Barsche, Hechte, Brachsen, Plötzen, Schleien, Karpfen - wer Fisch mag, dem bietet sich in Lettland vor allem als Anglerin oder Angler ein breites Angebot. In einem Land, in dem im Winter Flüsse und Seen zufrieren und somit auch Eisangeln üblich ist, scheint das ganze lettische Jahr ein Angeljahr zu sein.
Fischland Lettland
69 verschiedene Unternehmen beschäftigen sich in Lettland auch mit Fischzucht, also Aquakultur. Im Jahr 2023 beschäftigte die Branche insgesamt 302 Menschen. Gezüchtet werden Forellen, Karpfen, Störe und Welse. Insgesamt werden 783,9 Tonnen Fisch produziert, davon 25,5 Tonnen für den Export. Seit 2009 stieg die Produktion langsam, aber stetig an und erreichte 2021 mit 902,5 t einen vorläufigen Höhepunkt. Bisher wurde dieser Bereich als weniger bedeutender Teil der lettischen Fischwirtschaft angesehen, allerdings mit Wachstumspotential. (kem)
Einer dieser bereits existierenden Betriebe für Forellenzucht (Foreļu audzētava) ist zum Beispiel in Kaltene (bei Talsi) zu finden, offenbar schon seit 1980, also schon seit Sowjetzeiten. Ein anderer Betrieb ist Pelči, südlich von Kuldiga zu finden, wo Fischfutter aus Dänemark und Finnland eingesetzt wird. Oder die Fischzuchtanlage in Grūbe ("Krāces"), mit EU-Geldern modernisiert, nahe Ape an der estnischen Grenze vom Wasser der Vaidava gespeist, nebst Wasserkraftwerk und Tourismusanlage.
Groß gezüchtet
Nun aber sollen Forellen im großen Maßstab "produziert" werden: bis zu 10.000 Tonnen in einer Saison. Es geht um Aquakultur, und zwar im offenen Meer: am Ostseestrand zwischen Roja und Meršrags plant eine japanische Firma die Errichtung einer solchen Anlage, und verspricht 43 Millionen Euro zu investieren. (lsm) "Musholm", eine dänische Tochtergesellschaft des japanischen Fischereikonzerns Okamura Foods, erwarb 51 % der Anteile an "Riga Bay Aquaculture" (RBA) (eurofish). Dieser Deal wird aber auch als Zeichen dafür gesehen, dass Musholm zunehmend Schwierigkeiten hat, sich mit den verschärften dänischen Lizenzen und Zuchtgenehmigungen auseinanderzusetzen. Also: Auf nach Lettland, dem Land der unschränkten Möglichkeiten? Die Firma verspricht 60 feste Arbeitsplätze zu schaffen, dazu seien 150 Saisonarbeiter/innen gefragt. (ReTalsi)
![]() |
| Aquakultur-Planungsgebiete in der Rigaer Bucht |
Küste ungeschützt?
Wie ist das möglich? Die lettische Meeresschutzplanung sieht die Küste der Rigaer Bucht als nicht geeignet für Aquakulturanlagen an (siehe: likumi); ins Auge gefasst werden lediglich Untersuchungen, um vielleicht "umweltfreundliche Technologien" zu entwickeln. Der geltenden amtlichen Einschätzung zufolge sind, im Gegensatz zur Muschelzucht, von Aquakultur negative Folgen zu erwarten, denn "das während des Zuchtprozesses verwendete und nicht verwertete Fischfutter, die Stoffwechsel-Endprodukte und Medikamente verstärken die Eutrophierung der Meere und beeinträchtigen die natürlichen Populationen". Dem zufolge seien Aquakulturfarmen "in Küstengewässern in einer Tiefe von bis zu 20 m nicht zu empfehlen". (likumi)
Dennoch gibt es Pläne, dass 5 km von der Küste enfernt Anlagen zur Forellenzucht entstehen sollen. Minderheitsgesellschafter des Joint Ventures mit RBA ist auch die Familie Līnis mit ihrer Firma „Sudrablīnis Holdings“, die in Vecmīlgrāvis das Fischverarbeitungsunternehmen „Sudrablīnis“ betreibt. "Wir wollen gern unsere Produktion erweitern", sagt Miteigentümer Edgars Līnis, "und das dänische Unternehmen ist schon lange unser Partner". (lsm) Man stellte beim Landwirtschaftsministerium einen Antrag, dieses schrieb ein Modellprojekt aus, bei dem sich dann ernsthaft nur ein einziges Unternehmen bewarb: "Riga Bay Aquaculture". Das Projekt sieht vor, insgesamt 25 Netze mit einer Gesamtfläche von 196,4 ha in 50 cm (bis maximal 21 Meter) Tiefe unterhalb der Wasseroberbfläche zu installieren - in einem Bereich, der immerhin als Natura2000-Schutzgebiet ausgewiesen ist. (eva.gov.lv / Videseksperti)
