29. September 2016

Lettlands Filmoffensive

Ein Sommer - als sei es der letzte gewesen! Diesen Eindruck konnte gewinnen, wer in den vergangenen Wochen in Lettland unterwegs gewesen ist. Gleich mehrere Filmteams sorgten sich darum, die richtigen Szenen in den Kasten zu bekommen, alle vor allem mit dem einen Gedanken: 2018, zum 100sten Geburtstag der Republik, muss es fertig sein!

Schon seit 2014 dauern die Arbeit an "Der Ring des Namejs" ("Nameja gredzens"), einem Monumentalwerk rund um die Geschichte von Lettlands südlichem Landesteil, Zemgalen, im 13. Jahrhundert. Inzwischen ist man bei den Szenen angekommen, die in Lettlands Filmstädtchen "Cinevilla" gedreht werden können, dort, wo auch "Rīgas sārgi" (dt. "Die letzte Front"), "Baiga vasara" (dt. "der schreckliche Sommer") oder "Sapņu komanda" ("Dream team 1935") aufgenommen wurde - ein weiterer ist ebenfalls in Produktion: "My dear Muenchhausen", rund um das Leben des wahren Barons Münchhausen in Livland.
Die filmisch inszenierte Wikingerzeit wird dabei auch zur Eigenfinanzierung des Projektes genutzt: "sportliche Wettkämpfe in echter Mittelalteratmosphäre" wurden in Cinevilla angeboten, gerade in der Sommer- und Ferienzeit. "Werde zum Führer Deines Stammes" war hier der Werbeslogan. -
Derweil treffen Touristen sicherlich an vielen Stellen auf "Namejs Ringe" - seine Machart ist unverwechselbar, so wie es z.B. von "Baltu Rotas" angeboten wird. Die Macher des Films geben derweil zu, dass sie keine Geschichte der historischen Fakten erzählen werden - es werden vielmehr neue Legenden gestrickt (lsm). "Die wahren Begebenheiten sollten aber nicht so stark verdreht werden, dass das Resultat dann nur noch mit Ironie ertragen werden kann," hofft Historiker Ēriks Jēkabsons.

Der 20.August 2016 wird filmisch mit dem 23.August 1989 verbunden bleiben: 27 Jahre und einige Tage nach der historischen "Baltischen Kette" (auch "Baltischer Weg" genannt), damals aus Protest gegen die gewaltsame Einverleibung der baltischen Staaten durch die Sowjetunion in Folge des am 23.8.1939 zwischen Hitler und Stalin geschlossenen Freundschaftsabkommens. Diesmal hatte die Filmregisseurin Madara Dišlere eingeladen: selbstverständlich wurden hunderte von Statisten benötigt, um auf einer Landstraße nahe Cēsis die damaligen Ereignisse filmisch nachzustellen. "Paradies 89" ("Paradīze 89") wird dieser Film heißen, als Kinderfilm angelegt, basierend auf den Erinnerungen der Regisseurin selbst. Im Film ist es die neunjährige Paula und ihre Cousinen in den Hauptrollen.Am Ende wurde auch dieser 20.August zu einem heißen, sonnigen, aber anstrengenden Tag: mit 700 angereisten Statisten.

Szene aus "Vectēvs kas bīstamāks par computer"
Auch die Filmproduktion der Firma "Deviņi" hat sich ein großes Thema vorgenommen, und auch hier geht es um ein junges Mädchen: die Verfilmung des dreibändigen Werkes "Bille" von einer der bekanntesten Schriftstellerinnen Lettlands, Vizma Belševica. Die Idee dazu soll schon vor 10 Jahren entstanden sein, als Belševica noch lebte - gedreht wird heute am originalen Schauplatz in der Vārna iela in Riga, wo auch die kleine Vizma tatsächlich lebte. "Historische" Zeiten sind es hier in sofern - "Bille" erzählt vom Leben im Riga der sogenannten "Ulmaniszeit" (ab 1934 regierte Staatspräsident Kārlis Ulmanis autoritär, schaffte die Parteien ab, und scheiterte tragisch mit Beginn der sowjetischen Okkupation). Bille pendelt zwischen der Welt der Reichen und derjenigen der Armen. Die Regisseurin Ināra Kolmane erregte bereits mit "Ručs and Norie" Aufsehen, die Produktionsfirma "Deviņi besteht bereits seit 1991 und wurde von Kolmane gegründet. In der Titelrolle der "Bille" ist Rūta Kronberga zu sehen - ausgesucht aus mehreren Hundert Kandidatinnen.

Auch bei "Film Angels Productions", die sonst mit Werbefilmchen (auch für deutsche Kunden) ihr Geld verdienen, arbeitet man ebenfalls an der Verfilmung einer Literaturvorlage: "Homo Novus" von Anšlavs Eglītis erschien in schwierigen Zeiten: im Jahr 1944. Der Autor selbst floh in den Westen: zunächst nach Berlin, dann in die Schweiz, schließlich in die USA. Die Geschichte des Buches aber erzählt vom jungen Künstler Juris Upēnajs im Riga der 20iger und 30iger Jahre, als die lettische Hauptstadt noch Zentrum kreativer Kulturschaffender war. Ein Buch, das Riga als etwas wie das "Paris des Nordens" beschrieb - das künsterische Traumbild war Paris damals aus lettischer Sicht allemal - und die lettische aufstrebende Künstlerbohéme thematisierte (in deutscher Übersetzung 2006 im Weidle Verlag erschienen, leider vergriffen).

Zumindest einen witzigen Titel verspricht ein weiterer Kinderfilm: "Großvater gefährlicher als der Computer" ("Vectēvs, kas bīstamāks par datoru"). Auch hier ein Familienfilm, rund um den achtjährigen Oskar. Seine Eltern nehmen ihm den geliebten Computer weg, und schicken den Jungen zum Opa aufs Land - so heißt es im Plot zum Film. Wie das ausgeht, wird man im Film beobachten können. Auch dieser Film wurde im Sommer diesen Jahres gedreht, in der Gegend rund um Kuldiga.

Insgesamt sind es 16 Projekte (6 Spielfilme, 8 Dokumentarfilme und 2 Animationsfilme) unter dem Motto: "Latvijas filmas Latvijas simtgadei" (Lettische Filme für Lettlands 100-jähriges). Das Gesamtbudget soll bei 7,5 Millionen Euro liegen. Lettland setzt also 2018 vermehrt vor allem auf bewegte Bilder - mal sehen, wie viel davon auch international Beachtung findet.

"My dear Munchausen" (Regie Aigars Grauba, Platforma) - Trailer
"Nameja gredzens" (Regie Aigars Grauba, NKC, Facebookseite) - Making-off-Trailer
"Paradīze 89" (Regie: Madara Dišlere, Tasse-Film - Facebookseite) -  Trailer
"Bille" (Regie: Ināra Kolmane, Devini-Film) - Trailer - Facebookseite
"Homo Novuss" (Regie: Anna Viduleja, "Film Angels Productions") - Trailer
"Vectēvs, kas bīstamāks par datoru" (Regie: Varis Brasla, F.O.R.M.A. Studio), - Facebookseite - Trailer

Gesamtauflistung aller Filmprojekte in diesem Rahmen: PDF-Datei

21. September 2016

Lettisches Präsidentenmodel, in Grün

Nun ja, vor wenigen Monaten noch mussten wir Sorge haben, dass der lettische Präsident Raimonds Vejonis sich gesundheitlich überlastet - er landete kurzfristig im Krankenhaus (siehe Blogbeitrag). Nun machte er durch ganz andere Dinge Schlagzeilen - von körperlichen Schwächen keine Rede mehr, im Gegenteil: zusammen mit seiner Frau wagte er sich auf den Laufsteg. Das präsidiale Paar stellte sich als Models für das italienische Modemaganzin ""Collezioni Haute Couture" und die Kreationen der lettischen Designerin Anna Omushkina zur Verfügung - unter der Überschrift: "Portraits von Träumern". Zumindest was die Reaktion in den Medien angeht, ein voller Erfolg.

Der Präsident habe sich wohl inspirieren lassen von seinem kürzlichen Zusammentreffen mit seinem italienischen Kollegen, schreibt lsm. Bisher habe Vejonis ja gerne damit gepunktet, der "normale Mensch aus Madona" zu sein, geerdet und eher zurückhaltend. "Jetzt kommt Vejonis zum einen als eine Art Riviera-Aristrokrat daher, dann wieder eher als Marcello-Mastroianni-Typ, dem nur noch der Sportwagen zum La Dolce Vita fehlt" (lsm).
Nein - nicht die neue
Stewardess bei
AIR BALTIC:
präsidiale Hutmode
Während diese Aussagen noch verhalten positiv ausfallen, gibt es auch Kritiker/innen: Ein Präsident als Model, dass entspricht nicht der Würde seines Amtes - meint Sozialwissenschaftlerin Skaidrīte Lasmane (Portal Delfi.lv). Unter den Leserreaktionen sind sogar solche wie diese: "So geht es eben, wenn man einen aus Latgale zum Präsidenten wählt" (lettisch "Čangalis" - womit oft auch ein "schlecht erzogener, benachteiligter Mensch" gemeint ist). Aber es gibt auch heftigen Widerspruch in der Netzgemeinde, so in der Art "was wollt ihr denn, er hat doch nicht für den Playboy posiert?" Oder auch weibliche Verdächtigungen: Diese Aktion habe sich bestimmt Vejonis' Frau Iveta ausgedacht. "Vielleicht will er auch einfach die 'yellow press' bei uns ein bischen füttern," meint Politologe Filips Rajevskis bei "bb-vesti.lv". Journalist Māris Zanders kommentiert für die "DIENA": "Das bloße Posieren kann man wohl nicht kritisieren - denn auch in der Politik ist das ja schon zur Gewohnheit geworden - die Leute schauen eben nur auf die 'Show', die Politiker machen, weil sie es inzwischen so gewohnt sind. Sollte es anders gemeint gewesen sein - wird es nicht beachtet."

Das Portal "Kas Jauns" zitiert Aija Strautmane, Ex-Konsulin und Dozentin für Etikette und Benimmregeln: "das ist ein Foto, wie es früher das Politbüro bestellt hat, um jemand einfach in der Öffentlichkeit vorzeigbar zu machen. Dabei weiss doch jeder: der Präsident und seine Frau sind eigentlich attrraktiv und sympatisch. Aber so - in dieser Form - sie sehen nicht gerade aus als ob sie Investoren ins Land holen könnten."

