24. März 2008

Kauf Kartoffeln, statt Brot!

Einem Bericht der Wirtschaftszeitung "Dienas Bizness" zufolge machen sich in Lettland im Verbraucherverhalten die unterschiedlichen Preissteigerungen bemerkbar. So sei die Nachfrage nach Kartoffeln wegen ihres vergleichsweise geringen Preises in den vergangenen Monaten um 20% gestiegen, während das ach so berühmte und von Lettinnen und Letten im Ausland so vermisste lettische Brot einen Rückgang von 10 - 15% zu beklagen habe. Der Karikaturist derselben Zeitung illustrierte sarkastisch daraufhin folgende Unterhaltung eines Ehepaares beim Einkauf: "Wahnsinn, alles ist schon wieder teurer geworden! Man prüft wohl, bald Essenszuteilungen einzuführen." - "Ach Quatsch, nichts ist teuer, denn des Letten billigstes und am meisten geliebte Gericht ist doch ... ein anderer Lette!"Während bei Autos, Wohnungseinrichtung oder HiFi-Geräten nicht unbedingt Zurückhaltung im Käuferverhalten festzustellen war - schließlich gab es bis vor kurzem überall als günstig angepriesene Kredite zu haben - setzt nun vielleicht jener Trend ein, der in den westeuropäischen Wohlstandsländern längst weit verbreitet ist: spare am Essen.

Dienas Bizness erinnert an die unberechenbaren Zyklen der freien Marktwirtschaft, auch an die Wirtschaftskrise in Russland Ende der 90er Jahre. Nach einem Wachstumsboom könnte nun wieder eine Phase des vorsichtigen Überlegens in Lettland kommen. "FinanceNet.lv" erinnert an die 2007 um 31,7% gestiegenenen durchschnittlichen Lohnkosten pro Stunde (von 2,46 auf 3,25 Lat, oder von 3,70 auf ca. 4,90 Euro). Doch gibt es noch große Unterschiede, wie etwa einen durchschnittlichen Stundenlohn von ca. 10 Euro im Finanzgewerbe, aber nur ca. 3 Euro im Hotel- und Gaststättengewerbe (wo soll sie herkommen, die Kundenfreundlichkeit?), oder 3,35 Euro in der Fischerei. Dieses Jahr hoffen Finanzexperten auf einen "maßvollen" Lohnanstieg um nur 5-6%. Kommentar eines Lesers im Internet: "Sollen sie doch den Mindestlohn auf 600 Lat angeben, dann wandert auch niemand mehr nach Irland aus!"

Zu den Zahlen unten: Lohnanstieg in Lettland 2006 und 2007. Zahlen des lettischen staatlichen Statistikamtes CSP. Erläuterung: A = Land- und Forstwirtschaft, Jagd, B = Fischerei, C = Industrie, D = verarbeitende Industrie, E = Elektroenergie, Gas- und Wasserve
rsorgung, F = Bauwirtschaft, G = Handel, Autos, Motorräder, Haushaltsgeräte, H = Hotels und Restaurants, I = Transport und Rettungswesen, J = Finanzwesen, K = geschäftliche Dienstleistungen, L = staatliche Verwaltung und Verteidigung, M = Bildungswesen, N = Gesundheitswesen und Soziales, O = gesellschaftliche, soziale und individuelle Dienstleistungen
Wo geht die Reise hin? Dienas Bizness berichtet auch von Veränderungen bei den lettischen Lebensmittelproduzenten. Bei Milch und Käse sei ein Umsatzrückgang voraussehbar, zumal die Produktion durch ab dem 1.4. steigende Energiekosten noch verteuert würde. Demzufolge werde die Käseproduktion zurückgehen, denn mangels Kaufkraft werde der lettische Käse weniger gekauft. Schon im Januar berichtete die lettische Milchwirtschaftszentrale (Latvijas Piensaimnieku centrālajā savienībā, LPCS) von einem Rückgang der Käseproduktion um nicht weniger als 19%. Dienas Bizness zufolge waren die Preise für Brot im Jahr 2007 um 38% gestiegen, bei Milch um 27,8%, Käse sogar um 42,9%. Dagegen wurden Kartoffeln um 13,9% billiger. Während die jährliche durchschnittliche Inflation im Januar 2008 auf 15,8% geschätzt würde, seien die Preise der wichtigsten Lebensmittel aber sogar um 19% gestiegen.

14. März 2008

Russen in Lettland – wie sind sie?

Tatjana Russita
Aus: Psiholoģija ģimenei un skolai (Psychologie für Familie und Schule), Nr.3, 2007


Eine der interessantesten Fragen, die gegenwärtig in der lettischen politischen Arena erörtert werden, ist die Frage nach den zwei verschiedenen Gemeinwesen unseres Staates. In den letzten Jahren haben sich die Leidenschaften etwas gelegt, dennoch ist die Frage weiterhin aktuell. Es ist niemandem ein Geheimnis, dass der Informationszusammenhang der russisch- und lettischsprachigen Einwohner Lettlands ein völlig verschiedener ist. Niemand weiß wirklich genau, was in den Zeitungen in der anderen Sprache geschrieben wird, oder was wirklich im Fernsehen in der anderen Sprache geredet wird, aber alle sind überzeugt: „Etwas Gutes erzählen ‚sie‘ über ‚uns‘ nicht.“ Im Rahmen des alltäglichen Zusammenlebens kommen die Menschen über die öffentlichen Verkehrsmittel, den Arbeitsplatz oder andere Einrichtungen miteinander in Kontakt, aber in Wahrheit wissen die einen über die anderen fast nichts. Ich kann in Ruhe darauf wetten: wenn Sie selbst sich fragen „was weiß ich über die Russen?“, und danach „was weiß ich über die Letten?“, dann werden Ihnen nur die üblichen Stereotypen einfallen. Also, vielleicht lernen wir sie ein wenig kennen?
In den Jahren 2005 bis 2006 wurde in Riga eine Untersuchung durchgeführt, an der 89 russischsprachige Jugendliche und Heranwachsende teilgenommen haben. Wir haben uns bemüht, dass diese Auswahl der Befragten alle beteiligten Unterrichtseinrichtungen gleichmäßig repräsentieren, dort wo gleichermaßen in lettischer wie in russischer Sprache unterrichtet wird.
Ziel der Untersuchung war eine Analyse zur Identität von russischsprachigen Heranwachsenden und Jugendlichen, doch im Rahmen dieses Berichts werden keine eng begrenzten Fachbegriffe oder Statistiken verwendet, die wir an dieser Stelle auch nicht tiefgehender erläutern könnten, sondern wir sehen uns einige interessante Aspekte an, die nicht nur in den Interviews berührt wurden.
Wir versuchen von den Russen zu erzählen. Einige Beobachtungen sind offensichtlich und bestätigen nur bereits bekannte Fakten, andere waren aber auch für uns selbst unerwartet.

Schon über mehrere Jahrzehnte zieht sich ein Streit in der Ethnologie darüber hin, was als „Nationalität“ angesehen werden sollte. Die Herkunft? Das, was im Pass steht? Oder das, was dem Zugehörigkeitsgefühl jedes Einzelnen entspricht?
Eine Mehrheit der Soziologen ist heute der Ansicht, dass die ethnische Zugehörigkeit des Menschen (falls überhaupt die Notwendigkeit besteht, etwas darüber auszusagen, worüber große Zweifel bestehen) von seinem eigenen Gefühl der Zugehörigkeit bestimmt wird, und die Grundlage dafür sind weitere objektiven Faktoren. Ethnische Gruppen tauchen auf und verschwinden wieder, konstruiert von Politikern und der öffentlichen Meinung. Zum Beispiel reden viele Wissenschaftler heutzutage von der Bildung einer neuen Gruppe „Russen in Lettland“ – diese unterscheidet sich sowohl von den Russen in Russland, als auch von den Letten. Genau von dieser Gruppe wollen wir reden.

