er Jahren: das überdimensionierte, auf unsicherem Untergrund gebaute und in der Bauweise höchst unsichere Atomkraftwerk Ignalina bei Visaginas in Litauen wurde zum Symbol nicht nur der litauischen Bewegung zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit.
Endlich wieder selbst bestimmen, und unabhängig von ignoranten und menschenfeindlichen Planungen irgendwelcher Funktionäre Apparatschiks in Moskau sein! So klangen zumindest die Parolen. Und es gab Erfolge: einige der im Bau befindlichen Blöcke des AKW Ignalina wurden erst gar nicht fertig gestellt, und in den 90er Jahren wurde der in Betrieb genommene Teil durch westeuropäische Sicherheitstechnik so weit wie möglich nachgerüstet, so dass Hoffnung bestand, wenigestens bis zur Abschaltung ohne Umweltkatastrophen davonzukommen. Lettland unterhielt nur einen kleinen Forschungsreaktor bei Salaspils, und auch der wurde in den 90er Jahren mit internationaler Hilfe ausser Betrieb gesetzt.
Dann kamen die EU-Beitrittsverhandlungen. Verstimmung kam bei einigen Litauern auf, dass die EU konkrete Beschlüsse zur Abschaltung des AKW Ignalina zur Vorbedingung für den Beitritt machte. Besonders die Bewohner des östlichen Landesteils Litauens sahen sich unnötig in die Defensive gezwungen, denn in den "modernen Zeiten" der Marktwirtschaft wurde der riesige Energieüberschuß, über den Litauen durch den Betrieb des AKW verfügte, zur willkommenen Einnahmequelle. Mit der Abschaltung bis 2009 sieht eine ganze Region den endgültigen Niedergang voraus, denn die meisten Auslandsinvestitionen gehen in die Hauptstadt Vilnius oder ni das auch bei West-Touristen leichter zugängliche West-Litauen. Litauische Lokalpolitiker machten schon lange Wahlkampf mit dem "Mit- mir-nicht"-Slogan und machten ihren Mitbürgern glauben, das Thema AKW-Schließung komme wie gerufen, um die Eigenständigkeit gegenüber der EU klarzustellen - obwohl gerade die EU bereits Milliarden von Euro allein in die Sicherung des AKW Ignalina investiert hatte.
Auslöser für strahlende Träume: die Ostsee-Pipeline
Endgültig die Wende an der Meinungsfront hat nun der geräuschvolle Abgang des deutschen Ex-Kanzlers Schröder und sein Vorsorgungposten bei der russischen GAZPROM geschaffen. Während seine Partei-Kollegen bisher noch den Atomausstieg durch die schwarz-rote Koalition retten wollen,
sorgen die Schlagzeilen um die ohne Beteiligung der baltischen Länder geplante Ostseepipeline für neue Hoffnung bei Atom-Jüngern.Für ein kleines Land wie Litauen hatte ein Neubau eines AKW bisher immer für zu teuer und nicht lohnend gegolten. Nun steigen die Öl- und Gaspreise, das Verhalten der europäischen Großmächte kommt hinzu, und schon gibt es neue atomare Freunde.
Ķārlis Miķelsons, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender bei der lettischen LATVENERGO, sagte bereits am 25.Januar 2006 in einem Interview mit der Zeitung "Latvijas Avize": "Wir arbeiten an der Sicherung der Energieversorgung für unser Land. ... Die Frage ist nur, zu welchem Preis, und ob die Gesellschaft bereit ist, dafür zu bezahlen." Ausserhalb der für Lettland begrenzten Möglichkeiten der Wasserkraft habe man zwei Alternativen, neue Kraftwerke zu bauen: Kohle oder Atomkraft. Eine "politische Entscheidung" müsse her, so Miķelsons, denn den bereit stehenden Investoren reiche der gegenwärtige Marktpreis für Energie nicht aus. Dann sei LATVENERGO auch bereit, zum Aktionär eines "baltischen AKWs" zu werden, dass dann in Litauen zu bauen sei.
Alles hat seinen Preis - Atomlobby Schritt für SchrittAlso die Preise erhöhen, und dafür noch ein AKW vor der Nase stehen haben? Wem könnte diese Möglichkeit verlockend erscheinen?
"EU-Energiekommissar Andris Piebalgs sitzt wieder einmal zwischen zwei Stühlen," so beschrieb es noch am 4.Januar DER STANDARD aus Österreich. Piebalgs habe Physik studiert und sei erklärter AKW-Befürworter, so eine Pressestimme aus einem Land, das mehrheitlich sehr atom-kritisch eingestellt ist und gegenwärtig die EU-Präsidentschaft einnimmt.
