31. Oktober 2005

Lettisch-polnische Einigkeit gegen deutsch-russische Alleingänge

Die deutsche Aussen- und Wirtschaftspolitik muss sich wohl daran gewöhnen, dass frühere Sprechblasen von "Deutschland, dem Anwalt der Balten" (Aussenminister Kinkel in den 90er Jahren) sich in ihrer Schlicht- und Bedeutungslosigkeit nicht mehr so leicht wiederholen lassen.

Heute setzt Lettland aussenpolitische Akzente selbst. Aussenminister Pabriks ist mit einer deutschen Frau verheiratet - aber das hindert nicht an selbstbewußter Positionsbestimmung.

Mit dem schnell eingefädelten und überraschend ohne Abstimmung mit den nordosteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten bekannt gegebenem Deal einer deutsch-russischen Gaspipeline durch die Ostsee schockierte Noch-Kanzler Gerhard Schröder nicht nur Lettland. Vor allem in Polen war man "not amused" über dieses Projekt, das von Ökonomen keineswegs als "preisgünstige Lösung" eingeschätzt wird. Vor allem die Verfahrensweise Deutschlands, die den Anschein hat, als wolle man wider einmal Sondervereinbarungen mit Russland an allen anderen Gepflogenheiten vorbei anstreben, erregte neues Misstrauen. Jetzt wartet man unverhohhlen darauf, dass eine neue deutsche Kanzlerin die Lage klären kann.

Derweil üben sich Lettland und Polen im Schulterschluß. Nach einem Treffen mit Maciej Klimczak, neuer polnischer Botshafter in Lettland, äusserte Aussenminister Pabriks im Rahmen einer Presseerklärung Verständnis für Russlands Interessenlage an dem Pipeline-Projekt mitten durch die Ostsee. Dagegen sei die Haltung des deutschen Kanzlers Schröder "unerklärlich", so Pabriks. "Im Unterschied zu Russland ist Deutschland unser Partner in der Europäischen Union", so die Aussage der gemeinsamen lettischen-polnischen Presserklärung, "und wir erwarten von unseren Partnern, dass sie sich beraten mit uns und anderen Interessenvertretern." Daher könne Lettland die eigenmächtige Entscheidung Deutschlands nicht unterstützen.

Pabriks polnischer Diplomatenkollege Klimczak ergänzte, dass eine klare gemeinsame Haltung in dieser Frage für die baltischen Staaten und Polen wichtig sei. Es seien ganz einfach "politische Standards der Europäischen Union zu beachten", so Klimczak. In Zukunft dürfe sich so etwas nicht wiederholen.
Nun ja, - mal sehen, mit welcher Strategie die zukünftige Bundesregierung dies wieder kitten will....



26. Oktober 2005

Lernen Sie Livisch!

Nicht verwechseln: Livisch ist für Letten eine Fremdsprache
Einst war es Imants Freibergs, der IT-Experte und Ehemann der heutigen lettischen Präsidentin Vike-Freiberga, der schon in den 60er Jahren daran ging, die lettischen Dainas elektronisch aufzubereiten und zu systematisieren. Spätestens mit der Wahl seiner Frau, die bekannt war und ist für ihre wissenschaftliche Beschäftigung mit der lettischen Kultur und besonders den Dainas, haben es diese durch die Jahrhunderte mühsam erhaltenen Zeugnisse lettischer Kultur auch heute wieder zu Anerkennung und Ehre gebracht.

Bei der Kultur der Liven ist das noch nicht ganz so. Selten weht die livische Flagge irgendwo (siehe oben), und als finno-ugrischer Sprachstamm weicht das Livische sehr stark auch vom Lettischen ab. Auch die alte Bezeichnung "Livland", geprägt von den Deutschbalten, der an die damals von Liven geprägte Gebiete des nördlichen Lettland und südlichen Estand erinnert, weist auf livische Kultur hin. Nur noch eine Handvoll Menschen bezeichnen sich heute noch als direkte Nachkommen der Liven, eine kleine Gruppe lebt heute noch im Bezirk um Ventspils. Zwar erkennen auch die Esten und Finnen ihre Beziehung zu den Liven auch heute an - Staatsbesuche aus Estland oder Finnland beziehen auch gern schon mal ein livisches Kulturfest ein - aber ansonsten führt diese Kultur und Sprache doch eher ein Schattendasein, international beachtet meist nur von Linguisten und Ethnologen.

Livisch im Netz
Mit einer Pressemeldung gab nun das lettische Aussenministerium nicht ohne Stolz bekannt, dass auch für die Öffentlichkeit nun eine neue Möglichkeit geschaffen wurde, sich mit der livischen Sprache auseinanderzusetzen. Auf einer neuen Webseite ist mit Unterstützung der lettischen Kulturkapital-Stiftng ein Livisch-Lettisch-Englisches Wörtberbuch entstanden, auf das kostenfrei zugegriffen werden kann. Die beiden Wissenschaftlerinnen Ieva Ernstreite und Valda Suvcane haben in mehrjähriger Arbeit ein 68-seitiges Heft geschaffen, was sehr ausführlich in die livische Sprache einführt und ausser einer allgemeinen Einführung in die livische Kultur auch eine große Zahl Satzbeispiele enthält. Anhand von Themenbereichen wie "zu Besuch", "Wetter, Jahreszeiten", oder "die Familie" kann Einblick gewonnen werden in die inzwischen selten gewordene Welt des Livischen - für Deutschsprachíge wenigstens mit Hilfe des Englischen. Das gesamte Heft ist online downloadbar.

Noch nicht ganz vergessen
Immerhin war auch bisher bereits das Livische im Internet nicht ganz vergessen. Die unter Web-Insidern berühmte Wikepeda-Enziklopädie pflegt eine eigene Seite, Die Seite "Vitual Livonia" (livisch/englisch) wird von Uldis Balodis gepflegt und enthält eine ganze Reihe weiterer Verknüpfungen mit interessanten Seiten. Ähnlich ist die Seite von Roberts Freimuts ausgelegt, ebenfalls Livisch / Englisch. Einige interessante Infos, und schöne Fotos, hat auch Heinz Wilhelm Pfeiffer auf seiner Webseite aufbereitet. Auch er bietet eine (sogar bebilderte!) Literaturliste an. Die Beschäftigung mit dem Livischen zumindest wird noch nicht so bald aussterben - Geschichte und kulturelle Eigenarten mehr zu erforschen: wer hier Gleichgesinnte sucht, wird im Internet einiges finden. Doch Vorsicht vor Generalisten - gerade im virtuellen Netz steht so einiges geschrieben, dessen Quellen und Wahrheitsgehalt unklar sind. Beispiel: Auf einer mit "finnourgische Sprachen" überschriebenen, und sachlich aussehenden Seite ist zum Beispiel zu lesen: "Livisch ist inzwischen ausgestorben,"..... "Der Begriff 'Livisch' wird bisweilen auf einen der Dialekte der lettischen Sprache angewandt." Um solche Missverständnisse zu vermeiden, ist vielleicht doch die neue bei ERAKSTI zu findende Infoseite sehr nützlich.



19. Oktober 2005

Männer leben gefährlich

Männer leben in Lettland wesentlich risikoreicher als Frauen - das bringen neue Zahlen des lettischen Statistikamtes in Riga zu Tage. Zwar sind sowohl bei den Verkehrsunfällen (Abb. unten, blaue Linie), bei Kriminaldelikten (grüne Linie) wie auch bei der Selbstmordrate (rote Linie) die absoluten Zahlen der Todesfälle rückläufig, aber immerhin sterben Männer in Lettland 5mal so häufig als Frauen an Selbstmord, 2,1mal mehr im Zusammenhang mit Verbrechen, 3,9mal mehr durch die Folgen übermäßigen Alkoholkonsums, und 3mal mehr durch Verkehrsunfälle. Ilze Naumova, Verfasserin des Untersuchungsberichts der Abteilung für soziale Statistik, schreibt auch, dass etwa mit dem Alter von 33 Jahren sich das bis dahin bestehende Gleichgewicht der Geschlechter zu ungunsten der lettischen Männer zu verschieben beginnt. Die Gesamtzahl der männlichen Einwohner Lettlands hat sich seit 1990, als 1240,5 Tausend Männer registriert waren, bis 2005 auf 1062,9 Tausend Männer verringert - also um 14,3%. Interessant ist auch ein Vergleich der einzelnen Landesteile. Bis zu einem Alter von 19 Jahren gilt zum Beispiel noch, dass in einer eher ärmeren Region wie Latgale im Osten Lettlands prozentual die meisten Söhne/Männer leben (19,1% aller Männer sind in Latgale jünger als 15 Jahre, demgegenüber in der Region Riga nur 14,5%). Bei der Altersgruppe der über 60 Jährigen liegt dann Latgale wieder hinter allen anderen Regionen zurück.

Mit jedem Jahr vermindert sich auch die Anzahl der frühen Heiraten, so die neue Statistik. Von allen im Jahre 2004 geschlossenen Ehen waren nur 1,2% der Männer jünger als 19 Jahre alt. Im Jahre 2000 waren dies noch 2,4%, und im Jahr 1990 sogar 7,5%. Insgesamt gaben 2005 53% der Männer an, verheiratet zu sein. 32% waren nicht verheiratet und 11,8% geschieden.

17. Oktober 2005

Ventspils wird Lettlands neuer Fährschiff-Knotenpunkt

Der ostseeweite Fährschiff-Linienverkehr kommt wieder einmal in Bewegung: nach dem Verkauf der FINNJET, bisher beliebte Verbindung zwischen den Häfen Rostock und dem estnischen Tallinn (früher auch Travemünde-Tallinn) ordnet sich der Linenverkehr neu. Viele der ehemaligen FINNJET-Kunden werden 2006 nach Alternativen suchen.

Wie das Aussenministerium Lettlands kürzlich in einer Pressemeldung bekanntgab, nehmen gleich zwei neue Fährlinien ab Oktober 2005 ihre Dienste auf: Neben einer Verbindung nach Karlshamn in Schweden wird auch eine Schiffsverbindung mit Rostock aufgenommen (Verlegung der Linie Rostock-Liepaja). Viermal die Woche sollen sich die "URD" und die "ASK" auf der Fahrt zwischen Ventspils und Rostock abwechseln. Dienstags, mittwochs, freitags und samstags je 19 Uhr ab Rostock, ab Ventspils ist jeweils morgens um 4.00 Uhr in der Früh (dienstags, donnerstags, freitags & sonntags) Abfahrt. Fahrzeit ist jeweils 27 Stunden.
Für Menschen ohne eigenes Fahrzeug wird die Überfahrt vor allem für die Fahrt nach Deutschland interessant sein - die Ankunft in Rostock liegt morgens um 7.00 Uhr. In Ventspils dagegen muss wohl schon gut vorgeplant haben, wer dort abends um 22.00 Uhr (wenn die Schiffe pünktlich sind!) ankommt. Dieser Fahrplan soll zunächst bis Ende des Jahres 2005 gelten.

Ebenfalls von Ventspils aus gibt es bereits eine Verbindung nach Lübeck (1x wöchentlich), sowie jetzt nach Karlshamn, Schweden (3x wöchentl.) und Nynäshamn, Schweden (5x wöchentl.).
Bereits Anfang der Saison 2005 hatte Ventspils für Aufsehen unter Reiselustigen und -veranstaltern gesorgt, als erfolgreich eine sommerliche Fährverbindung zwischen Ventspils und der estnischen Insel Saaremaa eingeführt worden war. Der Schiffsverkehr soll hier im Mai 2006 wieder aufgenommen werden.

13. Oktober 2005

Deutscher Demokratieexport nach Osten?

Ein "Programmfenster für Belarus" wolle man eröffnen, so kündigte die DEUTSCHE WELLE ihre neuen Sendungen an, die mit Finanzierung der Europäischen Union ab sofort Richtung Weissrussland ausgestrahlt werden. Der deutsche Sender hatte sich dabei, Meldungen von Fachmedien zufolge, mit seiner Bewerbung gegen den BBC World Service und den Fernsehsender Euronews durchgesetzt. Die EU fördert das neue Programmfenster mit 138.000 Euro.

