14. Oktober 2009

Auch morgen wieder ein Tag?

Gestörte Frühstückslektüre

Wer in Lettland Zeitung liest, kennt schon seit den ersten Tagen der im Jahre 1990 verkündeten Unabhängigkeit Lettlands auch "DIENA" (der Tag). Ein junges Team, das keine Lust hatte ideologische Kampfblätter herauszugeben, sondern seriösen Journalismus zu begründen, möglichst unabhängig auch von den Interessen von Parteien, legte damals mit viel Enthusiasmus los.
Während andere Blätter wie
Cīņa ("Der Kampf, in Sowjetlettland herausgegeben zusammen mit Sovetskaya Latviya) sich zu Wendezeiten" zunächst neu gegründet in "Neatkarī Cīņa" (der unabhängige Kampf) und dann in "Neatkarīgā Rīta Avīze" (unabhängige Morgenzeitung) umbenannten, kam DIENA quasi jungfräulich, modern und westlich orientiert an ihre Leserinnen und Leser. Und während andere Mediengewächse der 90er Jahre inzwischen längst wieder aufgeben mussten (z.B. "Atmoda", "Labrīt"), wurde DIENA zwar 1993 im Zuge der Firmenprivatisierung vom schwedischen Medienkonzern Bonnier aufgekauft, konnte aber das damals bereits existierende Konzept weiterentwickeln. Lediglich der Versuch, parallel auch eine Ausgabe in russischer Sprache zu produzieren, musste im Jahr 2000 wieder abgebrochen werden.
Zwar gab es um die politische Ausrichtung der DIENA auch in den vergangenen Jahren bereits einige Diskussio
nen - zum Beispiel während der Auseinandersetzungen um das Demokratieverständnis der Regierung Kalvitis (siehe auch: "die Cappuccino-Revolution") warfen politische Beobachter der DIENA Populismus vor, der zunehmend eine nüchterne Analyse und Distanz zum politischen Geschehen ersetze (damals kletterten auch DIENA-Journalisten öffentlich auf die Bühne der Protestveranstaltung).

Ein Mediendeal

Nun, dieser Teil der Pressege-schichte endete Anfang Juli diesen Jahres. Bonnier gab bekannt, DIENA und "Dienas Bizness" für zusammen 9 Millionen Lat (ca. 12,8 Mill. Euro) verkauft zu haben. Als Grund wurden vor allem die drastisch eingebrochenen Umsätze auf dem lettischen Werbemarkt genannt - um 30% schrumpften die Einnahmen durch Anzeigen innerhalb kurzer Zeit.
Als Käufer trat der 34 Jahre junge Aleksandrs Tralmaks auf, ehemals Generaldirektor und langjähriger Vorstandsassistent des Unternehmens. Klar war bei diesem Kauf zwar, dass Tralmaks als Alleininhaber der Firma "Nedela S.A." der Käufer war. Unklar aber blieb bis vor kurzem, welche Absichten und auch welche Geldgeber hinter dieser Person und dieser Firma steckten. Registriert war "Nedela S.A." in Luxemburg, auch in Deutschland als Steuerparadies bekannt. Und Tralmaks verkündigte damals lediglich, er habe einen Fond gegründet und suche Investoren für den Medienmarkt. Dieser Fond musste offenbar sehr schnell gegründet werden, da Bonnier entschlossen war, die eigene Beteiligung an DIENA zum 3.Juli bereits zu beenden (siehe "Dienas Bizness" 8.7.09). Der Kauf konnte nur mit der Aufnahme eines Kredits abgeschlossen werden, dieser wiederum hatte erneut luxemburgische Quellen (Luxembourg Financial Services LFS).

Aus deutscher Sicht wäre sicherlich an dieser Stelle irgendwo sicherlich auch das Wort "
Heuschrecken" gefallen - das Schimpfwort für global agierende Finanzspekulanten, die mit Aussicht auf schnelle Gewinne Firmen verkaufen, kaufen, liegen lassen oder verdeckt spekulieren (Stichwort: Hedge-Funds). Die Aussage Tralmak's, der Kauf der DIENA solle sich für die Investoren innerhalb 3-5 Jahren lohnen, lässt ebenfalls in erster Linie auf Maßnahmen zur Kosteneinsparung und Gewinnmaximierung schließen.

Spekulanten und Spekulationen
Seitdem dauerten Spekulationen und Diskussionen um die mögliche Zukunft dieser beiden in Lettland bisher so einflußreichen wie angesehenen Medien an. Aber mit der Bekanntgabe der hinter dem Finanzdeal mit "DIENA" und "Dienas bizness" stehenden Käufer war offenbar doch ein Schlußpunkt auch der internen redaktionellen Diskussionen erreicht. Am 9.Oktober versuchte "
diena.lv" selbst noch die "Informationshoheit" zu wahren, und gab Details zu David Rowland und seine "Blackfish Group" (registriert auf der Kanalinsel Guernsey - noch so ein Steuerparadies) bekannt. Rowland gilt als der größte Einzelspender der Konservativen Partei in Großbritannien. Aber auch der Hinweis, Vater David Rowland stehe auf Platz 66 der reichsten Menschen in Großbritannien, und Sohn Jonathan Rowland habe bereits im Alter von 24 seine erste Million gemacht, beeindruckte offenbar insbesondere die Redaktionsmitarbeiter/innen nicht. Auf interessante Art und Weise verknüpfte sich damit auch die Finanzkrise in Lettland mit den europaweit noch bekannter gewordenen Folgen der Finanzkrise in Island: Rowling hatte kürzlich auch die bankrotte Kaupthing-Bank aus Island gekauft und als "Banque Havilland" wiedereröffnet (siehe "Islandtalks").

Der Ausstieg
Noch am gleichen Tag - dem 9.Oktober - gaben drei der bekanntesten journalistischen Akteure bei DIENA vor der Presse bekannt, dass sie ihre Kündigung eingereicht haben: die leitenden Redakterinnen
Anita Brauna, Nellija Ločmele und Pauls Raudseps. Raudseps bezeichnen manche Medienanalytiker auch als einen der "Gründer der DIENA" (er war anfangs mal Miteigentümer, und genoss seine Ausbildung in den USA, ist auch Vorstandsmitglied bei der Anti-Korruptions-NGO "DELNA"). Und am Ende dieses Tages waren es insgesamt schon 14 Journalistenkolleg/innen, die ihren freiwilligen Rückzug bekannt gegeben hatten. Ein kleines medienpolitisches Erdbeben in Lettlands Hauptstadt.

Medientechnisch bestens auf der Höhe der Zeit, schilderten die "Aussteiger/innen" den Verlauf der Ereignisse aus ihrer Sicht gleich mal
in einem eigens eingerichteten Blog: demnach hatte die Auseinandersetzung zwischen Geschäftsführer Tralmaks und einigen seiner besten bisherigen Mitarbeiter/innen längst den Ton eines höflichen Austauschs von Argumenten verlassen. Tralmaks warf einigen "schlechte Arbeit" und "böse Absichten" vor, und ließ ihre persönlichen Sachen durchsuchen. Die verbliebenen Mitarbeiter/innen der Redaktion mussten eine nahe gelegene Kneipe aufsuchen, da ihnen der Kontakt mit den zwei geschassten bisherigen Chefredakteurinnen Anita Brauna und Nellija Ločmele in den Geschäftsräumen der DIENA verboten worden war.

Was bleibt? Ein Scherbenhaufen? An den folgenden Tagen filmten lettische Fernsehteams eifrig die leeren Stühlen in der DIENA-Redaktion. Weitere bisherige "Köpfe" der DIENA geben ihren Abschied bekannt. Das schließt ein den bisherigen Chefkommentator Askolds Rodins (der zweite Chefkommentator Aivars Ozoliņš ist gegenwärtig noch in Urlaub), der Karikaturist "
Ernests", die Filmemacherin und freie Journalistin Laila Pakalniņa, und Kulturredakteurin Māra Misiņa.
Die Konkurrenz der "Latvijas Avize" zitiert beinahe genüßlich Zahlen, nach denen bereits bis zum 13.Oktober 91 Abo-Kündigungen bei DIENA eingegangen sind (Abo-Zahlen für Oktober: 24.617).

"Eigentümer kommen und gehen", schreibt Journalistenkollege Viktors Avotiņš am 13.10. in der
'Neatkarīgā', aber "es ist zu bedauern, dass diese Eigentümer den lettischen Journalismus degradieren." Andere (Kurmītis, ebenfalls NRA) weisen darauf hin, dass "Dienas Bizness" im Gegensatz zu DIENA es geschafft habe, profitabel zu arbeiten. Ein anderer bekannter Journalist Lettland,

Diena

23.11.1990 - 10.10.2009
RIP

Die DIENA-Aussteiger/innen dementieren bisher, eine neue Zeitung gründen zu wollen. Na, wie heißt es noch so schön auf Deutsch-Bayrisch: Schau'n mer mal.

