23. Juni 2008

Der verlorene Sohn ...

... und Zuverlässigkeit lettischer Behörden

Lettland horcht auf, ist erstaunt, erschüttert. Vor 16 Jahren war einer jungen Frau in Daugavpils, der zweitgrößten Stadt des Landes nahe der weißrussischen Grenze während des Einkaufs der vor dem Geschäft abgestellte Kinderwagen samt Säugling entführt worden. Die Polizei konnte den Fall nicht aufklären, doch die Mutter hatte all die Jahre erklärt, sie sei überzeugt davon, daß ihr Kind lebe, und zwar gar nicht weit entfernt.Nun stellte sich heraus, daß die Frau Recht hatte. Der verlorene Sohn wurde gefunden. Allerdings nur durch einen Zufall. Die den Jungen während dieser Jahre erziehende Dame mußte sich wegen eines anderen Vergehens vor Gericht verantworten und konnte für ihren Sohn weder einen (in Lettland existierenden) Personenkode angeben, noch seine Existenz durch eine Geburtsurkunde nachweisen.Diese Umstände werfen ein fahles Licht auf den lettischen Staat. Daß die Polizei das Kind nicht hatte finden können – der verlassene Kinderwagen wiederum war damals kurz nach der Entführung in einem Treppenhaus nahe des Geschäftes wieder aufgetaucht – mag vielleicht noch weniger überraschen, denn Säuglinge sehen sich ähnlich und sind schwierig zu suchen. 

Was aber verblüffender ist, der Junge lebte tatsächlich all die Jahre in seiner Heimatstadt, und weder Arztbesuche noch Schulanmeldung stellten auch ohne Geburtsurkunde ein Problem für die Ziehmutter dar.Vor diesem Hintergrund mögen ihre eigenen Rechtfertigungen, der inzwischen verstorbene Mann habe das Kind eines Tages mitgebracht und behauptet, er habe es aus Dagestan geholt, schon gar nicht weiter verwundern. Es kann ja sein, daß diese Frau so naiv ist, daß sie ihrem Mann keine weiteren Fragen stellte, etwa, wer die Mutter des Kindes ist und er eventuell sogar der uneheliche Vater. Auch mag man glauben, daß die Frau intellektuell nicht in der Lage war zu begreifen, daß 1992, bereits ein Jahr nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die Übersiedlung eines Kindes aus dem zu Rußland gehörenden Dagestan in das nunmehr unabhängige Lettland ohne Papiere wenig glaubwürdig klingt. Der Säugling kann schließlich schlecht im Koffer eingeführt werden. Angesichts dieser Umstände liegt natürlich die Vermutung nahe, daß die Frau das Kind doch selbst entführt hat.In der Politikwissenschaft wird seit den 90er Jahren mit neuen Begriffen operiert. Defekte Demokratien, schwache oder gescheiterte Staaten wurden als Bezeichnungen eingeführt, um zu kategorisieren, in welchen Staaten die offizielle demokratische Ordnung keine wirkliche Mitbestimmung für die Einwohner garantieren oder wo die Regierung ihre Staatsgewalt nicht zu Gunsten aller Bürger ausübt respektive überhaupt dazu nicht in der Lage ist. 

Einstweilen gilt Lettland für keine dieser Phänomene als Beispiel. Innerhalb der EU entwickelt es sich jedoch den Standards entsprechend mehr und mehr zum Sorgenkind.Die lettische Regierung muß sich nach den Geschehnissen in Daugavpils die Frage gefallen lassen, ob sie einen funktionierenden Staat lenkt, ob die Behörden ihre Aufgaben erfüllen, schließlich handelt es sich hier nicht um einen einfachen Korruptionsfall. Und dies geschieht ausgerechnet im Jahre eines runden Geburtstages. Lettland feiert im November den 90. Jahrestag der Proklamation der Unabhängigkeit. Die international nie anerkannte Inkorporation in die Sowjetunion hat die Staatlichkeit juristisch nicht unterbrochen, weshalb die Letten sich auch nicht in einer zweiten Republik sehen.Der Geburtstag fällt generell in eine Zeit, in der die Bevölkerung ihrer politischen Führung nach den Skandalen in Jūrmala, dem Fall Gulbis, der geplanten Änderungen im Gesetz über die nationale Sicherheit und schließlich der versuchten Absetzung des Chefs der Anti-Korruptionsbehörde zutiefst mißtraut, was das Faß im Herbst vergangenen Jahres zum Überlaufen brauchte. Es folgte die sogenannte „Regenschirmrevolution”, das erste Mal seit der Zeit des „Nationalen Erwachens“ unter Gorbatschow gingen die Menschen wieder auf die Straße; viele Letten sahen darin ein déjà vu, obwohl es doch einen wesentlichen Unterschied gab: damals demonstrierte man für die eigene Regierung, dieses Mal gegen sie. Erst mit diesem Ereignis erkannten die benachbarten Esten, daß Lettland innenpolitisch ganz anders funktioniert als ihr eigenes Land, wovon die öffentliche Meinung bis dahin nicht ausgegangen war. Was zunächst wie der Ausdruck einer funktionierenden Zivilgesellschaft aussieht, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß infolge von fast 60 Jahren Diktatur – bereits vor der sowjetischen Okkupation auch während der autoritären Herrschaft unter Kārlis Ulmanis – in der Gesellschaft Spuren hinterlassen haben. 

Die Bevölkerung sehnt sich weniger nach mehr Mitbestimmung als nach dem starken Mann.Daß nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 die Letten so wie die baltischen Nachbarn zunächst auf ihr Schicksal hingewiesen haben, ist verständlich, denn jahrzehntelang durfte darüber nicht gesprochen werden. Nunmehr wird die neue Unabhängigkeit bald volljährig, und Lettland muß den Vergleich mit Estland zu scheuen beginnen. Während die Regierung dort umfassende Reformen durchführte, blieben solche In Lettland in vielen Bereichen aus. Die Bewertung Lettlands in internationalen Publikationen bezüglich der Korruption ist schon lange die positivste nicht. Nun aber schlittert das Land außerdem auch noch in eine handfeste ökonomische Krise. Die Politik hat ihre Hausaufgaben nicht nur nicht gemacht, sondern sie geflissentlich ignoriert und sich statt dessen so intensiv mit sich selbst und der Monopolisierung der Macht beschäftigt, daß nicht einmal der Moment, als sogar den politisch den passiven Letten der Kragen platzte, sichtbare Folgen zeitigt. Es ist weitgehend alles beim Alten geblieben und wieder ruhig geworden. Nunmehr wird anhand dieser Kindesentführung greifbar, daß im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat zu machen ist, wenn sich dieser vorwiegend vergangenheitsbezogen als Heulsuse profiliert. 

In Lettland gibt es zwar keine Inflationsbekämpfung aber klare Vorschriften, an welchen Trauertagen, und das sind zahlreiche geflaggt werden muß – üblicherweise zur nationalen Trauer auch mit Trauerflor. Nun möchte man meinen, daß Flaggen an öffentlichen Gebäuden zu verschiedenen Daten kein Problem darstellen, aber anstelle mit Familien-, Bildungs- oder Gesundheitspolitik beschäftigen sich die Behörden mit der Verfolgung des Verstoßes dagegen, daß nämlich auch an Privatgebäuden geflaggt werden muß. Dafür zuständig ist die Munizipalpolizei, die als eine Art aufgerüstetes Ordnungsamt statt um Gewalt in der Familie oder Schlägereien vor Diskotheken zu kümmern weitere völlig unsinnige Vorschriften wie das Verbot des Alkoholkonsums auf der Straße und den Verkauf während der Nacht überwacht. Statt den Alkoholismus einzudämmen, versammelt diese Maßnahme das einschlägige Publikum in der Nähe von Geschäften mit Ausnahmegenehmigungen – und die muß es natürlich geben, denn sonst wäre der Korruption die Grundlage vollkommen entzogen. Die Staatsgewalt setzt diesen grundlegenden Problemen, Aggressionen als Demonstration der Transformationsgewinner wie auch Protest der Transformationsverlierer kaum etwas entgegen. 

Darum haben die in Lettland allgegenwärtigen Verkehrsrowdies auf Landstraßen, wo die Straßenverkehrsordnung weniger gilt als das Recht des größeren Wagens – gerne auch einmal ein Hummer – meistens freie Fahrt. Zurück zu dem Fall des entführten Jungen, dessen Entdeckung auch durch die internationale Presse ging. Die Bevölkerung in Lettland reibt sich besonders deshalb verwundert die Augen, weil Paragraph 126 des Strafgesetzbuches die Verjährung der vorliegenden Tat nach zehn Jahren vorsieht, die in Haft sitzende Ziehmutter also für diese Tat nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden kann.Der Junge, welcher 16 Jahre lang von seiner Ziehmutter Ruslan gerufen wurde, hegt keinen Haß gegen sie, hat nunmehr seine leibliche Mutter mehrfach getroffen und erfahren, daß er eigentlich Vladimir heißt. Zukünftig, so sagte er, wolle er beide Namen tragen. Wo er leben wird, ist einstweilen noch offen und abhängig von seiner Entscheidung. Sei leiblicher Vater, der inzwischen mit einer anderen Frau zusammen lebt, würde ihn auch zu sich nehmen wollen. Ruslan Vladimir, der sich langsam an die neue Situation gewöhnt, klagt darüber, daß die Psychologen ihn eher störten als Unterstützung bedeuteten, derweil der schwerste Schlag für ihn darin besteht, daß sich viele Freunde von ihm abgewandt haben.