"Balten wollen neues Atomkraftwerk" titelte dann aber schon am 5.Februar der TAGESSPIEGEL, und zitierte dabei ebenfalls vornehmlich lettische Quellen - Aussenminister Pabriks. Dieser wiederum bringt dann erstmals auch litauische Unterstützer ins Spiel: Präsident Valdas Adamkus habe sich bereits für das Vorhaben stark gemacht. "Angesichts der Debatte um Europas Energieversorgung, die durch den Gas-Streit zwischen Russland und der Ukraine ausgelöst worden war, erhoffen sich die Balten nun mehr Verständnis für ihr Projekt," heißt es da ebenso schlicht wie durchschlagend.Die gemeinsame Abschlußerklärung eines am 26./27.Januar 2006 in Vilnius durchgeführten gemeinsamen estnisch-lettisch-litauischen Seminars zur Sicherung der Energieversorgung aller drei Länder sagt Ähnliches aus. Dort stellen die Vertreter aller drei Länder fest, dass die Energieversorgung unter den gegenwärtigen Umständen spätestens nach 2015 unsicher sei.
Die Schlußfolgerung der drei Baltenstaaten ist dabei nicht nur, dass die eigenen Länder eines neuen Energieversorgungskonzepts bedürfen. Schließlich hat man mit dem Letten Piebalgs erstens einen EU-Kommissar, und zweitens einen Atomjünger in den eigenen Reihen. Bei den internationalen Begrifflichkeiten ist man sich ebenso sicher, und so wird denn eine "Road map" der nachhaltigen und ausgewogenen Energieversorgung gefordert, die einen guten "Energiemix" enthalten müsse.
Litauen: Atommacht mit Erfahrung?
Nunmehr ist nur noch davon die Rede, dass Litauen ja Erfahrung habe mit dem Betrieb und der Sicherung von atomaren Anlagen. Soviel Lob vom lettischen Nachbarn? Auf eines kann zumindest die litauische Regierung bauen: die Bewohner der Region Ignalina werden wohl kaum auf die Barrikaden gehen, sollte ein AKW-Neubau in Angriff genommen werden. Und welche andere Region kann das schon von sich behaupten?
Die Regierung des Nachbarlandes Lettland zum Beispiel nicht. Kaum, dass die drei Ministerpräsidenten Kalvitis, Ansip und Brazauskas am 27.Februar 2006 höchstselbst verkündeten, den Bau eines neuen AKW im östlichen Litauen nun gemeinsam zu planen (LETA, TVNET, NRA, DIENA, DEUTSCHE WELLE, BBC,. BALTIC TIMES), regte sich im lettischen Daugavpils Protest. "Wir verstehen nicht, warum Bürgermeister und Bezirks-Vorsitzende nicht nach ihrer Meinung gefragt werden. Das ist ein großer Bezirk, in dem 60.000 Menschen leben. Ich gehe davon aus, dass es in der Stadt heftigen Protest geben wird," wird etwa die Bürgermeisterin von Daugavpils, Rita Strode, von der DEUTSCHEN WELLE zitiert. Man habe eine Anfrage an die lettische Regierung in Riga gerichtet, wie solch ein Beschluß zustande gekommen sei.
Proteste kalkulierbar?
Aber werden solche Stimmen überhaupt ernst genommen? Schließlich gilt Daugavpils als Randregion Lettlands, die von der lettischen Regierung wegen des hohen Anteils an russischstämmiger Bevölkerung auch nicht gerade mit einer bevorzugten Behandlung beglückt wird. In Estland waren bisher nur leise Proteste von der PRO PATRIA UNION zu hören (BALTIC TIMES 28.2.06), die sich gegenwärtig in der Oposition befindet, und die auch nur kritisert, dass über die gemeinsame Erklärung der drei Regierungschefs vom 27.2. in Estland nicht vorher diskutiert worden sei.
Auch die lettische Umweltbewegung protestiert. "Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv", so kramt man einen alten Spruch hervor. Gegenwärtig nutze die lettische Regierung nur 10% des von internationalen Wirtschaftsexperten diagnostizierten Potentials an Windenergie aus, so eine Presseerklärung des Umweltschutzklubs VAK. Zudem sei die zweitgrößte lettische Stadt Daugavpils eben nur 25km vom zukünftigen Bauplatz entfernt. Aber schon bei dem Bemühen um fachliche Kompetenz werden die Schwächen erkennbar: VAK muss in derselben Erklärung tschechische Fachleute und Expertisen zitieren - aus Mangel an eigenen Experten?Wer die lettische Umweltbewegung in den letzten Jahren beobachtet hat, wird ohne große Mühe gleich mehrere Schwächen erkennen.
