30. Juni 2006

Verrückte Mittsommerzeit - demnächst als Spielfilm

Mache keine Termine zur Mitsommerzeit - ganz Lettland befindet sich im Ausnahme- zustand!

Eine kleine Rückschau auf die verrückteste Zeit des Jahres leistet sich zur Zeit Alexander Hahn, der ein Filmteam auf dieses ur-lettische Motiv angesetzt hat. Ende 2006 soll der Film mit dem Arbeitstitel "Midsummer Madness" fertig sein, im Juli dreht das Filmteam in Lettland.

Alexander Hahn ist 1967 in Riga geboren und emigrierte dann 1977 zunächst nach Deutschland. Er studierte an der Filmakademie Wien, und hat nun drei Produktionsfirmen für den Lettland-Dreh zusammengeführt: Fischer-Film aus Österreich, Steve Walsh Productions aus Großbritannien, und Kaupo Film aus Lettland. Immerhin 3,25 Millionen Dollar beträgt das Gesamtbudget für den Film. Das kam durch verschiedene Förderungen zustande: das
Filminstitut, der Filmfonds Wien, das Land Oberösterreich, Latvian National Centre (LV), und "Eurimages". Für den ORF wird eine Fernsehfassung erstellt werden. Es wird in Englisch gedreht, die Postproduktion findet dann auf der britischen Insel statt.

Als in Deutschland bekanntester Schauspieler ist wohl Detlev Buck beim lettischen Mittsommer-Feiern dabei. Die Russin Chulpan Khamatova dürfte noch aus "Good bye Lenin" bekannt sein, Tobias Moretti aus "Kommissar Rex" oder als "Hitler" im TV-Drama "Speer und er". Von den mitwirkenden lettischen Schauspielern dürfte Gundars Āboliņš der Bekannteste sein, vor allem durch seine Mitwirkung im legendären "Limuzīns jāņu nakts krāsa" aus den 80er Jahren.

Laut Produktions-Booklet, was Fischer-Film vorab herausgegeben hat, geht es in dem Film um sechs verschiedene Geschichten, die sich parellel um die Mittsommernacht drehen: Kurt sucht in Lettland seine Halbschwester - und findet Unerwartetes. Mike und Lewis, zwei englische Feuerwehrleute, besuchen Riga, die Partnerstadt ihrer Heimatgemeinde. Foma und Janis, zwei lettische Kleinkriminelle, wollen am liebsten eine durch den Wald verlaufende Ölpipeline anbohren, auch wenn es in der Mittsommernacht geschehen muss. Yuki, ein japanischer Koch, besucht die Eltern seiner lettischen Freundin Aida - nur das diese noch nichts von der lettisch-japanischen Freundschaft wissen. Karl und Axel wiederum, zwei Geschäftsleute aus Deutschland und Österreich, verbringen den Abend mit dem wenig Vertrauen erweckenden Geschäftspartner Leonid. Und Livia, eine portugisische Dichterin, kommt mit ihrem Bodygoard nach Lettland, um die Asche ihres Mannes auf dem berühmten Berg der Kreuze zu verstreuen - und stellt fest, das sie in dem falschen Land ist.
Alle zusammen suchen irgendwie nach der magischen Farnblüte. Wir dürfen gespannt sein, ob sie am Ende gefunden wird - oder haben die Kühe sie schon gefressen.... ?

Wir dürfen dem Filmteam wohl guten Erfolg wünschen - und werden über den weiteren Verlauf der Fertigstellung sicher an geeigneter Stelle noch berichten ...

29. Juni 2006

Lettische Inliner im Netz

Inline-Skating hat auch in Lettland seine Fans. Eine gute Gelegenheit, sich einen Einblick zu verschaffen, ist die neu geschaffene Seite des Inliner-Klubs TAKTIKA. Kein Verein für Langweiler! Das wird schon aus der Vielzahl von Fotos über gelungene Aktionen, Videos, und Reisen auch nach Litauen und Estland deutlich.

Da ist zum Beispiel Dmitrijs. 19 Jahre alt, Student an der Technischen Universität in Riga. Was zählt ein echter Inliner auf, wenn er sich selbst charakterisieren will? Chris Cheshire oder Brandon Campbell sind die Namen seiner Inline-Vorbilder, die muss man wohl kennen in der Szene. Dass er auch schon eine Gehirnerschütterung hatte, einen Schlüsselbeinbruch, Fingerbrüche, eine Rippenquetschung und auch kaputte Knie, das kann leicht glauben, wer sich die auf seiner Seite abgebildeten Fotos ansieht.

So wie auch Nils. Er ist erst 14 und neu im Klub Taktika. Noch kann er keine körperlichen Auswirkungen von Mutproben aufweisen, aber das er nichts fürchtet, zeigt schon das Foto seiner Selbstdarstellung: mit lodernder Flamme zu allem bereit. Gut ausgerüstet mit Inliner-Schuhen natürlich: ein "USD Classic Throne All Star 2006, Kizer Carlos Pianovski Type M" muss es da schon sein. Hoffentlich verdienen Deine Eltern gut, lieber Nils!

Taktika-Teammitglied Konstantins hat schon einige tolle Fotos aufzuweisen, die zeigen, dass die Jungs alles zum aufgleiten und runterrutschen verwenden, was sich ihnen so in den Weg stellt. Beliebt sind natürlich Treppengeländer, Begrenzungszäune, aber auch Denkmäler Wer so ein Ding in einem einsamen Park aufstellt, wo es keinen interessiert, der ist eigentlich selbst Schuld, oder? - Das Leben in Lettland ist aufregend.

Nur gut, dass es gegenwärtig so einen gewaltigen Bauboom gibt. Überall wird etwas neues gebaut, meist mit schönen glatten Wänden, scharfen Kanten oder Vorsprüngen. Und wo nichts Interessanteres zu finden ist, da bauen sich die Inliner-Jungs auch schon mal eine Rampe vor einen ordentlichen Zaun und springen drüber (wer es denn schafft - ein geiles Foto muss mindestens dabei herausspringen...)

Mārtiņš hat auch noch einen Zusatzjobs beim Taktika-Klub. Er ist Videofilmer. Auf einer eigenen Seite stellt er die Werke allen Interessierten zur Verfügung. Und weil der Mensch ja auch von etwas leben muss, werden auch alle interessanten Firmen Lettlands, die etwas für den Bereich Inlineskating anzubieten haben, sorgfältig zusammengestellt. Aber eigentlich will "Taktika" ja das Geschäft lieber selber machen! Einen Internetversand für "Freunde agressiven Skatings" haben die fünf Freunde gleich noch selbst gegründet. Na, das ist doch eine runde Sache!
(und Hals und Beinbruch, Jungs, wie man so sagt...)

Wer sich für eine Kontaktaufnahme interessiert, kann an
taktika@inbox.lv schreiben. Na, Englisch wird dort sicherlich (mindestens) gesprochen ...

28. Juni 2006

Haben wir Mittsommernacht vergessen?

Nein, haben wir nicht. Aber in Deutschland spielt das keine große Rolle. Auch nicht jeder Lette feiert das traditionell und gemäß der Regeln im Kulturführer. Manchmal reicht ein Feuer am Strand der Ostsee und ein wenig Bier. Bitte hier anzusehen. Lettischer Humor ist das vielleicht.

27. Juni 2006

Fußballrückblick - Vor zwei Jahren


Die Ukraine ist als einzige osteuropäische Mannschaft bei der Fußball WM 2006 noch dabei. Die anderen müssen auf die EM-Qualifikation warten. Wird es dann wieder so etwas geben ,wie vor 2 Jahren? Festzuhalten ist, die deutsche Mannschaft hat sich gewandelt, hoffen wir auf die Letten.

21. Juni 2006

Rigas neuer kultureller "In-Treff" - Muzeo-Zone am Hafen

Verrrückte, aber gegenüber der schnell wachsenden Konsumwelt aussichtslose Kultgurprojekte gab es schon genug in der lettischen Hauptstadt Riga - sollte man meinen. Auf ein sensibles Bewußtsein für traditonelle Werte und politische Absichtserklärungen hoffend, startete so mancher in die neue Zeit mit einer Menge Illusionen im Kopf - und wenig Geld in der Tasche.
Dem gegenüber schreitet die Entwicklung der Business- und Konsumwelt in Rigas Innenstadt schnell voran: die Grundstückspreise steigen ins Unermessliche, Banken und ausländische Firmen streiten sich um die Filetstücke der Altstadt.
Platz für Rigas alternative Kulturszene schien es nicht mehr zu geben. Bis, ja bis am 20.Mai 2006, im Rahmen von Rigas "Nacht der Museen", in der Nähe des Rigaer Passagier- und Jachthafens die MUSEO-ZONE eröffnet wurde.

Wer an diesem Tag dabei war, wird gestaunt haben über das breite Spektrum von Besucherinnen und Besuchern: von älteren Folklorefans bis zu ausgeflippten Punks, von sachlich gekleideten jungen Managertypen bis zu träumerischen Weltenbummlern war alles vertreten. Inklusive den staatlichen Repräsentanten: Kultusministerin Helena Demakova hielt eine Eröffnungsrede, und auch Wirtschaftsminister Aigars Štokenbergs beehrte das neue Kulturareal mit seiner Anwesenheit. Zunächst für zwei Jahre ist das Areal, kaum 15 Minuten zu Fuß von der Altstadt gelegen, für die verschiedenen Kulturgruppen zur Nutzung freigegeben.