12. Juni 2008

Irland stimmt ab - Lettland sehnt sich nach Abstinenz

Irland stimmt über den neuen EU-Vertrag ab. Zehntausende Lettinnen und Letten sollen inzwischen - günstige Arbeitsmöglichkeiten und besserer Löhne als im Heimatland locken - in Irland zumindest vorübergehend ihren "Lebensmittelpunkt" gefunden haben. Aber Diskussionsbeiträge zur irischen Haltung gegenüber der EU wird man lange suchen müssen. Zu groß ist wohl die Angst, selbst zum Thema zu werden (lettische Billigarbeiter Schuld an Arbeitsligkeit in Irland?). Oder man schließt sich der Idee der lettisch-irischen Webseite "Baltic-Irland" an: am besten wäre eine eigene Insel für Esten, Letten und Litauer zusammen. - Ein Teil der lettischen Presse in Riga meint jedoch ganz klar zu sehen, was Lettland von Irland hat: in erster Linie besoffen herumtorkelnde irische Touristen, die in Riga gern auch mal über die Stränge schlagen und alle anderen gehörig annerven.

Das solche Schlagzeilen in Lettland existieren (siehe TVNet 12.Juni), hat nun auch die irische Presse bemerkt: "We're sick of all you Irish drunks" werden dort Aussagen von genervten Rigensern zitiert, und die lettische Presse registriert es mit Befriedigung. Aussagen von irischen Touristen werden zitiert: "Wo Bier ist, da trinkt der Ire es auch!" Im vergangenen November sie ein irischer Tourist schon mal daran gehindert worden, Lettland wieder zu verlassen - da er eine gegen ihn verhängte Geldstrafe von 700 Lat noch nicht bezahlt habe. Nun könnten es auch Gefängnisstrafen sein, wenn sich der "Houliganismus" wiederholt. Die Schilder "no stag parties" hängen in Riga vielerorts, und der lettische Innenminister Mareks Segliņš bezeichnete die irischen und britischen Sauftouristen auch schon mal als "Schweine".

Die Botschaften beider Länder bemühen sich inzwischen, Informationen zu "verantwortungsvollem Tourismus" zu verbreiten - vor allem an den Flughäfen. Im Internet, in Blogs und auf den Seiten der Medien, dort finden sich dann auch entsprechende Kommentare (TVnet). Auch Letten würden sich ja gern mit billigem Alkohol versorgen - vor allem Männer - wenn es irgendwo nur hübsch gemütlich und möglichst schön sonnig ist, so heißt es da. - Bei den Letten in Irland taucht die Bezeichnung "austrumu gudrais" auf (so etwa wie "Klugscheißer aus dem Osten") - für diejenigen die meinen, nur die Iren hätten immer die Schuld (Baltic-Irland.eu). Viele befürchten, dass der ganze Vorgang im Grunde nur wieder ein besseres Image Lettlands in Europa verhindert. Gründe werden auch genannt: Billigflieger nach Riga, billiger Alkohol und "billige Frauen", Mangel an öffentlichen Toiletten im Stadtzentrum von Riga.

Zur Nebensache wird da offenbar, ob die Menschen in Irland sich heute für oder gegen den EU-Vertrag aussprechen. Iren als "EU-Gegner", die dann die sich daraus ergebenden Vorteile nicht sofort ausnutzen (z.B. Reisefreiheit, gemeinsame Währund), können sich Letten wohl nur schlecht vorstellen. Liegt es daran, dass die Letten selbst inzwischen fast alle paar Wochen eine neue Volksabstimmung über irgendein Thema haben, und dennoch niemand glaubt, dass dadurch plötzlich alles besser werden könnte?

6. Juni 2008

Ostseerat in Riga: Politik ohne M und M

Nur alle zwei Jahre treffen sich die Regierungschefs der Ostseeanrainerstaaten zum sogenanten "Ostseegipfel". Da liegt der Gedanke nah, es könnte so etwas wie der Höhepunkt der Zusammenarbeit im Ostseeraum sein.
Doch weit gefehlt: die Zeiten haben sich geändert. Die Ostsee- region wirkt eher wie "globali- siert" - Beamte, Mandats- träger und Wirtschaftsmanager fliegen ständig hin und her, persönliche Treffen scheinen für die Diplomatenprofis alltäglich und unwichtig geworden zu sein. Und - das kennen nun die Nachbarn an der Ostsee zur Genüge - aus deutscher und aus russischer Sicht ist es immer noch eine Frage der Rang- und Reihenfolge. Riga ohne M & M - Merkel und Medwedjew. Sorry, Riga: wenn Putins Marionette uns als ersten in Westeuropa die Ehre eines Besuches geben will - dann müssen wir so ein Regionaltreffen in der lettischen Haupstadt eben sausen lassen ...

Gibt es die Ostsee aus deutscher Sicht überhaupt noch? Es hatte den Anschein, als ob auch alle deutschen Journalisten schon auf den Treppen- stufen des Berliner Kanzler- amtes warteten - Ostseerat? Was kann es da schon Neues geben?

"Ohne Merkel und Putin, aber mit Gazprom und Ruhrgas" - so titelte die lettische Zeitung "Neatkarīga" (3.6.08). Nein, der Ostseegipfel sei durch die Abwesenheit der deutschen und russischen Regierungsspitzen nicht beeinträchtigt, beeilte sich Aussenminister Riekstins der lettischen Presse zu erklären. "Unser Land gewinnt schon dadurch, dass wir eine solch hochrangige Konferenz überhaupt ausrichten, und nebenbei sorgen wir noch dafür, dass wichtige Wirtschaftskontakte geknüpft werden können," - so sah es Wirtschaftsminister Kaspars Gerhards (NRA 3.6.08).

Genügsame Letten. Gut, die Verkehrsstaus waren diesmal nicht so lang wie beim NATO-Gipfel (aber die Preise sind seit letztem Jahr schon wieder um 15% gestiegen!). Stolz meldet die Mercedes-Zentrale Riga: 66 (in Worten: sechsundsechzig) blitzblanke neue Limousinen wurden den Staatschefs während des Gipfels zur Verfügung gestellt. Beim NATO-Gipfel waren es noch 300 gewesen - das klärt die Dimensionen.

Ansonsten war es offenbar ein energiegeladener Gipfel. "Kritische Töne" gegen die Ostsee-Pipeline gebe es kaum noch, vermeldete Aussenminister Steinmeier stolz in der Heimat (AFP). Während aus baltischer Sicht die Sorge besteht, wie man überhaupt den krass steigenden Energiepreisen (Gas, Öl) entkommen kann (auch der Neubau eines Atomkraftwerks würde riesige Summen verschlingen), bemühen sich die komplett versammelten Nordstream-Manager den gesamten Planungs- und Durchführungsprozess ihres Ostsee-aufwühlenden Projekts für "durchsichtig" und "nach höchsten Umweltstandards" zu erklären. Perestroika und Glasnost für die Ostsee? Da gehört doch auch der Spruch "wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" dazu. In diese Logik passt es, dass deutsche wie russische Pipeline-Protagonisten ihren kleinen Nachbarn noch ein paar ökonomische Brosamen zuwerfen möchten. Schlag nicht dem die Hand ab, woran du mit verdienst - so wird es wohl ausgehen. Konsequenterweise wurde auch nur ein Business-Forum parallel zum Gipfel aufwendig inszeniert - Öffentlichkeitsbeteiligung wäre mühsamer gewesen.

Ach ja - reformiert wurde auch. Allerdings eher nach der Devise "es kreiste der Elephant und gebar eine Maus". "Die nächste Ostseerats-Präsidentschaft (Dänemark) wird die Reform weiter führen müssen," so der klarste Teil der Aussage. Ob ein Ostseerat eigentlich nur für Beamte und Banker geschaffen wurde - darum kreisen die Reformgedanken offenbar kaum. Warum es kein einziges Projektförderprogramm gibt, dass alle Ostseeanrainerstaaten gleichermaßen und gleichberechtigt umfasst, und dabei nicht nur staatliche Instutitionen fördert - kein Thema beim Gipfel.
Na dann - bis zum nächsten Mal! 

Ergebnisse des Ostseegipfels: die Abschlußerklärung

Ergebnisse des Ostseegipfels: Erklärung zur Reform des Ostseerats

31. Mai 2008

Steini und Nüsschen - schon wieder in Riga ...

Der liebe Kollege Māris 

- so Bundesaussenminister Frank-Walter Steinmeier - darf nun innerhalb weniger Wochen gleich zum wiederholten Male zu einer Versammlung von Amtskollegen einladen. Am 22.Mai war es das "3 + 1"-Treffen: der estnische Aussenminister Urmas Paet, sein litauischer Kollege Petras Vaitiekunas, und Franks Walters aus Berlin reisten ins neu eingerichtete Gebäude des lettischen Aussenministerium an. Am 3.+4.Juni wird es der Ostseeratsgipfel sein. 

Zu essen gab es bei der "kleinen Generalprobe" viel (kredenzt vom lettischen Starkoch Mārtiņš Rītiņš), Fragen gab es wenig. Das leicht mürrische Gesicht des Litauers Vaitiekunas verleitete auf der auf das Ministertreffen folgenden Pressekonferenz zur einzigen Frage: ob denn inzwischen in Atomfragen Einigkeit erzielt sei unter den Kollegen. Die diplomatische Routine brachte das jedoch kaum aus der Ruhe. Ein sinnvoller Energiemix sei nötig, so stimmte auch Sozialdemokrat und Atomausstiegsparteigänger Steinmeier zu.

Viel mehr Fragezeichen schien der im Maimonat ausgerufene deutsche Kulturmonat in Lettland aufzuwerfen. Steinmeiers Versuch, seinen Glückwunsch zur gelungenen Kulturparade im Wonnemonat auszusprechen, geriet erneut zum Kulturschock (vor allem sprachlich - wie schon beim Riga-Besuch von Kulturstaatsminster Neumann): von "Owatziehja" hatte leider in Riga noch nie jemand etwas gehört. Ein wenig Orts- und Sprachkenntnis könnte da helfen (mehr Lettisch-Sprachkurse in Deutschland!).

