7. Dezember 2015

Vairas Revival

Die Vergabe des Hannah-Arendt-Preises ist in der Regel eine sehr seriöse Veranstaltung. Seit 1995 wird dieser Preis verliehen - mit dem Zusatz "für politisches Denken" versehen. Die ungarische Philosophin Agnes Heller hat ihn bekommen, der deutsch-iranische Schriftsteller und in diesem Jahr auch Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani, auch der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch. 2005 war es Vaira Vīķe-Freiberga, damals noch als Präsidentin Lettlands im Amt.

Vaira Vīķe-Freiberga, Imants Freibergs - im
Gespräch mit Antonia Grunenberg
Als sie am 16. Dezember 2005 im Festsaal des Bremer Rathauses ihre Dankesrede hielt, konnte sie nicht sicher sein, wie viel der deutschen und der bremischen Öffentlichkeit über Lettland bekannt war. Zudem sagte sie damals, fast entschuldigend, sie sei den größten Teil ihres Lebens kein besonders politisch denkender Mensch gewesen - bis Lettland wieder frei und unabhängig wurde (siehe Preisträgerrede). Die Preisverleihung war damals fokussiert auf zwei Hauptthemen: die Ambivalenz des 8.Mai 1945, für die einen Tag der Befreiung, für die anderen - wie Ralf Fücks es in einem Grußwort formulierte - "geprägt durch die Doppelerfahrung von nationalsozialistischer und stalinistischer Herrschaft". Als zweites Thema redete 2005 natürlich jeder von Europa - und von Vīķe-Freiberga als große Mentorin der Europa-Orientierung ihres Landes. Außerdem war noch nicht ganz verklungen, dass Vīķe-Freiberga damals am 9.Mai als einzige der drei baltischen Präsidenten nach Moskau fuhr und die Einladung Putins zur Ehrenparade annahm.

Am 4.Dezember 2015 waren Heller, Kermani, Andruchowytsch und Vīķe-Freiberga erneut im Bremer Rathaus anzutreffen - zum 20.Jubiläum der Gründung des Hannah-Arendt-Preises hatte der Trägerverein, der Senat der Hansestadt, zusammen mit Heinrich-Böll-Stiftung und Institut Francais zum sortierten Nachdenken eingeladen, unter dem etwas reißerischen Titel "Welt in Scherben".

Dany Cohn-Bendit, György Dalos, VVF, Juri Andruchowytsch
Im Verlauf zeigte sich, dass auch 10 Jahre nach der Erweiterung von EU und NATO noch immer Kommuni-kationshilfen nötig sind zwischen Ost und West. Auch wenn sich die lettische Ex-Präsidentin zunächst aufgeräumt und locker zeigte. In Zeiten, wo wieder große Flüchtlingsströme durch Europa ziehen, begann "VVF" nur allzu gern bei ihren Erfahrungen als lettischer Flüchtling in Deutschland; sie bat das Bremer Publikum um Verständnis, wenn "diese alte Dame" so eine "Kindersprache" spreche, was ihre Deutschkenntnisse angehe. "Ich bin im Jahre 1945 mit 7 Jahren in Deutschland angekommen, und im Alter von 11 Jahren sind wir damals nach Marokko und später nach Kanada gegangen. Mein Wortschatz ist leider nicht auf derselben Ebene wie mein Verständnis von Deutsch."

Frisch im Amt, zum ersten Mal Gastgeber anläßlich des
Hannah-Arendt-Preises: Bürgermeister Carsten Sieling
"Was ich als Kind gesehen habe, war nur Krieg, und Macht, und nicht Recht," gibt Vīķe-Freiberga zu Protokoll. Es gibt Erinnerungen, die sie bis heute prägen, und offenbar hindert sie nichts, den Deutschen von Deutschland zu erzählen: "Wenn wir heute von einer schwierigen Situation sprechen - direkt nach dem Krieg galt das besonders für Deutschland. Vom Flüchtlingslager in Lübeck sind wir mit dem Zug nach Hamburg gefahren, und ich habe gefragt: wann kommen wir endlich an? Die Antwort war: seit einer halben Stunde fahren wir schon durch Hamburg."

Ihr Fazit: "Das einzige, was ich schon immer gewußt habe ein Recht darauf zu haben ist, Lettin zu sein." Solch ein Satz erweckt erst Beifall unter den deutschen Zuhörern als sie fortfährt: "Die Letten sagten zu mir 'Ja, du bist eine von uns!' - allerdings auch der König von Marokko. Als ich dort einen Staatsbesuch machte, wo wir einmal in Marokko gewohnt hatten, da warteten Tausende von Menschen, und auch sie sagten: 'Wir sind so froh, das einmal eine von uns Präsidentin eines anderen Landes werden konnte!' "

Distanz zum Nationalstolz, eine der Grundvoraussetzungen offenbar für das, was sich in Deutschland ein "kritisches Bewußtsein" nennt. Andererseits war diesmal weder Lettlands sehr zögerliche Haltung zur aktuellen Flüchtlingsproblematik, noch die Frage des Zusammenlebens von Letten und Russen ein Thema. Dany Cohn-Bendit, keiner der Ex-Preisträger, aber geladener Podiumsgast zum Thema "Menschenrechte versus Selbstbestimmungsrecht der Völker" (Zitat: "Ich leide an Europa"), fühlte sich offenbar berufen genug um Frau Präsidentin zu ermahnen, den lettischen Anteil am Holocaust an den Juden stärker kritisch zu beleuchten. Eigentlich auch in Lettland kein Tabuthema mehr - und noch 2005 (anläßlich der Bremer Preisverleihung an die Präsidentin) hatten sich sowohl die jüdische Gemeinde in Riga wie auch Margers Vestermanis, Historiker und Holocaust-Überlebender, positiv zu Vīķe-Freiberga's Initiativen zur Aufarbeitung von Nazi-Herrschaft und Holocaust geäussert.

An dieser Stelle fehlte es Frau Ex-Präsidentin etwas an "Centenance", wie man vielleicht sagen könnte. Etwas gar zu verbissen meinte sie nun den  "roten Dany" als "Marxist" entlarven zu müssen - was dieser lachend, die Publikumsgunst auf seiner Seite wissend, zurückwies. Kein Paradebeispiel hoher Diskussionskultur - und wie viel Cohn-Bendit abseits der allgemeinen Schlagzeilen wirklich von Lettland weiß - oder sich überhaupt für dieses Land interessiert - blieb ebenfalls offen. Vīķe-Freiberga verstieg sich noch darin, Cohn-Bendit auf die jüdische Beteiligung am Stalinistischen Regime 1939/40 hinweisen zu wollen - hier wurde es fast peinlich, hatte sie doch noch in ihrer eigenen Amtszeit die lettische Historikerkommission ins Leben gerufen, welche die Verbrechen der beiden totalitären Regime in Lettland aufarbeiten soll; über Gerüchte und Verleumdungen gegen Juden ist in den seither jedes Jahr regelmäßig publizierten Kommissionsberichten genügend nachzulesen. Einem schräges Argument ist eben nicht mit einem noch schrägeren Argument zu begegnen - in sofern war der 4.Dezember im ex-präsidialen Tagebuch sicher kein Termin qualitativ hochstehender Diskussion über Lettland damals und heute.

Sehr wechselhaftes Diskussionsniveau also im Bremer Rathaus - der Abstand zur lettischen Innenpolitik ist offenbar nicht so groß; noch nach dem Rücktritt des damaligen Regierungschefs und jetzigem EU-Kommissars Valdis Dombrovskis gab es eine in Umfragen merkbare Anzahl Menschen, die Vaira Vīķe-Freiberga auch als Regierungschefin für tauglich halten - wohl angesichts des Angebots an sonstigen Alternativen. Zwei Tage nach der Bremer Veranstaltung trat in Lettland Laimdota Straujuma zurück. Nein, die immer noch parteilose Ex-Präsidentin wird wohl kein Allheilmittel sein, solange es in Riga vor allem um interne Ränkespiele geht.

28. November 2015

Die Katzen und der heiße Brei

Lange Warte-schlangen soll es gegeben haben, als die Bank von Lettland in dieser Woche die erste Münze aus der Reihe "Märchen Lettlands" herausgab. Die "fünf Katzen" bildeten den Auftakt zu einer Reihe, in der fünf Münzen zu lettischen Märchen herausgegeben werden sollen.
Die fertige Münze stellt dabei eine echte "baltische" Ko-Produktion dar: die Herstellung über nahm die litauische "UAB Lietuvos monetų kalykla".
Gestaltet wurde die Münze von der lettischen Designerin Anita Paegle, die auch Kinderbücher schon illustriert hat, und deren Gestaltungsentwurf für die "Schaukel-Münze" (Šūpuļa monēta) zur "schönsten lettischen Münze des Jahres 2013" gewählt wurde.

