
Wer am 8.März über die Straßen von Riga geht, wird trotz meist zu dieser Jahreszeit eher grauen und tristen Winterwetters ein erhöhtes Vorkommen von Blumen aller Art im Straßenbild feststellen können. Geht es jedoch über diese nette Aufmerksamkeit für die weibliche Seite der Gesellschaft hinaus? Wenig Hoffnung weckt da schon der Blick auf die verschiedenen Volksgruppen. Ein wenig mag ja aus lettischer Sicht zumindest für die älteren Letten der Frauentag immer noch mit den erzwungenen Ritualen der Sowjetzeit zu tun haben - nationalkonservative Parteien versuchen zudem, den Muttertag im Mai als zu zelebrierende Alternative herauszustellen. Allerdings stammt auch dieser Vorschlag vermutlich eher von Männern, die gerne den Frauen bestimmte Rollen zuweisen möchten. Die Umfrage von TNS jedenfalls zeigt, dass unter den Letten in Riga nur 35% den 8.März als sehr wichtigen Tag bezeichnen, während es unter den Russen 71% sind. Bei denjenigen, die mit diesem Tag überhaupt gar nichts anfangen können oder wollen, sieht es entsprechend aus: unter den Letten sind es 19%, unter den Russen 7%.

Auf internationaler Bühne wird Lettland - frauenpolitisch gesehen - inzwischen mit Präsidentin Vaira Vike-Freiberga gleichgesetzt. Ob gerechtfertigt oder nicht, in deutschen Kolumnen finden sich Sätze wie dieser: "Kein Sieg für die Frauen, keine Niederlage für die Männer, sondern eine einfache Karriere, wie sie vor ihr Maggie Thatcher, Golda Meir, Benazir Bhutto, Indira Gandhi, Tarja Halonen, Vaira Vike-Freiberga, Madeleine Albright oder Condoleezza Rice hingelegt haben. Im politischen Haifischbecken helfen weder Pumps noch Pimmel, nur Zähne." - so kommentiert allerdings ein Mann (Ralf Schuler, Märkische Allgemeine 8.3.07)

Einige lettische Medien bringen heute zur Feier des Tages noch einmal einen historischen Überblick. Der Vorschlag, den 8.März als Tag der Frau zu begehen, sei auf der 2. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen gemacht worden, und zwar von Clara Zetkin (LETA, TVNet, 8.3.07) Am 8.März 1857 habe es aber auch schon einen Streik unter Textilarbeiterinnen in New York gegeben, die für ihre Rechte kämpften. Kann das stimmen? Die Quellen sind hier offensichtlich US-amerikanisch dominiert: auch am 8.März 1908 habe es in New York eine Protestveranstaltung zum Thema Frauenrechte gegeben, steht da zu lesen. In Osteuropa würde der Frauentag - so LETA weiter - seit 1911 begangen (Beispiele werden leider nicht genannt). Klarer erscheinen da die Angaben zu den "Traditionen" zu sowjetischer Zeit: 1966 wurde der Tag der Frau zum arbeitsfreien Tag, in Lettland auch "Tag der Roten Tulpen" genannt, denn diese Blumen seien auch in schlechten Zeiten in meist zufriedenstellender Anzahl überall zu bekommen gewesen.
(die Geschichte vom starken Seemann - Abbildung - stammt vom lettischen Internetportal DELFI. Text: "Glückwunsch zum 8.März!")

Auch eine Initiative "zum Erhalt des 8.März" findet sich in Lettland. "Schmeißen wir alle sowjetischen Überbleibsel weg - aber es bleiben 100 Gründe, die es wert sind, diesen Tag für die Frauen zu behalten", so ist da zu lesen (DELFI, 8.3.07)
Keine Illusionen also - weder gestern noch heute. Nur die Blumenboukets sind teurer geworden: was "Fleurop Lettland" zum Beispiel auf seiner Internetseite anbietet, kostet durchweg zwischen 12 und 46 Lat (18-69 Euro). Ein teurer Spaß.
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