19. November 2012

Erneut Posse um lettischen Oligarchen Lembergs

Aivars Lembergs gilt seit mehr als zwanzig Jahren als einer der wichtigsten Oligarchen Lettlands. Der aus dem armen Osten des Landes stammende Bürgermeister der an der kurländischen Küste im Westen gelegenen wichtigen Hafenstadt Ventspils ist dort seit 1988 im Amt, also schon seit der Sowjetzeit! Lembergs ist eine schillernde Persönlichkeit im politischen Leben seines Landes, gleichzeitig Unternehmer, sehr wohlhabend und beliebt in seiner Stadt, weil wie die Leute sagen, er im Gegenteil zu anderen korrupten Politikern eben nicht ALLES in die eigene Tasche stecke, sondern dem kleinen Mann auch etwas abgebe. Das soll hier nur so weit bewertet werden, als er fraglos seit zwei Jahrzehnten immer wieder Zweifel auf sich zieht, bei seinen Geschäften ginge irgend etwas nicht mit rechten Dingen zu, weshalb er sich immer und immer wieder in verschiedensten Fällen vor Gericht hat verantworten müssen – freilich ohne je eine nennenswerte Strafe kassiert zu haben. Im Gegenteil zu Silvio Berlusconi in Italien mußte er dafür nicht einmal in die nationale Politik einsteigen und dessen Tricks anwenden. Vielleicht aber ist genau dies das Geheimnis seines im Vergleich zum Bunga-Bunga Italiener bemerkenswerteren Erfolges der Unantastbarkeit.

So viel zum Hintergrund. Bei der Parlamentswahl im vergangenen Jahr trat die Zatler Reformpartei des nicht wiedergewählten Präsidenten als neue Saubermann-Partei an. Sie zog sogleich die rote Linie, unter keinen Umständen mit der Bauernunion zusammenarbeiten zu wollen, die als politisches Projekt Lembergs gilt. Die Partei nominierte den damals erst 31jährigen Edmunds Sprūdžs als Kandidaten für das Amt des Regierungschef. In die Staatskanzlei schaffte es dieser freilich nicht, doch Sprūdžs wurde Minister für Umwelt und Regionalpolitik.

In dieser Funktion steht es dem jungen Minister zu, Chefs der Lokalverwaltungen des Amtes zu entheben, wenn Rechtsverstöße vorliegen oder das Ministerium der Ansicht ist, der Amtsträger stünde in einem Interessenkonflikt. Der in der Politik noch unerfahrene Jungunternehmer scheint sich Lembergs als Intimfeind auserkoren zu haben und versucht seither gegen ihn mit diesem Mittel vorzugehen. Sprūdžs suspendierte Lembergs vom Amt mit einer entsprechenden Verlautbarung im Amtsblatt Ende Oktober.

Auf seine Suspendierung vom Amt reagierte Lembergs Ende Oktober mit einer Sondersitzung des Stadtrates in Ventspils, der ihm erwartungsgemäß fast einstimmig das Vertrauen aussprach. Lembergs betonte, der Minister habe kein Recht, ihn zu suspendieren, sondern nur des Amtes zu entheben, was zwei völlig verschiedene Dinge seien. Absetzen könne ihn wiederum nur der Stadtrat durch Entzug seines Vertrauens. Das Gesetz besagt in der Tat, daß eine Suspendierung nur möglich ist, wenn ein Bürgermeister seinen Amtspflichten nicht nachkommt.

Der Stadtrat von Ventspils forderte nun seinerseits den Minister auf, er möchte entsprechende Dokumente vorlegen, die seine Vorwürfe gegen Lembergs bestätigen. Sprūdžs hatte sich zwar auf ein konkretes Gesetz berufen, aber seine Vorwürfe kaum konkretisieren können. Das Ministerium verlautbarte nur allgemein, Lembergs habe über Jahre hinweg die nötige Transparenz in seiner Arbeit vermissen lassen und stelle deshalb eine Gefahr für die Demokratie dar.

Das Handeln Sprūdžs’ stößt auch beim großen Koalitionspartner, der Einigkeit, auf Unverständnis. Parlamentspräsidentin Āboltiņa nannte das Vorgehen kindisch und pflichtete im Grunde den Einwänden der Stadträte aus Ventspils bei, der Minister könne sich eigentlich nicht erklären. Daß Sprūdžs, nachdem er den Bürgermeister bereits supendiert hatte auch noch abzusetzen trachtete, führte schließlich in eine komplette Verwirrung darüber, wie ein abgesetzter Amtsträger suspendiert werden könne und oder umgekehrt. Der Minster versuchte sich aus diesem Dilemma herauszureden, indem er von sich sagte, er sei ein Politiker, der politische Entscheidungen treffen müsse. Dazu gehöre die Garantie eines verantwortungsvollen Handelns der Regierung auch auf der kommunalen Ebene auch als Signal an andere Gebietskörperschaften.

Ministerpräsident Valdis Dombrovskis räumte ein, daß Minister Sprūdžs für die kommunalen Behörden zuständig sei, zeigte sich jedoch verwirrt, da Lembergs derzeit in verschieden Gerichtsverfahren involviert ist, in denen ihm ernsthafte Strafen drohen und dort die Richter bereits eine Suspendierung vorgenommen hätten. Wie könne jemand, der bereits suspendiert ist, noch einmal suspendiert werden? Der Minister antwortete etwas hilflos mit einem Vergleich, man müsse einen Dieb eben ins Gefängnis stecken, damit er kein schlechtes Vorbild für andere sei. Lembergs machte sich derweil über Sprūdžs lustig. In seinem Leben habe sich nichts verändert, er war und sei der Bürgermeister von Ventspils und er sei wohl eindeutig mehr Bürgermeister als Sprūdžs Minister. Lembergs kündigte an, vor Gericht gegen den Beschluß des Ministers vorzugehen. Dazu bleibt ihm eine Frist von 30 Tagen.

17. November 2012

Sind wir schon arm, oder wenigstens noch Patrioten?

Der herannahmende Nationalfeiertag, vermischt mit besinnlich-trüber Novemberstimmung, funktioniert auch jedes Jahr aufs neue ein wenig als Stimmungsbarometer. Wie geht es den Lettinnen und Letten? Wo der eine vielleicht den Tatendrang und Optimismus erstmal auf's neue Jahr verschiebt ("wenn die Sonne wieder höher steht"), üben sich andere im Ablästern in den einschlägigen Internetforen.

Treffen der Eiropas Latviešu apvienība" (ELA)
im September in London: wenig Interesse der
Landsleute (Bildquelle: www.ela.lv)
Aufsehen erregte so zum Beispiel Aldis Austers, Vorsitzender der lettischen Vereinigungen in Europa (Eiropas Latviešu apvienība), als er über angebliche Gewohnheiten seiner außerhalb Lettlands wohnenden Landsleute schrieb (siehe delfi.lv). Austers hatte eigentlich nur vom Jahrestreffen der Mitgliedsorganisationen seines Verbandes berichten wollen. Zusammen mit dem lettischen Außenministerium bemühen sich die lettischen Gemeinschaften ("Kopienas") darum, mit den aus Lettland meist arbeitssuchend ausgewanderten Landleuten irgendwie im Gespräch zu bleiben. Doch: "Die meisten der zu Zeiten der Wirtschaftskrise ausgewanderten Letten interessieren sich nur wenig für die lettischen Gemeinschaften", beklagte sich Austers, und hatte zudem noch das Pech, dass vielerorts aus der Formulierung "zu Zeiten der Wirtschaftskrise Ausgewanderten ("emigrējuši ekonomiskās krīzes laikā") die Überschrift von den "Wirtschaftsflüchtlingen" ("ekonomiskie emigranti") gemacht wurde. "Was für Wirtschaftsflüchtlinge?" empört sich die Lesergemeinde bei "Delfi.lv". "Wenn hunderttausende Spezialisten auf diskriminierende Art und Weise plötzlich ihren Arbeitsplatz verlieren, dann sind sie nicht Wirtschaftsflüchtlinge, sondern es sind die Kennzeichen eines pathologischen Systems." Oder: "Wenn in Lettland die Korruption nicht so weit verbreitet wäre sähe die Lage anders aus."

Ironie von Werbestrategien in Riga,
Fundsache aus dem Jahr 2012
Solche Äußerungen zeigen aber, wie schwer es fällt die Verhältnisse im eigenen Land zu denen in anderen Ländern in Beziehung zu setzen. Und man wehrt sich dagegen, dass angeblich die Schlauen schon irgendwie in Lettland überleben, die Dummen und geistig Zurückgebliebenen aber ausreisen würden. - In dieses Bild der unsicheren Selbsteinschätzung paßt eine Äußerung von Präsident Andris Bērziņš, der kürzlich gegenüber lettischen Medien Zweifel an Armutsstatistiken in Lettland geäußert hatte, die über 20% aller Einwohner Lettlands als armutsgefährdet eingestuft hatten. Demgegenüber behauptete der Präsident, es seien noch zu wenig Daten vorhanden um eine solche Einschätzung wirklich abgeben zu können, und erntete damit teilweise heftigen Widerspruch. 425.000 Einwohner Lettlands, so Daten des Sozialministeriums, müssten mit 150 Lat (ca.275 Euro) im Monat auskommen und seien so armutsgefährdet. Bērziņš dagegen meinte auf den unklaren Umfang von Schwarzmarktaktivitäten und "Lohnzahlungen in Briefumschlägen" (in Lettland schon ein "geflügeltes Wort") anspielen zu müssen - und packte damit wohl viele seiner Landleute bei der Ehre, denn wer will sich schon unterstellen lassen nur scheinbar arm zu sein, heimlich aber "Schwarzgeld" zur Verfügung zu haben? Auch die betroffenen Wissenschaftler der lettischen Universität wehrten sich gegen die Unterstellung, die erhobenen Statistiken seien nicht in objektiver Weise erfasst worden: "das ist eine leichtfertige Art, sich vor der Verantwortung zur Problemlösung zu drücken", schrieben die Wissenschaftler in einem offenen Brief an den Präsidenten.
Nach Meinung vieler politischer Beobachter nicht ganz weise hatte sich Präsident Bērziņš schon am 1.September, am Tag des Schulanfangs verhalten, als er scheinbar schlecht gelaunt unwirsch Fotografen androhte handgreiflich zu werden, nur weil ihn diese dabei ablichten wollten wie er seinen Sohn beim ersten Schulgang begleitete.

