1. Mai 2005
Keine Verlage, nirgends?
Dagegen hat sich die jahrelang eingeübte Arbeit sowjetisch geprägter russischer Interessengruppen offensichtlich gelohnt: deren Sicht auf die "ehemaligen Sowjetrepubliken" wird weiterhin von vielen West-Medien eifrig übernommen. Es gilt als pauschal hoch-ehrenhaft, sich als Antifaschist auszugeben - eigentlich völlig zurecht. Aber was sich alles im rechten Spektrum Russlands hinter diesem Schlagwort versteckt - da schauen viele Westeuropäer dann nicht mehr so genau hin. Eine der Folgen ist es, dass auch die Okkupation Estlands, Lettlands und Litauens in der Diskussion mit den "russischen Freunden" nicht auftaucht - ganz in der Tradition der "deutsch-sowjetischen Freundschaft".
Diese andauernden Schwierigkeiten der lettischen Seite birgt mehrere Gefahren. Eine davon ist sicher, dass das Verständnis für lettische Interessen von nationalkonservativer und rechtsradikaler Seite in Deutschland völlig vereinnahmt wird. Das Argument ist eigentlich klar: dort, wo geschichtliche Tatsachen früher oder später für sich sprechen werden, hoffen wohl einige deutsche Rechtsaussen, endlich aus der "Schmuddelecke" herauszukommen und die Wasser auf die eigenen Mühlen lenken zu können.
Wer aus Lettland die Diskussion in der deutschen Öffentlichkeit verfolgt, zieht aus den in der Presse nachzulesenden Vorgängen oft ebenfalls leichtfertig falsche Schlüsse. Wie kann einem Buch (eben das von Kalniete), das sich ehrlich darum bemüht, eine für Tausende von Letten schreckliche Erfahrung mit einem aufgezwungenen Regime in den Jahren nach dem 2.Weltkrieg zu schildern, vorgeworfen werden es wolle Lettland "reinwaschen" von einer möglichen Mitschuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus?
Vielleicht hat der Autor der Buchrezension in DIE WELT auch weniger den Inhalt des Buches bezweifeln wollen, als die Absichten des deutschen Verlags. Kalnietes Buch erschien 2005 im Münchener Herbig-Verlag, der zur Verlagsgruppe Langen-Müller gehört. Eigentümer ist der 77-jährige Herbert Fleissner, dessen langjährige Kontakte zur rechtsradikalen Szene verschiedene Veröffentlichungen verursachten und viele Dutzend Seiten im deutschsprachigen Internet fällen. Die meisten dieser Belege scheinen plausibel und eindeutig, zumal sich Fleissner selbst nur sehr selten gegen derlei Vorwürfe wehrt. Mehrfach erscheinen Bücher rechtsradikaler Färbung in einem der 28 Einzelverlage von Fleissners Verlagsimperium. Bereits 1965 erregt Fleissner Aufsehen, als der rechtsradikale Verleger Gerhard Frey die massenhafte Ermordung von Juden in Auschwitz leugnet - und Fleissner sich gegen ein Vorgehen zuungunsten von Frey aussprach.
Am 1. Januar 1997 kam in Fleissners Herbig Verlagsgesellschaft erstmals das zweimonatlich erscheinende Blatt "Deutsch Russische Zeitung" heraus. Die Autoren sind vor allem Schreiber in der rechtsradikalen Zeitung "Jungen Freiheit". Selbst dagegen, die "Junge Freiheit" überhaupt als rechtsradikal zu bezeichnen, wandte sich Fleissner als Mitunterzeichner eines öffentlichen Aufrufs.
Dem entsprechend wird die deutsche Linke nicht müde, weitere Beispiele für die Verknüpfung von Fleissner mit der rechtsradikalen Szene anzuführen, wie etwa seine Mitgliedschaft im Präsidium des rechtsradikalen Witikobundes, sein Engagement bei den Vertriebenenverbänden, und seine Verantwortung für Veröffentlichungen von rechtsradikalen Autoren wie des Ausschwitz-Leugners David Irving und der "SS-Memoiren" Franz Schönhubers.
Soviel also zum Hintergrund der Diskussion um das Kalniete-Buch in Deutschland. Beim Stichwort "Herbig-Verlag" wird die deutsche Buchszene eben aus anderen Gründen nervös, als dass es nur um den Inhalt des Buches gehen k�nnte. Welche Schlüsse müssen daraus gezogen werden?
Erstens: es besteht kein Hinderungsgrund, sich mit der Geschichte Lettlands nicht ernsthaft zu befassen - auch wenn es mal den im Westen bekannten Schablonen widerspricht.
Zweitens: Wer Quellenstudium betreiben will, möge die lettische Originalfassung lesen, oder die sonstigen Schriften von Sandra Kalniete. Die Autorin steht sicherlich auch Interviewanfragen offen gegenüber, zudem gibt es noch einige andere lettische Autoren zum gleichen Thema; also, liebe deutsche Verleger: schaffte noch viele eigene Werke zum selben Thema!Drittens: Sandra Kalniete arbeitet gegenwärtig an einem Buch über lettische Aussenpolitik. Eine weitere Chance für deutsche Verlage, ein interessantes Werk in eigener Verantwortung herauszugeben!
Und zu guter letzt: Jeder Verherrlichung oder Verniedlichung von Nazi-Untaten ist entschieden entgegenzutreten! Auch die Begünstigung eines neuen Aufkommens von Antisemitismus hat mit einer kritischen Aufarbeitung der Geschichte Lettlands nicht das Geringste zu tun!
Soviel werden wir dem gemeinsamen Wunsch "nie wieder Krieg" doch wohl schuldig sein?
28. April 2005
Beitrag von Prof. Dr. Valters Nollendorfs, Mitglied der Historikerkommission Lettlands
Lösung vor der Endlösung?
Wenn es auf kollektive Verantwortung ankommt, sollte man vorsichtiger vorgehen, als es Ihr Rezensent Michael Wolffsohn tut ("Keine Gesellen, nirgends," Die Welt, 16.04.2005.). Sandra Kalniete hat recht getan, mit einem Mythos aufzuräumen, der - von den Nazis in die Welt gesetzt, von den Kommunisten später eifrig weiter propagiert wurde - dass die Osteuropäer, darunter die Letten, den Holocaust ohne deutsche Teilnahme selber ausgelöst hätten. Leider geistert diese Vorstellung und Anschuldigung noch immer in der Historiographie und noch mehr in der Mythographie.
Die neueste historische Forschung, die nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit auch in Lettland schonungslos durchgeführt wird, zeigt ein anderes Bild. Dass es lettische Gesellen gegeben hat, die am Holocaust teilgenommen haben, steht ausser Frage, und es werden immer mehr Details über die Holocaust-Ereignisse und ihre Ursachen in der zweiten Jahreshälfte 1941 entdeckt. Ausser Frage steht aber auch, dass diese Gesellen wirklich die Rolle der Gesellen spielten und dass der Holocaust im Osten von den Nazis nicht nur geplant, sondern auch geleitet wurde und zwar so, dass der Eindruck entstehen sollte, die Einheimischen hätten das Morden selber ausgelöst.
Dies scheint auch die ursprüngliche Absicht gewesen zu sein, als am 29. Mai 1941 eine hochrangige Sitzung im Aussenpolitischen Amt, also vor dem Angriff, folgerte : "Dass die Juden selbstverständlich von uns als Hauptschuldige hingestellt werden, wird sicher von der gesamten Bevölkerung [der besetzten Länder] begrüsst werden. Die Judenfrage kann zu einem erheblichen Teil dadurch gelöst werden, dass man der Bevölkerung einige Zeit nach Inbesitznahme des Landes freie Hand lässt" (AA, R 105193).