Unter weltweiten Maßstäben ist eine sehr kleine Gruppe ausgesprochen heterogen. Die in Lettland lebenden Russen sind völlig unterschiedlich. Sie bezeichnen sich selbst sehr unterschiedlich. Von den von uns Befragten bezeichnete sich eine Mehrheit als Russen, doch im Verlauf der Unterhaltung ergänzten sie präzisierend: „ein Russe in Lettland“, oder „Russischsprechender in Lettland“. Sehr oft redeten die Befragten über ihre gleichzeitige Zugehörigkeit zu zwei Kulturen und darüber, dass ihnen das wichtig sei.
Viele sehen sich als „Weltbürger“, als Europäer. Unabhängig davon, ob eine Nationalität im Pass ihrer Eltern steht, schließen einige Jugendliche jegliche ethnische Zugehörigkeit aus, oder verwenden bei der Charakterisierung ihrer selbst Begriffe wie „zur Hälfte“, „teilweise“, „eher Russisch“, „halbrussisch“, „etwas in der Mitte“, oder „nicht Lette, nicht Russe“.
Wenn wir von den Kennzeichen einer ethnischen Gruppe reden, dass sie gegeben sei „mit dem Blute“, dann sind unter den lettischen Russen viele, von denen man solche Kennzeichen nicht benennen kann. Es ist bekannt, dass während der Zeit der Lettischen Sowjetrepublik viele Ukrainer und Weißrussen ins Land kamen, und noch vor ihnen lebten viele Juden in Lettland. Dennoch neigt die heutige zu Verallgemeinerungen neigende Gesellschaft dazu, alles nach einheitlicher Schablone zu messen und alle als Russen zu benennen, ob das nun ihnen entspricht oder nicht. Wo es einmal Russen sind, da sind es Russen: „Worüber streitet ihr euch? Mir ist das nicht wichtig, unter meinen Ahnen war kein Russe ...“. Sie bezeichnen sich selbst als „Russischsprachige“, „zur russischen Kultur gehörig“.
Einer der Befragten charakterisierte sich folgendermaßen: „Ich bin ein russischsprachiger Jude Lettlands. Zusammengenommen: ein Rigenser.“ Rigenser zu sein, das ist wichtiger als russisch, lettisch, jüdisch oder ukrainisch zu sein.
Aber was sind die Vorlieben, was die Abneigungen der russischsprachigen Jugendlichen Lettlands? Auf was sind sie stolz, für was schämen sie sich? Was wünschen sie sich, und was macht ihnen Angst?
Ehrlich gesagt, spiegelt das im Folgenden Gesagte eher automatische Stereotypen wieder als die Realität, aber es macht dennoch Sinn es genauer zu betrachten.
Es ist einfach zu erraten, auf was in ihrem „Russentum“ die Befragten am meisten stolz sind: Kultur und Sprache. Die absolute Mehrheit wertet die russische Sprache sehr hoch und sind stolz darauf. Das Wichtigste ist den Jugendlichen die Kultur. Wenn sie über die Kultur sprechen, erwähnen sie die große russischen Schriftsteller und Wissenschaftler, die Errungenschaften Russlands in Kultur und Wissenschaft. Hauptsächlich werden russische Schriftsteller genannt: Puschkin, Lermontow, Dostojewski; Arbeiten, auch Errungenschaften in Wissenschaft und Sport: der Flug Gagarins, die Erfolge des russischen Eiskunstlaufens.

Die Jugendlichen erwähnen auch, dass viele der in Lettland lebenden Russen mehr über die russische Kultur wissen als ihre Altersgenossen in Russland. Sie erwähnen mit Ironie, dass ihre Sprache sie nicht nur von den Letten, sondern auch von den Russen in Russland unterscheidet: wenn Lettlands Russen nach Russland fahren, bemerken die Verwandten an ihrer Aussprache den baltischen Akzent und wundern sich über die Entlehnungen aus dem Lettischen, zum Beispiel über максать (maksat – bezahlen), und аплиециба (apliecība – Bescheinigung, Zeugnis).
Überhaupt waren die Unterschiede zwischen Lettlands Russen und den Russen in Russland ein sehr beliebtes Thema. Indem über die eigenen Unterschiede zu den Russen in Russland geredet wird (ich erinne daran, dass diese selbst in sich natürlich auch sehr große Unterschiede aufweisen), vergleichen die erwähnten Jugendlichen, zum Beispiel, ein kennzeichnendes unterschiedliches Temperament: “In Russland sind die Menschen sehr energisch, lebhaft – uns hat sich schon der Stempel der baltischen Langsamkeit auferlegt“, «wir sind verschlossener ... aber auch nicht so nervös wie die Russen in Russland», und, mit einem Schuß Sarkasmus: “in Russland halten sie alle auf den Straßen ihre Palaver ab!“
Darüber hinaus sehen die Befragten die Russen Lettlands als toleranter, “multikultureller“, und, als Einwohner Lettlands, unabhängig von nationaler Zugehörigkeit, “ andere Völker besser verstehen und annehmen“. Viele reden davon, sie seien in Lettland „europäisierter“ als die Einwohner Russlands.
Bei vielen Politikern Russlands wie auch Lettlands ist der Eindruck entstanden, die Russen Lettlands hätten feste Verbindungen mit Russland und sie fühlten sich einzig als Bestandteil Russlands. Die Untersuchung zeigte jedoch, dass dies überhaupt nicht der Fall ist. Einigen ist in der Tat eine emotionale Verbindung mit Russland gemeinsam, Grundlage dieser Aussagen sind dann Sätze wie “meine Seele ist dort“, „ich liebe Russland, auch wenn es für mich nichts bedeutet.“ Dennoch haben einige auch einen völlig entgegengesetzten Standpunkt: “mit Russland verbinde ich gar nichts.“Auf die Frage, ob sie in der Zukunft nicht vorhätten, nach Russland zu ziehen, kam manchmal nicht eine bestätigende Antwort – im Extremfall „ich möchte schon – aber wer wartet denn dort auf mich?“Noch ein weiteres in der Gesellschaft verbreitetes Mythos kündet davon, dass die Russen weit mehr als die Letten von der sowjetischen Vergangenheit zugewendet sind. Von den von uns Befragten stimmten nur sehr selten jemand dem zu. Sicherlich laufen in vielen ehemaligen Sowjetrepubliken momentan ähnliche Prozesse ab: es wächst eine junge Generation auf, zu Zeiten der Unabhängigkeit geboren, deren ethisches Selbstverständnis von der sowjetischen Vergangenheit nur unwesentlich berührt wird.
Vielsagend ist, dass einige Menschen nicht nur der Ansicht sind, dass alle Russen Schuld sind an dem vergangenen Sowjetsystem, aber auch die Kinder der Schuld der Eltern zugerechnet werden. Viele unserer Befragten, befragt nach den unangenehmen Gefühlen, die mit ihrer nationalen Zugehörigkeit verbunden sind, erzählten zum Beispiel von Lehrern die “die ganze Zeit diese Okkupation durchkauen“ – was sehr unangenehm anzuhören ist.
Ausnahmslos alle Befragten, die das Thema der Okkupation berührten, waren der Ansicht diese sei Vergangenheit, und sie selbst stünden damit in keinerlei Zusammenhang.
Die von uns Befragten standen jeder Art von Nationalismus ausnahmslos stark ablehnend gegenüber. Darüber hinaus war es ihnen nicht wichtig, welche nationalistischen Sprüche verwendet werden. “Es ist gleichermaßen widerwärtig, wenn die Letten sagen „Lettland den Letten“ und die Russen sagen „Russland den Russen“ – Schande sowohl für die einen wie die anderen.“
Wenn das Gespräch auf das Thema des Nationalismus kommt, sind alle Befragten der Ansicht, dass sich der Nationalismus in Lettland abschwäche. Wir können nicht wissen, was in 20 oder 200 Jahren sein wird, aber heute fällt die Schärfe der nationalen Frage und die geteilte Identität etwas in sich zusammen. Auf der Tagesordnung stehen nicht nur die ökonomischen und die sozialen Fragen, sondern auch die Frage „wann wird es endlich Frühling in diesem Jahr?“die russischsprachige Version dieses Textes finden Sie hier

die lettischsprachige Version dieses Textes finden Sie hier

8. März 2008

Lettische Baumfriseure

Es gibt traditionelle Arbeiten, die von jedem guten Gärtner im Winter erledigt werden. Gut, momentan ist wenig von Winter zu spüren (der wärmste Winter in Lettland seit 83 Jahren - so LETA), auch in Lettland liegt wenig Schnee. Land- und erdverbunden wie sie nun mal sind, die Letten, werden manche Arbeitsabläufe abgearbeitet wie sie nun mal anfallen. So ergab sich Ende Februar ein seltsames Bild in Rigas Brivibas iela: auf hunderte von Metern Länge hatte die lettischen Baumfriseure wohl ihre neuen Sägen (oder ähnliches) ausprobiert.

