31. Juli 2008

Tour zur Abbitte, oder Atom-Werbung?

Beim Ostseeratsgipfel in Riga fehlten die russischen und die deutschen Regierungschefs in trauter Einigkeit. Die angeblich bereits fest ins Auge gefasste Reform der regionalen Zusammen- arbeit wird so weiterhin hinter verschlossen- en Türen von irgend- welchen hohen Staats- beamten zerredet. Was Deutschland von der Ostseekooperation hält, wo Deutschland mit den Nachbarn hinwill, bleibt unklar.
Statt dessen wird der anwesenden Weltpresse unter anderem einzureden versucht, kaum jemand in der baltischen Region habe noch etwas gegen die vom Ex-Kanzler Schröder protegierte Gaspipeline durch die Ostsee. - Und in Berlin wurde f
ast gleichzeitig stolz verkündet, dass Dmitri Medwedew seinen ersten ausländischen Staatsbesuch Deutschland widmete.

Und nun, liebe Kinder, ist die vielbeschäftigte Frau Bundeskanzlerin erstmal in Urlaub. Aber:
"Alle sollen und wollen wissen, was die Kanzlerin macht. Nicht nur die, die sie gewählt haben, sind neugierig. Auch die Menschen, die sie nicht so gern mögen oder nicht gewählt haben, interessieren sich für sie." (Zitat Webseite der Bundeskanzlerin). Und da sich die Kanzlerin ja so sehr für die "Balten" interessiert, wird schon mal die Fortsetzung des Polittourismus angekündigt: am 25. und 26.August will Angela dann doch einmal, ganz in Ruhe und ungestört von anderen Staatschefs, nach Lettland, Litauen und Schweden fahren.

Drei Länder in zwei Tagen - na gut, ein Kurzbesuch. Was wird gefeiert? Wohl überlegt haben die Deutschen den lettischen Teil des "baltischen Kulturjahrs" ("Essentia Baltica", "Ohwatziehja") ja ausschließlich in den Mai verlegt - das wäre also schon vorbei. Die Amtszeit der lettischen Präsidentin Vīķe-Freiberga ist ja leider schon länger Vergangenheit - ein frauliches
Tête-à-tête ist also auch ausgeschlossen. Und Prädent Zatlers hatte ja angeblich Straßenumbenennungen zur ersten Priorität dieses Jahres erkärt - also Hauptsache, die Staatskarossen finden die Deutsche Botschaft noch.

Was ist also los? Merkel wird den Litauern und Letten kaum einfach erklären, wie schön doch ihr Land sei. Dazu ist schon Außenminister Steinmeier durch den Sand der Kurischen Nehrung und durch die Altstadt von Riga gestiefelt. Oder vielleicht soll es Werbung für Atomkraft werden? Wenn schon Litauer und Letten nichts von der Gaspipeline haben, dann will Deutschland ihnen nun vielleicht den zukünftigen Atomstrom abkaufen? Endlich wieder "Baltikum"! Baltische Einheit durch Atomkraft? Mal sehen, wer sich mit strahlenden Gesichtern zusammenschweißen lässt. Schließlich gelten die deutsche E.ON (bzw. deren schwedische Tochter E.ON Nordic) als mögliche Großinvestoren für ein neues Ignalina. Ob sich sowas im Amtszimmer des lettischen EU-Kommissar für Energie, Andris Piebalgs, schon atomar ausgebrütet wird?

Klar ist aber auch, dass auch diesem Besuch eine Stippvisite in Russland vorausgehen wird. Diesmal wird Sotschi am Schwarzen Meer der Schauplatz sein. Am 15.August reist Merkel zunächst dorthin - aber es sollte doch wundern, wenn das Thema Energie im August bei allen diesen Anlässen NICHT Thema wäre.

P.S.: inzwischen wurden die Ankündigungen des Bundeskanzleramts präzisiert: Merkel besucht Ende August lediglich Estland und Litauen. Die Themen bleiben. Neben Georgien sollen die Energiethemen weiterhin auf der Tagesordnung stehen, so heiß es. 

28. Juli 2008

Kampfgeist wie vor 90 Jahren - jetzt in Bejing

Der neueste Schick? Na, das hier ist die offizielle lettische Olympia- Ausstattung! Meitenes un lauku zēni: attentione!
Anläßlich des bevorstehenden 90.Jahrestags der Unabhängig- keitserklärung Lettlands macht auch die Sportkleidung ein wenig den Eindruck, als müsse Riga nochmals vor fremden Eindringlingen beschützt werden (im Bild: Speerwerferin Madara Palameika). "Die vier Silbermedaillien von Athen 2004 sollen möglichst übertroffen werden," meint Aldons Vrublevskis, Chef des lettischen olympischen Komittees.

Allen, die mit lettischen Athletinnen und Athleten um den Erfolg mitfiebern möchten, bekommen diesmal kostenfrei im Internet - Lettisch oder Englisch - sämtlic
he Informationen zu allen lettischen Sportlern sowie einen Zeitplan zur Verfügung gestellt, in dem lettische Beteiligung schon optisch vorgemerkt ist (Olympiainformation kompakt: Download)

So lässt sich zum Beispiel nachlesen, dass Zehnkämpfer Janis Karlivans in Athen 2004 den 25.Platz belegte, 800mLäufer Dmitrijs Milkevics mit 1.43,67min den lettischen Rekord im 800m-Lauf hält, dass 110m-Hürdenläufer Stanislavs Olijars immer noch von seiner Mutter trainiert wird - die in Peking selbst dabei sein wird. Lettlands neuer Tennisstar Ernests Gulbis, der zuletzt als Viertelfinalteilnehmer bei den French Open in Paris Aufsehen erregte, wird in Peking für Lettland starten - und verweist darauf,
dass er 2008 auch schon ein ATP-Turnier gewonnen hat: in Houston/USA, im Doppel an der Seite des Deutschen Rainer Schüttler.
Wer könnte Medaillenkandidat/in sein? Vielleicht Langstreckenläuferin Jeļena Prokopčuka? Oder eher einer der beiden Speerwerfer Vadim Vasilevskis oder Eriks Rags? Oder sollte man eher auf Athleten in "Randsportarten" wie Maris Strombergs im BMX-Radfahren setzen? Ein "heisser Tipp" ist sicher auch Gewichtheber Viktors Ščerbatihs - trotz zwischenzeitlicher Politikerkarriere immer noch aktiv. Ščerbatihs gewann 2004 in Athen - wie Speerwerfer Vasilevskis - Silber, und möchte gern noch eine Stufe auf dem Treppchen höher steigen.

Kurz ein paar Stichworte aus der lettischen Olympiageschichte: gegründet wurde das lettische olympische Kommitee (LOK) am 23.April 1922, und Lettland war 1924 in Paris und bei den Winterspielen in Chamonix zum ersten Mal dabei. Die lettische Statistik führt aber auch noch Harry Blau auf, der bereits 1912 in Stockholm eine Bronzemedaille im Trappschießen gewann und aus Lettland als damaligem Teil des russischen Reiches kam. Insgesamt 3 Medaillengewinner gab es bis Berlin 1936: zweimal im 50km Gehen und einmal im Ringen.

"Nach 1940 wurden die Aktivitäten des lettischen olympischen Kommittees unterbrochen durch Okkupation un
d die illegale Eingliederung in die UDSSR", schreibt das LOK heute. Von 1952 bis 1988 gewannen Athleten aus Lettland - als Teil der Mannschaft der UDSSR - insgesamt 19 Gold-, 24 Silber- und 14 Bronzemedaillen. Speerwerferin Inese Jaunzeme war 1956 die erste Goldmedaillengewinnerin aus Lettland.

Im Pistolenschießen tritt übrigens immer noch Afanasijs Kuzmins an: geboren 1947, schon 1976 in Montreal/Kanada bei Olympia dabei, der in Seoul 1988 Gold und 1992 in Barselona Silber gewann. Na dann: "Sarauj", und "veiksmīgi"!

Nachtrag:
Die lettische Nachrichtenagentur LETA hat eine sehr schöne Aufstellung gemacht aller lettischen Medailliengewinner (bei Olympischen Sommerspielen), einschließlich der Sportler aus Lettland, die im Rahmen der Mannschaft Sowjetlettlands starteten. Die Liste findet sich hier - aber da dies vielleicht nach Peking nicht mehr online zu lesen sein wird, hier die Namen:

Goldmedaillen:
1956 – Inese Jaunzeme (Speerwerfen)
1960 – Elvīra Ozoliņa (Speerwerfen)
1964 – Ivans Bugajenkovs (Volleyball)
1964 – Staņislavs Lugailo (Volleyball)
1968 – Ivans Bugajenkovs (Volleyball)
1968 – Tatjana Veinberga (Volleyball)
1968 – Oļegs Antropovs (Volleyball)
1968 – Jānis Lūsis (Speerwerfen)
1976 – Tamāra Dauniene (Basketball)
1976 – Uļjana Semjonova (Basketball)
1980 – Uļjana Semjonova (Basketball)
1980 – Dainis Kūla (Speerwerfen)
1980 – Pāvels Seļivanovs (Volleyball)
1980 – Aleksandrs Muzičenko (Segeln)
1988 – Afanasijs Kuzmins (Schießen)
1988 – Ivans Klementjevs (Kanu)
1988 – Natālija Laščonova (Turnen)
1988 – Igors Miglinieks (Basketball)
2000.gads – Igors Vihrovs (Turnen)

Silbermedaillen
1932 – Jānis Daliņš (Gehen)
1936 – Edvīns Bietags (Ringen griechisch-römisch)
1956 – Vasīlijs Stepanovs (Gewichtheben)
1956 – Jānis Krūmiņš (Basketball)
1956 – Valdis Muižnieks (Basketball)
1956 – Maigonis Valdmanis (Basketball)
1960 – Jānis Krūmiņš (Basketball)
1960 – Valdis Muižnieks (Basketball)
1960 – Maigonis Valdmanis (Basketball)
1960 – Cēzars Ozers (Basketball)
1964 – Jānis Krūmiņš (Basketball)
1964 – Valdis Muižnieks (Basketball)
1964 – Pāvels Seničevs (Schießen)
1964 – Astra Biltauere (Volleyball)
1964 – Imants Bodnieks (Bahnradfahren)
1964 – Jānis Lūsis (Speerwerfen)
1972 – Juris Silovs (4 x 100m Staffel)
1976 – Pāvels Seļivanovs (Volleyball)
1976 – Aivars Lazdenieks (Rudern, Doppelvierer)
1980 – Arsens Miskarovs (Schwimmen, 100m Brust)
1980 – Arsens Miskarovs (Schwimmen, 4x100m Lagen Staffel)
1980 – Žoržs Tikmers (Rudern - heute lettischer Delegationsleiter in Peking!)
1980 – Dimants Krišjānis (Rudern, Vierer mit Steuermann)
1980 – Artūrs Garonskis (Rudern, Vierer mit Steuermann)
1980 – Dzintars Krišjānis (Rudern, Vierer mit Steuermann)
1980 – Juris Bērziņš (Rudern, Steuermann des Ruder-Vierers)
1988 – Raimonds Vilde (Volleyball)
1992 – Afanasijs Kuzmins (Schießen)
1992 – Ivans Klementjevs (Kanu)
1996 – Ivans Klementjevs (Kanu)
2000 – Aigars Fadejevs (Gehen)
2004 – Vadims Vasiļevskis (Speerwerfen)
2004 – Jeļena Rubļevska (Moderner Fünfkamp)
2004 – Viktors Ščerbatihs (Gewichtheben)
2004 – Jevgēņijs Saproņenko (Turnen)