Derweil machen sich Lettische Gemeinschaften im Ausland wie auch Außenministerium Gedanken, wo Landsleuten geholfen werden kann. Eine der Maßnahmen ist die Schaffung eines Nothilfefonds, der für im Ausland in plötzliche Notlage gekommene Lettinnen und Letten gedacht ist. In den ersten vier Monaten seiner Existenz seien aus diesem Fond bereits für 26 Personen Heimreisetickets nach Lettland gekauft worden, so ein Vertreter des Außenministeriums. Allerdings drängt das Ministerium auf Rückzahlung der Auslagen innerhalb von drei Monaten.
Aldis Austers dagegen bemüht sich eigenen Aussagen zufolge eher, die Landsleute "dort anzusprechen wo sie zu finden sind": im Internet. "Sie nehmen zwar wenig an Aktivitäten der Lettischen Gemeinschaften teil, aber sie nutzen Internetportale wie 'draugiem.lv' oder 'Facebook'," meint Austers. "Daher wollen wir stärker mit diesen Medien auch zusammenarbeiten." Auf Deutsche mag die für Letten im Ausland verwendete Bezeichnung als "Diaspora" ja ein wenig befremdlich klingen, aber manche Vertreter vermeintlicher lettischer Interessen scheinen wahrhaft religiösen Eifer an den Tag zu legen, um "Verstreute" (so die wörtliche Übersetzung im Griechischen) wieder für die Heimat zu sammeln. Wie aber im Ausland für Lettland werben, wenn auch die im Land lebenden verschiedenen (Volks-)Gruppen ein jeweils so unterschiedliches Selbstverständnis haben? Manchem lettisch national Gesinnten scheinen die ausgewanderten Arbeitsemigranten auch vor allem deshalb im eigenen Lande zu fehlen, weil sie die "Frontstellung" gegen eine befürchtete Übermacht des russischen Einflußes aufweichen.
"Lebe, sei glücklich, aber bleibe Lette und sei stolz auf Dein Lettischsein" - so lautet die Parole, die Auders gerne allen Landsleuten ans Herz legen möchte. Rolands Lappuķe, Beauftragter im Außenministerium für die Fragen der Auslandsletten, kündigt die Einstellung neuer Mitarbeiter in der eigenen Behörde an und definiert deren Aufgaben so: "die Hauptaufgabe wird das sein, was ich den 'globalen Letten' nenne, also ein Lette nicht nur in Lettland sondern überall auf der Welt. Jeder, der mit seiner eigenen Hände Werk am Aufbau Lettlands teilhaben möchte, soll dieses tun können."

Ob die Doppeldeutigkeit der lettischen Facebook-
Kampagne beabsichtigt ist? "Wenn Du Lettland liebst, liebt
Dich Lettland" - oder: nur wenn Du Lettland liebst, ...
Um lettische Aktivitäten im Ausland initiieren zu können bedarf es vor allem finanzieller Unterstützung. Den zahlreichen Internetforen ist aber gleichzeitig vielfacher Neid zu entnehmen: die einen bekommen Geld für eine Veranstaltungen, und schon werfen viele der Landsleute genau diesen Aktiven vor, solche Betrebungen nur eben des Geldes und eines persönlichen Vorteils wegen zu unternehmen. In diesem Licht sind wohl auch Argumentationen wie die Folgende zu sehen: "In Lettland hatte ich Zeit Leute zu treffen und Kaffee trinken zu gehen. Hier muss ich arbeiten." - Aber es gibt auch solche Reaktionen: "Alle meine heutigen Freunde sind Leute von hier, verschiedene Nationalitäten. 'Lettische Gemeinschaften' künstlich wieder formen zu wollen, davon halte ich nichts. Vielleicht brauchen das ja diejenigen, die irgendwo einer schlecht bezahlten Arbeit nachgehen wie Pilze suchen - und gleichzeitig dann mit den Einheimischen nicht kommunizieren können. Ich nicht!" - Wieder andere meinen, ihr "Lettisch-sein" beziehe sich nur auf ihre Herkunft, aber mit diesem "Betrügerstaat" von heute wollten sie nichts mehr zu tun haben (nachzulesen auf delfi.lv).

Die "lettischen Vereinigungen in Europa", denen Aldis Austers vorsteht, wehren sich derweil ihrerseits gegen Finanzmittelkürzungen für Veranstaltungen von Letten im Ausland, und benennen konkrete Zahlen zu den Notwendigkeiten für 2013 aus ihrer Sicht: 60.000 Lat für lettische Sommerlager, 45.000 Lat für lettische Nichtregierungsorganisationen im Ausland, 20.000 Lat für Kulturveranstaltungen der Lettischen Gemeinden, 50.000 Lat für Kinder- und Jugendwettbewerbe, 27.000 Lat für die Teilnahme von Auslandsletten an Sängerfesten, 60.000 Lat für Lettisch-Kurse im Ausland.

Derweil werden einige der obligatorischen Umfragen zum Nationalfeiertag heute publiziert: 74.6% der Einwohner Lettlands fühlen sich als Patrioten ihres Landes, so ist heute in lettischen Medien (siehe "LA") nachzulesen, 13,% lehnen eine solche Haltung für sich ab. Auf die Nachfrage, was denn nach Meinung der Befragten diesen Patriotismus kennzeichne, antworteten 23.8% mit dem Hinweis auf Traditionen und die Wertschätzung des Lettischen, 21,6% nannten Liebe zum Heimatland, 10,2% Arbeitsmoral und Strebsamkeit und 10% das Gefühl der Verbundenheit zum Ort wo man geboren sei. Da für die Umfrage auch soziale Medien im Internet herangezogen wurden, ist aus den Ergebnissen aber nicht definitiv zu schließen dass alle Befragten auch in Lettland momentan ihren Hauptwohnort haben. Derweil interpretierte die Ladenkette "Rimi" die Frage nach dem Lettisch-Sein rein materiell, und kürte die "lettischsten Produkte" (nach Kundenmeinung): Graue Erbsen mit Speck, dunkles Roggenbrot und Kümmelkäse.

Meine Posts als Buch

Die Posts in diesem Blog von Axel Reetz kommen als Buch: Im Frühjahr wurde ich von dem book on demand Herausgeber bloggingbooks gefragt, ob ich nicht meinen Blog "axelreetz.blogspot.com" als Buch herausgeben möchte. Warum nicht? Ich habe mich dabei zunächst entschieden, nur die Texte über Lettland zu verwenden, die parallel auch in diesem Blog veröffentlicht wurden. Ich habe diese auf Relevanz für die Gegenwart überprüft und redigiert sowie aus der für den Blog charakteristischen chronologischen Sortierung in eine thematische erstellt.
Das Buch heißt nun: "Lettland. Wirtschaft, Politik, Land und Leute - eine aktuelle, kritische Betrachtung".
Der Klappentext lautet: "Dr. Axel Reetz liefert in seinem vorliegenden Buch eine spannende Analyse der jüngsten Geschichte und gesellschaftlichen Entwicklung Lettlands. Mal journalistisch, mal wissenschaftlich, mal erzählerisch nähert sich der Autor einem facettenreichen, jedoch für viele unbekannten Land. Kapitel wie "Absurdistan", "Totalbankrott" und "Regenschirmrevolution" zeichnen dabei die politische und wirtschaftliche Dramatik der Jahre 2007 bis heute nach. Die für diesen Band aufbereiteten Blogbeiträge des Autors bieten Lesern, die Lettland kennenlernen möchten, einen Einstieg, der sich deutlich von den üblichen Reiseberichten unterscheidet. Lettland - ein Land, das fasziniert."
ISBN 978-3-8417-7076-9, Preis 39 Euro
http://www.amazon.de/Lettland-Wirtschaft-aktuelle-kritische-Betrachtung/dp/3841770762/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1353596593&sr=8-1

13. November 2012

Trotz Krise immer beliebter: Immobilien als Spekulationsobjekte

Und wo hast Du Deine Häuser
hier in Riga? - das könnte
Gesprächsthema auch dieser
beider Herren sein.

(Straßenszene in Rigas Altstadt)
Seit dem 1.Juli 2010 ist ein Gesetz in Kraft, dass Ausländern Aufenthaltsgenehmigungen bis zu fünf Jahren zusichert, wenn zwischen 25.000 und 100.000 Lat mindestens (je nach Art der Einlage) in Lettland investiert werden. Bei Immobilienbeteiligungen in kleineren lettischen Städten reichen manchmal auch schon 10.000 Lat um in Reichweite dieser Vergünstigungen zu kommen. Der weitaus größte Anteil dieser Gelder, so analysiert Journalist Zigfrīds Dzedulis in der "Latvijas Avīze", fließt aber in die Spekulation mit Immobilien. Seinen Recherchen zufolge sind bisher Gelder mit einer Gesamtsumme von 276.259.488 Lat (rund 400 Millionen Euro) in Verbindung mit gewährten Aufenthaltsgenehmigungen ins Land geflossen. 219.562.230 Lat davon seien in Immobilien investiert worden. Banken, über die bevorzugt Investitionen abgewickelt würden seien die "Rietumu banka", die "ABLV banka", "Norvik", "Baltic International Bank", die "Trasta banka" und die Versicherungsgesellschaft "Baltikums".
Wie der Journalist aber von den zuständigen Behörden erfahren haben will, sind es keinerlei besondere Geschäftsaktivitäten die mit dem in Lettland angelegten Geld unternommen werden: es handelt sich schlicht um Ankauf und Verkauf von Immobilien, manchmal auch um Vermietungen des erworbenen Besitzes. Und aus den Daten des lettischen Unternehmensregisters schließt Dzedulis weiter dass in diesem Zusammengang auch keinerlei neue Arbeitsplätze in Lettland geschaffen werden: Angestellte gibt es in diesen Geschäftszusammenhängen nur wenige.

Im Unterschied zu anderen Schengen-Staaten verlangt Lettland von Investoren die im Gegenzug eine Aufenthaltserlaubnis bekommen nicht, auch ständig im Lande zu leben. Herkunftsländer seien zumeist entweder Russland oder andere osteuropäische Staaten: die Eigentümer kommen für kurze Zeit um nach dem Rechten zu schauen oder für einen Kurzurlaub, dann verschwinden sie wieder. Die "Latvijas Avize" zitiert den Ökonomen Dainis Zelmenis mit den Worten: "Die großen Hoffnungen in das neue Gesetz haben sich nicht erfüllt. Ich kenne keinen Fall, in dem Ausländer um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen ein Unternehmen gründen wo real etwas geschaffen wird." Weder sei sicher, ob über die erwähnten Banken investierten Gelder überhaupt in Lettland bleiben, noch habe der lettische Staat - außer einer Gebühr von 2% der Kaufsummen von Immobilien - irgend einen Nutzen davon.

