18. Januar 2008

Ach, Deutschland! Der Mai wird kommen ...

Oh, Vācija! Endlich haben die Spekulationen darüber, was wohl mit dem Plänen für ein sogenanntes "deutsch- baltisches Jahr" auf sich haben könnte, ein Ende. Unter dem Motto "Oh, Vācija" (gewünscht ist wohl eine Association mit "Ovationen") kündigte die Pressestelle der Deutschen Botschaft in Riga nun einen "deutschen Kulturmonat Mai" für 2008 an.  

Am 16.Juli 2007 hatte der deutsche Außenminister Steinmeier bei seinem Besuch in Riga etwas vieldeutig anklingen lassen, es sei kein Zufall, dass sich in seiner Delegation verschiedene Vertreter der Kultur befinden würden (siehe Steno-Protokoll von Jānis Ūdris für "Latvijas Vēstnesis").

"Deutsche Außenminister lassen sich nur selten im Baltikum sehen", kommentierte damals "Net-Tribune". Das Abendblatt

ließ sich gar zur Schlagzeile hinreißen: "Balten bejubeln Steinmeier." In der Vergangenheit hinterließ besonders der damalige Kanzler Kohl nachhaltigen Eindruck, der die baltischen Staaten ein einziges Mal besuchte: beim Ostseeratsgipfel - um dies dann zu einem ausführlichen Treffen mit seinen russischen Gesprächspartnern zu nutzen. Nachfolger Schröder tat sein Möglichstes, um es sich mit den "Balten" zu verderben, indem er die Ostsee-Gaspipeline per Federstrich und unter Berücksichtigung privat vertretener Wirtschaftsinteressen nach Gutsherrnart den Nachbarn zum Fraß vorwarf. In all dieser Zeit gab es durchaus schon "deutsche Wochen" - als "Kauf-Dich-Glücklich" in lettischen Supermarktketten wie "Sky", untermalt von jauchzenden Tönen deutschen Schlagerguts. Noch heute sind aus Deutschland nach Lettland exportierte Waren in Riga eine Selbstverständlichkeit, aber lettische Waren in Deutschland eine Rarität (oder nur über russische Spezialläden und Großhändler zu bekommen). Ein Problem der Wirtschafts-Monopolisten?

Nun soll es besser werden - hoffentlich! Manche lettischen Kommentatoren hoffen ja auf den "Faktor Merkel in
der europäischen Politik" (so wie Voldemārs Hermanis in der NRA). Von ihrem Vize Steinmeier war bisher aus baltischer Sicht kaum die Rede. Und mit dem Bereich "Kultur" - für den Staatsminister Neumann bei der Bundesregierung zuständig ist, ein CDU-Mann - wildert der SPD-Außen auch im fremden Revier. Weder bei Neumanns Neujahrsrede, noch auf seiner Webpage, ist irgend etwas vom kurz bevorstehenden wichtigen Kulturereignissen in Lettland auch nur angedeutet (im Gegenteil: hier sind nur Polen, Italien, Ungarn, Frankreich und Tschechien besonders hervorgehoben). Vielleicht sollte jemand also zunächst Neumann mal Bescheid sagen, dass Deutschland mit den Balten Großes plant?

 Wessen Sache ist also die Verbesserung der Beziehungen zu den baltischen Staaten? Steinmeiers Amt beruft sich auf die per Koalitionsvertrag festgelegten "Ziele und Aufgaben der Auswärtigen Kulturpolitik". Hier steht zu lesen: "Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ist integraler Bestandteil der deutschen Außenpolitik." Aha, deshalb also kann der Außen- gelegentlich auch ohne den Kulturminister agieren! Nun können wir uns an gleicher Stelle auch vermutlich heraussuchen, was im Mai in Lettland denn für deutsche Prioritäten gelten sollen:
1 - Präsentation der deutschen Kulturszene
2 - Vergabe von Stipendien an ausländ
ische Wissenschaftler/innen
3 - Förderung der deutschen Sprache
4 - Beitrag zur Krisen- und Konfliktvorbeugung
5 - Förderung der europäischen Integration
6 - Beitrag zum Erhalt kultureller Vielfalt
7 - Schaffung eines stabilen Fundaments für die internationalen Bezie
hungen durch den Dialog der Menschen (alles aus dem Koalitionsvertrag von 1995)

 Wenig überraschend im Ergebnis ist, dass dieses sogenannte "deutsch-baltische Kulturjahr" von den drei in Frage kommenden Partnerstaaten auch dreimal unterschiedlich realisiert wird - terminlich wie begrifflich. Als "Essentia Baltica" kündigt es die Botschaft Litauens in Deutschland an - und kündigt dabei monatlich Veranstaltungsübersichten an (allerdings sehr kurzfristig herausgegebene!). Auch von litauischer Seite wird dabei nicht deutlich, wer für die Programmplanung verantwortlich war und ist (ein Deutsch-Litauisches Forum, von den Präsidenten beider Länder aus der Taufe gehoben, offenbar nicht!). Dass die Einbeziehung von deutsch-lettischen Initiativen demzufolge auch für den Beglückungsmai Lettland 2008 keine Rolle spielte, darf also nicht verwundern.

Auch die estnische Botschaft kennt offenbar das irgendwo ausgebrütete "Essentia Baltica" - stellt es aber auch dem eigenen Schlagwort vom "E-Estonia" gegenüber. Zumindest geben sich die Esten vorausschauender in der Öffentlichkeitsarbeit: die estnische Veranstaltungsübersicht für das Jahr 2008 ist auch heute schon recht umfangreich.

Vor diesem Hintergrund - und angesichts der Heimlichtuerei der Vorbereitung - wirkt ja der deutschkulturell-aufgefüllte lettische Monat fast schon wieder wie ein Sparprogramm. Schließlich steht aus lettischer Sicht das Riesen-Kulturereignis "Sängerfest 2008" Anfang Juli an, und sich deutscherweise hier einzuklinken, kam wohl gar nicht in Frage.
Auch die lettische Botschaft in Berlin scheint es nicht sonderlich eilig zu haben, auf die deutsch-lettischen Kulturhighlights hinzuweisen - auf der Botschafts-Webseite findet sich bis heute, auch unter dem Stichwort Kultur - nicht ein einziges Wort (wie auch sowieso die dortigen Hinweise eher mal vor längerer Zeit gepflegt und erneuert wurden).

Was aber wird nun geboten, in diesem möglicherweise lauschigem Mai 2008? Glücklicherweise gab die Deutsche Botschaft in Riga in dieser Woche eine Vorausschau heraus (PDF-Datei download). Nun heißt es also "Oh, VĀCIJA" (mit einem Rufzeichen im Logo). Also wurde vermutlich auch ein Imgage-Designer engagiert, wie das eigens kreierte Logo nahelegt. Hier werden einige Ereignisse aufgelistet, die unter anderem auch schließen lassen, dass diejenigen Kulturproduzent/innen die besten Chancen auf Berücksichtigung hatten, die im Sommer 2007 zusammen mit Steinmeier dessen PR-Tour mitmachten. Ein Festival der bereits bestehenden deutsch-lettischen Kulturzusammenarbeit ist es jedenfalls nicht geworden (Ausnahme: NRW), und auch die deutschen Partnergemeinden lettischer Städte fanden keine besondere Berücksichtigung, geschweige denn Erwähnung.
Im Einzelnen:
- am 2.Mai geben die Berliner Philharmoniker in Riga ein Konzert
- deutsche expressionistische Grafik wird im lettischen Kunstmuseum ausgestellt
- Filme vom Oberhausener Kurzfilmfestival werden in Lettland vorgestellt
- DJ ATB wird in Ogre auftreten
- Ludica und die Tanzgruppe von Ben J. Riepe (Tanzhaus NRW) wird in Lettland auftreten

- David Geringas aus Hamburg ("baltischer Herkunft", laut Pressemitteilung - eine Referenz an die Litauer also), sowie Alois Zimmermann werden in Lettland konzertieren und dabei teilweise Filme von Ernst Lubitsch begleiten,
- die Bundeswehr-Fregatte "Brandenburg" legt in Riga an (auch ein Kulturprogramm??)

- Oliver Kahn soll in Riga einen Besuch machen (hat lettische Vorfahren - aber ob er im Mai kommt, wo doch seine letzte Saison möglicherweise erst mit dem deutschen Pokalendspiel zu Ende geht?)