Dabei war "Oma-zieh-ma" gar nicht so erfolglos in Riga - aus lettischer Sicht. Vācija (Deutschland) war allumfassend präsent in Lettland im Monat Mai: von der Stipendiatenprämierung des deutsch-baltischen Hochschulkontors (mit begleitender Ausstellung "Letten sehen Deutschland"), über einer Reihe von Ausstellungen (Expressionismus aus Dortmund), bis hin zum lettlandweiten Deutschland-Motto bei der landesweiten "Nacht der Museen". Deutschland allüberall, verkündet fast täglich durch Fernsehen und Radio in Lettland - und das durchgehend positiv - das schafft wohl nur die Kultur.

Auf deutscher Seite fanden sowohl Harald Schmidt als auch Kabarett-Kollege Volker Pispers das Thema Lettland im Monat Mai erwähnenswert. Nein, nicht etwa weil "diese Balten" schon wieder beim Grand Prix vor Deutschland landeten (oder doch?). Pispers (in "Neues aus der Anstalt") erinnerte daran, dass noch vor 15 Jahren die meisten Deutschen Lettland eher mit Lappland oder Legoland gleichgesetzt haben - doch bei Schmidt wird Lettland immer noch schlicht mit einem dunklen Wald symbolisiert. Wenn er doch gewusst hätte, wo Deutschland und Lettland wirklich ähnliche Schlagzeilen schrieben in diesem Monat: beim Milch-Lieferboykott.

23. Mai 2008

Lettland im Mai

Mai in Lettland - immer ein Monat mit vielen Ereignissen. Diesmal ging es weitgehend ruhig und friedlich zu, bei größtenteils sonnigem Wetter, begeleitet von kalten Winden allerdings.

Da ist zunächst der 4.Mai, der Tag der lettischen Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1990. Auf diesen Tag sind die Letten besonders stolz, gerade weil zwischen diesem Tag, den darauf folgenden von sowjetfreundlicher Seite angezettelten Unruhen (Stichwort "schwarze Barette", "Putsch in Moskau") und der tatsächlichen internationalen Anerkennung der lettischen Unabhängigkeit im August / September 1991 noch einiges selbst erkämpft werden musste.

Es folgt der 8.Mai und der 9.Mai, Tage die viel Raum für Interpre- tationen lassen. Spitzfindig feierten einige den 8.Mai 2008 bewusst als Europatag, und eine Regierungsdelegation legte einen Kranz nieder für den unbekannten Soldaten, also für die Toten der beiden Weltkriege.
Daraufhin konnte man am Folgetag, einem äusserst sonnigen Samstag, das Feiern in Ausgehanzug und militärischen Paradeorden ganz den im Lande lebenden Russen überlassen. Zehntausende kamen, und rund um das "Uzvaras piemineklis" (Siegesdenkmal) erklangen russische Schlager, ein rieisiges buntes Blumenmeer bildete sich (penibel und immer ordentlichen Reihen niedergelegt) , und einige sozialistische Gruppe versuchten die Stimmung für ihre Politwerbung zu nutzen. Die politischen Reden gerieten dieses Jahr kürzer und weniger tobsüchtig, nur Alfreds Rubiks, früher Bürger- meister von Riga und aktiver Unterstützer des Putsches gegen Gorbatschow, macht sich neuerdings Hoffnungen bei den kommenden Europawahlen kandidieren zu können, da die innenpolitische Regel, dass frühere Funktionäre des Sowjetsystems nicht kandidieren dürfen, dann wohl nicht angewendet werden darf (Euroaprecht).

Zwei neue politische Gruppierungen formieren sich immer mehr - beides Abspaltungen aus bestehenden Parteien - vor allem im Hinblick auf die Europawahlen 2009: "Cita politika" (andere Politik - mit den Frontfiguren der ehemaligen Minister Artis Pabriks und Aigars Štokenbergs), und "Pilsoniska savieniba" (bürgerliche Vereinigung). Letztere sei einige Vereinigung "patriotische Vereinigung mit Wurzeln in den Regionen", so sagte es die Leitfigur dieser Vereinigung, die ehemalige Aussenministerin und Beinahe-EU-Kommissarin Sandra Kalniete. Für beide wird es wohl darum gehen, bei Wahlen die 5%-Hürde zu überspringen.

Erfolgreich war eine Initiative von "cita politika" zu einer Volksbefragung mit dem Ziel, die Rentnen auf das Niveau des errechneten Existenzminimums erhöhen zu lassen. Etwa 170.00 Menschen unterschrieben dafür (noch nicht alle Stimmen sind ausgezählt). Nun muss das lettische Parlament darüber beraten: entweder den Gesetzentwurf so annehmen, wie er eingereicht wurde, oder landesweit eine Volksabstimmung durchführen zu lassen. Von den Befürwortern gern erwähnt wird auch der Vergleich mit den Nachbarländern: im statistischen Mittel liegen die lettischen Renten bei etwa 177 Euro, während sie in Litauen bei 182 Euro und in Estland bei 240 Euro liegen.

Weiterhin erinnert dieser Mai auch an den vergangenen Herbst - die sogenannte "Regenschirmrevolution". Sie war ja unter anderem ausgelöst worden von Versuchen des damaligen Regierungschefs Kalvitis (der später zurückrat), den Leiter der lettischen Antikorruptionsbehörde KNAB, Loskutovs, abzusetzen. Begründung: finanzielle Unregelmäßigkeiten bei KNAB. Zumindst dies steht inzwischen fest: es gab erhebliche finanzielle Unklarheiten bei KNAB, es sind mehrfach verschiedene Summen Geld "verschwunden" und nicht ordnungsgemäß in den Abrechnungsbüchern nachzuvollziehen. Die Vorliebe der lettischen Presse, gern alles was Geld kostet in aller Ausführlichkeit in der Öffentlichkeit darzustellen, kann hier ebenfalls Anwendung finden: der Verbleib von insgesamt 89.868 Lat, 38.445 Euro und 27.287 Dollar sind in der Behörde nicht mehr nachzuweisen.
Die Lettinnen und Letten fragen sich nun: wer wird in Zukunft wen kontrollieren? Die Generalstaatsanwaltschaft die Antikorruptionsbehörde? Die Antikorruptionsbehörde die Regierung? Die Polizei die Antikorruptionsbehörde? Auch ein möglicher Rücktritt von Anti-Korruptionschef Loskutovs wird wieder diskutiert.

Ein anderer Spitzenposten muss neu besetzt werden: der Vorsitzende des lettischen obersten Verfassungsgerichtshofs. Auch Kandidat Ivars Bičkovičs muss sich mal wieder einer alten Diskussion aussetzen: hat er zu Zeiten Sowjetlettlands mit der "Tscheka", dem sowjetischen Geheimdienst, zusammengearbeitet oder nicht? In Lettland wurde das berüchtigte "Tscheka-Säckchen", eine Liste mit Namen angeblicher Mitarbeiter/innen, immer noch nicht öffentlich gemacht. Aber immer wieder sickern Namen durch, die angeblich dort verzeichnet sein sollen.

Monat Mai - das ist für viele Schülerinnen und Schüler der Monat der Prüfungen und Examen. Parallel dazu gibt es alljährlich Berichte über Versuche, diese Prüfungen zu fälschen, oder auf dunklen Wegen illegal sich bereits vorab die Prüfungsfragen und -antworten zu beschaffen. Dementsprechend ein Bericht der Zeitung Neatkarīgā vom 22.Mai über eine Zusammenarbeit von Journalisten und der Polizei im Küstenort Liepāja. Journalisten hatten, in Absprache mit der Polizei, auf Anzeigen in einem Internetportal reagiert, wo die Examensfragen für Mathematik für 200 Lat (300 Euro), diejenige für Lettisch zu einem Preis von 150 Lat, und Englisch für 100 Lat angeboten waren. Die angebotene "Ware" erweist sich dann aber größenteils als Fälschung. Es wurden mehrere in diesen "Examenshandel" verwickelte Personen festgenommen.

Weiterhin diskutiert wird über die lettische Milch, bzw. die Produktionsbedingungen für Bauern in Lettland. Seit dem Jahr 2001 ist die Gesamtproduktion von Milch in Lettland von 848.000 t zu 841.000 t ziemlich gleich geblieben, der Verbrauch im Inland aber von 828.000 t auf 641.000 t gesunken. Die Einkaufspreise für den Handel stiegen von 16,8 Santimes (25,2 EuroCent) im Januar 2007 auf 23,82 Santimes (35,7 EurCent), fallen seitdem aber wieder stetig. Vertreter der lettischen Einzelhandels dazu in der lettischen Presse: wir haben zu viele Bauern mit 10 bis 20 Kühen, andere Länder produzieren effektiver (= Importmilch ist billiger als einheimische). Ein Plädoyer für die Massentierhaltung?

Und ebenfalls Objekt der Diskussion war eines der drei in Riga geplanten kulturellen Gross- projekte: der Baubeginn der neuen Nationalbibliothek wurde definitiv beschlossen. Extrem unpopulär sind aber die hohen Baukosten: in der Fernsehsendung "Kas notiek Latvijaa" (was passiert in Lettland) diskutieren am 7.Mai alle wesentlichen am Projekt Beteiligten, wobei auch grundsätzliche Kritik erneut ihren Raum fand ("ach, irgendwie passt das Projekt doch nicht zur gegenwärtigen Stadtsilhouette ..."). Charakteristik dieser Sendung ist, dass die Zuschauer während der Sendung zum Thema abstimmen können, und das Ergebnis laufend eingeblendet wird: über 90% Ablehnung des Projekts. Projektleiter Zigurds Magonis darauf in der Tageszeitung DIENA (21.5.): "manchmal möchte ich lieber aufs Land fahren und Wildschweine jagen ...".