Auch bei den baltischen Nachbarn der Belorussen erregt diese neue EU-Medienpolitik Aufsehen. Allerdings weniger deshalb, weil den Deutschen diese Aufgabe überlassen wurde, sondern vor allem daher, dass sämtliche Sendungen nur in Russisch ausgestrahlt werden. "Das ist letztendlich doch Diskriminierung!" erregt sich Askolds Rodins, Kommentator der lettischen Tageszeitung DIENA. Wenn die europäischen Staaten helfen wollten, Weißrussland von dem "letzten Diktator Europas" (Alexander Lukashenko) zu befreien, dann sei das ehrenwert, so Rodins. Das Land leide aber schon viel länger unter der Russifizierung als zum Beispiel Lettland. Die gesamte Intelligenz Belorusslands sei schon in den 20er Jahren ausgerottet und vernichtet worden, und ein freies Wort in Weißrussisch zu erheben, sei seither nicht mehr möglich.

Ganz andere Reaktionen ernten die neuen Sendungen, die 15 Minuten jeden Tag ausgestrahlt werden, in jenen Ländern, wo Russisch ausdrücklich verstanden wird. Der Kreml in Moskau meldete sich laut FAZ noch vor Programmstart zu Wort: "Was die Deutsche Welle sende, gehöre, sagte Sergej Jastrschembski, Berater des russischen Präsidenten Putin der Zeitung 'Nesawissimaja Gazeta', zu den Mitteln aus dem Arsenal des Kalten Krieges. Der Entschluß, das Programm zu starten, erhöhe Nervosität, Mißtrauen und Unzufriedenheit, die zwischen Minsk und der Europäischen Union herrschten, sagte der für die Beziehungen zur EU zuständige Kreml-Berater."
Foto: Blick auf Minsk. Quelle: Belarusnews

















Die Verantwortlichen der EU argumentieren anders: "Wir führen den Menschen vor Augen, was in anderen Ländern passiert, wie es eigentlich sein sollte, welche Möglichkeiten sie haben sollten zur freien Meinungsäußerung", so zitiert DEUTSCHE WELLE RADIO die EU-Aussenkommissarin Benita Ferrero-Waldner.
Die gleiche Quelle zitiert auch Wladimir Dorochow, den neuen verantwortlichen Redakteur des Weißrussland-Programmfensters: "Nur sieben Prozent benutzen Weißrussisch", meint er, und im Internet würden ja die Programminformationen auch in weißrussischer Sprache verbreitet, rechtfertigt er sich.
Die FAZ dagegen zitiert Cornelia Rabitz, Leiterin des Russland-Programms der DEUTSCHEN WELLE. "Offenkundig befürchte der Putin-Berater Jastrschembski, dass die für Weißrussland produzierten Sendungen der Deutschen Welle auch in Rußland gehört werden, wo die Medien vom Kreml gegängelt werden". so Rabitz.

Aber auch die kritische Perspektive aus Sicht der baltischen Staaten wird teilweise von deutschen Medien geteilt. "Ausgerechnet in der Besatzersprache Russisch" sende die DEUTSCHE WELLE, so Barbara Oertel in der TAZ. Oertel zitiert unter anderem Litauens Ex-Staatspräsident Vytautas Landsbergis mit der Aussage, dass man sich mit einer derart konzipierten Sendung "zu Russlands Komplizen bei der Russifizierung seiner Nachbarn" mache.

Der lettische Polit-Kommentator Rodins dagegen hofft, dass die Förderung der Demokratie in Belorussland Erfolg haben werden. "Dennoch hätte man auch die gegenwärtig funktionierenden Radiostationen in der Nähe einbbinden können - Litauen, Polen oder Lettland. Das wäre sicher noch effektiver gewesen." - Da hätte man ihm die Lektüre der TAZ empfehlen können, die aufführt, warum das wohl nicht möglich war. So hätten die Sendeanstalten "einen jährlichen Mindestumsatz von drei Millionen Euro" nachweisen müssen - das schließe die Bewerber aus Lettland, Litauen oder Polen von vornherein aus. Wer zahlt, bestellt eben auch die Musik.

23. September 2005

Schröders Vorbild: Aigars Kalvitis?

Die Tageszeitung DIE WELT stellt in ihrer Ausgabe vom 22. September 2005 eine interessante These auf (unterst�tzt von Informationen der Nachrichtenagentur AFP): in allen drei baltischen Staaten wird das praktiziert, was Kanzler Schr�der sich in seinem allgemein als "anma�end" empfundenen Fernsehauftritt nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses in Deutschland gew�nscht hatte. Auch der Lette Aigars Kalvitis ist Regierungschef, obwohl seine Partei nicht die st�rkste Partei oder Fraktion im Parlament ist.

Zitat DIE WELT: "In Lettland f�hrt der Chef der konservativen Volkspartei, Aigars Kalvitis, seit Dezember 2004 eine Mehrparteien-Koalition, obwohl seine Partei mit 21 Sitzen nicht die st�rkste Kraft im Parlament ist. Doch sein wichtigster Koalitionspartner, die rechtsliberale Neue Zeit, scheiterte zuvor trotz ihrer 26 Sitze an der Bildung einer Regierung. Zum Regierungsb�ndnis geh�ren au�erdem die christdemokratische Erste Partei und die Gr�nen/Bauernunion. Letztere hatten zuvor gemeinsam mit der konservativen Volkspartei eine Minderheitsregierung gebildet, wobei die Gr�nen zum ersten Mal in Europa den Regierungschef gestellt hatten. Die Regierung hielt allerdings nur acht Monate."

Das von vielen Politologen als "chaotisch" und instabil beschriebene Parteienwirrwarr Lettlands als Vorbild f�r Schr�der? Es wirkt ein wenig bizarr, beinhaltet aber doch �berraschende Parallelen. Immerhin gelingt es Kalvitis derzeit, den "Citplanietis" ("Ausserirdischen") und Hauptegomanen der lettischen Politik, Einars Repse, soweit im Zaum zu halten, dass dessen Partei inzwischen nicht mehr unangefochten als Nr.1 im Lande gilt. Siehe Foto unten. Also: Auf zur Dienstreise, Herr Schr�der!

Foto: Kalvitis (oben), muss seine Exzentriker in den "befreundeten Parteien" immer im Auge behalten ...

22. September 2005

Letten sichern schwedische Sozialleistungen - und ernten heftigen Protest
Der schwedische Wohlfahrtsstaat ist f�r seine hohen Steuern, aber auch f�r seine weitgehenden Sozialleistungen bekannt. So ist in der deutschsprachigen Fassung der Infobrosch�re "Service f�r �ltere" der schwedischen Hauptstadt Stockholm zu lesen: "Die Stadt Stockholm hat die Ambition, f�r alle �lteren in Stockholm ein Kontaktnetz von Sicherheit, F�rsorge und Service bereitzuhalten, f�r das u.a. die Altersf�rsorge der Stadtteilverwaltungen verantwortlich ist. Das Ziel der Altersf�rsorge ist es, jedem, der auf eigenen Wunsch in seiner gew�hnlichen Umgebung wohnen bleiben m�chte, dieses zu erm�glichen und dort den f�r das t�gliche Leben notwendigen Service und andere Hilfeleistungen anzubieten."

Dies sind bei weitem nicht die einzige Dienstleistungm, die Stockholm seinen �lteren B�rger/innen anbieten. Laut dem schwedischen Gesetz �ber Sozialleistungsdienst hat jeder, der sich in einer Gemeinde aufh�lt, ein Recht auf Sozialhilfe f�r seine Versorgung und sonstige Lebensf�hrung. Das schlie�t das Recht f�r �ltere ein, beim Sozialamt finanzielle Hilfe daf�r zu beantragen.

F�r �rger und Aufsehen sorgte jetzt die Regelgung, auch einen Fahrdienst in Anspruch nehmen zu k�nnen. Den Informationen der zust�ndigen Beh�rde zufolge kann jeder, der "aufgrund von k�rperlichen Behinderungen Schwierigkeiten bei der Benutzung von �ffentlichen Verkehrsmitteln hat", ein Recht auf Fahrdienst haben und die M�glichkeit haben, in einem Taxi oder Spezialauto zu niedrigen Kosten bef�rdert zu werden. Der Provinziallandtag tr�gt die Verantwortung f�r den Fahrdienst im Regierungsbezirk Stockholm.
Laut einem Bericht der lettischen Tageszeitung DIENA vom 21.September 2005 zufolge verlegte jetzt eine der f�r die Bef�rderung der �lteren Leute in Stockholm zust�ndige Firma ihre Telefonzentrale ins lettische Riga. Ab dem 16.Oktober sollen Anfragende von Lettland aus betreut werden. 20 lettische Angestellte, die in Stockholm geschult werden und auch eine Sprachpr�fung in Schwedisch absolvieren m�ssen, sollen Anfragen aus 28 schwedischen Kommunen bedienen.

W�hrend der schwedische Taxiunternehmer bekannte Argumente auff�hrt ("wenn ich die hohen Personalkosten nicht abbaue, m�sste ich 25 Angestellte entlassen"), erntet die Ma�nahme vor allem Protest bei den schwedischen Rentnerverb�nden. "Das ist doch absoluter Wahnsinn! Wie sollen sich denn diese Leute in Stockholm orientieren k�nnen?" So wird Anita Mikus, Ombudsfrau beim schwedischen Rentnerverband in der DIENA zitiert. "Wir haben nichts mit dieser Firma zu tun, aber wir m�ssen die Interessen unserer Mitglieder sch�tzen", so Mikus. "Viele rufen uns an und bef�rchten, das die Qualit�t der Dienstleistung sich verschlechtert, oder komplizierter wird. Viele Rentner haben ausserdem auch selbst Sprech- oder H�rprobleme, und der lettische Akzent ist Ihnen ungewohnt, und schwer zu verstehen."

Die zust�ndige Stadtverwaltung in Stockholm dagegen hat keine Einw�nde gegen diese angesrebte Neuordnung des Fahrdienstes. Die gewohnte Telefonnummer bleibe unver�ndert, und viele der Betroffenen w�rden gar nicht bemerken, dass sie von ausserhalb Stockholms bedient w�rden, so ein Sprecher der Stadtverwaltung in der DIENA. Schlie�lich k�nne man auch auf die Erfahrungen einer anderen schwedischen Firma in diesem Gewerbe bauen, das seine Telefonzentrale nach Tallinn verlegt habe. Angeblich seien die Erfahrungen durchweg positiv gewwesen.

17. September 2005

Warten auf Merkel
Am Tage vor der Bundestagswahl in Deutschland gibt es f�r die lettische Presse nur einen Aufmacher: Merkel ist bereit zum Regieren. "Mit dem Wechsel in der deutschen Regierung wird es eine neue deutsche Aussenpolitik geben", so titelt die Tageszeitung DIENA am 17.September. Im gleichen Beitrag werden Aussagen der BBC zitiert, nachdem ungleich zur letzten Wahl, als die aussenpolitischen Programme der beiden gro�en Parteien weitgehend gleich gewesen seien, k�nne sich diesmal Deutschlands Rolle in der Welt �ndern. Vor allem in den Beziehungen Deutschlands zu Russland, zu den USA und zur T�rkei erwartet die lettische Presse �nderungen.

"Wir werden gr��ere Aufmerksamkeit auch auf die Interessen der kleineren Staaten in Europa legen", so wird Wolfgang Sch�uble, in Merkels Schattenkabinett zust�ndig f�r Aussenpolitik, aus einem Interview in "DIE WELT" zitiert. Ebenfalls Sch�uble werden Aussagen zugeschrieben, nach denen er die Pl�ne Russlands und Deutschlands zum Bau einer Gaspipeline kritisiert, denn die baltischen Staaten und Polen seien �bergangen worden.

DIENA zitiert ausserdem drei Stimmen zur Wahl in Deutschland.
"Schr�der ist mehr orientiert an den Gespr�chen zwischen den Gro�m�chten, um ein Gegengewicht zu den USA zu schaffen. Merkel dagegen will auch die kleinen Staaten einbeziehen. Aus der lettischen Perspektive gesehen, w�re ein Sieg Merkels positiv. In den Beziehungen zu Russland wird Merkel auch die schwierigen Fragen, wie zum Beispiel zum Thema Tschetschenien, mit ansprechen. Nach Merkels Sieg wird man nicht mehr von der Achse Deutschland-Frankreich sprechen k�nnen, welche die Weiterentwicklung Europas aufh�lt. Sie respektiert mehr den europ�ischen Stabilit�tspakt. W�hrend Schr�ders innenpolitische Reformen mehr kosmetischer Art waren, wird Merkel es grundlegender angehen." Toms Rostoks, Politologe

"Alles wird davon abh�ngig sein, ob der Sieg Merkels ein �berzeugender Sieg sein wird. Wenn wir uns die Aussenpolitik unter Kohl oder unter Schr�der ansehen, gab es meiner Ansicht keinen gro�en Bruch. Es k�nnte nun nat�rlich eine Verbesserung des Verh�ltnisses zu den USA geben, und Merkel k�nnte enge Beziehungen zu dem vielleicht kommenden Pr�sidenten in Frankreich aufbauen, Nikolas Sarkozy aufbauen. Es k�nnte auch sein, dass beide die Rolle Frankreichs und Deutschlands im zuk�nftigen Europa neu definieren. Merkel k�nnte auch bestrebt sein, die gemeinsame Aussen- und Sicherheitspolitik der EU wieder zu beleben. Die Beziehungen zu Russland k�nnten sich ver�ndern, und k�nftig w�rde nicht mehr, so wie bei Schr�der, �ber die K�pfe der Polen hinweg entschieden." Ojars Skudra, Doktor der Geschichte und Universit�tsdozent.