Bronzemedaillen
1912 – Haralds Blaus (Trappschießen)
1936 – Adalberts Budenko (Gehen)
1960 – Bruno Habarovs (Fechten, Degen)
1960 – Bruno Habarovs (Degenfechten, Mannschaft)
1964 – Arons Bogoļubovs (Judo)
1972 – Jānis Lūsis (Speerwerfen)
1972 – Georgijs Kuļikovs (Schwimmen, 4x200m Freistil-Staffel)
1976 – Inta Klimoviča (4x400m Staffel)
1976 – Juris Silovs (4x100m Staffel)
1980 – Arsens Miskarovs (Schwimmen, 200m Brust)
1980 – Aleksandrs Jackevičs (Judo)
1992 – Dainis Ozols (Radfahren, Straßenrennen)
2000 – Vsevolods Zeļonijs (Judo)

24. Juli 2008

Hauptstädtische Straßenverwirrung

Riga leistet sich immer noch prestigeträchtige Schaukämpfe in der parlamentarischen Arena des Stadtrats. Offenbar denken sich einige der Beteiligten: besser eine Mücke zum Elefanten machen als umgekehrt. Da es kaum noch "Herzenssachen" im politischen Alltagsgeschäft gibt - meist geht es schlicht um Geld, Macht und Einfluß - zauberte man ein Thema aus der Westentasche, das nun wieder Lettinnen und Letten von Alsunga bis Kanada zu emotionalen Äußerungen zur Sache bewegt.
Dabei geht es um das Alltagsgeschäft von städtischer Politik: um die Änderung eines Straßennamens. 

Zigfrīds Anna Meierovics wurde am 6.2.1887 als Sohn eines jüdischen Arztes in Durbe geboren - damals noch Teil der so- genannten "baltischen Ostsee- provinzen" des russischen Zarenreiches. Aufgrund des Todes seiner Mutter, und einer schweren (psychischen) Krankheit seines Vaters von seinem Onkel erzogen, der Lehrer war, arbeitete er vor dem 1.Weltkrieg zunächst als Versicherungsfachmann, Buchhalter und bei Kreditgesellschaften (den 2.Vornamen "Anna" gab ihm übrigens sein Vater, in Gedenken an die verstorbene Mutter). Im Krieg in verschiedenen Aufgaben auf russischer Seite tätig (teilweise für nach Osten geflohene lettische Kriegsflüchtlinge zuständig), kehrte er 1917 nach Riga zurück. 1919 nahm er an der Verteidigung Rigas gegen die "Bermondt-Truppen" teil - da war er schon der erste Außenminister der jungen lettischen Republik geworden. Er blieb es bis 1921. Zweimal war er danach noch selbst Regierungschef. Er starb plötzlich durch einen Autounfall am 22.August 1925. 

90 Jahre Lettland - Suche nach Symbolen
Nach dem plötzlichen Tod von Außenminister Meierovics wurde 1929 der Basteja Boulevard nach ihm benannt - bis 1940, der Besetzung durch die Rote Armee (und bis heute). Sowjetische Anklänge hat der bisherige Name nicht - allerdings rechnen manche die Umbenennung 1929 auch zu den Bemühungen, allzu viele Anklänge an die ehemals deutsch gesprägte Stadt wegzuradieren (das Wort "bastejs" ist eher dem deutschen Wort "Bastei" nachempfunden, in lettischen Wörterbüchern wird man eher "bastion" für die gleiche Bedeutung finden).

Nun jährt sich bald der 90-Jahrestag der Ausrufung der unabhängigen lettischen Republik am 18.11.1918. Am 21.Juli 2008 stimmten nun die Abgeordneten des Stadtrats Riga mit 34 Ja-Stimmen (11 Nein, 8 Enthaltungen). Innerhalb von drei Monaten soll die Umbenennung nun vollzogen werden - allerdings dürfen für eine gewisse Zeit noch beide Bezeichnungen verwendet werden (z.b. für die Postzustellung). Prominenter Befürworter dieser Initiative war Staatspräsident Valdis Zalters - einige Pressevertreter zitieren etwas ironisch, dass er dieses Thema sogar zu einem der "wichtigsten Ereignisse des Jahres" aus seiner Sicht habe machen wollen (so viel zum Thema Symbolik ...).

Vielsagend, dass wieder einmal die Idee der Straßenumbenennung mit dem Nacheifern nach dem nördlichen Nachbarn begründet wird: "Kürzlich wurde bekannt," schrieb das lettische Außenministerium schon vor einigen Wochen in einer Stellungnahme, "dass die Esten den Flughafen Tallinn nach ihrem ehemaligen Präsidenten Lennart Meri benennen wollen." In Lettland dagegen sei die Erinnerung an die ehemaligen Staatsmänner nicht so stark ausgeprägt, bedauert es der heutige Amtsnachfolger Māris Riekstiņš. Wohl gäbe es inzwischen Denkmäler zu Ehren der ehemaligen Staatspräsidenten Kārlis Ulmanis und Jānis Čakste, Straßenbenennungen zu Ehren des Schriftstellers und Folkloristen Krišjānis Valdemārs wie auch des "Vaters der Dainas", Krišjānis Barons. Aber: wenn in Paris eines de Gaulle oder Napoleon gedacht werde, in Wien Metternich, und in Berlin Bismark - dann müsse es auch als ebenso angebracht gelten, wenn Lettland seines ersten Außenministers gedenke. 

Diskussion um Kosten und Sinnhaftigkeit
Es gibt einflußreiche Befürworter der Umbenennung. Dazu gehört die weltweite "Vereinigung der freien Letten" (Pasaules brīvo latviešu apvienība PBLA), deren Vorsitzender in den Jahren 1990-93 Gunārs Meierovics war, der Sohn des ehemaligen Außenministers. Bürgermeister Jānis Birks dagegen konnte sich eher für einen "Meierovics-Flughafen" in Riga erwärmen, steht damit aber bisher allein. Eine Umfrage der Agentur SKDS unter den Einwohnern Rigas dagegen zeigte, dass nicht weniger als 79,2% der Befragten GEGEN die Umbenennung sich aussprachen (NRA 16.7.08). Bemerkenswert dabei, dass der Anteil der Umbenennungs-Gegner unter denjenigen mit lettischer Staatsbürgerschaft mit 84,6% sogar noch höher war. Etwas mehr Zustimmung soll es lediglich bei den über 55-Jährigen sowie bei staatlich Angestellten gegeben haben.

Ein gewisser Gewöhnungsfaktor an den "Bastei-Boulevard" mag also auch eine Rolle spielen. Treffen sich doch auch die Liebespaare gern am "Basteiberg", Geschäftsleute schufen inzwischen eine "Bastei-Passage", und auch die Gedenksteine an die bei den Januarunruhen 1991 zu Tode gekommenen (so der Filmemacher Andris Slapiņš) sind hier in unmittelbarer Nähe zu finden.
Wer sich für die genauen historischen Details interessiert, muss aber schon beachtliche Kenntnisse über die sehr bewegten zeitgeschichtlichen Epochen hinweg haben. Argumente der Umbenennungsgegner unter den Stadtratsabgeordneten etwa, der "Basteja Boulevard" habe einen so schön poetischen Namen, und "viele Dichter schon zu ihren Werken angeregt", zählen sicher in diese Kathegorie.

Andere betonen akribisch die Entwicklung dieses Straßen- abschnitts. Pēteris Bolšaitis, Vorstands- mitglied beim lettischen Okkupa- tions- museum, zählte in einem Beitrag für die Tageszeitung DIENA (15.4.08) einige der Fakten auf:
Um das Jahr 1858 sei der Name Bastei-Boulevard nach dem Niederreißen der Stadtmauern geschaffen worden. In den 20er Jahren wurde es dann teils zum Aspāzijas Boulevard, der andere Teil zum Meierovica-Boulevard. 1941 wurde die Bezeichnung zunächst zum "Sowjet-Boulevard", um dann doch ganze neun Jahre lang "Aspāzijas Boulevard" zu heißen. Offenbar erinnerte das dann aus bolschewistischer Sicht zu sehr an "die Vergangenheit Lettland", und der Name "Sowjet-Boulevard" kehrte zurück bis zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit Lettlands bourgeoise- und der erneuten Teilung in "Basteja-" und "Aspāzijas-Boulevard". Ein Argument, dass Straßennamen doch viel weniger "historisch" sind als von Zeitgenossen oft angenommen.

Übrigens muss die nun erfolgte Umbenennung noch eine technische Klippe überwinden. Bisher besagen die städtischen Bestimmung, dass Straßennamen nicht mehr als 30 Stellen haben dürfen. Im Falle einer Bezeichnung "Zigfrīda Annas Meierovica bulvāris" wären dies 34.

Was die deutsche Geschichtsschreibung angeht, so sollte nicht vergessen werden, dass die erste (provisorische) Niederlassung der Deutschen Botschaft in Riga (nach Wiedererlangung der lett. Unabhängigkeit) Anfang der 90er Jahre ebenfalls in dieser Straße ihren Sitz hatte: in einem Haus des bisherigen Basteja Bulvāris.

21. Juli 2008

Bolderāja: ein Blick durch die Ritzen Aufzeichnungen einer Transitreisenden

Etwas Abgesichertes kann ich über Bolderāja nicht schreiben. Ich lebe nicht dort, ich habe auch kein Sommerhaus in Vakarbuļļi an der Daugavamündung, und mein privates und berufliches Leben ist nicht abhängig vom Fahrplan des Autobusses Nr.3.
Ich weiß fast nichts über den Leuchtturm in Daugavgrīva, nichts über die Liebesinsel oder die Festungsanlage von Daugavgrīva. Ich atme nicht den Duft des Meeres ein, auch nicht das schlechtere Aroma der Industrieanlagen; ich lernte weder in der Schule Nr.33 noch Nr.67, ging auch nicht in einen der Nightclubs „Nelda“, „Bonanza“ oder „Tirgus“.
Was bin ich überhaupt?