Dabei ist Vejonis nicht mal der erste lettische Politiker, der Omushkinas Kollektionen präsentiert: auch Rigas Vize-Bürgermeister Andris Ameriks brachte sie schon einmal mit neuem Outfit heraus.

Immerhin besteht Grund zu glauben, dass im Fall des Ehepaars Vejonis die "Models" mitbestimmt haben: der Hut von Frau Präsidentin wird auf Facebook als "Spezialanfertigung" ausgewiesen, auf Bestellung. Also: wer bei Familie Vejonis den Hut aufhat, ist schon mal klar. Man kann sich vielleicht die vorhergehende Diskussion vorstellen. "Raimonds, ich kaufe mit einen neuen Hut! - Na gut, Schatz, aber wenn, dann nur in Grün - schließlich bin ich in der Zaļa Partija!"

Vorläufig ist auch das lettische Büro zur Korruptionsbekämpfung (abgekürzt "KNAB") unerbittlich: es wurden Details zum Modeshooting beim Präsidenten angefordert (bnn); Pressemeldungen zufolge soll es vor allem um Fragen danach gehen, ob der Präsident in diesem Zusammenhang irgendwelche Geschenke angenommen hat. Eines ist sicher: das oben genannte Modejournal und auch die Designerin sind sicherlich zufrieden, auch mit der Wirkung in der Öffentlichkeit.

14. September 2016

Unsichere Arbeitsplätze

Wer in Lettland lebt, hat oft einen unsicheren Arbeitsplatz. Sogar anerkannte Flüchtlinge wandern u.a. deshalb wieder aus Lettland aus, weil es keine Chance gibt einen Arbeitsplatz zu bekommen (siehe auch: Spiegel, Merkur, lsm).

Also, es ist nicht einfach, in Lettland seinen Arbeitsplatz zu sichern. Eine neue Statistik von "Eurostat" ist arbeiten in Lettland zudem auch gefährlich: 4,5 tödliche Unfälle pro 100.000 Arbeiterinnen und Arbeitern wurden im Jahr 2014 verzeichnet. In Deutschland, wie auch in Schweden und Großbritannien war es nur ein Todesfall auf 100.000 ("IR", "NRA"). Zusammen mit Nachbarland Litauen (4,7 auf 100.000) liegt Lettland unter den EU-Mitgliedsstaaten, diese Statistik betreffend, auf Rang drei und vier.

2015 versuchte die zuständige Behörde für Arbeitssicherheit (Valsts darba inspekcija VDI) diesen Zustand durch vermehrte vorbeugende Kontrollen zu verbessern. Mithilfe von Informationsmaterialien und dem Motto "Strada vesels" (arbeite gesund) will man ferner eine erhöhte Aufmerksamkeit unter den Arbeitenden erreichen. Der Clou: mit Hilfe von Rechenbeispielen sollen die realen Folgekosten eines Arbeitsunfalls angeblich ausrechenbar sein. Ob's hilft? Die meisten Arbeitsunfälle geschehen in Lettland in der holzverarbeitenden Industrie, in der Bauwirtschaft und im Bereich Verkehr.

3. September 2016

Handwerker und Musikanten

Kokle spielen ist kein neuer Trend - schon ungefähr 2000 Jahre wird dieses Instrument gespielt und zählt zur Familie der "Chordophone" - der Ton wird also durch eine schwingende Saite erzeugt. Die lettische Kokle ist verwandt mit der estnischen Kannel, der litauischen Kankle, und der finnischen Kantele (siehe Museumofworldmusic). Deutsche erinnert es meist auch an eine Zither, Russen bezeichnen die Kokle auch schon mal als "frühe Balaleika" (Vorläuferin?). Herleitungen des Wortes vom russischen "kolokol" (für Glocke) können aber wohl nur denen unterlaufen, die weder finnisch, estnisch, litauisch noch lettisch können; schließlich bedeutet "koks" auf Lettisch ganz einfach Baum, oder auch Holz. Dennoch interessant, dass sogar Balalaika-Fans dieses Instrument auf die Kokle zurückführen. Wer sich für die lettische Sichtweise interessiert, wird bei Valdis Muktupāvels nachlesen. "Die aktive Kokle-Szene ist größer als gedacht," bestätigt der Etnomusikologe, und nimmt auch noch eine andere Einteilung vor: "Es gibt die historischen Kokles, die Konzertkokle, und auch die elektrische Kokle". Oder, nach Saitenzahl eingeteilt: es geht von einer einfachen Kokle (mit 10 Saiten) bis zur Konzertkokle (mit 35 Saiten). Viele Klassifikationen von (Weltmusik-)instrumenten lassen sich finden, denen zufolge ein Land auch mit einem bestimmten Instrument identifiziert wird: im Falle von Lettland ist das die Kokle (siehe: "Lernhelfer").

Wer nun glaubt, Kokle spielen käme langsam irgendwie aus der Mode - denn auch die lettische Musikszene orientiert sich ja international - das Gegenteil scheint der Fall zu sein! Wie gesagt, aus Sicht der Kenner von Musikinstrumenten identifiziert sich Lettland sowieso genau über dieses Instrument. In einem Beitrag für die Zeitschrft "IR" (15.6.2016) beschreibt Andris Roze, wie eine Kokle sogar selbst hergestellt werden kann: "in den 1930iger Jahren wurde das jedem lettischen Pfadfinder empfohlen. Ich bin dazu gekommen, einfach weil mir vor 16 Jahren meine Tochter sagte, sie wolle Kokle spielen. Da sind wir zum Kokle.Meister Māris Jansons gegangen, der bei Cēsis wohnt, und haben es uns zeigen lassen. Seitdem baue ich selbst die Kokle." Während Ex-Meister Jansons inzwischen in Sibierien lebt, hat es Roze selbst übernommen, die Tradition weiterzugeben: im Rahmen von Workshops können Interessierte bei ihm lernen, sich selbst eine Kokle herzustellen. Und er weist darauf hin, dass er inzwischen nicht mehr allein ist: Ģirts Laube arbeitet in Druviena, Eduards Klints in Līgatne, Jānis Rozenbergs in Rīga, Gunārs Igaunis in Rēzekne.

"Pats savas kokles meistars", so ist hier die Devise ("Sei deiner eigenen Kokle Meister"). Nicht etwa Eichen-, Eschen- oder Ulmenholz kommt hier zum Einsatz, (zu hart!), sondern eher Fichte, Linde oder Espe. "Die Tonlage bei den Laubbaumhölzern ist weicher, samtener," meint Roze, "bei etwas festerem Holz wie Fichte oder Kiefer ist der Ton lauter, sehr klar, fast wie eine Glocke." Musikprofessor Valdis Muktupāvels kann auf einige Jahrzehnte Erfahrung mit lettischen Musiktraditionenen zurückblicken. "Auch bei uns war die Folklorebewegung schon in den 70iger, 80iger Jahren," sagt er. "1988 dann noch einmal, zum großen Festival 'Baltica'. Aber nach 1991 ging es schnell bergab. Das ist erst nach der Wirtschaftskrise, so um 2012, wiedergekommen in Lettland."

Früher war der Status der Volksmusikinstrumente erheblich eingeschränkt in Lettland, meint Muktupāvels. Experimentieren, ausprobieren, das ging nicht. Die Konzert-Kokles der Musikakademie gehörten zur Abteilung Volksmusik. Glücklicherweise sei diese Abteilung heute ganz aufgelöst. Die Kokle werde einfach zu den Saiteninstrumenten gezählt, so können auch die Komponisten heute aufatmen.In Finnland und Estland ist das schon längst so - Litauen werde auch noch folgen.

Auch im Internet gibt es verschiedene Kokle-Interessengruppen, allerdings fast alle nur in Lettisch. Nicht alle empfangen ihre interessierten Gäste so empathisch wie Rasa und Girts Laube: auf "Zelta spēles": "Wir machen Musikinstrumente, musizieren, und haben die Ehre unserem Volk die Kultur unserer Vorväter zu vermitteln. Wir empfinden das als übernationalen, kosmischen Schlüssel zum Wissen, um auf der Erde in Frieden, Freude und Glück zu sein."

Beim Folkmusiklabel "Lauska" ist auch noch das Buch zur Kokle zu haben: natürlich von Valdis Muktupāvels. Wer eine Konzertkokle sucht, zum Preis von mehreren Hundert Euro, wird vielleicht in der Werkstatt von Pēteris Putniņš fündig. Jēkabs Zariņš, genannt "piekūns" (Falke), hat auf seiner Webseite ebenfalls eine Reihe nützlicher Infos zur Kokle versammelt (auch in Englisch), dazu noch eine Liste von Adressen der lettischen Kokle-Meister, plus Tipps wie diese am besten zu kontaktieren sind. Nicht alle leben offenbar abgeschieden auf dem Lande, auch Facebook-Seiten oder Smartphones sind unter den Kokle-Spielern angekommen. Musikbeispiele finden sich auch auf Youtube oder Soundcloud,und auch einen Blog zum Koklespielen gibt es: "Kokles rullee!"

25. August 2016

Feinstes Porzellan - malerisch

Rosenthal und Rozentāls - wer diese feinen Unterschiede, vor allem in der lettischen Schreibweise, beachtet, wird nicht im Porzellanladen landen. Nein, das frisch renovierte Lettische Kunstmuseum in Riga wäre gegenwärtig vielmehr der beste Ort, um sich mit Janis Rozentāls, 1866 als Sohn eines Schmieds im kurländischen Saldus geboren, heute einer der bekanntesten "Klassiker"der lettischen Malerei, bekannt zu machen.