"Von Deutschland ist auch der Erfolg Eurropas abh�ngig, und Merkels Angebote scheinen besser. Jedoch zweifle ich daran, ob es nach der Wahl gro�e Ver�nderungen gibt. Positiv zu werten ist nat�rlich der Wunsch von Merkel, die Interessen Osteuropas ernster zu nehmen. Sie will auch die Beziehungen mit Russland ver�ndern - das zeigt auch das k�rzliche Treffen mit Putin, als sie das Gespr�ch zun�chst in Russisch f�hrte. F�r Merkel wird die Europapolitik wichtiger sein, als sie es f�r Schr�der war. Meiner Meinung nach wird man sich in Deutschland mehr der klassischen Werte bewu�t werden, mit denen die gegenw�rtige Regierung gebrochen hat. Dennoch wird sich wohl in den Beziehungen zwischen Deutschland und Lettland nichts wesentliches �ndern."
Andris Gobins, Pr�sident der lettischen europ�ischen Bewegung.

Mein Kommentar:
Auf den ersten Blick scheinen sich in Lettland viele Menschen von einer Kanzlerin Merkel einiges zu versprechen. Aber ist dies nicht eher der fehlenden Deutschlandkenntnis der lettischen Journalisten zuzuschreiben, wie auch einer gewissen grunds�tzlichen Sympathie mit den Konservativen? Die f�hrende lettische Machtelite ist stolz auf die guten Beziehungen zu den USA, die ihnen erst k�rzlich im Mai 2005 mit dem exklusiven Besuch des US-Pr�sidenten Bush den R�cken gegen�ber russischen Anspr�chen st�rkte. Also: Meines Freundes Freundin ist auch meine bevorzugte Gespr�chspartnerin, k�nnte das Motto lauten.
Ausser der DIENA �ussern sich andere lettischen Zeitungen, wie etwa "Neatkariga Rita", auch zur�ckhaltender. Und in manchen Zeitungen, wie die "Latvijas Avize", scheint die Wahl in Deutschland gar keine so gro�e Rolle zu spielen. Allerdings wird ein nicht unbedeutender Faktor nahezu von allen lettischen Kommentatoren vergessen: Pr�gend f�r die Aussenpolitik unter Kohl war vor allem immer ein FDP-Aussenminister. Und was die so im Parteiprogramm f�r die aussenpolitische Zukunft stehen haben, das hat sich wohl niemand richtig angesehen. Ob die Versprechungen von Merkel und Sch�uble gegen�ber den "kleineren Staaten" in Europa wohl �berhaupt zum Tragen kommen, wenn sich letztendlich doch das "Business as usual" der Wirtschafts- und Neoliberalen durchsetzt? Denn wie wir es gewohnt sind, regiert dort auch eher der Grundsatz: Nur es nicht verderben mit denjenigen, mit denen man Gesch�fte machen kann. Also w�re dann auch mit einer CDU-FDP-Regierung wieder "alles beim Alten", und die Balten, die selbst h�chstens als Bauland f�r westlich dominierte Supermarktketten taugen, aussen vor.

14. September 2005

Frau Ministerin offensiv

In einem Interview für die das Schweizer Komittee der Europäischen Kulturstiftung äussert die lettische Kulturministerin Helena Demakova Erstaunliches:
"Die Schweiz ist das langweiligste Land der Welt" provoziert sie ihre Diskussionspartner - an dieser Stelle verzeichnet die schriftliche Fassung des Gespr�chs noch ein Lachen (es ist nicht nachzuvollziehen, ob es ironisch gemeint war). Befragt danach, wie sie der Angst vieler Schweizer vor einem Zustrom von Osteurop�ern (also auch Letten) begegnet, wird Demakova noch deutlicher: "Städte wie Berlin oder Rom sind doch wesentlich anziehender. Ich habe noch nie einen jungen Letten kennengelernt, der davon tr�umte, (bei Ihnen) in der Schweiz zu leben!"

Auch zur Frage der Perspektiven für Europa nimmt die lettische Kulturministerin kein Blatt vor den Mund: "Was die Europäer im Grunde am stärksten bedroht, ist ihre wirtschaftliche Schw�che aufgrund ihrer mangelnden Flexibilität."
Sie nennt auch Beispiele: "Ich glaube aber, dass beispielsweise die Lage der von der Union subventionierten französischen Bauern kein Mindeststandard ist. Sie leben wie im Paradies! Einen solchen Lebensstandard wird man niemals allen Bauern des Kontinents gewährleisten. Und wenn ich daran denke, dass genau diese Bauern gegen die Europäische Verfassung gestimmt haben, begreife ich überhaupt nichts mehr. Eine ziemliche Dreistigkeit!"

Oho, Frau Ministerin! Das wird die Franzosen nicht freuen, und klingt nach Parteinahme für die Konzepte von Tony Blair.
Aber auch bezüglich der Situation des eigenen Landes, bleibt die Lettin selbstbewußt: "Ich kann mit Stolz sagen, dass es sehr einfach ist, Lette zu werden. Viel einfacher, als zum Beispiel die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten."
Demakova ergänzt: "Tatsache ist, dass Russland keine demokratische Macht ist. Es sucht aus innenpolitischen Gründen Streit mit uns. Doch zugleich unterhalten wir mit Russland intensive, insbesondere wirtschaftliche Beziehungen, die dadurch erleichtert werden, dass in Lettland viele Menschen fließend russisch sprechen."


Das vollständige Interwiev, mit Datum vom 24.August 2005, ist zu lesen auf den Seiten des Schweizer Komitees der Europ�ischen Kulturstiftung, die hiermit eine Diskussionsveranstaltung ank�ndigen wollte, die am 9.September 2005 unter dem Motto "der Osten hat das Wort" in Bern stattfand. Diskutanten waren hier unter anderem auch Borislaw Geremek und Tomasz Kowakowskiaus aus Polen, Tereza Brdeckova aus der Tschechischen Republik und Laszlo Rajk aus Ungarn.

8. September 2005

Radlerparadies Lettland - aber nicht in Riga!

Auch 2005 haben immer mehr Radtouristen die baltischen Staaten entdeckt. Besonders der Tourismus auf dem Lande wei�, was den Radlern zu verdanken ist: gerade die Deutschen nehmen gern das Radl mit und pr�gen so auch in den baltischen Landen die Tourismusentwicklung. Mehrere F�hrlinien �ber die Ostsee freuen sich ebenfalls �ber den G�steansturm, und die Zahl der Radreiseberichte zum Thema "Baltikum" nimmt nicht nur im Internet zu.

Allerdings m�ssen die Radreise-Interessierten immer noch einen gro�en Bogen um die Stadt machen, die gern sich so gern "baltische Metropole" nennt. Hier kollabiert nicht nur der PKW-Verkehr Tag f�r Tag in einem Ma�e, dass ein Radausflug in die lettische Hauptstadt schon l�nger Zeit schlicht einfach als "gef�hrlich" einzustufen ist.

Bild unten:
Radfahren in Riga - Abenteuer auf eigene Gefahr....

Ein Bericht der Tageszeitung RIGAS BALSS von Anfang dieser Woche best�tigt nun erneut diese Zust�nde.

Trotz steigender Zahl der Unf�lle mit Fahrr�dern im Stadtverkehr hat die Stadt Riga die Sicherung und Entwicklung des Fahrradverkehrs v�llig verschlafen.

Es folgen Ausz�ge aus einem Beitrag der Journalistin Laura Brance (sinngem�� �bersetzt).

Schon wieder ein Fahrradfahrer vom Auto �berfahren
Beitrag von Laura Brance, RIGAS BALSS

Der Bau von Radwegen geht nur langsam voran, obwohl jetzt auch der Rigaer Stadtrat beginnt die mindestens 10.000 Radler in Riga zu unterst�tzen. Immer wieder gibt es Unf�lle.

Ein Velokurier, der in der ersten Septemberwoche von den Vorderreifen eines Autos �berfahren wurde, blieb direkt mitten vor dem Auto liegen. Der Mann �berlebte und wurde ins Krankenhaus eingeliefert.

Auf den Stra�enbahnschienen zu Fall gekommen
Der Fahrer eines Mercedes war Freitag morgen um etwa 9.30 Uhr auf der VEF-Br�cke Richtung Zentrum gefahren, als er sich pl�tzlich fragte, ob nicht vor dem Auto ein Radfahrer gelandet w�re. Die Information der Polizei sagte nichts dar�ber aus, was die genaue Untersuchung des Unfallhergangs ergeben hat. Aigars Berzins konnte als Polizeisprecher nichts dar�ber sagen, wei schwer die Verletzungen seien, aber "leicht seien sie sicher nicht". In diesem Jahr n�hert sich in Riga die Gesamtzahl der verletzten und zu Tode gekommenen Radler bereits der 100. Daher bem�ht sich die Stadtverwaltung auch darzulegen, dass etwas geschehe, damit auch die Sicherheit dieser Verkehrsteilnehmer erh�ht werden kann.

Radwege auf Fusswegen angeblich unrealistisch
Der Pressesprecher der Verkehrsabteilung in der Stadtverwaltung, Andris Pudans, erz�hlte RIGAS BALSS, dass spezielle abgetrennte Fahrradstreifen auf Rigas Fu�g�ngerwegen praktisch unm�glich seien, obwohl diese Praxis ja im sonstigen Europa weit verbreitet sei. Rigas Fu�g�ngerwege seien nicht so breit, und dazu schlie�en an vielen Stellen noch die Haltestellen der �ffentlichen Verkehrsmittel diese M�glichkeit aus: dort k�nnte es zu Zusammenst��en mit anderen Verkehrsteilnehmern kommen. Daher m�sse es zum Bau spezieller Radwege kommen, die nach M�glichkeit auch weit ab von Hauptverkehrswegen entstehen sollen, so Pudans. Gegenw�rtig f�hre der einzige innerst�dtische Radweg von vom Ortsteil Imanta ins Zentrum. Die Stadt plant eine Verl�ngerung bis nach Bergi un Vecmilgravis. Am besten sei eine Verl�ngerung gleich bis hinaus nach Vecaki, erg�nzt der Pressesprecher des Stadtrats, Dzintars Zaluksnis.

Die versprochenen Millionen
Im st�dtischen Kommittee f�r Verkehrsfragen hat f�r das kommende Jahr 2006 ein Radweg vom Zentrum nach Vecm?lgr?vis h�chste Priorit�t. Dieses 1,32 Millionen-Lat Projekt (ca. 1,9 Millionen Euro) wurde k�rzlich auf der Priorit�tenliste des Komittees von Platz 19 hinauf auf Platz 4 gesetzt. Dennoch muss diese Projektliste erst noch vom Komittee f�r Haushalts- und Finanzfragen und auch vom Stadtrat selbst noch genehmigt werden. Erst im Dezember wird gekl�rt werden k�nnen, wie der Haushalt f�r 2006 genau aussehen wird.
Zaluksnis wertet speziell den Abschnitt auf der Brivibas iela in der N�he der lettischen sportp�dagogischen Akademie als "Todessstreifen" f�r Radfahrer, mehrere Kilometer lang. Auf die Projektierung einer Umgestaltung muss hier noch lange gewartet werden. Auch f�r eine beantragte staatliche Hilfe von 59.648 Lat (85.714 Euro) f�r einen Radweg vom Zentrum nach Darzini, soll nun angeblich genauso wie der Radweg nach Bergi (15.000 Lat / 21.500 Euro) hohe Priorit�t bekommen. Bisher existiert aber nach den Worten von Zaluksnis noch kein einziger Fall, dass eine solche Beihilfe vom lettischen Staat auch tats�chlich gew�hrt wurde.