Aber es gibt ein Genre – der Verkehrszeichen. Niemand erwartet ja von dessen Macher die Präzision eines Juweliers in der Wiedergabe von Tatsachen, oder ernsthafte Argumentation. Das Prinzip ist einfach und alt: was ich sehe, das singe ich auch. Niemandem ist es verboten die Schönheit der Straßen im Frühling zu besingen.
Sie wissen noch weniger über Bolderāja als ich, oder?

Bolderāja ist ein Stadtteil Rigas. Ein wenig entfernt gelegen, ein wenig vergessen, ein wenig wie ein Reservat oder eine kleine Oase. Ein wenig Daugavgrīva.
Zusammen mit dem Stadtteil Vecmīlgrāvis läßt sich Bolderaja als Maßstab von Rigas Straßen ansehen. — Komm zu Besuch! Ach – zu weit? Ach hör doch auf – ich rufe ja nicht gleich nach Bolderāja!
Da gibt es ein Gerücht, irgendein Politiker hätte gesagt: „als ich in Bolderāja wohnte, bin ich immer nur mit der Straßenbahn oder dem Trolleybus gefahren!“

Ich glaube, das ist nur Gerede. Ein allzu eifriger Fehler – es kann nicht sein, dass ein Rigenser, sei es auch ein Politiker, solch einen Fehler begehen könnte. Es gehen nämlich weder Straßenbahnen noch Trolleybusse nach Bolderāja. Nur Autobus Nummer 3. Oder das Fährboot bis Vecmīlgrāvis. Oder bis nach Schweden. Auf der einen Seite das Meer, auf der anderen Seite die Bucht der Daugava, und überall sonst: Wald.
Es gibt auch noch den Fluß Buļļupe, der Bolderāja vom Stadtteil Daugavgrīva trennt, und die Buļļupe ist ein Futterplatz der Schwäne. Und die Einwohner von Bolderāja an der Küste kommen um diese Schwäne zu füttern. Dort schwimmen die Schwäne, weiß, stolz, elegant biegen sie ihre Schwanenhälse und nehmen majestätisch von der Wasseroberfläche die nassen Brotstückchen auf. Und im Röhricht verstecken sich die in Riga seltenen Schellenten. Sie fürchten sich weder vor den Schwänen noch vor den Möven. Wenn einmal Enten aus dem Röhricht herauszuschwimmen versuchen, nahen sofort die Möven heran, laut rufend, fliegen auf sie zu und versuchen sie zurückzutreiben. Es sieht so aus, als ob das ein alter Streit ist, dessen Ursache heute nicht mehr gefunden werden kann.




Bolderāja ist ein Wunderland: ein unbedachter Schritt: und du bist verloren.
Ein der stärksten Mythen über Bolderāja ist derjenige über die schlechte kriminologische Situation. Die Zeitungen schreiben in regelmäßigen Abständen über die in Bolderāja begangenen Verbrechen, über die Drogensüchtigen, die angeblich einen großen Teil der Bevölkerung ausmachen, und über die an schlechten Drogen gestorbenen Jugendlichen. Die Menschen in Bolderāja selbst empören sich darüber: nichts dergleichen ist bei uns, Bolderāja ist überhaupt nicht gefährlich – nicht anders als zum Beispiel in Rigas Altstadt! Doch das übrige Riga schaut zurückhaltend auf Bolderāja und hat es auch nicht eilig, dort etwa Wohnungen zu kaufen. Die Wahrheit liegt – sehr wahrscheinlich – in der Mitte. Meine Freundin, die beim ärztlichen Rettungsdienst arbeitet, sagt, dass es Drogensüchtige in Bolderāja nicht mehr als in Riga gibt – aber Fälle von betrunken aufgefundenen Menschen wesentlich häufiger.

Interessant ist der für Bolderāja typische Patriotismus. Wer nach Irland, England oder Russland auswandert, der sehnt sich nicht nach Lettland oder Riga zurück – aber speziell nach Bolderāja. Im Internet kann man Gedichte finden, geschichtliche Abhandlungen, Gruppierungen, speziell Daugavgrīva und Bolderāja gewidmet.
Es ist überwiegend ein russischer Bezirk. Zum einen, weil wenn ich irgendein Mütterchen auf der Straße auf Lettisch anspreche, dann sehe ich in ihren Augen ein derartiges Erstaunen und Unverständnis, wie es sonst wohl nur vorkommt, wenn ich Chinesisch gesprochen hätte.
Früher gab es in Daugavgrīva eine Bibliothek und in verschiedenen Klubs gab es Schauspielproben nach Gedichten von Sergej Jessenin. Die Bibliothek ist geschlossen, die Klubs wurden zu Nachtklubs.

Es wurden Sozialwohnungen für diejenigen Menschen gebaut, die ihre bisherigen Wohnungen aus verschiedenen Gründen verloren haben: wegen eines Brandes, oder wegen Schulden. Die Bewohner solcher Häuser sind sehr unterschiedlich. Die Häuser ebenfalls. Einige sind gewöhnliche Wohnungen, andere bestehen nur aus einem Korridor und einer gemeinsamen Etagenküche. Tuberkulose und Trunksucht. Sozialarbeiter und die Polizei besuchen solche Häuser oft. Die blauen Autobusse, in denen die Sozialarbeiter des Bezirks der Kurzeme-Vorstadt herumfahren, werden von den Einwohnern treffend als „blaue Pfeile“ bezeichnet - wie die Spielzeugeisenbahn aus den populären Märchen von Gianni Rodari, die kommt um den armen Kindern zu helfen, dort wo die Eltern kein Geld für Geschenke haben.


Die „Aborigines“ von Bolderāja wollen ihren Wohnbezirk nicht wechseln oder gegen irgend welche Güter eintauschen. Sie achten nicht auf die Armut und die komplizierte kriminologische Situation. „Das ist hier doch das Meer!“ – herzlich wundern sie sich über die Zeichen des Unverständnisses bei ihren Gästen.
Wem sonst, aber für mich ... Bolderājas – so sagte es mein völlig des Lebens überdrüssiger Großvater. Iļģuciems, Imanta, Zolitūde und dann noch weiter dorthin. Es rauschen die Kiefern über den neuen Gräbern von Bolderāja, gerade auf halbem Weg von Bolderāja zum übrigen Riga. Dorthin ist für jeden der Weg gleich.

Die Autorin dankt der Webseite
http://boldes.ucoz.ru - eine der besten Quellen für Information und neue Ideen!

Wer diesen Text in russischer Sprache lesen möchte, kann dies hier

3. Juli 2008

Urlaubscheck Lettland

Es gibt Fernseh- sender, von denen niemand merkt, dass man sie in der Programm- auswahl verfügbar hat. Kabel Eins war so ein Fall - bis ich in der Programmvorschau für den 3.Juli entdeckte, dass dort ein "Urlaubscheck Lettland" angeboten wird. Das wäre immerhin der erste im deutschsprachigen Fernsehen, soweit ich das in Erinnerung habe. Gut, Werbung fürs "Paris des Nordens" oder für die "Jugendstilhauptstadt" wurde schon viel gemacht, aber Tests und Tourismuskritik? Eher gar nicht.

Nun also Kabel eins. Titel: "Billiger Luxus-Urlaub an der Ostsee: Der Geheimtipp in Lettland auf dem Prüfstand. Jurmala in Lettland gilt als exklusivstes Ostseebad im gesamten Baltikum. Aber entspricht es auch westeuropäischem Standard?"

Um 22.15 Uhr ging es los (das "K1-Magazin"). Schwer zu ertragen von der journalistischen Qualität. Ein nerviger Möchtegern-Alleswisser berät einen Mensch, der auf Fitnessstudios fixiert ist dabei, in Duisburg ein Disko aufzumachen. Resultat: am ersten Abend fast alle kostenfrei reinlassen, Jürgen (der aus dem Container!) Musik (ja, er nennt es wohl so) machen zu lassen, und Buffet kostenfrei. Angeblich soll der Laden auch nach diesem Supertipp noch laufen (hoffentlich hat der "Unternehmensberater" kein Geld dafür bekommen!). Dann ein Warentest der simplen Art, mit durchweg unkenntlich gemachten Markennamen. Da sagen wir: toll, wie praxisnah! Dann ein Test zur Fahrradreparatur. Fallbeispiel: jemand holt sein klappriges Fahrrad mitten im Sommer (nach Jahren der Nicht-Benutzung?) aus dem Keller und erwartet in der spontan besuchten Werkstatt eine sofortige Reparatur. So macht es kaum ein Radler - allenfalls jemand, der keinen Fahrradhändler seines Vertrauens hat, dafür aber eine (gesponserte) "versteckte Kamera". Was da der angebliche "Lettland-Test" nun bringen soll? Die Moderatorin namens Heinzelmann angezogen, als ob ihr das Kleid runtergerissen wurde und drunter ein durchsichtige T-Shirt plaziert wird. Wer's mag.

Gut, Kabel Eins schickt also ein Pärchen im späten Twen-Alter los durch Rigas Hotels, in das Nachtleben, an den Strand von Jurmala und in die Restaurants. Landeskunde ist nicht angesagt, Urlaubsvorbereitung ebenfalls Fehlanzeige. Das man nach Riga auch für unter 50 Euro fliegen kann, das ist hier der Tipp. Spontanurlauber also, die ebenso spontan loslaufen, um ein Hotel zu finden. Und der Einleitungstext stammte offenbar von jemand anderem (Zitat: "mit seinen vielen Jugendstilhäusern ist Riga Weltkulturerbe" - gezeigt wird dazu aber kein einziges Jugendstilhaus).

Schon für unter 50 Euro kann man nach Riga fliegen, wird hier fleißig geworben bei Kabel Eins. Damit ist auch das Ziel- publikum für diese Sendung wohl klar. Gefilmt angeblich mit "versteckter Kamera" - oft den Leuten mitten ins Gesicht. Geheim unterwegs für Deutschlands Urlauber - allein die Behauptung macht es offenbar (oder steckte die Kamera im Brillengestell?).

