31. Juli 2015

Versunkener Felsen

Staburags kann vielleicht mit Recht als ein lettischer Mythos bezeichnet werden; der Felsen an der Daugava wird von lettischer Seite gern mit der deutschen Lorelei verglichen. Genau 50 Jahre ist es jetzt her, dass der Bau des Daugava-Stammdamms bei Pļaviņas begonnen wurde. Der Fluß wurde 1965/66 aufgestaut und der Staburags-Klippen, die als einer der schönsten Aussichtspunkte in Lettland galten, um die sich viele Sagen, Legenden und Volkslieder rankten, versanken in den Wasserfluten. Bis dahin hatte sich der Felsen 18,5m über den übrigen Wasserspiegel des Flusses erhoben.

Heute sorgt das Kraftwerk Pļaviņas für ein Viertel der lettischen Stromerzeugung. Aber ihr einstiges kulturelles Heiligtum haben viele Menschen noch nicht vergessen. Taucher berichten, das Kliff, dessen Spitze heute ca. 6m unter dem Wasserspiegel liegt, sei heute von vielen Süßwasserschnecken besiedelt. Das angestaute Wasser hat die ehemalige Flussbreite von 250m auf knapp einen Kilometer ansteigen lassen.

Auch durch Künstler in der Erinnerung verewigt:
Staburags an der Daugava,hier gemalt
durch Edgars Vinters
Als das Tal geflutet wurde, schah das zunächst nur bis zur Hälfte der Höhe des geplanten Wasserspiegels. Dann kam der Winter, der Fluß fror zu, und im nächsten Frühjahr wurde der Rest der Flutung innerhalb einer Woche vorgenommen. Aus Sicht der heutigen Wasserbauingenieure sei der Kraftwerksbau auch unter modernen Gesichtspunkten heute noch zu rechtfertigen. Harijs Jaunzems, damals Chefingenieur des Projekts, gibt zu: "Schon damals wurden die kulturellen Argumente den ökonomischen geopfert," meint er, "entweder man hätte zwei kleinere Kraftwerke, oder einen Umgehungskanal von 40km Länge bauen müssen, und das kostet einfach zu viel." (LSM)

Heute ist Riga vor jedem kurzfristigen Stromausfall gesichert - weil eben Pļaviņas in der Nähe ist und die Versorgung sichert. 80 Menschen finden hier Arbeit.Damals mussten Gräber umgebettet werden, aber auch viele Häuser zerstört und Bäume gefällt, bevor das Tal geflutet wurde. Denjenigen, die umziehen mussten, erhielten ziemlich mickrige Entschädigungen, aber das reichte ja nicht um in der Nähe neue Häuser zu bauen. "Andere werden zum Jubiläum ihres Schulabschluß eingeladen - meine Schule existiert nicht mehr!" erzählt Zane Niedre, eine der früheren Bewohnerinnen (LSM). Aber unabhängig davon, dass damals mit dem Staburags ein nationales Symbol verlorenging sind die heutigen Einwohner von Pļaviņas und Jēkabpils überzeugt, dass der Staudamm auch verantwortlich ist für das in neuerer Zeit immer häufiger auftretende Hochwasser.

Nach stark sich ausbreitenden Protesten wurde der weitere Ausbau des Staudamms 1986 gestoppt, ähnlich erging es den damaligen Plänen für einen UBahnbau in Riga. Die lettische Naturerbestiftung "Dabas retumu krātuve"  hat in einem eigenen Projekt eine Karte von verlorenen Naturerbestätten erarbeitet - der Staburags-Felsen ist nur eines der bekanntesten davon. Die Naturfreunde listen neben Höhlen, Quellen, Bäumen und Wasserfällen auch große Steine auf, die in Lettland als besondere Überbleibsel der Eiszeit gelten, manche gelten auch als Zeugen der Existenz früher Kultstätten der "alten Letten", also der verschiedenen Stämme vor der Ankunft des deutschen Ordens und der Hanse.

Der Name "Staburags" lebt heutzutage auch noch anders weiter: diesen Namen trägt die Lokalzeitung für die Region "Aizkraukle" sicherlich mit Stolz. 2003 wurde oberhalb der Stelle des Staburag-Felsens eine Gedenkstätte eröffnet, das "Gottesohr" (Dieva auss). Die Besucher sollen hier ihre offenen oder geheimen Wünsche "ins Ohr flüstern", so sie denn in Erfüllung gehen sollen - eine ganz eigene Ironie auf die Situation vor 50 Jahren, als viele Menschen machtlos vor den Ereignissen standen. Und eine Erinnerung daran, dass "Staburags lebt - nur momentan eben unterhalb der Wasseroberfläche".

22. Juli 2015

School is out!

Auch in Lettland haben längst die großen Sommerferien begonnen - wer auch in den Ferien vom Gedanken an die Schule nicht lassen kann, der könnte sich ja mal das lettische "Schulrating" anschauen. Kein dubios betriebenes Internet-Portal ist dazu nötig, auch kein Einlassen auf kommerziell betriebene Seiten - in Lettland macht das der "Atis Kronvalds Fonds" (Stiftung Atis Kronvalds), eine gemeinnützigen Einrichtung. Dabei wird zwischen großen (mehr als 100 Schüler) und kleineres Schulen unterschieden, und es wird hier auch kein Internet-Bewertungssystem zur Verfügung gestellt, sondern neben einer Durchschnittsberechnung der Schulnoten sind sind "Olympiaden" die Grundlage, die auch landesweit ausgetragen werden. Keine Möglichkeit also für Schülerinen und Schüler, ihre eigenen Schulen zu bewerten, sondern pure Leistungstests.

"Schulolympiaden sind sehr populär unter den Schülern," - das behauptet zumindest die zuständige Behörde (National Center for Education). Ähnlich wie im Sport, werden auf internationaler Ebene errungene "Medaillen" gezählt. Lettische Sprache, Literatur, Informatik, Mathematik, Französisch, Deutsch, Geschichte, Chemie, Biologie, Physik, Ökonomie, Philosophie, Umwelt: alles Wissensgebiete für lettische Schülerolympiaden - für die Durchführung gibt es eigens gesetzliche Bestimmungen des Bildungsministeriums: das geht soweit, dass z.B. nur dunkelblaue oder schwarze Kugelschreiber genutzt werden dürfen. Auf internationaler Ebene nehmen lettische Schülerinnen und Schüler in den Bereichen Mathematik, Biologie, Physik, Chemie, Informatik, Geographie, Philosopie und Umweltschutz an entsprechenden Olympiaden teil. Bei der Durchführung der Deutscholympiaden hilft die Deutsche Botschaft, der Deutschlehrerverband und auch das Goetheinstitut.

Gern gesehene Schlagzeilen in der lettischen
Presse: Schüler als Olympiade-Sieger
Viele Schulen werben inzwischen mit den Erfolgen ihrer Schüler bei Olympiaden. Das "Schulrating" jedenfalls summiert nur die Bestenlisten: so kann 2015 das 1.Gymnasium Riga erneut seinem Ruf gerecht werden und führt die Bestenliste auch in diesem Jahr bei den größeren Schulen an, gefolgt von der russischen Mittelschule in Daugavpils und dem Staatlichen Gymnasium in Sigulda. Die Sieger erhalten jedes Jahr die "große Eule" (Liela pūce). Bei den kleineren Schulen stehen gleich zwei Schulen aus Daugavpils vorne, gefolgt von einer Mittelschule aus Saldus.
Warten auf die Besten im
Schul-Rating: "große Eulen"
als "Wanderpokal"
Aber auch Schulen, die sich bei diesen "Bestenlisten" ganz unten wiederfinden, wie z.B. das Katholische Gymnasium in Riga, werben mit dem, was sie haben: wenigstens ein paar Mathematik-Sieger kann auch diese Schule aufbieten. Vor einigen Jahren machte gerade diese Schule aber andere Schlagzeilen: insgesamt 20 Lehrerinnen und Lehrer wollten die Privatschule aus Protest verlassen, weil die Schuldirektorin zu Schuljahrsbeginn plötzlich entlassen worden war - von Kardinal Pujats höchst selbst. Sogar die Schließung der Schule wurde in der Presse für möglich gehalten (Kas Jauns).

Was sind die besten Schulen in Lettland? Die Erfolgreichen bei den lettischen "Olympiaden" würden sicher antworten: "Unsere!"
"Die internationalen Schülerwettbewerbe gehen überwiegend auf Initiativen von ehemals sozialistischen Ländern mittelost- und Osteuropas zurück," schreibt Bildungsforscher Kurt A. Heller in seinem Buch 'Begabt sein in Deutschland', "weshalb sich auch der im dortigen Sprachgebrauch verwendete Begriff 'Olympiade' durchgesetzt hat." Er stellt fest, dass auch deutsche Teilnehmer im internationalen Maßstab respektabel abschneiden - es droht also zumindest keine neue "Pisa"-Diskussion. Lettische Schulen mögen sich weiter an "Olympiaden" orientieren - in Deutschland wird die Verschiedenartigkeit der Einschätzungen und Konzepte dazu allein schon durch die 16 Bundesländer gesichert sein.

19. Juli 2015

Alles Käse!

Die dürren Zweige auf dem Logo
wirken noch verbesserungs-
bedürftig, aber das Motto ist klar:
"Das Beste aus Lettland!"
Alle reden vom Wirtschaftsembargo gegen Russland - nein, nicht alle. Für die lettischen Käsehersteller gibt es offenbar inzwischen andere Ziele. Aktuelle Zahlen besagen, dass zwischen Januar und Mai 2015 in Lettland 17.400 Tonnen Käse produziert wurden - 34% mehr als in den ersten fünf Monaten des Vorjahres. Vanda Davidanova, die Präsidentin des seit 2002 bestehenden "Siera Klubs" ("Käse-Klub", einem Zusammenschluss von mehreren lettischen Käseherstellern mit 62 Mitgliedern) fasst zusammen: "Im vergangenen Jahr wurden 38.400 t Käse hergestellt, im Jahr davor 35.200 t. (siehe "Baltic Course")
Dabei wurden 6131 t exportiert,und statt vorwiegend nach Russland geht der Export jetzt auch nach Deutschland (2.096 t, eine Steigerung um 34%), in die Niederlande (1165 t, 19% Steigerung) und Estland (695 t, 11% mehr). Dabei habe aber auch der Inlandskonsum pro Haushalt innerhalb der letzten 10 Jahre um 26% zugenommen.