Eine "Frühlingsfrage" speziell für Rigenser ist die Frage, ob in Zukunft das Sitzen auf dem staatlich gepflegten Rasen und in den Parkanlagen erlaubt werden soll. Bisher ist es verboten, auch bei Demonstrationen und Versammlungen wirkt es manchmal so, dass die Einhaltung dieser strikten Bestimmung die Hauptsorge der Lokalpolizisten sei. Schülerinnen und Schüler veranstalteten nun ein "Sit-in" auf dem Gehweg, um die den ihrer Ansicht nach vorliegen- den Widersinn dieser Verbote hinzu- weisen. Die Protestaktion wurde als "flashmob" per Handy organisiert.

Auf den Kanälen der Rigaer Stadtparks zukünftig erlaubt sein soll das Fahren mit Motorbooten - so ein Beschluß des Stadtrats. Dafür hagelte es allerdings starke öffentliche Kritik - vermutet wurde, dass hier die Geschäftsinteressen einzelner Geschäftsleute vorangebracht werden sollen, die Motorboote gern an Touristen vermieten wollen.

Aufsehen - aber keine Verletzten - verursachte das durch Unaufmerksamkeit der Besatzung für Kolka (der Spitze der Bucht von Riga) auf Grund gelaufene Kreuzfahrtschiff "Mona Lisa". Mit Hilfe der lettischen Marine wurden die Passagiere von Bord gebracht, darunter viele Deutsche, und mussten die Heimreise auf anderem Wege fortsetzen. Dann wurde das Schiff freigeschleppt - durfte aber nicht weiterfahren, bevor nicht die Erstattung der auf lettischer Seite entstandenen Kosten versichert wurde. 135.000 Lat berechnete daraufhin das zuständige lettische Ministerium, und erzeugt neuerdings erstaunte Rückfragen von Seiten der Schiffseigner, wie denn eine solche Summe zustande käme. Gegenüber vergleichbaren Operationen in Deutschland seien die Kosten in diesem Fall um ein vierfaches höher ...

Ach ja, und da war ja noch die ..... Eurovision. Die Letten nahmen sogar teil, wenn auch die verkleideten Piraten "á la Musikantenstadel" (so der deutsche Moderator dazu) als solche vielleicht kaum jemand als Abgesandte ihres Landes erkannt hat. 12 Punkte aus Irland waren garantiert, ein Platz im Mittelfeld. "Neatkarīgā" veranstaltet eine Abstimmung: "Schämen Sie sich für den lettischen Beitrag? 39% sagten "ja", 12% "ich bin stolz auf unseren Beitrag".

26. April 2008

Lettisches Schwein schafft Ordnung in Berlin

Die staatliche lettische Forst- verwaltung (Latvijas Valsts Meži) kündigte ihn unter dem Stichwort "Schweineseuche" an: wer den Wald verschmutzt, Abfall hinterläßt oder Unordnung, der IST EIN SCHWEIN. Gegen allerlei Unordnung und Verschmutzung zu kämpfen, dabei die Öffentlichkeit zu ermahnen und zum Mitmachen anzuregen, dafür kämpfte in Lettland „Cūkmens“ (Schweinemann) - die Supermänner und Batmänner gegen die Umweltverschmutzung, sozusagen (siehe auch Beitrag in diesem Blog). Die dahinterstehende Werbeagentur feierte auch nicht zuletzt deshalb im Herbst 2007 in Lettland große Erfolge, da im Zuge der gerade in Bewegung geratenen "Regenschirmrevolution" viele die Nase der Fantasiefigur "Cūkmens" an einen bestimmten Politiker erinnerte - der dann Ende des Jahres zurücktreten musste. "Sei nicht wie ein Schwein" - ganz wie in sowjetischen Zeiten, Witze mit mehrfachem Wortsinn.
Doch nun überschreitet der Schweinemann Grenzen: ob es am "deutsch-baltischen Kulturfrühling" liegt, oder daran, dass "Cūkmens" in Lettland arbeitslos wurde - wir wissen es nicht. Jedenfalls gibt es inzwischen natürlich eine Reihe Lettinnen und Letten, die in Berlin wohnen und arbeiten, und denen kam Berlin - und insbesondere das Spreeufer - als besonders dreckig vor. Dem Schweinemann hätten sich, als er davon hörte, wie vermüllt Berlin sei, "die Borsten gesträubt" - und er droht für heute, Samstag den 26.April 2008 - sein persönliches Erscheinen in Berlin an. Wer es miterleben möchte: siehe das unten stehende Ankündigungsplakat.

24. April 2008

Auch lettische Bauern wollen streiken

Lange Zeit war das am besten eingeführte Werbeprogramm für die einheimische Landwirtschaft die "Schulmilch" - die staatlich subventionierte Ausgabe verbilligter Milch an Schülerinnen und Schüler derjenigen Schulen, die eine Teilnahme an diesem Programm beantragt hatten. 30 Santīmi Unterstützung pro Liter Milch war dem lettischen Staat das wert, Unterstützung der EU eingerechnet sogar 43 Santīmi (ca. 62 EuroCent). So sollte die einheimische Landwirtschaft gestärkt werden. In vielen Grundschulklassen konnte sogar kostenlos Milch ausgegeben werden.

Wie aber schon die Latvijas Avize am 3.Januar 2008 zu berichten wusste, fehlt inzwischen für derartige Marketingunterstützung das Geld. 2007 ist, auch aufgrund der hohen Inflation (durchschnittlich 15%), der Milchpreis um nicht weniger als 50% gestiegen. Die Leiterin eines Kindergartens erzählte in derselben Ausgabe, heute werden von den Molkereien Vorauszahlungen in Höhe von 4000 Lat (6000 Euro) verlangt, wo man früher 20 Liter Milch täglich staatlich subventioniert habe erhalten können. Für 2007 galt: 507 Bildungseinrichtungen erhielten Lieferungen im Rahmen des Schulmilch-Programms, 734 Anträge auf insgesamt 164.081,07 Lat (ca. 250.000 Euro) EU-Unterstützung wurden gestellt, dazu kommen 706 Anträge auf Bewilligung von insgesamt 396.496,78 Lat (ca. 600.000 Euro) staatlicher lettischer Fördergelder (LA 3.2.08).

Nur einige Wochen später offenbaren sich noch größere Probleme. "Wir sind nicht dazu da, den Reichtum der Reichen zu vermehren, während wir selbst in Armut leben," eine derartige Forderung von Bauern aus dem nordlettischen Limbaži ist am 12.April bei TVNet zu lesen. Milch könne nicht unter dem Selbstkostenpreis der Erzeuger verkauft werden - diese Forderungen klingen ganz ähnlich wie die ihrer Bauernkollegen in Deutschland. Es kursieren bereits verschiedene Ideen für plakative Aktionsformen: einen Milchkanal vor dem Landwirtschaftsministerium anlegen, Hungerstreik, Blockade großer Einkaufszentren.

Verglichen mit den Verkaufspreisen im Februar 2008 lag der Preis, den die lettischen Bauern für ihre Milch bekommen, um 6 - 8 Santīmi niedriger. Für Mai wird ein weiterer Preisverfall befürchtet. Die Bauern klagen dabei auch Versprechungen lettischer Politiker ein, die landwirtschaftliche Subventionen in Höhe von 2,5% des gesamten Staatshaushalts zugesagt hatten - für Einhaltung dieser Zusagen wollen einige sogar vors lettische Verfassungsgericht ziehen. Im Laden ist dagegen ein Liter Milch kaum unter 50 Santīmi zu bekommen.

Mit den deutschen Bauern wollen sich die Letten dennoch nicht vergleichen lassen. Landwirt Jānis Lūsis erzählt bei TVNet (12.4.): "Ich habe mit Bekannten in Hessen telefoniert. Uns wird ja in den Medien immer erzählt, der Preisverfall habe mit dem Weltmarkt zu tun. In Hessen bekommen die Bauern nur 40 Cent (28 Santīmi). Aber keiner hat uns doch bisher erzählt, dass dort die Kosten pro Hektar bei 250 Lat liegen! Ich habe es nachgerechnet: wenn die Deutschen nur 22 Santīmi pro Liter bekämen, dann würde die Milch dort im Laden für 34 Santīmi erhältlich sein!"

Damit kommen die Bauern in ihrem Ärger zu einem hausgemachten lettischen Problem. Die meisten Molkereien seien nicht im Besitz der Bauern selbst, sondern in der Hand von einzelnen Privatpersonen. Wenn Regierungschef Godmanis also ankündige, die Milchverarbeiter zu unterstützen, dann sei das der falsche Weg. Teilweise wird die geringe Auslastung von nur 30% beklagt, dann auch wieder undurchsichtige Vorgänge beim Verkauf von Molkereien.

Dabei scheinen auch die verschiedenen lettischen Bezirke nicht einheitlich vorzugehen. An der einen Stelle werden große Käsereien mit EU-Geldern gebaut, an der anderen Stelle seien Betriebe nicht ausgelastet, beklagen die Bauern. Mit Bitterkeit registrieren die lettischen Landwirte auch Äußerungen von Ministern wie Ainars Šlesers, das Landleben als "von gestern" einstufe, also gar nicht mehr unterstützen will. Noch aber haben die Bauern den Mut nicht verloren: "Wenn die Regierung letztes Jahr durch eine 'Regenschirmrevolution' erschüttert werden konnte, dann schaffen wir das auch!"Schon heute, während der Sitzung des Ausschusses für Landwirtschaft, Umwelt und Regionalpolitik, soll es möglicherweise Protestaktionen der lettischen Bauern geben. Die Ausschussvorsitzende Anna Seile äusserte derweil ihre Hoffnung, die Situation auch der Kleinbauern verbessern helfen zu können - "falls nur nicht alle auf einmal Strauße züchten wollen." (LETA) Der Ausschuss beriet auch über den Vorschlag, die Mehrwertsteuer auf Milchprodukte möglicherweise zu senken. Da 50% der gegenwärtig in Lettland erzeugten Milch aber exportiert wird, ist auch eine Exporthilfe im Gespräch - genau das Mittel, was international vielfach als Ursache vieler Übel angesehen wird. Das Landwirtschaftsministerium hat bereits jetzt zusätzliche Mittel in Höhe von 2,5 Millionen Lat zugesagt.