Gibt es eine Baumschutzsatzung in Riga? Na gut, anzunehmen ist, dass angesichts der ewig hitzigen Diskussion um "sastrēgumi" (Verkehrsstaus) alle anderen Lebenwesen im Innenstadtbereich nicht so sehr beachtet werden. Bäume reihenweise wie Hecken schneiden? Ein Bild, zumindest gewöhnungsbedürftig. Oder ein Beweis lettischer Ordnungsliebe?
Im Zuge des sonstigen Regelungswirrwarrs wurden neulich auch mal die Straßenbahnschienen für Autos gesperrt (eigentlich eine Selbstverständlichkeit!), dann diese Regelung aus Angst vor Protesten der Autofahrer wieder zurückgenommen. Während noch 1997 171.000 Fahrzeuge in Riga registriert waren, stieg diese Zahl bis 2007 auf 335.000 (siehe NRA 21.12.2007). Zwar werden viele Autos auf Kredit gekauft (was bedeutet, dass bei einer Wirtschaftskrise der schöne neue gepolsterte Fahrstuhl auch wieder stillgelegt werden müsste), aber die momentan Autofahrer verlangen möglichst freie Fahrt.

Beim Öffentlichen Nahverkehr steigen die Preise (inzwischen, nach einem kurz- fristigen Zwischen- stop bei 30 Centimes, doch Verdopplung auf 40 Centimes), die Verkehrsbetriebe "Rigas Satiksme" kaufen weiter hübsche, neue Fahrzeuge. Und nicht nur das trägt zur Kostensteigerung bei: schon jetzt muss jeder, der in der Straßenbahn ein Einzelticket benötigt, 10 Centimes mehr zahlen (50 Centimes) - dafür sind dort nun auch automatische Fahrscheinentwerter angebracht. Noch im Herbst soll es in Trolleybussen dieselbe Regelung geben. Die US-Firma ACS profitiert davon: 460 Busse, 322 Oberleitungsbusse und
252 Strassenbahnwagen sollen mit Automaten ausgerüstet werden. "Ein System von Weltformat," so läßt sich Leons Bemhens, Vorsitzender von Rigas Satiksme, in der Fachpresse zitieren. Mit ACS wurde ein Vertrag über 13 Jahre geschlossen. Wo er aber das Geld für all diese Investitionen herholt, wird er bald seinen Rigensern erklären müssen.

Ein einheitliches Cityticket gibt es derweil in Riga immer noch nicht, und die Altstadt leidet immer noch unter den Luxusjeep-Fahrern mit Sonderlizenz, die auch dort rücksichtslos übers Pflaster heizen können.
Dennoch scheinen vorläufig Busse und Straßenbahnen immer noch gut gefüllt mit Fahrgästen. Gewöhnung an 15% jährliche Inflation? Manch einer hätte es wohl lieber, wenn der Run in die Wohlstandswelt ein klein wenig sanfter verlaufen würde.
Wenn Mr Ozolinš und Mrs Liepa denn überhaupt noch in Lettland weilen - viele arbeiten inzwischen im Ausland, der Facharbeitermangel macht sich längst bei den in Lettland tätigen Firmen bemerkbar. Eine Hetzjagd nach dem Wohlstandswunschtraum - so kommt es manchmal vor. Wer hier hinter wem hinterherjagd, wer profitiert und wer der Gejagte ist, auch das scheint manchmal durcheinander zu geraten.

7. März 2008

Vorverkauf zur Sängerparade

Viele sagen ja: während des Lettischen Sängerfests braucht man keine Eintrittskarten. Die Straßen in Riga sind sowieso voll mit den verschiedensten bunt gekleideten Menschengruppen, die immer wieder spontan ihr Liedgut zum Besten geben: unter einem schönen großen Baum, auf einer grünen Wiese, oder an einer Ecke in der Altstadt. Also: Wer vom 5.-12.-Juli 2008 in Riga sein wird, der kommt am Sängerfest nicht vorbei. (Abbildungen: Logos lettischer Chöre und Tanzgruppen)

Dennoch interessant: der Vorverkauf der Eintrittskarten startet am 10.März! Eines der vielen Konzerte könnte sich jede/r Besucher/in ja doch mal raussuchen, und in der lettischen Presse sind bereit viele Einzelheiten zu den Vorbereitungen nachzulesen:

- die Eintrittspreise werden zwischen einem und 25 Lat liegen (1,50 - 37,50 Euro)
- die große Bühne im Mežaparks wird gerade frisch renoviert, und fasst nach Fertigstellung etwas weniger als vorher: ca. 18.200 Zuschauer
- insgesamt stehen 47.928 Tickets zum Verkauf für insgesamt 251.024 Lat
- 6970 Tickets werden nur einen Lat kosten, 545 Tickets werden 25 Lat kosten
- nach alter Tradition werden auch diesmal eine große Zahl bekannter Persönlichkeiten aus Lettland kostenlose Eintrittskarten bekommen
- preislich am günstigsten ist ein Besuch einer der Generalproben: am 5.Juli abend um 21.00 Uhr, Generalprobe für das Eröffnungskonzert, am 7.Juli abends um 22.00 Uhr Generalprobe für das Tanzfest, am 9.Juli abends um 22.00 Uhr Probe für die Hauptveranstaltung des Tanzfestes, und am 11.Juli um 21.00 Uhr die Generalprobe für das Abschlußkonzert.
- 35.000 Teilnehmer/innen singen und tanzen mit, es wird das 24.Sängerfest und das 14.Tanzfest werden (ca. 15.000 Tänzer/innen und 13.000 Sänger/innen).

Na dann: nichts wie hin!

Nur noch eine kleine Randbemerkung: für mich ist Lettisches Sängerfest, wenn es NICHT mit "Bandenwerbung" und Durchsagen auf Englisch begleitet wird - mir graust vor einer möglichen Zukunft dieser Art, wenn mal alles zu einem touristisch aufgemachten Event verkommen sollte. Aber das ist es (noch) nicht, obwohl in Lettland angeblich die Begeisterung fürs Singen leicht zurückgeht, besonders in der jüngeren Generation. Also: Hinfahren, Lettland kennenlernen, mitmachen!





Weitere Infos:

Allgemeine Infos zum Lettischen Sängerfest (Deutsch)


Übersicht der Veranstaltungen (Deutsch)

Infos zu Eintrittskarten (teilweise Deutsch)


Übersicht der teilnehmenden Chöre (Lettisch)

Linkliste zu Webseiten lettischer Chöre

Linkliste lettischer Tanzgruppen

29. Februar 2008

Müttersuche mit Rosa

Eine filmische Spurensuche in Riga hat ab sofort Kinostart: Rosa von Praunheim, der in Deutschland wohl bekannteste schwule Filmemacher, hat sich für ein sehr persönlich geprägtes filmisches Projekt nach Riga gewagt. Kurz vor der Jahrtausendwende hatte er von der bereits 94-jährigen Gertrud Mischwitzky erfahren, dass er nicht ihr Sohn sei.  

Von Praunheim selbst zur Vorgeschichte seines Films: "Im Jahr 2003 verstarb meine Mutter. Zuerst wollte ich nicht nach meiner leiblichen Mutter forschen, da ich eine liebevolle und tolerante Mutter gehabt hatte. - Erst später erwachte meine Neugier. Doch ohne meinen richtigen Familiennamen schien die Suche zwecklos. Durch einen lettischen Journalisten fand ich Agnese Luse, die im Staatlichen Archiv Lettlands Erstaunliches herausfand."

Im Alter von 63 Jahren fliegt von Praunheim nach Riga und macht sich auf die Spurensuche. Wäre es ein Film geworden, wenn er nichts gefunden hätte? Darüber ist es vielleicht müßig zu spekulieren, speziell wenn jemand eben Filmemacher ist. Anzunehmen ist, dass das Ergebnis wohl weniger exzentrisch ausgefallen ist als manche seiner anderen Filme. "Kino-zeit.de" schreibt dazu: "Vielleicht ist es ja die Weisheit und Ruhe des Alters - Rosa von Praunheim wurde 2007 65 Jahre alt – oder doch eher die Ernsthaftigkeit des Themas, die aus seinem neuen Werk einen so vollkommen un- aufgeregten und doch aufregenden Film macht."

