26. Januar 2016

Musikerschicksal

Wer heute noch glaubt, alle jungen Leute zu Zeiten Sowjet-Lettlands hätten sich einfach das musikalisch "vordudeln" lassen, was ideologisch gerade so angesagt war, der sollte sich einmal näher mit ihm befassen - einer der Musikerlegenden Lettlands: Pits Andersons.
Er begann bereits in den 1950iger Jahren, und sein Markenzeichen war der Rock'n Roll. Der russische Musikkritiker Artemy Troitsky bezeichnete Andersons in seinem Buch "The True Story of Rock in Russia", das 1988 in London erschien, als "ersten und damals einzigen echten Rock'n Roller im Bereich der Sowjetunion".

Lettlands Rock'n Roller Nr. 1
1945 geboren, begann Andersons im Alter von sechs Jahren seine Musikkarriere - ganz traditionell - in einer Musikschule. Sein Glück war außerdem, dass seine Mutter ihm Privatstunden in englischer Sprache bezahlte. Etwa im Alter von 11 begann er sich, den Sound des Rock'n Roll vor allem aus dem Radio abzulauschen - obwohl der KGB zu diesen Zeiten westliche Radiosendungen gewöhnlicherweise mit starken Störsignalen belegte. Das erste Lied, das er zusammen mit einer Band - anfangs noch als Pianist - schon 1959 auf einer Bühne aufführte, soll "Long tall Sally" von Little Richard gewesen sein. 1963 gründete er zusammen mit Valērijs Saifudinovs ("Seiskis"), einem Freund aus Kindertagen, die "Revengers" - eine Zusammenarbeit, über die auch der lettische Fernsehfilm „Brīvību ģitārai / Free to Rock” erzählt. Elvis Presley, Chuck Berry, Fats Domino oder Bill Haley waren von nun an die Vorbilder. Das waren Zeiten, in denen die Anhänger dieser Gruppierungen "štatņiki" genannt wurden, weil sie durch ihren besonderen Kleidungsstil hervorstachen. "Und montags nachts wurde versucht, 'Radio Luxemburg' zu hören", erzählt das Portal "Hipiji.lv".

Später kamen andere Gruppen, wie in Lettland die "Melody Makers", Andersons wurde hier zum Leadsänger. In Zeiten, wo laut Vorschrift 70% aller auf Konzerten aufgeführten Songs sozialistisches Liedgut sein musste (die restlichen 30% "durften" aus befreundeten "Bruderstaaten" stammen), war es eine bloße Provokation, dass die Band ausschließlich Englisch sang. Auch wenn sie bei privaten Parties, in Schulen oder bei Hochzeiten auftraten: das Bedürfnis der Jugendlichen, zu dieser Musik laut zu schreien und wild zu tanzen passte einfach nicht ins staatliche Konzept des "Aufbaus des Kommunismus". Schon bald sprach es sich herum, welche Schulleiter eher tolerant waren, oder welche sofort nach die Miliz riefen, wenn die ihrer Meinung nach "anti-sowjetischen Kräfte" erschienen. "Rebellisch" waren die lettischen Rock'n Roller aber auf jeden Fall: das zeigte 1966 auch der Versuch eines Konzertverbots durch die sowjet-lettischen Behörden; das Konzert war ausverkauft, niemand der Fans wollte seine Tickets zurückgeben, und die Bands spielten einfach auf den Stufen des Eingangs zum "Planetarium" (heute wieder orthodoxe Kirche). Dieses Spontankonzert dauerte sechs Stunden, vom KGB gefilmt, und es waren Banner zu sehen mit Slogans wie "Freiheit für die Gitarren".

Heute ist nur noch auf alten Filmchen, hochgeladen im Internet nachzuempfinden, wie Andersons mit seinen “Swamp Shakers” durch Lettlands fuhr und mit seinen Konzerten Aufsehen erregte: von seiner Begeisterung für Rock'n Roll war er nicht mehr abzubringen. Der Umstand, dass sich sein Name leicht in eine englische Fassung transferieren lässt, kam dem Mythos dabei sicher zu gute (Geburtsname: Alfrēds Pēteris Andersons).

Rock'n Roll forever!
Seit Wiedererlangung der lettischen Unabhängigkeit gab es natürlich neue Möglichkeiten für Konzerttourneen, und Pits Andersons trat in den USA, in Schweden, Dänemark, Russland, Norwegen, Deutschland, oder auf dem berühmten "Rhythm Riot" in London auf. Er behielt den Kleidungsstil der 50iger Jahre bei und fuhr eine Zeitlang ein Auto mit der Aufschrift "We don’t care what people say, rock’n’roll is here to stay."
Nachdem er 2002 die Leitung eines Musikclubs in Riga wieder aufgeben musste, weil der Eigentümer das Hauses an Investoren verkaufte, organisierte Andersons auch in Lettland Musikfestivals, und gründete 2009 seine "Pete Anderson and the Swamp Shakers" mit jungen Musikern noch mal völlig neu (und seiner Frau Anna am Kontrabaß!); 2014 kam bei "Rhythm Bomb Records" das Album "Enjoy the ride" heraus (Live-Video). "Die Zuschauer jubelten und klatschten begeistert mit", schrieb die "Syker Kreiszeitung" noch im Mai 2015 über ein Konzert der Band im niedersächsichen Verden - typisch vielleicht auch, dass in der Presse kein Wort davon zu lesen war, dass es sich hier um Musiker aus Lettland handelte (eine andere Art "Qualitätsbeweis"?).

Nachdem Pits Andersons noch 2014 seinen 69.Geburtstag mit einem Konzert feierte (Kas Jauns), wurde ein Jahr später bekannt, dass bei Pits Andersons ein schweres Krebsleiden diagnostiziert wurde. Ihm erging es wie vielen, auch bekannteren Kulturschaffende seiner Generation - für den Fall plötzlich notwendiger, teurer Spezialbehandlungen ist die "postsowjetische Generation" nicht finanziell abgesichert. So müssen auch Musikerlegenden ihre Fans zu Spenden aufrufen - 
Schon im Sommer 2015 musste Andersons sich zu einer Spezialbehandlung in eine Klinik in München begeben, innerhalb weniger Tage spendeten Fans damals 21.000 Euro.
Im Herbst 2015 kehrte der Musiker nach Lettland zurück, um 23 kg Köpergewicht leichter, doch wie immer optimistisch. 
Vor wenigen Tagen ist Pits (Pete) Andersons dem Kampf gegen den Krebs erlegen - er starb im Alter von 70 Jahren. 
Am 2.Februar plante die lettische Vereinigung der Musikproduzenten (Latvijas Mūzikas producentu apvienības LaMPA), Pits Andersons das "Goldene Mikrophon" für sein Lebenswerk zu verleihen - da diese Entscheidung bereits am 2.Oktober fiel ist zu hoffen, dass diese letzte Neuigkeit den Musiker noch erreicht hat.

Gedenksendung bei Lettlands Radio 1 / Fanseite Pits Andersons

22. Januar 2016

Mr K. im Einsatz: man lebt nur zweimal!

Wer ist Māris Kučinskis? Kurz gesagt: geboren am 28. November 1961 in Valmiera, verheiratet mit Laine Kučinska, bis Dezember 2015 in der Staatskanzlei zuständig für Öffentlichkeitsarbeit. Zwei Söhne, Edgars (aus erster Ehe) und Gints.Sprachkenntnisse Englisch, Russisch und Deutsch ("aus Schulzeiten", wie er selbst sagt, fürs internationale politische Geschäft nutzt er momentan noch Übersetzer/innen).

Provinzler mit Ambitionen
Die politischen Wege und die Einnahmequellen Kučinskis zu erklären, ist eine etwas komliziertere Aufgabe und hängt mit seinem Werdegang zusammen. Bevor er 1994 als Stadtratsabgeordneter in Valmiera seine politische Karriere begann, hatte er nach Absolvierung von Grund- und Mittelschule an der Lettischen Universität eine Ausbildung als "Economist" gemacht - was das genauer bedeutet, darüber schweigt der Lebenslauf. Abschlußjahr 1988. Nach kleinen Jobs bei der Kreisverwaltung Valmiera und als Buchhalter bei einer Firma für Holzverarbeitung gründete Kučinskis in den 1990iger Jahren seine erste Firma, die "SIA Apgāds" (SIA = lettische GmbH), die sich im Handel mit Metallen, Farben und Glas betätigte. Eigentümer war anfangs sogar teilweise die Kreisverwaltung, später stieg zeitweise ein Investor aus Italien ein ("Idro Erre" aus Turin). Zunächst lag der Umsatz auch bei mehr als einer Millionen Euro (Lursoft), ab 2002 sank der Umsatz rapide. Zum Zeitpunkt, als die Firma 2004 dann Konkurs anmelden musste, besaß Kučinskis schon keine Anteile mehr daran.
Zwischen 1996 und 1998 war Kučinskis auch noch an einer weiteren Firma beteiligt, der "SIA Bergsons", später wurde der Architekt Gatis Bergsons einziger Anteilhaber. 1999 bis 2000 betätigte war Kučinskis Name dann auch in Verbindung mit dem Energieversorger Valmieras, der "SIA Enerģija", zu lesen, dann auch als Bevollmächtigter der Wohnungsbau- und Immobiliengesellschaft in Valmiera (bis 2004), die auch für die Instandhaltung der Parks, Gärten und Friedhöfe zuständig ist.
Als 2002 das Sport- und Konferenzzentrum "Olympiazentrum Valmiera" gebaut wurde, war Kučinskis zunächst Vorsitzender der Betreibergesellschaft.

