29. Oktober 2006

Protzen wie die Wessis

Das hat uns noch gefehlt! Deutsche ante portas! Wie war das noch, als die Mauer fiel, und etliche Deutsche sich dann in ihre Luxuskarossen setzten, um ihre "Claims" im Osten abzustecken? - Ähnlich könnten sich jetzt die Einwohner von Vilnius und Riga gefühlt haben, als sie in dieser Woche von 33 blitzblanken Mercedes-Karossen überrascht wurden.

Laut SPIEGEL handelt es sich dabei um eine Werbemaßnahme des Stuttgarter Autowerks, um die runderneutete E-Klasse nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Im Autoland Deutschland lassen sich dabei aber nicht nur Firmenangestellte einspannen: Annonciert wurde eine Tour von Paris nach Peking, und ausgesuchte "Freiwillige" dürfen nun die Nobel-Karossen 13.600 km in 28 Tagen in die chinesische Hauptstadt kutschieren. Interessierte konnten sich auf einer eigens eingerichteten Webseite bewerben. Zusammen fahren diese 33 Blech-Botschafter 450.000 km im Laufe ihrer Tour. "Normal tanken" müssen die edlen Fahrzeuge dabei nicht: laut HAMBURGER ABENDBLATT bekam der Hamburger Unternehmer Stefan Königs von Mercedes den Auftrag, die 33 Teilnehmer plus Begleitfahrzeuge auf der gesamten Fahrt mit Kraftstoff zu versorgen.

Macht Autofahren blind?
Sollen Sie doch fahren, oder? Schließlich sind es laut SPIEGEL zum Beispiel Taxifahrer, die M
ercedes-Stammkunden, die sich für einzelne Etappen als Fahrer der "Silberautos" beworben haben. Wären da nicht die unvermeidlichen Journalisten ....

Dank der kostenlosen Berichterstattung in den Medien (das nennt sich "Gefälligkeitsjournalismus", oder?) geisterten in dieser Woche etliche Berichte über die erste Etappe Richtung St.Petersburg durch die Gazetten. Und endlich kommen wir auch zu ein paar Hochglanzfotos von dem gegenwärtig größten Übel in den Altstädten von Vilnius und Riga: immer noch ist gegen eine geringe Gebühr dort das Autofahren erlaubt, und flanierende Urlauber wie unvorsichtige "Locals" müssen aufpassen, nicht von diesen Vorrechtinhabern "übergebügelt" zu werden. Danke, Mercedes, dass ihr uns dies noch einmal vor Augen führt!

Ausserhalb der Altstädte - besonders in Riga - gibt es das, was der Lette gewöhnlich "sastrēgums" nennt (auf Deutsch = Stau). Doch davon berichten die deutschen Oberklasse-Autofans nichts. Stattdessen fallen "triste Wohnsilos" auf, welche die Automobilisten lieber schnell hinter sich lassen, schreibt ein Reporter des STERN, und freut sich über "leere Autobahnen, wie die Wüste Gobi in der Rush-Hour". Der Satz darauf ist aufschlußreich: "Da ist es kein Wunder, dass hier schon mal Radfahrer unterwegs sind und es sogar Bushaltestellen gibt."

An diesem Wesen kann das autoverrückte Lettland kaum genesen ...
Ja, so ist das, wenn man ein Land nur durch das Fenster einer Luxuskarosse kennenlernt, und auf geraden Straßen Geschwindigkeitsbegrenzungen für das größte Übel auf Erden hält. Immerhin nimmt der STERN-Abgesandte die krassen Unterschiede zwischen Stadt und Land in Lettland wahr. Erstaunlich der Eindruck der E-Klasse-Reisenden, in Lettland werde weniger gerast als in Polen und Litauen. Auch die Gründe dafür werden geliefert: "Es gibt Schlaglöcher und Pfützen, so tief, das Katzen darin ertrinken könnten." Ein anderer Eindruck wird in der NETZEITUNG geschildert: "Die baltischen Hauptstädte haben Straßennamen, die klingen wie ein neues IKEA-Regal." Nun, jeder findet das, was er von zu Hause gewohnt ist, oder? Bei AUTO-BILD wird es dann ganz privat: "
Im Parkhaus drücke ich die Taste der Fernbedienung und will den Mercedes öffnen. Er blinkt freudig, grüßt trotz der tiefen Ringe unter den Augen, Autos sind eben die besseren Menschen." - Ja, soweit kann es kommen, mit Benzin und Blech im Herzen ...

100.000 Liter ARAL SuperDiesel werden die deutschen Edelkarossen auf ihrer Fahrt verbrauchen. Ob das Werk diese Kosten als Werbungskosten von der Steuer absetzt, ist leider nicht bekannt.
Was aber Lettland blüht, wenn noch mehr dieser speziellen Autofans das Land bereisen, zeigen solche Stilblüten aus dem speziell eingerichteten Blog von Auto-Bild:
"
Die lieben Letten bauen zwar wunderbare Straßen, mehr als 110 km/h sind aber nicht gefragt. Man möge sich diese Tränendrücker-Situation vorstellen: Ein tatendurstiger E 320 CDI quält sich per Tempomat fast im Schritt-Tempo über eine etwa 250 Kilometer lange Gerade. Man könnte verzweifeln, doch die Aussicht auf Handschellen und Schwierigkeiten ist auch nicht viel besser." -
Immherin waren in Lettland wohl die Tempokontrollen unübersehbar. Im Blog von
"Auto-Motor-Sport" wird nicht soviel "gelitten" - dort schreibt der Autor, er habe immer "ein paar kleine Dollars dabei, um Bestechliche zu fetten". Sieh an - und wer beschwert sich immer über die angeblich unverbesserlichen Zustände in Osteuropa? Ansonsten erzählt dieser Schreiber lieber über seine speziellen Unterhosen, deren Nachlieferung er sehnlichst erwartet, und berichtet, dass vor den Kirchen die Bettler auf Deutsch betteln. Na, wie sonst soll man denn einen Mercedes erfolgreich erweichen?
Ein wenig Ehrlichkeit kommt am Schluß dieses Berichts auch durch: "Die Gerüchteküche in der Karawane brodelt. Man hockt einfach zu lange im Auto und spinnt vor sich hin. Tun wir auch, aber solange wir nicht mit Singen anfangen, ist wohl alles noch normal. Diese elend langsame Fahrerei zwischen den immer ähnlichen Waldwänden." - Na, da haben schon ganz andere in Lettland mal richtig das Singen gelernt. Aber jedem das seine. Die Karwane zieht weiter, heisst es so schön. Und hinterlässt Ideen, dass man auch anders reisen kann - und nicht unbedingt auf Privilegien neidisch sein muss Autos fahren zu dürfen, die einem nicht gehören.

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