Der "Aussteiger-Blog" CitaDiena (= "anderer Tag")

Der "Aussteiger-Blog-Nachfolger": neue Webseite www.citadiena.lv

6. Oktober 2009

Wetten Sie nicht auf Daugavpils!

Die lettische Nachrichtenagentur LETA teilte es am 5.Oktober ganz schlicht mit: die Herren-Fußballmannschaft "Dinaburg" aus Daugavpils wird ab sofort vom Spielbetrieb der ersten lettischen Fußball-Liga (LMT) ausgeschlossen. Grund: Mitspieler und Angestellte des Klubs sollen regelmäßig auf Spielergebnisse gewettet haben. Zusätzlich sollen auch Dinaburg-Präsident Olegs Gavrilovs und sogar der Trainer Tamaz Pertiya lebenslang gesperrt worden sein, so LETA.

Klubchef Gavrilovs - der sich völlig überrascht gibt angesichts dieser harten Reaktionen - wurde bereits 2005 des Kontakts zu Wettbüros verdächtigt, und der Klub Dinaburg sogar bereits 2007 einmal für ähnlicher Vergehen bestraft. Nun also der endgültige Ausschluß.
Dabei lassen die Pressemeldungen noch viele Details im Unklaren. Klar ist vorerst
nur, vor welchem Hintergrund Dinaburg schon 2007 bestraft wurde: ein Spiel gegen eine Mannschaft aus Narva war auf mysteriöse Weise 0:2 verloren worden, beide Tore wurden ganz kurz vor Schluß erzielt. Es gab verdächtig hohe Wetten auf genau dieses Ergebnis bei den Wettbüros, und in estnischen Medien war damals zu lesen: "Dieses Ergebnis war abgesprochen." Es gab damals auch Videoaufzeichnungen, die haarsträubendes Verhalten der Dinaburg-Spieler dokumentierten, um die beiden Tore zu ermöglichen.

Damals wie heute gibt es Reaktionen auch von Dinaburg-Präsident Gavrilovs. "Ich weiß nichts von Wettbüros", so 2007 die Schlagzeile des lettischen Internetportals "Sportacentrs" (16.3.07, 5.10.09). Gavrilovs gab sich 2007 geschockt und behauptete, die Spieler der Erstliga-Fußballer aus Daugavpils seien in dem Match gegen Narwa "zu Spielende am Ende ihrer Kräfte gewesen", daher der plötzliche negative Ausgang. Den Informationen von "Sportacentrs" zufolge waren die verdächtigen Wetten bei asiatischen Buchermachern getätigt worden.

Der neuerliche Ausschluß des FC Dinaburg vom Spielbetrieb wird gemäß Äusserungen von
Jānis Mežeckis, Generalsekretär des lettischen Fußballverbands LFF, mit "Verbindungen zu Wettbüros" begründet, aber auch in Absprache mit der UEFA getroffen. Der konkrete Vorwurf lautet, dass die zwei vergangenen Spiele am 24.August gegen "Daugava Riga" und am 10.September gegen "Blāzma Rēzekne" mit dem einzigen Zweck absolviert worden seien, um am Totalisator Gewinne zu erzielen.
Inzwischen bekräftigte Gavrilovs gegenüber der Zeitung "Neatkarīgā Rīta Avīze", dass
der FC Dinaburg gegen den Beschluss des Fußballverbands vor Gericht ziehen werde, und weigerte sich gleichzeitig, Fragen nach der Zukunft der einzelnen betroffenen Spieler zu beantworten. Der LFF hofft auch auf die juristische Unterstützung durch die UEFA, und beide Parteien - Beklagter wie der anklagende Fußballverband - hoffen und behaupten, das Ergebnis des anstehenden Verfahrens werde "ganz Europa als Beispiel dienen". Na denn, nur zu, meine Herren!!

LFF Pressemeldung

LFF Stellungnahme (audio) zum Herunterladen

5. Oktober 2009

In der Krise weniger Gäste

Die Beherbergungsbetriebe in Lettland verzeichnen den zweithöchsten Rückgang unter allen EU-Ländern - das berichtete kürzlich "financenet.lv", und stützt sich dabei auf Zahlen von EuroStat. In der vergangenen Wintersaison (November 2008 bis April 2009) sank demnach die Zahl der Touristen in Lettland um ganze 18,1%. Größer sei der Rückgang nur noch im baltischen Nachbarland Litauen gewesen. 

Insgesamt übernachteten in lettischen Hotels und anderen Unterkünften im besagten Zeitraum 905.000 Gäste, gegenüber 1.105.000 im Jahr davor. Der größte Rückgang war dabei allerdings bei den Gästen aus dem eigenen Land zu verzeichnen: 33,3%, also ein glattes Drittel.Im Verhältnis machen die Gäste aus dem Ausland etwa zwei Drittel (603.000) der Gesamtgästezahl aus, der Rückgang war in diesem Bereich bei 7,6%. In Deutschland - auch das ist den EuroStat-Zahlen zu entnehmen - ging die Touristenzahl in der vergangenen Wintersaison nur um 3% zurück. Nur Slowenien und Österreich hatten noch geringere Ausfälle.

Diese Zahlen werden ergänzt durch eine Meldung der Agentur LETA (wiedergegeben bei NRA, reitingi), die Zahlen aus dem 2.Vierteljahr 2009 zitiert. Der Gästerückgang in lettischen Hotels betrug demnach satte 30%, bei Gästen aus dem Ausland (hier wird ein Prozentanteil von 71 angegeben) waren es 19% Rückgang. An dieser Stelle wird auch die Zahl der insgesamt in Lettland verfügbaren Gästezimmer genannt: 14.800 (= Bettenzahl 33.000). Dies war eine Steigerung gegenüber 2008 um 13%.

Also: waren es bei Eintritt in die EU in Lettland noch zu wenig Gästebetten und Hotels - sind es jetzt zuviel? Wer jetzt investiert, bzw. gerade neue Häuser eröffnet, wird es schwer haben.

Das Magazin Kapitāls geht daherauch schon einen Schritt weiter und sagt Hotelschließungen zum Ende dieser Saison voraus. Zitiert wird dabei Santa Graikste, eine Sprecherin des lettischen Hotel- und Gaststättenverbands (Latvijas Viesnīcu un restorānu asociācija LVRA). Graikste sagt besonders den kleineren Hotels Schwierigkeiten voraus, die weit von Riga entfernt liegen. 

80% aller ausländischen Hotelgäste bleiben gegenwärtig in Riga, weitere 8% in Jurmala. Erstaunlich dabei, dass von den lettischen Hotels über eine zu hohe Steuerlast klagen: in Estland, Polen, Finnland, und.... - Westerwelle, hör zu - auch in Deutschland sei die Steuerlast für die Hotels günstiger.

30. September 2009

„Die Küken zählt man im Herbst“,

sagt ein lettisches Sprichwort (im Frühjahr werden die Küken geboren, aber im Herbst zählt man sie erst, um zu sehen, wie viele davon das erste Halbjahr überlebt haben). Das entspricht im Deutschen also ungefähr dem Sprichwort „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.“

„Die Küken zählt man im Herbst,“ ist außerdem ein in Lettland sehr populärer Schlager, der jetzt auch vom deutschen Schlagerduo „Klaus und Klaus“ gesungen wird. Das Duo wurde ja vor vielen Jahren bekannt durch das vermutlich aus Schottland importierte Lied mit dem deutschen Texttitel „An der Nordseeküste“.
Der aktuelle Song heißt auf Deutsch nun „Hummelflug“ und hat nichts mit dem Text des lettischen „Kükenliedes“ gemeinsam. Im lettischen Lied (Text: Guntars Račs) geht es um den Herbst, und darum, dass alles seine Zeit hat. Die letzten zwei Strophen:
„Wartet auf Beeren nicht,
solange es Blüten gibt.
Erwartet keinen Sonnenaufgang,
solange die Sonne unter geht.

Die Küken zählt man im Herbst,
Alles hat seine Zeit.
Solange das Wasser kocht,
solange dampft es.“
 

Im deutschen Text erkennt man dagegen keinen tieferen lyrischen Sinn. Es geht einfach um „Männerträume“: 

“ Siehst du da die süsse Biene, Mann, die find ich toll,
Hammerbeine, Minirock, einfach wundervoll,
Blonde Haare, braungebrannt, und ein scharfer Po,
ich knall gleich ab, jetzt geht es los - ready, steady, go!“
Und weiter nach dem Refrain:
„Schau mir in die Augen Kleines, du machst mich so an,
flüster mir ins Öhrchen, komm, und sei mein Flügelmann.
Hej, mein Schatz, komm flieg mit mir, in den Himmel rein,
summt es wie ein Blumenstrauss bei Supersonnenschein.“ 

Das Originallied hat der innerhalb und außerhalb Lettlands wohl bekannteste Komponist Raimonds Pauls geschrieben. Er ist mit der deutschen Version ganz zufrieden, betont aber, dass das Lied kein musikalisches Meisterwerk ist. Den deutschen Geschmack hat es wohl gut getroffen, schreibt das lettische Nachrichtenportal TVNET. Im ZDF soll noch im Herbst die Videoversion des Liedes veröffentlicht werden. Aber ob das Lied in der deutschen Schlagerszene Erfolg haben wird, wissen wir noch nicht. Denn: die Küken zählt man im Herbst. 