Gibt es überhaupt lettische Märchen? Was vielleicht wie eine dumme Frage klingt, wird zu einer ernsthaften Recherche, wenn es um die Quellen und Ursprünge geht. Klar, die Gebrüder Grimm haben viel gesammelt, aber lettische Märchen?
Die fünf lettischen Katzen - Muri, Ņuri, Inci, Minci un Punci - sind eines der Lieblingsmärchen, die lettischen Kindern vor dem Schlafengehen vorgelesen werden. Obwohl der Text sehr kurz ist, kommt dabei deutlich ein erzieherisches Ziel zum Ausdruck:  nur mit Einfallsreichtum, Eigeninitiative und Fleiß kommt man im Leben weiter - übersetzt in Märchentext: die fünf Katzen müssen schon selbst Holz suchen, um den Ofen heizen zu können, auf dem sie dann ihren Brei kochen, und dann satt und zufrieden ins Bett gehen können.

Aufgeschrieben hat die Geschichte Alberts Kronenbergs (1887-1958); sein bekanntestes Kinderbuch "Mazais ganiņš un viņa brīnišķīgais ceļojums" ("der kleine Hirte und seine wundersame Reise") erschien 1931. Eine animierte Version der "fünf Katzen" hält die Webseite "pasakas.net" bereit, viele der Märchen wurden auch Vorlage für Aufführungen des Theaters und Puppentheaters.
Deutsche Übersetzungen der "fünf Katzen" finden sich entweder in den Märchenbüchern des Diedrich-Verlags (Erstausgabe 1924, Ausgabe zuletzt von 1989), oder die DDR-Ausgaben aus dem Aufbau-Verlag (zuletzt neu aufgelegt 1990), in beiden Fällen zusammengestellt von Ojārs Ambainis.

Die neue Münze ist ab sofort im Handel, in einer Auflage von 10.000 Exemplaren, zunächst zum Ausgabepreis von 39 Euro.

14. November 2015

Air Baltic - frische Luft aus Germanien?

Das Luftfahrgeschäft zeigte sich schon häufiger als Business verwinkelter Wege. Für Außenstehende schwer durchschaubar gehen die einen bankrott und werden unter neuem Namen gegründet, andere suchen ständig neue Investoren, die dann wieder ihre Möglichkeiten erweitern wollen, ordentlich Geld abzuschöpfen aus der vermeintlich günstigen Geldanlage. Um Verkehrsmittel, Verkehrswege und bequemes, angenehmes Reisen scheint es oft gar nicht mehr zu gehen. Und wenn dann noch politische Erruptionen dazu kommen, ist es noch schwieriger zu durchschauen.

Die Girmes-Kirmes
Es gibt also angeblich einen neuen Investor bei AIR BALTIC: den deutschen Geschäftsmann Ralf Dieter Montag-Girmes. Das ist erstaunlich, hatte doch gerade AIR BALTIC mit Berthold Flick erst vor wenigen Jahren ebenfalls einen deutschen Investor, der es scheinbar so bunt trieb, dass die lettische Regierung Jahre brauchte, um ihn erstens loszuwerden und zweitens Gerichtsprozesse in diesem Zusammenhang abzuwenden (siehe Blog). Immerhin war diese offenbar etwas überraschende Entwicklung (manche rechneten eher mit dem Einstieg chinesischer Investoren) Grund genug für die lettische Regierungschefin Laimdota Straujuma, den bisher amtierenden Verkehrsminister Anrijs Matiss wegen dieser Vorgänge zu entlassen (Verkehrsrundschau). Der Übernahme von Anteilen durch Montag-Girmes stimmte die lettische Regierung aber - nachdem am 3.11. vier Stunden lang hinter verschlossenen Türen diskutiert worden war - zu. 52 Millionen Euro soll M-G angeblich dafür bezahlen, um 20% Anteile zu erhalten. Weitere 80 Millionen will die lettische Seite dazutun, um mit diesem Geld dann unter anderem in die Erneuerung der Flotte zu stecken.

Die Karikaturisten haben sich längst
daran gewöhnt: der lettische Storch
füttert fremde Vögel ...

(Zeichnung: Gatis Šļūka)
Gegenwärtig bedient die Airline von Riga aus 60 Destinationen. Eigenen Angaben zufolge beschäftigt AIR BALTIC 1200 Mitarbeiter. Gegenwärtig werden Flugzeuge vom Typ Boing 737 und Bombardier Q400 Turboprop eingesetzt. 13 weitere Flugzeuge des Typs "Bombardier CS300" habe der lettische Carrier nun bereits bestellt, der Liefertermin sei auf Ende 2016 terminiert.

Investor als Vertreter russischer Interessen? 
In der lettischen Presse sind nun aber Spekulationen zu lesen - und damit zurück zu den möglichen politischen Auswirkungen - der Einstieg von Montag-Girmes könne auch bedeuten, statt Bombardier nun Maschinen des russischen Typs "Sukhoi SuperJet-100" anschaffen zu wollen, eine Herstellerfirma, die auch Jagdflugzeuge für die russische Armee herstellt. In einem Geschäftsplan, ausgelegt auf die kommenden fünf Jahre bis 2021, soll dies angeblich so festgelegt sein. Die zusätzlichen 80 Millionen aus der lettischen Staatskasse dagegen sollen teils als Teilzahlung an Bombardier für die bereits erworbenen 11 Maschinen dienen (45 Millionen), teils zur Deckung von Leasingkosten von bereits eingesetzten Maschinen (20 Mill.), und der Rest für laufende Unterhaltskosten (15 Mill.). Angeblich habe sich M-G das Recht vertraglich vorbehalten, bei jedem Ankauf oder Leasing von Flugzeugen in Zukunft ein Alternativangebot unterbreiten zu dürfen, und im Aktionärsvertrag festschreiben zu lassen den Zuschlag zu bekommen, falls sein Angebot das günstigste ist. Falls dies nicht geschehe, wolle sich M-G ein Vetorecht festschreiben lassen.
Eine Entscheidung zum Ankauf neuer Maschinen sei aber bis jetzt noch nicht getroffen, behauptet bisher auch AIR-BALTIC-Chef Martin Gauss (Finance-net). Sie sei aber nötig, denn ein Großteil der gegenwärtig im Einsatz befindlichen Flotte sei 20 Jahre alt und älter.

Ex-Verkehrsminister Anrijs Matīss bestätigte ebenfalls, dass Aktionärsverträge noch gar nicht unterschrieben seien. Es sei aber Sache des Unternehmens, nicht des Staates, über die eingesetzten Maschinen zu entscheiden. Auch gibt es Gegenmeinungen, die der Behauptung widersprechen, Montag-Girmes arbeitete nur mit russischen Flugzeugherstellern zusammen. "Es liegen allerlei Gerüchte in der Luft", sagt man ja so schön - in diesem Fall ist es das Thema "baltische Luft", die sie erzeugen. Ins Spiel kommt dabei auch die Möglichkeit, Flugzeuge zu leasen statt zu kaufen: zum Beispiel durch die seit etwa einem Jahr in Lettland registrierte Firma "Aircraft Leasing 1", eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung übrigens. Deren Inhaber besteht nur aus einer einzigen Person: Ralf Dieter Montag-Girmes. Das Grundkapitel dieser GmbH bestehe nur aus 25.000 Euro, so lettische Presseberichte. Die einzigen "Aktiva", die diese Firma im Fall von Geschäften mit größeren Umfängen aufzuweisen habe, seien dann möglicherweise ... die AIR-BALTIC-Anteile. Keine guten Sicherheiten für den lettischen Staat, falls irgend etwas an dem Geschäft schiefläuft.

Bahn oder Flug, Herr Minister?
Vorerst gibt es einen Aufschub bis zum 17.November - dann will die lettische Regierung über ihre Vorgehensweise entscheiden.
Die Entlassung von Verkehrsminister Matīss soll, verschiedenen Medienberichten zufolge, nicht so sehr mit dem Flugverkehr zu tun haben, sondern mehr mit der lettischen Eisenbahn (Latvijas Dzelscelš LDz). Nachdem den dortigen Korruptionsskandalen und die Entmachtung des LDz-Chef Magonis (siehe Blog) soll Matīss auf den dort frei werdenden Posten spekuliert haben. Regierungschefin Straujuma solle von diesen Wünschen gewußt haben, aber schon aus formalen Gründen andere Lösungen gesucht haben: ihrer Meinung nach solle ein amtierender Minister sich nach seiner Amtszeit mindestens zwei Jahre Zeit lassen um in ein Spitzenamt der Wirtschaft zu wechseln ("Ir").