Einen Monat später am 29.06. und 02.07.1941 gab Reinhard Heydrich Anweisungen an die Leiter der Einsatzgruppen, aus denen schon ein gezielter zynischer Plan hervorgeht: "Den Selbstreinigungsbestrebungen antikommunistischer und antijüdischer Kreise in den neu zu besetzenden Gebieten ist kein Hindernis zu bereiten. Sie sind im Gegenteil, allerdings spurenlos auszulösen, zu intensivieren wenn erforderlich und in die richtigen Bahnen zu lenken, ohne dass sich diese örtlichen "Selbstschutzkreise" später auf Anordnungen oder auf gegebene politische Zusicherungen berufen können. Da ein solches Vorgehen nur innerhalb der ersten Zeit der militärischen Besetzung [...] möglich ist, haben die Einsatzgruppen- und kommandos [...] raschestens in die neu besetzten Gebiete wenigstens mit einem Vorkommando einzurücken, damit sie das Erforderliche veranlassen können" (zitiert nach Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Die Tätigkeits- und Lageberichte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD, Hrsg. P. Klein, Berlin, 1997, S. 319, meine Hervorhebungen).
Dass es mehr "Auslösung" und "Veranlassung" als "Selbstreinigung" war, ist in den Geheimberichten des Kommandanten der Einsatzgruppe A Walter Stahlecker nachzulesen: "Nach dem Terror der jüdisch-bolschewistischen Herrschaft [...] wäre ein umfassendes Pogrom der Bevölkerung zu erwarten gewesen. Tatsächlich wurden jedoch durch einheimische Kräfte nur einige tausend Juden aus eigenem Antrieb beseitigt. Es war notwendig, in Lettland unter Sonderkommandos, unter Mithilfe ausgesuchter Kräfte der lettischen Hilfspolizei (meist Angehörige verschleppter oder ermordeter Letten) umfangreiche Säuberungsaktionen durchgeführt" (zitiert nach Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem internationalen Kriegsgerichtshof, Nürnberg, 14. November 1945 / 1. Oktober 1946, Bd. 30, Nürnberg, 1948, Dok. 2273-PS, meine Hervorhebungen).
Das sind Dokumente, die längst zugänglich aber unbeachtet geblieben sind und ein klares Bild aufzeigen. Ich bin einem Artikel des Historikers Dr. Karlis Kangeris, Universität Stockholm, verpflichtet, in dem diese Dokumente aufgeführt werden. Demnach war es also schon vor Kriegsanfang vorgesehen, im Osten massenweise Judenmord auszulösen und die Schuld den Einheimischen zuzuschieben. Es waren dabei nicht nur die SD-Einsatzkommandos, sondern auch die Wehrmacht in dieses Vorgehen eingeweiht und zur Durchführung verpflichtet. Zu diesem Zweck wurden lettische Männer bei den Exekutionen fotografiert. Zitate, die das Gegenteil behaupten, stammen zum Teil von überlebenden Opfern, die hinter den Tätern die Dratzieher nicht sehen konnten, zum Teil von uneingeweihten zufälligen Beobachtern oder aber von Leuten, die gezielt im Sinne des Nazi-Vorhabens Desinformation verbreiteten, einschließlich Hitler selbst (im Gespräch mit dem kroatischen General Kvaternik am 22.07.1941.). Aus diesen Kreisen stammt auch das verwandte Gerücht, dass die Letten und Ukrainer für das Morden besser geeignet gewesen seien als die Deutschen.
Die zahlreichen neuesten, von der Historikerkommission Lettlands beauftragten historischen Untersuchungen zum Holocaust im besetzten Lettland, ergeben ein klares Bild und bestätigen somit die oben zitierten Dokumente: (1) Es gab kein nennenswertes Interregnum zwischen der Flucht der Roten Armee und dem Einmarsch der Wehrmacht. Die lettischen Partisanen waren vor allem an Verhaftung von kommunistischen Machthabern und Verfolgung der sowjetischen Soldaten interessiert. Es gibt keine Beweise, dass sie während dieser Zeit jüdische Mitbürger verfolgt oder ermordet hätten. (2) Die ersten Judenmorde wurden von Mitgliedern der Einsatzgruppe A verübt. "Mithilfe ausgesuchter Kräfte" zu diesem Zweck fing erst nach dem Einmarsch der Wehrmacht und der "raschestens" folgenden Einsatzgruppe A an, die "das Erforderliche veranlasste." Fast alle Judenmorde waren geplant und wurden unter kontrollierten Zuständen und Trotz hetzerischer antijüdischer Propaganda nicht "ausufernd" und "eigenmächtig" durchgeführt, wie aus dem vom Rezensenten angeführten Zitat Raul Hilbergs hervorzugehen scheint.
Damit wird die Teilnahme von Letten an der Durchführung von NS-Judenvernichtungsplänen weder geleugnet noch gerechtfertigt. Es gab Gesellen. Es gab vor dem Holocaust, wie allerorts, auch in Lettland gewissen Antisemitismus, aber weder "breit" noch "tief" - woher weiss es der Rezensent? Es gab im unbhängigen Lettland keine Pogrome und keine Ghettos. Es gab diverse jüdische Minderheitenschulen. Die nationalistische antisemitische Organisation Perkonkrusts war verboten. Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs durften sogar einige tausend Juden aus Deutschland in Lettland zuflucht finden. Seit dem 17.6.1940 gab es aber keine lettische Staatsmacht mehr, die hätte eingreifen können. Schon deshalb ist die bereits von den Nazis praktizierte Zuschiebung kollektiver Verantwortung entschieden abzulehnen. Diese wurde aber, wie Sandra Kalniete in ihrem Buch richtig beschreibt, später von den Kommunisten als ein Mittel der Einschüchterung und Unterdrückung eingesetzt und weltweit verbreitet. Nicht nur. Man braucht noch immer nur einige russische Internet-Seiten zu besichtigen, um die Verbindung Letten-Faschismus-Nazismus explizit dargestellt zu sehen und lesen.
Jahrzehntelang war es dem lettischen Volk verwehrt, die Wahrheit zu erforschen und sich den Verleumdungen zu widersetzen. Heute kann man mit Sicherheit behaupten: ohne die Nazis hätte es keinen Holocaust in Lettland gegeben. Weiterhin: ohne die erste kommunistische Besatzung hätten die Nazis höchstwahrscheinlich auch keine Helfershelfer gefunden. Und: ohne die zweite kommunistische Besatzung hätte man nicht 50 Jahre warten müssen, bis die Tatsachen ans Tagelicht kommen.
Der größte Massenermord auf lettischem Boden fand am 30.November und 8. Dezember 1941 statt. Die Erschießungen in Rumbula von etwa 25 000 Juden des Rigaer Ghettos leitete und überwachte Friedrich Jeckeln, der Höhere SS- und Polizeiführer im Ostland, in Anwesenheit mehrerer hoher Nazi-Beamten, als Meister persönlich die Exekutionen und statuierte somit den Gesellen ein Exempel, indem seine 10-12 SS-Männer an zwei Tagen fast mehr Leute umbrachten, als die Gesellen es in zwei Monaten der ersten Ermordungswelle es geschafft hatten. (Andrew Ezergailis, The Holocaust in Latvia 1941-1944, Riga, 1996, S. 239-70, Kalniete, 93-95).
Die berühmte Wannsee Endlösungs-Konferenz fand am 20. Januar 1942 statt. Die "Judenfrage" in Lettland war schon einen Monat davor "gelöst." Von etwa 90 000 lettischen Juden waren 65-70 000 tot.
27. April 2005
In Ballschuhen für Lettland
So meinte Prof. Dr. Wolffsohn kürzlich in einem Beitrag in der WELT, Kalniete wolle mit ihrem Buch "Lettland reinwaschen". Auch er schafft es, auf den hauptsächlichen Inhalt des Buches mit kaum einem Wort einzugehen. Wieder andere seiner Journalistenkollegen schreiben immer wieder den einen Satz, der Salomon Korn zugeschrieben wird, als er anläßlich der Buchpräsentation auf der Buchmesse Leipzig 2004 den Saal verliess: "eine Gleichsetzung von nazionalistischen und stalinistischen Verbrechen ist unerträglich". In Kalniete's Orgininaltext dagegen ist tatsächlich der Satz über die lettischen Opfer des Stalinismus zu finden: "Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erhielten die Forscher einen Zugang zu den archivierten Dokumenten und Lebensgeschichten dieser Opfer. Diese belegen, daß beide totalitäre Regime - Nazismus und Kommunismus - gleich kriminell waren."