28. September 2009

Merkel aus lettischer Sicht

Spiegelt sich in der lettischen Presse das Ergebnis der deutschen Bundestagswahlen? Die Antwort "ja" ist wahrscheinlich, aber wie viele das überhaupt interessiert, ist schon die zweite Frage. Sammeln wir einige Eindrücke.

Deutschland, das ist inzwischen für Lettland nur noch "Merkel"  
Wer interessiert sich da noch für Details? Auch diejenigen, die vielleicht im SPD-Kandidaten und Aussenminister Steinmeier noch die ehemalige "rechte Hand" Schröders sahen - also ein Repräsentant von "ohne-die-baltischen-Nachbarn"-Projekten (Ostseepipeline, Putin als "lupenreiner Demokrat") - die werden darauf jetzt im Zusammenhang mit deutsch-lettischer Zusammenarbeit nicht mehr anspielen können. 

Dementsprechend schreibt NRA: "Die Merkel-Partei gewinnt die Wahlen in Deutschland" und illustriert das auch noch mit Angie im Heiligenschein. Oder "Latvijas Avize": "Merkel rettet ihr Kanzleramt". Oder "Dienas Bizness": "Deutschland wird weiterhin von Merkel regiert." Und in diese Reihe passen auch die ersten Reaktionen und Kommentare auf lettischen Internetportalen: "Wenigstens in Deutschland ist alles in Ordnung!" (apollo). Und, an gleicher Stelle, überschwenglich: "Angie ist Garlieb Merkels Ur-ur-ur-ur-Enkelin!" (ob Angie weiß, wer Garlieb war?)
Bei TVNet sind die Leserreaktionen noch selbstvergessener: "Und wann wird eine Koalition aus nur zwei Parteien Lettland regieren?" hofft da doch tatsächlich jemand (und vergisst die Situation im Stadtrat in Riga?). "Der Markt für lettische Waren wäre gerade in Deutschland groß und chancenreich" hofft ein anderer, und ein dritter jubelt: "In Deutschland ist fast keine Inflation zu spüren!".
"Dombrovski gratuliert Merkel" schreibt die lettische Nachrichtenagentur "LETA" ganz schlicht: "Merkels christdemokratische Union holte 33,8% und ermöglicht damit Merkel eine zweite Amtszeit."
 

Wer ist eigentlich dieser "Vestervelle"?
Lang, lang ist's her, als Außenamtschef Kinkel sich als "Anwalt der Balten" bezeichnet sehen wollte - trotz mehr als zögerlicher Behandlung der Unabhängigkeitsbestrebungen der Balten Anfang der 90er Jahre. 
Aber immerhin war die FDP-nahe Naumann-Stiftung in den frühen 90er Jahren eine der eiligsten beim Eröffnen von "Baltikum-Büros" - inzwischen wurde der "politische Stützpunkt" allerdings weit weg nach Prag verlegt. Da ist von Riga aus sogar Berlin näher dran. Bei den Neumännern in Prag rangieren die baltischen Staaten in der Priorität inzwischen weit hinter Tschechien, der Slowakei, Slowenien, Ungarn und Polen. 

Oder die Wirtschaftspolitik. Gerade dort hatten sich ja die frisch unabhängig gewordenen baltischen Staaten von der FDP abzuschauen versucht. Steuern so gering wie möglich, Investoren und Privatwirtschaft möglichst hohe Gewinne ermöglichen, staatlichen Einfluß eindämmen. Allerdings würden lettische Wähler bei ähnlichen Sprüchen auf den deutschen Wahlplakaten wie "ihre Arbeit muss sich wieder lohnen" wohl mit fliegenden Fahnen ins FDP-Lager überlaufen - wenn sie denn an Versprechungen von Politikern glauben würden. Denn mit Steuersenkungen für Unternehmen und neuen Atomkraftwerken allein würde wohl auch in Lettland kein Aufschwung zu erwarten sein. (Vorsicht, FDP! In Lettland wirft man bei starker Unzufriedenheit im Parlament auch schon mal die Scheiben ein!).
In wieweit lettische Interessen von liberaler Deutschlandpolitik auch etwas haben, das wird sich wohl erst in der Europapolitik zeigen. 

Also die Europapolitik? Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes auch für die "neuen" EU-Mitglieder? Spannend zu sehen, ob die FDP hierfür eintritt (die CDU ja bisher nicht). Oder Hilfen für lettische Betriebe, wenn sie durch global tätige Großkonzerne in die Knie gezwungen werden? Ein Freund der bäuerlichen Landwirtschaft war die FDP ebenfalls noch nie. Allenfalls beim Knüpfen europäischen Energienetzwerke (Lettland kauft billigen von deutschen Konzernen bereitgestellten Strom?). Auch in der Sicherheitspolitik (NATO, Anti-Terror, pro-USA) würde eine deutsche FDP auch in Lettland mehrheitlich Anhänger finden. Zudem weisen auch die FDP-Farben (gelb-blau) in die Richtung der EU-Befürworter. Und: nachweislich (beim Staatsbesuch von Präsidentin Vike-Freiberga 2003 in Berlin) bekundete Westerwelle seit langem seine Sympathie für europaweit gute Studien- und Bildungschancen

Aber wer ist "Vestervelle"? Der kommende Aussenminister immerhin. (Autokennzeichen des Dienstwagens: B-GW-2009). Schauen wir wieder in die lettischen Medien. DIENA schätzt Westerwelle als "vorsichtiger in seinen Erwartungen gegenüber Russland" ein (gemeint ist: vorsichtiger als Steinmeier). Dieselbe Zeitung, die schon 2001 bezüglich Westerwelles Wahl als Parteichef bemerkte, dass auch jede Partei in Deutschland eine "Partei-Lokomotive" braucht (wie man in Lettland für "Spitzenkandidat" sagen würde). Auf was diese Erwartung bezüglich der deutschen Russland-Politik begründet wird, das verrät DIENA an dieser Stelle allerdings nicht.
Weniger schnell verbreitet sich eine andere Schlagzeile in Lettland - vorerst nur in den online-Medien: "Deutschland bekommt einen schwulen Außenminister." (Kas jauns) 

Gute Beziehungen zu Deutschland bedeutet gute Beziehungen zu Europa - so könnten lettische wie deutsche Regierungserklärungen lauten, falls Innenpolitik mit Aussenpolitik gleichzusetzen sein müsste.
Ihre Wahlanalyse aus lettischer Sicht direkt vor der Wahl schrieb LA-Korrespondentin Ina Strazdiņa bezeichnenderweise auch aus Brüssel - und hebt die Unterstützung Merkels für den erst kürzlich gewählten lettischen Regierungschef bei der Überwindung der Wirtschaftskrise hervor. Da sind wir wieder beim Bild der Deutschen als Wirtschaftspartner und Geldsack. Oder? 

Deutschland bleibt Kanzlerin. Oder, sagen wir es wie Frau Tagesthemen von heute abend: kaum gibt es in Berlin Schwarz-Gelb, da wird das Wetter schlechter ...  

"Deutschland, was ist schon Deutschland?" mag da vielleicht ein lettisches Regierungsmitglied angesichts der aktuellen Probleme in Lettland denken, "Hauptsache diese Deutschen wohnen nicht in Bauska!" (in Bauska blockierten die Einwohner kürzlich Brücken und Straßen wegen einer Krankenhausschließung, einige kündigen an, deswegen gleiches auch in Riga zu machen) 

18. September 2009

Kontra Bass pro

Vor einigen Tagen wurden beim diejährigen ARD-Musikwettbewerb in München die Hauptpreise verliehen. Spätestens jetzt könnte der Name Gunars Upatnieks - dem diesjährigen Preisträger im Fach Kontrabaß - vielleicht auch in Deutschland noch etwas bekannter werden. Wenigstens so bekannt vielleicht, dass die Ausrichter des Wettbewerbs selbst ihn in Zukunft kennen sollten.


"Kontrabass als Soloinstrument ist ein rares Ding", so kommentiert "Klassikinfo" die Entscheidung, "entsprechend hoch ist das Niveau derer, die sich mit dieser Disziplin ernsthaft befassen". Der 25 Jahre alte Upatnieks, der auch im Lettischen Nationalen Symphonieorchester (dort ist er bereits seit 2005 Konzertmeister) und im Orchester der Lettischen Oper in Riga spielt, gewann in München außerdem auch den im Zusammenhang des ARD-Wettbewerbs verliehenen Publikumspreis. Es ist nicht der erste Preis, der dem jungen lettischen Musiker in Deutschland verliehen wurde: wie beim Landesmusikrat Mecklenburg-Vorpommern nachzulesen ist, war Upenieks bereits 2008 Preisträger des V. Internationalen Johann-Matthias-Sperger-Wettbewerbs für Kontrabass.