28. Oktober 2012

Sprottiges aus Lettland: Russifizierter Fisch

Woran liegt es eigentlich, dass lettische Produkte - oder sagen wir mal "Produkte aus Lettland" in Deutschland so schlecht vermarktet sind, gerade im Lebensmittelbereich? Gut, vielleicht kann man nicht verlangen dass es "lettische Abteilungen" in den Supermärkten geben sollte, nicht mal "baltische". Selbst die Ostsee als ganze Region ist ja kein fester Begriff im Warenmarketing. Was den Fischfang angeht, muss auch das EU-Land Lettland inzwischen mit Fangquoten und Marktkonkurrenz leben. Vor zwei Jahren wehrte sich die Arbeitsgemeinschaft der lettischer fischverarbeitenden Betriebe erfolgreich gegen eine Einschränkung der traditionellen lettischen Sprottenräucherung durch EU-Vorschriften (siehe Blogbeitrag vom Oktober 2010).
"Sprottenfantasie" in deutschen Supermärkten:
Alles was Deutsche vermeintlich kennen - außer Lettland.
Eine Fundsache dieses Monats: dreimal Sprotten aus Riga, jedenfalls laut Adressangaben auf der Dose. Drei Dosen mit fast identischer Inhaltsangabe, obwohl so unterschiedlich illustriert, inklusive der Illusion sie hätten vielleicht andere Inhalte oder Rezeptur. Auch die Wareninformation der vertreibenden Firma "Dovgan" (Eigenwerbung: "europaweit größter Großhändler für russische Lebensmittel", mit 40 Mitarbeitern in Hamburg und 20 in Rostock) enthält die Vorstellung, "Memel Sprotten" könnten aus Litauen, "Riga Sprotten" aus Riga und "Baltische Sprotten" von irgendwo her aus der Ostsee kommen.
Markenschutz unvoll-
kommen?


Laut Etikettenangaben ist der Inhalt nahezu identisch: angefangen vom exakt bezeichneten Fanggebiet über die Art des Öls  bis zu den hinzugefügten Gewürzen. Herkunftsadresse: Riga. Die Unterschiede sind minimal: eine der drei Dosen enthält prozentuell marginal mehr Fisch als die zweite, die dritte weist "Nelken" als Beigabe auf.

Der Rest ist wohl Illusion und fehlender Markenschutz - denn "Rigaer Sprotten" werden ja in Lettland ganz anders präsentiert: dort sind fast überall "“Rīgas šprotes eļļā”" (Rigaer Sprotten in Öl") zu finden. Die „Biedrība Rīgas Šprotes“, gebildet aus sieben verschiedenen lettischen Verarbeitungsfirmen, tat sich 1996 zusammen um den kleiner werdenden Markt und der größeren Konkurrenz begegnen zu können. Ob das funktioniert scheint fraglich: die sieben Firmen aus Engure, Mērsrags, Salacgrīva, und jeweils zwei Firmen aus Roja und Rīga berichten von ihren Exporterfolgen jeweils getrennt. "Unda" wirbt mit einer Tradition seit 1931 und dem Umstand, das von 370 Mitarbeitern 60% aus Engure stammen. Mit "Freude und besonderem Stolz" verarbeite man auch Rigaer Sprotten, ein Produkt, dass "wegen seinem einzigartigen Geschmack populär in der ganzen Welt" sei. Ähnlich "Rānda", erst 1994 gegründet, die damit werben vorwiegend in der Region gefischte Produkte zu vertreiben. "IMS" seinerseits betont eine breite Produktpalette, inklusive immerhin ein Sprottenprodukt: "Šprotu pastēte". Auch “Līcis – 93” stellt sich mit seinen zwei Fabrikationsstandorten in Kolka und Ģipka als regionale Traditionen bewahrendes Unternehmen vor, außerdem Eigentümerin einer Fischereiflotte. 
"Gamma-A" allerdings, stationiert im Freihafen Riga, arbeitet auch mit Importfisch aus dem Atlantik und beschäftigt 760 Mitarbeiter. Ähnlich groß ist "Brīvais vilnis", eine Gründung der frühen Sowjetzeit und 1992 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die sich mit seinen 800 Mitarbeitern stolz als "Flaggschiff" der lettischen Fischindustrie bezeichnet und nach eigener Aussage das Markenrecht für "Rigaer Sprotten in Öl" besitzt. Und schließlich "Karavela", die einen Schwerpunkt ganz außerhalb der Sprottenverarbeitung offenbaren -  bei Sardinen, Lachs und Hering. Sieben sehr unterschiedliche Firmenschwestern offenbar - viele unterschiedliche Exportzielländer werden in den verschiedenen Selbstdarstellungen erwähnt - keiner von ihnen behauptet besonders erfolgreich in Deutschland zu sein.

Eine leider etwas irreführende Grafik aus
einem Strategiepapier der lettischen Fisch-
verarbeiter: real gibt es viele Umwege auf dem
Weg zum Weltmarkt
Der Erfolg kommt vielmehr aus dem Osten: "Rigaer Sprotten" wurden auf Messen und Ausstellungen in Moskau mehrfach prämiert. Der Umsatz der 7 Unternehmen mit zusammen 2423 Mitarbeitern belief sich, lettischen Medien zufolge, im Jahr 2011 auf insgesamt 59 Mill. Lat (ca. 85 Mill. Euro). Die Anzahl der trotz scharfer Marktkonkurrenz noch existierenden Firmen der Fischverarbeitung, auch die Zahl der Angestellten zeigt: es lohnt sich das noch besser auszubauen. Aber warum denken die Vermarkter dass es im deutschsprachigen Raum nur unter dem Stichwort "russische Küche / russische Spezialitäten" gehen kann? Als Lettland-Freund fühle ich mich da klar ein wenig betrogen, auch wenn die Motive dafür teilweise verständlich sein mögen. Und Fisch ist da kein Einzelfall.

Der Verband der fischverarbeitenden Industrie (die sich von der erwähnten „Biedrība Rīgas Šprotes“ dadurch unterscheidet, dass hier auch Unternehmen aus Ventspils integriert sind) erarbeitete im Jahr 2008 eine Strategie zur Entwicklung des Industriezweigs bis 2013. Dort war noch davon die Rede, dass Fischprodukte aus Lettland auch "Lettlands Image in der Welt" mit prägen würden. 60% aller in Lettland hergestellten Fischprodukte seien Konserven, 75% davon werden von denen im lettischen Verband der fischverarbeitenden Industrie (Latvijas Zivrūpnieku savienībai) zusammengeschlossenen Betrieben hergestellt, und 70% dieser Konserven seien Sprottenprodukte. 2008 gingen nur 19% der Fischkonserven in EU-Länder, dagegen 74% nach Russland oder andere Länder Osteuropas. Immerhin machen allein Sprotten 28% aller aus Lettland exportierten Lebensmittelprodukte aus (Stand 2008).Auf jeden Fall trägt die Fischverarbeitung zur Sicherung der Entwicklungsperspektiven der lettischen Küstenregionen bei: 70% der Arbeitskräfte in der Fischverarbeitung arbeiten und leben dort.
Denjenigen aber, die entgegen der vorgespiegelten "russischen Küche" die traditionell hergestellten lettischen Sprotten lieber gleich in Lettland kaufen wollen muss gesagt werden, dass weniger als 2% der in Lettland produzierten Fischkonserven im eigenen Land verkauft werden (bei Sprotten etwa 5%) - Idealismus auf dieser Seite wird voraussichtlich wirtschaftlich leider nicht viel bringen.
"Sprotten sind für Lettland ähnlich wie Wein für Frankreich" - so ist es in einem kulinarischen lettischsprachiger Blog zu lesen - ein Zitat angeblich nach Didzis Šmits, dem Präsidenten der lettischen fischverarbeitenden Unternehmen. Ob das lettische Motto "Ražots Latvijā", nach dem sich viele lettische Verbraucher gerne richten, auch im Ausland eine Marke wird, ist weiter offen. Ob "Rigaer Sprotten" konsequenterweise auch "lettische Küche", oder wenigstens zur "Küche Lettlands" gezählt werden können, offenbar auch.

Firmeninfos: DOVGAN / RĪGAS ŠPROTES  / Verband der fischverarbeitenden Industrie   Liste der in Lettland produzierenden Firmen (Ražots Latvijā)

26. Oktober 2012

Deutliches Zeichen: der Winter ist nah!

Winterreifen-, Mützen- und Handschuhalarm in Riga!
(ein Foto der Webcam an der Nationalbibliothek)
Achtung, Schneetreiben! Heute ist der Tag den sich die Klima-interessierten im Kalender aufschreiben können - Lettlands erste Schneeschicht des Winters 2012 / 2013. 

24. Oktober 2012

Andris Antiņš hofft auf Euro-Rabatt

Wenn der lettische Präsident Andris Bērziņš in dieser Woche (am 25.3.) zu einem kurzen Staatsbesuch in Berlin erwartet wird, so könnte die Kürze seiner Gespräche mit Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestagspräsident Norbert Lammert vielleicht dazu verleiten, nach dem Sinn der kurzen Stippvisite zu fragen. "Man kennt sich schließlich" unter den EU-Mitgliedern, zumindest Merkel und Schäuble sind dieser Tage manchmal mehr in Europa unterwegs als im Bundestag präsent.
Andris Bērziņš kommt, wie zu erwarten ist, mit einem kaum weniger konkreteren Anliegen auf den gläsernen Berg nach Berlin als Antiņš im Schauspiel des Nationaldichters Rainis. Wie es aussieht, hätten die lettischen Staatsspitzen wohl gern etwas taktische Rückendeckung von den Deutschen bei einem offensiven Umgang mit dem Thema eines lettischen Euro-Beitritts.