12. April 2008

Denkzettel-Einwurf im Parlamentsbriefkasten

231.751 Menschen in Lettland haben sich gemäß vorläufigen Ergeb- nissen an einer Unter- schriften- aktion für eine Änderung der lettischen Verfassung beteiligt, die seit dem 12.März lief und am 10.April abgeschlossen wurde. Ziel war die Einbringung eines Entwurfs in das lettische Parlament, der Ergänzungen an den Paragraphen 78 und 79 der lettischen Verfassung vorsieht: es soll die Möglichkeit geschaffen werden, dass künftig 10% der Wahlberechtigen die Durchführung einer Volksabstimmung beantragen können, deren Ziel auch die Entlassung des Parlaments sein kann. Stimmen dann mehr als 50% bei der Volksabstimmung dem zu, so soll auch eine amtierende Regierung künftig zurücktreten müssen.

Nochmals zur Erinnerung: 2006 war erstmals seit Wiedererlangung der Unabhängkeit Lettlands eine amtierende lettische Regierung durch Wahlen im Amt bestätigt worden. Ein Jahr später aber, im Herbst 2007, erschien vielen Lettinnen und Letten das Kabinett Kalvitis als allzu selbstsicher, überheblich und wenig volksnah. Der Versuch, die Entlassung des Chefs der Antokorruptionsbehörde KNAB regierungsamtlich (wegen angeblicher Verfehlungen) zu veranlassen, brachte die sogenannte "Regenschirmrevolution" auf die Straßen Rigas (wegen des dauerhaft regnerischen Wetters so genannt). Regierungschef Kalvitis wurde der öffentliche Druck zu groß - aber ohne Neuwahlen bildete Ivars Godmanis eine erneut eine Regierung mit derselben Zusammensetzung an Parteien.

Nun also die Nachwirkungen. Denn die Protestierenden haben ein Problem: wer interessiert sich schon für Politik? Schimpfen auf Politiker/innen ist das eine, alle für korrupt und selbstsüchtig halten - aber selbst aktiv werden? Einigkeit und Gemeinschaftsgeist - davon ist oft nur im Protest gegen andere etwas zu merken. Aber dass Parteien sich spalten, Abgeordnete das Parteibuch wechseln wie ein frisches Hemd, kurz vor Wahlen neue politische Gruppierungen gegründet werden, neureiche Unternehmer zu Politikern werden und ihre Geschäftsinteressen nicht einmal verstecken dabei - das kennt das neue Lettland seht gut.
Schritte heraus aus der Korruption machen, das wünschen sich wohl die meisten (und die Anti-Korruptionsbehörde war auf einem guten Weg) - aber selbst aktiv werden?

Was nach "Politik" riecht, gilt als eher unpopulär. Die momentan stark materialistisch ausgerichtete lettische Gesellschaft (nur wer nach schicken Autos, Handy, PC und Ähnlichem strebt und sich schick kleidet, wird problemlos akzeptiert) stöhnt lieber über hohe Inflation als über fehlendes Engagement in der Gesellschaft - bei gleichzeitigem Wunsch nach wesentlich höheren Löhnen natürlich. Nichtregierungsorganisationen gelten da schon mal leicht als "vom Ausland gekauft und gelenkt", und Einzelkämpfer werden mit einem der lettischem Lieblingssprüche abgefertigt: "Was ist die liebste Speise eines Letten? Ein anderer Lette." So schien es bisher - oder ändert sich da gerade etwas?

Die Ansinnen der erfolgreichen Unterschriftensammlung wird nun zunächst einmal an das Parlament weitergereicht. Option 1: das Parlament stimmt mehrheitlich zu, ohne den Entwurf zu ändern, damit wäre die Verfassungsänderung angenommen. Option 2: das Parlament ändert den Entwurf, dann muss nach einem Monat - aber nicht später als nach 2 Monaten - eine Volkabstimmung über die Verfassungsänderung stattfinden. Die Kosten der Durchführung einer Volksabstimmung werden auf ca. 2,5 Millionen Lat geschätzt (3,75 Mill. Euro) - auch ein Argument in der politischen Diskussion.
Noch im Frühsommer 2007 konnte eine ähnliche Unterschriftensammlung, die zu einer Volksabstimmung über die im Parlament zu beschließenden neuen Sicherheitsgesetze aufrief, nicht genügend Unterschriften sammeln. Jetzt ist dieser neue Versuch, auch zwischen den Wahlen den Wahlberechtigten mehr Einfluß und Partizipation zu sichern, schon mal einen Schritt weiter. Die meisten Unterschriften wurden in Riga und im Umkreis von Riga gesammelt (am wenigsten in Ventspils).

Text der vorgeschlagenen Verfassungsänderung (lett.)

Resultate der Unterschriftensammlung

Verfassung der Republik Lettland (englische Übersetzung)

Lettisches Gesetz über Volksabstimmungen (engl. Fassung)

7. April 2008

Beliebte und unbeliebte Professoren

Ein Chemieprofessor ist dieses Jahr an der Spitze der Beliebtheitsskala - die Lettlands Universität in Riga, manchmal auch bekannt für leichte Reformmüdigkeit, richtet jedes Jahr eine Umfrage unter Studierenden aus, nach der ein "Lieblingsprofessor" oder eine "Lieblingsprofessorin" benannt werden sollen.

 Die meisten Stimmen erhielt diesmal ein Vertreter der Natur- wissen- schaften: Andris Zicmanis ist Professor der Chemie, bereits 67 Jahre alt, studierte selbst in den 60er Jahren an der RTU Riga, später in Moskau, und erlangte seinen Professorenstatus auf dem Höhepunkt der Unabhängigkeitsbewegung: 1990.

Mehr als 150 Professoren arbeiten an der Lettischen Universität, mehr als 1800 Studierende beteiligten sich am Beliebtheitscontest, der seit 2006 durchgeführt wird. Unter denjenigen mit den meisten Stimmen war auch wieder Vorjahressieger und Professor für Geschichte und Philosophie Gvido Straube.
Bewertungskriterien der Umfrage waren: Qualität der Vorlesung, der Arbeit in Laboratorien, bei Exkursionen, das Vermögen des Lehrenden Interesse für sein Thema zu wecken, sowie auch die Form von Prüfungen und Tests.

Weit weniger beliebt gemacht hat sich Aivars Āboltiņš, Mathematikprofessor an der Landwirtschaftlichen Universität in Jelgava. Inzwischen soll sein Arbeitsvertrag bereits beendet worden sein, denn es war eine staatsanwaltliche Untersuchung gegen ihn durchgeführt worden wegen des Verdachts der Vorteilsnahme - will heißen, er nahm Geld für gute Bewertungen bei studentischen Tests und Abschlußarbeiten. Bis zu 270 Lat (405 Euro) habe er für ein bestandenes Examen entgegengenommen, so die Anklage seitens des lettischen Anti-Korruptionsbüros KNAB (Quellen: LETA, "Izglitiba un Kultura").

24. März 2008

Kauf Kartoffeln, statt Brot!

Einem Bericht der Wirtschaftszeitung "Dienas Bizness" zufolge machen sich in Lettland im Verbraucherverhalten die unterschiedlichen Preissteigerungen bemerkbar. So sei die Nachfrage nach Kartoffeln wegen ihres vergleichsweise geringen Preises in den vergangenen Monaten um 20% gestiegen, während das ach so berühmte und von Lettinnen und Letten im Ausland so vermisste lettische Brot einen Rückgang von 10 - 15% zu beklagen habe. Der Karikaturist derselben Zeitung illustrierte sarkastisch daraufhin folgende Unterhaltung eines Ehepaares beim Einkauf: "Wahnsinn, alles ist schon wieder teurer geworden! Man prüft wohl, bald Essenszuteilungen einzuführen." - "Ach Quatsch, nichts ist teuer, denn des Letten billigstes und am meisten geliebte Gericht ist doch ... ein anderer Lette!"Während bei Autos, Wohnungseinrichtung oder HiFi-Geräten nicht unbedingt Zurückhaltung im Käuferverhalten festzustellen war - schließlich gab es bis vor kurzem überall als günstig angepriesene Kredite zu haben - setzt nun vielleicht jener Trend ein, der in den westeuropäischen Wohlstandsländern längst weit verbreitet ist: spare am Essen.

Dienas Bizness erinnert an die unberechenbaren Zyklen der freien Marktwirtschaft, auch an die Wirtschaftskrise in Russland Ende der 90er Jahre. Nach einem Wachstumsboom könnte nun wieder eine Phase des vorsichtigen Überlegens in Lettland kommen. "FinanceNet.lv" erinnert an die 2007 um 31,7% gestiegenenen durchschnittlichen Lohnkosten pro Stunde (von 2,46 auf 3,25 Lat, oder von 3,70 auf ca. 4,90 Euro). Doch gibt es noch große Unterschiede, wie etwa einen durchschnittlichen Stundenlohn von ca. 10 Euro im Finanzgewerbe, aber nur ca. 3 Euro im Hotel- und Gaststättengewerbe (wo soll sie herkommen, die Kundenfreundlichkeit?), oder 3,35 Euro in der Fischerei. Dieses Jahr hoffen Finanzexperten auf einen "maßvollen" Lohnanstieg um nur 5-6%. Kommentar eines Lesers im Internet: "Sollen sie doch den Mindestlohn auf 600 Lat angeben, dann wandert auch niemand mehr nach Irland aus!"