Auch die heimische lettische Presse hat Upatnieks' Erfolg bereits registriert: "Er gewann gegen eine riesige Konkurrenz, und direkt nach seinem Sieg telefonierte er mit seinem Vater", schrieb DIENA (beim Kontrabass Wettbewerb traten 94 Musiker/innen an). Es sei inzwischen schon der sechste internationale Erfolg innerhalb von zwei Jahren, weiß DIENA, und fügt hinzu, dass der ARD-Wettbewerb offenbar selten zu Erfolgen von Musiker/innen aus Deutschland selbst führe. Das lettische Jugendportal HC dagegen zitiert den früheren Studenten der Jāzeps-Vītols-Musikakademie in Riga Upatnieks stolz mit den Worten: "In den 50 Jahren seit Bestehen dieses Wettbewerbs geschieht es erst zum zweiten Mal, dass einem Kontrabassisten ein erster Preis verliehen wird!"

Der Leiter des lettischen Nationalen Symphonieorchesters, Ints Dālderis, wird in der lettischen Presse mit den Worten zitiert: "Ich finde es hervorragend, dass in unserem Orchester so talentierte Musiker spielen. Sie werden das Gesicht unseres Orchesters schon in der nahen Zukunft prägen!"

Zum 58. ARD-Musikwettbewerb waren nach einer Vorauswahl 217 junge Musiker aus 37 Ländern zugelassen worden. Der ARD-Musikwettbewerb, der traditionell vom BR ausgerichtet wird, zählt zu den weltweit anspruchsvollsten und angesehensten Wettbewerben für junge Instrumentalisten und Sänger des klassischen Repertoires.

2. September 2009

Verloren auf Arbeitssuche

Wer hat sie noch nicht erhalten? Besorgniserregende Nachrichten und Mails von Freunden und Bekannten in Lettland, die sich im Zeichen der Krise und steigender Arbeitslosigkeit im eigenen Land aufmachen, um wenigstens für eine Zeitlang irgendwo im Ausland einen Job zu suchen. Vieles deutet darauf hin, dass manche Auswirkungen der Finanzkrise ihre Auswirkungen in Wirtschaft und Gesellschaft erst mit Beginn des Winters zeigen werden. Daher gilt es vorzubeugen - im Sommer einen Job suchen.

Verlockende Angebote per Telefon
Nun stehen aber auch vermehrt Nachrichten über geprellte Jobsucher in der lettischen Presse. Halb in die Illegalität gezwungen (Deutschland z.B. hat seinen Arbeitsmarkt immer noch abgeschottet gegenüber Arbeitssuchenden aus den neuen EU-Ländern), ist so mancher auf dubiose Zeitungsannouncen angewiesen, die in der lettischen Presse oder im Internet zu finden sind.

Von einer Odysee durch Frankreich, Deutschland und die Schweiz berichten zum Beispiel Jurijs und Ludmilla aus Liepāja in der "Latvijas Avize". "Wir helfen Ihnen in der Schweiz Arbeit zu finden" - auf eine Anzeige diesen Inhalts antworteten die beiden. "Am Telefon wurden uns eine Arbeit in einem Hotel zugesagt, für 15 Euro die Stunde", erzählt Jurijs. Aber zunächst fuhren die beiden nach Frankreich, fanden dort Arbeit bei einem "reichen Russen". Sehr schlecht bezahlt, und den Launen der "Arbeitgeber" ausgesetzt, suchten sie weiter und kamen auf das Angebot zurück, dass angeblich aus der Schweiz stammte. Drei Tage Fahrt in einem siebensitzigen Kleinbus, von Liepāja durch Deutschland nach Basel. "Dort trafen wir aber dann nicht diesen Mann mit dem angeblichen Namen 'Max', mit dem wir die ganze Zeit telefoniert hatten, sondern eine Frau stand vor uns, die uns erzählte, 'Max' sei auf Dienstreise. "Nun, gehen wir in ihr Büro!" schlug Jurijs der Frau vor, die sich als 'Svetlana' ausgab. Nein, das sei zu weit, war die Aussage, alles solle bei einem Spaziergang auf der Straße - vor dem Hauptbahnhof Basel - besprochen werden. Schnell stellte sich der Hauptzweck dieser Masche heraus: erst wird eine größere Summe Geld verlangt, bevor das tatsächliche Vorhandensein einer Arbeitsstelle nachgewiesen wird.

"Hilfe, Polizei!" hallte es über den Bahnhofsvorplatz
Doch Liepāja's Jurijs, nicht faul und auch einiger Deutschkenntnisse mächtig, lässt sich nicht hereinlegen, und will die Sache unter Hinzuziehung der Baseler Polizei klären. Die Sache geht von der Bahnhofsverwaltung, Stadtverwaltung (unter Hinzuiehung eines Übersetzers) zur Polizei. Von der Polizei erfährt Jurijs, die Namen der beiden "Arbeitsvermittler" seien Svetlana und Aleksander Balaban - sie aus Tallinn, er aus der Ukraine (im Besitz eines Schengen-Visums). Gefunden wurde bei Ihnen eine lange Liste von Personen, von denen sie Zahlungen erwarteten oder schon bekommen hätten. Von der Schweizer Polizei erfährt Jurijs dann auch, dass Arbeitssuchende in der Regel drei Monate warten müssen auf Genehmigung eines Arbeitsantrags - auch wenn ein konkretes Angebot schon vorliegt.

"Eine Unverschämtheit", das meint sicherlich nicht nur Jurijs, "ausgerechnet diejenigen zu berauben, die für ihr letztes Geld nach Arbeit suchen!" Wievielen mag Ähnliches passiert sein, ohne dass sie sich an die Polizei wenden? "Und wem das öfters passiert, kann auch als 'Wiederholungstäter' gleich im Ausland im Knast landen!" warnt Jurijs.

Nur wenige, die bei der Arbeitssuche im europäischen Ausland "übers Ohr gehauen" werden, wenden sich an die Behörden oder die Botschaft - so auch ein ähnlicher Beitrag zum selben Thema bei TVNET. Das lettische Außenministerium bestätigt aber, dass sie Zahl derjenigen die über ähnliche Fälle berichten, steigt. Leider seien die Möglichkeiten, strafrechtliche Maßnahmen einzuleiten, aber gering, wenn die Arbeitsangebote lediglich per Telefon abgegeben worden seien. Bei TVNET werden Aussagen der lettischen Botschaft in Deutschland zitiert, denen zufolge erst 4 schriftliche Beschwerden gegen falsche Arbeitsangebote eingegangen seien, aber nachweislich mehr als 50 Personen bekannt geworden sind, zu deren Nachteil ähnliche Vorgänge zu verzeichnen gewesen sind. Ähnlich sehe es auch in Großbritannien, Irland, Spanien und Norwegen aus. 'Typisch' seien jene Fälle, in denen Arbeitssuchende losfahren um eine versprochene Arbeit anzutreten, dann aber vor Ort ohne Geld für die Rückfahrt und ohne weitere Möglichkeiten dastünden.

Guter Rat ist ... teuer?
Auch bei "Neatkarīga" wird über ähnliche Fälle berichtet, in diesem Fall speziell über lettische Arbeitsuchende in Deutschland. Dort wird auch ein Fall beschrieben, in dem das bei Letten äußerst beliebte Internetportal "draugiem.lv" für kriminelle Angebote genutzt wurde. 200 Euro vorab "für die Bearbeitung von Dokumenten" wurde verlangt, Arbeit gab es keine. Auch hier waren die Geschädigten bereits vor Ort in Deutschland. Aus Dresden wurde noch ein krasserer Fall bekannt, in dem lettische Arbeiter erst nach drei Wochen Arbeit merkten, dass sie keine Bezahlung erhalten würden. Klingt unglaublich? Passiert nur dummen und naiven Menschen? Wer das sagt, dem würde ich gern mal die Bezüge um 35% "spontan" kürzen, wie es jetzt im Frühjahr Lehrerinnen und Lehrern in Lettland passiert ist.

Auch in Deutschland braucht man vorab erstmal einen Arbeitsvertrag. Das sollte klar sein - aber wer weiß, dass er / sie sich eh "halb in der Illegalität" bewegt, der hält vielleicht ungewöhnliche Vorgehensweisen für normal? Das deutsche Arbeitsamt informiert sehr wohl über Arbeitsmöglichkeiten für Deutsche in Lettland - wer das Geld, wie die deutschen Firmen, nach Lettland mitbringt, der kann es sich wohl leisten. In Lettland tätige Personen, die sich als "Arbeitsvermittler" ausgeben, rechnen aber offenbar damit, dass "offiziell" es einen Arbeitsmarkt für Lett/innen in Deutschland ja gar nicht gibt, und in finanzielle Not geratene Menschen so maches in Kauf nehmen - "auf die eigene Kappe", wie man Deutsch so schön sagt. 