Es scheint "populär" in gewissen Kreisen zu sein, nun diese These vom "gleich kriminellen" Charakter immer wieder als Beleg für neue rechte Tendenzen zu nehmen. Ist denn aber damit nicht einfach erstmal ausgesprochen, dass der Stalinismus, und damit das, was damals im Namen der Sowjetunion angerichtet wurde, "gleichartig kriminell" anzusehen sind?
Oh, wunder, wer das nicht akzeptieren kann, und dann - an den Inhalten eines ganzen Buches vorbei - eben NICHT auch mal etwas zu sibirischen Straflagern sagen mag (und dem dazu gehörigen menschenverachtenden System). Noch wird eben von der westeuropäischen Intelligenz kaum erkannt, in welcher Lage die Menschen in den baltischen Staaten damals waren. Das hat Auswirkungen: Erst heute (am Mittwoch, dem 27.4.05) äusserte der ehemalige CDU-Minister Eggert (Sachsen) in einer Diskussion über die EU-Erweiterung im Deutschlandradio: "Ich habe Litauen und Lettland besucht. Die Menschen dort reden nur noch Englisch, sie haben ihre eigenen Sprachen fast verlernt." (!!) Hurra, Herr Eggert, auch Sie haben noch nicht gemerkt, welche Kulturen und Völker da eigentlich der EU beigetreten sind! Dermaßen in die Irre geführt, fühlen sich dann auch die Deutschen vor den berufsmässigen Anti-Nazis erschreckt, die mit dem hoch erhobenen Finger auf die Letten (und ihre Nachbarn) zeigen!
Bei vielen Verlegern und Publizisten würden übrigens solche "Rezensionen" gar nicht angenommen - Thema verfehlt (würde der Rezensent nicht Wolffsohn heissen!)
Und noch dazu: der berechtigten Notwendigkeit einer Holocaust-Aufarbeitung auch IN LETTLAND Schaden zugefügt, Herr Wolffsohn - denn auf diese Art und Weise gewinnen Sie keinerlei Glaubwürdigkeit bei den Menschen dort. Aber das wollen Sie wohl auch gar nicht, und bedienen lieber, wie gesagt, die eigene innenpolitische Klientel.
Matthias Knoll, der Übersetzer des Kalniete-Buches, hat auf die Wolffsohn-Rezension reagiert. Im Folgende die Wiedergabe seiner Erwiderung, nachzulesen auf www.literatur.lv:
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Einige Anmerkungen zu dem Artikel Keine Gesellen, nirgends von Michael Wolffsohn in der Welt vom 16. 4. 2005
(Rezension des Buches Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee von Sandra Kalniete)
1. Absatz
1. Sandra Kalniete wurde nicht im Gulag geboren. Nur die Oberhäupter der deportierten Familien wurden in Gulag-Lager interniert, Frauen und Kinder hingegen ohne Unterkunft, Verpflegung und Winterkleidung in sogenannten "Sonderansiedlungen" (zu Zarenzeiten "Verbannung" genannt) ausgesetzt (vgl. "Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee",
S. 9 bzw. Leseprobe bei http://www.literatur.lv/archiv/frisch03.htm).2. Nicht Sandra Kalnietes Eltern sind 1941 deportiert worden, sondern nur ihre Mutter Ligita. Ihr Vater Aivars wurde 1949 deportiert (vgl. "Mit Ballschuhen ...",
S. 8 bzw. Leseprobe bei http://www.literatur.lv/archiv/frisch03.htm).(In der Tat finden sich diese beiden Ungenauigkeiten nicht nur in Michael Wolffsohns Rezension, sondern auch auf dem Klappentext des im Herbig Verlag erschienenen Buches von Sandra Kalniete.)
3. J?nis Dreifelds, seine Frau Emilija und seine Tochter Ligita wurden nicht deportiert, weil sie "eher Balten als Sowjetbürger sein wollten". J?nis Dreifelds war vollkommen unpolitisch und gewillt, sich mit den Sowjets zu arrangieren (vgl. "Mit Ballschuhen ...", S. 37-39).
4. Der Oberbegriff "Balten" ist zwiespältig. Die Deutschbalten wollen ihn ausschließlich auf sich selber angewendet wissen (vgl. Bergengruen, von Vegesack u. a.). Esten definieren sich gemeinhin als Esten, Letten als Letten und Litauer als Litauer - auch und vor allem wegen der sehr unterschiedlichen historischen Erfahrungen dieser Länder.
5. Für die Sowjets waren Balten nicht nur Feinde, "sofern sie nach nationaler Selbstbestimmung strebten", sondern auch dann, wenn sie der wirtschaftlichen Mittel- oder Oberschicht angehörten, Intellektuelle waren, aufgrund von Denunziation auf einer der Deportationslisten standen - oder zufällig greifbar waren, wennn man zur Deportation vorgesehener Personen nicht habhaft werden konnte. Wie später die Erfüllung des 5-Jahresplans, stand auch hier die quantitative Erfüllung der "Norm" an erster Stelle (vgl. "Mit Ballschuhen ...", S. 166 ff.).
2. Absatz
1. Emilija Dreifelde starb nicht "an den Folgen der Zwangsarbeit", sondern aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen in der Sonderansiedlung (vgl. "Mit Ballschuhen ...", S. 166 ff.).
2. Keineswegs galten die Letten "den Nazi-Ideologen als "dumme Bauern"". Mit der Beobachtung und Einschätzung der verschiedenen Gruppierungen innerhalb der lettischen Bevölkerung nahmen es die Gebietskommissare und Regierungsräte der Nazis sehr genau (vgl. entsprechende Berichte im Lettischen Historischen Staatsarchiv/LVVA, Fonds P-1018, Aktenverz. 1, Akte 2). So schreibt z. B. der Gebietskommissar in Mitau, SA-Standartenführer v. Medem, am 12. 8. 1941: "[...] Das entscheidende Mittel zur Erledigung jeder lettischen Staatsbestrebung ist: Die lettischen Kreise, denen man noch lettische Selbstverwaltung unter deutscher Aufsicht zubilligen kann, dürfen mit keiner lettischen Zentralstelle in Riga mehr verkehren, sondern sind in allem und jedem unterstellt dem deutschen Gebietskommissar, der über sie etwa die Tätigkeit eines russischen Gouverneurs vor 1914 ausübt. [...]" (Lettisches Historisches Staatsarchiv/LVVA, Fonds P-1018, Aktenverz. 1, Akte 2, Blatt 25).
Weiterhin waren die Männer im wehrfähigen Alter für die Nazis als Kanonenfutter von Bedeutung; so befahl Hitler am 10. Februar 1943 die Aufstellung einer "Lettischen SS-Freiwilligen-Legion", die aus völkerrechtlichen Gründen (Haager Konvention von 1907) der Waffen-SS unterstellt wurde. Aus dem Datum des Befehls geht übrigens hervor, daß lettische Angehörige der Waffen-SS nicht an den Massakern an Juden im Jahre 1941 beteiligt gewesen sein können, wie vielfach behauptet wird. Die von russischen und westlichen Medien zitierten "SS-Veteranen" - kein "dummer Bauer" war jemals Mitglied der SS-Eliteorganisation! -, die am 16. März zum Gedenken an die während verlustreicher Gefechte im März 1944 am Fluß Welikaja gefallenen Legionäre am Freiheitsdenkmal in Riga Blumen niederzulegen pflegen, haben sich niemals an Operationen gegen Zivilisten oder Juden beteiligt, sondern wurden ausschließlich an der Ostfront eingesetzt (vgl. "Mit Ballschuhen ...", S. 103 f. sowie Anm. 126 u. 127). Am 1. 8. 1943 schreibt der Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD Lettland in seinem Bericht: "Immerhin wirkt die [...] deutschfeindliche Propaganda der chauvinistischen Kreise doch noch erheblich nach, vor allem gerade auch in Kreisen der lettischen [Waffen-]SS-Legionäre und der Selbstschutzorganisationen. Hier wird - insbesondere in Offizierskreisen - die Notwendigkeit eines Schutzes des Landes auch vor den Deutschen im Falle eines Rückzugs der Deutschen oft erörtert. Es ist auffällig, daß [...] sich bei den in der Heimat in Ausbildung befindlichen Einheiten - vornehmlich im Offizierskorps - eine kraß nationalistische Einstellung und Ablehnung alles Deutschen immer stärker bemerkbar macht." (Lettisches Historisches Staatsarchiv/LVVA, Fonds P-1018, Aktenverz. 1, Akte 2, Blatt 180). Nichtsdestotrotz sahen sich die deutschen Befehlshaber veranlaßt, zur Motivierung der per Einberufungsbefehl eingezogenen Freiwilligen u. a. die Wiederherstellung eines unabh�ngigen Lettland zu versprechen (vgl. "Mit Ballschuhen ...", Anm. 125 u. 130).