"Warenzeichen des Jahres" wurde 2015 "Trikata", einer der erfolgreichsten Käsehersteller. Die Auszeichnung wird von der lettischen Handelskammer (Latvijas Tirdzniecības un rūpniecības kamera - LTRK) zusammen mit den lettischen Milchverarbeitern (Latvijas piens) verliehen. "Das Ziel von 'Trikāta' ist es, den Käse aus Trikāta auf die Weltkarte des Käse zu bringen - ähnlich wie es Edamer oder Gouda bereits sind." (aus dem Text der Preisverleihung - "Latvijas Piens"). Auch auf der größen Lebensmittelmesse in Deutschland, der ANUGA in Köln, wird lettischer Käse wieder zu degustieren sein.

Mehr zu lettischem Käse

10. Juli 2015

Papi am Pranger

Steuersünder legen ihr Geld gerne in der Schweiz an - das ist spätestens seit dem Aufkauf von illegal erzeugten Datenlisten bekannt, die von den zuständigen Ämtern in Deutschland aufgekauft wurden, um die betreffenden Personen zur korrekten Steuerzahlungen auffordern zu können. Allein 24.000 Menschen sahen sich im Jahr 2013 zu einer "freiwilligen Selbstanzeige" veranlasst, 2014 waren es noch mehr - um befürchteten Strafzahlungen möglichst zuvorzukommen. Ab Januar 2015 wurden zudem die entsprechenden gesetztlichen Bestimmungen erheblich verschärft. Öffentlich diskutiert wurden vor allem die Fälle, wenn - eigentlich illegal, da die Ämter solche persönlichen Angaben nicht herausgeben dürfen - doch prominente Namen sich in der Presse wiederfanden, so etwa Uli Hoeneß oder Alice Schwarzer. Inzwischen wollen sogar die Schweizer Behörden selbst Daten von deutschen Steuersündern ins Internet stellen, wenn sie auf anderem Wege nicht erreichbar sind.

Schulden am Kind
Solche Verfahren scheinen auch in Lettland der Trend zu sein - Ämter stellen private Daten ins Internet. Momentan erzeugt Aufsehen, was eine lettische Behörde unternommen hat, die seit 2004 für die Garantie der Unterhaltszahlungen zuständig ist (Uzturlīdzekļu garantiju fonds - UGF). Seit dem 1.Juli 2015 steht dort eine Liste von Personen öffentlich im Internet, die mit Unterhaltszahlungen im Rückstand ist - vorab genehmigt durch Beschluß des lettischen Parlaments (lsm). "Eine Maßnahme zum Schutz der Kinder", so die Behörde."Im Laufe von 11 Jahren haben die Zahlungsrückstände insgesamt 140 Millionen Euro erreicht", sagt Edgars Līcītis, Direktor der UGF. 90 Euro zahlt die UGF für Kinder bis zu 7 Jahren monatlich, für ältere bis zur Volljährigkeit 108 Euro. Man hoffe noch immer, dieses Geld von den säumigen Vätern (in seltenen Fällen auch Müttern) zurückzubekommen, und die Gesellschaft habe ein Recht zu erfahren, was der Staat inzwischen finanzieren müsse. Härtefälle würden natürlich berücksichtigt, aber es sei zu vermuten, dass viele ihre wahren Einnahmen verheimlichen.

Schulden am Staat
So finden sich nun Name, Nachname, Geburtsjahr und erster Teil der Personennummer auf öffentlich einsehbarer Liste. Die typischen Zahlungsverweigerer seien Männer bis 40 Jahren, die offiziell angeben, monatlich weniger als 100 Euro zu verdienen, so die Behörde.
Ganze  29.561 Personen sollen es sein, die gegenwärtig ihren Ex-Frauen, Ex-Männern bzw. Kindern ganz oder teilweise Unterhalt schuldig sind.Öffentlich einsehbar sind nun aber nur etwa 1700 davon, 122 davon Frauen. Ausgenommen von der Veröffentlichung sind Betroffene mit körperlichen Beeinträchtigungen, Arbeitsunfähige und alle diejenigen, deren ehemalige Ehepartner der Veröffentlichung nicht zugestimmt haben. Es hätten auch schon einige bei der Behörde angerufen und gefragt, was sie tun können um von der veröffentlichten Liste gelöscht zu werden, berichtet Linda Sparāne, Chefin der juristischen Abteilung der UGF.

Im Jahr 2014 zahlte die UGF an 19.092 Personen eine Beihilfe zu Gunsten der unter ihrer Obhut lebenden Kinder, nur 156 Neuträge wurden abgelehnt (siehe Jahresbericht), in 525 Fällen konnte die Zahlung eingestellt werden, weil das verantwortliche Elternteil selbst die Zahlungen übernahm. 29.650 Kinder profitierten davon.
Im lettischen Fernsehen (Panorama) werden Frauen interviewt, deren Männer die Alimente verweigern. "Soll er doch mal seine Verantwortung anerkennen!", meint Santa, eine Betroffene, Mutter von drei Kindern. "Aber die Veröffentlichung wird nicht ändern, gar nichts", meint sie. "Vielleicht zahlt er für seine zwei Autos, vielleicht für die Wohnung - aber Schulden gegenüber dem Staat? Niemals!"

Ungeteilte Freude an Kindern - hier in Riga - am besten
in ungeteilten Familien
Schuldner im Netz
Doch dem neu geschaffenen öffentlichen Pranger droht Widerstand. Juris Jansons, vom Parlament bestellter Ombudsmann für Bürger- und Menschenrechte, verglich die Idee der Veröffentlichung der Zahlungsrückständigen mit der Wiedereinführung eines mittelalterlichen Schandfpahls. Das neue Verfahren widerspreche Paragraph 96 der lettischen Verfassung, welcher die Unverletzbarkeit der Privatsphäre festlege. Jansons kündigte an, Protest beim lettischen Verfassungsgericht einlegen zu wollen. Dabei bezweifele er auch die Effektivität dieser "Geldeintreibung": die Schuldner seien zumeist mittellos, und das Risiko ins soziale Abseits zu rutschen, sei in Lettland, mit sehr niedrigen Löhnen in vielen Bereichen, eben riesengroß.Jansons weist auch auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte hin, der ebenfalls für den Schutz des Privatlebens eintritt.

Noch hat es keine Fälle in sozialen Netzwerken gegeben, wo die nun öffentlich zugänglichen Daten säumiger Zahler ausgenutzt würden. Noch ist nicht abzusehen, ob die neu geschaffene Regelung auf Dauer Bestand haben wird.

30. Juni 2015

Land der kleinen Birken

Wenn der lettische Präsident Andris Bērziņš in wenigen Tagen sein Amt an seinen kürzlich gewählten Nachfolger Raimonds Vējonis übergibt, kehrt er wohl, soweit das möglich ist, zurück ins lettische Alltagsleben. Zumindest was seinen Nachnamen angeht, ist er in guter Gesellschaft: 11.753 Personen (5517 Männer, 6236 Frauen) tragen in Lettland den Nachnamen Bērziņš bzw. Bērziņa, so weist es die neueste Statistik des lettischen Amtes für Staatsbürgerschaft und Migration (Pilsonības un migrācijas lietu pārvalde - PMLP) aus.

Mit dem europäischen Blick:das Land der
Bērziņš als Nachbar der Kazlauskas, Tamm
und Smirnov
(Abb.: www.neogeo.lv)
Beim Blick auf die Liste der am meisten verbreiteten Namen finden sich vor allem "Bäumchen": Ozoliņš, Liepiņš und Krūmiņš bei den Männern (kl.Eiche, kl.Linde, kl.Busch, oder auch "Lindchen", "Büschchen" ...), entsprechend bei den Frauen Ozoliņa, Liepiņa, Krūmiņa. Weit oben in der Verbreitung finden sich zudem noch Eglītis und Zariņš (Eglīte / Zariņa - Tännchen und Zweiglein).

Die Liste der häufigsten Namen weist auch einige weniger traditionell lettischen Namen auf: die Ivanovs / Ivanova liegen in der Häufigkeit auf Platz 2, die Vasiļjevs / Vasiļjeva auf Platz 9. Und dass auch Jansons / Jansone vertreten sind, könnte den Einfluß skandinavischer Namen verdeutlichen (NRA 28.6.15).

Bei den Vornamen dominierten im Jahr 2014 bei den Jungs die Roberts, Markuss, Artjoms, Ralfs und Gustavs. 10 Jahre zuvor wurden von den Eltern eher Daniels, Maksims, Artūrs und Aleksandrs vergeben. Die am häufigsten gewählten weiblichen Vornamen bei den 2014 Neugeborenen waren Sofija, Emīlija, Alise, Anna und Marta - während vor 10 Jahren noch Anastasija, Viktorija, Laura und Samanta die Beliebtheitsskale anführten (Quelle: PMLP).

26. Juni 2015

Lettisches Schützenfest

Bei der Sportberichterstattung liest sich dieser Satz aus lettischer Sicht fast wie eine Selbstverständlichkeit, auch beim Basketballteam von Brose Bamberg: "Strēlnieks bester Schütze!" Jānis Strēlnieks ("Strēlnieks" = lett. "Schütze"), geboren 1989 im kurländischen Talsi, ist lettischer Basketball-Nationalspieler, und nun seit einigen Tagen - in seiner ersten Saison in Bamberg - auch deutscher Meister."Mit 28 Punkten war Janis Strelnieks der überragende Mann und immer zur Stelle, wenn sein Team ihn brauchte." - eine in ähnlicher Form häufig gebrauchte Formulierung in der deutschen Sportpresse (Südwest). Und auch die Brose-Basket-Fans schätzen ihren Starspieler: im April wurde er zum "Spieler des Monats" gekürt.

In Bamberg hat lettischer Basketball sogar schon Tradition: 2002 bis 2006 war Uvis Helmanis eine feste Größe im Team der Oberfranken, der ebenfalls in Talsi geboren ist. In Bamberg wurde Helmanis 2005 Deutscher Meister, dazu dreimal Vizemeister. Helmanis, Ex-Kapitän der lettischen Nationalmannschaft, zum zweiten Mal verheiratet und dreifacher Vater, ist  inzwischen als Trainer aktiv (derzeit Lauvas Liepāja).