Maschinen austauschbar?
Auch der Spitzenposten des gegenwärtigen AIR-BALTIC-Geschäftsführers Martin Gauss, ein ausgebildeter Pilot, Ex-Geschäftsführer der Deutschen BA, vor vier Jahren ins Amt berufen, steht unter einem Fragezeichen. Gauss war bis 2011 für die ungarische Fluggesellschaft Malev tätig; auch dort ging es damals um Beteiligung von russischer Seite, um die Fluggesellschaft vor der Pleite zu retten - 2012 kam für Malev das endgültige Aus. Interessant vielleicht auch, dass es damals bei Malev ebenfalls um den potentiellen Ankauf von Flugzeugen des Typs "Suchoi" ging - auch bei MALEV hatte der Staat zwar formell die Anteilsmehrheit, das Geschehen wurde aber von russischen Investoren im Hintergrund bestimmt.
"Bitte, spenden Sie für ein neues Flugzeug!"
Diese Lösungsvariante wird wohl der Traum
des Karikaturisten bleiben
(Zeichnung: Gatis Šļūka)
Schon 2012 sagte Gauss auf die Frage, ob die Maßnahmen zur Kostenersparnis bei AIR BALTIC schon ein Ergebnis bringen würden: "Allerdings passt bis heute die Kostenbasis nicht zum Modell, das wir fliegen. Speziell langfristige Themen wie Leasingverträge werden gerade neu- oder nachverhandelt. Wir liegen hier zum Teil weit über den marktüblichen Leasingraten. Das ist der größte Einzelposten, aber zugleich auch der, der am einfachsten zu beheben ist." (siehe "airliners.de", ähnlich auch "Handelsblatt")
Bisher galt Gauss als Erfolgsgarant bei AIR BALTIC - 2014 hatte die Airline zwar einen leichten Rückgang beim Umsatz zu verzeichnen, aber einen erheblichen Anstieg beim Gewinn nach Steuern.

Ein besonderes Schlaglicht wirft auch das Aus für die "Estonian Air" in der vergangenen Woche auf die Ereignisse. Dort habe der Staat Geld bereitgestellt, ohne Investoren zu haben - und das widerspreche den EU-Regularien. Nachdem auch Litauen keine eigene Airline mehr betreibt, hofft AIR BALTIC natürlich darauf, als "Baltikum-Regionalcarrier" angesehen zu werden.
Eines ist vorerst sicher: das letzte Kapitel in der Geschichte der AIR BALTIC ist noch nicht geschrieben - vielleicht gibt es schon in ein paar Tagen neue Wendungen.

1. November 2015

90 Jahre lettisches Radio

Am 1.November 1925, heute vor neunzig Jahren, wurde in Riga das neue Radiozentrum eröffnet - die erste Übertragung war Giacomo Puccini’s "Madame Butterfly", gesendet aus der Rigaer Oper. Vorausgegangen war ein Parlamentsbeschluss vom 28. März 1925 zur Bereitstellung von 140.000 Lats zur Fertigstellung dieser ersten lettischen Radiostation.

Der Vorschlag zum Bau des lettischen Radiosenders wurde im wesentlichen erarbeitet von Ingenieur Jānis Linters. Die erfolgreiche Durchführung der lettischen Radioübertragungen brachten Linters 1928 die Auszeichnung mit dem "Drei-Sterne-Orden" ein. Linters wurde 1879 in der Nähe von Cēsis geboren, seine Eltern waren beide Lehrer. Er ging in Cēsis und Tartu zur Schule, erwarb sein Diplom als Elektriker in St.Petersburg, und arbeitete dann beim Petersburger Telegrafenamt. In den Folgejahren war er auch verantwortlich für Projekte auf der Halbinsel Kamtschatka, in Tver an der Wolga und Nischni Nowgorod.

Ein Modell aus den Anfangstagen des lettischen
Radios: ein "VEF Super M517"
In Riga soll es damals ziemlich kompliziert gewesen sein, den Parlamentsabgeordneten zu erklären, wie Radioempfänger und Radiowellen funktionieren. Im Sitzungsraum des zuständigen Komitees wurde 1925 ein Empfänger mit zwei Kopfhörern installiert, während der Sitzung tauschten dann die Abgeordneten ständig die Kopfhörer, während als Übertragung der regierungsamtliche "Anzeiger" vorgelesen wurde (siehe Abb.). Linters versuchte zu erläutern, dass ein Radioempfänger ein recht einfaches Gerät wäre, und es sei möglich, dieses in Lettland auch industriell zu produzieren. Seinen Berechnungen zufolge würden sich die notwendigen Investitionen nach 10-15 Jahren amortisieren, eine Kalkulation, die sich als falsch erwies: es setzte ein so starker Ansturm nach Radiogeräten ein, dass bereits nach vier Jahren alle Kosten wieder hereingeholt waren.
So soll sie ausgesehen haben: die
erste Radio-Empfangseinrichtung, bereit
für das Prüfkomitee
Vor der Parlamentsabstimmung musste mehrmals das Prinzip elektromagnetischer Wellen erklärt und verdeutlicht werden, dass keinesalls Fenster und Türen geöffnet werden müssen, damit diese in die Häuser gelangen.

Der lettische Radio-
pionier Jānis Linters
Die erste größere Anlage wurde von der französischen Firma "Société française radio-électrique" erstellt: Antenne und Transmitter wurden vom französischen Hafen Dunkerque / Dünkirchen nach Riga transportiert und im 2.Stock des Rigaer Post- und Telegraphenhauses aufgebaut. Heute wird der Gebäudekomplex von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Lettlands genutzt - am 12. Oktober 1944 wurde beim Rückzug der deutschen Armee aus Riga der Radioturm gesprengt und die Büros der Radioverwaltung in Brand gesetzt. Dadurch wurden einige Gebäudeteile verwüstet, aber sie wurden nach dem Krieg restauriert. Die kleine Straße am Stadtkanal heißt heute immer noch "Radio iela".

Bis 1940 wurden unter der Verantwortung von Jānis Linters auch in Madona, Kuldīga und Liepāja Sendestationen aufgebaut. 

Auch die Grundlagen des Baus von Radioapperaten in Riga wurde in dieser Zeit gelegt. 1919 wurden die Post- und Telegrafenbehörden gegründet (Pasta un telegrāfa valdes darbnīcas), daraus entstand 1932 die "Valsts elektrotehniskā fabrika" (staatliche elektrotechnische Fabrik) mit der berühmten Abkürzung VEF - sie hatte Bestand bis Anfang der 1990iger Jahre. Geradezu legendär wurde der damals (in den 1930iger Jahren) kleinste Fotoapperat der Welt, die "Minox".

Mehr zur Geschichte des lettischen Radios

Zum Jubiläum: die erste Sendung des lettischen Radios vom 1.11.1925 - zum Anhören ins Netz gestellt (Ausschnitte, plus Moderation und Kommentare - Sendung "Kultūras Rondo" vom 1.11. und 2.11.2015)

30. Oktober 2015

Nach Saisonende

Gerade bei deutschen Touristikveranstaltern ist es kürzlich wieder Mode geworden, selbst unerfahrene Gäste, ältere wie jüngere, auf einen Trip des sogenannten "nachhaltigen umweltfreundlichen Tourismus" zu schicken - nein, leider nicht indem sie zu Hause bleiben, und so CO2 zu sparen, sondern indem sie ein Bus irgendwo nach Lettland bringt, wo dann 20, 30 km Rad gefahren wird, möglichst auf asphaltierten, bequemen Straßen, und der Bus die Gäste dann nachmittags wieder einsammelt, um sie rechtzeitig zum Fernsehprogramm ins Hotel zu bringen.
Ist die Saison aber vorbei - kümmert es keinen, was im Touristenzielgebiet sonst noch passiert. Dafür gibt es mehrere Beispiele (siehe auch "Kolka uncool"). So hätte das, was diese Woche nördlich Riga passierte, immer Sommer auch jederzeit Touristen passieren können.

Fotos: lettische Verkehrspolizei
Der Unfall ereignete sich kurz nach 11 Uhr morgens auf der Straße Riga-Sigulda in der Nähe der Ortschaft Gārkalne, als ein Schwerlaster der Marke "Skania" mit einem Opel zusammenstieß, der eine Gruppe Radfahrer begleitete. Es gab 13 Verletzte, sechs davon mit schweren oder sehr schweren Verletzungen, alle sind Jugendliche im Alter von 12- 18 Jahren.Drei davon befinden sich noch in einem lettischen Krankenhaus, die übrigen konnten inzwischen nach Hause in die Obhut ihrer Elterin entlassen werden.

Nach dem, was bisher bekannt ist, fuhr der 50 Jahre alte LKW-Fahrer mit zu hoher Geschwindigkeit und ohne die Abstands-regeln zu den Vorausfahrenden zu beachten, Alkoholeinfluß konnte allerdings nicht nachgewiesen werden, und auch die vorgeschriebenen Ruhezeiten habe der Fahrer eingehalten. Die Radlergruppe war eine Trainingsgruppe einer lettischen Fahrradschule (Rīgas Riteņbraukšanas skola). Der LKW-Fahrer, ein polnischer Staatsangehöriger mit Fahrpraxis seit 1989, wurde vorübergehend in Gewahrsam genommen. Er bedaure das Geschehene sehr, heißt es. Lettischen Gesetzen zufolge kann ein Fahrzeugführer, wenn er einen Unfall mit Todesfolge oder schweren Verletzungen verursacht, mit bis zu 10 Jahren Gefängnis bestraft werden - die Untersuchungen dauern noch an.

Schnell kamen Forderungen auf, Radfahrer generell von den Schnellstraßen zu verbannen. Normunds Krapsis, Leiter der Abteilung Verkehrs-sicherheit bei der Polizei, sagte dazu: "Es ist ein tragisches Ereignis. Aber nach jedem Unfall das Gesetz ändern zu wollen, macht keinen Sinn."
Andere Verkehrsteilnehmer berichten, selbst öfters Radlergruppen gesehen zu haben, mit einem Begleitfahrzeug in der Nähe. "Das stört doch eigentlich niemand, wenn man achtsam fährt."