Kernstück des Geländes ist eine ehemalige Lagerhalle, mit solidem Holzgerüst erbaut, die nun zum "Museum für naive lettische Kunst" erklärt wurde. Sorgsam gesäubert, und in warmen und freundlichen Farben innen gestaltet, wartet es nun auf seine Gäste. Unter den Initiatoren sind Aivars Leitis, Kunstwissenschaftler aus Valmiera und Buchautor eines Werkes über die naive Kunst in Lettland ('Tīrradņi. Naivā māksla Latvijā'), und Dzintars Zilgalvis, bisher als Betreiber der schwimmenden Galerie NOASS bekannt.

Dass sich aber die kreativen Aktivitäten nicht auf ein traditionelles Museum beschränken werden, bewiesen am 20.Mai die Vielzahl anderer Aktivitäten: Die Dichterin Amanda Aizpuriete beteiligte sich zusammen mit einigen weiteren Dichterkollegen, "TEC 1" hatte ihre Performances vorbereitet, und das „Laboratory of Stage Arts” brachte Aufführungen als Verbindung von Dichtung und Jazzmusik. Auf dem weitläufigen Gelände (einzige Sorge der Betreiber: hoffentlich fällt nachts niemand ins Hafenbecken...) hatten sich freie Künstler mit ihren Mulitmedia-Vorführungen aufgebaut, und auf mehren Bühnen gab es stundenlang verschiedene Darbietungen, von der Nachwuchsband "Astro'n'out" bis zu den Trommlern von "Afroambient" oder den rockigen Stücken von "Mona de Bo" oder "IndiGo".

Sogar eine kleine alternative Herberge richtete eine Initiativgruppe auf dem Gelände in einem alten Verwaltungsgebäude ein. Mit altlettischen Gesängen und rytuellen Beschwörungen wurde es eingeweiht und die geschmackvoll eingerichteten Räumlichkeiten den interessierten Besuchern stolz vorgeführt.

Finanziell unterstützt wird das Projekt unter anderem vom lettischen Energieversorger LATVENERGO, vom Kulturministerium, von der lettischen Kulturstiftung, vom Rigaer Stadtrat und von einigen Firmen, die es als Beitrag zur Stadtentwicklung aufbauen wollen. Wem in Zukunft das bekannte Treiben in Rigas Altstadt zu langweilig wird: wagt ein paar Schritte weiter zur Halbinsel Andrejsala und zur "Museo-zone".

Hier noch einige Eindrücke von der Eröffnungsnacht am 20.Mai. Und wer demnächst mal in Riga ist, sollte sich den Veranstaltungsort auf jeden Fall merken!

Noch gibt es leider keine eigene Internet-Seite von MUSEO-ZONE. Lettischsprachige Infos sind verfügbar über eine Seite der Entwicklungsagentur "Jaunie trīs brāļi", über das lettische Kulturministerium, oder auf der Seite der Galerie NOASS.





17. Juni 2006

Letten bei den Hansetagen in Osnabrück


Der Bremer Bischof spielte eine große Rolle in der Entwicklung der mittelalterlichen Stadt Riga. Viele Westfalen und andere wanderten dorthin aus. Dann wurde sie wichtige Hansestadt. Das feiern wir heute mit einem jährlichen Hansetag, der zur Zeit in Osnabrück stattfindet.
Die Stadt Riga hat sich nicht lumpen lassen und Spielleute geschickt, die das ganze musikalisch begleiten.

1. Juni 2006

Vom Eishockey lernen - damit Riga nicht dem Größenwahn verfällt ...

Der Monat Mai geht auch in Lettland mit einigen ungewöhnlich kalten Tagen zu Ende - Gelegenheit, auch noch einmal auf das Großereignis Eishockey-WM zurückzublicken und die Frage zu stellen, welche Lehren aus dem Ablauf der Veranstaltung zu ziehen sind. Wer das Ereignis in Riga miterlebt hat, wird einige Trends erkannt haben, von denen enige doch ein paar nachdenkliche Sorgenfalten auf der Stirn hinterlassen haben dürften. 

Schweden ist Weltmeister! Die skandinavischen Nachbarn aus Finnland wurden Dritter - und damit endete es auch für die Gastgeber geschäftlich noch glimpflich. Nicht umsonst waren nur die Straßen vom Hafen zum Hockeystadion mit den WM-Begrüßungsflaggen geschmückt: die per Schiff aus Schweden angereisten Sportfans benahmen sich ganz nach den Erwartungen der Gastgeber: sie belagerten schon mittags die Kneipen und Straßencafes, nächtigten in Mittel- und Oberklassehotels, schauten sich möglichst viele Spiele ihrer Mannschaft live an, und belebten auch die übrige lettische Geschäftswelt während der WM-Wochen. 

So positiv sahen es aber längst nicht alle. 22 Lat (33 Euro) kostete die günstigste Eintrittskarte zu den Spielen der WM - bei ca. 450 Euro Monatslohn für "Janis den Durchschnittsletten" durchaus eine Sache, auf die man ein Jahr sparen kann. Wer also Lettland-Tschechien (ein Unentschieden gegen einen Favoriten) oder beispielsweise den Sieg gegen Norwegen mitverfolgt hat, der wird (aus lettischer Sicht) vielleicht zufrieden nach Hause gegangen sein. Mussten aber die Hotels der Rigaer Innenstadt ihre Preise gleichzeitig unbedingt verdoppeln oder verdreifachen? Wird sich ein lettischer Fan auch noch ein Spiel Slawakei-Italien ansehen? Warum gab es nur derart spärlichen Service für die Auslandspresse? Und wer hat das viele Geld ausgegeben für die in der Altstadt überall aufgestellten Großbildfernseher, vor denen sich regelmäßig nur wenige Fans - eigentlich nur die zufällig vorbeigekommenen Passanten - versammelten? 

Einige Fragen bleiben. Auch in der lettischen Presse waren sie ähnlich nachzulesen. So fragte DIENA in der Ausgabe am 23.Mai, warum nicht alle Eintrittskarten verkauft worden waren (67% der verfügbaren Anzahl), und warum so viele Hotelbetten leer blieben. Offensichtlich wähnt sich speziell Riga gegenwärtig in einem Tourismusboom - und alle rennen los, um irgendwie ein Geschäft zu machen. So waren WM-Eintrittskarten schon 2005 von einigen Tourismusagenturen aufgekauft worden, verknüpft mit Pauschalbuchungen von Hotelzimmern. Offiziell galt also vieles schon im Vorfeld aus "ausverkauft" - in Wirklichkeit waren während des laufenden Wettbewerbs an immer mehr Stellen Schilder zu sehen: "Hier gibt es Eintrittskarten". So sollen Karten selbst zum Endspiel, offiziell mit einem Preis von 123 Lat versehen, kurz vor dem Spiel für 20 - 40 Lat erhältlich gewesen sein. 

 Andere Extremfälle wurden von Fangruppen aus Slowenien und Tschechien berichtet: Lieber charterten sie ein Flugzeug, um dann direkt nach dem Spiel in die Heimat zurückzufliegen, als dass man sich auf die überhöhten Preise in Riga und einen teuren Aufenthalt eingelassen hätte. Was wäre nur gewesen, wenn etwa Kanada, die USA, Slowenien oder Tschechien die Finalspiele unter sich ausgemacht hätten? Für die Fans der einen wäre die Anreise zu weit (der Austragungsort zu unbekannt), für die anderen der Aufenthalt zu teuer gewesen. In sofern wurde die Veranstaltung vor allem durch die sportlich erfolgreichen Schweden und Finnen geretttet - auch wenn selbst bei Spielen der lettischen Mannschaft nur durchschnittlich 9578 Zuschauer gezählt wurden (in einer Halle, die 10.000 Menschen fasst).  

"Eines der Probleme waren die Spekulationsgeschäfte", so wird Uldis Vitolins, Chef der lettischen Agentur zur Tourismusentwicklung (TAVA) in der Presse zitiert (DIENA, Delfi). So soll in Moskau ein Sonderzug mit tausenden Fans bereit gestanden haben - bis Russland dann doch in der Zwischenrunde ausschied. Die russischen Fans blieben zu Hause. Die Organisationsleitung muss wohl auch eigene Verluste ausgleichen: für 20.000 potentielle Gäste hatte man Hotelbetten vorreservieren lassen - für 3,7 Millionen Euro. Inhaber von Kneipen der Altstadt wiederum klagen, die Straßen seien zur WM-Zeit oft ziemlich leer gewesen. Janis Jenzis, Vorsitzender der lettischen Hotel- und Gaststättenvereinigung (LVRA), sieht dagegen keinen Grund zur Klage. 

Alles sei "wie in einem gewöhnlichen Mai" gewesen, wird er zitiert (Delfi). Beobachter sehen es anders: "Ein Wettbewerb der Gierigen" sei es gewesen - so sieht es auch die BALTIC TIMES in der Rückschau, verbunden mit der Frage, ob die Verantwortlichen in der lettischen Hauptstadt daraus gelernt hätten. Gegenwärtig sieht es nicht so aus. Im Herbst steht der NATO-Gipfel in Riga an, und wieder wird sich die Stadt im Lichte internationaler Aufmerksamkeit sonnen können. 