Jānis Strēlnieks hat inzwischen seinen Vertrag in Bamberg um ein weiteres Jahr verlängert. In Sachen Basketball ist er nahezu ständig unterwegs, daher verwundert nicht die Antwort auf die Frage nach seinem Lieblings-Urlaubsziel: "Meine Heimatstadt Talsi – dort gibt es keine Eile, es ist ruhig und friedlich."
Nach den Zielen für die Zukunft gefragt, bleibt Strēlnieks ebenfalls ganz bodenständig. Frage: Was willst du in deinem Leben unbedingt tun/erreichen? Antwort: Eine Familie gründen und Vater werden. Frage: Über welches Kompliment freust du dich am meisten? Alles, was aus dem Mund meiner Freundin kommt. (entnommen der Brose-Basket-Webseite)

23. Juni 2015

Mitsommerkinder

Mit den lettischen Ligo-Feiern sind ja so einige unverzichtbare Bräuche verbunden: frisch gebrautes Bier trinken, Blumen- und Eichenlaubkränze winden, selbst gemachten Kümmelkäse essen, übers Feuer springen oder die Farnblüte suchen. Was aber hat es mit dem Gerücht auf sich, dass Mitsommer "alles erlaubt" sei? Ähnliches ist im deutschen Karneval bekannt - die eine, unangenehme Seite davon ist hinterher an der steigenden Zahl der Verkehrsunfälle unter Alkoholeinfluß abzulesen.

Und wie sieht es eigentlich neun Monate später aus? Ein Bericht im lettischen Portal "Delfi", der sich auf Zahlen des lettischen Statistikamts beruft, rechnet nach: es gab durchaus schon Jahre, in denen eine abrupt steigende Zahl an Neugeborenen im darauffolgenden März als "Spätfolgen" zu verzeichnen waren. In den Jahren 1960 bis 1995 soll es immer mehr März-Geborene in Lettland gegeben haben, ab 1996 schwächte sich diese Tendenz wieder ab (zu Gunsten der Sommer-Geborenen). 2009 und 2010 war es dann wie früher: die meisten Kinder wurden im März geboren. Im Jahr 2015 wären es 1853 März-Kinder.

Das Nachwuchs-Thema nimmt auch die Zeitschrift "IR" auf und stellt fest, dass 2014 erstmals seit langem wieder eine positive Statistik bei den Neugeborenen in Lettland zu verzeichnen ist. Die Nachwuchszahl im vergangenen Jahr überstieg die Sterbezahl um 240. 21.746 Babies waren es insgesamt, die absolut höchte Zahl der vergangenen fünf Jahre. Die Kindersterblichkeit lag dabei bei 3,8 pro 1000 Neugeborenen (1995 = 18,8).

4. Juni 2015

Raimonds für alle?

Die Präsidentschaftswahl hinterließ vielschichte Debattenbeiträge. "Mein Favorit war dieser Kandidat nicht!" Dem "alles ist wie immer", also dem gelangweilten Spruch der politisch apathischen Masse, seien hier einige Gegenargumente gegenübergestellt.

1. Angeblich umstrittenes Wahlverfahren.
Seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit wurden alle lettischen Präsidenten nach demselben Wahlverfahren gewählt - lediglich die Wahlperiode wurde von drei auf vier Jahre verlängert. Also auch die bei allen potentiellen Kandidaten als Vorbild genannte Ex-Präsidentin Vīķe-Freiberga wurde genau so gewählt - damals allerdings nutzten die Parteien die Wahl für allerlei politische Abrechnungen untereinander, so dass die politisch bis dahin unbedarfte Psychologin als Kompromiss des Kompromisses im allerletzten Moment hervorgeholt únd aufs Podest gestellt wurde - und gleichzeitig wegen dadurch entstandenen neuen Interessenkoalitionen ein
Ein Präsident, der nicht aus der
Hauptstadt kommt: dieses
Mehrfamilienhaus in Ogre
ist seit einigen Tagen
im Fokus des Interesses
Regierungswechsel wenige Monate später der Boden bereitet wurde. Wohl kann also die Person Vīķe-Freiberga als Vorbild gelten - nicht aber das damalige Geschacher um sie herum. Die Regierung wegen kleinlicher persönlicher Interessen schnell mal stürzen wollen - das ist glücklicherweise in der lettischen Politik ein weitaus weniger beliebter "Sport" geworden.
Das in Deutschland praktizierte Wahlverfahren unterscheidet sich übrigens nicht so wesentlich vom lettischen: nur das die in Deutschland im Parlament vertretenen Parteien sich noch ein paar "Vertreter des Volkes" aussuchen dürfen, die aber in der Regel die Proportionen des zu erwartenden Wahlergebnisses nicht verändern.

2.Angeblich bessere Kandidaten
Schon durch die wochenlange Diskussion um die besten Kandidat/innen, offene Fernsehdiskussionen und Internet-Abstimmungen unterschied sich diese Wahl von den vorangegangenen. Dazu passt dann, dass die Vertreter derjenigen, die sich als Abgesandte einer "schweigenden Mehrheit" zu profilieren versuchten, nicht zu einheitlichen Alternativen fanden - vielmehr gab es drei verschiedene. Da ist zunächst die Variante: der wahre Wählerwillen zeigt sich im Internet. Schon bei den zurückliegenden Parlamentswahlen versuchte die "Partei der Regionen" vorwiegend diejenigen anzusprechen, die vermutlich erst bei youtube und Facebook nachschauen, bevor sie mal eine Zeitung lesen. Der Schauspieler Artuss Kaimiņš verlegte gleich eine ganze Fernsehshow ins Internet, und ließ dabei seine Verachtung für den Rest der lettischen Journalisten häufig offen erkennen. Dass Kaimiņš in seiner so inszenierten Talkshow weit häufiger verunglimpfte und hinters Licht führte als zu Wort kommen ließ, gefiel seinen Fans derart, dass Kaimiņš mehr Stimmen als Parteischef Mārtiņš Bondars einsammelte. Doch allem Geschrei im Internet zum Trotz: in absoluten Zahlen waren es eben doch nur 6,66% der Stimmen. Da liegen Vergleiche mit der diesjährigen Kampagne auf "MansPrezidents.lv" nahe: wenn hier 15.000 sich beteiligten und 5.800 davon Bondars bevorzugten, ist das noch sehr weit weg von einem eindeutigen "Willen des Volkes". 

Dann war da noch Egils Levits. Seltsam, dass sich ein so gut ausgebildeter und international erfahrener Mensch derart einspannen lässt in eine mehr als merkwürdige Interessenkoaltion aus exil-lettischen Kreisen, die ihn als "einer von uns" ehren, und extrem-nationalistischen Zirkeln in Lettland, von denen er sich vor der Wahl zu krasse Aussagen zu einigen umstrittenen lettischen Themen verführen ließ. Ein Kandidat eines sensiblen, umsichtigen Interessenausgleichs war er nicht - auch wenn während des Wahlgangs vor dem Parlament eine kleine Gruppe Unterstützer ununterbrochen "Levitu, Levitu" riefen. 

Drittens: Sergejs Dolgopolovs, Kandidat derjenigen, die sich "Ausgleich + Harmonie" auf die Fahnen schreiben, sich mit diesem ihren Kandidaten aber immer heftige interne Schlachten geliefert haben - solange es wirklich um etwas ging. Ich bin mir relativ sicher, dass die Fraktion hinter der Leitfigur Nils Užakovs ganz andere Kandidaten vorgeschlagen hätte, wenn eine reale Siegchance in Aussicht gestanden hätte. Dolgopolovs, Variante Nummer drei einer angeblichen schweigenden Mehrheit, vor allem der Russischsprachigen. Das Abstimmungsverhalten der "Harmonie"-Delegierten zeigt, dass sie die Präsidentenkür vor allem zur Profilschärfung für die nächsten Wahlkämpfe nutzten: hier konnte keine Tatjana Ždanoka mit ihrer "Russischen Union" als Konkurrentin stören - sonst immer für 5-6% der Wählerzustimmung gut. In allen fünf Wahlgängen stimmten die Harmonisten also fünfmal gegen alle anderen Kandidaten. "Im Interesse derjenigen, die uns gewählt haben", so erklärte es Užakovs - um im gleichen Atemzug dann aber zu betonen, seine Fraktion habe auch mit dem bisherigen Minister Vējonis immer gut zusammengearbeitet. Dolgopolovs also lediglich ein Kandidat, der einen Augenblick lang perfekt zum Partei-Image passte.

Präsident traf Nachfolger: am
4.Mai erhielt Vejonis aus der Hand des Noch-
Präsidenten Bērziņš den Dreisterne-Orden
3.Andere Wahlverfahren
Das spezielle an dieser Diskussion ist gegenwärtig, dass über das jetzige Verfahren heftiger gestritten wird als über Alternativen - eine Bewegung für eine "Wahl durch das Volk" gab es diesmal nicht. Von verschiedenen Seiten wurde gefordert, die Abgeordneten der Saeima sollten "offen" über die Kandidaten abstimmen, also so dass jeder sieht wer für wen gestimmt hat. Als Hintergrund muss hier vielleicht erklärt werden, dass auch jede/r Kandidat/in für Parlament oder Gemeinderat relativ viel offenbaren muss: sehen wir uns also zum Beispiel mal das Kandidatenprofil von Raimonds Vējonis von 2011 an, so erfahren wir dass er einen Motorroller Marke "Peuqeot Speedfight" fährt, einen Betrag von 41826,15 Lat auf einem Konto der "Citadeles Bank" hatte, und Anteile der lettischen "Krajbanka" und Aktien der "SEB Bank" hielt.
per Handybeweis gegen Volkes Misstrauen?
Aber was würde ein "offenes" Wahlverfahren im Parlament bringen? Mehr Politiker, die man für die "lettischen Zustände" persönlich haftbar machen könnte? Ohnehin ist die Zahl derjenigen, die bereit sind sich politisch zu engagieren, sehr gering. Vorherrschend ist da wohl ein tiefes Misstrauen in die repräsentative Demokratie. Die "Tautas kalpi" ("Volksdiener") der Regionalpartei gingen sogar soweit, ihr Abstimmungsverhalten (gegen Vējonis) im fünften Wahlgang per Handy zu dokumentieren - ob so, mit maximalem Anschwärzen des politischen Gegners, die eigene Ehre gesichert ist?