"Meine Dreharbeiten in Riga im Sommer 2007 waren die bewegendsten meines Lebens," gesteht Rosa von Praunheim, und er sagt auch: "Ich liebte Riga, die wunderbar restaurierte Altstadt, die schönen Menschen. Die Letten gehen nicht, sie schweben, sie sprechen nicht, sie singen. - Ja, ich fühle mich solidarisch mit dem lettischen Volk, seinem Leid und seinem neuen Selbstbewusstsein. Ich bin glücklich, dass ich neue Freunde gefunden und neue Lieder
gelernt habe."

Webseite Rosa von Praunheim

Kinotrailer "Meine Mütter" (zip-Datei)

Beitrag in "Kino-Zeit.de"

Pressemappe zum Film

Filmrezension TAGESSPIEGEL (25.11.2007)

Filmrezension FAZ (29.2.2008)

Filmrezension TAZ (25.11.2007)

Filmrezension FRANKENPOST (29.10.2007)

Filmrezension Hamburger Morgenpost (29.2.2008)

Filmrezension DIE WELT (24.11.2007)

5. Februar 2008

Die neuen Zeiten sind in Wahrheit die alten

In der größten lettischen Tageszeitung Diena kommentierte Aivars Ozoliņš am vergangenen Samstag die Spaltung der Partei „Neue Zeit”. Ozoliņš hält den Zeitpunkt für günstig und meint, er gebe die Gelegenheit, nun endlich eine Partei der „ehrlichen Politik“ zu gründen.

Erst kürzlich trat der ehemalige Außenminister Artis Pabriks aus der Volkspartei aus, nachdem sein Parteifreund Aigars Štokenbergs kurz zuvor sogar ausgeschlossen worden war. Gemeinsam mit Gleichgesinnten gründeten sie die Bewegung „andere Politik“, die noch keine Partei sein möchte – kein Wunder, ist es doch bis zu den nächsten Wahlen lange genug hin, um unpopulär zu werden.

Da nunmehr einige wichtige Politiker die Neue Zeit verlassen haben, beginnen logischerweise Spekulationen darüber, ob sie sich den erwähnten Kollegen anschließen, um die x-te Saubermannpartei zu gründen. Genau darauf hofft Ozoliņš. Die Leser werden das gerne hören und mit ihm hoffen.

Denkt man die Logik dieser Hoffnung zu Ende, so kommt man zu einem Blick auf die lettische Politik, als sollte ein Cleavage (poltische Konfliktlinie in der politikwissenschaftlichen Fachsprache, Anm. d. A.) zwischen Oligarchen und Ehrlichen, zwischen schwarzen und weißen Kräften angestrebt werden. Vielleicht auch deshalb läßt die Unterstützung für den seit März 2007 unter Hausarrest stehenden Bürgermeister von Ventspils, Aivars Lembergs, nicht nach. Es gibt ja auch Leser anderer Zeitungen (Lembergs gilt als einer der wichtigen Oligarchen Lettlands, der auch über den Herausgeber einer anderen Tageszeitung, „Neatkarīgā“, „die Unabhängige“, in Lettland verfügt, Anm. d. A.).

Wenn aber die Neue Zeit tatsächlich von ihren Gründern als ehrliche politische Kraft ins Leben gerufen wurde, was die Gründer damals zu mindest für sich in Anspruch nahmen, dann war die Partei von Anfang an eine Totgeburt. Unabhängig von den zweifelhaften Spendenaufrufen – der damalige Notenbankchef und Parteiinitiator Einars Repše hatte seinerzeit zwei Konten für sich und die Partei eingerichtet an die auch Ozoliņš erinnert – äußerte sich die politische Naivität von Einars Repše auch darin, seine Koalitionsverhandlungen vor laufenden Fernsehkameras zu führen. Wenn die Partei also mit dem Etikett der „Sehnsucht nach einer unschuldigen Politik“ angetreten ist, dann reiht sie sich unter denen ein, die sich seit der Unabhängigkeit nach Idealen sehnen, nach der starken Hand oder den goldenen Zeiten unter Kārlis Ulmanis, deren Realisierbarkeit zweifelhaft sind, denn die Politik wird nicht umsonst als Spiel bezeichnet, sie ist in der Tat der Kampf um Macht und Einfluß.

Ähnlich erging es schon der Partei Res Publica in Estland. Nachdem 1999 Mart Laar ein zweites Mal an die Macht gekommen war und mit einem stabilen Kabinett sogar den Rekord von drei Jahren an der Macht aufstellte, war die Bevölkerung nach einigen Skandalen mit der Politik der Regierung zwar unzufrieden, wollte aber an ihrer Stelle 2003 auch nicht die Oppositionsparteien wählen. Dies wurde von einigen Intellektuellen ausgenutzt, um die Res Publica zu gründen, was auch vom amerikanisch-estnischen Politologen Rein Taagepera unterstützt wurde, der sogar kurzzeitig als Gründungsvorsitzender fungierte. Ihm folgte der vormalige Ombudsmann Juhan Parts, der dann auch Regierungschef wurde. Nichtsdestotrotz verspielte die Partei innerhalb einer Legislaturperiode das Vertrauen der Bevölkerung und vereinte sich schließlich 2006 ausgerechnet mit der Vaterlandsunion von Mart Laar.

Wenn also nun in Lettland das passierte, was Ozoliņš für die schlechteste Variante hält, nämlich daß sich die aus der Neuen Zeit Ausgetretenen anderen Parteien anzuschließen, die bereits entsprechende Einladungen ausgesprochen haben, wäre das eigentlich nur logisch. Denn der Grund für die Spaltung der neuen Zeit liegt im innerparteilichen Konflikt über die Regierungsbeteiligung unter Ivars Godmanis. Jene, die sich nun verabschiedet haben, waren dafür.

Um die eigenen politischen Ideen zu realisieren, muß man kämpfen, streiten und darf sich nicht um Konflikte drücken. Die Gründer der Res Publica hätten sich seinerzeit besser gleich der ihnen ideologisch am nächsten stehenden Partei anschließen sollen, um diese dann von innen zu beeinflussen. Wie nun aber auch die Neue Zeit handelt, das erinnert dann doch eher an Sandkastenspiele. In Deutschland etwa diskutieren Studierende in Universitätsstädten immer wieder über den massenhaften Eintritt in eine kleine Partei wie etwa die FDP, um ihre politischen Ziele umzusetzen. So einfach geht das natürlich nicht, denn die Parteien schauen auch darauf, wer eine Mitgliedschaft beantragt.

Gegenwärtig droht in Lettland, wo seit 1991 ohnehin eine starke Fluktuation der Wählerschaft (der Politologe Pedersen prägte den Begriff „volatility“) zu beobachten war, daß sich diese höchste Instabilität im postsozialistischen Raum fortsetzt. Das Karussell dreht sich weiter. Und was sind die Folgen? Es steht zu bezweifeln, daß die Hoffnungen von Ozoliņš und anderen realisierbar sind. Eher könnten die neuen politischen Kräfte die Enttäuschung der Bevölkerung gegenüber der Politik noch weiter vertiefen und letztendlich vielleicht auch gegenüber der demokratischen Regierungsform schlechthin.
Einem Politologen fällt es schon jetzt zunehmend schwieriger, die lettische Innenpolitik mit den Methoden der Politikwissenschaft zu analysieren. Beinahe muß schon ein Psychologe konsultiert werden.

18. Januar 2008

Ach, Deutschland! Der Mai wird kommen ...

Oh, Vācija! Endlich haben die Spekulationen darüber, was wohl mit dem Plänen für ein sogenanntes "deutsch- baltisches Jahr" auf sich haben könnte, ein Ende. Unter dem Motto "Oh, Vācija" (gewünscht ist wohl eine Association mit "Ovationen") kündigte die Pressestelle der Deutschen Botschaft in Riga nun einen "deutschen Kulturmonat Mai" für 2008 an.  

Am 16.Juli 2007 hatte der deutsche Außenminister Steinmeier bei seinem Besuch in Riga etwas vieldeutig anklingen lassen, es sei kein Zufall, dass sich in seiner Delegation verschiedene Vertreter der Kultur befinden würden (siehe Steno-Protokoll von Jānis Ūdris für "Latvijas Vēstnesis").