In Zahlen:

Tote bei Radlerunf�llen in Riga Januar bis August 2005: 3
Verletzte im gleichen Zeitraum: 75


Infos �ber Radfahren in den baltischen Staaten, �ber Radtouren-Angebote, und Kontakt zu Radlerinitiativen erhalten Sie am besten
- �ber die Internet-Seite des Projekts BALTIC CYCLE (Ansprechpartner in Litauen): www.bicycle.lt
- �ber den Fahrradclub ADFC: www.adfc.de
- beim estnischen Fahrradklub V�NTA �GA: www.bicycle.ee
- bei den Velokurieren von Riga: www.velokurjers.lv
- und nat�rlich auf den Seiten von www.infobalt.de

Foto unten:
Fahrradkurier in Riga - ein gef�hrlicher Job!

2. September 2005

Was bringt den Balten ein Regierungswechsel in Berlin?

Wie auch im Estland-Forum bereits diskutiert, denken die Balten inzwischen laut dar�ber nach, was ihnen ein Regierungswechsel in Deutschland wohl bringen wird. Dabei muss man allerdings wissen, dass es sich seit den 90er Jahren in weiten Kreisen in Estland, Lettland und Litauen eingeb�rgert hat, von Deutschland eher wenig zu erwarten. Allzu deutlich war auch Kanzler Kohls "M�nnerfreundschaft" mit Jelzin, also die Konzentration der Aussenpolitik Deutschlands in erster Linie auf Russland. Der damalige Aussenminister Kinkel, sozusagen der Inbegriff des Images seiner "Anwaltspartei" FDP, verk�rperte den Spruch "Deutschland ist der Anwalt der Balten" perfekt: 10 relativ wage formulierte Thesen lie�en sich dazu in verschiedenen Papieren der damaligen CDU/CSU/FDP-Regierung finden, aber umgesetzt wurde in Richtung einer Modernisierung des deutsch-baltischen Verh�ltnisses wenig. Es war die Zeit der "Heimatt�melei" - so wie die Reisebranche damals noch davon leben konnte, dass sich lediglich ein paar �lter gewordene Abk�mmlinge von Deutschbalten auf Heimatreise begaben. Dem gro�en Rest Deutschlands war die baltische Region als aktuelle politische Frage unbekannt.

Was hat 7 Jahre Rot-Gr�n an dieser Situation ge�ndert?
Vielleicht ist es eher der allgemeine Globalisierungstrend, der etwas ge�ndert hat, als dass es bewu�te deutsche Aussenpolitik gewesen w�re. Selbst f�r den sonst oft intellektuell hoch gelobten Joschka Fischer war die Ostsee nie ein wirkliches Thema - auf entsprechenden Konferenzen wie dem Ostseerat ward er selten gesehen. Ein bischen Meeresschutz, traditionell eher f�r gr�n gestimmte W�hler daheim geeignet, �berlie� er dem Kollegen Trittin. Nicht einmal die kurzzeitige "Regentschaft" eines gr�nen Ministerpr�sidenten in Lettland (Indulis Emsis im Jahr 2004) holte die Gr�nen aus der Untersch�tzung der baltischen Region heraus: alsbald glaubte man ausgemacht zu haben, dass "diese Gr�ne nicht wirklich gr�n" seien, und zog sich mit noch lauterem Grollen wieder zur�ck. Im Europaparlament arbeiten die Gr�nen mit der national-russisch orientierten Tatjana Zdanoka zusammen, die offen gegen Konzepte der Integrationspolitik in Lettland agitiert, unter der Fahne der Menschenrechtspolitik. Da stimmen wieder die gr�nen Parolen - aber �ber die Umsetzbarkeit, oder auch nur �ber eine realistische Einsch�tzung der Lage in Lettland, wird sich zumindest auf gr�ner Funktion�rsebene nirgentwo bem�ht.

Was hat die SPD erreicht?
Ausser dem gemeinsamen Beitritt der baltischen Staaten zur EU - was sicher gegen�ber einigen der alten EU-Mitglieder einige �berzeugungsarbeit bedurfte (und da hat sich die deutsche Regierung durchaus f�r die Balten eingesetzt), hat es ja noch einen weiteren Beitritt gegeben. Die Einf�gung der baltischen Staaten in die europ�isch-atlantischen Verteidigungsstrukturen ist reibungsloser vollzogen worden, als man es h�tte voraussehen k�nnen. Dieser Aspekt wird sicher auch aus baltischer Sicht oft untersch�tzt, und es k�nnte - angesichts des notwendigen Einflusses von Kanzler und Verteidigungsminister in dieser Frage, es auch f�r einen Erfolg der SPD halten - wenn er denn popul�r w�re zu verk�nden im eigenen Land. Im Gegensatz zur gr�nen Heinrich-B�ll-Stiftung hat auch die Ebert-Stiftung in den vergangenen 3-5 Jahren sich endlich begonnen auseinanderzusetzen mit den wirklich aktuellen Fragen in den baltischen Staaten - obwohl die besten und ausf�hrlichsten Analysen der politischen Lage Estland, Lettland und Litauen immer noch vom Leiter der Baltikum-Vertretung der Konrad-Adenauer-Stiftung geschrieben werden. Die Ebert-Stiftung hat es aber immerhin geschafft, das Baltikum zum Thema sozialdemokratischer Bildungsarbeit zu machen, und zwar nicht in der Form, wie es sich gestandene Sozis gerne w�nschen w�rden, sondern tats�chlich ausgehend von der Perspektive der Balten.
In der Wirtschaftspolitik ist das Baltikum tats�chlich inzwischen zu einem erst zu nehmenden eigenen Thema geworden - nicht nur unter dem Aspekt, die "lieben baltischen Freunde" m�gen doch bitte ihre Rolle als "Br�cke zu den Russen" m�glichst ger�uschlos und pflegeleicht wahrnehmen. Vielleicht ist man sogar bei der SPD inzwischen davon abgekommen, die Balten - die Esten an erster Stelle - blo� als Hort des Neoliberalismus oder des nationalen Konservatismus zu identifizieren. Kann man mit Estland oder Lettland moderne Innovation schaffen? Auch in der SPD scheint es daf�r immer mehr Bef�rworter zu geben. Und selbst Schr�der's pers�nliche Intervention, der f�r die Balten auch nach dem EU-Beitritt sich eine siebenj�hrige Frist f�r den freien Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt ausbat, scheint keine weiteren negativen Wirkungen hintgerlassen zu haben - eine CDU-Regierung h�tte es wahrscheinlich genauso gemacht.

Was bringt eine Kanzlerin Merkel wirklich?
Wenn sich also so vieles relativiert beim Blick auf die m�glichen deutschen Interessen im Baltikum - was k�nnte denn anders werden unter einer Kanzlerin Merkel? Wird es wirklich nur die baltische Hoffnung sein, einen Gottesbezug konkret in die EU-Verfassung schreiben zu lassen, einen zu starken Zustrom an Ausl�ndern hinein in die EU zu verhindern, und ansonsten die deutschen Unternehmer in Estland, Lettland und Litauen m�glichst mit noch mehr Steuererleichtungen auf allen Seiten zu erfreuen?
Werden die Balten neue Atomkraftwerke bauen, wenn Merkel sie dazu ermuntert? Wohl eher nicht - zu gro� sind noch die Sorgen wegen bauf�lligen Alt-Anlagen in osteurop�ischen Nachbarl�ndern und in Russland. Beim Atomstrom wird es wohl �hnlich wie bei Gas und �l strukturiert werden: nicht jeder soll bitte etwas produzieren, sondern die gro�en Konzerne wollen ihren Strom einem m�glichst breiten Empf�ngerkreis verkaufen.

Nein, es ist wohl eher das rein psychologische Moment, was die Balten beeindruckt, gepaart mit ihrer durch die j�ngere eigene Geschichte gepr�gten Zur�ckhaltung gegen�ber jeder Spielart von "sozialistischen" Experimenten. Das ruft "Verbr�derung" mit offensichtlich Gleichgesinnten hervor.

Aufschlu�reich ist auch ein Interview, das Atis Lejins, Direktor und Gr�nder des lettischen Instituts f�r Internationale Beziehungen, am 25.August der lettischen Tageszeitung "Latvijas Avize" gab.
Gefragt danach, was sich denn �ndern w�rde mit einer neuen Kanzlerin in Deutschland, antwortete er: "Erst mal sehen, ob das �berhaupt etwas �ndert. Was die Politik Deutschlands mit Russland angeht, k�nnte es sich vielleicht um 10% verbessern. Vielleicht wird es weniger 'herzlich' sein, wie jetzt Putin und Schr�der. Aber Deutschland hat sich immer schon auf enge Beziehungen zu Russland konzentriert, da wird sich so leicht nichts daran �ndern."
Frage: Liegt das an den Erdgasleitungen, dass sich russische und deutsche Interessen vereinigen, und die Balten eher umgehen?
Lejins: "Das ist ein Aspekt. Fr�her haben wir uns mal vor einem zu starken Deutschland gef�rchtet, heute sollten wir das eher bei einem zu schwachen Deutschland tun. Bei den deutschen und russischen Beziehungen war das immer schon charakteristisch - ausgenommen die Zeiten Bismarks - ob nun die Deutschen etwas mehr die Russen lieben, und verlieren dabei, oder ob die Deutschen die Russen bek�mpfen, und ebenso verlieren."
Frage: Also vielleicht wird ja eine zuk�nftige Kanzlerin Merkel eine 'Bismarkistin" sein?
Lejins: "Darauf hoffe ich, aber sicher bin ich mir da nicht."

31. Juli 2005

INFOBALT-Newsletter August 2005 (Auszug)
(kostenlos zu beziehen per mail an: post@infobalt.de)

Kurz�berblick
Nachrichten - News - Neuigkeiten Juni-Juli 2005

Schwule und Lesben ersch�ttern Riga
Die lettischen Medien lernen in diesem Jahr, was ein "Sommerlochthema" ist. Da wollten sich, mitten im Urlaubsmonat Juli, ein paar Hundert Leute aus Lettland mit G�sten aus Finnland, Schweden, Estland, Litauen, Polen und anderen osteurop�ischen L�ndern treffen, ein paar Hundert Meter durch die Rigaer Altstadt einen Umzug veranstalten, und anschlie�end einen Gottesdienst feiern. Allerdings war das Treffen f�r Schwule und Lesben gedacht - laut Ministerpr�sident Kalvitis "unpassend" f�r ein Land mit "christlichen Werten".
Derma�en schon im Vorfeld politisch aufgeheizt, und unter dem Druck des Koalitionspartners "Erste Partei", die sich gern immer mal wieder als "Priesterpartei" profilieren m�chte, verbot Stadtdirektor Skapars zun�chst die Parade in der Altstadt. Auch die Kirchenoberen Lettland, auf katholischer wie auf evangelisch-protestantischer Seite, sprachen sich in �ffentlichen Stellungnahmen gegen Homosexualit�t als "S�nde und Versto� gegen die Gebote Gottes" aus.
Aber, wen wundert es, aus Sicht einer lebendigen Demokratie sind Demonstrationen eher etwas normales, und so hoben die lettischen Gerichte auch das Demonstrationsverbot auf.
Doch nun wurde das Ganze erst recht zum Spektakel: den etwa 300 Demonstrierenden standen �ber 1000 Gegendemonstranten gegen�ber, die mit Eierw�rfen und gro�en Plakaten nicht nur die Veranstaltung, sondern auch den abschlie�enden Gottesdienst st�rten. Stadtdirektor Skapars wurde am Tag danach gar zum R�cktritt aufgefordert: "Solche Aktivit�ten geh�ren nicht in die Altstadt", t�nte Ainars Slesers von der "Ersten Partei" (er meinte die Zulassung der Demonstration).
Slesers, der finanziell vor allem von der Unterst�tzung seiner norwegischen Gesch�ftspartner lebt, wird nachgesagt, er w�rde irgendwann auch gern einmal selbst Ministerpr�sident werden. So musste erst eine Vertrauensabstimmung einige Tage sp�ter - bei der sich allerdings nur 9 von 60 Abgeordnete des Stadtrats gegen den Stadtdirektor aussprachen, die Lage wieder beruhigen.
Ungew�hnlich an diesen unruhigen Tagen von Riga: gegen die rosarote Spa�fraktion gingen sowohl Letten wie Russen auf die Stra�e. Die ungew�hnlich scharfen Reaktionen allein als Charakteristikum lettischen Konservatismus hinzustellen, reicht also nicht aus. Bei Gegendemonstranten wurden allerdings auch Hakenkreuzsymbole festgestellt - ohne das die Polizei dagegen einschreiten wollte. Dass aber manche lettischen Politiker jeden sich bietenden Anlass nutzen, um auch gegen politisch nahestehende Koalitionspartner Attacken zu reiten, wurde mit den R�cktrittsforderungen gegen B�rgermeister Aksenoks wieder einmal deutlich. So �usserte sich Aksenoks seinerseits jetzt dahingehend, dass er sich vielleicht doch vorstellen k�nne, die knappe Mehrheitskoalition im Stadtrat (31 von 60 Stimmen) um weitere Koalitionspartner zu erweitern.