Aus Anlaß seines 150.Geburtstages sind in Riga eine Auswahl von 140 seiner Werke zu sehen: Malerei und Grafik, manchmal figürlich, manchmal Landschaftsmalerei, aber auch charakteristische Szenen aus dem Alltags- und Sonntagsleben der damaligen Letten, die sich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gerade erst ihrer Eigenart und ihrem Willen zur Eigenständigkeit zu besinnen begonnen hatten. Manchmal impressionistisch, manchmal symbolistisch - auch Jugendstil und die lettische Folklore prägten ihn.

eines der berühmtesten Rozentāls-
Bilder: "nach dem Kirchgang"
Nachdem er seine Schulzeit noch im Alter von 14 Jahren aus Geldmangel beenden musste, gelangte er über eine Handwerksschule nach St. Peterburg. Bis 1894 studierte er an der dortigen Kunstakademie, bevor er nach Lettland zurückkehrte und 1903 die finnische Sängerin Elli Forsell heiratete. Die Heirat fand in Helsinki statt - diese Stadt wurde allerdings nicht gerade zum Symbol seines Glücks. Als sich im 1.Weltkrieg die Front Riga näherte, zog Familie Rosentāls nach Helsinki um, wo Janis Rosentāls erkrankte und schließlich am 26. Dezember 1916 starb. So entstand wohl auch die Überschrift zur heutigen Ausstellung: Augen auf Finnland, Herz in Lettland.

noch ein bekannter Rozentāls
- eindeutig mitten im Jugendstil -
"Prinzessin mit Äffchen"
Als Spiegel seiner Zeit wirken heute seine vielen Porträts, darunter seine Frau Elli Forsell und sein Freund, der Schriftsteller Rūdolfs Blaumanis. In seinen Landschaften schuf er ein lyrisches Abbild seiner Heimat. Er gestaltete auch mehrere Altarbilder in lettischen Kirchen. Sein Schaffen war sehr vielfältig: auch gestaltete er Bücher, schuf Plakate und Zeichnungen, experimentierte mit verschiedenen Materialien und Stilarten. "Rūķis" (was soviel heißt wie Zwerge, oder Wichtel) nannte sich eine Gruppe von Studenten im St.Petersburg der 1890iger Jahre, die sich dem Alltagsleben, der Natur und der Geschichte ihres Heimatlandes widmen wollten. Für soziale Themen offen zeigte sich Rozentāls auch später, wenn es darum ging, anderen lettischen Malern und Künstlern zu helfen.

Der große Andrang an Besuchern der Ausstellung zeige, wie beliebt der Maler heute in Lettland ist - so die lettische Presse. Sowohl das nationale Element findet sich hier, wie auch etwas sehr modernes, ja sogar ein wenig "Kosmopolitismus", urteilt die "Latvijas Avize" und schlußfolgert: "Jedem sein eigener Rozentāls". Mit ihm kamen damals andere Künstler seiner Generation auf, die allerdings noch die Zeit des unabhängigen Lettland erleben konnten: Vilhelms Purvītis, Johans Valters (dt. Johann Walter-Kurau), oder auch der Bildhauer Teodors Zaļkalns (Grīnbergs). "Selbst heute", so die "Latvijas Avize" weiter, "ist so jemand selten zu finden, der sowohl Gemälde höchster Qualität von Familien, Porträts. Landschaften oder Stilleben malt, gleichzeitig mystische oder märchenhafte Motive, dann wieder Altarbilder - kein Rückblick auf die lettische Kunst kommt heute ohne einen Rozentāls aus." TVNet zitiert aus einer kunsttheoretischen Schrift des Künstlers: "Etwas Neues in jeder Arbeit zu schaffen, das ist das Ideal des Künstlers." Und die NRA titelt, leicht pathetisch, über Rozentāls: "Ein Genie aus der armen Bauernschmiede."

Die Ausstellung der Werke von Janis Rozentāls ist bis zum 30.Oktober im Lettischen Nationalen Kunstmuseum zu sehen.

17. Juli 2016

Schlechtere Bildung durch Lohnerhöhung?

Fürs neue Schuljahr, das im September beginnen wird, stellt die lettische Regierung einen völlig überarbeiteten, neuen Besoldungsplan für die Pädagoginnen und Pädagogen des Landes vor. Damit verbunden wird die Minimalbesoldung für Lehrerinnen und Lehrer von 420 auf 680 Euro steigen. Allerdings gibt es hier eine Hintertür für die Regierung, die natürlich immer noch über knappe Finanzmittel klagt: die Erhöhungen fallen, je nach dem in welcher Art Einrichtung man arbeitet, sehr unterschiedlich aus, und die vorgesehenen Strukturänderungen lassen noch viele Fragezeichen offen.

Vom 1. September an sollen die Beschäftigten in den allgemeinen Bildungseinrichtungen, Berufsschulen und Grundschulen die Erhöhung erhalten - in den Kindergärten jedoch steigt der Mindestlohn zunächst nur bis 620 Euro und soll dann erst ein Jahr später angehoben werden. Auch für Angestellte der Hochschulen und Colleges in Lettland soll der Lohn steigen, allerdings erst innerhalb von drei Jahren. Insgesamt sind es viele detaillierte Einzelbestimmungen, die - um das zukünftige System der Pädagogenlöhne wirklich zu verstehen - ein intensives Studium der vielen Einzelbestimmungen erfordern. So wird der konkrete zu erwartende Bruttolohn sowohl von der Schülerzahl pro Klasse abhängig gemacht (je mehr Schüler, desto höher der Lohn), als auch von "Qualitätszuschlägen", die aus dem Budget der zuständigen Gemeinden kommen sollen. Die mittlere durchschnittliche Entlohnung für Lehrer in Lettland soll danach dann bei 829 Euro (brutto) liegen (siehe Bildungsministerium).

Offenbar wird in Zukunft die Entlohnung besonders der Beschäftigten in Kindergärten davon auch davon abhängen, ob sich die Einrichtung in einer ärmeren oder einer wohlhabenderen Gemeinde befindet. Der jetzige Regierungsbeschluß sieht vor, es den Gemeinden freizustellen den Lohnaufschlag zu zahlen oder nicht. Eine Taktik, deren Hintergedanken der zuständige Minister Šadurskis offen zugibt: "Nächstes Jahr sind Gemeinderatswahlen - und den Gemeindebürgermeister möchte ich sehen, der so mutig ist das vor den Wählern abzulehnen!" (lsm)

Die Gemeinden aber halten sich bisher mit entsprechenden Beschlüssen dazu zurück. Die 110 Gemeinden und 9 Städte Lettlands erhielten inzwischen alle einen Brief der lettischen Gewerkschaft für Bildung und Wissenschaft (Latvijas izglītības un zinātnes darbinieku arodbiedrība - LIZDA); darin versucht die Gewerkschaft ihren Standpunkt zu erläutern: eigentlich sei man für die Sicherstellung sämtlicher Einrichtungen aus staatlichen Mitteln, jedoch lasse der Regierungsbeschluss vom 5. Juli nun leider viele Möglichkeiten der Ungleichheit offen. Man habe außerdem Verständnis für die Bemühungen vieler Gemeinden um die Bildungseinrichtungen, wo deren Unterhalt bis zu 50% des Gemeindehaushalts ausmachen können. Allerdings sind nur 54% der Beschäftigten im Bildungsbereich Gewerkschaftsmitglieder - und vielleicht hoffen die einen noch auf schlichte Fortsetzung alter Lehrmethoden mit erhöhten Lohnansprüchen, während andere längst aus dem pädagogischen Bereich in andere Berufe "geflohen" sind, auch ins Ausland.

Einige Gemeinden wehren sich aber bereits dagegen, dass der Unterhalt der Kindergärten nun vielleicht ganz auf ihre Kosten erfolgen soll. "Wir in Daugavpils gibt es vier Kindergärten für Kinder mit geistigen und körperlichen Behinderungen, hierhin kommen aber Kinder aus der gesamten Region", erzählt Zane Isajeva, stellvertretende Leiterin einer dortigen Einrichtung, im Interview (lsm). "Wir müssten dann die Einrichtung bezahlen, die Materialien, Verpflegung - gar nicht zu reden von den Lohnkosten für die Pädagogen!" Die Gesamtausgaben für diesen Bereich werden in Daugavpils auf 840.000 Euro berechnet, dieses Jahr kämen 200.000 Euro dazu, die im Gemeindehaushalt bisher nicht vorgesehen sind.

Diese Diskussionen werden wohl in Lettland momentan keine Sommerpause haben.

3. Juli 2016

Langer Sommer, kurzes Jahr

Wenn in Lettland die Zeit der Mitsommerfeiern gekommen sind, liegen bei den Jüngeren die Gedanken an Schule und Prüfungen längst weit zurück - während in Deutschland zumeist der Ferienbeginn noch auf sich warten lässt. Mit insgesamt 17 Wochen pro Jahr - die Staatsfeiertage nicht eingerechnet - und 13 Wochen im Sommer am Stück, nahezu der gesamte Juni, Juli und August haben die Schulkinder Lettlands bisher die längsten Ferien in ganz Europa. Erst am 1.September treffen sich Schüler und Lehrer wieder, und feiern den Schulanfang in der Regel laut und fröhlich.

Zu lange Ferien?
Aber dieses sommerliche schulfreie Paradies ist wieder einmal in der Diskussion. Kārlis Šadurskis, seit Februar 2016 ins Amt als Bildungsminister zurückgekehrt (er war es zwischen 2002 und 2004 schon einmal), sieht sich vor die Aufgabe gestellt eine Reihe von Reformen im lettischen Bildungssystem durchzuführen. Neben dem Wunsch vieler kleiner Gemeinden, auch die relativ kleinen Schulen zu behalten, und dem Wunsch der Lehrerinnen und Lehrer nach höheren Löhnen und besseren Fortbildungsmöglichkeiten könnte auch eine Verlängerung des Schuljahres auf dem Arbeitsplan stehen.

Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung offenbarte außerdem bisher ungeahnte Schwächen des lettischen langen Sommers: dieses System trage dazu bei, die sozialen Unterschiede noch zu verstärken: bei sehr langen Lernpausen sollen demzufolge besonders das mathematische Verständnis und die Lesefähigkeiten nachlassen; das wurde damit erklärt, dass Kinder in besser gestellten Familien in den Ferien auch Museen besuchen, an Ferienlagern teilnehmen, oder Bücher lesen. Diese Studie wird bestätigt von den PISA-Studien, die einen großen Unterschied der Leistungen von Schülern aus wirtschaftlich besser gestellten und schwächeren Regionen feststellt - wie hoch der Prozentsatz an schlechter gestellten Familien ist, darauf weist schon die Tatsache hin dass 39% der Kinder (83.000) ein kostenloses Mittagessen in der Schule wahrnehmen ("IR" 13.4.16).