 Verantwortlich zeichnen nun Deutsche Botschaft Riga, Goethe-Institut, und Staatskanzlei NRW. Ein wenig "von oben nach unten" organisiert, so kommt es fein säuberlich groß-koalitionär austariert daher. Es bleibt zu hoffen, dass lettische Gäste dieser Ereignisse ihren Spaß daran haben, und dass Punkt 7 des Koalitionsvertrags auch noch irgendwie Berücksichtigung findet.

 P.S.: Größer, besser, wesentlicher. Inzwischen ist es Februar geworden in Deutschland, und die lettische Botschaft hat gar ein zweites Logo erfinden lassen und webseitig platziert (Oh, Lettland!). Die Domain "essentia-baltica" war offenbar noch frei, beglückt nun willige Leser/innen mit neuen Ankündigungen. Verantwortlich zeichnet die lettische Botschaft (sieh an - und wird danach die eigene Webseite endlich einmal entrümpelt?), informiert wird von Lettland aus (waren dort die Fachkräfte günstiger?). Nun ist es "das Ding mit dem roten Punkt" geworden - aber der eindimensionale Verkündigungscharakter ist geblieben. Neue Ideen, Partizipation der zu Beglückenden - Fehlanzeige. Wer hat da den Kulturetat vervielfacht?
Nicht zufällig ist unter "Impressum" der Seite nur eine große Leere anzutreffen - es wird noch gebastelt, lieber Kulturkonsument. Und unter "Kontakte" dürfen Sie ein ausgefülltes Formular in die
"Elizabtes iela" schicken - die Akteure bleiben weiterhin lieber anonym und nicht ansprechbar.

14. Januar 2008

Sattler zatlert nach Deutschland

Der lettische Präsident Valdis Zatlers wird sich am 21. und 22. Januar zu einem Besuch in Deutschland aufhalten; das melden heute die lettischen Agenturen, das lettische Außenministerium, und auch der Pressedienst des Präsidenten selbst.

Deutschland? Die Lettinnen und Letten
beschweren sich ja immer mit einer gewissen Berechtigung, dass Riga nicht gleich Lettland sei. Aber mehr als Berlin wird auch Valdis Zatlers in diesen klimagewärmten Wintertagen nicht zu Gesicht bekommen.

Mit Präsident Horst Köhler möchte Zatlers gerne unter anderem, Presseinformationen zufolge, ein Treffen von acht europäischen Präsidenten vorbesprechen, das demnächst in Österreich stattfinden soll.
Beim Handshake mit Angela Merkel, sowie auch beim Treffen mit Vertretern des Bundesverbands der Deutschen Industrie, wird es vor allem um Energiefragen gehen - gemäßt lettischer Sprachregelung um "Unabhängigkeit der Energieversorgung in der Europäischen Nachbarschaftspolitik". Offensichtlich kann sich die lettische Seite immer noch nicht recht entscheiden, ob sie sich endgültig als Atom-Jünger in die Ecke stellen möchte (mit den Deutschen an der Seite stünde es sich dort weniger einsam), oder ob nicht doch die Kontakte zu den aufstrebenden deutschen Firmen der nachhaltigen Energieerzeugung längerfristig mehr bringen würden (Windkraft zum Beispiel, wo Deutschland gerade dabei ist, die ersten Großanlagen auf hoher See zu errichten). Auch bei einer Atomanlage wäre ja - die Regeln des freien Weltmarktes vorausgesetzt - nicht gesichert, dass so ein teurer Neubau (in Litauen oder anderswo) ohne das Geld russischer Investoren vonstatten gehen würde.

Zatlers wird zunächst einmal w
eiter das Protokoll abschreiten. Bundestagspräsident Lammert (mit dem Deutschen Bundestag gibt es einen produktiven Praktikanten-Austausch), und Bürgermeister Wowereit (die Hauptstadt Riga möchte es ja immer gern nur noch mit Hauptstädten zu tun haben).

Eher verdeckt deutet Zatlers auf der Präsidenten-eigenen Homepage einen Besuch auf der "Grünen Woche" in Berlin an. Ein "Treffen mit lettischen Unternehmen, die in Deutschland arbeiten", stehe an, sowie die Teilnahme an einer Präsentation "ökologisch reiner Produkte". Wer es auf der Grünen Woche selbst ausprobieren bzw. präsidential nachvollziehen möchte: laut Ausstellerverzeichnis wird es Sanddornsaft, Moosbeeren in Puderzucker, Kvass, Gewürze, Wachteln und alkoholfreie Getränke geben. Das Öko-Versprechen wäre zumindest bei den Wachteln, und auch beim Moosbeerenzucker zu überpüfen ...

Der Präsident bittet darum, ihm als Berlinisches Dankeschön keine Pralinenschachteln mit eingewebten Geldscheinen zu überreichen.
Ob auch ein Besuch im Berliner Zoo vorgesehen ist (in Lettland beliebter Ort für interne politische Gespräche), war bisher leider nicht zu erfahren.

Hier unser Vorschlag gängiger und weitgehend unverfänglicher Berlin-Souvenirs, entnommen der Webseite www.berlin.de

7. Januar 2008

Weihnachtsgruß

In Lettland könnte auch das orthodoxe Weihnachten zum offiziellen Feiertag erklärt werden - diese Aussage des des neuen lettischen Regierungschefs Ivars Godmanis ist heute in der Presse nachzulesen (TVNet, NRA, MP).
Vielleicht keine so schlechte Idee? Gibt es eigentlich vergleichbare Länder, wo beides Feiertag ist?
Nun gut, ein wenig ist es auch Parteipolitik, da Godmanis' Partei ("Lettischer Weg") sich mit der "Ersten Partei" vereinigt hat, der besonders christ-konservativer Lobbyismus nachgesagt wird. Das Feiern beider Festtage könnte als "Beispiel der Einheit der Christen in aller Welt" gelten, so Godmanis. Es seien ja bereits eine ganze Reihe verschiedene Kirchen in Lettland offiziell registriert, neben der evangelisch-lutherischen die katholische Kirche, die Orthodoxen sowie die Altgläubigen (Rechtgläubigen), die jüdische Gemeinde, die Methodisten, die Sieben-Tage-Adventisten, und einige Freikirchen.

Nicht das erste Mal, dass dieses Thema auf der Tagesordnung des lettischen Parlaments steht. Im Internet sind die Protokolle der Saeima nachzulesen, so dasjenige vom 16.Januar 2003. Bisher fanden Vorschläge dieser Art nie eine Mehrheit.
Das orthodoxe Weihnachtsfest wird am 7. Januar gefeiert.

Lettische orthodoxe Kirchengemeinde (lettische Webseite)

Lettische orthodoxe Kirchengemeinde (russische Webseite)

4. Januar 2008

Letten bringen Gebrauchtwagen zurück

Erinnern Sie sich? Zu Anfang der 90er Jahre, Lettland hatte sich gerade wieder den Status einer unabhängigen Republik erkämpft, und vor der neu eingerichteten deutschen Vertretung in Riga (zunächst provisorisch im Hotel Ridzene, dann am Aspazijas Blv - erst später im jetzigen Gebäude) standen lange Menschenschlangen, die auf Erteilung eines Besuchsvisums nach Deutschland warteten. Es war nicht einfach, der Austausch zwischen Ost und West, und aus lettischer Perspektive war es auch durchaus unsicher, ob diese Unabhängigkeit lange halten würde.
Wer dann als Besucher/in aus Lettland in Deutschland ankam, hatte viele bürokratische Hürden - und noch dazu einige real existierende Grenzen inklusive Kontrollen - bereits überwunden.

Der weitaus am meisten geäußerte Wunsch von lettischer Seite damals - sei es Arzt, Bürgermeister, Händler, Chormitglied oder Öko-Aktivist - war derjenige nach einem Auto aus dem Westen. Der Wunsch nach einem "Gebrauchtwagen" wurde fast zum geflügelten Wort, bzw. Synonym für manches andere. Dauerte ein Besuch eine Woche, konnte man sicher sein, spätestens am vorletzten Tag - unter Ankündigung eines dringenden, persönlichen Wunsches des Gastes - mit der Sehnsucht nach einem Auto aus dem Westen konfrontiert zu werden. Schon damals, trotz der noch viel krasseren Wertigkeit der jeweiligen Währungen und Monatslöhne, waren die reisenden Letten bereit, alles verfügbare zusammenzukratzen, nur um eine Chance auf einen Gebrauchten zu bekommen. Selten durfte er mehr als 1000 DM kosten. Manchmal steigerten sich diese Begierden auch: dann durfte es mal ein Kleintransporter, ein ausrangierter Jeep aus NVA-Beständen, oder auch ein ganzer Bus sein. Das "könntest-Du -nicht?", "wäre-es-nicht-vielleicht-möglich" war allgegenwärtig.