Zu den Zahlen unten: Lohnanstieg in Lettland 2006 und 2007. Zahlen des lettischen staatlichen Statistikamtes CSP. Erläuterung: A = Land- und Forstwirtschaft, Jagd, B = Fischerei, C = Industrie, D = verarbeitende Industrie, E = Elektroenergie, Gas- und Wasserve
rsorgung, F = Bauwirtschaft, G = Handel, Autos, Motorräder, Haushaltsgeräte, H = Hotels und Restaurants, I = Transport und Rettungswesen, J = Finanzwesen, K = geschäftliche Dienstleistungen, L = staatliche Verwaltung und Verteidigung, M = Bildungswesen, N = Gesundheitswesen und Soziales, O = gesellschaftliche, soziale und individuelle Dienstleistungen
Wo geht die Reise hin? Dienas Bizness berichtet auch von Veränderungen bei den lettischen Lebensmittelproduzenten. Bei Milch und Käse sei ein Umsatzrückgang voraussehbar, zumal die Produktion durch ab dem 1.4. steigende Energiekosten noch verteuert würde. Demzufolge werde die Käseproduktion zurückgehen, denn mangels Kaufkraft werde der lettische Käse weniger gekauft. Schon im Januar berichtete die lettische Milchwirtschaftszentrale (Latvijas Piensaimnieku centrālajā savienībā, LPCS) von einem Rückgang der Käseproduktion um nicht weniger als 19%. Dienas Bizness zufolge waren die Preise für Brot im Jahr 2007 um 38% gestiegen, bei Milch um 27,8%, Käse sogar um 42,9%. Dagegen wurden Kartoffeln um 13,9% billiger. Während die jährliche durchschnittliche Inflation im Januar 2008 auf 15,8% geschätzt würde, seien die Preise der wichtigsten Lebensmittel aber sogar um 19% gestiegen.

14. März 2008

Russen in Lettland – wie sind sie?

Tatjana Russita
Aus: Psiholoģija ģimenei un skolai (Psychologie für Familie und Schule), Nr.3, 2007


Eine der interessantesten Fragen, die gegenwärtig in der lettischen politischen Arena erörtert werden, ist die Frage nach den zwei verschiedenen Gemeinwesen unseres Staates. In den letzten Jahren haben sich die Leidenschaften etwas gelegt, dennoch ist die Frage weiterhin aktuell. Es ist niemandem ein Geheimnis, dass der Informationszusammenhang der russisch- und lettischsprachigen Einwohner Lettlands ein völlig verschiedener ist. Niemand weiß wirklich genau, was in den Zeitungen in der anderen Sprache geschrieben wird, oder was wirklich im Fernsehen in der anderen Sprache geredet wird, aber alle sind überzeugt: „Etwas Gutes erzählen ‚sie‘ über ‚uns‘ nicht.“ Im Rahmen des alltäglichen Zusammenlebens kommen die Menschen über die öffentlichen Verkehrsmittel, den Arbeitsplatz oder andere Einrichtungen miteinander in Kontakt, aber in Wahrheit wissen die einen über die anderen fast nichts. Ich kann in Ruhe darauf wetten: wenn Sie selbst sich fragen „was weiß ich über die Russen?“, und danach „was weiß ich über die Letten?“, dann werden Ihnen nur die üblichen Stereotypen einfallen. Also, vielleicht lernen wir sie ein wenig kennen?
In den Jahren 2005 bis 2006 wurde in Riga eine Untersuchung durchgeführt, an der 89 russischsprachige Jugendliche und Heranwachsende teilgenommen haben. Wir haben uns bemüht, dass diese Auswahl der Befragten alle beteiligten Unterrichtseinrichtungen gleichmäßig repräsentieren, dort wo gleichermaßen in lettischer wie in russischer Sprache unterrichtet wird.
Ziel der Untersuchung war eine Analyse zur Identität von russischsprachigen Heranwachsenden und Jugendlichen, doch im Rahmen dieses Berichts werden keine eng begrenzten Fachbegriffe oder Statistiken verwendet, die wir an dieser Stelle auch nicht tiefgehender erläutern könnten, sondern wir sehen uns einige interessante Aspekte an, die nicht nur in den Interviews berührt wurden.
Wir versuchen von den Russen zu erzählen. Einige Beobachtungen sind offensichtlich und bestätigen nur bereits bekannte Fakten, andere waren aber auch für uns selbst unerwartet.

Schon über mehrere Jahrzehnte zieht sich ein Streit in der Ethnologie darüber hin, was als „Nationalität“ angesehen werden sollte. Die Herkunft? Das, was im Pass steht? Oder das, was dem Zugehörigkeitsgefühl jedes Einzelnen entspricht?
Eine Mehrheit der Soziologen ist heute der Ansicht, dass die ethnische Zugehörigkeit des Menschen (falls überhaupt die Notwendigkeit besteht, etwas darüber auszusagen, worüber große Zweifel bestehen) von seinem eigenen Gefühl der Zugehörigkeit bestimmt wird, und die Grundlage dafür sind weitere objektiven Faktoren. Ethnische Gruppen tauchen auf und verschwinden wieder, konstruiert von Politikern und der öffentlichen Meinung. Zum Beispiel reden viele Wissenschaftler heutzutage von der Bildung einer neuen Gruppe „Russen in Lettland“ – diese unterscheidet sich sowohl von den Russen in Russland, als auch von den Letten. Genau von dieser Gruppe wollen wir reden.

Unter weltweiten Maßstäben ist eine sehr kleine Gruppe ausgesprochen heterogen. Die in Lettland lebenden Russen sind völlig unterschiedlich. Sie bezeichnen sich selbst sehr unterschiedlich. Von den von uns Befragten bezeichnete sich eine Mehrheit als Russen, doch im Verlauf der Unterhaltung ergänzten sie präzisierend: „ein Russe in Lettland“, oder „Russischsprechender in Lettland“. Sehr oft redeten die Befragten über ihre gleichzeitige Zugehörigkeit zu zwei Kulturen und darüber, dass ihnen das wichtig sei.
Viele sehen sich als „Weltbürger“, als Europäer. Unabhängig davon, ob eine Nationalität im Pass ihrer Eltern steht, schließen einige Jugendliche jegliche ethnische Zugehörigkeit aus, oder verwenden bei der Charakterisierung ihrer selbst Begriffe wie „zur Hälfte“, „teilweise“, „eher Russisch“, „halbrussisch“, „etwas in der Mitte“, oder „nicht Lette, nicht Russe“.
Wenn wir von den Kennzeichen einer ethnischen Gruppe reden, dass sie gegeben sei „mit dem Blute“, dann sind unter den lettischen Russen viele, von denen man solche Kennzeichen nicht benennen kann. Es ist bekannt, dass während der Zeit der Lettischen Sowjetrepublik viele Ukrainer und Weißrussen ins Land kamen, und noch vor ihnen lebten viele Juden in Lettland. Dennoch neigt die heutige zu Verallgemeinerungen neigende Gesellschaft dazu, alles nach einheitlicher Schablone zu messen und alle als Russen zu benennen, ob das nun ihnen entspricht oder nicht. Wo es einmal Russen sind, da sind es Russen: „Worüber streitet ihr euch? Mir ist das nicht wichtig, unter meinen Ahnen war kein Russe ...“. Sie bezeichnen sich selbst als „Russischsprachige“, „zur russischen Kultur gehörig“.
Einer der Befragten charakterisierte sich folgendermaßen: „Ich bin ein russischsprachiger Jude Lettlands. Zusammengenommen: ein Rigenser.“ Rigenser zu sein, das ist wichtiger als russisch, lettisch, jüdisch oder ukrainisch zu sein.
Aber was sind die Vorlieben, was die Abneigungen der russischsprachigen Jugendlichen Lettlands? Auf was sind sie stolz, für was schämen sie sich? Was wünschen sie sich, und was macht ihnen Angst?
Ehrlich gesagt, spiegelt das im Folgenden Gesagte eher automatische Stereotypen wieder als die Realität, aber es macht dennoch Sinn es genauer zu betrachten.
Es ist einfach zu erraten, auf was in ihrem „Russentum“ die Befragten am meisten stolz sind: Kultur und Sprache. Die absolute Mehrheit wertet die russische Sprache sehr hoch und sind stolz darauf. Das Wichtigste ist den Jugendlichen die Kultur. Wenn sie über die Kultur sprechen, erwähnen sie die große russischen Schriftsteller und Wissenschaftler, die Errungenschaften Russlands in Kultur und Wissenschaft. Hauptsächlich werden russische Schriftsteller genannt: Puschkin, Lermontow, Dostojewski; Arbeiten, auch Errungenschaften in Wissenschaft und Sport: der Flug Gagarins, die Erfolge des russischen Eiskunstlaufens.