Die Stadt ist ein "teures Pflaster" geworden. Die Kommerzialisierung in der Innenstadt ist so gut wie abgeschlossen, der Wandel von einer verschlafenen grauen Stadt hinter dem "eisernen Vorhang" hin zur Metropole der Möchtegern-Trendsetter ist vollzogen. Längst haben sich alle Rigenser, die sich ein solches Lotterleben nicht leisten können (wie es hier vom Glückspiel bis zum Nachtleben angeboten wird), irgendwo anders hin verzogen. Riga ist bereit: für die vergnügungssüchtigen, vermögenden Mittelklassetouristen aus einem möglichst vermögenden Ausland. So ist es wohl auch nicht ausgeschlossen, dass die internationalen Sportfans in diesem Jahr doch eher das Geld gespart haben, um nur wenig später bei der Fußball-WM in Deutschland dabei sein zu können. Die entsprechenden Statistiken werden es sicher noch ausweisen. Viele der lettischen Sportfans werden sich auch am liebsten an den schönen Überraschungen erfreuen, die Sportler dieses kleinen Landes immer wieder bieten. Dieser Tage war es plötzlich wieder die Leichtathletik: Speerwerfer Vadims Vasilevskis warf mit 90,43m eine Jahresweltbestweite.

17. Mai 2006

Die besten Fans der Welt - ausser Rand und Band ...

Während in deutschen Landen nun langsam allen die Fußbälle um die Ohren fliegen, geht in Riga die Eishockey-WM in die Endphase. In den Spielen des lettischen Teams in der Zwischenrunde gegen Kanada, die USA und Norwegen sollte sich entscheiden, wie hoch die Wellen der Eishockey-Begeisterung der heimischen Fans noch schlagen. Ein Sieg gegen Aufsteiger Norwegen war eigentlich eingeplant, aber um das Viertelfinale - und damit nach langer Zeit mal wieder einen Platz unter den ersten Acht einer WM - zu erreichen, musste entweder gegen die starken Kanadier oder gegen die USA mindestens ein Unentschieden her. Was dann aber im Spiel gegen Kanada folgte, war ein kleiner Knacks für den sonst so guten Ruf der lettischen Eishockey-Fans.

Fans ungewöhnlich ungeduldig
"Bitte, bitte, liebe Fans, benehmt euch ordentlich!" bettelten am Tag nach dem Spiel die lettische Tagespresse. Was war geschehen?
Gegen Kanada zu verlieren, wäre sicher keine Schande gewesen. Die heimischen Fans nahmen es aber wohl dem Schiedsrichter die Vielzahl von gegen das lettische Team verhängten Strafzeiten übel - ein sehr starker kanadischer Start ins Spiel kam dazu, und bald stand es 0:3, dann 0:5. Etwa beim Stand von 0:7 soll begonnen haben, was im lettischen Eishockey noch nie passiert sein soll: unzufriedene Zuschauer begannen damit, Gegenstände aufs Spielfeld zu werfen. Erst Feuerzeuge, dann Geldstücke, und schließlich sollen es sogar Mobiltelefone gewesen sein, die zur ernsthaften Gefahr für die Kufenstars wurden. Zweimal musste mitten im Spielverlauf unterbrochen werden, damit die Eisfläche gereinigt werden konnte.

Lettische Presse schockiert
Wer wird die Ereignisse ausserhalb Lettlands schon so genau wahrgenommen haben? In Lettland selbst jedenfalls redeten alle von den Ereignissen. Auch die Medien aus dem Land des Spielgegners Kanada (die das Spiel am Ende 11:0 gewonnen hatten) werden das eine oder andere geschrieben haben. Am meisten erschütterte es wohl die heimische lettische Presse, denn alle waren bis zu diesen Ereignissen davon überzeugt, dass gerade die Eishockey-Fans aus Lettland bei den vergangenen Weltmeisterschaften und Olympiaden mit fantasievollen Aktionen und sympatischem Auftreten im Ausland immer einen hervorragenden Eindruck gemacht hatten.
Sorgen kamen auf: Was wird erst im Spiel gegen die US-Boys noch zu erwarten sein?
Glücklicherweise steigerten sich die Ereignisse nicht ins Negative - im Gegenteil. Bis zum 2:2 kämpfte die lettische Mannschaft tapfer, musste sich dann aber doch 2:4 geschlagen geben. Lediglich "ohrenbetäubend laut" soll es in der Halle gewesen sein, so bestätigten auch einige US-Spieler.

Eisiges Vergnügen
In Rigas Altstadt - und drumherum - ist relativ viel für potentielle Sportfans getan: Viele Bars und Gaststätten haben sich ganz auf Eishockey eingestellt und zeigen alle Spiele LIVE in ihren Räumen. Am Kongreßhaus sind ausserdem kostenlos zugängliche Zelte aufgebaut, und einige Dutzend Fernsehschirme zeigen die Spiele in allen Details. Wer möchte, kann dort auch gleich sein Mittag- oder Abendessen einnehmen, und Getränke gibt es auch dazu.
Allerdings haben sich die Aussentemperaturen in der 2. WM-Woche merklich abgekühlt: nur um die 12 Grad tagsüber, und bis zu 0 Grad nachts brachten manche leichter bekleideten Fans zum Frösteln. So verkriechen sich die meisten - sofern sie keine Karten für die weiteren Spiele haben - dann doch in gewärmte Räume der Altstadtkneipen.
Der Touristenansturm zur WM ist übrigens weniger stark als erwartet: manche Hotels hatten die Preise während der WM derart erhöht, dass Fangruppen osteuropäischen Mannschaften sogar lieber ein Flugzeug charterten, um abends nach dem Spiel gleich wieder nach Hause zu jetten. Nicht alle werden also ihr Geschäft gemacht haben. Die Mehrheit der in Riga herumflanierenden Hockey-Gäste sind Skandinavier: Norweger, Schweden oder Finnen genießen die für ihre Verhältnisse moderaten Getränkepreise. Dazu kommen noch einige Schweizer, deren Mannschaft in Riga überraschend erfolgreich war.

Zufrieden mit dem Erreichten
Die lettische Mannschaft ist also ausgeschieden, und belegt offiziell Platz 10. Nun wird diskutiert, ob der gerade vor der WM neu engagierte Trainer bleiben darf. Plus und Minus werden öffentlich diskutiert: autoritär soll er sein, alte "Sowjetmethoden" werden ihm vorgeworfen - aber etwas Autorität braucht doch so ein Haufen Eishockey-Cracks auch?
Ein gutes Abwehrsystem soll er eingeführt haben - aber andererseits hatte die lettische Mannschaft immer in den Schlußdritteln nichts mehr zuzulegen. Verbandspräsident Lipmans soll sich aber schon festgelegt haben: es geht mit Trainer Nationaltrainer Vorobjovs auch in die nächsten Länderspiele.

Zunächst aber sind wohl erstmal wieder die sommerlichen Sportarten angesagt ....

11. Mai 2006

Lettland durch die Kamera


I'm localising, ok?
Originally uploaded by tm_lv.
Wird Zeit, mal einen jungen Letten mit seinen Photos vorzustellen. So sieht das aus, wenn "tm_lv" unterwegs ist. Kaum zu übersehen: Er ist Computerfreak und beobachtet dabei seine Umgebung. Diese Aufnahme ist das Resultat. Eine Linux-Veranstaltung für Programmierer. Bei flickr gibt es noch mehr von ihm. Einfach auf das Foto klicken und es wird zum Fotoprogramm weitergeleitet. Ausserdem betreibt er einen Blog. Hier eine gepostete Karikatur zur Lage der Eishockeynation Lettland.

4. Mai 2006

Es wird Sommer ? Nein, erstmal ist Eishockey ...

Am 4.Mai war Gedenktag - genau vor 16 Jahren entschied sich das damals noch als "Oberster Sowjet" amtierende lettische Parlament für die erneute Proklamierung der lettischen Unabhängigkeit. Zwar wurde dieser Schritt erst nach dem fehlgeschlagenen Putsch gegen Gorbatschow in Moskau (August 1991) auch international anerkannt, aber in Lettland sind sich viele noch sehr bewußt, welchen schwierigen Schritt damals die Verantwortlichen zu gehen bereit waren.

Auch in Lettland wird es frühlingshaft - aber nach dem 4.Mai beginnt dieses Jahr nun eine ganz spezielle "fünfte Jahreszeit" in Riga - noch weit vor den Mitsommer-Zeremonien, und Parlamentswahlen sind auch erst im Herbst.












Nein, vor allem in den zwei Sportarenen Rigas wird ein weltsportliches Ereignis angepfiffen. Ein 17tägiges Spektakel kann beginnen. Die Weltelite des Eishockey trifft sich in Lettland zur Weltmeisterschaft. 70 Spiele wird es geben, und wer keine Karten bekommen
hat, wird die Ereignisse vielleicht rund um eine der in der Innenstadt bereitgestellten Großbildleinwände mit zelebrieren wollen.
Lettlands eigene nationale Kufenhelden sind natürlich dabei - im Gegensatz zu den deutschen Puckjägern, die im Vorjahr aus der ersten Weltliga abstiegen, und sich kürzlich erst mühsam im französischen Amiens den Wiederaufstieg sichern mussten - um dann 2007 wieder dabei sein zu können.