Nun, meine Herren, wie bringe ich es Angela am besten bei?
Staatschef Bērziņšmit Außenminister Rinkēvičs und
Beratern beim Vorbereitungstreff zum Deutschland-Besuch
"Ich bin nicht wie meine Brüder, ich komme aus gutem Herzen"  - dass könnte Antiņš sagen; was Bērziņš sagen wird wissen wir noch nicht. Aber eine Variante wäre kaum vorstellbar: Lettland will den Euro-Beitritt und keiner nimmt Notiz davon. Lettische Oppositionsparteien haben die Möglichkeit einer Volksabstimmung über den Euro-Beitritt wieder ins Gespräch gebracht - damit wäre europaweites Aufsehen auch garantiert - aber die Regierung Dombrovskis unternimmt gegenwärtig alles, um die politische Ernte besser einfahren zu können als der litauische Nachbar: dort wurde das Spar-Regiment unter Regierungschef Kubilius gerade deutlich abgewählt. Wahrscheinlich ist es dem nachwirkenden Effekt der Parlamentswahlen von 2011 zu verdanken, dass Lettland auch heute nicht laut zur Abwahl der Regierung ruft: 2010 hatte der damalige Präsident Zatlers gleich das ganze Parlament entlassen und neu wählen lassen. Nun hat man doch mit vielfach schmerzlichen Einschnitten gespart und gekürzt - und nun sind laut neuesten Umfragen nur noch 13% der Einwohner Lettlands Befürworter einer Euro-Einführung zum Jahr 2014. Noch auffälliger: 53% der lettischen Unternehmer sind gegen eine Euro-Einführung, 37% sind dafür - WENN ES NICHT schon 2014 geschieht (siehe DELFI). Da steht auch für die politisch Verantwortlichen, eher konservativ gesinnten "Merkelisten" in Lettland einiges auf dem Spiel. Eine weitere Umfrage zeigte außerdem, was die Lettinnen und Letten vor allem erwarten für den Fall einer Euro-Einführung: Preissteigerungen. Lohnsteigerungen dagegen erwarten nur 8% - kein Wunder, wer erleben musste dass die eigene Regierung für den Fall einer Krise das Lohnniveau kurzfristig kurzerhand um 20-25% kappt, der ist gewarnt. Wer nicht mehr auskommt mit dem lettischen Lohnniveau - der wandert aus.

So sieht es Ēriks Ošs, Karikaturist der "Latvijas Avīze":
Hast du nicht am 20.September 2003 schon PRO EURO
abgestimmt? Ja oder nein?
Also: ob nun Merkel wieder das grüne Kostüm vom Griechenland-Besuch aus dem Schrank holt, oder vielleicht Lettisch-Rot auflegt - Bērziņš braucht dringend positive Schlagzeilen. Erst kürzlich waren sowohl Außenminister Westerwelle wie auch Ruprecht Polenz, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, zu Arbeitsbesuchen in Lettland. Aber im eigenen Lande entwickeln Aussagen wie "Seht, Deutschland lobt und unterstützt uns" nur begrenzte Strahlkraft (zumal: wer kennt in Lettland Westerwelle oder Polenz?). Und wer die Aussagen der zuständigen lettischen Minister in der lettischen Presse genau liest, der muss feststellen dass dort immerhin ein Punkt angedeutet wird wo Lettland noch verhandeln möchte: wer so vorbildlich spart, dem sollte doch Aufschub möglich sein bei der Beteiligung am Euro-Rettungsschirm. Denn warum sollen Letten dafür bluten, damit in Griechenland ein viel höheres Lohnniveau möglich bleibt? Staatschef Bērziņš wird also vermutlich in Berlin um "Rabatt für Musterschüler" bitten (siehe auch Vorab-Presseerklärung).

Aber Staatschef Dombrovskis weiß offenbar, wo in Deutschland die ganz großen Schlagzeilen produziert werden, und flankierte die anstehende Berlin-Visite des Staatspräsidenten mit einem Interview in der BILD: "Darum wollen wir unbedingt den Euro haben!"
Es ist anzunehmen, dass in Lettland wohl die Leserkommentare der BILD-Online-Ausgabe eher verschwiegen werden: "Na klar, die wollen an unsere Geldtöpfe" und "Dieser fast-pleite Staat fehlt noch auf der EURO Empfängerliste" ist dort zu lesen, oder auch: "Ob wir unser Geld nach Griechenland, Spanien oder nach Lettland schicken, ist doch völlig egal - bei allen Fällen ist es einfach weg."


Volksseele trifft Volksseele (Antiņš trifft seine Brüder?). Wo die einen den Deutschen nicht zutrauen, wirklich lettische Interessen zu unterstützen, halten die anderen die Letten wohl für sowas wie unverdiente Schmarotzer. Für diese platte Erkenntnis hätte es keiner BILD-Schaumschlägerei bedurft. Auch Spiegel Online zieht nach und präsentiert Wirtschaftsminister Pavluts. Soviel lettische Minister waren noch nie (gleichzeitig!) für Deutschland-Werbung im Einsatz!
Aber keine Angst: die staatstragenden Interviews für die großen konservativen Zeitungen wird dann Andris Bērziņš geben, in ähnlichem Grundton vermutlich (wie Dombrovskis auch schon in der WELT). Abends vor dem Rückflug dann schnell noch ein Stündchen "tikšanās ar tautiešiem" (Treffen mit Volksgenossen) in der lettischen Botschaft, wohl um den dort versammelten handverlesenen Arbeitsemigranten erneut zu verdeutlichen dass ihre wahre Heimat Lettland sei. 
Wer den lettischen Funktionsträgern nicht glaubt, wird sich das Zitat von Rainis zu Herzen nehmen (oder übersetzen lassen) müssen: "Ņems, kas atdos, veiks, kas zaudēs, pastāvēs, kas pārvērtīsies."

30. September 2012

In Schönheit bankrott gehen

Vor fünf Jahren haben wir sie auch in diesem Blog schon mal als erstaunlich erfolgreiche lettische Geschäftsfrau vorgestellt - Ieva Plaude. Heute muss man sich fragen: wie konnte es einen so steilen Absturz geben? Ihr über 20 Jahre aufgebautes Schönheitsartikel-Imperium "Kolonna" ist inzwischen zahlungsunfähig, die von einigen Investoren dort eingesetzten Millionen Euro sind offenbar unwiderruflich verloren. Ob die bisherigen Anteilseigner noch etwas im Ausland "geparkt" haben ist gegenwärtig lediglich Gegenstand von Gerüchten.

Eine ironischeFotomontage der
Zeitschrift "IR" (Lauris Vīksne, F64):
Geschäftsfrau Ieva Plaude als Bettlerin
Die Journalistin Indra Sprance kritisiert in der Zeitschrift "IR" auch die Mechanismen des lettischen Systems mit zahlungsunfähigen Firmen umzugehen. Im Laufe von drei Jahren hätten sich in Lettland insgesamt 5260 Firmen für zahlungsunfähig erklärt, was einem Gesamtwert von 3,3 Milliarden Lat entspricht - in etwa genauso hoch wie die gesamten Staatsausgaben eines Jahres. Sprance hält Verbesserungen bei der juristischen Aufarbeitung solcher Fälle für notwendig und sieht gerade im Fall "Kolonna" ein Beispiel für die Unzulänglichkeiten der Justiz. "Das Aussehen der Kunden in den Kolonna-Schönheitssalons kann so stark verändert werden dass sie nicht wiederzuerkennen sind", so Sprance, "und ähnlich wurde es auch mit dem Kolonna-Konzern gemacht."
2009 bestand die "Kolonna Holding" noch aus 25 Einzelunternehmen, deren Umsatz insgesamt 105 Millionen Euro erreichte. Seitdem aber änderten sich sowohl Anteilseigner wie auch der Konzernname.

Alles Laute würde hier nicht passen ...
2008 rangierte Ieva Plaude in der Liste der reichsten Frauen Lettlands unumstritten als mehrfache Millionärin, der Wert ihres Unternehmens wurde auf 18 Millionen Lat (ca. 27 Mill. Euro) geschätzt (Baltic Screen / TVNet). Zitat aus einer Broschüre der Deutsch-Baltischen Handelskammer, publiziert 2009: "In der Rigaer Altstadt, fast ein wenig versteckt im fünften Stock des Galerija Centrs, ist das Wohlfühl-Reich von Ieva Plaude. Ihr direkt nach der Unabhängigkeit Lettlands im Jahr 1991 gegründetes Kolonna SPA ist das größte Day-Spa im Baltikum. Die Mitarbeiterinnen sind freundlich und dezent. Man spricht hier nur verhalten, alles Laute würde nicht passen." Und einige Zeilen später: "Bei Kolonna merkt man nichts von der Krise. Es gab noch nicht einmal Grund, die Preise nach unten zu korrigieren, um mehr Kunden anzulocken. Diejenigen, die die Wohlfühl-Behandlung in den Boomjahren schätzen gelernt haben, bleiben Ieva Plaude auch in diesen Zeiten treu. Plaudes eigener Lebensweg war früher eher von der Kultur geprägt, von Oper, Theater und Gegenwartskunst. In dieser Eigenschaft kam sie bereits Ende der 80er Jahre mehrfach nach Deutschland. Dort entdeckte sie ihre Liebe zum Schönheitsbusiness." ( (die Preisentwicklung stellt ein Beitrag in DIE ZEIT etwas später ganz anders dar und beschrieb sogar Lohnkürzungen für Mitarbeiter von bis zu 40%!).

Ein anderes Zitat stammt von Jānis Lasmanis, Immobilienkaufmann und damals Co-Eigentümer von Kolonna, mit dem Ieva Plaude zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet war: "In den verrückten 90ern reichte es aus, irgendwie einen Haufen Kühlschränke zu kaufen, und diese einen Monat später für das zwei- oder Dreifache zu verkaufen." (Dienas Bizness) Dieses Zitat stammt ebenfalls aus dem Jahr 2008, als unter dem Markennamen "Kolonna" längst auch ein Immobilienkonzern geworden war. "Kolonna entwickelt die Projekte, ein Bauunternehmen baut, und ein anderes Tochterunternehmen bewirtschaftet die Häuser", so erläuterte es Lasmanis und spottete gleichzeitig über "Tierärzte, Schuster und Frisöre" die sich mit zwei. drei Häusern im Immobilienbusiness meinten engagieren zu müssen.

Erst Geld machen, dann Politik?
Unter den drei reichsten Letten befanden sich damals - neben dem Eigentümer der damaligen Vorzeige-Bank PAREX - auch die beiden Politiker Andris Šķēle und Ainārs Šlesers, beide ebenfalls vom Typ "Kühlschrank-Verkäufer". Plaude trat mit beiden gemeinsam für die Partei "Par labu Latviju"(PLL) an, die allerdings bei den Wahlen krachend durchfiel. Im Wahlkampf 2010 fiel Unternehmerin Plaude u.a. mit der These auf, ihrer Meinung könne der Durchschnittslohn in Lettland im Jahr 2020 bereits 3000 Lat betragen (Dienas Bizness). Lettland malte sie sich für die Zukunft als "Land in dem drei Sprachen gesprochen werden" aus: Lettisch, Russisch, Englisch (Kas jauns). Journalistin Indra Sprance erinnert sich heute, Plaude habe damals energisch eine These der "IR" bestritten, dass der Einstieg in die Politik mit Problemen im Business zu tun haben könnte. Aber schon kurz nach der Wahlniederlage macht sie dann genau dieses: sie erklärt ihr Unternehmen für nicht mehr zahlungsfähig.