Ergebnisse einer Umfrage zu Freizeitaktivitäten lettischer
Jugendlicher (Quelle: Bildungsministerium)
Auch einige Unterrichtsfächer gelten als ausbaufähig; so der Sportunterricht - auch in Lettland gilt mangelnde Bewegung inzwischen auch bei Jugendlichen als Gesundheitsrisiko - daher mischte sich letztes Jahr auch schon der Gesundheitsminister ein, und schlug ebenfalls eine Verlängerung des Schuljahres vor (siehe: e-klase); allerdings hätte er die langen Sommerferien vielleicht nicht als "Überbleibsel der Sowjetzeit" brandmarken sollen - das stieß auf wenig Gegenliebe.

Voll gepackter Stundenplan
Aber ein Ausbau von Unterrichtsstunden ist im gegenwärtigen System kaum möglich: der Stundenplan reicht sowieso schon bis um drei Uhr nachmittags, danach gehen viele noch zum Sporttraining, Tanzen, zur Musik- oder Kunstschule, und schließlich noch Hausaufgaben.
Ferienzeiten in Europa
Auch neue Herausforderungen und Themen müssten zukünftig stärker eingebaut werden: von der Arbeit mit neuen Medien, Verkehrserziehung, Gesundheitsfragen. Weiterbildungen sollen ausserdem mehr Flexibilität der Unterrichtsmethoden erbringen - mehr interaktives Lernen für die Schüler, weniger Stress für Lehrerinnen und Lehrer.
Es gibt auch Schuldirektoren, die einer Verlängerung des Schuljahres schon deshalb zustimmen, weil es lettische Privatschulen sind, die zusätzlich zum Lehrplan auch bisher schon künstlerische Workshops, wissenschaftliche Untersuchungen in der Natur, oder Englisch-Sonderkurse anbieten.

Gegner einer Änderung argumentieren u.a. damit, dass die Sommerferien in Estland und Finnland, wo regelmäßig gute Schulleistungen festgestellt werden, nur wenige Tage kürzer sind als in Lettland. Andere wiederum wenden ein, es mache wenig Sinn, während der heißen und schwülen Zeit in Schulklassen zu sitzen, wenn es dort auch keine Ventilatoren oder Klimatisierung gäbe - diese Ansichten kann man wohl nur im hohen Norden Europas haben.
Und es gibt auch noch ein ganz anderes Argument: Eltern und auch Lehrer, die lange Schulferien dazu nutzen, um zusätzliche Jobs anzunehmen, etwa im Tourismus, um ihr eigenes Budget aufzubessern.
Die ersten Versuche, das Schuljahr in Lettland zu verlängern, wurden bereits unter Bildungsminister Māris Vītols (im Amt 1999 - 2000) gemacht; auch 2011 sahen die Pläne schon mal sehr konkret aus (siehe Blog). Im Moment deutet noch nichts darauf hin, dass es diesmal durchgesetzt werden wird - zu populär sind die langen Ferien bei den Schülern, zu unpopulär die Politiker.Ein echtes "Sommerlochthema".

30. Juni 2016

Quadratisch, würzig, lettisch

Nicht alle, die zu Sowjetzeiten mit neuen Produktideen die lettischen Verbraucher überzeugen wollten, haben es damit bis in die heutigen Zeiten geschafft; die "langen Chips" aus lettischer Produktion ("longchips", lettisch "plāksnes") sind aber ein Beispiel genau dafür. In der Kolchose "Padomu Latviju" (Sowjet-Lettland) fing es 1986 an. Bis auf eine weitere Fabrik in Weißrussland war der lettische Betrieb damals der einzige seiner Art in der Sowjetunion, der etwas wie die in deutschen Landen allseits präsenten "Chips" produzierte - er hat überlebt, mit einigen Wandlungen zwischendurch.

1990 wurde die Kolchose zunächst in eine Aktiengesellschaft überführt, um dann den Privatisierungprozess zu durchlaufen. Laimonis Radziņš, heute geschäftsführender Vorsitzender, wurde damals von den Arbeitern zum Betriebsleiter auserkoren. "Zunächst wurden wir von billigen Importartikeln überschwemmt," erzählt Laimonis der Zeitschrift "IR" in einem Interview, "alle wollten auch diese bunte Verpackungen haben, unsere Pappkartons beachtete keiner mehr. Um zu überleben, haben wir eine Zeitlang zusätzlich auch Brot gebacken - das brauchte auch damals jeder." So erklärt sich auch der erste Name des 1992 frisch privatisierten Unternehmens: "Beķeris" - der Bäcker. Neben dem Brotbacken behielt man auch die Chips-Herstellung bei. "Wir haben das solange gemacht, bis die Skandinavier auf dem Brotmarkt auftauchten," erzählt Radziņš. "Diese fluffigen, luftigen Brote hatte bis dahin bei uns niemand je gesehen - und unsere Klötze wollte dann niemand mehr haben."

Aus der damaligen Situation entstand ein Tausch mit einem belorussischen Partner: der Brotbackautomat wurde dort dringend gebraucht, und die Letten erhielten dafür eine Anlage mit der es möglich war, quadratische Chips herzustellen. Und siehe da: die Produkte kamen derart gut an, dass die Ausgangsmaterialien knapp wurden. Chips können ja auf unterschiedliche Art und Weise hergestellt werden: aus Kartoffelscheiben, denen die Stärke entzogen wird, und die dann in Öl erhitzt werden, danach kommen Gewürze dazu. Oder aus geriebenen und danach getrockneten Kartoffeln, die mit Wasser zu einer formbaren Masse gebracht werden, die dann wiederum in Öl gebraten und danach gewürzt werden. Die lettischen Hersteller von "Pērnes L", wie die Firma inzwischen heißt, machen es anders. Zwar ist Ausgangsmaterial auch eine Kartoffelmasse, aber die dünnen Plättchen durchlaufen direkt einen Ofen und werden dort in nur 10 Sekunden gebacken und dann mit Gewürzen bestreut. Es bleibt ein intensiver Geschmack - aber keine fettigen Finger nach dem Verzehr.

Ein echtes Ost-Produkt also, könnte man sagen; anfangs "belo-lettisch" erdacht. Für die Verpackung wurde ein Lieferant aus Italien gefunden. Von einigen der Kartoffellieferanten musste man sich trennen, nachdem herauskam, dass diese aus Mangel an genügend Kartoffeln einfach Stärke hinzugefügt hatten - bis die Kunden anriefen und erzählten, die Chipse seien nun hart wie Stein. Diese Waren musste vernichtet werden, inklusive der schönen italienischen Verpackung. "Ein Feuerchen, dass uns 25.000 Dollar gekostet hat", erinnert sich der Firmenchef heute.

Die Firma hat es überlebt, und legte dann mehr den Schwerpunkt auf die Entwicklung eines eigenen Labels, um die Wiedererkennung beim Verbraucher zu stärken. Gleichzeitig wurde begonnen Essig herzustellen, was die Firma auch heute noch macht. Seit dem Eintritt Lettlands in die EU wird auch in die USA, die Niederlande, nach Deutschland und in die Niederlande exportiert - und aus den Niederlanden kommen heute auch die Kartoffelflocken, mit denen produziert wird. Aus patriotisch-lettischer Sicht sicherlich nicht ideal - denn es könnte ja die Annahme bestehen, eine Firma mit Kartoffeln als Produktionsgrundlage müsse ja die lettische landwirtschaftliche Tradition nutzen können. Überlebensgrundlage dagegen war immer größtmögliche Flexibilität; neuestes Produkt ist jetzt auch Majonaise.

2005 kam dann die erste Teilnahme an einer Verbrauchermesse in Köln. Mit überraschendem Resultat: es gab Besucher, die voller Begeisterung erzählten auf der ganzen Messe nichts interessanteres gesehen und probiert zu haben. Voller Hoffnung kehrte man mit einem Stapel Visitenkarten nach Lettland zurück und wartete gespannt auf Bestellungen - doch dergleichen folgte nichts. Aber neben dem eigenen Selbstbewußtsein wuchs auch die Erkenntnis, mit den bisherigen Produktionsanlagen längerfristig auf dem Markt nicht bestehen zu können. 2009 schrieb man die ersten Anträge auf Mittel aus dem EU-Strukturfonds, inzwischen sind es schon sechs ähnliche Projekte. Es gibt neue Produktionsanlagen und eine Lagerhalle von 5000 m2. Die neuen Automaten zur Herstellung der Chips sind speziell auf die Produkte von "Pērnes L" abgestimmt - allerdings können Kunden auch Chipspackungen mit nach eigenen Entwürfen bedruckten Packungen bestellen. "Die längsten Chips der Welt" ist inzwischen der Slogan, oder, offiziell: "PERNES LONG Potato chips". Ein Produkt, in dessen Herstellung inzwischen insgesamt 10 Millionen Euro investiert wurde, mit dem Resultat, dass es inzwischen in 20 verschiedene Länder der Welt exportiert wird, darunter Südkorea, Japan, Hongkong, China, Südafrika, Kuweit und Katar. Der Umsatz liegt gegenwärtig bei 4,5 Millionen Euro (Angaben laut "IR" vom 23.3.2016), 70% davon kommt aus dem Export. Auf die "Longchips" wurde inzwischen Patent angemeldet, und so braucht man sich inzwischen nicht mehr zu verstecken hinter großen internationalen Marken wie "Lay's" oder "Estrella".Auch in den Regalen der Supermarktkette "Tesco" werden sich bald die Longchips finden.

Doch der englischsprachige Markenname scheint auch dazu zu führen, dass nicht jeder Verbraucher auf dem internationalen Markt es als "lettisches Produkt" noch identifiziert. Eine kluge Strategie? "Das hier war in unserem Supermarkt im Angebot," erzählt ein schwedischer Livestile-Blogger per Youtube seinen 'Followern', "etwas später habe ich es auch in Estland gesehen." Er dreht und wendet die Verpackung auf der Suche nach dem Hersteller - ohne Erfolg. "Hier steht eine Internetadresse auf der Verpackung, da müsste man mal nachsehen im Internet," meint er schließlich. "Vielleicht Estland, Lettland - jedenfalls irgendwo da im Osten."  Finnische, auch eine türkische Testesserin gibt es auf Youtube, sogar selbstgemachte Dipps werden dort empfohlen. Ein Mensch namens "Higgins", englischsprachiger Snackliebhaber, testet auf seinem Kanal "Japanisches" - und findet ... Longchips. Logischerweise finden sich auch japanische Fans problemlos im Netz.