Testpersonen- Check: er, etwas speckig aussehend, ein Typ, der sich gern von Mutter bekochen lässt aber die Nächte mit seinen Studienfreunden durchmacht und nicht mag, wenn andere nicht aufräumen. Sie: eher vom Typ unscheinbar, aber sicher mit scharfer Zunge und prüfendem Blick ausgestattet.
Also los: durch Rigas Altstadt traben und nach Hotels fragen. Resultat: durchaus wie erwartet. Wer nur nach "Sternen" guckt, und mit ein paar davon schon zufrieden ist (gezeigte Beispiele u.a.: Hotel Viktoria, ein "Hostel"), bekommt sehr durchschnittliche Zimmer mit horrenden Preisen angeboten, schlecht gesäubert noch dazu. Das merken auch diese Tester. Riga ist zu teuer für ein durchschnittliches Angebot. Drei Hotels lehnen sie ab, nachdem sie den Preis erfahren und sich die Zimmer angesehen haben (75-120 Euro pro Nacht - im Hostel 35 Euro bei Schimmel in der Gemeinschafts-Etagendusche). Sie landen bei "Radi un draugi", wie so viele (52 Lat und ein sauberes Bad).

Soweit, so typisch. Heisse Tipps für Hotels in Riga gibt es kaum noch: grundsätzlich teuer, viel Lärm - aber manche wollen es ja so. Jedenfalls so viele, dass sich Riga eben leider in diese Richtung entwickelt hat - von Kundentreue oder Stammkunden hat man kaum je etwas gehört.Nächste Station der Tester: der Strand in Jurmala. Hingefahren wird - typisch Deutsch? - mit dem Auto. 1,50 Lat Gebühr für die Einfahrt nach Jurmala, immerhin wird die Möglichkeit per Zug auch erwähnt, der Radweg (Lettlands schönster!) aber nicht. Die Gebühr für den Leihwagen wird übrigens auch lieber verschwiegen.
Und, oh Schreck: es gibt keinen Liegestuhl-Verleih! Das streichen die Kabel-Tester negativ an. Zitat: "wir müssen mit den Badetüchern direkt in den Sand." Na, hoffentlich hat das jetzt niemand in Lettland gesehen und stellt jetzt überall Liegestühle auf! Dass der Strand kostenfrei zugänglich war, erwähnen die Tester nicht. Schlicht zählt nicht. Aber zum Aufpeppen des (kurzen) Testerlebnisses werden nun noch jede Menge zufällig ausgewählte andere Gäste befragt: so wirkt das Filmchen ein wenig flotter. Und dann wird doch noch ein Fahrrad ausgeliehen - und positiv festgestellt, dass man hier direkt an der Wasserkante langfahren kann. Und dann muss natürlich am Strand ein Snack her - von Jurmalas schöner Flaniermeile (mit jeder Menge Restaurants) kein Wort. Die Tester müssen wohl das Plastikgeschirr am Strand testen - es ist immer schön, wenn jemand etwas selbst auswählt und dann auch noch negativ kritisiert. Zu fett das Schweinefleisch (Zitat: "fettiges zu fetten Preisen") - keine kaschierende und täuschende Werbung wie in Deutschland, kein "Joggingbrot" und "O,o%-Joghurt", oh je!

Zurück nach Riga. Gezeigt wird ein angeblich "traditionelles Restaurant". Hier werden graue Erbsen mit Speck und Sauerkrautsuppe bestellt und gekostet. Ach, wie provozierend lustlos man doch vor einer Kamera in der Suppe rühren kann!
Aber so schlecht fällt dann das Urteil gar nicht aus: ganz schön üppige Portionen. Und unser speckiger Tester bemerkt doch sogar: "Also, auf Kalorien haben die hier wohl noch nie irgendwie geachtet." irgendwie, immer ein tolles Urteil, besonders von einem so gut ernährten "Experten". "Und, wie schmeckts?" fragt die Stimme aus dem Off. "Die Erbsen sind grau, nicht wie bei uns, grün." Aha. Und dann: "Schmeckt echt besser als es aussieht." Na wenigstens das.

Und das wird noch gesteigert: "für den Hauptgang gehen wir in eines der besten Fischrestaurants in Riga". In das einzige in der Altstadt, - aber das wissen die Tester offenbar nicht. Gut Fisch essen kann man in Lettland doch fast überall! Aber hier muss wohl alles herhalten, was eingeschwebten "Last-Minute-Touristen" so als "Geheimtipp" verkauft wird. Eine Redaktion, die vorher etwas recherchiert? Wo gibt es denn das? Es sollte ja ein Test sein.
Nun kommen wieder die Tester zum Einsatz. "Is this typical ... Latvian?" fragt mit scheuem Augenaufschlag die Testerin. Hier wird die Forelle vor den Augen der Hungrigen aus dem Pool gefischt. Das Urteil am Ende wird klar sein: ganz schön teuer wars. Und so kommt es auch (60 Euro für 2 Personen).

Es folgt eine angeblich "besondere Kneipe" - Touristen verirren sich selten hierher, wird behauptet. und was macht man in einer so besonderen Kneipe? Riga Balsam trinken! Und mein Tipp bewahrheitet sich mal wieder: Riga Balsams hat 50% Liebhaber und 50% Balsam-Meider. Auch hier geht es 50 zu 50 aus.

Dann noch das Nachtleben. Was kommt jetzt? Rigas dicke Probleme mit Nacktbars und Casinos? Nein, den "gründlichen Testern" reicht ein einziger Club, behauptet wird, das es der "angesagteste" ist (das "Essential"). Aber Hauptsache es ist was los. Und schnell noch ein paar andere Gäste interviewt, um dem Urteil ein Fundament zu geben. 15 Euro für zwei kleine Bier. Fazit: "das Nachtleben kann hier locker mit anderen europäischen Hochburgen mithalten, auch im Preis. 5 von 6 möglichen Punkten." Hauptsache wohl, es ist was los, und sieht wie zu Hause aus.

Und dann noch der Nervfaktor: auch die schnell eingeflogenen Tester fahren Auto - und stehen im Stau. Was Minuspunkte bringt. Aber es wirkt leider nicht so, dass man besser ohne Auto fahren sollte - der deutsche Tester sitzt im Auto, zählt die Fahrminuten zum Strand, und wartet wohl in Zukunft darauf, dass ihm der Lette die Straßen freiräumt.

Das wars also mit dem ersten Lettland-Urlaubstest. Aber eigentlich wars nur ein Riga-Schnelltest für Billigflieger. Die Tendenz war dennoch richtig erkannt: teuer, wenig (Stamm-)kundenfreundlich, oft laut und hektisch. Die Konsequenz zogen die Tester leider nicht: Hotels außerhalb buchen, in Riga mehr Kultur genießen (die sensationell gut ist!), Essen auf lettische Art (also nicht in der Altstadt!), und viel außerhalb Rigas machen!
Schade, da muss mehr kommen! Aber schickt nächstes Mal bitte Testurlauber, die das Land auch wirklich interessiert!

Und noch eins: Kabel Eins zeigte seinen "Lettland-Urlaubstest" am Tag der Eröffnung des lettischen Sängerfests. Auch das war offenbar kein Thema. Kann man bei so einem Kurzbesuch nicht auch gleich alles mitkriegen ....

23. Juni 2008

Der verlorene Sohn ...

... und Zuverlässigkeit lettischer Behörden

Lettland horcht auf, ist erstaunt, erschüttert. Vor 16 Jahren war einer jungen Frau in Daugavpils, der zweitgrößten Stadt des Landes nahe der weißrussischen Grenze während des Einkaufs der vor dem Geschäft abgestellte Kinderwagen samt Säugling entführt worden. Die Polizei konnte den Fall nicht aufklären, doch die Mutter hatte all die Jahre erklärt, sie sei überzeugt davon, daß ihr Kind lebe, und zwar gar nicht weit entfernt.Nun stellte sich heraus, daß die Frau Recht hatte. Der verlorene Sohn wurde gefunden. Allerdings nur durch einen Zufall. Die den Jungen während dieser Jahre erziehende Dame mußte sich wegen eines anderen Vergehens vor Gericht verantworten und konnte für ihren Sohn weder einen (in Lettland existierenden) Personenkode angeben, noch seine Existenz durch eine Geburtsurkunde nachweisen.Diese Umstände werfen ein fahles Licht auf den lettischen Staat. Daß die Polizei das Kind nicht hatte finden können – der verlassene Kinderwagen wiederum war damals kurz nach der Entführung in einem Treppenhaus nahe des Geschäftes wieder aufgetaucht – mag vielleicht noch weniger überraschen, denn Säuglinge sehen sich ähnlich und sind schwierig zu suchen. 

Was aber verblüffender ist, der Junge lebte tatsächlich all die Jahre in seiner Heimatstadt, und weder Arztbesuche noch Schulanmeldung stellten auch ohne Geburtsurkunde ein Problem für die Ziehmutter dar.Vor diesem Hintergrund mögen ihre eigenen Rechtfertigungen, der inzwischen verstorbene Mann habe das Kind eines Tages mitgebracht und behauptet, er habe es aus Dagestan geholt, schon gar nicht weiter verwundern. Es kann ja sein, daß diese Frau so naiv ist, daß sie ihrem Mann keine weiteren Fragen stellte, etwa, wer die Mutter des Kindes ist und er eventuell sogar der uneheliche Vater. Auch mag man glauben, daß die Frau intellektuell nicht in der Lage war zu begreifen, daß 1992, bereits ein Jahr nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die Übersiedlung eines Kindes aus dem zu Rußland gehörenden Dagestan in das nunmehr unabhängige Lettland ohne Papiere wenig glaubwürdig klingt. Der Säugling kann schließlich schlecht im Koffer eingeführt werden. Angesichts dieser Umstände liegt natürlich die Vermutung nahe, daß die Frau das Kind doch selbst entführt hat.In der Politikwissenschaft wird seit den 90er Jahren mit neuen Begriffen operiert. Defekte Demokratien, schwache oder gescheiterte Staaten wurden als Bezeichnungen eingeführt, um zu kategorisieren, in welchen Staaten die offizielle demokratische Ordnung keine wirkliche Mitbestimmung für die Einwohner garantieren oder wo die Regierung ihre Staatsgewalt nicht zu Gunsten aller Bürger ausübt respektive überhaupt dazu nicht in der Lage ist. 