Politik als letzter Ausweg aus maßloser Geschäftemacherei? Den scheinbar heilbringenden Investoren und "Businesmeni" wurden in Lettland jahrelang von der Politik jedes mögliche Hindernis in vorauseilender Sorgfalt weggeräumt - da könnte man auf den Gedanken kommen, es könnte auch der umgekehrte Weg funktionieren. Die damals noch existierende PAREX-Bank hielt 3,6 Millionen Euro an Finanzmitteln zurück Plaudes persönliche Schulden hatten sich auf 7 Millionen Lat, zusammen mit diversen Kolonna-Unternehmen gewährten Bürgschaften sogar 25 Millionen. Zum selben Zeitraum wurde ihr Vörmögen auf einen Wert von 10 Millionen Lat geschätzt. Unvorstellbar? Man kennt es von verschiedenen Wirtschaftsskandalen auch in Deutschland: wer darauf setzt, dass sich keiner einen so großen Flop verstellen kann, dem lassen oft gerade diejenigen viel Spielraum, die eigentlich von Amts wegen kontrollieren müssten.

Schulden und deren Nicht-Eintreibung
Kolonna-Werbung: Spezialisten für's
Frisieren und Verschönern
Doch Ende 2010 hob das Höchste Gericht Lettlands den Beschluß zur Bestätigung der Zahlungsunfähigkeit zunächst wieder auf. Die PAREX-Bank hatte darauf verwiesen dass eine Reihe von Aktivitäten unternommen worden seien um vor geschäftlichen Verpflichtungen auszuweichen. Doch im November 2011 dann die entgültige Anerkennung der Zahlungsunfähigkeit der "DK Holding" (früher "Kolonna Holding"), ein Verfahren, den abzuschließen auf eine Dauer von fünf Jahren veranschlagt wurde. Sichtbar wurde ein trauriger Zustand: riesige Schulden und kaum Aktiva, mit denen die Schuldner bedient werden könnten. In diesem Zusammenhang geriet dann auch die Bank selbst in Schwierigkeiten. Aber vor allem blieb eine Frage - so die Zusammenfassung des Falls durch Indra Sprance - wieso kann es sein, dass dieser ganze Prozeß der Abwicklung von Zahlungsunfähigkeit Leuten in die Hände gegeben werden kann, die selbst in unübersehbarem Zusammenhang mit dem Unternehmen "Kolonna" stehen?

Kurz bevor sich "DK Holding" für insolvent erklärte, änderte das Unternehmen noch schnell die Adresse: plötzlich wurde eine Adresse in Kuldiga als Firmensitz angegeben. Dadurch war dann auch das Bezirksgericht Kuldiga zuständig für die Abwicklung, und auf diesem Wege wurden Richterin Daina Alksne und Insolvenzverwaltein Maija Andersone zuständig für den Fall. Das persönliche Verhältnis dieser beiden Damen zueinander wiederum scheint klar: drei Jahre lang arbeiteten sie in Kuldiga zuvor in einer gemeinsamen Anwaltspraxis. Andersone mietete ihrerseits Räume von einem gewissen Zigmārs Stoļarovs an, der bis zu einem Prozeß wegen unerlaubter Vorteilsnahme selbst Insolvenzverwalter war. Wiederum fragte Journalistin Sprance weiter und fand heraus, dass immer noch eine Vereinbarung zwischen Andersone und Stolarovs existiert die Stolarovs erlaubt seine Kollegin zu vertreten - und so geschah es auch im Fall "Kolonna".

Warum ist die Einbeziehung von Stolarovs so heikel? 2007 war Stolarovs noch Vorstandsmitglied der Firma REHO, die für den Betrieb der beiden Hotels "Konventa Seta" und "Hotel de Rome" zuständig war. REHO war beteiligt "Riga Hotel GmbH&Co Betriebs KG", an der bis dahin auch der Bremer Bauunternehmer Dr. Klaus Hübotter Anteile hielt. Ebenfalls Mitglieder des Vorstands waren Jānis Lasmanis, damals mit Ieva Plaude verheiratet, und ihr jetziger Gatte, der Deutsche Gerd Röhlinger (lett. Gerds Rēlingers, Chef des bayrischen Kosmetikproduzenten "Langguth"). Neureiche Unternehmerin in Lettland zu sein - es scheint hier manchmal zuzugehen wie in den Königshäusern des Mittelalters; Unterschied: es wird nach belieben geheiratet und geschieden, je nachdem was gerade den eigenen Geldbeutel rettet. Stolarvovs jedenfalls, heute als Insolvenzverwalter aktiv, war immer eng dabei.

Heisse Drähte zum Stadtrat
Streitobjekt  im Visier von Anlagestrategien
und Beteiligungsgesellschaften: das ehemals
traditionsreiche Hotel de Rome firmiert inzwischen
unter anderem Namen
Auch die Geschäfte der Baufirma REHO sind in diesem Zusammenhang interessant. 2009 verkauften die Zuständigen beim Stadtrat Riga die bis dahin städtischen Anteile an der REHO GmbH, die "Hotel de Rome" und "Konventa Sēta" betrieb - zwei gerade bei deutschen Gästen sehr beliebte Hotels mitten in der Altstadt. Nach den Stadtratswahlen 2009 übernahm das Duett Nils Ušakovs mit seinem Vize Ainārs Šlesers das politische Ruder in Riga. Vertraglich ließ sich der Stadtrat diese Kapitalanteile als Kreditsicherheit im Wert von 1,03 Millionen Lat festschreiben - erhielt also kein Geld für den Verkauf der Anteile, es blieb nur das Recht die Anteile zurückzubekommen falls diese Summe nicht im Laufe von 10 Jahren aufgebracht würde. Bisher ist offenbar unklar, ob je auch nur ein Centimes oder EuroCent dem Stadtrat zu Gute kam - bekannt ist nur, dass die Vereinbarung mit "Kirk Investment" erneuert wurde, die seit Februar 2011 die Bewirtschaftungsrechte der beiden Hotels übernahmen. Eigentümer bei "Kirk" ist ein auf der "Isle of Man" registrierte Firma "Ambiente International Limited", aber auch die beiden Ex-Kolonna-Angestellten Ineta Bojāre und Uldis Cipsts, sowie eine Angestellte des Rigaer Stadtrats, Ilze Saulīte-Jansone. Letztere leitet das städtische Unternehmen "Rigas nami", wurde 2009 zur Vorstandsvorsitzenden der Kolonna-Holding und pflegte enge Kontakte sowohl zum Bürgermeister-Vize Šlesers (bekannt ist eine Parteispende in Höhe von 9990 Lat an dessen Partei) wie auch zu den Sozialdemokraten im Stadtrat. Klar dürfte also sein, dass die Eigentümer von "Kirk Investment" die Aktivitäten bei "Kolonna" beherrschen - interessant aber, dass die Journalisten der "IR" am angeblichen "Kirk"-Firmensitz in Riga niemanden antrafen bis auf einen Hausmeister, der meinte die Räume seien schon seit längerem verlassen.

Angeblich arm - und trotzdem immer weiter?
Noch im September 2012 in der Rubrik "News"
auf der Langguth-Webseite" zu finden:
Kolonna-Deal als Beispiel erfolgreicher
Unternehmertätigkeit
Unternehmerin Ieva Plaude ist also angeblich pleite. Wem aber gehören dann die 25 Schönheitssalons in ganz Lettland mit etwa 500 Angestellten? Das fragt sich momentan die lettische Öffentlichkeit. Auch in der deutschen Presse tauchen zum Ex-Vorzeige-Unternehmerpaar Röhlinger-Plaude inzwischen immer mehr kritische Berichte auf. Während Röhlinger in Riga gern fröhlich Oktoberfeste inszeniert, blickt das Magazin "Inside B" auf den Einstieg von Ieva Plaude beim Baden-Badener Kosmetikhersteller "Fribad" zurück: "Plaude schönte Umsatzzahlen, statt 60 Millionen Euro setzte Fribad 2007 nur rund 36 Millionen Euro um. Die Lage spitzte sich zu, als die Lettin den Chef des bayerischen Kosmetikproduzenten Langguth, Jürgen Röhlinger, heiratete und der plötzlich als Mitgesellschafter und Retter von Fribad auftrat. Doch aus der angestrebten Restrukturierung wurde nichts. Im Frühjahr 2009 meldete der Kosmetikhersteller beim zuständigen Amtsgericht Insolvenz an, während die Mitarbeiter weiter auf ihre Löhne warteten. Gegen Plaude und Röhlinger läuft mittlerweile ein Ermittlungsverfahren wegen unzulässiger Geldabflüsse, der Verdacht einer Insolvenzverschleppung steht im Raum. 70 Jahre nach seiner Gründung fand das Kapitel Fribad ein unrühmliches Ende."

Im Unternehmermagazin ECONO ist die Atmosphäre beschrieben, mit der die deutsch-lettische Geschäftsverbindung versuchte sich als "Macher" zu inszenieren: "Ein Unternehmen ohne Probleme ist wie das Christentum ohne Hölle!" soll Plaude lächelnd gesagt haben. Als "pikantes Detail" der Vorgänge um den "Fribad"-Verkauf bezeichnet es das Magazin, dass Röhlinger zunächst Fribad-Anteile aufkauft um dann, als die Fribad-Mitarbeiter sich Sorgen um die kurz bevor stehende Insolvenz und evtl. Arbeitslosigkeit machen, in die USA fliegt um dort Plaude zu heiraten. Danach trat Röhlinger selbst gegenüber dem Fribad-Insolvenzverwalter als Eigentümer auf, Hauptgläubiger war die lettische PAREX-Bank (deren Schicksal ja inzwischen bekannt sein dürfte).

Wieder heiratsfähig? 
Also: vielleicht hilfte eine erneute Heirat auch 2012 zu neuen Ufern? Jedoch werden sich potentielle zukünftige Geschäftspartner vielleicht vor den Namen sowohl von Plaude wie von Röhlinger eher hüten; das Magazin "Inside B" jedenfalls bescheinigt den beiden, "Fribad" erheblich geschädigt statt gerettet zu haben: "1,9 Millionen Euro sollen an Firmen und Personen aus Plaudes Dunstkreis abgeflossen sein. Darunter befand sich auch ihr Ehemann, der Kosmetikproduzent Jürgen Röhlinger, den sie vor der Insolvenz als Generalbevollmächtigten bei Fribad einsetzte."