Wieder einmal streifen sich Regierungschefs den Sportlerdress über - und hoffen auf bessere Stimmung im Lande. Die Eishockey-WM ist dem Fußball-Hype in Deutschland durchaus vergleichbar: zwar glauben auch fanatische lettische Fans selten an Heldentaten, aber im Internetportal TVNET glauben doch immerhin 53% der Teilnehmer einer entsprechenden Umfrage an Lettlands Einzug ins Viertelfinale (also an ein Weiterkommen nach den ersten Gruppenspielen). Nationalsportarten verpflichten.

Verplichten ließen sich auch, allein schon für das erste
WM-Wochenende in Riga, etwa 700 Freiwillige. Eine Entlohnung als Gegenleistung für die übernommenen Arbeiten war nicht nötig, so berichtet es die "Neatkariga Rita Avize" am 3.Mai. "Anders nicht zu erlangende Erfahrungen, und neue Freunde" - das reicht als Motivation für den Nachwuchs der baltischen Eishockey-Nation. Wer mindestens 16 Jahre ist, Englisch oder Russisch spricht, der ist dabei. "Dennoch hat Lettland eigentlich keine Tradition mit ehrenamtlicher Arbeit", meint die Verantwortliche für diesen Bereich, Lita Pakalna. "Einige meinten doch wirklich, sie könnten bei der Arbeit alle Spiele sehen und würden dafür auch noch bezahlt."

Allein 60 Freiwillige arbeiten im Akkreditierungszentrum der WM. Dort müssen etwa 15.000 Akkreditierungskarten ausgegeben werden an die ganze WM-Karawane rund um die 16
teilnehmenden Mannschaften. Glücklich werden sich wahrscheinlich diejenigen schätzen, die zur Betreuung prominenter Gäste eingeteilt werden (im Stadion werden allein für diesen Sektor 700 Plätze freigehalten). Angesagt haben sich neben der schwedischen Königin Sylvia (aus dem Land des Olympiasiegers diesen Jahres) auch der tschechische Regierungschef Paroubek und der ehemalige Schweizer Bundespräsident Samuel Schmidt.

Es gibt auch weniger angenehme Meldungen: Die Bevölkerung wird auf die Anwesenheit von besonders vielen Polizisten im Straßenbild vorbereitet - sogar Polizeikollegen aus Litauen und Estland hätten Hilfe versprochen, so Polizeihauptmann Aivars Grigulis in der Fernsehsendung "900 Sekunden". Wer dessen Aussagen aufmerksam verfolgt konnte lesen, dass sich die lettische Polizei am meisten vor Regen während der WM fürchtet: "Eine unserer größten Sorgen wären die vielen Regenschirme."

Einige Rigaer Hotels verdoppelten zur WM-Zeit erstmal die Preise. "Schon im Herbst letzten Jahres haben wir Buchungsanfragen aus dem Ausland gehabt, die alle unsere verfügbaren Zimmer nachfragten," so Laura Zarina von der Agentur LATVIA TOURS. Ein Teil der Anfragen habe sich später aber erledigt, da ausländische Partner von Problemen berichtet hätten, auch die entsprechenden Tickets für die Spiele zu bekommen."So werden vielleicht sogar einige der Zimmer frei bleiben." Das Portal Finance-Net.LV sah sich sogar veranlaßt, solche freien Hotelplätze zu veröffentlichen. Positiver wurde da schon aufgenommen, dass es seit einigen Wochen wieder eine ständige Fährverbindung mit dem schwedischen Stockholm und Riga gibt. So können wohl auch spontane Sportbegeisterte leicht die Reise zur WM wagen, spekuliert die Tageszeitung DIENA.

Und was gibt's Neues von der lettischen Mannschaft? Dort hat Nationaltrainer Pjotrs Vorobjovs ganze sechs Tage vor der WM seinen Ko-Trainer ausgewechselt. Anzunehmen ist, dass es nicht am Namen lag: klang doch der Name des bisherigen Ko-Trainers Leonīd Beresņevs ganz ähnlich wie ein ehemaliger Sowjetführer. Solche Spekulationen leiten aber sowieso in die Irre: im lettischen Eishockey spielen Russen wie Letten einträchtig neben- und miteinander im Nationalteam.

Was wäre bei uns los, wenn Klinsmann plötzlich den Bierhoff oder den Yogi .... Nein, nicht auszudenken. Aber der Erfolg wird die Geschichten schreiben. Vorerst kann Lettland zufrieden sein, dass die Topmannschaften aus USA, Russland, Schweden, Tschechien oder Kanada zu Gast sind, und dieses Ereignis wieder einmal eine gewisse Art Anerkennung auf internationaler Ebene herstellt. Noch vor einem Jahr hatte man den Letten kaum zugetraut, eine große neue Halle bauen zu können. Noch vor wenigen Wochen gab es technische Probleme bei der neuen Eishockey-Arena Riga. Aber nun kann es losgehen!

Zum Weiterlesen zum Thema:

- WM-Blog von Eishockey-Fans aus der Schweiz
- WM-Kalender bei Eurosport
- WM-Spielplan bei Wikipeda

- WM-Fanblog von Claude Moeri
- englischsprachige Newsseite der lettischen WM-Veranstalter
- Zeitplan der Fernseh-Übertragungen bei DSF

P.S.: Lettland startete sensationell und spielte erstmals gegen das Spitzenteam aus Tschechien Unentschieden:
1 : 1 !
"Süßigkeiten zum Eishockey-Fest" so beschreibt die Tageszeitung DIENA die Stimmung in Lettland nach diesem erfreulichen Beginn.
Bei solchen erfreulichen Gelegenheiten läßt sich auch der Regierungschef gern beim Jubeln fotografieren.

Und nach einer eher zu erwartetenden Niederlage gegen Finnland (0:5) reichte es für das lettische Team dann doch zum klaren 5:1 gegen Slowenien und damit den Einzug in die Zwischenrunde. Hier gibt es dann zumindest noch die Spiele gegen Kanada (Donnerstag, 11.Mai, 20.15 Uhr), USA (Samstag, 13.Mai, 20.15 Uhr) und Norwegen (Dienstag, 16.Mai, 19.15 Uhr).
Beim Spiel Schweden gegen die Schweiz traten Probleme mit der Eisqualität auf - leider ähnlich wie im vergangenen Jahr bei der WM in Österreich, und auch diesmal ist für die Eisaufbereitung eine Firma aus der Schweiz zuständig.
Für Lettlands Eishockey-Fans jedenfalls ist die WM jetzt schon ein Erfolg - sportlich auf jeden Fall, und zu hoffen ist,. dass organisatorisch jetzt alles glatt geht.
DSF überträgt übrigens die Spiele im TV!

Weitere Berichte zur Eishockey WM im Netz:
- Hockey-Web: Wer wird Weltmeister? Russland?
- Hockey-Web: Viel Polizei und Sicherheit, plus Verkehrschaos in Riga
- Ergebnis-Dienst des ZDF
- "Latvija, Latvija" - Zwischenbilanz der WM in der NZZ. Zitat aus diesem Bericht:
«The land that sings» nennt sich Lettland in Anlehnung an seine Musikkultur. Kommt aber die Eishockey-Nationalmannschaft ins Spiel, müsste es eher heissen: «das Land, das schreit». Die lettische Begeisterung für den Eishockeysport ist allgegenwärtig und wohl bis nach Sibirien zu hören."

25. April 2006

Nicht alles gelogen - lettische Münze des Jahres ehrt Münchhausen

Münchhausens Lügengeschichten haben viele als Kind gelesen und vielleicht herzlich darüber gelacht. Nicht nur der legendäre Ritt auf der Kanonenkugel, sondern auch viele andere Merkwürdigkeiten kommen so herrlich unwahrscheinlich daher, dass sie eben schlicht als Lügengeschichten gelten. Keine Lüge jedoch ist, dass Baron Freiherr von Münchhausen einige Jahre im Gebiet des heutigen Lettland gelebt hat - eine Tatsache, an welche die Bank von Lettland kürzlich mit einer Gedenkmünze erinnern wollte. Diese Münze ist nun per "Kundenbefragung" unter 12.776 Menschen mit 30% der Stimmen zur "Münze des Jahres" in Lettland gewählt worden (Pressemitteilung "Current Latvia").

Karl Friedrich Hieronymous von Münchhausen (1720-1797) kam ins damals zu Russland gehörende lettische Livland (heute: Bezirk Vidzeme / Nordlettland) im Jahr 1737. Seine Begleiter, auch bei den vielen Jagdausflügen, waren Prinz Anton Ulrich und später der deutschbaltische Gutsbesitzer Georg Gustav von Dunten, der Münchhausen ins Gutshaus nach Dunte zur Entenjagd einlud. Dort jagde der später als "Lügenbaron" bekannt junge Mann offensichtlich nicht nur Geflügel: am 2.Februar 1744 heiratete er die Tochter seines Gastgebers Jacobina von Dunten. In Livland / Vidzeme lebte er bis 1750, und erzählte viele seiner Geschichten im Freundes- und Familienkreis, gerne bei einem Glas Wein, wie es überliefert ist. Die abenteuerlichen Geschichten um "Baron Münchhausen" wurden aber erst ab 1785 aufgeschrieben. Die Autorenschaft sei umstritten, so stellt es auch die Bank von Lettland in ihren Begleitinformationen zur Münzedition dar. Wer mehr als die Münze sich Anschauen will, hat heute auch im wirklichen Ort Dunte, nahe der Strasse Riga-Tallinn in Vidzeme gelegen, alle Möglichkeiten. Vor kurzem erst ist das Münchhausen Museum renoviert worden
.

Wetere Münchhausen-Infos im Internet:
- Münchhausenland der Stadt Bodenwerder / Niedersachsen
- Münchhausen bei Wikipeda
- Liste mit Filmen zum Thema Münchhausen
- Lettischsprachige Seite zu Münchhausen (Minhauzena pasaule)
- Münchhausen-Museum und Münchhausen Gasthaus ("Minhauzena Unda")
in Lettland
- Linkverzeichnis zu weiteren Münchhausen-Seiten
- Infos zu verschiedenen Münchhausen-Publikationen eines Münchhausen-Sammlers
- Freundeskreis Münchhausen-Gutshof e.V.
- Reiseangebot "Urlaub auf dem Lande", inklusive "Wanderweg des Baron Münchhausen" in Dunte
- Geschichte der Münchhausen-Aktivitäten in Lettland
- eine Münchhausen-DVD

16. April 2006

Lettischer Frühling - vom Abschmelzen der Regierungspartner

Wie schön kann doch eine Regierungsumbildung sein! Wer wechselnde Konstellationen unterschiedlicher Parteien nicht gewohnt ist, sollte einmal das lettische Parteienwesen näher beobachten. Beliebter als anderswo sind die lettischen Politikerinnen und Politiker deswegen nicht - die Letten selbst wissen genau, dass Uneinigkeit und Streitereien nicht viel einbringen können. Aber zu wechselnden Regierungskonstellationen kommt es dennoch immer wieder. Im Herbst 2006 stehen in Lettland Parlamentswahlen an - die verschiedenen Interessengruppen bringen sich in Stellung, und die Bündnisse verschiedener Parteien schmelzen dahin wie Schnee in der Frühlingssonne ....

Die Regierung Kalvitis ("Tautas Partija" - Volkspartei) machte es im Frühjahr 2006 wieder einmal vor: Zwar trat die mit 24 Sitzen stärkste Parlamentsfraktion der "Jaunais Laiks" ("Neue Zeit") aus der Regierungskoalition nach diversen Streitereien aus (sechs Minister nahmen ihren Hut), aber Kalvitis will bis zu den Wahlen im Herbst mit einer Minderheitsregierung weitermachen (DER STANDARD 7.4.06). Wenn der Wechsel im Amt des Regierungschefs ausbleibt, interessiert es die internationalen Medien und auch die Partnerländer der EU kaum - auf solche Konstanten scheinen lettische Regierungen zu bauen. Seit den letzten Parlamentswahlen 2002 wurde auch der Regierungschef immerhin schon zweimal gewechselt: von Repše zu Emsis, und schließlich zu Kalvitis. Alle drei gehörten unterschiedlichen Parteien an - sind aber sämtlich zur konservativen Rechten zu zählen..

Entzündet hatte sich der Streit diesmal an einem Skandal um offensichtlichen Stimmenkauf bei den Bürgermeisterwahlen des Badeorts Jurmala - ein Ort, der inzwischen als "Goldgrube der Immobilienhaie" bezeichnet wird. Verkehrsminister Šlesers von der lettischen "Pirma Partija" ("Erste Partei", auch "Priesterpartei" genannt - LPP) war so offensichtlich darin verwickelt, dass mitgeschnittene verräterischen Telefongespräche im Fernsehen gesendet und anschließend auf verschiedenen Internetseiten zum Download angeboten wurden. Zwar trat Šlesers anschließend zurück - nicht ohne seine "Rückkehr" für nach den Wahlen zu versprechen. Auf den Flankenschutz der LPP kann Regierungschef Kalvitis offensichtlich nicht verzichten - er wechselte zwar den Verkehrsminister aus, läßt aber seinen größten Koalitionspartner "Jaunais Laiks" ziehen. Unumstößlich und unerschütterlich steht nur die Listenvereinigung der Grünen und der Bauernpartei treu zur Minderheitsregierung, die jetzt noch über 45 von 100 Sitzen im Parlament verfügt.

Am 7.April wurde das von Kalvitis neu aufgestellte Ministerkabinett mit 46 Ja-Stimmen bestätigt (bei 34 Nein-Stimmen und 10 Enthaltungen - APA / Der Standard). Einige Abgeordnete erschienen jedoch nicht einmal zur Abstimmung.
Wird diese Regierungskonstellation wenigstens bis zu den Wahlen halten? Meldungen der Nachrichtenagentur LETA und Berichten in der lettischen Presse zufolge bildet sich die Zuversicht unter den beteiligten Politikern zu dieser Frage lediglich aus der Gewissheit heraus, dass es "keine Alternative" gäbe. Politiker der nun aus der selbstgewählten Oposition heraus agierenden "Jaunais Laiks" (JL) vermuten auch, dass in Kürze die nationalkonservative "Tevzemei" (Vaterlandspartei) wieder an den Regierungstisch zurückkehren könne und mit dem Europaparlamentarier Roberts Zīle auch noch eine Führungsperson "in der Hinterhand" habe (LETA).
Ihre eigenen Anhänger scheint die JL mit ihrem Auszug auf dem Regierungskabinett zunächst einmal wieder zufrieden gestellt zu haben: in den Meinungsumfragen liegt die JL momentan vorn.

27. März 2006

Rentner in Lettland - eine Frage des Überlebens

Am 22.März 2006 gab das lettische staatliche Statistikamt eine aktuelle Aufstellung zu den in Lettland bezogenen Renten heraus. Wer in Lettland Rentnerin oder Rentner ist, gehört wohl in der Regel zu einer "verlorenen Generation": aufgewachsen im Sowjetsystem, ohne Chance einer anderen Altersvorsorge als sich auf staatliche Maßnahmen zu verlassen. Nach dem politischen Umbruch dann der tiefe Fall: Zwar baut die junge lettische Republik inzwischen Stück für Stück eine Basis für die Alterssicherung der Zukunft auf, aber wer heute den kräftig steigenden Lebenskosten, Mieten, Kraftstoffpreisen und Anforderungen des Arbeitsmarktes ausgesetzt ist, der hat es als Rentner schwer. Auch die neuen Zahlen zeigen, dass allein von der Rente ein Überleben kaum möglich ist. Wäre in Lettland nicht der Familienzusammenhang von ungleich größerer Bedeutung als beispielsweise in Deutschland, würden die Sorgen wohl noch größer ausfallen. Und wer in den ländlichen Gebieten dem Wegzug der jungen Leute zusehen muss, der wird wohl auch nicht in Ruhe seinen Lebensabend genießen können.

In Zahlen:
Im Jahre 2005 gab es
588.767 Empfänger von Renten in Lettland. Ein leichter Rückgang, zugeschrieben der Heraufsetzung der Pensionsgrenze durch zwei Gesetzesänderungen 1996 und 1999 (auf 62 Jahre für Männer und 60 Jahre für Frauen). 80,8% dieser Personen sind Empfänger von Altersrenten. Die zweitgrößte Gruppe sind Empfänger von Behinderten- oder Versehrtenrenten (73.600). Durchschnittlich empfängt jeder Rentner 77,95 Lat (54,56 Euro) monatlich. Das Statistikamt weist darauf hin, dass dieser Durchschnitt gegenüber dem Vorjahr um 13,3% angestiegen sei, obwohl sich die allgemeinen Lebenshaltungskosten nur um 6,7% erhöht hätten. Dennoch steht wohl außer Frage, dass bei den gegenwärtigen Kosten für Miete, Heizung und Lebensmitteln die Rente allein niemand zum Überleben reichen kann - wer in der Stadt wohnt, um so weniger.

Die meisten der Empfänger/innen von Altersrenten (42,3%) bekamen eine Rente zwischen 70 und 80 Lat. Weitere 20,8% bekamen zwischen 60 und 70 Lat monatlich. Nur 11,1% können auf eine Rente von über 100 Lat zählen. Das lettische Statistikamt wies in seinem Jahresbericht außerdem darauf hin, dass die Zahl der Empfänger von Kleinstrenten unter 40 Lat (=28 Euro) laufend zurückgeht.

24. März 2006

Die Reichen und die Armen - das ungleiche Lettland

15 Jahre ist es schon her, seit mit Unterstützung der Volksbewegung zur Wiederherstellung der lettischen Unabhängigkeit auch der wirtschaftliche Umschwung eingeleitet wurde. Von den Staaten Westeuropas wurde Demokratisierung, Privatisierung und Marktwirtschaft vielfach gelobt. Heute läßt sich jedoch an vielen Faktoren nachvollziehen, dass der durch Wachstumsstatistiken propagierte "Aufschwung" nicht gleichmäßig bei der lettischen Gesellschaft ankommt.
Eine interessante Statistik wurde in der lettischen Presse kürzlich veröffentlicht. Wie zum Beispiel in der
Neatkarīgā Rīta Avīze am 22.März nachzulesen war, legt sich die lettische Hauptstadt Riga inzwischen eine Art "Speckgürtel" zu. "Die braven Steuerzahler verlassen Riga!", so die Schlagzeilen.

Beschrieben wird ein ziemlich eindeutiger Trend: Gleich 7,7 mal weniger Steuer- einnahmen pro Einwohner kann Lettlands ärmste Gemeinde einnehmen als Ķekava, ehemals nur durch eine Hähnchenproduktion im ganzen Land bekannt, heute offensichtlich der Lieblingssitz der Vermögensmillionäre. Damit liegt die ehemalige lettische "Hühnerhauptstadt" auch noch vor den so protzig auftretenden lettischen Monopolstädten Riga und Ventspils.