Die Jugendlichen erwähnen auch, dass viele der in Lettland lebenden Russen mehr über die russische Kultur wissen als ihre Altersgenossen in Russland. Sie erwähnen mit Ironie, dass ihre Sprache sie nicht nur von den Letten, sondern auch von den Russen in Russland unterscheidet: wenn Lettlands Russen nach Russland fahren, bemerken die Verwandten an ihrer Aussprache den baltischen Akzent und wundern sich über die Entlehnungen aus dem Lettischen, zum Beispiel über максать (maksat – bezahlen), und аплиециба (apliecība – Bescheinigung, Zeugnis).
Überhaupt waren die Unterschiede zwischen Lettlands Russen und den Russen in Russland ein sehr beliebtes Thema. Indem über die eigenen Unterschiede zu den Russen in Russland geredet wird (ich erinne daran, dass diese selbst in sich natürlich auch sehr große Unterschiede aufweisen), vergleichen die erwähnten Jugendlichen, zum Beispiel, ein kennzeichnendes unterschiedliches Temperament: “In Russland sind die Menschen sehr energisch, lebhaft – uns hat sich schon der Stempel der baltischen Langsamkeit auferlegt“, «wir sind verschlossener ... aber auch nicht so nervös wie die Russen in Russland», und, mit einem Schuß Sarkasmus: “in Russland halten sie alle auf den Straßen ihre Palaver ab!“
Darüber hinaus sehen die Befragten die Russen Lettlands als toleranter, “multikultureller“, und, als Einwohner Lettlands, unabhängig von nationaler Zugehörigkeit, “ andere Völker besser verstehen und annehmen“. Viele reden davon, sie seien in Lettland „europäisierter“ als die Einwohner Russlands.
Bei vielen Politikern Russlands wie auch Lettlands ist der Eindruck entstanden, die Russen Lettlands hätten feste Verbindungen mit Russland und sie fühlten sich einzig als Bestandteil Russlands. Die Untersuchung zeigte jedoch, dass dies überhaupt nicht der Fall ist. Einigen ist in der Tat eine emotionale Verbindung mit Russland gemeinsam, Grundlage dieser Aussagen sind dann Sätze wie “meine Seele ist dort“, „ich liebe Russland, auch wenn es für mich nichts bedeutet.“ Dennoch haben einige auch einen völlig entgegengesetzten Standpunkt: “mit Russland verbinde ich gar nichts.“Auf die Frage, ob sie in der Zukunft nicht vorhätten, nach Russland zu ziehen, kam manchmal nicht eine bestätigende Antwort – im Extremfall „ich möchte schon – aber wer wartet denn dort auf mich?“Noch ein weiteres in der Gesellschaft verbreitetes Mythos kündet davon, dass die Russen weit mehr als die Letten von der sowjetischen Vergangenheit zugewendet sind. Von den von uns Befragten stimmten nur sehr selten jemand dem zu. Sicherlich laufen in vielen ehemaligen Sowjetrepubliken momentan ähnliche Prozesse ab: es wächst eine junge Generation auf, zu Zeiten der Unabhängigkeit geboren, deren ethisches Selbstverständnis von der sowjetischen Vergangenheit nur unwesentlich berührt wird.
Vielsagend ist, dass einige Menschen nicht nur der Ansicht sind, dass alle Russen Schuld sind an dem vergangenen Sowjetsystem, aber auch die Kinder der Schuld der Eltern zugerechnet werden. Viele unserer Befragten, befragt nach den unangenehmen Gefühlen, die mit ihrer nationalen Zugehörigkeit verbunden sind, erzählten zum Beispiel von Lehrern die “die ganze Zeit diese Okkupation durchkauen“ – was sehr unangenehm anzuhören ist.
Ausnahmslos alle Befragten, die das Thema der Okkupation berührten, waren der Ansicht diese sei Vergangenheit, und sie selbst stünden damit in keinerlei Zusammenhang.
Die von uns Befragten standen jeder Art von Nationalismus ausnahmslos stark ablehnend gegenüber. Darüber hinaus war es ihnen nicht wichtig, welche nationalistischen Sprüche verwendet werden. “Es ist gleichermaßen widerwärtig, wenn die Letten sagen „Lettland den Letten“ und die Russen sagen „Russland den Russen“ – Schande sowohl für die einen wie die anderen.“
Wenn das Gespräch auf das Thema des Nationalismus kommt, sind alle Befragten der Ansicht, dass sich der Nationalismus in Lettland abschwäche. Wir können nicht wissen, was in 20 oder 200 Jahren sein wird, aber heute fällt die Schärfe der nationalen Frage und die geteilte Identität etwas in sich zusammen. Auf der Tagesordnung stehen nicht nur die ökonomischen und die sozialen Fragen, sondern auch die Frage „wann wird es endlich Frühling in diesem Jahr?“die russischsprachige Version dieses Textes finden Sie hier

die lettischsprachige Version dieses Textes finden Sie hier

8. März 2008

Lettische Baumfriseure

Es gibt traditionelle Arbeiten, die von jedem guten Gärtner im Winter erledigt werden. Gut, momentan ist wenig von Winter zu spüren (der wärmste Winter in Lettland seit 83 Jahren - so LETA), auch in Lettland liegt wenig Schnee. Land- und erdverbunden wie sie nun mal sind, die Letten, werden manche Arbeitsabläufe abgearbeitet wie sie nun mal anfallen. So ergab sich Ende Februar ein seltsames Bild in Rigas Brivibas iela: auf hunderte von Metern Länge hatte die lettischen Baumfriseure wohl ihre neuen Sägen (oder ähnliches) ausprobiert.

Gibt es eine Baumschutzsatzung in Riga? Na gut, anzunehmen ist, dass angesichts der ewig hitzigen Diskussion um "sastrēgumi" (Verkehrsstaus) alle anderen Lebenwesen im Innenstadtbereich nicht so sehr beachtet werden. Bäume reihenweise wie Hecken schneiden? Ein Bild, zumindest gewöhnungsbedürftig. Oder ein Beweis lettischer Ordnungsliebe?
Im Zuge des sonstigen Regelungswirrwarrs wurden neulich auch mal die Straßenbahnschienen für Autos gesperrt (eigentlich eine Selbstverständlichkeit!), dann diese Regelung aus Angst vor Protesten der Autofahrer wieder zurückgenommen. Während noch 1997 171.000 Fahrzeuge in Riga registriert waren, stieg diese Zahl bis 2007 auf 335.000 (siehe NRA 21.12.2007). Zwar werden viele Autos auf Kredit gekauft (was bedeutet, dass bei einer Wirtschaftskrise der schöne neue gepolsterte Fahrstuhl auch wieder stillgelegt werden müsste), aber die momentan Autofahrer verlangen möglichst freie Fahrt.

Beim Öffentlichen Nahverkehr steigen die Preise (inzwischen, nach einem kurz- fristigen Zwischen- stop bei 30 Centimes, doch Verdopplung auf 40 Centimes), die Verkehrsbetriebe "Rigas Satiksme" kaufen weiter hübsche, neue Fahrzeuge. Und nicht nur das trägt zur Kostensteigerung bei: schon jetzt muss jeder, der in der Straßenbahn ein Einzelticket benötigt, 10 Centimes mehr zahlen (50 Centimes) - dafür sind dort nun auch automatische Fahrscheinentwerter angebracht. Noch im Herbst soll es in Trolleybussen dieselbe Regelung geben. Die US-Firma ACS profitiert davon: 460 Busse, 322 Oberleitungsbusse und
252 Strassenbahnwagen sollen mit Automaten ausgerüstet werden. "Ein System von Weltformat," so läßt sich Leons Bemhens, Vorsitzender von Rigas Satiksme, in der Fachpresse zitieren. Mit ACS wurde ein Vertrag über 13 Jahre geschlossen. Wo er aber das Geld für all diese Investitionen herholt, wird er bald seinen Rigensern erklären müssen.

Ein einheitliches Cityticket gibt es derweil in Riga immer noch nicht, und die Altstadt leidet immer noch unter den Luxusjeep-Fahrern mit Sonderlizenz, die auch dort rücksichtslos übers Pflaster heizen können.
Dennoch scheinen vorläufig Busse und Straßenbahnen immer noch gut gefüllt mit Fahrgästen. Gewöhnung an 15% jährliche Inflation? Manch einer hätte es wohl lieber, wenn der Run in die Wohlstandswelt ein klein wenig sanfter verlaufen würde.
Wenn Mr Ozolinš und Mrs Liepa denn überhaupt noch in Lettland weilen - viele arbeiten inzwischen im Ausland, der Facharbeitermangel macht sich längst bei den in Lettland tätigen Firmen bemerkbar. Eine Hetzjagd nach dem Wohlstandswunschtraum - so kommt es manchmal vor. Wer hier hinter wem hinterherjagd, wer profitiert und wer der Gejagte ist, auch das scheint manchmal durcheinander zu geraten.

7. März 2008

Vorverkauf zur Sängerparade

Viele sagen ja: während des Lettischen Sängerfests braucht man keine Eintrittskarten. Die Straßen in Riga sind sowieso voll mit den verschiedensten bunt gekleideten Menschengruppen, die immer wieder spontan ihr Liedgut zum Besten geben: unter einem schönen großen Baum, auf einer grünen Wiese, oder an einer Ecke in der Altstadt. Also: Wer vom 5.-12.-Juli 2008 in Riga sein wird, der kommt am Sängerfest nicht vorbei. (Abbildungen: Logos lettischer Chöre und Tanzgruppen)

Dennoch interessant: der Vorverkauf der Eintrittskarten startet am 10.März! Eines der vielen Konzerte könnte sich jede/r Besucher/in ja doch mal raussuchen, und in der lettischen Presse sind bereit viele Einzelheiten zu den Vorbereitungen nachzulesen:

- die Eintrittspreise werden zwischen einem und 25 Lat liegen (1,50 - 37,50 Euro)
- die große Bühne im Mežaparks wird gerade frisch renoviert, und fasst nach Fertigstellung etwas weniger als vorher: ca. 18.200 Zuschauer
- insgesamt stehen 47.928 Tickets zum Verkauf für insgesamt 251.024 Lat
- 6970 Tickets werden nur einen Lat kosten, 545 Tickets werden 25 Lat kosten
- nach alter Tradition werden auch diesmal eine große Zahl bekannter Persönlichkeiten aus Lettland kostenlose Eintrittskarten bekommen
- preislich am günstigsten ist ein Besuch einer der Generalproben: am 5.Juli abend um 21.00 Uhr, Generalprobe für das Eröffnungskonzert, am 7.Juli abends um 22.00 Uhr Generalprobe für das Tanzfest, am 9.Juli abends um 22.00 Uhr Probe für die Hauptveranstaltung des Tanzfestes, und am 11.Juli um 21.00 Uhr die Generalprobe für das Abschlußkonzert.
- 35.000 Teilnehmer/innen singen und tanzen mit, es wird das 24.Sängerfest und das 14.Tanzfest werden (ca. 15.000 Tänzer/innen und 13.000 Sänger/innen).

Na dann: nichts wie hin!