Doch es lohnt ein Blick auf das gegenwärtige Insolvenzverfahren bei Ieva Plaude und "DK Holding". Der angeblich einzige größere Schuldner dort heißt angeblich .... "Kirk Investment". Das ist das Resultat mehrerer interner Käufe und Verkäufe innerhalb des mit der Marke "Kolonna" verwobenen Firmengeflechts - ob aber dieser Geschäftszusammenhang so korrekt angegeben ist, dies zu beurteilen sieht sich auch die lettische Insolvenzverwalterin Andersone nicht in der Lage. Bei "IR" ist nachzulesen, dass Plaude inzwischen behauptet, auch in früheren Jahren von der Presse schon zu Unrecht als "Millionärin" bezeichnet worden zu sein: Eigentümer der genannten Holdings sei eine Investorengruppe aus US-Amerikanern, Deutschen und Russen. Auf wiederholte Nachfrage präzisiert sie dann, zumindest bis 2010 selbst Mit-Eigentümerin gewesen zu sein - und nennt auch Namen von angeblichen Eigentümern. Die Wechsel der lettischen Geschäftsadresse sei vorgenommen worden, um die Zahlungsunfähigkeit zunächst der Öffentlichkeit vorzuenthalten damit die Firmenanteile zu einem maximal möglichen Preis hätten verkauft werden können.
Diesen Angaben stehen allerdings die Recherchen von "IR" entgegen, die Plaude als eng verflochten mit "Kirk Limited" ausweisen: die Eigentumsdokumente weisen mal den Namen Ieva Plaude, mal die beiden "angeheirateten" Namen, aber sogar Ieva Gaile - ihren Geburtsnamen - auf, als Adresse verschiedener Personen eine ihr gehörende Wohnung in Riga.

Da mag man vielleicht ausrufen: und das alles innerhalb der Europäischen Union! Warum sind eigentlich gegenwärtig nur die Währungsspekulationen mit dem Euro in den Schlagzeilen? Eine Geschäftsfrau, die angeblich zu unrecht in der Presse als "Millionärin" "verunglimpft" wird? Ein Unternehmen der Schönheitspflege und des Hotelwesens, das auch heute noch einen angeblich völlig unbeschadeten Ruf hat?  - Wer glaubte, nur in den 1990er Jahren "wilde Geschäfte" in Lettland machen zu können, der wird sich wohl angesichts solcher wirtschaftskrimineller Auswüchse nur wundern.
Geändert hat sich aber seitdem, dass auch lettische Journalisten bei solchen Vorfällen genauer nachfragen. Das Umfeld von Korruption wird nicht umsonst "Sumpf" genannt, denn eine einzelne moralisch integre Unternehmerpersönlichkeit reicht nicht, um die Bilanz (den Schaden) für die Gesellschaft ausgleichen zu können. Die bisher üblichen Verfahren des lettischen Insolvenzurechts zählen offenbar bisher eher zum "Sumpfgebiet".


Infoquellen:
Langguth-Kosmetik
Kolonna "Beauty Group" / Kolonna "Hotels Group"
"Finance-Net" vom 12.3.2009
Magazin "Inside B - Wirtschaft und Leben", Ausgabe August 2010
Beitrag des Magazins "Econo", ins Netz gestellt von Fribad-Insolvenzverwalter Andreas Fischer
Ausführlicher Bericht der lettischen Zeitschrift "IR"
Bericht "Latvijas Avize"




24. September 2012

Trojas Pferde aus Lettland

Gar kein Geheimnis, im Gegensatz zum historischen Vorbild, macht der Hersteller der "Trojanischen Pferde" aus Lettland um seine Produkte. Als aus vormals staatlichen Strukturen die GmbH "SIA Troja" gegründet wurde, ahnte zunächst niemand, dass ein kleines Holzschaukelpferdchen zu einem der beständigsten Produkte im In- und Ausland werden könnte - das erste Produkt dieser Serie wurden bereits 1972 hergestellt.
Im Jahr 2011 wiesen die "Trojaner" bereits einen Jahresumsatz von 11.9 Millionen Lat (ca. 17 Mill. Euro) auf.Produkte aus Sperrholz - nicht nur Spielsachen, sondern unter dem Markennamen KAYIA stellte die Firma auf der "Boot 2012" in Düsseldorf seine "Skimboards" vor - neben der Chance, auf deren gute Einsetzbarkeit an den langen lettischen Ostseestränden hinzuweisen wurden auch eigene Werbefilmchen hergestellt, um "Skimboards" auch in Lettland erstmal dem potentiell interessierten Publikum vorzustellen.
Also mehr als nur süße Schaukelpferdchen. Natürlich sind auch Tische, Stühle, Regale und Dokumentenschränke im Angebot der Firma.Eine halbe Million Lat habe der lettische Konzern "Latvijas Finieris", selbst seit 1992 "re-privatisiert",  in "Troja" investiert - vielleicht kommt also daher die Idee für den Namen? Unter anderem wurden so neue, computergesteuerte Fertigungsanlagen gebaut, mit weitaus mehr Möglichkeiten verschiedene Produkte anzubieten als das in den 90er Jahren der Fall war, als die einzige Alternative zum traditionellen Schaukelpferd eine "Schaukelgiraffe" angeboten wurde.

Die Firmenleitung weiss auch von Kontakten und Projekten mit der Autoindustrie in Deutschland zu berichten - allerdings sei das Geschäft hier stark von der 2009 einsetzende Krise betroffen gewesen. Und wer Lettland besucht, dem werden die Troja-Produkte sogar sehr häufig begegnen: die Firma stellt auch Verkehrszeichen her, aus besonders haltbar gemachtem lettischen Birkenholz produziert (ausgeliefert mit 5 Jahren Garantie). Aber der überwiegende Teil der Firmenproduktion geht in den Export - und sorgt so für eine etwas bessere lettischen Handelsbilanz. Neben Deutschland sind auch Italien und Schweden inzwischen unsere Hauptkunden unter den insgesamt 31 Ländern in die wir exportieren, erzählt Troja-Vorstandsmitglied Jānis Biķis der Zeitschrift "IR". "2007 hatten wir noch 155 Angestellte", erzählt er, "heute haben wir bei gesteigerter Arbeitseffektivität noch 100, die im Vergleich zu damals das Doppelte leisten."

Konkurrenzfähigkeit auf einem wachsenden Weltmarkt sei heute das Stichwort. "Anfang der 90er Jahre kostet ein Schaukelpferdchen noch 2 Dollar, heute 9 Lat. Aber dennoch können wir mit China nicht mithalten," meint Biķis. Ehemals als erstes Tochterunternehmen von "Latvijas Finieris" gegründet, sind die Firmenanteile heute Besitz von 15 Einzelpersonen. Die Firma trägt großen Anteil daran, dass Lettland inzwischen zum drittgrößten Produzenten von Sperrholz aus Birke geworden ist - hinter Russland und Finnland.

15. September 2012

Deutsche Sprache, schwere Sprache ...

Neustart nötig?
Die Pflege der deutschen Sprache verlange in Lettland nach einem "Re-Start" - so eine lettische Initiativgruppe, die kürzlich in der Rigaer Zentralbibliothek eine Veranstaltungsreihe eröffnete, die bis zum Ende des Jahres Begegnungen mit Lettinnen und Letten ermöglichen soll, die von erfolgreich angewendeten Deutschkenntnissen erzählen. Tālivaldis Kronbergs, einer der Initiatoren, Gründer und Leiter des Portals "StudentNet", arbeitete zunächst daran, ein Netzwerk gemeinsamer Träger dieser Veranstaltungsreihe zu knüpfen. Ihre Beiträge leisten nun das Goethe-Institut, das Mencendorff-Haus, der Verband der Deutschen in Lettland, die Deutsche Botschaft in Riga, das Institut für Auslandsbeziehungen (IFA), der Verband der Deutschlehrer Lettlands und die Zentralbibliothek der Stadt Riga. Auch die Verlage "Zvaigzne ABC", "Zinātne", "Atēna" und "Nordik/Tapals" haben ihre Unterstützung zugesagt.

Deutsch - so wie es Mitte der 1990er Jahre an der
Baustelle der Deutschen Botschaft in Riga vermittelt wurde

Wie ist die Ausganglage? Wer als Deutscher die Lage in Lettland seit Wieder-erlangung der Unabhängigkeit länger beobachtet hat, vielleicht auch etwas Lettisch lesen und sprechen kann, um die Diskussionen in Lettland besser nachvollziehen zu können, der wird schon sehr verschiedene Einschätzungen und Beurteilungen zur Lage der deutschen Sprache gehört haben. "Das waren doch früher deutsche Gebiete, da wird sich die deutsche Sprache schon wieder durchsetzen" - eine derartige Äußerung begegnete mir selbst Anfang der 90er Jahre. Fast gleichzeitig gab es Nachkommen von Deutschbalten, die in Lettland offenbar "deutsches Erbe" zu inspizieren geruhten und dabei Äußerungen taten von der Art, die Letten hätten das vormals sorgsam geordnete deutsche Kulturgut nur wenig pfleglich behandelt. Oder es gab deutsche Banker, die eine Diskussion über Lettland mit Zahlen zum lettischen Handelsvolumen und einem Vergleich mit dem Umsatz an den deutschen Börsen einleiteten, und gleichzeitig immer die Funktion "Brücke nach Russland" betonten, statt sich mal näher um lettische Bedürfnisse und Ängste zu kümmern. Aus deutscher Sicht ist eben manchmal scheinbar vieles in Geld aufzuwiegen.

Deutsch-Lettisch außer Mode?
Und natürlich gab es lange Zeit fast keinen Austausch zwischen Letten und Deutschen - gerade die deutsche Seite zögerte den Beginn visafreien Reisens, der eigentlich 1996 schon spruchreif gewesen war, bis 1999 heraus. In dieser Zeit wurde der deutsche Reisemarkt fast ausschließlich von "Heimatreisenden" dominiert, die ihre Reiseziele bitteschön nur mit den alten deutschsprachigen Bezeichnungen benannt haben wollten (wer kennt "Hasenpoth"?) Der freie Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt wurde dem neuen EU-Mitglied Lettland bis Mai 2011 verschlossen - für Deutschland ein selbstverständliches Recht, für Lettland aber die Ursache, dass Arbeitssuchende auf dem internationalen Markt sich eher englischsprachig orientierten (und in englischsprachigen Ländern wiederum eigene Vereinigungen der dort lebenden Menschen gründeten, die ihre Erfahrungen viel intensiver nach Lettland zurückspiegeln).