Einstweilen gilt Lettland für keine dieser Phänomene als Beispiel. Innerhalb der EU entwickelt es sich jedoch den Standards entsprechend mehr und mehr zum Sorgenkind.Die lettische Regierung muß sich nach den Geschehnissen in Daugavpils die Frage gefallen lassen, ob sie einen funktionierenden Staat lenkt, ob die Behörden ihre Aufgaben erfüllen, schließlich handelt es sich hier nicht um einen einfachen Korruptionsfall. Und dies geschieht ausgerechnet im Jahre eines runden Geburtstages. Lettland feiert im November den 90. Jahrestag der Proklamation der Unabhängigkeit. Die international nie anerkannte Inkorporation in die Sowjetunion hat die Staatlichkeit juristisch nicht unterbrochen, weshalb die Letten sich auch nicht in einer zweiten Republik sehen.Der Geburtstag fällt generell in eine Zeit, in der die Bevölkerung ihrer politischen Führung nach den Skandalen in Jūrmala, dem Fall Gulbis, der geplanten Änderungen im Gesetz über die nationale Sicherheit und schließlich der versuchten Absetzung des Chefs der Anti-Korruptionsbehörde zutiefst mißtraut, was das Faß im Herbst vergangenen Jahres zum Überlaufen brauchte. Es folgte die sogenannte „Regenschirmrevolution”, das erste Mal seit der Zeit des „Nationalen Erwachens“ unter Gorbatschow gingen die Menschen wieder auf die Straße; viele Letten sahen darin ein déjà vu, obwohl es doch einen wesentlichen Unterschied gab: damals demonstrierte man für die eigene Regierung, dieses Mal gegen sie. Erst mit diesem Ereignis erkannten die benachbarten Esten, daß Lettland innenpolitisch ganz anders funktioniert als ihr eigenes Land, wovon die öffentliche Meinung bis dahin nicht ausgegangen war. Was zunächst wie der Ausdruck einer funktionierenden Zivilgesellschaft aussieht, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß infolge von fast 60 Jahren Diktatur – bereits vor der sowjetischen Okkupation auch während der autoritären Herrschaft unter Kārlis Ulmanis – in der Gesellschaft Spuren hinterlassen haben. 

Die Bevölkerung sehnt sich weniger nach mehr Mitbestimmung als nach dem starken Mann.Daß nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 die Letten so wie die baltischen Nachbarn zunächst auf ihr Schicksal hingewiesen haben, ist verständlich, denn jahrzehntelang durfte darüber nicht gesprochen werden. Nunmehr wird die neue Unabhängigkeit bald volljährig, und Lettland muß den Vergleich mit Estland zu scheuen beginnen. Während die Regierung dort umfassende Reformen durchführte, blieben solche In Lettland in vielen Bereichen aus. Die Bewertung Lettlands in internationalen Publikationen bezüglich der Korruption ist schon lange die positivste nicht. Nun aber schlittert das Land außerdem auch noch in eine handfeste ökonomische Krise. Die Politik hat ihre Hausaufgaben nicht nur nicht gemacht, sondern sie geflissentlich ignoriert und sich statt dessen so intensiv mit sich selbst und der Monopolisierung der Macht beschäftigt, daß nicht einmal der Moment, als sogar den politisch den passiven Letten der Kragen platzte, sichtbare Folgen zeitigt. Es ist weitgehend alles beim Alten geblieben und wieder ruhig geworden. Nunmehr wird anhand dieser Kindesentführung greifbar, daß im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat zu machen ist, wenn sich dieser vorwiegend vergangenheitsbezogen als Heulsuse profiliert. 

In Lettland gibt es zwar keine Inflationsbekämpfung aber klare Vorschriften, an welchen Trauertagen, und das sind zahlreiche geflaggt werden muß – üblicherweise zur nationalen Trauer auch mit Trauerflor. Nun möchte man meinen, daß Flaggen an öffentlichen Gebäuden zu verschiedenen Daten kein Problem darstellen, aber anstelle mit Familien-, Bildungs- oder Gesundheitspolitik beschäftigen sich die Behörden mit der Verfolgung des Verstoßes dagegen, daß nämlich auch an Privatgebäuden geflaggt werden muß. Dafür zuständig ist die Munizipalpolizei, die als eine Art aufgerüstetes Ordnungsamt statt um Gewalt in der Familie oder Schlägereien vor Diskotheken zu kümmern weitere völlig unsinnige Vorschriften wie das Verbot des Alkoholkonsums auf der Straße und den Verkauf während der Nacht überwacht. Statt den Alkoholismus einzudämmen, versammelt diese Maßnahme das einschlägige Publikum in der Nähe von Geschäften mit Ausnahmegenehmigungen – und die muß es natürlich geben, denn sonst wäre der Korruption die Grundlage vollkommen entzogen. Die Staatsgewalt setzt diesen grundlegenden Problemen, Aggressionen als Demonstration der Transformationsgewinner wie auch Protest der Transformationsverlierer kaum etwas entgegen. 

Darum haben die in Lettland allgegenwärtigen Verkehrsrowdies auf Landstraßen, wo die Straßenverkehrsordnung weniger gilt als das Recht des größeren Wagens – gerne auch einmal ein Hummer – meistens freie Fahrt. Zurück zu dem Fall des entführten Jungen, dessen Entdeckung auch durch die internationale Presse ging. Die Bevölkerung in Lettland reibt sich besonders deshalb verwundert die Augen, weil Paragraph 126 des Strafgesetzbuches die Verjährung der vorliegenden Tat nach zehn Jahren vorsieht, die in Haft sitzende Ziehmutter also für diese Tat nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden kann.Der Junge, welcher 16 Jahre lang von seiner Ziehmutter Ruslan gerufen wurde, hegt keinen Haß gegen sie, hat nunmehr seine leibliche Mutter mehrfach getroffen und erfahren, daß er eigentlich Vladimir heißt. Zukünftig, so sagte er, wolle er beide Namen tragen. Wo er leben wird, ist einstweilen noch offen und abhängig von seiner Entscheidung. Sei leiblicher Vater, der inzwischen mit einer anderen Frau zusammen lebt, würde ihn auch zu sich nehmen wollen. Ruslan Vladimir, der sich langsam an die neue Situation gewöhnt, klagt darüber, daß die Psychologen ihn eher störten als Unterstützung bedeuteten, derweil der schwerste Schlag für ihn darin besteht, daß sich viele Freunde von ihm abgewandt haben.

12. Juni 2008

Irland stimmt ab - Lettland sehnt sich nach Abstinenz

Irland stimmt über den neuen EU-Vertrag ab. Zehntausende Lettinnen und Letten sollen inzwischen - günstige Arbeitsmöglichkeiten und besserer Löhne als im Heimatland locken - in Irland zumindest vorübergehend ihren "Lebensmittelpunkt" gefunden haben. Aber Diskussionsbeiträge zur irischen Haltung gegenüber der EU wird man lange suchen müssen. Zu groß ist wohl die Angst, selbst zum Thema zu werden (lettische Billigarbeiter Schuld an Arbeitsligkeit in Irland?). Oder man schließt sich der Idee der lettisch-irischen Webseite "Baltic-Irland" an: am besten wäre eine eigene Insel für Esten, Letten und Litauer zusammen. - Ein Teil der lettischen Presse in Riga meint jedoch ganz klar zu sehen, was Lettland von Irland hat: in erster Linie besoffen herumtorkelnde irische Touristen, die in Riga gern auch mal über die Stränge schlagen und alle anderen gehörig annerven.

Das solche Schlagzeilen in Lettland existieren (siehe TVNet 12.Juni), hat nun auch die irische Presse bemerkt: "We're sick of all you Irish drunks" werden dort Aussagen von genervten Rigensern zitiert, und die lettische Presse registriert es mit Befriedigung. Aussagen von irischen Touristen werden zitiert: "Wo Bier ist, da trinkt der Ire es auch!" Im vergangenen November sie ein irischer Tourist schon mal daran gehindert worden, Lettland wieder zu verlassen - da er eine gegen ihn verhängte Geldstrafe von 700 Lat noch nicht bezahlt habe. Nun könnten es auch Gefängnisstrafen sein, wenn sich der "Houliganismus" wiederholt. Die Schilder "no stag parties" hängen in Riga vielerorts, und der lettische Innenminister Mareks Segliņš bezeichnete die irischen und britischen Sauftouristen auch schon mal als "Schweine".

Die Botschaften beider Länder bemühen sich inzwischen, Informationen zu "verantwortungsvollem Tourismus" zu verbreiten - vor allem an den Flughäfen. Im Internet, in Blogs und auf den Seiten der Medien, dort finden sich dann auch entsprechende Kommentare (TVnet). Auch Letten würden sich ja gern mit billigem Alkohol versorgen - vor allem Männer - wenn es irgendwo nur hübsch gemütlich und möglichst schön sonnig ist, so heißt es da. - Bei den Letten in Irland taucht die Bezeichnung "austrumu gudrais" auf (so etwa wie "Klugscheißer aus dem Osten") - für diejenigen die meinen, nur die Iren hätten immer die Schuld (Baltic-Irland.eu). Viele befürchten, dass der ganze Vorgang im Grunde nur wieder ein besseres Image Lettlands in Europa verhindert. Gründe werden auch genannt: Billigflieger nach Riga, billiger Alkohol und "billige Frauen", Mangel an öffentlichen Toiletten im Stadtzentrum von Riga.

Zur Nebensache wird da offenbar, ob die Menschen in Irland sich heute für oder gegen den EU-Vertrag aussprechen. Iren als "EU-Gegner", die dann die sich daraus ergebenden Vorteile nicht sofort ausnutzen (z.B. Reisefreiheit, gemeinsame Währund), können sich Letten wohl nur schlecht vorstellen. Liegt es daran, dass die Letten selbst inzwischen fast alle paar Wochen eine neue Volksabstimmung über irgendein Thema haben, und dennoch niemand glaubt, dass dadurch plötzlich alles besser werden könnte?

6. Juni 2008

Ostseerat in Riga: Politik ohne M und M

Nur alle zwei Jahre treffen sich die Regierungschefs der Ostseeanrainerstaaten zum sogenanten "Ostseegipfel". Da liegt der Gedanke nah, es könnte so etwas wie der Höhepunkt der Zusammenarbeit im Ostseeraum sein.
Doch weit gefehlt: die Zeiten haben sich geändert. Die Ostsee- region wirkt eher wie "globali- siert" - Beamte, Mandats- träger und Wirtschaftsmanager fliegen ständig hin und her, persönliche Treffen scheinen für die Diplomatenprofis alltäglich und unwichtig geworden zu sein. Und - das kennen nun die Nachbarn an der Ostsee zur Genüge - aus deutscher und aus russischer Sicht ist es immer noch eine Frage der Rang- und Reihenfolge. Riga ohne M & M - Merkel und Medwedjew. Sorry, Riga: wenn Putins Marionette uns als ersten in Westeuropa die Ehre eines Besuches geben will - dann müssen wir so ein Regionaltreffen in der lettischen Haupstadt eben sausen lassen ...

Gibt es die Ostsee aus deutscher Sicht überhaupt noch? Es hatte den Anschein, als ob auch alle deutschen Journalisten schon auf den Treppen- stufen des Berliner Kanzler- amtes warteten - Ostseerat? Was kann es da schon Neues geben?