Die Spinne im Netz
Auch die politische Karriere ist bei Kučinskis nicht ganz einfach nachzuvollziehen - sie verlief zumindest "mehrgleisig". 1998 wurde er Mitglied der von Andris Sķēle "Tautas Partija" (Volkspartei), die bis 2007 die politische Szenerie in Lettland bestimmte und solange guten Wählerzuspruch hatte wie die Illusion bestand, der neue Wohlstand würde in Lettland innerhalb nur weniger Jahre für alle verfügbar sein. Kučinskis wurde weder 1998 noch 2002 ins Parlament gewählt, war aber in dieser Zeit sowohl Chef des Stadtrats wie auch des Kreises Valmiera. 2003 kam er dann aber als Nachrücker doch in die Saeima, und stieg im Dezember 2004, nachdem das Kabinett Emsis über die Haushaltsberatungen stolperte, gleich zum Kabinettsmitglied unter Regierungschef Aigars Kalvītis auf (Minister für Regionalentwicklung). Nach den Wahlen 2006 schied er allerdings als Minister aus, um 2010 dann er als Delegierter der neuen Partei "Par labu Latviju" (PLL) wieder aufzutauchen, deren Führungsfiguren neben den beiden Ex-Premiers Kalvītis und Sķēle auch der dubiose Ex-Verkehrsminister und Vize-Rigabürgermeister Ainārs Šlesers waren; letzterer u.a. war dann einer der Hauptgründe für die Entlassung des Parlaments durch Präsidents Zatlers im Frühjahr 2011. - Die darauf folgenden Neuwahlen standen unter den Vorzeichen der "Anti-Oligarchen-Wahl" - die PLL flog dementsprechend raus. 2011 wurde zum Untergangs-Jahr der "Tautas Partija", und auch die an der PLL zuvor Beteiligten zerstreuten sich.
Aufs falsche "Pferd" gesetzt, Herr Kučinskis? Nun ja, wir ahnen es schon: er hat immer mehrere Pferde gleichzeitig laufen.

Die erste Bekanntschaft mit der Partei der "Bauern und Grünen" (Zemnieku un Zalu Savieniba ZZS - Wahlspruch: "Herr im eigenen Hause sein") machte Kučinskis 2011, allerdings wurde er auf der ZZS-Liste nicht ins Parlament gewählt. Wer immer gedacht hatte, Kučinskis habe seine Netzwerke nur in Valmiera, mußte sich umorientieren: der geborene Livländer wurde nun zum Leiter der "Vertretung der Stadt Liepaja in Riga" (Liepājas Pārstāvniecība Rigā) bestimmt - mit einem schicken Büro keine zweihundert Meter vom Parlamentsgebäude. Dazu kommt weiterhin der Geschäftsführerposten der Vereinigung der großen Städte in Lettland (Latvijas Lielo Pilsētu asociācijā LLPA), zu der sich - inklusive Riga - insgesamt 9 Städte zählen. Und nach den Europawahlen 2014 konnte er als Nachrücker doch noch einen Sitz im Parlament wahrnehmen. Also gibt es auch bisher schon vier Jobs: "Liepajas Augen und Ohren", wie sich die "Hauptstadtvertretung" der lettischen Hafenstadt nennt, zahlt satte 8.000 Euro, 16.000 Euro als Parlamentsabgeordneter, 31.000 Euro als Honorar der LLPA und noch 900 Euro aus einer Tätigkeit an der Hochschule für Wirtschaft und Kultur in Riga (Ekonomikas un kultūras augstskola).

Nachdem Kučinskis dann im Oktober 2014 auf der Liste der ZZS erfolgreich gewählt wurde, gab er dann auch seinen Beitritt zur "Liepaja-Partei" bekannt, mit der die ZZS kooperiert (was wohl auf Deutsch heißt: "Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen").

"Grüner" Regierungschef?
Zusammengefaßt: "Mr.K" ist der frühere Bürgermeister aus Valmiera, der sich öfter dort angeschlossen hat, wo wichtige Knotenpunkte im Netzwerk der Interessen waren. Er vermeidet es, sich allzu weit für nur eine Sache aus dem Fenster zu lehnen, denn er weiß dass er bei den Wähler/innen nicht von persönlicher Popularität oder Charisma leben kann. Abseits des in Riga offenbar vorerst konsolidierten Machtgefüges um den russischstämmigen Nils Ušakovs sind es vor allem lettische Geschäftsleute, die sich Einfluß und Geldquellen sicherstellen wollen.

Bleibt die Frage, die von einigen deutschsprachigen Medien aufgeworfen wurde: Würde / wird Māris Kučinskis ein "grüner" Ministerpräsident sein, so wie "Der Standard" es vermutet? Schon daraus, dass bisher nichts (= gar nichts!) von irgendwelchen "grünen" Aktivitäten des Herrn K. zu berichten wäre, können ja Schlußfolgerungen gezogen werden. Außer dass die Wahlliste, für die er kandidiert hat und gewählt wurde, unter anderem die Bezeichnung "grün" im Namen führt (und nicht mal die Partei, deren Mitglied er ist) - gibt es da nichts auf der "Haben"-Liste. Warum auch? Als Minister trat Kučinskis 2004 sogar genau in dem Moment auf, als der damalige Ministerprädient Emsis (der ist immerhin Mitglied der lettischen Grünen Partei) gestürzt wurde. - Von dem anderen Mitglied der lettischen Grünen, Präsident Raimonds Vejonis, bekam Kučinskis just den Auftrag, es mit einer Regierungsbildung zu versuchen. Bleibt dem so Beauftragten nur schnell zu versichern, die zwei amtierenden "grünen" Minister (Bergmanis - Verteidigung, Belēvičs - Gesundheit) möglichst auch in das neue Kabinett übernehmen zu wollen (siehe Interview "IR").

Mehr Naturschutz? Windenergie? Vielleicht endlich Pfand und Rückholsystem für Plastikflaschen? Einschränkung des Autoverkehrs? Nein, Mr. K wäre nicht Mr. K., wenn er jemals auch nur durch Formulierung solcher Ziele aufgefallen wäre. Kučinskis ist eher "Interessenvertreter", und sein großes Plus in der momentanen Situation ist, dass seine Drähte in alle Richtungen bestehen, einschließlich natürlich des weiterhin lustig schmunzelnden Ventspils-Patriarchen und ZZS-Finanziers Aivars Lembergs, der mit einem Regierungschef Kučinskis wohl die für ihn unangenehme Zeit der öffentlichen "Anti-Oligarchen-Stimmung" wohl endgültig überstanden haben sollte.
Aber warten wir es ab: momentan scheint Māris Kučinskis die letzte Trumpfkarte der bisherigen Koalition zu sein, um Neuwahlen zu vermeiden. Inzwischen mußte Präsident Vejonis mit Herklappenproblemen ins Krankenhaus und bedarf nach einer schwierigen Operation noch der Erholung - kann also seine verfassungsgemäße Rolle der Beauftragung eines Regierungschefs wohl nicht mehr so stark ausfüllen, falls "Mr. K" scheitern sollte.
Noch amtiert Laimdota Straujuma:
hier als Rednerin bei einem
Wirtschaftsforum Osteuropa-China
Obwohl Lettland inzwischen seit über einem Monat führungslos scheint - die Koalitonsgespräche werden mindestens noch eine Woche andauern, und drehen sich vor allem um das Verhältnis der bisherigen Straujuma-Regierungspartei "Vienotība" zur ZZS: Vienotība hatte sechs Ministersessel, die ZZS fünf. Zumindest dieses Verhältnis möchte Kučinskis gerne umkehren.

Eines scheint sicher: am meisten bedauert wohl die "Vienotība" selbst, dass Regierungschefin Straujuma wohl auch aus den eigenen Reihen zum Rücktritt gedrängt wurde. Parteichefin Solvita Āboltiņa wollte gern - konnte aber wegen mehrfach nachgewiesener "Unbeliebtheit im Volk" nicht zur Nachfolgerin werden. Wenn Āboltiņa aber nun ihrerseits als Parteichefin zum Rücktritt gedrängt werden sollte bleibt es unklar, welche Führungsfiguren der Partei noch bleiben - die meisten "Erfahrenen" haben sich längst für einen besser bezahlten Job in Brüssel verabschiedet.

7. Januar 2016

Optimistisch weiter westwärts

"Der einzige Grund in Lettland zu leben, ist die schöne frische Luft!" so fasst das lettische Portal "KasJauns" die Ergebnisse einer Umfrage zusammen, die von der Agentur SKDS kürzlich durchgeführt wurde.
Gefragt wurde nach möglichen Gründen, denen zufolge ein Leben in Lettland vorzuziehen wäre gegenüber dem Leben in Westeuropa. 60% benannten dabei die ökologische Situation in Lettland als wesentlich besser als im Westen.

In allen anderen Aspekten dagegen zeigte sich der Westen vorn: für 84% ist die sozialie Absicherung in Westeuropa besser, für 89% auch das Leben im Alter. 76% meinen, man könne im Westen besser Arbeit finden, 76% finden die Lebensumstände allgemein im Westen besser, 63% sehen im Westen das bessere Gesundheitssystem und dessen bessere Zugänglichkeit. 44% sehen in Westeuropa gute Ausbildungsmöglichkeiten, 49% glauben auch als Unternehmer im Westen bessere Rahmenbedingungen und Startchancen zu haben.
47% sehen in Westeuropa die Menschenrechte und persönliche Freiheit besser berücksichtigt, und 70% sehen ihre Zukunft im Westen eher gesichert.

Nur 8% der Befragten sahen insgesamt bessere Lebensumstände für sich in Lettland, weitere 7% sehen keinen Unterschied zwischen Ost und West. Befragt nach einem Vergleich ihrer Lebensumstände vor 10 Jahren bezeichneten 24% die Situation jetzt als verbessert, 27% sehen keine wesentlichen Änderungen. 38% sagten, ihnen sei es vor 10 Jahren besser gegangen. (Gesamttext der Umfrageergebnisse hier) Trotz der Einschätzungen, die insgesamt zugunsten Westeuropas ausfallen sagen nur 33%, sie würden lieber in Westeuropa leben, falls ihnen die Möglichkeit dazu gegeben würde, 63% lehnen das ab.


Insgesamt bleiben Lettinnen und Letten offenbar generell Optimisten. Befragt nach den Aussichten für das Neue Jahr 2016, erwarten 49% für ihr privates Leben, 30% für Lettland ein besseres Jahr als das vergangene (SKDS). 22% bezeichneten das Jahr 2015 als besser als die Jahre davor, 15% schätzen es schlechter ein, während 57% keine Unterschiede sahen.Den bisher schlechtesten Wert registrierte die Agentur an der Jahreswende 2008 / 2009, als nur 11% ein besseres Jahr erwarteten. Ein Jahr später waren es mit 12% nur unwesentlich mehr. Am meisten Optimismus zeigten Lettinnen und Letten in den Jahren 2002 bis 2004, also kurz vor dem EU-Beitritt, als 42-43% ein besseres Jahr voraussahen, und nur 11-13% ein schlechteres.

