
Wie ist es dazu gekommen? Zumindest läßt sich sagen, dass die junge Republik nicht sehr souverän sich den anstehenden Themen genähert hat. Wie zu besten Zeiten des "kalten Krieges" schien in den 90er Jahren zu gelten: wer eine andere Meinung hat als ich selbst, der muss wohl mein Feind sein.
Da kamen Kriegsveteranen auf die Idee, ihrem zwar nicht erfolgreichen, aber doch der eigenen Ansicht nach ehrenvollen Kampf am Ende des 2.Weltkriegs gedenken zu wollen. Dieses Gedenken ist beeinflußt vom Kriegsverlauf: Lettland wurde zunächst von Sowjetruppen okkupiert, Tausende wurden nach Sibirien deportiert - Unterstützer für ein solches Regime gab es nur wenige. Der angeblich "Beitritt" Lettlands zur Sowjetunion war mehr ein Fußtritt für die demokratisch gesinnten Kräfte. Die stillschweigenden Übereinkünfte, die Hitler und Stalin dabei erzielten, schockierten viele und betrafen die meisten in Lettland persönlich: durch die Zuschlagung Lettlands zum "russischen Interessengebiet" war das Schicksal eines unabhängigen Landes besiegelt.

Tatsache ist aber auch, dass es nicht immer ehrenvolles Erinnern war, was "patriotisch gestimmte Kräfte" im Hochgefühl der Wiedererlangung der lettischen Unabhängigkeit da jahraus, jahrein inszenierten. Das meist gehörte Argument war:

Nach einigen Jahren gewohntem Ritual nahmen die starren Fronten schon nicht mehr ganz ernstzunehmende Formen an.

So wurde der 16.März zu einem echten "Event". Attraktiv nicht nur für alte Haudegen auf beiden Seiten, sondern auch für kreative Hardliner auf beiden Seiten. Wo etwas los ist, geht man doch gern hin! So gesellten sich auf der einen Seite die gewaltbereiten Nationalbolschewiken hinzu, auf der anderen Seite die bleichen Jünglinge der lettischen Nachwuchsnationalisten. Erstaunlich die Zahlenverhältnisse: als ich im März 2005 vor Ort war, schien ein Drittel der anwesenden Menschen aus Polizeitruppen verschiedener Einheiten zu bestehen, und ein zweites Drittel aus dem pünktlich herbeibestellten Troß von Journalisten, meist auf russisch oder englisch eloquent eingewiesen und auf das folgende Schauspiel eingestimmt. Erstaunlich bei allen angeblichen Tumulten (so wie es die meisten Presseberichten darstellen) wirkt dabei die Erfurcht der verfeindeten Aktivistengruppen vor der Staatsmacht. Weder Steine noch Rauchbomben fliegen irgendwo, auch keine Wasserwerfer kommen zum Einsatz. Alles läuft wie eine gut geplante Inszenierung ab - und "Ordner" gehören in jedem Gedränge eben dazu. Bekommen die einen ihren "Umzug", und seien es auch nur die 800 Meter Wegstrecke vom Okkupationsmuseum zum Freiheitsdenkmal, so ist die Gegenpartei schnell zufrieden, wenn die mit Davidssternen und auffälliger Sträflingskleidung ausgestatteten Aktivisten zwei Minuten lang eine Straße blockieren können - direkt vor den Kameras und Mikrophonen der Presse natürlich.

Auch die Nationalradikalen auf der russischen Seite hatten diesmal eine spezielle "Geheimwaffe". Ein Filmteam brachte einen reißerischen Schinken auf den Markt unter dem Titel "die Faschisten des Baltikums", der nun genau am Abend des 16.März 2006 in einem russischen Fernsehkanal gezeigt wird. Der russisch-lettischen Freunschaft jedenfalls wird es wenig dienlich sein.
Am 13.März nun, also vor wenigen Tagen, entschieden sich die zuständigen Behörden der Stadt Riga, keinerlei öffentliche Demonstrationen am 16.März zuzulassen (NRA, LETA). Wen kann das überraschen? Die eifernden Aktivisten beider Seiten wird es enttäuschen.
Die alternden ehemaligen Legionäre werden sich auf dem Friedhof des kleinen kurländischen Ortes Lestene treffen, wo viele der Gefallenen begraben liegen, und auch ein Ehrenmal errichtet wurde.

Die russischen Fernsehzuschauer werden einen Fernsehfilm sehen, der sie hoffentlich nicht dazu verleiten läßt, von Letten pauschal Schlechteres zu erwarten als von anderen Völkern.
Viele lettische Stimmen empfehlen sowieso, den Kämpfern für Lettlands Freiheit (die es ja bei vielen Gelegenheiten gab, dazu braucht man das SS-Gedenken nicht) zusammen mit dem Gedenken an die Soldaten am 11.November zu begehen (Lacplesis-Tag). "Es darf nicht zugelassen werden, dass Verteidiger Lettlands und des lettischen Volkes einfach gleichgesetzt werden mit Radikalen, Extremisten, und Anhängern totalitärer Ideologien," schreibt nun auch LATVIJAS AVIZE. Ob damit aber Ruhe einkehrt? Ob den somit zwangsabgerüsteten Aktivisten nicht "langweilig" werden wird?
"Die Dänen dürfen Karikaturen veröffentlichen, warum dürfen wir nicht am 16.März unserer Legionäre gedenken?" so fragt etwas ketzerisch Atis Lejins, seines Zeichens Leiter des lettischen aussenpolitischen Instituts, in einem Zeitungskommentar (DIENA). Er schreibt die heftigen Proteste in erster Linie denen zu, die sich immer noch nicht damit abfinden können, dass Lettland heute ein unabhängiges Land sei.
Lejins weist aber auch darauf hin, dass in Estland der damalige estnische Aussenminister und heutige Abgeordnete des Europaparlament, Henrik Ilves, es geschaffte habe, die estnischen ehemaligen SS-Legionäre von einem öffentlichen Gedenkmarsch abzuhalten. Soviel Staatstreue war selbst dort vorhanden, und sie hätten verstanden, dass sie mit einem allzu lauten Beharren auf pompöse und gestenreiche Gedenkfeiern ihrem eigenen Staat schaden. In Estland sei es inzwischen so, dass potentielle Provokateure nur noch alte Männer zum Gottesdienst und wieder nach Hause gehen sehen können.
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