Trotz gegenteiliger Beteuerungen und Berufungen auf ideele und kulturelle Beweggründe ist der gesamte politische Teil der Umweltbewegung von der Unterstützung aus Kreisen der lettischen Ölindustrie abhängig. Im gerade aufkommenden Wahlkampf für die Parlamentswahlen im Herbst 2006 wird der "Ölkönig von Lettland", Aivars Lembergs (Bürgermeister von Ventspils), offen als Spitzenkandidat und Regierungschef gehandelt, unterstützt durch die Partei der Grünen und Bauern, deren Wahlkampf er seit Jahren bereits finanziert. Und Mitglied der Regierung Kalvitis, die jetzt so vollmundig den Atomkurs verkündete, ist auch der Grüne Raimonds Vejonis, seines Zeichens Umweltminister. Ein Regierungsbeschluß, der offenen die Atomkraft unterstützt, ist aber offensichtlich ebenso für die Grünen Lettlands kein Grund, aus der Regierung auszutreten. Lieber beschäftigt man sich auf Parteikongressen mit Bemühungen, wie bekannte rechtsnationale Kräfte noch stärker an die Partei gebunden werden können - wie die liberale DIENA jüngst süffisant in einem Kommentar bemerkte.
Gemeinsam bemüht um Einfluß am Rad der Globalisierung
"Wenn EU-Energiekommissar Piebalgs sich vor fünf Jahren für die Nutzung von Atomkraft ausgesprochen hätte, wäre er politisch tot gewesen", so sieht es LAVENERGO-Chef Miķelsons. Müssen die Atom-Profiteure also nur auf den richtigen Moment warten?
Auf der einen Seite sind es baltische Ängste - von Deutschen und Russen kräftig geschürt - bei den Verhandlungen um die (wirtschaftliche) Zukunft Europas aussen vorgelassen zu werden. Zu Hause wird das Feld den ausländischen Investoren überlassen, während die einheimischen Arbeitskräfte nach Irland reisen, um dort für einige Monate u:m so ziemlich jeden Preis einen Billigjob anzunehmen.
Drei Milliarden Euro soll der Neubau eines AKW in Litauen kosten - so die ersten Schätzungen (Presseberichten zufolge: LETA, TVNET, NRA, DIENA), und wenn sie von AKW-Jüngern kommen, dann kann man gewöhnlich darauf vertrauen, dass sie beträchtlich höher liegen werden. Diese Kosten können auch von den drei baltischen Energieversorgern EESTI ENERGIA, LATVENERGO und LIETUVOS ENERGIA nicht zusammen aufgebracht werden.
Einen prominenten Unterstützer hat man bereits gewonnen: Mohamed El Baradei, seines Zeichens Generaldirektor der Internationalen Atomenergieagentur IAEA, lobte das baltische Atomprojekt bereits als "Musterbeispiel regionaler Zusammenarbeit" - das verkündete das lettische Aussenministerium gleich lieber selbst stolz in einer Presseerklärung am 7.März. Und nur einen Tag später wurde ebenfalls in der lettischen Presse bekannt (TVNET), die drei baltischen Regierungen hätten nunmehr mittels eines gemeinsamen Memorandums eine Machbarkeitsuntersuchung eines AKW-Baus in Litauen beschlossen.
Strahlende Zukunft für die "baltischen Tiger"?
In der "Neatkariga Rita Avize" (NRA) waren am 25.Januar Äusserungen von Aigars Meļko nachzulesen, der dort als Vizepräsident von LATVENERGO zitiert wird.
"Zu Anfang könnten wir uns an einem AKW-Bau in Ignalina beteiligen," so Melko, "so um 2025 bis 2030 könnten wir dann ein eigenes AKW in Lettland bauen."Verrückte Träume eines unbeirrbaren Atomjüngers, der nun mal mit dem Verkauf von Energie sein Geld verdient? Im gleichen Artikel stehen aber interessante Einzelheiten. Bereits zu sowjetlettischen Zeiten in den 80er Jahren habe man konkret den Bau eines AKW im Küstendörfchen Pāvilosta vorgehabt, erzählt Melķo. Heute aber müsse man in erster Linie drei Faktoren im Auge behalten: die reale Sicherheit einer Anlage, die Möglichkeit Geld von Investoren in Lettland einzusetzen, und die öffentliche Meinung. Der Einschätzung von Uģis Sarma, Leiter der Abteilung Energiewirtschaft im lettischen Wirtschaftsministerium zufolge, ist in Lettland vorläufig aber keine Einigung absehbar, an welchem Ort ein neues lettischen AKW stehen könne. Natürlich müsse man auch für die "Abfallsicherung" selbst sorgen, und auch dafür sei kurzfristig keine Lösung in Sicht (ausserdem ein feiner Hinweis darauf, dass man Litauen mit der Abfallentsorgung für ein neues AKW wohl ebenfalls am liebsten allein lassen möchte!).