Später, beim Besuch in Lettland, waren viele dieser Autos selbst auf einsamen Bauernhöfen wiederzufinden. Zu sehen waren viele Wagen dieser älteren Baujahre jedenfalls, manchmal aufgebockt, in Reparatur befindlich, umgebaut, oder einstweilig abgestellt.

Ein Zeitsprung. Haben Sie auch von der Absage der Rallye Paris-Dakar 2008 gehört?
In Estland (wo es schon international bekanntere Rallye-Fahrer gibt) wie auch in Lettland ist Rallye der typische Sport der ländlichen Regionen. Es gibt eine Reihe von "Motodromen", auf denen mit Karossen entweder 'sportlich schick' oder 'schräg und alt' Rennen gefahren werden. Motorradsportler Jānis Vinters wäre einer der aussichtsreicheren Teilnehmer bei der Paris-Dakar gewesen (Startnr. 6 - er belegte 2007 Platz 6). Mit den Startnummern 300 und 337 (u.a.) hätte es zwei weitere lettische (Auto-Motorsport)-Teams gegeben, die ab dem 5.Januar nach Dakar aufgebrochen wären. "Ich gebe zu, mein Traum wäre es, die Dakar auch mal zu gewinnen", äusserte Vinters noch am 2.Januar im Interview mit Delfi-Autosport. - Doch wozu trauern, wenn es doch die "Alternativ-Rallye" gibt? Paris-Dakar ist tot - es lebe die "Plymouth-Dakar Challenge"!

"Mit altersschwachen Autos durch Westafrika" - so beschrieb es vor drei Jahren DIE WELT. Gemeint ist die Idee des Briten Julian Novill, ein Börsenmakler. "Ich wollte zeigen, daß man die Strecke auch mit weit weniger Aufwand bewältigen kann," so wird er vielfach zitiert, und eigentliches Ziel seines Wettbewerbs ist nicht Dakar, sondern Banjul in Gambia. Im Dezember 2002 starteten erstmals 45 Teilnehmer/innen diese Tour, und hier sind die Regeln:
1) Die teilnehemenden Autos dürfen nicht mehr als 100 englische Pfund kosten
2) Maximal erlaubtes Budget für die Rallye-Vorbereitung: 15 Pfund
3) Wenn die Rallye einmal gestartet ist, sind alle Team nur für sich selbst verantwortlich, können keine Hilfe von den Organisatoren einfordern
4) Alle teilnehmenden Autos, die in Banjul ankommen, müssen den Organisatoren überlassen werden; sie sind als Spend
e für wohltätige Zwecke in dieser Region einzusetzen.
5) Alle Fahrzeuge müssen das Steuer links haben.
Dazu wird eine Erläuterung von Gründer Julian Novill gesetzt: Alle Regeln sind dazu da, um vielleicht übergangen zu werden - außer Regeln Nr. 4 & 5.
Will sagen: wenn Du mehr ausgibst, ist es okay, solange das Fahrzeug am Ziel auch gespendet wird.

Unterliegt nun dieses (noch abenteuerlichere) Unternehmen keiner Terror-Gefahr? Brutal gesagt fällt das wohl schlicht unter Regel 3. Entscheidend ist aber auch, dass jede/r Kandidat/in (eine offizielle Anmeldung und Zusage vorausgesetzt) ja zu Hause losfährt: Plymouth-Banjul ist längst gestartet! Bis Mitte Januar gehen 9 verschiedene Gruppen von Teilnehmer/innen an den Start, "berechnet" ist die Route Plymouth-Banjul für 22 Fahrtage.
Alle teilnehmenden Teams (Empfehlung der Organisatoren: 2 Personen pro Auto) berichten virtuell an die gemeinsame Webseite, also SMS aus der Wüste, Berichte per Laptop oder Handy sind hier also angesagt. So wild die Autos, so abgefahren die Team-Namen: Es gibt die "Bishop-Bangers", "Roaring Forties", "Time not money", oder "Desert-Skunks". In der großen Mehrheit sind die Teams aus dem großbritischen Königreich (klar, schon wegen des Startpunkts) und Irland. Immerhin vier deutsche Teams sind dabei: "Pommes-Express", "Jägerschnitzel", "Kraut'n custard", (soweit alles kulinarisch orientiert, offenbar), und noch das Team "On tour again".

Aus dem kleinen Lettland aber kommen die meisten Teams außerhalb der britischen Insel - gleich 17 Autos sind unterwegs: "Saldus", "White Swan", "Desert-Lox-Lv1", "Desert-Lox-Lv2", "Rigas Jackals", "Banzai", "Team H", "Quattro Power", "Vecaku Rally Team", "2 Polecats in a Car", "Cesis-Team", "Papa Friends", "Developer.lv", "Lama-Team", "Wurth-Team", und "2103". Für das meisten Aufsehen vor dem Start in Lettland sorgte das Zwei-Frauen-Team "Blondie Tour".

Und hier die Auflistung der von den Lett/innen ver- wendeten Autos: ein VW-Passat, ein Volvo 240 (siehe Foto - inklusive der in Volkstracht posierenden "braucēji" Marcis und Guntis), zwei Mercedes 250, fünfmal Lada, ein Honda Civic, je einmal 'Audi80' 'Audi Sedan' und 'Audi Avant', ein Toyota Camry, ein VAZ, ein Niva 2121, und ein Fiat Chroma.

Und? Liest sich das nicht wie eine Aufstellung derjenigen motorisierten fahrbaren Untersätze, die in den frühen 90er Jahren "available" waren? Worin vielleicht die ersten Touren "in die freie Welt" unternommen wurden, die wilde Partys aushalten mussten, oder deren Fahrer/innen sich über die typischen lettischen Schotterstraßen trauten?

Sicher ist, dass sämtliche lettischen motorisierten Abenteurer in erster Linie "Spaß haben" wollen - nur sind eben inzwischen Fahrziele und internationale Zusammenhänge andere geworden. Auch der "Gebrauchsweg" eines Autos Lettland-Irland-Gambia wäre so möglich (alles selbst gefahren, inklusive selbst verdientes Geld zwischendurch?). Das Auslandsportal der Lett/innen (latviesi.com) interessierte sich ebenfalls am meisten für die beiden "Blondinen aus Liepaja", Ieva und Zane, 20 und 21 Jahre jung, die übrigens nicht zum ersten Mal mitfahren. "Heiraten wollen sie vorerst nicht", schrieb DIENA am 27.Dezember. Die beiden sammeln immer noch das Geld, was sie zum Ankommen brauchen: 1250 Lat fehlen ihnen (Stand heute) noch, so sagt die Webseite aus. Und: "wir wollen geholfen werden", verkünden sie als Appell an die männlichen Kollegen. Gegenseitige Hilfe ist bei dem gruppenweisen Start sowieso Teil des Erfolgs jeden Teams, denn ums "zuerst ankommen" geht es nicht. In Liepaja fand Mitte Dezember eine große Abschiedsparty statt ("eine Nacht in Afrika"), schließlich gibt es auch unter lettischen Musiker/innen schon "Afrika-Eroberer" (wie Nils Īle und seine 'Afroambient').

Lettland erobert die Welt - immer ein Thema, zumindest in Lettland selbst. (nun auch in diesem Blog ...)

Zum Weiterlesen:
Webseite
Jānis Vinters - Pressemitteilung zur DAKAR-Absage

Interview mit
Jānis Vinters im lettischen "Motojournal" (lettisch)

Interview mit Delfi-Autosport, inklusive einer Liste der bisherigen lettischen Resultate bei der Paris-Dakar (lettisch)

Zur "Plymouth-Dakar-Challenge"
Beitrag in DIE WELT

Offizielle Webseite "Plymouth-Dakar-Challenge"

Offizielle Webseite "Plymouth-Banjul"

Die Regeln der Plymouth-Dakar-Challenge

Was bei Wikipeda dazu steht

Bericht bei "Latviesi.com" (lettisch)

Bericht DIENA (lettisch)

Bericht in Kurzemes Vārds (lettisch)

Blogs von lettischen Teilnehmer/innen 2008:
Riga-Dakar-Blog Zigulis.lv

Tagebuch der "Blondie-Tour"

28. Dezember 2007

Kā klājas? Wie gehts ins Neue Jahr?