3. Absatz
1. Sandra war nicht sieben (wie es auch im Klappentext des Buches fälschlich heißt), sondern viereinhalb Jahre alt, als ihre Eltern mit ihr nach Lettland zurückkehren durften (vgl. "Mit Ballschuhen ...", S. 9 bzw. Leseprobe bei http://www.literatur.lv/archiv/frisch03.htm u. S. 302).
2. Sandra Kalniete war nicht "Botschafterin in mehreren Staaten", sondern in Frankreich und bei der UNESCO.
4. Absatz
1. "[...] stilistisch und kompositorisch eher unbeholfen, schwülstig, gefühlsüberfrachtet, selten analytisch": Diese Be- oder Verurteilung des Buches ist ohne jedes Beispiel - also keineswegs analytisch, sondern eher unbeholfen - in den Raum gestellt. An dieser Stelle fehlt der Rezension genau das, was sie zu einer Rezension machen würde (immerhin ist der Beitrag in der Rubrik "Literarische Welt" erschienen).
2. Kalnietes Buch ist in ihrer Heimat keine "innenpolitische Visitenkarte", sondern ein sehr persönlicher Versuch, sich von drei ihrer Großeltern, die kennenzulernen ihr infolge des sowjetischen Unrechtssystems nicht vergönnt war, ein Bild zu machen. Der Erfolg des Buches liegt darin begründet, daß fast jeder Lette in ihm das Schicksal seiner eigenen Familie exemplarisch erkennen kann.
7. Absatz
Wolffsohn behauptet, daß "Antisemitismus lange vor der deutschen Besatzung in Lettland, wie in den beiden anderen baltischen Staaten, breit und tief in der Gesellschaft verwurzelt war". Dem muß widersprochen werden. Richtig ist, daß die Verfahrensweise der Republik Lettland im Umgang mit - u.a. jüdischen - Flüchtlingen vor der Okkupation durch Hitler-Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten mit am liberalsten war (vgl. "Mit Ballschuhen ...", Anm. 113). Die Anfang der 1930er Jahre gegründete faschistoide (und antisemitische) Perkonkrusts-Organisation mit ihren wenige Hundert zählenden Mitgliedern war 1934 verboten worden (vgl. "Mit Ballschuhen ...", Anm. 42). Der von 1918 bis 1940 existierende lettische Staat garantierte sämtlichen ethnischen Minderheiten souveräne Rechte (Religions-, Presse- und Versammlungsfreiheit) - und u.a. Schulbildung auf Jiddisch und Ivrit. Diese Toleranz war und ist weltweit einzigartig.Mein Freund Anatols Imermanis (1914-1998), Dichter, lettischer Jude und in seiner Jugend Kommunist, saß von 1934 bis 1937 wegen kommunistischer Untergrundtätigkeit im Zuchthaus von Daugavpils. Seinen eigenen Worten zufolge wurde er dort "anständig behandelt und verpflegt" - und nach Verbüßung seiner Strafe entlassen. Wo sonst in Europa wäre zu diesem Zeitpunkt ein vergleichbarer Umgang mit Staatsfeinden - zumal mit jüdischen - vorstellbar gewesen? Der auch von Raul Hilberg anerkannte Holocaustforscher Andrew Ezergailis stellt fest: "Falls in Lettland vor 1918 ernstzunehmende antisemitistische Tendenzen zu beobachten waren, so wartet dieser Umstand noch immer auf seine Dokumentierung. Sowohl Mar?eris Verstermanis [der Leiter des Rigaer Museums Juden in Lettland, M.K.], der das Problem aus jüdischer Perspektive beleuchtete, als auch lettische Antisemiten, die in der Vergangenheit nach vermeintlichen Vorgängern forschten, kamen zu dem Schluß, daß es kaum oder sogar gar keinen Antisemitismus gab." (Andrew Ezergailis: The Holocaust in Latvia, 1941 - 1944: The Missing Center, 3. Kapitel "Antisemitism", 2. Absatz). Die Integration und unverbrüchliche Zugehörigkeit der Juden zur liv- und kurländischen Gesellschaft vor Gründung des lettischen Staates kommt in zahlreichen lettischen Volksliedern (dainas) oder in den Bühnenstücken von R?dolfs Blaumanis zum Ausdruck (insbesondere in dem bis heute meistaufgeführten lettischen Stück "Skroderdienas Silmacos" [Schneidertage in Silmaci] von 1902; der fahrende Schneider ist ein Jude). Siehe auch Frank Gordon: Latvians and Jews Between Germany and Russia, 1. Kapitel); vergleiche auch das Gedicht Die Jüdin von Aleksandrs Čaks von 1931.Nach der Annexion Lettlands durch Nazi-Deutschland haben Dutzende lettischer Staatsbürger Juden in ihren Häusern oder Kellern versteckt und gerettet; 35 von ihnen wurden vom Staat Israel als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet (vgl. "Mit Ballschuhen ...", S. 97 u. Anm. 118). Kalniete merkt an: "Die deutsche Information verschwieg, daß sich die Repressionen der Sowjets [gemeint ist die Massendeportation vom Juni 1941, M.K.] auch gegen 1771 Juden richteten - proportional die größte in Mitleidenschaft gezogene Bevölkerungsgruppe Lettlands. Laut neuesten statistischen Daten wurden 1,93% der lettischen Juden [von den Sowjets, M.K.] deportiert - im Vergleich zu 0,85% der ethnischen Letten [...]" ("Mit Ballschuhen ...", Anm. 115).
Letzter Absatz
Zitat Wolffsohn: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland." Der Meister hatte viele Gesellen. Kalniete kennt und nennt nur den "Meister". - Richtig ist, daß Kalniete detailliert auf die Nationalität der an den Ermordungen Beteiligten eingeht (vgl. "Mit Ballschuhen ...", Anm. 110 und 119). Die Frage "Selbstkritik der Gesellen?" ist entweder unverständlich (ist Sandra Kalniete eine Gesellin des Meisters aus Deutschland? Oder hat sich der lettische Staat während seines Bestehens an Leib und Leben auch nur einer einzigen Person vergangen, so daß die Rechtsnachfolger jenes lettischen Staates die Verantwortung hierfür übernehmen müßten?) oder schlicht zynisch.Hinzufügen möchte ich, daß auch ein Meister einmal Lehrling war. Stalins Massendeportation vom 14. Juni 1941, da in einer einzigen Nacht (sic!) mehr als 60.000 Menschen aus fünf verschiedenen Ländern bzw. Regionen (Estland, Lettland, Litauen, Bukowina und Bessarabien) auf Grundlage entsprechend vorbereiteter Listen verhaftet, zu Verladebahnhöfen transportiert, in sorgfältig präparierte und zusammengekoppelte Viehwaggons gepfercht und über 6000 Kilometer in die lebensfeindlichen Weiten Sibiriens (die das Anlegen von Stacheldrahtzäunen und Wachtürmen überflüssig machen) verschleppt wurden, war eine logistische und organisatorische Meisterleistung, die Hitler nachhaltig beeindruckt haben dürfte. Auf Veranlassung Hitlers wurde Heydrich am 31. Juli 1941 von Göring mit der Ausarbeitung eines "Gesamtentwurfs" zur "Endlösung der europäischen Judenfrage" beauftragt, der während der Wannsseekonferenz am 20. Januar 1942 abgesegnet wurde. Daß es hier um die explizite Auslöschung des Judentums ging, bei Stalins Deportationen hingegen der Tod der Gulag-Häftlinge und Sonderangesiedelten "nur" billigend in Kauf genommen wurde, steht außer Zweifel.