Genehmigung noch unklar
Kritik gibt es aber an der Vorgehensweise des zuständigen Ministeriums - wurde hier ein einzelnes Unternehmen bevorzugt, dessen Tätigkeit dann im Nachhinein irgendwie genehmigt werden soll? Normunds Šmits, Staatssekretär im lettischen Umweltministerium, erklärt den Vorgang so: "Wir haben keine Flächen für Aquakultur vorgegeben, das war der Wunsch des Unternehmens. Es gab keinen Grund, den Vorschlag nicht zu unterstützen. Wir sprechen hier nicht davon, dass die Bucht von Riga mit Fischfarmen übersät wird: es handelt sich um eine einzige Anlage". (IR)
Aber widerspricht nicht Aquakultur in der Rigaer Bucht der bisherigen Meeresschutzplanung? „Gemäß dem Meeresplan befindet sich das Aquakulturprojekt in einem Gebiet mit allgemeiner Nutzung“, antwortet Jānis Irbe (ZZS), parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Klima und Energie. Faktisch gäbe es da keine generellen Beschränkungen (IR)
Beschwichtigungen
"Die Einwohner von Roja und Mērsrags erwarten die Aquakulturbetreiber nicht mit offenen Armen", so schreibt die lettische Lokalpresse (ReTalsi / lsm / NTZ) Zudem stehen Umweltverträglichkeitsprüfungen noch aus. "Auch bei klarer Wetterlage sind die Anlagen praktisch vom Ufer aus nicht zu sehen, stören also niemanden", versucht Unternehmensvertreter Edgars Līnis wohl nach dem Prinzip "aus den Augen, aus dem Sinn" zu beruhigen. Auch Geruchsbelästigung gäbe es keine.
"Bei uns produzieren wir 30 Tonnen Fisch pro Jahr", erzählt Zigis Goldmanis, Chef des lettischen Forellenzuchtbetriebs (Gamma-Rent) in Kaltene von eigenen Erfahrungen. "Für jedes kg Gewichtszunahme frisst ein Fisch 1,05 kg Futter", meint er, "aber der Fisch nimmt nur ein Teil der Nahrung auf, das Ergebnis ist ziemlich schmutziges und übelriechendes Wasser, vor allem Rückstände von Stickstoff und Phosphor". Das Argument, nur mit der jetzt geplanten Art und Weise der Forellenzucht konkurrenzfäig zu sein, lässt er nicht gelten: "Wenn man nicht konkurrenzfähig ist, sollte man besser Hühner züchten!" (lsm)
Bedenken
Eigentlich ist bekannt, dass sich der Wasseraustausch in der flachen Rigaer Bucht nur alle 30 bis 50 Jahre einmal vollzieht - Verschmutzungen würden also langfristige Folgen haben. "Wir sind ja nicht kategorisch gegen Aquakultur", sagt auch Kristīne Raginska, Ortsamtschefin der Gemeinde Engure. "Wir sind aber gegen die Art, wie hier Fische gezüchtet werden sollen - die verlorenen Naturwerte bekommen wir nicht zurück." Das Lettische Institut für Hydroökologie (LHEI) bestätigte diese Annahme in einem Gutachten, das auch der Regierung vorgelegt wurde: durch die Forellenzucht in offenen Gehegen würden demnach jährlich mindestens 400–600 Tonnen Stickstoff und 50–100 Tonnen Phosphor in die Rigaer Bucht gelangen. "Die umfangreichen Emissionen aus der Aquakultur werden mit den Südwestströmungen entlang der Westküste des Rigaischen Meerbusens in Richtung Jūrmala und Riga fließen", meint LHEI-Direktor Juris Aigars. (lsm) Und die laut HELCOM zulässigen Schadstoffgrenzwerte für die Rigaer Bucht werden bereits jetzt überschritten - eigentlich wäre bei Stickstoff eine Reduzierung um 7 % und bei Phosphor um 23 % erforderlich.
Sollte es trotz dieser Bedenken eine Betriebsgenehmigung für die Forellenzüchter geben, wird diese in der Regel für 30 Jahre erteilt. Noch ist nicht klar, wie die Umweltverträglichkeitsprüfungen der zuständigen lettischen Behörden ausfallen werden. Auch eine Aufforderung an das Unternehmen, die Zucht in geschlossenen Käfigen zu prüfen, wäre möglich. Von Seiten des Ministeriums für Klima und Energie (KEM) werde es aber keine Einwände geben, betont dessen Vertreter Jānis Irbe.



Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen