18. Januar 2026

Fedirs Olymp

Kunst und Katastrophen 

Die Sportart, die er betreibt, heißt Lettisch "Daiļslidošana", wörtlich übersetzt: "schön Schlittschuh laufen". Also nicht einfach schnell, oder stundenlang - schön muss es sein. "Eiskunst" heißt es auf Deutsch. Aber Fedirs Kuļišs, wie sein Namen inzwischen lettisch geschrieben wird, sein Weg zur Kunst war kompliziert. Geboren am 26. März 2005 in Kiew, wurde ihm nun durch Beschluss des lettischen Parlaments (ohne Gegenstimmen) die lettische Staatsbürgerschaft zuerkannt (ein Weihnachtsgeschenk, unterschrieben vom Staatspräsident am 23.12). "Er integriert sich gut in Lettland, lernt Lettisch, entdeckt lettische Kultur, Traditionen und Lebensweise und zeigt bei Trainings, Wettkämpfen und im täglichen Umgang stets Respekt gegenüber dem Staat Lettland, seinen Menschen und Werten" heißt es in der Begründung (saeima / sportacentrs).

Adoptiert von der Trainerin 

Fedirs Kulišs hat schwere Zeiten hinter sich. Er war 16 Jahre alt, als beide Eltern durch eine Covid-19-Infektion starben; kurz darauf musste er erleben wie Russland sein Heimatland angriff (TV3). Ohne finanzielle Mittel, aber mit der Entschlossenheit, ernsthaft zu trainieren, klopfte Fedirs Kulišs zu Beginn des Krieges an die Türen des Eiskunstlaufclubs "Kristal Ice" und Trainerin Olga Kovaļkova in Riga an. „Er schrieb, dass er mittellos sei und nichts bezahlen könne, aber wenn wir ihn aufnehmen würden, könnte er kommen,“ so erzählt es die Trainerin. Schon mit 5 Jahren hatte Fedirs auf Eislaufkufen gestanden - gefördert von seinen Eltern (allskaters

Zwei für Olympia 

Bei den Weltmeisterschaften 2025 in den USA hatte Kulišs Platz 24 erreicht und damit für Lettland einen zweiten Startplatz für die Olympischen Spiele 2026 in Italien gesichert. Schon einige Jahre mehr Erfahrung hat Deniss Vasiļjevs, 26 Jahre alt, und schon zum zehnten Mal bei Europameisterschaften dabei. Vasiļjevs trainiert in der Schweiz bei Ex-Weltmeister Stéphane Lambiel, gewann 2022 EM-Bronze, erzielte damit das bisher beste Ergebnis eines lettischen Eiskunstläufers und wurde in Lettland zum "Sportler des Jahres" gewählt. 

Jetzt, nach den Europameisterschaften von Sheffield 2026, stehen beiden Letten besser da als das Nachbarland Estland, wo die Brüder Aleksandr und Mihhail Selevko bei den EM zwar mit Platz fünf und sechs besser abschnitten (Vasiļjevs Platz 9, Kulišs Platz 15) - da aber Estland in dieser Disziplin nur einen Olympiastartplatz hat, muss wohl einer von beiden Brüdern zu Hause bleiben (auch die Eltern dieser beiden stammen aus der Ukraine). 

Anfang Dezember 2025 wurde Fedirs Kulišs - in Abwesenheit von Vasiļjevs - sogar lettische Meister (skatelatvia / TvNet / lsm). "Ich bin mir nicht sicher, was ich von den Olympischen Spielen erwarten soll", so der Neu-Lette Kulišs, "Ich denke, es wird etwas sehr viel Größeres werden." 

2. Januar 2026

Bücher steuern

Zu Beginn eines neuen Jahres ist es immer angebracht, auf Änderungen und Neuerungen hinzuweisen. In Lettland wird unter anderem der Steuersatz für Verlage geändert, die Bücher herausgeben wollen: ab dem 1. Januar 2026 gelten für Medienpublikationen verschiedene Mehrwertsteuersätze: nun wird nach Sprachen getrennt. 

Für Bücher in der Landessprache, also Lettisch (auch Latgallisch und Livisch), gilt ein Steuersatz von 5% - ebenso wie für Publikationen in allen Amtssprachen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU), sowie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Im Ergebnis sind dann vor allem Bücher in russischer Sprache betroffen: darauf wird jetzt ein Mehrwertsteuersatz von 21% erhoben (vid.gov.lv / Likumi / Latvijas vēstnesis), ein Steuersatz, den man bisher nur im Fall pornographischer Inhalte kannte. 

Singen, sprechen, schreiben, lesen 

Rihards Jērums, Inhaber einer Buchhandlung in Riga, sieht diese Neuerungen kritisch: „Meine Buchhandlung verkauft seit den 90er Jahren hauptsächlich Bücher in russischer Sprache, auch Bücher von Emigranten und russischen Oppositionellen. Aber diese neue Regelung, dass wäre ja so, als ob Konzerte mit unterschiedlichen Steuern belegt werden, wenn in verschiedenen Sprachen gesungen wird. Vielleicht sollte man überlegen, ob man die Regelung nicht anfechten kann." (lsm) Jērums befürchtet, dass manche kleine Buchhandlung schließen muss, wenn die Verkaufspreise so stark steigen - und damit der Staat auch nicht die vielleicht erhofften zusätzlichen Steuergelder einnehmen kann. Außerdem gäbe es ja sowieso schon den Trend, Bücher im Internet zu kaufen - dann eben bei irgendwelchen europäischen Online-Shops. 