Zusatz: 
Zahlen des lettischen Statistikamtes sagen aus, dass im 2.Quartal 2009 die Einkommensverteilung in Lettland wie folgt aussieht: 
bis 200 Lat monatliches Einkommen: 35% - im Vorjahr 25,8% (18% erhalten lediglich den vorgeschriebenen Mindestlohn oder weniger - 2009 sind dies 180 Lat)
200 - 300 Lat: 26,8% (Vergleichszeitraum im Vorjahr: 23,3%)
300 - 500 Lat: 24,1% (Vorjahr: 22,5%)
500 - 1000 Lat: 8.9% (Vorjahr: 8,9%)
über 1000 Lat: 1% (Vorjahr 1,1%)

Als Arbeitssuchende waren im 2.Halbjahr 2009 199.700 Menschen registriert (16,7% aller ökonomisch aktiven Einwohner). Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es nur 76.500 Personen, die als Arbeitssuchende registriert waren.


30. August 2009

Eine von mehr als 80

Über 80 Regierungschefinnen oder Staatspräsidentinnen weltweit seit 1979: eine davon ist auch die Lettische Präsidentin Vaira Vike-Freiberga gewesen. Das Jahr 1979 war das Jahr des Regierungsantritts von Margaret Thatcher, der ehemaligen Premierministerin Großbritanniens, und der ersten Regierungschefin der westlichen modernen Welt. Die „Eiserne Lady“ leitete die „weibliche Revolution in der Etagen der Macht“ ein und gab vielen Frauen den Mut in der Politik zu gehen. „Die Macht der Frauen“ ist das Thema der frisch erschienenen GEO September Ausgabe.


Die einstige Lettische Staatsoberhaupt Vike-Freiberga ist in dem Heft sogar in Volkstracht abgebildet. Unter ihrem Bild ist folgender Text zu lesen: „Moskau, nein danke! Während ihrer Präsidentschaft (1999-2007) tritt Lettland NATO und EU bei, die führende Besatzungsmacht Russland hält sie auf Abstand. Und ärgert Staatschef Putin, indem sie mit ihm nur deutsch spricht; sie hat es nach ihrer Flucht vor den Sowjets 1944 gelernt.“


Leider findet man in dem Text kein weiteres Wort über die einstige Landesmutter der Letten. Hier finden Sie einige Infos über Vaira Vike-Freiberga:


Biography

Interview mit Lettlands Präsidentin Vaira Vike-Freiberga

Gespräch mit früherer Präsidentin Vike-Freiberga

Vaira Vīķe-Freiberga, Die Sonne in der lettischen Mythologie


GEO Magazin Nr. 09/09 - Wenn Frauen herrschen


23. August 2009

Wichtigste Frage gelöst: Wie werde ich Lette?

Diese Frage bewegt viele Menschen: wie werde ich Lette? Es ist zu vermuten, dass die eindringliche Verbindlichkeit dieser Frage selbst gestandene Lettinnen und Letten verunsichern kann: warum bin ich Lette? Was unterscheidet mich von anderen Menschen, die keine Letten sind? Oder welche Sprüche und Behauptungen sind über die Letten im Umlauf, die aber - genauer besehen - gar nicht anders ausfallen als bei anderen Menschen auch?

Sie merken: es geht hier nicht um die Fragen der Staatsbürgerschaft. Wohl aber geht es um alle Varianten von möglichen Antworten auf die Frage: was muss ich tun, um zum Letten zu werden? Inklusive der Antwort: das ist nicht möglich.

DAS es möglich ist, daran möchte Ruedi (lett. "Rūdi" - von einigen Letten auch "Rūdplesis" genannt) keinen Zweifel lassen. Als Schweizer, in Lettland lebend, macht er daraus ein Kunstprojekt. "Jede Woche einen Schritt weiter, auf dem Weg Lette zu werden" - mit diesem künstlerischen Anspruch dokumentiert RUEDI sein Projekt per Blog, Twitter und Video in drei Sprachen: lettisch (natürlich!), Deutsch und Englisch.

Schritt 1 (da hätten wir drauf kommen können!): Anfrage beim "Lettischen Institut" in Riga. Dessen Leiter Ojārs Kalniņš empfiehlt Ruedi: Auf jeden Fall musst Du lernen Pilze sammeln zu gehen! Labi, könnte man (lettisch) denken: Pilze sammeln aber auch andere Leute als nur Letten? "Es ist ja nur ein erster Schritt", mag sich Ruedi vielleicht denken, und fügt hinzu: "Schickt mir Vorschläge und Ideen! Was muss ich tun, um Lette zu werden?". Lette sein, und KEINE Pilze zu sammeln, na gut, das wäre jedenfalls wenig typisch.


Zweiter Schritt: eine Straßenumfrage. "Was muss ich tun, um Lette zu werden?" - "Es braucht Mut für einen Ausländer, hier in Lettland zu leben. Hier gibt es nicht die hohen Rentenansprüche, wie in Westeuropa," so antwortet eine Frau auf dem Blumenmarkt in Riga. "Und du musst Rosen kaufen, die hier in Lettland gewachsen sind, nicht solche aus Holland!" Und eine Lebensmittelverkäuferin ergänzt: "Sie sollten eine Zeitlang in Lettland leben. Dann werden Sie mit der Zeit merken, ob Sie dann immer noch zum Letten werden wollen!" Und nach einer Weile ergänzt sie: "wenn Sie hier leben, werden Sie mit der Zeit ganz von selbst zum Letten werden. Sie essen lettisches Essen, gewöhnen sich an die Traditionen: Sie müssten mal lettische Schweinerippchen mit Sauerkraut versuchen!"

Erste Erkenntnis beim Thema Essen: die Antworten verschiedener Generationen unterscheiden sich. Während eine ältere Verkäuferin noch glaubt, ein "Amerikaner" werde sich nie an lettische Gerichte gewöhnen, antwortet ein junges Pärchen auf dieselbe Frage: "Geh zu McDonalds. Oder kauf Dir eine Tiefkühlpizza, fahr nach Hause und mach sie Dir in der Mikrowelle warm. Dann bist Du ein typischer Lette!"

Ruedis Blog



Erklärung von Ojars Kalnins, Direktor des Lettischen Instituts, zum Kunstprojekt von Ruedi (engl.)

21. August 2009

Zeit der Gedenktage

BALTI KETT - BALTIJOS KELIAS - BALTIJAS CEĻŠ
Am 23.August 1989 registrierten weite Teile der Weltöffentlichkeit zum ersten Mal das Bestreben der drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Bereits seit Jahren ist es dieser Tag, der in allen drei Staaten entschieden und deutlich als gemeinsamer Gedenktag begangen wird, entgegen vieler anderer Tendenzen auch im Bewußtsein der gemeinsamen Ausgangslage damals. In 20 Jahren hat sich vieles geändert - Litauen, Estland, Lettland haben vielfach unterschiedliche Wege gewählt der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung.

Augusttage der Seele
Zwar sind der 18.November (Tag der Unabhängigkeitserklärung 1918) und der 4.Mai (Tag der Erklärung zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit 1990) eigentlich die "höchstrangigen" Feiertage Lettlands. Der 23.August aber ist ein Tag der "Volksseele". Auch wer politische Sonntagsreden, scheinbar nur dem Eigennutz verpflichtete Politiker, den Zusammenbruch im Finanzwesen, die Krise auf dem Arbeitsmarkt, eine wenig gebändigte lettische Bürokratie, die Abwanderung gut ausgebildeter Arbeitskräfte ins europäische Ausland, die drohende Schließung von Krankenhäusern und Schulen, oder die weiterhin eher schleppend verlaufende Entwicklung auf dem Lande längst leid ist - das Zusammengehörigkeitsgefühl des 23.August, dem Jahrestag der Unterzeichnung des sogenannten "Hitler-Stalin-Pakts" (und des geheimen Zusatzabkommens - damit ein Hinweis auf das spezielle Schicksal der baltischen Staaten zwischen den Mühlsteinen zweier Großmächte), ist ungebrochen. (Foto: balticway20.com)


Ebenfalls Ende August - am 21.August 1991 - scheiterte der Putsch der sowjet- konservati- ven Kräfte in Moskau, und Russlands neu ins Amt gekommener Präsident Jelzin bestätigte höchstselbst die Unabhängigkeit der drei baltischen Staaten. Aus deutscher Sicht ließe sich noch der 13.August - der Jahrestag des Mauerbaus - hinzunehmen, und fertig wäre ein emotionaler Aufwärtstrend der Gedenktage im zeitlichen Augustverlauf. Am 23.August kann in Ruhe gefeiert werden: gerade deshalb, weil das eigentliche historische Ereignis in einer Zeit stattfand, in der völlig unklar war was weiter passieren könnte und wird. 1989 schien die Unabhängigkeit in weiter Ferne - klar sichtbar waren nur die überall zu Tage tretenden Unzulänglichkeiten des Sowjetsystems. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl aller, die sich damals von Vilnius über Riga bis nach Tallinn an den Händen fassten, möchten die politische Verantwortlichen auch für das heutige Bewußtsein der Menschen in Lettland bewahren und wieder auffrischen. Motto: auch wenn die Lage unübersichtlich und fast aussichtslos erscheint, das persönliche Leiden schier unendlich, dann besteht Hoffnung - wenn wir unsere Kräfte zusammentun.