Wer zu sp�t kommt - der bietet Eselsohren an ...
Im Gegensatz zu Estland nicht zur Unterschriftsreife gelangte ein Entwurf f�r ein lettisch-russisches Grenzabkommen. Pr�sidentin Vike-Freiberga �usserte in einer Rede vor dem lettischen Parlament im Juni, das Abkommen sei eigentlich zur Unterzeichnung am 10.Mai unterschriftsreif gewesen. Dann zerriss der Streit um das Gebiet Pytalowo / Abrene wieder die lettisch-russische Einigkeit.
Lettlands nationalistische Parteien, die teilweise mit in Regierungsverantwortung stehen, hatten auf einer Volksabstimmung bestanden, falls das Gebiet des vor dem 2.Weltkrieg noch zu Lettland geh�rigen Abrene durch das neue Abkommen Russland zugesprochen werden sollte.
Und schlie�lich war, �hnlich wie in Estland, auch der blo�e Verweis auf die G�ltigkeit des 1920 mit Russland geschlossenen Friedensabkommens f�r Russland schon genug, sich zur�ckzuziehen.
"Nicht einmal die Ohren eines Esels" werde Lettland bekommen, so Russlands Pr�sident Putin dazu - und da schwingt noch der �rger �ber den Ablauf der Feiern zum 60.Jahrestag des Kriegsende ein wenig mit, wo Lettland durch seine Teilnahme an den Moskauer Feierlichkeiten es geschafft hatte, die Okkupation Lettlands durch Russland monatelang in den internationalen Schlagzeilen zu halten.

Lettland unterzeichnet Konvention zum Schutz nationaler Minderheiten - mit Vorbehalten
Pr�sidentin Vike-Freiberga hat noch andere Sorgen. In ihrer Rede am 22.Juni vor dem lettischen Parlament verga� sie nicht die �berdurchschnittliche hohe Inflation in Lettland zu erw�hnen, die einen Teil des anhaltenden Wirtschaftsaufschwungs "aufzufressen" droht, und ermahnte alle politischen Parteien vor "Ultrapatriotismus" und allzu extremistischen Forderungen.
Ratifiziert hat Lettland nun die EU-Konvention zum Schutze nationaler Minderheiten. Vike-Freiberga ermutigte die lettischen Politiker, die sich bis zum Schlu� um diese Entscheidung gestritten hatten (13 Stunden wurde diskutiert, einige blieben dann einfach der Schlu�abstimmung fern), dass dieser Schritt langfristig positive Wirkungen haben werde.
Die Entscheidung wurde mit der Wahrung von zwei Vorbehalten getroffen: Lettisch wird einzige Amtssprache in Lettland bleiben, und in staatlichen Institutionen wird ebenfalls die vorherrschende Stellung des Lettischen festgeschrieben.

11. Juni 2005


"vergifte Dich nicht selbst" - so der Slogan des Aufrufs gegen die illegalen Alkoholh�ndler in Lettland
Ungew�hnliche Methoden gegen Trunksucht in Lettland

In Schweden geht der Kunde ins "Systembolaget", in Deutschland zu sp�ter Stunde vielleicht noch zum Kiosk an der Ecke. Und in Lettland?
In der Sowjetzeit hatte man sich an die Mangelwirtschaft gew�hnt. Die drei bis vier Sorten Hochprozentiges, die in jeder Eckkneipe zu haben waren ("Napoleon Brandy", oder nat�rlich der bekannte "schwarze Balsam"), das bremste nat�rlich nicht den Drang, auch andere Sorten probieren zu wollen. Wo gab es diese? Aus Sowjetzeiten noch bekannt, und heute offensichtlich immer noch in Gebrauch, ist da das beliebte Codewort "to?ka". Es stammt aus dem Russischen, und heisst eigentlich nichts anderes als "Punkt", aber in diesem Fall ist eben ein ganz besonderer Ort gemeint. Solche "to?kas", meist in Privatwohnungen unterhalten, stellen nichts anderes als illegale Alkoholverkaufststellen dar - ohne Kaufbeleg und Mehrwertsteuer, selbstverst�ndlich. Und wenn sie vor einigen Jahren noch dazu da waren, auf unkomplizierte Weise, und zu jeder erdenklichen Tages- und Nachtzeit �berhaupt die wirklich nachgefragten Sorten Wodka, Cognac oder auch Wein zu bekommen, so umgehen sie heute nat�rlich einerseits die stark angestiegenen offiziellen Verkaufspreise, und andererseits Verbote wie in der Stadt Riga, wo nach 22.00 Uhr kein Laden mehr Alkohol verkaufen darf.

Nun gibt es eine Gegenbewegung. Eine Kampagne "Vergifte Dich nicht selbst" wurde von der Tageszeitung "Latvijas Avize" gestartet. "Melden Sie uns die Adressen der illegalen To?kas," so rief die Zeitung ihre Leserinnen und Leser auf. Und, siehe da: diese besondere Art der "Nachbarschaftshilfe scheint zu funktionieren. Bis zum 10.Juni 2005 gingen bereits 670 Briefe aus dem ganzen Land ein, so res�mierte die Zeitung in ihrer Ausgabe am 11.Juni. Allerdings werden nun den Lesern auch ein paar andere Vermutungen vermittelt. Die meisten illegalen Alkoholh�ndler werden nat�rlich in Riga vermutet, so der Journalist Ervins Cirulis, der Autor des Aufrufs. Diese Zahl habe man von der Rigaer Polizei erhalten. Demgegen�ber habe man aber erst 42 konkrete Meldungen zu "to?kas" von dort zugeschickt bekommen. Halten also Rigas Alkohol-Verkoster eng zusammen? Oder sind es russische H�ndler, die andere Tageszeitungen lesen?

Die gro�e Mehrzahl der "Meldungen" gehen aus den Kleinst�dten und aus kleinen Ortschaften Lettlands bei der Zeitung ein. Ob dies daran liege, dass hier eben jeder jeden kenne, und welche Region in dieser Statistik die F�hrung �bernimmt, das will Cirulis seinen Lesern bisher nicht verraten. Die "Ankl�ger" selbst beschweren sich teilweise heftig: die illegalen Verkaufsstellen seien sowohl der �rtlichen Polizei, als auch der Verwaltung gut bekannt. Ja, einige beschreiben sogar, dass die Amtspersonen selbst dort "einkaufen" w�rden. Gleichzeitig ist gerade auf dem Lande bekannt, dass �berm��iger Alkoholgenu� gerade hier ein gro�es Problem in vielen Familien darstellt - besonders, was die M�nner angeht. Ob alte Leute ihre karge Rente f�r ein "Fl�schchen" verwenden, oder Arbeitslose ihre "St�tze" - die folgen der Sucht betreffen viele.

Aber damit nicht genug. Ausser den illegalen H�ndlern gibt es auch diejenigen, die entweder selbst gebrannte Marken unklarer Qualit�t verkaufen, oder auch schon mal eine Flasche "echten" mit reinem Wasser vermischen, und so die g�nstigen Verkaufspreise erreichen. Es hat auch gelegentlich schon F�lle gegeben, wo Stra�enh�ndler gesundheitsgef�hrdende Ware verkauft haben - teilweise mit Todesfolge f�r die Konsumenten.

Es bedarf also einiges an "Vertrauen" in die "to?kas". Ob die "Latvijas Avize" mit ihrer Aktion etwas erreichen kann - das bleibt vorerst unklar. Am 11.Juni jedenfalls wurde den Lesern mitgeteilt, man werde eine komplette Liste mit den erhaltenen Hinweisen dem lettischen Innenministerium �berreichen - aber erst nach den Feiern zu Mittsommer (23.Juni), der lettischen "f�nften Jahreszeit", die ebenfalls im ganzen Land nicht gerade durch besonderes Abstinenzverhalten der Letten bekannt ist.

6. Juni 2005

Geh doch zu den Briten!

Anwerbung lettischer Arbeiter für Großbritannien: Betrug an EU-Neubürgern?


Anwerbung für Bau-Hilfskräfte in Riga: "Rufen Sie an, wir haben Arbeit für Sie" - so versprechen es die Großplakate mit englischem Absender.

"Zwei Tage musste ich auf der Straße schlafen" - so schildert es der lettische Student Atis C., der lettischen Tageszeitung "Latvijas Avize" in der Ausgabe vom 4.Juni 2005. Atis ist 20 Jahre alt und Student des 2.Semesters in Riga. Wie so viele, muss er sich sein Auskommen mit Jobs bestreiten. Doch warum arbeiten Letten in Gro�britannien? Viele Deutsche malen sich aus, in Osteuropa würde der Hunger grassieren und es gäbe überhaupt keine Arbeit. - Für den "Mann auf der Straße" in Lettland sieht die Perspektive völlig anders aus: Die meisten sind es gewohnt, sich mit mehreren Jobs über Wasser halten zu müssen. Nur wenige verdienen so viel, dass eine einzige Tätigkeit einen bequemen und langfristigen Lebensunterhalt garantiert.
Arbeit gibt es genug in Lettland. Die Bauwirtschaft boomt - gerade in Riga schiessen beinahe alltäglich neue Bauten in die Höhe. Doch "good old Britain" lässt sich nicht lumpen: mit Großplakaten an Bushaltestellen und an Häuserwänden wirbt man um lettische Gastarbeiter - eine Vorgehensweise, die in Deutschland undenkbar scheint.

Doch in vielen Fällen scheint es ein schnelles Geschäft mit den Träumen junger EU-Neubürger zu sein. "Der angebotene Arbeitvertrag erschien vielversprechend", erzählt Atis in der 'Latvijas Avize". "Ich habe mich bei der in Riga gegistrierten Firma EIROPAS EXPERTI gemeldet. Es wurde 1200 Lat als Monatslohn angeboten. Und plötzlich ein Anruf: Es muss ganz schnell gehen, es ist ein Platz frei geworden in einer Eiscreme-Fabrik in England. Und im Arbeitsvertrag stand sogar, dass man das Recht auf einen anderen Arbeitsplatz habe, falls sich das Angebot als nicht zufriedenstellend erweisen sollte."

Die angebotenen 800 Euro (umgerechnet) stellen immerhin etwa das doppelte des Lohnes dar, was ein voll ausgebildeter Arbeiter in Lettland durchschnittlich monatlich verdienen kann. Atis lieh sich Geld von seinen Eltern für die Reise und auf ging's ins Tony-Blair-Land.

"Als ich in England ankam, war es von Anfang an ziemlich verdächtig, was dort vorging," erzählt Atis heute von seinen Erfahrungen. Erst nach langem Warten nahm ihn ein Mann in Empfang, der ihn dann zu einer 36-qm-Wohnung führte, in der fünf Menschen untergebracht werden sollten. Als Atis der Arbeitsvertrag vorgelegt wurde, gab es plötzlich keine Zeit mehr, sich diesen überhaupt sorgfältig durchzulesen. "Ab diesem Moment begann ich zu verstehen, dass hier nichts Gutes zu erwarten war," so Atis heute, "es war nur irgendeine Vermittlerfirma, mit der ich es zu tun hatte. Ich rief die Firma in Lettland an, die mir die Zusagen gemacht hatte. Schon am nächsten Tag wurde ich in England von der Firma einfach auf die Straße gesetzt!"

Atis musste sich zwei Tage auf englischen Strassen herumtreiben, bis ein barmherziger Brite ihn für ein paar Tage privat aufnahm. Ein neuer Job wurde ihm durch EIROPAS EXPERTI nicht angeboten. "Meine einzige Rettung war, dass ich etwas Englisch spreche, und ich mir nach einigen Tagen selbst eine andere Arbeit suchen konnte," so Atis heute.

Die lettische Zeitung "Latvijas Avize" interessierte sich für die Sache, und rief bei EIROPAS EXPERTI in Riga an. Telefonische Auskunft gab der Chef der Firma, Maris Sergejenko, so "Latvijas Avize" in der Ausgabe vom 4.Juni 2005. "Maris erklärte uns: Atis ist selbst schuld. Er hat sich mit seinem englischen Firmenchef angelegt - und als er in England auf andere Letten traf, da merkte er wohl, dass es anderswo mehr zu verdienen gab." Danach gefragt, warum Atis aber ein anderes Arbeitsangebot verweigert worden sei - da legte der Chef der "Europa-Experten" einfach den Hörer auf.