30. Dezember 2015

Gebändigte, Dressierte und Entrüstete

Ungewöhnliche Aktivitäten ereignen sich in letzter Zeit vor dem Eingang einer sehr traditionsreichen Kultureinrichtung in Riga: der Zirkus, der in einem inzwischen (seit 2003) unter Denkmalschutz stehenden Gebäude unweit des heutigen Hauptbahnhofs zu finden ist. Schon am 29. Dezember 1888 wurde dort die allererste Vorstellung angeboten - der Zirkus ist also noch glatte 30 Jahre älter als der Staat Lettland. Zirkusdirektor und Ex-Kunstreiter Alberts Salamonskis (auch sein Vater, Wilhelm Salamonskis, und seine Mutter Julia waren schon Zirkusleute gewesen), der auch in Berlin, Odessa und in Moskau einen Zirkus betrieb, baute ihn damals in Riga auf; der Architekt Jānis Fridrihs Baumanis gestaltete das Gebäude ungewöhnlicherweise aus Eisenbahnschienen. Bis zur Eröffnung mussten einige Diskussionen mit der zuständigen Bauverwaltung überstanden werden, die Sorge um die Sicherheit der Nachbarn des Zirkus hatte.

Rigaer Zirkusgeschichte:
mit Albert Salamonskis Pferde-
dressur fing es einst an
Mit Pferdedressur, Akrobaten, Seiltänzern und Clowns fing es an, mit Beleutung durch Gaslampen, mit eigener Plattform für ein Orchester und bequemen Sitzen fürs Publikum. Salamonskis hatte Geschäftssinn, und er versprach seinem Publikum immer die neuesten Wunder der sich schnell wandelnden modern Welt zu präsentieren. Konzerte fanden im Gebäude an der Merkela iela statt, Kinovorführungen, aber auch spezielle Programme für Kinder. "Zirkus ist der Ort, wo es ein wenig erlaubt ist, öffentlich zu lachen," soll Salamonskis gesagt haben. Der Zirkus machte sein Publikum aber auch mit Vorstellung von Ringkämpfen im griechisch-römischen Stil und Gewichtheben bekannt.

Der Zirkusgründer starb 1913, seinen Namen trug das Haus noch bis 1941, als er verstaatlicht und in „Staatlicher Zirkus der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik“ umbenannt wurde. Auch Erinnerungen an das Riga der 1930iger Jahre erwähnen den Zirkus meist als einer der beliebtesten Orte zur Unterhaltung der Rigenser.
Heute beträgt die Kapazität 1000 Zuschauer, und von September bis Mai ist Saison mit vier bis sechs Vorstellungen pro Woche.

Jedes Jahr wird ein neues Programm vorbereitet - doch zuletzt gab es andere Schlagzeilen um den Zirkus. Der Verein Dzīvnieku brīvība ("Tierfreiheit") organisierte schon mehrere Protestaktionen gegen angebliche Tierquälerei im Zirkus. Der Verein setzt sich gegen jede Nutzung von Tieren im Zirkus ein, spricht sich dafür aus Veganer zu werden und auch auf die Pelztierzucht zu verzichten. Viele Ziele in einem Topf, könnte man sagen - in sofern hat auch die Protestparole "Für einen menschlichen Zirkus" zumindest doppelte Bedeutung: sollen die Menschen sich nur noch an menschlichen Kunstücken und Kapriolen erfreuen dürfen? In der Vorweihnachtszeit schreckten Schlagzeilen wie "Lettische Intelligenz für Tierverzicht im Zirkus" die Besucher auf; tatsächlich ließen sich einige lettische "VIP's" wie die Schriftsteller Inga Ābele und Pauls Bankovskis, sowie Ex-Präsidentschaftskandidat Egils Levits für die Kampagne einspannen. Auslöser der Proteste war 2014 ein Gastspiel des Elephantendresseurs Lars Hölscher (Ex-Gründer Zirkus Fliegenpilz), gegen den bereits Protestkampagnen auch in anderen Ländern liefen (siehe PETA).
Im gleichen Jahr geriet auch eine Löwendressur in Riga in starke öffentliche Kritik (fokus.lv).

Protestaktionen vor dem Gebäude des Zirkus in Riga
Die Rigaer Zirkusdirektion versucht sich zu wehren (in Deutschland gibt es ja inzwischen auch die Kampagne "Tiere gehören zum Zirkus"). Eines der häufig gehörten Argumente ist sicherlich, dass vor allem Kinder die Tiervorführungen lieben. Höhepunkte sind auch regelmäßig Kinder- und Jugendzirkusfestivals in Riga - ganz ohne Inanspruchnahme von Tieren. Der Zirkus führte Befragungen der Besucher durch, denen zufolge sich 95% zugunsten der Tierdressuren aussprachen. Zirkusdirektorin Lolita Lipinska betont, alle Regularien des Tierschutzes einzuhalten, die europaweit inzwischen üblich seien. Am meisten gelitten haben die Tiere des Rigaer Zirkus am 19.März 2015, als in einer der Künstlergarderoben im 2.Stock des Hauses ein Brand ausbrach und alles evakuiert werden musste; zwar mußten umfangreiche Renovierungen vorgenommen werden, aber Kuppel und Manege blieben weitgehend unbeschädigt. Noch kurz vor Weihnachten wurde im Rahmen einer Presseerklärung bekräftigt, dass alle Sicherheitsbestimmungen weiterhin eingehalten seien. Das zuständige Kulturministerium bewilligte aber Geld für weitere notwendige Arbeiten an der Außenfassade des Gebäudes, die auch die Verankerung von Fahrdrähten für den Öffentlichen Nahverkehr betreffen.

Der Rigaer Zirkus ist weiterhin der einzige in den baltischen Staaten (Salamonsky hatte damals auch in Tallinn einen Zirkus gegründet, doch der brannte bald darauf ab). Im Januar 2016 steht zum fünften Mal das Festival "Zelta Kārlis" (Goldener Karl) an, zu dem bisher vor allem Gäste aus Frankreich, der Ukraine und Russland zu erwarten waren. Der Titel des laufenden aktuellen Zirkusprogramms kommt dabei schon ganz ohne Tierisches aus: von "drei wundersamen Wassertropfen" ("Trīs burvju ūdens lāses") ist da die Rede, von Effekten mit Licht und Wasser, plus Autritt des "Ziemassvētku vecītis" (Weihnachtsmann, ganz traditionell). Als tierische Akteure ist in der aktuellen Liste der Mitwirkenden noch von Tauben, Katzen und Hunden - Tierarten, deren artgerechte Haltung und "Dressur" sicher auch in vielen Privathaushalten (Stichwort: "Verhätschelung") in Frage stehen könnte. Die Protestaktivisten wollen weitermachen und erreichen, dass in Rigas Zirkus zukünftig auf Tierdressuren ganz verzichtet wird.

25. Dezember 2015

Liepājnieks in New York

Kristaps Porziņģis könnte gegenwärtig der bekannteste Lette der Welt sein, nach Schlagzeilen in den Medien gemessen - das spekulierte kürzlich die "Latvijas Avize", nicht ohne ihren Leserinnen und Lesern die beruhigende Weihnachtsbotschaft zur Lektüre überbringen zu können: "Ich werde nie vergessen, woher ich komme!"

Wieder einmal also ein Auslandslette. Nur, dass die Basketball-begeisterten Letten genau wissen, wo ihr Olymp steht: in der NBA, der "National Basketball League" der USA. Was sind schon "Sportler des Jahres"? Gegenwärtig reden alle vom neuen Star der "New York Knicks", am 2.August gerade einmal 20 Jahre alt geworden, stolze 2,21m groß, als "bester Neuling" ("Rookie") dieser Saison in der "Eastern Conference" bereits nominiert. Auf "Sport1" war von "Lettlands Antwort auf Dirk Nowitzki" und vom "lettischen Giganten" zu lesen, den englischsprachigen Fans wird sogar sein Name in Lautsprache angeboten, damit er korrekt angefeuert werden kann: " Latvian pronunciation ['kris.taps 'pʊ͡ɔr.ziɲ.ɟis]". Als Sohn basketballspielender Eltern begann er früh mit 6 Jahren, spielte bis 15 bei den "BK Liepājas Lauvas" ("Liepāja-Löwen"), mit 17 debütierte er schon in der höchsten spanischen Liga (Sevilla). "Von den Bars und Kneipen musste man ihn nicht fernhalten, er hat immer sehr ernsthaft seine Ziele verfolgt", meint sein Vater, ebenfalls ein Ex-Basketballspieler ("IR"). Aber in Spanien hatte er Gesundheitsprobleme, tat sich nicht ganz leicht Spanisch zu lernen und man sagte ihm Kommunikationsprobleme mit seinen Trainern nach.

Am 25.Juni 2015 gab es noch Buh-Rufe, als die New York Knicks verkündeten, den Letten in ihre Mannschaft zu holen - inzwischen werden neue Spitznamen geschaffen: Porziņģis Treffsicherheit am Korb, dazu seine Rebound-Stärke, ließen die schnell wachsende Fanschar von "Porzingod", "Zingis Khan" oder "Godzingis" schwärmen. "Kristaps hat Glück gehabt, dass er gerade bei den 'Knicks' gelandet ist," meint der lettische Sportjournalist Guntis Keisels. "In einer anderen Mannschaft gäbe es auch andere Stars, aber die 'Knicks' suchten gerade nach neuen Helden, die dem Team ein Gesicht geben." (lsm)  Im ersten Jahr kann Porziņģis bereits auf über 4 Millionen Dollar hoffen (brutto); einige gut bezahlte Werbeverträge kamen inzwischen ebenfalls hinzu. "Das große Geld wird ihn nicht verderben," ist sich sein Ex-Trainer in Liepāja, Edvīs Sprūde, sicher.