Die jugendliche Radsportgruppe sei morgens um 10.30 Uhr in Riga losgefahren, unter Aufsicht eines erfahrenen Sportlehrers, gibt die betroffene Radsportschule bekannt. Das Begleitauto sei mir einer speziellen Warnblinkanlage ausgestattet gewesen. 12 Fahrräder weisen Totalschaden auf, jedes zwischen 1500 und 2000 Euro wert. Das Komitee für Bildung, Kultur und Sport der Stadtverwaltung Riga (Rīgas domes Izglītības, kultūras un sporta komiteja) reagierte äußerst schnell, indem es der Sportschule bereits vier Tage nach dem Unfall bereits 30.000 Euro zur Deckung der Schäden bewilligte (10.000 davon für die materiellen Schäden). Die Mitglieder des Komitees äußerten dabei Einvernehmen darüber, dass die jugendliche Radlergruppe alle vorgeschriebenen Sicherheitsregeln eingehalten habe. Weiterhin wurde beschlossen, gemeinsam mit Vertretern der Polizei, des Straßenverkehrsamtes, des lettischen Radlerverbandes (Latvijas Riteņbraukšanas federācija), dem Sportgymnasium Murjāņi und den Sportschulen in Dobeles und Kuldīga zu beraten, ob und wie die Sicherheit bei Jugendsportveranstaltungen weiter verbessert werden kann. 

Nicht erwähnt wurde bisher - auch nicht von Seiten des Radsportverbands - dass der betroffene Straßenabschnitt unter Radfahrtouristen schon seit Jahren einen äußerst schlechten Ruf genießt. "Fahren Sie lieber gleich mit dem Zug von Riga nach Sigulda und setzen sie dort Ihre Radtour fort", so ist schon lange in einigen Radreiseführern zu lesen. Während sich lettische Behörden darauf berufen, dass auch in anderen Ländern es üblich sei, dass Radler die Straßen mitbenutzen (ausgenommen Autobahnen), so weisen allerdings ähnliche Straßen etwa in Schweden oder Dänemark, auch in Deutschland, zumindest einen Randstreifen auf, der ebenfalls asphaltiert ist und auf den man - Radler, PKW oder LKW-Fahrer - ausweichen kann, falls es kurzfristig notwendig sein sollte. Der betroffene Straßenabschnitt bei Gārkalne wurde in den zurückliegenden Jahren mehrfach erneuert und modernisiert - sicherlich mit EU-Fördergeldern - weist aber keinerlei Randstreifen auf. Im Gegenteil: direkt neben der Fahrbahn liegt Rollsplit, und ein Ausweichen darauf, zumindest in voller Fahrt, ist ziemlich unmöglich.

30. September 2015

Auch mit 90 noch nicht am Ende des Weges

Margers Vestermanis: viel erlitten, viel
erreicht, und noch immer wachen
Sinnes für neue und aktuelle
Entwicklungen
"Unter Ulmanis hat es keine Flüchtlingskrise gegeben!" Dieses Stellungnahme war vor kurzem in der lettischen Medien zu lesen. Während ansonsten viele öffentliche Äußerungen sich beeilen, der angeblichen "Vox populi'" zu folgen und Bedenken, Vorbehalte und mögliche Vorurteile gegenüber Flüchtlingen aneinanderreihen, läßt diese Stimme aufhorchen. Anlaß: der 90. Geburtstag von Marģers Vestermanis, Jude, Überlebender des Holocaust und unermüdlicher Sammler von Fakten und Zeitdokumenten zum lettisch-jüdischen Verhältnis. Ohne ihn gäbe es wahrscheinlich heute kein Museum "Juden in Lettland", aber auch sein umfassendes Wissen als Historiker, dazu seine vielfältigen Sprachkennisse und seine Lebenserfahrung ließen ihn zu einem hoch geschätzten Gesprächspartner werden. Seit 1998 wurde Vestermanis auch in den Kreis der lettischen Historikerkommission berufen.

Aktuell versuchen gerade die lettischen Nationalisten, als "nationale Liste" (Nacionālā apvienība) Teil der gegenwärtigen Regierungskoalition, die Frage des Zuzugs von Flüchtlingen so hochzuspielen und zuzuspitzen, dass sie auch die Regierung darüber stürzen sehen möchten. Angefeuert von hunderten negativen Äußerungen in Internetforen, die Angst vor Überfremdung und neuen schwer integrierbaren Menschen aus anderen Kulturkreisen haben, wird hier offenbar die Karte "Europa versteht uns nicht" ("Eiropa mūs nesapratīs") erneut auszuspielen, so wie es zuletzt vor der Volksabstimmung zum EU-Betritt 2003 versucht wurde.

"Die heutigen Politiker beherzigen zuwenig die Lehren der Vergangenheit", meint Vestermanis heute (in einem Interview mit NRA, 24.9.). Schon den Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915 habe Hitler als Beispiel gedient, dass ähnliches unbestraft von der internationalen Öffentlichkeit geschehen kann. Auch nach dem 1.Weltkrieg habe es Probleme mit großen Flüchtlingsströmen gegeben. Damals habe es den "Nansen-Paß" für staatenlose Flüchtlinge gegeben, 1922 vom Hochkommissar des Völkerbundes für Flüchtlingsfragen Fridtjof Nansen entworfen, der hierfür mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.
Vestermanis weist auch auf einige Umgangsweisen zu Zeiten von Kārlis Ulmanis hin, der als gewählter Ministerpräsident Lettlands 1934 die Parteien abschaffte, autoritär weiterregierte (manche sagen auch: diktatorisch), und vielen heutigen lettischen Nationalisten als Vorbild gilt. Bis zur Machergreifung Hitlers seien auch in Lettland noch deutsche und jüdische Kinder in gemeinsame Schulen gegangen, Unterrichtssprache Deutsch. Dann habe es das nicht mehr geben können, jüdische Schulen wurden gegründet, mit Unterrichtssprache: Lettisch.
1938 und 1939 seien auch etwa 2000 Juden aus Österreich und Deutschland nach Lettland geflüchtet. Die Erlaubnis dazu kam direkt von Ulmanis. Heute bedarf es dagegen schwieriger parlamentarischer Debatten und man könne ja sehen, so Vestermanis, wie schwer selbst die Aufnahme von 250 oder 776 Flüchtlingen falle (die beiden mit der EU bisher ausgehandelten möglichen Aufnahmequoten für Lettland). Damals sei es nicht etwa eine "Welle" von Flüchtlingen gewesen, sondern vor allem Mordehajs Dubins zu verdanken gewesen, einem Vertreter der lettischen jüdischen Gemeinde, der für eine stufenweise Zuwanderung und geordnete Aufnahme der jüdischen Flüchtlinge sorgte. "Er war nicht gerade ein Freund von Ulmanis, aber er hatte ihn schon in Finanzfragen beraten, verfügte über viele Kontakte unter den orthodoxen Juden, und hatte dem lettischen Staat schon ein paar Mal günstige Kredite verschafft," erzählt Vestermanis. Kein einziger Santims aus dem Staatssäckel müsse für die Aufnahme der Flüchtlinge verwendet werden, hatte Dubins damals Ulmanis versprochen. "Mēs paši visu nokārtosim – paši viņus barosim, izvietosim, apmācīsim." (Wir verpflegen sie, stellen die Unterkunft, und unterrichten sie.). Viele seien daraufhin in landwirtschaftlichen Weiterbildungseinrichtungen Lettlands untergebracht worden. Ein Künstler wie Leo Blech, vorher musikalischer Leiter der Oper Berlin, sei ohne weiteres zum Chefdirigenten an der Rigaer Oper berufen worden. Er habe gleich mehrere Arbeitsangebote gehabt, und viele seiner damaligen Inszenierungen, wie "Der Troubadour" oder "Aida" stünden noch heute als Vorbild da.
Margers Vestermanis selbst hatte gute Beziehungen zur Oper Riga, denn sein älterer Bruder war dort Konzertmeister. Als die Nazis Riga besetzten landete er auf der Straße, und wurde dann später im Wald von Biķerniki erschossen.

Zur aktuellen Flüchtlingsfrage gibt Vestermanis zu, dass vielleicht nicht alle der heute in Europa um Hilfe Suchenden Humanisten, Intellektuelle oder wirklich Bedrohte seien. In Gedenken an das eigene Schicksal aber sei er heute froh, dass Europa humaner geworden sei. Und auch seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit Lettlands sei schon viel Positives geschehen. In jedem Gespräch mit dem engagierten Neunzigjährigen ist leicht spürbar, dass er sich auch bei weiteren aus seiner Sicht notwendigen Diskussionen keineswegs rauszuhalten gedenkt - soweit es die Gesundheit erlaubt, natürlich. Herzlichen Glückwunsch, Marģers Vestermanis!