Also: in Westeuropa noch verkannt, während der Rest der Welt längst lange dünne Plättchen knabbert? "Wir sind noch nicht am Ende unserer Produktionskapazität angelangt," betont Firmenleiter Radziņš im Interview ("IR"). Sobald es neue Bestellungen gäbe, könne man sofort liefern. "Eines will ja niemand: auf lange Chips lange warten."

14. Juni 2016

Kir-banal

Eigentlich begann mein Test lettischen Essens in Berlin ganz vielversprechend: „Sind Sie das erste Mal hier?“ nur wenige Schritte hinter der Eingangstür des „Kirsons“ im Einkaufszentrum „Alexa“ in Berlin empfing mich eine freundliche ältere Dame mit dieser Frage. „Hier in Berlin ja, aber in Riga war ich schon oft im Lido“ - ja, ich musste wohl so antworten. Denn es war ja klar: ich wollte nicht einfach „irgendwo essen“, sondern bisher gibt es in ganz Deutschland kein einziges gut erreichbares Restaurant, wo man zuverlässig wenigstens einige der aus Lettland bekannten leckeren Gerichte ordern kann. Ein paar Minuten blieben mir zum Umschauen, denn meine Antwort wurde zunächst Gesprächsthema der Angestellten untereinander. Dann wieder ich, so mutig wie möglich: „Und was gibt’s hier an lettischem Essen?“

Die vermeintlich einfache Frage erzeugte verschämte Zurückhaltung. Nun, was fällt mir beim Stichwort „lettisches Essen“ ein? Vielleicht Pirāgi, Maizes zupa, oder Rosols? Gegrillte Stilbiņi, meža cūka, nēģi? Nichts davon bietet Kirsons. Hm. Zumindest auf den ersten Blick. Dann entdecke ich Pfannkuchen, in typisch lettischer Art und Weise. Aber mit Käse gefüllt, wie hier angepriesen? Zum Glück gibts auch eine Version mit Quark. Erdbeersoße dazu – na gut, nehmen wir das mal für lettisch. Dazu ein Tellerchen Möhrensalat – nach Art, wie ich es so viele Male in lettischen Ēdnīcas gesehen und gegessen habe. Ein Möhrentag für mich – auch im später ausgewählten Kuchenstück gibt es Wurzeln (der Kaffee: italienisch).

Eigentlich stehen hier mehr Tische draußen als drinnen – aber draußen, nur wenige Schritte entfernt, gibt es eine Eis- und eine Bratwurstbude. Werden sich die Deutschen davon weg, und hinein ins “Kirsons” locken lassen? Ich zweifle. Na gut, es ist 16 Uhr, keine typische Mittagszeit, was die allgemeine Leere erklären könnte. Die Tische selbst scheinen schon etliche Jahre im Einsatz gewesen sein: etliche der aufgemalten, vermeintlichen volkstümlichen Muster sind bereits stark abgeblättert und verblasst, ein Teil der Stühle wirkt wie aus einem alten Bistro zugekauft. Was denn, Herr Kirsons, nicht genug Geld gehabt für die Investition? Doch zurück zum Essen: der Pfannkuchen ist hervorragend. Oder bin ich parteiisch, da es mir hier einfach “wie in Lettland” schmecken soll? Der Möhrensalat ist eine Überraschung: statt saftig-fruchtig, wie aus Lettland gewohnt, kommt er hier mit Sonnenblumenkernen und jeder Menge Knoblauch daher. Der Möhrenkuchen dagegen gibt schon eine Ahnung davon, wie Gebäck auf der Grundlage guten lettischen Brotes schmecken könnte – nur das kleine Mörchen oben drauf, als Verzierung gedacht, scheint schon drei Tage vor dem Kuchen zubereitet worden zu sein (bretthart).

Neu im Straßenbild Berlins: hinter dem blau-gelben
Schild beginnt die Spurensuche nach Lettischem ...
Nun ja, es gibt ja zwei Chancen in Berlin. Nie hätte ich es mir vor Jahren träumen lassen, dass ich einmal angesichts des Straßenschilds “Rudi-Dutschke-Straße” lettisch essen würde; der zweite “Kirsons” entpuppt sich als wesentlich geräumiger, ruhiger, und sorgfältiger eingerichtet (während ich esse, schraubt ein Angestellter auf leisen Sohlen noch schnell einen Kleiderhaken in meiner Nähe in die Wand). Nächste Überraschung: es empfängt mich dieselbe Dame wie in Filiale Nr. 1. Offenbar Schichtwechsel, und ein vertrauter Moment, in dem ich es wage, leise Anregungen zur Verbesserung anzubringen: bereits zwei Wochen sind seit der Eröffnung vergangen, immer noch scheint niemand der Schreibfehler auf dem Werbeflyer für das “Angebot des Tages” aufgefallen zu sein. “Du nicht sprechen Deutsch?” Lettische Variante.

Lettisches Interior á la "Kirsons"
Nein, man bemüht sich wirklich. Sorgfältig wird mir erklärt, welche der Zutaten aus Lettland importiert werden (die Sahne!). Und: ich entdecke doch noch etwas mehr aus Lettland bekanntes: geräuchertes Huhn, lettisches Sauerkraut. Die “baltische” Wurst dagegen lasse ich liegen, das lettische Bier ist – obwohl auf der Karte – noch nicht im Angebot. Ein leckerer Limonen-Pfefferminz-Drink ersetzt es vorerst, vorzüglich. Das Huhn schmeckt ebenfalls excellent. Beim Sauerkraut, vermute ich, ist wohl der Kümmel entfernt worden – na ja, auch ich kenne einige Leute, die keinen Kümmel mögen; Angst vor dem Massengeschmack.
Gesättigt verlasse ich das Lokal, und ernte überraschend viel Interesse, als ich Bekannte, allesamt Berliner, am nächsten Tag “lettisch” einladen will. Allerdings: wir haben nicht damit gerechnet, dass “Kirsons” vorerst am Wochenende schon um 18 Uhr schließt – ob das mit Ankunft des Bierausschanks dann anders werden wird? Bei uns wird dann - im zweiten Anlauf - ein Sonntags-mittäglicher Ausflug daraus. Mit allerseits zufriedenen Gesichtern. Lettische Backkartoffeln, das bereits vorgetestete Hühnchen, und Moosbeerensaft tun das ihre dazu, auch der Kuchen erntet Anerkennung.

Es wird sich herausstellen müssen, ob das Konzept "Kir-Banal" (lieber nicht zu viel Lettisches, erstmal deutsche Durchschnittsesser anlocken) aufgeht. Die Locations sind beide exklusiv, die externen Zuschüsse für den Betrieb werden bald aufgebraucht sein. Ich bin gespannt auf weitere "Speise-Eindrücke".

27. Mai 2016

Spargel-Lette

Die lettischen Medien vermelden Sensationen auch von der lettischen Landwirtschaft: da probiert doch tatsächlich ein lettischer Landwirt, nahe des nordöstlichen Örtchens Gulbene soll sein Hof liegen, Spargel anzubauen. Kein Hanf, Buchweizen, graue Erbsen? Nein, es ist tatsächlich dieses Stangengemüse, dem Norddeutsche eine ganze "Saison" widmen - viele Letten aber noch nie probiert haben. Dvaits Spuriņš - seinem Namen kann man vielleicht auch noch die Vorliebe fürs US-amerikansiche ablesen (Eisenhower?) - Herr Spuriņš ist also dem Spargel auf der Spur. Eigentlich handelt er mit Autoreifen - aber Freunde von der schwedischen Insel Gotland sollen den Letten auf den Geschmack gebracht haben. Zusammen mit einem schwedischen Kompagnon willl es Spuriņš demnächst in Riga auf dem Kalnciema-Markt versuchen, auch Käufer für seine Produkte zu finden: den Kalniena-Spargel.

Die Tatsache eines lettischen Spargelbauern allein ist offenbar den lettischen Medien schon Sensation genug (lsm, IR, db). Spargelbauers Frau Agnese wurde mit der Aufgabe betraut, den lettischen Spargel auch Restaurants anzubieten, und erntete, eigener Aussage zufolge, überraschend positive Reaktionen. Sie selbst wirkt noch eher zögerlich, ob ausgerechnet Spargel in Lettland Geschäftserfolg bringen könnte - aber ihr Mann bemüht sich um Kontakte in Schweden, Norwegen und Finnland, wo, wie er überzeugt ist, viele Spargel-Liebhaber leben. "Aber ob das funktioniert, das werden wir wohl erst in drei, vier Jahren sehen," meint er.

Eigentlich ist Spargel-Lette Dvaits Spuriņš "rīdzinieks", also überzeugter Städter und Rigenser. Das Stückchen Land in Kalniena bei Gulbene gehörte seinem Schwiegervater. 2014 fiel der Entschluß, es mal mit einem Hektar Spargel zu versuchen. Inzwischen ist die Webseite der Firma offenbar auch zu so etwas wie einer lettischen Spargel-Infostelle geworden: nicht nur Spargelrezepte und Produktangebote sind hier zu finden, sondern es finden sich Infos auch zur Geschichte des Spargelanbaus, seinen Inhaltsstoffen, dem Wurzelsystem und den Unterschied zwischen grünem und weißem Spargel wie männlichen und weiblichen Pflanzen. Auch Tipps zur Standortwahl, zur Düngung, Erntemethoden und zur Sortenauswahl finden sich hier - ja, sogar Hinweise zur Auswahl des richtigen Weines zum Spargel gibt es (in Deutschland sei es mehr Riesling und Silvaner, in den Niederlanden Elsässer Wein, in Frankreich und Italien eher Chardonnay, meint Dvaits).