Auf dem Reisemarkt wurde der erste positive Trend im Jahr 2004 ausgelöst, verursacht teilweise durch geballte deutsche Medien-Berichterstattung zum EU-Beitritt Lettlands, teilweise auch von guten Verkehrsverbindungen vor allem per Schiff. Eine erste Phase, um in Lettland den deutschen Markt ernst zu nehmen, und deutsche Sprachkenntnisse dann auch zu Hause angewandt werden können. In dieser Phase konnte man vielerorts in Deutschland hören: Riga? Lettland? Ja, davon habe ich schon gehört, da will ich irgendwann auch mal hin! Leider hielt der Trend nicht immer an: Billigflieger verleiten zwar zum kurzen Ausprobieren eines Reiseziels, nicht aber zum näheren Kennenlernen - und Städte mit Billigflughafen werden gegenüber den anderen Landesteilen wohl eindeutig bevorteilt. Dazu kam die Wirtschaftskrise - heute stehen einige, in Katalogen und auf Landkarten schon verzeichneten Hotels leer und verbarrikadiert in der Landschaft. Und auf lettischer Seite hat sich abseits des lettischen Fatalismus noch immer kein Gefühl für eine Stammkundschaft entwickelt: wer spontan für die Dienstleistung noch ein paar Lat mehr fordern kann als eigentlich angesagt, der tut es wohl - und glaubt sowieso nicht das Gäste auch wiederkommen. Außerdem herrscht der weitverbreitete Glaube vor, auch die deutschen Gäste mit Englisch ausreichend bewirten zu können (sicher, zum Geld einnehmen reicht es!).

Initiativen, Projekte: wer hilft?
Einer der Initiatoren
der Veranstaltungs-
reihe zur Rolle der
Deutschen Sprache
in Lettland:
Tālivaldis Kronbergs
Schließlich noch die fehlenden Netzwerke. Soll man es begrüßen oder beklagen, dass man schon ein ziemlich eigensinniger, wundersamer Kauz sein muss, um sich über längere Zeit schwerpunktmäßig mit Lettland zu beschäftigen? Karriereabsichten - wenn es nicht gerade "schnelles Geld verdienen" ist - können es kaum sein. Ernstzunehmende deutschsprachige Medien zu Lettland oder den baltischen Staaten gibt es keine (keine, die über ihre speziellen Zielgruppen hinausgehen). Finanzielle Förderungen für deutsch-lettische Projekte sind einerseits schwer zu finden, andererseits immer nur auf die Dauer von maximal ein bis zwei Jahren ausgelegt. Wohl gibt es fachliche Kooperationen, aber kaum offene Netzwerke, die interdisziplinär für Menschen aller beruflichen und privaten Ebenen ausgelegt sind - oft muss man die Eindruck haben, wer irgendwo das Wort ergreift oder publiziert wird, muss schon besser einen Doktortitel vorweisen (nichts gegen Akademiker - aber oft gilt es dann gleichzeitig als Grund für die Kurzfristigkeit des Interesses der vielbeschäftigten Wissenschaftler mit bekannterem Namen). Schon seit seiner Gründung orientierte sich das Goethe-Institut in Riga eher auf die deutsche Hochkultur als auf Projekte zwischen den Menschen aus beiden Ländern. Etwas mehr als 3.000 Deutsche leben in Lettland - und gelten, wie es kürzlich eine Sendereihe des WDR ziemlich realistisch wiederspiegelte, eher als "wundersame Eigenbrödler" denn als konstruktive deutsch-lettische Aktivisten. Und dann noch der Ansatz des Deutsch-Lettischen Partnerschaftsforums in Selm aus dem Jahr 2009, deren Teilnehmer/innen gegenüber deutschen Behörden in Lettland einen vermehrten Einsatz zu Gunsten der Deutschen Sprache forderten, aber erst nach längeren Nachdenken auch eine gleiche Wertigkeit des Lettisch-Lernens für Deutsche hinzufügen mochten.

DELFI-Bericht übers Treffen der
Deutschsprachigen
Wird also das Interesse für Deutschland und die deutsche Sprache in Lettland wieder aufblühen? Interessant zu beobachten, dass schon ein einzelner Bericht über die oben erwähnte Veranstaltung im Portal DELFI eine ziemliche Diskussion auslöste. Eine durchaus "bunte" Besucherschar habe sich da in der Rigaer Stadtbibliothek versammelt, konstatiert die Reporterin. Und weiter: Ein deutsches Lied zur Einstimmung - von einem wunderschönen Tag der niemals enden möge, werden als Einstimmung von "einer Dame mit weißer Bluse am dunkelbraunen Klavier 'Riga' und Sängerinnen in Tracht und Spitzensöckchen" dargeboten. Die Motivation der Anwesenden, sich mit Deutschland und deutscher Sprache zu beschäftigen, seien ziemlich unterschiedlich gewesen: einige die wohl gern nach Deutschland auswandern wollten, andere als Historiker mit deutscher Sprache befasst, und wieder andere, die zusammen mit der starken deutschen Anti-Atombewegung solidarische Aktionen gemeinsam planen. "Keine Angst, die Veranstaltung findet in lettischer Sprache statt!" habe Moderator Kronbergs die Anwesenden beruhigt, berichtet DELFI weiter. Während die Vereinigung der Deutschen in Lettland kostenlose Hilfe beim Deutschlernen anbietet, zweifeln andere an Aussagen nur die englische Sprache öffne in der globalisierten Welt alle Türen. Die Stadtbibliothek bietet ihrerseits ihr Sortment an deutschsprachigem Lesestoff an.

Reaktionen und Einschätzungen
Durchaus ungewöhnlich aber, dass allein auf diesen einen Bericht bei DELFI über 200 Leserreaktionen eingehen. Abseits einzelner Meinungen ist hier vielleicht interessant zu erwähnen, was dort viel diskutiert wird, und was gar nicht. Stark vertreten sind zum Bespiel Äußerungen, die in irgendeiner Weise lettische Geschichte thematisieren, und zwar meist in Bezug auf frühere Phasen russischer oder deutscher Vorherrschaft in Lettland ("700 gadu zem vācu jūga bijām.."). Als ob Lettland nicht seit über 20 Jahren unabhängig wäre: für viele steht die Hinwendung zu einer bestimmten Sprache also im Zusammenhang damit, welchen "Einflußbereich" man gestärkt sehen möchte. Manche sehen die deutsche Sprache "in der Sowjetzeit unberechtigterweise zurückgedrängt", andere haben sogar noch die Schimpfworte aus der Zeit der "junglettischen Bewegung" (aus der Zeit vor Erlangung der Unabhängigkeit 1918) parat und meinen eher zynisch, in letzter Zeit habe sich die Zahl der "Kārklu vācieši" auch wieder stark vermehrt (Schimpfwort für Letten, die eine Annäherung an Deutschland befürworteten, oder sogar zu Deutschen werden wollten). Andere Stimmen meinen betonen zu müssen, Deutsche hätten schließlich den Letten die Bibel übersetzt und das Chorsingen beigebracht - "die Engländer dagegen nichts!".
Andere betonen eher ihre Schwierigkeiten mit allzu langen deutschen Worten: "Höchstgeschwindigkeitsbegrenzung, Hubschrauberlandeplatz - das kann doch keiner aussprechen!" Zustimmend reagieren diejenigen, die sowieso meinen, Deutsch könne in Lettland eher mit Russisch als zweiter Fremdsprache, nicht aber mit Englisch als erster konkurrieren. Auf die zunehmenden Anglizismen zielen wohl solche Äußerungen ab: "Selbst die Deutschen sprechen zunehmend Englisch!"  - Und was von Deutschen mitveranstaltete Konferenzen und Seminare in Lettland angeht, wird man eingestehen müssen, dass auch diese - wenn nicht in Lettisch - dann meist in Englisch veranstaltet werden, und sogar deutschsprachige Dokumentationen dazu fehlen: in Deutschland wird so niemand der unbeteiligt war diese Diskussionen in Lettland nachvollziehen können.

Etwas peinlich berührt könnten Deutsche vielleicht regieren, wenn sie all die Letten sehen würden, die ihr Deutsch von den billigen Fernsehserien lernen, die in Lettland lediglich eingesprochen oder mit lettischen Untertiteln gesendet werden (und dann alle angeblich "deutschen" Kanäle aufzählen, aber ARD und ZDF nicht kennen ...). Mir persönlich fehlt bei der ganzen Diskussion ein wenig mehr lettisches Selbstbewußtsein: ja, will denn gar keine ein wenig mehr Kenntnis über lettische Kultur, Mentalität, Geschichte und Politik in die übrige Welt tragen helfen? Aus dem Lettischen in anderen Sprachem kommunizieren können? Es müssen ja nicht gleich alle Übersetzer/innen werden (so viel Sprachtalent hat nicht jeder). Aber es gibt so etwas wie "sich selbst erfüllende Prophezeihungen" - wer für sich selbst nur die Rolle des dienenden, sich anderen unterordnenden, oder irgendwo zur Assimilation vorgesehen Menschen sieht - es könnte sich verwirklichen. Warum können etwas mehr Deutschkenntnisse nicht dazu beitragen, Deutsche und Deutschland zunächst mal etwas besser zu verstehen (und nicht immer nur von Schröder, Merkel und Putin daherzuschwadronieren - alle drei negativ natürlich ...)? Die 200 Wortmeldungen bei DELFI jedenfalls zeigen die Einseitigkeit der Thematik: die Nützlichkeit von Sprachkenntissen generell wird von niemandem bestritten. Viele legen sich aber offenbar, bevor sie damit anfangen, ein fest gezurrtes Weltbild zurecht, das nur noch wenige positive Überraschungen zuläßt. Wird Zusammenarbeit und Austausch zwischen Menschen heute nur noch virtuell gesehen? Lieber 500 Facebook-Freunde in Deutschland, die meine englischen Bruchstücke verstehen, als reale Kommunikation unter Freunden? Schade. Oder liegt der Sinn von "Freunden in Deutschland" allein darin, Letten günstige Gebrauchtwagen (in den 90er Jahren Wunsch Nummer 1) oder Arbeitsplätze in Deutschland (auf Kosten eigener Arbeitslosigkeit?) zu beschaffen? - Aber vielleicht bleibt es ja der gerade begonnen Veranstaltungsreihe vorbehalten, daran ein wenig zu ändern.