"Weniger Patriotismus , die Ideale aufgegeben, der Staat ausgeraubt, - und langsam trudeln wir wieder hinein in die Einflußzone Russlands", so drückt es Pēteris Apinis, einer der Organisatoren der Aktivitäten zum Gedenken an den Baltischen Weg, aus (Kas Jauns). "Aber wir werden der Welt zeigen, dass die Nachrichten, die bereits unseren Tod verkünden, verfrüht sind!"



Baltisches Herzklopfen
Mit Präsident Zatlers an der Spitze startete Anfang August die Kampagne zum 20.jährigen Gedenktag des "Baltischen Wegs" (siehe Filmausschnitt oben).
Ist es als Zeichen gesteigerten Selbstbewußtseins zu werten, dass ausgerechnet ein Werbemanager (Stendzenieks) sich an die Spitze derjenigen stellt, die dieses Jahr zur Teilnahme aufrufen? Oder vielleicht als Zeichen dafür, dass Lettland die positiv imagebildende Wirkung der internationalen Hervorhebung gerade dieses baltischen historischen Ereignisses erkannt haben?

"Sirdspuksti" (Herzklopfen), unter diesem Motto soll auf der historischen Wegstrecke zwischen Vilnius und Tallinn diesmal gelaufen werden. "Politisches Joggen zum Jahrestag" sozusagen. 24 Stunden Dauerlauf, mit Start in Tallinn und Vilnius und Treffpunkt in Riga. Die 678 km der Gesamtstrecke haben die Organisatoren in jeweils 1km lange Teilstücke aufgeteilt - und alle Est/innen, Lett/innen und Litauer/innen sind aufgerufen, jeweils ein Teilstück ihrer Wahl zusammen mit den "Leitläufern" zu laufen.

zur Aktion "Sirdspuksti Baltijai" (20 Jahre Baltischer Weg)

Kontaktadressen für alle, die am 23.August bei "Sirdspuksti" mitlaufen wollen:
Lettland: Anda Vaice, Deep White, anda@deepwhite.lv, +371-2039-2276
ŠIRDIS PLAKA BALTIJAI
Litauen: Frederikas Jansonas, KPMS, fredis@kpms.lt, +370-5262-4214
SÜDAMETUKSED BALTIKUMILE
Estland: Maily-Maria Kiviselg, Alfa-Omega Communications, maily-maria@alfa-omega.ee,
+372-5656-2108


Wer den Lauf am 23.August bis 20.30 Uhr (lettischer Ortszeit) LIVE mitverfolgen möchte, kann dies HIER tun

Dokumentation "Baltic Way" (engl./lit./lett.estn.)

Projekt "Photoroad" (Projekt estnischer, litauischer und lettischer Fotografen)

Fotoausstellung "The Baltic Way" (mit engl. Text) als PDF

19. August 2009

Partnertreffen mit Polizeibetreuuung

Lettland in der Krise - wie kann deutsch-lettische Partnerschaft helfen? Diese Fragestellung tauchte auch beim 3.Deutsch-Lettischen Partnerschaftsforum vom 12.-16.8. 2009 in Selm-Bork (Nordrhein-Westfalen) immer wieder auf. Ein Treffen, zum großen Teil finanziert durch Gelder der Europäischen Union, das auf ungewöhnlichem Terrain stattfand: auf dem Trainingsgelände der nordrhein-westfälischen Polizei (= NRW-Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten d. P.). Da die zahlreich angereisten lettischen Gäste hier ja nicht "zur Abhärtung" über Trainingsparcours gescheucht wurden, konnte man die Annehmlichkeiten dieser sorgfältig umzäunten und für 700 Polizeianwärter großräumig ausgelegten Anlage genießen und hier, auf gut bewachter Dienstreise, die Sorgen des Alltags in Lettland zu vergessen versuchen.

Krisenstimmung
775 Millionen Euro musste Lettland Ende vergangenen Jahres zur Rettung der maroden PAREX-Bank einsetzen. Damit war die Krise da - daran erinnerte nochmals Ilgvars Kļava, Botschafter Lettlands in Deutschland, in einem Gastvortrag in Selm. Weitere 1,2 Milliarden Euro wurden zur Stabilisierung der Bankgeschäfte eingesetzt - etwa ein Fünftel des gesamten Staatshaushalts. Auch in Estland und Litauen gab es ähnliche Schwierigkeiten, aber keine Bankpleite wie Parex - hier liegt der Unterschied für Lettland, meinte Kļava. Seit 2004 konnte Lettland mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum um die 10% rechnen, für 2008 ist nun ein Rückgang um 18% vorausgesagt. "Ähnlich große wirtschaftliche Schwerigkeiten hatten wir nur kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion," sagt Kļava, "nun liegt dies wie eine schwere Last auf den Schultern aller Einwohner Lettlands."

Drastisch zurückgehende Steuereinnahmen, Sparzwang in den öffentlichen Haushalten, steigende Arbeitslosigkeit, Schwierigkeiten in fast allen öffentlich subventionierten Sektoren - so auch bei der Polizei, dem Gesundheitswesen, den Schulen und Hochschulen. Wo Lehrern bis zu 40% ihres Lohnes kurzfristig gekürzt werden, ganze Kranken- häuser von Schließung bedroht sind, und die Schließung der lettischen Polizeiakademie bereits beschlossene Sache zu sein scheint - was können deutsch-lettische Städtepartnerschaften daran ändern?

Nein, Resolutionen an die zuständigen Regierungen suchte man auf dem Deutsch-Lettischen Partnerschaftsforum vergebens. Auch Elmar Brok, Vorsitzender der Europaunion und Abgeordneter im Europaparlament, wurde eher wie ein "Freund der Familie" empfangen, und beantwortetet Fragen nach mehr Bürgerbeteiligung professionell mit einem schlichten "Wenden Sie sich an mein Büro". Auch das abendlich auf dem Polizeisportplatz abgebrannte Feuerwerk hätten sich manche der Teilnehmer auch lieber direkt in praktisch angewandte Hilfsmaßnahmen umgewandelt gewünscht.

Sorgen hier und dort
Deutlicher vernehmbar war da die vorsichtige Anfrage von deutscher Seite, ob nicht doch wieder eine vermehrte Berechtigung bestünde, Aktionen humanitärer Hilfe neu aufzulegen. Vorsichtig deshalb, weil viele sowohl auf der öffentlichen wie
persönlichen Ebene mit ihren Partnern inzwischen dahingehend überein gekommen sind, dass nur Aktionen mit gegenseitigem Wert wirklich einen Sinn haben. Wer sich allzu leicht selbst als "Retter Lettlands" ausruft, Geld oder Dinge aus 2.Hand sammelt, um sie dann in aufwändigen Transportaktionen und selbstverständlich mit Pressebegleitung nach Nordosten zu transportieren, der könnte auch übersehen, wie bessere Wirkung vor Ort auch mit einfacheren und vor allem lokalen Mitteln erreicht werden könnte.

Insbesondere die aktiven Partnerschaften des Kreises Gütersloh und der Gemeinden Willich (NRW) und Handewitt (Schleswig-Holstein) bildeten den Kern dieser Diskussion, denn sie konnten die bereits aus langjähriger Zusammenarbeit persönlich bekannten Personen aus Lettland nach Selm einladen (weitere auf deutscher Seite durch Teilnehmer vertretene Städte und Gemeinden z.B. Bremen, Bordesholm, Bodenteich, Darmstadt, Dülmen, Halle, Harsewinkel, Melle, Köln).
So entwickelte sich eine erstaunlich offene Diskussion, die auch die auf lettischer Seite vor- handenen latenten Ängste nicht unter den Tisch kehrte: werden nicht unsere (lettischen) besten Kräfte angesichts der Lohneinbußen unserem Land wieder vermehrt den Rücken kehren? Sogar den Jugendaustausch und auch Studierende in Deutschland begleiten oft solche Befürchtungen: wenn unsere Kinder erstmal sich an das Leben in Deutschland gewöhnt haben, werden sie auch zurückkehren und das aufbauen helfen, was hier (in Lettland) so dringend notwendig ist?