Dafür, dass der junge Basketballstar sich in den USA wohlfühlt, trägt auch bei, dass Mama Ingrīda und Papa Tālis nun eine Wohnung im Norden New Yorks bezogen haben, und so - obwohl außerhalb Lettlands - die Familie wieder beisammen ist, inklusive beide ältere Brüder Mārtiņš und Jānis. Gefragt nach seiner liebsten Freizeitbeschäftigung, antwortet Kristaps ohne Zögern: zu Hause sein und genießen was Mama kocht.

Anfangs gab es allerdings auch andere Schlagzeilen - zumindest in der Heimatpresse. Kurz nachdem er in den USA angekommen war, gab er dem Newsportal TMZ ein Interview, und diese titelte: "Lettisch lernen ist Zeitverschwendung!" (TMZ 5.6.15) "Lettisch wird nur in Lettland gesprochen, und keiner fährt nach fucking Latvia!" sprach Porziņģis in eine laufende Kamera. Der TMZ-Reporter, nicht faul, suchte in der lettischen Tourismuswerbung und fand - ein Puppenmuseum in Preili. "Na, wie es aussieht, echt gruselig - vielleicht hat Porziņģis Recht - niemand fährt nach Lettland!"
Das erregte in Lettland doch ein wenig die Gemüter. Zur Aufmunterung trug das lettische Duo "Transleiteris" (Lauris Mihailovs und Edžus Ķaukulis, die ansonsten u.a. mit "Modern-Talking"-Parodien auftreten) mit einem eigenen Rap-Song auf Porziņģis bei. - Die lettische Tourismuswerbung bemüht sich inzwischen mit Anzeigen im Jahrbuch der "Knicks" um ein besseres Image - ob die New Yorker sich also in Riga mal sehen lassen?

Webseite Kristaps Porziņģis

17. Dezember 2015

Flucht, Flüchtende, am flüchtendsten

Wer immer in der deutschen Kulturszene bisher noch keinen Kulturschaffenden aus Lettland kannte - vielleicht nimmt diese Rolle nun der Regisseur Alvis Hermanis ein. Seit etwa 10 Jahren inszeniert der fünfzigjährige Lette nun an deutschsprachigen Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz - leitet gleichzeitig das "Neue Theater" in Riga (Jaunais Rīgas Teātris - JRT) und versucht sich neuerdings auch an Opern. Seit am 4.Dezember aber das Hamburger Thalia-Theater eine knappe Pressemitteilung zur Absage einer für April 2016 geplanten Hermanis-Inszenierung herausgab, hat die Person Alvis Hermanis einen neuen Symbolwert aufgeklebt bekommen: ein Theaterregisseur, der Hilfe für Flüchtlinge für falsch hält und sogar deshalb die Zusammenarbeit aufkündigt? Ein Ignorant, ein Faschist, ein herzloser Mensch, ein Pegida-Anhänger, ein versnobter abgehobener Künstler, oder gar ein gefährlich Verwirrter?

Nonkonformismus als Lebenslinie
Zumindest gilt Hermanis auch in seinem Heimatland als jemand, der bei fast jeder öffentlichen Diskussion dabei ist - nicht nur wenn es um Kultur geht. 2007 weigerte er sich, zur Verleihung des "Dreisterneordens" (ähnlich dem deutschen Bundesverdienstkreuz) zu erscheinen, weil "es dort einige Personen gebe, denen er nicht die Hand geben wolle". Er schlug vor, man könne ihm den Orden ja auch per Post schicken, und erklärte gleichzeitig den Staat Lettland für "moralisch bankrott" (tvnet). Damals wurde heftig über die Art und Weise diskutiert, wie Präsident Valdis Zatlers ins Amt gekommen war; erst fünf Jahre später, als Zatlers Nachfolger Andris Berziņš das Amt übernommen hatte, erklärte sich Hermanis dann auch bereit, den Orden aus dessen Händen entgegenzunehmen (kasjauns).

Und als 2013 die damalige Kulturministerin Žaneta Jaunzeme-Grende die Leitung der Rigaer Oper lieber neu aussschreiben wollte, als weiter dem international bekannten und seit 1996 amtierenden Opernchef Andris Žagars zu vertrauen (siehe Blogbeitrag), stellte sich auch Hermanis, zusammen mit vielen anderen lettischen Kulturschaffenden, dagegen. "Wenn wir nicht aufpassen, kommt es in Lettland auch so wie in Ungarn, wo Nationalradikale versuchen die Kulturlandschaft in ihrem Sinne zu säubern", sagte Hermanis damals (lsm), wohl wissend, dass Jaunzeme-Grende von der nationalradikalen Partei (Nacionālā Apvienība) in die Regierung berufen war. In Deutschland vielleicht unvorstellbar, aber das Faktum eines ins Abseits gestellten Operndirektors veranlasste den damaligen Regieungschef Dombrovskis, die Kulturministerin kurzerhand zu entlassen (lsm). Aus lettischer Sicht ungewöhnlich waren die offenen Protestmethoden im Kulturbereich - T-Shirts, Facebook-Gruppen und Demos mit dem Slogan "Grende, atkāpies!" (Grende, tritt zurück).
"Graue Eminenz des europäischen Theaters", so bezeichnete ein Kritiker der FAZ 2010 Hermanis: auch wenn man das gelten ließe, ein "Mentor des lettischen Kulturlebens" ist er wohl auch. 

Generationen, Nationen, Heimat und Familie
Viele von Hermanis' Inszenierungen drehen sich um die essentiellen Lebensfragen wie Liebe, Tod, Identität und Selbstbehauptung. In seiner Anfangszeit als Chef beim JRT sagte er einmal in einem Interview: "Nach meinen ersten Aufführungen hielten sie mich für einen sexuellen Maniak, nach der zweiten für einen Homosexuellen, nach der dritten schimpften sie mich als dekadent." (KasJauns) Er hatte vieles ausprobiert vorher, nachdem er in den 80iger Jahren nach eigener Aussage darauf gewartet hatte, irgendwie dem Sowjetsystem zu entkommen; Anfang der 1990iger ging er zunächst in die USA - anfangs mit der Absicht, nicht mehr zurückzukehren.

Spätestens seit der Inszenierung von Gogols "Revisor" bei den Salzburger Festspielen 2003 (er gewann dort den "Young directors Award") wurde Hermanis international bekannt und gefragt; er ging jedoch keinesfalls als Eremit oder Einzelgänger durch die Welt. Alvis Hermanis ist gegenwärtig Vater von sieben Kindern: mit seiner zweiten Frau, der Schauspielerin Kristīne Krūze-Hermane hat er drei Kinder, weitere drei stammen aus erster Ehe mit der Estin Merle Kiiver, eines aus einer vorehelichen Beziehung. Gar nicht so einfach, als Vater für diese Kinder zu sorgen: gegenwärtig lebt eines in Deutschland, drei in Estland und drei in Lettland. Auch beruflich hielt sich Hermanis oft in Deutschland auf - eines kann ihm also nicht vorgeworfen werden: die Situation in Deutschland nicht zu kennen. Bei so viel Vaterschaft liegt nahe, dass er auch mit seinem Stück "Väter" irgend etwas von sich selbst mit auf die Bühne brachte (siehe Burgtheater, Hebbel am Ufer), und dies dann sogar noch um zwei Dimensionen - die Generationen, verschiedene Nationalitäten - erweitert. Wen wird es noch wundern, wenn er auch jede seiner Inszenierungen mal als seine "Kinder" bezeichnet hat? "Jede Aufführung hat eine eigene Seele, und sie sind wie Spiegel deiner selbst."

Auch in Russland war Hermanis oft zu Gast, inszenierte dort erfolgreich sein Stück "Langes Leben" ("Gara dzīve"), erhielt dafür 2007 die "Goldene Maske", und wiederholte das 2010: "Goldene Maske" für "Shukshins Geschichten", ein Stück, das er auch in New York (in russischer Sprache) auf die Bühne bringen wird. "Zwar gehen wir jeden Abend ins Theater, aber etwas besseres haben wir nie gesehen!" jubelte damals die russische Fachpresse (zitiert nach "KasJauns") Und Perestroika-Held Mihail Gorbatschow, bei der "Golden Maske" unter den Organisatoren, soll gesagt haben, das Stück habe ihn "emotional sehr bewegt und zum Weinen gebracht, wie ein Kind."
Doch 2014 setzte Putin höchstpersönlich Hermanis auf eine "schwarze Liste" von in Russland unerwünschter Personen - wohl als "Revanche" dafür, dass in Lettland einigen russischen Künstlern die Einreise verweigert worden war, die sich allzu offen zugunsten der russischen Seperatisten in der Ukraine geäussert hatten. - Der Freundschaft Hermanis mit einigen russischen Kollegen schadete das offenbar nicht, Hermanis erklärte lediglich seine "physische Präsenz in Russland" als "gegenwärtig nicht nötig", forderte aber Putin auf, dann konsequenterweise auch das Theaterstück zu verbieten (lsm). Schon 2012 hatte Hermanis zur Uraufführung der Oper "Die Soldaten" an die "Pussy Riot" erinnert, die in Russland verhaftet worden war (KasJauns).