In welcher Stimmung begehen die Menschen den Jahreswechsel? Das ist auch in Lettland die Frage zwischen den Jahren. 52% der Lettinnen und Letten glauben, dass sich ihr Land gegenwärtig in einer ökonomischen Krise befindet (TvNet). Da wird wohl dem Gegensatz zwischen nett aussehenden Wachstumsstatistiken und dem gefühlten Wert des "Und-was-kommt-davon-bei-mir-an" des Durchschnitts-Letten Ausdruck gegeben. Nach den Grundlagen für solche Aussagen wurde ebenfalls gefragt: 77% geben die spürbaren Preissteigerungen in den Läden an, weiterhin werden auch die Turbulenzen um den lettischen Immobilienmarkt als Grund solcher Einschätzungen angegeben.
Die andere Seite der Wahrnehmung spiegelt die Aussage von Dace Valnere, PR-Beauftragte bei RIMI-Latvija, einer der größten Supermarktketten des Landes: "In der Weihnachtswoche steigerte sich unser Umsatz gegenüber anderen Wochen um ein Drittel." IKI Lettland meldet gar eine Umsatzsteigerung im Weihnachtsgeschäft um 70% gegenüber dem vorigen Jahr (Finance-Net).


Wenn es einer Rangliste bedarf: die Top 10

Viele Medien stellen am Ende des Jahres Ranglisten auf: was war das interessant, skandalös, viel diskutiert? Hier die Top 10 des Internet-Portals TVNET:
Platz 1: heiß diskutierte Forderungen zum Rücktritt der lettischen Regierung, das war klar.
Platz 2: die immer offensichtlichere deutliche Inflation, und die Versuche der zurückgetretenen Regierung Kalvitis, da noch etwas dran zu verbessern. Auf Platz 4 schafft es auch noch die Präsidentenwahl, von der im Nachhinein bekannt wird, dass sie von einigen wenigen Politikern zwischen den Tieren des Zoos entschieden wurde.
Platz 3: auch in Lettland dieses Jahr aktuell: Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal von Kindern. Statt teurer Prestigeprojekte wie ein neuer Konzertsaal für Riga sollten auch mal die lettischen Kinderkrankenhäuser dringend renoviert werden, so die Mahnung. Auch wurden wieder einige Schicksale von Kindern und Jugendlichen bekannt, die einfach verschwanden und bis heute nicht wieder aufgefunden werden konnten.
Platz 5: die "neue Mode", irgendwo Gespräche von Geschäftsleuten, Politikern oder Gerichtsangestellten zu belauschen und anschließend zu veröffentlichen. Bekannteste Variante 2007 war die Veröffentlichung zu umfangreichen Gesprächsprotokollen im lettischen Gerichtswesen ("Tiesāšanās kā ķēķis", näheres hier), nach deren Lektüre viele ihre Zweifel an "Recht und Ordnung" in Lettland bestätigt sahen (das Buch war 2007 bei "Jāņa Rozes" auf Platz 5 der meistverkauften Bücher in Lettland).
Platz 6:
Die Tragödie von Alsunga
Am Abend des 23.Februar 2007, in einer kalten Nacht, brennt das Sozialzentrum "Reģi" in Alsunga ab. 26 Insassen verlieren das Leben, eines der tragischen Feuerunglücke in der Geschichte Lettlands.

Platz 7: Lembergs hinter Gittern. Ein Beispiel für eine kommende "lettische Säuberungswelle"? Krumme Geschäfte ungeahnten Ausmaßes. Doch es gibt auch lettische Äußerungen, bewußt gezielt auf viele ausländische Glücksritter, die ihre bessere ökonomische Ausgangssitutation ebenfalls zu schnellen Geschäften in Lettland nutzten: "Wenigstens ist er einer von uns."

Platz 8: Der Fall Edgars Gulbis. Ein interner Fall aus dem lettischen Sicherheitswesen (Gulbis war mal Mitglied der Präsidentenwache und der Sicherheitsbehörden), die Einzelheiten sind noch frisch. Dunkle Hintergründe schimmern hervor und verdecken teilweise das Bemühen um Sicherheit und Ordnung.
Platz 9: das Grenzabkommen mit Russland wurde abgeschlossen. Nur auf Platz 9? Der deutsche Außenminister Steinmeier lobte diese Tatsache in den vergangenen Wochen gleich mehrfach per Presserklärung. Und das Stichwort "Schengen" wird unter diesem Platz 9 auch bereits mit abgehandelt. Reise- und Bewegungsfreiheit, offensichtlich seit Ende Sowjetlettlands nicht mehr oben auf der Liste der Prioritäten - vielleicht hat man auch die Nachteile erkannt, die mit dem schnellen Reisen entstehen: zum Beispiel die Möglichkeit, mal eben für eine Zeitlang Gelegenheitsarbeiter in Irland zu werden, und erstmal nicht wiederzukommen.
Schließlich Platz 10: Der Kampf gegen "agressive Autofahrer". Hierzu gibt es verschiedene lettische Perspektiven: die einen suchen nach Möglichkeiten für weniger Staus in Riga, die anderen nach mehr Straßen und freie Fahrt für Autos.

Wenn es langweilig wird: Fliegen Sie hin und her

Germanwings wird ab dem 2.Mai 2008 eine neue Linie "Riga-Köln" eröffnen. Abgehakt in der lettischen Presse als "ein weiterer Billigflieger"(tickets ab 19 Euro), mit einigen Zahlen belegt: die Verwaltung befinde sich in Köln, die Gesellschaft verfüge über 27 Flugzeuge der Marke Airbus, habe 2006 7,1 Millionen Passagiere befördert, und dabei 560 Millionen Euro umgesetzt, weiß TVNet. Leider es inzwischen nicht mehr nur die Gedanken an freudige Erwartung von noch mehr Touristen, nehme ich an. Trunkene Fremdlinge auf den Straßen der Altstadt, denen die 13% jährliche Inflation in Lettland immer noch "ein Klacks" sind und erwartungsfroh auf Vergnügungen aller Art warten - nicht alle Lett/innen fühlen sich mehr wohl in dieser Rolle der potentiellen Gastgeber. Glücklicherweise war bisher weniger von deutschen Gästen die Rede, wenn es um die unangenehmen Begleiterscheinungen dieses grenzenlosen Kurzzeitvergnügens ging.

Wenn Sie die Welt nicht mehr verstehen: Wörter und Un-Wörter

Im Gegensatz zu Deutschland werden die Wörter und "Un-Wörter" des Jahres in Lettland nicht schon vor Weihnachten bekannt gegeben, sondern gegenwärtig erst noch gesucht. Interessant vielleicht die Rückschau, dass z.b. 2003 "Eiro" das Unwort des Jahres war (ein langwieriger Streit: gemäß lettischen Sprachregeln müsste der "Euro" in Lettland eigentlich "Eiro" heißen, aber auch dieses Wort ließe sich nicht lettisch deklinieren).
Auch die Wortneuschöpfung "zīmols" (statt englisch "Brand" oder deutsch "Firmenzeichen" zu sagen) kam damals schon auf. Im Lande der baltischen Tiger werden nicht nur Firmen gegründet, sondern jetzt auch "Imagewerbung" betrieben.
Und ''mēstule'' war bereits 2004 lettisches Unwort (statt engl. "Spam" sagen zu müssen) - ein weiteres Beispiel, dass in Lettland der Umgang mit der weltweiten elektronischen Kommunikation bei weitem kein Fremdwort (im wahrsten Sinne auch dieses Wortes) mehr ist.
Diese Reihe der bemühten lettisierten englischen Ausdrücke ließe sich mit "smacenis" (neu für engl. "Smog"), Wort des Jahres 2005, oder "hendlings"(Unwort des Jahres 2006 - tja, was sagt der Deutsche eigentlich, für "Handling"?) weiter fortsetzen.
Auch "centrs" (für "Zentrum", klar) war schon mal Unwort in Lettland; auch wie schön war doch die Zeit, als das "Centrs"-Einkaufszentrum in der Altstadt noch einfach "Universalveikals" hieß, dass sich auf Deutsch so schön schief "Universal-laden" übersetzen ließ.

Wenn am gemeinsamen Europa Zweifel kommen: nehmen Sie sich ein Beispiel

Die lettische Europabewegung dagegen ist schon fertig mit ihrer Wahl zum "Europäer des Jahres 2007". Es ist Andris Piebalgs, EU-Energiekommissar (Pressemitteilung dazu, inklusive Link auf "Piebalgs bei YouTube"). Erfreulich un-skandalös in Zeiten von allgemeiner öffentlich bekundeter Misstrauenskundgebungen gegenüber Regierung und Politik. Wer sich noch an die Pre-Nominierungen von Sandra Kalniete (die schon beim EU-Landwirt- schaftskommissar hospitiert hatte) oder Ingrida Udre (die dann 2006 eine Wiederwahl in die Saeima wegen vieler Negativ-Voten der Wähler trotz Steigerung der Delegiertenzahl ihrer Partei nicht erreichte) ein ruhiger Pol der Außendarstellung Lettland innerhalb der EU-Strukturen. Andererseits ist Piebalgs vielleicht Symbol für die Dominanz der Energiefragen auch in der aktuellen Politik Lettlands. 2008, das Jahr, in dem eine lettische Regierung unter Beteiligung der Grünen Partei den Bau eines neuen Atomkraftwerks beschließt?