Zu guten Verkaufserfolgen hätten bisher auch russische Staatsbürger beigetragen, die in EU-Länder, darunter auch nach Lettland, umgezogen seien: „Das sind Menschen, die viel lesen. Es gibt sehr viele von ihnen hier", meint Jērums. Er nennt das Beispiel von Anton Dolin, ein seit 2022 im Exil lebender Filmkritiker, der in Russland zum „ausländischen Agenten” erklärt wurde. "Dank ihm exportieren lettische Händler sehr viele Bücher aus Russland nach Europa. Sie werden gleich palettenweise über Riga verschickt."

Import und Export 

Journalist Viesturs Radovics hatte für das Portal "delfi" recherchiert, ob in Lettland russische Bücher mit Titeln wie "In den Schützengräben des Donbass - der Kreuzzug des Neuen Russland" oder "Das postsowjetische Lettland - ein betrogenes Land" erhältlich sind (delfi). Seit 2022 sei solche Propaganda nach und nach aus den Regalen lettischer Buchhandlungen verschwunden, meint er. Aber noch 2023 habe Lettland Bücher, Zeitschriften, Karten und Ähnliches im Wert von 6,88 Millionen Euro aus Russland importiert - 2022 sogar für 7,55 Millionen Euro. In den Jahren davor sei der Wert importierter Bücher geringer gewesen: 2019 seien es 3,46 Mill. Euro gewesen. Radovics benennt drei große Firmen in Lettland, die größte sei eine GmbH "Kors N" mit 114 Angestellten in 12 Buchläden. In der zweitgrößten Firma in Lettland, "Kniga" ("Polaris"), haben man noch 2015 ein ganzes Regal mit Büchern gesehen, welche die Ukraine als "regiert von Faschisten" bezeichnet hätten. Auch bei Buchhändler Jērums war Radovics zu Besuch: dieser habe im erläutert, er verkaufe zum Beispiel schon lange keine Karten mehr, wo die Krim als russisches Gebiet eingezeichnet sei (delfi). 

Kaufen, ausleihen, online lesen?  

Auch Bibliotheken in Lettland erwerben weiterhin Bücher, die in Russland herausgegeben sind, stellt Journalistin Inga Šnore für die Fernsehsendung "De facto" fest. "Bibliotheken sollten neutral sein, und gleichzeitig unabhängig", sagt Baiba Īvāne, Mitglied der Lettischen Bibliothekarsvereinigung und Chefbibliothekarin der Bibliothek des Bezirks Salaspils. "Niemand kann uns vorschreiben, was wir einkaufen, und was nicht. Daher kam der Aufruf, möglichst keine Bücher eines Agressorstaates anzukaufen, tatsächlich erst in diesem Jahr", erläutert sie. Einen entsprechenden Aufruf haben inszwischen 200 Bibliotheken in Lettland unterschrieben. "Aber was wir während der Zeit der sowjetischen Besatzung erlebt haben - lange Listen mit verbotenen Büchern, und die Bibliothek als Sprachrohr der Macht - das wollen wir auf keinen Fall," betont Īvāne (lsm). 

Skaidrīte Naumova, Verlegerin beim Verlag "Madris", berichtet von eigenen Versuchen, Bücher sowohl in lettischer als auch in russischer Fassung zu publizieren. "Aber es endete nicht gut," meint sie, "wir konnten diese Bücher nicht zu so einem günstigen Preis anbieten, wie vergleichbare Publikationen aus Russland." (lsm) Unter den bekannteren russischen Autoren gäbe es nur Boris Akunin, dessen Werke inzwischen in Riga gedruckt würden, heißt es. 

Eine ganz andere Frage wäre es ja auch, wenn Verlage Bücher in zwei verschiedenen Sprachen herstellen - bei Gedichten zum Beispiel ist das ja öfters der Fall. Die Frage, welcher Steuersatz dafür dann in Lettland gelten soll, scheint bisher noch nicht entschieden. Und über Bücher in Jiddisch, Belarussisch, Roma oder Walisisch (letztere ist keine offizielle EU-Amtssprache) haben wohl auch noch nicht alle Verantwortlichen im lettischen Finanzministerium nachgedacht. Ebenso noch offen scheint die Frage, was mit Internetportalen passiert, die Inhalte in mehreren Sprachen, darunter Russisch, anbieten. 

Beschlossen im Paket 

Aus den Reihen der Parteien, die gegenwärtig die lettische Regierung bilden, sind auch kritische Äußerungen zu der neuen Regelung zu vernehmen - die allerdings wohl nicht soweit gehen, sich im Parlament gegen dieses Gesetz auszusprechen. Man habe die Regelung als Ergebnis von Koalitionsabsprachen "im Paket" mit anderen Beschlüssen befürwortet. Für nachträglichen Widerspruch scheint auch der Zusammenhalt der Koalition aus "Jauna Vienotība", "Progressiven" und der "ZZS" als zu wackelig und instabil, und niemand der Regierenden möchte das verschärfen. Zudem stehen für den 3. Oktober diesen Jahres Parlamentswahlen an. 

Naja, es ist ja erst Jahresanfang. Die Gesetzesänderung wurde übrigens zusammen mit Steuererleichterungen beschlossen - so liest es sich insgesamt vielleicht angenehmer? Im Rahmen eines Pilotprojektes wird der Mehrwertsteuersatz auf Brot, Milch, Geflügelfleisch und Eier in Lettland vom 1. Juli 2026 bis zum 30. Juni 2027 auf 12 % gesenkt. Das Landwirtschaftsministerium wird in Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium danach die Ergebnisse aufwerten, heißt es. Wir wünschen dann mal "gute Auswertung" und "fröhliches Dazulernen"!