Als Konsequenz aus solchen Zuständen, und als Warnung an zukünftige interessierte Jobsucher, veröffentlichte Atis seine dringendsten Ratschläge ebenfalls in der gleichen Ausgabe der lettischen Zeitung.
1) wenn Du die Landessprache nicht beherrscht, wirst du niemals Dich bei Problemen selbst behelfen können
2) nimm Dein Mobiltelefon mit, und suche Dir Möglichkeiten über öffentlich zugängliche Internetstellen Dich mit Angehörigen zu Hause in Verbindung zu setzen
3) nimm Verpflegung für mindestens die ersten zwei Wochen mit
4) nimm Deine Kreditkarte mit (wenn Du eine besitzt), denn so kannst Du ohne Wechselgebühr an Geld kommen
5) rede mit den Menschen am Arbeitsort, erfrage die Dinge, die Du nicht verstehst
6) Nimm den Arbeitsvertrag, den Du in Lettland bekommen und unterschrieben hast, auf jeden Fall in Kopie zum Arbeitsort mit

(Informationen aus LATVIJAS AVIZE vom 4.Juni 2005 - eigene Übersetzung)

1. Mai 2005

Keine Verlage, nirgends?

Die Diskussion um Sandra Kalnietes Buch "Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee" (siehe auch vorangegangene Beiträge "mit Ballschuhen für Lettland" und "Lösung vor der Endlösung?" ) zeigt erneut, wie schwierig es ist, ein gleiches Diskussionsniveau in der deutschen und lettischen Öffentlichkeit zu erreichen.
Dagegen hat sich die jahrelang eingeübte Arbeit sowjetisch geprägter russischer Interessengruppen offensichtlich gelohnt: deren Sicht auf die "ehemaligen Sowjetrepubliken" wird weiterhin von vielen West-Medien eifrig übernommen. Es gilt als pauschal hoch-ehrenhaft, sich als Antifaschist auszugeben - eigentlich völlig zurecht. Aber was sich alles im rechten Spektrum Russlands hinter diesem Schlagwort versteckt - da schauen viele Westeuropäer dann nicht mehr so genau hin. Eine der Folgen ist es, dass auch die Okkupation Estlands, Lettlands und Litauens in der Diskussion mit den "russischen Freunden" nicht auftaucht - ganz in der Tradition der "deutsch-sowjetischen Freundschaft".

Diese andauernden Schwierigkeiten der lettischen Seite birgt mehrere Gefahren. Eine davon ist sicher, dass das Verständnis für lettische Interessen von nationalkonservativer und rechtsradikaler Seite in Deutschland völlig vereinnahmt wird. Das Argument ist eigentlich klar: dort, wo geschichtliche Tatsachen früher oder später für sich sprechen werden, hoffen wohl einige deutsche Rechtsaussen, endlich aus der "Schmuddelecke" herauszukommen und die Wasser auf die eigenen Mühlen lenken zu können.

Wer aus Lettland die Diskussion in der deutschen Öffentlichkeit verfolgt, zieht aus den in der Presse nachzulesenden Vorgängen oft ebenfalls leichtfertig falsche Schlüsse. Wie kann einem Buch (eben das von Kalniete), das sich ehrlich darum bemüht, eine für Tausende von Letten schreckliche Erfahrung mit einem aufgezwungenen Regime in den Jahren nach dem 2.Weltkrieg zu schildern, vorgeworfen werden es wolle Lettland "reinwaschen" von einer möglichen Mitschuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus?
Vielleicht hat der Autor der Buchrezension in DIE WELT auch weniger den Inhalt des Buches bezweifeln wollen, als die Absichten des deutschen Verlags. Kalnietes Buch erschien 2005 im Münchener Herbig-Verlag, der zur Verlagsgruppe Langen-Müller gehört. Eigentümer ist der 77-jährige Herbert Fleissner, dessen langjährige Kontakte zur rechtsradikalen Szene verschiedene Veröffentlichungen verursachten und viele Dutzend Seiten im deutschsprachigen Internet fällen. Die meisten dieser Belege scheinen plausibel und eindeutig, zumal sich Fleissner selbst nur sehr selten gegen derlei Vorwürfe wehrt. Mehrfach erscheinen Bücher rechtsradikaler Färbung in einem der 28 Einzelverlage von Fleissners Verlagsimperium. Bereits 1965 erregt Fleissner Aufsehen, als der rechtsradikale Verleger Gerhard Frey die massenhafte Ermordung von Juden in Auschwitz leugnet - und Fleissner sich gegen ein Vorgehen zuungunsten von Frey aussprach.
Am 1. Januar 1997 kam in Fleissners Herbig Verlagsgesellschaft erstmals das zweimonatlich erscheinende Blatt "Deutsch Russische Zeitung" heraus. Die Autoren sind vor allem Schreiber in der rechtsradikalen Zeitung "Jungen Freiheit". Selbst dagegen, die "Junge Freiheit" überhaupt als rechtsradikal zu bezeichnen, wandte sich Fleissner als Mitunterzeichner eines öffentlichen Aufrufs.
Dem entsprechend wird die deutsche Linke nicht müde, weitere Beispiele für die Verknüpfung von Fleissner mit der rechtsradikalen Szene anzuführen, wie etwa seine Mitgliedschaft im Präsidium des rechtsradikalen Witikobundes, sein Engagement bei den Vertriebenenverbänden, und seine Verantwortung für Veröffentlichungen von rechtsradikalen Autoren wie des Ausschwitz-Leugners David Irving und der "SS-Memoiren" Franz Schönhubers.

Soviel also zum Hintergrund der Diskussion um das Kalniete-Buch in Deutschland. Beim Stichwort "Herbig-Verlag" wird die deutsche Buchszene eben aus anderen Gründen nervös, als dass es nur um den Inhalt des Buches gehen k�nnte. Welche Schlüsse müssen daraus gezogen werden?
Erstens: es besteht kein Hinderungsgrund, sich mit der Geschichte Lettlands nicht ernsthaft zu befassen - auch wenn es mal den im Westen bekannten Schablonen widerspricht.
Zweitens: Wer Quellenstudium betreiben will, möge die lettische Originalfassung lesen, oder die sonstigen Schriften von Sandra Kalniete. Die Autorin steht sicherlich auch Interviewanfragen offen gegenüber, zudem gibt es noch einige andere lettische Autoren zum gleichen Thema; also, liebe deutsche Verleger: schaffte noch viele eigene Werke zum selben Thema!Drittens: Sandra Kalniete arbeitet gegenwärtig an einem Buch über lettische Aussenpolitik. Eine weitere Chance für deutsche Verlage, ein interessantes Werk in eigener Verantwortung herauszugeben!
Und zu guter letzt: Jeder Verherrlichung oder Verniedlichung von Nazi-Untaten ist entschieden entgegenzutreten! Auch die Begünstigung eines neuen Aufkommens von Antisemitismus hat mit einer kritischen Aufarbeitung der Geschichte Lettlands nicht das Geringste zu tun!

Soviel werden wir dem gemeinsamen Wunsch "nie wieder Krieg" doch wohl schuldig sein?

28. April 2005

(zum Beitrag "Keine Gesellen, nirgends," in: Die Welt, 16.04.2005 - als Brief an die Redaktion). Siehe auch: "In Ballschuhen für Lettland" auf dieser Seite.


Beitrag von Prof. Dr. Valters Nollendorfs, Mitglied der Historikerkommission Lettlands
Lösung vor der Endlösung?

Wenn es auf kollektive Verantwortung ankommt, sollte man vorsichtiger vorgehen, als es Ihr Rezensent Michael Wolffsohn tut ("Keine Gesellen, nirgends," Die Welt, 16.04.2005.). Sandra Kalniete hat recht getan, mit einem Mythos aufzuräumen, der - von den Nazis in die Welt gesetzt, von den Kommunisten später eifrig weiter propagiert wurde - dass die Osteuropäer, darunter die Letten, den Holocaust ohne deutsche Teilnahme selber ausgelöst hätten. Leider geistert diese Vorstellung und Anschuldigung noch immer in der Historiographie und noch mehr in der Mythographie.

Die neueste historische Forschung, die nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit auch in Lettland schonungslos durchgeführt wird, zeigt ein anderes Bild. Dass es lettische Gesellen gegeben hat, die am Holocaust teilgenommen haben, steht ausser Frage, und es werden immer mehr Details über die Holocaust-Ereignisse und ihre Ursachen in der zweiten Jahreshälfte 1941 entdeckt. Ausser Frage steht aber auch, dass diese Gesellen wirklich die Rolle der Gesellen spielten und dass der Holocaust im Osten von den Nazis nicht nur geplant, sondern auch geleitet wurde und zwar so, dass der Eindruck entstehen sollte, die Einheimischen hätten das Morden selber ausgelöst.

Dies scheint auch die ursprüngliche Absicht gewesen zu sein, als am 29. Mai 1941 eine hochrangige Sitzung im Aussenpolitischen Amt, also vor dem Angriff, folgerte : "Dass die Juden selbstverständlich von uns als Hauptschuldige hingestellt werden, wird sicher von der gesamten Bevölkerung [der besetzten Länder] begrüsst werden. Die Judenfrage kann zu einem erheblichen Teil dadurch gelöst werden, dass man der Bevölkerung einige Zeit nach Inbesitznahme des Landes freie Hand lässt" (AA, R 105193).

Einen Monat später am 29.06. und 02.07.1941 gab Reinhard Heydrich Anweisungen an die Leiter der Einsatzgruppen, aus denen schon ein gezielter zynischer Plan hervorgeht: "Den Selbstreinigungsbestrebungen antikommunistischer und antijüdischer Kreise in den neu zu besetzenden Gebieten ist kein Hindernis zu bereiten. Sie sind im Gegenteil, allerdings spurenlos auszulösen, zu intensivieren wenn erforderlich und in die richtigen Bahnen zu lenken, ohne dass sich diese örtlichen "Selbstschutzkreise" später auf Anordnungen oder auf gegebene politische Zusicherungen berufen können. Da ein solches Vorgehen nur innerhalb der ersten Zeit der militärischen Besetzung [...] möglich ist, haben die Einsatzgruppen- und kommandos [...] raschestens in die neu besetzten Gebiete wenigstens mit einem Vorkommando einzurücken, damit sie das Erforderliche veranlassen können" (zitiert nach Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Die Tätigkeits- und Lageberichte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD, Hrsg. P. Klein, Berlin, 1997, S. 319, meine Hervorhebungen).
Dass es mehr "Auslösung" und "Veranlassung" als "Selbstreinigung" war, ist in den Geheimberichten des Kommandanten der Einsatzgruppe A Walter Stahlecker nachzulesen: "Nach dem Terror der jüdisch-bolschewistischen Herrschaft [...] wäre ein umfassendes Pogrom der Bevölkerung zu erwarten gewesen. Tatsächlich wurden jedoch durch einheimische Kräfte nur einige tausend Juden aus eigenem Antrieb beseitigt. Es war notwendig, in Lettland unter Sonderkommandos, unter Mithilfe ausgesuchter Kräfte der lettischen Hilfspolizei (meist Angehörige verschleppter oder ermordeter Letten) umfangreiche Säuberungsaktionen durchgeführt" (zitiert nach Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem internationalen Kriegsgerichtshof, Nürnberg, 14. November 1945 / 1. Oktober 1946, Bd. 30, Nürnberg, 1948, Dok. 2273-PS, meine Hervorhebungen).

Das sind Dokumente, die längst zugänglich aber unbeachtet geblieben sind und ein klares Bild aufzeigen. Ich bin einem Artikel des Historikers Dr. Karlis Kangeris, Universität Stockholm, verpflichtet, in dem diese Dokumente aufgeführt werden. Demnach war es also schon vor Kriegsanfang vorgesehen, im Osten massenweise Judenmord auszulösen und die Schuld den Einheimischen zuzuschieben. Es waren dabei nicht nur die SD-Einsatzkommandos, sondern auch die Wehrmacht in dieses Vorgehen eingeweiht und zur Durchführung verpflichtet. Zu diesem Zweck wurden lettische Männer bei den Exekutionen fotografiert. Zitate, die das Gegenteil behaupten, stammen zum Teil von überlebenden Opfern, die hinter den Tätern die Dratzieher nicht sehen konnten, zum Teil von uneingeweihten zufälligen Beobachtern oder aber von Leuten, die gezielt im Sinne des Nazi-Vorhabens Desinformation verbreiteten, einschließlich Hitler selbst (im Gespräch mit dem kroatischen General Kvaternik am 22.07.1941.). Aus diesen Kreisen stammt auch das verwandte Gerücht, dass die Letten und Ukrainer für das Morden besser geeignet gewesen seien als die Deutschen.