"Deutsche Außenminister lassen sich nur selten im Baltikum sehen", kommentierte damals "Net-Tribune". Das Abendblatt

ließ sich gar zur Schlagzeile hinreißen: "Balten bejubeln Steinmeier." In der Vergangenheit hinterließ besonders der damalige Kanzler Kohl nachhaltigen Eindruck, der die baltischen Staaten ein einziges Mal besuchte: beim Ostseeratsgipfel - um dies dann zu einem ausführlichen Treffen mit seinen russischen Gesprächspartnern zu nutzen. Nachfolger Schröder tat sein Möglichstes, um es sich mit den "Balten" zu verderben, indem er die Ostsee-Gaspipeline per Federstrich und unter Berücksichtigung privat vertretener Wirtschaftsinteressen nach Gutsherrnart den Nachbarn zum Fraß vorwarf. In all dieser Zeit gab es durchaus schon "deutsche Wochen" - als "Kauf-Dich-Glücklich" in lettischen Supermarktketten wie "Sky", untermalt von jauchzenden Tönen deutschen Schlagerguts. Noch heute sind aus Deutschland nach Lettland exportierte Waren in Riga eine Selbstverständlichkeit, aber lettische Waren in Deutschland eine Rarität (oder nur über russische Spezialläden und Großhändler zu bekommen). Ein Problem der Wirtschafts-Monopolisten?

Nun soll es besser werden - hoffentlich! Manche lettischen Kommentatoren hoffen ja auf den "Faktor Merkel in
der europäischen Politik" (so wie Voldemārs Hermanis in der NRA). Von ihrem Vize Steinmeier war bisher aus baltischer Sicht kaum die Rede. Und mit dem Bereich "Kultur" - für den Staatsminister Neumann bei der Bundesregierung zuständig ist, ein CDU-Mann - wildert der SPD-Außen auch im fremden Revier. Weder bei Neumanns Neujahrsrede, noch auf seiner Webpage, ist irgend etwas vom kurz bevorstehenden wichtigen Kulturereignissen in Lettland auch nur angedeutet (im Gegenteil: hier sind nur Polen, Italien, Ungarn, Frankreich und Tschechien besonders hervorgehoben). Vielleicht sollte jemand also zunächst Neumann mal Bescheid sagen, dass Deutschland mit den Balten Großes plant?

 Wessen Sache ist also die Verbesserung der Beziehungen zu den baltischen Staaten? Steinmeiers Amt beruft sich auf die per Koalitionsvertrag festgelegten "Ziele und Aufgaben der Auswärtigen Kulturpolitik". Hier steht zu lesen: "Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ist integraler Bestandteil der deutschen Außenpolitik." Aha, deshalb also kann der Außen- gelegentlich auch ohne den Kulturminister agieren! Nun können wir uns an gleicher Stelle auch vermutlich heraussuchen, was im Mai in Lettland denn für deutsche Prioritäten gelten sollen:
1 - Präsentation der deutschen Kulturszene
2 - Vergabe von Stipendien an ausländ
ische Wissenschaftler/innen
3 - Förderung der deutschen Sprache
4 - Beitrag zur Krisen- und Konfliktvorbeugung
5 - Förderung der europäischen Integration
6 - Beitrag zum Erhalt kultureller Vielfalt
7 - Schaffung eines stabilen Fundaments für die internationalen Bezie
hungen durch den Dialog der Menschen (alles aus dem Koalitionsvertrag von 1995)

 Wenig überraschend im Ergebnis ist, dass dieses sogenannte "deutsch-baltische Kulturjahr" von den drei in Frage kommenden Partnerstaaten auch dreimal unterschiedlich realisiert wird - terminlich wie begrifflich. Als "Essentia Baltica" kündigt es die Botschaft Litauens in Deutschland an - und kündigt dabei monatlich Veranstaltungsübersichten an (allerdings sehr kurzfristig herausgegebene!). Auch von litauischer Seite wird dabei nicht deutlich, wer für die Programmplanung verantwortlich war und ist (ein Deutsch-Litauisches Forum, von den Präsidenten beider Länder aus der Taufe gehoben, offenbar nicht!). Dass die Einbeziehung von deutsch-lettischen Initiativen demzufolge auch für den Beglückungsmai Lettland 2008 keine Rolle spielte, darf also nicht verwundern.

Auch die estnische Botschaft kennt offenbar das irgendwo ausgebrütete "Essentia Baltica" - stellt es aber auch dem eigenen Schlagwort vom "E-Estonia" gegenüber. Zumindest geben sich die Esten vorausschauender in der Öffentlichkeitsarbeit: die estnische Veranstaltungsübersicht für das Jahr 2008 ist auch heute schon recht umfangreich.

Vor diesem Hintergrund - und angesichts der Heimlichtuerei der Vorbereitung - wirkt ja der deutschkulturell-aufgefüllte lettische Monat fast schon wieder wie ein Sparprogramm. Schließlich steht aus lettischer Sicht das Riesen-Kulturereignis "Sängerfest 2008" Anfang Juli an, und sich deutscherweise hier einzuklinken, kam wohl gar nicht in Frage.
Auch die lettische Botschaft in Berlin scheint es nicht sonderlich eilig zu haben, auf die deutsch-lettischen Kulturhighlights hinzuweisen - auf der Botschafts-Webseite findet sich bis heute, auch unter dem Stichwort Kultur - nicht ein einziges Wort (wie auch sowieso die dortigen Hinweise eher mal vor längerer Zeit gepflegt und erneuert wurden).

Was aber wird nun geboten, in diesem möglicherweise lauschigem Mai 2008? Glücklicherweise gab die Deutsche Botschaft in Riga in dieser Woche eine Vorausschau heraus (PDF-Datei download). Nun heißt es also "Oh, VĀCIJA" (mit einem Rufzeichen im Logo). Also wurde vermutlich auch ein Imgage-Designer engagiert, wie das eigens kreierte Logo nahelegt. Hier werden einige Ereignisse aufgelistet, die unter anderem auch schließen lassen, dass diejenigen Kulturproduzent/innen die besten Chancen auf Berücksichtigung hatten, die im Sommer 2007 zusammen mit Steinmeier dessen PR-Tour mitmachten. Ein Festival der bereits bestehenden deutsch-lettischen Kulturzusammenarbeit ist es jedenfalls nicht geworden (Ausnahme: NRW), und auch die deutschen Partnergemeinden lettischer Städte fanden keine besondere Berücksichtigung, geschweige denn Erwähnung.
Im Einzelnen:
- am 2.Mai geben die Berliner Philharmoniker in Riga ein Konzert
- deutsche expressionistische Grafik wird im lettischen Kunstmuseum ausgestellt
- Filme vom Oberhausener Kurzfilmfestival werden in Lettland vorgestellt
- DJ ATB wird in Ogre auftreten
- Ludica und die Tanzgruppe von Ben J. Riepe (Tanzhaus NRW) wird in Lettland auftreten

- David Geringas aus Hamburg ("baltischer Herkunft", laut Pressemitteilung - eine Referenz an die Litauer also), sowie Alois Zimmermann werden in Lettland konzertieren und dabei teilweise Filme von Ernst Lubitsch begleiten,
- die Bundeswehr-Fregatte "Brandenburg" legt in Riga an (auch ein Kulturprogramm??)

- Oliver Kahn soll in Riga einen Besuch machen (hat lettische Vorfahren - aber ob er im Mai kommt, wo doch seine letzte Saison möglicherweise erst mit dem deutschen Pokalendspiel zu Ende geht?)

 Verantwortlich zeichnen nun Deutsche Botschaft Riga, Goethe-Institut, und Staatskanzlei NRW. Ein wenig "von oben nach unten" organisiert, so kommt es fein säuberlich groß-koalitionär austariert daher. Es bleibt zu hoffen, dass lettische Gäste dieser Ereignisse ihren Spaß daran haben, und dass Punkt 7 des Koalitionsvertrags auch noch irgendwie Berücksichtigung findet.

 P.S.: Größer, besser, wesentlicher. Inzwischen ist es Februar geworden in Deutschland, und die lettische Botschaft hat gar ein zweites Logo erfinden lassen und webseitig platziert (Oh, Lettland!). Die Domain "essentia-baltica" war offenbar noch frei, beglückt nun willige Leser/innen mit neuen Ankündigungen. Verantwortlich zeichnet die lettische Botschaft (sieh an - und wird danach die eigene Webseite endlich einmal entrümpelt?), informiert wird von Lettland aus (waren dort die Fachkräfte günstiger?). Nun ist es "das Ding mit dem roten Punkt" geworden - aber der eindimensionale Verkündigungscharakter ist geblieben. Neue Ideen, Partizipation der zu Beglückenden - Fehlanzeige. Wer hat da den Kulturetat vervielfacht?
Nicht zufällig ist unter "Impressum" der Seite nur eine große Leere anzutreffen - es wird noch gebastelt, lieber Kulturkonsument. Und unter "Kontakte" dürfen Sie ein ausgefülltes Formular in die
"Elizabtes iela" schicken - die Akteure bleiben weiterhin lieber anonym und nicht ansprechbar.