Der Engergieverbrauch in den baltischen Staaten steigt momentan parallel zum beständigen Wirtschaftsaufschwung. Dennoch habe man noch sehr wenig über Einsparmöglichkeiten nachgedacht, geben politische Kommentatoren wie Pēteris Strautiņš in der DIENA zu bedenken. Da sei es eben einfacher, wenn Politiker sich überdimensionierten "Riesenspielzeugen" wie den atomaren Großprojekten widmeten, mahnt er. "Was wäre billiger - an jede Familie 20 Energiesparglühbirnen zu verschenken, oder neue Kraftwerke zu bauen?" Schon diese Überlegung sei es wert, über die angebliche Unverzichtbarkeit jeder neuen Großinvestition gründlich nachzudenken, mahnt er.
Solche ketzerischen Fragen finden aber offensichtlich in der baltischen Wirtschaftspolitik momentan kein Gehör.
2. März 2006
Kulturschock in Lettland?
Ein lesenswerter erster Eindruck einer deutschen Schulpraktikantin in Lettland. In ihrem Blog "Kein Kakao im Osten" der Eintrag vom 21. Februar: "Kulturschock".
Ein kleiner Auszug daraus:
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wer auch noch die Beiträge am Ende dieses Lettland-Aufenthalts lesen möchte (Mitte März 2006), klickt sich HIER ein.
Ein kleiner Auszug daraus:
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Das einzige, was aber wirklich so richtig schlimm ist, ist das Essen. Wenn ich doch nur wuesste, was es hier im Supermarkt gibt... aber es scheinen fast alles lettische Spezialitaeten zu sein, sodass ich nicht mal anhand der Bilder erkennen kann, was es gibt. Also esse ich das, was ich erkennen kann: Muesli. Und das seit drei Tagen. Richtigen Hunger habe ich auch ueberhaupt nicht, mal sehen, wie sich das mit dem Essen in den naechsten Tagen so entwickelt. Obwohl, fuer eine Hawaiipizza wuerde ich auf jeden Fall jemanden umbringen
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wer auch noch die Beiträge am Ende dieses Lettland-Aufenthalts lesen möchte (Mitte März 2006), klickt sich HIER ein.
1. März 2006
Erneute Niederlage gegen Lettland - die Fußball-WM kann kommen!
Nicht unbedingt ausführlich wird die Berichterstattung vermutlich zum Spiel der deutschen U21-Fußballnationalmannschaft gegen das A-Team von Lettland ausfallen. "Eine Partie von ernormer Bedeutung" - so wurde U21-Nationaltrainer Dieter Eilts noch vor dem Spiel in der Presse zitiert (Sport1). Im norddeutschen Wolfsburger Karnevals-Exil setzte es am Faschingsdienstag eine 1:2 Niederlage, wobei der lettische Torwart erst in der 90.Minute bezwungen werden konnte. In 14 aufeinanderfolgenden Spielen war Eilts als Nachwuchstrainer mit seinem Team ungeschlagen geblieben - und nun: erneut Lettland!
"U21 will sich im Spiel gegen Lettland Selbstvertrauen holen", war im HANDELSBLATT zu lesen. Vor Maris Verpakovskis hatte Eilts gewarnt - es nützte nichts. Zusammen mit Imants Bleidelis zählte Verpakovskis auch diesmal wieder zu den Torschützen.
"Mit zwei Borussen gegen Lettland" hatte auch die Homepage von Borussia Mönchengladbach vor dem Spiel verkündet, kürte den Gegner aber auch zum "harten Brocken". Seit dem trostlosen 0:0 der deutschen A-Nationalmannschaft bei der EM in Portugal ist das wohl so. Doch mit einer "zweiten Mannschaft" können die Deutschen offensichtlich nicht mal im eigenen Stadion (also "zu Hause") gewinnen! Es waren allerdings auch nur 2150 Zuschauer da.
Das Deutsche Sportfernsehen DSF übertrug die Partei live (leider nicht nach Lettland).
Was bleibt den Deutschen? Nur das sportliche Philosophieren. "Sport1" schreibt: "Obwohl die in der WM-Qualifikation deutlich gescheiterten Letten die Partie durchaus ernst nahmen, waren die DFB-Junioren ein mehr als gleichwertiger Gegner." Noch Fragen?
Dazu kann man wohl nur sagen, dass in Lettland momentan gar keine Saison ist - die beginnt erst in etwa einem Monat. Von einer "besser eingespielten Mannschaft" kann also auch keine Rede sein.
Ein ausführlicher Spielbericht ist auf der Homepage des VFL Wolfsburg zu lesen. In der lettischen Sportpresse (TVNet, LETA, Delfi) werden die Tore gegen die "deutschen Jungs" hervorgehoben - denn schließlich stand ein Torwart vom "Weltklub" Bayern München im Kasten. Eine Webseite der UEFA sagt es so: "Germany learn from Latvia!"