4.Angebliche Marionetten
Seit 2011 Präsident Zatlers eine Volksabstimmung veranlasste, um das gesamte Parlament zu entlassen neu zu wählen, folgte ihm sein Volk nur allzu gern. Vergessen waren die Umstände seiner Wahl im Jahr 2007, als Gerüchte besagte, gewisse Parteienvertreter hätten sich im Zoo in Riga getroffen, um zwischen Tigern und Giraffen den Präsidentschaftskandidaten "auszukungeln". Heraus kam Präsident Valdis Zatlers, vor seiner Wahl eigentlich nur als Facharzt bekannt. Auch damals war schon Fraktionschef August Brigmanis, Ex-Kolchosenchef und seit 2000 Vorsitzender der Bauernpartei (Zemnieku savieniba), einer der Strippenzieher. Aber nicht er, sondern der Großsponsor von Bauernpartei und Grünen, Aivars Lembergs, Bürgermeister von Ventspils und bisher mit Glück den vielen Prozessen wegen angeblicher Geldwäsche und Machtmissbrauch (das bezieht sich alles auf die 1990iger Jahre) entkommen, wollte lange Zeit gern selbst lettischer Präsident werden. Es muss dabei aber bedacht werden, dass Lembergs zuvor einer sehr unterschiedlichen Zahl von Politikern verschiedener Parteien Geld zukommen ließ - damals die sogenannten "Stipendiaten Lembergs".
auch an dieses Gesicht
muss sich das politische
Lettland erst noch
gewöhnen: die neue "First
Lady" Iveta Vējone
Die Rollen der "Marionetten" und der "Helden" wechseln also relativ häufig in Lettland. Auch zum bisherigen Präsidenten Andris Bērziņš sei die These erlaubt: auch er wurde vor allem von der "Union der Bauernpartei und der Grünen" (Zaļo un Zemnieku savienība - ZZS) ins Amt gehievt, aber hätte er seine angebliche Funktion als "Marionette" gut befolgt, hätte er sicher auch eine Chance auf eine zweite Amtszeit gehabt.
Wenn aber irgendwer die Strippen zog bei der Wahl von Raimonds Vējonis, dann am ehestenen Regierungschefin Laimdota Straujuma. Denn wer auf die Aufstellung eigener Kandidaten verzichtet, die Kandidaten beider Koalitionsparteien in der Endrunde der Wahl platziert, um dann die Stimmen aus allen drei Koaltionsparteien auf den Sieger zu vereinen, hat zumindest momentan die Zusammenarbeit innerhalb der Regierung gestärkt. Allerdings bestreiten die Vertreter der Nationalen Liste bisher energisch, im fünften Wahlgang für Vejonis gestimmt zu haben - so lässt sich wohl am besten das eigene Image aufrechterhalten plus die Behauptung, Vējonis sei mit Stimmen der russlandfreundlichen "Harmonie" gewählt worden (wer gerade keine Marionette zur Hand hat, ruft einen Puppenspieler ...?). Na gut, auch die ambitionierte Solvīta Āboltina wurde wohl auf diesen Zug gesetzt, behauptet sie doch zu wissen, die Nationalisten seien ob der Wahl von Vejonis derart verärgert dass es im Herbst wohl Neuwahlen geben müsse (Dzīvosim, redzēsim).

Vorläufig die einzige feste
Verbindung des neuen
Präsidenten zu Deutschland:
Schäferhund "Rimini", mit
echtem deutschen
Stammbaum (Foto:
Facebook-Seite Vejonis)
Die Agenda
"Ganz oben auf der Tagesordnung steht für mich die Sicherheit", so äußerte sich der neu gewählte Präsident, ganz im Sinne seiner bisherigen Funktion als Verteidigungsminister.
Das Militär und Lettlands Rolle in der NATO sei zu stärken, ebenso die Grenzsicherung. Danach folgt die Wirtschaft: "ökonomische Sicherheit", so wie Vējonis es ausdrückt.
Wirtschaftswachstum schaffe auch soziale Sicherheit, so seine These. Zusammen mit allen Parteien möchte er sich gern auf das konzentrieren, "was uns eint". Dabei sei er auch bereit, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, wenn nötig.
Auf Nachfrage von Journalisten, wie er denn seine Funktion als Co-Vorsitzendem der Lettischen Grünen Partei zu handhaben gedenke - ein Präsident müsse ja parteipolitisch neutral sein - antwortete er: "Es ist klar, dass ich meine Parteifunktionen ruhen lassen werden. Aber das ändert nichts an meiner Überzeugung ein grünes Lettland schaffen zu wollen, und ich möchte weiter daran mitarbeiten Lettland zum grünsten Land der Welt zu machen!"

3. Juni 2015

Wehe, Windchen!

Am 3.Juni wählte das lettische Parlament (Saeima) im fünften Wahlgang den bisherigen Verteidigungsminister und ehemaligen Umweltminister Lettlands, Raimonds Vējonis, zum neuen Präsidenten Lettlands. Die Amtszeit des bisherigen Präsidenten Andris Bērziņš endet am 7.Juli 2015.
Abb.: "Kas jauns"
Der 48 Jahre alte Vējonis ist der fünfte Präsident Lettlands nach Wiedergewinnung der Unabhängigkeit und der neunte insgesamt.


29. Mai 2015

Solche und solche

"Lettlands Politiker sollten sich schämen" - diese harte Kritik kam kürzlich von der lettischen Ex-Präsidentin Vaira Vīķe-Freiberga zum Thema EU-Flüchtlingspolitik. "Die Letten sollten sich lieber daran erinnern, dass auch viele von ihnen einmal Flüchtlinge waren," meint Vīķe-Freiberga. Und wer das nicht selbst erlebt habe, könne es in den Büchern von Anšlavs Eglītis oder Anna Žīgure nachlesen.

Versucht sich mal wieder als Sprecherin
für unangenehme Wahrheiten: Lettlands
Ex-Präsidentin, die angeblich auch für eine
Wiederwahl zur Verfügung steht, falls sich kein anderer
geeigneter Kandidat finden ließe
In der lettischen konservativen Presse erntet sie damit Widerspruch. "In meiner Familie haben wir es auch erlebt, dass Menschen mit fremder Mentalität in unseren Staat hineinfluteten, viele von ihnen unhöflich, arrogant und unsere Traditionen ignorierend, im Namen angeblicher Brüderlichkeit und Solidarität," meint Agris Liepiņš in der "Latvijas Avize". "Und die Folgen spüren wir auch heute noch, denn diese Einwanderer wollen sich noch immer nicht in die lettische Gesellschaft intregrieren." Und während die einen aus Sibierien nicht mehr zurückkehrten, blieben viele von denjenigen, die einmal Flüchtlinge waren, freiwillig in der neuen Heimat. Somit sei auch der Vergleich der heutigen Flüchtlinge mit den damaligen ungerecht.

"Sogar in Sibirien haben Einheimische dort manchmal Letten geholfen zu überleben," hält die auch unter dem Kürzel VVK bekannte Ex-Landeschefin im Fernsehsender TV3 dem entgegen. "Wenn man an die lettischen Flüchtlinge Ende des 2.Weltkriegs denkt, es wäre so als ob sie kurz vor Erreichen der schwedischene Küste ertrinken. Unterstützung kommt durch den Menschenrechtskommissar des Europarats, den lettischen Ex-Minister Nils Muižnieks, der eine Neuordung der Flüchtlingshilfe in Europa für dringend notwendig hält.

Der Karikaturist der "Diena" sieht es als
"Europalotterie": Einige werden doppelt Glück
haben - "und ihre neue Heimat ist ...."
Eine Umfrage der Agentur TNS hatte ergeben, dass nur 18% die Aufnahme von zusätzlichen Flüchtlingen begrüßen würden - aber 66% sind dagegen. 28% der Gegner einer Flüchtlingsaufnahme unterstützen die Ansicht, der lettische Staat solle erstmal den eigenen Bürgerinnen und Bürgern helfen, und erst danach anderen. Im vergangenen Jahr waren in Lettland lediglich 139 Personen als Asylsuchende zu betreuen, die nicht legal eingereist waren. Dennoch stellt auch das schon eine Verdreifachung gegenüber dem Vorjahr dar.

Sprecher von nahezu allen im lettischen Parlament vertretenen Parteien hatten in den vergangenen Tagen sich gegen die von der EU vorgesehene Neuregelung von Flüchtlingsquoten ausgesprochen. Lediglich die oppositionelle Partei "Saskaņa" hatte eine entsprechende Möglichkeit nicht ausgeschlossen. Regierungschefin Straujuma hatte sich für eine freiwillige Entgegennahme weiterer Flüchtlinge ausgesprochen, und fühlt sich da auch mit den baltischen Nachbarn Litauen und Estland einig. Dem gegenüber hatte Oppositionspolitikerin Inguna Sudraba ("No sirds Latvijai" / "Von Herzen für Lettland") vorgerechnet, dass in Lettland allein schon 60.000 Personen als hilfebedürftig gelten, und zudem würde der zugesicherte Zuschuss pro Flüchtling von monatlich 256 Euro nur wenig unter der durschnittlichen Rentenniveau in Lettland (266 Euro) liegen, ein Umstand, welcher der lettischen Öffentlichkeit nur schwer vermittelbar sei.

Dem Vorschlag der EU-Kommission zufolge würde Lettland 737 Flüchtlinge zusätzlich pro Jahr aufnehmen müssen.

28. Mai 2015

Präsidentenrennen

Kaum nähert sich das halbe Jahr der EU-Ratspräsidentschaft dem Ende, scheint die Schonzeit in der lettischen Politik wieder beendet zu sein. Wie von Regierungschefin Laimdota Straujuma erbeten, gab es keine Unruhe unter Ministern und Koalitionspartnern, solange die Spitzen der Europäischen Union sich in Riga die Klinken in die Hand gaben. Nun aber muss ein neuer Präsident gewählt werden, und der bisherige Amtsinhaber, Andris Bērziņš, kandidiert nicht erneut. Wählen soll nun am 3.Juni das Parlament - voraussichtlich in mehreren Wahlgängen. Gewählt ist, wer die einfache Mehrheit der Abgeordneten hinter sich bringt: also 51 Stimmen oder mehr.

Die lettische Wahlkommission hat in Zusammenarbeit mit der Nachrichtenagentur LETA eine Übersicht zu den bisher offiziell als Kandidaten nominierten Personen erstellt.

Mārtiņš Bondars, 43 Jahre alt, ist als Kandidat des Parteienneulings der "Partei der Regionen Lettlands" (Latvijas Reģionu Apvienība) nominiert. Allerdings verfügt diese nur über 8 Parlamentssitze. Bondars war zunächst Profi-Basketballspieler, eher er 1998 vom damaligen Regierungschef Vilis Kristopans zu dessen Büroleiter ernannt wurde. Eine echte "Basketball-Connection": bis 1997 war Kristopans Präsident des lettischen Basketball-Verbands gewesen. Seine Regierungszeit dauerte allerdings nur acht Monate - danach wurde Bonders Leiter der Präsidentenkanzlei von Vaira Vīķe-Freiberga. Nachdem Valdis Zatlers 2007 neuer Präsident wurde ging Bondars in die Wirtschaft, unter anderem als Vorstandvorsitzender "Latvijas Krajbanka", die allerdings 2011 pleite ging. 2013 kamen die ersten Gerüchte auf., Bondars könnte in die Politik zurückkehren. Er schloss sich aber nicht der Reformpartei von Ex-Präsident Zatlers an, sondern holte als Spitzenkandidat der Regionen-Partei 2,49% bei der Europawahl, aber bei den Parlamentswahlen 6,6% und 8 Sitze.