Resumee
Insgesamt hat es den Anschein, als habe sich der Rezensent der Besprechung des falschen Buches gewidmet, geht es doch in Kalnietes Autobiographie um die Opfer des totalitären Sowjetregimes; diese Opfer sind nicht nach Nationalität, Rassen- oder Religionszugehörigkeit definiert, sondern durch eine (vermeintliche) Klassenzugehörigkeit sowie durch willkürliche zahlenmäßige Vorgaben, wieviele Personen zu deportieren seien (vgl. "Mit Ballschuhen ...", S. 36 bzw. Anm. 35). Nahegelegt wird diese Vermutung durch das Zitieren des fehlerhaften Klappentextes, die fehlende Auseinandersetzung mit der Gesamtgestalt des Buches sowie den in ihm dargestellten Personen und Fakten - und letztendlich die fehlende menschliche Anteilnahme am Schicksal der hier im Mittelpunkt stehenden nichtjüdischer Opfer des Totalitarismus in Europa. Gibt es vielleicht doch so etwas wie eine "Opferhierarchie"?Ich möchte Herrn Wolffsohn die Beförderung der Übersetzung von Ezergailis' Standardwerk "The Holocaust in Latvia" oder Frank Gordons "Latvians and Jews Between Germany and Russia" aus dem Englischen ins Deutsche ans Herz legen, um diese dann in der Welt zu besprechen. Ich vermute, daß er dann nicht umhin kann, der kleinen, bis heute von manch großem Spieler der Weltgeschichte begehrten und gebeutelten Nation, die sich als solche keinerlei Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht hat, seinen Respekt zu zollen.
Matthias Knoll, Übersetzer
Letzte Änderung am 26. 4. 05, - - Kommentare erbeten an knoll@literatur.lv
26. April 2005
Am 6. & 7.Mai 2005 kommt US-Pr�sident George Bush im Vorfeld der Feiern "60 Jahre Kriegsende" in Moskau f�r zwei Tage nach Lettland. Bereits seit Wochen besch�ftigt das die lettischen Sicherheits-Experten. Zun�chst wurde als L�sung pr�sentiert, die von der Silja-Linie knapp vor Beginn der neuen F�hrschiff-Saison ausgeliehene FinnJet als exquisite Pr�sidenten-Loge im Hafen der lettischen Hauptstadt schippern zu lassen.
Nunmehr ist doch von einer anderen Variante die Rede. 700-Leute werde Bush als eigene Delegation aus USA nach Lettland mitbringen, so gab Viesturs Silenieks als Sprecher der Rigaer Hafenverwaltung am 25.April der Presse bekannt. Daher m�ssten alle diejenigen, die w�hrend der beiden Tage ein Zimmer im SAS Radisson und anderen Luxushotels in Riga gebucht haben, aufs gemietete Schiff ausweichen.
Die Hafenverwaltung werde zu diesem Zweck der FinnJet eine Minderung der Hafengeb�hren anbieten, so Silenieks.
Die lettische Regierung hatte bereits mit Beschluss des Ministerkabinetts 700.000 Lat (ca. 1 Million Euro) f�r mit dem Bush-Besuch zusammenh�ngende Ausgaben im Staatsbudget reserviert - eine Summe, die nicht voll ausgegeben werden muss, so beteuern nun Regierungsvertreter.
20. April 2005
Riga. Bisher war der Name "Finnjet" als Flaggschiff der Reederei SILJA-LINE bekannt - vor allem wegen der schnellen und bequemen �berfahrt von Rostock nach Tallinn. Viele deutsche Touristen haben das Schiff schon genutzt und sch�tzen gelernt. Nun kommt noch eine ganz spezielle Nutzung hinzu: Anfang Mai, vor Beginn der sommerlichen F�hrsaison, wird das komplette Schiff f�r eine stolze, aber bisher geheim gehaltene Summe nach Riga ausgeliehen ... als Domizil f�r den f�r zwei Tage in Lettland weilenden US-Pr�sidenten George Bush.
Bis vor zwei Wochen dachten die politischen Kommentatoren der baltischen Region, bereits genug mit den f�r den 9.Mai in Moskau vorgesehenen gro� angelegten russischen Feiern zum 60.Jahrestag des Kriegsendes, bzw. Sieges �ber Nazideutschland zu tun zu haben. Nun kommt aber noch ein Gro�ereignis dazu. George Bush, angeblich aus enger Verbundenheit mit der lettischen Pr�sidentin Vike-Freiberga, k�ndigte f�r den 6. und 7.Mai seine Aufwartung an.
Zwar f�hlt sich die lettische Politikelite geschmeichelt, aber viele machen sich auch Sorgen wegen des riesigen Aufwandes, mit dem solche Staatsbesuche von US-amerikanischer Seite inzwischen betrieben werden. Schon war in der lettischen Presse von "einer Woche Schulfrei" die Rede, zumindest m�sse ja der gesamte Stadtverkehr wegen der zu erwartenden Sicherheitsma�nahmen gesperrt werden. Im Internet-Chat bekannten manche freim�tig: "mir sind diese 'hohen Tiere' eigentlich egal - aber dann gehe ich eben erst gar nicht zur Arbeit."
Nun glaubt die lettische Regierung die L�sung gefunden zu haben. Das, was in Deutschland k�rzlich eben GERADE NICHT mehr f�r m�glich hielt - n�mlich eine lauschige Schiffahrt auf dem Rhein, so wie es noch Papa Bush zusammen mit Kohl in Deutschland hatte erleben d�rfen - das wird jetzt auch in Riga m�glich. In Deutschland war anl��lich des Bush-Besuches das gesamte Rhein-Main-Gebiet (zum �rger vor allem der Autofahrer) gesperrt worden.
Bereits am 4.Mai 2005 soll die Finnjet im Hafen von Riga einlaufen. Ein geeigneter Liege- oder Ankerplatz wird noch gesucht. Einen "Mietvertrag" soll das lettische Wirtschaftsministerium bereits abgeschlossen haben - nach Angaben eines lettischen Pressesprechers f�r "weit weniger" als die urspr�nglich von der Regierung f�r diesen Zweck vorgesehenen 700.000 Lat (ca. 1 Million Euro). Angesichts der f�r ein kleines Land doch recht hohen Summen, die f�r diesen Staatsbesuch aufgebracht werden m�ssen, fragt sich mancher: h�tte man dieses Geld nicht besser f�r eine Erh�hung der k�mmerlich knappen Altersrenten, f�r die Krankenh�user oder f�r andere sinnvolle Zwecke einsetzen k�nnen?
16. April 2005
In der lettischen Politik ist ein neuer Name bekannt geworden: Aivars Aksenoks, 44 Jahre alter Absolvent des Rigaer Polytechnischen Instituts mit Spezialgebiet Automobilwirtschaft, wurde am 29.M�rz 2005 mit 31 der 60 Stimmen im Rigaer Stadtrat zum neuen B�rgermeister gew�hlt.
Erst 2003 hatte Aksenoks ein Jurastudium an der lettischen Universit�t abgeschlossen. F�r einige Monate wurde er dann Justizminister in der Regierung Rep�e. Nachdem Rep�e im Fr�hjahr 2004 zur�cktrat, kehrte Aksenoks zun�chst in die Stra�enbauverwaltung zur�ck, bereitete sich dann aber gezielt auf den Kommunalwahlkampf in Riga vor.