"U21 will sich im Spiel gegen Lettland Selbstvertrauen holen", war im HANDELSBLATT zu lesen. Vor Maris Verpakovskis hatte Eilts gewarnt - es nützte nichts. Zusammen mit Imants Bleidelis zählte Verpakovskis auch diesmal wieder zu den Torschützen. "Mit zwei Borussen gegen Lettland" hatte auch die Homepage von Borussia Mönchengladbach vor dem Spiel verkündet, kürte den Gegner aber auch zum "harten Brocken". Seit dem trostlosen 0:0 der deutschen A-Nationalmannschaft bei der EM in Portugal ist das wohl so. Doch mit einer "zweiten Mannschaft" können die Deutschen offensichtlich nicht mal im eigenen Stadion (also "zu Hause") gewinnen! Es waren allerdings auch nur 2150 Zuschauer da.
Das Deutsche Sportfernsehen DSF übertrug die Partei live (leider nicht nach Lettland).
Was bleibt den Deutschen? Nur das sportliche Philosophieren. "Sport1" schreibt: "Obwohl die in der WM-Qualifikation deutlich gescheiterten Letten die Partie durchaus ernst nahmen, waren die DFB-Junioren ein mehr als gleichwertiger Gegner." Noch Fragen?
Dazu kann man wohl nur sagen, dass in Lettland momentan gar keine Saison ist - die beginnt erst in etwa einem Monat. Von einer "besser eingespielten Mannschaft" kann also auch keine Rede sein.
Ein ausführlicher Spielbericht ist auf der Homepage des VFL Wolfsburg zu lesen. In der lettischen Sportpresse (TVNet, LETA, Delfi) werden die Tore gegen die "deutschen Jungs" hervorgehoben - denn schließlich stand ein Torwart vom "Weltklub" Bayern München im Kasten. Eine Webseite der UEFA sagt es so: "Germany learn from Latvia!"
19. Februar 2006
Kirchliche Sozialarbeit schließt Lücken
Es geht voran in Lettland! Wo Ökonomen neidisch werden (2005 betrug das Wirtschaftswachstum in Lettland 10%), da werden soziale Einrichtungen nicht automatisch sorgenfrei. Pfarrer Martins Urdze, der sich für die Diakonie in der lettischen Hafenstadt Liepaja engagiert, beschreibt die Situation eindrucksvoll: "Leider wirkt sich das Wachstum nicht wesentlich auf die Löhne der Menschen aus. Der Nettodurchschnittslohn ist bei 249 EUR. Ein Drittel der Beschäftigten bekommt nur den minimalen gesetzlich festgelegten Lohn, ab 1.1.2006 sind das 129 Euro." Da kann man 'keine großen Sprünge machen', wie man in Deutschland so gerne sagt. Das Existenzminium wird bei etwa 157 Euro angesehen, und auch wenn manche noch schwarz nebenher arbeiten, so ist leicht einzusehen, dass das Überleben schwerfällt. "Für Rentner machen allein die Heizkosten für den Winter schon die Hälfte der Rente aus," berichtet Urdze.Es war ja schon 2005 von der Abwanderung von Arbeitskräften aus Lettland zu hören (siehe Bericht in diesem Weblog), und auch Urdze weiß Ähnliches zu erzählen: "Im letzten Jahr wurde die Emigration von Arbeitskräften nach Irland, England und Schweden zum Thema in den Medien. In bestimmten Branchen gibt es jetzt einen regelrechten Arbeitskräftemangel, der mit der Beschäftigung von Arbeitern aus der Ukraine und Weissrussland kompensiert wird, was wiederum die Erhöhung der Löhne hier behindert. Meiner Ansicht nach wären hier EU weite Sozialstandards von Nöten, die wenigstens ein minimales Lebensniveau absichern wuerden. Ansonsten werden die Länder eins gegen das andere ausgespielt, mit verheerenden Folgen für den ärmeren Bevölkerungsteil. Positiv war, dass die Gewerkschaften zu verstärkten Protesten gegen die Armut im Lande aufgerufen haben."

Wie arbeitet die Diakonie in Liepaja in dieser Ausgangs- lage? "Mit Hilfe von Ansätzen aus der Gemein- wesenarbeit wird versucht, die Selbsthilfe und Eigen- initiative von Menschen, die sich in Not befinden, zu stärken," erzählt Pfarrer Urdze. "Die diakonische Gemeinde ist ein Modellprojekt für andere Kirchengemeinden, die in dieser Richtung tätig werden wollen. Die Kreuzkirchengemeinde hat zur Zeit 80 Mitglieder. Es arbeiten etwa 30 Ehrenamtliche in den verschiedenen Bereichen."
Pfarrer Urdze arbeitet noch an einer Reihe anderer ambitionierter Projekte. "Im März 2006 hoffen wir Antwort von der EU zu bekommen, ob wir ein Projekt 'christlicher Tourismus um Kreis Liepaja' starten können. Dann unterhalten wir einen Tagestreff für obdachlose und arbeitslose Menschen in Liepaja, wir arbeiten mit Behinderten, wir bieten medizinische Beratung an, und wir haben eine Kleiderkammer."