"Ohne Merkel und Putin, aber mit Gazprom und Ruhrgas" - so titelte die lettische Zeitung "Neatkarīga" (3.6.08). Nein, der Ostseegipfel sei durch die Abwesenheit der deutschen und russischen Regierungsspitzen nicht beeinträchtigt, beeilte sich Aussenminister Riekstins der lettischen Presse zu erklären. "Unser Land gewinnt schon dadurch, dass wir eine solch hochrangige Konferenz überhaupt ausrichten, und nebenbei sorgen wir noch dafür, dass wichtige Wirtschaftskontakte geknüpft werden können," - so sah es Wirtschaftsminister Kaspars Gerhards (NRA 3.6.08).

Genügsame Letten. Gut, die Verkehrsstaus waren diesmal nicht so lang wie beim NATO-Gipfel (aber die Preise sind seit letztem Jahr schon wieder um 15% gestiegen!). Stolz meldet die Mercedes-Zentrale Riga: 66 (in Worten: sechsundsechzig) blitzblanke neue Limousinen wurden den Staatschefs während des Gipfels zur Verfügung gestellt. Beim NATO-Gipfel waren es noch 300 gewesen - das klärt die Dimensionen.

Ansonsten war es offenbar ein energiegeladener Gipfel. "Kritische Töne" gegen die Ostsee-Pipeline gebe es kaum noch, vermeldete Aussenminister Steinmeier stolz in der Heimat (AFP). Während aus baltischer Sicht die Sorge besteht, wie man überhaupt den krass steigenden Energiepreisen (Gas, Öl) entkommen kann (auch der Neubau eines Atomkraftwerks würde riesige Summen verschlingen), bemühen sich die komplett versammelten Nordstream-Manager den gesamten Planungs- und Durchführungsprozess ihres Ostsee-aufwühlenden Projekts für "durchsichtig" und "nach höchsten Umweltstandards" zu erklären. Perestroika und Glasnost für die Ostsee? Da gehört doch auch der Spruch "wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" dazu. In diese Logik passt es, dass deutsche wie russische Pipeline-Protagonisten ihren kleinen Nachbarn noch ein paar ökonomische Brosamen zuwerfen möchten. Schlag nicht dem die Hand ab, woran du mit verdienst - so wird es wohl ausgehen. Konsequenterweise wurde auch nur ein Business-Forum parallel zum Gipfel aufwendig inszeniert - Öffentlichkeitsbeteiligung wäre mühsamer gewesen.

Ach ja - reformiert wurde auch. Allerdings eher nach der Devise "es kreiste der Elephant und gebar eine Maus". "Die nächste Ostseerats-Präsidentschaft (Dänemark) wird die Reform weiter führen müssen," so der klarste Teil der Aussage. Ob ein Ostseerat eigentlich nur für Beamte und Banker geschaffen wurde - darum kreisen die Reformgedanken offenbar kaum. Warum es kein einziges Projektförderprogramm gibt, dass alle Ostseeanrainerstaaten gleichermaßen und gleichberechtigt umfasst, und dabei nicht nur staatliche Instutitionen fördert - kein Thema beim Gipfel.
Na dann - bis zum nächsten Mal! 

Ergebnisse des Ostseegipfels: die Abschlußerklärung

Ergebnisse des Ostseegipfels: Erklärung zur Reform des Ostseerats

31. Mai 2008

Steini und Nüsschen - schon wieder in Riga ...

Der liebe Kollege Māris 

- so Bundesaussenminister Frank-Walter Steinmeier - darf nun innerhalb weniger Wochen gleich zum wiederholten Male zu einer Versammlung von Amtskollegen einladen. Am 22.Mai war es das "3 + 1"-Treffen: der estnische Aussenminister Urmas Paet, sein litauischer Kollege Petras Vaitiekunas, und Franks Walters aus Berlin reisten ins neu eingerichtete Gebäude des lettischen Aussenministerium an. Am 3.+4.Juni wird es der Ostseeratsgipfel sein. 

Zu essen gab es bei der "kleinen Generalprobe" viel (kredenzt vom lettischen Starkoch Mārtiņš Rītiņš), Fragen gab es wenig. Das leicht mürrische Gesicht des Litauers Vaitiekunas verleitete auf der auf das Ministertreffen folgenden Pressekonferenz zur einzigen Frage: ob denn inzwischen in Atomfragen Einigkeit erzielt sei unter den Kollegen. Die diplomatische Routine brachte das jedoch kaum aus der Ruhe. Ein sinnvoller Energiemix sei nötig, so stimmte auch Sozialdemokrat und Atomausstiegsparteigänger Steinmeier zu.

Viel mehr Fragezeichen schien der im Maimonat ausgerufene deutsche Kulturmonat in Lettland aufzuwerfen. Steinmeiers Versuch, seinen Glückwunsch zur gelungenen Kulturparade im Wonnemonat auszusprechen, geriet erneut zum Kulturschock (vor allem sprachlich - wie schon beim Riga-Besuch von Kulturstaatsminster Neumann): von "Owatziehja" hatte leider in Riga noch nie jemand etwas gehört. Ein wenig Orts- und Sprachkenntnis könnte da helfen (mehr Lettisch-Sprachkurse in Deutschland!).

Dabei war "Oma-zieh-ma" gar nicht so erfolglos in Riga - aus lettischer Sicht. Vācija (Deutschland) war allumfassend präsent in Lettland im Monat Mai: von der Stipendiatenprämierung des deutsch-baltischen Hochschulkontors (mit begleitender Ausstellung "Letten sehen Deutschland"), über einer Reihe von Ausstellungen (Expressionismus aus Dortmund), bis hin zum lettlandweiten Deutschland-Motto bei der landesweiten "Nacht der Museen". Deutschland allüberall, verkündet fast täglich durch Fernsehen und Radio in Lettland - und das durchgehend positiv - das schafft wohl nur die Kultur.

Auf deutscher Seite fanden sowohl Harald Schmidt als auch Kabarett-Kollege Volker Pispers das Thema Lettland im Monat Mai erwähnenswert. Nein, nicht etwa weil "diese Balten" schon wieder beim Grand Prix vor Deutschland landeten (oder doch?). Pispers (in "Neues aus der Anstalt") erinnerte daran, dass noch vor 15 Jahren die meisten Deutschen Lettland eher mit Lappland oder Legoland gleichgesetzt haben - doch bei Schmidt wird Lettland immer noch schlicht mit einem dunklen Wald symbolisiert. Wenn er doch gewusst hätte, wo Deutschland und Lettland wirklich ähnliche Schlagzeilen schrieben in diesem Monat: beim Milch-Lieferboykott.

23. Mai 2008

Lettland im Mai

Mai in Lettland - immer ein Monat mit vielen Ereignissen. Diesmal ging es weitgehend ruhig und friedlich zu, bei größtenteils sonnigem Wetter, begeleitet von kalten Winden allerdings.

Da ist zunächst der 4.Mai, der Tag der lettischen Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1990. Auf diesen Tag sind die Letten besonders stolz, gerade weil zwischen diesem Tag, den darauf folgenden von sowjetfreundlicher Seite angezettelten Unruhen (Stichwort "schwarze Barette", "Putsch in Moskau") und der tatsächlichen internationalen Anerkennung der lettischen Unabhängigkeit im August / September 1991 noch einiges selbst erkämpft werden musste.

Es folgt der 8.Mai und der 9.Mai, Tage die viel Raum für Interpre- tationen lassen. Spitzfindig feierten einige den 8.Mai 2008 bewusst als Europatag, und eine Regierungsdelegation legte einen Kranz nieder für den unbekannten Soldaten, also für die Toten der beiden Weltkriege.
Daraufhin konnte man am Folgetag, einem äusserst sonnigen Samstag, das Feiern in Ausgehanzug und militärischen Paradeorden ganz den im Lande lebenden Russen überlassen. Zehntausende kamen, und rund um das "Uzvaras piemineklis" (Siegesdenkmal) erklangen russische Schlager, ein rieisiges buntes Blumenmeer bildete sich (penibel und immer ordentlichen Reihen niedergelegt) , und einige sozialistische Gruppe versuchten die Stimmung für ihre Politwerbung zu nutzen. Die politischen Reden gerieten dieses Jahr kürzer und weniger tobsüchtig, nur Alfreds Rubiks, früher Bürger- meister von Riga und aktiver Unterstützer des Putsches gegen Gorbatschow, macht sich neuerdings Hoffnungen bei den kommenden Europawahlen kandidieren zu können, da die innenpolitische Regel, dass frühere Funktionäre des Sowjetsystems nicht kandidieren dürfen, dann wohl nicht angewendet werden darf (Euroaprecht).

Zwei neue politische Gruppierungen formieren sich immer mehr - beides Abspaltungen aus bestehenden Parteien - vor allem im Hinblick auf die Europawahlen 2009: "Cita politika" (andere Politik - mit den Frontfiguren der ehemaligen Minister Artis Pabriks und Aigars Štokenbergs), und "Pilsoniska savieniba" (bürgerliche Vereinigung). Letztere sei einige Vereinigung "patriotische Vereinigung mit Wurzeln in den Regionen", so sagte es die Leitfigur dieser Vereinigung, die ehemalige Aussenministerin und Beinahe-EU-Kommissarin Sandra Kalniete. Für beide wird es wohl darum gehen, bei Wahlen die 5%-Hürde zu überspringen.

Erfolgreich war eine Initiative von "cita politika" zu einer Volksbefragung mit dem Ziel, die Rentnen auf das Niveau des errechneten Existenzminimums erhöhen zu lassen. Etwa 170.00 Menschen unterschrieben dafür (noch nicht alle Stimmen sind ausgezählt). Nun muss das lettische Parlament darüber beraten: entweder den Gesetzentwurf so annehmen, wie er eingereicht wurde, oder landesweit eine Volksabstimmung durchführen zu lassen. Von den Befürwortern gern erwähnt wird auch der Vergleich mit den Nachbarländern: im statistischen Mittel liegen die lettischen Renten bei etwa 177 Euro, während sie in Litauen bei 182 Euro und in Estland bei 240 Euro liegen.