Und hier tickt schon die Uhr für 2008: vom 5. - 12. Juli 2008 findet wieder das allgemeine Sänger- und Tanzfest in Lettland statt.

23. Dezember 2007

Gratis Zirkus in Lettland (Neufassung)

Die Letten müssen gegenwärtig kein Geld ausgeben, um einen Zirkus zu sehen. Zirkus gibt es im Fernsehen, die Politiker treten auf. Was ist besonderes passiert? Noch im Herbst 2006 gewann als einer der seltenen Fälle im postsozialistischen Raum eine an der Macht befindliche Regierungskoalition die Wahlen. Aber was zunächst vor dem Hintergrund der früheren großen Schwankungen in der Wählerunterstützung nach Stabilität aussah, war eher die Wahl des kleineren Übels in einer Gesellschaft, in der die Einwohner, die Bürger wenig aktiv sind, die Parteien also nicht aus gesellschaftlichen Bewegungen hervorgehen, sondern fast ausnahmslos von Vertretern der politischen Elite gegründet worden sind. 

An der Exekutive, die nach dem Austritt der Neuen Zeit aus der Koalition im Jahre 2005 bis zum Urnengang als Minderheitsregierung existierte, waren die konservativ-liberale Volkspartei, die Listenkoalition aus Bauernunion und Grünen sowie die fusionierten Kräfte Lettlands Weg / Lettlands Erste Partei beteiligt. Die Bauernunion war damals angetreten mit dem bereits unter Korruptionsverdacht– ein Prozeß lief sogar bereits – stehenden Bürgermeister von Ventspils, Aivars Lembergs, als Spitzenkandidat, obwohl dieser sich nicht um ein Parlamentmandat bewarb. Lettlands Weg war in den 90er Jahren eine der wichtigsten und langjährigen Regierungsparteien gewesen, die mehrfach den Ministerpräsidenten gestellt hatte. 

Trotz ihrer eigentlich liberaler Ausrichtung hatte sie als Partner auf Augenhöhe nur die Erste Partei finden können, in anderen Fusionen hätte sich die Partei nur unterordnen können. Ideologisch passen die beiden Kräfte weniger zusammen. Die Erste Partei wird auch Priesterpartei genannt, weil sie durch mehrere Geistliche gegründet wurde. Ihr Weltbild ist ein sehr konservatives, so trifft sie beispielsweise den Nerv der Bevölkerung mit ihrer Ablehnung von Homosexualität. Diese regierende Koalition aus drei Parteien nahm nach der Wahl im Herbst 2006 zur Sicherung ihrer sonst knappen Mehrheit von nur 51 Mandaten in der 100 Sitze umfassenden Saeima mit der konservativ-nationalen Für Vaterland und Freiheit eine weitere Partei mit ins Boot. Nachdem bereits zu Jahresbeginn 2006 der Jūrmalgeit-Skandal das Land erschüttert hatte, bei dem die politische Elite via Handygesprächen versuchte, im Kurort Jūrmala nahe der Hauptstadt Riga einen genehmen Bürgermeister zu installieren, begann schnell nach der Regierungsbildung der politische Nihilismus eine neue Dimension anzunehmen. Zunächst kam es zum Konflikt im Zusammenhang mit der Bestellung des Ombudsmannes, es folgten die Änderungen im Gesetz über die nationale Sicherheit, in dem sich die Regierung das Recht zugestehen wollte, selbst darüber bestimmen zu können, wer Träger von Staatsgeheimnisse sein darf. Präsidentin Vaira Vīķe-Freiberga nutze während ihrer letzten Monate im Amt das Recht, die Ausfertigung des Gesetzes zwecks Organisation einer Referendums auszusetzen. Die nötigen Unterschriften wurden zusammengetragen, aber das Referendum erreichte eine zu geringe Beteiligung, weil als Datum ausgerechnet der 7. Juli 2007 angesetzt war, ein Termin, den viele Paare für ihre Hochzeit ausgewählt hatten.

Auch die Wahl des neuen Staatspräsidenten verlief im Frühsommer alls andere als geräuschlos. Der plötzlich von der regierenden Koalition aus dem Hut gezauberte Arzt Valdis Zatlers hatte sich zu Schulden kommen lassen, was in Lettland angesichts geringer Saläre unter Medizinern gang und gäbe ist, Geldgeschenke von Patienten entgegenzunehmen, deren umstrittene Freiwilligkeit neuerlich in der Presse diskutiert wurde. Des weiterem haftet ihm an, daß die Entscheidung zu seinen Gunsten angeblich während eines Treffens der Spitzenpolitiker im Zoo getroffen wurde. Nach der erfolgreichen Bestellung sorgte der Angeordnete der größten Regierungspartei, der Volkspartei, Jānis Lagzdiņš, am Fenster des Abgeordnetenhauses für weitere Aufregung, wo er den ausgestreckten Arm mit Faust die andere Hand in den Ellebogen legend zeigte. Es fehlte nur der ausgestreckte Mittelfinger. Angeblich habe er sich an einen konkreten Bekannten vor dem Gebäude wenden wollen, was angesichts der dort versammelten Anhänger des Oppositionskandidaten und früheren Präsidenten des Verfassungsgerichtes, Aivars Endziņš, wenig überzeugend klang. 

Aber die Regierung brachte das Faß erst im Oktober durch die – inzwischen wieder zurückgenommene – Absetzung des Direktors der Anti-Korruptionsbehörde Andrejs Loskutovs zum Überlaufen. Es gab Demonstrationen und erst dann und auch nur zögerlich war Ministerpräsident Aigars Kalvītis bereit, den politischen Bankrott seiner Regierung einzusehen und den Rücktritt anzukündigen – wenn auch mit dem kleinen Kniff, dies für den 5. Dezember anzukündigen, wenn Ministerpräsident Aigars Kalvītis exakt auf drei Amtsjahre zurückblicken kann. Und was ist an diesem Vorgang besonderes? Neu ist, daß das inzwischen schon dritte Kabinett Kalvītis, welches vor dem Hintergrund der Instabilität der vergangenen Jahre bereits die 14. (!) Regierung Lettlands seit 1990 war, die erste ist, die nicht abtritt, weil die Koalition zusammengebrochen ist. Früher waren Ministerpräsidenten zum Rücktritt immer nur gezwungen, weil ein Partner der Regierung die weitere Unterstützung versagt hatte. 

Und damit begann der Zirkus. In der Saeima haben die sogenannten nationalen Kräfte eine große Mehrheit; eine Regierung zu bilden dürfte also nicht schwierig sein. Die Mehrheitsverhältnisse haben sich jüngst nur bedingt geändert, weil die vormaligen Minister der Volkspartei Aigars Štokenbergs und Artis Pabriks nicht mehr zur Fraktion gehören. Ersterer war, obwohl Präsidiumsmitglied, in Abwesenheit aus der Partei ausgeschlossen worden, weil er angeblich eine eigene politische Kraft zu gründen geplant habe. Darauf hin trat Pabriks als Außenminister zurück. Beide Positionen wurden vom abtretenden Ministerpräsidenten nicht nur kommissarisch neu besetzt. Über seine Motivation wie auch jene der neuen Minister Māris Riekstiņš für das Auswärtige und den Bürgermeister von Kuldīga, Edgars Zalāns, für regionale Angelegenheiten mag man spekulieren. Offensichtlich gingen beide davon aus, daß sie auch in der nächsten Regierung dieselben Positionen würden besetzen können. Die Volkspartei demonstrierte jedenfalls trotz des Rücktritts von Kalvītis damit ihre Einstellung. Und so führte die Diskussionen über die Bildung einer neuen Regierung auch niemand anderes als der abtretende Regierungschef selbst. Aber trotz der Mehrheiten ist die Lage verzwickt. Die Volkspartei ist nicht bereit unter einem Premier zu arbeiten, der aus der einzigen liberal-konservativen, derzeit in der Opposition befindlichen Kraft, der Neuen Zeit, kommt, die 2005 im Streit aus der damaligen ersten Regierung Kalvītis ausgetreten war und die zweite damit zu einem Minderheitskabinett hatte werden lassen. Die Gründe damals waren in etwa dieselben, welche nun zum Bankrott der dritten Regierung Kalvītis geführt hatten. Aus diesem Grunde will sich die Neue Zeit wiederum auch nicht vorführen lassen und ist verständlicherweise nicht bereit, unter einem Premier aus den Reihen der Partei des abtretenden zu akzeptieren. Die Parteien der abgetretenen Koalition zeigten nun erneut demokratischen Entscheidungsprozessen die kalte Schulter. So erklärte Māris Segliņš, der auch unter Regierungschefs von Lettlands Weg Innenminister gewesen war, der Präsident müsse jetzt den Startschuß geben. 