14. Januar 2008

Sattler zatlert nach Deutschland

Der lettische Präsident Valdis Zatlers wird sich am 21. und 22. Januar zu einem Besuch in Deutschland aufhalten; das melden heute die lettischen Agenturen, das lettische Außenministerium, und auch der Pressedienst des Präsidenten selbst.

Deutschland? Die Lettinnen und Letten
beschweren sich ja immer mit einer gewissen Berechtigung, dass Riga nicht gleich Lettland sei. Aber mehr als Berlin wird auch Valdis Zatlers in diesen klimagewärmten Wintertagen nicht zu Gesicht bekommen.

Mit Präsident Horst Köhler möchte Zatlers gerne unter anderem, Presseinformationen zufolge, ein Treffen von acht europäischen Präsidenten vorbesprechen, das demnächst in Österreich stattfinden soll.
Beim Handshake mit Angela Merkel, sowie auch beim Treffen mit Vertretern des Bundesverbands der Deutschen Industrie, wird es vor allem um Energiefragen gehen - gemäßt lettischer Sprachregelung um "Unabhängigkeit der Energieversorgung in der Europäischen Nachbarschaftspolitik". Offensichtlich kann sich die lettische Seite immer noch nicht recht entscheiden, ob sie sich endgültig als Atom-Jünger in die Ecke stellen möchte (mit den Deutschen an der Seite stünde es sich dort weniger einsam), oder ob nicht doch die Kontakte zu den aufstrebenden deutschen Firmen der nachhaltigen Energieerzeugung längerfristig mehr bringen würden (Windkraft zum Beispiel, wo Deutschland gerade dabei ist, die ersten Großanlagen auf hoher See zu errichten). Auch bei einer Atomanlage wäre ja - die Regeln des freien Weltmarktes vorausgesetzt - nicht gesichert, dass so ein teurer Neubau (in Litauen oder anderswo) ohne das Geld russischer Investoren vonstatten gehen würde.

Zatlers wird zunächst einmal w
eiter das Protokoll abschreiten. Bundestagspräsident Lammert (mit dem Deutschen Bundestag gibt es einen produktiven Praktikanten-Austausch), und Bürgermeister Wowereit (die Hauptstadt Riga möchte es ja immer gern nur noch mit Hauptstädten zu tun haben).

Eher verdeckt deutet Zatlers auf der Präsidenten-eigenen Homepage einen Besuch auf der "Grünen Woche" in Berlin an. Ein "Treffen mit lettischen Unternehmen, die in Deutschland arbeiten", stehe an, sowie die Teilnahme an einer Präsentation "ökologisch reiner Produkte". Wer es auf der Grünen Woche selbst ausprobieren bzw. präsidential nachvollziehen möchte: laut Ausstellerverzeichnis wird es Sanddornsaft, Moosbeeren in Puderzucker, Kvass, Gewürze, Wachteln und alkoholfreie Getränke geben. Das Öko-Versprechen wäre zumindest bei den Wachteln, und auch beim Moosbeerenzucker zu überpüfen ...

Der Präsident bittet darum, ihm als Berlinisches Dankeschön keine Pralinenschachteln mit eingewebten Geldscheinen zu überreichen.
Ob auch ein Besuch im Berliner Zoo vorgesehen ist (in Lettland beliebter Ort für interne politische Gespräche), war bisher leider nicht zu erfahren.

Hier unser Vorschlag gängiger und weitgehend unverfänglicher Berlin-Souvenirs, entnommen der Webseite www.berlin.de

7. Januar 2008

Weihnachtsgruß

In Lettland könnte auch das orthodoxe Weihnachten zum offiziellen Feiertag erklärt werden - diese Aussage des des neuen lettischen Regierungschefs Ivars Godmanis ist heute in der Presse nachzulesen (TVNet, NRA, MP).
Vielleicht keine so schlechte Idee? Gibt es eigentlich vergleichbare Länder, wo beides Feiertag ist?
Nun gut, ein wenig ist es auch Parteipolitik, da Godmanis' Partei ("Lettischer Weg") sich mit der "Ersten Partei" vereinigt hat, der besonders christ-konservativer Lobbyismus nachgesagt wird. Das Feiern beider Festtage könnte als "Beispiel der Einheit der Christen in aller Welt" gelten, so Godmanis. Es seien ja bereits eine ganze Reihe verschiedene Kirchen in Lettland offiziell registriert, neben der evangelisch-lutherischen die katholische Kirche, die Orthodoxen sowie die Altgläubigen (Rechtgläubigen), die jüdische Gemeinde, die Methodisten, die Sieben-Tage-Adventisten, und einige Freikirchen.

Nicht das erste Mal, dass dieses Thema auf der Tagesordnung des lettischen Parlaments steht. Im Internet sind die Protokolle der Saeima nachzulesen, so dasjenige vom 16.Januar 2003. Bisher fanden Vorschläge dieser Art nie eine Mehrheit.
Das orthodoxe Weihnachtsfest wird am 7. Januar gefeiert.

Lettische orthodoxe Kirchengemeinde (lettische Webseite)

Lettische orthodoxe Kirchengemeinde (russische Webseite)

4. Januar 2008

Letten bringen Gebrauchtwagen zurück

Erinnern Sie sich? Zu Anfang der 90er Jahre, Lettland hatte sich gerade wieder den Status einer unabhängigen Republik erkämpft, und vor der neu eingerichteten deutschen Vertretung in Riga (zunächst provisorisch im Hotel Ridzene, dann am Aspazijas Blv - erst später im jetzigen Gebäude) standen lange Menschenschlangen, die auf Erteilung eines Besuchsvisums nach Deutschland warteten. Es war nicht einfach, der Austausch zwischen Ost und West, und aus lettischer Perspektive war es auch durchaus unsicher, ob diese Unabhängigkeit lange halten würde.
Wer dann als Besucher/in aus Lettland in Deutschland ankam, hatte viele bürokratische Hürden - und noch dazu einige real existierende Grenzen inklusive Kontrollen - bereits überwunden.

Der weitaus am meisten geäußerte Wunsch von lettischer Seite damals - sei es Arzt, Bürgermeister, Händler, Chormitglied oder Öko-Aktivist - war derjenige nach einem Auto aus dem Westen. Der Wunsch nach einem "Gebrauchtwagen" wurde fast zum geflügelten Wort, bzw. Synonym für manches andere. Dauerte ein Besuch eine Woche, konnte man sicher sein, spätestens am vorletzten Tag - unter Ankündigung eines dringenden, persönlichen Wunsches des Gastes - mit der Sehnsucht nach einem Auto aus dem Westen konfrontiert zu werden. Schon damals, trotz der noch viel krasseren Wertigkeit der jeweiligen Währungen und Monatslöhne, waren die reisenden Letten bereit, alles verfügbare zusammenzukratzen, nur um eine Chance auf einen Gebrauchten zu bekommen. Selten durfte er mehr als 1000 DM kosten. Manchmal steigerten sich diese Begierden auch: dann durfte es mal ein Kleintransporter, ein ausrangierter Jeep aus NVA-Beständen, oder auch ein ganzer Bus sein. Das "könntest-Du -nicht?", "wäre-es-nicht-vielleicht-möglich" war allgegenwärtig.

Später, beim Besuch in Lettland, waren viele dieser Autos selbst auf einsamen Bauernhöfen wiederzufinden. Zu sehen waren viele Wagen dieser älteren Baujahre jedenfalls, manchmal aufgebockt, in Reparatur befindlich, umgebaut, oder einstweilig abgestellt.

Ein Zeitsprung. Haben Sie auch von der Absage der Rallye Paris-Dakar 2008 gehört?
In Estland (wo es schon international bekanntere Rallye-Fahrer gibt) wie auch in Lettland ist Rallye der typische Sport der ländlichen Regionen. Es gibt eine Reihe von "Motodromen", auf denen mit Karossen entweder 'sportlich schick' oder 'schräg und alt' Rennen gefahren werden. Motorradsportler Jānis Vinters wäre einer der aussichtsreicheren Teilnehmer bei der Paris-Dakar gewesen (Startnr. 6 - er belegte 2007 Platz 6). Mit den Startnummern 300 und 337 (u.a.) hätte es zwei weitere lettische (Auto-Motorsport)-Teams gegeben, die ab dem 5.Januar nach Dakar aufgebrochen wären. "Ich gebe zu, mein Traum wäre es, die Dakar auch mal zu gewinnen", äusserte Vinters noch am 2.Januar im Interview mit Delfi-Autosport. - Doch wozu trauern, wenn es doch die "Alternativ-Rallye" gibt? Paris-Dakar ist tot - es lebe die "Plymouth-Dakar Challenge"!