In Riga selbst dagegen kommt in den vergangenen Jahren ein ständig deutlich werdender Trend zum Tragen: die Steuereinnahmen sinken kontinuierlich und verlagern sich in die unmittelbaren Nachbargemeinden. In Riga wurden 2004 219,6 Lat (1 Lat = 0,7 Euro) pro Einwohner als Steuereinahme gezählt, in der Hafenstadt Ventspils waren es 248,47 Lat. In
Ķekava sind es dagegen schon 269,89 Lat.
In diese Statistiken gehen durch die Gemeinden eingenommene Grund- wie auch Einkommenssteuern ein (Daten der zentralen Statistikverwaltung Lettlands). In Riga, das gegenwärtig eine Fläche von etwa 300 qkm umfasst (67 qkm davon bewohnt), werden jedes Jahr weniger Einwohner ausgewiesen. 1995 waren es noch 810.200, 2005 nur noch 731.800.
Ein Teil davon zieht in Randgemeinden wie Ķekava, und diese profitieren davon und können dann auch ihrerseits in bessere Infrastruktur investieren. Straßen und Häuser werden renoviert, neue Kindergärten werden gebaut. "Bei uns gibt es so gut wie keine Arbeitslosigkeit", sagt dann auch die Gemeinderatsvorsitzende Dzintra Maļinovska (NRA 22.3.). Alle bisher brachliegenden Grundstücke, ehemalige Wiesen oder verlassenes Gelände, werden nun so dicht gebaut, dass bereits jetzt die Einwohnerdichte in Ķekava höher liegt als in Riga (59,5 Personen pro qkm gegenüber 48 in Riga und 36 im lettischen Durchschnitt).

Die Statistiken weisen die kleine Gemeinde Piedruja im Bezirk
Krāslava als ärmste, gerechnet nach Steuereinnahmen aus. Der Südosten Lettland gilt als längst abgehängt gegenüber der dynamischen Entwicklung in der Hauptstadtregion. Jānis Purmalis, Ortsvorsteher in Piedruja, hat denn auch andere Sorgen. "Nicht einmal die laufenden Ausgaben, wie etwa die Reparatur von Wasserrohren, kann gewährleistet werden," sagt er. In Piedruja leben 769 Einwohner, mit einem Arbeitslosenanteil von 29,3% - dem höchsten im Bezirk Krāslava. "Es gibt eine Grundschule und einen Grenzkontrollpunkt," berichten die lettischen Medien nüchtern. Dazu kommen 27 landwirtschaftliche Kleinbetriebe, ein kleines Gästehaus, und ein zusammen mit den zwei Nachbarorten betriebener Laden. Kein Paradies, so als Lebensmittelpunkt gewählt - so unterschiedlich können die Entwicklungsperspektiven in Lettland sein.

15. März 2006

The same procedure as every year, oder: wer feiert den 16.März?

Zu einem der nervösesten Tage des Frühjahrs ist in den letzten Jahren ist in der lettischen Hauptstadt Riga der 16.März geworden. Mehr als 15 Jahre nach Wieder- erlangung ärgern sich die meisten Letten nur noch über die Art und Weise, wie dieser Tag von verschiedenen Gruppierungen jeweils für die eigenen Zwecke instrumentalisiert wird.
Wie ist es dazu gekommen? Zumindest läßt sich sagen, dass die junge Republik nicht sehr souverän sich den anstehenden Themen genähert hat. Wie zu besten Zeiten des "kalten Krieges" schien in den 90er Jahren zu gelten: wer eine andere Meinung hat als ich selbst, der muss wohl mein Feind sein.

Da kamen Kriegsveteranen auf die Idee, ihrem zwar nicht erfolgreichen, aber doch der eigenen Ansicht nach ehrenvollen Kampf am Ende des 2.Weltkriegs gedenken zu wollen. Dieses Gedenken ist beeinflußt vom Kriegsverlauf: Lettland wurde zunächst von Sowjetruppen okkupiert, Tausende wurden nach Sibirien deportiert - Unterstützer für ein solches Regime gab es nur wenige. Der angeblich "Beitritt" Lettlands zur Sowjetunion war mehr ein Fußtritt für die demokratisch gesinnten Kräfte. Die stillschweigenden Übereinkünfte, die Hitler und Stalin dabei erzielten, schockierten viele und betrafen die meisten in Lettland persönlich: durch die Zuschlagung Lettlands zum "russischen Interessengebiet" war das Schicksal eines unabhängigen Landes besiegelt.

Es folgte dann die Besetzung durch die Truppen Nazideutschlands, die zwar im ersten Moment durch die Befreiung von den ungeliebten roten Machthabern ein Aufatmen hervorrief, aber bald ebensoviele Schrecken offenbarten. Die Teilnahme von einigen im Lande aktiven lettischen Rechtsradikalen bei der Judenverfolgung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch diese Jahre in den Augen der meisten Letten Schreckensjahre waren. Zehntausende Juden wurden ermordet, und Regimegegner mussten entweder ausser Landes flüchten, oder wurden gnadenlos verfolgt. Die Letten erhielten unter den Nazis natürlich nicht die Selbstverwaltung zurück - sehr vertrauenswürdig können ihnen diese also nicht vorgekommen sein. Eigene lettische bewaffnete Einheiten waren nicht erlaubt - bis kurz vor Kriegsende, als Hitler meinte keine andere Wahl mehr zu haben. Wehrfähige Männer wurden dann zu SS einberufen - und diese Vergangenheit brandmarkt sie in den Augen der meisten europäischen Medien heute am meisten.

Tatsache ist aber auch, dass es nicht immer ehrenvolles Erinnern war, was "patriotisch gestimmte Kräfte" im Hochgefühl der Wiedererlangung der lettischen Unabhängigkeit da jahraus, jahrein inszenierten. Das meist gehörte Argument war: "Wir sind ja damals in die SS gezwungen worden." Gut, möglich ist es, denn man kann sich ja vorstellen, was in der Nazi-Propaganda alles als "freiwillig" hingestellt wurde. Aber deshalb Jahr für Jahr sich ins Zentrum Rigas zu plazieren, und ausgerechnet diesen SS-Einheiten speziell zu gedenken - wer glaubt, dabei Pluspunkte für das Ansehen Lettlands zu erzielen, muss wohl blind sein. In einigen Jahren nahmen an diesen feierlichen Gedenkmärschen auch Amtspersonen aus Politik und Armee teil: aus Verpflichtung zum Wahlvolk, oder aus falsch verstandener Staatsräson.

Nach einigen Jahren gewohntem Ritual nahmen die starren Fronten schon nicht mehr ganz ernstzunehmende Formen an. Nationalistischen Russen, die nicht ganz einfache Integration der russischstämmigen Bevölkerung im unabhängigen Lettland ausnutzend, riefen nunmehr so laut sie konnten: Letten sind alle Faschisten! Ob Gegner der Schulreform, Arbeitslose, arme Rentner oder frisch rekrutierte 15-jährige Nachwuchsideologen: sie alle hatten eine dankbares Zielscheibe für ihre Sorgen. Sich selbst zum Antifaschisten auszurufen, gilt immerhin selten als unehrenhaft.

So wurde der 16.März zu einem echten "Event". Attraktiv nicht nur für alte Haudegen auf beiden Seiten, sondern auch für kreative Hardliner auf beiden Seiten. Wo etwas los ist, geht man doch gern hin! So gesellten sich auf der einen Seite die gewaltbereiten Nationalbolschewiken hinzu, auf der anderen Seite die bleichen Jünglinge der lettischen Nachwuchsnationalisten.
Erstaunlich die Zahlenverhältnisse: als ich im März 2005 vor Ort war, schien ein Drittel der anwesenden Menschen aus Polizeitruppen verschiedener Einheiten zu bestehen, und ein zweites Drittel aus dem pünktlich herbeibestellten Troß von Journalisten, meist auf russisch oder englisch eloquent eingewiesen und auf das folgende Schauspiel eingestimmt. Erstaunlich bei allen angeblichen Tumulten (so wie es die meisten Presseberichten darstellen) wirkt dabei die Erfurcht der verfeindeten Aktivistengruppen vor der Staatsmacht. Weder Steine noch Rauchbomben fliegen irgendwo, auch keine Wasserwerfer kommen zum Einsatz. Alles läuft wie eine gut geplante Inszenierung ab - und "Ordner" gehören in jedem Gedränge eben dazu. Bekommen die einen ihren "Umzug", und seien es auch nur die 800 Meter Wegstrecke vom Okkupationsmuseum zum Freiheitsdenkmal, so ist die Gegenpartei schnell zufrieden, wenn die mit Davidssternen und auffälliger Sträflingskleidung ausgestatteten Aktivisten zwei Minuten lang eine Straße blockieren können - direkt vor den Kameras und Mikrophonen der Presse natürlich.