Museum "Juden in Lettland"

Beiträge zur Person:
"Ein seltener Mensch" - Jüdische Allgemeine
"Deutsche Juden in Lettland" - Deutschlandradio Kultur
"Wie Margers Vestermanis den Holocaust überlebte und das Erinnern zu seiner Lebensaufgabe machte" - Krautreporter
Zur Eröffnung des Museums "Juden in Lettland" - TAZ
"Margers Vestermanis in Rostock geehrt" - Lettische Presseschau
"Margers Vestermanis wurde 90" - Webseite des Mdb a.D. Winfried Nachtwei
"Ein Leben für die Holocaust-Forschung" - Bayrischer Rundfunk
"Die Wunde von Riga" - Stuttgarter Zeitung

31. August 2015

Cash im Auto, Mohn aufs Abstellgleis

Dass Korruption nicht immer damit zusammenhängen muss, staatlichen Angestellten zu wenig Lohn zu bezahlen, zeigt in Lettland der Fall des Ex-Chefs der lettischen Eisenbahn (Latvijas dzelzceļš - LDz), Uģis Magonis. Magonis wurde Anfang August direkt bei der Einreise von Mitarbeitern des lettischen Anti-Korruptionsbüros (Korupcijas novēršanas un apkarošanas birojs - KNAB) verhaftet, als er in seinem AudiA8 aus Estland die Grenze zu Lettland passierte.

Spekulationsobjekt Diesellok
Dieselloks - hier eine Abbildung des Reparatur-
werks in Daugavpils - jetzt als Objekt dubioser
Geschäftsgebahren in Lettland
Ihm wird vorgeworfen Bestechungsgeld dafür genommen zu haben, die Beschaffung von vier Diesellokomotiven auf dubiosen Wegen zu organisieren. Jaroslavs Streļčenoks, gegenwärtig Leiter des KNAB gibt zu, dass der Fall Magonis der größte der letzten Jahre sei - bei ihm wurde eine halbe Millon Euro in Bargeld aufgefunden, schlecht versteckt in kleinen Papiertaschen. Es wird vermutet, das Geld könne von dem estnischen Unternehmer Oļegs Ossinovski und dessen Firma "Skinest" stammen - diese Information stammt vom estnischen Generalstaatsanwalt. Ossinovski, geboren in Kasachstan, aufgewachsen in Sibirien, seit 1988 in Estland ansässig und estnischer Staatsbürger seit 1995, wird heute mit einem Eigentumswert von 286 Millionen Euro als reichster Mann Estlands eingestuft. Insgesamt 11 Lokomotiven von einem Gesamtwert von 20 Millionen Euro soll die lettische Bahn in letzter Zeit von Ossinovski erworben haben - vier stehen jetzt besonders im Fokus der Untersuchungsbehörden (lsm, "DeFacto"). Auch das Bahn-Reparaturwerk in Daugavpils (“Daugavpils lokomotīvju remonta rūpnīca”) mit seinen 800 Beschäftigten ist zu 74% (der Anteile) in Besitz des Unternehmers aus Estland. - Sollte Ossinovski tatsächlich in Bestechungsgeldzahlungen involviert sein, würde es auch Estlands politische Szene erschüttern, denn Oleg Ossinovski's Sohn Jevgeni ist frisch als Vorsitzender der estnischen Sozialdemokraten gewählt worden, und der Papa gilt als eifriger finanzieller Förderer der estnischen Sozialdemokraten (Spenden zuletzt 40.000 Euro, siehe "Postimees"). Angeblich spende der Vater der Partei jetzt nichts mehr - seit der Sohn Vorsitzender ist. Nun ja.

Eigenwerbung des lettischen
Anti-Korruptionsbüros
Magonis wurde in Abstimmung mit dem lettischen Verkehrsministerium seines Amtes enthoben, neuer Chef ist vorläufig ein bisheriges Vorstandsmitglied, Aivars Strakšas, ein enger Freund und Berater des lettischen Ex-Präsidenten Aigars Kalvītis. Magonis war seit fast genau 10 Jahren (seit 1.9.2005) Vorstands-vorsitzender der LDz gewesen.
Ob die "Ossinovski-Saga" auch die lettische Politik erschüttert, ist noch offen. Befragt von Journalisten der Zeitung DIENA behauptet der estnische "Gönner", auch Kontakte zu maßgeblichen lettischen Poltikern, von Solvita Aboltina (Partei "Vienotība") über Rigas Bürgermeister Nils Užakovs bis hin zum frisch gewählten Präsidenten Vejonis zu unterhalten. Im Fall von Vejonis sollen die Kontakte den Zweck gehabt haben, durch den damaligen Verteidigungsminister Aufträge der Armee für das Werk in Daugavpils zu erhalten - ein Vorgang, von dem sich Vejonis allerdings vehement distanziert. Intensive Gespräche habe Ossinovski auch mit Politikern der oppositionellen Partei "Saskaņa" (der auch Užakovs angehört) geführt - die Betroffenen bekräftigen allesamt, dies im Interesse der bei der Bahn Beschäftigten getan zu haben.

Glamouröse Parties im Schloß
Einige vermuten einen direkten Zusammenhang dieses Falls mit Korruptionsnetzwerken, deren Spur nach Russland führt. Magonis wird zum Freundeskreis des russischen Oligarchen Wladimir Jakunin gerechnet, seines Zeichens Ex-Generaldirektor der Russischen Eisenbahnen, Jakunin wiederum wird dem engsten Umkreis um Präsident Putin zugerechnet (NZZ). So war es Jakunin kürzlich möglich, als Gast beim 50.Geburtstag von Magonis im Schloß Rundale in Lettland mitzufeiern - obwohl er im Zuge von Wirtschafssanktionen auf einer "schwarzen Liste" der USA als unerwünschte Person stehe, und als Koordinator zu den prorussischen Parteien in Westeuropa bekannt sei, berichtet tvnet.
Wirtschaftsministerin Reizniece-Ozola äußerte sich damals diplomatisch: "Das ist eine private Feier, ich möchte mich da nicht einmischen, wer eingeladen ist und wer nicht", sagte sie der lettischen Presse. Russische Anti-Korruptions-Aktivisten wie Georgij Alburow dagegen sagen: "Dieser Mensch war niemals Unternehmer - er war immer im russischen Staatsapparat, zusammen mit Putin war er in St.Petersburg, und beide waren auch beim KGB" (tvnet). Dem entsprechend gibt es auch noch eine andere Variante der Spekulationen, die davon ausgeht das bei Magonis gefundene Geld sei für Jakunin gemeint gewesen, mit Magonis als Kurier (Baltic Course).

Vor einigen Monaten stand es auch in Frage, dass die Russische Staatsbahn von den Sanktionen der EU betroffen gewesen wäre - dagegen sprachen sich aber einige lettische Politiker aus, die argmumentierten, dies würde den Güterverkehr auch in und durch Lettland beeinträchtigen.
Lettische Logistikexperten sagen aber schon jetzt negative Auswirkungen der gegenwärtigen Vorgänge auf die russiche Transit-Politik voraus (lsm). Dazu passt eine Meldung russischer Stellen, den Umschlag von Koks und Kohle Richtung Lettland vorübergehend zu unterbrechen (lsm); Grund angeblich: dringend notwendige Schienenreparaturen.

Russische Hochzeit
Die "Yellow Press" Lettlands kümmert sich derweilen eher um die noch "greifbaren" Mitglieder der Familie Magonis. Angeblich habe ein Urlaub in Südfrankreich kurz bevorgestanden, als er verhaftet wurde - gemeinsam mit den Kindern Sofija und Aivars und seiner 20 Jahre jüngeren Frau Anastasija, einer gebürtigen Russin (vipi.lv). So ganz unberührt von den Geschäftsinteressen des Bahnchefs war auch sein früheres Privatleben nicht: als 2012 die lettische Presse Informationen darüber veröffentlichte, der von Magonis erster Frau Helēna Bibika geführten Firma "Pro Logistic Services" sei es gelungen, profitable Verträge mit dem LDz-Tochterunternehmen  "LDz Cargo" abzuschließen war Magonis einzige Antwort, er lebe schon länger nicht mehr mit seiner Frau zusammen und sei daher weit entfernt davon, mit ihr gemeinsame Geschäftsinteressen zu verfolgen. Seit damals aber sei Magonis bereits ins Visier der KNAB geraten (siehe lsm). Und demzufolge gibt es auch momentan einige, die Magonis zutrauen, über seine zweite Frau bessere Geschäfte mit russischen Firmen einfädeln zu können.

Feiern mit Vorzeigefaktor: Von Hochzeiten bis zu privaten
Parties, Schloß Rundale wirbt mit flexibler Nutzbarkeit
In Lettland gibt es ja kein Bankgeheimnis - dementsprechend kann auch das Portal "IR" sorgsam aufzählen, was über die Vermögensverhältnisse von Magonis bisher bekannt war: gegenüber den Steuerbehörden deklarierte er 2014 unter anderem Schulden in Höhe von 217.670 Euro, aber auch Ersparnisse von 22.216 Euro plus 1249 US-Dollar. Seiner ersten Frau zahlte er 17.074 Euro an Alimenten (aus dieser Ehe stammt eine weitere Tochter), und als Honorar für seine Arbeit bei LDz kassierte er 100.929 Euro ("IR").