Weiterhin erinnert dieser Mai auch an den vergangenen Herbst - die sogenannte "Regenschirmrevolution". Sie war ja unter anderem ausgelöst worden von Versuchen des damaligen Regierungschefs Kalvitis (der später zurückrat), den Leiter der lettischen Antikorruptionsbehörde KNAB, Loskutovs, abzusetzen. Begründung: finanzielle Unregelmäßigkeiten bei KNAB. Zumindst dies steht inzwischen fest: es gab erhebliche finanzielle Unklarheiten bei KNAB, es sind mehrfach verschiedene Summen Geld "verschwunden" und nicht ordnungsgemäß in den Abrechnungsbüchern nachzuvollziehen. Die Vorliebe der lettischen Presse, gern alles was Geld kostet in aller Ausführlichkeit in der Öffentlichkeit darzustellen, kann hier ebenfalls Anwendung finden: der Verbleib von insgesamt 89.868 Lat, 38.445 Euro und 27.287 Dollar sind in der Behörde nicht mehr nachzuweisen.
Die Lettinnen und Letten fragen sich nun: wer wird in Zukunft wen kontrollieren? Die Generalstaatsanwaltschaft die Antikorruptionsbehörde? Die Antikorruptionsbehörde die Regierung? Die Polizei die Antikorruptionsbehörde? Auch ein möglicher Rücktritt von Anti-Korruptionschef Loskutovs wird wieder diskutiert.

Ein anderer Spitzenposten muss neu besetzt werden: der Vorsitzende des lettischen obersten Verfassungsgerichtshofs. Auch Kandidat Ivars Bičkovičs muss sich mal wieder einer alten Diskussion aussetzen: hat er zu Zeiten Sowjetlettlands mit der "Tscheka", dem sowjetischen Geheimdienst, zusammengearbeitet oder nicht? In Lettland wurde das berüchtigte "Tscheka-Säckchen", eine Liste mit Namen angeblicher Mitarbeiter/innen, immer noch nicht öffentlich gemacht. Aber immer wieder sickern Namen durch, die angeblich dort verzeichnet sein sollen.

Monat Mai - das ist für viele Schülerinnen und Schüler der Monat der Prüfungen und Examen. Parallel dazu gibt es alljährlich Berichte über Versuche, diese Prüfungen zu fälschen, oder auf dunklen Wegen illegal sich bereits vorab die Prüfungsfragen und -antworten zu beschaffen. Dementsprechend ein Bericht der Zeitung Neatkarīgā vom 22.Mai über eine Zusammenarbeit von Journalisten und der Polizei im Küstenort Liepāja. Journalisten hatten, in Absprache mit der Polizei, auf Anzeigen in einem Internetportal reagiert, wo die Examensfragen für Mathematik für 200 Lat (300 Euro), diejenige für Lettisch zu einem Preis von 150 Lat, und Englisch für 100 Lat angeboten waren. Die angebotene "Ware" erweist sich dann aber größenteils als Fälschung. Es wurden mehrere in diesen "Examenshandel" verwickelte Personen festgenommen.

Weiterhin diskutiert wird über die lettische Milch, bzw. die Produktionsbedingungen für Bauern in Lettland. Seit dem Jahr 2001 ist die Gesamtproduktion von Milch in Lettland von 848.000 t zu 841.000 t ziemlich gleich geblieben, der Verbrauch im Inland aber von 828.000 t auf 641.000 t gesunken. Die Einkaufspreise für den Handel stiegen von 16,8 Santimes (25,2 EuroCent) im Januar 2007 auf 23,82 Santimes (35,7 EurCent), fallen seitdem aber wieder stetig. Vertreter der lettischen Einzelhandels dazu in der lettischen Presse: wir haben zu viele Bauern mit 10 bis 20 Kühen, andere Länder produzieren effektiver (= Importmilch ist billiger als einheimische). Ein Plädoyer für die Massentierhaltung?

Und ebenfalls Objekt der Diskussion war eines der drei in Riga geplanten kulturellen Gross- projekte: der Baubeginn der neuen Nationalbibliothek wurde definitiv beschlossen. Extrem unpopulär sind aber die hohen Baukosten: in der Fernsehsendung "Kas notiek Latvijaa" (was passiert in Lettland) diskutieren am 7.Mai alle wesentlichen am Projekt Beteiligten, wobei auch grundsätzliche Kritik erneut ihren Raum fand ("ach, irgendwie passt das Projekt doch nicht zur gegenwärtigen Stadtsilhouette ..."). Charakteristik dieser Sendung ist, dass die Zuschauer während der Sendung zum Thema abstimmen können, und das Ergebnis laufend eingeblendet wird: über 90% Ablehnung des Projekts. Projektleiter Zigurds Magonis darauf in der Tageszeitung DIENA (21.5.): "manchmal möchte ich lieber aufs Land fahren und Wildschweine jagen ...".

Eine "Frühlingsfrage" speziell für Rigenser ist die Frage, ob in Zukunft das Sitzen auf dem staatlich gepflegten Rasen und in den Parkanlagen erlaubt werden soll. Bisher ist es verboten, auch bei Demonstrationen und Versammlungen wirkt es manchmal so, dass die Einhaltung dieser strikten Bestimmung die Hauptsorge der Lokalpolizisten sei. Schülerinnen und Schüler veranstalteten nun ein "Sit-in" auf dem Gehweg, um die den ihrer Ansicht nach vorliegen- den Widersinn dieser Verbote hinzu- weisen. Die Protestaktion wurde als "flashmob" per Handy organisiert.

Auf den Kanälen der Rigaer Stadtparks zukünftig erlaubt sein soll das Fahren mit Motorbooten - so ein Beschluß des Stadtrats. Dafür hagelte es allerdings starke öffentliche Kritik - vermutet wurde, dass hier die Geschäftsinteressen einzelner Geschäftsleute vorangebracht werden sollen, die Motorboote gern an Touristen vermieten wollen.

Aufsehen - aber keine Verletzten - verursachte das durch Unaufmerksamkeit der Besatzung für Kolka (der Spitze der Bucht von Riga) auf Grund gelaufene Kreuzfahrtschiff "Mona Lisa". Mit Hilfe der lettischen Marine wurden die Passagiere von Bord gebracht, darunter viele Deutsche, und mussten die Heimreise auf anderem Wege fortsetzen. Dann wurde das Schiff freigeschleppt - durfte aber nicht weiterfahren, bevor nicht die Erstattung der auf lettischer Seite entstandenen Kosten versichert wurde. 135.000 Lat berechnete daraufhin das zuständige lettische Ministerium, und erzeugt neuerdings erstaunte Rückfragen von Seiten der Schiffseigner, wie denn eine solche Summe zustande käme. Gegenüber vergleichbaren Operationen in Deutschland seien die Kosten in diesem Fall um ein vierfaches höher ...

Ach ja, und da war ja noch die ..... Eurovision. Die Letten nahmen sogar teil, wenn auch die verkleideten Piraten "á la Musikantenstadel" (so der deutsche Moderator dazu) als solche vielleicht kaum jemand als Abgesandte ihres Landes erkannt hat. 12 Punkte aus Irland waren garantiert, ein Platz im Mittelfeld. "Neatkarīgā" veranstaltet eine Abstimmung: "Schämen Sie sich für den lettischen Beitrag? 39% sagten "ja", 12% "ich bin stolz auf unseren Beitrag".

26. April 2008

Lettisches Schwein schafft Ordnung in Berlin

Die staatliche lettische Forst- verwaltung (Latvijas Valsts Meži) kündigte ihn unter dem Stichwort "Schweineseuche" an: wer den Wald verschmutzt, Abfall hinterläßt oder Unordnung, der IST EIN SCHWEIN. Gegen allerlei Unordnung und Verschmutzung zu kämpfen, dabei die Öffentlichkeit zu ermahnen und zum Mitmachen anzuregen, dafür kämpfte in Lettland „Cūkmens“ (Schweinemann) - die Supermänner und Batmänner gegen die Umweltverschmutzung, sozusagen (siehe auch Beitrag in diesem Blog). Die dahinterstehende Werbeagentur feierte auch nicht zuletzt deshalb im Herbst 2007 in Lettland große Erfolge, da im Zuge der gerade in Bewegung geratenen "Regenschirmrevolution" viele die Nase der Fantasiefigur "Cūkmens" an einen bestimmten Politiker erinnerte - der dann Ende des Jahres zurücktreten musste. "Sei nicht wie ein Schwein" - ganz wie in sowjetischen Zeiten, Witze mit mehrfachem Wortsinn.
Doch nun überschreitet der Schweinemann Grenzen: ob es am "deutsch-baltischen Kulturfrühling" liegt, oder daran, dass "Cūkmens" in Lettland arbeitslos wurde - wir wissen es nicht. Jedenfalls gibt es inzwischen natürlich eine Reihe Lettinnen und Letten, die in Berlin wohnen und arbeiten, und denen kam Berlin - und insbesondere das Spreeufer - als besonders dreckig vor. Dem Schweinemann hätten sich, als er davon hörte, wie vermüllt Berlin sei, "die Borsten gesträubt" - und er droht für heute, Samstag den 26.April 2008 - sein persönliches Erscheinen in Berlin an. Wer es miterleben möchte: siehe das unten stehende Ankündigungsplakat.

24. April 2008

Auch lettische Bauern wollen streiken

Lange Zeit war das am besten eingeführte Werbeprogramm für die einheimische Landwirtschaft die "Schulmilch" - die staatlich subventionierte Ausgabe verbilligter Milch an Schülerinnen und Schüler derjenigen Schulen, die eine Teilnahme an diesem Programm beantragt hatten. 30 Santīmi Unterstützung pro Liter Milch war dem lettischen Staat das wert, Unterstützung der EU eingerechnet sogar 43 Santīmi (ca. 62 EuroCent). So sollte die einheimische Landwirtschaft gestärkt werden. In vielen Grundschulklassen konnte sogar kostenlos Milch ausgegeben werden.

Wie aber schon die Latvijas Avize am 3.Januar 2008 zu berichten wusste, fehlt inzwischen für derartige Marketingunterstützung das Geld. 2007 ist, auch aufgrund der hohen Inflation (durchschnittlich 15%), der Milchpreis um nicht weniger als 50% gestiegen. Die Leiterin eines Kindergartens erzählte in derselben Ausgabe, heute werden von den Molkereien Vorauszahlungen in Höhe von 4000 Lat (6000 Euro) verlangt, wo man früher 20 Liter Milch täglich staatlich subventioniert habe erhalten können. Für 2007 galt: 507 Bildungseinrichtungen erhielten Lieferungen im Rahmen des Schulmilch-Programms, 734 Anträge auf insgesamt 164.081,07 Lat (ca. 250.000 Euro) EU-Unterstützung wurden gestellt, dazu kommen 706 Anträge auf Bewilligung von insgesamt 396.496,78 Lat (ca. 600.000 Euro) staatlicher lettischer Fördergelder (LA 3.2.08).