6. September 2012

Russischer Stil: zahlen und schweigen

"Lettische Banken werden zu Magneten für russische Auslandsgelder" titelten kürzlich deutschsprachige Zeitung wie DIE WELT und NZZ(beide unter Bezug auf die Finanzdatenagentur Bloomberg). Wie sieht es im Detail aus mit Aktivitäten von Geschäftsleuten aus Russland in Lettland? Auch die Zeitschrift "IR" brachte einen Bericht. Dort werden unter anderem lettische Bankangestellte zitiert, die von Kunden aus Russland berichten. Kunden aus Russland würden große Summen Geld in Lettland einzahlen unter der Bedingung, dass die Bank in gar keinem Fall mit ihnen direkt, weder telefonisch noch per Email, in Kontakt trete. Typische Reaktionen auf russische Geschäftstätigkeit in Lettland sind Aussagen in lettischen Internetforen ähnlich wie diese: "mit jedem an Russland verkauften Unternehmen verlieren wir ein Stück unserer Unabhängigkeit."
Unterdessen gibt es aber auch Russen, die einfach die seit 2009 gültige Regelung wahrnehmen wollen, die ab einer bestimmten Investitionssumme den Investoren eine Aufenthaltsgenehmigung in Lettland zusagt. Gerne wird auf dem Immobilienmarkt investiert. In Ruhe in Lettland die Zeit verbringen mit der Familie, zum Beispiel in traditionell bei Russen beliebten Orten wie Jurmala - auch das kann ein Ziel sein.

Lettland: für russische Investoren ein Land des Lächelns -
oder nur Ort für strategisch "geparkte" Gelder?
Als Beispiel russischer Geschäftstätigkeit in Lettland könnte Multimillionär Andrejs Beshmeļņicki* gelten. Er vereinigte die beiden lettischen Firmen " Rigas Piena kombināts" und "Valmieras piens" in seinem Konzern "Food Union". In der lettischen Presse wird bereits darüber spekuliert, ob er nicht in ein paar Jahren alles zusammen für gutes Geld einem internationalen Konzern wie "Danone" verkaufen wird.
Beshmeļņicki gehört zu der Gruppe Russen, die in Lettland ganz öffentlich auftreten. "Mir und meiner Familie gefällt es hier", sagt er, "und wir verbringen auch ziemlich viel Zeit in Lettland." (Zitat nach "IR")

Allein in den Jahren 2009 bis 2012, nach Einführung von entsprechenden Steuererleichterungen in Lettland für Investoren, soll sich die Zahl der wegen Investitionen nach Lettland eingereisten Russen vervierfacht haben (179 im Jahr 2009, 806 im Jahr 2011). Dennoch gehen Schätzungen weit darüber hinaus, denn viele legen wenig Wert darauf, dass Herkunft der Finanzen und Personen ganz öffentlich werden - und registrieren die Unternehmen, die in Lettland tätig werden, beispielsweise in Zypern.

Unternehmer wie Beshmeļņicki schätzen an Lettland, dass es einerseits den Einstieg in die Europäische Union und den Europäischen Markt bietet, andererseits auch russisch gesprochen wird.

Ex-Qualitätsmarke mit unklarem
Gegenwartswert: "Triāls"
Sergejs Čerņins*, Inhaber der SIA "GasInvest", steht angeblich kurz vor dem Kauf von "Triāls", dem ehemaligen Fleischkombinat von Valmiera, einem der bisher größten Produzenten von Fleisch- un d Wurstwaren in Lettland ("IR"). Die 1926 gegründete "Triāls" hatte zuletzt 2009 Steuerschulden von über 1.5 Mill. Lat nicht zahlen können und war geschlossen worden, 200 Angestellte wurden arbeitslos, die Firma ging in das Eigentum von "Latektus", einer Tochter der SEB Bank, über. Geklagt wurde damals auch über das Diktat der Supermarkt-Ketten, die niedrige Preise verlangten, oder andernfalls die Waren aus den Regalen nehmen würden.
Um heute nun solches Kaufinteresse an Firmeneigentum und Gelände zu begründen, reicht es offenbar, in Lettland eine "SIA" - ähnlich einer deutschen "Gesellschaft mit beschränkter Haftung" - zu bilden. Wie die Recherchen der Zeitschrift "IR" ergaben, ist der Eigentümer der "GasInvest" identisch mit dem Eigentümer der russischen "GazEnergoStroi", die bisher an Projekten im Bereich der Energiewirtschaft in Russland, Ost- und Westeuropa beteiligt war.



Schwierigkeiten wie in Russland werden Firmen wie "GasInvest" in Lettland wohl nicht zu erwarten haben: in der Olympiastadt Sochi gab es Proteste gegen den Bau einer vom Mutterkonzern "GazEnergoStroi" beantragten Anlage die darin mündeten, dass Farbe und Zement in Baufahrzeuge und Fahrerkabinen geschüttet wurden. Wütende Bürger, oder neidische Konkurrenz? Oder erneut ein Problem der Nachwirkungen des brutalen Umgangs mit Minderheiten und ethnischen Gruppen in der (Sowjet-)-russischen Vergangenheit? (siehe Beitrag Deutschlandradio vom 10.8.). Im Agrarbereich gibt es Projekte zum Bau von Biogasanlagen der selben Firma, auch mit deutschen Partnern. Einige der Projekte von "GazEnergoStroi" in Russland stehen offensichtlich unter der Protektion des russischen Präsidenten.

Noch nicht ganz klar scheint aber zu sein, ob in Valmiera tatsächlich die bisherige "Triāls"-Produktion wieder aufgenommen wird, oder nur das 12ha große Gelände den russischen Investoren für andere Projekte zur Verfügung gestellt wird (siehe Dienas Bizness). Jānis Baiks vom Stadtrat Valmiera glaubt, die Russen würden sich noch gut an den Räucherschinken aus Valmiera erinnern, und in der Zukunft vor allem Waren nach Russland importieren wollen (siehe "Kas Jauns"). Ob das Projekt sich als Auffrischung der lettischen Lebensmittelindustrie, oder die Immobilie sich nur als Spekulationsobjekt erweisen wird, muss die Zukunft zeigen.

Das manche Ängste vor allzu großem russischen Einfluß auch unbegründet sind, zeigt ein Blick auf die Statistiken von Geschäftsgründungen kleiner Firmen (SIA, siehe oben), die mit Investitionssummen ab 2000 Lat Grundkapital eröffnet werden können. Von 1714 ausländischen Staatsbürgern, die in den vergangenen 2 Jahren an solchen Firmengründungen beteiligt waren, sind 447 Russen. Andere häufig genannte Herkunftsstaaten sind Litauen (323 mal) und Weißrussland (160mal). Kann man also daraus schließen, dass vielen Investitionen kleine Investitionssummen gegenüberstehen? Wie der Fall "GasInvest" zeigt, gelten die SIA's oft auch als Basis für weitere Operationen.
Was mir persönlich bei allen Statistiken in Bezug auf Russlands angeblichen oder tatsächlichen Einfluß fehlt ist eine Gegenüberstellung mit vergleichbaren Aktivitäten anderer internationaler Konzerne. Denn schließlich gilt "Geschäft ist Geschäft", und finanzielle Abhängigkeit oder Unabhängigkeit berechnet sich nicht nach dem Maßstab gefühlter Aversionen.

* = russische Namen werden hier in lettischer Schreibweise wiedergegeben

4. September 2012

Ungleiche Löhne

Eine immer wiederkehrende Frage: wieviel verdient jemand in Lettland so durchschnittlich? Eine immer wiederkehrende Antwort: viele haben nicht einen, sondern mehrere Jobs um über die Runden zu kommen. Was schon etwas aussagt: vergleichbar mit Deutschland sind die Löhne gering, und eine "feste" Anstellung ist oft noch keine Lebensperspektive.

Aber auch zwischen einzelnen Branchen und in verschiedenen Regionen gibt es große Unterschiede. Hier ein paar Zahlen, zusammengestellt IR (Ausgabe 15.8.12). Die Zahlen beziehen sich auf den Monatslohn nach Abzug von Steuern. 

Durchschnittseinkommen nach Branchen: 
Flugverkehr - Ls 1101
Telekommunikation - Ls 774
Finanzdienstleistungen - Ls 739
IT, Computerprogrammierung - Ls 634
Wissenschaftliche Arbeit - Ls 532
Büro / Verwaltung - Ls 409
Waldwirtschaft - Ls 374
Gesundheitswesen - Ls 337
Abfallsammlung und Verwertung - Ls 328
Bauwesen - Ls 319
Kunst, Unterhaltung, Freizeitindustrie - Ls 280
Pflanzenzucht, Tierzucht - Ls 267
Einzelhandel - Ls 243
Restaurants, Kantinen - Ls 213
Textilindustrie - Ls 211
(1 Lat = ca. 1,44 Euro)

Durchschnittseinkommen nach Regionen in Lettland (Quelle: Lettisches Statistikamt, Stand Juni 2012, in Klammern Vergleich zu Juni 2011)
Lettland insgesamt - 485 (468)
Riga -  552 (535)
Region Riga - 463 (439)
Vidzeme - 373 (369)
Kurzeme - 422 (405)
Zemgale - 405 (388)
Latgale - 340 (332)

25,8% der Arbeitenden und Angestellten beziehen einen Lohn, der dem lettischen Mindestlohn oder weniger entspricht.

Wofür geben die Privathaushalte ihr Geld aus? 
Die Deutschen wohnen teuer, den Letten reicht das Geld so grade zur Ernährung
(Basis: Daten des lettischen statischen Landesamts 2012, Statistisches Bundesamt 2008)
Gesamt = 100% = LV = D
Lebensmittel und nichtalkoholische Getränke = 28.8% = 14,3%
Alkohol und Tabak = 3.4% = (in D in den 14,3% bereits enthalten)
Kleidung und Schuhe = 5,5% = 4,7%
Wohnen, Energie, Wohnungsinstandhaltung = 16,6% = 32,6%
Inneneinrichtung, Haushaltsgeräte = 4,1% = 5,0
Gesundheit = 6,1% = 4,2%
Verkehr = 12,4% = 14,6%
Kommunikation = 4,9% = 2.9%
Freizeit, Kultur, Unterhaltung = 6,7% = 11,4%
Bildungswesen = 1,5% = 0,9%
Beherbergungs- und Gaststätten-Dienstleistungen = 4,4% = 5,0%
sonst. Waren und Dienstleistungen = 5,6% = 4,4%