Menschen, die in Lettland gerne mit der Bahn fahren, nützen diese Vorgänge insgesamt vermutlich wenig - in letzter Zeit wurde eher überall gespart, Strecken stillgelegt, und die Modernisierung mehrmals auf Eis gelegt. Ob das nur an der korrupten Struktur liegt?

26. August 2015

Denkmäler und Schützen

Nach der Fertigstellung der Neuen Nationalbibliothek in Riga, nach Abschluß des EU-Präsidentschaftshalbjahres mit den damit zusammenhängenden Projekten, gibt es jetzt neue Stadtentwicklungspläne, die zur Diskussion stehen - ganz im Sinne des alten Spruches, die Stadt Riga werde niemals fertig sein.
Noch immer wird über die weitere Gestaltung des Platzes um das wiedererrichtete "Schwarzhäupterhaus" herum gestritten; dabei geht es momentan um drei Objekte: einerseits um einen Hotelbau (siehe Blogbeitrag), zweitens um einen Anbau des Okkupationsmuseums (gegen diese Pläne haben sich 20 lettische Architekten ausgesprochen, eine der bekanntesten unter ihnen Zaiga Gaile), und drittens um das zu Sowjetzeiten errichtete Denkmal der "Roten Schützen".

Um bei letzterem anzufangen: Bezüglich der früher als "Beschützer Lenins", den zunächst innerhalb der russischen Armee kämpfenden lettischen Schützenbattaillonen, von denen sich ein großer Teil dann den Bolschewiki anschloß ("rote Schützen"), scheint sich ein Umdenken anzubahnen. Im Ergebnis geht es darum, ob das Denkmal der "roten Schützen" seinen Platz behält - und hier gibt es in der lettischen Presse neuerdings differenziertere Meinungsäußerungen, denn genau 100 Jahre ist es jetzt her, dass im August 1915 diese Einheiten gebildet wurden. "Nicht weiß, nicht rot" seien die "Strēlnieki" gewesen, meint Elita Veidemane in der Tageszeitung "NRA", und zitiert dabei Ilze Krigere, Mitarbeiterin des lettischen "Kriegsmuseums". Am 1.August fanden in Riga offizielle Feierlichkeiten in Gedenken der Schützen statt (youtube) - ohne jegliche bolschewistische Symbole und Fahnen, wie sicherlich fast überflüssig zu erwähnen ist; aber mit feierlichem Umzug, paramilitärischen Spielchen und Rockmusik (siehe Ablaufplan).Plus weißen Blumen als Kennzeichnung der Teilnehmer, nicht etwa roten.

"Als diese Schützenbataillone gebildet wurden, waren diese Jugendlichen alle von der Idee erfasst, ihr Land zu verteidigen," meint Historiker Dagnis Dedumietis in der Zeitung "IR", "es war für sie kein Kampf für ein russisches Imperium, sondern zunächst mal gegen die Oberschicht der Deutschen". Nach den Ereignissen von 1905 und der blutigen Niederschlagens der Aufstände, den vor allem deutschbaltische Gutsherren betrieben, seien diese Gegensätze besonders krass gewesen, betont Dedumietis. Und als diese Schützenbataillione gebildet worden seien, da sei ja Kurland und Semgallen, also weite Teile des heutigen Lettland, von der deutschen Armee bereits besetzt gewesen. Zwar waren die Schützen nicht an der Staatsgründung Lettlands beteiligt gewesen, meint Dedumietis, denn im Herbst 1918 seien diese außerhalb von Lettland gewesen. Aber schon ab 1917 habe jede Einheit eigene Flaggen gehabt, darunter auch die dunkelrot-weiß-rote, die dann später zur Staatsflagge wurde, und die Hymne "Dievs svētī Latviju" ("Gott schütze Lettland") sei schon seit 1915 gesungen worden.

Dass ein anderer Teil dieser Schützen auch an der zwischenzeitlichen Ausrufung einer "lettischen Sowjetrepublik" beteiligt war (Jukums Vācities zum Beispiel), wird im Jahr 2015 mal dezent unterschlagen - oder, es wird schlicht vom "russischen Bürgerkrieg" gesprochen, statt von einer "roten Revolution" (Vācietis wurde dann allerdings auch im Zuge der Stalinistischen Säuberungen 1938 ermordet, das gehört zum Gesamtbild).

Wer gewohnt ist, sich geschichtliche Vorgänge durch Lektüre originaler Quellen zu erschließen, wird vielleicht ob so mancher aktueller Deutungstrends und -moden etwas verwundert sein.Aber wenn es zu einer größeren Akzeptanz verschiedener möglicher Sichtweisen verhilft, vielleicht nützt es auch den gegenwärtigen Debatten um die Stadtentwicklung. Aber die Wirrungen und Windungen der lettischen Geschichte sind differenzierter zu betrachten als bloße Schwarz-Weiß-(oder Rot-Weiß)-Muster.

25. August 2015

Laura die Bronzene

Sie ist in diesen Tagen sicherlich eine Kandidatin für Lettlands Sportlerin des Jahres: Laura Ikauniece-Admidiņa, 23-jährige lettische Sportlerin, geboren in Ventspils, gewann mit ihrer Bronzemedaille im Siebenkampf die zweite Medaille Lettlands bei Leichtathletik-Weltmeisterschaften seit 1990. Nur Ineta Radēviča hatte bisher Ähnliches erreicht, als sie bei der WM 2011 Bronze im Weitsprung holte.
Laura jubelt - für Lettland, und als Hoffnung für Rio 2016
Während die deutsche Live-Bericht-erstattung den dritten Platz der Lettin fast ganz unterschlug, äußerte sich Ikauniece-Admidiņa gegenüber der lettischen Presse von sich selbst überrascht: da sie am ersten Tag nach den ersten drei Disziplinen noch auf Platz 20 lag, habe sie sich voll auf die Verbesserung des lettischen Rekords konzentriert, nicht so sehr auf die Medaillen. Mit insgesamt 6516 Punkten erreichte sie dann nicht nur den dritten Platz, sondern verbesserte auch ihre persönliche Bestleistung in zwei der sieben Disziplinen. 

So wie vieles im modernen Lettland sich über Geldverdienen definiert, werden in der lettischen Presse auch gleich neben Rekorden und Medaillen die Höhe der Geldprämien genannt, die erfolgreiche Sportler vom Staat zu erwarten haben. 10.245 Euro Geldprämie stünden für die Bronzemedaillengewinnerin in Aussicht, für Trainer und Betreuer etwa die Häfte dieser Summe, und der Leichtathletikverband könne auf 35.572 Euro hoffen (Diena). Sponsorengelder sind hier natürlich nicht eingerechnet, aber hier ist das Umfeld alles andere als einfach: während die lettischen Teilnehmer bei großen internationalen Wettbewerben in der Regel von großen Firmen unterstützt werden (in Peking war es ein japanischer Autokonzern), wird es im sportlichen Alltag schwierig. So protestierten viele Sportler zum Beispiel noch im Mai diesen Jahres gegen geplante Maßnahmen der lettischen Regierung, die schnelle (und meist leichtsinnige) Kreditvergabe an Privatpersonen einzuschränken, denn eine der betroffenen Firmen sei ein langjähriger Sponsor des Sports (delfi). Viktors Lācis, ein Leichtathletik-Trainer, bezweifelte im lettischen "Sportstudio" erst kürzlich, dass Lettland gegenwärtig nicht in der Lage sei, Sportler auf höchstem Niveau hervorzubringen. Er begründete das mit dem Mangel an Wettkampfstätten. Im Unterschied zu Estland habe eben in Lettland längst nicht jede Stadt ein Stadion, und selbst bei der Erneuerung des Stadions in Riga gäbe es Verzögerungen (apollo).
Laura Ikauniece wird zu den Olympischen Spielen 2016 zusammen mit 14 anderen lettischen Sportlern von einem "Stipendium" profitieren können, das von einem Zusammenschluß lettischer Firmen finanziert wird.

aus der Fotoserie anläßlich der Sportler-Hochzeit - ob
es im wahren Leben nicht eher umgekehrt ist?
(Medaillengewinnerin Laura bringt einen unbekannten
Langstreckenläufer ins Rampenlicht ...?)
(Foto: Aleksandrs Sokolovs)

Laura Ikauniece kam im Alter von neun Jahren zur Leichtatlethik, nachdem sie, so wie sie selbst sagt, "mit dem Tanzen Schluß gemacht hatte". Noch als Nachwuchssportlerin gestand sie einmal der lettischen Sportpresse, auf Fischöl und keinesfalls auf Chemie als Unterstützung für ihre Leistungsfähigkeit zu bauen (Sporto.lv). Das lettische olympische Komitee gibt als Information zur Sportlerin als einziges Hobby "Lesen" und den Spruch aus: "Ich kam zur Leichtathletik weil meine Eltern ebenfalls Leichtathleten waren." Da bleibt nur noch, die Details hinzuzufügen: Vineta Ikauniece war eine lettische Sprinterin, die in den 1980iger Jahren vor allem auf den Strecken bis 400m erfolgreich war und deren Teilnahme bei den Olympischen Spielen 1988 (als Teil der UdSSR-Aufgebots) erst im letzten Moment scheiterte (Diena). 1992 hatte sie dann andere Prioritäten: wenige Monate vor Beginn der Spiele in Barcelona kam Tochter Laura zur Welt. Lauras Vater Aivars war auf die 110m Hürden spezialisiert, versuchte sich dann als Trainer im Bobsport und zuletzt 2010 als Kandidat für eine lettische Kleinpartei namens "Par prezidentālu republiku" ("Für eine präsidiale Republik", errang bei den Parlamentswahlen 2010 0,7% der Stimmen).
Tochter Laura indes vertraut weiter ganz dem Prinzip der "Leichtathletik-Familie": 2014 heiratete sie Rolands Admidiņš, der bisher als Läufer auf den Strecken zwischen 1000m und 5000m oder als Crossläufer zu Hause war. Der Anlaß erzeugte auch deshalb Aufsehen, weil extra eine Serie erotischer Fotografien von beiden hergestellt wurde, mit deren Erzeugnissen Fans sich nun die Wohnungen tapezieren können.