Die zahlreichen neuesten, von der Historikerkommission Lettlands beauftragten historischen Untersuchungen zum Holocaust im besetzten Lettland, ergeben ein klares Bild und bestätigen somit die oben zitierten Dokumente: (1) Es gab kein nennenswertes Interregnum zwischen der Flucht der Roten Armee und dem Einmarsch der Wehrmacht. Die lettischen Partisanen waren vor allem an Verhaftung von kommunistischen Machthabern und Verfolgung der sowjetischen Soldaten interessiert. Es gibt keine Beweise, dass sie während dieser Zeit jüdische Mitbürger verfolgt oder ermordet hätten. (2) Die ersten Judenmorde wurden von Mitgliedern der Einsatzgruppe A verübt. "Mithilfe ausgesuchter Kräfte" zu diesem Zweck fing erst nach dem Einmarsch der Wehrmacht und der "raschestens" folgenden Einsatzgruppe A an, die "das Erforderliche veranlasste." Fast alle Judenmorde waren geplant und wurden unter kontrollierten Zuständen und Trotz hetzerischer antijüdischer Propaganda nicht "ausufernd" und "eigenmächtig" durchgeführt, wie aus dem vom Rezensenten angeführten Zitat Raul Hilbergs hervorzugehen scheint.

Damit wird die Teilnahme von Letten an der Durchführung von NS-Judenvernichtungsplänen weder geleugnet noch gerechtfertigt. Es gab Gesellen. Es gab vor dem Holocaust, wie allerorts, auch in Lettland gewissen Antisemitismus, aber weder "breit" noch "tief" - woher weiss es der Rezensent? Es gab im unbhängigen Lettland keine Pogrome und keine Ghettos. Es gab diverse jüdische Minderheitenschulen. Die nationalistische antisemitische Organisation Perkonkrusts war verboten. Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs durften sogar einige tausend Juden aus Deutschland in Lettland zuflucht finden. Seit dem 17.6.1940 gab es aber keine lettische Staatsmacht mehr, die hätte eingreifen können. Schon deshalb ist die bereits von den Nazis praktizierte Zuschiebung kollektiver Verantwortung entschieden abzulehnen. Diese wurde aber, wie Sandra Kalniete in ihrem Buch richtig beschreibt, später von den Kommunisten als ein Mittel der Einschüchterung und Unterdrückung eingesetzt und weltweit verbreitet. Nicht nur. Man braucht noch immer nur einige russische Internet-Seiten zu besichtigen, um die Verbindung Letten-Faschismus-Nazismus explizit dargestellt zu sehen und lesen.

Jahrzehntelang war es dem lettischen Volk verwehrt, die Wahrheit zu erforschen und sich den Verleumdungen zu widersetzen. Heute kann man mit Sicherheit behaupten: ohne die Nazis hätte es keinen Holocaust in Lettland gegeben. Weiterhin: ohne die erste kommunistische Besatzung hätten die Nazis höchstwahrscheinlich auch keine Helfershelfer gefunden. Und: ohne die zweite kommunistische Besatzung hätte man nicht 50 Jahre warten müssen, bis die Tatsachen ans Tagelicht kommen.

Der größte Massenermord auf lettischem Boden fand am 30.November und 8. Dezember 1941 statt. Die Erschießungen in Rumbula von etwa 25 000 Juden des Rigaer Ghettos leitete und überwachte Friedrich Jeckeln, der Höhere SS- und Polizeiführer im Ostland, in Anwesenheit mehrerer hoher Nazi-Beamten, als Meister persönlich die Exekutionen und statuierte somit den Gesellen ein Exempel, indem seine 10-12 SS-Männer an zwei Tagen fast mehr Leute umbrachten, als die Gesellen es in zwei Monaten der ersten Ermordungswelle es geschafft hatten. (Andrew Ezergailis, The Holocaust in Latvia 1941-1944, Riga, 1996, S. 239-70, Kalniete, 93-95).

Die berühmte Wannsee Endlösungs-Konferenz fand am 20. Januar 1942 statt. Die "Judenfrage" in Lettland war schon einen Monat davor "gelöst." Von etwa 90 000 lettischen Juden waren 65-70 000 tot.

27. April 2005

In Ballschuhen für Lettland

Sandra Kalniete war ehemals lettische Botschafterin in Frankreich, dann Aussenministerin, und kurzzeitig designierte erste EU-Kommissarin Lettlands - bis im Spätsommer 2004 ein in Lettland neu ins Amt gekommener Interims-Regierungschef eine andere Kandidatin bevorzugte. Unter den Letten in der ganzen Welt ist Kalniete bekannt - nicht unbedingt wegen ihrer politischen Tätigkeit (sie kam übrigens ins Amt der Aussenministerin, ohne einer Partei anzugehören), sondern wegen einem Erinnerungsbuch. In den 90er Jahren hat sie die Geschichte ihrer Familie zusammengetragen. "Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee" (in der deutschen Fassung kürzlich beim Herbig-Verlag erschienen), thematisiert die Geschichte der Familie Kalniete, vor allem der Gro�eltern und der Eltern der Autorin. Damit berührt die Autorin die lettische Seele - denn Tausende Letten haben Ähnliches erlebt.Wie schmerzvoll diese Aufarbeitung war, und welch große Wissenslücken wohl im europäischen Westen über die Schrecken des stalinistischen Terrors wohl noch bestehen, zeigen die Reaktionen auch von Vertretern der deutschen Medienlandschaft. Dort sieht man vor allem die Erinnerung an die Schrecken des Holocaust gefährdet - vielleicht auch zurecht. Dass man aber, vielleicht aus innenpolitischen Ängsten heraus (denn neue Nazis will natürlich niemand haben, auch wir Lettland-Freunde nicht!!), dann gleich die sehr ehrlich gemeinte Aufarbeitung der in Lettland selbst erlebten vielen anderen Schrecklichkeiten gleich mal mit denuziert und abqualifiziert, das wirkt zumindest hochmütig und unangemessen.

So meinte Prof. Dr. Wolffsohn kürzlich in einem Beitrag in der WELT, Kalniete wolle mit ihrem Buch "Lettland reinwaschen". Auch er schafft es, auf den hauptsächlichen Inhalt des Buches mit kaum einem Wort einzugehen. Wieder andere seiner Journalistenkollegen schreiben immer wieder den einen Satz, der Salomon Korn zugeschrieben wird, als er anläßlich der Buchpräsentation auf der Buchmesse Leipzig 2004 den Saal verliess: "eine Gleichsetzung von nazionalistischen und stalinistischen Verbrechen ist unerträglich". In Kalniete's Orgininaltext dagegen ist tatsächlich der Satz über die lettischen Opfer des Stalinismus zu finden: "Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erhielten die Forscher einen Zugang zu den archivierten Dokumenten und Lebensgeschichten dieser Opfer. Diese belegen, daß beide totalitäre Regime - Nazismus und Kommunismus - gleich kriminell waren."

Es scheint "populär" in gewissen Kreisen zu sein, nun diese These vom "gleich kriminellen" Charakter immer wieder als Beleg für neue rechte Tendenzen zu nehmen. Ist denn aber damit nicht einfach erstmal ausgesprochen, dass der Stalinismus, und damit das, was damals im Namen der Sowjetunion angerichtet wurde, "gleichartig kriminell" anzusehen sind?
Oh, wunder, wer das nicht akzeptieren kann, und dann - an den Inhalten eines ganzen Buches vorbei - eben NICHT auch mal etwas zu sibirischen Straflagern sagen mag (und dem dazu gehörigen menschenverachtenden System). Noch wird eben von der westeuropäischen Intelligenz kaum erkannt, in welcher Lage die Menschen in den baltischen Staaten damals waren. Das hat Auswirkungen: Erst heute (am Mittwoch, dem 27.4.05) äusserte der ehemalige CDU-Minister Eggert (Sachsen) in einer Diskussion über die EU-Erweiterung im Deutschlandradio: "Ich habe Litauen und Lettland besucht. Die Menschen dort reden nur noch Englisch, sie haben ihre eigenen Sprachen fast verlernt." (!!) Hurra, Herr Eggert, auch Sie haben noch nicht gemerkt, welche Kulturen und Völker da eigentlich der EU beigetreten sind! Dermaßen in die Irre geführt, fühlen sich dann auch die Deutschen vor den berufsmässigen Anti-Nazis erschreckt, die mit dem hoch erhobenen Finger auf die Letten (und ihre Nachbarn) zeigen!

Bei vielen Verlegern und Publizisten würden übrigens solche "Rezensionen" gar nicht angenommen - Thema verfehlt (würde der Rezensent nicht Wolffsohn heissen!)
Und noch dazu: der berechtigten Notwendigkeit einer Holocaust-Aufarbeitung auch IN LETTLAND Schaden zugefügt, Herr Wolffsohn - denn auf diese Art und Weise gewinnen Sie keinerlei Glaubwürdigkeit bei den Menschen dort. Aber das wollen Sie wohl auch gar nicht, und bedienen lieber, wie gesagt, die eigene innenpolitische Klientel.

Matthias Knoll, der Übersetzer des Kalniete-Buches, hat auf die Wolffsohn-Rezension reagiert. Im Folgende die Wiedergabe seiner Erwiderung, nachzulesen auf www.literatur.lv:
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Einige Anmerkungen zu dem Artikel Keine Gesellen, nirgends von Michael Wolffsohn in der Welt vom 16. 4. 2005
(Rezension des Buches
Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee von Sandra Kalniete)

1. Absatz
1. Sandra Kalniete wurde nicht im Gulag geboren. Nur die Oberhäupter der deportierten Familien wurden in Gulag-Lager interniert, Frauen und Kinder hingegen ohne Unterkunft, Verpflegung und Winterkleidung in sogenannten "Sonderansiedlungen" (zu Zarenzeiten "Verbannung" genannt) ausgesetzt (vgl. "Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee",
S. 9 bzw. Leseprobe bei
http://www.literatur.lv/archiv/frisch03.htm).2. Nicht Sandra Kalnietes Eltern sind 1941 deportiert worden, sondern nur ihre Mutter Ligita. Ihr Vater Aivars wurde 1949 deportiert (vgl. "Mit Ballschuhen ...",
S. 8 bzw. Leseprobe bei
http://www.literatur.lv/archiv/frisch03.htm).(In der Tat finden sich diese beiden Ungenauigkeiten nicht nur in Michael Wolffsohns Rezension, sondern auch auf dem Klappentext des im Herbig Verlag erschienenen Buches von Sandra Kalniete.)
3. J?nis Dreifelds, seine Frau Emilija und seine Tochter Ligita wurden nicht deportiert, weil sie "eher Balten als Sowjetbürger sein wollten". J?nis Dreifelds war vollkommen unpolitisch und gewillt, sich mit den Sowjets zu arrangieren (vgl. "Mit Ballschuhen ...", S. 37-39).
4. Der Oberbegriff "Balten" ist zwiespältig. Die Deutschbalten wollen ihn ausschließlich auf sich selber angewendet wissen (vgl. Bergengruen, von Vegesack u. a.). Esten definieren sich gemeinhin als Esten, Letten als Letten und Litauer als Litauer - auch und vor allem wegen der sehr unterschiedlichen historischen Erfahrungen dieser Länder.
5. Für die Sowjets waren Balten nicht nur Feinde, "sofern sie nach nationaler Selbstbestimmung strebten", sondern auch dann, wenn sie der wirtschaftlichen Mittel- oder Oberschicht angehörten, Intellektuelle waren, aufgrund von Denunziation auf einer der Deportationslisten standen - oder zufällig greifbar waren, wennn man zur Deportation vorgesehener Personen nicht habhaft werden konnte. Wie später die Erfüllung des 5-Jahresplans, stand auch hier die quantitative Erfüllung der "Norm" an erster Stelle (vgl. "Mit Ballschuhen ...", S. 166 ff.).