Martins Urdze unterhält eine Vielzahl von Kontakten zu deutschen Spendern, Kirchengemeinden und privaten Förderern. "Hilfe ist natürlich immer noch sehr willkommen," betont er. (der vollständigen Jahresbericht der Diakonie Liepaja für 2005 - plus Spendenkonto - ist HIER nachzulesen).
Auch andere deutsche Sozialeinrichtungen unterhalten Kontakte nach Liepaja. Auf den Webseiten der Gemeinden der Selbständigen Evangelisch Lutherischen Kirche in Hamburg ist von Hilfssendungen nach Liepaja zu lesen, die dort ein Heim für junge mittellose Mütter unterstützen.
Die Katholische Gemeinde St.Sophien in Hamburg-Barkbeck hat eine ausführliche und schön bebilderte Projektdarstellung ihres Partnerprojekts (Martin Porres Haus) in Liepaja ins Netz gestellt.
Manchmal lesen sich diese Berichte auch ein wenig seltsam: Mitarbeiter der "Evangelischen Kirche im Rheinland" berichten 2004 von einem Durchreiseaufenthalt in Liepaja, und scheinen die gesamte Situation im Ort nur danach zu beurteilen, ob die "Leute auf der Straße grüßen". (alle Moralvorstellungen in Ehren, aber in welcher Sprache haben sich denn diese Deutschen verständlich zu machen versucht?).
Das anschließende Projekt, mit Jugendlichen Straßentheater in Liepaja zu spielen, scheint aber spaßig und erfolgreich gelaufen zu sein (Bericht vom 7.9.2004).
Auch die Ev.Luth. Landeskirche in Sachsen unterhält offensichtlich Kontakte nach Lettland und berichtet auf ihren Webseiten regelmäßig über aktuelle Themen (im Januar 2005 über notwendige Reparaturarbeiten an lettischen Kirchen).
Die Evangelische Kirche in Deutschland gab 2004 ein Merkblatt heraus mit Hinweisen zu den Partnerprojekten in Estland, Lettland und Litauen. Lettlands Lutherische Kirche hat demnach 39.000 Mitglieder in 299 Kirchengemeinden und 138 Pfarrer. In dieser Übersicht wird die Dreifaltigkeitskirche Hannover als Partnergemeinde für Liepaja angegeben.
17. Februar 2006
Traumberuf Dirigent - die Ehrungen des Mariss Jansons
Ottfried Fischer, Franz Beckenbauer, Stirling Moss, Siegmund Freud - das sind alles Namen, zu deren Ehren in diesem Jahr die Österreichische Post Sondermarken herausgibt. Ein lettischer Name reiht sich da nahtlos ein: Mariss Jansons.Als Dirigent des Neujahrskonzerts 2006 feierte Jansons zwar nicht seinen künstlerischen Durchbruch (in der internationalen Musikwelt ist Jansons längst gut bekannt), aber sein Name ist nun wohl auch im deutschsprachigen Raum in der Ehrengalerie angekommen. "Der lettische Darling", so schrieb es die Berliner Morgenpost. Das Neujahrskonzert flimmert traditionell nicht nur über die meisten Fernseher in Deutschland, sondern die Sonderbriefmarke zeigt auch, dass allein die Einladung als Dirigent schon eine große Ehre darstellt.
Botschafter Lettlands
Fast könnte man Jansons auch schon diplomatische Aufgaben zuschreiben: als Dirigent des Neujahrskonzerts beispielweise befleißigten sich auch eine Reihe bekannte Persönlichkeiten, dem Orchesterchef "Backstage" die Hand zu drücken - so etwa die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Wer den hohen Stellenwert kennt, den kulturelle Leistungen in Lettland selbst haben, der wird vielleicht die Arbeit eines Dirigenten auch als eine Art "Traumberuf" einzuschätzen wissen. Am eindrucksvollsten wird dies immer dann deutlich, wenn Zehntausende den Dirigenten des großen Sängerfestes auf der Freilichtbühne in Riga zujubeln. Man möchte beinahe sagen: "wie Popstars", aber der Vergleich hinkt kräftig angesichts der gekünstelten und gestylten Welt der kommerziellen Massenware, in der Persönlichkeiten doch eher nur vom Image leben.
Lettlands Dirigenten werden verehrt wie geehrt, und die sangesfreudigen oder ein Musikinstrument spielenden lettischen Mitbürgerinnen und Mitbürger werden immer stolz erzählen, unter welchem Dirigent sie das getan haben.