Bei der diesjährigen WM in Peking sind die lettischen Leichtathleten mit insgesamt neun Sportlerinnen und Sportlern vertreten - ein weiterer Medaillengewinn wäre aber eine sehr große Überraschung.

31. Juli 2015

Versunkener Felsen

Staburags kann vielleicht mit Recht als ein lettischer Mythos bezeichnet werden; der Felsen an der Daugava wird von lettischer Seite gern mit der deutschen Lorelei verglichen. Genau 50 Jahre ist es jetzt her, dass der Bau des Daugava-Stammdamms bei Pļaviņas begonnen wurde. Der Fluß wurde 1965/66 aufgestaut und der Staburags-Klippen, die als einer der schönsten Aussichtspunkte in Lettland galten, um die sich viele Sagen, Legenden und Volkslieder rankten, versanken in den Wasserfluten. Bis dahin hatte sich der Felsen 18,5m über den übrigen Wasserspiegel des Flusses erhoben.

Heute sorgt das Kraftwerk Pļaviņas für ein Viertel der lettischen Stromerzeugung. Aber ihr einstiges kulturelles Heiligtum haben viele Menschen noch nicht vergessen. Taucher berichten, das Kliff, dessen Spitze heute ca. 6m unter dem Wasserspiegel liegt, sei heute von vielen Süßwasserschnecken besiedelt. Das angestaute Wasser hat die ehemalige Flussbreite von 250m auf knapp einen Kilometer ansteigen lassen.

Auch durch Künstler in der Erinnerung verewigt:
Staburags an der Daugava,hier gemalt
durch Edgars Vinters
Als das Tal geflutet wurde, schah das zunächst nur bis zur Hälfte der Höhe des geplanten Wasserspiegels. Dann kam der Winter, der Fluß fror zu, und im nächsten Frühjahr wurde der Rest der Flutung innerhalb einer Woche vorgenommen. Aus Sicht der heutigen Wasserbauingenieure sei der Kraftwerksbau auch unter modernen Gesichtspunkten heute noch zu rechtfertigen. Harijs Jaunzems, damals Chefingenieur des Projekts, gibt zu: "Schon damals wurden die kulturellen Argumente den ökonomischen geopfert," meint er, "entweder man hätte zwei kleinere Kraftwerke, oder einen Umgehungskanal von 40km Länge bauen müssen, und das kostet einfach zu viel." (LSM)

Heute ist Riga vor jedem kurzfristigen Stromausfall gesichert - weil eben Pļaviņas in der Nähe ist und die Versorgung sichert. 80 Menschen finden hier Arbeit.Damals mussten Gräber umgebettet werden, aber auch viele Häuser zerstört und Bäume gefällt, bevor das Tal geflutet wurde. Denjenigen, die umziehen mussten, erhielten ziemlich mickrige Entschädigungen, aber das reichte ja nicht um in der Nähe neue Häuser zu bauen. "Andere werden zum Jubiläum ihres Schulabschluß eingeladen - meine Schule existiert nicht mehr!" erzählt Zane Niedre, eine der früheren Bewohnerinnen (LSM). Aber unabhängig davon, dass damals mit dem Staburags ein nationales Symbol verlorenging sind die heutigen Einwohner von Pļaviņas und Jēkabpils überzeugt, dass der Staudamm auch verantwortlich ist für das in neuerer Zeit immer häufiger auftretende Hochwasser.

Nach stark sich ausbreitenden Protesten wurde der weitere Ausbau des Staudamms 1986 gestoppt, ähnlich erging es den damaligen Plänen für einen UBahnbau in Riga. Die lettische Naturerbestiftung "Dabas retumu krātuve"  hat in einem eigenen Projekt eine Karte von verlorenen Naturerbestätten erarbeitet - der Staburags-Felsen ist nur eines der bekanntesten davon. Die Naturfreunde listen neben Höhlen, Quellen, Bäumen und Wasserfällen auch große Steine auf, die in Lettland als besondere Überbleibsel der Eiszeit gelten, manche gelten auch als Zeugen der Existenz früher Kultstätten der "alten Letten", also der verschiedenen Stämme vor der Ankunft des deutschen Ordens und der Hanse.

Der Name "Staburags" lebt heutzutage auch noch anders weiter: diesen Namen trägt die Lokalzeitung für die Region "Aizkraukle" sicherlich mit Stolz. 2003 wurde oberhalb der Stelle des Staburag-Felsens eine Gedenkstätte eröffnet, das "Gottesohr" (Dieva auss). Die Besucher sollen hier ihre offenen oder geheimen Wünsche "ins Ohr flüstern", so sie denn in Erfüllung gehen sollen - eine ganz eigene Ironie auf die Situation vor 50 Jahren, als viele Menschen machtlos vor den Ereignissen standen. Und eine Erinnerung daran, dass "Staburags lebt - nur momentan eben unterhalb der Wasseroberfläche".

22. Juli 2015

School is out!

Auch in Lettland haben längst die großen Sommerferien begonnen - wer auch in den Ferien vom Gedanken an die Schule nicht lassen kann, der könnte sich ja mal das lettische "Schulrating" anschauen. Kein dubios betriebenes Internet-Portal ist dazu nötig, auch kein Einlassen auf kommerziell betriebene Seiten - in Lettland macht das der "Atis Kronvalds Fonds" (Stiftung Atis Kronvalds), eine gemeinnützigen Einrichtung. Dabei wird zwischen großen (mehr als 100 Schüler) und kleineres Schulen unterschieden, und es wird hier auch kein Internet-Bewertungssystem zur Verfügung gestellt, sondern neben einer Durchschnittsberechnung der Schulnoten sind sind "Olympiaden" die Grundlage, die auch landesweit ausgetragen werden. Keine Möglichkeit also für Schülerinen und Schüler, ihre eigenen Schulen zu bewerten, sondern pure Leistungstests.

"Schulolympiaden sind sehr populär unter den Schülern," - das behauptet zumindest die zuständige Behörde (National Center for Education). Ähnlich wie im Sport, werden auf internationaler Ebene errungene "Medaillen" gezählt. Lettische Sprache, Literatur, Informatik, Mathematik, Französisch, Deutsch, Geschichte, Chemie, Biologie, Physik, Ökonomie, Philosophie, Umwelt: alles Wissensgebiete für lettische Schülerolympiaden - für die Durchführung gibt es eigens gesetzliche Bestimmungen des Bildungsministeriums: das geht soweit, dass z.B. nur dunkelblaue oder schwarze Kugelschreiber genutzt werden dürfen. Auf internationaler Ebene nehmen lettische Schülerinnen und Schüler in den Bereichen Mathematik, Biologie, Physik, Chemie, Informatik, Geographie, Philosopie und Umweltschutz an entsprechenden Olympiaden teil. Bei der Durchführung der Deutscholympiaden hilft die Deutsche Botschaft, der Deutschlehrerverband und auch das Goetheinstitut.

Gern gesehene Schlagzeilen in der lettischen
Presse: Schüler als Olympiade-Sieger
Viele Schulen werben inzwischen mit den Erfolgen ihrer Schüler bei Olympiaden. Das "Schulrating" jedenfalls summiert nur die Bestenlisten: so kann 2015 das 1.Gymnasium Riga erneut seinem Ruf gerecht werden und führt die Bestenliste auch in diesem Jahr bei den größeren Schulen an, gefolgt von der russischen Mittelschule in Daugavpils und dem Staatlichen Gymnasium in Sigulda. Die Sieger erhalten jedes Jahr die "große Eule" (Liela pūce). Bei den kleineren Schulen stehen gleich zwei Schulen aus Daugavpils vorne, gefolgt von einer Mittelschule aus Saldus.
Warten auf die Besten im
Schul-Rating: "große Eulen"
als "Wanderpokal"
Aber auch Schulen, die sich bei diesen "Bestenlisten" ganz unten wiederfinden, wie z.B. das Katholische Gymnasium in Riga, werben mit dem, was sie haben: wenigstens ein paar Mathematik-Sieger kann auch diese Schule aufbieten. Vor einigen Jahren machte gerade diese Schule aber andere Schlagzeilen: insgesamt 20 Lehrerinnen und Lehrer wollten die Privatschule aus Protest verlassen, weil die Schuldirektorin zu Schuljahrsbeginn plötzlich entlassen worden war - von Kardinal Pujats höchst selbst. Sogar die Schließung der Schule wurde in der Presse für möglich gehalten (Kas Jauns).