Welche Schwerpunkte wird Aksenoks f�r die Entwicklung der lettischen Hauptstadt in Zukunft setzen?
Nachdem die knappe Mehrheit der konservativ-liberalen Parteien im Stadtrat feststand, kam kurz Zweifel auf, ob Aksenoks gen�gend "starke Pers�nlichkeit" sei, um die Interessen der ihn st�tzenden Parteien "Jaunais Laiks" (13 Sitze), "Tautas Partija" (8 Sitze), Tevzemei un briivibai (6 Sitze) und Pirma Partija (4 Sitze) durchzusetzen. Auch Andris Argalis, der bereits 2000/2001 einmal B�rgermeister Rigas war, als sein Vorg�nger Andris Berzins Regierungschef geworden war, galt als starker B�rgermeisterkandidat. Nun wird Argalis als Vorsitzender der wichtigen Hafenkommission versuchen m�ssen, seinen Einflu� zu sichern.
�ber Aksenoks wurde lanciert, er sei zwischen 1989 und 1992 in Vietnam gewesen - ein Posten, der sicher nicht einer kritischen Einstellung gegen�ber der Kommunistischen Partei zu verdanken war. Dieses "St�rfeuer" kam von der "Tautas Partija", die lieber den eigenen Kandidaten an der Spitze der Stadt sehen wollte. Aktiv auf der Seite der Unabh�ngigkeitsbewegung der 80er Jahre gestanden zu haben, gilt in Lettland heute als unverzichtbarer Bestandteil der jungen Erfolgsmenschen der machthabenden politischen Elite des Landes.
F�r die Klatschspalten der Hauptstadtpresse gibt der neue B�rgermeister dennoch relativ wenig Stoff her - verglichen mit seinem Vorg�nger Gundars
Bojars, �ber den zuletzt bekannt wurde, er lebe getrennt von seiner Frau und habe mit einer weitaus j�ngeren Freundin eine sch�ne Stadtwohnung bezogen. Aksenoks ist lediglich als aktiver Tennisspieler und begeisterter T�nzer bekannt, und wirkt �usserlich eher wie ein gut erzogener Technokrat.
Was werden die Themen sein?
Eines der am meisten diskutierten Themen ist die Verkehrsentwicklung Rigas. Gleich zwei Br�cken �ber die Daugava sind in Riga in Planung, der LKW-Verkehr soll eingeschr�nkt werden, ja selbst Geb�hren f�r die Nutzung der Innenstadtstra�en sind im Gespr�ch. Auch die Parkgeb�hren sollen demn�chst erh�ht werden. Zeigte sich der lettische Autofahrerverband noch erfreut �ber die Wahl von Aksenoks, weil man aufgrund seiner jahrelangen Arbeit im Stra�enbauamt nun einen der ihren am st�dtichen Schalthebel glaubt, so wird die Stadt aber kaum um Einschr�nkungen f�r den PKW-Verkehr herumkommen. Allzu chaotisch und so gar nicht um G�ste werbend wirken die allt�glichen Staus rund um die Altstadt.
Die erste Amtshandlung von Aksenoks betraf aber ein ganz anderes Gebiet: Er hob die Beschr�nkungen gegen Gl�ckspielbetriebe im Altstadtgebiet wieder auf, die sein Vorg�nger Bojars erlassen hatte. Ein Vorgang, der in der lettischen �ffentlichkeit auch Wiederspruch hervorrief und Aksenoks vielleicht daran erinnerte, dass es auch als Amtstr�ger nicht leichter werden wird, auf der politischen B�hne Pluspunkte zu machen.
22. Februar 2005
Die für den 9. Mai in der russischen Hauptstadt geplanten Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland lassen unversehens erkennen, dass in dem aktuellen Konstrukt "Kreml"-Herrschaft eine Doppeldeutigkeit verborgen ist. Nimmt man nämlich den Anlaß - das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa -, so markiert das Datum in der modernen Geschichte den absoluten Machthöhepunkt Moskaus. ....... Die strategischen Nuklearwaffen und der Kalte Krieg zementierten diese Position Moskaus über vierzig Jahre lang - bis es die UdSSR schließlich in einem Strudel aus aufgezwungenem Wettrüsten, wirtschaftlichen Fehlentwicklungen und demokratischen Reformen zerriss und das sozialistische Staatenbündnis auseinanderfiel. Seither hat Moskau die einstige Machtfülle nicht mehr erreicht.
Allerdings verbietet es sich für den Kreml, gleichsam nahtlos an das untergegangene Modell anzuknüpfen oder es als Zielmarke anzuvisieren. Man will ja den Anschluß an den Westen, und sei es nur, um in der globalen Volksfront gegen Terrorismus den einen oder anderen Konfliktherd im Kaukasus gewaltsam, aber mit dem mehr oder minder expliziten Einverständnis Washingtons oder Berlins "befrieden" zu können. Insofern muss sich das heutige Rußland schon deutlich abheben vom Vorgängerstaat. Nur scheint es nicht so besonders gut zu gelingen, was in den drei baltischen Staaten derzeit für einige Turbulenzen sorgt.
In der "Lettischen Presseschau" bei früherer Gelegenheit bereits berichtet: der russische Präsident Wladimir Putin hat zu den Feierlichkeiten am 9. Mai auch seine Amtskollegen aus Estland, Lettland und Litauen, Arnold Rüütel, Vaira Vike-Freiberga und Valdas Adamkus, nach Moskau eingeladen. Ungefähr zeitgleich ließ der Kreml nach Riga übermitteln, man könnte diese Gelegenheit nutzen, um den überfälligen Grenzvertrag zwischenLettland und Rußland zu unterzeichnen, im Paket womöglich mit einer gemeinsamen politischen Erklärung.Soweit der Stand Mitte Januar, als V. Vike-Freiberga erklärte, sie würde die Einladung Wl. Putins annehmen. In den Hauptstädten der baltischen Nachbarn zeigte man sich ob dieser lettischen Ankündigung ein wenig düpiert, hatte man doch zuvor vereinbart, in dieser Frage gemeinsam vorgehen. Zwar sei davon auszugehen, dass A. Rüütel und V. Adamkus sich gleichfalls nach Moskau aufmachen würden, aber ein wenig aus Riga unter Druck gesetzt fühle man sich da wohl, ließen die gewöhnlich gutinformierten Kreise in Tallinn und Vilnius verlauten. Vytautas Landsbergis, seinerzeit Vorsitzender des litauischen Parlaments, grummelte denn auch: "Die Entscheidung der lettischen Präsidentin schätze ich negativ ein. Die baltischen Staaten haben seit 1990 ihre Positionen in den wesentlichsten Fragen untereinander abgestimmt, und in dieser Solidarität hat unsere Stärke gelegen" (Diena, 14. Januar). Entfallen scheint dem wackeren Politiker allerdings, daß die Grundlage für die von ihm angerufene baltische Gemeinsamkeit objektiv nicht immer gegeben ist. So hat Litauen bereits seit 1997 einen Grenzvertrag mit Rußland, und bereits am 29. Juni 1991 hattt der Russischen Föderation, Boris Jelzin, ihre Signaturen unter eine Erklärung gesetzt, die die Annexion Litauens durch die UdSSR beim Namen nennt (Diena, 15. Januar und 8. Februar).