Momentan werden allerdings erst Proben für potentielle Kunden verteilt. Frei zu kaufen wird es "Kalniena-Spargel" erst 2017 geben. Für Dvaits Spuriņš ist es eine Geschichte, die nun schon über 25 Jahre andauert: 1989 ging er zunächst als Bauerbeiter nach Schweden, erste Kontakte waren Verwandte seiner Frau. Über die Jahre versuchte er es mit allerlei Geschäften: als Schweißer, Bauarbeiter, Gewürz- und Handyverkäufer.
Vor zehn Jahren hieß es noch: "Spargel ist teuer, schwer zu bekommen und kompliziert anzubauen" (Journal "Māja", 4.5.05). Inzwischen könnte Spargel auch zum Trendgemüse für Gesundheitsbewußte werden - und vielleicht ist der Satz zumindest nicht mehr in allen drei Punkten richtig. Es wird wohl vorwiegend der grüne Spargel sein, den auch deutsche Gäste auf einem lettischen Markt erstehen können. Sollte es so weit sein, muss ich meinen lettischen Bekannten unbedingt noch mal Grünkohl zu essen servieren ...

12. Mai 2016

Ungeliebte Tierchen

2700 Menschen erkrankten in den vergangenen 10 Jahren in Lettland an Enzephalitis - so ist es einem Bericht der lettischen Zeitschrift "IR" zu entnehmen. Sogar 19 Todesfälle sind zu verzeichnen. Das alles steht mit den kleinen Tierchen in Zusammenhang, die gewöhnlich im Sommerhalbjahr zur Last für Liebhaber von Frischluft, Landleben und Sonne werden können: die Zecken.
Dabei sind es sogar zwei verschiedene Arten, die sich auf dem Gebiet Lettlands finden: Ixodes ricinus, auch "Gemeiner Holzbock" genannt, und Ixodes persulcatus, die "Taiga-Zecke".

Auch in Deutschland wurden bereits 141 Landkreise (davon 123 in Bayern und Baden-Württemberg) als FSME-Risikogebiete ausgewiesen, meldet das "Deutsche Ärzteblatt". In Deutschland gab es 2014 etwa 265 klinische Fälle von FSME-Erkrankungen (siehe zecken.de). Fachleute schätzen das Risiko, bei Kontakt mit einer infizierten Zecke an FSME zu erkranken bei 1 : 150.

Leitsatz der lettischen Ärzte: Enzephalitis
ist kein Schicksal - es gibt die Impfung!
In Lettland werden Kinder inzwischen kostenlos geimpft; die lettischen Behörden meldeten zuletzt besonders hohe Befallraten in folgenden Gemeinden: Alsunga, Pāvilosta, Ventspils, Kuldīga, Pārgauja, Engure, Dundaga, Kocēni, Lubāna, Vaiņode, Rucava, Skrunda, Kandava, Amata, Baldone, Talsi, Vārkava, Mērsrags, Aizpute, Sēja, Rugāja, Priekuļi, Durbe, Mālpils, Grobiņa und Roja. Bei den Impfstellen in Lettland sind momentan zwei verschiedene Impfstoffe verfügbar: das in Deutschland hergestellte "Encepur", dem manche Arzneimittelkritiker eine bessere Verträglichkeit bescheinigen als "Ticovax" aus Österreich (siehe "Arzneitelegramm", "Ärzteblatt", "Dr. Martin Hirte").

Lettische Ärzte warnen vor gestiegener Aktivität von Zecken: schon die Klimaerwärmung sorge für stärkere Zeckenaktivität, fast das ganze Jahr über. Na denn: immer schön Hosenbeine in die Socken stecken, und trotzdem einen schönen Sommer!

3. Mai 2016

Aufgehübschter Gemäldetempel


Das Nationale Lettische Kunstmuseum in Riga strahlt
ab sofort wieder in frischem Glanz
Der Rigaer Arzt Nikolaus Himsel, geboren 1729, lebte eigentlich nicht lange, um wirklich etwas Entscheidendes für seine Geburtsstadt bewegen zu können - er war Stadtarzt, starb aber selbst im Alter von nur 35 Jahren an einer Infektion. Viele seiner Vorfahren waren Mediziner oder Apotheker gewesen, er selbst wollte lieber reisen, als die familiäre Apotheke zu hüten. 1751 errang er seinen Doktorgrad. Seine Leistung war es dann, dass er eine volle fünf Jahre andauernde Reise penibel genau dokumentierte: in drei dicken Büchern schrieb er seine Reiseeindrücke nieder. Er besuchte 1752-1757 unter anderem Österreich, Hamburg, Lübeck, Bremen, Holland, Frankreich, England, die Schweiz, Italien, Dänemark, Schweden, und St. Petersburg.Er brachte auch Bücher und Kunstwerke von seinen Reisen mit, Instrumenten der Physik und Optik, Präparaten der Anatomie - und einige Jahre später bildeten seine Sammlungen die Grundlage für gleich mehrere heute in Riga existierende Museen: das Rigaer Museum für Stadtgeschichte und Schifffahrt, das Naturkundemuseum, und auch für das Lettische Nationale Kunstmuseum - seine Mutter schenkte, entsprechend dem Vermächtnis ihres Sohnes, die Sammlungen der Stadt Riga. Erstmals ausgestellt fürs Publikum wurden Himsel's Schätze im Jahre 1773 in Räumen des damaligen Anatomietheaters, wo Vorlesungen über den menschlichen Körper und über Heilkunde stattfanden. Dieses "Himsel-Museum" wurde damals nicht nur zum ersten Museum in Riga, sondern des ganzen "Baltikums".

Die Kunstwerke dieser Sammlung wurden ab 1816 erstmals gesondert gezeigt, ab 1866 wurde eine Rigaer Stadtgalerie gegründet, 1870 der Rigaer Kunstverein. Das Gebäude an der Krišjāņa Valdemāra iela wurde 1903-05 im Stil des Historismus gebaut; Architekt war Wilhelm Neumann, der auch Kunsthistoriker war und 1905 zum ersten Direktor des Museums wurde. Die Fassadenskulpturen stammen vom Bildhauer August Voltz, in der Eingangshalle und an den Treppengeländern gibt es Jugendstilelemente, und die Halle des Obergeschosses schmücken sechs halbkreisförmige Gemälde des lettischen Malers Vilhelms Purvītis und des aus Estland stammenden deutsch-baltischen Künstlers Gerhard Paul von Rosen.

der rote Teppich ist ausgerollt: ab dem 4.Mai
wartet ein optimiertes und verschönertes Inneres
die Besucherinnen und Besucher des lettischen
Kunstmuseums

Kunstfreunde in Riga musste leiden - war doch 2014 Riga Europäische Kulturhauptstadt, aber das größte Kunstmuseum der Stadt musste wegen Renovierung schließen. Nun geht es also wieder los: auf zwei Etagen wird es ab dem 4.Mai eine Ausstellung von "Lettischer Kunst des 19.-20. Jahrhunderts" geben, erstmals wird auch Besuchern eine eigene App fürs Handy und virtuell mögliche Rundgänge angeboten werden. Auch ein neues Café und ein Souvenirshop werben um Besucher -  somit kann der 4.Mai, der Jahrestag des Beschlusses zur Erneuerung der lettischen Unabhängigkeit im Jahre 1990, dieses Jahr auch in neuen Räumlichkeiten begangen werden.

Die Rekonstruktion in Zahlen (siehe Delfi.lv): aus 3909 m2 Ausstellungsfläche vorher wurden 8396 m2 - auch durch einen neuen unterirdischen Bereich. Gekostet hat das Projekt 29,8 Millionen Euro, davon hat 16,751 Millionen Euro die Stadt Riga aufbringen müssen, der Rest stammt aus Strukturfondmitteln der Europäischen Union. Etwa 5000 Spezialisten verschiedener Fachgebiete waren am Projekt beteiligt. Es wurden 8704 m3 Beton und 1541,5 t Metall verbaut, 114 Fenster, 51 historische Türen und 515 m2 Holzpaneelen restauriert.

21. April 2016

Lettland - Drohnenland

Auch in weniger dicht bevölkerten Ländern als Deutschland rufen die neuen Spielzeuge am Himmel zunehmende Sorgen hervor. "Lettland - eine Drohnengroßmacht" titelte die Tageszeitung "Latvijas Avize" vor einer Woche, und listete die verschiedenen Einsatzgebiete der mehr oder weniger kleinen Flugapperate auf. Vielleicht lässt sich sogar der Reihenfolge nachvollziehen, die dort vorgegeben ist - als lettische Prioritätenliste.

“Drones technology”, “UAV Factory”, “Rīgas dronu fabrika”, “UAV Tools”, “AirDog”, “Aerones”- das sind nur einige der Firmen, die sich in Lettland nur mit der Herstellung der Flugapperate beschäftigen. Viele davon sind "Start-up's" junger Leute, und die lettische Presse - auf der Suche nach nationalen Erfolgsgeschichten - berichtet deshalb gern darüber.
So sehen Träume von Drohnenherstellern aus ...
Überall werden unterschiedliche Modelle vorgestellt, meist mit Foto und in einer Art und Weise, als ob "Männerspielzeug" beworben wird. 85 Angestellte hat, einem Bericht bei TVNet zufolge, "Ventspils elektronikas fabrika", die als Tochter der "Hansamatrix" das Modell "Air Dog" herstellen möchte, eine Drohne die damit wirbt automatisiert Sportlern, Autos und anderen beweglichen Objekten zu folgen und diese "in Aktion" von oben zu filmen. Für Agris Ķipurs, einem der Projektverantwortlichen, war dies offenbar vor allem eine Frage der Durchsetzung gegen andere lettische Firmen - und finanziell enorm wichtig, da die Firma zuletzt einen Umsatz von 1,4 Millionen Euro auswies, aber auch 103.000 Euro Verluste (TVNet). Die fertige Drohne wird gegenwärtig für 1600 US-Dollar angeboten (AirDog Shop).

Dem entsprechend wirbt auch schon Aivars Lembergs, Bürgermeister von Ventspils, mit der "Drohnenindustrie", und rechnet mit insgesamt 70 Arbeitsplätzen für seine Stadt (TVNet); das Projekt soll mit Fördermitteln der EU und der lettischen "Investitions- und Entwicklungsagentur LIAA" (Latvijas Investīciju un attīstības aģentūra) realisiert werden.