"Mit altersschwachen Autos durch Westafrika" - so beschrieb es vor drei Jahren DIE WELT. Gemeint ist die Idee des Briten Julian Novill, ein Börsenmakler. "Ich wollte zeigen, daß man die Strecke auch mit weit weniger Aufwand bewältigen kann," so wird er vielfach zitiert, und eigentliches Ziel seines Wettbewerbs ist nicht Dakar, sondern Banjul in Gambia. Im Dezember 2002 starteten erstmals 45 Teilnehmer/innen diese Tour, und hier sind die Regeln:
1) Die teilnehemenden Autos dürfen nicht mehr als 100 englische Pfund kosten
2) Maximal erlaubtes Budget für die Rallye-Vorbereitung: 15 Pfund
3) Wenn die Rallye einmal gestartet ist, sind alle Team nur für sich selbst verantwortlich, können keine Hilfe von den Organisatoren einfordern
4) Alle teilnehmenden Autos, die in Banjul ankommen, müssen den Organisatoren überlassen werden; sie sind als Spend
e für wohltätige Zwecke in dieser Region einzusetzen.
5) Alle Fahrzeuge müssen das Steuer links haben.
Dazu wird eine Erläuterung von Gründer Julian Novill gesetzt: Alle Regeln sind dazu da, um vielleicht übergangen zu werden - außer Regeln Nr. 4 & 5.
Will sagen: wenn Du mehr ausgibst, ist es okay, solange das Fahrzeug am Ziel auch gespendet wird.

Unterliegt nun dieses (noch abenteuerlichere) Unternehmen keiner Terror-Gefahr? Brutal gesagt fällt das wohl schlicht unter Regel 3. Entscheidend ist aber auch, dass jede/r Kandidat/in (eine offizielle Anmeldung und Zusage vorausgesetzt) ja zu Hause losfährt: Plymouth-Banjul ist längst gestartet! Bis Mitte Januar gehen 9 verschiedene Gruppen von Teilnehmer/innen an den Start, "berechnet" ist die Route Plymouth-Banjul für 22 Fahrtage.
Alle teilnehmenden Teams (Empfehlung der Organisatoren: 2 Personen pro Auto) berichten virtuell an die gemeinsame Webseite, also SMS aus der Wüste, Berichte per Laptop oder Handy sind hier also angesagt. So wild die Autos, so abgefahren die Team-Namen: Es gibt die "Bishop-Bangers", "Roaring Forties", "Time not money", oder "Desert-Skunks". In der großen Mehrheit sind die Teams aus dem großbritischen Königreich (klar, schon wegen des Startpunkts) und Irland. Immerhin vier deutsche Teams sind dabei: "Pommes-Express", "Jägerschnitzel", "Kraut'n custard", (soweit alles kulinarisch orientiert, offenbar), und noch das Team "On tour again".

Aus dem kleinen Lettland aber kommen die meisten Teams außerhalb der britischen Insel - gleich 17 Autos sind unterwegs: "Saldus", "White Swan", "Desert-Lox-Lv1", "Desert-Lox-Lv2", "Rigas Jackals", "Banzai", "Team H", "Quattro Power", "Vecaku Rally Team", "2 Polecats in a Car", "Cesis-Team", "Papa Friends", "Developer.lv", "Lama-Team", "Wurth-Team", und "2103". Für das meisten Aufsehen vor dem Start in Lettland sorgte das Zwei-Frauen-Team "Blondie Tour".

Und hier die Auflistung der von den Lett/innen ver- wendeten Autos: ein VW-Passat, ein Volvo 240 (siehe Foto - inklusive der in Volkstracht posierenden "braucēji" Marcis und Guntis), zwei Mercedes 250, fünfmal Lada, ein Honda Civic, je einmal 'Audi80' 'Audi Sedan' und 'Audi Avant', ein Toyota Camry, ein VAZ, ein Niva 2121, und ein Fiat Chroma.

Und? Liest sich das nicht wie eine Aufstellung derjenigen motorisierten fahrbaren Untersätze, die in den frühen 90er Jahren "available" waren? Worin vielleicht die ersten Touren "in die freie Welt" unternommen wurden, die wilde Partys aushalten mussten, oder deren Fahrer/innen sich über die typischen lettischen Schotterstraßen trauten?

Sicher ist, dass sämtliche lettischen motorisierten Abenteurer in erster Linie "Spaß haben" wollen - nur sind eben inzwischen Fahrziele und internationale Zusammenhänge andere geworden. Auch der "Gebrauchsweg" eines Autos Lettland-Irland-Gambia wäre so möglich (alles selbst gefahren, inklusive selbst verdientes Geld zwischendurch?). Das Auslandsportal der Lett/innen (latviesi.com) interessierte sich ebenfalls am meisten für die beiden "Blondinen aus Liepaja", Ieva und Zane, 20 und 21 Jahre jung, die übrigens nicht zum ersten Mal mitfahren. "Heiraten wollen sie vorerst nicht", schrieb DIENA am 27.Dezember. Die beiden sammeln immer noch das Geld, was sie zum Ankommen brauchen: 1250 Lat fehlen ihnen (Stand heute) noch, so sagt die Webseite aus. Und: "wir wollen geholfen werden", verkünden sie als Appell an die männlichen Kollegen. Gegenseitige Hilfe ist bei dem gruppenweisen Start sowieso Teil des Erfolgs jeden Teams, denn ums "zuerst ankommen" geht es nicht. In Liepaja fand Mitte Dezember eine große Abschiedsparty statt ("eine Nacht in Afrika"), schließlich gibt es auch unter lettischen Musiker/innen schon "Afrika-Eroberer" (wie Nils Īle und seine 'Afroambient').

Lettland erobert die Welt - immer ein Thema, zumindest in Lettland selbst. (nun auch in diesem Blog ...)

Zum Weiterlesen:
Webseite
Jānis Vinters - Pressemitteilung zur DAKAR-Absage

Interview mit
Jānis Vinters im lettischen "Motojournal" (lettisch)

Interview mit Delfi-Autosport, inklusive einer Liste der bisherigen lettischen Resultate bei der Paris-Dakar (lettisch)

Zur "Plymouth-Dakar-Challenge"
Beitrag in DIE WELT

Offizielle Webseite "Plymouth-Dakar-Challenge"

Offizielle Webseite "Plymouth-Banjul"

Die Regeln der Plymouth-Dakar-Challenge

Was bei Wikipeda dazu steht

Bericht bei "Latviesi.com" (lettisch)

Bericht DIENA (lettisch)

Bericht in Kurzemes Vārds (lettisch)

Blogs von lettischen Teilnehmer/innen 2008:
Riga-Dakar-Blog Zigulis.lv

Tagebuch der "Blondie-Tour"

28. Dezember 2007

Kā klājas? Wie gehts ins Neue Jahr?

In welcher Stimmung begehen die Menschen den Jahreswechsel? Das ist auch in Lettland die Frage zwischen den Jahren. 52% der Lettinnen und Letten glauben, dass sich ihr Land gegenwärtig in einer ökonomischen Krise befindet (TvNet). Da wird wohl dem Gegensatz zwischen nett aussehenden Wachstumsstatistiken und dem gefühlten Wert des "Und-was-kommt-davon-bei-mir-an" des Durchschnitts-Letten Ausdruck gegeben. Nach den Grundlagen für solche Aussagen wurde ebenfalls gefragt: 77% geben die spürbaren Preissteigerungen in den Läden an, weiterhin werden auch die Turbulenzen um den lettischen Immobilienmarkt als Grund solcher Einschätzungen angegeben.
Die andere Seite der Wahrnehmung spiegelt die Aussage von Dace Valnere, PR-Beauftragte bei RIMI-Latvija, einer der größten Supermarktketten des Landes: "In der Weihnachtswoche steigerte sich unser Umsatz gegenüber anderen Wochen um ein Drittel." IKI Lettland meldet gar eine Umsatzsteigerung im Weihnachtsgeschäft um 70% gegenüber dem vorigen Jahr (Finance-Net).