Sowjetische Vergangenheit, erweiterter Horizont
Hermanis, aufgewachsen im Rigaer Stadtteil Ķengarags, schöpft daraus, einen Teil der Sowjetvergangenheit mit anderen Lebensrealitäten zu verknüpfen: das Resultat auf der Bühne erscheint auch lettischen Zuschauern oft paradox, grotesk, absurd, voller Seltsamkeiten. “Als in der Sowjetunion die Veränderungen anfingen, war ich ungefähr 20 Jahre alt," sagte Hermanis einmal (KasJauns). "Ich habe nicht mehr unter diesem Regime gelitten, ich kam da raus wie trocken aus dem Wasser. Das erlaubt mir heute, auch etwas melancholisch über die Vergangenheit nachzudenken. Aber ohne Nostalgie - wohl aber über meine Jugend. Als ich Aufführungen in Westeuropa machte, begann ich zu verstehen, dass man mich wegen dieser Erfahrungen auch beneiden könnte; sie erweitern meinen Horizont."
Hermanis gesteht sich zu, dass manche seiner Inszenierungen ortsgebunden sind: was in Berlin inszeniert wird, könnte in Moskau schwierig zu verstehen sein, und "Shukshins Geschichten" waren nur für Moskau gedacht. In Lettland muss Hermanis manchmal erklären, warum die Aufführungen des Jaunais Rīgas Teātris gerade im deutschsprachigen Raum so gut ankamen, und er erklärt das so: "Das deutsche Theater hat es schon immer vermocht, Ästetik, Intellektualität und meisterhafte Darstellerkunst zu vereinen." (KasJauns)

Danach gefragt, welche Fähigkeit ihm selbst die beste Grundlage bei seiner Arbeit sie, kommt wieder eine erstaunliche Antwort: "der Sport". In seiner Jugend habe er zunächst Eishockey, dann Fußball gespielt; der Held seiner Kindheit sei Helmūts Balderis gewesen, der zunächst Eiskunstläufer, dann Hockeyspieler war. In der lettischen "Yellow Press" ist Hermanis selten zu finden; während andere scheinbar gern Auskunft darüber geben, welche Schokolade ihnen am besten schmeckt, mit welchen Möbeln sie die eigene Wohnung einrichten, oder welche Wiskeysorte sie trinken - Hermanis überlässt die Pressearbeit oft der Marketingabteilung seines Theaters. Auch ein auffälliger Kleidungsstil ist seine Sache nicht. Gefragt danach ob es stimme, dass er am liebsten eine Wand um sich herum bauen würde, sagte er: "Ich bin eben ein typischer Lette, eher zurückhaltend. Alle Emotionen kommen auf der Bühne zum Ausdruck." Aber er sagt auch: "Jeder Künstler hat die Illusion, irgendwann weltberühmt und reich zu werden. Wenn du aber qualitatives Arbeiten wählst, dann isoliert dich das nur; es besteht die Gefahr, dass dich eine immer kleinere Gruppe von Menschen versteht."

Allzu viel Ehrfurcht vor gesellschaftlich scheinbar Bessergestellten kann Hermanis nicht nachgesagt werden. Interessant seine Geschichte über eine Opernaufführung in Salzburg, zu der viele Adelige aus ganz Europa angereist seien. "Plötzlich verstand ich, dass nahezu die Hälfte dieser Personen chronische Alkoholiker mit roten Gesichtern, schlechten Leberwerten und kranken Nieren sind", erzählte Hermanis. "Das ist doch eine traurige Geschichte: all diese reichen Alten, die mit ihren Brillianten spielen, und jeden Tag Champagner trinken." (KasJauns)

Das Theater sei keine gesunde Umwelt, von Zeit zu Zeit muss jeder da raus, sagt Hermanis. Vom Honorar gutbezahlter Aufführungen kaufte er sich ein Haus mit 40 ha Wald drumherum, der nächste Laden 20 km entfernt. Dort verbringt er eigenen Angaben zufolge drei bis vier Monate im Jahr.

Flucht vor den Flüchtlingen? Oder vor den Flüchtlingsfreunden?
Alvis Hermanis also nun plötzlich ein Fremdenfeind, Menschhasser, Antihumanist? Das mögen so ohne weiteres nur diejenigen glauben, die nie etwas mit Hermanis zu tun hatten - zugegebenermaßen viele. Wer Fragen habe, meint er selbst, solle den Text seiner persönlichen Erklärung ganz lesen, unverkürzt, aus erster Hand. Das sei zugestanden. 

Aber manchem wird es gehen wie mir: auch wenn ich mir die Zeit nehme alle Einzelheiten seiner Stellungnahmen in Ruhe durchzulesen, auch wenn ich alles über seine Arbeit und seinen verschiedenen künstlerischen Arbeiten und Ausdrucksweisen dazunehme: seine pauschale Verknüpfung von Flüchtlingsschicksalen mit Terroristen kann ich nicht teilen - allenfalls aus einer spontanen persönlichen Befindlichkeit heraus, die dann durch spätere Äußerungen zum Thema wieder relativiert werden könnten. Doch Hermanis schweigt.

Verhältnismäßig differenziert zeigen sich auch die Reaktionen in den deutschen Kulturspalten und Feuilletons - auch wenn Hermanis es anders darstellt, und einzig die NZZ lobt (da diese ihn ausführlich wörtlich zitiert). Populistisch beifallheischend reagierte lediglich die TAZ, die einen recht schlichten, sachlichen Kurzbeitrag schrieb, um dann in der Überschrift eben noch mal den Begriff "rassistischer Regisseur" draufzusetzen. Wobei man wohl richtigstellen muss: nicht die Hilfe für Flüchtlinge hatte Hermanis kritisiert, sondern lediglich die Begeisterung dafür (und für die Grenzöffnung). Ein Theater vor allem zum Refugees-Welcome-Zentrum machen zu wollen, damit will Hermanis nichts zu tun haben, zumal dies seiner Meinung nach gleichzeitig bedeutet, dass andere Meinungen nicht gelten gelassen werden.  
Andere Einordnungen muss Hermanis wohl verdauen - wenn er schon eine öffentliche Distanzierung für wichtiger hält, als seine persönlichen Auffassungen eben in Form von Theaterstücken zu verarbeiten. Er ist zu gut mit den Diskussionen innerhalb der deutschen Gesellschaft vertraut, um als "ahnungsloser Idiot" abgekanzelt werden zu können. Aber Begriffe wie "flüchtlingsfeindlicher Regisseur" (Die Welt) oder der Satz von "zu kurz gedachten Wutreden und pauschale Tiraden" (Süddeutsche) sind verständlich. "Auf diesen Regisseur kann das Theater gut verzichten", schlußfolgert sogar "DeutschlandradioKultur", und Jan Küveler legt in der Welt nach: "So paranoid sind ja nicht mal die von Pegida".

Nur schwarz oder weiß?
Es gibt auch andere Stimmen. Was Hermanis in seiner auf der Homepage des Jaunais Rīgas Teātris veröffentlichten Gegenstellungnahme unterschlägt ist, wie wenig "propagandamaschinenhaft" die deutsche Kulturszene reagiert. Das deutsche Theater habe sich "im Konformismus eingerichtet", schreibt der "Tagesspiegel". Bühne und Parkett, im Aktionismus vereint - da setze Hermanis zu recht etwas dagegen. Die "FAZ" konstatiert, Thalia-Indendant Lux habe seinen Regisseur "zum Abschuß freigegeben". Nun ja, offenbar stammte die ganze Auseinandersetzung, die im Ergebnis in der Presseerklärung des Thalia-Theaters resultierte, lediglich aus verschiedenen Emails. Theaterindendant Lux zog seine Schlüsse offenbar nur daraus, was Hermanis ihm schrieb, und machte das Surrogat dann öffentlich. Im Magazin "Kulturzeit" bei 3sat sagte Lux es zwei Tage später dann so:

"Ich habe verstanden, dass das Jaunais Rigas
Teatris das einzige Theater ist, wo ich mich wirklich
zu Hause fühle", eine Hermanis-Aussage aus
einem neuen Dokumentarfilm von Mārīte Balode,
Andis Mizišs und Aldis Šēnbergs für das
lettische LTV
"Ich habe mehr und mehr den Eindruck, dass nicht die baltischen Staaten sich isolieren, sondern dass Deutschland mehr und mehr isoliert ist in Europa, weil eben in Osteuropa völlig andere Stimmungen und Strukturen da sind. Und ich glaube es ist auch an der Zeit, dass wir uns mit diesen Stimmungen und Strukturen näher beschäftigen."...
"Der Reflex, jetzt wieder nationaler zu denken - der sich in der Flüchtlingsfrage ein Ventil sucht - der beruht auch darauf, dass nachdem man jahrzehntelang fremdbeherrscht war jetzt plötzlich in das westliche System hineinkommt, und man sich darauf besinnt zu sagen: nein, wir sind unter anderem auch Letten. Und das sind natürlich Bewegungen, die man auch ernst nehmen muss. Das sind Bewegungen die letztendlich globalisierungskritisch sind." (3sat) Jan Küveler sagt es kürzer und direkter: "Der Lette an sich mag keine Fremden" (Welt), und versucht dort zu treffen, wo Hermanis zu Hause ist: tatsächlich steht zu vermuten dass dort, wo gerade mal einige einzelne (handverlesene!) Familien zur Aufnahme in den Flüchtlingsstatus zu erwarten sind (im Laufe der nächsten zwei Jahre!), es mit der innenpolitischen Debatte um das Zusammenleben mit unterschiedlichen Kulturen, Mentalitäten und Glaubensrichtungen nicht weit her sein kann.

Das alles könnte auch eine sehr interessante Kulturdebatte sein - wenn da nicht die tatsächliche Gefahr der Rassisten, Fremdenfeinde und Deutschtümler wäre, Pegida-Verblendete und AfD-Zündler eingeschlossen, die offenbar jederzeit bereit sind, Flüchtingsheime entweder selbst anzuzünden oder das zu tolerieren. Zurecht wies Frieder Reinighaus in seinem Beitrag für die "Neue Musikzeitung" darauf hin, dass offensichtlich auch sehr viele Muslime unter den Sicherheitskräften in Paris gewesen seien, die Alvis Hermanis und die Besucher des „La Damnation de Faust“ geschützt haben. Angesprochen auf die Buh-Rufe, die nach den Aufführungen der vergangenen Woche mehrfach in Richtung Hermanis zu vernehmen waren, meinte der Betroffene übrigens in der lettischen Presse, man müsse verschiedene Aufführungen sehen. In der Uraufführung seien übermäßig viele sehr alte Leute gewesen - im Schnitt über 70 Jahren. Bei der Generalprobe dagegen seien es zumeist junge Leute unter 28 gewesen, und diese hätten mit stehenden Ovationen reagiert ("IR").
Nun ja, wir hoffen, dass der Herr Regisseur sich nicht doch noch im Nachhinein zu "Realitätsverschiebung" hinreißen läßt, die schon der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk attestierte, und den Osteuropäern eine "Quarantäneunion" empfiehlt. Gleichfalls ist zu hoffen, dass Lux' These vom "Auseinanderbrechen Europas" falsch ist. "Wer Ärger vermeiden will, muss nur das Vorgegebene nachplappern" wirft Regiekollege Leander Haußmann ein (Welt). Während Alvis Hermanis tatsächlich meinte, sich bereits in "Zeiten des Krieges" zu befinden, wo "man sich für die eine oder die andere Seite entscheiden" müsse, sagt Haußmann: "Ja, es ist die Zeit der Ideologien. In solchen Zeiten heißt es: Nerven behalten." Wir hoffen das beste - im Sinne der Meinungsvielfalt, der notwendigen Unterstützung für Notleidende, und für ein gemeinsames Europa.