Bekannt in der internationalen Musikszene
Natürlich freut sich auch ein so kleines Volk der Letten, wenn ein Landmann im Ausland Ansehen und Bekanntheit genießt. Lange Jahre war der 1943 in Riga als Sohn des Dirigenten Arvids Jansons geborene heutige Stardirigent in St.Petersburg tätig, wo er seine musikalische Ausbildung am Leningrader Konservatorium in den Fächern Violine, Klavier und Dirigieren mit Auszeichnung absolvierte. Jansons selbst schilderte es einmal in einem Interview als Schwierkeit, in der Sowjetunion als "Sohn eines Dirigenten" voran zu kommen. "Das war in der Sowjetunion schwierig. Wenn man aus einer Arbeiterfamilie kam, dann war alles sehr einfach. War man intelektuell sind, dann wurde es schwierig. Intelligenz war den Kommunisten suspekt."
"1969 setzte der damals 26-jährige seine Ausbildung in Wien bei Hans Swarowsky und in Salzburg bei Herbert von Karajan fort", so informiert die Wiener Zeitung ihre Leser über die frühzeitige Verbindung des Letten zur Hauptstadt Österreichs.
"Zwei Jahre später siegte er im internationalen Herbert von Karajan- Wettbewerb in Berlin, stets ein untrügliches Kennzeichen auf dem Weg zu einer großen Karriere." Endgültig zum "Who is who" der Musikwelt Österreichs gehört er schon seit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Musikfreunde in Wien am 6.Juni 2001.Aber die Arbeit Mariss Jansons beschränkt sich natürlich keinesfalls auf Europa. Er dirigierte unter anderem die Wiener Philharmoniker, das Berliner Philharmonische Orchester, die führenden Londoner Orchester und das Israel Philharmonic Orchestra sowie die amerikanischen Spitzenorchester von Boston, Cleveland, Philadelphia und New York.
Seit der Konzertsaison 2003/2004 ist Jansons Chefdirigent von Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks, und genau in dieser Funktion erreichte er nun ein weiteres Highlight seiner Karriere: am 9.Februar 2006 wurden Orchester und Dirigent der GRAMMY für Chor und Symphonieorchester zugesprochen. Ein Anlaß, den auch Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber zu Lobeshymnen anregte: "Ein großer Tag für das Kulturland Bayern." (DDP/Freie Presse)
"Jansons kann nun die Früchte seiner Arbeit ernten", schrieb auch die lettische Presse (NRA) stolz.
Sorgen, und noch viel Arbeit
Verliehen wurde der GRAMMY für die Aufnahme von Schostakowitschs 13. Symphonie «Babi Yar». „Mariss, denke daran: Lieber ein gutes Konzert weniger als ein schlechtes mehr“. Diesen Ratschlag seines eigenen Dirigenten-Vaters überlieferte Jansons selbst in einem Interview von ARTE-TV. Der Vater starb 1984, direkt im Anschluß an ein Konzert. Wie anstrengend das für Laien manchmal so beliebig aussehende Dirigieren sein kann, zeigt sich vielleicht darin, dass auch Mariss Jansons bereits einen Herzinfarkt erleiden musste. Mitten auf der Bühne, sieben Minuten vor Ende einer Aufführung von "La Boheme" in Olso passierte das. "Ich nahm mir vor, anders zu leben, habe große Pläne gemacht, aber ab einem gewissen Zeitpunkt geht fast alles wieder in die gleiche Richtung von vorher," sagte Jansons halb lakonisch halb resignierend dazu. Zu vermuten ist aber, dass Jansons noch einige weitere musikalische Highlights in Planung hat.
Weiteres im Internet zu Mariss Jansons:
- Kurzbiographie EMIClassics
- Infos des Bayrischen Rundfunks
- Festspielhaus Baden-Baden
- Wikipeda
- Interview des Münchener Kulturmagazins "Applaus" (1995)
- Beitrag in DIE ZEIT (2003)
- CD-Kritiken beim Musikmagazin RONDO
- Shop der Wiener Philharmoniker zum Neujahrskonzert 2006
- über Jansons Beziehung zu Schostakowitsch
- Mariss Jansons im lettischen Portal "Kultura.lv"
- Beitrag in PAAVO PROJEKT zu Mariss Jansons und Paavo Järvi
14. Februar 2006
Lettischer Birkhahn rodelt erfolgreich
Besser als die Prognosen Wenig Chancen auf Medaillien - das attestierten die meisten lettischen Medien vor Beginn der olympischen Winterspiele ihren eigenen Athleten. Gunars Jekabsons, Sportjournalist beim lettischen Radio, wird nun stellvertretend für seine Medienkollegen für solche leichtfertig pessimistischen Aussagen büßen: er verlor nach der von Rodler Martins Rubenis errungenen Bronzemedaille eine Wette und wird sich die Haare rot färben müssen....
Lettische Rodellegenden
Ausgerechnet die Rodler! Das werden sich vielleicht die deutschen Fans gedacht haben, die auf Rodel-Oldie Georg Hackl oder seine beiden anderen deutschen Mitrodler gehofft hatten. Martins Rubenis heißt der erste lettische Medailliengewinner bei olympischen Winterspielen seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1990 (Rubenis = lett. "Birkhahn").
"Eine Jahrhundertmedaille!" jubelte die Tageszeitung DIENA.