Die Parteien könnten mit dem Prozeß der Regierungsbildung erst beginnen, wenn sie wüßten, wer den Auftrag erhält. Dabei hatte die Volkspartei den gerade erst in die Regierung gewechselten Zalāns als Kandidaten portiert, der prompt für Aufsehen sorgte, als er sich weigerte, in der bekanntesten und wichtigsten Diskussionssendung „Kas notiek Latvijā“ – „Was passiert in Lettland“ des lettischen Fernsehens aufzutreten. Nicht nur, daß er an dem Abend eine Einladung habe, nein, er halte grundsätzlich die Teilnahme an dieser Sendung für überflüssig. Aber auch der Umstand, daß sich Aigars Kalvītis dauernd in die Diskussion über eine neue Regierung einmischte, unterstrich nur noch einmal den Eindruck, der schon durch die Berufung Zalāns in die abtretende Regierung entstanden war. Und wer ist der Dompteur in diesem Zirkus? Der Arzt Valdis Zatlers befindet sich in keiner beneidenswerten Position. Der Präsident, welcher in Lettland nicht nur das Recht hat, einen Regierungschef zu benennen, sondern dessen Pflicht dies auch ist. Doch kann er bei seiner Entscheidung die Mehrheitsverhältnisse im Parlament, das diesen Kandidaten dann bestätigen muß, nicht außer Acht lassen. 

Präsident Ulmanis hatte 1995 Māris Grīnblats nominiert, um eine Regierungsbeteiligung des Deutschletten Joachim Siegerist zu verhindern, was ihm auch gelang. Grīnblats wurde dann zwar nicht Ministerpräsident, aber statt dessen der damals parteilose Andris Šķēle, der anschließend auf dem Höhepunkt seiner Popularität die Volkspartei des jetzt abgetretenen Aigars Kalvītis gründete. Doch damals war die Situation eine ganz andere. Drei Parteien waren mit ungefähr 15% der Mandate etwa gleich stark, angesichts der Mehrheitsverhältnisse war etwas anderes als eine Regenbogenkoalition arithmetisch gar nicht möglich. Heute dagegen sind drei Parteien mit einer für lettische Verhältnisse starken Fraktion im Parlament vertreten. Aber was nun unter diesen Umständen? Wenn sich die Parteien können sich nicht einigen, wer mit wem gehen soll oder will, zwingen sie dem Präsidenten eine Verantwortung auf, die ihm so eigentlich nicht zukommt. Gleichzeitig war der offensichtliche Wunsch des politisch noch unerfahrenden Zatlers chancenlos, einen unabhängigen Kandidaten zu benennen, auch wenn dies angeblich durch die Neue Zeit als Kompromiß noch einmal vorgeschlagen wurde. 

Als Kompromißkandidat bot sich einzig der Kandidat von Lettlands Weg /Lettlands Erste Partei, Ivars Godmanis, an. Er hat Erfahrung im Amt, war bereits Regierungschef der Volksfront, was aber scher auch sein Manko ist. Viele Menschen verbinden die sozial und wirtschaftlichen harten Zeiten des Zusammenbruchs mit diesem Namen, sie sind der Meinung, daß die großen Arbeitgeber wie VEF oder RAF absichtlich geschlossen wurden. Als Zatlers Godmanis schließlich berief wurde dem Wunsch Ausdruck verliehen, die Parteien möchten eine Regierung innerhalb einer Woche bilden. Auch dies ein Hinwis darauf, daß die vormaligen Partner nicht bereit waren, der Neuen Zeit wirklich ein ernsthaftes Angebot zu unterbreiten, die in einer fünf Parteien umfassenden Koalition nicht nur rechnerisch das fünfte Rad am Wagen gewesen wäre. Die nunmehr erfolgte Bestätigung der neuen Regierung leidet unter dem Beigeschmack, eine Neuauflage der abtretenden zu sein nicht nur wegen der Kongruenz der beteiligten Partner. 

Wie bereits durch die Amtsübernahme von Riekstiņš und Zalāns angedeutet, denken die Regierungsparteien gar nicht daran, wirklich etwas zu ändern Die meisten Gesichter bleiben die gleichen. Godmanis setzt damit eine schillernde Karriere fort. Als Regierungschef der Volksfrontregierung war er der Stein in der Brandung, fast alle Minister wurden in seiner Regierungszeit damals ausgewechselt, nur er selbst blieb. 1993 wurde seine Volksfront in Folge der sozialen Härten des Umbruchs abgewählt, die damals populäre Partei aus Reformkommunisten und Exilletten, Lettlands Weg, wollte ihn wegen seiner Unbeliebtheit nicht in ihre Reihen aufnehmen, was später dann doch geschah. Godmanis wurde Finanzminister. 

Ob er nun in der Lage sein wird, das Staatsschiff umzusteuern, ist die eine Frage und ob er das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen kann eine andere. Und welche Aufgabe ist eigentlich die schwierigere? Die Bevölkerung, aber auch Sozialwissenschaftler und Journalisten, verlangen Neuwahlen, auch weil alle Regierungsparteien im fraglichen letzten Wahlkampf 2006 gegen die gesetzliche Obergrenze der Wahlkampfausgaben verstoßen haben. Es wird argumentiert, diese politischen Kräfte hätten ihren Sieg erkauft. Aber woher bei einer bald anstehenden Wahl unbelastete politische Parteien und Politiker kommen sollen, darauf hat niemand eine Antwort. Und hier sind Zweifel auch deshalb angebracht, weil viele der Parlamentarier auf den schwarzen Gehaltslisten von Lembergs stehen sollen – aber einstweilen weiß niemand wer.

19. Dezember 2007

Werbung für die neue Ostgrenze Europas

Riga ist nicht Lettland - ein Spruch, der sich auch bei oberflächlich durchreisenden Gästen herumsprechen könnte. Wer schon einmal in Lettland war, hat außer der Hauptstadt vielleicht auch Kurland (Liepaja, Ventspils, Kuldiga?), ganz sicher das Schloß Rundale, oder auch die Burgen und Schlösser Vidzemes (Cesis, Valmiera, Sigulda?) bereist. Ein Besuch des Ostens Lettlands ist bei vielen erst beim intensiveren Kennenlernen des
Landes drin: zu unrecht. Geboten werden Menschen und Landschaften, und vor allem
Handwerk und Kultur.

Wir sind Latgale!
Latgale (oder Deutsch "Letgallen") als eigenen Schwer- punkt vorzu- stellen, das wagte inmitten des deutschen Weihnachts- trubels die norddeutsche Stadt Buxtehude. Dorfähnlich aufgebaut, mit Essen am offenen Feuer, Schmiede, Textilkünstler/innen, Spinnerei und Musikinstrumenten rundherum präsentierten sich die östlichen EU-Nachbarn den deutschen Gastgebern kreativ, kommunikativ und selbstbewußt. - Nein, hier wird kein auf den städtischen Geschmack abgerundetes Essen gekocht: Speck, Sauerkraut, und vielleicht noch einen Schnaps oder Kräutertee dazu, das war die Devise in Buxtehude.

Nicht in der Provinz versauern - und sich wohl auch nicht auf die Fähigkeiten lettischer Großhändler zu vertrauen - eine Konsequenz für Menschen aus Latgale? Sind doch lettische Waren in deutschen Geschäften immer noch sehr selten: wo sind die Rigaer Sprotten, wo der lettische Landhonig, wo das Tongeschirr aus Latgale, das Bier aus Tervete, die Laima-Schokolade, der Klostera-siers? Nicht einmal der seit Jahrzehnten berühmte Riga Balzams hat es in das Sortiment deutscher Supermärkte geschafft. Statt dessen kaufen Letten "Kinder"-schokolade, Colgate und deutsche Autos - das nennt sich wohl Marktwirtschaft.