Wenn es einer Rangliste bedarf: die Top 10

Viele Medien stellen am Ende des Jahres Ranglisten auf: was war das interessant, skandalös, viel diskutiert? Hier die Top 10 des Internet-Portals TVNET:
Platz 1: heiß diskutierte Forderungen zum Rücktritt der lettischen Regierung, das war klar.
Platz 2: die immer offensichtlichere deutliche Inflation, und die Versuche der zurückgetretenen Regierung Kalvitis, da noch etwas dran zu verbessern. Auf Platz 4 schafft es auch noch die Präsidentenwahl, von der im Nachhinein bekannt wird, dass sie von einigen wenigen Politikern zwischen den Tieren des Zoos entschieden wurde.
Platz 3: auch in Lettland dieses Jahr aktuell: Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal von Kindern. Statt teurer Prestigeprojekte wie ein neuer Konzertsaal für Riga sollten auch mal die lettischen Kinderkrankenhäuser dringend renoviert werden, so die Mahnung. Auch wurden wieder einige Schicksale von Kindern und Jugendlichen bekannt, die einfach verschwanden und bis heute nicht wieder aufgefunden werden konnten.
Platz 5: die "neue Mode", irgendwo Gespräche von Geschäftsleuten, Politikern oder Gerichtsangestellten zu belauschen und anschließend zu veröffentlichen. Bekannteste Variante 2007 war die Veröffentlichung zu umfangreichen Gesprächsprotokollen im lettischen Gerichtswesen ("Tiesāšanās kā ķēķis", näheres hier), nach deren Lektüre viele ihre Zweifel an "Recht und Ordnung" in Lettland bestätigt sahen (das Buch war 2007 bei "Jāņa Rozes" auf Platz 5 der meistverkauften Bücher in Lettland).
Platz 6:
Die Tragödie von Alsunga
Am Abend des 23.Februar 2007, in einer kalten Nacht, brennt das Sozialzentrum "Reģi" in Alsunga ab. 26 Insassen verlieren das Leben, eines der tragischen Feuerunglücke in der Geschichte Lettlands.

Platz 7: Lembergs hinter Gittern. Ein Beispiel für eine kommende "lettische Säuberungswelle"? Krumme Geschäfte ungeahnten Ausmaßes. Doch es gibt auch lettische Äußerungen, bewußt gezielt auf viele ausländische Glücksritter, die ihre bessere ökonomische Ausgangssitutation ebenfalls zu schnellen Geschäften in Lettland nutzten: "Wenigstens ist er einer von uns."

Platz 8: Der Fall Edgars Gulbis. Ein interner Fall aus dem lettischen Sicherheitswesen (Gulbis war mal Mitglied der Präsidentenwache und der Sicherheitsbehörden), die Einzelheiten sind noch frisch. Dunkle Hintergründe schimmern hervor und verdecken teilweise das Bemühen um Sicherheit und Ordnung.
Platz 9: das Grenzabkommen mit Russland wurde abgeschlossen. Nur auf Platz 9? Der deutsche Außenminister Steinmeier lobte diese Tatsache in den vergangenen Wochen gleich mehrfach per Presserklärung. Und das Stichwort "Schengen" wird unter diesem Platz 9 auch bereits mit abgehandelt. Reise- und Bewegungsfreiheit, offensichtlich seit Ende Sowjetlettlands nicht mehr oben auf der Liste der Prioritäten - vielleicht hat man auch die Nachteile erkannt, die mit dem schnellen Reisen entstehen: zum Beispiel die Möglichkeit, mal eben für eine Zeitlang Gelegenheitsarbeiter in Irland zu werden, und erstmal nicht wiederzukommen.
Schließlich Platz 10: Der Kampf gegen "agressive Autofahrer". Hierzu gibt es verschiedene lettische Perspektiven: die einen suchen nach Möglichkeiten für weniger Staus in Riga, die anderen nach mehr Straßen und freie Fahrt für Autos.

Wenn es langweilig wird: Fliegen Sie hin und her

Germanwings wird ab dem 2.Mai 2008 eine neue Linie "Riga-Köln" eröffnen. Abgehakt in der lettischen Presse als "ein weiterer Billigflieger"(tickets ab 19 Euro), mit einigen Zahlen belegt: die Verwaltung befinde sich in Köln, die Gesellschaft verfüge über 27 Flugzeuge der Marke Airbus, habe 2006 7,1 Millionen Passagiere befördert, und dabei 560 Millionen Euro umgesetzt, weiß TVNet. Leider es inzwischen nicht mehr nur die Gedanken an freudige Erwartung von noch mehr Touristen, nehme ich an. Trunkene Fremdlinge auf den Straßen der Altstadt, denen die 13% jährliche Inflation in Lettland immer noch "ein Klacks" sind und erwartungsfroh auf Vergnügungen aller Art warten - nicht alle Lett/innen fühlen sich mehr wohl in dieser Rolle der potentiellen Gastgeber. Glücklicherweise war bisher weniger von deutschen Gästen die Rede, wenn es um die unangenehmen Begleiterscheinungen dieses grenzenlosen Kurzzeitvergnügens ging.

Wenn Sie die Welt nicht mehr verstehen: Wörter und Un-Wörter

Im Gegensatz zu Deutschland werden die Wörter und "Un-Wörter" des Jahres in Lettland nicht schon vor Weihnachten bekannt gegeben, sondern gegenwärtig erst noch gesucht. Interessant vielleicht die Rückschau, dass z.b. 2003 "Eiro" das Unwort des Jahres war (ein langwieriger Streit: gemäß lettischen Sprachregeln müsste der "Euro" in Lettland eigentlich "Eiro" heißen, aber auch dieses Wort ließe sich nicht lettisch deklinieren).
Auch die Wortneuschöpfung "zīmols" (statt englisch "Brand" oder deutsch "Firmenzeichen" zu sagen) kam damals schon auf. Im Lande der baltischen Tiger werden nicht nur Firmen gegründet, sondern jetzt auch "Imagewerbung" betrieben.
Und ''mēstule'' war bereits 2004 lettisches Unwort (statt engl. "Spam" sagen zu müssen) - ein weiteres Beispiel, dass in Lettland der Umgang mit der weltweiten elektronischen Kommunikation bei weitem kein Fremdwort (im wahrsten Sinne auch dieses Wortes) mehr ist.
Diese Reihe der bemühten lettisierten englischen Ausdrücke ließe sich mit "smacenis" (neu für engl. "Smog"), Wort des Jahres 2005, oder "hendlings"(Unwort des Jahres 2006 - tja, was sagt der Deutsche eigentlich, für "Handling"?) weiter fortsetzen.
Auch "centrs" (für "Zentrum", klar) war schon mal Unwort in Lettland; auch wie schön war doch die Zeit, als das "Centrs"-Einkaufszentrum in der Altstadt noch einfach "Universalveikals" hieß, dass sich auf Deutsch so schön schief "Universal-laden" übersetzen ließ.

Wenn am gemeinsamen Europa Zweifel kommen: nehmen Sie sich ein Beispiel

Die lettische Europabewegung dagegen ist schon fertig mit ihrer Wahl zum "Europäer des Jahres 2007". Es ist Andris Piebalgs, EU-Energiekommissar (Pressemitteilung dazu, inklusive Link auf "Piebalgs bei YouTube"). Erfreulich un-skandalös in Zeiten von allgemeiner öffentlich bekundeter Misstrauenskundgebungen gegenüber Regierung und Politik. Wer sich noch an die Pre-Nominierungen von Sandra Kalniete (die schon beim EU-Landwirt- schaftskommissar hospitiert hatte) oder Ingrida Udre (die dann 2006 eine Wiederwahl in die Saeima wegen vieler Negativ-Voten der Wähler trotz Steigerung der Delegiertenzahl ihrer Partei nicht erreichte) ein ruhiger Pol der Außendarstellung Lettland innerhalb der EU-Strukturen. Andererseits ist Piebalgs vielleicht Symbol für die Dominanz der Energiefragen auch in der aktuellen Politik Lettlands. 2008, das Jahr, in dem eine lettische Regierung unter Beteiligung der Grünen Partei den Bau eines neuen Atomkraftwerks beschließt?

Und hier tickt schon die Uhr für 2008: vom 5. - 12. Juli 2008 findet wieder das allgemeine Sänger- und Tanzfest in Lettland statt.