Nein, sie werde auf gar keinen Fall den lettischen Grenzvertrag in Moskau unterschreiben, hat V. Vike-Freiberga inzwischen ausdrücklich erklärt. Dies sei auch gar nicht das Ziel ihrer Reise nach Moskau. Vielmehr wolle sie die Einladung zu den Siegesfeierlichkeiten dazu nutzen, bereits im Vorfeld auf die Sicht der baltischen Staaten zum Ende des Zweiten Weltkriegs aufmerksam zu machen: "Ich werde am 10. Mai ganz gewiß keinen Grenzvertrag unterzeichnen. Ich fahre nach Moskau, um in erster Linie unseren Partnern in der Europäischen Union klar zu machen, was der 9. Mai symbolisch für Lettland bedeutet. Unser Grenzvertrag mit Rußland, der im übrigen auch für die EU von Interesse sein sollte, hätte schon lange in Kraft gesetzt werden können. Ich schlage vor, dass wir den Vertrag schon im Vorfeld des 9. Mai unterzeichnen und dann anläßlich der Moskauer Gedenkfeiern am 10. Mai die Ratifikationsurkunden austauschen", so die Präsidentin in einem Gespräch mit dem österreichischen Blatt Die Presse (25. Januar, s. auch Diena und Neatkariga rita avize, 13. Januar).
Inzwischen kursiert im Auswärtigen Amt in Riga auch der Moskauer Entwurf für eine gemeinsame politische Erklärung. Zu den problematischen Aspekten russisch-lettischer Geschichte heißt es dort: "Die Parteien stellen fest, daß Rußland und Lettland zweieinhalbtausend Jahre lang als althergebrachte Nachbarn gelebt, gemeinsam Freud und Leid geteilt und kulturelle und materielle Werte geschaffen haben". Die sowjetische Besetzung des Baltenstaates wird zu einem "Miteinanderbestehen in einem gemeinschaftlichen Staat" euphemisiert und allenfalls die Notwendigkeitbetont, daß beide Seiten die gemeinsame Geschichte wissenschaftlich erschließen. "Historische Ereignisse dürfen die Aufwärtsentwicklung in den Beziehungen der beiden Staaten nicht erschweren" (Diena, 18. Januar; Neatkariga rita 19. Januar). Eine Verbesserung der zwischenstaatlichen Beziehungen strebt auch die lettische Seite an, gewiß. In diesem Sinne kann man auch einen Passus in der Erklärung deuten, in der Lettlands Präsidentin V. Vike-Freiberga der Weltöffentlichkeit ihre Gründe für die anstehende Reise in die Hauptstadt Rußlands erläutert: "Indem ich an den offiziellen Veranstaltungen in Moskau teilnehme, reiche ich Rußland meine Hand in Freundschaft" (Veröffentlichung der Präsidentenkanzlei). Den entscheidenden Unterschied allerdings hat sie in dem bereits erwähnten Gespräch mit der Presse benannt: "Mit Erleichterung können wir also an Sturz des Nazi-Regimes erinnern. Aber die Idee, daß wir 1944/1945 von der Roten Armee befreit worden sind, empfinden wir als unerhört. Wir wollen die Welt darin erinnern, daß wir nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein besetztes Land blieben und daß wir erst 1991 wieder ein freies Land wurden".
In dieser Haltung kann V. Vike-Freiberga im übrigen auf den Rückhalt der Saeima, dem lettischen Parlament, zählen - 66 von 100 Abgeordneten stimmten jüngst für einen Beschluß, mit dem ihre "Bestrebungen" unterstützt werden, "die komplizierte Geschichte Lettlands mit dem Ziel klarzustellen, ein allgemeines Eingeständnis der Tatsache der Okkupation Lettlands zu erreichen" (Diena und Neatkariga rita avize, 4. Januar). Und inzwischen zeigt sich, daß das lettische Staatsoberhaupt ihre Aufgabe überaus ernst nimmt, dies belegen das schon erwähnte Gespräch in der österreichischen Zeitung Presse oder allein die Schlagzeilen im Berliner Blatt Der Tagesspiegel - "Balten: Putin muss die Wahrheit sagen" (6. Februar) oder "Alte Wunden. Moskau ist empört über die Balten - Putin wirft ihnen Geschichtslügen vor" (7. Februar).
Das Sperrfeuer aus dem Kreml war schon zuvor eröffnet worden: man könne die angeregte gemeinsame politische Erklärung sofort "beerdigen", sollte Riga in das Dokument den Begriff "Okkupation" hineinschreiben, tönte Viktor Kaluschnij vollmundig, der neue russische Botschafter in der Ostseernationale Angelegenheit des russichen Parlaments stieß ins gleiche Horn, als er V. Vike-Freiberga angiftete: "Nachdem die Präsidentin der Republik Lettland die Einladung des russischen Präsidenten angenommen hat, Moskau zum 60. Jahrestag des Sieges zu besuchen, hat sie es sich erlaubt, mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit zu treten, in der die Geschichte des Zweiten Weltkriegs grob verzerrt wird". Im selben Zug wird die weitere Verschlechterung der Beziehungen zwischen der Russischen Föderation und der Republik Lettland auf die üblichen Ursachen zurückgeführt: "Massenhafte Staatenlosigkeit nationaler Minderheiten, Beschneidung der Bildungs- und Wahlrechte der russischsprachigen Einwohner und die Unterstützung staatlicher Organe für Bestrebungen, den Nationalsozialismus zu verherrlichen" (Neatkariga rita avize, 4. Februar). Der mittlerweile ausgearbeitete lettische Vorschlag für die angestrebte gemeinsame politische Erklärung erhielt denn auch postwendend den gesenkten Daumen des Moskauer Außenamtes zu sehen: er sei im Geiste der "Doktrin von der 'sowjetischen Besatzung'" gehalten. Näheres ist noch nicht bekannt, doch dürfte unter anderem der Hinweis auf den Friedensvertrag von 1920 beim großen Nachbarn für Mißfallen gesorgt haben - in der Vereinbarung hatte das sozialistische Rußland nämlich seinerzeit die Unantastbarkeit Lettlands zugesichert.
Weiteren Zündstoff kann man getrost in der Verurteilung des Hitlers-Stalin-Paktes von 1939 sehen sowie in der Gleichsetzung der Verbrechen aller totalitärer Regime (Diena, 11. und 12. Februar).Daß russischer Diplomatie in Sachen Baltikum mittlerweile kein Argument zu abstrus ist, hat kurz vor Weihnachten der bereits erwähnte Botschafter V. Kalushnij aufs vortrefflichste vorgeführt. Ganz so, als ginge es bei der Veranstaltung in Moskau nicht um den 60. Jahrestag des Niederschlagung des Faschismus in Europa, erklärte er zum Begehr, Rußland möge die Gelegenheit nutzen, um die Besetzung des Baltikums eingestehen und sich dafür entschuldigen: "Wo soll sich hier da Tscheka (später KGB) habe schließlich der Pole Felix Dschersinski geleitet, und "von den 44 Mitgliedern des Revolutionären Kriegsrates waren 38 Juden, vier - Letten, und lediglich einer - Russe". Der Überlebende des Ghettos Riga, Aleksandrs Bergmans, vermochte da nur entsetzt kommentieren: "Das ist die gleiche Ideologie, wie sie unter den Nationalsozialisten in Lettland herrschte - Juden und Tschekisten sind ein und dasselbe" (Diena, 23. Dezember 2004) und 17. Januar).
Noch schlimmer eigentlich: im Rahmen eines ausf�hrlichen Interviews mit der lettischen Tageszeitung Diena verzichtete der Botschafter trotz Nachfragen konsequent auf jede M�glichkeit, seine �u�erungen auch nur um ein Deut zu korrigieren...Man darf auf die Wochen bis zum 9. Mai also weiterhin gespannt sein.
Dieser Text entstammt dem Newsletter der LETTISCHEN PRESSESCHAU http://www.lettische-presseschau.de. (Vielen Dank an Ojars Rozitis)
Der Newsletter ist erh�ltlich durch Nachricht an newsletter@lettische-presseschau.de
16. Januar 2005
60 Jahre Kriegsende
Eines der am heissesten diskutierten Themen in Lettland ist im Moment die Frage, ob Staatspräsidentin Vike-Freiberga die Einladung nach Moskau annehmen soll, wo Russlands Präsident Putin Regierungschefs aus aller Welt zur Zelebrierung des "großen vaterländischen Sieges" empfangen will.