Erklärung des THALIA-Theaters vom 4.12. / Jaunais Rīgas Teātris

7. Dezember 2015

Vairas Revival

Die Vergabe des Hannah-Arendt-Preises ist in der Regel eine sehr seriöse Veranstaltung. Seit 1995 wird dieser Preis verliehen - mit dem Zusatz "für politisches Denken" versehen. Die ungarische Philosophin Agnes Heller hat ihn bekommen, der deutsch-iranische Schriftsteller und in diesem Jahr auch Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani, auch der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch. 2005 war es Vaira Vīķe-Freiberga, damals noch als Präsidentin Lettlands im Amt.

Vaira Vīķe-Freiberga, Imants Freibergs - im
Gespräch mit Antonia Grunenberg
Als sie am 16. Dezember 2005 im Festsaal des Bremer Rathauses ihre Dankesrede hielt, konnte sie nicht sicher sein, wie viel der deutschen und der bremischen Öffentlichkeit über Lettland bekannt war. Zudem sagte sie damals, fast entschuldigend, sie sei den größten Teil ihres Lebens kein besonders politisch denkender Mensch gewesen - bis Lettland wieder frei und unabhängig wurde (siehe Preisträgerrede). Die Preisverleihung war damals fokussiert auf zwei Hauptthemen: die Ambivalenz des 8.Mai 1945, für die einen Tag der Befreiung, für die anderen - wie Ralf Fücks es in einem Grußwort formulierte - "geprägt durch die Doppelerfahrung von nationalsozialistischer und stalinistischer Herrschaft". Als zweites Thema redete 2005 natürlich jeder von Europa - und von Vīķe-Freiberga als große Mentorin der Europa-Orientierung ihres Landes. Außerdem war noch nicht ganz verklungen, dass Vīķe-Freiberga damals am 9.Mai als einzige der drei baltischen Präsidenten nach Moskau fuhr und die Einladung Putins zur Ehrenparade annahm.

Am 4.Dezember 2015 waren Heller, Kermani, Andruchowytsch und Vīķe-Freiberga erneut im Bremer Rathaus anzutreffen - zum 20.Jubiläum der Gründung des Hannah-Arendt-Preises hatte der Trägerverein, der Senat der Hansestadt, zusammen mit Heinrich-Böll-Stiftung und Institut Francais zum sortierten Nachdenken eingeladen, unter dem etwas reißerischen Titel "Welt in Scherben".

Dany Cohn-Bendit, György Dalos, VVF, Juri Andruchowytsch
Im Verlauf zeigte sich, dass auch 10 Jahre nach der Erweiterung von EU und NATO noch immer Kommuni-kationshilfen nötig sind zwischen Ost und West. Auch wenn sich die lettische Ex-Präsidentin zunächst aufgeräumt und locker zeigte. In Zeiten, wo wieder große Flüchtlingsströme durch Europa ziehen, begann "VVF" nur allzu gern bei ihren Erfahrungen als lettischer Flüchtling in Deutschland; sie bat das Bremer Publikum um Verständnis, wenn "diese alte Dame" so eine "Kindersprache" spreche, was ihre Deutschkenntnisse angehe. "Ich bin im Jahre 1945 mit 7 Jahren in Deutschland angekommen, und im Alter von 11 Jahren sind wir damals nach Marokko und später nach Kanada gegangen. Mein Wortschatz ist leider nicht auf derselben Ebene wie mein Verständnis von Deutsch."

Frisch im Amt, zum ersten Mal Gastgeber anläßlich des
Hannah-Arendt-Preises: Bürgermeister Carsten Sieling
"Was ich als Kind gesehen habe, war nur Krieg, und Macht, und nicht Recht," gibt Vīķe-Freiberga zu Protokoll. Es gibt Erinnerungen, die sie bis heute prägen, und offenbar hindert sie nichts, den Deutschen von Deutschland zu erzählen: "Wenn wir heute von einer schwierigen Situation sprechen - direkt nach dem Krieg galt das besonders für Deutschland. Vom Flüchtlingslager in Lübeck sind wir mit dem Zug nach Hamburg gefahren, und ich habe gefragt: wann kommen wir endlich an? Die Antwort war: seit einer halben Stunde fahren wir schon durch Hamburg."

Ihr Fazit: "Das einzige, was ich schon immer gewußt habe ein Recht darauf zu haben ist, Lettin zu sein." Solch ein Satz erweckt erst Beifall unter den deutschen Zuhörern als sie fortfährt: "Die Letten sagten zu mir 'Ja, du bist eine von uns!' - allerdings auch der König von Marokko. Als ich dort einen Staatsbesuch machte, wo wir einmal in Marokko gewohnt hatten, da warteten Tausende von Menschen, und auch sie sagten: 'Wir sind so froh, das einmal eine von uns Präsidentin eines anderen Landes werden konnte!' "

Distanz zum Nationalstolz, eine der Grundvoraussetzungen offenbar für das, was sich in Deutschland ein "kritisches Bewußtsein" nennt. Andererseits war diesmal weder Lettlands sehr zögerliche Haltung zur aktuellen Flüchtlingsproblematik, noch die Frage des Zusammenlebens von Letten und Russen ein Thema. Dany Cohn-Bendit, keiner der Ex-Preisträger, aber geladener Podiumsgast zum Thema "Menschenrechte versus Selbstbestimmungsrecht der Völker" (Zitat: "Ich leide an Europa"), fühlte sich offenbar berufen genug um Frau Präsidentin zu ermahnen, den lettischen Anteil am Holocaust an den Juden stärker kritisch zu beleuchten. Eigentlich auch in Lettland kein Tabuthema mehr - und noch 2005 (anläßlich der Bremer Preisverleihung an die Präsidentin) hatten sich sowohl die jüdische Gemeinde in Riga wie auch Margers Vestermanis, Historiker und Holocaust-Überlebender, positiv zu Vīķe-Freiberga's Initiativen zur Aufarbeitung von Nazi-Herrschaft und Holocaust geäussert.

An dieser Stelle fehlte es Frau Ex-Präsidentin etwas an "Centenance", wie man vielleicht sagen könnte. Etwas gar zu verbissen meinte sie nun den  "roten Dany" als "Marxist" entlarven zu müssen - was dieser lachend, die Publikumsgunst auf seiner Seite wissend, zurückwies. Kein Paradebeispiel hoher Diskussionskultur - und wie viel Cohn-Bendit abseits der allgemeinen Schlagzeilen wirklich von Lettland weiß - oder sich überhaupt für dieses Land interessiert - blieb ebenfalls offen. Vīķe-Freiberga verstieg sich noch darin, Cohn-Bendit auf die jüdische Beteiligung am Stalinistischen Regime 1939/40 hinweisen zu wollen - hier wurde es fast peinlich, hatte sie doch noch in ihrer eigenen Amtszeit die lettische Historikerkommission ins Leben gerufen, welche die Verbrechen der beiden totalitären Regime in Lettland aufarbeiten soll; über Gerüchte und Verleumdungen gegen Juden ist in den seither jedes Jahr regelmäßig publizierten Kommissionsberichten genügend nachzulesen. Einem schräges Argument ist eben nicht mit einem noch schrägeren Argument zu begegnen - in sofern war der 4.Dezember im ex-präsidialen Tagebuch sicher kein Termin qualitativ hochstehender Diskussion über Lettland damals und heute.

Sehr wechselhaftes Diskussionsniveau also im Bremer Rathaus - der Abstand zur lettischen Innenpolitik ist offenbar nicht so groß; noch nach dem Rücktritt des damaligen Regierungschefs und jetzigem EU-Kommissars Valdis Dombrovskis gab es eine in Umfragen merkbare Anzahl Menschen, die Vaira Vīķe-Freiberga auch als Regierungschefin für tauglich halten - wohl angesichts des Angebots an sonstigen Alternativen. Zwei Tage nach der Bremer Veranstaltung trat in Lettland Laimdota Straujuma zurück. Nein, die immer noch parteilose Ex-Präsidentin wird wohl kein Allheilmittel sein, solange es in Riga vor allem um interne Ränkespiele geht.

28. November 2015

Die Katzen und der heiße Brei

Lange Warte-schlangen soll es gegeben haben, als die Bank von Lettland in dieser Woche die erste Münze aus der Reihe "Märchen Lettlands" herausgab. Die "fünf Katzen" bildeten den Auftakt zu einer Reihe, in der fünf Münzen zu lettischen Märchen herausgegeben werden sollen.
Die fertige Münze stellt dabei eine echte "baltische" Ko-Produktion dar: die Herstellung über nahm die litauische "UAB Lietuvos monetų kalykla".
Gestaltet wurde die Münze von der lettischen Designerin Anita Paegle, die auch Kinderbücher schon illustriert hat, und deren Gestaltungsentwurf für die "Schaukel-Münze" (Šūpuļa monēta) zur "schönsten lettischen Münze des Jahres 2013" gewählt wurde.

Gibt es überhaupt lettische Märchen? Was vielleicht wie eine dumme Frage klingt, wird zu einer ernsthaften Recherche, wenn es um die Quellen und Ursprünge geht. Klar, die Gebrüder Grimm haben viel gesammelt, aber lettische Märchen?
Die fünf lettischen Katzen - Muri, Ņuri, Inci, Minci un Punci - sind eines der Lieblingsmärchen, die lettischen Kindern vor dem Schlafengehen vorgelesen werden. Obwohl der Text sehr kurz ist, kommt dabei deutlich ein erzieherisches Ziel zum Ausdruck:  nur mit Einfallsreichtum, Eigeninitiative und Fleiß kommt man im Leben weiter - übersetzt in Märchentext: die fünf Katzen müssen schon selbst Holz suchen, um den Ofen heizen zu können, auf dem sie dann ihren Brei kochen, und dann satt und zufrieden ins Bett gehen können.