Nur einige Wochen später offenbaren sich noch größere Probleme. "Wir sind nicht dazu da, den Reichtum der Reichen zu vermehren, während wir selbst in Armut leben," eine derartige Forderung von Bauern aus dem nordlettischen Limbaži ist am 12.April bei TVNet zu lesen. Milch könne nicht unter dem Selbstkostenpreis der Erzeuger verkauft werden - diese Forderungen klingen ganz ähnlich wie die ihrer Bauernkollegen in Deutschland. Es kursieren bereits verschiedene Ideen für plakative Aktionsformen: einen Milchkanal vor dem Landwirtschaftsministerium anlegen, Hungerstreik, Blockade großer Einkaufszentren.

Verglichen mit den Verkaufspreisen im Februar 2008 lag der Preis, den die lettischen Bauern für ihre Milch bekommen, um 6 - 8 Santīmi niedriger. Für Mai wird ein weiterer Preisverfall befürchtet. Die Bauern klagen dabei auch Versprechungen lettischer Politiker ein, die landwirtschaftliche Subventionen in Höhe von 2,5% des gesamten Staatshaushalts zugesagt hatten - für Einhaltung dieser Zusagen wollen einige sogar vors lettische Verfassungsgericht ziehen. Im Laden ist dagegen ein Liter Milch kaum unter 50 Santīmi zu bekommen.

Mit den deutschen Bauern wollen sich die Letten dennoch nicht vergleichen lassen. Landwirt Jānis Lūsis erzählt bei TVNet (12.4.): "Ich habe mit Bekannten in Hessen telefoniert. Uns wird ja in den Medien immer erzählt, der Preisverfall habe mit dem Weltmarkt zu tun. In Hessen bekommen die Bauern nur 40 Cent (28 Santīmi). Aber keiner hat uns doch bisher erzählt, dass dort die Kosten pro Hektar bei 250 Lat liegen! Ich habe es nachgerechnet: wenn die Deutschen nur 22 Santīmi pro Liter bekämen, dann würde die Milch dort im Laden für 34 Santīmi erhältlich sein!"

Damit kommen die Bauern in ihrem Ärger zu einem hausgemachten lettischen Problem. Die meisten Molkereien seien nicht im Besitz der Bauern selbst, sondern in der Hand von einzelnen Privatpersonen. Wenn Regierungschef Godmanis also ankündige, die Milchverarbeiter zu unterstützen, dann sei das der falsche Weg. Teilweise wird die geringe Auslastung von nur 30% beklagt, dann auch wieder undurchsichtige Vorgänge beim Verkauf von Molkereien.

Dabei scheinen auch die verschiedenen lettischen Bezirke nicht einheitlich vorzugehen. An der einen Stelle werden große Käsereien mit EU-Geldern gebaut, an der anderen Stelle seien Betriebe nicht ausgelastet, beklagen die Bauern. Mit Bitterkeit registrieren die lettischen Landwirte auch Äußerungen von Ministern wie Ainars Šlesers, das Landleben als "von gestern" einstufe, also gar nicht mehr unterstützen will. Noch aber haben die Bauern den Mut nicht verloren: "Wenn die Regierung letztes Jahr durch eine 'Regenschirmrevolution' erschüttert werden konnte, dann schaffen wir das auch!"Schon heute, während der Sitzung des Ausschusses für Landwirtschaft, Umwelt und Regionalpolitik, soll es möglicherweise Protestaktionen der lettischen Bauern geben. Die Ausschussvorsitzende Anna Seile äusserte derweil ihre Hoffnung, die Situation auch der Kleinbauern verbessern helfen zu können - "falls nur nicht alle auf einmal Strauße züchten wollen." (LETA) Der Ausschuss beriet auch über den Vorschlag, die Mehrwertsteuer auf Milchprodukte möglicherweise zu senken. Da 50% der gegenwärtig in Lettland erzeugten Milch aber exportiert wird, ist auch eine Exporthilfe im Gespräch - genau das Mittel, was international vielfach als Ursache vieler Übel angesehen wird. Das Landwirtschaftsministerium hat bereits jetzt zusätzliche Mittel in Höhe von 2,5 Millionen Lat zugesagt.

12. April 2008

Denkzettel-Einwurf im Parlamentsbriefkasten

231.751 Menschen in Lettland haben sich gemäß vorläufigen Ergeb- nissen an einer Unter- schriften- aktion für eine Änderung der lettischen Verfassung beteiligt, die seit dem 12.März lief und am 10.April abgeschlossen wurde. Ziel war die Einbringung eines Entwurfs in das lettische Parlament, der Ergänzungen an den Paragraphen 78 und 79 der lettischen Verfassung vorsieht: es soll die Möglichkeit geschaffen werden, dass künftig 10% der Wahlberechtigen die Durchführung einer Volksabstimmung beantragen können, deren Ziel auch die Entlassung des Parlaments sein kann. Stimmen dann mehr als 50% bei der Volksabstimmung dem zu, so soll auch eine amtierende Regierung künftig zurücktreten müssen.

Nochmals zur Erinnerung: 2006 war erstmals seit Wiedererlangung der Unabhängkeit Lettlands eine amtierende lettische Regierung durch Wahlen im Amt bestätigt worden. Ein Jahr später aber, im Herbst 2007, erschien vielen Lettinnen und Letten das Kabinett Kalvitis als allzu selbstsicher, überheblich und wenig volksnah. Der Versuch, die Entlassung des Chefs der Antokorruptionsbehörde KNAB regierungsamtlich (wegen angeblicher Verfehlungen) zu veranlassen, brachte die sogenannte "Regenschirmrevolution" auf die Straßen Rigas (wegen des dauerhaft regnerischen Wetters so genannt). Regierungschef Kalvitis wurde der öffentliche Druck zu groß - aber ohne Neuwahlen bildete Ivars Godmanis eine erneut eine Regierung mit derselben Zusammensetzung an Parteien.

Nun also die Nachwirkungen. Denn die Protestierenden haben ein Problem: wer interessiert sich schon für Politik? Schimpfen auf Politiker/innen ist das eine, alle für korrupt und selbstsüchtig halten - aber selbst aktiv werden? Einigkeit und Gemeinschaftsgeist - davon ist oft nur im Protest gegen andere etwas zu merken. Aber dass Parteien sich spalten, Abgeordnete das Parteibuch wechseln wie ein frisches Hemd, kurz vor Wahlen neue politische Gruppierungen gegründet werden, neureiche Unternehmer zu Politikern werden und ihre Geschäftsinteressen nicht einmal verstecken dabei - das kennt das neue Lettland seht gut.
Schritte heraus aus der Korruption machen, das wünschen sich wohl die meisten (und die Anti-Korruptionsbehörde war auf einem guten Weg) - aber selbst aktiv werden?

Was nach "Politik" riecht, gilt als eher unpopulär. Die momentan stark materialistisch ausgerichtete lettische Gesellschaft (nur wer nach schicken Autos, Handy, PC und Ähnlichem strebt und sich schick kleidet, wird problemlos akzeptiert) stöhnt lieber über hohe Inflation als über fehlendes Engagement in der Gesellschaft - bei gleichzeitigem Wunsch nach wesentlich höheren Löhnen natürlich. Nichtregierungsorganisationen gelten da schon mal leicht als "vom Ausland gekauft und gelenkt", und Einzelkämpfer werden mit einem der lettischem Lieblingssprüche abgefertigt: "Was ist die liebste Speise eines Letten? Ein anderer Lette." So schien es bisher - oder ändert sich da gerade etwas?

Die Ansinnen der erfolgreichen Unterschriftensammlung wird nun zunächst einmal an das Parlament weitergereicht. Option 1: das Parlament stimmt mehrheitlich zu, ohne den Entwurf zu ändern, damit wäre die Verfassungsänderung angenommen. Option 2: das Parlament ändert den Entwurf, dann muss nach einem Monat - aber nicht später als nach 2 Monaten - eine Volkabstimmung über die Verfassungsänderung stattfinden. Die Kosten der Durchführung einer Volksabstimmung werden auf ca. 2,5 Millionen Lat geschätzt (3,75 Mill. Euro) - auch ein Argument in der politischen Diskussion.
Noch im Frühsommer 2007 konnte eine ähnliche Unterschriftensammlung, die zu einer Volksabstimmung über die im Parlament zu beschließenden neuen Sicherheitsgesetze aufrief, nicht genügend Unterschriften sammeln. Jetzt ist dieser neue Versuch, auch zwischen den Wahlen den Wahlberechtigten mehr Einfluß und Partizipation zu sichern, schon mal einen Schritt weiter. Die meisten Unterschriften wurden in Riga und im Umkreis von Riga gesammelt (am wenigsten in Ventspils).

Text der vorgeschlagenen Verfassungsänderung (lett.)

Resultate der Unterschriftensammlung

Verfassung der Republik Lettland (englische Übersetzung)

Lettisches Gesetz über Volksabstimmungen (engl. Fassung)

7. April 2008

Beliebte und unbeliebte Professoren

Ein Chemieprofessor ist dieses Jahr an der Spitze der Beliebtheitsskala - die Lettlands Universität in Riga, manchmal auch bekannt für leichte Reformmüdigkeit, richtet jedes Jahr eine Umfrage unter Studierenden aus, nach der ein "Lieblingsprofessor" oder eine "Lieblingsprofessorin" benannt werden sollen.

 Die meisten Stimmen erhielt diesmal ein Vertreter der Natur- wissen- schaften: Andris Zicmanis ist Professor der Chemie, bereits 67 Jahre alt, studierte selbst in den 60er Jahren an der RTU Riga, später in Moskau, und erlangte seinen Professorenstatus auf dem Höhepunkt der Unabhängigkeitsbewegung: 1990.

Mehr als 150 Professoren arbeiten an der Lettischen Universität, mehr als 1800 Studierende beteiligten sich am Beliebtheitscontest, der seit 2006 durchgeführt wird. Unter denjenigen mit den meisten Stimmen war auch wieder Vorjahressieger und Professor für Geschichte und Philosophie Gvido Straube.
Bewertungskriterien der Umfrage waren: Qualität der Vorlesung, der Arbeit in Laboratorien, bei Exkursionen, das Vermögen des Lehrenden Interesse für sein Thema zu wecken, sowie auch die Form von Prüfungen und Tests.

Weit weniger beliebt gemacht hat sich Aivars Āboltiņš, Mathematikprofessor an der Landwirtschaftlichen Universität in Jelgava. Inzwischen soll sein Arbeitsvertrag bereits beendet worden sein, denn es war eine staatsanwaltliche Untersuchung gegen ihn durchgeführt worden wegen des Verdachts der Vorteilsnahme - will heißen, er nahm Geld für gute Bewertungen bei studentischen Tests und Abschlußarbeiten. Bis zu 270 Lat (405 Euro) habe er für ein bestandenes Examen entgegengenommen, so die Anklage seitens des lettischen Anti-Korruptionsbüros KNAB (Quellen: LETA, "Izglitiba un Kultura").