Was sind die besten Schulen in Lettland? Die Erfolgreichen bei den lettischen "Olympiaden" würden sicher antworten: "Unsere!"
"Die internationalen Schülerwettbewerbe gehen überwiegend auf Initiativen von ehemals sozialistischen Ländern mittelost- und Osteuropas zurück," schreibt Bildungsforscher Kurt A. Heller in seinem Buch 'Begabt sein in Deutschland', "weshalb sich auch der im dortigen Sprachgebrauch verwendete Begriff 'Olympiade' durchgesetzt hat." Er stellt fest, dass auch deutsche Teilnehmer im internationalen Maßstab respektabel abschneiden - es droht also zumindest keine neue "Pisa"-Diskussion. Lettische Schulen mögen sich weiter an "Olympiaden" orientieren - in Deutschland wird die Verschiedenartigkeit der Einschätzungen und Konzepte dazu allein schon durch die 16 Bundesländer gesichert sein.

19. Juli 2015

Alles Käse!

Die dürren Zweige auf dem Logo
wirken noch verbesserungs-
bedürftig, aber das Motto ist klar:
"Das Beste aus Lettland!"
Alle reden vom Wirtschaftsembargo gegen Russland - nein, nicht alle. Für die lettischen Käsehersteller gibt es offenbar inzwischen andere Ziele. Aktuelle Zahlen besagen, dass zwischen Januar und Mai 2015 in Lettland 17.400 Tonnen Käse produziert wurden - 34% mehr als in den ersten fünf Monaten des Vorjahres. Vanda Davidanova, die Präsidentin des seit 2002 bestehenden "Siera Klubs" ("Käse-Klub", einem Zusammenschluss von mehreren lettischen Käseherstellern mit 62 Mitgliedern) fasst zusammen: "Im vergangenen Jahr wurden 38.400 t Käse hergestellt, im Jahr davor 35.200 t. (siehe "Baltic Course")
Dabei wurden 6131 t exportiert,und statt vorwiegend nach Russland geht der Export jetzt auch nach Deutschland (2.096 t, eine Steigerung um 34%), in die Niederlande (1165 t, 19% Steigerung) und Estland (695 t, 11% mehr). Dabei habe aber auch der Inlandskonsum pro Haushalt innerhalb der letzten 10 Jahre um 26% zugenommen.

"Warenzeichen des Jahres" wurde 2015 "Trikata", einer der erfolgreichsten Käsehersteller. Die Auszeichnung wird von der lettischen Handelskammer (Latvijas Tirdzniecības un rūpniecības kamera - LTRK) zusammen mit den lettischen Milchverarbeitern (Latvijas piens) verliehen. "Das Ziel von 'Trikāta' ist es, den Käse aus Trikāta auf die Weltkarte des Käse zu bringen - ähnlich wie es Edamer oder Gouda bereits sind." (aus dem Text der Preisverleihung - "Latvijas Piens"). Auch auf der größen Lebensmittelmesse in Deutschland, der ANUGA in Köln, wird lettischer Käse wieder zu degustieren sein.

Mehr zu lettischem Käse

10. Juli 2015

Papi am Pranger

Steuersünder legen ihr Geld gerne in der Schweiz an - das ist spätestens seit dem Aufkauf von illegal erzeugten Datenlisten bekannt, die von den zuständigen Ämtern in Deutschland aufgekauft wurden, um die betreffenden Personen zur korrekten Steuerzahlungen auffordern zu können. Allein 24.000 Menschen sahen sich im Jahr 2013 zu einer "freiwilligen Selbstanzeige" veranlasst, 2014 waren es noch mehr - um befürchteten Strafzahlungen möglichst zuvorzukommen. Ab Januar 2015 wurden zudem die entsprechenden gesetztlichen Bestimmungen erheblich verschärft. Öffentlich diskutiert wurden vor allem die Fälle, wenn - eigentlich illegal, da die Ämter solche persönlichen Angaben nicht herausgeben dürfen - doch prominente Namen sich in der Presse wiederfanden, so etwa Uli Hoeneß oder Alice Schwarzer. Inzwischen wollen sogar die Schweizer Behörden selbst Daten von deutschen Steuersündern ins Internet stellen, wenn sie auf anderem Wege nicht erreichbar sind.

Schulden am Kind
Solche Verfahren scheinen auch in Lettland der Trend zu sein - Ämter stellen private Daten ins Internet. Momentan erzeugt Aufsehen, was eine lettische Behörde unternommen hat, die seit 2004 für die Garantie der Unterhaltszahlungen zuständig ist (Uzturlīdzekļu garantiju fonds - UGF). Seit dem 1.Juli 2015 steht dort eine Liste von Personen öffentlich im Internet, die mit Unterhaltszahlungen im Rückstand ist - vorab genehmigt durch Beschluß des lettischen Parlaments (lsm). "Eine Maßnahme zum Schutz der Kinder", so die Behörde."Im Laufe von 11 Jahren haben die Zahlungsrückstände insgesamt 140 Millionen Euro erreicht", sagt Edgars Līcītis, Direktor der UGF. 90 Euro zahlt die UGF für Kinder bis zu 7 Jahren monatlich, für ältere bis zur Volljährigkeit 108 Euro. Man hoffe noch immer, dieses Geld von den säumigen Vätern (in seltenen Fällen auch Müttern) zurückzubekommen, und die Gesellschaft habe ein Recht zu erfahren, was der Staat inzwischen finanzieren müsse. Härtefälle würden natürlich berücksichtigt, aber es sei zu vermuten, dass viele ihre wahren Einnahmen verheimlichen.

Schulden am Staat
So finden sich nun Name, Nachname, Geburtsjahr und erster Teil der Personennummer auf öffentlich einsehbarer Liste. Die typischen Zahlungsverweigerer seien Männer bis 40 Jahren, die offiziell angeben, monatlich weniger als 100 Euro zu verdienen, so die Behörde.
Ganze  29.561 Personen sollen es sein, die gegenwärtig ihren Ex-Frauen, Ex-Männern bzw. Kindern ganz oder teilweise Unterhalt schuldig sind.Öffentlich einsehbar sind nun aber nur etwa 1700 davon, 122 davon Frauen. Ausgenommen von der Veröffentlichung sind Betroffene mit körperlichen Beeinträchtigungen, Arbeitsunfähige und alle diejenigen, deren ehemalige Ehepartner der Veröffentlichung nicht zugestimmt haben. Es hätten auch schon einige bei der Behörde angerufen und gefragt, was sie tun können um von der veröffentlichten Liste gelöscht zu werden, berichtet Linda Sparāne, Chefin der juristischen Abteilung der UGF.

Im Jahr 2014 zahlte die UGF an 19.092 Personen eine Beihilfe zu Gunsten der unter ihrer Obhut lebenden Kinder, nur 156 Neuträge wurden abgelehnt (siehe Jahresbericht), in 525 Fällen konnte die Zahlung eingestellt werden, weil das verantwortliche Elternteil selbst die Zahlungen übernahm. 29.650 Kinder profitierten davon.
Im lettischen Fernsehen (Panorama) werden Frauen interviewt, deren Männer die Alimente verweigern. "Soll er doch mal seine Verantwortung anerkennen!", meint Santa, eine Betroffene, Mutter von drei Kindern. "Aber die Veröffentlichung wird nicht ändern, gar nichts", meint sie. "Vielleicht zahlt er für seine zwei Autos, vielleicht für die Wohnung - aber Schulden gegenüber dem Staat? Niemals!"

Ungeteilte Freude an Kindern - hier in Riga - am besten
in ungeteilten Familien
Schuldner im Netz
Doch dem neu geschaffenen öffentlichen Pranger droht Widerstand. Juris Jansons, vom Parlament bestellter Ombudsmann für Bürger- und Menschenrechte, verglich die Idee der Veröffentlichung der Zahlungsrückständigen mit der Wiedereinführung eines mittelalterlichen Schandfpahls. Das neue Verfahren widerspreche Paragraph 96 der lettischen Verfassung, welcher die Unverletzbarkeit der Privatsphäre festlege. Jansons kündigte an, Protest beim lettischen Verfassungsgericht einlegen zu wollen. Dabei bezweifele er auch die Effektivität dieser "Geldeintreibung": die Schuldner seien zumeist mittellos, und das Risiko ins soziale Abseits zu rutschen, sei in Lettland, mit sehr niedrigen Löhnen in vielen Bereichen, eben riesengroß.Jansons weist auch auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte hin, der ebenfalls für den Schutz des Privatlebens eintritt.

Noch hat es keine Fälle in sozialen Netzwerken gegeben, wo die nun öffentlich zugänglichen Daten säumiger Zahler ausgenutzt würden. Noch ist nicht abzusehen, ob die neu geschaffene Regelung auf Dauer Bestand haben wird.