Noch sind aber Traditionen und typische Gewerke in Ludza, Balvi, Baltinava oder Viļaka (um nur einige Beispiele kleinerer Gemeinden in Latgale zu nennen) nicht verschwunden. Noch kann den Schmieden, den Töpfern, den Webern oder Instrumentenbauern bei der Arbeit zugesehen werden. Noch sind nicht alle Landbewohner/innen zu reisenden Hilfs- und Wanderarbeitern an den Rändern der neuen EU geworden - allerdings besteht Grund zu der Befürchtung, die kulturgeschichtlichen Strukturen könnten schneller zusammenfallen, als es dann showartig für Touristen (und gegen Eintrittsgeld) wieder aufgebaut werden kann. Natürlich gibt es auch viele Stimmen, die einfach sagen: die moderne Zeit schreitet eben voran! Auch wir (Letten) wollen modern und nicht rückständig sein!

 Und auch wir sind Latgale!
Heraus aus der verschwiegenen Ecke! In den heutigen Zeiten heißt das vor allem: hinein ins Internet. Das hat sich auch die kleine Regionalzeitung "Vaduguns" ("Leitfeuer") gedacht, die von einer Redaktionsgruppe im nordostlettischen Balvi herausgegeben wird. Eine Gruppe von Jugendlichen hat sich dort ein eigenes Projekt vorgenommen: die eigene Region im Jahreslauf vorzustellen. "Latgale erzählt Europa" heißt es da.

Was hat Latgale zu erzählen? Auch wenn es auf der Webseite von "Vaduguns" vorerst nur in lettischer Version zu sehen ist (geplant waren auch Versionen in Englisch, Deutsch und Französisch), sind schon die Kalender-Fotos eindrucksvoll: hier gibt es den Pferdeschlitten und das Holzschlagen im Winter, das Herstellen von Birkensaft, Kühehüten, Wäschewaschen und Heumachen, Kartoffellese und Honigernte - von viel Arbeit ist die Rede. Es wird aber auch Theater gespielt, Bücher geschrieben und gelesen, geräuchertes Fleisch und selbstgemachtes Bier genossen, und ein Saunagang darf natürlich auch nicht fehlen. So zusamengefasst dürfte sicher sein, was viele "Latgalīši" (Bewohn er/innen der Region Latgalen) denken: Wo auf Erden könnte es schöner sein! 

Mehr über Latgale:

Latgales Radio live

Radio Oira (Folkradio) live

Portal "Latgale.lv" (meist Lettisch/Russisch, etwas Englisch)

Bildergalerie Fotos aus Latgale

Projekt "Baltic Country of Lakes"

Der Jahreskalender der Jugendlichen aus Balvi (Latgale erzählt Europa, aus: Vaduguns.lv))

Pferderassen aus Latgale

14. Dezember 2007

Keine andere Wahl?

oder: ist Godmanis ein Gutmanis?

In Lettland gibt es eine bekannte Legende. Sie wird nahezu allen Besuchern der Gegend um das schöne Tal der Gauja erzählt, zwischen Sigulda und Turaida. Die Legende handelt von einer Höhle, in dem ein "guter Mann" gelebt haben soll, ein Zauberer, der die Menschen unter Verwendung des reinen Wasser der in der Höhle entspringenden Quelle geheilt haben soll. Daher der heutige Name: Gutmanis-Höhle.

Seit heute könnte die Frage lauten: Ist "Godmanis" ein "Gutmanis"? Nachdem seit Oktober Tausende gegen die Selbstgerechtigkeit ihrer Regierung in Riga auf den Straßen demonstrierten, nach Wochen quälender Blockierung der politischen Handlungsfähigkeit, nach einem um Wochen verzögerten, aber überfälligen Rücktritt des ungeliebten Regierungschefs Kalvitis, sucht Staatspräsident Valdis Zatlers nun einen Kandidaten für den Posten des obersten politischen Dompteurs, der fünf sich eifersüchtig belauernde Parteien zusammenschmieden kann.

Ja, will denn niemand Lettland regieren? Das könnten sich Außen- stehende fragen. - Ja, doch, könnte die Antwort lauten, aber nur dann, wenn Aussicht besteht, die eigene Klientel bei der persönlichen Bereicherung zu fördern. - Setzen wir dieses sokratische Gespräch fort, würde wohl gefragt werden: Bereicherung? Es sind doch demokratisch gewählte Volksvertreter! - Sicher, sicherlich, nur: es liegt nur ein Jahr zurück, da glaubte die Mehrheit der Menschen in Lettland, eine Regierung wiederwählen zu können, weil so etwas wie 'Licht am Ende des Tunnels' erkennbar schien. 'Nicht mir geht es gut, aber meinen Kindern wird es mal besser gehen', das war ein oft gehörter Satz (der auch schon beim "Ja" zur Europäischen Union Anwendung fand).

Doch nun regiert offenbar die Selbstgerechtigkeit. Keine politischen Visionen, keine charismatischen Figuren. Nicht einmal "weise Älteste" - die bisher auch als "Gewissen ihres Volks" tätige ehemalige Präsidentin Vaira Vīķe-Freiberga soll ja in einen "Europäischen Rat der Weisen" berufen werden, ist jedenfalls ein zu potentes politisches Kaliber für die gegenwärtigen Kleinkariertheiten der lettischen Alltagspolitik.
Statt dessen gebärden sich die Regierungschefs, kaum dass sie auch nur die Aussicht haben, auf dem schönen Chefsessel Platz zu nehmen, seltsam autistisch.

Versuchen wir mal, die Lage nach dem Rücktritt von Kalvitis am 5.12. zusammenzufassen:

 - Variante 1: Valdis Dombrovskis. Bisher Mitglied des Europaparlaments. Seine Partei (Jaunais Laiks - JL, bisher in der Opposition) betont, man wolle keinesfalls unter einem Regierungschef mitregieren, der sich wie ein "Kalvitis Nr.2" gebährde. Will sagen: Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit allen anderen vier bisherigen Koalitionsparteien - aber bitte nur unter unserer Leitung.

- Variante 2: Edgars Zalāns. Seit dem mit politischem Getöse begleiteten Rücktritt von Minister Aigars Štokenbergs bekleidet Zalāns nun seit wenigen Wochen das Amt des Ministers für Regionalentwicklung, ist aber bekannter als Bürgermeister von Kuldiga in Kurzeme (Kurland). Am Tage seiner Nominierung durch die Tautas Partija (der auch Kalvitis entstammt) galt Zalāns noch als "junges, frisches Gesicht" - denn die weitaus bekannteren möglichen Kandidaten Demakova (bisher Kulturministerin), Spurdziņš (bisher Finanzminister), Segliņš (früher Innenminister, heute Vorsitzender der juristischen Kommission des Parlaments), oder Riekstiņš (jetzt neuer Außenminister) wurden trotz größerer politischer Erfahrung nicht nominiert. Die neuesten Umfragen wiesen nur noch 5,1% Unterstützung durch die Bevölkerung für die Tautas Partija aus. Und Zalāns tat überraschend nichts zur Hebung seines Ansehens in der Öffentlichkeit, im Gegenteil - auch wenn er öffentlich damit prahlte, kürzlich eine private "Führungsakademie" absolviert zu haben. Gefragt danach, ob er denn auf die Proteste und hitzigen Diskussionen in der lettischen Öffentlichkeit reagieren würde, ob er sich etwa in den Medien selbst zur Diskussion stellen würde, sagte er brüsk: "Ich lese die Zeitungen nicht, und an den politischen Showveranstaltungen im Fernsehen beteilige ich mich nicht!" - Damit tat er einiges dazu, seine Nominierung vielleicht doch noch als rein taktisches und von Parteifinanzier Andris Šķēle gelenktes Manöver erklärbar zu lassen.

Variante 3: Ein unparteiischer Kandidat. Diese Variante wurde von Präsident Zatlers schon mehrfach ins Spiel gebracht. Absehbar war ja, dass die beiden stärksten Parteien im Parlament, Tautas Partija und Jauns Laiks, jeweils die Parole ausgegeben hatten: Kooperation mit den anderen Parteien des rechten Spektrums ja, aber nur unter unserer Leitung. Also ein Unparteischer?
Schon am 27.November wurden im Lettischen Fernsehen Spekulationen bekannt, Bankier Mārtiņš Bondars könnte mit der Regierungsbildung betraut werden. Und noch in dieser Woche zog Präsident Zatlers Aivis Ronis, Vorsitzender eines lettisch-amerikanischen Finanzforums, und Andris Bērziņš, den Vorsitzenden der lettischen Industrie- und Handelskammer, zu den Gesprächen zur Vorbereitung der Regierungsbildung hinzu (laut lettischer Gesetzgebung muss der Präsident den Kandidaten für das Amt des Regierungschefs vorschlagen, dieser versucht dann eine Mehrheit im Parlament zu bekommen).
Nein, nein, nein - sagen kathegorisch besonders Tautas Partija und auch die "Pastorenpartei" (Erste Partei). Also sah Zatlers wohl wenig Erfolgschancen für diese Variante, jedenfalls in der jetzigen Situation.