Sergejs Dolgopolovs, 73 Jahre alt, ist Kandidat der "Saskaņa" ("Harmonie"), die gegenwärtig mit 24 Sitzen die größte Parlamentsfraktion bildet. Die Partei gilt ja als die Interessen der Russischstämmigen vertretend, also passt der ausgebildete Chemiker Dolgopolovs, dessen bisher höchstes politisches Amt das des stellvertretenden Bürgermeister von Riga war, zu Image und Programm. Ende der 1960iger Jahre arbeitete Dolgopolovs zunächst in der Halbleiterfabrik "Alpha", dann als Gewerkschaftler und dann im Zentralkomittee der Kommunistischen Partei. Er galt aber als Sympathisant der lettischen Unabhängigkeitbewegung. Ab 1994 kandidierte er mehrfach für die "Tautas Saskaņas partija" (Partei Volkseintracht - eine der vielen Vorläufer der heutigen "Saskaņa"), bis er 1998 als Nachrücker in den Stadtrat Riga kam, wo er dann jahrelang Abgeordneter war, 2001 als Delegierter der Liste PCTVL ("Par cilvēka tiesībām vienotā Latvijā" - "für Menschenrechte in einem vereinten Lettland"), die zusammen mit der Sozialistischen Partei und der Bewegung „Līdztiesību” ("Gleichberechtigung") gebildet wurde.
2003 wurde er aus der "Tautas Saskaņa partija" ausgeschlossen, sammelte dann Gleichgesinnte und gründete die Partei "Jaunais Centrs" ("Neues Zentrum") und wurde als deren Spitzenkandidat 2005 erneut in den Rigaer Stadtrat gewählt. Bei der Gründung von "Saskaņas Centrs" im selben Jahr wurde Dolgopolovs deren erster Vorsitzender, bevor dann Nils Ušakovs diese Funktion übernahm. Seitdem wurde Dolgopolovs abwechselnd immer wieder in den Stadtrat und ins Parlament gewählt, erhielt allerdings keinen Sitz als Kandidat für das Europaparlament.

Egils Levits, 59 Jahre alt, wurde von der "Nationalen Vereinigung" ("Nacionālā apvienība" NA) als Kandidat nominiert, die über 17 Sitze im Parlament verfügt. Die Familie Levits, die Großeltern hatten die Verbannung nach Sibirien hinter sich, die Eltern waren scharfte Regimegegner, konnten 1972 zu Verwandten nach Deutschland ausreisen, als Levits 17 Jahre alt war. Levits besuchte das Lettische Gymnasium Münster und studierte zunächst in Hamburg Chemie, dann Jura und Politikwissenschaften. Die beiden Professoren Dietrich A. Löber und Boris Meissner wurden seine Mentoren, an der Uni Kiel wurde Levits Loebers Assistent. Sein juristischen Referendariat absolvierte er unter anderem beim wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages. Loeber arbeitete dann zunächst am Institut für Osteuropaforschung der Universität Göttingen, dann als Rechtsanwalt am Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgericht. Seit 1987 reiste er wieder regelmäßig nach Lettland, unterstützte die "Lettische Volksfront" (Abgeordnete die mit der Unabhängigkeitsbewegung sympathisierten), und wurde nach den ersten demokratischen Wahlen 1993 Justizminister und stellvertretender Ministerpräsident, nachdem er 1992 kurz der erste Botschafter Lettlands in Deutschland nach Erneuerung der Unabhängigkeit war. 1994-1995, nach Umbildung des Regierungskabinetts, war er Botschafter in Österreich, der Schweiz und Ungarn.
1995 wurde Egils Levits zum Richter am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gewählt, 1998 und 2001 wiedergewählt. Seit 2004 ist Egils Levits Richter am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Levits wurde bereits vor Jahren als potentieller Präsidentschaftskandidat gehandelt, äusserte sich aber zurückhaltend, da er keine parlamentarische Mehrheit zu seinen Gunsten sah. Der teilweise sehr nationalistisch ausgerichteten NA kommt zu Nutze, dass Levits als exzellent ausgebildeter Patriot seines Landes gilt, der zudem unter den gegenwärtigen Kandidaten die breitesten Fremdsprachenkenntnisse vorweisen kann und über die NA hinaus auch bei anderen Fraktionen mit Stimmen rechnen kann.

Raimonds Vējonis,48 Jahre, ist der amtierende Verteidigungsminister Lettlands und ist der Kandidat der gemeinsamen Liste der lettischen Bauernpartei ("Zemnieku partija") und der Grünen ("Zaļa Partija") - der "Zaļo un Zemnieku savienība" ZZS. Geboren im damaligen russischen Oblast Pskow (lett. Pleskava, dort diente sein Vater in der Roten Armee), siedelte seine Familie dann nach Madona über. Schon kurz nachdem er die Mittelschule in Madona verlassen hatte wurde Vejonis 1987 dort Biologielehrer und blieb es bis 1993, dann auch als Mitglied des Stadtrats. Sein Diplomthema an der Universität Lettlands war der Schutz der Pflanzenwelt im Bezirk Madona. Vejonis schloß 1995 sein Studium mit dem Magistergrad der Biologischen Fakultät ab, studierte auch Umwelt- und Wasserwirtschaft in Tallinn und Tampere. Danach war er zunächst stellvertretender Direktor der Umweltaufsichtsbehörde in Madona, dann Direktor der Umweltaufsicht der Region Riga.
Mit dem damaligen Umweltminister Emsis traf Vejonis erstmals 1997 zusammen, als beide sich in Deutschland zum Thema Abfallwirtschaft informierten. Das Thema Umweltschutz sei schon als Kind für ihn wichtig gewesen, erzählte Vejonis einst der lettischen Presse. Sein Großvater sei wegen übermäßigem Gebrauch von Pestiziden in einer Kolchose erblindet, und das habe er nie vergessen können.
2002 wurde Vejonis unter Regierungschef Einārs Repše Umweltminister und blieb es bis 2011. Seit 2014 ist er im Kabinett Straujuma Verteidigungsminister. Seit 2003 ist Vejonis einer von zwei gleichberechtigten Vorsitzenden der Grünen Partei. Nachdem er sich im zweiten Kabinett Straujuma als Verteidigungsminister profilieren konnte, erregte er 2014 auch deshalb Aufsehen, weil er sich erstmals mit dem "Ziehvater" und Großsponsor der ZZS, dem umstrittenen Bürgermeister von Ventspils Aivārs Lembergs anlegte. Nachdem Lembergs das Verhalten von NATO-Soldaten in Ventspils mit dem einer "Okkupationsarmee" verglichen hatte, erntete er den energischen Widerspruch von Vejonis. Das ist auch einer der Gründe, warum Vejonis angeblich der bevorzugte Kandidat von NATO und den USA sein soll.
Nachdem ZZS-Fraktionsvorsitzender Augusts Brigmanis noch vor wenigen Wochen gesagt hatte, seine Partei verfüge über "mindestens 10 gute Präsidentschaftskandidaten", benannte die ZZS, die über 21 Sitze im Parlament verfügt, Vējonis am 11.Mai als ihren Kandidaten. Vejonis, der gerne erzählt, er sei zu Schulzeiten Kilometer zu Fuß gegangen um die Bushaltestelle für die Fahrt zur Schule zu erreichen, und habe damals auch einmal einem Wolf in die Augen sehen können, war der erste lettische Minister der Twitter nutzte und dabei gern die englische Variante seines Namens nutzt: "Wind" (vējš). Er gilt als der aussichtsreichste Kandidat, da die 23 Abgeordneten der Partei "Vienotība" ("Einigkeit") der Regierungschefin Straujuma auf die Unterstützung der ZZS in der Regierungskoalition angewiesen sind. Obwohl es Ex-Aussenministerin und EU-Abgeordnete Sandra Kalniete gerne geworden wäre, auch der nur knapp ins Parlament wiedergewählten Solvita Āboltiņa werden Ambitionen nachgesagt - benannte die "Vienotība" keine eigene Kandidatin sondern sagte offiziell Vejonis ihre Unterstützung zu. Die Abstimmungen am 3.Juni werden allerdings geheim durchgeführt.

Abstimmungs-Arithmetik: hier die Rechnung des lettischen
öffentlich-rechtlichen Fernsehens LSM
Am 3.Juni werden zunächst die ersten beiden Abstimmungen mit allen vier Kandidaten durchgeführt. In der dritten Runde verbleiben drei, derjenige mit den wenigsten Stimmen scheidet aus. In der vierten Runde sind es dann noch die zwei Kandidaten mit den zuvor meisten Stimmen, und in der fünften Runde steht dann nur noch der zuvor stärkste Kandidat zur Wahl. Da es aber die Möglichkeit der Enthaltung gibt, ist die Wahl eines neuen Präsidenten auch dann noch nicht sicher - falls keiner mindestens 51 Stimmen auf sich vereinigt, muss innhalb von 10-15 Tagen eine neue Wahl stattfinden.

Anhänger eines geänderten Wahlverfahrens des Präsidenten (offene Abstimmung, oder Wahl durch das Volk) unterstützen eine eigene, namtliche Abstimmung auf dem Portal "Manspresidents" (mein Präsident). Dass hier alles andere als Anhänger der Regierungskoalition aktiv sind, zeigt das momentane Abstimmungsergebnis: die größte Zustimmung erhält Mārtiņš Bondars (dessen Partei ihre Popularität teilweise auch aktiven Nutzern von Internet, Twitter und Youtube verdankt), gefolgt von Ex-Präsidentin Vaira Vīķe-Freiberga, Egilis Levits und Sandra Kalniete. Viele haben dabei auch noch im Gedächtnis, dass auch 2011 die ZZS durch geschicktes Taktieren ihren Kandidaten Andris Bērziņš gegen den zeitweiligen "Volkshelden" Valdis Zatlers durchsetzte, der kurz zuvor noch das Volk die Gelegenheit gegeben hatte über die Entlassung und Neuwahl des gesamten Parlaments abstimmen zu lassen (was auch eine Mehrheit fand).

4. Mai 2015

Vor 70 und vor 25 Jahren ...