Aufgeschrieben hat die Geschichte Alberts Kronenbergs (1887-1958); sein bekanntestes Kinderbuch "Mazais ganiņš un viņa brīnišķīgais ceļojums" ("der kleine Hirte und seine wundersame Reise") erschien 1931. Eine animierte Version der "fünf Katzen" hält die Webseite "pasakas.net" bereit, viele der Märchen wurden auch Vorlage für Aufführungen des Theaters und Puppentheaters.
Deutsche Übersetzungen der "fünf Katzen" finden sich entweder in den Märchenbüchern des Diedrich-Verlags (Erstausgabe 1924, Ausgabe zuletzt von 1989), oder die DDR-Ausgaben aus dem Aufbau-Verlag (zuletzt neu aufgelegt 1990), in beiden Fällen zusammengestellt von Ojārs Ambainis.

Die neue Münze ist ab sofort im Handel, in einer Auflage von 10.000 Exemplaren, zunächst zum Ausgabepreis von 39 Euro.

14. November 2015

Air Baltic - frische Luft aus Germanien?

Das Luftfahrgeschäft zeigte sich schon häufiger als Business verwinkelter Wege. Für Außenstehende schwer durchschaubar gehen die einen bankrott und werden unter neuem Namen gegründet, andere suchen ständig neue Investoren, die dann wieder ihre Möglichkeiten erweitern wollen, ordentlich Geld abzuschöpfen aus der vermeintlich günstigen Geldanlage. Um Verkehrsmittel, Verkehrswege und bequemes, angenehmes Reisen scheint es oft gar nicht mehr zu gehen. Und wenn dann noch politische Erruptionen dazu kommen, ist es noch schwieriger zu durchschauen.

Die Girmes-Kirmes
Es gibt also angeblich einen neuen Investor bei AIR BALTIC: den deutschen Geschäftsmann Ralf Dieter Montag-Girmes. Das ist erstaunlich, hatte doch gerade AIR BALTIC mit Berthold Flick erst vor wenigen Jahren ebenfalls einen deutschen Investor, der es scheinbar so bunt trieb, dass die lettische Regierung Jahre brauchte, um ihn erstens loszuwerden und zweitens Gerichtsprozesse in diesem Zusammenhang abzuwenden (siehe Blog). Immerhin war diese offenbar etwas überraschende Entwicklung (manche rechneten eher mit dem Einstieg chinesischer Investoren) Grund genug für die lettische Regierungschefin Laimdota Straujuma, den bisher amtierenden Verkehrsminister Anrijs Matiss wegen dieser Vorgänge zu entlassen (Verkehrsrundschau). Der Übernahme von Anteilen durch Montag-Girmes stimmte die lettische Regierung aber - nachdem am 3.11. vier Stunden lang hinter verschlossenen Türen diskutiert worden war - zu. 52 Millionen Euro soll M-G angeblich dafür bezahlen, um 20% Anteile zu erhalten. Weitere 80 Millionen will die lettische Seite dazutun, um mit diesem Geld dann unter anderem in die Erneuerung der Flotte zu stecken.

Die Karikaturisten haben sich längst
daran gewöhnt: der lettische Storch
füttert fremde Vögel ...

(Zeichnung: Gatis Šļūka)
Gegenwärtig bedient die Airline von Riga aus 60 Destinationen. Eigenen Angaben zufolge beschäftigt AIR BALTIC 1200 Mitarbeiter. Gegenwärtig werden Flugzeuge vom Typ Boing 737 und Bombardier Q400 Turboprop eingesetzt. 13 weitere Flugzeuge des Typs "Bombardier CS300" habe der lettische Carrier nun bereits bestellt, der Liefertermin sei auf Ende 2016 terminiert.

Investor als Vertreter russischer Interessen? 
In der lettischen Presse sind nun aber Spekulationen zu lesen - und damit zurück zu den möglichen politischen Auswirkungen - der Einstieg von Montag-Girmes könne auch bedeuten, statt Bombardier nun Maschinen des russischen Typs "Sukhoi SuperJet-100" anschaffen zu wollen, eine Herstellerfirma, die auch Jagdflugzeuge für die russische Armee herstellt. In einem Geschäftsplan, ausgelegt auf die kommenden fünf Jahre bis 2021, soll dies angeblich so festgelegt sein. Die zusätzlichen 80 Millionen aus der lettischen Staatskasse dagegen sollen teils als Teilzahlung an Bombardier für die bereits erworbenen 11 Maschinen dienen (45 Millionen), teils zur Deckung von Leasingkosten von bereits eingesetzten Maschinen (20 Mill.), und der Rest für laufende Unterhaltskosten (15 Mill.). Angeblich habe sich M-G das Recht vertraglich vorbehalten, bei jedem Ankauf oder Leasing von Flugzeugen in Zukunft ein Alternativangebot unterbreiten zu dürfen, und im Aktionärsvertrag festschreiben zu lassen den Zuschlag zu bekommen, falls sein Angebot das günstigste ist. Falls dies nicht geschehe, wolle sich M-G ein Vetorecht festschreiben lassen.
Eine Entscheidung zum Ankauf neuer Maschinen sei aber bis jetzt noch nicht getroffen, behauptet bisher auch AIR-BALTIC-Chef Martin Gauss (Finance-net). Sie sei aber nötig, denn ein Großteil der gegenwärtig im Einsatz befindlichen Flotte sei 20 Jahre alt und älter.

Ex-Verkehrsminister Anrijs Matīss bestätigte ebenfalls, dass Aktionärsverträge noch gar nicht unterschrieben seien. Es sei aber Sache des Unternehmens, nicht des Staates, über die eingesetzten Maschinen zu entscheiden. Auch gibt es Gegenmeinungen, die der Behauptung widersprechen, Montag-Girmes arbeitete nur mit russischen Flugzeugherstellern zusammen. "Es liegen allerlei Gerüchte in der Luft", sagt man ja so schön - in diesem Fall ist es das Thema "baltische Luft", die sie erzeugen. Ins Spiel kommt dabei auch die Möglichkeit, Flugzeuge zu leasen statt zu kaufen: zum Beispiel durch die seit etwa einem Jahr in Lettland registrierte Firma "Aircraft Leasing 1", eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung übrigens. Deren Inhaber besteht nur aus einer einzigen Person: Ralf Dieter Montag-Girmes. Das Grundkapitel dieser GmbH bestehe nur aus 25.000 Euro, so lettische Presseberichte. Die einzigen "Aktiva", die diese Firma im Fall von Geschäften mit größeren Umfängen aufzuweisen habe, seien dann möglicherweise ... die AIR-BALTIC-Anteile. Keine guten Sicherheiten für den lettischen Staat, falls irgend etwas an dem Geschäft schiefläuft.

Bahn oder Flug, Herr Minister?
Vorerst gibt es einen Aufschub bis zum 17.November - dann will die lettische Regierung über ihre Vorgehensweise entscheiden.
Die Entlassung von Verkehrsminister Matīss soll, verschiedenen Medienberichten zufolge, nicht so sehr mit dem Flugverkehr zu tun haben, sondern mehr mit der lettischen Eisenbahn (Latvijas Dzelscelš LDz). Nachdem den dortigen Korruptionsskandalen und die Entmachtung des LDz-Chef Magonis (siehe Blog) soll Matīss auf den dort frei werdenden Posten spekuliert haben. Regierungschefin Straujuma solle von diesen Wünschen gewußt haben, aber schon aus formalen Gründen andere Lösungen gesucht haben: ihrer Meinung nach solle ein amtierender Minister sich nach seiner Amtszeit mindestens zwei Jahre Zeit lassen um in ein Spitzenamt der Wirtschaft zu wechseln ("Ir").

Maschinen austauschbar?
Auch der Spitzenposten des gegenwärtigen AIR-BALTIC-Geschäftsführers Martin Gauss, ein ausgebildeter Pilot, Ex-Geschäftsführer der Deutschen BA, vor vier Jahren ins Amt berufen, steht unter einem Fragezeichen. Gauss war bis 2011 für die ungarische Fluggesellschaft Malev tätig; auch dort ging es damals um Beteiligung von russischer Seite, um die Fluggesellschaft vor der Pleite zu retten - 2012 kam für Malev das endgültige Aus. Interessant vielleicht auch, dass es damals bei Malev ebenfalls um den potentiellen Ankauf von Flugzeugen des Typs "Suchoi" ging - auch bei MALEV hatte der Staat zwar formell die Anteilsmehrheit, das Geschehen wurde aber von russischen Investoren im Hintergrund bestimmt.
"Bitte, spenden Sie für ein neues Flugzeug!"
Diese Lösungsvariante wird wohl der Traum
des Karikaturisten bleiben
(Zeichnung: Gatis Šļūka)
Schon 2012 sagte Gauss auf die Frage, ob die Maßnahmen zur Kostenersparnis bei AIR BALTIC schon ein Ergebnis bringen würden: "Allerdings passt bis heute die Kostenbasis nicht zum Modell, das wir fliegen. Speziell langfristige Themen wie Leasingverträge werden gerade neu- oder nachverhandelt. Wir liegen hier zum Teil weit über den marktüblichen Leasingraten. Das ist der größte Einzelposten, aber zugleich auch der, der am einfachsten zu beheben ist." (siehe "airliners.de", ähnlich auch "Handelsblatt")
Bisher galt Gauss als Erfolgsgarant bei AIR BALTIC - 2014 hatte die Airline zwar einen leichten Rückgang beim Umsatz zu verzeichnen, aber einen erheblichen Anstieg beim Gewinn nach Steuern.

Ein besonderes Schlaglicht wirft auch das Aus für die "Estonian Air" in der vergangenen Woche auf die Ereignisse. Dort habe der Staat Geld bereitgestellt, ohne Investoren zu haben - und das widerspreche den EU-Regularien. Nachdem auch Litauen keine eigene Airline mehr betreibt, hofft AIR BALTIC natürlich darauf, als "Baltikum-Regionalcarrier" angesehen zu werden.
Eines ist vorerst sicher: das letzte Kapitel in der Geschichte der AIR BALTIC ist noch nicht geschrieben - vielleicht gibt es schon in ein paar Tagen neue Wendungen.