Variante 4: nehmen, was zu haben ist. Am meisten als Zünglein an der Waage möchte sich immer die Pastorenpartei selbst ins Spiel bringen, zumal hinter dieser Gruppierung ebenfalls kapitalkräftige Geschäftsleute stehen. Also nominiert sie das "alte Schlachtroß" Ivars Godmanis. "Soll es dieser doch erstmal versuchen," wird sich Zatlers vielleicht gedacht haben. (Foto: Kanzlei des lettischen Präsidenten, 1.10.2007)
Allerdings: viele Lettinnen und Letten werden Godmanis als Regierungschef der schwierigsten Umbruchzeit in Erinnerung haben, als er sich auch nicht gerade sensibel gegenüber den Alltagsschwierigkeiten des "gewöhnlichen Volkes" gab. Zwischen 1990 und 1993 war er schonmal Chef des "Noch-Sowjetlettischen Ministerrats": schon dominiert von den Vertretern der lettischen "Volksfront"-Bewegung, aber noch vor den ersten freien demokratischen Wahlen nach Wiederherstellung der Unabhängigkeit damals. Pressekonferenzen glichen damals in Lettland noch Audienzen mit langen Reden der Regierenden, wo wenig Fragen gestellt wurden. Wie können den die Letten die zu erwarteten großen Schwierigkeiten des Umbruchs überstehen? So die Frage an Godmanis damals. "Nun ja, ich weiß, die Letten sind ein starkes Volk", dozierte Godmanis, "für die Älteren wird es schwer werden, das ist unvermeidlich. Sie sind zu sehr auch an das sowjetische System gewöhnt. Die mittlere Generation, nun sie wird sich umgewöhnen müssen. Und die Jungen, ja ich vertraue in die junge Generation!" (so schlicht erklärte Ministerpräsident Godmanis es damals seinem Volk - aus der Erinnerung zitiert, ich saß damals vor einem lettischen Fernseher).

Und was macht Ex-Premier Kalvitis derweil? Er bilanziert seine exakt drei Jahre Regierungszeit als "sehr erfolgreich" und sagt: "Präsidentin Vīķe-Freiberga und ich waren ein gutes Tandem" (in der lettischen Fernsehsendung "900 Sekunden"). Da gibt es ein schönes deutsches Sprichwort dafür: "Sich im Ruhme anderer sonnen wollen."

Seltsam nur, dass schon jetzt als sicher gilt, dass gerade der Abschluß des enorm wichtigen russisch-lettischen Grenzabkommens praktisch ohne lettische Regierung stattfinden wird. Eine Regierungsbildung noch vor Weihnachten gilt inzwischen schon als unwahrscheinlich - auf jeden Fall aber als unmöglich noch vor dem für den 18.12. anvisierten Besuchstermin des russischen Außenministers Lavrov in Riga (LETA). Also müssen die noch amtierenden Figuren durchregieren und abarbeiten, was ihnen Kalvitis mundgerecht hingelegt hat.

Mehr Info:
Ivars Godmanis im lettischen Wikipeda

Angaben von Ivars Godmanis beim lettischen Wahlamt

Info des bisherigen lettischen Innenministers Godmanis

Videoausschnitt "Kas notiek Latvija" mit Ivars Godmanis (14.12. - lett.)

Vor der Entscheidung des Präsidenten: Kandidaten bei "Kas notiek Latvija" (12.12. - lett.)

Offizielle Presseerklärung des lettischen Präsidenten

P.S.: Für die (wie immer superschnelle) deutsche Presse ist Ivars Godmanis übrigens schon zum Ministerpräsidenten "ernannt" worden. AP erfand die Meldung, Regionalpresse wie die "Mittelbayrische" drucken es. Auch die russische staatsdiktierte Presse Novosti meldet es (die mit Vorliebe immer aus dem "postsowjetischen Raum" berichtet). Zatlers selbst sagt in seinem heute veröffentlichten Pressetext korrekt, er habe "Godmanis eingeladen, ein Ministerkabinett zusammenzustellen" (also eine Regierung zu bilden). Vorgeschlagen ist er, bestätigen muss es das Parlament.

Nachtrag: Das lettische Parlament (Saeima) hat am 20.Dezember die von Ivars Godmanis vorgeschlagene Kabinettzusammenstellung nach zweistündiger Debatte mit einer Mehrheit von 54 zu 43 Stimmen gebilligt. Es bilden weiterhin dieselben vier Parteien die Regierung wie es beim Kabinett Kalvitis der Fall war. Auch die Partei "Jaunais Laiks" bliebt in der Opposition.

9. Dezember 2007

Auf den Spuren der Denkmäler

Wer kennt Makss Metjūss? Vielleicht würde er uns in Riga über den Weg laufen, aber viel verrät Makss nicht über sich. Allerdings versucht er sich lettischen Gepflogenheiten anzupassen, und das bedeutet für Menschen aus anderen Ländern oft schon ein kleines Versteckspiel. Makss ist zugezogen aus Anglija - also England. Und da Makss sich offenbar in Riga wohlfühlt, hat er die alte englische Schreibweise (Max Matthews) aufgegeben und schafft sich fleissig neue Identitäten: als Stadtführer und Buchautor. Seine Internetseite widmet er seinem neuen Lebensinhalt: der Erforschung Rigas.

Auch anderen ist sicher schon die Vielfalt an Denkmälern, Gedenksteinen, Plaketten und Skulpturen in Riga aufgefallen. Ständig kommen neue hinzu - auch wenn die großen Schlagzeilen sich eher um Andenken an Sowjetzeiten drehen. Doch viele steinerne und metallene Zeugnisse finden sich auch eher unscheinbar am Wegesrand - Makss fotografiert sie und versucht Informa- tionen dazu zu recher- chieren. Dabei doku- mentiert er auch vergängliche Kunstwerke, wie zum Beispiel die Figur des "Denkers"

, die 2004 nur ein paar Monate lang in der Nähe des lettischen Parlaments ihren Platz hatte, oder "Spiderman", der sich 2005 plötzlich an einigen Parkbäumen fand. Makss hat aber auch die "ganz gewöhnlichen Denkmäler" aufgelistet - bisher sind es allein schon 129, die an bestimmte Personen der Geschichte und Kultur erinnern sollen.

Und Makss lernt auch gern dazu. Denn in Riga gibt es wie in jeder Stadt, die gern Gäste und Besucher/innen empfängt, eine Menge nett klingende Geschichten. So fotografiert Makss auf dem Rathausplatz die Gedenkplakette an den angeblich ersten Weihnachtsbaum, den es im Jahre 1510 in Riga gegeben haben soll - eine Geschichte, die auf Martin Luther persönlich zurückgeführt wird. Aber von Lesern seiner Webseite lässt sich Makss belehren, und dokumentiert nunmehr auch die Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dieser Geschichte.

Bei Makss lässt sich in aller Ruhe "surfen", denn Makss hat auch Rigas Friedhöfe und Kirchgärten "durch- forscht": wer hätte schon gewußt, dass in in Riga noch ein Denkmal zu Ehren der deutschen Landeswehr gibt? Oder die Reste der Berliner Mauer, die in Riga aufgestellt sind? Oder, neben den Gedenken an deportierte Letten, auch den Gedenkstein an die von Sowjets 1941 aus Riga deportierten Russen? Wer weiß schon, dass es mitten in Riga ein Kunstwerk zu Ehren von an AIDS gestorbenen Künstlern gibt? Oder das die japanische Stadt Kobi Riga eine Uhr schenkte? Oder den Gedenkstein, der an den Baum erinnert, den Peter I. in Riga pflanzte? Auch Usbekistan schenkte Riga ein Denkmal: es stellt Mirzo Ulugbek dar, einen Wissenschaftler aus Samarkand.

Fehlt eigentlich nur der Ergeiz, es Anglijas Makss gleichzutun. So nach dem Motto: ich sehe etwas, was Du nicht siehst ...

Webseite "Riga Research"

Makss' Liste der Denkmäler in Riga