Für die deutsche Regierung scheinbar keine Frage: das Jahr 2005 ist das Jahr vor den kommenden Bundestagswahlen, und innenpolitische Proleme konnten schon oft mit aussenpolitischen überdeckt werden. "Ostpolitik", das riecht so schön nach Willy Brandt und "guten alten Zeiten". Nach Friedenspolitik der einfachen Art, wo man gerne auf der Seite der "Guten" stehen möchte. Putin und Schröder - die neue Männerfreundschaft. Scheindemokratisches Geplänkel mit brüchiger Fassade. Auf Kosten der Balten?
Doch auch die Konservativen versammeln sich zu seltsamen Verabredungen. Unter dem Banner "christlicher Werte" versucht man nun auch auf europäischer Bühne neue Fronten aufzubauen, um die eigenen innenpolitischen Interessen abzusichern. Dabei sind die Lettinnen und Letten (und auch deren baltische Nachbarn) doch in ihrer Mehrheit durch ihre alten Mythen und Volkstraditionen geprägt, sogar die scheinbar so strikt katholischen Litauer. Viele geraten in Zweifel, wieviele Kompromisse noch nötig sind, um sich die europäischen Freunde gewogen zu halten. Ein Minimum von 2% Militärausgaben waren der eine Preis, der vorbehaltlose Startschuß zum großen Konsumrausch der andere. Die Steigerungsraten bei den Neuzulassungen von Privatautos sind Ende 2004 eine der höchsten in ganz Europa, diejenige der Inflation aber ebenfalls.
Und was soll also gefeiert werden am 9.Mai 2005 in Moskau? Das große Glück, dass Lettland wieder überrollt wurde von der Roten Armee, und Tausende in Sibirien landeten (und viele nie wieder zurück kamen)? Sollen wir von der Illusion leben, die Sowjets hätten für uns (Deutsche) die Nazis aus dem Feld geschlagen? (nachdem sich Sowjets und Nazis vorher verbrüdert hatten?) Noch immer ist es nicht selbstverständlich, dass in Russland Fakten zum Hitler-Stalin-Pakt veröffentlicht werden können. Heisse Diskussionen um die Beteiligung von Letten am Holocaust werden in Lettland zwar geführt, aber von manchen Seiten nur als schlichten Beweis von nach wie vor rechter Gesinnung angeführt. Welche Selbstgerechtigkeit!
Oder sollen wir uns mit den Verstrickungen abfinden, die uns gegenwärtig die in Lettland lebenden Russen liefern? Diese verbohrten Polit-Funktionäre, die uns weissmachen wollen, alle Russen siechen geknechtet dahin? Sollen wir feiern, dass sie sich jetzt weiterhin von "Dekret-Demokraten" wir Putin (und Schlimmeren in Russland!) instrumentalisieren lassen, ohne selbstbewußte Rollenbestimmung im neu strukturierten Lettland?
Was feiern wir, Herr Putin, Herr Schröder? Vielleicht reisen sie beide zunächst am 4.Mai 2005 nach Riga (ohne dass es einer Erklärung bedarf, was da gefeiert wird ....) !
Neue Aktivit�ten des Vereins INFOBALT
INFOBALT-Stammtisch im Gastst�tte Sch�ttinger, Bremen (N�he B�ttcherstra�e): jeder 1. Mittwoch im Monat, ab 19.00 Uhr.
Es gibt ebenfalls einen INFOBALT-Stammtisch in Hannover, aber zu unter den Mitgliedern dieser Gruppe intern vereinbarten Terminen. N�heres auf Anfrage.Wir vermitteln gerne weiter, wenn anderswo solche Treffs initiiert werden sollen.
BALTISCHE STUNDE � Radiosendung im Offenen Kanal Bremen, alle vier Wochen donnerstags 18.05 � 19.00 Uhr.
Die Sendung wird meistens im Studio vorproduziert. Es ist m�glich, selbst mitzumachen oder G�ste aus den baltischen Staaten auf einen Besuch oder f�r ein Interview mitzubringen � Termine k�nnen frei vereinbart werden. Auch das zur Verf�gung stellen von Musik aus den baltischen Staaten ist sehr gerne gesehen.
Sendetermine sind auf www.infobalt.de einzusehen oder per Email erh�ltlich.
In Verbindung mit der Ank�ndigung der Radiosendung wird ein Newsletter per Email erstellt, er enth�lt auch �bersichten zu aktuellen Pressever�ffentlichungen zu den baltischen Staaten sowie Veranstaltungshinweise. Neue Interessenten m�gen sich btte unter post@infobalt.de melden.
Wie empfange ich die Baltische Stunde? Im Radio im Bremer Raum auf UKW 92.5 oder �BERALL ZU EMPFANGEN IM INTERNET unter http://www.ok-bremen.de/ra/raSt/raSt2.php (Auf dieser Seite kann die Audio�bertragung oder Webcam angew�hlt werden, schauen Sie uns beim "Radiomachen" zu!)
Veranstaltungen in Bremen
Durch den Beitritt der baltischen Staaten zur Europ�ischen Union, das Vorhaben Bremens zur Kulturhauptstadt 2010 zu werden und durch die seit langem gefestigten vielf�ltigen Kontakte ergeben sich eine Menge Anfragen. Beispiele: RADREISEN GRENZENLOS im April 2005 in der Unteren Rathaushalle Bremen, Bremisches Jugendseminar im Mai 2005 (geplant gemeinsam von den Bremer Auslandsgesellschaften - jeweils zwei Jugendliche aus jedem der drei baltischen Staaten sollen eingeladen werden). Ebenfalls in Planung: Eine Veranstaltungsreihe der mit der Hochschule Bremen (Filmvorf�hrungen, Literatur).
Anfang April 2005 wird eine Wanderausstellung des Okkupationsmuseums Riga im Haus der B�rgerschaft in Bremen er�ffnet werden und dort einige Zeit zu sehen sein.
Veranstaltungen in Deutschland
In vielen F�llen wenden sich Veranstalter mit Planungen bez�glich der baltischen Staaten an INFOBALT. INFOBALT bietet Service in zwei Richtungen an: einerseits vermitteln wir gerne das weiter, was andere (auch Sie?) anbieten, und andererseits k�nnen die Veranstalter, die selbst noch keine Ideen haben, sich gerne an uns wenden. Der nicht-kommerzielle Charakter unserer Vereinsarbeit mu� dabei gewahrt werden. Sofern wir Hinweise von unseren Mitgliedern erhalten, helfen wir gerne oder geben Tipps.
Veranstaltungen international
Unsere zentrale internationale Veranstaltung ist auch in diesem Jahr wieder das
BALTIC NGO FORUM.
Die Veranstaltung wird vom 11.-14. Mai 2005 in Gdynia/Polen stattfinden, es werden etwa 300 TeilnehmerInnen aus allen Ostseeanrainerstaaten erwartet, also auch aus Estland, Lettland und Litauen. Etwas Englisch-Kenntnisse sind erforderlich � aber sonst kann jede/r teilnehmen, der/die gerne auf einfache Weise Kontakt bekommen m�chte zu sehr unterschiedlichen "Nichtregierungsorganisationen" (Abk�rzung: NGOs, nach dem englischen Ausdruck daf�r) . Es sind Arbeitsgruppen geplant zu den Themen Kultur, Natur & Umwelt, Menschenrechte, Bildung, Soziales, Jugend, Regionalentwicklung, Innere Sicherheit. INFOBALT hat die Koordination der Information zur Veranstaltung �bernommen (siehe Internetseite www.infobalt.de und www.cbss-ngo.de) , - also alle Fragen k�nnen �ber Email post@infobalt.de an uns gestellt werden. Voraussichtlich betr�gt die Anmeldegeb�hr (schlie�t �bernachtung und Verpflegung in einem Hotel ein) 50 � betragen, f�r die Fahrtkosten werden noch verschiedene Zuschu�m�glichkeiten erkundet. Wir betonen noch einmal ausdr�cklich: nicht nur INFOBALT-Mitglieder, sonder alle Interessierten k�nnen teilnehmen (allerdings maximal 18 aus Deutschland).