Dem gegenüber stellt Raivis Šveicars in der "Latvijas Avize" eher den Nutzen von Drohnen für die Landwirtschaft heraus; langfristig könne ein Drohneneinsatz die Kosten um 40% vermindern und den Ertrag um 15% steigern. Angebllich soll das Flugobjekt dann auch noch Ackerstellen ausmachen können, die zu wenig gedüngt wurden, oder Pflanzen punktgenau ausweisen, wo Krankheiten sich auszubreiten drohen. Er beruft sich dabei allerdings nur auf Werbeaussagen - und Firmen, die aus nicht viel mehr als Facebook-Selbstdarstellungen und schönen animierten Fotos zu bestehen scheinen. Erstaunlich ist dann auch die Aussage, dass die Drohnenhersteller vor allem auf den Verkauf im Ausland hoffen; und das liegt nicht nur daran, dass lettische Kaufinteressenten vielleicht nicht das nötige "Kleingeld" für solche Anschaffungen haben. Nein, die lettische Regierung ist vielmehr schon dabei, genaue gesetzliche Regeln für den Einsatz von Drohnen auszuarbeiten, und die Hersteller wollen abwarten, wie diese ausfallen.

Die Umweltschutzämter der Gemeinden Rēzekne und Krustpils dagegen können schon auf praktische Erfahrungen verweisen, denn im Dezember 2015 investierte man dort 4228 (bzw. 3524) Euro in ein solches unbemanntes Flugobjekt (Latvijas Avize). Gegenwärtig übt man noch den praktischen Umgang mit dem Gerät. Erste Rückmeldungen von dort betonen, es sei wichtig dass die Geräte in diesem Fall völlig geräuschlos fliegen, also weder jemanden stören noch - in vielen Fällen - überhaupt bemerkt werden.

Die Hersteller von "Aerones" dagegen denken eher an Extremsportler, und haben ihre Produktentwicklung sogar auf die Entstehung einer neuen Sportart abgestimmt: bisher war von "Snowboarding" die Rede, jetzt soll es "Drohnboarding" werden (siehe Werbefilm). Bis zu 100kg Lastgewicht soll so ein Gerät - das allerdings auch bis zu 37kg schwer sein kann - bewältigen können.

Im Hinblick auf mögliche neue, eher beschränkende Gesetze blicken lettische Drohnenfans auch nach Großbritannien, wo es für jeden, der eine Drohne fliegen lassen möchte offenbar bereits Vorschrift ist, bei der zuständigen Behörde (“Civial Aviation Authority”) eine Zulassung dafür zu beantragen. Kosten: mindestens 2000 Euro. Bewohnten Orten dürfen die fliegenden Kameras sich in GB nicht mehr als 150 Meter nähern, Einzelpersonen und Häusern nicht näher als 50 Meter - und auch niemand überfliegen (im Falle von Verstößen sind sogar Gefängnisstrafen möglich). Kindern ist die Nutzung komplett verboten.

Vieles vom Rest ist Spielerei. Im Internet sind bereits Filmchen zu sehen, wo Hunde oder Katzen mit Drohnen spielen, der Grill damit befrischluftet wird, oder getestet wird wie viele Trauben, Banenen oder Bratwürste eine fliegende Drohne zerteilen kann. Abgesehen von Schäden, die durch fehlende Sensibilität gegenüber Mitmenschen oder der Natur versursacht werden können, droht lettischen Drohnen noch eine andere Gefahr: in den Kaufhäusern und Supermärkten sind bereits die ersten Geräte aufgetaucht, die schon ab 15 Euro erstanden werden können.

In Deutschland sollen insgesamt angeblich bereits 400.000 Drohnen unterwegs sein - so Luftfahrtjournalist Andreas Spaeth in der Sendung "Markus Lanz". Der Beinahe-Unfall des Skirennfahrers Markus Hirscher und die Warnmeldungen von vielen Flughäfen, wo unkontrolliert fliegende Drohnen zur echten Gefahr für die Luftfahrt werden, markieren ebenfalls den Trend. "Wir verkaufen ja nur die Technologie, den Rest bestimmt der Gesetzgeber" - so war in dieser Woche ein deutscher Firmenvertreter im deutschen Fernsehen. Nicht ohne hinzuzufügen: "Wenn es immer weitere Regeln gibt, ist das nicht sonderlich förderlich fürs Geschäfts."
Sei's drum: Lettland ist unter anderem für seine Naturlandschaften bekannt, weiträumige Wälder, Strände oder Flußlandschaften. Den Tieren und der Umwelt ist zu wünschen, dass sie nicht bald gegen "nicht-tierische Konkurrenten" am Himmel kämpfen müssen, und uns allen, dass die sprichwortliche "Ruhe der Natur" erhalten bleibt. 

10. April 2016

Oh, wer braucht schon Panama?

In Kenntnis der Verhältnisse in Lettland mögen sich vielleicht manche Beobachter beim Stichwort "Panama-Papiere" gedacht haben: Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor! Schließlich war die Parole "bei uns können Sie Steuern sparen!" doch jahrelang die Parole lettischer Politiker, die hofften, "Leute mit Geld" ins bis dahin international völlig unbekannte Lettland zu holen. Oder, aus der umgekehrten Perspektive beschrieben: in dem jahrelang andauernden Prozess zwischen staatlichen Betrieben und Kolchosen und entweder der Rückerstattung von Eigentum, dem Versuch der allgemeinen Zugänglichmachung mittels "Zertifikaten", der Bildung "geschlossener" Aktiengesellschaften oder dem Aufkauf von Anteilen durch Firmen und Privatpersonen aus dem Ausland - diese Vorgänge dauerten zumindest die gesamten 1990iger Jahre.

Geld wuchs in Lettland auf den Bäumen
Aber einschlägig wegen umtriebigen Geldschiebereien aus diesen Jahren bekannte Personen können so gut wie sicher sein, dass ihnen kaum noch etwas anhaften bleibt (zumindest nichts, was für Gefängnisstrafen ausreichend wäre). Es waren Zeiten noch ohne Internet damals, und es reichte, wenn einerseits verräterische Papiere rechtzeitig verschwanden, und andererseits eventuelle Mitmisser im richtigen Augenblick zu Tode kamen. Heute fragen lettische Kommentatoren nur noch: "Wo verstecken die lettischen Oligarchen ihr Geld?" (siehe Māris Antonevičs in "Latvijas Avize") Fragen wie "Wie kamen eigentlich diese vorher so unscheinbaren Leute plötzlich zu so viel Geld, und wem haben sie das abgenommen?" werden nicht mehr gestellt. Längst hat man sich daran gewöhnt, dass die Wendezeit allzuviel Raum bot für halblegales und noch nicht gesetzlich Festgelegtes - für Unmoralisches sowieso. Figuren wie Ainārs Šlesers, Andris Šķēle oder Aivars Lembergs haben längst ihr in den 90igern zusammengebasteltes finanzielles Vermögen in Sicherheit gebracht oder "legalisiert" - wenn auch nicht alle Träume nach politischer Einflußnahme in Erfüllung gingen; alle drei träumten von politischen Spitzenämtern, alle drei agieren offenbar mit dem Selbstbewußtsein, die Nation müsse ihnen dankbar sein. Wenn heute zum Beispiel Bürgersteige und Einkaufszonen in Ventspils von Lembergs selbst finanziert werden, dann fragen nur noch wenige nach seinen zwielichtigen Geschäften der Vergangenheit, sondern es herrscht eher die Meinung vor: "Ja, vielleicht hat er auch falsche Dinge getan - aber er ist ja einer von uns, und es kommt uns zu Gute!" - "Füttere mit dem erworbenen Reichtum nur rechtzeitig auch andere", so könnte die lettische Logik heißen. Kritiker solchen Gebahrens werden dann regelmäßig verdächtigt, eben einem der anderen (beiden) Lager anzugehören. So ließ sich bisher gut leben in Lettland - die eigenen Anhänger loben ihre Finanzgeber immer mal wieder als angeblich ideale Führungsfiguren aus: wenn nicht mindestens Regierungschef, dann Präsident.

Ist also Panama völlig ohne Belang in Lettland? Ist auch die Frage "wo haben die Oligarchen ihr Geld" nur eine rhetorische Frage? Es scheint fast so, angesichts der Genüßlichkeit, mit der lettische Medien herausstellen, wie sehr Personen aus dem Umfeld des russischen Präsidenten Putin in die Sache verstrickt sind. Auch das ist ein gern gegangener Entlastungsweg: wenn nur "den Russen" einiges angelastet werden kann, sind "unsere" ja doch weniger Schuld - vielleicht standen sie ja unter deren Einfluss.
Aber werden denn in lettischen Medien überhaupt Namen genannt, die in "Panama-Papieren" auftauchen? Die öffentlich-rechtliche LSM stellt es so dar, als sei Lettland das am wenigsten betroffene Land der baltischen Staaten: nur 10 Kunden aus Lettland, plus 21 Begünstigte hat man hier gefunden - im Gegensatz zu 33 Firmen, 2 Kunden und 3 Begünstigten aus Litauen, und sogar 880 Firmen, 2 Kunden und 3 Begünstigten aus Estland. Andere Quellen nennen allerdings höhere Zahlen lettischer Betroffener (z.B. Mixnews)

Tennisstars, Ölbusiness und Airlines
Dennoch sind die wenigen Namen mit lettischem Bezug nicht uninteressant. International der bekannteste ist vielleicht Tennisspieler Ernests Gulbis, zusammen mit seinem Vater Ainārs Gulbis, der als Investment-Banker und Finanzier der Karriere seines Sohnes bekannt ist, gelegentlich bei Turnieren auch als recht hitzköpfig auffiel (siehe Heute.at). Gulbis gab inzwischen zu, 1990 Anteile an einer Firma in Panama erworben zu haben; er habe sich in Lettland mit seinen Anteilen an der Software-Firma SWH nicht sicher gefühlt, daher habe er das damals über die Panama-Connection absichern wollen. 
Dass Aivars Lembergs plus Tochter Līga in Panama Geschäftsbeziehungen pflegt (allein acht verschiedene Firmen werden genannt, hinter denen Lembergs stecken soll), war einigen in Lettland bereits bekannt, da in Lettland immer noch verschiedene Gerichtsverfahren gegen ihn laufen und daher laufend ermittelt wird.
Auch von den finanziellen Schwierigkeiten von Gunārs Ķirsons, dem Inhaber der LIDO-Gaststättenkette, hatten die meisten schon gehört; auf 21 Millionen Dollar wurden 2010 seine Schulden geschätzt - in Lettland musste Ķirsons einiges von seinem Besitz verkaufen, und offenbar hatte er auch noch Geld in drei verschiedenen Firmen in Panama.