Der Erfolg sei aber folgerichtig, denn in dieser Disziplin habe Lettland nun mal in Sigulda eine internationalen Standards entsprechende Trainingsmöglichkeit, und eine wettbewerbsfähige Bahn. DIENA erinnerte auch an Veras Zozuļa und Ingrida Amontova, die 198o in Lake Placid Medaillen im Rodelwettbewerb gewannen, und damit den Robel-Boom und den Bau der Bob- und Rodelbahn in Sigulda erst möglich gemacht hätten (für Nicht-Letten: das waren die Zeiten von Ingemar Stenmark, oder Ulrich Wehling).Eine andere Erinnerung galt Alfons Berzins: er führte den Weltcup im Jahr 1940 überlegen an, und sei, wenn nicht der Krieg ausgebrochen wäre, bei Olympia ein Sieganwärter gewesen. "So kam Lettlands Rodelmedaille erst 66 Jahre später," schreibt DIENA.
Rubenis, der coole Typ
Welchen Siegeswillen lettische Sportfans ihrem Rodelhelden zutrauen, macht eine Umfrage des Internetportals TVNET deutlich. Gefragt, welchem Faktor der Medailliengewinn am ehesten zuzuschreiben sei, so sprachen nur 10% der Antworten den Erfolg Rubenis' guter Form zu. 60% dagegen meinten, seinem hervorragenden Selbstvertrauen sei der Erfolg zu verdanken. 20% sahen auch den von Rubenis selbst mit konstruierten Schlitten als Erfolgsgarant. "Ich hätte noch schneller fahren können," sagte der Athlet selbst in einem Interview mit der Tageszeitung Neatkariga Rita Avize (NRA), "aber keiner ist perfekt, auch ich nicht."
Geschichten rund um Geld und Prämien

Nun wird über die Höhe der staatlicherseits zu vergebenden Geldprämie spekuliert. Der Agentur LETA zufolge müssten 30.000 Lat (ca. 43.400 Euro) aus dem Staatssäckel an einen Bronzemedailliengewinner ausgeschüttet werden. Solche Summen, vergeben an Einzelne, lösen im Niedriglohnland Lettland immer noch unweigerlich Diskussionen aus. Während die einen es eher als Schande ansehen, angesichts dieses "historischen Erfolgs" überhaupt über die dem Athleten zustehende Prämie zu diskutieren, verfallen andere in zynische Scherze, aus denen sich ahnen läßt, mit wie wenig Geld in Lettland ein normales Leben bestritten werden muss: "Na, und wenn dann doch unsere Eishockeymannschaft überraschend auch Bronze gewinnt, dann müssen doch jedem Spieler gleichfalls 30.000 Lat ausgezahlt werden, wenn ihr so drauf besteht," mahnt ein Diskutant im DELFI-Diskussionsforum, "und dann ist der Staat bankrott."
Ebenfalls bei DELFI werden auch die Sponsorengeschenke dargestellt, die vom Großsponsor der lettischen Olympiamannschaft (SAMSUNG) an den glücklichen Medailliengewinner übergeben werden: einen Plasma-Fernseher, ein komplettes Heimkino, und ein exklusives Mobiltelefon (SGH-D800), das man flugs zum "Olympiahandy" erkoren hat. SAMSUNG übt sich da übrigens in ungewohnter "baltischer" Solidarität und stattet die estnische und die litauische Olympiamannschaft mit den gleichen Prämien aus. (auch in der Diskussion über diese Prämien kamen die DELFI-Internetdiskutanten übrigens auf die gleiche Idee: was ist, wenn die Eishockeymannschaft doch ....?)
In diese Geschichten von Gewinnern und Verlierern passen auch die Berichte in der lettischen Presse zu erbaulichen Dienstreisen lettischer Politiker nach Turin. "So etwas heisst 'Dienstreise', und bezahlt wird es aus Steuergeldern," spitzt es die Neatkariga Rita Avize (NRA) zu. Säuberlich wird dann aufgezählt: zur Eröffnung der Spiele reiste Staatspräsidentin Vike-Freiberga nebst Mann an, am 15.2. folgte Ministerpräsident Kalvitis, der sich zusammen mit seinem Medienberater in Turin aufhält und plant, alle Spiele der lettischen Eishockeymannschaft zu besuchen. Ina Druviete, Ministerin für Bildung und Wissenschaft, sei aber genau wie die höchsten Repräsentanten als Ehrengast in Turin eingeladen, beeilte sich ihr Büroleiter gegenüber der Presse zu erklären. Vor Ort würden keine weiteren Kosten anfallen. Oskars Spurdziņš, seines Zeichens Finanzminister, gilt als Bob- und Rodelfan, und hat wohl gleich das Ereignis zu erleben ausgewählt, zu dem es Erfolgsprämien aus einer Kasse auszuschütten gilt.
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