Eigentlich ziemlich ideal, Lettland Anfang Mai kennenzulernen. Wo doch in vielen Darstellungen deutscher Diplomaten verzeichnet steht, die lettisch-deutschen Beziehungen hätten am 28.August 1991 begonnen (siehe Auswärtiges Amt). Aus Sicht der Diplomaten und Politiker ist das auch korrekt - nur spart es wieder mal eine Darstellung der schwierigen Phasen deutsch-lettischer Kontakte aus. Lettland feiert mit Recht den 4.Mai 1990 - als eine Mehrheit der Abgeordneten des damaligen Delegierten des Obersten Sowjets in Lettland sich für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit des Landes aussprach. 138 von 201 Sitzen hatten bei den Wahlen am 18.März Kandidaten der lettischen Volksfront gewonnen, die der lettischen Unabhängigkeitsbewegung nahestand.

Suche nach Symbolik in schwierigen Zeiten: die einen ...
Die Aufnahmen des lettischen Fernsehens von den Delegierten, die beim Verlassen des Parlaments nach der Abstimmung von einer jubelnden Menschenmenge draußen begrüßt wurden, sind allen Lettinnen und Letten immer noch vor Augen und stellen wohl am meisten genau denjenigen Moment dar, wo das Gefühl des entscheidenden Umschwungs am präsentesten war.
Übrigens erklärte sich auch Russland am 12.Juni 1990 für souverän.

Eine detaillierte Beschreibung des Umgangs damals regierender deutscher Spitzenpolitiker mit führenden Aktivisten der lettischen Unabhängigkeitsbewegung ist noch nicht veröffentlicht - es wird nur wenig rühmliches erzählt werden können. Aber zumindest könnten wir ja HEUTE mit dem EU-Mitgliedsland und seinen wichtigen Momenten respektvoller umgehen und den 4.Mai nicht verschweigen.

... und die anderen. Vielleicht sollte eher den Millionen
von Weltkriegs-Opfern gedacht werden als den angeblichen
Helden? 
Ohnehin ist der Maibeginn für die lettische Politik kompliziert genug. Allzu nahe liegt eben, wie jedes Jahr, der Jahrestag des Kriegsendes - aus russischer Sicht der Tag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg (gegen den Faschismus). In Zeiten der Sanktionen gegen Russland scheint es nicht mehr genug, bei der großen Parade auf dem Roten Platz zu fehlen. Dies vom Präsidenten Lettlands zu erwarten, wirkt offenbar eh sinnlos - er wird nicht mehr kandidieren und sehr bald von jemand anderes oder anderem nachgefolgt werden.
Das lettische Außenministerium klärt auf: am 9.Mai werden wir den Beitritt unseres Landes zur Europäischen Union feiern (siehe Presseerklärung). Sri Lanka, Malawi und Guinea Bissau sollen an diesem Tag im Fokus stehen - mit diesen unterhält Lettland Projekte der Entwicklungshilfe. In Riga werden die Botschaften der Länder Estland, Finnland, Frankreich, Deutschland, Litauen und Schweden einen Tag der offenen Tür anbieten. Der Satz "Dies wird eine einzigartige Möglichkeit sein das Gebiet anderer Staaten zu betreten, ohne Lettland zu verlassen" klingt fast wie Ironie auf den Wunschtraum lettischer Politiker angesichts Zehntausender Arbeitsemigranten, die auf der Suche nach angemessen bezahlter Arbeit Lettland jedes Jahr TATSÄCHLICH verlassen.

Wer's genießen kann:der Mai kann so schön sein,
auch in Riga ...
Was sonst noch an diesem Tag in Lettland und besonders Riga passiert, davon erzählt das Außenministerium nichts. Es ist ja nur regelmäßig eine der größten Zusammenkünfte von in Lettland lebenden Russen, drüben, auf der anderen Seite der Daugava, am "Siegesdenkmal". Wohl gibt es Überlegungen, diesen Platz irgendwann einmal den "wirklichen Siegen Lettlands" zu widmen (bisher ist es wie eine Art "Platz der erneuten Okkupation"), aber an den Tausenden vorbei, die diesen Tag genau hier jedes Jahr feierlich begehen, wird das kaum sehr schnell durchsetzbar sein.

Bleibt wohl als Wunsch festzustellen, dass sich die Opponenten nicht nur in ihre eigene Ecke "verbeißen" - so nach dem Motto "Wir haben ja schon immer gewußt wie schlimm die anderen sind." Während einige sich am nun wieder an einer scheinbar "bewiesenen" Hinterhältigkeit und Böswilligkeit des Regimes Putin orientieren, halten andere immer noch an dem Satz fest "Ich bin hier geboren und deshalb fühle ich mich diskriminiert" (weil man Lettisch lernen und eine Staatsbürgerschaft beantragen muss).

Das lettische Außenministerium, nochmals sei es zitiert, bemüht sich derweil, möglichen Vorwürfen von Seiten Putin zuvorzukommen. Per offizielle Stellungsnahme warnt man sogar vor einzelnen Beiträgen in kleineren Internetportalen - offenbar nach dem Motto: alles, was in lettischer Sprache verbreitet wird, könnte auch gegen uns verwendet werden. "Zehn positive Dinge die der Nationalsozialismus erreicht hat" verspricht ein namentlich nicht gekennzeichneter Beitrag im Portal "Skats.lv". Wer hier Sensationen sucht wird allerdings enttäuscht - große Fotos, wenig Inhalt. Neben dem allseits bekannten Autobahnbau werden hier ein damals geschaffenes Jagdgesetz, Rauchverbot für die Jugend, und der Volkswagen entdeckt. Daneben dann drei bekannte Persönlichkeiten, die wegen ihrer Nähe zu den Nazis ja kaum als "positiv" gelten können, und deren Zwielichtigkeit in Deutschland zu genüge bekannt ist: Raketen- und Raumfahrtpionier Wernher von Braun, Filmregisseurin Leni Riefenstahl und die Sportschuh-Fabrikanten der Familie Dassler.
Im Gegensatz zu lettischen Persönlichkeiten gilt hier eben nicht: positiv, weil weltberühmt. Illustriert mit einem Foto einer Hinrichtung werden dann noch angebliche Fortschritte in der Medizin behauptet - da kann man wohl nur antworten: was Du nicht willst das man Dir tue, das füge keinem anderen zu. Mit Recht hat sich Westeuropa nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs" verstärkt auch um die Verbrechen des Stalinismus gekümmert - und wer hier dann ein paar Krümel "Positives" heraussucht, stellt sich zumindest auf dieselbe Stufe wie diejenigen, die den Untergang der Sowjetunion als "größte Katastrophe des Jahrhunderts" hinstellen möchten.

20. April 2015

Unter den Gästen sind auch die Nachbarn

Vorteil der Währungsumstellung: auch die Statistiken in Lettland
sind jetzt einheitlich in Euro erstellt
Die touristische Bilanz des Kulturhaupt-stadtjahres 2014 legte kürzlich das zentrale lettische Statistikamt vor. Insgesamt 7,3% mehr Gäste besuchten Lettland im gesamten Jahr. Beim Blick auf die absoluten Zahlen wird nicht überraschen, dass die Nachbarn Lettlands zahlenmäßig an der Spitze liegen: allein 35,6% kamen aus Litauen, 19% aus Estland, 10% aus Russland und 6,7% aus Schweden. Dahinter folgt dann Deutschland mit 4,8%. In diesen Zahlen sind allerdings auch diejenigen enthalten, die nur einen Tag oder sogar nur wenige Stunden sich in Lettland aufhielten, also Marktbeschicker genauso wie Menschen mit einem Job im Nachbarland. Im Durchschnitt waren es 4,2 Tage, die Besucherinnen und Besucher aus dem Ausland in Lettland blieben; 516,9 Millionen Euro gaben sie dabei aus, 7,4% mehr als im Jahr zuvor.

Der Anstieg der Gästezahlen im Vergleich zu 2013 mag ein gewisses Interesse besonders deutscher Kulturtouristen spiegeln, denn hier war der Anstieg am höchsten: 36,4% mehr Deutsche, 35,8% mehr Polen, 26,7% mehr Litauer, 23,7% mehr Esten und auch 22,3% mehr Gäste aus Großbritannien konnte Lettland verzeichnen. Sogar bei den Touristen aus Russland gab es noch einen Anstieg, allerdings hat sich dort das Wachstum von 22,% auf 4,5% verlangsamt.

Wie bereits erwähnt, spiegeln diese Zahlen die absolute Zahl aller Besucher. Befragt nach ihren Reisegründen, gaben 44% Erholung an, 29,5% einen Besuch bei Verwandten oder Freunden, und 21,2% gingen privaten Geschäften oder Vorhaben nach. Bei den Gästen aus Estland, Finnland, Deutschland und Schweden dominierte der Erholungsurlaub als Besuchsmotivation. Dem entsprechend nutzen 66,6% Hotels und Beherbergungsbetriebe für die Übernachtung, die übrigen nächtigten bei Verwandten und Freunden. 34,4% - also gut ein Drittel - waren erstmals in Lettland.

Wie sehr die Billigflieger inzwischen den Tourismus in Lettland dominieren, kann an der Verwendung der Verkehrsmittel abgelesen werden: 48,6% kamen mit dem Flugzeug, 37,4% mit dem Auto, 7,3% mit dem Schiff und 6,7% per Eisenbahn.

Besonders vielversprechend mögen Lettinnen und Letten die Gäste aus Norwegen vorgekommen sein: sie geben 114,80 Euro pro Aufenthaltstag in Lettland aus. Die Finnen und die Schweizer liegen noch bei 108 Euro, die Schweden bei 97 Euro. Am längsten, nämlich durchschnittlich 8,5 Tage, blieben Besucher aus der Ukraine, gaben aber pro Tag am wenigsten aus: 33,5 Euro.

Nicht enthalten in dieser Übersicht ist eine genaue Analyse des Riga-Tourismus bezogen auf das Kulturhauptstadtjahr. Die bisherige Bilanz der Verantwortlichen (siehe www.riga2014.org) erwähnt nur eine Steigerung 18,9% der Gästezahlen im ersten Halbjahr 2014 - und bezieht sich dabei allerdings auf Zahlen der "European Travel Commission" (ETC), die aktuell gerade ihre Jahreskonferenz in Riga abhält. Vielleicht werden bei dieser Gelegenheit dazu weitere Einzelheiten bekannt.