Deutsch anbefohlen - Lettisch bei Seite gelassen
Deutsch nimmt ab - Russisch nimmt zu. Auf dem Deutsch-Lettischen Partnerschaftsforum waren Zahlen zu hören: 2008 lernten noch 13% der Schülerinnen und Schüler in Lettland Deutsch - etwa 236.000 Lernende sind das, knapp über 500 Lehrende. An dem Motto "Deutsch hat Zukunft" arbeiteten sich in einem Arbeitskreis des Partnerschaftsforums deutsche und lettische Gäste gemeinsam ab. Englisch miteinander zu reden, das scheint vielen (Deutschen) hier nach eigenem Bekunden nur ein gruseliges Gefühl auszulösen. Verwunderlich allerdings, dass gleichzeitig niemand auch nur den Finger heben wollte um Lettischkenntnisse und die Förderung von Lettischkursen in Deutschland zu bestärken. Da gingen selbst einige der geladenen Polit-Referenten gleich mehrere Schritte weiter - die Notwendigkeit gleichberechtigter und wechselseitiger Maßnahmen betonend.

Gut angelegtes Geld
Insgesamt läßt sich berichten, dass die 30.000 Euro, die seitens der EU als Unterstützung für dieses Vernetzungstreffen deutsch-lettischer Partnerschaftsinitiativen bereit stellte, sicherlich gut angelegt waren. Immerhin sind ähnliche Bemühungen, zu einem Erfahrungsaustausch zwischen verschiedenen Menschen und Gruppierungen mit deutsch-lettischem Hintergrund zu kommen, bereits über 10 Jahre her (1997 in Düsseldorf, 1993 in Bonn-Annaberg). Ob diejenigen, die sich in Selm-Bork unter vorzüglicher Polizei- betreuung trafen, in der Lage sein werden, dieses Netz weiter zu knüpfen, das muss allerdings abgewartet werden. Es gibt bisher weder eine gemeinsame Basis der Zusammenarbeit (Satzung oder Verein), noch demokratisch strukturierte Regeln der Vernetzung und Beschlußfassung.

Wer repräsentiert hier eigentlich wen (und mit welchem Ziel)? Diese Frage musste allzu oft undiskutiert im Raum stehen bleiben. So blieb vorerst jeder bei seiner persönlichen Zielsetzung: für die einen ist das Deutsch-Lettische Partnerschaftsforum ein wenig Ersatz (Spielwiese?) für allzu zögerliche Bürgermeister innerhalb bestehender Gemeindepartnerschaften, für die anderen schlichtweg Mittel zur eigenen Öffentlichkeitsarbeit (mit Tendenz zum Zimmern an persönlichen "Denkmälern"). Und trotz jahrelanger Bekanntschaften sowohl unter den deutschen wie den lettischen Teilnehmern erscheint die beliebteste Form der gemeinsamen Beschlußfassung bisher noch die reine Akklamation zu sein: per bürgermeisterlicher Verkündung wurde das nächste (dann vierte) Deutsch-Lettische Partnerschaftsforum für Ende August 2010 im lettischen Salacgriva angekündigt.

Weitere Infos:
Eindrücke vom Deutsch-Lettischen Partnerschaftsforum in Selm-Bork 2009

Informationen des Deutsch-Lettischen Freundeskreises Willich

Partnerschaft der Kreise Gütersloh (D) und Valmiera (LV)

LAFP Selm

16. August 2009

Dombrovskis mit neuen Aufgaben: in Litauen!

Wer Lettland kennt und mag, wird hoffen, dass die groben Verwechslungen irgendwann ein Ende haben. Daher ist auch der Begriff "Baltikum" schon die Grundlage für eine falsche Annahme: Estland, Lettland und Litauen sind eben nicht so gleich und ähnlich, dass eine Vereinnahmung aller drei Staaten in einem Oberbegriff gerechtfertigt wäre. Und wer mit "Baltikum" sogar irgend etwas Ähnliches wie "ehemals deutsche Gebiete" gleichsetzen sollte, der liegt ja nicht nur falsch, sondern die aktive Verwendung solcher historisch falschen Prägungen könnte eher schon als böswillig bezeichnet werden.

Gut - labi. Aber die deutsche Presse hat sich doch gebessert in den letzten Jahren, oder? Zweifellos. Was die deutschsprachigen Medien offenbar dennoch nicht vor extremen Rückfällen schützt, die auch bei redaktionellen Leitungsfiguren oder verantwortlichen Redakteuren offenbar keine Irritation auslösen.

Jüngstes Beispiel (13.8.2009): die Deutsche Welle. Hier erschien unter dem Stichwort "Wirtschaft" im Bereich "aus der Mitte Europas". Dankenswerterweiser gleich unter Nennung der Verantwortlichen: Autor: Bernd Riegert, Redaktion: Julia Kuckelkorn. Überschrift: Europas Wirtschaft wächst noch nicht. Gut, könnte man jetzt denken, wer ganz Europa im Blick hat, kann kleine Länder schon mal übersehen. Jede Nicht-Nennung Lettlands hätte also kaum überrascht. Aber dem stehen vielleicht die augenblicklichen Wirtschaftsstatistiken entgegen, die ja für Lettland so "schön katastrophal" aussehen (zum gleichen Zeitpunkt berichtet z.B. die TAZ unter dem Stichwort "in Lettland gehen die Lichter aus"). Und da viele Journalisten die Hälfte ihrer Beiträge auf allgemeine Statistiken aufbauen, ohne die benannten Länder jemals selbst bereist zu haben, liegen hier (angesichts so schöner Statistiken) eilig geschriebene Zahlenspiele nahe.

So auch hier, zumindest in der Redaktion der Deutschen Welle. Zitat aus dem Beitrag: "In Litauen ist die Wirtschaft auch im zweiten Quartal stark eingebrochen: Der Rückgang der Wirtschaftsleitung betrug 12,6 Prozent. Die Ratingagentur Standard&Poors senkte den Indikator für Kreditwürdigkeit des Landes von BB+ auf BB. Der Ausblick bleibe negativ, ließ Standard&Poors mitteilen. Ein weiterer Schlag für den Finanz- und Bankensektor in dem baltischen Staat. Die Nachbarn Lettland (-1,6) und Estland (-3,7) kamen verglichen mit Litauen noch glimpflich davon. In Lettland droht allerdings eine Abwertung der Währung."

Soweit ok. Aber einen Satz weiter (also "im gleichen Atemzug", wie man so schön sagt), Zitat: "Litauens Ministerpräsident Valdis Dombrovskis äußerte sich dennoch optimistisch. Das Schlimmste sei überstanden. Litauen wird zurzeit durch Notkredite des Internationalen Währungsfonds und der EU massiv gestützt." Daneben ein Foto von Dombrovskis, Bildunterschrift: "Der neue Ministerpräsident Dombrovskis will Litauen aus der Krise führen." (Textfassung die am 13.8. so im Internet zu finden war)

Wie schön für Litauen. Vielleicht sollten wir den Autoren und Verantwortlichen mal ein Arbeitspraktikum in Lettland empfehlen, um mal litauische und lettische Perspektiven - abseits von Statistiken - kennenlernen zu können?

17. Juli 2009

Gewittersommer

Auch in Lettland gewittert es. Für touristische Gäste der lettischen Hauptstadt wohl nur ein Problem eines guten Lietussargs (Regenschirm) - aber was da so alles durch die Rigaer Straßen tobt, kann bei dem unvollkommen funktionierenden Kanalsystem auch schnell zum großen persönlichen Risiko werden. Wenn die nassen Sturzbäche fallen, plötzlich Wellen gegen Schaufenster schlagen - wird so manche Schnellrenovierung kleiner Läden zum existentiellen Risiko.

Ich glaube nicht, dass betroffene Händler wie dieser Schuhladen unten, an der Ecke Tērbatas/Matīsa ielā im Zentrum von Riga, von irgendeiner Versicherung gerettet werden wird ...

Rigas centrā slīkst cilvēks from Dace Grimze on Vimeo.

16. Juli 2009

8 für Lettland? - Teil 2

Vier der acht EU-Abgeordnete aus Lettland entstammen, innenpolitisch gesehen, aus der sich als konservativ verstehenden, marktwirtschaftlich, anti-kommunistisch und Russland-skeptisch ausgerichteten politischen Schicht, die seit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Lettlands ununterbrochen die Regierung stellte. Auch Ex-Premier Godmanis könnte noch dazu gezählt werden - diese fünf stellten sich jedenfalls vor der ersten Sitzung des neu gewählten EU-Parlaments einem gemeinsamen Gruppenbild.
Ununterbrochen? Ja, richtig: trotz der unzähligen Regierungswechsel, trotz der phantasievoll mehrfach kurz vor anstehenden Wahlen neu gegründeten Parteien und Grupierungen - an einigen der handelnden Personen lässt sich weit mehr Kontinuität der politischen Entwicklung in Lettland ablesen als an den manchmal pompös und überheblich auftretenden Parteien. Allerdings wechseln diese Personen auch gern mal die Parteien - und verstehen dieses Verhalten dann wohl dennoch als persönliche Kontinuität.