In diesem Jahr scheint die lettische Regierung nunmehr dem ganzen Theater überdrüssig geworden zu sein. Im Herbst 2006 stehen Parlamentswahlen an in Lettland, und so denkt so manche politische Gruppierung zeitig über die richtige Strategie nach. Schon am 16.Januar titelte die "Latvijas Avize": "Wieder wartet der 16.März." Aufmerksam wurde da registriert, dass beide Seiten sich neu zu formieren begannen. Lettlands Rechtsradkale, bisher im "Klub 415" lose organisert, schlossen sich zu einer neuen politischen Partei zusammen, die auch zu den Wahlen anzutreten beabsichtigt. Die lettische Regierung sah sich veranlaßt bekanntzugeben, die Durchführung von "pseudo-patriotischen Veranstaltungen" doch bitte am 16.März zu unterlassen (BALTIC TIMES 16.2.06). Man überlegte auch, ob lange geplante Renovierungsarbeiten am Freiheitsdenkmal nicht so gelegt werden könnten, dass ein direkter Zugang in den Tagen um den 16.März unmöglich werden würde.
Auch die Nationalradikalen auf der russischen
Seite hatten diesmal eine spezielle "Geheimwaffe". Ein Filmteam brachte einen reißerischen Schinken auf den Markt unter dem Titel "die Faschisten des Baltikums", der nun genau am Abend des 16.März 2006 in einem russischen Fernsehkanal gezeigt wird. Der russisch-lettischen Freunschaft jedenfalls wird es wenig dienlich sein.

Am 13.März nun, also vor wenigen Tagen, entschieden sich die zuständigen Behörden der Stadt Riga, keinerlei öffentliche Demonstrationen am 16.März zuzulassen (NRA, LETA). Wen kann das überraschen? Die eifernden Aktivisten beider Seiten wird es enttäuschen.
Die alternden ehemaligen Legionäre werden sich auf dem Friedhof des kleinen kurländischen Ortes Lestene treffen, wo viele der Gefallenen begraben liegen, und auch ein Ehrenmal errichtet wurde.

Die russischen Fernsehzuschauer werden einen Fernsehfilm sehen, der sie hoffentlich nicht dazu verleiten läßt, von Letten pauschal Schlechteres zu erwarten als von anderen Völkern.
Viele lettische Stimmen empfehlen sowieso, den Kämpfern für Lettlands Freiheit (die es ja bei vielen Gelegenheiten gab, dazu braucht man das SS-Gedenken nicht) zusammen mit dem Gedenken an die Soldaten am 11.November zu begehen (Lacplesis-Tag). "Es darf nicht zugelassen werden, dass Verteidiger Lettlands und des lettischen Volkes einfach gleichgesetzt werden mit Radikalen, Extremisten, und Anhängern totalitärer Ideologien," schreibt nun auch LATVIJAS AVIZE. Ob damit aber Ruhe einkehrt? Ob den somit zwangsabgerüsteten Aktivisten nicht "langweilig" werden wird?

"Die Dänen dürfen Karikaturen veröffentlichen, warum dürfen wir nicht am 16.März unserer Legionäre gedenken?" so fragt etwas ketzerisch Atis Lejins, seines Zeichens Leiter des lettischen aussenpolitischen Instituts, in einem Zeitungskommentar (DIENA). Er schreibt die heftigen Proteste in erster Linie denen zu, die sich immer noch nicht damit abfinden können, dass Lettland heute ein unabhängiges Land sei.
Lejins weist aber auch darauf hin, dass in Estland der damalige estnische Aussenminister und heutige Abgeordnete des Europaparlament, Henrik Ilves, es geschaffte habe, die estnischen ehemaligen SS-Legionäre von einem öffentlichen Gedenkmarsch abzuhalten. Soviel Staatstreue war selbst dort vorhanden, und sie hätten verstanden, dass sie mit einem allzu lauten Beharren auf pompöse und gestenreiche Gedenkfeiern ihrem eigenen Staat schaden. In Estland sei es inzwischen so, dass potentielle Provokateure nur noch alte Männer zum Gottesdienst und wieder nach Hause gehen sehen können.

14. März 2006

Lettlands neue Atomjünger - was verursacht die neue "baltische Einheit"?

Die bewegte Vergangenheit
Wie romantisch wirken doch die Bilder von den Menschenketten und Protesten gegen sowjetischen Größenwahn aus den 80er Jahren: das überdimensionierte, auf unsicherem Untergrund gebaute und in der Bauweise höchst unsichere Atomkraftwerk Ignalina bei Visaginas in Litauen wurde zum Symbol nicht nur der litauischen Bewegung zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Endlich wieder selbst bestimmen, und unabhängig von ignoranten und menschenfeindlichen Planungen irgendwelcher Funktionäre Apparatschiks in Moskau sein!

So klangen zumindest die Parolen. Und es gab Erfolge: einige der im Bau befindlichen Blöcke des AKW Ignalina wurden erst gar nicht fertig gestellt, und in den 90er Jahren wurde der in Betrieb genommene Teil durch westeuropäische Sicherheitstechnik so weit wie möglich nachgerüstet, so dass Hoffnung bestand, wenigestens bis zur Abschaltung ohne Umweltkatastrophen davonzukommen. Lettland unterhielt nur einen kleinen Forschungsreaktor bei Salaspils, und auch der wurde in den 90er Jahren mit internationaler Hilfe ausser Betrieb gesetzt.

Dann kamen die EU-Beitrittsverhandlungen. Verstimmung kam bei einigen Litauern auf, dass die EU konkrete Beschlüsse zur Abschaltung des AKW Ignalina zur Vorbedingung für den Beitritt machte. Besonders die Bewohner des östlichen Landesteils Litauens sahen sich unnötig in die Defensive gezwungen, denn in den "modernen Zeiten" der Marktwirtschaft wurde der riesige Energieüberschuß, über den Litauen durch den Betrieb des AKW verfügte, zur willkommenen Einnahmequelle. Mit der Abschaltung bis 2009 sieht eine ganze Region den endgültigen Niedergang voraus, denn die meisten Auslandsinvestitionen gehen in die Hauptstadt Vilnius oder ni das auch bei West-Touristen leichter zugängliche West-Litauen. Litauische Lokalpolitiker machten schon lange Wahlkampf mit dem "Mit- mir-nicht"-Slogan und machten ihren Mitbürgern glauben, das Thema AKW-Schließung komme wie gerufen, um die Eigenständigkeit gegenüber der EU klarzustellen - obwohl gerade die EU bereits Milliarden von Euro allein in die Sicherung des AKW Ignalina investiert hatte.

Auslöser für strahlende Träume: die Ostsee-Pipeline
Endgültig die Wende an der Meinungsfront hat nun der geräuschvolle Abgang des deutschen Ex-Kanzlers Schröder und sein Vorsorgungposten bei der russischen
GAZPROM geschaffen. Während seine Partei-Kollegen bisher noch den Atomausstieg durch die schwarz-rote Koalition retten wollen, sorgen die Schlagzeilen um die ohne Beteiligung der baltischen Länder geplante Ostseepipeline für neue Hoffnung bei Atom-Jüngern.
Für ein kleines Land wie Litauen hatte ein Neubau eines AKW bisher immer für zu teuer und nicht lohnend gegolten. Nun steigen die Öl- und Gaspreise, das Verhalten der europäischen Großmächte kommt hinzu, und schon gibt es neue atomare Freunde.
Ķārlis Miķelsons, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender bei der lettischen LATVENERGO, sagte bereits am 25.Januar 2006 in einem Interview mit der Zeitung "Latvijas Avize": "Wir arbeiten an der Sicherung der Energieversorgung für unser Land. ... Die Frage ist nur, zu welchem Preis, und ob die Gesellschaft bereit ist, dafür zu bezahlen." Ausserhalb der für Lettland begrenzten Möglichkeiten der Wasserkraft habe man zwei Alternativen, neue Kraftwerke zu bauen: Kohle oder Atomkraft. Eine "politische Entscheidung" müsse her, so Miķelsons, denn den bereit stehenden Investoren reiche der gegenwärtige Marktpreis für Energie nicht aus. Dann sei LATVENERGO auch bereit, zum Aktionär eines "baltischen AKWs" zu werden, dass dann in Litauen zu bauen sei.

Alles hat seinen Preis - Atomlobby Schritt für Schritt
Also die Preise erhöhen, und dafür noch ein AKW vor der Nase stehen haben? Wem könnte diese Möglichkeit verlockend erscheinen?
"EU-Energiekommissar Andris Piebalgs sitzt wieder einmal zwischen zwei Stühlen," so beschrieb es noch am 4.Januar DER STANDARD aus Österreich. Piebalgs habe Physik studiert und sei erklärter AKW-Befürworter, so eine Pressestimme aus einem Land, das mehrheitlich sehr atom-kritisch eingestellt ist und gegenwärtig die EU-Präsidentschaft einnimmt.
"Balten wollen neues Atomkraftwerk" titelte dann aber schon am 5.Februar der TAGESSPIEGEL, und zitierte dabei ebenfalls vornehmlich lettische Quellen - Aussenminister Pabriks. Dieser wiederum bringt dann erstmals auch litauische Unterstützer ins Spiel: Präsident Valdas Adamkus habe sich bereits für das Vorhaben stark gemacht. "Angesichts der Debatte um Europas Energieversorgung, die durch den Gas-Streit zwischen Russland und der Ukraine ausgelöst worden war, erhoffen sich die Balten nun mehr Verständnis für ihr Projekt," heißt es da ebenso schlicht wie durchschlagend.

Die gemeinsame Abschlußerklärung eines am 26./27.Januar 2006 in Vilnius durchgeführten gemeinsamen estnisch-lettisch-litauischen Seminars zur Sicherung der Energieversorgung aller drei Länder sagt Ähnliches aus. Dort stellen die Vertreter aller drei Länder fest, dass die Energieversorgung unter den gegenwärtigen Umständen spätestens nach 2015 unsicher sei.