Von Brisanz ist auch das Auftauchen des Namens Ralf-Dieter Montag-Girmes in den Panama-Papieren; gerade erst hat er die lettische Fluglinie "Air Baltic" mit 52 Millionen aus der Patsche geholfen. Aber Montag Girmes ist mit seiner ARQ Holdings auch eh eher Berater für größere Finanztransaktionen als Flugverkehrsspazialist - also kein Wunder, dass auch er in Panama einige Hände mit im Spiel hat. Außerdem brächten die Panama-Papiere aber auch Einblicke in seine intensiven Geschäftsbeziehungen mit Russland.

Aber insgesamt erfreuen sich lettische Presse wie auch politische Beobachter eher an den deutlicher gewordenen Interna rund um Putins Finanzkartell, als an Intrigen lettischer Unternehmer mit Offshore-Konten. Von Lembergs abgesehen, hat die "Panama-Papiere" bisher für die lettische Politik nichts überraschend Neues gebracht - wie gesagt, vor 20 Jahren galt es noch anders herum, als die Devise scheinbar hieß: wer braucht Panama? Die Tricksereien haben wir alle selbst gemacht!

21. März 2016

Trotzköpfe im Drugstore

Seit Anfang März die russische Tennisspielerin Maria Scharapowa ihr eigenes Doping-Outing vor der Presse verkündete, macht in der Presse ein Schlagwort die Runde, das bisher nicht bekannt war, weil es erst 2016 auf die Liste der für Sportler verbotenen Stoffe gesetzt wurde: Meldonium. Gleichzeitig überraschte aber auch die Tatsache, dass Scharapowa nicht etwa behauptete, sich in Unkenntnis mal versehentlich mit diesem Mittel versorgt zu haben, sondern es bereits seit fast 10 Jahren einnehme (siehe "Focus", Süddeutsche", "Die Welt"). Damit sieht es eher aus wie ein typischer Fall all jener Hochleistungssportler, die immer wieder willige Ärzte finden um ihren eigenen Körper als Sonderfall darzustellen; für den Laien schwer verständlich, denn eigentlich wäre es viel logischer, dass ein gesunder, gut trainierter Körper die besten Leistungen bringen kann - und nicht ein Körper in Schieflage, der durch Geburtsfehler, angeborene Schwächen oder durch schlecht verheilte Krankheiten verursachte "Macken" dauerhaft notdürftig funktionsfähig gehalten werden muss.


Erfolgreiches Exportprodukt
Sei es wie es sei: Meldonium jedenfalls wird in Lettland hergestellt. Und was sagt die Herstellerfirma "Grindex" dazu, ihr Medikament nun in so negativen Schlagzeilen zu sehen? Man macht allen Ernstes eine Werbekampagne daraus. Dazu reichen ein Tennisball und der Spruch daneben: "Erfunden und hergestellt in Lettland - in der ganzen Welt berühmt."

Lettland, Top-Zulieferer fürs Dopingparadies? Die 'World Anti-Doping Agency (WADA)' hat unser Mittel völlig zu unrecht auf die Dopingliste genommen", verkündet die Firma in einer Pressemeldung. Man habe von der WADA keine schlüssige Erklärung bekommen. Eines würde sich jedenfalls auch durch die Einstufung von Mildronat als Dopingmittel nicht ändern: der Stoff (auch Meldonium, Quaterin, THP oder MET-88 genannt, lettisch Mildronāts, russisch Мельдоний) sei eine hoch qualitative, sichere und effiziente Medizin. Das Medikament ist frei erhältlich und erfreut sich breiter Anwendung in der klinischen Praxis. Das Mittel sei lediglich therapeutisch anzuwenden, verteidigt sich der Hersteller, verbessere aber nicht die sportliche Leistung. Daher steht auch in den Grindex-Packungsbeilagen nicht "vermeiden Sie das Mittel, wenn Sie Leistungssport betreiben", sondern es wird lediglich vor Einnahme im Fall von Nieren- oder Leberdisfunktion gewarnt, abgeraten wird Schwangeren und Kindern unter 12 Jahren.

Kränkelnde Helden
Hajo Seppelt, bereits seit Jahren in Sachen Doping recherchierender WDR-Journalist, sieht die Sache kritischer. Filme wie "Geheimsache Doping" versuchen nachzuweisen, dass in vielen Ländern der Welt systematisches Doping an der Tagesordnung ist. Mildronat wurde eigentlich vor allem bei Fällen von Angina pectoris und Herzinfarkt vorgesehen. "Es ist immer wieder erstaunlich, wie krank die Sportler sein wollen, wenn es an die Beichte nach Dopingfunden geht", argumentieren die Dopinggegner (Scharapowa hatte die Verwendung u.a. damit begründet, sie leide unter einer chronischen Gruppe-Anfälligkeit, und ih ihrer Familie gäbe es einige Diabetes-Fälle (siehe "nolympia"). Eine sachliche Darstellung versucht die "Deutsche Apotheker-Zeitung" - die Schlußfolgerung ist aber auch hier klar: "Doper wollen mit Meldonium ihre Belastbarkeit erhöhen und die Regeneration verbessern." Für den medizinischen Einsatz zugelassen seien die Mildronate außer in Lettland und Russland auch in der Ukraine, Georgien, Kasachstan, Aserbaidschan, Belarus, Usbekistan, Moldawien und Kirgisistan.

Ein Effekt der neuen Bekanntheit der Substanz wird aber von Gegnern wie Herstellern nicht verschwiegen: der Absatz von Mildronat ist seit der Presseberichterstattung erheblich gestiegen - was ja nicht gerade für massenhaft medizinisch korrekte Verwendung spricht.

Aber manche Letten sehen sich offenbar durch die Negativ-Schlagzeilen bei ihrer persönlichen Ehre gepackt. "Je suis Mildronāts!" verkündet Lettlands Ex-Wirtschaftsminister Vjačeslavs Dombrovskis gegenüber der Tageszeitung "Diena". Nun ja, Merkwürdigkeiten und individuelle Alleingänge bietet die lettische Politikszene ja reichlich - aber ein Dopinghersteller zu verteidigen, wie andernorts Terroropfer?

Empfehlungen vom Erfinder
Um das zu verstehen, muss man Biochemiker Ivars Kalviņš kennen, der Mann, der Mildronāt erfand. Dazu müssen Interessierte sogar im deutschsprachigen Internet nicht weit suchen: 2015 war Kalviņš für den Europäischen Erfinderpreis nominiert (in diesem Fall steht EPO nicht schon wieder für eine Dopingsubstanz, sondern fürs "European Patent Office"). Und wofür sollte er belobigt werden? Genau, für nichts anderes als für "Mildronāts" (in der Kathegorie "Lebenswerk" übrigens). Allerdings hat der Lette, derzeit Leiter des lettischen Instituts für organische Syntghese (Organiskāssintēzes institūta - OSI), auch noch andere wichtige Dinge erfunden: das Krebsmedikament Belinostat, das Neuroprotektivum Neramexan, oder den Entzündungshemmer OX-MPI. Über Meldonium / Mildronāt ist hier zu lesen: "ein hochwirksames Medikament gegen Herzerkrankungen. Mildronat wird vom lettischen Pharmaunternehmen Grindeks hergestellt und vertrieben und gehört zu den erfolgreichsten medizinischen Exportprodukten Lettlands: Mildronat erzeugte 2013 einen Exportumsatz von rund 60 bis 70 Mio. EUR und macht 0,6 bis 0,7 % der lettischen Gesamtexporte aus." Also: warum auch nicht stolz sein - jedenfalls für den Fall, wo wirklich Kranken geholfen werden kann. So wie auch das "Handelsblatt" vor einigen Monaten schrieb: "Über 900 Patente hat Ivars Kalviņš im Laufe seines Lebens angemeldet. Alle dienten einem Ziel: Leben zu retten. Die von ihm entwickelten Medikamente helfen heute beim Kampf gegen einige der gefährlichsten Erkrankungen."

Und auch andere sind nun eifrig auf der Suche nach Herrn Professor Kalviņš. "Mildronāt sollte man empfehlen, nicht verbieten!" zitiert der staatliche russische Propagandakanal "Sputnik" den lettischen Wissenschaftler. Bereits 32 Jahre sei das Präparat auf dem Markt, der Stolz der lettischen Pharmazie. "Aber wir sind bereits dabei, etwas Neues zu entwickeln - noch 40mal effektiver als Mildronāt. Das wird dann wohl noch schneller verboten werden." Und "Sputnik" versucht Kalviņš auch gleich noch für die eigene These einzuspannen, hier laufe nichts anderes als eine "politisch gesteuerte Kampagne gegen Russland". Sein Präparat schütze Leistungssportler einfach nur in Phasen hoher Belastung, und seinen Schätzungen zufolge nutzen bis zu 18% aller Sportler Mildronāt - darunter sicher auch lettische. "Wenn ich Scharapovas Arzt wäre, ich hätte ihr Mildronāt verordnet," zitiert Sputnik. Diese These wird von anderen Medien noch erweitert: "Wenn Scharapowa das Mittel nicht genommen hätte, vielleicht hätte sie ihre Karriere dann bereits vor fünf Jahren beendet!" (International Business Times)

Nun ja, dass Pharmahersteller immer schon gerne Ärzten Empfehlungen geben wollen, was sie zu verschreiben haben - das kennen wir nun wirklich auch aus Deutschland. Interessant ist in diesem Zusammenhang die so ganz nebenbei gegebene Information, die regelmäßige Nutzung von Mildronāt sei auch im Militär weit verbreitet (angefangen mit der russischen Intervention in Afghanistan - aber inzwischen nicht nur in Russland!).
Neue Devise also: wenn Du schon ungesunde Dinge tun musst, und ungesund viel an Belastungen dir zugemutet werden - nimm ne Tablette, Augen zu und durch!