Die neu gewählten lettischen Abgeordneten im Europaperlament bemühen sich nun, etwas von dieser bisherigen innenpolitischen Kontinuität auch in der internationalen Arbeit zu bewahren. Denn mit den gleichzeitig zu den Europawahlen durchgeführten Kommunalwahlen hat in der Hauptstadt Riga erstmals die Partei "Saskaņas Centrs" mit überzeugenden 34,29% einen Wahlsieg gelandet, stellt nun den Bürgermeister, und hat Lust auf mehr. Erstmals haben auch viele Letten - zumindest in Riga - denjenigen Parteien die Stimme gegeben, die eben NICHT als "pur lettisch" orientiert gelten.
Den Konservativen bleibt nicht viel mehr, als daheim "mangelnde Geschlossenheit" zu beklagen - die unübersichtliche Zahl immer neuer Parteien, Abspaltungen und Spezialparteien ist schon legendär. Auf Europaebene können drei der Neugewählten nun froh sein, in einer der einflußreichen großen Fraktionen gelandet zu sein: der Europäischen Volkspartei (EVP), der in Deutschland auch die CDU angehört.

Die drei lettischen EVP-Fraktionsmitglieder haben dabei drei eigentlich unterschiedliche politische Hintergründe:

Inese Vaidere, seit 2004 als gewählte Abgeordnete der "Vaterlandspartei" (TP) im Europaparlament, gruppierte sich in ihrer ersten Amtzeit noch zur "Union für ein Europa der Nationen" (UEN) - 29.8% erzielte die TB in Lettland 2004 und stellte damit ganze 4 EU-Abgeordnete. Wer Vaideres Biografie liest, bekommt einen Eindruck davon dass diese Frau bereits einen wahren "Marsch durch die Institutionen" hinter sich hat, und somit mit einigen politischen Wassern gewaschen sein müsste. So sah sie rechtzeitig den Aufstieg der vom ehemaligen EU-Abgeordneten und TP-Aussteiger Ģirts Valdis Kristovskis angeführte "Pilsoniska Savieniba" voraus und wechselte rechtzeitig die Standarte. Eine Frau übrigens, die eifrig an ihrer ganz persönlichen Reputation strickt, und ähnlich wie bei "Zimmer frei" (WDR-Fernsehen) auch die "ultimative Lobhudelei" gleich höchstselbst als Video auf die eigene Internetseite stellt ("lobhudeln" tun hier die EU-Parlamentskollegen, an dieser Stelle bisher durchweg Männer übrigens). Das EU-Parlament als Familienersatz? - Vaidere wird in den EU-Parlamentskomittees nun unter anderem an Minderheitenfragen arbeiten.

Bei der EVP trifft Vaidere nun mit Sandra Kalniete auf eine (Partei-)Kollegin, die ebenfalls schon mehrere andere politische Stationen hinter sich hat. Geboren im Gebiet Tomsk in Russland als Kind von nach Sibierien verbannten Letten (Siehe auch "Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee"), betätigte sich Kalniete aktiv an den Aktivitäten der lettischen Unabhängigkeitsbewegung (auch "Volksfront" - Tautas Fronte - genannt), wurde später Diplomatin, Bot- schafterin und Aussen- ministerin ihres Landes. 2004 sollte sie auch zu Lettlands erster EU-Kommissarin ernannt werden - eine Archivseite der EU dokumentiert heute noch die damalige Lage. Der Fall Kalniete war damals einer von vielen Fallstricken der Regierung Emsis.
Zunächst galt Kalniete als der Partei "Jaunais Laiks" (Neue Zeit) nahestehend, inzwischen stellt sie sich zusammen mit ihrem "alten Weggefährten" aus Volksfrontzeiten, Ģirts Valdis Kristovskis, als "Lokomotive" für die "Pilsoniska Savieniba" zur Verfügung. Diese schwenkte nun im EU-Parlament zur EVP um. Kalniete wird nun im Komittee für Verbraucherschutz arbeiten - wohl eher eine neue Aufgabe für sie.
Bereits am ersten Arbeitstag verkündet Kalniete auch das erste Arbeitsergebnis: Kalniete ist (im Gegensatz zu Vaidere, aber zusammen mit Ex-Präsidentin Vīķe-Freiberga) Mit-Unterzeichnerin eines offenen Briefes von 22 osteuropäischen Politiker/innen an Barack Obama, in dem auf eng beschriebenen 7 Seiten auf die wichtige Rolle Osteuropas aufmerksam gemacht wird im Zusammenhang damit, diese Staaten nicht mit den Folgen der gloablen Finanzkrise allein zu lassen (voller Text hier).

Dort - bei der EVP-Fraktion - trifft Kalniete nun auch auch auf Artūrs Krišjānis Kariņš, geboren in den USA, einer der Führungsfiguren und Mit-Gründer gerade eben dieser "Neuen Zeit" (JL) - die aber im Europaparlament schon länger der EVP-Fraktion angehört. Allerdings musste die JL im Europaparlament den Verlust von Valdis Dombrovskis ersetzen, der Anfang 2009 nach Lettland als Regierungschef zurückkehrte. Das EU-Parlament also als Warmhaltebecken für lettische Karrierepolitiker? Demnach hätte Kariņš ja noch Hoffnung. Der JL-Wahlslogan "Tagad!" (jetzt!) passt auf viele Verhaltensweisen.
Kariņš war eigentlich mal Linguist und Philosoph, aber wer "aus dem Exil" nach Lettland zurückkehrt, der tut das meist mit größeren Plänen. Als Wirtschaftsminister musste er 2006 abtreten, nun tritt er im Europaparlament eine neue Rolle an: als Leiter der lettischen Delegation bei der EVP. Kariņš war einer von insgesamt 6 Kandidaten auf den lettischen Wahllisten zum Europaparlament mit doppelter Staatsbürgerschaft - er ist auch noch US-Staatsbürger. Kariņš wird sich in den EU-Parlamentskomittees unter anderem um Energiefragen kümmern können - ein Lieblingsthema aller Balten.

Der vierte lettische Konservative im EU-Parlament, Roberts Zīle, ist der letzte der ehemals glorreichen vier Vertreter der Vaterlandspartei TB im Europaparlament. Er zog schon bisher die Fraktion der UEN lieber der EVP vor - bei der UEN waren in der bisherigen Legislaturperiode Kristovskis, Vaidere, Zīle und Guntars Krasts vereint. Krasts lief zum lettischen Zweig der "Libertas" über und erreichte bei den Europawahlen immerhin 4,3%. Zīle setzt sich eigenen Aussagen zufolge vor allem für ein Europa eigenständiger Staaten ein, ihm widerstreben die föderalistischen Ideen in anderen Fraktionen. Die UEN gibt es nicht mehr, aber mit einem Kern von aus der EVP ausgetretenen britischen Tories, einigen europakritischen Polen und Tschechen konnte nun die "Europäischen Konservativen und Reformisten" (ECR) als Fraktion gegründet werden. Roberts Zīle hat sich nun das Komittee für Verkehr und Tourismus als Arbeitsgebiet ausgesucht (wie auch schon in seiner bisherigen EU-Abgeordnetenzeit - und auch in Lettland war Zīle sowohl für Finanzen als auch schon für Verkehr zuständiger Minister).
Eine der größten Gefährdungen für eine erfolgreiche Tätigkeit Zīles im Europaparlament ist auch hier wahrscheinlich die lettische Innenpolitik: in Riga hat seine Vaterlandspartei eine vernichtende Niederlage erlitten und den Posten des Bürgermeisters abgeben müssen. Auch in der lettischen Regierung würde der TB wohl als erste der Stuhl vor die Tür gesetzt werden, wenn andere Parteien sich mit dem Saskaņas Centrs auf eine Zusammenarbeit einigen können. Da wäre der Ruf nach erfahrenen Leitfiguren für die eigene Partei zu Hause eine logische Folge, da ja das Europaparlament mit seinen komplzierten Strukturen weniger den parteipolitischen Interessen zu dienen scheint. Und dann, Herr Zīle? Abspringen, Partei wechseln, oder zurück in die "Provinz"?

Eine Frage in der Euopapolitik Lettlands bleibt vorerst noch offen. Nein, ich meine nicht die Spekulation, wie lange die momentane Regierung noch durchhält. Allerdings hängt die Nominierung einer lettischen EU-Kommissarin (eines Kommissars) auch damit zusammen. Die Koalitionsparteien der Regierung Dombrovskis haben sich hier noch nicht eindeutig positioniert. Das Trauma von 2004 ist allen noch gegenwärtig: nur nicht wieder jemand bekannt geben, der / die dann einige Wochen später doch lieber nicht bestätigt wird ....

P.S.: Der "Europrofiler" gibt die Möglichkeit, nach Beantwortung einiger europäischer Fragestellungen (in Englisch) nachzuprüfen, welcher lettischen Partei man mit den eigenen politischen Einstellungen nahestehen würde. Allerdings: die Motivation lettischer Wähler ist da doch eine völlig andere, und die typischen lettischen politischen Schweidewege lässt auch der Europrofiler leider weg ...