Die Schlußfolgerung der drei Baltenstaaten ist dabei nicht nur, dass die eigenen Länder eines neuen Energieversorgungskonzepts bedürfen. Schließlich hat man mit dem Letten Piebalgs erstens einen EU-Kommissar, und zweitens einen Atomjünger in den eigenen Reihen. Bei den internationalen Begrifflichkeiten ist man sich ebenso sicher, und so wird denn eine "Road map" der nachhaltigen und ausgewogenen Energieversorgung gefordert, die einen guten "Energiemix" enthalten müsse.

Litauen: Atommacht mit Erfahrung?
Nunmehr ist nur noch davon die Rede, dass Litauen ja Erfahrung habe mit dem Betrieb und der Sicherung von atomaren Anlagen. Soviel Lob vom lettischen Nachbarn? Auf eines kann zumindest die litauische Regierung bauen: die Bewohner der Region Ignalina werden wohl kaum auf die Barrikaden gehen, sollte ein AKW-Neubau in Angriff genommen werden. Und welche andere Region kann das schon von sich behaupten?
Die Regierung des Nachbarlandes Lettland zum Beispiel nicht. Kaum, dass die drei Ministerpräsidenten Kalvitis, Ansip und Brazauskas am 27.Februar 2006 höchstselbst verkündeten, den Bau eines neuen AKW im östlichen Litauen nun gemeinsam zu planen (LETA, TVNET, NRA, DIENA, DEUTSCHE WELLE, BBC,. BALTIC TIMES), regte sich im lettischen Daugavpils Protest.
"Wir verstehen nicht, warum Bürgermeister und Bezirks-Vorsitzende nicht nach ihrer Meinung gefragt werden. Das ist ein großer Bezirk, in dem 60.000 Menschen leben. Ich gehe davon aus, dass es in der Stadt heftigen Protest geben wird," wird etwa die Bürgermeisterin von Daugavpils, Rita Strode, von der DEUTSCHEN WELLE zitiert. Man habe eine Anfrage an die lettische Regierung in Riga gerichtet, wie solch ein Beschluß zustande gekommen sei.

Proteste kalkulierbar?
Aber werden solche Stimmen überhaupt ernst genommen?
Schließlich gilt Daugavpils als Randregion Lettlands, die von der lettischen Regierung wegen des hohen Anteils an russischstämmiger Bevölkerung auch nicht gerade mit einer bevorzugten Behandlung beglückt wird. In Estland waren bisher nur leise Proteste von der PRO PATRIA UNION zu hören (BALTIC TIMES 28.2.06), die sich gegenwärtig in der Oposition befindet, und die auch nur kritisert, dass über die gemeinsame Erklärung der drei Regierungschefs vom 27.2. in Estland nicht vorher diskutiert worden sei.
Auch die lettische Umweltbewegung protestiert. "Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv", so kramt man einen alten Spruch hervor. Gegenwärtig nutze die lettische Regierung nur 10% des von internationalen Wirtschaftsexperten diagnostizierten Potentials an Windenergie aus, so eine Presseerklärung des Umweltschutzklubs VAK. Zudem sei die zweitgrößte lettische Stadt Daugavpils eben nur 25km vom zukünftigen Bauplatz entfernt. Aber schon bei dem Bemühen um fachliche Kompetenz werden die Schwächen erkennbar: VAK muss in derselben Erklärung tschechische Fachleute und Expertisen zitieren - aus Mangel an eigenen Experten?
Wer die lettische Umweltbewegung in den letzten Jahren beobachtet hat, wird ohne große Mühe gleich mehrere Schwächen erkennen.
Trotz gegenteiliger Beteuerungen und Berufungen auf ideele und kulturelle Beweggründe ist der gesamte politische Teil der Umweltbewegung von der Unterstützung aus Kreisen der lettischen Ölindustrie abhängig. Im gerade aufkommenden Wahlkampf für die Parlamentswahlen im Herbst 2006 wird der "Ölkönig von Lettland", Aivars Lembergs (Bürgermeister von Ventspils), offen als Spitzenkandidat und Regierungschef gehandelt, unterstützt durch die Partei der Grünen und Bauern, deren Wahlkampf er seit Jahren bereits finanziert. Und Mitglied der Regierung Kalvitis, die jetzt so v
ollmundig den Atomkurs verkündete, ist auch der Grüne Raimonds Vejonis, seines Zeichens Umweltminister. Ein Regierungsbeschluß, der offenen die Atomkraft unterstützt, ist aber offensichtlich ebenso für die Grünen Lettlands kein Grund, aus der Regierung auszutreten. Lieber beschäftigt man sich auf Parteikongressen mit Bemühungen, wie bekannte rechtsnationale Kräfte noch stärker an die Partei gebunden werden können - wie die liberale DIENA jüngst süffisant in einem Kommentar bemerkte.

Gemeinsam bemüht um Einfluß am Rad der Globalisierung
"Wenn EU-Energiekommissar Piebalgs sich vor fünf Jahren für die Nutzung von Atomkraft ausgesprochen hätte, wäre er politisch tot gewesen", so sieht es LAVENERGO-Chef Miķelsons. Müssen die Atom-Profiteure also nur auf den richtigen Moment warten?
Auf der einen Seite sind es baltische Ängste - von Deutschen und Russen kräftig geschürt - bei den Verhandlungen um die (wirtschaftliche) Zukunft Europas aussen vorgelassen zu werden. Zu Hause wird das Feld den ausländischen Investoren überlassen, während die einheimischen Arbeitskräfte nach Irland reisen, um dort für einige Monate u:m so ziemlich jeden Preis einen Billigjob anzunehmen.

Drei Milliarden Euro soll der Neubau eines AKW in Litauen kosten - so die ersten Schätzungen (Presseberichten zufolge: LETA, TVNET, NRA, DIENA), und wenn sie von AKW-Jüngern kommen, dann kann man gewöhnlich darauf vertrauen, dass sie beträchtlich höher liegen werden. Diese Kosten können auch von den drei baltischen Energieversorgern EESTI ENERGIA, LATVENERGO und LIETUVOS ENERGIA nicht zusammen aufgebracht werden.
Einen prominenten Unterstützer hat man bereits gewonnen: Mohamed El Baradei, seines Zeichens Generaldirektor der Internationalen Atomenergieagentur IAEA, lobte das baltische Atomprojekt bereits als "Musterbeispiel regionaler Zusammenarbeit" - das verkündete das lettische Aussenministerium gleich lieber selbst stolz in einer Presseerklärung am 7.März. Und nur einen Tag später wurde ebenfalls in der lettischen Presse bekannt (TVNET), die drei baltischen Regierungen hätten nunmehr mittels eines gemeinsamen Memorandums eine Machbarkeitsuntersuchung eines AKW-Baus in Litauen beschlossen.

Strahlende Zukunft für die "baltischen Tiger"?
In der "Neatkariga Rita Avize" (NRA) waren am 25.Januar Äusserungen von Aigars Meļko nachzulesen, der dort als Vizepräsident von LATVENERGO zitiert wird.
"Zu Anfang könnten wir uns an einem AKW-Bau in Ignalina beteiligen," so Melko, "so um 2025 bis 2030 könnten wir dann ein eigenes AKW in Lettland bauen."
Verrückte Träume eines unbeirrbaren Atomjüngers, der nun mal mit dem Verkauf von Energie sein Geld verdient? Im gleichen Artikel stehen aber interessante Einzelheiten. Bereits zu sowjetlettischen Zeiten in den 80er Jahren habe man konkret den Bau eines AKW im Küstendörfchen Pāvilosta vorgehabt, erzählt Melķo. Heute aber müsse man in erster Linie drei Faktoren im Auge behalten: die reale Sicherheit einer Anlage, die Möglichkeit Geld von Investoren in Lettland einzusetzen, und die öffentliche Meinung. Der Einschätzung von Uģis Sarma, Leiter der Abteilung Energiewirtschaft im lettischen Wirtschaftsministerium zufolge, ist in Lettland vorläufig aber keine Einigung absehbar, an welchem Ort ein neues lettischen AKW stehen könne. Natürlich müsse man auch für die "Abfallsicherung" selbst sorgen, und auch dafür sei kurzfristig keine Lösung in Sicht (ausserdem ein feiner Hinweis darauf, dass man Litauen mit der Abfallentsorgung für ein neues AKW wohl ebenfalls am liebsten allein lassen möchte!).

Der Engergieverbrauch in den baltischen Staaten steigt momentan parallel zum beständigen Wirtschaftsaufschwung. Dennoch habe man noch sehr wenig über Einsparmöglichkeiten nachgedacht, geben politische Kommentatoren wie Pēteris Strautiņš in der DIENA zu bedenken. Da sei es eben einfacher, wenn Politiker sich überdimensionierten "Riesenspielzeugen" wie den atomaren Großprojekten widmeten, mahnt er. "Was wäre billiger - an jede Familie 20 Energiesparglühbirnen zu verschenken, oder neue Kraftwerke zu bauen?" Schon diese Überlegung sei es wert, über die angebliche Unverzichtbarkeit jeder neuen Großinvestition gründlich nachzudenken, mahnt er.
Solche ketzerischen Fragen finden aber offensichtlich in der baltischen Wirtschaftspolitik momentan kein Gehör.