11. April 2015

Keine Verlängerung: Bērziņš gibt auf

Gibt es in Lettland gegenwärtig noch andere Diskussionsthemen, außer dem Ukraine-Konflikt und Spannungen mit Russland? Ja, natürlich. Auf der politischen Bühne steht eine Neuwahl des Präsidenten an - und bis gestern war ist die Ausgangslage noch ziemlich unklar.
Möglicherweise letzter Auslandsbesuch: Präsident Bērziņš
beim österreichischen Bundespräsident Fischer
Gleichsam diskutiert wird aber auch das Wahlverfahren, wie zukünftig Präsidentinnen und Präsidenten gewählt werden sollten. In geheimen Abstimmung im Parlament, so wie bisher? Oder aber - wenn schon nicht vom gesamten Volke gewählt - dann wenigstens in offener Abstimmung? So dass jede/r sehen kann, wer wie gewählt hat? Ex-Präsident Valdis Zatlers spricht sich für eine Variante aus, der zufolge 10.000 Unterschriften für eine Kadidatin oder Kandidat abgegeben werden müssen um ihn ins Abstimmungsverfahren (weiterhin durch das Parlament) zu hieven. Für diesmal werden es aber noch (geheime) Abstimmungen im Parlament sein - wer also 51 Stimmen für sich gewinnen kann, ist gewählt.

Schon in den vergangenen Wochen und Monaten hatte es aber mehrfach Kritik gegeben am amtierenden Präsidenten Andris Bērziņš. Schon die Umstände seiner Wahl am 8.Juli 2011 - die ein Produkt von Absprachen der Liste der Bauernpartei und Grünen gewesen sein soll (Zaļo un Zemnieku savienība ZZS) - blieb belastend für sein Image. Und seit die Lage in der Ukraine auch die Beziehungen mit Russland erneut erschwert hat, erwartete die Öffentlichkeit gespannt auf eine Aussage, ob Bērziņš denn am 9.Mai zur großen russischen Militärparade zur Feier des Sieges über den Faschismus reisen würde - Bērziņš nahm sich für eine Entscheidung sichtlich mehr Zeit als die beiden baltischen Nachbarn, und begründete das mit der besonderen Rolle Lettlands durch die EU-Ratspräsidentschaft.

Langsam aber sicher wurde es für diejenigen, die sich offenen Spekulationen hingaben, was ein Präsident haben, machen und unterlassen müsse, zu einer fast täglichen Beschäftigung. Präsident Bērziņš sah sich zum Beispiel erst vor wenigen Tagen einem gemeinsamen Statement bekannter Mitglieder der lettischen Kulturszene ausgesetzt, die den Amtsinhaber zum Verzicht auf eine mögliche zweite Amtszeit aufforderten, und gleichzeitig drei angeblich bessere Kandidat/innen benannten: Egils Levits, Jurist und Ex-Diplomat, derzeit Richter am Europäischen Gerichtshof, Ex- Aussenministerin und Ex-Kurzzeit-EU-Kommissarin Sandra Kalniete, und Mārcis Auziņš, Physiker und derzeitiger Rektor der Universität Lettlands.

Das Bruttoinlandsprodukt der
EU-Länder, pro Kopf: bis zum
mittleren Niveau ist es für
Lettland noch ein weiter Weg ...
"Einer muss in diesen unstabilen Zeiten die Leitung übernehmen, und in der Stunde X Entscheidungen treffen!" Ob sich Andris Bērziņš an diesem Leitsatz des Ex-Präsidenten Valdis Zatlers orientierte, als er am Donnerstag von einem Besuch in Österreich zurückkehrte, ist nicht bekannt. In der Presse wurden aber bereits zu diesem Zeitpunkt Stimmen laut, es könnte die letzte Auslandsreise seiner Amtszeit gewesen sein (LETA).Einen Tag später trat Bērziņš dann vor die Presse, und verkündete: ich werde keiner der nächsten Präsidentschaftskandidaten sein (president.lv).

Politischen Beobachtern zufolge wäre Bērziņš zwar eine knappe Mehrheit von 53 Unterstützerstimmen im Parlament sicher gewesen - aber das ist nur nach Parteiproporz gerechnet, und entspricht kaum den meist sehr launischen und persönlich geprägten lettischen Abstimmungstraditionen. Eine Wahl nur zur "Rettung der Stabilität" - auch der Regierung - wie es oft in Deutschland den Wahlberechtigten nahegelegt wird (oft als "Franktionszwang" verkleidet), solche Gepflogenheiten werden in Lettland kaum eingehalten. Also lieber nach vier Jahren gehen, als beim Versuch der Amtsverlängerung scheitern, dachte sich der Amtsinhaber vielleicht. In seiner Amtszeit habe es "20% Exportsteigerung und stetigen Aufschwung" gegeben, fügte er selbst hinzu. Ein bischen klingt in seiner Erklärung auch so etwas wie Bedauern nach, nicht weiter an der Staatsspitze mit gestalten zu können. Nun formuliert Bērziņš plötzlich Zielvorgaben: innerhalb der nächsten 10 Jahre solle Lettland das Niveau des mittleren Brottoinlandsprodukts der EU erreichen - nur pro Kopf gerechnet, wohl gemerkt. Die soziale Sicherheit dürfe dabei nicht vergessen werden, meint Bērziņš, und dazu müsse auch der Bevölkerungsrückgang gestoppt und eine bessere Regionalpolitik umgesetzt werden.

Tja, hätte er das mal den amtierenden Regierungspolitikern rechtzeitig aufs Brot geschmiert, mag sich da vielleicht mancher denken. Ein Feiertag steht für den nun neu zu wählenden neuen Präsident oder eine neue Präsidentin schon jetzt im Fokus: Lettlands 100.Unabhängigkeitsjubiläum im Jahr 2018.

Wer aber nun vor allem von des Präsidenten Rückzug Profit schlagen kann, bleibt vorerst unklar. "Viele werden wohl heute gern ein Feuerwerk veranstalten!" spekuliert Jānis Urbanovičs von der oppositionellen "Saskaņa". Aber auch er hat keine politische Mehrheit für einen Kandidaten aus seiner Partei, und hofft daher wohl eher auf kommende Unstimmigkeiten in der Kandidatenfrage beim politischen Gegner. Gibt es bereits konkrete Kandidat/innen? Angeblich soll sogar Ex-Präsidentin Vīķe–Freiberga bereit sein es nochmal zu machen. Die neu im Parlament vertretene Partei "Verband der Regionen" (Latvijas Reģionu apvienība) hat ihren Chef Mārtiņš Bondars zum Präsidentschaftskandidat ausgerufen - was aber in der lettischen Öffentlichkeit lediglich als Versuch angesehen wird, die eigene Popularität zu befördern. Sicher wird nach weiteren Personen gesucht werden. Die Präsidentschaftswahlen sollen voraussichtlich Ende Mai / Anfang Juni stattfinden - bis dahin bleibt viel Raum für Spekulationen.

24. März 2015

Immer hübsch freundlich

In Lettland hat der neue Film von Andris Gauja sicherlich einige Diskussionen ausgelöst: "Izlaiduma gads" (deutscher Titel: "Die Lehrerin", engl. "The lesson" bzw. "The Graduation year") ist immerhin einer der meist gesehenen Filme des Jahres 2014 in Lettland. Viele der Kinobesucher werden Schulsituationen ähnlich derer kennen, wie sie hier gezeigt werden. Doch der Film stellt die Geschichte dieser Lehrerin anders in den Fokus, als es einige Pressereaktionen und sogar die Inhaltsangaben glauben machen wollen.

Nein, vergleichbar mit "Klass" ("The Class") des Esten Ilmar Raag ist der Film nicht. Oder nur als Gegensatz dazu: nicht versteckte und offene Brutalität, sondern idealistische Gutwilligkeit steht bei Andris Gauja im Fokus. Aber je nachdem wie die Ankündigung zum Film verfasst wird, könnte es auch Missverständnisse geben.

Andris Gaujas bisherige Filme fokussierten alle den dokumentarischen Blickwinkel: das Innenleben der jüdischen Gemeinschaft in Riga ("3000 km līdz Apsolītajai zemei", 2006), die letzten Tage eines todkranken Jungen ("Viktors", 2009), und ein Aufsehen erregender Film über eine Geschwisterbeziehung ("Ģimenes lietas" / "Family Instinct", 2010).

Auch bei "Izlaiduma gads" ging Gauja und sein Team in sofern dokumentarisch vor, dass nichts vorgegaukelt wird: obwohl nur einige kurze, eher verschwommene Einstellungen von Paris im Film zu sehen sind (ein Hotel von innen, der Eiffelturm vor dem Zugfenster), so wurde doch original in Paris gedreht. Ebenso in St.Petersburg und in einer russischen Industriestadt, was besonders für das Ende des Films wichtig ist.

Die Verwendung des Slogans "Die Lehrerin die nicht nein sagte" legt nahe, der rote Faden dieses Films liege in der Schwere der Entscheidungen, die Klassenlehrerin Zane zu treffen habe: soll sie die Annäherungsversuche eines Schülers ihrer Klasse erwidern, oder nicht? Wie reagieren Kolleg/innen, Freundinnen und Bekannte? Wird sie vielleicht von reaktionären, streng konservativen Einstellungen rund herum "gezwungen", ihren Gefühlen zu entsagen?

Picknickkorb und Sekt gegen schlechte Stimmung
in der Klasse: Szene aus "Die Lehrerin"
Wer ähnliches als Filmhandlung erwartet, wird zumindest teilweise enttäuscht sein. "Ich wollte mit diesem Film eine Person zeigen, die meint mit immer währender Freundlichkeit und Entgegenkommen weiterzukommen," sagt Filmemacher Andris Gauja. Und tatsächlich: dramatisch zugespitzt verläuft nicht etwa der Konflikt mit Mitmenschen, die Lehrerin Zane Gefühle ausreden wollen. Hauptdarstellerin Inga Alsiņa hätte vielleicht auch noch mehr schauspielerisches Potential zu offenbaren, in diesem Film ist es vor allem Erstaunen darüber, dass ihre Gutwilligkeit nicht zum Guten führt: sie verwickelt sich selbst in einen Strudel der Ausweglosigkeit. So ist es auch zu erklären, dass ihr Gegenpart Marcis Klatenbergs ("Max") so wenig empathisch und hingebungsvoll wirkt: frisch von ihrem Mann getrennt, den Ehering weggeworfen, probiert Zane es mit freundlichst möglicher, entgegenkommender Gutmütigkeit - und staunt offenbar selbst am Ende über das, was sie damit anrichtet. Max hat den Rückhalt eines reichen Vaters, ein Romeo aber ist er gewiss nicht - auch drei gelbe (!) Tulpen, kommentarlos im Briefkasten, reichen da nicht aus. So ist es für Zane auch keine Wahl zwischen persönlichem Glück oder gesellschaftlichem Anpassungsdruck - was dann spätestens das Ende des Films zeigt.