2. Absatz
1. Emilija Dreifelde starb nicht "an den Folgen der Zwangsarbeit", sondern aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen in der Sonderansiedlung (vgl. "Mit Ballschuhen ...", S. 166 ff.).
2. Keineswegs galten die Letten "den Nazi-Ideologen als "dumme Bauern"". Mit der Beobachtung und Einschätzung der verschiedenen Gruppierungen innerhalb der lettischen Bevölkerung nahmen es die Gebietskommissare und Regierungsräte der Nazis sehr genau (vgl. entsprechende Berichte im Lettischen Historischen Staatsarchiv/LVVA, Fonds P-1018, Aktenverz. 1, Akte 2). So schreibt z. B. der Gebietskommissar in Mitau, SA-Standartenführer v. Medem, am 12. 8. 1941: "[...] Das entscheidende Mittel zur Erledigung jeder lettischen Staatsbestrebung ist: Die lettischen Kreise, denen man noch lettische Selbstverwaltung unter deutscher Aufsicht zubilligen kann, dürfen mit keiner lettischen Zentralstelle in Riga mehr verkehren, sondern sind in allem und jedem unterstellt dem deutschen Gebietskommissar, der über sie etwa die Tätigkeit eines russischen Gouverneurs vor 1914 ausübt. [...]" (Lettisches Historisches Staatsarchiv/LVVA, Fonds P-1018, Aktenverz. 1, Akte 2, Blatt 25).

Weiterhin waren die Männer im wehrfähigen Alter für die Nazis als Kanonenfutter von Bedeutung; so befahl Hitler am 10. Februar 1943 die Aufstellung einer "Lettischen SS-Freiwilligen-Legion", die aus völkerrechtlichen Gründen (Haager Konvention von 1907) der Waffen-SS unterstellt wurde. Aus dem Datum des Befehls geht übrigens hervor, daß lettische Angehörige der Waffen-SS nicht an den Massakern an Juden im Jahre 1941 beteiligt gewesen sein können, wie vielfach behauptet wird. Die von russischen und westlichen Medien zitierten "SS-Veteranen" - kein "dummer Bauer" war jemals Mitglied der SS-Eliteorganisation! -, die am 16. März zum Gedenken an die während verlustreicher Gefechte im März 1944 am Fluß Welikaja gefallenen Legionäre am Freiheitsdenkmal in Riga Blumen niederzulegen pflegen, haben sich niemals an Operationen gegen Zivilisten oder Juden beteiligt, sondern wurden ausschließlich an der Ostfront eingesetzt (vgl. "Mit Ballschuhen ...", S. 103 f. sowie Anm. 126 u. 127). Am 1. 8. 1943 schreibt der Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD Lettland in seinem Bericht: "Immerhin wirkt die [...] deutschfeindliche Propaganda der chauvinistischen Kreise doch noch erheblich nach, vor allem gerade auch in Kreisen der lettischen [Waffen-]SS-Legionäre und der Selbstschutzorganisationen. Hier wird - insbesondere in Offizierskreisen - die Notwendigkeit eines Schutzes des Landes auch vor den Deutschen im Falle eines Rückzugs der Deutschen oft erörtert. Es ist auffällig, daß [...] sich bei den in der Heimat in Ausbildung befindlichen Einheiten - vornehmlich im Offizierskorps - eine kraß nationalistische Einstellung und Ablehnung alles Deutschen immer stärker bemerkbar macht." (Lettisches Historisches Staatsarchiv/LVVA, Fonds P-1018, Aktenverz. 1, Akte 2, Blatt 180). Nichtsdestotrotz sahen sich die deutschen Befehlshaber veranlaßt, zur Motivierung der per Einberufungsbefehl eingezogenen Freiwilligen u. a. die Wiederherstellung eines unabh�ngigen Lettland zu versprechen (vgl. "Mit Ballschuhen ...", Anm. 125 u. 130).

3. Absatz
1. Sandra war nicht sieben (wie es auch im Klappentext des Buches fälschlich heißt), sondern viereinhalb Jahre alt, als ihre Eltern mit ihr nach Lettland zurückkehren durften (vgl. "Mit Ballschuhen ...", S. 9 bzw. Leseprobe bei
http://www.literatur.lv/archiv/frisch03.htm u. S. 302).
2. Sandra Kalniete war nicht "Botschafterin in mehreren Staaten", sondern in Frankreich und bei der UNESCO.

4. Absatz
1. "[...] stilistisch und kompositorisch eher unbeholfen, schwülstig, gefühlsüberfrachtet, selten analytisch": Diese Be- oder Verurteilung des Buches ist ohne jedes Beispiel - also keineswegs analytisch, sondern eher unbeholfen - in den Raum gestellt. An dieser Stelle fehlt der Rezension genau das, was sie zu einer Rezension machen würde (immerhin ist der Beitrag in der Rubrik "Literarische Welt" erschienen).
2. Kalnietes Buch ist in ihrer Heimat keine "innenpolitische Visitenkarte", sondern ein sehr persönlicher Versuch, sich von drei ihrer Großeltern, die kennenzulernen ihr infolge des sowjetischen Unrechtssystems nicht vergönnt war, ein Bild zu machen. Der Erfolg des Buches liegt darin begründet, daß fast jeder Lette in ihm das Schicksal seiner eigenen Familie exemplarisch erkennen kann.

7. Absatz
Wolffsohn behauptet, daß "Antisemitismus lange vor der deutschen Besatzung in Lettland, wie in den beiden anderen baltischen Staaten, breit und tief in der Gesellschaft verwurzelt war". Dem muß widersprochen werden. Richtig ist, daß die Verfahrensweise der Republik Lettland im Umgang mit - u.a. jüdischen - Flüchtlingen vor der Okkupation durch Hitler-Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten mit am liberalsten war (vgl. "Mit Ballschuhen ...", Anm. 113). Die Anfang der 1930er Jahre gegründete faschistoide (und antisemitische) Perkonkrusts-Organisation mit ihren wenige Hundert zählenden Mitgliedern war 1934 verboten worden (vgl. "Mit Ballschuhen ...", Anm. 42). Der von 1918 bis 1940 existierende lettische Staat garantierte sämtlichen ethnischen Minderheiten souveräne Rechte (Religions-, Presse- und Versammlungsfreiheit) - und u.a. Schulbildung auf Jiddisch und Ivrit. Diese Toleranz war und ist weltweit einzigartig.Mein Freund
Anatols Imermanis (1914-1998), Dichter, lettischer Jude und in seiner Jugend Kommunist, saß von 1934 bis 1937 wegen kommunistischer Untergrundtätigkeit im Zuchthaus von Daugavpils. Seinen eigenen Worten zufolge wurde er dort "anständig behandelt und verpflegt" - und nach Verbüßung seiner Strafe entlassen. Wo sonst in Europa wäre zu diesem Zeitpunkt ein vergleichbarer Umgang mit Staatsfeinden - zumal mit jüdischen - vorstellbar gewesen? Der auch von Raul Hilberg anerkannte Holocaustforscher Andrew Ezergailis stellt fest: "Falls in Lettland vor 1918 ernstzunehmende antisemitistische Tendenzen zu beobachten waren, so wartet dieser Umstand noch immer auf seine Dokumentierung. Sowohl Mar?eris Verstermanis [der Leiter des Rigaer Museums Juden in Lettland, M.K.], der das Problem aus jüdischer Perspektive beleuchtete, als auch lettische Antisemiten, die in der Vergangenheit nach vermeintlichen Vorgängern forschten, kamen zu dem Schluß, daß es kaum oder sogar gar keinen Antisemitismus gab." (Andrew Ezergailis: The Holocaust in Latvia, 1941 - 1944: The Missing Center, 3. Kapitel "Antisemitism", 2. Absatz). Die Integration und unverbrüchliche Zugehörigkeit der Juden zur liv- und kurländischen Gesellschaft vor Gründung des lettischen Staates kommt in zahlreichen lettischen Volksliedern (dainas) oder in den Bühnenstücken von R?dolfs Blaumanis zum Ausdruck (insbesondere in dem bis heute meistaufgeführten lettischen Stück "Skroderdienas Silmacos" [Schneidertage in Silmaci] von 1902; der fahrende Schneider ist ein Jude). Siehe auch Frank Gordon: Latvians and Jews Between Germany and Russia, 1. Kapitel); vergleiche auch das Gedicht Die Jüdin von Aleksandrs Čaks von 1931.Nach der Annexion Lettlands durch Nazi-Deutschland haben Dutzende lettischer Staatsbürger Juden in ihren Häusern oder Kellern versteckt und gerettet; 35 von ihnen wurden vom Staat Israel als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet (vgl. "Mit Ballschuhen ...", S. 97 u. Anm. 118). Kalniete merkt an: "Die deutsche Information verschwieg, daß sich die Repressionen der Sowjets [gemeint ist die Massendeportation vom Juni 1941, M.K.] auch gegen 1771 Juden richteten - proportional die größte in Mitleidenschaft gezogene Bevölkerungsgruppe Lettlands. Laut neuesten statistischen Daten wurden 1,93% der lettischen Juden [von den Sowjets, M.K.] deportiert - im Vergleich zu 0,85% der ethnischen Letten [...]" ("Mit Ballschuhen ...", Anm. 115).

Letzter Absatz
Zitat Wolffsohn: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland." Der Meister hatte viele Gesellen. Kalniete kennt und nennt nur den "Meister". - Richtig ist, daß Kalniete detailliert auf die Nationalität der an den Ermordungen Beteiligten eingeht (vgl. "Mit Ballschuhen ...", Anm. 110 und 119). Die Frage "Selbstkritik der Gesellen?" ist entweder unverständlich (ist Sandra Kalniete eine Gesellin des Meisters aus Deutschland? Oder hat sich der lettische Staat während seines Bestehens an Leib und Leben auch nur einer einzigen Person vergangen, so daß die Rechtsnachfolger jenes lettischen Staates die Verantwortung hierfür übernehmen müßten?) oder schlicht zynisch.Hinzufügen möchte ich, daß auch ein Meister einmal Lehrling war. Stalins Massendeportation vom 14. Juni 1941, da in einer einzigen Nacht (sic!) mehr als 60.000 Menschen aus fünf verschiedenen Ländern bzw. Regionen (Estland, Lettland, Litauen, Bukowina und Bessarabien) auf Grundlage entsprechend vorbereiteter Listen verhaftet, zu Verladebahnhöfen transportiert, in sorgfältig präparierte und zusammengekoppelte Viehwaggons gepfercht und über 6000 Kilometer in die lebensfeindlichen Weiten Sibiriens (die das Anlegen von Stacheldrahtzäunen und Wachtürmen überflüssig machen) verschleppt wurden, war eine logistische und organisatorische Meisterleistung, die Hitler nachhaltig beeindruckt haben dürfte. Auf Veranlassung Hitlers wurde Heydrich am 31. Juli 1941 von Göring mit der Ausarbeitung eines "Gesamtentwurfs" zur "Endlösung der europäischen Judenfrage" beauftragt, der während der Wannsseekonferenz am 20. Januar 1942 abgesegnet wurde. Daß es hier um die explizite Auslöschung des Judentums ging, bei Stalins Deportationen hingegen der Tod der Gulag-Häftlinge und Sonderangesiedelten "nur" billigend in Kauf genommen wurde, steht außer Zweifel.

Resumee
Insgesamt hat es den Anschein, als habe sich der Rezensent der Besprechung des falschen Buches gewidmet, geht es doch in Kalnietes Autobiographie um die Opfer des totalitären Sowjetregimes; diese Opfer sind nicht nach Nationalität, Rassen- oder Religionszugehörigkeit definiert, sondern durch eine (vermeintliche) Klassenzugehörigkeit sowie durch willkürliche zahlenmäßige Vorgaben, wieviele Personen zu deportieren seien (vgl. "Mit Ballschuhen ...", S. 36 bzw. Anm. 35). Nahegelegt wird diese Vermutung durch das Zitieren des fehlerhaften Klappentextes, die fehlende Auseinandersetzung mit der Gesamtgestalt des Buches sowie den in ihm dargestellten Personen und Fakten - und letztendlich die fehlende menschliche Anteilnahme am Schicksal der hier im Mittelpunkt stehenden nichtjüdischer Opfer des Totalitarismus in Europa. Gibt es vielleicht doch so etwas wie eine "Opferhierarchie"?Ich möchte Herrn Wolffsohn die Beförderung der Übersetzung von Ezergailis' Standardwerk "The Holocaust in Latvia" oder Frank Gordons "Latvians and Jews Between Germany and Russia" aus dem Englischen ins Deutsche ans Herz legen, um diese dann in der Welt zu besprechen. Ich vermute, daß er dann nicht umhin kann, der kleinen, bis heute von manch großem Spieler der Weltgeschichte begehrten und gebeutelten Nation, die sich als solche keinerlei Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht hat, seinen Respekt zu zollen.

Matthias Knoll, Übersetzer
Letzte Änderung am 26. 4. 05, - - Kommentare erbeten an knoll@literatur.lv