Nur noch eine kleine Randbemerkung: für mich ist Lettisches Sängerfest, wenn es NICHT mit "Bandenwerbung" und Durchsagen auf Englisch begleitet wird - mir graust vor einer möglichen Zukunft dieser Art, wenn mal alles zu einem touristisch aufgemachten Event verkommen sollte. Aber das ist es (noch) nicht, obwohl in Lettland angeblich die Begeisterung fürs Singen leicht zurückgeht, besonders in der jüngeren Generation. Also: Hinfahren, Lettland kennenlernen, mitmachen!





Weitere Infos:

Allgemeine Infos zum Lettischen Sängerfest (Deutsch)


Übersicht der Veranstaltungen (Deutsch)

Infos zu Eintrittskarten (teilweise Deutsch)


Übersicht der teilnehmenden Chöre (Lettisch)

Linkliste zu Webseiten lettischer Chöre

Linkliste lettischer Tanzgruppen

29. Februar 2008

Müttersuche mit Rosa

Eine filmische Spurensuche in Riga hat ab sofort Kinostart: Rosa von Praunheim, der in Deutschland wohl bekannteste schwule Filmemacher, hat sich für ein sehr persönlich geprägtes filmisches Projekt nach Riga gewagt. Kurz vor der Jahrtausendwende hatte er von der bereits 94-jährigen Gertrud Mischwitzky erfahren, dass er nicht ihr Sohn sei.  

Von Praunheim selbst zur Vorgeschichte seines Films: "Im Jahr 2003 verstarb meine Mutter. Zuerst wollte ich nicht nach meiner leiblichen Mutter forschen, da ich eine liebevolle und tolerante Mutter gehabt hatte. - Erst später erwachte meine Neugier. Doch ohne meinen richtigen Familiennamen schien die Suche zwecklos. Durch einen lettischen Journalisten fand ich Agnese Luse, die im Staatlichen Archiv Lettlands Erstaunliches herausfand."

Im Alter von 63 Jahren fliegt von Praunheim nach Riga und macht sich auf die Spurensuche. Wäre es ein Film geworden, wenn er nichts gefunden hätte? Darüber ist es vielleicht müßig zu spekulieren, speziell wenn jemand eben Filmemacher ist. Anzunehmen ist, dass das Ergebnis wohl weniger exzentrisch ausgefallen ist als manche seiner anderen Filme. "Kino-zeit.de" schreibt dazu: "Vielleicht ist es ja die Weisheit und Ruhe des Alters - Rosa von Praunheim wurde 2007 65 Jahre alt – oder doch eher die Ernsthaftigkeit des Themas, die aus seinem neuen Werk einen so vollkommen un- aufgeregten und doch aufregenden Film macht."

"Meine Dreharbeiten in Riga im Sommer 2007 waren die bewegendsten meines Lebens," gesteht Rosa von Praunheim, und er sagt auch: "Ich liebte Riga, die wunderbar restaurierte Altstadt, die schönen Menschen. Die Letten gehen nicht, sie schweben, sie sprechen nicht, sie singen. - Ja, ich fühle mich solidarisch mit dem lettischen Volk, seinem Leid und seinem neuen Selbstbewusstsein. Ich bin glücklich, dass ich neue Freunde gefunden und neue Lieder
gelernt habe."

Webseite Rosa von Praunheim

Kinotrailer "Meine Mütter" (zip-Datei)

Beitrag in "Kino-Zeit.de"

Pressemappe zum Film

Filmrezension TAGESSPIEGEL (25.11.2007)

Filmrezension FAZ (29.2.2008)

Filmrezension TAZ (25.11.2007)

Filmrezension FRANKENPOST (29.10.2007)

Filmrezension Hamburger Morgenpost (29.2.2008)

Filmrezension DIE WELT (24.11.2007)

5. Februar 2008

Die neuen Zeiten sind in Wahrheit die alten

In der größten lettischen Tageszeitung Diena kommentierte Aivars Ozoliņš am vergangenen Samstag die Spaltung der Partei „Neue Zeit”. Ozoliņš hält den Zeitpunkt für günstig und meint, er gebe die Gelegenheit, nun endlich eine Partei der „ehrlichen Politik“ zu gründen.

Erst kürzlich trat der ehemalige Außenminister Artis Pabriks aus der Volkspartei aus, nachdem sein Parteifreund Aigars Štokenbergs kurz zuvor sogar ausgeschlossen worden war. Gemeinsam mit Gleichgesinnten gründeten sie die Bewegung „andere Politik“, die noch keine Partei sein möchte – kein Wunder, ist es doch bis zu den nächsten Wahlen lange genug hin, um unpopulär zu werden.

Da nunmehr einige wichtige Politiker die Neue Zeit verlassen haben, beginnen logischerweise Spekulationen darüber, ob sie sich den erwähnten Kollegen anschließen, um die x-te Saubermannpartei zu gründen. Genau darauf hofft Ozoliņš. Die Leser werden das gerne hören und mit ihm hoffen.

Denkt man die Logik dieser Hoffnung zu Ende, so kommt man zu einem Blick auf die lettische Politik, als sollte ein Cleavage (poltische Konfliktlinie in der politikwissenschaftlichen Fachsprache, Anm. d. A.) zwischen Oligarchen und Ehrlichen, zwischen schwarzen und weißen Kräften angestrebt werden. Vielleicht auch deshalb läßt die Unterstützung für den seit März 2007 unter Hausarrest stehenden Bürgermeister von Ventspils, Aivars Lembergs, nicht nach. Es gibt ja auch Leser anderer Zeitungen (Lembergs gilt als einer der wichtigen Oligarchen Lettlands, der auch über den Herausgeber einer anderen Tageszeitung, „Neatkarīgā“, „die Unabhängige“, in Lettland verfügt, Anm. d. A.).

Wenn aber die Neue Zeit tatsächlich von ihren Gründern als ehrliche politische Kraft ins Leben gerufen wurde, was die Gründer damals zu mindest für sich in Anspruch nahmen, dann war die Partei von Anfang an eine Totgeburt. Unabhängig von den zweifelhaften Spendenaufrufen – der damalige Notenbankchef und Parteiinitiator Einars Repše hatte seinerzeit zwei Konten für sich und die Partei eingerichtet an die auch Ozoliņš erinnert – äußerte sich die politische Naivität von Einars Repše auch darin, seine Koalitionsverhandlungen vor laufenden Fernsehkameras zu führen. Wenn die Partei also mit dem Etikett der „Sehnsucht nach einer unschuldigen Politik“ angetreten ist, dann reiht sie sich unter denen ein, die sich seit der Unabhängigkeit nach Idealen sehnen, nach der starken Hand oder den goldenen Zeiten unter Kārlis Ulmanis, deren Realisierbarkeit zweifelhaft sind, denn die Politik wird nicht umsonst als Spiel bezeichnet, sie ist in der Tat der Kampf um Macht und Einfluß.

Ähnlich erging es schon der Partei Res Publica in Estland. Nachdem 1999 Mart Laar ein zweites Mal an die Macht gekommen war und mit einem stabilen Kabinett sogar den Rekord von drei Jahren an der Macht aufstellte, war die Bevölkerung nach einigen Skandalen mit der Politik der Regierung zwar unzufrieden, wollte aber an ihrer Stelle 2003 auch nicht die Oppositionsparteien wählen. Dies wurde von einigen Intellektuellen ausgenutzt, um die Res Publica zu gründen, was auch vom amerikanisch-estnischen Politologen Rein Taagepera unterstützt wurde, der sogar kurzzeitig als Gründungsvorsitzender fungierte. Ihm folgte der vormalige Ombudsmann Juhan Parts, der dann auch Regierungschef wurde. Nichtsdestotrotz verspielte die Partei innerhalb einer Legislaturperiode das Vertrauen der Bevölkerung und vereinte sich schließlich 2006 ausgerechnet mit der Vaterlandsunion von Mart Laar.

Wenn also nun in Lettland das passierte, was Ozoliņš für die schlechteste Variante hält, nämlich daß sich die aus der Neuen Zeit Ausgetretenen anderen Parteien anzuschließen, die bereits entsprechende Einladungen ausgesprochen haben, wäre das eigentlich nur logisch. Denn der Grund für die Spaltung der neuen Zeit liegt im innerparteilichen Konflikt über die Regierungsbeteiligung unter Ivars Godmanis. Jene, die sich nun verabschiedet haben, waren dafür.

Um die eigenen politischen Ideen zu realisieren, muß man kämpfen, streiten und darf sich nicht um Konflikte drücken. Die Gründer der Res Publica hätten sich seinerzeit besser gleich der ihnen ideologisch am nächsten stehenden Partei anschließen sollen, um diese dann von innen zu beeinflussen. Wie nun aber auch die Neue Zeit handelt, das erinnert dann doch eher an Sandkastenspiele. In Deutschland etwa diskutieren Studierende in Universitätsstädten immer wieder über den massenhaften Eintritt in eine kleine Partei wie etwa die FDP, um ihre politischen Ziele umzusetzen. So einfach geht das natürlich nicht, denn die Parteien schauen auch darauf, wer eine Mitgliedschaft beantragt.

Gegenwärtig droht in Lettland, wo seit 1991 ohnehin eine starke Fluktuation der Wählerschaft (der Politologe Pedersen prägte den Begriff „volatility“) zu beobachten war, daß sich diese höchste Instabilität im postsozialistischen Raum fortsetzt. Das Karussell dreht sich weiter. Und was sind die Folgen? Es steht zu bezweifeln, daß die Hoffnungen von Ozoliņš und anderen realisierbar sind. Eher könnten die neuen politischen Kräfte die Enttäuschung der Bevölkerung gegenüber der Politik noch weiter vertiefen und letztendlich vielleicht auch gegenüber der demokratischen Regierungsform schlechthin.
Einem Politologen fällt es schon jetzt zunehmend schwieriger, die lettische Innenpolitik mit den Methoden der Politikwissenschaft zu analysieren. Beinahe muß schon ein Psychologe konsultiert werden.