Die Anfangssequenz, eine junge Lehrerin in einer Klasse (fast) erwachsener Schüler/innen, die ihre interne Hierarchie längst ausgefochten und ihre Unlust gegenüber dem angebotenen Russisch-Unterricht offen zur Schau trägt, hätte auch auf die Spur von Ilmar Raag führen können. Doch Zane möchte Gutes tun, und bietet erstmal Früchtepunsch und ausgiebige Parties an, sowohl mit Lagerfeuer am Strand, als auch in ihrer Privatwohnung. Abgrenzung, Authorität und Lernziele waren gestern - hier möchte Frau Zane offenbar am liebsten nur "beste Freundin" sein. Als sie einer Schülerin, die offenbar zu Hause Probleme hat, auch noch kostenfreie Mitwohnmöglichkeit bietet, holt sie sich ausgerechnet diejenige Frau ins Haus, die von einer Beziehung mit Max träumt, der seinerseits Frau Lehrerin lieber zu Spitztouren mit dem Sportwagen einlädt. Die Lehrerkolleginnen reagieren teilweise sogar verständnisvoll: Alkohol auf Schulparties? Gerüchte um allzu enge persönliche Beziehungen mit Schülerinnen und Schülern? Hauptsache die engagierte Kollegin hat das im Griff - so heißt es lange Zeit. Nein, an einem vorurteilsbeladenen, übel wollenden Kollegium scheitert Zane keinesfalls.

Lehrerin Zane und Schüler Max: verirrt im Geflecht
gut gemeinter Beziehungen
Eine lettische Filmkriterin, Kristīne Matīsa, lobt und kritisiert die Nähe zur lettischen Schulrealität gleichzeitig (Diena). Ihrer Ansicht nach wirkt es wenig wahrscheinlich, dass Lehrerin Zane die anfängliche Unlust ihrer neuen Klasse mit so relativ wenig Kommunikation überwindet: Autorität in einer offensichtlichen "Schlangengrube" erreiche man nicht einfach durch schlichte Aussagen wie ""Būs labi, dzirdi?" ("es wird alles gut werden, hörst Du?"), und gegenüber Kolleginnen auch nicht durch den schlichten Satz "Es ļoti atvainojos" ("ich bitte vielmals um Entschuldigung"). Zugestanden. Wie schon gesagt: Lehrerin Zane ist eben nicht von Gefühlen hin- und hergerissen, sondern voller staunender Verständnislosigkeit gegenüber den Ereignissen insgesamt. Weniger als Modell für eine ungewöhnliche Liebesbeziehung, sondern vielmehr als praktisches Experiment hemmungslosen Nett-Sein-Wollens.

Beste Nebenrolle:
Aigars Ligers als "Olafs"
Solcherlei Nettigkeit folgend hätte der Film auch eine andere Geschichte erzählen können. Als die Neue im Lehrerkollegium auf Olafs trifft, Sohn eines Lehrerkollegen, wird alle gefühlsmäßige Zurückhaltung aufgegeben. Der junge Aigars Ligers spielt seine Rolle derart intensiv und überzeugend, dass vielleicht die Frage aufkommt: "Spielt" er überhaupt"? Oder hat das Filmteam die emotionale Tiefe dieser Situation vielleicht auch überrascht? Olafs Vater, alleinstehend und von durchaus wiedererkennbar typischer lettischer Zurückhaltung, könnte sich durchaus Olafs neuer Liebe anschließen. Aber er ist eben kein junger Spund mit Sportwagen ... - schade eigentlich.

mit "Izlaiduma Gads" im Gepäck kürzlich von
Vorführung zu Vorführung, durch halb Europa:
Andris Gauja, Elza Feldmane
Mit nur 35.000 Euro Herstellungskosten ist "Izlaiduma Gads" ein wahrer "Low-Budget"-Film. Nur zu einem kleineren Teil gab es Geld von der staatlichen lettischen Kulturstiftung VKKF, dem Rigaer Stadtrat oder von einigen Sponsoren. Die Dreharbeiten erstreckten sich auf die Jahre 2012 und 2013, die Suche nach Sponsoren, Spendern und Unterstützern noch über einen wesentlich längeren Zeitraum. Der Start in den lettischen Kinos war begleitet von fantasievollen Werbeaktionen: eine riesige Filmkamera schwamm auf der Daugava, kostenlose Bananen wurden verteilt, und etliche Fotos von immer neuen Orten - immer zusammen mit dem Spruchband des Filmtitels - wurden in sozialen Netzwerken gepostet. Und wer Andris Gauja und Elza Feldmane auf ihrer "Europatour" erlebt hat, per Bahn und Bus, mit Film und allen Materialien huckepack - der wird verstehen, dass das gesamte junge Filmteam sicher fast an die eigenen Grenzen gegangen ist, um sich den kreativen Traum von einem Spielfilm erfüllen zu können.

17. März 2015

Wen feiern, gedenken, betrauern oder ehren?

Immer wieder Nachrichten wie gewohnt: am 16.März finden sich in der lettischen Hauptstadt Riga jedes Jahr Menschen zu einem Gedenkmarsch an lettische SS-Einheiten zusammen. Auch in diesem Jahr fand er statt - bei näherem Nachdenken könnte aber auch der 17.März gefeiert werden, und vielleicht wäre das auch der Mehrheit der Lettinnen und Letten recht. Warum?

Angeblich geht es ja, wie auch Teilnehmer dieser Gedenkmärsche betonen, nicht um die Wiederbelebung faschistischer Ideologie. Von lettischer Seite meint man das schon seit sowjetischen Zeiten zu kennen: alle die sich für eine Erneuerung des unabhängigen Lettland einsetzten und sowjetideologisch offensichtlich nicht "auf Linie" gebracht werden konnten, wurden pauschal als "Faschisten" verdächtigt und diffamiert.
Nun geht es beim 16.März allerdings tatsächlich um SS-Einheiten, die gegen Ende des Kriegs von den Nazis zusammengestellt wurden nach dem Motto: entweder Zwangsarbeit oder SS. Zu sehr hatte die Nazi-Selbstgewiss- und Siegesgewissheit gelitten, und unter den Letten verbreiteten sich Gerüchte über Strategien, die es angeblich möglich machen sollten, das unabhängige Lettland wiederzuerrichten. Nicht unmittelbar zusammen hängt das mit denjenigen Letten, die vorher beim Judenmord mitgemacht hatten - auch davon liefen einige, wie der berüchtigte Viktors Arājs, mit dem SS-Abzeichen herum. Nein, es geht wohl in Lettland immer noch um eine "Rettung soldatischer Ehre", einer Darstellung von tapferen Menschen mit edlen Zielen, gezwungen in fremde Soldatenröcke.

Auch in Deutschland wollte es ja in den Nachkriegsjahrzehnten zunächst niemand glauben: Kriegsverbrecher, Mörder und Sadisten genossen ein gedeihliches Umfeld, überall im Nazi-System, also auch in der Armee. Gegendemonstrationen in Riga am 16.März wird gern vorgeworfen, "lettische Soldaten erniedrigen" zu wollen. Nun ja, die meisten sind ja froh, dass der Krieg vorbei ist, noch mehr froh sind diejenigen, die das Glück hatten ihn gesund zu überleben. Aber warum besinnt sich Lettland nicht anderer Ereignisse, die eindeutiger bezeugen, dass 1945 zumindest kaum jemand den einen Diktator herbeisehnte, als der andere verjagt war?

Ein stärkeres Gedenken an den 17.März würde ganz andere Schwerpunkte setzen. Im Jahr 1944 unterzeichneten an diesem Tag 189 Unterstützer ein Memorandum für ein freies, unabhängiges Lettland. Verfasser war ein "Lettischer Zentralrat" (Latvijas Centrālo Padomi), der am 13.8.1943 aus Mitgliedern der größten vor dem Krieg existierenden lettischen Parteien gebildet worden war. Der Entwurf soll aus der Feder von Konstantīns Čakste und Fēliks Cielēns stammen.
Die reale Existenz eines solchen Memorandums kann erst seit dem 2001 konkret bewiesen werden, als das Original dieses Papiers, mit allen Unterschriften, beim Renovieren eines Hauses in der Peldu iela 19 unter Bodendielen versteckt gefunden wurde. Eine Zeitlang hatte hier Valija Vaščunas-Jansone gewohnt, deren Mann einer der Unterzeichner des Memorandums war.
Am 30.November 2009 wurde das Dokument in das Lettische Register des UNESCO-Programms „Memory of the World” aufgenommen.

Eine der Seiten des
LCP-Memorandums
Auch die Unterzeichner/innen dieses Memorandums wünschten sich keineswegs die Sowjetarmee als "Retter" herbei. Sie bezeichneten es vielmehr als dringlichstes Ziel einer neuen lettischen Regierung, deren erneuten Einmarsch zu verhindern und mit allen Staaten partnerschaftliche Beziehungen aufzubauen, welche die Unabhängigkeit Lettlands anzuerkennen bereit seien. Außerdem war man bereit, den Nachbarländern Estland und Litauen die Bildung einer "Konföderation baltischer Staaten" vorzuschlagen.
Ob allerdings General Rudolfs Bangerskis die geeignete Person war, dieses Forderungspapier irgendwem weiterzureichen - da verbinden sich dann doch wieder die Illusionen des 16.und des 17.März, auch bei den möglicherweise Edelmütigen. Bangerskis war SS-Gruppenführer und als Generalleutnant der Waffen-SS Generalinspektor der Lettischen Legion. Bestenfalls also ein weiteres Zeichen dafür, dass andere starke Partner in dieser Zeit nicht zur Verfügung standen.
Konstantīns Čakste wurde am 29.April 1944 von der Gestapo verhaftet und gemeinsam mit einigen anderen Unterzeichnern des Memorandums ins KZ Salaspils verbracht, später ins KZ Stutthoff bei Danzig. Čakste starb am 21.Februar 1945 auf einem Gewaltmarsch als die Insassen Richtung KZ Lauenburg transportiert werden sollten. Fēliks Cielēns gelang die Flucht nach Schweden und starb 1964 in Stockholm.

Immerhin 90 Menschen erinnerten heute, am 17.März 2015, in Riga an das LCP-Memorandum (Latvijas Avize). Ihre Devise: "Von den Unterzeichnern können wir lernen uns auch in schwierigen Zeiten selbst zu behaupten."

Text des LCP-Memorandums (in deutscher Übersetzung)
UNESCO-Informationen zum Thema