1. November 2015

90 Jahre lettisches Radio

Am 1.November 1925, heute vor neunzig Jahren, wurde in Riga das neue Radiozentrum eröffnet - die erste Übertragung war Giacomo Puccini’s "Madame Butterfly", gesendet aus der Rigaer Oper. Vorausgegangen war ein Parlamentsbeschluss vom 28. März 1925 zur Bereitstellung von 140.000 Lats zur Fertigstellung dieser ersten lettischen Radiostation.

Der Vorschlag zum Bau des lettischen Radiosenders wurde im wesentlichen erarbeitet von Ingenieur Jānis Linters. Die erfolgreiche Durchführung der lettischen Radioübertragungen brachten Linters 1928 die Auszeichnung mit dem "Drei-Sterne-Orden" ein. Linters wurde 1879 in der Nähe von Cēsis geboren, seine Eltern waren beide Lehrer. Er ging in Cēsis und Tartu zur Schule, erwarb sein Diplom als Elektriker in St.Petersburg, und arbeitete dann beim Petersburger Telegrafenamt. In den Folgejahren war er auch verantwortlich für Projekte auf der Halbinsel Kamtschatka, in Tver an der Wolga und Nischni Nowgorod.

Ein Modell aus den Anfangstagen des lettischen
Radios: ein "VEF Super M517"
In Riga soll es damals ziemlich kompliziert gewesen sein, den Parlamentsabgeordneten zu erklären, wie Radioempfänger und Radiowellen funktionieren. Im Sitzungsraum des zuständigen Komitees wurde 1925 ein Empfänger mit zwei Kopfhörern installiert, während der Sitzung tauschten dann die Abgeordneten ständig die Kopfhörer, während als Übertragung der regierungsamtliche "Anzeiger" vorgelesen wurde (siehe Abb.). Linters versuchte zu erläutern, dass ein Radioempfänger ein recht einfaches Gerät wäre, und es sei möglich, dieses in Lettland auch industriell zu produzieren. Seinen Berechnungen zufolge würden sich die notwendigen Investitionen nach 10-15 Jahren amortisieren, eine Kalkulation, die sich als falsch erwies: es setzte ein so starker Ansturm nach Radiogeräten ein, dass bereits nach vier Jahren alle Kosten wieder hereingeholt waren.
So soll sie ausgesehen haben: die
erste Radio-Empfangseinrichtung, bereit
für das Prüfkomitee
Vor der Parlamentsabstimmung musste mehrmals das Prinzip elektromagnetischer Wellen erklärt und verdeutlicht werden, dass keinesalls Fenster und Türen geöffnet werden müssen, damit diese in die Häuser gelangen.

Der lettische Radio-
pionier Jānis Linters
Die erste größere Anlage wurde von der französischen Firma "Société française radio-électrique" erstellt: Antenne und Transmitter wurden vom französischen Hafen Dunkerque / Dünkirchen nach Riga transportiert und im 2.Stock des Rigaer Post- und Telegraphenhauses aufgebaut. Heute wird der Gebäudekomplex von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Lettlands genutzt - am 12. Oktober 1944 wurde beim Rückzug der deutschen Armee aus Riga der Radioturm gesprengt und die Büros der Radioverwaltung in Brand gesetzt. Dadurch wurden einige Gebäudeteile verwüstet, aber sie wurden nach dem Krieg restauriert. Die kleine Straße am Stadtkanal heißt heute immer noch "Radio iela".

Bis 1940 wurden unter der Verantwortung von Jānis Linters auch in Madona, Kuldīga und Liepāja Sendestationen aufgebaut. 

Auch die Grundlagen des Baus von Radioapperaten in Riga wurde in dieser Zeit gelegt. 1919 wurden die Post- und Telegrafenbehörden gegründet (Pasta un telegrāfa valdes darbnīcas), daraus entstand 1932 die "Valsts elektrotehniskā fabrika" (staatliche elektrotechnische Fabrik) mit der berühmten Abkürzung VEF - sie hatte Bestand bis Anfang der 1990iger Jahre. Geradezu legendär wurde der damals (in den 1930iger Jahren) kleinste Fotoapperat der Welt, die "Minox".

Mehr zur Geschichte des lettischen Radios

Zum Jubiläum: die erste Sendung des lettischen Radios vom 1.11.1925 - zum Anhören ins Netz gestellt (Ausschnitte, plus Moderation und Kommentare - Sendung "Kultūras Rondo" vom 1.11. und 2.11.2015)

30. Oktober 2015

Nach Saisonende

Gerade bei deutschen Touristikveranstaltern ist es kürzlich wieder Mode geworden, selbst unerfahrene Gäste, ältere wie jüngere, auf einen Trip des sogenannten "nachhaltigen umweltfreundlichen Tourismus" zu schicken - nein, leider nicht indem sie zu Hause bleiben, und so CO2 zu sparen, sondern indem sie ein Bus irgendwo nach Lettland bringt, wo dann 20, 30 km Rad gefahren wird, möglichst auf asphaltierten, bequemen Straßen, und der Bus die Gäste dann nachmittags wieder einsammelt, um sie rechtzeitig zum Fernsehprogramm ins Hotel zu bringen.
Ist die Saison aber vorbei - kümmert es keinen, was im Touristenzielgebiet sonst noch passiert. Dafür gibt es mehrere Beispiele (siehe auch "Kolka uncool"). So hätte das, was diese Woche nördlich Riga passierte, immer Sommer auch jederzeit Touristen passieren können.

Fotos: lettische Verkehrspolizei
Der Unfall ereignete sich kurz nach 11 Uhr morgens auf der Straße Riga-Sigulda in der Nähe der Ortschaft Gārkalne, als ein Schwerlaster der Marke "Skania" mit einem Opel zusammenstieß, der eine Gruppe Radfahrer begleitete. Es gab 13 Verletzte, sechs davon mit schweren oder sehr schweren Verletzungen, alle sind Jugendliche im Alter von 12- 18 Jahren.Drei davon befinden sich noch in einem lettischen Krankenhaus, die übrigen konnten inzwischen nach Hause in die Obhut ihrer Elterin entlassen werden.

Nach dem, was bisher bekannt ist, fuhr der 50 Jahre alte LKW-Fahrer mit zu hoher Geschwindigkeit und ohne die Abstands-regeln zu den Vorausfahrenden zu beachten, Alkoholeinfluß konnte allerdings nicht nachgewiesen werden, und auch die vorgeschriebenen Ruhezeiten habe der Fahrer eingehalten. Die Radlergruppe war eine Trainingsgruppe einer lettischen Fahrradschule (Rīgas Riteņbraukšanas skola). Der LKW-Fahrer, ein polnischer Staatsangehöriger mit Fahrpraxis seit 1989, wurde vorübergehend in Gewahrsam genommen. Er bedaure das Geschehene sehr, heißt es. Lettischen Gesetzen zufolge kann ein Fahrzeugführer, wenn er einen Unfall mit Todesfolge oder schweren Verletzungen verursacht, mit bis zu 10 Jahren Gefängnis bestraft werden - die Untersuchungen dauern noch an.

Schnell kamen Forderungen auf, Radfahrer generell von den Schnellstraßen zu verbannen. Normunds Krapsis, Leiter der Abteilung Verkehrs-sicherheit bei der Polizei, sagte dazu: "Es ist ein tragisches Ereignis. Aber nach jedem Unfall das Gesetz ändern zu wollen, macht keinen Sinn."
Andere Verkehrsteilnehmer berichten, selbst öfters Radlergruppen gesehen zu haben, mit einem Begleitfahrzeug in der Nähe. "Das stört doch eigentlich niemand, wenn man achtsam fährt."

Die jugendliche Radsportgruppe sei morgens um 10.30 Uhr in Riga losgefahren, unter Aufsicht eines erfahrenen Sportlehrers, gibt die betroffene Radsportschule bekannt. Das Begleitauto sei mir einer speziellen Warnblinkanlage ausgestattet gewesen. 12 Fahrräder weisen Totalschaden auf, jedes zwischen 1500 und 2000 Euro wert. Das Komitee für Bildung, Kultur und Sport der Stadtverwaltung Riga (Rīgas domes Izglītības, kultūras un sporta komiteja) reagierte äußerst schnell, indem es der Sportschule bereits vier Tage nach dem Unfall bereits 30.000 Euro zur Deckung der Schäden bewilligte (10.000 davon für die materiellen Schäden). Die Mitglieder des Komitees äußerten dabei Einvernehmen darüber, dass die jugendliche Radlergruppe alle vorgeschriebenen Sicherheitsregeln eingehalten habe. Weiterhin wurde beschlossen, gemeinsam mit Vertretern der Polizei, des Straßenverkehrsamtes, des lettischen Radlerverbandes (Latvijas Riteņbraukšanas federācija), dem Sportgymnasium Murjāņi und den Sportschulen in Dobeles und Kuldīga zu beraten, ob und wie die Sicherheit bei Jugendsportveranstaltungen weiter verbessert werden kann. 

Nicht erwähnt wurde bisher - auch nicht von Seiten des Radsportverbands - dass der betroffene Straßenabschnitt unter Radfahrtouristen schon seit Jahren einen äußerst schlechten Ruf genießt. "Fahren Sie lieber gleich mit dem Zug von Riga nach Sigulda und setzen sie dort Ihre Radtour fort", so ist schon lange in einigen Radreiseführern zu lesen. Während sich lettische Behörden darauf berufen, dass auch in anderen Ländern es üblich sei, dass Radler die Straßen mitbenutzen (ausgenommen Autobahnen), so weisen allerdings ähnliche Straßen etwa in Schweden oder Dänemark, auch in Deutschland, zumindest einen Randstreifen auf, der ebenfalls asphaltiert ist und auf den man - Radler, PKW oder LKW-Fahrer - ausweichen kann, falls es kurzfristig notwendig sein sollte. Der betroffene Straßenabschnitt bei Gārkalne wurde in den zurückliegenden Jahren mehrfach erneuert und modernisiert - sicherlich mit EU-Fördergeldern - weist aber keinerlei Randstreifen auf. Im Gegenteil: direkt neben der Fahrbahn liegt Rollsplit, und ein Ausweichen darauf, zumindest in voller Fahrt, ist ziemlich unmöglich.